Maria Janitschek Frauenkraft Liebeswunder 1 I Er hatte in der Nacht von weißen Büschen geträumt, deren Blumen aus Perlen bestanden. Jetzt schlürfte er seinen Kaffee und machte seinen Plan für den Tag. So that er immer des Morgens, wenn er sich auf Reisen befand. Aber schon auf dem ersten Gang, den er vom Hotel aus unternahm, hatte er seine Vorsätze vergessen und verweilte willkürlich bei allem, was sein Interesse gefangen nahm. Mit seinen langsamen, versonnenen Gebärden machte er sich zum Ausgehen fertig, als der Briefträger eintrat. »Für Herrn Professor Leonhart Steinwald ein eingeschriebenes Paket!« Der Professor warf einen Blick auf den Umschlag. Korrekturen. Überall hin verfolgten sie ihn. Er verließ den Gasthof, ohne sich weiter um das Paket zu bekümmern. Draußen schien die Sonne, und es war Frühling in der Luft. Kleine barhäuptige Buben balgten sich auf den Bürgersteigen, spielten Kreisel und erschwerten den Vorüberschreitenden das Gehen. Steinwald verlor sich in einem Labyrinth von Straßen und Gäßchen. Er merkte wenig von seiner Umgebung. Den Kopf auf die Brust gesenkt, schritt er vorwärts. Er wußte seit Jahren, daß der Tod neben ihm herging, und das ärgerte ihn gewaltig. Er war ein Feind des Wohnungswechsels, und wenn er reiste, waren es sicher immer dieselben Orte, die er aufsuchte. Da war er trotz seiner Gelehrtenzerstreutheit geborgen, und die Leute kannten ihn, obgleich sie ihm fremd waren. Aber ›drüben‹? Seine Phantasie, die er von jeher in strenger Zucht gehalten, ließ ihn hier sitzen. Und mit dem Herzen kam er bei seiner Frage nicht weit. Deshalb hatte er Abscheu vor diesem Umzug und seinem Leiter. Aber ein ganzer Kerl setzt sich auch darüber hinweg und freut sich wenigstens, so lang er kann, seines Daseins. Die Stiche in seiner rechten Lunge konnten eben so gut von einer Erkältung herrühren. Dunque avanti ! Er warf den Kopf mit einer energischen Bewegung zurück und lächelte. Da stand ja die alte Leechkirche, sein Liebling, er befand sich in Nasenlänge vor ihr, hatte sie nicht bemerkt und wäre beinahe an ihr vorüber gerannt. So etwas durfte nicht vorkommen. Zuerst hafteten seine Blicke einen Augenblick lang liebkosend auf dem alten romanischen Bauwerk, dann trat er ein. Ein dürftiger Innenraum, dessen bunte Fenster nur spärlich das Tageslicht herein ließen. Das Hauptaltarbild war aus einer viel späteren Zeit und erweckte jedesmal, so oft er es sah, Leonharts Ärger. Trotzdem näherte er sich ihm. Er entblößte sein schlichtes braunes Haar und griff nach dem Kneifer, dessen Schnur sich wie gewöhnlich in die Westenknöpfe verfangen hatte. Als es ihm gelungen war, ihn glücklich auf die Nase zu setzen, gewahrte er an den Stufen des Altars eine weibliche Gestalt, die in tiefe Andacht versunken zu sein schien. Er blieb unschlüssig stehen. Sie streckte beide Hände zum Himmel und ließ laut weinend ihren Kopf auf die Brust sinken. Den Professor ergriff herzliches Mitgefühl. Da mochte ein tiefes Unglück walten. Wer ist es, die weint, ein Kind, ein Weib, ein junges Mädchen? Ein Kind kaum, denn das besitzt nicht die leidenschaftliche Gebärde, von der er vorhin Zeuge war. Eigentlich war es von ihm unrecht, hier weiter zu verweilen. Da sie ihn nicht kommen gehört hatte, die Kirchthür stand offen, so glich sein weiteres Bleiben hier einem Belauschen. Er wandte sich zum Gehen um, ungeschickt genug, so daß sein Fuß hart an einen der Betstühle anstieß. Eine rasche Bewegung des Kopfes dort vorne. – Nun bleibe ich, dachte der Professor. Er lehnte sich an das Gestühle und bemühte sich, seine Fassung wieder zu finden. Krampfhaft suchte er seinen alten Ärger über das Altarbild zu erwecken, aber die steife Haltung der Himmelskönigin vor ihm ließ ihn in diesem Augenblick sehr gleichgiltig. Hingegen fiel ihm ein Wort Hamerlings ein: »Wer glühend beten kann, der kann auch glühend minnen.« Die dort vorne ... Sie ließ ihn höllisch lange warten. Ein Trotz kam über ihn. Er staunte über sich selbst. Er, Leonhart Steinwald! Aber es ist ja nur der Künstler in ihm, der so gefesselt ist. Siehst du wohl, dachte er, nun rückst du unruhig hin und her! zur Andacht bringst du es doch nicht mehr, weil du dich beobachtet weißt, gieb doch lieber deinen Platz auf und komm hinaus. Endlich! Kein Kind, kein Weib, ein junges Mädchen. Sie thut so, als ob sie schwere Seide hinter sich her schleppt, als sie an ihm vorbei kommt. Und ist in ein fadenscheiniges Kattunfähnchen gekleidet. Thut so, als ob sie brünett wäre, und hat Haar wie Mais, den ein Feuer gestreift hat. Dunkelbraune Augen, oder sind sie rot? Es giebt ja keine roten, korrigiert er sich. Natürlich folgt er ihr. O, thun Sie doch nicht so, als ob Sie ein erwachsenes Fräulein wären. Sie sind höchstens fünfzehn. Oder zehn. Oder – Sie schreitet vor ihm her, stolz und protzig wie ein junges herrliches Tier. Er versucht verschiedentliche Male schnellere Schritte, um an ihre Seite zu gelangen, bleibt aber trotzdem zurück. Sie verschwindet in einem ärmlichen Haus. Er lehnt sich an das Hofthor und nennt sich: Esel. Den Rest des Tages über fühlte er eine tiefe Gleichgiltigkeit gegen alle Kirchen, Galerien und übrigen Kunstinstitute der reichen Stadt, die ihm sonst das lebhafteste Interesse abgenötigt hatten. Er kam zu einem Ergebnis, dessen er sich zu andern Zeiten sehr geschämt haben würde: daß die Kunst nur ein schlechter Ersatz für das Glück sei. Nur in Momenten, da seine Arme leer sind, hat sie der Künstler frei, um an einer Schöpfung zu bauen. Nur wenn deiner eigenen Seele Lied verstummt, schreibst du Melodien nieder, die der Genius dir einflüstert. Nur wenn du selbst arm bist, hast du Platz für die Schätze der Musen. Wärest du selbst reich, deine Kunst bestände im Glücklichsein, in nichts anderem. Hat mich das Geschöpf denn verzaubert, daß mir so frivole Gedanken kommen, dachte der ehrliche, pflichtgetreue Professor. Hatte er es doch schon als Unrecht empfunden, daß ihn außer der Göttin Wissenschaft noch ihre viel jüngere Adoptivschwester, die Kunst, interessierte. Nun zerfiel auch die vor seinem grübelnden Geist. O Glück, Glück, warmes, dummes, junges Kind ohne Vater! Oder wüßte jemand Näheres über seinen Erzeuger? Es ist da, und lacht und fällt dir um den Hals. Und die Kranken und Schwächlichen haben es am heißesten lieb. Und die Dichter, die nie schreiben, und die Maler, die nie malen, und die kleinen Kinder, die so unmotiviert lachen. Leonhart Steinwald trank an diesem Tage unverhältnismäßig viel Wein. Er trank sich Mut zu sich selbst zu. Hatte er denn gar so lange Zeit vor sich? Er wollte sie ausnützen, wollte jeden Strahl der Sonne in sein Herz aufsaugen, bevor er Abschied von ihr nehmen mußte. Am nächsten Tag saß er in einer engen Hofstube, und eine ältere, gewöhnlich aussehende Frau aus dem Volk deutete hinaus und sagte: »Da kommt sie eben.« Und dann befand er sich Marie Therese gegenüber ... 2 II Sie saß ganz in Glut getaucht vor ihm. Sie redeten über alltägliche Dinge. So oft er seine Blicke von ihr abwandte, um sich ein wenig im Zimmer umzusehen, rückten ihre kohlschwarzen Brauen näher zusammen, und sie wurde unruhig. Er ahnte den Grund und sagte gutmütig: »Es ist sehr traulich bei Ihnen. Das Fenster geht zwar in den Hof, aber der Hof ist mit Bäumen bepflanzt, und der rinnende Brunnen in seiner Mitte giebt ihm etwas Idyllisches.« »Besonders wenn sie Schweine schlachten, was oft vorkommt, da das Haus einem Schlächter gehört.« »Das ist allerdings nicht sehr angenehm, weshalb ziehen Sie nicht aus?« »Ausziehen? Wohin denn?« »Sie haben keine Familie?« »Mama ist seit zwei Monaten tot. Wir bewohnen schon mehrere Jahre diese Wohnung.« »Und die Frau,« er deutete auf das Nebenstübchen, »wer ist die Frau?« »Sie hat Mutter und mich bedient und ist jetzt ganz zu mir gezogen.« Der Professor warf einen forschenden Blick auf das Kindergesicht vor ihm, das den Ausdruck eines reifen Weibes trug. Der Gedanke an die alte Frau, die zu jeder möglichen Auskunft bereit war, erfüllte ihn mit Widerwillen. Weshalb so lange nach einer gefälligen Form suchen? Es lag hier alles so einfach. Das Mädchen berauschte ihn, und es stand da wie eine Blume am Wegrand ohne Zaun und Schutz. Ein Narr, der zögerte zuzugreifen. »Was machen Sie immer des Abends?« begann er in etwas weniger ehrerbietigem Ton als bisher. »Des Abends?« Sie blickte ihn ruhig an. »Nun, da gehe ich schlafen.« »Und gerade dann ist's am schönsten im Frühling. Die Nachtigallen beginnen zu singen, und die Blumen duften am süßesten. Haben Sie nicht Lust, mit mir eine schöne Spazierfahrt zu machen, weit hinaus, irgend wo hin, wo Sie wollen.« »Ich mache mit fremden Herren nicht Spazierfahrten.« Ihre Stimme klang eintönig hart. Er errötete wie ein Schulknabe. »Mein Name ist Leonhart Steinwald, Professor Steinwald. Soll ich Ihnen auch meinen Paß zeigen, ich führe ihn stets bei mir,« setzte er scherzend hinzu. »Ich danke.« Ihre Lippen zogen sich geringschätzig herab. »Deshalb würden Sie mir doch nicht weniger fremd sein.« »Was muß man denn thun, um Ihre werte Bekanntschaft fortzusetzen?« fragte er ironisch. »Oder komme ich zu spät? Sind Sie schon unfrei?« Sie spielte mit einem Strohhalm, der an ihrem Kleidchen hing, und sah in diesem Augenblick wie ein hilfloses Kind aus. »Ja, Sie kamen zu spät. Wenn Sie zwei Monate früher gekommen wären, hätte meine Mutter Ihnen nähere Auskunft über mich geben können.« »Die werde ich mir schon selbst geben,« sagte er, die weiche Regung in sich übertrotzend. »Glauben Sie?« Zwischen ihren roten Lippen drang ein klirrendes Lachen hervor. Sie war aufgesprungen und richtete sich vor ihm auf. Er fühlte sein Herz pochen. Das alles war ja toll. Dieses dürftig angezogene junge Ding in der elenden Kammer, das ihn behandelte wie einen Knaben! Die Alte draußen hatte sie wohl gut abgerichtet. Er stand auf. Seine Nasenflügel bebten nervös. »Ich bedauere sehr, wenn ich nicht Gnade vor Ihren Augen gefunden habe. Ich bin allerdings weder ein Adonis, noch ein Banquier, das letzte hat Ihre Wächterin draußen wohl mit geübten Blicken erkannt.« Er griff nach seinem Hut, verneigte sich leicht und schritt hinaus. Eine halbe Minute später fühlte er seinen Arm ergriffen. »Sie werden sofort zurückkehren. Sie werden mir Rechenschaft geben über die Worte, die Sie gesprochen haben.« Ein Schreck, halb freudig, halb schmerzlich ergriff ihn. Er sah in Flammen, und diese Flammen trugen ein Menschenantlitz, ein berückendes Antlitz. »Ich weiß wahrhaftig nicht, mein Fräulein –« »Aber ich weiß es.« Sie drängte ihn mit ihrer jungen, ungestümen Kraft in die Stube zurück. »Wofür halten Sie mich, Herr – Herr Professor? Mit welchem Rechte halten Sie mich dafür? Sagen Sie es nur: mein dürftiges Kleid war der Freibrief, der Ihnen das Recht auf Ihre Unverschämtheit gab. Nicht? War es das? Haben Sie doch wenigstens den Mut, ja zu sagen.« Sie stand ihm so nahe, daß er ihren glühenden Atem spürte. Ihre zornigen Finger bohrten sich schmerzhaft in seinen Arm. »Ich sage kein Wort, bevor ich nicht weiß, wer Sie sind, wie Sie heißen.« »Ich heiße – Hofer, Marie Therese Hofer. Wer ich bin? Ein junges Mädchen ohne Vater und Mutter, wie Sie mir sehr deutlich ins Bewußtsein gebracht haben.« »Gehören Sie etwa dem – Theater an?« »Noch nicht.« »Was heißt das?« »Das geht Sie nichts an.« »Fräulein – Hofer, so sagten Sie ja wohl, verzeihen Sie mir, wenn ich Sie gekränkt habe. Ich habe nichts anderes gethan, als was hundert junge Männer täglich thun: ich bin einem jungen Mädchen, das mich interessiert, nachgefolgt und habe versucht, seine Bekanntschaft zu machen.« »Hätten Sie das auch gethan, wenn ich ein schönes Kleid getragen und im vornehmen Stadtviertel gewohnt hätte?« »Nein.« »Sehen Sie wohl.« Und plötzlich hatten sich ihre Augen mit Thränen gefüllt, und sie brach in ein heißes, fassungsloses Weinen aus. Leonhart Steinwald würde viel darum gegeben haben, jetzt aus dem Zimmer verschwinden zu können. Thränen einer Frau waren ihm fürchterlich. Er mußte sehr an sich halten, um die Fassung nicht zu verlieren. Er nahm sanft Marie Theresens Hand. »Fräulein Hofer, nicht weinen! Lachen Sie doch über den einfältigen Büchermann, der eine Plumpheit beging. Sehen Sie, wir Gelehrte genießen ja eine gewisse Berühmtheit wegen der verkehrten Streiche, die wir anfangen. Wollen wir beide Frieden schließen, ja? In einigen Tagen muß ich weiter reisen. Lassen Sie mich nicht mit Beschämung auf dieses Ereignis zurückblicken. Zeigen Sie mir noch ein freundliches Gesicht, bevor ich gehe.