Jahreszeiten Lied der Sonne Aus den braunen Schollen Springt die Saat empor, Grüne Knospen trollen Tausendfach hervor. Und es ruft die Sonne: Fort den blassen Schein! Wieder will ich Wonne, Glut und Leben sein! Wieder selig zittern Auf dem blauen Meer Oder zu Gewittern Führen das Wolkenheer! Durch Millionen Röhren Ziehn der Erde Saft, Daß man leis kann hören Seine Wanderschaft! In den Frühlingsregen Sieben Farben streun Und auf Weg und Stegen Meinen goldnen Schein! Ruhn am Gletscherhange, Wo der Adler minnt, Auf der Menschenwange, Wo die Träne rinnt! Dringen in der Herzen Kalte Finsternis, Blenden alle Schmerzen Aus dem tiefsten Riß! Hängt – ich bin die Sonnen! – Vor das Kerkertor, Was ihr habt gesponnen Winterlang, hervor! O ihr Gramspelunken, Sendet an den Tag, Was in euch versunken Leben, weben mag! Alle finstern Hütten Sollen Mann und Maus Auf die Aue schütten, An mein Licht heraus! Auf den grünen Plätzen Wimmle es herum, Wende seine Fetzen Vor mir um und um, Daß durch jeden Schaden Leuchten ich und dann Mit der Liebe goldnem Faden Ihn verweben kann! Der junge Bettler Ich wandle taumelnd, wie im Traum, Der Frühling tanzt auf Berg und Heide, Und zierlich schürzt die Birk' den Saum An ihrem grünen Seidenkleide; Mein Bettelsack, tanz mit den Reigen, Schwing dich hinauf zum tollen Ritt! O Birke, wieg auf deinen Zweigen Mein armes Ränzel freundlich mit! Was macht mein junges Bettlerherz Der Heide grüner Glanz so traurig? Was bettelt es und was begehrt's, Was weht durch mich so süß und schaurig? Rasch möcht ich in den Himmel greifen, Und meine Lippen zucken leis – O könnt ich singen oder pfeifen, Was mir im Blute gärt so heiß! O traute Birk'! im Morgenstrahl Sah ich am Quell mein Mädchen stehen, Dann aber froh aus unserm Tal Mit Wanderschritten eilend gehen; Sie ist dies Jahr so schön geworden, Ich sah's mit süßem Schrecken ein! Was aber soll bei Bettlerhorden Der reichen Schönheit Prunk und Schein? Beschränke dich, du eitle Brust! Was schiert dich all dies stolze Blühen? Umsonst! mich will die fremde Lust Weit in die goldne Ferne ziehen! O süße Schwester Birke, senke Mein Säcklein wieder mir herab, Und einen deiner Äste schenke Mir noch zum Wanderbettelstab! Der Taugenichts Die ersten Veilchen waren schon Erwacht im stillen Tal, Das Bettelpack schlug auf den Thron Im Feld zum ersten Mal. Der Alte auf dem Rücken lag, Die Mutter wusch am See; Bestaubt und unrein schmolz im Hag Das letzte Häuflein Schnee. Der Vollmond warf den Silberschein Dem Bettler in die Hand, Bestreut' der Frau mit Edelstein Die Lumpen, die sie wand; Ein linder West blies in die Glut Von einem Dorngeflecht, Drauf kocht' in Bettelmannes Hut Ein sündengrauer Hecht. Da kam der kleine Betteljung, Vor Hunger schwach und matt, Doch glühend in Begeisterung Vom Streifen durch die Stadt, Hielt eine Hyazinth empor In dunkelblauer Luft; Die Blume war von seltnem Flor Und selig süß ihr Duft. Der Vater rief: »Wohl hast du mir Viel Pfennige gebracht?« Der Knabe rief: »O sehet hier Der Blume Zauberpracht! Ich lag am goldnen Gittertor Vom Morgen bis zur Nacht, Die Blume aus dem Wunderflor Zu stehlen nur bedacht! Seht nur, wie vornehm und wie fein, Wie zierlich sie gebaut! Ich habe starr nach ihrem Schein Den ganzen Tag geschaut. O schlaget nicht mich armen Wicht, Laßt euren Stecken ruhn! Ich will ja nichts, mich hungert nicht, Ich will's nicht wieder tun! O sehet nur, ich werde toll, Die Glöcklein alle an! Ihr Duft, so fremd und wundervoll, Hat mir es angetan! Auch alle Blumen nun im Feld Lieb ich von heute an; Die Hexe, welche neue Welt Hat sie mir aufgetan!« – »O wehe mir geschlagnem Tropf!« Brach nun der Alte aus; »Mein Kind kommt mit verrücktem Kopf Anstatt mit Brot nach Haus! Du Taugenichts, du Tagedieb Und deiner Eltern Schmach!« Und rüstig langt' er Hieb auf Hieb Dem armen Jungen nach. Im Zorn fraß er den Hecht, noch eh Er gar gesotten war, Warf weit die Gräte in den See Und stülpt' den Filz aufs Haar. Die Mutter schmält' mit lindem Wort Den mißgeratnen Sohn, Der warf die Blume zitternd fort Und hinkte still davon. Es perlte seiner Tränen Fluß, Er legte sich ins Gras Und zog aus seinem wunden Fuß Ein Stücklein scharfes Glas. Der Gott der Taugenichtse rief Der guten Nachtigall, Daß sie dem Kind ein Liedlein pfiff Zum Schlaf mit süßem Schall. Ständchen für eine Prinzessin 1848 Schöne Bürgerin, sieh, der Mai Flutet um deine Fenster! Alle Seelen sind nun frei, Und es zerfließen der Phantasei Luftige Gespenster. Liebliche Bürgerin Klara! In die Tiefe tauche kühn, Jugend und Liebe zu werben, Wo die Bäume des Lebens blühn Und die Augen wie Sterne glühn! Droben bei dir ist Sterben, Liebliche Bürgerin Klara! Löse den Reif von goldenem Glanz Aus den Lockenringen! Wirf ihn herab, im klingenden Tanz Einen blühenden Myrtenkranz Wollen wir froh dir schlingen, Liebliche Bürgerin Klara! Fühle, du Engel, dies heilige Wehn, Das allmächtige Treiben! O dein Himmel wird untergehn Und ein schönerer auferstehn – Willst du ein Engel bleiben, Liebliche Bürgerin Klara? Nicht wie Luna in schweigender Nacht Küßte den träumenden Schläfer: Komm in der Sonne strahlender Pracht, Daß das schöne Lied erwacht: Königstochter und Schäfer! Liebliche Bürgerin Klara! Ständchen, einer Verlassenen gebracht Wir haben deinen tiefen Gram vernommen Und sind in deinen Garten still gekommen; Wir