Marianne (1869) 1. Wie hast du nur hinweg dich stehlen können Aus dieser Lichtwelt, ohne – böses Kind! – Mir einen Scheideliebesblick zu gönnen! Hast, da ich arglos ferne war, geschwind Dich fortgeschlichen, ohn' ade zu sagen, Und ich, in Tränen, suche nun mich blind! Sonst, wenn du frühe schon an Sommertagen Spazieren gingst und ließest dich hinab Die Treppe nur bis in den Garten tragen, Da klopftest du, bis ich dir Einlaß gab, Und botst das Mäulchen mir, bewegtest winkend Schalkhaft das kleine Händchen auf und ab. Und ich, von deinen Lippen Freude trinkend, Zog dich ans Herz und gab dich zögernd frei, Mich aller Väter glücklichsten bedünkend. Nun brachst du scheidend mir das Herz entzwei. Ich durfte nicht dir von den Lippen küssen Den letzten Seufzer, ach, den letzten Schrei. Warst du so klug, mein Liebling, um zu wissen, Daß dieser Abschied, dieser jammervolle, Mein Leben hätte mit hinweggerissen? Das Graun, daß ich dahin dich geben solle Dem Reich der Nacht, mich hätte selbst verleitet, Dir nachzuschleichen unter deine Scholle? O Kind, du hast das Schlimmre mir bereitet, Daß des versäumten Abschieds mahnend Bild Auf Schritt und Tritt gespenstisch mich begleitet; Daß mir nun ist, als könn' ich ins Gefild Des Lebens keinen festen Schritt mehr tun, Eh' ich den letzten bangen Wunsch gestillt. Und wenn ein wenig kaum die Schmerzen ruhn Und Lebenshoffnung sich hervor will wagen, Bebt plötzlich mir das Herz, als sollte nun Mein Kind erst kommen, gute Nacht! zu sagen. 2. Denkst du des Abends noch im Karneval? Die Kinder hatten auch ihr Mummenschänzchen Und drehten sich vergnügt in Flur und Saal. Und unser Nestling, noch ein zartes Pflänzchen, Doch mit der Lust den Beinchen weit voraus, Verlangte wie die andern auch sein Tänzchen. Wie sah das süße Dirnchen reizend aus Im Schwabenhäubchen, goldgesticktem Mieder, Vielfalt'gem Rock mit Bändern braun und kraus. Wie sah es sich im Spiegel immer wieder Und lachte selbst sich an, das Evaskind, Und regte nach dem Takt die kleinen Glieder. Und da ich's auf den Arm nahm und geschwind Im Kreise schwang, die kleine Tänzrin wiegend, Die Härchen flogen ihr im Wirbelwind. Sie aber saß, sich furchtlos an mich schmiegend Und sah auf das Getümmel stolz herab; Mehr! bat sie, mehr! mit Schmeicheln mich besiegend. So unermüdlich flog sie auf und ab. Die wird viel Schuhe brauchen! sagt' ich lachend, Als ich sie endlich ihrer Wärtrin gab. Und wir dann scherzten, stolze Pläne machend, Wie über sechzehn Jahr wir nächtelang Dasitzen würden, unsern Schatz bewachend; Wenn mit dem Veilchenkranz bei Geigenklang Das schlanke Kind sich wiegen würd' im Tanze In heller Jugendwonnen Überschwang, Und wie mit ihrer Augen dunklem Glanze Sie Herzen würde, jung und alt, gewinnen Und uns anlächeln unter ihrem Kranze. Und nun – nun führt' ein Tänzer sie von hinnen, Dem sie mit Sträuben folgte, dessen Reigen Das Blut ihr in den Adern ließ gerinnen. Wir hören keinen Ton von muntern Geigen, Weiß ist der Kranz, die Wangen und das Kleid, Und wir – wir hüten unser Kind in Schweigen, Denn Spiel und Tanz ist aus, lang vor der Zeit. 3. Schläfst du? Es ist schon Tag. – Ist's