Phantasus Ihm mit Staunen blickt ich nach; Doch, wenn mir die Kraft gebrach, Um ihm nachzuringen, Dacht' ich bang: genug! genug! Brechen müssen bei dem Flug Endlich seine Schwingen. Und es kam, wie ich gedacht: Um sein frühes Grab bei Nacht Flattert die Phaläne; Wo so oft er bei mir sass, Blieb ich einsam, und ins Glas Rieselt eine Thräne. Adolf Friedrich Graf von Schack Have anima candida! Armer Freund! Nicht hinter jedem Tempelvorhang verbirgt sich eine nackte Venus: dein Herz war mehr als gross, dein Herz war rein! O, dass jetzt der Todtenwurm um dein leuchtendes Lockenhaupt sein widriges Netz spinnt! Du starbst! Doch du starbst im Frühling und über dein frisch geschaufeltes Grab hin klagte die Nachtigall der Rose ihre ewige Sehnsucht .... Nein, der Frühling ist kein Kind! Die frommen Maler, die ihm zärtliche Schmetterlingsflügel an die Schultern logen, haben ihn nie auf seinem feuerschnaubenden Sturmross Nachts durch die Lüfte taumeln gesehn! Hat er nicht oft schon, droben im Bergwald, trotzige Wettertannen entwurzelt? Und schleudert der Thau, der vom Mantel ihm tropft, nicht Felsblöcke zu Thal? Felsblöcke, so gross wie Kirchthürme? Nein, der Frühling ist kein Kind! Ein Gigant ist der Frühling und seine Thaten sind Legion! Aber seine grösste war's doch, dass er dir das Herz brach! Denn ich weiss, du bist sein Liebling gewesen. Doch ich klage nicht! Was solltest du auch hier auf dieser närrischen Kugel? Das goldene Elend deiner Mitwürmer machte dich melancholisch und wenn ein Hammer auf seinen Ambos sauste, fuhr's dir durchs Herz wie ein Stich, denn die Zeit des dritten Testaments ist noch fern. Armer Freund! Wäre deine Seele, deine unsterbliche Seele, nicht von Krystall gewesen, sie wäre nicht zersprungen. Sie wäre nicht zersprungen und du selbst wärst jetzt glücklich. Glücklich, wie wir brutalen Kieselsteinseelen es eben sein können. Doch ich will nicht glücklich sein! Ich will nicht wie ein Thier sein und das Schwein zum Schwager haben! Ich pfeife auf ihre spiessbürgerliche Verdauungsmoral! Mein stilles Leben wird fortab ein Kampf sein. Und mein Lied ein Racheschrei. Ein wilder, blutrünstiger Aufschrei um dich und deine todten Hoffnungen, die hingemordeten Kinder deines Herzens! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . O, wie dunkel es ist! Lang, lang ist dem Schlaflosen die Nacht und Träume umgaukeln nur Kinder und Thoren! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wann, o ihr Brüder, wird uns das Frühroth, das ewige Frühroth, Erlösung ins Herz blitzen? Liegen wir knirschend und staubbesät nicht schmählich am Boden? Knirschend und staubbesät, wie gefesselte Titanen? Doch verzagen lasst uns nicht inmitten dieser blöden Bestien und falschen Schlangen! Wenn der Gebetriemen reisst, thut der Fluch seine Pflicht. Löwen weinen nicht, Löwen brüllen! Und der Weg zur Wahrheit führt durch den Kerker! Drum schaart euch zusammen, ihr Söhne des Ormuzd, lasst eure Banner sich mit Herzblut bespritzen und taucht sie golden ins Licht der Zukunft! Tod der Lüge! Mich aber lasst euern Winkelried sein, denn der Tod ist mein Freund und ich habe mehr zu rechten und zu richten als ihr! Seht ihr