Neues Leben Still und hell ist mein Gemüt, Wie im Herbst ein Sonnentag, Und doch fühl' ich, daß im Innern Wie durch Lenzes Zauberschlag Eine junge Schöpfung blüht. Hast du noch nicht ausgeglüht, Meiner Jugend Sonnenschein, Und wenn jetzt der Winter käme, Würd' er mir in Blüten schnein, Wie im ewigjungen Süd? Ach, und meiner Flügel Schwung War so traurig schon gelähmt! Denn ich habe sterben sehen; Und nun fühl' ich fast beschämt Mir zum Leben Mut genung. Wäre nicht Erinnerung, Schiene Traum, was Leben war! Aber wen die Götter lieben, Stirbt er auch in grauem Haar, Dennoch stirbt er ewigjung. [Über Tod und Schicksal] Über Tod und Schicksal Tröstet die Schönheit allein, Lichtet die nächtlichen Klüfte, Sonnegemiedene Grüfte Stell umgoldend wie Mondenschein. Wenn dir Tod und Schicksal Glück und Jugend geraubt, Nur an der Schönheit Busen, Nur vom Hauche der Musen Heilt das Herz dir und hofft und glaubt. [Ich sah mein Glück vorübergehn] Ich sah mein Glück vorübergehn, Ich konnt' es am Stirnhaar fassen Und blieb wie ein törichter Träumer stehn Und hab' es vorbeigelassen. Ich sah mein Glück auf der Wiese ruhn, Ich konnt's auf die Lippen küssen Und starrt' es nur an vom Hut zu den Schuh'n Und habe mich losgerissen. Ich harrte, ob es mit holdem Blick Nicht selbst sich meiner erbarme. Ich dachte: ist es ein rechtes Glück, So läuft dir's frei in die Arme. Und sieh, wie am Abend ich saß zu Haus Und an nichts Fröhliches dachte, Da pocht's, da stand's an der Schwelle drauß Und flog mir ans Herz und lachte. [Hat dich die Liebe berührt] Hat dich die Liebe berührt, Still unterm lärmenden Volke Gehst du in goldener Wolke, Sicher vom Gotte geführt. Nur wie verloren umher Lässest die Blicke du wandern, Gönnst ihre Freuden den andern, Trägst nur nach einem Begehr. Scheu in dich selber verzückt, Möchtest du hehlen vergebens, Daß nun die Krone des Lebens Strahlend die Stirne dir schmückt. [Von den Halden herab] Von den Halden herab Rinnen Ströme von Licht, Durch die Wellen am Weiher Der Goldschein bricht. Es brennen die Rosen, Es funkelt der Bach, Es blitzt wie Silber Das Kirchendach. Die Augen der Menschen Leuchten so grell – Wohin dich flüchten, Kranker Gesell? Laß deine Liebste Lösen ihr Haar, Birg ihr am Busen Dein Augenpaar. Ward es von Wachen Und Weinen wund, Im Lockenschatten Schläft sich's gesund. [Heimlich aus der Höhe kam's] Heimlich aus der Höhe kam's, Geisterhaft gelinde, Von den trüben Augen nahm's Sacht die Nebelbinde. Und ich sah die Welt umher Frühlingsheiter prangen, Der ich blind und kummerschwer Lang vorbeigegangen. Mutter, war's dein sel'ger Geist, Der es sah mit Leide, Daß dein Kind so glückverwaist Sich vom Leben scheide? Oder war's mein Genius, Den es still erbarmte, Daß ich ohne Gruß und Kuß Winterlich verarmte? Wie ist nun in tiefstes Blau Nebeldunst verschwunden! Nur ein leiser Morgentau Kühlt die Lebenswunden. [In dem weißen Seidenhut] In dem weißen Seidenhut Könnt' ich heut noch dich betrachten, Wie wir damals frischverlobt Unsre Brautvisiten machten! Reizend war der Hut und fest Unterm Kinne zugebunden, Nicht dem grauen Hütchen gleich, Jenem übermüt'gen runden. Und so ehrbar winkten mir Deine sechzehnjähr'gen Augen, Ganz wie fragend: Sollten wir Nicht zur Hausfraunwürde taugen? Und wie dann dein Kindermund Ernsthaft mich zur Rede setzte, Weil ich bei den Tanten oft