Georg Herwegh Ausgewählte Gedichte Gutenbergslied bei der Feier der Erfindung der Buchdruckerkunst zu Konstanz, 1840 Kennt ihr, kennt ihr das freie Wort, Das mit der Sonne kreist? Das mit den Wogen donnert fort? Das mit dem Sturme reist? Das reich wie Tau vom Himmel tropft, An Hütten und Paläste klopft? Kennt ihr den freien Geist? Kennt ihr, kennt ihr das Zauberschwert, Dem jede Lüge fällt? Kennt ihr den Meister, lieb und wert? Kennt ihr der Helden Held? Von Gutenberg singt mir ein Lied, Ein Lied vom guten Waffenschmied, Ein Lied vom Mann der Welt! Die Wahrheit klingt von Ohr zu Ohr, Sie klingt von Mund zu Mund, Sie hat wie Sterne ihren Chor Und tut sich allwärts kund; Das Wort rauscht wie das freie Meer Frei um die weite Erde her Und schließt den Völkerbund. Und der es so aus stummer Nacht Erlöst, der das getan, Der tausendfältig es gemacht, Dem stimmt ein Loblied an! Heil ihm, Heil ihm und seinem Werk! Dem Gutenberg, dem besten Berg! Heil jedem freien Mann! Verrat! Verrat – ihr habt's gesprochen, Verrat – ihr habt's erkannt. Es sei mit euch gebrochen; Die Brücken sind verbrannt. Doch habt ihr selbst vergessen, Wie ihr das Volk verkauft, Wie ihr euch auf Kongressen Um Kronen habt gerauft? Erst lief er vor dem Berge, Der deutsche Sumpf, davon, Dann höhnten sie, die Zwerge, Die Revolution, Die Nüchternen den Zecher, Der endlich niedersank, Weil er den Freiheitsbecher Bis auf die Hefen trank. Schönredner, mit der Urne Der toten Herrlichkeit, Beschritten im Kothurne Die Bühne unsrer Zeit; Sie haben in dem Schutte Den Unrat aufgerührt, Den Geßlerhut, die Kutte In Frankreich eingeführt. Auf heißer Opferstätte Habt ihr, nach deutscher Art, Vergoldet unsre Kette Und – vor dem Rost bewahrt. Schleppträger der Bourbonen – O pfui, ein garstig Lied! Wo sind die Nationen, Die Deutschland nicht verriet! Zu Zeugen ruf ich Polen, Das Heldenvolk, herbei, Das dreimal ward bestohlen In schnöder Räuberei; Zu Zeugen jene tote Italische Republik, – Fluch euch, Ischariote Der deutschen Politik! Wir wollen's auch verraten, Das schlechte Vaterland Der vierzig Potentaten Und deinen Unverstand, Wie du in grauer Ferne, O Volk, dein Heil erschaust Und lieber auf die Sterne Als auf dich selbst vertraust. Wir wollen es verkünden, Verraten laut und dreist, Was ihr für »Burgen gründen« Wollt unserm deutschen Geist; Verraten, welche Schelle Zu deutschen Ohren klingt Und welche trübe Quelle Im deutschen Sande springt. Wie du das Wort beschnitten, Eunuchen-Regiment, Wie feige wir's gelitten Und was man Freiheit nennt, Freiheit für »das erstarkte Germanische Geschlecht«: Den Stock auf offnem Markte Und das geheime Recht! Wie ihr in blindem Schnauben Das letzte Licht erstickt Und euren alten Glauben Mit neuen Lappen flickt Und wie wir die Genarrten Bei eurer Weisheit sind Und wie in deutschen Karten Der König nur gewinnt; Wie ihr, getreue Stände, Den Rücken biegt so krumm, Wie offen eure Hände, Und euer Mund – wie stumm! In Rätseln und in Runen Hüllt ihr nur Knechtssinn ein; Ihr könnt nicht die Tribunen Des deutschen Volkes sein! Drum sei mit euch gebrochen! Die Brücken sind verbrannt. Verrat! ihr habt's gesprochen, Und ihr habt recht erkannt. Du Land, das sonder Scheue Zertritt die junge Saat, Du machst Verrat zu Treue Und Treue zu Verrat! Zukunftslied Übermüt'ge Triumphierer, Weh euch, wenn ihr's noch nicht fühlt, Wie der treffliche Minierer Schon den Boden unterwühlt, Daß ihr in der Geisterstunde Kläffend unser Ohr zerreißt! – Doch wir wissen, ihr seid Hunde, Und ihr glaubt an keinen Geist. Aber kommen wird ein Pfingsten Donnernd über euer Haupt Und ein Festtag der Geringsten, Der des Hochmuts Stamm entlaubt. Der sich lange selbst vergessen, Ist am Ziel der Unglücksbahn, Und der Mensch, der sie durchmessen, Kommt beim Menschen endlich an. Fort mit eurer Ahnenbilder Übernächtigem Gesicht! Geht und pflanzt in eure Schilder, Ritter, ein Vergißmeinnicht! Nur ein Ritter ohne Tadel, Nur ein Priester soll noch sein: Für die ganze Welt den Adel! Für die Menschheit Brot und Wein! Keine Steuern, keine Zölle, Des Gedankens Freiverkehr! Keinen Teufel in der Hölle, Keinen Gott im Himmel mehr! Nieder mit dem Blutpokale, Drin der Kirche Wahnwitz kreist! Ein Kolumb zerbricht die Schale, Wenn er eine Welt beweist. Einmal noch uns aufzuraffen Zu des Lebens Maienlust, Reißen wir das Schwert der Pfaffen Aus der Menschheit wunder Brust! Zwischen Jägern und Gehetzten Sei entbrannt die wilde Schlacht, Bis man Frieden auf dem letzten Eingestürzten Tempel macht. Zittert, zittert, blöde Toren, Vor der Zukunft eh'rnem Tritt – Ja, die Zeit ist neu geboren, Ja, und ohne Kaiserschnitt; Und erobert wird das Leben, Und wir jubeln gloria: Alle Schulden sind vergeben, Denn kein Gläubiger ist da. Durch die Wolken seh ich's tagen, Und die Nebel, sie verwehn; Mit dem Pegasus am Wagen Muß es endlich vorwärtsgehn. Eine Phalanx laßt uns schlingen, Die kein Henker brechen kann, Und wie jener Römer singen, Nur: die Waffen und den Mann! Ungestüm in tausend Gliedern, Tausend Adern glüht der Streit, Und ein Arsenal von Liedern Liegt in Deutschland kampfbereit. Denn wir wissen, die Erhörung Wird kein Flehender empfahn: Drum die Fahne der Empörung Trag die Poesie voran! Veni, creator spiritus! O sprich, was soll es werden Mit dir, du deutscher Geist! Du