An Chloen 1. Wer hat in jenen Schatten, Wer hat dem treuen Gatten Das Täubchen angetraut? Wer hat auf jenen Aesten, Zu ihren Hochzeit-Festen, Ein Tempelchen erbaut? Die Liebe that's; im Stillen Hat sie, nach ihrem Willen, Das Täubchen angetraut. Sie will auch uns vereinen: Du bist in diesen Hainen, O Chloe, meine Braut. 2. Welch ein Kuß! Und deinen Wangen, Zart wie Knospen, ehe sie Noch zu Rosen aufgegangen, Nahte sich der Jüngling nie. Aber Liebes-Götter wachten, Als du schliefst, um deinen Mund, Küßten deine Lippen, machten Ihr Geheimniß ihnen kund; Lehrten sie dieß holde Schweben, Diesen Wonnedruck, so leicht, Wie des Frühlingswindes Beben, Wenn er über Wiesen schleicht. Tausend Quellen einer süßen, Neuen Wollust thun sich auf, Rieseln in mein Herz, und fließen Mächtiger in vollem Lauf; Strömen hin durch alle Glieder: Sterbend sucht mein Auge dich; Und mir ist, erwach' ich wieder, Als begrüßten Engel mich! 3. Komm, Liebchen! es neigen Die Wälder sich dir; Und alles mit Schweigen Erwartet dich hier. Der Himmel, ich bitte, Von Wölkchen wie leer! Der Mond in der Mitte, Die Sternlein umher! Der Himmel im glatten Umdämmerten Quell! Dies Plätzchen im Schatten, Dies andre so hell! Im Schatten, der Liebe Dich lockendes Glück; Dir flüsternd: Es bliebe Noch Vieles zurück. Es blieben der süßen Geheimnisse viel; So festes Umschließen; So wonniges Spiel! Da rauscht es! da wanken Auf jeglichem Baum Die Aeste; da schwanken Die Vögel im Traum. Dies Wanken, dies Zittern Der Blätter im Teich – O Liebe! dein Wittern! O Liebe! dein Reich! 4. Die Rosen, die vom Thau benetzt, An jedem Blättchen unverletzt, Ich zu den frischen Nelken Im Morgenroth zu pflücken ging, Und küssend um dein Bildniß hing; O Chloe! wie sie welken! So welken, wo ich Blumen brach, So welken alle, nach und nach, Die Wiesen mit den Hainen; Bis endlich die getreue Hand, Bis, gleich den Kränzen, die sie band ... Du aber sollst nicht weinen! O nähm' ein froher Engel dann Sich meiner jüngsten Lieder an! Ihr frohen Engel! bliebe Durch sie dem guten Mädchen doch In künftigem Gesange noch Ein Nachhall meiner Liebe!