« In diesem Augenblick öffnete sich behutsam die Thür, und die Alte schob den Kopf herein. Marie Therese machte eine herrische Handbewegung, und die Thür schloß sich wieder. »Ich will unter einer Bedingung Ihre Bitte erfüllen: daß Sie nie wieder von einem Mädchen Gemeines denken, weil es ein armseliges Kleid trägt.« »O, Fräulein Hofer, nicht so herb! Es lag mehr Naivität als berechnende Dreistigkeit in meinem Benehmen. Ich sah Sie in der Kirche weinen, dann ergriff mich Ihr Äußeres, nicht die Schlichtheit Ihres Anzugs –« »Zum Schluß noch eine Schmeichelei.« »Nein, nein, wirklich nicht. Sie spannen einen ja grausam auf die Folter. Leben Sie wohl, Fräulein Hofer.« Sie blickte ihn kurz mit ihren schönen, verweinten Augen an. Er durchschritt wie im Traum den Hof. Der Arm, in den sie ihre zornigen Finger gebohrt, schmerzte ihn. Und das erfüllte ihn mit heimlicher Freude. Er trug ein Andenken von ihr mit. Das Zimmer, das er in dem Gasthof bewohnte, dessen Kundschaft er schon seit Jahren war, lag nach dem Garten hinaus. Er liebte es, weil es ruhiger war als die nach vorne gelegenen. Aber diese Nacht war es hier lauter als auf dem Marktplatz; durch die geöffneten Fenster drang ein lauer, würziger Wind, und Leonhart war, als wäre es der Hauch ihres Mundes, der einen Augenblick lang sein Antlitz berührt hatte. Er hörte weiche, schluchzende Töne aus den Kehlen der Vögel und glaubte ihr leises Weinen zu vernehmen. Er war wie in einem Fieber, wie in einem Bann. Das alles konnte doch nicht Verstellung gewesen sein! Und wieder Wahrheit? Lagen nicht doch gar zu viele Widersprüche in ihr? Naivität und reifstes Wissen der Frau, Demut, Stolz, Religiosität und ätzender Skeptizismus. Eins konnte nur das Echte sein, das andere war erlogen. Oder sollte es Menschen mit so viel Widerspruch in der Brust geben? Leonhart wälzte sich ruhelos in seinem Bett hin und her. Er konnte zu keinem Ergebnis kommen. Freilich, die Natur selbst birgt die wunderlichsten Gegensätze in sich. Bald ist sie grausam, bald mitleidig. Bald hoheitsvoll, bald niedrig. Und dieses junge Weib war ein Stück von ihr. Ein unverfälschtes. Wie sie in der Kirche gebetet hatte! Und später, wie sie brannte in ihrer Gekränktheit! Der Professor sann und sann. Er trieb den trägen Strom seiner Phantasie zu schnellerem Laufe an. Er tauchte unter in ihm. Sein zarter Körper zitterte und glühte. Und seine Seele kniete entzückt vor dem Schöpfer und stammelte: Wenn sie doch echt wäre! Alles an ihr echt. Das Kind und das Weib! Die Fürstin und das brutale junge Tier in ihr mit seinem wilden Drauflosstürmen. Am anderen Morgen stand er müde und mit sich unzufrieden auf. Es war doch der helle Unsinn, sich solchen Träumen hinzugeben. Wohin sollten sie führen? Zu einem festen Verhältnis? Gott bewahre! Er, der eben jetzt ein schwieriges, ungeheuer gelehrtes archäologisches Werk herausgab, sollte Zeit finden, ein junges Mädchen zu unterhalten! Bei dem Begriff ›junges Mädchen‹ mußte er lächeln. Sie war eigentlich so garnicht wie ein junges Mädchen. Aber gerade deshalb! Sie würde ihn geistig gewiß sehr beschäftigen, und dazu besaß er keine Zeit. Fort von hier! Am nächsten Abend reiste er ab, nachdem er sich gewaltsam gezwungen hatte, die Nähe ihrer Wohnung zu meiden. Er besuchte noch ein paar nahe gelegene Städte, wo er in den Kunstsammlungen sich etliche Notizen zu machen hatte. Dann kehrte er heim. Er begann, seine Vorlesungen wieder aufzunehmen. Abends ging er wie sonst auch in die Weinstube, wo einige unverheiratete Kollegen sich einzufinden pflegten. Es hatte sich nichts in seiner Umgebung geändert, und doch erschien ihm auf einmal alles in trübseligen grauen Farben. Er erhielt die ersten fertig gedruckten Bogen seines Werkes, an dem er jahrelang mühselig gearbeitet hatte, und legte sie fast gleichgiltig beiseite. Man überhäufte ihn mit Einladungen, er folgte ihnen manchmal, spielte aber keine vorteilhafte Figur. Man sah ihm an, wie sehr ihn die Konversation der Gäste langweilte, wie gleichgiltig ihm diese hübschen netten Frauen waren, die sich seiner so freundlich annahmen, wie wenig ihn augenblicklich die wissenschaftlichen Themen interessierten, die die Kollegen unter sich erörterten. Einmal fragte ihn ein Bekannter, wohin er seine diesjährige Sommerreise machen würde. »Ich weiß noch nicht,« antwortete er lakonisch. »Es ist auch eigentlich ganz verteufelt langweilig,« fuhr der andere fort. »Überall dasselbe. Überall Berg-oder Wassersport, Frauen, die ihre Tugend eingekampfert bei ihren Gatten in der Stadt lassen, grasende Jungfrauen, meckernde Kinder mit seufzenden Gouvernanten. Zum Auswachsen! Ja, die Welt ist eine komische Alte mit immer wiederholtem Refrain. Wer doch ein Kolumbus wäre!« Da schlug Steinwalds Herz auf. Ich bin einer. Ich, ich! Wenn du wüßtest, was ich entdeckt habe! An meiner Stelle würdest du noch heute Nacht abreisen. O, ich Narr, ich Narr! Und plötzlich überkam ihn die Erinnerung, die Sehnsucht so mit Macht, daß ihm klar wurde, wohin er seine Sommerreise machen würde. Sein Werk war ja vollendet, nun hatte er Zeit, sogar Zeit für sein Herz. Sogar Zeit, um glücklich zu sein. Oder hatte ihm bisher nur der Mut gefehlt, und der kam jetzt mit den warmen, lachenden Sommertagen. 3 III Es war in der Nähe der Johannisnacht. Eine große, gnädige Bereitwilligkeit lag allenthalben. Ein seliger Überfluß. Sogar die Würmchen erhielten ein Lichtgewand. Da sah er durchs Fenster in ihr Stübchen. Sie saß vorm Tisch und schnitt mit andächtiger Miene kleine Männchen aus Zeitungspapier aus. Er lächelte, klopfte an und trat ein. Sie fuhr bestürzt zurück. »Darf ich mich einen Augenblick setzen?« sagte er ganz demütig. Sie nickte zögernd. Er sah auf die Spitzen seiner Stiefel und suchte nach einem Wort. Aber es wollte ihm garnichts einfallen. Da meinte sie einfältig: »Nie hätte ich geglaubt, daß Sie wiederkommen würden.« Er atmete erleichtert auf. Gott sei Dank, daß sie ihm ein wenig half. »Ich hätte es beinahe auch nicht geglaubt. Aber da fiel mir ein, daß die Zeit um Johanni die Zeit der Gnade sei. Man macht Wallfahrten zu guten Heiligen, denen man seine Wünsche vorträgt, die sie erhören. Und so kam ich hierher.« Er bemerkte, wie sich ihr schönes Gesicht bei seinen letzten Worten verfinsterte, und fühlte, daß er wieder eine Dummheit gesagt hatte. Er bemühte sich, sie schnell gut zu machen. »Ich möchte mit Ihnen eine Stunde plaudern, Fräulein Marie Therese, ich verkehre das ganze Jahr hindurch nur mit Büchern und schrecklich gelehrten Herren.« »Und weshalb lassen Sie sich nicht von den Töchtern Ihrer Kollegen Märchen erzählen, die wollen wohl nicht?« »Fräulein Marie Therese, weshalb sind Sie so bitter?« »Heißt das bitter sein?« Sie legte nach Art der Kinder den Kopf auf den Tisch und blickte ihn von der Seite an. »Ich bin doch nicht bitter. Ich bin nur klug.« »Sind Sie das wirklich? Wenn Sie es sind, dann – dann müßten Sie sich sagen, daß ein Mann wie ich nicht eine Reise unternehmen wird, um einem jungen Mädchen Phrasen zu sagen.« »Haben Sie meinethalben die Reise hierher gemacht?« »Jawohl.« »Nun, und?« Sie begann wieder Männchen auszuschneiden. »Sind Sie schon beim Theater?« »Noch nicht. Aber –« »Was geht Sie das an, wollen Sie sagen?« »Ungefähr so.« »Marie Therese, so springt man mit Gecken, nicht mit vernünftigen Menschen um.« Sie hielt in ihrem Spiel inne und sah ihn an. »Vernünftigen Menschen? Sind Sie einer? Wodurch haben Sie mir das bewiesen?« »Ich will es thun.« Sie brach in ein geringschätziges Lachen aus. Er biß die Zähne zusammen, erhob sich und schritt hinaus. Wie ein Träumender irrte er planlos durch die Straßen, durch den Park, durch das Dorf, das sich mit seinen schmucken Bauernhäuschen an die Stadt anschloß. Dann kehrte er wieder um. Ob heute noch ein Zug nach J. ging? Die paar Habseligkeiten waren schnell in den Koffer gelegt, und eine weitere Reise zu machen, verspürte er jetzt gar keine Lust. Er würde einfach nach Hause zurückkehren. Instinktiv schlug er den Weg nach seinem Gasthof ein. Er öffnete die Thür seines Zimmers. Marie Therese saß auf dem Sofa und blickte ihm gelassen entgegen. »Sie haben mir so leid gethan, als Sie fortgingen, das wollte ich Ihnen sagen.« Er hätte sie am liebsten an seine Brust gerissen, aber er wußte, daß er sie da verloren haben würde. Er sagte höflich: »Wenn Sie wünschen, können wir ins Lesekabinett hinab gehen.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich will ja doch gleich fort.« Mit bebender Hand schob er sich einen Sessel in ihre Nähe. »Also doch. Sie haben also doch –« Ihre Augen richteten sich fragend auf ihn und brachten ihn in Verwirrung. »Sie haben also doch – Güte.« Zum erstenmale sah er sie sonnig lächeln. Es stand ihr wunderbar lieb. »Ich möchte gern gut und freundlich sein dürfen, aber ich kann's doch nicht.« »Weshalb denn nicht, Fräulein Marie Therese?« »Weil sie dann wie die Hunde hinter dem Wild hinter mir her wären.« »Wer denn?« »Wer denn? Nun – die Frauen nicht.« Sie errötete. Ihm gab's einen schmerzlichen Stich. Hatte er nicht auch zu jenen gehört? »Aber ich begreife nicht – fragen soll ich ja nicht, sonst sind Sie gleich wieder bös. Eins schwöre ich Ihnen, Marie Therese, als ich heute bei Ihnen eintrat, hatte ich die reinsten, besten Absichten. Daß Sie ein stolzes Menschenkind sind, haben Sie mir neulich gezeigt. Ich kann Ihnen sagen, ich wäre andernfalls auch nicht zum zweitenmal hierher gekommen.« Ihr Gesichtsausdruck hatte sich langsam verändert. Das Bittere, Wissende war daraus verschwunden. Die Augen blickten ihm jung und harmlos entgegen. »Aber wenn Sie nicht – schlechte Absichten gehabt hätten, weshalb haben Sie mich denn damals verfolgt?« Sie lehnte sich ins Sofa zurück. »Mama sagte immer, wenn ein Mann ein Mädchen hochachtet, läuft er ihm nicht auf der Straße nach.« »Aber liebstes Kind, ich war ein Fremder und kannte Sie nicht. Wer Sie sind, sehe ich erst jetzt, nachdem ich Sie ein wenig kennen gelernt habe.« »Nun, und was bin ich denn?« »Ein ganz einziges Geschöpf, aber werden Sie nicht gleich zornig.« »Nein, nein. Aber das mit der Einzigkeit ist ein Irrtum. Ich bin ein schlichtes Ding. Bloß Mamas Tochter. Aber das verstehen Sie nicht. Sehen Sie, ich fange an zu glauben, daß Sie wirklich ein anständiger Mensch sind. Wenn das der Fall sein sollte, wäre es sehr nett, denn ich kenne keinen einzigen, der mir wohl wollte, ohne zugleich sich wohl zu wollen.« Er zuckte zusammen. »Marie Therese, darf ich eine Frage thun?« »Fragen Sie.« »Wie alt sind Sie?« »Bald achtzehn.« »Sie reden manchmal wie eine alte Frau und sehen dabei aus, als ob Sie zwölf Jahre zählten.« »Ja, ich weiß viel. Mama hat mir manches mitgeteilt, mich gewarnt, mich vorbereitet.« »Und Ihr Vater? Ist er tot?« Wie eine Wolke über die Sonne flog ein Ausdruck der Härte über ihr Gesicht. »Ja, er ist tot.« »Sie sind doch zur Schule gegangen?« »Natürlich, wie die meisten Kinder.« »Aber Ihre Bildung ist nicht die eingedrillte eines Schulmädchens.« »Mama, Mamas Einfluß.« »Wie schade, daß ich sie nicht kennen gelernt habe.« Marie Therese erhob sich. »Habe ich Sie wieder geärgert?« fragte er bestürzt. »Nein, aber ich muß fort.« »Nur noch ein Wort!« »Bitte.« »Ist das mit dem Theater Ernst oder Scherz?« »Es ist mein Ernst. Sowie der letzte Edelstein verkauft ist –« »Wie?« »Nun – das werden Sie wieder nicht verstehen. Wir – Mama und ich – lebten schon lange von dem Verkauf der Pretiosen Mamas. Sie war aus sehr vornehmer Familie und so weiter. Noch ein Stein aus ihrem Juwelenschatz ist da. Wenn der verkauft ist, dann – dann muß ich doch etwas anfangen, um leben zu können. Man rät mir, zur Bühne zu gehen.« »Wer ›man‹?« »Alle Leute.« Leonhart starrte nachdenklich vor sich hin. »Und dabei gehen Sie zur Kirche. Hat Gott etwa mit den Brettern etwas zu schaffen?« »Nun, er soll mich doch davor bewahren,« rief sie mit der überlegenen Klugheit eines ungeduldigen Kindes. Er drehte sich auf dem Absatz herum, um den Strahl der Freude zu verbergen, der sein Gesicht erhellte. »Weshalb haben Sie Abscheu davor?