wirklich Tag? Mich dünkt, die Nacht ist eben angebrochen. Mein Ohr ist taub dem frühen Stundenschlag. Es lauscht, wie es getan seit so viel Wochen, Ob noch das Stimmchen uns nicht rufen will, Das Fingerchen an unsre Türe pochen. Rief es nicht da? Nein; alles totenstill, Und nur der Gram, der über Nacht geruht, Schreit plötzlich auf mit Stöhnen, bang und schrill. Ist's möglich? Nie mehr wird es uns so gut, Durch unsres Kindes Weckruf zu erwachen? O wie das wehe, wie das wehe tut! Nie mehr zu hören, wie mit leisem Lachen Im Zwielicht etwas tappt an unser Bette Bis uns gefällt, die Augen aufzumachen, Und dann, nie rastend an derselben Stätte, Sich in die Decke wickelt und versteckt, Als ob die Schnecke nun ihr Häuschen hätte; Bald neben uns sich wie zum Schlafen streckt, Und wenn es eben mäuschenstille lag, Mit neuer Schelmerei uns jauchzend neckt. Das soll nie wiederkommen, und den Tag, Den sonnenlosen, soll man überleben, Wo man erwacht ist ohne Lerchenschlag? Wohl! ins Notwend'ge gilt's sich zu ergeben; Wir werden's, du und ich. Doch keine Hand Wird je von unserm Tag den Schleier heben, Bis aus des Lebens Grund emporgesandt Ein neues Glück uns anlacht, als ein Bote Der Hoffnung, die so frühe schon entschwand, Ein kurzer Traum im Lebensmorgenrote. 4. Wie soll ich denken nun, wie soll ich dichten? Ich war verwöhnt, hinweg von meinem Blatte Oft auf ein kleines Haupt den Blick zu richten; Und wenn das Sinnen mich ermüdet hatte, An seinem Schlaf den wachen Geist zu stärken, Die Stirne küssend ihm, die lilienglatte; Auf seines Atems Ebb' und Flut zu merken, Als ob ein Hauch von unbewußtem Sein Sich mische so den wohlbedachten Werken. Und wacht' es auf, so lief's zu mir herein Und wollte mich durchaus zum Spielgesellen Und ruhte nicht, bis wir den Ball zu zwein Hin über meinen Teppich ließen schnellen, Auch wohl, wenn ich beharrlich weiter schrieb, Kramt' es die Bücher mir von den Gestellen, Holdselig lachend, der verschmitzte Dieb, Droht' ich, den Raub ihm wieder abzujagen, Bis sorglich ihn die Wärterin vertrieb: »Du störst Papa; laß zur Mama dich tragen!« Nun – bittrer Hohn! – nun stört mich niemand mehr; Das Leid darf ungestört am Herzen nagen. Nun hab' ich Ruhe, doch die Ruh' ist leer. Der Faden, den die süßen Kinderhände Mir oft zerrissen, flattert um mich her. Fortspinnen könnt' ich ihn getrost ohn' Ende, Doch läuft er grau in grau, gleich Spinneweben, Ein Tun, daran kein Mensch Gefallen fände. Versiegt ist nun der Born von jungem Leben, Drin ich die Fäden eingetaucht, der Quell Ew'ger Natur, der ihnen Halt gegeben. Kein Spiel ergötzt mich, seit mein Spielgesell Mir untreu ward, und die den Ernst mir weihte, Die Freude fehlt, dies Lachen silberhell, Das mir in der Gedanken Widerstreite Aufblitzte, wie ein Licht in Finsternissen, Das den verworrnen Geist zum Ziele leite. Wertlos ward mir das Bilden, schal das Wissen. Die Bücher stehn wie tot in ihren Reihn, Und was ich sonst bedurft, nun kann ich's missen – In all mein Leben grinst der Tod hinein. 