Vermischte Gedichte Fürst Bismarck in München (24.-26. Juni 1892) Epistel an einen Freund Du weißt es aus der Zeitung schon: auch wir In München hatten unsre Bismarcktage, Denkwürd'ge Tage wahrlich, eingezeichnet Mit Goldschrift in die Chronik unsrer Stadt, Von jener Nacht an, wo die Tausende Die späte Mitternacht herangeharrt, Nur um mit brausendem Jubel ein Willkommen Ihm zuzujauchzen, bis zum dritten Tag, Da das Geleit man gab dem Scheidenden, Begierig jeder, einmal noch sein Antlitz Zu schaun, zu hören seiner Stimme Klang, Und überglücklich gar, wem es vergönnt, Die Hand zu drücken, die ein Menschenalter Die eherne Wage hielt der Weltgeschicke Und um Germanias Haupt den Lorbeer wand. Mein Häuschen, weißt du ja, liegt nachbarlich Dem Haus des Freundes, des berühmten Malers, Drin der erlauchte Wandrer Herberg fand. Und so von früh bis spät vor meiner Tür Sah ich die Volksflut hin und wieder wogen Und aller Blicke scharf hinüberspähn, Ob am Balkone dort der hohe Gast Erscheinen möchte, dann in stürmischem Zuruf Ausströmend alle Lieb' und allen Dank; Indessen jene dunklen Ehrenmänner, Die, weil sie zwergenhaft, dem Riesen grollen, Bei Tag verstummten, um im Diebesschatten Der Nacht ohnmächtig in den Freudenchor Des Volks ihr hämisches Gezisch zu mischen, Bis wütend eines Rächers derbe Faust Die Schandgesellen züchtigte. Du lasest Wohl von den festlich bunten Zügen auch: Studenten, Künstlern, schlichten Handwerksleuten, Die mit Musik und Fackeln Nacht für Nacht Vorüberwallten, manch treuherz'gen Spruch Hinsendend zur Altane, wo der Gast An seiner Gattin Seite lauschend saß, Bis er dann plötzlich die gewalt'gen Glieder Erhob und aufrecht, mit entblößtem Haupt, Die Menge streifend mit dem Löwenblick, In stockender Rede sonder Prunk und Pomp, Doch sein Gepräg auf jedem Wort, dem Volk Darbrachte seine Seele, dankbewegt, Indes der Fackelschein die bleiche Stirn Umspielte, wie das elfenbeinerne Haupt Des Zeus, das von ambrosischen Locken freilich Umwallt war, während unser Donnerer Nur mit dem Schütteln seiner buschigen Brauen Heut noch erschüttern könnte den Olymp. Dann, als verstummt die laute Festlichkeit Und in des Hausherrn reichgeschmückte Werkstatt Der Ehrenmüde sich zurückgeflüchtet, Ruht' er behaglich noch ein Stündlein aus, Hausväterlich den Wolkensammler spielend, Um ihn ein Kreis Vertrauterer. Und lieblich War's anzuschaun, wie er so ritterlich Zu schönen Fraun sich neigte. Dennoch stets Umwittert' ihn ein seltsam fremder Hauch. So menschlich sich uns gab der Übermensch, Bedacht, es allen wohl zu machen, heimlich Blieb eine Spannung in uns rege, wie Genüber einem Gast aus andrer Welt. Ich selbst, sonst ohne Menschenfurcht, gewohnt, Vor irdischer Größe nicht den Blick zu senken, Vor diesem Hohen wandelte mich doch Ein Schauer andachtsvoller Ehrfurcht an. Dies Antlitz, sagt' ich mir, das hier dich grüßt In Fleisch und Blut, – wenn lange schon der Odem, Der es beseelt, ins All zurückgeschwebt, Der letzte Blick aus diesem Herrscherauge Versprüht ist und der Mund, auf dessen Wort Der Erdkreis lauschte, stumm für ewig ward, Dann, wie das Sphinxhaupt, das im Wüstenbrand Noch unverschüttet auf zur Sonne ragt, Ob auch jahrtausendalter Flugsand rings Emporgeweht ist, wird dies Heldenhaupt In mächt'gem Umriß noch die Blicke bannen, Die Stirn, die weltenweite Pläne barg, Von der Geschichte Nebelglanz umhaucht. So vor dem schicksalsvollen Manne klopfte Das Herz mir in der Brust, und nur beklommen Von meinen Lippen löste sich das Wort. Was hatt' ich ihm zu sagen, der Poet, Der Mann der Träume, diesem Genius Der Tat? der Zeichendeuter, der die Schrift In Menschenherzen zu entziffern sucht, Ihm, der des Volkes Herz zu lenken wußte Zu glorreich hohen Zielen? War's nicht auch, Wenn sinnend er das Ohr der Rede neigte, Als lausch er doch nur halben Anteils hin, Da Geisterstimmen, ihm allein vernehmbar, Ihm Zauberlieder sangen, wundersam Wie ferner Schwertklang, freud'ger Glockenton, An seiner Größe Siegeslaufbahn mahnend? Wie? oder wünscht' er nur sich weit hinweg Aus allem Festlärm in sein Waldasyl, Zwiesprach zu halten mit dem eignen Herzen Und nachzusinnen seines Volks Geschick? Nur halb der Unsre schien er, halb gehört' er Sich selber an, in strenger Einsamkeit. Und so, wie mir, erging's den andern auch, Die ihn umringten, ja der Hausherr selbst, Dem alle Geister muntrer Rede sonst Gehorchen, heute war er seltsam still. Weißt du, was plötzlich in den Sinn mir kam? Das Märlein von Admet, dem Thrakerkönig, In dessen schimmernder Hofburg Herkules Zuweilen vorsprach, als verehrter Hausfreund In Zwischenakten seiner Ruhmestaten Sich menschlicher Gesellschaft zu erfreun. Damals, wenn des Gewaltigen Schritt erklang Drauß vor der Halle, wohl erbebte da Den andern Gästen insgeheim das Herz. Denn nicht geheuer schien den Sterblichen Des Halbgotts Nähe. Trat er dann herein, Mit güt'gem Nicken erst des Hauses Herrin, Die liebliche Alceste, dann die andern Begrüßend, atmete die Tafelrunde