« Sie zuckte mit mitleidigem Lächeln die Schultern, als ob sie sagen wollte: Dummer Mensch!, verneigte sich leicht und schritt hinaus. Er wollte ihr ein Abschiedswort nachrufen, aber sie war pfeilschnell die Treppe hinab geeilt und aus dem Haus verschwunden. Leonhart ging lange in seiner Stube auf und nieder. Dann trat er vor den Spiegel und begann nach Art der Einsamen mit sich selbst zu reden. Ja, mein Lieber, du, der du dich seit langem für einen Todeskandidaten hältst und deshalb allen Heiratsgedanken fern bliebst, schwer wurde es dir ja wohl nicht – du bist rettungslos verliebt. Es ist ein großer Leichtsinn über dich hereingebrochen, etwas dir ganz fremdes. Du wärst imstande – er hielt inne und betrachtete sich. Eigentlich bin ich ein ganz einnehmender Herr. Vornehme Blaßheit, aristokratisches Oval des Gesichts, die Leute wissen ja nicht, woher die Hagerkeit rührt, Augen, von denen in meiner Studentenzeit die Backfische behaupteten, daß sie bis ins Herz drängen, und so weiter. Sogar eine Hand breit bin ich höher als Madame Marie Therese, obschon sie für ein Mädchen recht groß ist. Aber du bist ein deutscher Professor, mein Lieber, und die sind gegen dumme Streiche geeicht. Oder wäre das keiner, was dir vorhin durch den Kopf fuhr? Ein Windhauch schlug das Fenster zu, das Glas klirrte wie leises Lachen. Als der Professor eine Stunde später die Treppe hinab kam, warf ihm der Portier einen sonderbar fragenden, erstaunten Blick zu. Steinwald runzelte ärgerlich die Brauen. Er ging dreimal um das Hotel herum, ohne es zu bemerken. Dann kam ihm ein listiger Gedanke. Der Portier kannte sie gewiß. Von ihm konnte er genauere Nachrichten über sie einziehen. Aber er verwarf seinen Einfall bald wieder. Am Abend schickte er ihr einen Brief. Ob sie erlaube, daß er sie noch einmal aufsuche. Der Portier überbrachte ihm am nächsten Tag die Antwort. Wer sie abgegeben hätte? »Die Frau Haube.« »Die Alte?« »Ja, die Alte.« – Es wäre sonst eine tüchtige Person. Als die Mutter der – »Schon gut, schon gut.« Der Professor trat mit den Krakelfüßen Marie Theresens ans Fenster. »Es wird mich freuen, Sie zu empfangen. Marie Therese.« Eine Stunde später ist er drüben bei ihr. Sie sitzt wie jüngsthin am Tisch. Ihr feuergelbes Haar ist schlecht gekämmt. Sie trägt ein häßliches, verwaschenes Kleid. Ihre Füße stecken in großen, unförmigen Schuhen. Als ob sie sich absichtlich unschön gemacht hätte! Er überfliegt mit einem Blick all diese Einzelheiten. Und wieder triumphiert etwas in ihm. Von Koketterie keine Spur. Ihr Gesicht selbst bemüht sich, einen gleichgiltigen Ausdruck anzunehmen. Sie bedeutet ihn, Platz zu nehmen. Er bleibt stehen, schreitet dann zweimal durch das Stübchen und richtet sich endlich vor ihr auf. »Man nennt das in medias res vorgehen, was ich jetzt thue. Ich kann Sie nicht mehr los werden, Marie Therese, wie soll ich es anders machen? Wollen Sie meine Frau werden?« Sie schaut ihn sprachlos an. Er drängt sie zu reden. »Scherzen Sie?« »Scherzen? Mit Ihnen? Wissen Sie, daß ich Furcht vor Ihnen habe? So ein junger Vulkan will vorsichtig behandelt sein.« »Ein junger Vulkan?« Sie lächelt geschmeichelt wie ein Kind. »Ich bin doch nur ein armes junges Ding.« »Ja, nun thun Sie demütig.« »Jetzt darf ich's ja.« Er faßt sie an beiden Händen. »Marie Therese, lieben Sie jemand?« »Aber freilich, viele.« »Keine Witze.« Sie macht sich von ihm los. »Nein, ich – ich bin ganz für mich allein.« »Glauben Sie, daß Sie mir gut sein könnten?« »Ich denke es – aber ich weiß es nicht.« »Soll ich Ihnen meine Geschichte erzählen?« »Bitte!« »Ich bin ganz armer Leute Kind. Seit meinem zehnten Jahr bin ich selbständig und erhalte mich. Was ich wurde, verdanke ich nur mir. Ich besitze eine nicht geringe Portion Bauernstolz. Aber ich kann's nicht leugnen, die Aristokratie des Blutes hat für mich etwas Berauschendes. Sie fände ich meist in der wohlhabenden Klasse. Die aber imponiert mir nicht. Ein barfüßig Prinzeßlein hab' ich all meine Tage gesucht. Hier sitzt es. Will es meine Hausfrau werden?« »Woher wissen Sie, daß ich ein Prinzeßlein bin? Ich heiße doch Hofer.« Er lachte. »Halten Sie mich nicht für so einfältig. Und wenn Sie nicht einmal Hofer hießen, würde ich doch wissen, daß edles Blut in Ihren Adern fließt.« »Ist es edel? Ich weiß es nicht. Aber Sie haben recht. Meine Mutter entstammt einer vornehmen französischen Emigrantenfamilie.« »Wessen Namen tragen Sie?« »Den Namen der Adoptiveltern meiner Mutter.« »Und –« »Fragen Sie nur ruhig weiter, und stocken Sie nicht. Mein Vater hat zwar Komödie mit Mama gespielt, aber der Priester fehlt dabei nicht.« »Also –« »Das heißt, in meinem Taufschein ist sein Name nicht genannt, aber vor mir selbst brauche ich nicht zu erröten, denn ich bin nicht das Kind einer sogenannten schwachen Stunde –« »Gott, wie reden Sie wieder! Nur das nicht, das zerreißt mir das Herz! Auf Ihren unschuldigen Lippen diese Sprache!« Sie lachte höhnisch. »Woher wissen Sie –« »Marie Therese!« Er warf die Arme um sie und zog sie an seine Brust. Sie sträubte sich wie ein zappelnder Vogel in der Schlinge. Er ließ sie nicht los. Dann wurde sie ruhiger. Zuletzt lag ihr Haupt ganz still an seiner Schulter. Da gab er sie frei und strich sanft über ihr Haar. »Ich habe ein gutes Vermächtnis zu hinterlassen. Einen stolzen, makellosen Namen. Nun habe ich eine gefunden, die ihn tragen darf. Ich , Marie Therese, ich sag's dir ganz leise ins Ohr, ich habe nicht lange mehr zu leben. Du wirst dann dastehen in all deiner Jugendherrlichkeit, frei von Sorgen, frei von jeglicher Verpflichtung, und kannst beginnen, was du willst. Aber halte meinen Namen wert, so lang du ihn trägst, hörst du? Und vergiß nicht, mich zu segnen, daß ich dich vor dem Sumpf bewahrt habe, in den du dich begeben wolltest.« Sie sah wortlos in sein Gesicht. Lange, wohl zwei Minuten lang. Etwas Ungekanntes ging in ihr vor. Dann legte sie ihre heißen vollen Lippen auf seinen Mund. 4 IV Der Abend raunte in den Zweigen des kleinen Gartens, in dem des Professors Wohnung lag. Hemdärmlig, denn er erwartete keinen Besuch mehr, saß er vor seinem Schreibtisch und notierte sich die letzten Einkäufe, die er für sein zukünftiges Heim gemacht hatte. Da ging draußen die Klingel. Das ist doch stark, dachte er. Nun ist's bald neun. Ich gehe nicht zu öffnen. Wer kann es denn auch sein? Vielleicht Freund Born, der mich noch in die Weinstube abholen will. Geh allein, mein Junge! Ich habe an andere Dinge zu denken. Da klingelte es wieder. Diesmal schwächer. Läut' zu, dachte der Professor hartnäckig und schrieb weiter. In zwei Wochen war Erntezeit. Da sollte sein Hochzeitstag sein. Und vorher mußte noch viel angeschafft werden, Dinge, auf denen ihre schönen Augen mit Wohlgefallen ruhen sollten. Allein hätte er sich mit dem Einkaufen nicht zurechtgefunden. Er hatte die Frau eines Kollegen, die praktische Frau Geheimrat Stetting gebeten, ihm zur Seite zu stehen. Er konnte nicht so reichlich ausgeben, als er gewünscht hätte, denn außer seinem Gehalt besaß er kein Einkommen. Mit dem Aufzeichnen und Berechnen war es zehn Uhr geworden. Er hatte an diesem Tag lange geistig angestrengt gearbeitet und war müde. Er erhob sich, um zu Bett zu gehen. Zuvor wollte er noch einen Blick in den Briefkasten thun, um zu sehen, ob der späte Besuch vielleicht irgend ein Lebenszeichen da gelassen hatte. Den Leuchter in der Hand, öffnete er die Thür. Auf der Schwelle saß Marie Therese. »Du!« rief er. Sie lächelte. »Dacht' ich's doch, daß du zu Hause bist und nur nicht öffnen wolltest.« Er zog sie herein. »Kind! Mädchen! bist du toll geworden, was fällt dir ein?« Sie schien ihn nicht zu hören. Ihre Augen glitten beobachtend durch den schlichten Raum, mit seinen vielen hundert Büchern auf den hohen Regalen. »Die Thür dort führt in dein Schlafzimmer, und draußen ist der Garten. Wie schön du wohnst, voll Frieden. Unten haust eine alte Frau, wohl die Wirtin. Ich klingelte zuerst bei ihr an. Sie hat mich ganz erschreckt angesehen und that so, als ob sie um Hilfe schreien wollte. Und es war doch erst neun Uhr, als ich nach dir fragte. Ihr seid Schlafmützen.« Sie hatte sich in einem Sessel niedergelassen und blickte ruhig auf Leonhart, der noch immer ganz sprachlos vor ihr stand. Dann raffte er sich auf und eilte nach dem Kleiderstock, wo Hut und Mantel hingen. Sie stand auf und legte die Hand auf seinen Arm. »Du willst mich schleunig aus deiner Wohnung entfernen. Laß gut sein! Es ist nun doch geschehen.« Ihre Augen lachten. »Dein Ruf ist vernichtet.« »Meiner nicht, aber –« »Meiner? Ich habe keinen.« »Wie kannst du so reden! Vierzehn Tage vor deiner –« »Pst! Deshalb kam ich hierher. Komm', laß uns friedlich auf dem Sofa sitzen. Ich bin so müd'.« Sie zog ihn neben sich. Er hob ihre Hand an seine Lippen. »Darf ich das Licht auslöschen?« rief sie übermütig. »Nein, nein!« Sie lachte und blies in die Lampe, daß sie erlosch. Eine blasse Mondsichel blickte durch die Bäume herein. »Weshalb thatst du das?« fragte er mit unsicherer Stimme. »Wenn ich es gethan hätte!« »Das wäre auch etwas anderes gewesen.« »Du bist voller Widersprüche, Kind. Einmal mordest du einen fast, weil man dir zu wenig Respekt erweist –« »Red' keinen Unsinn,« unterbrach sie ihn. »Seit ich weiß, daß du ein ganzer Mensch bist, brauche ich mich vor dem Tiere ›Mann‹ in dir nicht zu schützen. Hier stehen sich zwei Menschen gegenüber, die brauchen keine Lampe und keine Beobachtung der Besuchszeit.« »Und das ist achtzehn Jahre alt!« Der Professor sprang auf. Sie zog ihn nieder. »Sei doch ruhig und laß mich ausreden. Weißt du, weshalb ich die fünf Stunden lange Eisenbahnfahrt zu dir machte? Rate mal.« »Ich weiß es nicht,« bemerkte er beklommen. »Nun, ich will dich fragen, ob es nicht geht, daß wir – die Heirat rückgängig machen.« Sie sah ihn zusammenzucken und ergriff seine Hand. »Was du mir neulich von dem Vermächtnis deines Namens sagtest, klang sehr schön, aber –« »Marie Therese!« »Erlaß mir den Schwur, den Ring, es ist ja ein vorbereiteter Meineid. Wie kann ich denn versprechen, treu zu sein. Ich bin ja noch so jung. Weiß ich, was in ein, zwei, in zehn Jahren über mein Herz kommen wird? Wenn ich ehrlich sein will, muß ich sagen: Ich weiß nicht, ob ich treu sein werde. Ich bin keine Sklavennatur, die man mit einem Ring fesselt. Ich will nicht heiraten. Ich will nicht verpflichtet zur Liebe werden.« »Aber die Sitte, der Brauch! Die Gesellschaft! Wie willst du vor ihr bestehen? Wirst du Kraft genug haben, ihre Geringschätzung zu ertragen? Kind, du weißt nicht, was du sprichst.« Sie warf sich ungeduldig zurück. »Die Gesellschaft, was ist das? Etwas, das man sich erzieht. Wachs, das man sich formt. Tritt ihr trotz deines geistigen Reichtums bescheiden entgegen, du wirst erfahren, daß sie dich wie einen dummen Jungen behandelt. Schleudere ihr deine Überlegenheit ins Gesicht, zeig' ihr, daß sie für dich nur ein Begriff, keine Majestät ist, und gieb acht, was sie thut. Verblüfft, aber besiegt, wird sie das Haupt vor dir neigen.« »Das alles geht nicht, Kind; wir bedürfen ihrer, sie ist unser Boden. Ohne Boden kann sich auch die stolzeste Eiche nicht entwickeln.« »Brauchen sie. Das sagst du ! Hast du mir nicht erzählt, daß du dir selbst alles verdankst? Gut, nenn' sie den Boden und dich den Schmuck, das Wachstum dieses Bodens. Was ist das Erdreich ohne dieses?« »Nun, sagen wir also, unser Frieden besteht auf gegenseitigem Einvernehmen. Genügt dir das, kleine Streiterin?« »Nein. Überhaupt, ein gegenseitiges Einvernehmen giebt es nicht. Die eine der beiden Parteien wird die herrschende sein.« »Gott sei Dank, daß du eine Frau geworden bist.« »Um so schwieriger für mich,« meinte sie. Und dann, in den Mondschein hinausschauend: »Aber wir sind von unserm Thema abgekommen. Ich möchte also – Fräulein Hofer bleiben.« »Launisches Kind! Hast du vergessen, daß ich dich lieb habe?« »Das sollst du ja auch weiter.« »Marie Therese, weshalb dieser plötzliche Abscheu?« »Ich fürchte mich.« Er sah ihre großen, rätselhaften Augen auf sich gerichtet. Ein böser Argwohn stieg in ihm auf. »Du fürchtest dich.« »Ich war allezeit frei. Im Kloster ließen sie mich gehen und kommen, wie ich wollte. Der Priester, dem ich beichtete, sagte mir einmal, als ich ihm meinen Wunsch, Nonne zu werden, mitteilte: Marie Therese, binde dich niemals an ein Gelübde, du würdest es brechen. Eines Tages wird dich die Haft des gegebenen Wortes drücken, und du wirst den Sprung in die Freiheit zurück wagen, unbekümmert, ob du andere mit dir in die Tiefe reißest. Denn du brauchst unendlich weiten Boden, um deine Natur auszuleben.« »Ich will kein Kerkermeister sein. Du sollst deinen weiten Boden neben mir haben.« »Aber dann wirst du leiden. Du wirst unsicher werden.