5. Tragt mir die Schale fort mit Walderdbeeren! So schmerzlich süße Bilder wecken sie, Daß ich der Tränen kaum mich kann erwehren. Saß nicht beim Nachtisch stets auf meinem Knie Das liebe Kind, mit ungeduld'ger Bitte, Bis ich der Schmeichlerin den Teller lieh? Und dann mit spitzen Fingern aus der Mitte Die schönsten Beeren lesend, immer zwei Für sich erwählte sie, für mich die dritte. Oft zweifelt' ich bei mir, was röter sei, Die Waldfrucht oder meines Kindes Lippen; Was süßer, wußt' ich wohl. Das ist vorbei. Nie wirst du mehr aus meinem Glase nippen, Nie mehr von einem Teller mit mir naschen, Nie mehr, Bachstelzchen, auf dem Schoß mir wippen. Von meiner Zunge nicht hinwegzuwaschen Ist dieser bittre Schmack. Die Süßigkeit Der Welt wird mir im Mund zu Salz und Aschen. Denn wenn ein Mahl begann in Fröhlichkeit, Zum Nachtisch schleicht ein kleiner Gast ins Zimmer Und stellt sich leise bittend mir zur Seit', Und Nacht umdunkelt jeden Freudenschimmer. 6. Wohl fühl' ich, daß der Schmerz gelinder wird, Wenn durch den Dreiklang dieser rauhen Saiten In dumpfer Melodie mein Finger irrt. Eintönig wie das Lied der Amme gleiten Die Klänge mir ums Herz und stillen drin Die Klagestimmen, die sich schwer bestreiten. Und wenn ich so in Schlaf gesungen bin, Tritt das geliebte Bild mit hellen Zügen, Ein Traumgesicht, leibhaftig vor mich hin. Wie gern, wie dankbar laß ich mich betrügen Und schwelg' im Wahne, wieder Hand in Hand Und Mund an Mund und Herz an Herz zu schmiegen. Ich seh' mein Kind, so wie es vor mir stand, Horchend, wenn ich ein Liedchen sang und pfiff, Die großen Augen fest auf mich gewandt; Wie's mit den Händchen in den Bart mir griff Und jauchzt' im Übermut und, mich zu herzen, Mit ros'gen Fingern mir die Wange kniff. Doch mitten unter Spiel und Lust und Scherzen Zerrinnt der Traum; die Saiten gellen scharf, Und jäh erwachend leid' ich größre Schmerzen; Daß ich auf Musentrost nicht hoffen darf Und nur zu wohl verstehe, wie es kam, Daß Saul den Speer nach jenem Knaben warf, Der singend ihn betrog um seinen Gram. 7. Mit Blumen haben sie dein Grab gefüllt, Mit Kränzen, dieses Sommers Blütenspenden, Daß ganz der kleine Sarg war eingehüllt. Ich stand und sah ihm nach mit leeren Händen. Ich hatte nichts als meiner Tränen Tau Zum Totenopfer, Kind, dir nachzusenden. Die armen Blumen, zugeschüttet rauh Mit Erdgeröll, gleich dir, du ärmste Blume, Hinweggepflückt von goldner Sonnenau; Sie welken ihrem Schwesterchen zum Ruhme. Ich aber, – nicht mit flücht'ger Blumenzier, Mein Liebling, nah' ich deinem Heiligtume. Nicht Lieder streu' ich auf den Hügel dir, Die blumenhaft im Sommerwinde schwanken Und dann verwehn wie diese Tränen hier. Kein Tändeln frommt, wenn wir am Leben kranken. Zypressen will ich um die bange Gruft Dir pflanzen: hochaufstrebende Gedanken. Sie schmeicheln nicht dem Sinn durch Farb' und Duft, Sie machen heller nicht den dunklen Ort; Doch wenn die Flur erstarrt in Winterluft, Umschirmt ihr ernster Wipfel fort und fort Auch unterm Schnee den Schlummer meinem Kinde, Und wenn mein Lebenssommer mich umdorrt, Weiß ich, wo Schatten ich und Kühlung finde. 