stimmen unsre Saiten mit Bedacht, Erwartend lauscht die laue Maiennacht. Zu deines Ungetreuen Reu und Leide, Zu deiner Nachbarinnen scheelem Neide, Zu deiner Mutter Stolz und stiller Lust! So wollen singen wir aus voller Brust. Zünd an dein Licht, daß unser Lied dich ehre Und vor dem Sternenzelt dein Leid verkläre! Noch gibt's manch Auge, das in Treuen blitzt, Manch Herz, das noch an rechter Stelle sitzt! Wohl selig sind, die in der Liebe leiden, Und ihrer Augen teure Perlen kleiden Die weißen Wangen mehr als Morgentau Die Lilienkelche auf der Frühlingsau. Laß deine Augen ruhn vom bittern Grämen, Wir wollen jeder eine Rose nehmen Aus deinem Garten, daß die Welt erfährt: Noch seien deine Blumen hoch begehrt! Sommernacht Es wallt das Korn weit in die Runde, Und wie ein Meer dehnt es sich aus; Doch liegt auf seinem stillen Grunde Nicht Seegewürm noch andrer Graus: Da träumen Blumen nur von Kränzen Und trinken der Gestirne Schein. O goldnes Meer, dein friedlich Glänzen Saugt meine Seele gierig ein! In meiner Heimat grünen Talen, Da herrscht ein alter schöner Brauch; Wann hell die Sommersterne strahlen, Der Glühwurm schimmert durch den Strauch: Dann geht ein Flüstern und ein Winken, Das sich dem Ährenfelde naht, Da geht ein nächtlich Silberblinken Von Sicheln durch die goldne Saat. Das sind die Bursche, jung und wacker, Die sammeln sich im Feld zuhauf Und suchen den gereiften Acker Der Witwe oder Waise auf, Die keines Vaters, keiner Brüder Und keines Knechtes Hilfe weiß – Ihr schneiden sie den Segen nieder, Die reinste Lust ziert ihren Fleiß. Schon sind die Garben fest gebunden Und schön in einen Kranz gebracht; Wie lieblich flohn die stillen Stunden, Es war ein Spiel in kühler Nacht! Nun wird geschwärmt und hell gesungen Im Garbenkreis, bis Morgenduft Die nimmermüden, braunen Jungen Zur eignen schweren Arbeit ruft. Schifferlied Schon hat die Nacht den Silberschrein Des Himmels aufgetan: Nun spült der See den Widerschein Zu dir, zu dir hinan! Wach auf, Marian! Und in dem Glanze schaukelt sich Ein leichter dunkler Kahn, Der aber trägt und schaukelt mich Zu dir, zu dir hinan! Wach auf, Marian! Ich höre schon den Brunnen gehn Dem Pförtlein nebenan, Und dieses hat ein frisches Wehn Soeben aufgetan. Wach auf, Marian! Ich fühle, wie die Erde schwellt Zum Himmel leis hinan; Nach Liebe dürstet alle Welt – Mein Schifflein, leg dich an! Wach auf, Marian! Dies Lied hat mir ein Bursch gemacht, Der fuhr in meinem Kahn; Er hat's für dich und mich erdacht, Bet für ihn, Marian! Wach auf, Marian! Herbstnacht Als ich, ein Kind, am Strome ging, Wie ich da fest am Glauben hing, Wenn ich den Wassern Blumen gab: Sie trügen all zum Meer hinab! – Es hält die schwarzverhüllte Nacht Unruhig auf den Wäldern Wacht, Weil nun der Winter, kalt und still, Doch tödlich, mit ihr ringen will. Es rauscht und weht das weite Land, Geschüttelt von des Sturmes Hand, Es rauscht von Wald zu Wald hinauf, Entlang des Stromes wildem Lauf. Da schwimmt es auf den Wassern her; Wie ein ertrunknes Gnomenheer Schwimmt Leich an Leiche, Blatt an Blatt, Was schon der Streit verschlungen hat. Das ist das tote Sommergrün, Das zieht zum fernen Weltmeer hin – Ade, ade, du zarte Schar, Die meines Herzens Freude war! Sing's in die Niedrung, dunkle Flut: Hier oben tobt ein heißes Blut, Wie Heidefeuer einsam glüht, An dem die Welt vorüberzieht. Winternacht Nicht ein Flügelschlag ging durch die Welt, Still und blendend lag der weiße Schnee, Nicht ein Wölklein hing am Sternenzelt, Keine Welle schlug im starren See. Aus der Tiefe stieg der Seebaum auf, Bis sein Wipfel in dem Eis gefror; An den Ästen klomm die Nix herauf, Schaute durch das grüne Eis empor. Auf dem dünnen Glase stand ich da, Das die schwarze Tiefe von mir schied; Dicht ich unter meinen Füßen sah Ihre weiße Schönheit Glied für Glied. Mit ersticktem Jammer tastet' sie An der harten Decke her und hin. Ich vergeß das dunkle Antlitz nie, Immer, immer liegt es mir im Sinn! Von Weibern / Alte Lieder 1846 1. Klärchen Mir glänzen die Augen Wie der Himmel so klar; Heran und vorüber, Du schlanker Husar! Heran und vorüber, Und wieder zurück! Vielleicht kann's geschehen, Du findest dein Glück! Was weidet dein Rapp' mir Den Reseda dort ab? Soll das nun der Dank sein Für die Lieb, so ich gab? Troll nur dich von hinnen Auf deinem groben Tier Und laß meine strahlenden Sternaugen mir! 2. Regina Mein Schatz sitzt im Garten, Kehrt den Rücken dem Tal Und verbirgt mir ihrer Augen Himmlischen Strahl. Ihr goldbrauner Haarwuchs Weht über den Zaun; Ihren Mund und ihre Augen Doch läßt sie nicht schaun. Sie lässet erklingen Ihrer Stimme Getön. O du boshafte Hexe, Wie klingt es so schön! 3. Therese Du milchjunger Knabe, Wie schaust du mich an? Was haben deine Augen Für eine Frage getan! Alle Ratsherrn in der Stadt Und alle Weisen der Welt Bleiben stumm auf die Frage, Die deine Augen gestellt! Eine Meermuschel liegt Auf dem Schrank meiner Bas' – Da halte dein Ohr dran, Dann hörst du etwas! 4. Walpurgis Ich fürcht nicht Gespenster, Keine Hexen und Feen, Und lieb's, in ihre tiefen Glühaugen zu sehn. Am Wald, in dem grünen Unheimlichen See, Da wohnet ein Nachtweib, Das ist weiß wie der Schnee. Es haßt meiner Schönheit Unschuldige Zier; Wenn ich nächtlich vorbeigeh, So zankt es mit mir. Doch der Schein meiner Augen Und das Rot von meinem Mund Verscheuchen das Spukweib Alsbald auf den Grund. Jüngst, als ich im Mondschein Am Waldwasser stand, Fuhr sie auf ohne Schleier, Ohne alles Gewand! Es schwammen ihre Glieder In der taghellen Nacht; Der Himmel war trunken Von der höllischen Pracht. Aber ich hab entblößet Meine lebendige Brust; Da hat sie mit Schande Versinken gemußt! 