Gar zu tolle Sachen schwätzte! Doch ich überführte dich, Als nach Hause fuhr der Wagen, Daß wir beide musterhaft Angemessen uns betragen. Während deine Reden, Kind, Höchst gesetzt und weise waren, Schien ich selbst ein Sausewind, Kaum von hochzeitlichen Jahren. Muß nicht unsern Herzensbund Auch der ärgste Zweifler segnen, Wenn wir so der Jahre Kluft Überbrückend uns begegnen? Gar zu gerne wollt ich wissen, Was aus diesen Zügen spricht, Wie so schnell mich hingerissen Dieses reizende Gesicht. Manche sah ich, Blond' und Braune, Mir in Jugendblüte nahn; Warum wandelte die Laune, Sie zu lieben, nie mich an? Konnt' ich nicht in Fülle schauen lles, was das Herz begehrt: Sanfte Lippen, stolze Brauen, Weißen Hals, umhalsenswert? Dennoch wie am Zauberfädchen Lockte mich in raschem Gang Stets sich nach dies schlanke Mädchen, Eh' noch ihre Stimme klang; Eh' ein Hauch aus ihrer Seele Schüchtern sich zu meiner stahl, Und ich wußte: Die erwähle! Ach, dir bleibt ja keine Wahl. Jetzt, da ich bei Nacht und Tage Ihr Gesicht studieren mag, Bleibt die große Rätselfrage Dunkel wie am ersten Tag. Doch entsag' ich gern dem Wissen; Schauen ist die höh're Pflicht. Fort das Grübeln! Laß dich küssen, Unerforschlich süß Gesicht! [Den Wald durchläuft verworrner Stimmen Klang] Den Wald durchläuft verworrner Stimmen Klang, Der Winde seufzender Gesang, Des Taubers Gurren tief im Neste; Am Tag der Mücken schwirrend Geigenspiel, Und nun das Mondlicht durch die Büsche fiel, Des Hirsches Ruf, der dumpfgepreßte. Horch! endlos sich verschlingend irrt und schweift Das süße Flüstern. Welcher Sinn begreift, Was die Natur hinstammelt sommertrunken! Wir lauschten, unter Farn' und Dorngerank, Vom Wald umsäuselt auf der dunklen Bank, Und zählten hoch am Firmament die Funken. Ich hielt den Mund dicht an dein Ohr gepreßt. Weich wie das Vögelchen im Nest An deinem Busen lag mein Herz gebettet. Wir sprachen – was? wir wußten's selber nicht; Ein Stammeln war's, wie wenn die Seele spricht, Vom Bann der Weisheit losgekettet. Wie Blume, Baum und Strauch war uns geschehn. In unvernünftig sel'gem Einverstehn Fing unser Innres wortlos an zu lallen. Was Wunder! Sind nicht unsere Herzen auch Ein Stück Natur, wie Blume, Baum und Strauch, Des Einklangs froh mit den Geschwistern allen? [Ja, du bist noch jung und grün] Ja, du bist noch jung und grün, Kühl dein Blick, dein Lächeln herbe, Und sie schelten's eitles Mühn, Daß ich heut schon dich umwerbe. Doch dein Auge täuscht mich nicht, Das so schüchtern-stolz gesenkte, Nicht dein Mund, der ernst und schlicht Süße Glut noch keinem schenkte. Siehe, Kind, es gibt ein Land, Wo die Früchte zeitig reifen. Dorten lernte meine Hand Nach den süßesten zu greifen. Feigen wachsen dort zuhauf, Schlicht und grün zu allen Zeiten, Doch ihr Innres, bricht es auf, Trieft von roten Süßigkeiten. [Warum schweigst du, liebe Seele] Warum schweigst du, liebe Seele? Ach, verhehle Nichts dem Liebsten, nichts dem Freund! Wenn sich deine Wimpern senken, Muß ich denken, Daß dein Aug' um mich geweint. – »Nicht gepreßt von schwerem Kummer, Nur in stummer Bangigkeit erbebt mein Herz. Wie vor nahenden Gewittern Muß ich zittern: Ach, die Freude lockt den Schmerz! Fühlst du nicht, wie ich sie fühle, Diese Schwüle? Fast wie Schuld beklemmt Besitz. Da noch Herz an Herz wir pressen, Ach, indessen Lauert droben schon der Blitz.