« »Meinst du? Laß mich das doch mit mir selbst ausmachen. Wenn du sonst nichts fürchtest, – Marie Therese, warst du denn aufrichtig mit mir? Entbehrt deine Klugheit wirklich der Erfahrung, ist sie nur aus den Erzählungen deiner Mutter geschöpft?« Sie stützte beide Arme auf den Tisch und das Antlitz darauf. Der Mond warf ungewisse Lichter in ihre Augen. »Da wäre sie ja, die Frage. Sie ist das Hindernis, das die künftige Frau Professor Steinwald zu nehmen hat. Verunglückt sie mit ihrer Antwort, so ist das ein Gottesurteil.« »Marie Therese, nicht bitter werden!« »Da hast du ja schon die ganze Härte des zukünftigen Eheherrn. Nein, nein, protestiere nicht. Würdest du – deine Geliebte eben so gefragt haben?« »Nein.« »Denn die Liebe besitzt nur geschenkte Rechte, sie nimmt sich keine heraus. Frag' meine Mutter um die Vergangenheit ihrer Tochter.« »Deine Mutter ist stumm.« »Sie würde reden, glaub' mir! Es ist still genug hier, daß wir sie vernehmen würden.« Es entstand eine Pause. Marie Therese blickte sinnend in den Mondschein hinaus. »Zuerst war sie's, die mir Abscheu vor dem, was ihr ›Liebe‹ nennt, beigebracht hat. Dann erwachte er aus meiner eigenen Anschauung heraus. Schleier um Schleier sank vor meinen Augen ...« »Wer lüftete sie?« »Rohe Hände.« »Und du hast diese Hände –« »Ich hab' mich ihrer gewehrt, trotzdem griffen sie nach den Falten meines Kleides, wenn ich allein und unbeschützt über die Gassen ging. Meine Mutter war jahrelang an ihr Bett gefesselt.« »Und?« »Nun, und, als ich mich in den Sumpfgründen der menschlichen Gemeinheit zurecht gefunden und sie begriffen hatte, lachte ich und war – gesichert.« »Armes Kind!« Er zog ihren Kopf an sich. »Und nun will ich auch keine Frage mehr an dich thun. Ich will dein gekränktes Herz wie eine verwundete Taube hegen und pflegen.« »Ich werde dir immer ein Rätsel bleiben.« »Bleib' es. Ich liebe dich, wie du bist. Und nun mußt du Frau Steinwald werden.« »Daß du es nie beklagst.« 5 V »Hörst du die Vögel singen, Marie Therese?« »Vögel singen? Nein.« »Aber es klingt doch um uns.« »Es ist ferne Musik, aus irgend einem Garten her.« »Du hast recht. Jetzt hör' ich's auch.« »Wie könnten auch Vögel singen, jetzt im Herbst?« »O, heute wäre alles möglich! Nicht wahr, du wirst recht oft weiße Kleider tragen? Weiß steht dir so schön. Was ist denn eigentlich heute für ein Wochentag.« »Sonnabend.« »Morgen Sonntag. Unser erster gemeinschaftlicher Sonntag.« »Das Zimmer ist entzückend. Möbel und Tapeten grau. Ich liebe grau so sehr. Es ist schweigsam und läßt einen denken.« »Ich wußte, daß du es liebst.« »Und das Eßzimmer braunes Leder. Und die andern –« »Hast du dir sie denn schon genauer angesehen? Du liefst nur durch, ohne nach rechts oder links zu blicken.« »Ich bin so müde. Dieses langweilige Mahl im Hotel.« »Ich konnte es nicht umgehen –« »Diese Gäste alle!« Sie gähnte. »Was das schönste ist: daß die Wohnung in der Vorstadt liegt und lauter Gärten ringsum sind. Glaubst du, daß Friederike schon schläft?« »Gewiß. Ich hab' sie sofort, als wir aus dem Hotel kamen und sie dir behilflich sein wollte, auf ihre Mansarde geschickt.« »Ich bin dir dankbar dafür. Sie hatte so dumme, neugierige Augen.« »Jetzt ist die Musik verstummt.« »Wie heißt der Stil, in dem dieses Zimmer eingerichtet ist?« »Es ist kein bestimmter Stil. Meist Phantasie mit etwas Anlehnung an deutsche Renaissance.« »So!« »Du bist müde.« »Recht müde.« »Willst du –« »Ach nein, es ist so schön hier. Es riecht nach Pfingsten.« »Das kommt von den Blumen dort in der Ecke.« »Wo steht die Uhr, die eben schlug?« »Nebenan im Eßzimmer.« »Ein wundervoller Ton.« »Nicht wahr? Sie soll nach einem ganz alten Modell gearbeitet sein.« »Leonhart!« »Liebe!« »Du bist sehr gut!« »Und wenn du wüßtest, was du bist.« »Nun?« »Darf ich dir das Haar lösen?« »Bitte!« »Wie herrlich! Marie Therese, Marie Therese! Ist's möglich, dieses Gold alles mein?« »Ganz dein!« »Es duftet wie Heidekraut, auf das die Sonne scheint. Es fühlt sich an wie junges Flachsgespinst, auf dem die küssenden Lippen der Erde noch ruhen. O du Selige!« »Du Heide! Du betest ein Menschengebilde an!« »Darf ich so vor dir knien? Darf ich die Augen schließen?« »Schließe sie und sei ganz still, wenn du willst. Hast du mich geküßt, oder hat ein Falter meine Lippen berührt?« »Der Falter war ich.« »Hat die Uhr geschlagen, oder träumte ich?« »Du träumtest.« »Ich bin so müde.« »Willst du nicht schlafen gehen?« »Nein, ich bin zu träg', um mich zu erheben. Laß uns hier sitzen bleiben. Die Wirklichkeit zerrinnt in blaue Schatten vor mir ...« »Marie Therese, lehne deinen Kopf an meine Schulter. So. Nein, Kind, du sinkst ja um. Komm zu Bett.« »Aber du mußt Licht anzünden, sonst – ich finde mich nicht zurecht.« »Ich führe dich.« »Licht!« »Hier!« »O, wie schmerzt die Flamme!« »Du wolltest doch – komm, stütz' dich auf mich.« »Ach, das ist – was ist das?« »Dein Ankleidezimmer.« »Und hier?« »Ich will die Ampel anzünden, ihr Licht ist gedämpfter. Aber was hast du?« » Das das Schlafzimmer?« »Marie Therese!« »Pfui.« »Hör' mich! Es ist nicht –« »Du Armer, ich hab' dich gekränkt!« »Es ist nicht mein Werk. Meine alte Freundin hat es so angeordnet, und ich wollte mich nicht hinein mischen. Man wird es morgen umstellen. Oder das kleine Zimmerchen nebenan für dich – Marie Therese, was thust du? Du auf den Knien vor mir! Komm, komm an meine Brust! Komm, meine arme Taube! Ich will dir etwas sagen. Ruh' dich hier aus, ich geh' nach vorn. Ich bin nicht müd', und der Tag muß bald anbrechen.« »Die Zähne schlagen dir wie im Fieber zusammen. Leonhart, ist dir schlecht?« »Gut, wie noch nie.« »Laß mich hier nicht allein.« »So geh mit.« »Und nun sitzen wir wieder Hand in Hand auf dem lieben, guten Sofa –« »Wein' mir nicht so, hörst du!« »Auf dem lieben, guten Sofa –« »Schläfst du? Marie Therese, schläfst du? Schläfst du, Kind, oder – Verlorene? ...« 6 VI »Also dir gefällt unsere Wohnung?« »Und wie! Bloß die Unmasse Laub, Kräuter, Blumen, die in Vasen und Töpfen herumsteht und sogar an den Wänden befestigt ist, taugt mir nicht recht. Wir sind doch keine Waldgeister, die raschelndes Laub um sich brauchen.« »Das ist ihre Liebhaberei. Sie bringt alle Tage die Arme voll Grünem mit.« »Und du erlaubst es?« »Erlauben?« »Du Verliebter! Sieh mich nicht so überlegen an! Wir glauben ja gerne, daß deine Frau ein ungewöhnliches Wesen sei. Sie muß es ja sein, könnte sie dich sonst so ausfüllen? Seit den paar Wochen deiner Verheiratung existierst du ja nicht mehr für die Außenwelt. Selbst mich, deinen besten Freund, umgehst du auf die unverantwortlichste Weise. Und wenn ich nicht höchst eigenfüßig auf deine Bude gerückt wäre, dann –« »Dann wär' ich zu dir gekommen.« »Das bezweifle ich stark.« »Guten Morgen, Herr Professor!« »Guten Tag, gnädige Frau!« »Sehr hübsch von Ihnen, daß Sie uns einmal besuchen. Leonhart spricht viel von Ihnen. Aber weshalb stehen wir? Setzen wir uns doch.« »Wünschest du etwas, Liebe?« »Nein, ich habe nur auf den Knopf gedrückt, Friederike zu rufen. – Friederike, bringen Sie uns die Flasche Sherry und Gläser. Weshalb sehen Sie mich so erschreckt an, Herr Born? O, ich kann tüchtig kneipen.« »Sie brauchen doch Laub in Ihren Zimmern.« »Wie?« »Ich schalt vorhin über Ihren grünen Geschmack. Jetzt, da ich Sie sehe –« »Aber wir haben uns doch schon einmal gesehen.« »Auf Ihrem Hochzeitsmahl? Da sahen Sie ernst und eisig, ja noch einmal so alt aus, als Sie sind. Sie waren nicht einmal befangen, wie's doch einer Braut geziemt.« »Prosit, Herr Professor! Ich glaube, wir könnten gute Freunde werden.« »Prosit! Prosit, Leonhart.« »Blicken Sie mich nicht so an, sonst werde ich verlegen.« »Ich verstehe nämlich nicht, wie ich Sie neulich gesehen habe. Wo hatten Sie denn Ihr Haar? Auf den Zähnen, werden Sie sagen, aber –« »O, wie häßlich! Machen Sie oft solche Bemerkungen?« »O, noch viel ärgere. Du mußt dich daran gewöhnen. Er ist banal wie –« »Eine Wirtschaft auf dem Rigi.« »Ungezogen –« »Wie der dickste Tenor.« »Übermütig –« »Wie die Gebeine eines Schneiders, die der Herr am jüngsten Tag zusammen sucht.« »Und was sagen Ihre Studenten?« »Sie fürchten mich und schelten mich einen Pedanten.« »Wenn er nämlich den Professor anzieht, kann er furchtbar werden.« »Macht Jagd auf alle Nullen, da er Mathematiker ist.« »Wollen Sie mein Hofnarr werden, Herr Professor?« »Wenn Sie meine Königin sein wollen? Du hast doch nichts dagegen?« »O nein, nein! Beuge dein Knie vor ihr, so oft du magst.« »Sie sehen mich in freudiger Stimmung. So hätte ich einen König, einen Hofnarren, nun fehlt noch die Ehrendame. Können Sie mir nicht eine anempfehlen?« »Ehrendame? Hm! Ich fürchte etwas. Die Frauen werden sich weigern, den Ehrendienst bei Ihnen zu verrichten.« »Und weshalb?« »Weil jede Frau gerne selbst Königin ist. Wenn ich Frau wäre, würde ich Sie hassen.« »Und ich würde Sie zwingen, mir zu dienen.« »Versuchen Sie's doch mal.« »Gut. Leonhart, wollen wir eine feierliche Einladung ergehen lassen? Frau Geheimrat Stetting sitzt am Kopfende des Tisches.« »Du Schalk! Ich bin einverstanden.« »Frau Geheimrat Stetting wird nicht kommen, das kann ich Ihnen versichern.« »Weshalb nicht?« »Sie verabscheut Sie.« »Wollen wir wetten, daß sie kommt?« »Thun wir's. Um was?« »Kennst du einen interessanten Menschen, Leonhart, um dessen Haupt ich wetten könnte?« »O ja, aber wette nicht nur um das Haupt, sondern um den ganzen Kerl.« »Außer mir wüßte ich keinen, meine gnädige Frau, der es wert wäre –« »Ahnst du, wen ich meine?« »Doch nicht etwa –« »Paul Bernhart.« »Bernhart? Das ist vergeblich. Den bringt keine Gewalt der Erde in eine Gesellschaft.« »Warum nicht?« »Er ist ein Misanthrop. Obgleich er erst siebenundzwanzig Jahre alt ist, glaubt er mit dem Leben abgeschlossen zu haben.« »Welche Marke trägt er?« »O! Das muß ich ihm wieder erzählen. Er macht in Chemie. Kann Ihnen radikale Mittel gegen Katzenjammer geben?« »Er soll mein Beichtvater werden. Ist er blaß?« »Blaß? Nein.« »Er ist ein sehr schöner Mensch, Marie Therese. Nimm dich in acht vor ihm.« »Ein lebensüberdrüssiger Giftmischer! er kann mir gefährlich werden.« »Um Gotteswillen, halb acht Uhr. Leben Sie wohl, meine Gnädige! Verzeihen Sie mein langes Verweilen.« »Also Sie kommen zu meinem Souper mit Bernhart. Die Geheimrätin hol' ich mir selbst.« »Bernhart ist verheiratet. Adieu, gnädige Frau, adieu, Alter. Nein, begleit' mich nicht hinaus, ich find' mich schon zurecht.« – »Wenn er nicht so häßlich wäre!« »Findest du ihn so häßlich?« »Klein, dick, eine Kartoffelnase, spärliches braungraues Haar, vom Tabak gelb gewordene Zähne.« »Und seine Augen?« »Ja, die versöhnen wieder. Zwei graue Meere, mit Ebbe und Flut und einer tiefen, lachenden Sonne darüber ...« 7 VII Die Tafel war glänzend gedeckt. Ein Schwall von Rosen lag über das blühweiße Tischtuch verstreut. An der Kante liefen dicke Epheuguirlanden hin. Flaschen in Bastgeflecht standen umher. Es gab nur Weine aus dem Land, aus dem die Rosen stammten: aus Italien. Dicke Wachskerzen in silbernen Kandelabern verbreiteten ein angenehmes, ruhiges Licht. Marie Therese trug ein weißes, loses Kleid, und ihr Haar fiel in zwei tiefen Scheiteln in die Stirn herein. »Setzen Sie sich ganz nach Ihrem Belieben,« sagte sie zu ihren Gästen. Es waren ihrer neun. Ihr Gatte, gütig wie immer, bemächtigte sich der Geheimrätin. Der Gemahl der alten Dame wollte sich der Hausfrau nähern, sah aber, wie Born den Arm seiner ›Königin‹ in seinen schob. Er wählte sich zur Tischnachbarin von den beiden noch anwesenden Damen ein junges Mädchen, das, wie verzaubert, unverwandt die Augen auf Marie Therese gerichtet hielt. Die hübsche junge Frau, die fast krampfhaft den Arm eines hochgewachsenen Herrn umfaßte, bemerkte zu dem zuletzt eingetretenen Gast: »Nicht wahr, Herr Doktor Klausner, Sie erheben keine Ansprüche an mich. Ich möchte gern neben meinem Mann sitzen.« Der schmächtige Herr mit der goldenen Brille machte eine Verbeugung. »Gewiß, Frau Bernhart, gewiß. Ich nehme mit Ihrer linken Seite fürlieb.« Auf ein Klingelzeichen Marie Theresens eilten drei Knaben herein, die schön garnierte Schüsseln herumreichten. »Drei Piccolominis, welch köstliche Idee!