Literarische Liebenswürdigkeiten Judenjungen, deren Bildung im Schweinefleischessen besteht, spreitzen sich auf den kritischen Richterstühlen, und erheben nicht nur Armseeligkeitskrämer zu den Sternen, sondern injuriiren sogar ehrenwerthe Männer mit ihren Lobsprüchen, – Reimschmiede, die so dumm sind, dass jedesmal, wenn ein Blatt von ihnen ins Publikum kommt, die Esel im Preise aufschlagen, heissen ausgezeichnete Dichter, – Schauspieler, die so langweilig sind, dass natürlich alles vor Freuden klatscht, wenn sie endlich einmal abgehn, heissen denkende Künstler, – Vetteln, deren Stimmen so scharf sind, dass man ein Stück Brod damit abschneiden könnte, titulirt man ächt dramatische Sängerinnen! – Die Muse der Tragödie ist zur Gassenhure geworden, denn jeder deutsche Schlingel nothzüchtigt sie und zeugt mit ihr fünfbeinige Mondkälber, welche so abscheulich sind, dass ich den Hund bedaure, der sie anpisst! Die Wörter: »genial, sinnig, gemüthlich, trefflich« werden so ungeheuer gemissbraucht, dass ich schon die Zeit sehe, wo man, um einen entsprungenen, über jeden Begriff erbärmlichen Zuchthauskandidaten vor dem ganzen Lande auf das unauslöschlichste zu infamiren, an den Galgen schlägt: N.N. ist sinnig, gemüthlich, trefflich und genial! – O, stände doch endlich ein gewaltiger Genius auf, der, mit göttlicher Stärke von Haupt zu Fuss gepanzert, sich des deutschen Parnasses annähme und das Gesindel in die Sümpfe zurücktriebe, aus welchen es hervorgekrochen ist! Christian Dietrich Grabbe 1. Ballade Kennt ihr das Lied, das alte Lied Vom heilgen Hain zu Singapur? Dort sitzt ein alter Eremit Und kaut an seiner Nabelschnur. Er kaut tagaus, er kaut tagein Und nährt sich kärglich nur und knapp, Denn ach, er ist ein grosses Schwein Und nie fault ihm sein Luder ab! Rings um ihn wie das liebe Vieh Wälzt sich zerknirscht ganz Singapur Und »Gott erhalte«, singen sie, »Noch lange seine Nabelschnur!« Denn also geht im Volk die Mähr Und also lehrt auch dies Gedicht: Wenn jene Nabelschnur nicht wär, Dann wär auch manches Andre nicht. Dann hätte beispielsweise Lingg Nie völkerwandernd sich verrannt Und Wagners Nibelungenring Wär stellweis nicht so hirnverbrannt. Uns hätte nie Professor Dahn Urdeutsch dozirt von A bis Z Und kein ägyptischer Roman Verzierte unser Bücherbrett. Wolffs Heijerleispoeterei, Kein Baumbach wär ihr nachgetatscht, Und Mirzas Reimklangklingelei Summa cum laude ausgeklatscht. Dann schlüge endlich unsrer Zeit Das Herz ans Herz der Poesie, Das Rütli schwüre seinen Eid Und unser Tell wär das Genie. So aber so – frei, fromm und frisch Kaut weiter jener Nimmersatt; Sein eigner Schmerbauch ist sein Tisch, Sein –wisch ein Bananenblatt. Und um ihn wie das liebe Vieh Wälzt sich zerknirscht ganz Singapur Und »Gott erhalte«, singen sie, »Noch lange seine Nabelschnur!« 2. Stoßseufzer! Heut misst man die Bücher mit Ellen Ein wahrer Papier-Ocean! Tagtäglich drei neue Novellen, Tagtäglich ein neuer Roman! In süsslicher Selbstpanegyrik Entwässert in jedes Journal Die unvermeidliche Lyrik Ihre Thränenkübelmoral. Die Welt ist nimmer die alte, Sie stinkt wie ein Limburger Käs Und bringt in jeder Spalte Sechs Tohuwabohuessays. Der Zeitgeist diktirt seinem Kater Eine gallige Selbstparodie Und krank liegt das deutsche Theater An chronischer Selbstmordmanie. Die Kunst war einst unwiderstehlich, Wie die Lurlei hoch über dem Rhein, Doch heute denkt jeder: O selig, Ein Wiederkäuer zu sein! Dort liegen Herrn Hartmanns Schriften, Weiss Teufel, der Kerl hat Recht – Ich möchte die Welt vergiften Mit meinem Stiefelknecht! 