5. Ännchen Drei Liebste will ich nehmen: Der erste muß ein Kaufmann sein, Der andere ein Gärtner, Der dritt ein Betteljung. Der Kaufmann soll mir bringen Wohl Perlen, Gold und Edelstein, Der Gärtner süße Früchte All für den Betteljung. Der Kaufmann soll mir bauen Ein Haus mit einem schönen Saal, Der Gärtner grüne Reben Für meinen Betteljung. Der Kaufmann soll mich kleiden In Seiden und in blauen Samt, Mein Haar der Gärtner kränzen Schön für den Betteljung. Der Kaufmann und der Gärtner, Sie sollen haben keinen Lohn, Doch viele tausend Küsse Mein lieber Betteljung. Und wenn wir sind gestorben Und schaun die ewige Seligkeit: Dann sollen sie begraben Mich und den Betteljung. Der Kaufmann soll errichten Von Marmor einen Leichenstein, Der Gärtner Rosen pflanzen Mir und dem Betteljung! 6. Agnes Ein Schreiner hobelt' spät und früh, Verliebt in eine Maid; Doch einen andern liebte sie, Das schuf dem Holzmann Leid. Es war gar traurig anzusehn, Wenn an der Arbeitsbank Voll Kummer in die Hobelspän' Sein blondes Haupt versank. Und hub er aus den Spänen dann Das gelbe Haar zurück, Ein Tränenstrom ihm niederrann, Herzbrechend war sein Blick. Da trat sie in die Werkstatt ein, Erblühend, schön und stolz: »Schafft mir ein Bett, Herr Schreiner mein! Von gutem Nußbaumholz! Soll auf gewundnen Säulen stahn, Ein Himmel drüber hin, Den malt mit blauer Farbe an Und goldnen Sternen drin! Und eine Wieg', die wie ein Reh So leicht und munter springt Und schaukelnd nach dem Takte geh, Wenn man dem Kindlein singt!« Betrübt und folgsam hob er nun Die schwere Arbeit an; Ich frag: Was konnt er andres tun, Der blonde Tränenmann? 7. Salome Singt mein Schatz wie ein Fink, Sing ich Nachtigallensang; Ist mein Liebster ein Luchs, O so bin ich eine Schlang. O ihr Jungfraun im Land, Von dem Berg und über See: Überlaßt mir den Schönsten, Sonst tut ihr mir weh! Er soll sich unterwerfen Zum Ruhm uns und Preis! Und er soll sich nicht rühren, Nicht laut und nicht leis! O ihr teuren Gespielen! Überlaßt mir den stolzen Mann! Er soll sehn, wie die Liebe Ein feurig Schwert werden kann! 8. Helene Tretet ein, hoher Krieger, Der sein Herz mir ergab! Legt den purpurnen Mantel Und die Goldsporen ab! Spannt das Roß in den Pflug, Meinem Vater zum Gruß! Die Schabrack mit dem Wappen Gibt 'nen Teppich meinem Fuß. Euer Schwertgriff muß lassen Für mich Gold und Stein, Und die blitzende Klinge Wird ein Schüreisen sein. Und die schneeweiße Feder Auf dem blutroten Hut Ist zu 'nem spielenden Wedel In der Sommerszeit gut. Und der Reitknecht muß lernen, Wie man Lebkuchen backt, Wie man Wurst und Gefüllsel Auf die Weihnachtszeit hackt! Nun befehlt Leib und Seele Dem heiligen Christ! Denn ihr seid verkauft, Wo kein Erlösen mehr ist! Seid der Liebe verfallen Und verpfänd't euer Blut! Müsset leiden und brennen In ewiger Glut! 9. Röschen Röschen biß den Apfel an, Und, zu ihrem Schrecken, Blieb ein perlengleicher Zahn In demselben stecken. Und das gute Kind vergaß Ihre Morgenlieder! Tränen ohne Unterlaß Träufelten ihr nieder! 10. Gretchen Das Dirnlein vor dem Gnadenbild Im trüben Kerzenglanz, Es flehte heiß, es flehte wild Um einen Myrtenkranz. Die Mutter Gottes schaute baß Herab von dem Gestell; Es flunkerte der Schmuck von Glas Auf ihrer Brust so hell. Die Orgel gab 'nen schönen Klang, Wie Donnerton im März; Vor Bangigkeit und Wehmut sprang Dem Kinde schier das Herz. Und unter selbem Herzen schwoll Ein zweites Herzlein an. Bald stand sie blaß und schandenvoll Mit Stroh hier angetan! 11. Das rote Bärbchen Wandl' ich in dem Morgentau Durch die dufterfüllte Au, Muß ich schämen mich so sehr Vor den Blümlein rings umher! Täublein auf dem Kirchendach, Fischlein in dem Mühlenbach Und das Schlänglein still im Kraut: Alles nennt und fühlt sich Braut! Apfelblüt im lichten Schein Dünkt sich stolz ein Mütterlein, Dieweil schon mit linder Wucht Ihr im Schoße keimt die Frucht. Gott! was hab ich denn getan, Daß ich ohne Lenzgespan, Ohne einen süßen Kuß Ungeliebet sterben muß? 12. Kunigunde Das Köhlerweib ist trunken Und singt im Wald; Hört ihr, wie ihre Stimme Im Grünen hallt? Ruht auf der roten Nase Der Abendstrahl: Glüht sie, wie wilde Rosen Im dunklen Tal. Sie war die feinste Blume, Berühmt im Land; Es warben Reich' und Arme Um ihre Hand. Sie trat in Gürtelketten So stolz einher; Den Bräutigam zu wählen Fiel ihr zu schwer! Da hat sie überlistet Der rote Wein – Wie müssen alle Dinge Vergänglich sein! Das Köhlerweib ist trunken Und singt im Wald; Wie durch die Dämmrung gellend Ihr Lied erschallt! 13. Sabine Du hast wohl dicht verschlossen Dein Gärtlein, frommes Kind, Da diese Heckensprossen So eng verwachsen sind? Doch blüht die Unschuld immer Darin, soviel ich seh; Sonst war es Lilienschimmer: Nun ist es weißer Schnee! 