« Marie Therese ermahnte ihren Tischherrn, sich würdig zu betragen, da sie nicht an einer Fischgräte ersticken wolle. Leonhart sah mit glücklichem Lächeln auf seine Frau. »Ich kann's noch immer nicht begreifen,« flüsterte die Frau Geheimrat, »bei ihrem Hochzeitsmahl erschien sie geradezu häßlich. Kein freundliches Wort von ihr, und nicht wahr, das durfte ich doch wirklich erwarten. Neulich, als sie bei mir eintrat, ich muß es schon sagen, war ich abstoßend zu ihr wie noch zu niemand. Aber sie legte mir wie ein Kind die Arme um den Hals, und was sie redete, war so süß, daß ich schließlich ganz dumm wurde, und wenn sie verlangt hätte, ich sollte tanzen, ich hätt's gethan. Sie haben das große Los gezogen, Freund!« Er lächelte still vor sich hin. »Sehen Sie, wie Ihr Mann lächelt, und wie Bernhart ihn anstarrt. Nicht Sie, Ihren Mann starrt er an. Wie haben Sie's nur angefangen, daß dieser Starrkopf hier erschien?« »Ich machte Bernharts meinen Besuch und sagte ihnen, daß es mein Wunsch sei, ihre Bekanntschaft zu machen.« »Gnädige Frau!« »Es war keine Lüge. Ich nannte Ihren Namen und betonte, daß wir sehr befreundet wären. Und da er wieder Ihr Freund sei, so würde es mich sehr freuen, wenn er mit Madame mir die Ehre schenkte, und so weiter. Ich weiß nicht mehr, was ich sonst noch sagte, aber er versprach zu kommen.« »Er hat noch kein Wort zu Ihnen gesprochen. Ich hab's beobachtet.« »Nein, er hat noch nicht gesprochen. Prosit! Prosit, Cäcilie. Wenn sie mich noch lange so anglotzt, gehe ich hinaus.« »Sie liebt Sie.« »Weshalb nicht Sie oder Bernhart?« »Bernhart ist verheiratet.« »Ei, schadet das etwas?« »Gnädige Frau, Sie sind mir ein Rätsel.« »Warum? Weil mich das Leben mit seinen geheimnisvollen Gängen interessiert? Weil ich alle sieben Farben und nicht nur eine einzige liebe?« Die beiden ›Meere‹ des Professors richteten sich nachdenklich in sein Kelchglas, dann trank er seinem Freunde zu. Marie Therese lächelte heimlich. Doktor Klausner, Leonharts Hausarzt, empfahl sich noch vor dem letzten Gang. Er hatte nicht absagen wollen, hatte es aber sehr eilig. Einige schwerkranke Patienten erwarteten noch seinen Abendbesuch. Er reichte mit kühler Verbindlichkeit der Hausfrau die Hand. Sie hielt sie eine Sekunde lang in der ihren und sah ihn an. Er erwiderte ihren Blick nicht. Da wußte sie, daß er ihr nicht freundlich gesinnt war. »Cäcilie, mögen Sie uns etwas singen?« Die Tafel war aufgehoben, und man gruppierte sich in die verschiedenen Zimmer. »Wenn Sie wünschen, gnädige Frau?« »Ei, würde ich Sie sonst darum angehen?« »Nicht singen,« rief die Geheimrätin, »wir wollen heute Abend nur Sie genießen.« »Herr Bernhart, lieben Sie den Gesang?« »Nein, meine Gnädige.« »Aber Paul, wie kannst du das sagen?« »Ja – mit Ausnahmen, natürlich.« »Ihre Frau Gemahlin singt wohl selbst.« »Ja, sie zwitschert.« Er sah seine kleine Frau freundlich an. »Er ist nämlich manchmal so schwermütig, und –« »Dann singen Sie, und er lächelt; das würde ich auch thun, wenn ich Herr Bernhart wäre.« Marie Therese trat zu ihrer jungen Verehrerin, der sie den Arm um die Schulter legte. »Sie ist – sonderbar,« flüsterte die junge Frau ihrem Gatten zu. Er zuckte die Achseln und starrte auf den Vogelbeerenzweig in der achatfarbenen Vase. »Du bist verstimmt.« »Verstimmt, weshalb?« »Es war wirklich lieb von Ihnen, daß Sie zu uns kamen.« Steinwald war zu ihnen getreten. »In Zukunft müssen Sie's öfters so machen.« Über Bernharts regelmäßiges Gesicht flog ein Schatten. »In der nächsten Zeit werde ich wenig hinaus kommen. Ich habe schrecklich viel zu arbeiten.« Die beiden Herren vertieften sich in ein wissenschaftliches Gespräch. Die Piccolis liefen mit duftigem Mokka umher. Born stand einsam in einer Ecke und kaute an seiner Zigarre. Am Klavier begann Cäcilie mit einer tiefen, klangvollen Stimme, die man ihr nicht zugetraut hätte, zu singen: Rosen wand ich zum Kranz dir ... Bernhart brach mitten in seiner Rede ab und fuhr sich über die Stirne. »Komm, Ella, wir wollen nach Hause gehen. Mir ist gar nicht recht wohl heute.« Die kleine Frau folgte ihm gehorsam. Marie Therese saß auf einem niedern Hocker, beide Ellenbogen auf die Knie gestützt, und blickte vor sich hin. Bald darauf trennte sich die Gesellschaft. 8 VIII Wenn Steinwald sein Kolleg beendet hatte, machte er immer einen weiten Spaziergang, bevor er nach Hause kehrte. Er ging durch die einsamen Anlagen der Stadt, grübelnd, sinnend, erwägend. Ihm war, als sei er seit seiner Verheiratung in ein tiefes Meer untergetaucht, voll von Wunderdingen. Jeder Tag erschien ihm wie eine goldene Fabel. Auf dem Meeresgrund herrscht purpurne Dämmerung. Auch in ihm herrschte sie. Klar sehen konnte er nicht. Aber das, was er sah, war lauterer Zauber, und für einen, der nicht vorhatte, noch lange auf der Erde zu weilen, von berauschender Wirkung. Leonhart hatte noch immer nicht das Rätsel gelöst. War sie Komödiantin, war sie ein Kind, das mit naiven Händen alles an sich riß, was es fesselte? Er wagte nicht, den kecken Griff zu thun, um die Maske von ihrem Antlitz zu reißen. Er durfte sich die Sonntagslaune vergönnen, eine solche Frau zu haben, weil er den Scheuertag, Sonnabend, kaum erleben würde, an dem sie sich möglicher Weise als unpraktische Hausfrau erwies. Dürfen Menschen von kurzer Lebensdauer nicht ein wenig verschwenderisch und leichtsinnig sein? Eines Nachmittags, als er nach Hause kam und sich an seinen Schreibtisch begab, kam sie leise herein, setzte sich auf seinen Schoß und sah ihn an. »Nun, Zauberin?« fragte er. »Ich habe Leid um dich. Du bist so schweigsam. Du bist so blaß. Du bist so gütig. Du bist die Gnade. Ich möchte deine Füße mit meinen Thränen benetzen und mit meinem Haar trocknen.« »Magdalena?« Sie lachte und erhob sich. Er ordnete mit zitternder Hand die Blätter, auf die er seine Notizen machen wollte. Sie verschwand aus dem Zimmer. Ihn schmerzte die Brust. Seit Monden hatte er die Vorschriften seines Arztes nicht mehr beobachtet. Das rächte sich. Und die beständige, tief innere Aufregung! Er schrieb eine Stunde lang, dann näherten sich feste Fußtritte, und Friederike steckte das rote, dicke Gesicht herein. Ob der Herr Professor zum Nachtessen kommen möchte. Es stände alles bereit. Er ging ins Speisezimmer hinüber. Marie Therese saß in ihrem weißen Kleide am Tisch. Eine Lampe mit gelbseidnem Schirm warf goldene Lichter auf sie. »Warum ist das alles so festlich heute? So viele Blumen und geschmückte Schüsseln, doch kalt?« »Gewiß, damit niemand hereinkommt und wir ganz ungestört bleiben.« Er aß fast nichts und trank zwei Gläser schweren Weines, der ihm verboten war. Als er sich das dritte einschenken wollte, nahm Marie Therese es ihm aus der Hand. » Ich will dein Wein sein. Sieh mich nicht so unsicher an. Ich will dein Wein sein.« »Du bist es ja.« »Nein, noch war ich es nicht. Hast du fertig gegessen?« »Ja.« »Dann komm doch ins Nebenzimmer, wir wollen uns aufs Sofa setzen, wie damals. Ich möchte dir allerlei mitteilen.« »Klopft dein Herz, Marie Therese?« »Fühl' doch selbst.« Er legte ganz sachte seine Hand auf ihr weißes Gewand. »Nein, es geht ruhig wie ein weiter Strom.« Sie traten in das nebenanliegende Zimmer. »So. Laß mich an dich geschmiegt neben dir sitzen. Ich habe die Thür geschlossen, niemand wird uns stören. Geht dein Herz schnell?« »Nein,« antwortete er trocken. »Du lügst, es tobt. Leonhart, findest du es nicht häßlich, daß man in der Ehe mit dem letzten zuerst anfängt. Ein fremder Mann fordert die größte Vertraulichkeit von einer fremden Frau. Denn daß sie einander kennen, können sie doch nicht behaupten, nach dem konventionellen Verkehr, den sie bis dahin miteinander gepflegt haben. Die Hochzeitsnacht müßte erst ein Jahr nach der Verheiratung stattfinden.« »Du hast recht. Aber glaubst du, daß man sich dann wirklich kennt?« »Mindestens in den Hauptzügen.« »Dich würde ich auch dann nicht kennen.« »Mich würdest du nie auskennen. Deshalb brauchst du auch nicht so lange zu warten.« Ihr Haupt glitt an seiner Brust nieder auf sein Knie. Er saß mit geschlossenen Augen da und regte sich nicht. »Leonhart!« »Ja, Liebe.« »Hast du mich ganz verstanden?« »Ja.« »Und bleibst so starr!« »Klopft dein Herz, Marie Therese?« »Nein!« »Und du wolltest zärtlich sein können ohne –« »Die Entschuldigung des Rausches. Ja, das will ich.« »Aber ich will es nicht,« sagte er hart und erhob sich. Eine lange Pause trat ein. Er war ans Fenster getreten und sah in das Schneegetriebe hinaus. Sie kauerte in einer Ecke des Sofas. Nach einer Weile sagte sie leise: »Willst du nicht zu mir kommen, Leonhart?« Er kam zögernd und blickte sie nicht an. »Willst du nicht mit mir sprechen?« »Ich habe dir nichts zu sagen, als daß ich kein roher Geselle bin. Pflichtliebe brauch' ich keine.« »Pflichtliebe? Mir sagst du das, der der Begriff Pflicht als der schlechte Witz eines Clowngehirns erscheint. ›Pflicht‹ ist ja Blödsinn. Pflicht ist immer innere Nötigung, also ein: Ich muß , nicht das dunkle, abstrakte: Ich soll , das es gar nicht giebt.« »Reißt dich deine Liebe zu mir etwa so hin, daß es in dir schreit: Ich muß sein werden?« »Dein Gesicht ist immer voll Güte und Schönheit. In diesem Augenblick aber siehst du aus wie ein verstoßner Satan. Höhne nicht, was du nicht kennst.« »Was kenn' ich denn nicht?« »Mich.« »Hast du dazu beigetragen, daß ich dich kennen lerne?« »Nein, aber ich will es thun.« Sie faßte seine Hände. »Ich werde niemals im Leben auch nur für einen einzigen Augenblick mich vergessen können. Weißt du, weshalb? Ich bin einmal erschreckt worden, und das Entsetzen ist in mir haften geblieben. Mein Bewußtsein steht ewig Wache und hat die Fähigkeit verloren, seine Wimpern zu schließen.« Er legte die Rechte auf ihr Haupt. »Armes Weib!« »Armes Kind!« hauchte sie in sein Ohr... »Aber ich will dir etwas sagen: Ein Schuft, der dein Opfer annähme.« Sie hörte ihn nicht. »Wenn einer die Braut sich aus einem Flammenberg holt, weshalb sollte ein anderer die seinige nicht aus einem Eisberg befreien können?« »Weil er dabei – selbst zu Eis würde,« sagte Leonhart tonlos. »Das wird also meine Zukunft sein.« Sie stand ruhig auf. »Gute Nacht, Leonhart!« Er schlang die Arme um sie und bedeckte ihr Gesicht, ihre Augen mit tausend Küssen. »Vielleicht erweckt Gott einen Erzengel für dich, der deiner geängsteten Seele Augen zu schließen vermag, vielleicht kommt einer, der wie Sturm ist und dich dir selbst entführt ...« » Du sagst das?« »Ich werde es nicht mehr sehen; ich kann alles sagen, denn – ich wittere Morgenluft um mein Haupt ...« Seit diesem Abend trug er sie noch mehr auf Händen als früher. Seit diesem Abend glaubte er sie zu kennen. Ging sie nicht wie ein fremdes, einfältiges Kind hin, das vor allem, was ihm schön dünkt, stehen bleibt? Er konnte sie gewähren lassen, er wußte, daß ein allen andern unsichtbarer Panzer ihre Tugend beschützte. Sie hatte ihm Ehrlichkeit versprochen. Er konnte bei ihrem Stolz voraussetzen, daß, wenn einmal ein stärkeres Gefühl über sie kommen würde, er der erste wäre, dem sie es mitteilte. Vor diesem Augenblick graute ihm, er hoffte, ihn nicht mehr zu erleben. – Ihre Ehe galt für sehr glücklich; nur einer hielt sie nicht dafür: Doktor Klausner, dessen scharfblickenden Augen Steinwalds schlechtes Befinden nicht entging. Einmal sprach er mit Marie Therese über ihn. Leonhart hatte in der Nacht mit fürchterlicher Atemnot zu kämpfen gehabt, und sie war geeilt, ihn an das Krankenbett zu holen. »Was treibt er,« wandte sich der Arzt unmutig zu ihr, »er hat an Gewicht verloren, welche Aufregungen bringen ihn so herunter? Ich kenne seinen Organismus genau. Mit Vorsicht und Geduld war er zu retten.« Marie Therese zuckte die Schultern. »Vorsicht, Geduld? Ein solches Dasein ist ja kein Leben mehr, sondern ein künstliches Vegetieren. Leonhart ist zu klug dazu, um sich dies zu wünschen.« »Und Sie?« Sie sah ihn auf seine brüske Frage ruhig an. »Was nicht leben kann, soll sterben.« »Gott sei Dank, daß Sie nicht Krankenwärterin sind!« »Haben Sie keine Sorge! Die meisten Menschen sind zu dumm, um das Klügere einzusehen. Sie lassen sich von euch Ärzten erst halbtot machen, bevor sie ganz tot werden.« »Sie haben eine glücklich veranlagte Natur, meine Gnädigste.« »Nicht wahr, mich wird nie etwas überraschen, weil ich auf alles gefaßt bin.« Der Doktor entfernte sich mit einer ironischen Verbeugung. »Deine goldene Gesundheit muß ja geradezu beleidigend auf ihn wirken,« scherzte der Professor später, als sie ihm ihre Unterredung erzählte. Am anderen Morgen kam Born hergeeilt. »Ich hab' mich bloß etwas verschluckt,« sagte Leonhart zu dem Freunde, »in einigen Tagen werden wir wieder auf Posten sein. Übrigens könntest du mir einen Gefallen thun. Hol' meine Frau täglich zu einem Spaziergang ab. Sie kommt fast garnicht an die Luft, wenn ich selbst nicht hinausgehe.