8. Mich dieser Tränen schämen? Ew'ge Mächte, Was gabt ihr Tränen uns, wenn solches Leid Ein Menschenauge nicht zum Tauen brächte! Wenn einer hingeht aus der Zeitlichkeit, Der sich am Glück gesonnt, des reifes Leben In reichen Garben prangte weit und breit, Um solchen dürft ihr Klage nicht erheben. An ihm ward milde das Gesetz vollstreckt, Dem alles Erdendasein untergeben. Und wenn ein müdes Haupt der Hügel deckt, Das keinen Lohn der Lebensmüh' gesehen Und fragte: ward ich nur zur Qual geweckt? An dessen Grabe mögt ihr klaglos stehen. Daß er gelebt, war eurer Tränen wert; Nun darf er ausruhn. Ihm ist wohl geschehen. Doch hier! – ein Kind, mit keiner Schuld beschwert, Die Blumenseele jedem Lufthauch offen, Vom Schimmer reinen Morgentaus verklärt; Sein ganzes Sein ein schönverkündet Hoffen, Ein Feiertagsgedanke der Natur, Die es gebildet aus den zartsten Stoffen, Und doch von ihr vernichtet, spielend nur, Als ob sie nur am Schaffen sich erfreute, Nicht am Erhalten ihrer Kreatur; – Und nun den süßen Leib dem Schmerz zur Beute, Die Seele sehn in Todesängsten ringen, Die einer Mücke wehzutun sich scheute, Und während blasse Ärmchen uns umschlingen, Veratmen sehn ein liebstes Lebensglück In jammervoll hilflosem Händeringen – – Wer da den Strom der Zähren hält zurück, Ward nicht gesäugt von einem Erdenweibe, Wenn nicht zuvor schon der Medusenblick Des Irrsinns ihm versteint das Herz im Leibe. 9. Fassung? – Ich bin gefaßt. – Geduld? – Ich dulde Aufbäumen wider das gewalt'ge Muß Ist eine Torheit, die ich nicht verschulde. Ich weiß, in strenger Kette, Schluß an Schluß, Reiht sich der Wandel aller ird'schen Dinge, Und unaufhaltsam rinnt des Werdens Fluß. Nur daß zum Danken ich die Lippen zwinge, Wenn ich beraubt ward, daß ich, wenn der Geier An meiner Leber zehrt, Tedeum singe, Daß hinter jenem niegehobnen Schleier Ich eine Macht mir träumte liebevoll Und Huldigung ihr stamml' in frommer Feier: Das fordre niemand. Weder Haß noch Groll, Noch minder Liebe trag' ich jenem Einen, Der alles ist und wirket, was er soll. Ich bin ein Teil von ihm, samt allem Meinen. Wie winzig ihm, der auf das Ganze denkt, Muß des Atoms, des Stäubchens Weh erscheinen! Äonenlang hat er das Sein gelenkt An seiner Brauen Wink. Soll er's nun achten, Wenn eine Mücke sich am Licht versengt? Urew'ger Ziele Bahn muß er betrachten, Vielleicht unselig selbst, unfroh gewiß; Denn wo sind Freuden, die ihn jauchzen machten? Und darum hüllt er sich in Finsternis, Als scheu' er sich, sein Angesicht zu zeigen Elenden, die er in das Sein verstieß, Unwissend, nur gewissem Tod zu eigen. Und ihm, dem Unerforschlichen, der nie Mir brechen will sein unnahbares Schweigen, Ihm sollt' ich kindlich liebewarm das Knie Umfassen, gut' und böse Gabe danken, Im Wahn, daß er sie väterlich verlieh? Niemals! Uns trennen himmelhohe Schranken. Muß er mich leiden lassen, sei's darum! Dem Weltall dient vielleicht des Wurmes Kranken. Doch eh' mir seine Weisheit das Warum Nicht offenbart, schweigt mir von Vatergüte! Wo blieb' ein Vater seinem Kinde stumm, Wenn schon aus einem Wort ihm Trost erblühte? 10. Betracht' ich unser schwankes Menschenlos, Geringe Lust, von Unlust überwogen, Die Angst vorm Wechsel in des Glückes Schoß, Der Jugend Hoffnungen, so schwer betrogen, Des Alters bittre Weisheit: »Alles nichtig!