14. Sibylla Die alten Jungfern bleichen Ihr Tuch am Sternenschein, Da wird dann ohnegleichen Das Linnen zart und rein. Bei Tage an der Sonnen Tut's fast den Augen weh; Im Himmel wird's gesponnen, Das ist der weiße Schnee. Und Wiese, Feld und Garten Hast du schon vollgespannt? Willst du so bald erwarten Des Bräutigames Hand, Der an der Kirchenpforte Dich sanft vorüber trägt, Mit kühlem Liebesworte Dich in die Erde legt? 15. Creszenz Wie glänzt der weiße Mond so kalt und fern, Doch ferner schimmert meiner Schönheit Stern! Wohl rauschet weit von mir des Meeres Strand; Ach, weiterhin liegt meiner Jugend Land! Tief ab liegt des Gebirges Kluft und Schlund, Noch tiefer schwindet meines Glückes Grund! Und alle Morgen muß ich niederschaun In diesen Abgrund, wo die Nebel graun! Und alle Nacht rück höher ich hinauf, Zuletzt tut sich der kalte Himmel auf. Da sitzt Maria auf dem goldnen Thron, Auf ihrem Schoße schläft ihr sel'ger Sohn. Da sitzt Gott Vater, der den Heil'gen Geist Aus hohler Hand mit Himmelskörnern speist. In einem Silberschleier sitz ich dann Und schaue meine weißen Hände an, Bis irgend eine Harfensaite springt Und mir erschreckend durch die Seele klingt. 16. Die schöne Wirtin Alle meine Weisheit hing in meinen Haaren, Und all mein Wissen lag auf meinem roten Mund, Alle meine Macht saß auf dem sternenklaren, Ach, auf meiner Augen blauem, blauem Grund! Hundert Schüler hingen an meinem weisen Munde Und ließen sich von meinen klugen Locken fahn, Hundert Knechte spähten nach meiner Augen Grunde Und waren ihrem Winken und Blinken untertan. Nun hängt totenstill das Haar mir armem Weibe, Wie auf dem Meer ein Segel, wenn keine Luft sich regt! Und einsam klopft mein Herz in dem verlaßnen Leibe, Wie eine Uhr vom Schwarzwald in leerer Stube schlägt! Aus Berlin Wilhelm v. Humboldts Landhaus am Tegelsee Es glänzt ein heitres stilles Haus Aus stillen grünen Kronen; Auf seinen Warten ruhen aus Die Winde aller Zonen. Auf ihrem Hauch ein edler Klang Hat sich hinausgeschwungen, Von Meer zu Meer grüßt ihn Gesang, Gesang in allen Zungen. Im Hause sind Gemach und Saal Gefüllt von Glanzgestalten, Die in vergangner Tage Strahl Die stumme Wache halten. Die Marmorlippen scheinen sich Just aufzutun wie Blüten, Erhobne Hände feierlich Ein heilig Gut zu hüten. Laß hinter dir, was trüb und wild, Der du dies Haus betreten, Denn zu der Hoffnung reinem Bild Darfst du gefaßt hier beten. Trittst du hinaus, den Föhrensaum Sieh ernst den See umgeben! In seinen Wipfeln rauscht der Traum Vom ferneblauen Leben. Und auf dem Walde wandeln sacht Die weißen Wolkenfrauen, Die in der Flut kristallner Nacht Ihr klares Bild beschauen. In leisrem Blau die Sonne schweift, Ihr eigner Schein ist blasser, Von feuchter Reiherschwinge träuft Er perlenbleich ins Wasser. Fühlst nach der Heimat du das Weh, O Fremdling, dich durchschauern, Land an dem nord'schen Geistersee, Hier ist es schön zu trauern! Polkakirche Wie nach dem Rezept geschaffen, Fein und niedlich ist der Tempel, Baubeflißnen jungen Leuten Ein Modell und Lehrexempel! Byzantinisch jede Fuge, Bogen, Bögelchen und Kehlen; Nur die tollen und genialen Alten Fratzenbilder fehlen. Durch die byzantin'schen Pförtchen Rauscht es leis in Samt und Seiden, Drinnen glitzert's fromm und geistreich, Wie zu der Komnenen Zeiten. Und die Kanzel mit germanisch- Christlichem Pastor garnieret – Ja, den Glaspalast zu London Hätte dieses Werk gezieret! Berliner Pfingsten Heute sah ich ein Gesicht, Wonnevoll zu deuten: In dem frühen Pfingstenlicht Und beim Glockenläuten Schritten Weiber drei einher, Feierlich im Gange, Wäscherinnen, fest und schwer! Jede trug 'ne Stange. Mädchensommerkleider drei Flaggten von den Stangen; Schönre Fahnen, stolz und frei, Als je Krieger schwangen, Blau und weiß und rot gestreift, Wunderbar beflügelt, Frisch gewaschen und gesteift, Tadellos gebügelt. Lustig blies der Wind, der Schuft, Lenden auf und Büste, Und von frischer Morgenluft Blähten sich die Brüste! Und ich sang, als ich gesehn Ferne sie entschweben: Auf und laßt die Fahnen wehn, Schön ist doch das Leben! Weihnachtsmarkt Welch lustiger Wald um das graue Schloß Hat sich zusammengefunden, Ein grünes bewegliches Nadelgehölz, Von keiner Wurzel gebunden! Anstatt der warmen Sonne scheint Das Rauschgold durch die Wipfel; Hier backt man Kuchen, dort brät man Wurst, Das Räuchlein zieht um die Gipfel. Es ist ein fröhliches Leben im Wald, Das Volk erfüllet die Räume; Die nie mit Tränen ein Reis gepflanzt, Die fällen am frohsten die Bäume. Der eine kauft ein bescheidnes Gewächs Zu überreichen Geschenken, Der andre einen gewaltigen Strauch, Drei Nüsse daran zu henken. Dort feilscht um ein verkrüppeltes Reis Ein Weib mit scharfen Waffen: Der dünne Silberling soll zugleich Den Baum und die Früchte verschaffen! Mit glühender Nase schleppt der Lakai Die schwere Tanne von hinnen, Das Zöfchen trägt ein Leiterchen nach, Zu ersteigen die grünen Zinnen. Und kommt die Nacht, so singt der Wald Und wiegt sich im Gaslichtscheine; Bang führt die arme Mutter ihr Kind Vorüber dem Zauberhaine. Einst sah ich einen Weihnachtsbaum: Im düstern Bergesbanne Stand eisbezuckert auf dem Granit Die alte Wettertanne. Und zwischen den Ästen waren schön Die Sterne aufgegangen, Am untersten Ast sah ich entsetzt Die alte Schmidtin hangen. Hell schien der Mond ihr ins Gesicht, Das festlich still verkläret; Weil sie auf der Welt sonst nichts besaß, Hatte sie sich selbst bescheret. Frühling 1853 Welch schauriger Lenz, der Sonne beraubt, Um Pfingsten die Bäume noch nicht belaubt! Der Eisbär sperrte den Rachen