Ein wenig auf, weil sie ihn furchtbarer Gedacht, der nun so höflich sich betrug, Und fühlte sich geehrt und endlich gar Ermutigt zu bescheidnem Scherzeswort, Wozu er menschenfreundlich lächeln mocht', Indes er übermenschlich aß und trank. Doch ganz vertraulich trat ihm keiner nah. Die Keule, die Nemeas Löwen schlug, Jetzt als ein Wanderstab im Winkel lehnend, Streiften verlegne Blicke nur. Das Fell Des Ungeheuers, das die nackten Schultern Des Siegers als ein Reisekleid umhing, Wer hätte dran zu zupfen sich getraut, Als etwa des Admet unmündig Kind? Alceste nur, der Hausfraunpflicht gedenk, Trat lächelnd näher, dem durchlaucht'gen Gast Den bauchigen Krug mit kühlem Bier zu füllen, Indes sein Leibarzt ihm die frische Pfeife Darbot – doch halt! Wohin verirr ich mich? Wir sind in Thracien nicht, in Bayerns Hauptstadt, In Lenbachs Haus, und unser Heros, hat Er Taten auch vollbracht herkulischer Art, Die Hyderköpfe deutscher Stammeszwietracht Ausbrennend, manchen Diplomatenstall Ausmistend und im fernen Westen uns Des Friedens Hesperidenäpfel pflückend, Nicht eine Keule führt er, nur den langen Berühmten Stift, und seine Glieder hüllt Kein Löwenfell, ein Gehrock züchtig ein, Auch nach der Göttertafel im Olymp, Wo jenem von der lilienarmigen Hebe Nektar kredenzt ward, wandelte den Unsern Wohl schwerlich die geringste Sehnsucht an, Da seines Gastfreunds blonde junge Hausfrau Mit echtem Hofbräu ihm den Humpen füllte, Bis warnend dann sein Arzt den Finger hob: Durchlaucht, 's ist Schlafenszeit. – Alsbald gehorsam Erhob er sich, mit freundlicher Gebärde Uns gute Nacht zuwinkend. Und wir blieben Noch still beisammen, in Gedanken, daß Wir eine Stunde lebten, die man noch Uns neiden wird in fernster Enkelzeit. Letzter Wille Nun schon in den letzten Zügen Mit erloschnem Augensterne Sehn wir das Jahrhundert liegen, Denn sein Stündlein ist nicht ferne. Harrend auf der Greisin Sterben Nahn dem harten Todesbette, Streitend, wer sie mag beerben Ihre Kinder um die Wette. Wen'ge nur vergießen Tränen, Denkend ihrer Lieb' und Treue, Da die meisten kindisch wähnen, Weitaus schöner sei das Neue. Und sie grollen mit der Alten, Daß sie oftmals mehr versprochen, Als am Ende sie gehalten, Auch noch manches sonst verbrochen. Und die Dunkelmänner kneifen, Daß sie stürmisch sich gerühret, Um die Fesseln abzustreifen, Die die Geister eng umschnüret. Plötzlich, furchtbar anzuschauen, Richtet sich empor die Alte. Zwischen silberweißen Brauen Furcht sich tief die dunkle Falte. Im entfärbten Angesichte Ist's als ob ein Zornblitz glimme. Schweigt, ihr töricht kecken Wichte! Ruft sie laut mit heisrer Stimme. Jeden Nachruf sollt ihr sparen, Alles Preisen, Schelten, Lästern. Nicht das Heute kann erfahren, Was bedeuten mag das Gestern. Darum keine Narrensprüche Haltet mir am offnen Grabe, Weder Segen, weder Flüche, Da ich einen Wunsch nur habe: Daß auf meinem Leichensteine Stehen soll das Wort zu lesen, Wahrlich Ruhm genug dies eine: Bismarck ist ihr Sohn gewesen. Was mir Großes sonst gelungen, Tritt zurück vor diesem Namen. Nun, ihr Alten und ihr Jungen, Gute Nacht! – und damit Amen. 23. Oktober 1899 Asylrecht (Den Antisemiten gewidmet) In eine Stadt des alten Hellas kam Einst ein verfemter Mann mit Weib und Kind, Um schwere Blutschuld als ein Götterfeind Verjagt von Haus und Herd. Er siedelte Sich schüchtern an und sorgte Tag und Nacht, Dem Hunger wehrend mit geduld'gem Fleiß, Und da die Not erfindrisch macht, gedieh Ihm sein Gewerb. Das sahn die Mächtigen Der Stadt voll Neid und Haß und sprachen so: Liegt nicht die Blutschuld über seinem Haupt Noch ungesühnt, und der Verfemte doch Wird hier geduldet? Wenn der Götter Zorn Auf uns herabfährt, büßen wir für ihn. Und doch – ein Gastrecht ward ihm eingeräumt; Wer es verletzt, den straft Zeus Xenios. So sandten sie nach Delphi Botschaft hin, Zu forschen aus Orakelmund, wie sie Mit ihm verfahren sollten. Da erscholl An des Gesandten Ohr der Pythia Spruch: Nimm alle Nester junger Vögel aus, Die droben hangen rings am Tempelsims! – Und jener, ob erschreckt und zögernd auch, Gehorcht und tat's. Da, wie er noch am Werk, Erklang aus heitrer Luft ein Donnerschlag, Und unterirdisch dröhnt' ein Echo nach. Tag ward in Nacht verkehrt, als bräch' herein Von Erd' und Himmel her Weltuntergang. Entsetzt zur heil'gen Pythia flüchtete Der Mann und klagte: War's nicht dein Gebot, Was nun der Über-, Unterird'schen Grimm Zumal empört? Nun schütze mich! – Alsbald Kam Antwort ihm aus gottgeweihtem Mund: Dir zum Verderben tat ich meinen Spruch! Wer fragt, ob er am Gastrecht freveln darf, Ist gottlos, und gerechter Götterzorn Fällt auf sein Haupt. – So sprach ein Heidenmund Vor zwei Jahrtausenden. Und ihr, die ihr Euch rühmt der reinern, tiefern Gottesfurcht, Wie redet ihr? (Nach Herodot) Das Hundegrab auf Oxia Ein Mahnruf Ein kahles Eiland in der Meereswüste Von Menschen unbewohnt, da nicht ein Quell Hervorbricht aus dem starren Felsengrund, Der Nahrung böte einem Grashalm