3. Anathema sit! Viele Wörter sind auf is Masculini generis, Viele stehn im Daniel Sanders, Viele stehn auch noch wo anders, Doch verhasst vor allen sind Diese mir, mein liebes Kind: Weihrauchfässer und Crucifixe, Tinte, Schwefel und Stiefelwichse, Englische Peers und russische Knuten, Türkische Paschahs und deutsche Rekruten, Throne, Kasernen und Schweinekofen, Parvenüs und Naturphilosophen, Enten, Seeschlangen, Juden und Zwiebeln, Alte Jungfern und enge Stiebeln, Weisse Handschuh und schwarze Fräcke, Krinolinen und Chapeau cläque, Schnupftabaksdosen und Mädchen für Alles Und – last not least– ein unsterblicher Dalles! Sympathisch zwar und angenehm Ist meiner Treu mir keins von dem; Doch bei vernünftiger Beschauung Stört mich auch keins in der Verdauung. So leb ich lustig comme il faut Wie jener Mops im Paletot. Nur Eins macht stets mich tapfer weichen Und lässt mich kreideweiss erbleichen .... O Gott, mir wird das Herz so schwer: Nachbarin, euer Fläschchen her! Das Wort bleibt mir im Halse stecken, So oft ich auch daran gedacht – Das ist der schrecklichste der Schrecken: Ein Schöngeist, der in Versen macht! 4. Einem Glacédemokraten Komm, Freund, dass ich die Hand dir fasse, Du bist wie ich ein jeune garçon Und führst das Elend aus der Gasse Durch deine Lieder in den Salon. Du hüllst sie in Gold und Purpur ein, Nun wird die Armuth unsterblich sein. Ich weiss, du liebst es hoch zu Rosse Zu schütteln den Speer deiner Poesie, Drum duftet sie auch nie nach der Gosse Und stinkt beträchlich nach Patchouli. Famos! schon wird vor Bewundrung stumm Das höhere Töchterpublikum. Vergnüglich hockst du hinterm Ofen, Des Fortschritts Ziel hast du entdeckt Und so zu sagen mit deinen Strophen Den weissen Mohren schwarz geleckt. Kein Lied, das die rothe Rache preist, Kein Aufschrei, der uns das Herz zerreisst! Ich würde dir gern ein Krönchen kleistern, Du weist, ich bin kein Nihilist; Doch kann ich mich nicht recht begeistern; Dieweil es mir mitunter ist: Als lachte durch jedes Hungergedicht Dein wohlgenährtes Prostmahlzeitsgesicht! 5. Tagtäglich Tagtäglich wispert die Kritik: »O wirf ihn fort den Hungerknochen! Es hat die leidige Politik Schon Manchem hier den Hals gebrochen. Auch meine Galle schwimmt in Groll, Doch wozu ihn versificiren? Die Welt ist heute prosatoll Und wird ihn schwerlich honoriren. Such lieber hohe Protection, Dein Sozialismus ist uns schnuppe, Denn schliesslich wärmst du nur, mein Sohn, Die achtundvierzger Bettelsuppe. Drum still, du Sturm im Wasserglas, Und reime fortab nur auf »Triebe« – Du säst wie Lucifer nur Hass, Das Herz der Kunst heisst aber Liebe!« Ich hör's und fluche: Sapprement! Zwar lieblich locken die Moneten, Doch fehlt mir leider das Talent Zum schwarzweissrothen Hofpoeten. Ich pfeif auf euern Fahneneid, Ich pfeif auf eure feigen Possen! Ins schwarze Schuldbuch unsrer Zeit Sind meine Verse rothe Glossen! Drum bitte, mir drei Schritt vom Leib Mit euern Tombackpoesieen Und zischt nicht wie ein feiles Weib: Tritt ein in unsre Koterieen! Thät ich's, ich wär ein Halb-Poet, So aber ruf ich durch die Gassen: Die Welt, die sich um Liebe dreht, Weiss auch das Hungertuch zu hassen! 6. F. v. B. Ein Quentchen Herz, ein Quentchen Hirn, Die schlanke Nase kühn gekurvt Und die gedankenhohle Stirn Gedankenvoll »gefaltenwurft«: So seh ich ihn, verblichnen Airs, Den alten, goldbebrillten Knaben – O, F.v.B., das Beste wär's, Du liessest endlich Dich begraben! Begnadge Feder und Papier Und ziehe endlich die Moral, Du siehst, ich mein es gut mit Dir Und bin wie immer radikal. Was hast Du um die Zeit der Noth Auch heut in dieser Welt zu suchen? Wir Dichter schrein nur noch nach Brot Und nicht wie Du nach Kaffeekuchen! Kein Mensch ist mehr zuleikatoll, Dein Bülbülschwindel ist verkracht, Und ein entsetzlich tiefer Groll Ist jählings mit uns aufgewacht. Drum