auf, Propheten hemmten der Erde Lauf; Die Hochgebildeten und Geweihten Knieten vor Tischen, die prophezeiten! Es war eine stechende Maienlust, Das Säulein schrie in der Menschenbrust. Sonntags Lässig bald und wieder schneller Greifend in den blauen Himmel, Dreht sich eine graue Mühle Hoch am schweigenden Friedrichshain. Drüben glänzt des Königs Kuppel, Still ist's auch in jener Gegend; Schmollend läßt er Gras ergrünen Vor dem riesigen Schloßportal. Aus den Toren summt und brummt es, Und das Weichbild schwirrt von Geigen; Fernhin watet in dem Sande Staubaufregendes Volk Berlins. Aber auf dem trägen Flusse Fahren stille Wendenschiffe; Durch die Wipfel in die Ferne Hoch die sonnigen Segel ziehn. Im Tiergarten Ich bin ein Fremder hier zu Lande, Wo Krongewalt herrscht allerwärts, Mich binden nicht die starren Bande, Doch dieser Hain erfreut mein Herz! Um dieses grünen Lebens willen, Um dieser Weiher sanfte Flut, Um diese ruhgewiegten, stillen Baumwipfel in der Abendglut, Um diesen tiefen milden Frieden, Den mir ein braver Toter beut, Sei ihm ein voller Dank beschieden Des Herzens, das dies Grün erfreut! Gaselen 1847 1 Unser ist das Reich der Epigonen, Die im großen Herkulanum wohnen; Seht, wie ihr noch einen Tropfen presset Aus den alten Schalen der Zitronen! Geistiges ist noch genug vorhanden, Auch der Liebe Zucker wird noch lohnen. Wasser flutet uns in weiten Meeren, Brauchen es am wenigsten zu schonen: Braut den Trank für lange Winternächte, Bis uns blühen neue Lenzeskronen! 2 Herbstnächtliche Wolken, sie wanken und ziehn Gleich fieberisch träumenden Kranken dahin: Auf Bergwald und Seele die Düsternis ruht, Ob kalt sie auch Luft und Gedanken durchfliehn. Klarstrahlend jedoch tritt hervor nun der Mond, Und weithin die Wolken entschwanken um ihn. Geh auf auch im Herzen mir, lieblicher Stern, Dem immer die Schatten noch sanken dahin! 3 Wie schlafend unterm Flügel ein Pfau den Schnabel hält, Von luft'gen Vogelträumen die blaue Brust geschwellt, Geduckt auf einem Fuße, dann plötzlich oft einmal, Im Traume phantasierend, das Funkelrad er stellt: So hing betäubt und trunken, ausreckend Berg und Tal, Der große Wundervogel in tiefem Schlaf, die Welt. So schwoll der blaue Himmel von Träumen ohne Zahl, Mit leisem Knistern schlug er ein Rad, das Sternenzelt. 4 Und als die Schöpfung bleischwer das Haupt im Schlafe wog Und sie ein quälend Traumbild, daß sie nicht sei, betrog Und Gott im Himmel selber schlief, vergessend Meer und Land, Worüberhin kein Lufthauch als Lebenszeichen zog: Da wachte eine Lilie auf, die einsam, einsam stand Und die den fernen Sternglanz mit leisem Atem sog; Da fiel ein Falter tief in sie, mit dunklem Schwingenrand, Der durch den kalten Nachttau mit Mühe zitternd flog. Die Flügel schmiegte bebend er an ihres Kelches Wand, Die, auch erbebend, ob ihm sich eng zusammenbog. 5 Wenn schlanke Lilien wandelten, vom Weste leis geschwungen, Wär doch ein Gang, wie deiner ist, nicht gleicherweis gelungen! Wohin du gehst, da ist nicht Gram, da ebnet sich der Pfad, So dacht ich, als vom Garten her dein Schritt mir leis erklungen. Und nach dem Takt, in dem du gehst, dem leichten, reizenden, Hab ich im Nachschaun wiegend mich dies Liedchen leis gesungen. 6 Der Herr gab dir ein schönes Augenpaar, Du weißt damit zu blicken lieb und klar. Mit feiner Hand hältst du in schönen Banden, Das er dir gab, dein anmutreiches Haar. Wie eine Palme aus den Morgenlanden Ließ er dich wachsen, der im Anfang war. Du aber weißt dich köstlich zu gewanden, Daß sich verdunkelt deiner Schwestern Schar. Wie dankbar du des Schöpfers Sinn verstanden, Legst du in reizbewußtem Wesen dar. 7 Perlen der Weisheit sind mir deine Zähne! O wie ich mich nach ihrem Scheine sehne! Denn über dem Bemühn, sie zu erblicken, Vertrocknet mir die letzte kleine Träne. Indem ich dich zu holdem Lachen reize, Vergeß ich ganz der Welt unreine Späne, Und um dein schönstes Lächeln zu verdienen, Gelingen meinem Geiste feine Pläne. 8 Nun schmücke mir dein dunkles Haar mit Rosen, Den Schleier laß die Schultern klar umkosen! Mit leichtem Spott laß deine Augen schweifen, Sie können es so wunderbar, die losen! Du sollst an meinem Arm den Markt durchstreifen, Dort will ich meiner Feinde Schar erbosen! 9 Ich halte dich in meinem Arm, du hältst die Rose zart, Und eine junge Biene tief in sich die Rose wahrt; So reihen wir uns perlenhaft an einer Lebensschnur, So freun wir uns, wie Blatt an Blatt sich an der Rose schart. Und brennt mein Kuß auf deinem Mund, so zuckt die Flammenspur Bis in der Biene Herz, das sich dem Herz der Rose paart! 10 Berge dein Haupt, wenn ein König vorbeigeht, Tief an der Brust des Geliebten, der frei steht; Aber dem Betteljung laß es erglänzen, Welchen das Elend der Erde vorbeiweht! 11 Als ich an deiner Frühlingsbrust zwiefachem Himmel geruht, In königlicher Ruhe stolz hinwogte unser Blut: Von diesem Himmel unverwandt sah ich zum andern auf Und schaute in den Hesperus mit frohem, stillem Mut. Dann drückte müd die Augen ich an deinem Busen zu, Doch immerfort sah ich den Stern in seiner schönen Glut. Er ging in deinem Herzen auf, wie es der Widerschein Lunas in einem spiegelnden und tiefen Brunnen tut. 12 Dies ist eine heilige Lenzmitternacht, o höre: Drangvoll alle Quellen gehn, laut rauschen ihre Chöre! Tag und Nächte gleichen sich, hell zuckt ein Wetterschein, Lieblich aber, als ob ihn nur Blütendunst geböre! Löse auf dein wallend Haar, weit laß es sich zerstreun, Schwöre, daß ein jegliches mein nur, o mein gehöre! Löse deine Schleier auf, die Liebesbrust zu weihn, Bade sie im Wetterschein; mich treu zu lieben schwöre! 