nur, Indes die Sonne südlich hohe Glut Herniedersendet. So Jahrtausendlang Stand allgemieden, trostlos, wie verfemt Die Klippe da. Doch heute, wer im Boot Der Insel naht – auf einmal staunend sieht Sein Aug' ein wimmelnd Leben dort am Strand, Wo einst des Todes Schweigen nur geherrscht. Und Grauen wird das Staunen, wenn er sieht: Was dort sich regt, ist schauriger als Tod, Der Wohltat wär' den Unglückseligen, Verdammt zu langsamen Verschmachtens Qual, Ein Schicksal, das dem schlimmsten Mörder nicht Verhängt das härtste Strafgesetz. Wer sind Die Jammervollen? Was verbrachen sie? Unschuld'ge sind's, hier grausam eingepfercht Von Menschen, die unmenschlich sind, denn gut Und edel sei der Mensch, indessen sie Vergaßen aller Güte, da es hier Nur Tiere gilt, und für die Folterung Von armen Hunden keine Rechenschaft Zu geben ist am Tage des Gerichts! Wohl! Überhandnahm, nicht zu dulden mehr, Die Hundeplage, die des Sultans Stadt Gemacht zu räudiger Streuner Tummelplatz, Wohl durften endlich ihres Herrenrechts Die Menschen sich bedienen, notgedrängt. Doch dann auch, wenn es Selbsterhaltung gilt, Geziemt Erbarmen. Der Gerechte, heißt's Im heil'gen Buch, erbarmt sich seines Viehs. Und wenn auch der Prophet kein solch Gebot Der Milde seinen Gläubigen eingeschärft, Hat er sein Pferd und seine Katze doch Zärtlich geliebt, und in der Notwehr wohl Hätt' er den scharfen Stahl auch auf ein Tier Gezückt, doch es dem Tode nie geweiht Durch marterndes Verdursten, obdachlos Dem Brand der Sonnenpfeile ausgesetzt, Bis es die Wut befällt und brechend sich Der Blick der schwachen Kreatur, die gern Den Freund im Menschen sieht, verzweiflungsvoll Zu seinem Henker hebt. Wohl ist die Welt Noch heut der Greuel voll, die Menschen auch An Menschen üben. Doch ein letzter Trost Bleibt den Verzweifelnden, wenn übergroß Die Qual ward, mit freiwilligem Entschluß Sie enden, was versagt ist dem Geschöpf, Das ach, vernunftlos, doch nicht seelenlos Sich knechtisch beugen muß dem blinden Recht Des Stärkern. Also in der Zeitung stand Die Mär vom Hundegrab in Oxia. Wohl niemand, will ich glauben, hätt' er auch Für diesen treuen Spiel- und Leidgefährten Des Menschen sonst kein Herz, konnt' ungerührt Die Kunde lesen des Entsetzlichen, Das hier nicht blöde Roheit einzelner, Nein, kalte Staatsweisheit verordnet hat, Zur Schmach dem ganzen Volk, das drein sich fügt. Doch, die es schaudernd lasen, fühlten sie Sich tiefer aufgeregt, als wenn sie sonst Von einem Unglück hörten: Daß im Berg Verschüttet wurden arme Häuer, daß Ein Schiff mit aller Mannschaft untersank, Die Pest vieltausend Menschen hingerafft, Was einzig blinder Elemente Schuld? Und keinem fiel es ein, daß täglich hier Ein unerhörter Frevel wird verübt, Den stumm mit anzusehn, das Herzblut ihm Empören sollte? Wirken segensreich In unsrer Stadt und in den Ländern rings Vereine zu gequälter Tiere Schutz, Und geht von keinem, keinem ein Protest Bis hin zum goldnen Horn, da solchen Gräul Zu dulden, dem Jahrhundert Schande macht? Noch will ich hoffen. Doch was kommen soll, Geschehe bald, bevor die Todesqual Des letzten Opfers diese Christenwelt Verklagt, die das Gebot der Liebe kennt, Und doch so lässig übt die heil'ge Pflicht Der Menschlichkeit! München, 9. Juli 1910 An Beethoven Wie wer gekostet hat vom Zauberkraut Und nun versteht der Elemente Lallen, Das Stammeln der Natur, den Klagelaut Der stummen Wesen, die dem Tod verfallen, So gingst du durch die Welt. Dir klang vertraut, Was allen schwieg, und das verworrne Schallen Vom ew'gen Fluß der Dinge – deiner Seele War's Wohllaut, wie ein Lied aus Vogelkehle. Doch wer das Höchst' und Fremdeste ergründet, Ein Fremdling wird er in der eignen Welt. Wann hätt' ein Mensch Dämonen sich verbündet Und dann zu frohen Menschen sich gesellt? Vom Schmerz des Daseins, den dein Lied verkündet, Ward jede flücht'ge Wonne dir vergällt; Der Einklang, der dir tönt' im Flug der Sterne, Blieb, wie du kämpftest, deinem Busen ferne. So rächen sich an dem, der sie belauscht, Die Überirdischen, die furchtbar Hehren. Wer sich am Urquell alles Seins berauscht, Soll nicht den Becher ird'scher Freude leeren. Einsam, wenn alles Seel' um Seele tauscht, Muß er die Glut des eignen Herds entbehren, Und, ihm den Stachel recht ins Blut zu mühlen, Lehrt Phantasie ihn das Versagte fühlen. Er weiß von allem Traulichen und Süßen, Das armer Menschen Niedrigkeit verklärt, Sieht in des Weibes Blick die Liebe grüßen, Die Treue, die das heil'ge Feuer nährt, Den Glauben: endlich werde siegen müssen Unschuld und Recht, mit Ketten selbst beschwert, Und hört nach Kerkernacht und bangem Leide Die Himmelsstimmen namenloser Freude. So sprachst du aus in reinen Melodien, Was du im Traum der Sehnsucht nur erfahren. Den goldnen Schatz, den Ahnung dir verliehn, Gabst du den Glücklichern, ihn zu bewahren. Und wenn die Neunzahl hoher Sinfonien Das Weltgeheimnis strebt zu offenbaren, Fidelio klagt und jauchzt das ewig neue Uralte Trostlied ew'ger Lieb' und Treue. Dank, daß