bist ja auf der Erden Entfremdet und verwaist! Laß sehn, ob du noch reißen Dich magst aus deinem Bann Und ob der Stein der Weisen Noch Funken geben kann! Wirf ab die Wolkenhülle, Wirf ab dein himmlisch Kleid, Und stürz dich in die Fülle Der ganzen Sterblichkeit, Steig ins gemeine Leben Von deinem kalten Thron, Ins Leben und ins Streben Von einer Nation. Du hattest dich so scheue In Pergament verbaut; Da schliefst du wie ein Leue In einer Eselshaut – Wir können solche Pfiffe Bei Löwen nicht verstehn; O Löwe, laß die Griffe Statt der Begriffe sehn. Zerreiß, o Geist, die Netze, Drein dumpfer Wahn uns flicht; Du gabst genug Gesetze, Oh, halte dein Gericht! Fall in die schnöden Horden, Ein zündender Wetterstrahl, Die mit dem Golde morden, Und heile mit dem Stahl! O Freiheit, Glutgedanke, Erschaffe deine Welt, Und brich die letzte Schranke, Die dich gefangenhält; Nicht mehr mit mildem Glanze Umleuchte unsre Stirn, Im Kriegsschmuck, mit der Lanze Spring aus des Denkers Hirn! Hervor aus deiner Stille, Darin du brütend liegst! Hinaus, ein Riesenwille, Damit du endlich siegst! Als freie Tat, o Wonne, In die Welt mit kühnem Schwung, Wie eine rote Sonne Aus bleicher Dämmerung! Wir müssen uns verwandeln, Die Puppenzeit ist aus, Wir müssen nun im Handeln, In einem letzten Strauß Der Schwingen Kraft ermessen; Der Herbst der Rede naht: Frisch auf, ihr deutschen Pressen, Und keltert eine Tat! O wag es doch nur einen Tag! Frisch auf, mein Volk, mit Trommelschlag Im Zorneswetterschein! O wag es doch, nur einen Tag, Nur einen, frei zu sein! Und ob der Sieg vor Sternenlicht Dem Feinde schon gehört – Nur einen Tag! es rechnet nicht Ein Herz, das sich empört. O wart in deiner tiefen Not Auf keinen Ehebund; Wer liebt, der gehet in den Tod Für eine Schäferstund: Und wer die Ketten knirschend trug, Dem ist das Sterben Lust Für einen freien Atemzug Aus unterdrückter Brust. Laß deine Weisen fort und fort Nur Tod und Schrecken sehn, Dem Volk soll vor Prophetenwort Der Ruf der Ehre gehn. Horch auf, der letzte Würfel fällt, Dein Abend, er ist nah, Noch einmal stehe vor der Welt In deiner Größe da! O tilg nur einen Augenblick Aus deiner Sklaverei, Und zeig dem grollenden Geschick, Daß sie nicht ewig sei; Erwach aus deinem bösen Traum: Reif ist, die du gesucht, Und schüttle nicht zu spät vom Baum, Wenn sie gefault, die Frucht. Wach auf! wach auf! die Morgenluft Schlägt mahnend an dein Ohr – Aus deiner tausendjähr'gen Gruft Empor, mein Volk, empor! Laß kommen, was da kommen mag: Blitz auf, ein Wetterschein! Und wag's, und wär's nur einen Tag, Ein freies Volk zu sein! Für Polen Das Lied vom Rhein – es klang so hell Im Süden gestern noch und Norden; Wie ist das Weiße doch so schnell In Deutschland wieder schwarz geworden! Wo stob er hin, der Sängerchor? Und warum schweigt er heut so stille? Ach! er erschien, ach! er verlor Sich – immer nach der Herren Wille. Was gestern Recht war für den Rhein, Ist's heute nicht auch Recht für Polen? Soll Polen nicht auch Polen sein, Weil wir als Räuber mitgestohlen? Ist Fürstenwort solch Zauberwort, Daß es kann Tag in Nacht verkehren? Sind Herz und Hirn bei uns verdorrt? Und läßt Vernunft sich so entehren? Vergaßet ihr das Einmaleins, Ihr unergründlich tiefen Denker, Ihr Zionswächter unsres Rheins Und jeder fremden Freiheit Henker! O deutsches Volk, das hoffend drängt Sich an der reichen Zukunft Schwelle, Was auch die Sterne dir verhängt, Sei nicht des Zaren Spießgeselle! Horch auf den Sturm, der neu erbraust, Auch deine Frucht vom Baum zu schütteln, Eh eisige Barbarenfaust Dich wird aus deinen Träumen rütteln! Tritt nicht, was du bei dir gesät, In fremdem Land mit Rosseshufen; Nicht deine eigne Majestät In Völkern, die nach Freiheit rufen! Du suchst dich selbst aus tiefem Grund Der harten Knechtschaft aufzuschwingen, Willst du dein Joch zur selben Stund Den andern auf den Nacken zwingen? Soll noch einmal im wilden Streit Hinmorden unsrer Kinder Lanze Die ewige Gerechtigkeit Dem alten Gleichgewichtspopanze? Weh über uns in solchem Krieg! Wir wandeln keine Ruhmesbahnen. Ich rufe: den Empörern Sieg! Und jede Schmach auf deutsche Fahnen! Polen an Europa Der heil'ge Krieg ist neu entglommen, Die Söhne Polens werden wach, Wir haben unser Schwert genommen Nach fünfzehn Jahren tiefer Schmach. An dich, du stumme Zeugin unsrer Klage Und unsrer namenlosen Qual, An dich, Europa, richten wir die Frage: Verläßt du uns zum zweitenmal? Ist's nicht ein Kampf für deine Sache? Ein Kampf, von jedem Flecken rein? Auf! Polens Adler will der Rache Gebenedeiter Engel sein. Die Saat ist reif, es rauschen unsre Sensen, Wir schwingen auch für dich den Stahl: Die Hoffnung sieh in unsern Augen glänzen – Verlaß uns nicht zum zweitenmal! Du liegst an alter Schuld erkranket –, Europa, o entsühne dich! Und schnell, solang die Waage schwanket, Wirf noch dein Herz hinein für mich. Dein Zaudern wäre dreifach ein Verbrechen, Denn dreifach ist der Feinde Zahl; Für dich und mich ein dreifach Joch zu brechen, Verlaß mich nicht zum zweitenmal. Ein wildes Meer von Aufruhrflammen, Der Zorn der ganzen Welt vereint, Schlag über seinem Haupt zusammen Und trümmre nieder unsern Feind! Deutschland! sei zwischen uns ein Bundeszeichen, Der Freiheit loderndes Signal! Auch Polens Aar trägt einen Kranz von Eichen: Verlaß