sie dort heranschleichen, die Enkel der Ahriman, die Priester des Moloch – vipernzüngig und katzenäugig? Wacht auf, ihr Götter in goldner Hochburg, denn euer Mord ist ihre Parole und ihr Feldgeschrei der Verrath! Ihre Waffen sind nicht assyrische Sichelwagen und indische Elephanten. Ihre Waffen sind vergiftete Pfeile und nur Wenige beseelt der Muth des Nahkampfs. Erst, wenn ihr Speerwald die Brust mir durchbohrt, wird mir wohl sein! Und so brech ich denn los: Tod der Lüge! Den Stahl in der Faust und im Herzen – eine Thräne. Armer Freund! 1. Ihr Dach stiess fast bis an die Sterne, Vom Hof her stampfte die Fabrik, Es war die richtge Miethskaserne Mit Flur- und Leiermannsmusik! Im Keller nistete die Ratte, Parterre gab's Branntwein, Grogk und Bier, Und bis ins fünfte Stockwerk hatte Das Vorstadtelend sein Quartier. Dort sass er nachts vor seinem Lichte – Duck nieder, nieder, wilder Hohn! – Und fieberte und schrieb Gedichte, Ein Träumer, ein verlorner Sohn! Sein Stübchen konnte grade fassen Ein Tischchen und ein schmales Bett; Er war so arm und so verlassen, Wie jener Gott aus Nazareth! Doch pfiff auch dreist die feile Dirne, Die Welt, ihn aus: Er ist verrückt! Ihm hatte leuchtend auf die Stirne Der Genius seinen Kuss gedrückt. Und wenn vom holden Wahnsinn trunken, Er zitternd Vers an Vers gereiht, Dann schien auf ewig ihm versunken Die Welt und ihre Nüchternheit. In Fetzen hing ihm seine Blouse, Sein Nachbar lieh ihm trocknes Brod, Er aber stammelte: O Muse! Und wusste nichts von seiner Noth. Er sass nur still vor seinem Lichte, Allnächtlich, wenn der Tag entflohn, Und fieberte und schrieb Gedichte, Ein Träumer, ein verlorner Sohn! 2. Durch eine unverdiente Gnade Die Sinne wunderbar erhellt, So wandl' ich sinnend diese Pfade, Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Kein Erdenweib, vor dem ich kniete, Nein, schöner ist mein Herz entbrannt: Mich liebt die Göttin Aphrodite, Die Königin von Griechenland! Die goldne Traumwelt der Hellenen, In mir ward sie zur Melodie; Die ewge Schönheit ist mein Sehnen, Mein Flügelross die Phantasie. Kein Sänger drum, vor dem ich kniete, Mein Lied, es blitzt wie ein Demant: Mich liebt die Göttin Aphrodite, Die Königin von Griechenland! Seit unvordenklichen Aeonen War sie's schon, die das Scepter schwang, Und dienstbar sind ihr die Nationen Vom Aufgang bis zum Niedergang. Kein König drum, vor dem ich kniete, Denn purpurn wallt auch mein Gewand: Mich liebt die Göttin Aphrodite, Die Königin von Griechenland! Der Jnder nennt die Gottheit Brahma, Doch ach, schon anders der Buddhist; Ich bin mein eigner Dalai Lama, Ich bin mein eigner Jesus Christ! Kein Tempel drum, in dem ich kniete, Die ganze Welt ist mir ein Tand: Mich liebt die Göttin Aphrodite, Die Königin von Griechenland! 