du dies Vermächtnis uns gelassen! Schon vor dem Übermenschen will den Geist Ein Schwindel ehrfurchtsvollen Grauns erfassen, Als ob zu hoch du unsrer Liebe seist: Da teilst du unser Dulden, Lieben, Hassen, Der hohe Fremdling ist nicht mehr verwaist, Und der vereinsamt ging auf ird'schen Wegen, Das Herz der Menschheit schlägt ihm nun entgegen. Zwölf Dichterprofile 1. Friedrich Hölderlin Mein Liebling du! Mit hellem Griechenblick Hattst du ermessen, in dein Los ergeben, Den jähen Abgrund zwischen Traum und Leben Und der Verspätung herbes Mißgeschick. Dich tröstete dein Genius: Erschrick Vor dieser Tiefe nicht! Hinüberheben Wird dich ein Schwingenpaar mit sichrem Schweben, Die ätherleichten: Dichtung und Musik. So wandeltest du selig, Kränze windend Der schönsten Liebe, bis Dämonentücke Sie in den Abgrund stieß, der sie verschlang. Du stürztest nach, qualvoll dir selbst entschwindend; Doch nicht dein sterblich Leben ging in Stücke, Dein Herz nur und dein Saitenspiel zersprang. 2. Joseph Freiherr v. Eichendorff Der scheidenden Romantik jüngster Sohn, Ihr Benjamin, statt aller andern Gaben Erbt' er allein das Wunderhorn des Knaben, Nie sich ersätt'gend an dem einen Ton. Spurlos ist ihm die Zeit vorbeigeflohn, Indes er lag in Waldesnacht vergraben: Mondschein und leises Wipfelrauschen haben Ihn eingewiegt, der wachen Welt zum Hohn. Ein ew'ger Jüngling, trug im Herzen tief Er zu der schönen Frau die sel'ge Minne, Die durch den Wald zog, Goldschein um die Locken. Und während er »Krieg den Philistern« rief Und rein und heiter schwärmen ließ die Sinne, Lauscht er in Andacht Rom's verschollnen Glocken. 3. Friedrich Rückert Kein einzler Baum, ein Wald mit tausend Zweigen, Und Vögel aller Zungen, aller Zonen Durchzwitschern hell die laubigen Wipfelkronen, Nachts aber tanzen Elfen ihren Reigen. So zu den Sternen aufwärts sah'n wir steigen Den Liederwald, den Winterstürme schonen, Und lang in seinem Blütenschatten wohnen Wird unser Volk und ihn den Enkeln zeigen. Nicht jedes Blatt ist eine Wunderblüte, Doch nie ließ uns ein Geist in solcher Fülle Des Lieb'- und Liederfrühlings Zauber ahnen. Den Tiefsinn einer Welt barg sein Gemüte, Und aus des Morgenlandes heil'ger Stille Bracht' er uns heim die Weisheit des Brahmanen. 4. Nicolaus Lenau Ein Edelhirsch im Forst auf grünem Rasen, Auf einmal hört er Treiberruf erschallen, Sieht links und rechts die schlanken Brüder fallen Und ihr geliebtes Auge sich verglasen. Nun, ob auch andre fröhlich wieder grasen, Sind ihm ein Schreckensort die Waldeshallen, Und wenn im Mondlicht Herbstesnebel wallen, Hört er die wilde Jagd die Luft durchrasen. Nicht mehr gesellt leichtherzigen Gespielen, Sieht er im Leben rings des Todes Zeichen, Bis ihm verstört die schönen Lichter flammen. Wohl jenen, die vom sichern Schusse fielen! Ihm krallte sich der Nachtmahr in die Weichen; Vom Grau'n zu Tod gehetzt bricht er zusammen. 5. Adalbert von Chamisso Franzos' an Blut und ritterlichem Feuer, Ein Deutscher an Gemüt und zartem Sinnen, So durften wir als unsern dich gewinnen, Du löwenmähnig Haupt, uns doppelt teuer. So standst du wagend an des Rurik Steuer, Die stürmevolle Weltfahrt zu beginnen, Den Blick bald in die Weite, bald nach innen, Die Seele voll Gesang und Abenteuer. Doch in die Heimat deiner Wahl gekehrt, Von Pflanzen, Versen, Kinderlust umgeben, Schreckt dich im Traum Salas y Gomez' Geist. Da ward dir teuer erst der stillste Herd, Und dankbar sangst du Frauenlieb und Leben Und Ihn, der schattenlos die Welt umkreist. 6. Eduard Mörike Ein Schwabenkind, in traut umschränkter Enge Am Quell der Heimatsagen aufgesprossen, Von Goethes und der Griechen Hauch umflossen, Steht deine Muse fern dem Weltgedränge. Tiefsinnig auch durch die geheimsten Gänge Der Menschenbrust wagt sie den Weg entschlossen, Dann wieder übt sie ungebundne Possen Schalkhaft im Schatten kühler Waldeshänge. Dem Schiffer, der beschwert mit Warengütern Vorbeizieht auf dem breiten Strom des Lebens, Verhallt dein Lied, gleich dem Gesang der Grille. Noch aber darbt die Welt nicht an Gemütern, Die auch das Leise rührt, und nicht vergebens Ward dir der Märchenzauber der Idylle. 7. Emanuel Geibel Zur Zeit, da laute Zwietracht der Parteien Die Luft durchhallte Deutschland auf und nieder, Kamst du mit einem Frühling süßer Lieder, Vom Tageslärm die Seele zu befreien. Dir ward, was seltne Sterne nur verleihen: Dein Lied klang in der Frauen Herzen wieder, Und strebend schwangst du höher dein Gefieder, Im Männerkampf stets in den Vorderreihen. Neidlos und treu den Jüngren zugewendet, Der hohen Kunst ein priesterlicher Hüter, Sahst du im Sturme knospen schon die Reiser. Nun ward dein Ahnen wunderbar vollendet. Die du geweissagt, unsre höchsten Güter, Siehst du gewonnen: Freiheit, Reich und Kaiser. 