« Born errötete leicht und sah Marie Therese fragend an. »Möchten Sie 's auch?« »Frag' sie doch erst nicht, hol' sie einfach.« »Wollen wir gleich nachher den Versuch machen, ob wir Schritt halten können?« »Ja, thu's, Marie Therese!« »Und du?« »Ich schlafe indessen, ich bin müde.« Sie ging zögernd, sich den Pelz umzulegen, den er ihr kürzlich geschenkt hatte. Auf der Straße sagte sie zu Born: »Ich glaube, er ist selbst daran schuld, daß er kränker wird. Er fühlt sich auf einmal überflüssig.« »Überflüssig? Wieso?« »Sehen Sie mich nicht so bös an, ich kann nicht dafür, daß die Natur eine große Utilistin ist. Seit sein Name Boden gefunden hat, wacht er nicht mehr so über sein Wohlergehen.« Born schüttelte den Kopf. »Das ist unrichtig, das könnten Sie erst sagen, wenn Sie ihm ein Kind geschenkt hätten.« »Nun, ich habe ihm mich selbst geschenkt; ist das nicht ebenso gut wie ein Kind?« »Nein, denn das Kind muß später seinen Namen noch forttragen, Sie nicht.« Sie kräuselte die Lippen. »Haben Sie eigentlich ein gutes Herz, Frau Kollega?« »Das glaube ich nicht. Weshalb auch? Das gute Herz ist die Ursache von viel Weh in der Welt.« »Haben Sie das selbst erfahren?« »Nein und ja. Hauptsächlich meine Mutter.« »Wie konnten Sie nur Steinwald folgen, der die verkörperte Güte ist?« »Eben deshalb folgte ich ihm. Ich erwärme mich an ihr.« »Ohne sie zurückzugeben?« »Die empfangene, gewiß.« »Mehr nicht?« »Das kann man ja gar nicht. Wo kein Echo ist, kann man so viel rufen, als man will, es klingt nichts zurück. Wo aber eins ist, kommt genau dasselbe wieder, was man rief.« Sie gingen mit raschen, frischen Schritten die Anlagen hinab, die jetzt in ihrem winterlichen Schmuck ganz besonders anmutig aussahen. Born blickte heimlich seine Begleiterin an. Sie war ein gut Teil höher als er. »Sie können sehr überzeugend belehren, meine gnädige Frau; fahren Sie weiter fort.« »Nicht eher, bevor Sie drei schlechte Witze gemacht haben.« »Zwei gehen hier nebeneinander. Der dritte liegt zu Haus im Bett.« »Fühlen Sie sich als Schöpfer?« »Als mein eigner, gewiß. Man wird das, was man aus sich macht. Als Leonharts, ein gut Teil. Ich bin sein bester Freund. Ich hätte ihn gesund oder resigniert machen sollen. Als Ihrer in so fern, als ich Sie neue Werte kennen lehre. Zum Beispiel mich. Hätten Sie sich einen Mathematiker so vorgestellt?« »Wahrhaftig nicht. Ich begreife es auch nicht, woher Sie Ihre Witzlust nehmen.« »Haben Sie nie gehört, daß zu den Spaßmachern von Ruf die Totengräber gehören? Wenn man beim letzten angelangt ist, überkommt einen ein spielender Humor, die Nichtigkeit des Daseins zeigt sich in ihrer ganzen Fratzenhaftigkeit. Da lacht man und wird lustig. Die Totengräber wühlen in der Tiefe, wir promenieren zwischen den Sternen und messen die Tanzschritte der jüngsten Sonnen und ihrer Trabanten. Wir beide sehen die Menschen in einer – wie soll ich sagen – in einer gewissen Verkürzung. Wenn so'n winziges Komma von der lotrechten in die wagerechte Lage gerät, was weiter?« »Ja, so sah auch ich oft. Besonders in den Kinderjahren. Wenn ich abends an meiner Mutter Bett saß, und sie mir unter Thränen ihre tragische Lebensgeschichte wieder und wieder erzählte, kam mir oft ihr Leid recht thöricht vor. Ich fühlte mich fortgetragen in die Unendlichkeit hinein, in die weite, dunkle Nacht des Raumes, und vor der Gewaltigkeit des Ganzen zerschmolz die Bedeutung des Einzelnen. Mutter nannte mich herzlos.« »Haben Sie selbst nie ein Leid erfahren?« »O – vielleicht? Eine Stunde lang schrie ich wie ein gereiztes Tier, dann lachte ich mich aus.« »So ist's recht.« »Nun sagen Sie mir aber auch, weshalb Sie mich einen schlechten Witz nannten.« »Weil Sie eine Frau geworden sind. Das war eine Dummheit von Ihnen. Man kann Sie jetzt nicht lieb haben, wie man Sie lieb haben würde, wenn Sie ein männliches Individuum wären.« »Aber weshalb denn nicht?« »Mein Gott, der und die würden glauben, man sei in Sie verliebt.« »Nun, was wär' da weiter dabei?« »Sie haben recht, augenblicklich waren Sie klüger als ich. Neulich, als Sie der Widerspenstigen Zähmung aufführten, hielt ich Sie für eine Kokette. Absolvieren Sie mich von meiner Sünde!« »Ich selbst trage Schuld an Ihrer Meinung. Ich schaue nämlich für mein Leben gerne in Menschenseelen. Wenn sie sich mir verschließen, schlage ich der Konvention die Thüre ein und hole mir meine Beute am Schopf heran. Zum Beispiel Frau Geheimrat Stetting.« »Und?« »Wie?« »Seien Sie doch nicht so bescheiden! Verschweigen Sie Ihren zweiten Sieg nicht.« »Gehen wir denselben oder einen andern Weg zurück?« »Ah, Sie sind eine rechte Frau! Ich rate, denselben Weg zurückzukehren.« »Eine Frau bin ich freilich. Aber, wenn Sie meinen, daß ich verlegen wurde, irren Sie sich. Mein Blick fiel nur auf die Uhr da drüben am Turm, und ich fand, daß es Zeit wäre, heimzugehen.« »Daß Sie Bernhart zu sich bekamen, imponiert mir sehr. Kein Mensch erinnert sich, ihn je in einer Gesellschaft gesehen zu haben.« »Er ist so schön, daß ich fast an seiner großen Intelligenz zweifle.« »Lieben Sie diese melancholischen Cassiusgesichter?« »Ja, sehr.« »Darf ich es ihm mitteilen?« »Wenn Sie wollen. Ich verstehe nicht, weshalb eine Frau ihr Wohlgefallen an einer Geschlechtsgenossin äußern darf, hingegen ihr Urteil über den Mann zurückhalten soll. Das gehört auf dasselbe Gebiet, wie das Verbot, einem Herrn in den Überrock zu helfen. Ist das nicht der helle Blödsinn? Es erinnert an die Periode, wo man das Weib für ein Äffchen hielt, das stets zierlich auf seiner Stange zu sitzen hat.« Born antwortete nicht. Er sah vor sich nieder. Sie gingen sehr langsam, dann sagte er plötzlich: »Können Sie sich vorstellen, daß ein Mann eine Frau nur deshalb heiratet, weil er fürchtet, daß sie sich sonst ein Leid anthut?« »O ja. Wenn er sehr weich ist.« »Und daß sie es ahnt und glücklich dabei ist?« »O ja. Die kleine Frau, die Sie meinen, besitzt Naivität genug dazu. Ich habe alles neulich beobachtet. Es ist rührend. Er und sie! Sie müssen weiter in ihrer Einsamkeit bleiben und niemand um sich sehen, sonst werden sie Weh haben. Wenn ich sie wiedersehe, will ich ihr sagen, daß sie die reizendste Frau sei und ihr Gatte sie anbete.« »Möchten Sie an ihrer Stelle sein?« »Nein. Ich wünschte mir immer, eines Kämpfers Preis zu sein.« »Leonhart schien mir ein Träumer zu sein. An Ihrer Seite wird er zum Kämpfer. Übrigens – doch nein, das sag' ich Ihnen später an seinem Bett.« Den Rest des Weges legten sie schweigend zurück. Der Professor sah ihrem Kommen mit unbewußter Spannung entgegen. Sie traten beide gleichzeitig bei ihm ein. Er war aufgestanden und hatte sich auf das Ruhebett gestreckt. »Ihr bringt köstliche Schneefrische mit.« »Professor Doktor Leonhart Steinwald, hier hast du deine mir ange- – anvertraute Frau, wollt ich sagen, wieder zurück. Und was ich mir vorhin für den jetzigen Augenblick aufhob: Ich mag Sie unmenschlich gern leiden! Adieu!« Er verbeugte sich und schritt rasch hinaus. Steinwalds lachten. »So nimm' doch ein Glas Wein, verrückter Junge!« Man hörte ihn draußen die Korridorthüre zuwerfen. »Gut, daß er kein Adonis ist, der könnte dir gefährlich werden.« »Das ist er schon, trotz der Kartoffelnase.« »War es schön?« »Ja, ganz schön.« »Und weißt du, wer unterdessen hier war? Bernhart, aber ohne Frau.« Marie Therese errötete brennend. Leonhart lächelte. »Gefällt er dir?« »Ja,« erwiderte sie ehrlich. »Dann ist's ja ein Glück für mich, daß er verheiratet ist und eine Frau hat.« »Und was für eine!« Sie nahm ein Nippesfigürchen vom Kamin. »So eine. Das muß geschützt und zärtlich behandelt werden. Ich werde sie bemuttern.« »Sie hat ja eine Mutter.« »Aber die kann ihr nicht so viel Gutes thun, wie ich.« »Marie Therese, wer bist du eigentlich?« »Dein barfüßig Prinzeßlein.« 10 X »Noch eine Stube! Wozu ist denn die?« »Das ist das Fremdenzimmer.« »Ei, da steht ja eine Wiege.« Frau Bernhart errötete. »Die hat mir eine Freundin zum Hochzeitsgeschenk gemacht.« »Ärgerten Sie sich nicht darüber?« »O, im Gegenteil.« »Und hier geht's in die Küche. Ist die schön! Ein wahrer Salon.« »Ich halte mich sehr viel hier auf.« »Wie geschmackvoll! Alles Geschirr aus blauweißgestreiftem Email. Kommt Ihr Mann auch mal herein?« »Leider nicht. Er hat wenig Sinn fürs Häusliche. Aber ich hoffe, das kommt noch mit der Zeit. Wir sind erst anderthalb Jahre verheiratet.« »Natürlich kommt das noch. Kochen Sie ihm nur recht viel gute Sachen, dann wird er die Küche liebgewinnen.« »Sie wollen schon gehen? Kommen Sie doch noch ein wenig ins Wohnzimmer. Kann Ihr Mann also wirklich nicht mit Ihnen zu einem bescheidenen Abendessen zu uns kommen? Paul würde sich so sehr freuen. Sie müssen nämlich wissen, wir leben sonst ganz zurückgezogen. Mein Mann wohnte bei meinen Eltern im Hause. Als ich aus der Pension kam, lernten wir uns kennen, und später heirateten wir uns. Aber er ist nicht zu bewegen, gesellig zu leben. Kaum, daß er meine Mutter gern bei uns sieht. Als er neulich Ihre Einladung annahm, war ich ganz starr. Und nun müssen Sie die unsere ausschlagen, wie traurig!« Marie Therese blickte auf das kleine, zierliche Figürchen mit dem dunklen Tituskopf und dem feinen Gesichtchen. »Ja, es ist in der That sehr traurig. Aber mein Gatte soll das Zimmer nicht verlassen, bevor sein Bronchialkatarrh gewichen ist.« »Es ist doch sonst nichts ernsthaftes.« »Bewahre Gott!« »Da hat's geläutet. Das ist Bernhart.« Marie Therese neigte grüßend das Haupt vor ihm. Er zog ihre Hand an seine Lippen. »Das ist sehr gütig von Ihnen. Wie gehts Ihrem Mann?« Er warf einen raschen Blick auf sie. »Gut geht's ihm, aber es soll noch besser werden.« »Setzen wir uns doch noch einen Augenblick.« Alle drei ließen sich in dem hübschen kleinen Rokokozimmer nieder. »Sie sind sehr beschäftigt, Herr Doktor?« »Ja, nicht wahr, er sieht blaß aus. Wenn ich denk', wie Professor Born aussieht!« Marie Therese lächelte. »Auf die Farbe kommt's doch nicht an, mein' ich.« Sie fühlte, daß seine Augen auf ihr ruhten. »Erlauben Sie, Frau Steinwald, daß ich Ihnen ein Täßchen Thee braue?« »Nein, danke herzlich; Sie wissen ja, ich muß gleich nach Hause.« »Haben Sie's wirklich so eilig?« fragte Bernhart. »Ja, ich habe allerlei vor, auch ist mein Mann allein und erwartet mich.« »Sie Arme! Einen kranken Mann zu haben, muß fürchterlich sein! Wenn ich denk', daß mir Bernhart –« Der Doktor stand rasch auf und that, als ob er etwas suchte. »Was machen Sie ihm denn vor, daß er sich nicht langweilt? Darf er Besuche empfangen?« »O ja, bloß nicht viel sprechen. Deshalb lese ich ihm vor.« »Aha, das thun Sie sicher sehr gut. Man sagt –« sie errötete und blickte ihren Mann ungewiß an. »Was sagt man?« lächelte Marie Therese. »Daß Sie zum Theater gehen wollten, ist's wahr?« Frau Steinwald nickte. »'s ist wahr.« »Nein, so eine Courage!« »Das hatte mich eben angezogen, daß man dort kämpfen und streiten muß.« »Aber man kann doch auch untergehen, nicht?« »Dann geht man wieder auf. Eine tüchtige Frau kann übrigens nie untergehen. Und wenn sie keine tüchtige Natur ist, dann soll sie lieber heute als morgen verkommen.« Das Titusköpfchen schüttelte sich verwundert. »Was Sie sagen! Würden Sie mir eine Frage erlauben?« »Bitte sehr!« »Halten Sie es aber nicht für Neugierde!« »Und wenn's auch Neugierde wäre! Ich mag sie. Wer nie neugierig auf fremde Seelen war, wird mit der Zeit egoistisch werden. Was wollten Sie fragen?« »Was sind Sie für eine Geborene?« Marie Therese spitzte die Lippen und sagte in leicht schleppendem Ton: »Eine geborene Hofer.« Dann erhob sie sich. »Adieu, liebe Frau Bernhart. Herr Doktor.« »Adieu, und nicht wahr, auf bald?« »Gewiß.« »Erlauben Sie, daß ich Sie hinabbringe. Unser Haus ist verschlossen.« Sie fühlte ihre Wangen brennen, als sie neben ihm die Treppe hinabschritt. Unten ergriff sie seine Hand. »Sie haben eine liebe kleine Frau, ein Leben, das ganz von Ihnen abhängt. Seien Sie so glücklich mit ihr, wie ich mit Leonhart.