mich nicht zum zweitenmal. Auf, Preußen, schüttle deine Ketten! Erkämpf dein Recht, der Tag ist da! Es gilt ja mich und euch zu retten – Auf, Ungarn! auf, Italia! O Galliens Hahn, sprich, bist du blind geworden Und ahnst du nicht den Morgenstrahl? Sie nahn, sie wüten, die Barbarenhorden – Verlaßt uns nicht zum zweitenmal! Ordonnanzen! Ordonnanzen! Ordonnanzen! Meine Völker müssen tanzen, Wie ich ihnen aufgespielt! Eins – zwei – drei – und Runde! Runde! Tanzet, ihr getreuen Hunde, |: Wenn der König es befiehlt. :| Lernt des Lebens Lust begreifen, Euer König wird euch pfeifen – Und ihr werdet ihn verstehn. Nur im Kreise, nur im Kreise, Nach dem Takt der Russenweise, |: Nur um mich sollt ihr euch drehn. :| Ich bin euer Kopf und Magen, Antwort Ich auf alle Fragen, Aller Rede letzter Sinn; Ihr der Abglanz nur des Fürsten – Und wer wagte noch zu dürsten, |: Wenn ich selber trunken bin? :| Volksvertreten? Volksvertreten? Beten sollt ihr, ruf ich, beten! Ich bin Solon und Lykurg! Brecht mir nicht des Schweigens Siegel, Denn ich habe Schloß und Riegel; |: Gott ist eine feste Burg! :| Ordonnanzen! Ordonnanzen! Meine Völker müssen tanzen, Wie ich ihnen aufgespielt! Tanzt, o Polen – tanzt, o Deutsche, Alle nach derselben Peitsche, |: Wenn der König es befiehlt! :| Ich bin König, meine Gründe Donnern durch Kanonenschlünde In des Pöbels taubes Ohr; Rasselt irgendwo die Kette, Hunderttausend Bajonette |: Schaffen Ruhe wie zuvor. :| Wer sich rühret, wird geschlossen Und wo möglich schon erschossen, Eh man ihm das Urteil fällt. Die Justiz – geheim und schnelle, Fördert noch vor Tageshelle |: Jeden Meutrer aus der Welt. :| Freiheit – welch ein toll Begehren! Ja, der Henker soll sie lehren Euch zum Schrecken und zum Graus; Wird der Vorrat hier zu mager, Hilft ja gern mein lieber Schwager |: Mir mit seinen Galgen aus. :| Ordonnanzen! Ordonnanzen! Meine Völker müssen tanzen, Wie ich ihnen aufgespielt! Tanzt, ihr Deutschen – tanzt, ihr Polen, Wie der Zar es mir befohlen, |: Wie's der König euch befiehlt! :| Jeder Flügel sei beschnitten, Auch dem Amor – der die Sitten Unsres Reichs kompromittiert. Und von nun an sei bewußtes Bett von weiland Herrn Prokrustes |: Als Reichsehbett eingeführt. :| Nur ein Vorurteil ist Liebe; Unsre ungestümen Triebe Zügl ich durch ein christlich Joch. Ich bin Herr von allen Sachen, Und allein das – Kindermachen |: Laß ich euch in Gnaden noch. :| Ich verbiete, ich erlaube, Ich nur denke, ich nur glaube, Und ihr alle seid bekehrt. Jeden Zweifel löst die Knute: Hat man denn das Absolute |: In Berlin umsonst gelehrt? :| Seid ihr denn nicht meine Knechte? Und ihr fragt nach einem Rechte, Wenn der König was befiehlt? Ordonnanzen! Ordonnanzen! Meine Völker müssen tanzen, Wie ich ihnen aufgespielt! Das Reden nimmt kein End Zu Frankfurt an dem Main – Sucht man der Weisen Stein; Sie sind gar sehr in Nöten, Moses und die Propheten, Präsident und Sekretäre, Wie er zu finden wäre – Im Parla – Parla – Parlament Das Reden nimmt kein End! Zu Frankfurt an dem Main – Da wird man uns befrein; Man wird die Republiken Im Mutterleib ersticken, Und Bassermann und Welcker Beglücken dann die Völker Im Parla – Parla – Parlament Das Reden nimmt kein End! Zu Frankfurt an dem Main – Bald zieht der Kaiser ein! Schon träuft der Gnade Manna, Ihr Knechte, Hosianna! Mathy, der Schuft, Minister – Triumph, ihr Herrn Philister! Im Parla – Parla – Parlament Das Reden nimmt kein End! Zu Frankfurt an dem Main – Die Wäsche wird nicht rein; Sie bürsten, und sie bürsten, Die Fürsten bleiben Fürsten, Die Mohren bleiben Mohren Trotz aller Professoren Im Parla – Parla – Parlament Das Reden nimmt kein End! Zu Frankfurt an dem Main – Ist alles Trug und Schein. Alt-Deutschland bleibt zersplittert, Das Kapitol erzittert, Umringt von Feindeslagern, Die Gänse giga – gagern Im Parla – Parla – Parlament Das Reden nimmt kein End! Zu Frankfurt an dem Main – So schlag der Teufel drein! Es steht die Welt in Flammen, Sie schwatzen noch zusammen, Wie lange soll das dauern? Dem König Schach, ihr Bauern! Dein Parla – Parla – Parlament, O Volk, mach ihm ein End! Kein Preußen und kein Österreich! Kein Preußen und kein Österreich! Ein Deutschland! wie vermessen! Der Jungfer wurd das Herz so weich, Sie freut sich wie besessen; Ein Prinz hat ihr den Hof gemacht Und beim Dessert an sie gedacht. Steh auf, Germania, Dein Bräutigam ist da! Kein Preußen und kein Österreich! Und Österreich soll thronen? Er ist ein Mann – wir sind ihm gleich, Und wir – sind Millionen. Und Millionen schwören hoch Und rufen laut: Kein neues Joch Und keine Fürsten mehr! Dem Volk allein die Ehr! Kein Preußen und kein Österreich! Was helfen uns die beiden? Das eine ist schon totenbleich, Das andre am Verscheiden. Wir brauchen solche Sonnen nicht Und folgen unserm eignen Licht, In unsrer Brust dem Stern; Wir wollen keinen Herrn. Kein Preußen und kein Österreich! Und tränk er ganze Bäche Auf unser Wohl – o Schelmenstreich! Das Volk bezahlt die Zeche. Und Fürstenwein ist teurer Wein, Drum schenkt uns einen andern ein: Gut Wind und gut Geschick Der deutschen Republik! Kein Preußen und kein Österreich! Dem Wort soll Recht verbleiben. Und geht's uns schief, so wolln wir gleich Durch Thurn und Taxis schreiben. Indes, Herr Johann ohne Land, Verzeiht der Deutschen