gecke weiter, alter Geck, Und schwärme vom Medschidscheorden, Wir – schreiten über Dich hinweg, Denn anders ist die Welt geworden! Sie schwelgt nicht mehr »an Baches Strand« Und sucht verzückt das Blümlein »Blau«, Sie hat sich endlich selbst erkannt Und plant den grossen Zukunftsbau. Zum Factum macht sie die Idee Und lacht der Schwärmer hinterm Ofen – Was sollen ihr nun, F.v.B., Was sollen ihr nun Deine Strophen? Ein Musterstück für Versdressur, Ein farblos Nichts, das bunt lackirt, Vergleichbar einer Kinderuhr, Die »fingerdick mit Gold beschmiert« – So ungefähr als Mann von Fach Würd ich den Mischmasch kritisiren; Doch nein, auch das ist noch zu schwach, Dein Witz ist ledern zum Crepiren! Drum noch einmal: Streu Sand aufs Blatt Und schreibe endlich Punktum drauf! Wir sind den alten Krimskrams satt Und athmen täglich freier auf. Wir wünschen Dir, weil Du ergraut, Auch schliesslich noch ein langes Leben; Nur darfst Du nie, was Du verdaut, In Versen wieder von Dir geben! Denn traurig ist's mit anzuschaun, Wenn ein zerbrochner Hampelmann Noch immer thun will wie ein Faun Und doch nicht kann, o Gott, nicht kann! Dann zuckt's mir durch das Herz: Er weint! Gespenstisch däucht mir seine Glatze, Und wenn die Sonne drüber scheint, Verklärt sie golden – eine Fratze! 7. Wie es kam Sie sassen in Walhall und tranken, Die Kukukuhr schlug Eins, Patagonier, Inder und Franken, Confuzius, Kant und Prinz Heinz. Sie sassen und tranken und Plato –Der Windhund sass neben Silen! – Silentium, rief er, bis Dato Geht nichts mir über Athen! Athen mit seiner Athene Und Phidias, dem griechischen Kiss, Athen und notabene Seine Akropolis! Virgil zerschlug seinen Humpen Und brüllte: Rom, Hund, Rom! Auch sein Nebenmann liess sich nicht lumpen: O Stadt am Gangastrom! Teut Michel pries keusch Buxtehude Und machte dazu: Hem Hem! Und Salomo, der Jude, Plädirte: Jerusalem! Napoli vedi e mori! Ein Kerl im Frack hat's geschnalzt, Bis meuchlings ein frecher Mahori Ihm gründlich die Suppe versalzt. Da erhub sich vom goldenen Stuhle, Das Trinkhorn in der Hand, Der alte König von Thule Und küsste sein Burschenband. Es blitzte sein Schläger im Weine, Es klang so voll, so weich: Alt Heidelberg, du Feine, Du Stadt an Ehren reich! Alt Heidelberg, du Feine – Wie das ins Herz ihm schnitt! Er sang es nicht mehr alleine, Zehntausend sangen es mit! Es sang es der ganze Chorus, Childe Harold brummte: All right! Und selbst der König Porus Rief: Wetter, das Ding hat Schneid! Derweilen, draussen vorm Thore, Stand lauschend ein deutscher Scholar, Der eben seiner Lore Lachend entlaufen war. Der hatte kein Wörtlein verloren, Der fing einen Sonnenstrahl Und gab ihm verträumt die Sporen Und ritt ins Neckarthal. Und heute, im Abendscheine, Jeder Vogel singt es vom Blatt: Alt Heidelberg, du Feine, Alt Heidelberg, du Stadt! 8. So ist's! Auf diesem schönsten der Planeten Erheben furchtbar ihr Geschrei Die theegepäppelten Poeten Der Höhern-Töchterclerisei: »Schon wieder Einer, der revoltert, Schon wieder Einer, der nur schreit: Der Menschheit Herz habt ihr gefoltert, Ich bin der Geist der neuen Zeit! Was will der Lump? Was? Räsonniren? Der Kerl, scheint's, hat den grossen Floh! So jung noch und schon kritisiren! O tempora! sagt Cicero. Hm! Jedenfalls sitzt er im Dalles, Doch, Teufel ja, wie dem auch sei! Wir dulden alles, alles, alles, Nur nicht Tendenzenreiterei! Die Poesie ist keine Pfütze, Sie brennt nicht wie ein Lampendocht, Und nichts gilt uns ein Kopf voll Grütze, Wenn sie das Herz nicht weich gekocht!