3. Die Nacht verrinnt, der Morgen dämmert, Vom Hof her poltert die Fabrik Und walkt und stampft und pocht und hämmert, Ein hirnzermarterndes Gequik! Die Nacht verrinnt, der Traumgott ruht nun, Die Welt geht wieder ihren Lauf, Zum Himmel spritzt der Tag sein Blut nun, Die Nacht verrinnt und seufzend thut nun Das Elend seine Augen auf! Die Schläfen zittern mir und zucken, Denk ich, o Volk, an deine Noth, Wie du dich winden musst und ducken, Dich ducken um ein Stückchen Brod! Du wälzst verthiert dich in der Gosse Und baust dir selbst dein Blutgerüst, Indess in goldener Karosse, Vor seinem sandsteingelben Schlosse Der Dandy seine Dirne küsst! Die Ritter von der engen Taille, Das sind die schlimmsten aus dem Corps, Sie schimpfen hündisch dich Kanaille! Und haun dich schamlos übers Ohr. Was kümmert sie's, wenn Millionen Verreckt sind hinterm Hungerzaun? Noch giebt's ja lachende Dublonen, Kasernen, Kirchen und Kanonen Und – köstlich mundet ein Kapaun! O sprich, wie lang noch soll es dauern, Das alte Reich der Barbarei! Noch stützen tausend dunkle Mauern Die feste Burg der Tyrannei. Doch ach, dein Herz ward zur Ruine, Du lächelst nur und nickst dazu! Denn auch der Mensch wird zur Maschine, Wenn er mit hungerbleicher Miene Das alte Tretrad schwingt wie du! 4. An seiner Kettenkugel schleppe, Wen nie sein Sclaventhum verdross, Doch mich trägt wiehernd durch die Steppe Arabiens weissgestirntes Ross. Ein grüner Turban schmückt das Haupt mir, Von Seide knittert mein Gewand, Und jeder Muselmensch hier glaubt mir, Ich wär der Fürst von Samarkand! Das Land, das ewig norddurchwehte, Ich sprach mich grollend von ihm los, Ein Perser bin ich nun und bete Allah il Allah, Gott ist gross. Ein grüner Turban schmückt das Haupt mir, Von Seide knittert mein Gewand, Und jeder Muselmensch hier glaubt mir, Ich wär der Fürst von Samarkand! Im Schatten einer Tamariske Winkt gastlich mir ein weisses Zelt Und drin die schönste Odaliske, Die allerschönste von der Welt. Ein grüner Turban schmückt das Haupt mir, Von Seide knittert mein Gewand, Und jeder Muselmensch hier glaubt mir, Ich wär der Fürst von Samarkand! Beim Nektar der verbotnen Rebe Fällt mir wohl manch ein Skolion ein, Doch da ich Lieder eben lebe, Lass ich sie ungesungen sein. Ein grüner Turban schmückt das Haupt mir, Von Seide knittert mein Gewand, Und jeder Muselmensch hier glaubt mir, Ich wär der Fürst von Samarkand! 5. Und wieder hat das Rad der Stunde Sich zwölfmal um sich selbst gedreht, Und wieder fühlst du deine Wunde Und ächzst und stöhnst wie Philoktet! Denn dir, auch dir rollt's durch die Adern Und durchs Gehirn wie heisses Blei; Gigantisch thürmst du deine Quadern, Mit Gott im Himmel willst du hadern Und deine Seele ringt im Schrei! Dein Herz steht wie die Welt in Blüthe, Gehüllt in silbergrauen Dunst, Und mächtig fühlst du's im Gemüthe: Du bist ein Priester deiner Kunst! Des Lebens goldne Kronen winken, Die Rosen stehen weiss und roth; Du fühlst sie duften, siehst sie blinken, Doch scheu musst du vorüberhinken, Denn ach, dir fehlt dein täglich Brod! Beneidenswerth in Forst und Fluren Das Schwein um seine Eichelmast! Die ärmste aller Kreaturen Ist doch ein dichtender Phantast! Der Bettler dort an seiner Krücke, Er ist nicht halb so arm wie du ... Dir brach dein Himmel wüst in Stücke, Er aber träumt von seinem Glücke – O Gott, nur zu, nur immer zu! Du Licht, das mir ins Hirn gelodert, Wozu die alte Litanei? Ist doch so viel hier schon vermodert, O, wärst auch du, auch du vorbei! Dann wär der alte, blinde Lärmer Ein dunkelbraunes Klümpchen Lehm; Dann wär die Welt um einen Schwärmer, Um einen Hirnverrückten ärmer Und rollte weiter, wie vordem! 