8. Annette von Droste-Hülshoff Ein Herz, so stark, das Schwerste zu verwinden, So warm, um leicht in Flammen aufzugehn, So tief, um ahnend Tiefstes zu verstehn, So weich, um nur in Starrheit Halt zu finden; Ein Geist, geschaffen, Geister zu ergründen, Stolz, um Gemeines groß zu übersehn, Demütig, wenn ein Lebenswerk geschehn Und seine Spur verweht scheint von den Winden; Einsam erwachsen auf der Heimatflur, Einsam trotz innig ernstem Liebessehnen, Im Stillen sammelnd ewigen Gewinn; Allein an Gott dich klammernd und Natur, Zu Perlen reiften dir all deine Thränen; So wardst du Deutschlands größte Dichterin. 9. Gottfried Keller Wie an der Regenwand, der nüchtern grauen, Der Bogen funkelnd steht in freud'ger Helle, So dürfen wir an deiner Farbenquelle Im grauen Duft des Alltags uns erbauen. Der Schönheit Blüt' und Tod, das tiefste Grauen Umklingelst du mit leiser Torenschelle Und darfst getrost, ein Shakespeare der Novelle, Dein Herb und Süß zu mischen dir getrauen. Dem Höchsten ist das Albernste gesellt, Dem schrillen Wehlaut ein phantastisch Lachen, Um Heil'ges lodern Sinnenflammen schwüler. So sehn wir staunend deine Wunderwelt. Der Dichtung goldne Zeit scheint zu erwachen Auf euren Ruf, unsterbliche Seldwyler. 10. Theodor Storm So zartgefärbt wie junge Pfirsichblüten, So duftig wie der Staub auf Falterschwingen, Sahn wir dich sommerliche Gaben bringen, Im stillen Herzen Märchenschätze hüten. Doch als die Tage heiß und heißer glühten, Du sie verlorst, der galt dein junges Singen, Begann ein Ton aus deiner Brust zu dringen, Wohl stark genug, dein Wehe zu vergüten. Nicht Märchen mehr und Träume wie vor Zeiten, Wach schilderst du des Lebens bunte Szenen Im Panzer goldner Rücksichtslosigkeiten. Und deine Falter zeigen sich von denen, Die gern in Flammen sich ihr Grab bereiten, In helle Glut gelockt von dunklem Sehnen. 11. Hermann Kurz Wohl hast du müssen so von hinnen eilen, O Freund, mit tiefgeschlossenem Visier; Doch wem du es gelüftet so wie mir, Wie soll ihm je das Leid der Trennung heilen? Und will ich jetzt mit diesen armen Zeilen Das Bild umschreiben, das uns blieb von dir, Erbebt die Hand, in schmerzlicher Begier, Noch einmal warm in deiner zu verweilen. Oft, wenn ich traulich neben dir geschritten, Hat mich aus deinem Aug' ein Strahl geblendet, So hell, als hättst du Trübes nie erlitten. Der Dichter war gelähmt, der Mensch vollendet, Wann hat ein Kämpfer lachender gestritten! Wann hat ein Starker Süßeres gespendet! 12. Hermann Lingg Von langer Seelenwandrung heimgekehrt Drängt's eine Dichterseele, zu berichten, Was staunend sie erlebt an Weltgeschichten, Vom Duft der Ferne sagenhaft verklärt. Es schwirrt der Hunnenpfeil, das Gotenschwert; Der Völker Aufblühn, Fallen und Vernichten Zieht uns vorbei in hellen Traumgesichten, Und die Gespenster scheinen lebenswert. Doch tiefer noch bewegt mich dein Gesang, Wenn du des Herzens ew'ge Weltgeschicke, Die dunklen Kämpfe singst der Menschenbrust. In dieser Zeiten überweisem Drang Rührt mich dein Lied mit stillem Kindesblicke, In Spiel und Tiefsinn göttlich unbewußt. Das Goethehaus in Weimar Tut sie sich endlich auf mit Feierklang, Gehorsam einem edlen Fürstenworte, Die eigensinnig strengverschloßne Pforte? Die Schwelle, die ein halb Jahrhundert lang, Trotz ungeduld'gen Pochens, frommer Bitten, Kein andachtsvoller Fremdling mehr beschritten, Von Staub und Moder ist sie reingekehrt, Kein Hüter lauert, der den Zutritt wehrt, Und wie des abgeschiednen Hausherrn Gruß Erglänzt das Salve! unter deinem Fuß. Hinan die Stufen! Doch warum mit Beben Hemmst du den Schritt, da endlich dir gewährt, Was du im Traum der Sehnsucht lang begehrt? Warum so zaudernd mußt du aufwärts streben? Sieht dich nicht alles traulich heiter an? Doch du, mit scheuen Herzensschlägen, Wie unter mächt'gem Geisterbann, Als gingst du Offenbarungen entgegen Aus jener Welt, draus keiner wiederkehrt, Vermagst den Fuß nur stockend zu bewegen Und stehst und träumst? Siehst du Gesichte Aus des Jahrhunderts goldnem Morgenlichte, Wo er noch dieser Stufen sanfte Bahn, Das Haupt hoch tragend, schritt hinan, Als wandle nun sein Schatten dir zur Seite, Dem schüchternen Besucher zum Geleite, Das Herz dir treffend mit dem Feuerblick? O kehrt' er von den Schatten heut zurück, Er spräche Mut dir ein: »Sei nicht verzagt, Du, dem noch hell des Wirkens Sonne tagt. In diesen Mauern, die ihr heilig sprecht, Durchlebten unsern Tag wir schlecht und recht. Tut nun das Eure, tut's und wartet still, Ob Zeit auch eure Saaten reifen will. Doch wenn ihr hoher Vorwelt Geister ehrt, Zu wandeln, wo sie wohnten, seid ihr wert.