Unverstand Und denkt beim nächsten Glas: In vino veritas! Mein Deutschland, strecke die Glieder! Mein Deutschland, strecke die Glieder Ins alte Bett, so warm und weich; Die Augen fallen dir nieder, Du schläfriges deutsches Reich. Hast lange geschrien dich heiser – Nun schenke dir Gott die ewige Ruh! Dich spitzt ein deutscher Kaiser Pyramidalisch zu. O Freiheit, die wir meinen, O deutscher Kaiser, sei gegrüßt! Wir haben auch nicht einen Zaunkönig eingebüßt. Sie sind uns alle verblieben; Und als wir nach dem Sturm gezählt Die Häupter unsrer Lieben, Kein einziges hat gefehlt. Deutschland nimmt nur die Hüte Den Königen ab, das genügt ihm schon; Der Deutsche macht in Güte Die Revolution. Die Professoren reißen Uns weder Thron noch Altar ein; Auch ist der Stein der Weisen Kein deutscher Pflasterstein. Wir haben, was wir brauchen; Gesegnet sei der Völkerlenz! Wir dürfen auch ferner rauchen In unsrer Residenz. Wir haben Wrangels Säbel, Berlin und seinen Wolkensteg; Das Maultier sucht im Nebel Noch immer seinen Weg. Wie freun sich die Eunuchen! Die bilden jetzo den ersten Stand, Der Welcker frißt die Kuchen Den Königen aus der Hand. Du hältst dir einen Gesandten, Deutschland, im Stillen Ozean Und fühlest den Elefanten In Indien auf den Zahn. Die Fragen sind erledigt, Die Pfaffen machen bim bam bum; Den Armen wird gepredigt Das Evangelium. Wir bauen dem lieben Gotte Den hohen Dom zu Cöllen aus Und geben eine Flotte Auf Subskription heraus. Die schwarz-rot-goldnen Wimpel Besorgt der Jakob Venedey, Als Wappen nahm er den Gimpel, Sein eignes Konterfei. Fünfhundert Narrenschellen Zu Frankfurt spielen die Melodie: Das Schiff streicht durch die Wellen Der deutschen Phantasie. Im Frühling O laß sie träumen den Kaiserwahn, Alt-Deutschlands Ritter und Recken; Wie werden sich vor dem roten Hahn Die rotern Adler verstecken! O laß sie träumen noch eine Nacht! Dann wetzen wir aus die Scharte, Dann werden Fidibusse gemacht Aus der europäischen Karte. Die Völker kommen und läuten Sturm – Erwache, mein Blum, erwache! Vom Kölner Dome zum Stefansturm Wird brausen die Rache, die Rache. Vom Stefansturm zum stillen Prag Und weiter, weiter nach Polen – Das ist der Könige Jüngster Tag; Der Teufel, er wird sie holen. Die alten Kohorten am Tiberstrom Stehn auf beim Klang der Trompeten; Die Glocken schweigen, du ewiges Rom Vergiß dein Singen und Beten! Die Glocken schweigen, die Pfaffen schrein In ihren zertrümmerten Hallen; Den Heiligen wird der goldne Schein Vom zitternden Haupte fallen. Die Henker falten, vor Schrecken bleich, Die blutigen Hände zusammen; Und aus dem stürzenden Österreich Hoch lodern werden die Flammen. Das alles, das alles soll geschehn In kommenden Frühlingstagen – Herrgott, laß die Welt nicht untergehn, Eh die Nachtigallen schlagen! Auch ein Fortschritt Wir zogen von Gotha bis Eisenach In zehen Jahren, gemach, gemach; Von Gotha bis Eisenach sind drei Meilen – Staatsmänner sollen sich nicht übereilen. Wir zogen von Gotha bis Eisenach Zehn Jahre; – wir streben den Griechen nach: Zehn Jahre mußten sie Troja belagern – Sie hatten Achill, wir hatten Gagern. Wir zogen von Gotha bis Eisenach – O Politik, o trauriges Fach! Es ist sehr schwierig, den Stall zu rein'gen Und sein langwierig Deutschland zu ein'gen. Wir zogen von Gotha bis Eisenach, Wo Luther dem Teufel geboten Schach; Wir werfen noch immer mit Tintenfässern, Doch wir verstehn's, die Tinte zu wässern. Wir zogen von Gotha bis Eisenach Zehn Jahre – vertrocknet ist mancher Bach, Manch Herz verdorrt wie eine Dattel, Auch mancher Freund nicht fest mehr im Sattel. Wir zogen von Gotha bis Eisenach – Manch eiserner Trutz wie Glas zerbrach; Dem Rausch folgt oft ein greulicher Kater, Wir singen wieder den »Landesvater«. Es schläft sich so süß in Eisenach – Eine schöne Gegend, auch nicht zu flach; Die Ochsen können dort stehn am Berge, Im Thüringer Wald gibt's viele Zwerge. Im Thüringer Wald bei Eisenach, Wohl unter germanischer Eichen Dach, Da sitzen die Feen, sie sitzen und sinnen – Ich möchte wohl wissen, was sie jetzt spinnen. Sie sitzen und sinnen um Eisenach – Besinnen ist eine schöne Sach: Wo bleibt der Gagern? und werden wir's bringen Mit Gottes Hilfe noch bis Meiningen? Man kann auch bis Jena von Eisenach, Viel schneller als anno Sechse, ach! Die Eisenbahn ist eine schöne Erfindung, Der Deutsche Bund ist eine schöne Verbindung! Was macht Deutschland? Ein immerwährender Kalender für alle Tage des Jahres Oktober 1859 Sonntag. Deutschland pflegt sich – Wohl zu besinnen. Montag. Deutschland regt sich – Was wird's beginnen? Dienstag. Deutschland trägt sich – Mit großen Gedanken. Mittwoch. Deutschland bewegt sich – In gesetzlichen Schranken. Donnerstag. Deutschland frägt sich – Ob's endlich soll? Freitag. Deutschland schlägt sich – Schlägt sich wie toll! Sonnabend. Deutschland legt sich – Zu Protokoll! Harmlose Gedanken 1. Ist nicht Deutschland mehr als je derselben Katastrophe ausgesetzt, von der es in den ersten Jahren dieses Säkulums ereilt ward? – Hat Deutschland Maßnahmen getroffen gegen die Wiederkehr jener Katastrophe, die es aus der Liste der Nationen strich und ihm wie Griechenland nach Philipps Zeiten nichts Nationales als seine Literatur ließ? Times Deutschland, sie sagen, du hängst den Kopf – Mir geht ins Herz das Gestichel – Du seist ein tatenloser Tropf; So sagen die Leute, o Michel! Das alte Lied vom alten Malheur Hör ich von neuem erklingen: Du werdest's nimmer zum Akteur Auf dieser Bühne bringen – Wo alles läuft, wo alles rennt, Die Zuaven und Turkos schwärmen Für Völkerglück. – Du hast kein Talent Zu welthistorischem Lärmen! Du dehnst dich ruhig auf deinem Pfühl Und träumst von Hegel und Fichte, Und hast doch erlebt so dumpf und schwül Hundstage der Weltgeschichte. Hundstage – die Völker wurden toll, Doch Deutschland rief vernünftig: »Man soll nicht nur zerstören, man soll Auch wieder aufbauen künftig. Eh ich Zwing-Uri zerstöre, traun, Was setz ich an seine Stelle? Wie werd ich die Gefängnisse baun In Zukunft und die – Kasernen? Man muß der Stimme der Natur Vor allem sich bequemen; Und schrein die Schafe nach der Schur: Wer wird sie übernehmen? Sind alles Fragen von Wichtigkeit, Gediegen, tief und edel; Daran soll man die Dichtigkeit Erkennen der deutschen Schädel!« – Ja, Michel, du bist kein Franzos, Der stets nur negativ ist, Er kennt die Oberfläche bloß, Du weißt allein, was tief ist. Ja, Deutschland, du bist tief im Wort Und bist im Tun noch weiser; Du läßt nicht einen Herzog fort, Bis fertig du – mit dem Kaiser. Ein Kaiser, das ist der höchste Wunsch, Den wir im Herzen tragen; Wir lassen ihn bei Wein und Punsch Die Schlachten der Zukunft schlagen. 2. Wie treibt man's mit Schleswig-Holstein schon zwölf Jahre lang? Was ist seit zehn Jahren für Kurhessens Volksrecht geschehen? Wie kommt es, daß die große teutonische Rasse von weder zahlreicheren noch zivilisierten Völkern in fortwährender Angst um ihre Freiheiten, ja um ihre Existenz erhalten wird? Times Deutschland ist ein romantischer Staat, Der des Gedankens Mondschein Vorzieht der klassischen Sonne der Tat – Man muß halt alles gewohnt sein. Den italienischen Stiefel nimmt Und wird gestiefelter Kater Herr Viktor – so was täte bestimmt Kein deutscher Landesvater. Die Strippen des Stiefels behält sich vor Der kleine Sünder Hannes – Was Karl nicht konnte, kann Franz Moor; Doch Deutschland – sag, was kann es? Kann lesen und schreiben, das ist wahr, Auch sehr viel Tinte vergießt es. Das Pulver hat's erfunden sogar; Doch Deutschland – sag, wo schießt es? Es blitzt des Krieges Wetterstrahl, Doch Deutschland – sag, wo blitzt es? Die Völker sitzen beim Friedensmahl, Doch Deutschland – sag, wo sitzt es? Zu sitzen wieder wie Anno acht Und vierzig in Frankfurt dacht es; Doch wenn es ein Parlament gemacht: Das Parlament, was macht es? 3. Das alte Loyalitätsgefühl ist im Schwinden, das deutsche Volk hat geringe Ursache, einen Herrenwechsel zu fürchten. Times Du hängst den Kopf, dein Herz ist schwer, Und Kummer drückt und Sorg es; Mein deutscher Michel, du lachst nicht mehr, Selbst nicht über Hermann Orges. O tröste dich, dich hat das Glück Bewahrt zu höheren Zielen: Es ist ja ein erbärmlich Stück, Das sie erbärmlich spielen. Der gestern mit dem Dolch auf Pump Ein Brutus wollte werden – Du hast's erlebt, wie weit ein Lump Es jetzo bringt auf Erden! Du hast's erlebt, das Ruder nimmt Des Staates Robert Macaire, Dem einst die Sterne hatten bestimmt Das Ruder – einer Galeere. Du hast's erlebt – du weißt, wie faul Es aussieht in der Kulisse: Sie protestieren mit dem Maul, Und hinten kriegen sie Schmisse. Du große Denkernation, O trockne die Augen, die feuchten; Dir bleibt die höhere Mission, Die Bühne zu – erleuchten. Die Juden ausgenommen, ist Nicht jeder geboren zum Handeln; Die Szene kann der Maschinist Auch ohne dich verwandeln. Und was er tut, ist wohlgetan, Singt Gellert oder Lavater: Du, Michel, zünde die Lichter an Im großen Welttheater. Der Schiller und Goethe, der Lessing und Kant, Das sind gewaltige Kerzen; Sie sind noch nicht heruntergebrannt Wie andere deutsche Herzen. Sie haben geleuchtet, sie leuchten hell, Sie blitzen gleich Gewittern Und werden manchem Policinell Die Späße noch verbittern. Sie sind gefährlicher, als du meinst: Von diesen Lichtern wird stammen Der hochverrätrische Funke, der einst Die Bude steckt in Flammen. – Die Bude der Bretter, welche die Welt, Die heutige Welt bedeuten: Für Buben ein großes Tatenfeld, Zu enge den ehrlichen Leuten. Und brennt er ab, der Komödien-Staat Mit Zepter, Kronen und Ketten, Es wird den Theaterapparat Kein Branddirektor retten. Wir bauen auf des Hauses Stätt Ein neues im großen Stile; Da wollen wir sitzen im ersten Parkett, Um – zuzuschauen dem Spiele. Harmlose Gedanken Fortsetzung 1. Nationalvereinsgermane, Du verläßt das Reich der Träume, Du wirst praktisch, deine Jahne Klettern auf die Freiheitsbäume. Klettern auf die höchsten Spitzen, Langen nach den süßen Trauben, Wollen den Entsagungswitzen Blöder Füchse nicht mehr glauben. Höchst gesinnungstücht'ge Steiße Seh ich an den Masten schwanken; Alle richten nach dem Preise Gottvertrauend die Gedanken. Lächelnd schaut sich den Tumult an, Pfiffig lächelnd, der von Zollern; Doch den alten Schwabensultan Hör ich in der Ecke kollern. Zu vergeben nicht ein Jota Deines Rechts, hast du beschlossen; Fürchterlicher Ernst von Gotha Wird es jetzt – nur nicht geschossen! Nicht der rohen Tat Gemeinheit Rettet uns aus der Bedrängnis; Mutter Deutschland, hoff die Einheit Nur aus unbefleckter Empfängnis! 