6. Ein Königreich für eine Leier! Zwar eine Krone trug ich nie, Doch ihren bunten Majaschleier Wand mir um's Haupt die Poesie. Die dunkle Nacht, die mich geboren, Hat sie als Sternbild süss erhellt; Sie sprach: Sei du der Thor der Thoren, Denn dein Herz ist das Herz der Welt! Wer träumt so straflos unter Palmen, Wie wir, mein Liebling, ich und du? Der Urwald rauscht mir seine Psalmen, Das Weltmeer seine Hymnen zu. Ich höre Nachts, wenn fern im Fernen Ein Schakal in das Mondlicht bellt, Und spiele Fangball mit den Sternen, Denn mein Herz ist das Herz der Welt! Als Tod mit Stundenglas und Hippe Schlich ich um manchen morschen Thurm, Der Aar gehört in meine Sippe Und Bruder nenn ich jeden Wurm! Selbst jene Sonne, die seit Newton Sich rhytmisch um sich selber schnellt, Mit meinem Hirn muss sie verbluten, Denn mein Herz ist das Herz der Welt! Von Capland, Mexiko bis Medien, Gefunden ist der Weisheit Stein! Von allen Bergen will ich's pred'gen, In alle Herzen will ich's schrein! Und ist das All auch nur ein Plunder, Der lachend einst in nichts zerfällt: Ich bin das Wunder aller Wunder, Denn mein Herz ist das Herz der Welt! 7. Die Nacht liegt in den letzten Zügen, Der Regen tropft, der Nebel spinnt ... O, dass die Märchen immer lügen, Die Märchen, die die Jugend sinnt! Wie lieblich hat sich einst getrunken Der Hoffnung goldner Feuerwein! Und jetzt? Erbarmungslos versunken In dieses Elend der Spelunken – O Sonnenschein! O Sonnenschein! Nur einmal, einmal noch im Traume Lasst mich hinaus, o Gott, hinaus! Denn süss rauscht's nachts im Lindenbaume Vor meines Vaters Försterhaus. Der Mond lugt golden um den Giebel, Der Vater träumt von Mars-la-Tour, Lieb Mütterchen studirt die Bibel, Ihr Nestling colorirt die Fibel Und leise, leise tickt die Uhr! O goldne Lenznacht der Jasminen, O wär ich niemals dir entrückt! Das ewge Rädern der Maschinen Hat mir das Hirn zerpflückt, zerstückt! Einst schlich ich aus dem Haus der Väter Nachts in die Welt mich wie ein Dieb, Und heut – drei kurze Jährchen später! – Wie ein geschlagner Missethäter, Schluchz ich: Vergieb, o Gott, vergieb! Wozu dein armes Hirn zerwühlen? Du grübelst und die Weltlust lacht! Denn von Gedanken, von Gefühlen, Hat noch kein Mensch sich satt gemacht! Ja, Recht hat, o du süsse Mutter, Dein Spruch, vor dem's mir stets gegraust: Was soll uns Shakespeare, Kant und Luther? Dem Elend dünkt ein Stückchen Butter Erhabner als der ganze Faust! 8. O, lasst mir meine Himmelsleiter! Und fragt mich nicht: Woher – wohin? Nur weiter, weiter, immer weiter ... Ihr wisst ja doch nicht, wer ich bin! Ich bin ein Adler und ich fliege, Die Ewigkeit ist mein Gewand, Das Herz der Welt ist meine Wiege, Die Menschheit ist mein Vaterland! Noch grub kein leuchtender Gedanke Sich tief in eines Denkers Stirn, Der nicht schon, stolz auf seine Schranke, Gelodert hier durch dies Gehirn! Ich bin ein Adler und ich fliege, Die Ewigkeit ist mein Gewand, Das Herz der Welt ist meine Wiege, Die Menschheit ist mein Vaterland! Die Länder mein und mein die Meere, So weit die Sonne sie bescheint, Und ich bin's, dem die Bajadere Im Tanz noch blutge Thränen weint. Ich bin ein Adler und ich fliege, Die Ewigkeit ist mein Gewand, Das Herz der Welt ist meine Wiege, Die Menschheit ist mein Vaterland! Wohl frass die Zeit mit ihren Zähnen Schon manchen goldnen Heilgenschein, Ich aber schüttle meine Mähnen Und war und bin und werde sein. Ich bin ein Adler und ich fliege, Die Ewigkeit ist mein Gewand, Das Herz der Welt ist meine Wiege, Die Menschheit ist mein Vaterland! 