« Durchs Fenster in den kühlen Treppenflur Stiehlt sich des Märzen graues Frühlicht nur, Umwitternd jene lieblichen Gestalten, Die an den Wänden Wache halten. Wie seid ihr in den frost'gen Nord verbannt Aus sommerlichem Heimatland, Der du die Arme zu den Göttern hebst, Du schlanker Knab', und mit der stummen Bitte Hinweg aus diesen Nebellüften strebst, Indessen du, keckäugiger Faun, die Schritte Hinaus aus enger Nische lenkst, Zur freien Waldnacht zu entspringen denkst, Und ihr dort oben leuchtet sternenklar, Der Dioskuren brüderliches Paar! So grüßtet ihr schon dieses Hauses Herrn, Kehrt' er zur Heimat vom gelobten Lande, Gefaßt zu schmiegen sich in alte Bande, Ob auch zum immerblühenden Strande Zurück ihn lockt' der Sehnsucht Lied von fern. Dann trat er wohl mit Seufzen hier herein, Der strengen Pflicht entsagend sich zu weihn, Und fand er euch, Gefährten des Exils, Voll heitren Ernstes, anmutreichen Spiels, Hier seiner wartend an der Schwelle, Sein Unmut schwand, sein Blick ward helle; Er fühlte: glänzt' ihm nur der Künste Licht, An Sonne fehl' es seinem Leben nicht. Und auch sein Herz, wie viel ward ihm beschert In warmer Häuslichkeit, am eignen Herd! Sieh nur im Saal dich um. Erkennst du nicht das Bild Der Blume, die in öden Stunden Nichts suchend er im Wald gefunden Und mit den Wurzeln ausgrub, nicht gewillt, Nur auf den Raub die Freundliche zu pflücken, Nein, stets an ihrem Duft sich zu erquicken, Ins Gärtchen sie verpflanzend, daß sie dort Unscheinbar grün' und blühe nun so fort? Christiane, Vielgelästerte, dein Blick, So freudig harmlos, preiset dein Geschick, Daß er dich wählt' und du ihm nichts versagt, Nicht nur zu flücht'ger Lust als niedre Magd: Ein Stück Natur, das in dem kühlen Drang Des Alltags warm den Busen ihm umschlang, Dem Vielbedürft'gen gab ein heitres Glück, Demütig, selbstlos, treu ein Leben lang, Daß, als das strenge Los dich ihm entriß, Am sonnigen Tag er starrt' in Finsternis. Und neben dir der Sohn, der frühverlorne, Und dort Ottilie, seines Sohns Erkorne, Die Enkel, die nach kurzer Jugendfrist Die Schwere jenes Worts zu lernen hatten: Weh dir, daß du ein Enkel bist! Und ihre Zeit hindämmerten im Schatten Des Glanzgestirns, an einem Namen krank. Doch hielten sie den Schild der Ehre blank, Bewährend, in ihr Dunkel eingeschlossen, Den Adel des Geschlechts, dem sie entsprossen. So blicken von den Wänden nieder Des Hauses innig einverstandne Glieder; Und Freunde haben sich hinzugefunden, Voran das Fürstenpaar, das jungvermählt Den Genius zum Lebensfreund erwählt, Ihm gebend, was so schön verbunden Kein Großer einem Dichter je gewährt: Neigung, Vertraun, Freiheit am warmen Herd. Wer nennt des Glückes Liebling ihn und priese Nicht seinen Bund mit euch, Karl August und Luise! Doch wie er früh die Edelsten gewann, Trat Lieb' und Treue stets an ihn heran In freundlichen Gestalten. Sei gegrüßt, Suleika, die du hier am trauten Ort So sinnig heiter auf uns niedersiehst, Verknüpft mit deinem Dichter fort und fort Durch zarte Bande, die die Muse webte, Ein Frühling, der den Alternden belebte, Wenn sich der West auf feuchten Schwingen Vom Main erhob, ihm Sehnsuchtshauch zu bringen! Ihr lieben Fraun, was er euch gab und war, Ihr bliebet nicht in seiner Schuld fürwahr. Für allen Schmerz und leidenschaftlich Glück Gabt ihr ihm beides tausendfach zurück, Und was an Leid den Busen ihm durchdrang, Ward ihm Gewinn des Lebens, ward Gesang. Nie aber ward mit tieferm Seelenlaut, Daß blöder Neugier es verborgen bliebe, Das liebliche Geheimnis edler Liebe Dem holden Lied bescheiden anvertraut. Doch nun, ihr teuren Bilder, weicht zurück! Ins Reich des Schönen öffnet sich der Blick. Ein Schatzhaus tut sich auf voll reicher Kunst, Durch liebevolles Mühn und Glückes Gunst Dem Sammler zugeführt. An allen Wänden Die Geistesspur von Meisterhänden, Der Kleinkunst zierlichste Gebilde, Bronzen, Majoliken aus Umbriens Gefilde, Die er erwarb auf mancher Wanderfahrt, Kleinode jeder Zeit und Art; Der Griechen edle Einfalt, stille Größe, Des Cinquecento sinnenfreud'ge Kraft, Der Deutschen tiefer Sinn in strenger Formen Haft – Als ob er des Magnetbergs Kraft besäße, Zog alles an sich seine Leidenschaft, Was irgend ihm verwandt. Und was war so gering, So groß, so einzig, daß es keine Stätte In seines Wesens weltenweitem Ring, In seines Geists Bezirk gefunden hätte! Und wie voran der Zeit mit Sehergang Er, ein Erobrer, in Gebiete drang, Die noch verhüllt der Menge stumpfem Blick, So bracht' aus allen Reichen er zurück Zu seinen Laren wundervolle Beute, Dran sich sein schönheitsdurftig Aug erfreute. Noch arm und unbehilflich war die Zeit, Das Reisen mühevoll, die Wege weit »Dahin, dahin«, wo sich die Seele, krank An nordischer Trübsal, durft' im Heitren sonnen Und aus der Künste unerschöpftem Bronnen Gesundheit sich und Lebensgluten trank. Besitzen mußte, wer genießen wollte, Und war's im dürft'gen Nachbild nur, Im stumpfen Gips, im schüchternen Kontur, Das Schöne, Köstliche, dem er Verehrung zollte. So ward zum Pantheon dies enge Haus Und schmückte sich mit Götterbildern aus. Gemächer, Säle, Winkelchen und Gänge – Sie fassen kaum der Kostbarkeiten Menge. O Tage, Wochen, Monde hier verweilen, Nicht nur mit Neugierhast vorübereilen, In diesen Mappen jedes Blatt betrachten, Im Glasgehäuse jedes Ziergerät, An Wand und Sims das Kleinste selbst beachten, Geweiht durch seines Blickes Majestät, Und in den Zügen dieser Büsten spähn, Was geistverwandt sein Auge drin gesehn! Und wie enthüllt' uns auch ein einz'ger Tag, Was in den Schränken dort sich