2. Nationalvereinsgermane, Freiligräthlich vor der Seele Steht mir schon die Karawane Frankfurtpilgernder Kamele. Und der wohlbekannte Mufti An der Spitze der Bewegung, Und die wohlbekannten Schufti Alle voll von edler Regung! Und der wohlbekannte Rheinfluß, Der so sanft die Reden wässert, Und der wohlbekannte Einfluß, Deutschland – der sich nicht verbessert! Und die wohlbekannten Fragen Ohne Antwort – ach! und leider Von den deutschen Hiobsplagen Unsre Beule an der Eider! Und das wohlbekannte Ruder In der Hand des »Demiurgen«, Und die allerdümmsten Luder, Deutsche Ritter ohne Burgen! Rochus, Herr von Pumpernickel, Der am Ende jeder Woche Schreiben wird die Leitartikel, Wenn der Venedey gesprochen; Wenn der Waitz und Ehren-Besel- Er staatsmännisch aufgetreten Oder wenn ein andrer Esel Bileams ums Wort gebeten; Wenn Konfuzius die Trias Predigt mit Erlösermienen Oder sonsten ein Messias Sucht sein Kreuzchen zu verdienen. Wenn ein preuß'scher Rattenfänger Spielt die Annexierer-Weise, Oder wenn ein krit'scher Gänger Tief versinkt in Östreichs – Schönheit. 3. Doch erst abends bei der Bowle Wirst du deine Größe zeigen; Marseillaise, Carmagnole Werden frech zum Himmel steigen. Schwer bezopft wirst du die letzte Hose von den Lenden streifen, Dreißig dir von Gott gesetzte Schlingel heimlich auszupeitschen. Spielen mit den dreißig Kronen Wirst du wie mit Eierschalen, Lehren dreißig Millionen, Mit der Faust im Sack zu prahlen. Nationalvereinsgermane, So verwegen, so gefährlich Kann der Mensch in seinem Wahne Werden um einen Taler jährlich! 4. Die Vorfrage »Viel schneller, als ihr glaubt, Wird Deutschland einig, ihr Kinder: Wir kommen unter ein Haupt Und unter einen Zylinder. Um einen Reichsschirm dann Sind wir auch nicht verlegen, Der Haupt und Hut und Mann Beschützt vor Sonn und Regen. Von Schleswig bis Friul Soll dieser Schirm sich spannen –« Halt, deutscher Thrasybul, Was machst du mit den – Tyrannen? »Wenn man Adressen schreibt, Denk ich, so werden sie gehen, Wenn jeder sich selbst entleibt, So ist's um sie geschehen.« 5. Das sind die Kämpfer für Recht und Licht, Die sich dir dringend empfehlen: O deutsches Volk, vergiß sie nicht Ins – Parlament zu wählen. Das sind die Kämpfer für Recht und Licht! Ich seh manch lieben Bekannten, Ich seh auch manches Schafsgesicht Und manchen Komödianten. Es ist der alte Mummenschanz, Von dem sie wieder träumen; Deutschland sucht wiederum beim Schwanz Den Esel aufzuzäumen. Deutschland läßt vor dem Tatenblitz Den Donner der Rede rollen, Mein Deutschland polstert den alten Sitz Mit neuen Protokollen. Sagt an, wer mag den besten Kohl Im deutschen Lande bauen? Wer ist der Cincinnatus wohl, Dem wir uns anvertrauen? Wir werden im Danaidenfaß Aufs neue waschen den Zobel, Und werden machen den Pelz nicht naß Und werden sein sehr nobel. Sehr nobel – es wird der große Hinz, Der große Kunz ergießen Sein großes Herz – ein großer Prinz Wird wohl auch einen erschießen. Ich kenne das Stück, ich kenne den Saal – Ist schwarz-rot-golden behangen: Jakobus spielt zum zweitenmal Auf allgemeines Verlangen. Heinrich Heine 1. Mit uns allen geht es ex; »Trägst du noch so hoch den Scheitel«, Spricht ein alter Versifex, »Unter der Sonn ist alles eitel.« Brutus, Cassius sind ex, Die es einst so toll getrieben, Und ich hab an meinen Rex Keine Briefe mehr geschrieben. Mit dem stolzen Flug ist's ex, Aus ist's mit den Sturmgesängen; An dem Leim des goldnen Drecks Bleiben jetzt die Spatzen hängen. Einer nach dem andern schleicht Sich vom Tanze – die Poeten Werden klug – man kann so leicht Einen Fuß sich übertreten. Pauken und Trompetenschall Ist verstummt; nur leise, leise Klingt es noch – der Karneval Geht zu Ende – glückliche Reise! Wär's nur mit der vollen Kraft, Wär's nur mit den vollen Gluten, Mit der vollen Leidenschaft, Daß man taucht in Lethes Fluten! Doch das Leben kühlt uns ab, Langsam, eh wir drunten liegen, Daß wir nicht im feuchten Grab Noch einmal den Schnupfen kriegen. 2. Deine Schuhe drücken dich, Und du schaust nach höhern Sternen, Schauest höher noch als ich In die nebelgrausten Fernen. Und du sprichst: »Mein Auge hängt Nicht mehr an der Erde Brüsten, Höher als die Milchstraß drängt Mich ein heimatlich Gelüsten. Von dem Meere stammt sie her, Und das Meer hat viele Klippen; Bitter, bitter wie das Meer Schmecken Aphrodites Lippen. Hab die Erdenschönheit satt, Auch die Frau im Marmelsteine, Ach! die keine Arme hat, Mir zu helfen!« – Lieber Heine, Sing und stirb! Unsterblich wacht Doch die arme Dichterseele; Mitten durch die Todesnacht Schluchzt ihr Lied die Philomele. Sing und stirb! und fluche nicht Dieser Erde Rosenlauben! Teurer Dichter, suche nicht Trost in einem Seehundsglauben! Sing und stirb! Wir sorgen schon, Daß kein Atta Troll dir schade; Schwebe hin, Anakreon, Zu der Seligen Gestade! Rasch vorbei am Höllensumpf! Hör nicht das Koax! und trage Deine Lieder im Triumph In des Pluto Dichterwaage! Grüß den Aristophanes Dort auf Asphodeloswiesen; Ich hier oben will indes Bundeslied für den Allgemeinen deutschen Arbeiterverein You are many, they are few. (Eurer sind viele, ihrer sind wenige.) Bet und arbeit! ruft die Welt, Bete kurz! denn Zeit ist Geld. An die Türe pocht die Not – Bete kurz! denn Zeit ist Brot. Und du ackerst, und du säst, Und du nietest, und du nähst, Und du hämmerst, und du spinnst – Sag, o