« – Der Liebe Götterrausch, so bald verflogen: Dann preis' ich dich, mein Kind, daß nur so flüchtig Dein kleiner Fuß des Lebens Bahn berührt, Und gern auf dich zu deinem Heil verzicht' ich. Wie treu ich dich an meiner Hand geführt, Nicht hätt' ich eine dir erspart der Plagen, Die je ein Herz beklemmend eingeschnürt. Dein Mäppchen hättst zur Schule du getragen, Zitternd in Furcht und Scham, wenn dir einmal Die Antwort stockte auf des Lehrers Fragen. Dann Ehrgeiz, Reue, stumme Liebesqual, Freundschaft an Stolz und Wankelmut verschwendet, Und was die Jugend lockt und irrt zumal. Und hätte sich das Herz dir zugewendet Des Einen, dem im Leben wie im Tod Du deine Pflicht und Treue gern verpfändet, O dann nach kurzem Glück die lange Not Der Mutterschaft, erst Kinder ihm gebären Und dann sie aufziehn, tausendfach bedroht; Die Fiebernächte, wo mit bangen Zähren Am kleinen Bett du hättest wach gesessen, Den Feind des Lebens kämpfend abzuwehren. O armes Frauenleben! Denk' ich dessen, So ist mir fast, es sei ein Hochgewinn, Daß wir dich nur so kurze Frist besessen. Dein Auge sah so ernsthaft vor sich hin, Als hättest du, das Schwere leicht zu nehmen, Schwermut zu viel, zu wenig leichten Sinn; Zu starken Willen, weich dich zu bequemen, Zu treuen Sinn, um lachend zu verzichten, Zu reines Herz, der Schuld dich nicht zu schämen. Und Solche wissen schwer sich einzurichten In dieser argen Welt, wo man sich drehn Und winden muß im Zwiespalt enger Pflichten. – Und doch, mein Kind: warst du auch ausersehn, Zu bluten aus den tiefsten Lebenswunden, Doch hätt' ich dir's gegönnt, im Kampf zu stehn. Der Kräfte frohes Spiel hättst du empfunden, Des Ringens Stolz, des Sieges hohe Lust, Die herbe Tage aufwiegt durch Sekunden. Du hättst an deine kleine Menschenbrust Die Welt gedrückt und staunend zu den Sternen Emporgesehn, des Ew'gen dir bewußt; Hättst um die Stachelschalen nicht den Kernen Der Wahrheit abgesagt, es nicht verschmäht, Im Schweiß des Angesichts die Pflicht zu lernen. Wohl weiß ich es: in weisen Büchern steht, Daß Nichtsein köstlicher als Sein, das Leben Ein Irrtum nur, den Gott erkannt zu spät. Doch ward nicht Liebe zum Ersatz gegeben? Ist nicht der Schmerz, den wir um dich erlitten, Ein teurer Schatz, wohl wert, ihn aufzuheben? So lebst du fort in unsres Lebens Mitten; Und wie verewigt werden Stein und Erz, In die ein edles Bild ward eingeschnitten, Sind wir geadelt auch durch unsern Schmerz. 11. Kommst du nun auch zu mir herangeschlichen, Mein alter Hund, mit einer Beileidsmiene Und ruhst nicht, bis ich dir das Fell gestrichen? Du senkst den Kopf so traurig, daß es schiene, Als fühltest du, wie dieses Gramgeschick Mitleid der stummen Kreatur verdiene. Jawohl! Nun trifft dich nimmermehr der Blick, Der Lockruf deines kleinen Spielgenossen; Kein ros'ges Händchen zaust dir das Genick. Nicht gibst du dich, halb freundlich, halb verdrossen, Zum Reiten her und wirst's nie überdrüssig, Zu dulden willig tausend Kinderpossen. Wozu noch lebst du jetzt, als daß du müßig Dich sonnst und schnarchst und Fliegen fängst im Traum, Der Welt und dir und mir höchst