13 O heiliger Augustin im Himmelssaal! Nun werd ich glauben an deine Gnadenwahl: Denn gleich dem Affen, der eine Tulpe hält, Sah heut ich einen halten den Weinpokal. Wie hat zerreißend es mir ins Ohr gegellt, Als er der Maid froschmäulige Küsse stahl! Dazu schaut' er so säuerlich in die Welt, Als stäk er in des Fegefeuers Qual. 14 Mich tadelt der Fanatiker, in deinen Armen weich zu ruhn, Und heischt, indem zum Streit er eilt, zu lärmen und ihm gleichzutun. In tollen Sätzen eilt er fort und peitscht die Luft mit seinem Stahl Und schwört: es gäb kein größer Heil, als auf dem Schlachtfeld bleich zu ruhn! Laß laufen ihn, den Närrischen, und küsse mich noch hundertmal! Ich denke doch beizeiten noch vor ihm den ersten Streich zu tun! 15 O Mädchen! gestern quälte mich ein eitler Christ, ein Esel! Heute schreckte mich par excellence ein Atheist, ein Esel! Dort naht mit worteschwangerm Nichts, mit ungeheurem Unsinn, Mit tönender Salbaderei ein Pantheist, ein Esel – Birg mich an deiner jungen Brust und rette meine Menschheit, Mein Kind! sonst werd ich selber noch zu dieser Frist ein Esel! 16 'ne Schale Feuerwein ist gut, wenn man sich schlagen soll! Und mehr noch, wenn das Leben man zu Markte tragen soll, Ist eine Überzeugung wert: wofür man steh und falle, Woran das junge Leben man, das schöne, wagen soll? Doch mehr als Wein und Hochgefühl beim hellsten Zinkenschalle Begeistert mich, so ich der Lust der Welt entsagen soll, Wenn auf dem Mund ein Weibeskuß noch brennt! Ich frag euch alle: O saget mir, nach was man noch auf Erden fragen soll? 17 Zerbogen und zerkniffen war der vordre Rand an meinem Hut, Und rötlich färbte er sich auch, wie es des Säufers Nase tut. Und wenn ich auf der Straße ging, so fiel ich in der Spötter Schlingen; Das füllte mich mit Ärger, denn im ganzen war der Chapeau gut. Drum dreht ich ihn, bis hinter mir des Würdigen gelähmte Schwingen, Und, vorn den wohlerhaltnen Rand, trat ich einher mit frischem Mut. Doch weh! an meinem Rücken nun die tausend schlimmen Augen hingen, Ich hörte zischeln hinter mir und in den Kopf stieg mir das Blut Und zwang mich, den verdammten Filz flugs wieder vorn herum zu bringen: Denn lieber vor als hinter mir mag ich der Tadler stille Wut. In seinen Schatten neige dich, Schlußton von allem meinem Singen, Mein treues Lieb, und tröste mich mit deiner Lippen süßer Glut. Panard und Galet 1 Zu Daumers Hafis 1 Sie kamen von der Tränke, Sie wankten aus der Schenke Mit einer Zecherschar, Als es Karfreitag morgen Und grabesstille war. Von heißen Stirnen nicken Und stäuben die Perücken, Wie Wolke birgt den Blitz; Die spitze Kling am Degen Zuckt wie geschliffner Witz. Sie taumelten und sangen, Vom Mund wie Stöpsel sprangen Die Verse, Schlag auf Schlag; Da schrie Panard: »O fühlet Den furchtbar großen Tag! Das Universum trauert, Die dunkle Sonne schauert, Die Erde wankt und bebt, Daß unter unsern Füßen Der lose Boden schwebt! Unsicher ist's zu stehen Und ratsam nicht, zu gehen: Kehrt um! zu unsrem Wirt!« – Und alsbald kroch die Herde Zurück zu ihrem Hirt. Dort blieben sie verborgen Bis an den dritten Morgen, Tief und geheimnisvoll, Bis durch die goldne Frühe Die Osterglocke scholl. Als die verjüngte Sonne In Auferstehungswonne Durchschritt des Frühlings Tor, Da stiegen aus der Höhle Weinselig sie hervor. Fußnoten 1 Französische Poeten des 18. Jahrhunderts 2 Auf seinem Bette liegt Galet, Weglachend seines Todes Weh. Er schickt Panard den Morgengruß, Sechs frische Lieder zum Genuß. »Erst wollt ich reimen, liebes Kind! So viele, als Apostel sind; Doch hab ich's nur auf sechs gebracht, Weil schon der Totengräber wacht, Der Totengräber vor der Tür Mit seinen Burschen lauscht herfür. Der hackt, wie Blumen, kunterbunt Die andern sechse in den Grund, Daß zwischen Scholl und Totenbein Sehn sie vergehn die Schwesterlein. Doch die sind lieblich, meiner Treu! Der letzte Reim ist süß und neu, So voll und rein, wie Rhein und Wein – Leb wohl! mich dünkt, nun muß es sein!« 3 Es klagt Panard: »Habt ihr gesehn Die Stätte, wo Er ruht? So könnt ihr meinen Schmerz verstehn Und meines Zornes Glut. Der keiner Quelle, noch so rein, Beim größten Durst genaht, Ihn, dem kein schnödes Wässerlein Die Lippe je betrat, Ihn haben sie nun hingelegt, Wo graus vom Dach herab Die Traufe ihm zu Häupten schlägt Und tröpfelt auf das Grab! Daß ich, wenn ich 'nen feur'gen Guß Weihn möcht auf seinem Stein, Hinweg voll Abscheu fliehen muß, Zu schützen meinen Wein! Ich selbst bin nun ein Wasserfaß, Dran keine Daube schließt, Da stets ein unglückselig Naß Mir aus den Augen schießt. Es regnet meiner Tränen Fluß Wie toll zu jeder Stund, Daß mit der Hand ich decken muß Das Glas an meinem Mund. Die süße Traube sank zur Ruh Vom Stocke, der ich bin. O Winzer Tod! nun schneide du Mich selber bald dahin!