bergen mag An seltenen Gebilden der Natur, Gestein und Erzen, Pflanzen auserlesen, Ein buntes Vielerlei dem Laienauge nur, Doch ihm, der drin erkannt Gesetzesspur, Dem diese Chiffernschrift enträtselt offen lag, Ein Buch, drin er nicht müde ward zu lesen. Wie fühlen wir vor diesem Allverein, Den er umspannt, uns so begrenzt und klein! Wie stammeln von der Sprache, die er sprach, Wir nur verlorne Sätze nach, Ein jeder auf sein kleines Reich beschränkt, Der in Natur und der in Kunst versenkt, Der in Geschäfte, die der Tag ihm bringt Und spurlos schon der nächste Tag verschlingt, Daß, wenn das Glück sein Streben nicht betrog, Dem Strome gleich er sein Gebiet durchzog Zum Heil den nächsten Ufern, – und nun er! In Abgrundstiefen ein unendlich Meer, Das Erdrund zu umfassen früh gewohnt, Klar die Gestirne spiegelnd, Sonn' und Mond, In Sturm und Stille stets sich selber gleich Und Schätze bergend, die in Zeitenfernen Die Nachgebornen noch ihm danken lernen, Entreißt ein Taucher sie der Tiefe dunklem Reich! So tragen wir von hinnen scheubeklommen Die wogenden Gedanken ernst und stumm. Und schon hat uns der Vorsaal aufgenommen, Die Pforte schließt sich auf zum Heiligtum Des Hauses, von Erinnrungen geweiht Der edelsten Geselligkeit. Ist's wirklich dies Gemach, an Schmuck gering, Wo er die Fürsten abendlich empfing, Wo, was geadelt war durch Schönheit, Geist und Rang, Sich zu ihm fand, zu huldigen dem Meister, Der auch die widerwill'gen Geister Als Herrscher ihn zu ehren zwang? Geziemte dies bescheidenste Gerät Dem Tempel, den ein Götterhauch durchweht? O anspruchsloser Sinn der Väterzeit! Wie brachten wir's indes so herrlich weit. Was bunt und reich das Leben je geschmückt Zur goldnen Zeit der Kunst, was Ost und Westen An Pracht und Zier zu schaffen je geglückt, Heut findest du's gehäuft nicht in Palästen Der Fürsten bloß; des schlichten Bürgers Dach Umschließt erlesnen Hausrat mannigfach. Was aber frommt's euch, prunkbeflissen Feinsinnig auszustatten die Kulissen, Wenn die Komödie, die in Szene geht, Der Spieler kümmerlichen Geist verrät! Beschämt erkennen wir's: welch ein Gedränge Unsterblicher belebt dies dürftige Gemach! Wir hören längstverschollne Geisterklänge, Erlauchte Namen tönen nach und nach Durch unsern Sinn. Auf jenem kahlen Tische Das Heft – ist's Iphigenie? Wallenstein? Lehnt Schiller dort in jener Fensternische? Tritt Herder, Wieland in den Kreis herein, Der Humboldt Brüderpaar und, stets willkommen, Der Mann, der von Homers geweihtem Haupt Den einen, unteilbaren Kranz genommen? Auch sie, die ebenbürtig sich geglaubt Dem Weltbezwinger, auf dem Ruhebette, Dem schmalen, thront sie, lauschend in die Wette Mit seinen Freunden auf des Dichters Wort, Der ernst und still vor den Gewalt'gen trat, Des Spruches wohl gedenk: Im Anfang war die Tat. Doch sie, Corinna, fühlt an diesem Ort So tief wie nie: Im Anfang war das Wort! – Und horch, das Wort verstummt. Nun soll uns laben Musik. Siehst du den schwarzgelockten Knaben, Den schlanken, der so frei das Haupt bewegt Und jetzt des alten Flügels Tasten schlägt, Daß schwirrend unter seinem Spiel erwacht Der Elfenreigen der Mittsommernacht? Der Dichter aber, lauschend mit Entzücken, Die Hände leicht gefaltet auf dem Rücken, Sacht schreitet er das Zimmer auf und nieder, Und vor dem Junobildnis bleibt er stehn Und sinnt, als lehrten dieser Elfen Lieder Ihn den Sirenensang Homers verstehn. Und da sein Spiel der junge Meister endet, Wie heiter-zärtlich er sich zu ihm wendet Und strahlt ihn an, dem Stirn und Auge lacht, Und spricht, ihn küssend: Hast es brav gemacht! Und Zelters Angesicht, treuherzig bieder, Blickt von der Wand dort auf den Zögling nieder. – O wer zurück uns brächte solcher Stunden Unschätzbar Glück, das jedem, der's empfunden, Durchs Leben folgt', als sei von dieser Zeit Sein Tun und Denken höherm Ziel geweiht, Als habe, wer durch dies Gemach gegangen, Des Geistes Ritterschlag empfangen! So war auch dir zu Sinn, du edler Schwärmer, Der du die Sappho schufst und, wohl bewußt Der hohen Sendung in der eignen Brust, Nie dich empfandst an Worten ärmer, Nie reicher an Gefühl. War's denn kein Traum? Was jahrelang inbrünstig du erstrebt, Nun greifst du's mit der Hand, nun wird's erlebt: Du stehst vor ihm! Und doch, du glaubst es kaum, Daß dir sein Wort ertönt, sein Blick erstrahlt, Den du in jugendlichen Gluten Gleich einem Gott unirdisch dir gemalt. Und da du jetzt ihn siehst, den Liebevollen, Guten, Wie er vertraulich sich dir naht, Die Hand, die Götz und Faust geschrieben hat, Die deine faßt, zu Tische dich zu führen, Da übermannt dich fassungsloses Rühren, Und denkend, daß du Gast in solchem Haus, In stürmische Tränen brichst du aus. O süße Tränen, Tau so fruchtbar mild, Du edelster, der Menschenaug' entquillt, Wenn Andacht, scheuer Dank, des Strebens Qual und Lust Gewitternd gärt noch in der Mannesbrust, Die in der Rätsel Überschwang, Stolz und verzagt, voll Inbrunst, selig bang Erschrickt vor so viel Himmelsgnaden