überflüssig – Und atmest fort, und füllst noch deinen Raum Mit träger Masse, saugst noch Lebensluft – – Und unser Kind – o ich ertrag' es kaum! Mir aus den Augen, heuchlerischer Schuft! Dein Winseln trügt mich nicht. Ich weiß, Geselle, Dich rührt kein Schauer an aus ihrer Gruft. Als kaum erblichen ihres Auges Helle, Da lagst du, Wicht, als wäre nichts geschehn, Und schliefst auf ihres Sterbezimmers Schwelle. Und als man sie hinaustrug und in Wehn Das Mutterherz und meines schier gebrochen, Sah ich dich lungernd vor der Türe stehn. Du nagtest gierig einen leckern Knochen Und knurrtest scheel die fremden Männer an, Die im geschäft'gen Fraß dich unterbrochen. Und jetzt scheinheilig schleichst du dich heran? Hinaus mit dir! Du bist ein Tier. Wir beide Sind andern Seelenmächten untertan. Herzlos, wie die Natur, bei Menschenleide, Stimmst du in unsern Jubel munter ein; Du weißt, am Festtag gibt es fette Weide. Des Menschen Weh versteht der Mensch allein, Kein Gott, kein Tier. Der Kummer ist erlaucht, Und du, so treu du winselst, bist gemein. Gram kennt kein Gestern. Du bist eingetaucht In dumpfes Heute. Hast du dich verkrochen Aus Furcht vor meinem Zorn? Der ist verraucht. Troll dich hinaus und nage deinen Knochen! 12. Ins Reich der Schatten führte mich der Traum. Da sah ich unser liebes Kind sich nahn, So still und blaß und ernst – ich kannt' es kaum. Die Arme streckt' ich aus, es zu umfahn, Doch schüttelt' es die Locken schwer wie Blei, Als hätt' ihm noch das Hälschen wehgetan. Dann deutet' es, als ob es durstig sei, Auf seine Lippen, und mit müdem Winken Der beiden Ärmchen zog es mich herbei. Kind, rief ich zu ihm eilend, willst du trinken? Sieh hier den Quell, der meiner Brust entquillt, Aus breiter Wunde strömend an der Linken. – Da trank's; und als es seinen Durst gestillt, Das blasse Mündlein mit dem Blute färbend, Gewann es Sprache, seufzt' und sagte mild: O lieber Vater, dem zuerst ich sterbend So großes Leid gebracht und mehr noch bringe, Die Lust am Licht der Sonne dir verderbend, Sei doch getrost und wieder guter Dinge. Ich schweb' hier unten freud- und kummerlos, Der Nacht gewohnt, wie nächt'ge Schmetterlinge. Das eine quält uns leichte Schatten bloß, Daß ihr mit Tränen unser Grab betrauert, Die zu uns dringen durch der Erde Schoß; Daß Regenguß uns winterlich umschauert Und unser Schattenleib von Frösteln bebt Und fieberhaft am Lethestrome kauert. Uns wird nur wohl, wenn ihr zu hemmen strebt Den blut'gen Quell untröstlich bittrer Tränen Und euer Auge rein zum Himmel hebt. Denn wenn ihr mäß'ger, mit gefaßtem Sehnen Der Toten denkt, so ist's, als fühlten wir In warmem Schimmer unsern Leib sich dehnen. Sieh nur, so manche Schatten wandeln hier Von sanftem Zwielicht wundersam umflossen, Verklärten Blicks im traurigen Revier. Das sind die Seelen, deren Lichtgenossen Mit steter Treue noch ihr Bild bewahren, Doch ihre Tränen still ins Herz verschlossen. So, Vater, wenn du nun hinaufgefahren, Tu auch, und sage meinem Mütterlein – – Da schwieg's, als dürf' es mehr nicht offenbaren. O, rief ich, Kind, du mahnst uns, froh zu sein? Bist du denn froh, seitdem du uns verlassen? – Da winkt' es mit der Hand, als spräch' es: nein. Und wie ich's wollt' in meine Arme fassen, Schwand es gleich einem Rauch an mir vorbei; Ich sah es nur noch lächeln und erblassen. Da weckte mich der erste Hahnenschrei. 