« Schon gut! So hört doch auf mit Schelten Und schlagt mir nicht die Fenster ein! Gewiss, ihr Herrn, ich lass es gelten: Der Mensch lebt nicht von Brot allein! Die Lerchen jubeln noch und klettern An ihren Liedern in die Luft Und dunkle Hochgewitter wettern Noch nächtlich über Wald und Kluft. Noch immer blüht im Lenz der Flieder, Im Sommer duftet der Jasmin, Die Nachtigall singt ihre Lieder Und jeder Ton ein Blutrubin. Und macht der Herbst dann seine Runde, Umkreist das Adlerweib den Horst, Dann wandert um die Mittagsstunde Die Sonne golden durch den Forst. Dann lieg ich träumerisch im Grase Und freu mich, dass die Erde rund, Und oft versetzt mich in Extase Ein heisser, rother Frauenmund. Und doch – o heilige Hippokrene! – Wenn ihr das Ding so süss bereimt, In Goldschnitt »gb.« notabene Und roth mit Callico beleimt: Fällt mir der Nürnberger Trichter Und Geibels schöner Wahrspruch ein: Man kann ein guter lyrischer Dichter Und doch ein dummer Teufel sein! 9. Die deutschen Denker an die deutschen Dichter Wohl reiht ihr Reim an Reime Und fügt zum Wort das Wort, Doch eurer Saaten Keime Uns dünken sie verdorrt – Verdorrt, noch eh die Sichel Der Zeit sie jäh durchkracht Und so dem deutschen Michel Die Arbeit leichter macht. Denn ach, euch ging verloren Der Dinge Gang und Grund, Ihr hört mit tauben Ohren Und sprecht mit stummem Mund. Doch wehe eurer Scheitel Am Tage des Gerichts, Denn was ihr singt ist eitel, Und was ihr sagt ist nichts! Und doch, ging je vor Zeiten Der Sänger mit dem Sieg, Dann gilt es heut zu streiten In einem heilgen Krieg. Denn nicht um Hof und Heerde Schlägt unser Herz und schwillt: Heut ist's die ganze Erde, Der unser Sterben gilt! Seit Urbeginn schon gährte Es tief im Schooss der Zeit Und jede Stunde nährte Den grausen Widerstreit. Doch heute erst entrauchte Die Lohe ihrem Schacht Und blutig überhauchte Sie das Gewölk der Nacht. Und weh, das Glück zerschellte, Was ganz war, brach entzwei, Und durch die Lande gellte Ein einzig lauter Schrei. Mit Mehlthau übernetzte Das Feld sich weit und breit Und es begann der letzte, Der Bürgerkrieg der Zeit. Nun rast er durch die Auen Und spielt sein wildes Spiel Und uns durchrinnt ein Grauen, Bedenken wir sein Ziel. Die Tafel der Gesetze Zerbarst wie sprödes Glas, Die Tugend ward zur Metze, Die Liebe ward zum Hass. Die Wahrheit liegt im Staube, Die Hoffnung sitzt und weint, Gestorben ist der Glaube Und ach, das Herz versteint! Des Wahnsinns Schlangen zischen Und Alp thürmt sich auf Alp Und wüst erschallt dazwischen Der Tanz ums goldne Kalb. Doch nahn schon Gottes Boten Und ihre Stimme spricht: Lebendig sind die Todten Und nahe das Gericht! Der Erdball wankt und zittert, Des Himmels Wolken drohn Und durch die Lande wittert Der Hauch des Todes schon. Ihr aber, die zu Wächtern Des Heiligthums bestellt, Ihr habt euch den Verächtern Des Himmels zugesellt; Denn wenn der Donner rollte, Verschlosst ihr euer Ohr, Und wenn die Brandung grollte, Wer war's, der sie beschwor? Ihr stammelt wie die Kinder, Dass niemand euch versteht, Und jeder Reimverbinder Ist heute ein: Poet! Sich selbst singt er im Liede Und macht es sich bequem, Als wäre der ewige Friede Schon mehr als ein Problem! Doch nun genug der Schande, Auf, auf! und greift zur Wehr Und wandert durch die Lande Und rudert übers Meer! Streift ab die blumigen Ketten Und folgt uns in den Krieg, Denn noch sind sie zu retten Die Ehre und der Sieg! Und dräut auch manche Wolke Euch schwarz am Horizont, O haltet treu zum Volke, Ihr habt's noch nie gekonnt! Nach ihm streckt seine Krallen Siebenfach die Noth; Der schrecklichste von allen Ist doch der Kampf ums Brot! Zerknechtet und zerknetet, Es kennt sich selber nicht; Drum singt und wacht und betet: Mehr Licht, o Gott, mehr Licht! Und kehrt der Friede wieder Dereinst nach Kampf und Streit, Dann singt: Das Lied der Lieder, Das ist das Lied der Zeit!