Volk, was du gewinnst! Wirkst am Webstuhl Tag und Nacht, Schürfst im Erz- und Kohlenschacht, Füllst des Überflusses Horn, Füllst es hoch mit Wein und Korn – Doch wo ist dein Mahl bereit? Doch wo ist dein Feierkleid? Doch wo ist dein warmer Herd? Doch wo ist dein scharfes Schwert? Alles ist dein Werk! o sprich, Alles, aber nichts für dich! Und von allem nur allein, Die du schmiedst, die Kette, dein? Kette, die den Leib umstrickt, Die dem Geist die Flügel knickt, Die am Fuß des Kindes schon Klirrt – o Volk, das ist dein Lohn. Was ihr hebt ans Sonnenlicht, Schätze sind es für den Wicht; Was ihr webt, es ist der Fluch Für euch selbst – ins bunte Tuch. Was ihr baut, kein schützend Dach Hat's für euch und kein Gemach; Was ihr kleidet und beschuht, Tritt auf euch voll Übermut. Menschenbienen, die Natur, Gab sie euch den Honig nur? Seht die Drohnen um euch her! Habt ihr keinen Stachel mehr? Mann der Arbeit, aufgewacht! Und erkenne deine Macht! Alle Räder stehen still, Wenn dein starker Arm es will. Deiner Dränger Schar erblaßt, Wenn du, müde deiner Last, In die Ecke lehnst den Pflug, Wenn du rufst: Es ist genug! Brecht das Doppeljoch entzwei! Brecht die Not der Sklaverei! Brecht die Sklaverei der Not! Brot ist Freiheit, Freiheit Brot! An Richard Wagner 1. Vielverschlagner Richard Wagner, Aus dem Schiffbruch von Paris Nach der Isarstadt getragner, Sangeskundiger Ulyß! Ungestümer Wegebahner, Deutscher Tonkunst Pionier, Unter welche Insulaner, Teurer Freund, gerietst du hier! Und was hilft dir alle Gnade Ihres Herrn Alkinous? Auf der Lebenspromenade Dieser erste Sonnenkuß? Die Philister, scheelen Blickes, Spucken in den reinsten Quell; Kleine Schönheit rührt ihr dickes, Undurchdringlich dickes Fell. Ihres Hofbräuhorizontes Grenzen überstiegst du keck, Und du bist wie Lola Montez Dieser Biedermänner Schreck. »Solche Summen zu verplempern, Nimmt der Fremdling sich heraus! Er bestellte sich bei Sempern Gar ein neu Komödienhaus! Ist die Bühne, drauf der Robert, Der Prophet, der Troubadour Münchens Publikum erobert, Eine Bretterbude nur? Schreitet nicht der große Vasco Weltumsegelnd über sie? Doch Geduld – du machst Fiasko, Hergelaufenes Genie! Ja, trotz allen deinen Kniffen, Wir versalzen dir die Supp; Morgen wirst du ausgepfiffen – Vorwärts, Franziskanerklub!« 2. So in Prosa und in Reimen Heult der wilde Bajuvar, Und es heulen die »Geheimen«: »Bayerland ist in Gefahr!« Ach, vergebens baute jener Ludovik die Propylän, Denn die Sprache der Athener Wird man niemals hier verstehn. Wie die Narren dir's verübeln, Wie's den Pöbel baß verdrießt, Wie er seinen Schmutz in Kübeln Schimpfend über dich ergießt; Weil Horazens schwarze Vettel Nicht mit dir zu Pferde sitzt; Weil einmal ein Bankozettel In der Muse Händen blitzt; Weil des reichen Schachs Kamele Zeitig angelangt einmal, Eh Firdusi seine Seele Ausgehaucht in Not und Qual; Weil einmal ein goldner Regen In den Schoß des Künstlers fällt – Ruiniere meinetwegen Alle Könige der Welt. Hol den Hort der Nibelungen, Den versunknen, aus dem Rhein! Und was Orpheus einst gesungen, Sollt es dir unmöglich sein? Tiger, Affen, Schweinehunde, Meyerbären macht' er zahm; Leider hab ich keine Kunde, Wie sich Sanchos Tier benahm. Aber laß des Esels Knirschen Dich nicht stören im Genuß! Iß, mit wem du willst, die Kirschen, Lieber Zukunftsmusikus! Nur empfehl ich dir das eine: Bist du fertig, sag ade! Warte nicht, bis man die Steine An den Kopf dir wirft – o weh! Suche niemals mehr auf solcher Erde dir ein Lorbeerblatt, Hinge selbst das Vlies, das Kolcher, Über jedem Tor der Stadt! Immer mehr! Allüberall Geschrei nach Brot, Vom Atlas bis Archangel! In halb Europa Hungersnot, Im halben bittrer Mangel! Die Scheuern leer, die Steuern schwer, Die Ernten schlecht geraten – Doch immer mehr und immer mehr Und immer mehr Soldaten! Geld her für Pulver und für Blei! Für Reiter und für Rosse! Chassepots, Zündnadeln, allerlei Weittragende Geschosse! Dem Kaiser Geld! dem Papste Geld! Nur immer frisch von hinten Geladen! Denn der Lauf der Welt Hängt ab vom Lauf der Flinten. Die Arbeiter an ihre Brüder Frei nach dem Türkischen Wir schüren in den Essen Die Feuer Tag und Nacht, Am Webstuhl, an den Pressen Steht unsre Friedenswacht. Wir schürfen in dem Qualme Der Gruben nach Metall, Den Segen goldner Halme Dankt uns der Erdenball. Doch wenn das Korn gedroschen, Dann heißt es: Stroh als Lohn, Dann heißt's: für uns den Groschen, Den Taler dem Patron. Dann heißt's: für uns den Schragen, Das weiche Bett dem Gauch! Dann heißt's: Nichts in den Magen Und Kugeln in den Bauch! Vergebens aus der Tiefe Steigt der Beraubten Chor, Mit seinem Vollmachtsbriefe Ans Glück, zum Licht empor. Was hilft es, daß wir trotzen, Solang noch mordbereit Ihr gegen uns den Protzen Die starken Arme leiht? O weh, daß ihr im Bunde Mit ihnen uns verließt Und daß ihr uns wie Hunde Auf ihr Geheiß erschießt! Ach, wenn sie euch nicht hätten, Wär alles wohlbestellt; Auf euren Bajonetten Ruht die verkehrte Welt. An euren Bajonetten Klebt aller Zeiten Fluch; Wir trügen keine Ketten, Trügt ihr kein buntes Tuch; Wir brauchten nicht zu fronen Für Sultan und Vezier, Nicht länger für die Drohnen Zu darben brauchten wir. Wir hätten nicht zu beben Vor Pascha oder Scheik Und könnten bald erleben Den großen Fürstenstreik. Durch