« Vermischte Gedichte Tokaier Reminiszenz an Lenau Als die Wetterwolken schlossen Dicht den Himmelssaal, Kam noch zwischendurch geschossen Hell ein Sonnenstrahl. Der versank in eine Traube Und erlosch zuletzt; Diese aber glüht, ich glaube, Mir im Glase jetzt. Denn ein leises, schrilles Klingen Zirkelt um den Rand, Tönt, als wenn der Becher springen Wollte in der Hand. Gieße dich, du Becherklage, Tief in meinen Mund: Das Geheimnis komm zu Tage Auf dem leeren Grund! Schwarz seh ich die Gründe gähnen, Wo erlosch der Strahl, Der sich durch Gewittertränen Aus der Sonne stahl. Eine ungeheure Leere Tut sich greulich kund, Wie im abgelaufnen Meere Wimmelt's auf dem Grund. Und, ein schwarzer Wirbel, drehet Es sich niederwärts, Bis in ew'ger Nacht vergehet, Scheidet Lust und Schmerz. Schenke, Wirt! o laß es brausen! Gieß den Becher voll, Wenn mein Herz ob innerm Grausen Nicht verzagen soll! Cyprier Du Wein der süßen Wonnen, Du heißer Trank der Lust! Willst du erloschne Sonnen, Willst du versunkne Bronnen Erwecken in der Brust? Was führst du all mein Denken Gen Morgen fern zurück, Die Seele zu versenken, Die Sinnen mir zu tränken In unermeßnem Glück, Wo grünen Myrtenhainen Der Goldaltar entsteigt, Sich glühes Widerscheinen Von Rosen an den reinen Marmornen Säulen zeigt! Und Meeresfluten ziehen Rings einen Zauberbann, Daß nirgends man entfliehen Dem ewigen Glühn und Blühen Der schönsten Liebe kann! Es rauscht in deinen Güssen, Du roter Inselwein, In deinen Feuerflüssen Ein fabelhaftes Küssen Zu meinen Lippen ein. Die Heidengöttin neiget Sich geisterhaft mir zu. Ihr rauhen Lieder, schweiget! In weißen Gliedern steiget Sie aus der Todesruh! Rheinwein 1847 Aller Sonnenschein, Der einen Sommer lang Längs dem schönen Rhein Sich um die Berge schlang, Breitet heute aus dem Wein zumal Seine Glorie durch den weiten Saal. In dem Scheine steigt Es auf wie Rebenhöhn; Ob dem Zauber schweigt Der Gläser hell Getön; Und der selbstvergeßne Zecher lauscht, Wie der Strom in seinen Ohren rauscht. Und im Morgenschein, Durch die Gestade hin, Sieht den hellen Rhein Er sich vorüberziehn, Und ein Binsenkörblein trägt die Flut, Drin das Moseskind der Deutschen ruht. Scharf am Felsenriff Bricht sich der Morgenwind: O gebrechlich Schiff, O du verlaßnes Kind! Keine Königstochter badet heut, Die dir schützend ihre Rechte beut! Nur die Liebe wacht Und folgt am Uferhang, Und ihr Auge lacht Auf dich die Fahrt entlang: Liebe, die das Heldenkind gebar, Die der Freiheit reine Mutter war. Bis die Zeit entfloh, Wo du einst wiederkehrst Und den Pharao Vor Gott erbeben lehrst, Wirst ein starker, kluger Moses sein. O wie lang noch fließt der grüne Rhein? Lacrimae Christi Wie des Rauches Silbersäumlein Vom Vesuv den Himmel sucht! Feigenbäumlein! Feigenbäumlein, Und wie süß ist deine Frucht! Und ein kühlender Zephir fächelt Über den warmen Lavagrund, Drauf die Madonna niederlächelt Mit dem feingeschnitzten Mund. Kommt ein lustiger Mönch gegangen Mit dem vollen Tränenkrug, Kommt ein Weib mit Purpurwangen Und mit nächtlichem Lockenflug; Schön ist's unter dem Feigenbaum, Wo der Berg vor Liebe brennt! Drüben leuchten, wie ein Traum, Capri, Ischia und Sorrent. Sind ihre Locken die dunkle Nacht, Ist seine Glatze der Mondenschein, Und es können die Sternenpracht Ihre glühenden Augen sein. Also schaffen am hellen Tag Sie die heimliche stille Nacht; Was doch alles geschehen mag, Wenn man's klug und sinnig macht! Nur die hölzerne Madonne Schmachtet in der heißen Sonne; Daß auch sie genieße der Ruh, Wirft das Weib ihr den Schleier zu. Lächelnd über die See her blinken Ischia, Capri und Sorrent – Süß und selig ist zu trinken, Was man Christi Tränen nennt! Ordinärer Landwein 'nen Vetter hab ich, einen Bauersmann, Der hat sein Gut mit starker Hand geründet Daß all sein Gut im weitgezognen Bann Des Eigners hohe Willenskraft verkündet; Was heißer Fleiß der Erd entlocken kann, Hat er in immergrüner Pracht entzündet, Und in der Mitte steht sein stattlich Haus, Die Fenster schimmern in das Land hinaus. Da ist das ganze Jahr ein wechselnd Blühn In weiten Kreisen und in allen Farben Rings um das Haus, vom feinen Saatengrün Bis zum gediegnen Gold der schweren Garben. Des Mohnes traumerfüllte Kelche glühn, Wenn kaum des Flachses blaue Sterne starben; Vereinigt leuchtet aller Farben Flor Im Blumengarten vor des Hauses Tor. Vom fernen Hügel aus dem eignen Wald Hat er zum Hof den Brunnen hergeleitet Und von des Forstes hoher Felsenhald' Aus eignem Stein des Hauses Grund gebreitet; Man sieht, wie neben mächt'ger Eiche bald, Bald neben der gefällten Föhr er schreitet, Die blanke Axt fest in den Stamm gehauen, Dem schwanken Zug den besten Pfad zu schauen. Vom Morgengrauen bis zum Wehn der Nacht Kann man ihn sehn durch Flur und Felder streifen, So weit noch seines Feldes Blume lacht, Treu seine Bienen Pflug und Roß umschweifen, Selbst von der Lüfte sonnig heitrer Pracht Die Tauben seines Hofs Besitz ergreifen; Und auch die Lerche, wildes Huhn und Rabe Sind heimatliche Kinder seiner Habe. Jedoch sein Herzfleck ist ein jäher Rain, Der sich erhebt aus weiten Ackergründen, Da wo am vollsten ruht der Sonne Schein Und abgewandt des Nordens rauhen Winden; Da zieht der Landmann seinen Labewein, Da ist er manchen langen Tag zu finden, Wie Arbeit er und Müh mit Lust verschwendet, Der Rebe zartes Schoß zum Lichte wendet. Doch zieht er nicht die Traube zum Erwerb, Mit seinen Söhnen trinkt er selbst den Saft; Gewöhniglich zwar wird er etwas herb, Doch frischet er das Herz mit tücht'ger Kraft; Auch Brot und Leib und Leben sind ja derb Dem Manne, der in brauner Scholle