9. Der Mond blitzt durch die Fensterscherben Ums dunkle Dachwerk pfeift der Wind, Und Nachbars Lieschen liegt im Sterben Und ihre Mutter weint sich blind. Das Haar gebleicht von tausend Sorgen, Im dünnen Kleidchen von Kattun, Erwartet sehnlich sie den Morgen, Der Apotheker will nicht borgen, Der Doktor hat »zu viel zu thun«! Der Märznacht goldne Sterne scheinen, Ihr Himmel deckt uns alle zu: Hör auf, du Mütterchen, mit Weinen, Dein Kind ist besser dran, als du! Es braucht nicht nähend mehr zu sputen Sich spät bis in die Nacht hinein, Und wenn die Lüfte sie umfluthen Und roth die Rosen wieder bluten, Spielt um sein Grab der Sonnenschein! Die Noth im löchrigen Gewande Zertritt die Perle der Moral; Das Loos der Armuth ist die Schande, Das Loos der Schande das Spital! Ja, jede Grossstadt ist ein Zwinger, Der roth von Blut und Thränen dampft; Drum hütet euch, ihr armen Dinger, Denn diese Welt hat schmutzge Finger – Weh, wem sie sie ins Herzfleisch krampft! Da horch! ein langgezognes Stöhnen Und jetzt ein wilder, geller Schrei! Was thut's? Man muss sich dran gewöhnen! Hier hiess es wieder mal: Vorbei! Schon übermorgen karrt der Racker Das arme Mädchen vor die Stadt, Und niemand kennt den Todtenacker, Darauf beim öden Sterngeflacker Ein Herz sein Glück gefunden hat! 10. Ich schwamm auf purpurner Galeere Durchs dunkelblaue Griechenmeer, Da auf der Insel der Cythere Traf ich den Juden Ahasver. Und weiter fuhren die Gefährten, Er aber ward mein Weggenoss Und sprach: Nun zeig ich dir die Gärten, Die Gärten des Okeanos! Die Welt, ich habe sie durchmessen, Doch farblos schien mir Luft und Land; Nur ein Bild hab ich nie vergessen, Nur eins ist werth, dass es entstand: Das ist die Zukunft der Verklärten, Das ist des Meergotts grünes Schloss, Das sind die wunderbaren Gärten, Die Gärten des Okeanos! Ich weiss, du bist ein deutscher Dichter, Und ewig ruhlos bist du auch, Wir sind zwei ähnliche Gesichter Und um uns weht der gleiche Hauch. Doch komm, der Kummer, den wir nährten, Wankt wie ein thönerner Koloss, Wenn wir uns tummeln durch die Gärten, Die Gärten des Okeanos! Er sprach's, wir thaten's und die Jahre Sie rollten tönend drüber her, Doch immer ist mir's noch, ich fahre Durchs dunkelblaue Griechenmeer. O, dass die Götter mir gewährten, Dereinst, wenn sich mein Leben schloss, Ein selig Ende in den Gärten, Den Gärten des Okeanos! 