« – Laß es lauern, laß es blitzen! Wir besitzen, Was kein Schicksal fürder raubt. Auch sein Ärgstes droht vergebens: Wir erleben's Herz an Herzen, Haupt an Haupt. [Gerne schlief ich schon früher ein] Gerne schlief ich schon früher ein, Doch mein Herz, vor lauter Frohlocken, Daß die holde Geliebte mein, Läutete Sturm mit allen Glocken. Gerne hätt' ich noch länger geruht, Aber im Kopfe begann zu lärmen Eine tolle Gedankenbrut, Früh wie Bienen hinauszuschwärmen. Nichts als Verse und sehnendes Leid Schafft dies einsam nächtliche Wachen. O, es ist Zeit, es ist hohe Zeit, Endlich ein End' und Hochzeit zu machen! [Schier verdorben ist meine Hand] Schier verdorben ist meine Hand Zu jedem ernsten Geschäfte. Zu strengem Frauendienste verwandt Erschöpfte sie ihre Kräfte. Sie band so schwere Flechten los, Sie löste so feste Spangen; Sie scheuchte die Träne, die heimlich floß Von scheu erglühenden Wangen. Dann mußte sie nachts, statt auszuruhn, Ein klopfendes Herz beschwichten. Nun kann sie heute nur leichtes Tun Im Dienst der Musen verrichten. Ein lieblich ernstes Frauenprofil Hinkritzeln mit raschen Zügen, Oder mit träumerisch gleitendem Kiel Lieder zu Liedern fügen. Siesta Lieb, o lieb war die Nacht Mitten am hellen Tag, Als wir die Läden geschlossen, Als durch die schützenden Sprossen Goldige Dämmerung brach. Kühl, o kühl war der Saal, Drinnen die Welt uns verging, Da wir in seligem Schmachten Wandelten, flüsterten, lachten, Bis uns der Schlummer umfing. Süß, o süß war der Traum, Herz am Herzen geträumt! Über uns schwebend im Kreise Flattert' ein Schmetterling leise, Dunkel die Schwingen umsäumt. [O Saitenspiel] O Saitenspiel In schweigender Nacht, Wenn Tagesgewühl Zur Ruhe gebracht! Worte verschwimmen Im Meer des Seins, Flammen verglimmen, Hüpfenden Scheins. Nicht Ton und Gestalt, Nicht Farb' und Sinn; Mit dunkler Gewalt Nimmt Liebe dich hin. Eins nur fühlst du: Du bist zu Zwein. Auch das verdämmert, Traum spinnt dich ein. Dich stärkt die Welle Der Ewigkeit Für Himmel und Hölle Der nichtigen Zeit. [Trennt euch zuweilen] Trennt euch zuweilen, Ihr glücklich Liebenden! Ach, nur die Ferne Glüht Seel' und Seele Magisch zusammen; Ach, nur die Sehnsucht Vermählt euch ganz! Süß ist das Haben Arm in Armen, Süß sind die Gaben, Die lebenswarmen, Des geselligen Augenblicks. Wie reife Trauben, Des Gartens Zierde In sonnigen Lauben, Die voll Begierde Wir pflücken und naschen, Durstig des raschen, Trunkenen Glücks. Doch gleich dem Weine, Der aus der Kelter Trübe geflossen, Lange von dunkeln Reifen umschlossen, Bis er mit Funkeln Im Becher glüht: So kann nur Liebe Das Mark durchglühen, Die ausgereift ist In Sehnsuchtsmühen, Fern und alleine, Bis ihr die Blume, Die duftig reine, Dauernd erblüht. Trennt euch zuweilen, Ihr glücklich Liebenden! Besser, es trennen Euch weite Meilen, Als der Nähe Treiben und Jagen, Wo Herz dem Herzen Muß ferne schlagen Und Blicke scherzen In fremdem Glanz. Ach, nur die Ferne Glüht Seel' und Seele Magisch zusammen; Ach, nur die Sehnsucht Vermählt euch ganz! [Vor Tage weckte mich] Vor Tage weckte mich Mein klopfend Herz. Herz, und was klopfst du? Glück oder Schmerz? Rings säuseln die Bäume Im kalten Tau, Das letzte Sternlein Erlischt im Blau. Horch! unterm Schindeldach Der Marder schleicht; Ein schlafend Schwälblein Hascht er vielleicht. Über die Wehre stürzt