« Ohne in sein Gesicht zu blicken, schritt sie hinaus. Er wird mich für eine Gans halten, dachte sie unter wegs. Aber wie hätte ich's ihm sagen sollen, was ich ihm sagen wollte? Etliche Tage später sah sie ihn langsam unter ihren Fenstern vorüberschreiten. Er hatte die Augen hinaufgerichtet. Es lag ein düsterer, hartnäckiger Trotz in seinem Gesicht. Wenn ich nun wollte, verließe er sein Weib und folgte mir bis ans Ende der Welt. Er wäre zu jeder Gewaltthätigkeit bereit, er, der Träumer. Wie beschränke ich nun, was ich heraufbeschwor? Aber machte ich mich denn wirklich eines Leichtsinns schuldig? Das erste Mal, als ich die beiden besuchte, hab' ich ihn einen Augenblick lang angesehen. Du mußt mir gehorchen, dachte ich dabei. Es war mehr Scherz, als Ernst. Sie suchte Leonhart in seinem Zimmer auf, setzte sich an sein Ruhebett und erzählte ihm alles. Er sah sie an. »Du gefährliche Person, man sollte dich einsperren. Du wirst noch viel Unheil anrichten. Was willst du eigentlich!« »Daß alle mein sind, alle. Ich kann's nicht ertragen, Widerstand gegen mich in einem Herzen zu wissen.« Und wieder fragte er sich: Ist sie ein Kind, oder eine Kokette? »Was nennst du: Dein sein?« »Die Zustimmung zu meinem Selbst in einem andern. Das hat mit den Verhältnissen, in denen der Betreffende lebt, nicht das geringste zu thun.« »Marie Therese, kannst du nicht ein wenig näher zu mir rücken? So; du weißt, ich soll nicht laut reden. Hör', wenn du aber aller Einvernehmen willst, ist's dann noch eine besondere Bevorzugung, dein Gatte zu sein?« »O!« Sie sah ihn vorwurfsvoll an. »Das wirst du eines Tages erkennen.« Er blickte auf seine weißen, schlanken Hände. »Bin ich nicht ein netter Ehemann? So kurz an meiner Seite, lernst du schon meine Hinfälligkeit kennen.« »Woher kommt sie wohl?« »Woher? Vielleicht infolge der Entbehrungen, denen ich zu einer Zeit ausgesetzt war, da der junge Organismus der Stärkung, der Schonung bedarf. Später, als es mir besser zu gehen anfing, that ich wie alle, die lange Durst gelitten haben: ich eilte an die Quellen des Lebens und trank, trank – ich war kein Heiliger, Marie Therese.« Sie strich über sein welkes Haar. »Wenn ein Paar Schmetterlinge sich in der Sonne küssen, glaubst du, daß der Schöpfer das ins Buch des Lebens einträgt?« »Denkst du wirklich so? Weshalb bist du aber dann so herb? Weshalb deine Angst vor den Äußerungen des Lebens?« »Das weiß ich dir nicht zu erklären. Oder erklär' es dir selbst aus allem, was ich dir bereits erzählt habe.« »Es war nicht allzuviel.« »Es giebt wenig Merksteine in meinem Leben.« »Du läßt sie lieber unberührt.« »Weshalb? Frage, wenn dich etwas interessiert.« »Von wem hast du deine Art, die Menschen zu behandeln?« »Von meinem Vater.« »Wer war er?« »Ein romantisches Prinzlein, das meiner Mutter die linke Hand reichte, weil seine rechte nicht mehr frei war.« »In der That, Marie Therese?« »Nun freilich.« »Und wie geschah es, daß du im Kattunkleide –« »Er verunglückte, als ich zwei Jahre alt war. Meine Mutter, die an ihre guten Rechte glaubte, wandte sich an Vaters Familie. Man bot ihr ein kleines Vermögen, wenn sie ihre Tochter in ein Kloster gäbe und bewog, daselbst zu bleiben, d.h. Nonne zu werden. Mutter empörte sich wider diese Zumutung und lehnte alle Unterstützungen schroff ab. Sie erzog mich selbst Sie ersparte mir keine Schilderung des Egoismus der Liebe. Sie weihte mich ein in ihre Irrgänge und zeigte auf die vier kahlen Wände, zwischen denen wir hausten. Das sei in den meisten Fällen der Schluß. Sie wurde immer kränker, mußte sich zu Bett begeben und überließ mir die Führung unserer kleinen Wirtschaft. Ich war keine gute Haushälterin. Ich berauschte mich an den Schätzen verschiedener Leihbibliotheken. Mutter starb zur rechten Zeit. Ein halb Jahr später hätten wir betteln gehn können, ihr letztes Edelsteinchen – doch du besitzt es ja.« »Es ist nicht mehr wert, als eine Woche Lebensunterhalt kostet.« »Wenn wir nicht schon seit meiner Kindheit genügsam wie zwei Sperlinge gelebt hätten, wären wir schon längst verdorben. Meine aristokratische Mutter verstand nur brotlose Künste.« »War sie so schön wie du, Marie Therese?« »Bin ich schön? Ich weiß es nicht.« »Dein Haar ist wie reifes Korn, dein Mund wie junge Mohnblüten, deine Augen gleichen zwei schwarzen Waldseen, auf denen verstohlene Sonnenlichter tanzen. Über deine ganze hohe, schlanke Gestalt geht ein Wiegen und Wogen. Geheimnisvoll schmiegen sich deine Gewänder an dich an. Selbst wenn ein Windstoß sie bewegt, flattern sie nicht, sondern schließen sich enger um dich. Jetzt ist's ein Jahr her, daß mir von weißen Büschen träumte, deren Blüten aus Perlen bestanden.« »Pflücktest du eine davon?« »Nein, aber ich lernte dich an dem Tag kennen, der dieser Traumnacht folgte.« Beide schwiegen. Es verging wohl eine halbe Stunde. Dann neigte sie sich über ihn. Die Lider lagen auf seinen Augen. Er schlief. Sie beobachtete ihn. Als er nach einer geraumen Zeit erwachte, war es dunkel im Zimmer geworden. »Dein Antlitz leuchtet,« flüsterte er, »ich sehe Lichter in deinen Augen blitzen.« Sie faßte nach seiner fiebernden Hand. »Höre, Leonhart. Weißt du, was das Dümmste auf Erden ist? Ja? das Sparen.« Er nickte. »Laß deinen Lehrstuhl fahren und geh' nach dem Süden.« »Und wovon sollen wir leben?« »Ich werde für dich arbeiten.« »Willst du zum zweitenmal ein barfüßig Prinzeßlein werden?« »Du sollst ganz von meiner Gnade abhängig sein, wär' das nicht herrlich?« »Der Mann pflegt das Weib zu erhalten, nicht umgekehrt.« »Pflegt, was heißt das? Weil das Weib meist schwächer als er ist. Das verächtliche ›pflegt‹! Vergessen wir es.« Sie erhob sich und trat ans Fenster. Drüben, an einem der beschneiten Bäume der Allee, lehnte eine dunkle Männergestalt. 11 XI »Hier bringe ich Frau Bernhart. Sie abonniert sich auf eine Tasse Thee.« Mit diesen Worten führte Born Ella Bernhart in Steinwalds Wohnzimmer. »Könnte ich auf eine Minute mit Ihnen allein sprechen?« flüsterte die junge Frau Marie Therese zu. »Bitte.« Sie traten ins Nebenzimmer und nahmen Platz. Jede wartete, daß die andere beginnen würde. Von nebenan hörte man die beiden Herren sich miteinander unterhalten. »Also, was möchten Sie mir sagen?« Marie Therese blickte in das erhitzte Gesicht ihres Besuchs. »Ach Gott, es ist doch schwerer, als ich glaubte.« »Reden Sie doch.« »Wenn Sie mir zürnen –« »Aber, gnädige Frau, reden Sie doch, bitte.« »Nein, ich kann nicht.« Marie Therese warf ungeduldig den Kopf zurück. »Wenn betrifft es? Aber ich ahne es ja. Es betrifft Ihren Gatten, nicht?« Ella Bernhart begann zu weinen. »Und was geht mich das an?« »Sie – er hält so viel von Ihnen – Sie – er – Sie allein tragen die Schuld an allem,« rief sie, ihre Fassung verlierend, und maß mit sprühenden Blicken die Nebenbuhlerin. Marie Therese lächelte. »Sie sind eifersüchtig. Meinen Sie, daß mich das kümmerte, wenn mich Bernhart interessierte? Meinen Sie, daß eine Frau Gnade bei einer andern findet, wenn es sich um einen Mann handelt? Da sind wir Bestien. Ich will Ihnen aber zu Ihrer Beruhigung sagen: Ich bin keine in diesem besondern Fall. Ich könnte nie den Mann einer unbedeutenden Frau lieben, Ella Bernhart, denn ein bedeutender Mann nimmt sich keine gewöhnliche Frau. Ziehen Sie gefälligst den Schluß daraus.« »Sie sind hart.« »Noch war ich es nicht. Nun aber werde ich es. Meinen Sie, daß Frau Steinwald Lust trüge, Frau Bernhart zu werden?« »Frau Bernhart? das bin ich doch.« Marie Therese brach in ein klingendes Lachen aus. Born steckte den Kopf herein. »Lassen Sie uns allein. Wir proben eben die Kirchenszene aus den Nibelungen von Hebbel.« Der Professor runzelte die Stirne und zog sich zurück. »Man merkt, daß Sie – eine Theaterdame waren.« »Sie irren sich, ich war nie eine.« »Sie spielen Komödie, indes mir alles bitterer Ernst ist.« »Ach, was wissen Sie von bitterm Ernst! Seien Sie ruhig.« Ella Bernhart zerballte zornig ihr Taschentuch. »Das ist brutal.« »Wie will man mit der Kleinlichkeit anders fertig werden?« »Ich bin nicht kleinlich.« »Sie betteln um das Herz Ihres Mannes. Ist das etwa groß?« »Sie haben kein Gefühl, Sie wissen nicht, was lieben heißt.« »Glauben Sie?« Marie Therese warf ihr einen Blick zu, der sie verstummen machte. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, erhob sie sich und schritt hinaus. Man hörte sie draußen die Korridorthür hinter sich schließen. »Was war denn?« fragte Leonhart, hereintretend. »Nichts, nichts. Gehen Sie ihr doch nach, Born. Sie soll ruhig werden, sie ist ein dummes Kind.« »O, Marie Therese!« Sie waren allein. »Was treibst du für Unfug mit den Menschen?« »Laß sie mich doch ein wenig durcheinanderschütteln, das thut ihnen wohl. Wenn ein Frauenauge auf einem Mann ruht, glaubt er gleich, sie liebe ihn. Wenn ein Mann einer Frau Aufmerksamkeit erweist, so weint sich seine Gattin die Augen rot. Wie ist das alles beschränkt! Lauter Tasten und Fürchten, nirgends Sicherheit und Wissen.« »Wir sind Menschen.« »Ich komm' gleich wieder,« rief Marie Therese mitten im Gespräch. Sie warf den Pelz um, stülpte die Mütze auf und eilte hinab. »Guten Tag, Herr Doktor Bernhart.« Er zog bestürzt den Hut. »Weshalb kommen Sie nicht hinauf, da Sie doch unserer Wohnung so nahe sind?« Er wich ihren Blicken aus. »Was meinen Sie, daß ich denke, wenn ich Sie hier unten gehen sehe. Ich denke: entweder muß er ein Tropf sein oder mich für eine Dirne halten.« Ein zorniger Blitz brach aus seinen Augen. »Sind Sie das, die Freie, die so spricht?« »Freilich, eben die. Wenn Sie mir nicht gleichgiltig wären, meinen Sie, ich sähe Ihnen vom Fenster meines Gatten zu? Nachgestürmt wär' ich Ihnen, gleich das erste Mal. Vor der ganzen Welt. Beweise dich nun! Trauen Sie mir feige Rücksicht für jemand zu?« »Sie sind bitter, meine Gnädige. Sind mir drei Worte gewährt?« »Nein. Ich rate Ihnen etwas. Gehen Sie nach Indien oder Mexiko und sammeln Sie Kräuter. Verstehen Sie mich? Wenn Sie das eine Zeitlang gethan haben, kehren Sie wieder.« »Sie waren mir wie eine Offenbarung Gottes.« »Ich bin sie auch. Hier meine Hand. Sehen Sie den bleichen Kopf dort oben am Fenster? Lassen Sie uns, Hand in Hand, hinauf lächeln. Er grüßt. Leben Sie wohl, Bernhart.« ... »Du hast ein feuchtes Gesicht.« »Schneeflocken fielen darauf.« »Marie Therese, du tötest siebenmal im Tag.« »Und mach' ich nicht wieder lebendig? Warte ab, was aus dem werden wird.« »Woher nimmst du das Recht, in die Schicksale der Menschen einzugreifen? Wer bist du, Marie Therese?« Sie legte ihr Gesicht in seine fiebernden Hände. Und sie wurden kühl wie Jasminbüsche, auf die sich die Juninacht senkt ... 12 XII Durch die Lüfte ging ein Stammeln. Ganz leise legten sich die Lippen des Frühlings auf die alten Bäume und die jungen eingeschlummerten Sträucher, und als er sie zurückzog, waren beide wie mit winzigen, kleinen grünen Flüglein gesegnet, die zur Sonne emporstrebten. Und die, denen er keine Flüglein mehr erwecken konnte, neigten das Haupt und starben. »Hast du diese Nacht Licht gebrannt?« fragte Marie Therese ihren Gatten. »Mich dünkt, ich sah einen roten Schimmer durch die Thürritze strahlen.« »Ja, ich hatte Licht angezündet. Ich las.« »Aber weshalb denn in der Nacht? Lies doch am Tag.« »Ich konnte nicht schlafen.« Sie sah ihn forschend an. »Fühlst du dich schlechter?« Er verneinte lächelnd. Aber bei seinem Lächeln hatte sie wahrgenommen, wie tief seine Wangen eingesunken waren. Sie runzelte die Brauen. In der Nacht setzte sie sich im Bett auf und spähte nach der Thürritze. Es schimmerte hell aus ihr. Leise stand sie auf und legte das Auge an die feine Öffnung. Und da sah sie ihn auf dem Bettrand sitzen, in seinen langen weißen Bademantel eingehüllt. Und sein Gesicht hatte den Ausdruck eines gequälten Märtyrers, der hofft, bald erlöst zu sein. Sie schlüpfte wieder ins Bett zurück und drückte das Gesicht in die Kissen. Andern Tags stand sie vor Doktor Klausner. »Was fehlt ihm?« Der Arzt maß sie kühl mit seinen kleinen, durchdringenden Augen. »Das wissen Sie so gut wie ich. Sein Körper ist all den Aufregungen, insbesonders der letzten Zeit, nicht gewachsen.« »Aufregungen? Ich wüßte nichts von solchen. Er hat mir nie ein Wort von ihnen gesagt.« »Er ist ein Mann.« Der Doktor begann ungeduldig auf seinem Schreibtisch zu trommeln, als ob er sagen wollte: Was willst du noch hier? Wir haben nichts miteinander zu schaffen. »Aufregungen sind keine Krankheiten,« sagte Marie Therese unsicher. »Eine Lunge, die bei jeder stärkeren Erregung blutet, ist ein Zeichen robuster Gesundheit. Gewiß.« »Er soll doch seine Vorlesungen aufgeben.« »Die regen ihn an, aber nicht auf.« »Er wird doch Aufregungen vermeiden können.« »Jetzt ist's zu spät.