11. Nun hat der Morgen seine Thore Phantastisch wieder aufgethan, Und seine goldne Tricolore Weht hoch aus jedem Wolkenkahn. Nur hier in diesen dumpfen Mauern Zum Fluch wird er dem Proletar, In allen Ecken seh ich lauern, In allen Winkeln seh ich kauern, Dämonen, die die Nacht gebar! Mein letztes Licht ist längst erloschen Und fahl durchs Fenster lugt die Noth, Denn dies hier ist der letzte Groschen Und dies das letzte Stückchen Brod! Verlacht, verludert und verloren, Das alte: Weder Glück noch Stern! Fürwahr, ich bin der Thor der Thoren! O Mutter, wär ich nie geboren! O schöne Zeit, wie liegst du fern! Auf wilder, meerverschlagner Planke, Ein Schiffer bin ich, der versinkt; Mein letzter Stern ist ein Gedanke, Der leuchtend mir vom Himmel blinkt. Ein fernes Eiland seh ich ragen, Doch wirft die Fluth mich stets zurück; O, will's denn immer noch nicht tagen? Noch gilt's zu wetten und zu wagen, Denn jenes Eiland wiegt mein Glück! Schon thut mir, wie wenn Glocken klingen, Die Zukunft ihre Wunder kund – Ein Stammeln nur ist jetzt mein Singen, Ein Stammeln wie aus Kindermund! Du Schöpfer aller Harmonieen, O, gieb mir Luft, o gieb mir Licht! Im Staube sieh mich vor Dir knieen, Denn eine Welt von Melodieen Geht unter, wenn dies Herz zerbricht! 12. Schlag zu, mein Herz, die Flocken treiben Nicht wie im Winter mehr ums Dach! Der Frühling pocht an meine Scheiben Und tausend Wunder werden wach! Das Licht führt seine goldnen Funken Tagtäglich wieder nun ins Feld, Und mir im Herzen jubelt's trunken: O Gott, wie schön ist Deine Welt! Wie lieblich nur durchs offne Fenster Der Maiwind mir die Schläfen kühlt! Lebt wohl, ihr grübelnden Gespenster, Die winterlang mein Hirn durchwühlt! Als wär ich gestern erst genesen Das Herz ist mir so süss erhellt – So wohl ist mir noch nie gewesen: O Gott, wie schön ist Deine Welt! Hervor, hervor aus deiner Hülle, Du liebes Bildchen meiner Fee! O, dieser Locken goldne Fülle! O, dieses Busens weisser Schnee! Und wölbt sich über deiner Krone Auch purpurroth ein Throngezelt, Dein Herz schlägt doch dem Liedersohne – O Gott, wie schön ist Deine Welt! Doch still, mein Herz, was soll dein Pochen? O Tod, du kommst zur rechten Zeit! Das Schwert der Trübsal liegt zerbrochen ... Sei mir gegrüsst, o Ewigkeit! Beim Frühling hab ich tausendkehlig Ein Lerchengrablied mir bestellt: So sterb ich jubelnd, sterb ich selig – O Gott, wie schön war Deine Welt! 13. Und als der Morgen um die Dächer Sein silbergraues Zwielicht spann, Da war der arme, bleiche Schächer Ein stummer und ein stiller Mann. In seines Mantels grauen Falten, So lag er da, kalt und entstellt – Führwahr, er hatte Recht behalten, Sein Reich war nicht von dieser Welt! Ein goldnes Sonnenstäubchen tippte Ihm auf die Stirn von ungefähr Und seine lieben Manuscripte Verschloss der Armencommissär. Sein Freund, der Doctor, aber zierte Brutal sich durch das Kämmerlein Und schneuzte sich und constatirte Verhungert! auf dem Todtenschein. Drei Frühlingstage später karrten Ihn Armenklepper vor das Thor! Ich sah's noch, wie sie ihn verscharrten – Die Sonne lachte, doch mich fror! Mich fror, und meine Hände suchten Umsonst zu würgen meinen Schmerz Und meine bleichen Lippen fluchten ... O Gott, mein Herz, mein armes Herz! So stand ich und vermaledeite Die Welt bis in ihr Nichts hinab; Der goldne Frühling aber schneite Ihm lächelnd Rosen übers Grab. Schon nahten unsichtbaren Zuges Die grossen Geister alter Zeit, Und drüber schwebte leisen Fluges Der Genius der Unsterblichkeit!