euch sind wir verraten, Durch euch verkauft allein: Wann stellt ihr, o Soldaten, Die Arbeit endlich ein? Abfertigung Ein bettelpreußisches Journal Hat mir durch einen grünen Jungen Im Tone »nationalliberal« Ein de profundis abgesungen. Vielleicht hat's recht, trägt Deutschland gern Die Schleppe preußischer Despoten, Dies »neue Deutschland« bleib mir fern Und zähle mich zu seinen Toten. Der schlimmste Feind Dies Volk, das seine Bäume wieder Bis in den Himmel wachsen sieht Und auf der Erde platt und bieder Am Knechtschaftskarren weiter zieht; Dies Volk, das auf die Weisheit dessen Vertraut, der Roß und Reiter hält, Und mit Ergebenheitsadressen Frisch, fromm und fröhlich rückt ins Feld; Dies Volk, das einst aus Cäsars Schüssel Und Becher sich so gern erfrischt Und sich, wie Mommsen, seinen Rüssel An Cäsars Tischtuch abgewischt; Dies Volk, das gegen Blut und Eisen Jungfräulich schüchtern sich geziert, Um schließlich den Erfolg zu preisen, Womit man Straßburg bombardiert. Dies Volk, das im gemeinen Kitzel Der Macht das neue Heil erblickt Und als »Erzieher« seine Spitzel Den unterjochten »Brüdern« schickt. Die Alten, Lieben, Wohlbekannten Von Anno Sechsundsechzig her, Schafott- und Bundesbeil-Votanten, Sie schüfen Deutschland? – Nimmermehr! Sie werden mit verschmitzten Händen Entreißen euch des Sieges Frucht; Sie werden euren Lorbeer schänden, Daß euch die ganze Welt verflucht! Frankreichs gekrönter Possenreißer Wird nach Paris zurückgebracht; Euch holt man einen Heldenkaiser Aus mittelalterlicher Nacht. Das Blut von Wörth, das Blut von Spichern, Von Mars-la-Tour und Gravelotte, Einheit und Freiheit sollt es sichern – Einheit und Freiheit? Großer Gott! Ein Amboß unter einem Hammer, Geeinigt wird Alt-Deutschland stehn; Dem Rausche folgt ein Katzenjammer, Daß euch die Augen übergehn. Mit patriotischem Ergötzen Habt ihr Viktoria geknallt; Der Rest ist Schweigen oder Lötzen, Kriegsidiotentum, Gewalt. Es wird die Fuchtel mit der Knute Die Heilige Allianz erneun; Europa kann am Übermute Siegreicher Junker sich erfreun. Gleich Kindern laßt ihr euch betrügen, Bis ihr zu spät erkennt, o weh! – Die Wacht am Rhein wird nicht genügen, Der schlimmste Feind steht an der Spree. Epilog zum Kriege Germania, der Sieg ist dein! Die Fahnen wehn, die Glocken klingen, Elsaß ist dein und Lotharingen; Du sprichst: »Jetzt muß der Bau gelingen, Bald holen wir den letzten Stein.« Gestützt auf deines Schwertes Knauf, Lobst du in frommen Telegrammen Den Herrn, von dem die Herren stammen, Und aus Zerstörung, Tod und Flammen Steigt heiß dein Dank zum Himmel auf. Nach vierundzwanzig Schlachten liegt Der Feind am Boden, überwunden; Bis in die Stadt voll Blut und Wunden, Die keinen Retterarm gefunden, Brichst du dir Bahn – du hast gesiegt! Schwarz, weiß und rot! um ein Panier Vereinigt stehen Süd und Norden; Du bist im ruhmgekrönten Morden Das erste Land der Welt geworden: Germania, mir graut vor dir! Mir graut vor dir, ich glaube fast, Daß du, in argen Wahn versunken, Mit falscher Größe suchst zu prunken Und daß du, gottesgnadentrunken, Das Menschenrecht vergessen hast. Schon, lenkt ein Kaiser dich am Zaum, Ein strammer, strenger Zepterhalter. Hofbarden singen ihre Psalter Dem auferstandnen Mittelalter, Und 89 wird ein Traum. Ein Traum? Du sahst, wie Frankreich fiel Durch einen Cäsar, sahst die Sühne Vollzogen auf der Schreckensbühne – Deutschland, gedeihe, wachse, grüne, Geläutert durch dies Trauerspiel! Groß »Seid umschlungen, Milliarden!« Hör ich mit Begeisterung Singen unsre Einheits-Barden: Welche Federn! welcher Schwung! Sah man jemals solche Beute? Wir verstehen unser Fach, Ja, ihr Professorenleute, Wir sind groß, brüllt Auerbach. Gottesfurcht und fromme Sitte, Blut und Eisen wirkten gut, Und vor unserm Reich der Mitte Zieht Europa stolz den Hut. Geibel wird ein Epos schreiben; Einen blinderen Homer Wüßt ich nirgends aufzutreiben: Wir sind groß – es freut mich sehr. Elsaß unser – Dank, ihr Streiter! Lothringen in deutscher Hand! Immer länger, immer breiter Machen wir das Vaterland. Eine Million Soldaten Stehen da, wenn Cäsar spricht, Stramm gedrillt zu Heldentaten: Wir sind groß – ich leugn es nicht. Töricht zwar ins Herz geschlossen Hatt ich einst ein Ideal, Das zerfetzt nun und zerschossen Liegt im preußischen Spital. Doch was kümmern uns die Wunden, Die der Ruhm der Freiheit schlug! Mag sie, wie sie kann, gesunden: Wir sind groß – das ist genug. Achtzehnter März Achtzehnhundert vierzig und acht, Als im Lenze das Eis gekracht, Tage des Februar, Tage des Märzen, Waren es nicht Proletarierherzen, Die voll Hoffnung zuerst erwacht Achtzehnhundert vierzig und acht? Achtzehnhundert vierzig und acht, Als du dich lange genug bedacht, Mutter Germania, glücklich verpreußte, Waren es nicht Proletarierfäuste, Die sich ans Werk der Befreiung gemacht Achtzehnhundert vierzig und acht? Achtzehnhundert vierzig und acht, Als du geruht von der nächtlichen Schlacht, Waren es nicht Proletarierleichen, Die du, Berlin, vor den zitternden, bleichen Barhaupt grüßenden Cäsar gebracht Achtzehnhundert vierzig und acht? Achtzehnhundert siebzig und drei, Reich der Reichen, da stehst du, juchhei! Aber wir Armen, verkauft und verraten, Denken der Proletariertaten – Noch sind nicht alle Märze vorbei, Achtzehnhundert siebzig und drei.