Der Wildbach nieder; Schlaftrunken rührt sich Das Mühlrad wieder. Und dort – ein Hahnenschrei, Und bald wird's licht. Tag, o wie grau ist Dein Angesicht! Tag, der so lieblos Zwei Liebste trennt! Ach, bis zum Wiedersehn, Wer schlafen könnt'! [Das sommermüde Jahr verklingt] Das sommermüde Jahr verklingt. Im kahlen Wald kein Vogel singt, Der Wind saust über die Heide. Ein Feuerlein ist im Kamin entfacht, Da singen wir sacht, Mein Herz und die Flamme, wir beide. Keine Lilie mehr, keine Ros' im Beet, Ein Korb voll Trauben am Fenster steht, Süßfeurig im purpurnen Kleide. Ich sprühe den Saft in die durstige Glut, Nun flackern wir gut, Mein Herz und die Flamme, wir beide. Meine Liebste kommt, zu teilen den Schmaus, Der Mond glimmt über die Wipfel hinaus, Sieht unsere Lust mit Neide. Das Feuer verlischt, wir schauen ihm zu, Dann finden wir Ruh', Mein Herz und die Flamme, wir beide. [Horch, wie durch die Wipfel schwirrt] Horch, wie durch die Wipfel schwirrt Tausendstimmiger Vogelsang! Was da nur geplaudert wird, Nimmer dünkt die Zeit dir lang. Wie wenn nachts die Liebste spricht, Träumend noch in Schlummers Hut. Was sie meint, du rätst es nicht, Alles klingt so lieb und gut. Siehe, wie durchs Laubgeäst Milde glänzt das Sonnenlicht! Schließe nur die Augen fest, Kosend spielt's um dein Gesicht: Wie die Liebste naht bei Nacht, Wenn du schlummerst traumentrückt Und auf deine Augen sacht Ihre weichen Lippen drückt. [Ich war schon so alt] Ich war schon so alt, Nun bin ich so jung, Als lebt' ich von neuem mein Leben. Schön ist die Welt! Kühn wie ein Held Möcht' ich mein Banner erheben. Ich war schon so stumm, Nun sing' ich so hell – Tandaradei! im Grünen. Schön ist die Welt! Honiggeschwellt Summen und taumeln die Bienen. Ich war schon so frech, Nun bin ich so fromm Und blicke voll Andacht zur Sonne. Schön ist die Welt! Mein Liebste hält Am Busen ihr Kind voll Wonne. [Schönster Tag, nun gute Nacht] Schönster Tag, nun gute Nacht! Wie viel Freuen und Frohlocken, Lieb' und Lust und Blütenflocken, Herrlicher, hast du gebracht! Siehe, wie die Schatten sacht Unsern Waldespfad umgrauen! In den lichten Himmelsauen Ist der erste Stern erwacht. Sei willkommen, Sternenpracht! Stille nun die Lust allmählich! Heimwärts ziehn wir, stumm und selig – Schönster Tag, nun gute Nacht! [Sanft unterm Fittich der Nacht] Sanft unterm Fittich der Nacht Schläft nun der hastige Wind. Komm! laß uns schweigen und lauschen! Wälder und Ströme, sie rauschen Nur wie im Traum noch gelind. Stürme, im Busen entfacht, Zitternd veratmet ihr Chor. Ruhiger, ohne Gefährde Brennen auf ewigem Herde Flammen der Seele empor. Folgend der himmlischen Macht Lodern sie herrlich in eins. Mild wie durch Opfergedüfte Blicken die Sterne der Lüfte Niederwärts segnenden Scheins. [Mit Sausen und Brausen] Mit Sausen und Brausen Der Bach kommt geschossen, In Sprüngen und Possen Vollbringt er den Lauf. Die Welle wie helle! Er träumt nur vom Meere, Und Schleusen und Wehre – Nichts hält ihn nun auf. Doch drunten im Grunde Er stutzt an der Mühle! Nun enden die Spiele, Er strudelt und kocht. Trotz Schämen und Grämen In saurem Geschäfte Verbrausen die Kräfte, Vom Rad unterjocht. Vorüber das Fieber! Die Frone geendigt! Nun dehnt er gebändigt Zum Weiher sich aus. Die Welle wie helle! Nicht lockt ihn die Ferne; Er spiegelt die Sterne Und Garten und Haus.