13. Und doch, das ist der Dinge Lauf; auch du Erlebst es noch: ein jedes Leid am Ende, So furchtbar es gewütet, kommt zur Ruh'. Dem Schmerz, so lang er jung ist, sind die Wände Des Leibes viel zu eng, ihn einzuschließen. Er tobt umher, daß er den Ausweg fände. In Strömen muß er aus den Augen fließen, Dir von den Lippen ächzen, auf die Stirn In kalten Tropfen perlend sich ergießen. Am liebsten möcht' er seiner Haft entschwirrn, Zusamt der Seele, und dem Geier gleich Mit freiem Flügelschlag das All durchirrn. Ermattet herrscht er dann in seinem Reich Gelaßner, bricht nur selten aus den Augen Und hüllt sich in Erinnern dumpf und weich. Nun mag ihm nur die tiefste Stille taugen; Er haust im dunkelsten Verließ der Brust, Begnügt, dein Herzblut tropfenweis zu saugen. Die Mond' und Jahre fliehn ihm unbewußt; Er ist gealtert, fühllos wie ein Greis, Den kein Gewinn mehr kümmert, noch Verlust. Doch wenn die Seele kaum noch von ihm weiß, Kaum des verschollnen Gastes Näh' empfindet, Tritt plötzlich er aus dem verborgnen Kreis, Erschrickt, daß er die Welt verwandelt findet, Und schilt die Seele, daß sie ihn verachtet, Und schilt sich selbst, daß er verwelkt und schwindet. Dann in die Kammer, drin er lang geschmachtet, Schleicht er zurück und sargt sich selber ein Und stirbt, von tiefster Einsamkeit umnachtet. Du aber, kannst du auch noch fröhlich sein Und wieder ausgefüllt von neuem Glücke: In jene Kammer dringt kein Sonnenschein, Und Moderduft bleibt stets darin zurücke. 14. Ob wohl im Atem dieser Sommerluft, In dieses Morgens sanftbewegter Kühle Ein Hauch schon mich umschwebt aus deiner Gruft? So rein wie kindlich heitre Vorgefühle Weht von der Halde mich der Frühwind an, Indes ich hier in meinen Schmerzen wühle; Daß ich des Wahns mich nicht erwehren kann, Ein Teil von dir, ein Stäubchen von dem Staube Der dich, geliebtes Kind, zurückgewann, Umwittre mich im Schatten dieser Laube, Umschmeichle mein Gemüt, daß es hinfort Nicht mehr so bittrer Schwermut sei zum Raube. Im Tropfen Tau an jener Ranke dort Seh' ich den Schimmer deines Auges wieder, Im Rieseln jenes Bachs hör' ich dein Wort. Dein Lachen klingt mir aus den Wipfeln nieder, Wo Tauben nisten; jeder Blumensproß Mahnt mich des Wuchses deiner schlanken Glieder. Nichts ist in aller Runde klein und groß, Das mir nicht dienen muß, dich zu verkünden, Als wäre die Natur ein Spiegel bloß, Dein frühverlornes Bild darin zu finden, Als bärge jeder laut geheimen Sinn, Den nur wir beide, du und ich, verstünden. O sprich mir weiter, süße Schläferin! Aus deinem Traum sprich Liebliches zu mir, Der ich noch taub für Menschenstimme bin! Bestärke mir den Glauben: was ich hier An Holdem seh' und höre, sei dein Grüßen, Und jedes Labsal stamme nur von dir. So früh hab' ich zurück dich geben müssen Ans All, aus dem du flüchtig aufgetaucht; Nun kann der Trost nur meinen Gram versüßen, Daß aus dem All zurück dein Wesen haucht.