Und sich in Zähren muß entladen. So weint die Rebe bei des Lenzes Nahn, Der einst im Herbste wird die Traube reifen, So reift' auch dir, Poet, die Kraft heran, Das goldne Vließ der Dichtung zu ergreifen. Doch wir – von Schatten nur sind wir umringt, Die unser Herzblut nicht zum Sprechen bringt. Wir sehn sein leuchtend Bildnis an der Wand, Den ernsten Blick groß von uns abgewandt, Und nur mit Zögern naht sich unser Fuß Dem Allerheiligsten des Genius, Der stillen Werkstatt, wo dem Lärm entrückt Der Immertätige geforscht, gesonnen Und sich und uns das Köstlichste gewonnen. Wie aber wird das Herz uns hier bedrückt! Wie unfroh dieser Raum, wie eng umschränkt! Wie tief herab die Decke hängt! Kein Bild, kein Teppich, keine Zier An Sesseln, Tischen, Pulten hier, Nur was dem nacktesten Bedürfnis diene, Daß einem Pfarrer, Lehrer, Richter, Und lebt' er auf dem Dorf in schlichter Genügsamkeit, zu arm der Hausrat schiene. Ihm aber gnügt' er. Nur gekehrt nach innen, Nichts Sinnlichs durfte stören ihn im Sinnen. Wie tausendmal durchschritt er dies Gemach, Indes gebückt am Tisch der Schreiber lauschte, Aufzeichnend, was beseelt die Lippe sprach, Wenn vor dem innern Ohr der Quell der Dichtung rauschte. Sein Blick hing an dem Sonnenstrahl, Der durch des Ladens Spalt sich in das Dunkel stahl Und farbenreich durch den Kristall gebrochen Geheim Gesetz ihm ausgesprochen. Und wenn vom strengen Werk ermattet Er innehaltend hin zum Fenster trat, Sah sprossen er des Gärtchens junge Saat Und hörte, wie in Spiel und muntrem Lauf Der Enkel Stimme klang herauf, Daß auf der Menschheit Höh'n, wo sich sein Geist erging, Ein warmer Lebenshauch sein Herz umfing. Und Wärme brauchte dieses Herz, verbannt In eine frostig liebeskarge Welt. Die Besten, die sein Stern ihm zugesellt, Wie haben sie sein Bestes oft verkannt! Doch er, so oft ein Mensch sich ihm ergab, Von seinem Gipfel ließ er sich herab Und adelte, wen er zum Freund erkor, Und zog auch den Geringen mit empor, Bis er enttäuscht wie manchmal mußt' erkennen: Der Mensch hat nur sich selber sein zu nennen. Ach, wenn er hier am stillen Abend stand, Über die niedre Gartenmauer Den Blick ins graue Firmament gespannt, Ergriff ihn wohl erhabne Trauer, Und seiner Frühzeit schwankende Gestalten, Die zärtlich sich ihm nahten, ließ er walten, Bevölkernd mit vertrauter Schatten Schar Sein greises Leben, das vereinsamt war. Ihm aber war gesteckt ein weites Ziel. Wer lange lebt, der überlebt so viel, Und statt des Trosts, der junge Schmerzen stillt, Den seufzend oft der Alternde beneidet: Im Lied zu sagen, was er leidet, Sein Weh zu prägen in ein ew'ges Bild, Ist ihm als Stab und Stütze nur verstattet Beschäftigung, die nie ermattet, Die abends ihn bescheiden sprechen macht, Er hab' ein redlich Tagewerk vollbracht. Ach, wird in diesen engen Wänden Die Seele trauervoll beklemmt, Als ob wir in dem leeren Käfig ständen, Der eines Adlers Flügelkraft gehemmt! Nicht kann der Frühlingssonnenstrahl, Der sanft den Garten überglänzt, uns trösten. Wie hätten jenem Edelsten und Größten Ein Leben wir gegönnt fern jeder dumpfen Qual, Statt daß er hier im niedern Raum Zu Ende träumte seines Lebens Traum Und, wenn er späte Mitternacht Einsam am Pult herangewacht, Im schmalen Kämmerlein zur Seiten Sich ließ sein einfach Bett bereiten, Wo ihm das Haupt ein leichter Schlaf umwob, Bis ihn ein letzter aller Erdenmühen Mit sanfter Freundeshand enthob. Doch kaum daß dieser Flammenblicke Glühen Erloschen war, so ging ein tief Erschüttern Rings durch die Welt, als sei sie selbst bedroht Von Todesnacht, und durch die Lüfte zittern Hört man den Klageruf: der große Pan ist tot! Nein! wie vom Erzbild, das der Meister goß, Durch Hammerschlag die Erdenhülle fällt, Die des Metalles Strahlenkern umschloß, Daß rein hinfort erglänzt vor der erstaunten Welt Das hehre Werk, so stand erhaben Sein Bild, da sie den Erdenrest begraben. Es schwieg der Neid, Verkennung wurde scheu, Undank und Haß hielt kleinlaut sich verborgen. Aus Todesnacht ging auf ein Geistesmorgen, Verschwenderisch an Gaben, ewig neu. An seiner Gruft vorüber gehn die Zeiten, Und wechselnd regt sich der Parteien Toben Im Kampf, den nimmer wir zu Ende streiten. Er aber steht in seiner Ruhe droben, Und wie der Nordstern jetzt von Nebelduft umwoben, Jetzt klar herabglänzt in der Wogen Spiel, Ein unverrückbar leuchtend Ziel Dem Schiffer weisend, so aus Sternenklarheit Herniedersendet er den Strahl der Wahrheit Und leitet durch den Sturm den schwanken Kiel. So wird die Spur von seinen Erdetagen Nicht in Äonen untergehn, Und die in dunklen Lebensfragen Verirrt und bang nach einem Führer spähn, Hieher, zu dieses Hauses ernstem Frieden Hinflüchten mögen sich die Zweifelsmüden, Zu lernen, wie entsagungsvoll begnügt Des Glückes Liebling selbst sich dem Geschick gefügt. Dann, scheiden sie von diesem heil'gen Ort, Wird als Geleitspruch sie umschweben Das tapfre, siegesfreud'ge Wort Des, der ein Kämpfer war: Gedenk zu leben! Februar 1888