« »Sie meinen, er sei so krank –« »Das auch, und vor allem: Der richtige Zeitpunkt ist versäumt.« »Sie sprechen in Rätseln.« »Sollten Sie mich nicht verstehen?« Wieder durchdrangen sie seine Blicke. »Sie scheinen mir irgend eine Schuld beizumessen.« »O nein! Sie haben ja die Ruhe der Zuschauerin in sich. Schauen Sie weiter zu, wie ein Docht sich verzehrt.« »Ich bin nicht Gott, der Gewalt über Leben und Tod hat.« »Gewiß nicht. Und aus dieser Bescheidenheit heraus lassen Sie sogar Leben, die in Ihre Hand gegeben sind, verderben.« Marie Theresens Gesicht überflog ein Blitzen. Sie verstand ihn. Sie neigte fast unmerklich das Haupt und schritt ruhig hinaus. Sie fand Leonhart eingeschlummert an seinem Schreibtisch sitzen und streichelte sein Haupt. Er erwachte, sprang auf und schob sie lächelnd zurück. Was denn los wäre? Und dabei konnte er kaum aufrecht stehen, und seine Augen hatten einen glasigen, fremden Ausdruck. Er ist ein Mann, klang es ihr in den Ohren. Er haßt das Mitleid und die Zärtlichkeit, die sich ihrer bewußt ist. »Diesen Nachmittag geht's ins Kolleg,« sagte er protzig. Als er auf dem Katheder stand, kam der alte Rednergeist über ihn. Seine Stimme klang wie eine Orgel unter aufgeregten Händen. Bald schwoll sie an, bald erstarb sie zu kaum vernehmbarem Flüstern, aber was er redete, war von zündender Wirkung. Die Studenten trampelten in ihrer jugendlichen Begeisterung. Mit dem letzten Wort, das er sprach, als seine schier unglaubliche Willensstärke ihre Dienste gethan hatte, schwand auch seine Kraft. Er drückte noch wie im Traum etliche junge Hände, die dankbar die seinen suchten, dann verschwand alles in unbestimmtem Nebel um ihn. Er tastete sich nach der Garderobe, wo jemand einen Mantel um seine Schultern legte und ihn zu einem Wagen brachte. »Was soll das?« sagte Marie Therese zu Born, der behutsam ihren Gatten die Treppe hinaufleitete. »Bestimmen Sie ihn, daß er Urlaub nimmt. Er kann es nicht mehr leisten.« Sie saß, das Gesicht in die Hände gestützt, stundenlang auf einem Fleck. Und sie grübelte und grübelte. Er wurde von Tag zu Tag weißer und leichter. Klausner weigerte sich zu kommen. Aber Born kam treu. Ohne zu reden saß er am Bette des Freundes. Ihn litt Leonhart bei sich. Sie schickte er immer gleich hinaus. Dies schöne geliebte Wesen sollte nicht Zeuge seines Verfalls sein. Eines Tages war er weiß wie nie, und seine Augen leuchteten ganz sonderbar. Born stand am Fenster und hatte die Spitzen seines Schnurrbarts zwischen den Zähnen. Marie Therese kam leise herein und neigte sich über Leonhart. »Komm mit ans Meer, willst du ans Meer?« »Weshalb?« lispelte er. »Ich weiß nicht, mir ist so, als würde dir dort besser. Meinen Sie nicht auch, Born?« Er wandte sich um. »Wenn Klausner es erlaubt?« »Gehen Sie doch zu ihm, und fragen Sie ihn.« »Ich will's thun.« Leonhart schloß die Augen wieder und entschlummerte. Marie Therese stand stumm an seinem Bett. Born empfand Mitleid mit ihr. »Wissen Sie, daß Bernhart auf Java ist? Er hat geschrieben. Er ist sehr fleißig und macht allerlei botanische Studien.« Sie schien seine Mitteilung nicht zu hören. »Gehen Sie doch gleich zu Klausner,« bat sie. Er folgte ihrer Bitte und kam bald zurück. »Klausner erlaubt alles«, bemerkte er und sah weg von ihr. 13 XIII »Hörst du die Glocken?« »Glocken? Ja doch, ich höre sie. Jetzt höre ich sie. Es müssen ihrer viel tausend sein. Kleine und größere und eine ganz große, mächtige mit tiefem, breitem, metallenem Klang. Sie schwingen bald ferner, bald näher. Bald kommen sie von rechts, bald von links. Es sind Auferstehungsglocken und Sterbeglöckchen dabei. Und Abendglocken. Und wenn sie zu singen anfangen, dann geht über die grünen Wiesen ein goldiger Hauch, und ich weiß nicht, weshalb mir so wehmütig zu Mute wird. O Marie Therese, ist das Leben schön!« »Grüne Wiesen sehe ich nicht,« meinte sie, auf das weite Meer hinausblickend. »Ich sehe Teiche auf dem breiten, unermeßlichen Feld da drüben. Du siehst doch die Furchen, die seinen Boden durchqueren.« »O ja, und es blüht weiß heraus.« »Willst du deinen Kopf nicht an meine Schulter lehnen?« »Nein.« »Mir kommt immer vor, man müßte auf dem Wasser gehen können, wenn man wollte, wenn man ernstlich wollte. Mir ist so nach Wundern zu Mut. Oft in Nächten ist mir, als flöge ich über den Erdboden dahin. Ich möchte beschwören, daß es nicht Einbildung ist. Aber was es ist, weiß ich nicht.« »Vielleicht werde ich es dir bald sagen können, Marie Therese.« »Blick' mich nicht so sonderbar an. Siehst du den Rauch, der aus unserm Häuschen steigt? Die Fischerin bereitet unser Abendbrot. Wollen wir uns an den Tisch mit der traulichen Lampe setzen?« »Ja, thun wir's.« – »Diese Nacht wirst du gut schlafen. Leonhart, Leonhart, jetzt noch nicht. Jetzt schlafe noch nicht!« »Lassen Sie ihn doch!« »Dann tragen Sie alles wieder hinaus, ich allein kann nicht essen.« Das hagere Fischerweib mit dem zerpflückten Gesicht trug die paar Schüsseln wieder ab und half, Leonhart auf sein Lager ausstrecken, dann entfernte es sich. Marie Therese saß schneeweiß neben dem Schlummernden. Die Nacht lag auf der Schwelle der Fischerhütte und tauchte ihren Finger in das Meer, daß es schwarz und ruhig wurde. Marie Therese senkte den Kopf tief auf die Brust. Zuerst in der Niederung. Jeder muß von ihr aus den Gipfel erklettern. Jeder ging zuerst in ihr, bevor er hinauf kam. Dann aber, nachdem man oben seiner Glorie bewußt geworden, wenn man dann niedersteigt, diesmal mit ganz andern, stolzen, des Weges bewußten Füßen! Ob das nicht vielleicht das Größere ist, als ruhig auf der Höhe zu verharren? Wenn es das wäre! ... Ihr Kopf sank müde auf das Kissen, auf dem sein bleiches Gesicht ruhte. Sie hörte die Glocken in den Lüften, sie sah fremdartige Lichtscheine über die dunklen Meerestiefen eilen. Ich träume wohl, dachte sie. Dann hob ein leises Rauschen an. Das ist meine Seele, die ihre Flügel entfaltet. Wird sie das große Weltmeer überschreiten können, oder wird sie erlahmen? Sie sah eine weiße Blume einsam auf den schwarzen Wellen treiben, und bittere Thränen stiegen ihr in die Augen. Also doch nicht ... Aber das war ja ein Traum, ein Traum ... Sie wollte sich gewaltsam aufraffen und fuhr sich über die Augen. Schlief Leonhart? Er lag so seltsam ruhig da. Sie legte ihr Ohr an sein Herz. Es gab keinen Laut von sich. Ein grausiges Ahnen erfaßte sie. Sie zog sich ein langes Goldhaar aus und hielt es an seine Lippen. Es blieb unbewegt, da wußte sie's ... Sie trat ans Fenster und preßte die zitternden Lippen zusammen. Aber das Gesicht, das ihr von draußen entgegenblickte, war finster und dräuend. Sie kehrte sich wieder ab und trat an das Bett zurück. Das flackernde Lämpchen warf ungewisse Lichter über die ruhende Gestalt, auf die hagern, blassen Hände, die friedlich auf der Brust lagen. Diese einsamen Hände! ... Und plötzlich erschütterte ein ungeheures Weh ihr Herz. Du Geizige! Du Erbarmungslose! Du Harte! Du ohne Gnade! Die Steine der Wüste wären weich und gnädig unter seinen Füßen geworden! Das Raubtier hätte die Güte seines Blickes besiegt. Der Bettler hätte ihm die Arme unter das Haupt gebreitet. Du aber ließest ihn hungernd und arm von deiner Schwelle gehen. Der Sand hat seiner müden Stirn als Stütze gedient, weil deine stolzen Schultern nur zögernd es thun wollten. Nun wird die Erde, gnädiger als du, ihn aufnehmen in ihren Schoß. Geh und verzweifle mit all' deinen Schätzen. Erzähle den Fischen des Meeres und den Vögeln der Wälder von deiner Unbesiegbarkeit. Zeige deine Schönheit der einsamen Quelle im Schatten! .. Ein Schauer ging über ihren Leib. Und wenn ich weich gewesen wäre, hätte ich ihn erretten können, Herr? Die Seligkeit der Freude hätte seine versiegende Lebenskraft neu rinnen gemacht. Die Quellen deines Lebens hätten sich in die seinen ergossen und neue Fülle in ihnen erweckt. Herr, Herr! Dann will ich weich sein! ... – – – – – – – – – – – – – Flammen des Morgenrots schlugen an das Fenster. Marie Therese that die Wimpern auf. Ihr Haar war naß von Thränen. Ich mache ihn wieder lebendig, rief eine lodernde Kraft in ihr. Mit ausgebreiteten Armen neigte sie sich über ihn und sah ihn an. Er schlug die Augen auf. »Marie Therese, hast du geschlafen? Deine Thränen haben mein Antlitz genetzt, aber ich wollte dich nicht aufwecken ...« »Allelujah!« hauchte sie ... »Die grünen Wiesen sind versunken. Die Glocken sind verklungen. Die Sterbeglocken und die, die Auferstehung läuteten. Ich sehe nur ein gewaltiges blaues Meer, auf dem stolze Schiffe ihre Wimpel blähen.« »Es ist die Gesundheit, die aus dir spricht.« »Wie ist es möglich, daß ich gesund wurde?« »Du wolltest Marie Therese als Braut sehen. Sie schlief so lange. Und du hast erlebt, daß sie aufwachte.« »Wenn ich es nicht erlebt hätte!« »Unsägliches Elend für mich!« »Noch nicht nach Hause kehren. Noch nicht. Bis der Mond voll ist ...« »Hörst du die Vögel im Traum singen? So sangen sie, als ich zum erstenmal hier saß an deiner Seite und deine Hände fest hielt. Ich fürchtete sie so, deine Hände. Jetzt liebe ich sie. Es sind meine Hände. Leonhart, niemand weiß noch, daß wir zurückgekehrt sind. Selbst das Mädchen ist noch daheim. Leonhart, morgen werden es alle wissen. Sie sollen deine Augen strahlen sehen. Leonhart, hast du mich lieb? So nimm mich doch! Hier, leg' deine Hand auf mein Herz. Fühlst du, wie es klopft?« »Du träumst.« »Stolzer! Ich bitte dich, laß es nicht vergeblich anklopfen. Willst du mich zu deinen Füßen sehen? Ich will sie mit meinen Thränen benetzen und mit meinem Gold überschütten ...« »Du bist zu mir gekommen! ...« – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – »Es ist ein Wunder! Dein Gesicht blüht, und die Farbe der Gesundheit bräunt deine Wangen. Als du uns verließest, warst du ein Sterbender. Marie Therese, lassen Sie mich Sie umarmen. Sie haben mir den liebsten Freund gerettet! Wie haben Sie es angefangen?« »Ich habe ihn geküßt. Ich gab ihm mein Haar zum spielen hin. Und ich lachte so lange, bis auch er zu lachen begann. Und da war er gerettet!« »Selige Frau! Wie hat Gott doch seine ganze Allmacht in deine Hände gelegt! Wenn du Ja winkst, kommt das Glück und krönt die Stirne deines Liebsten mit dem Kranz des Siegers. Wenn du verneinend dein Haupt bewegst, so ist er zum Tode verurteilt. Wahrlich, ihr Frauen, ihr seid Schicksalsgöttinen!« Es strahlte die Sonne in den Gassen. An den Häusern lehnten junge Maien und verbreiteten Pfingstgeruch. Leonhart und Marie Therese hielten einander an den Händen gefaßt und schlenderten planlos dahin. Junge Studenten, die eben im Begriff waren, nach Hause in die Ferien zu reisen, begegneten ihrem geliebten Lehrer und griffen ehrerbietig an die Mütze. Und wenn sie ein Stückchen weiter gegangen waren, kehrten sie sich behutsam um und sahen der Frau mit leuchtenden Augen nach. »Wollen wir zu Klausner?« fragte sie. »Natürlich, zu Klausner, zu Klausner!« Er blickte ihnen befremdet entgegen. Und während seine Blicke erstaunt und immer erstaunter über Leonharts Gesicht glitten, streckte sich ihm ihre Hand entgegen. Noch ergriff er sie nicht. Noch sah er nur ihn, den schwerkrank Geglaubten. Und nun richteten sich seine Augen auf sie. Lange und grabend, bis sie fast ungeduldig und über und über rot wurde. Da bog er ihren Kopf zu sich und drückte einen Kuß auf ihre Wange. »Sie haben ihn gerettet! Ich wußte, daß der Tag, an dem Sie ihm Ihre Arme ganz öffneten, ein großer Entscheidungs- und Siegestag für ihn sein würde. Weil Sie diesen Tag so lange hinausschoben, haßte ich Sie. Nun sind wir Freunde!« ... 14 XIV Und eines Tages standen sie im Hof mit dem rinnenden Brunnen, mit der großen Kastanie, unter deren Zweigen sie ihre ersten Kindertänze aufgeführt. »Hierher verfolgte ich mein barfüßig Prinzeßlein. Du warst so stolz und so hinreißend arm. Man errötete vor dir. Und jetzt errötet man wieder vor dir, weil du so reich bist.« »Bin ich es wirklich?« Er kniete vor ihr hin. Vor allen Vögeln, die unter den rosenroten Kastanienblüten sich küßten, vor der Sonne, die ihre goldnen Arme nach der Erde ausstreckte. »Marie Therese, ich war schwach, und du hast mich stark gemacht. Ich zweifelte, und du hast mir den Glauben an den Gottmenschen wieder gegeben. Ich war Leibeigener des Todes, und du hast mir an deiner jungen, reinen Brust die Quellen des Lebens erschlossen. Ich hungerte grenzenlos, und du hast grenzenlose Fülle mir geschenkt. Segen über deinen seligen Leib, über deine selige Seele!«