schafft. Nur wenn ein heißes Weinjahr ist auf Erden, Kann auch sein Wein ein rechter Festwein werden. Wie oftmals, wenn der kühle Herbst gekehrt, Gelungen war des Jahrs mühsel'ger Plan, Die Speicher hoch mit reicher Frucht beschwert, Der neue Wein in seine Haft getan: Hab ich ein schäumend Glas bei ihm geleert – Nie setzt ich eines ruhig wohler an! Der Vetter saß inmitten seiner Sippe Und trank den jungen Wein mit froher Lippe. Wenn dieser so im Glas zu gären schien, Im Innersten nach Klarheit heiß zu ringen, Dann sprach der Mann wohl träumend vor sich hin, Als hörte er ein fernes Lied erklingen: »Gott hat's gegeben, und wir preisen ihn! Wir loben ihn, wenn wir es wieder bringen! Denn wie Er's geben kann, kann Er es nehmen, Und unser ist ein fröhliches Bequemen. Wohl hört man ihn durch Tann und Schlüchte fahren, Wer aber weiß, von wannen kommt der Wind? So drängen sich der Menschheit schwere Scharen, Die selber sich ein tief Geheimnis sind, Das aber endlich sich soll offenbaren Den Lebensklugen, die nicht taub und blind. Indes zur Übung, Stärkung unserm Streben Ist dieser harte Erdenkloß gegeben. Und was wir heute sammeln und gestalten, Das wird der Morgen schonungslos zerstreuen; Doch wollt ihr einen süßen Kern erhalten, Dürft ihr euch nicht zu sehr der Schalen freuen! Wenn sich der Geist ins Weite will entfalten, Wird unablässig er das Wort erneuen. Wir aber müssen bei der Arbeit lauschen, Wohin die heil'gen Ströme wollen rauschen!« Wasser Wie strahlet ihr im Morgenschein, Du rosig Kind, der Blütenbaum Und dieser Brunnen, frisch und rein – Ein schönres Kleeblatt gibt es kaum. Wie dreifach lieblich hat Natur In euch sich lächelnd offenbart! Aus deinem Aug grüßt ihre Spur Des Wandrers stille Morgenfahrt. Es ist, als käm aus deinem Mund Das Lied, das dort die Quelle singt, Es ist, als tät der Brunnen kund, Was tief in deiner Seele klingt! Und wie der weiße Apfelbaum Mit seinen Zweigen euch umweht! Dies Schaun, zart wie ein Morgentraum, Ersetzt mir jedes Frühgebet. Reich einen Trunk, du klare Maid, Vom Quell, der deine Kindheit sah! Sein Rauschen sei dir allezeit, Die Klarheit deinem Herzen nah! Ich wünsche Segen deiner Hand Zur Arbeit wie zum Liebesbund, Dem bravsten Burschen hier zu Land Den ersten Kuß von deinem Mund! Gewitter im Mai In Blüten schwamm mein Heimatland, Es wogte weiß in schwüler Ruh; Der dunkle, feuchte Himmel band Mir schwer die feuchten Augen zu. Voll Gram und Reu hatt ich den Mai Gegrüßt und seinen Blumenflor; Nun zog er mir im Schlaf vorbei, Und träumend nascht ich armer Tor! Da war ein Donnerschlag geschehn, Ein einziger; den Berg entlang Hört ich Erwachender vergehn Erschrocken seinen letzten Klang: »Steh auf! steh auf! entraffe dich Der trägen, tatenlosen Reu!« Durch Tal und Herz ein Schauer strich, Mein Leben grünte frisch und neu. Abendregen Langsam und schimmernd fiel ein Regen, In den die Abendsonne schien; Der Wandrer schritt auf engen Wegen Mit düstrer Seele drunter hin. Er sah die großen Tropfen blinken Im Fallen durch den goldnen Strahl; Er fühlt' es kühl aufs Haupt ihm sinken Und sprach mit schauernd süßer Qual: »Nun weiß ich, daß ein Regenbogen Sich hoch um meine Stirne zieht, Den auf dem Pfad, so ich gezogen, Die heitre Ferne spielen sieht. Und die mir hier am nächsten stehen Und wer mich scharf zu kennen meint: Sie können selber doch nicht sehen, Wie er versöhnend ob mir scheint. So wird, wenn andre Tage kamen, Die sonnig auf dies Heute sehn, Ob meinem fernen, bleichen Namen Der Ehre Regenbogen stehn.« Melancholie Sei mir gegrüßt, Melancholie, Die mit dem leisen Feenschritt Im Garten meiner Phantasie Zu rechter Zeit ans Herz mir tritt! Die mir den Mut, wie eine junge Weide, Tief an den Rand des Lebens biegt, Doch dann in meinem bittren Leide Voll Treue mir zur Seite liegt! Die mir der Wahrheit Spiegel hält, Den düster blitzenden, empor, Daß der Erkenntnis Träne schwellt Und bricht aus zagem Aug hervor. O strenge Rache nimmst du Dunkle immer, Wenn ich dich mehr und mehr vergaß Ob lärmendem Geräusch und Flimmer, Die doch an meiner Wiege saß! Es hängt mein Herz an eitler Lust Und an der Torheit dieser Welt; Oft mehr als eines Weibes Brust Ist es von Außenwerk umstellt! Und selbst den Trost, daß ich aus eignem Streben, Daß alles nichtig ist, erkannt, Nimmst du und hast mein stolz Erheben Zu Boden alsobald gewandt, Wenn du mir lächelnd zeigst das Buch Des Königs, den ich oft verhöhnt, Aus dem es, wie von Erz ein Fluch: Daß alles eitel sei! ertönt. Und nah und ferne hör ich dann erklingen Gleich Narrenschellen ein Getön – O Göttin, laß mich dich umschlingen, Nur du, nur du bist wahr und schön! David Der Ölbaum wuchs in dichten Hainen, An klaren Bächen wucherte die Rose, Allwo die Wiege stand des Kleinen, Gleich einem Taubennest im grünen Moose; Er spielte noch im bunten Knabenkleide Und füllte dienend seiner Brüder Krug, Als er zu seines Stammes Freude Schon meisterlich die Harfe schlug. Er kam mit Wein und Brot gegangen, Sein braunes Auge strahlte vor Vergnügen; Er fand sein Volk mit Spieß und Stangen, Doch zag und ratlos vor dem Feinde liegen. Der große Hans Narr warf dort Bein und Arme Mit tollem Wüten in die Luft empor, Daß rasch dem Heldenkind das warme Zornrosenblut im Herzen gor. Des Königs Waffenlast verwerfend, Trat er hervor, mit Gott allein im Bunde; Die Hand mit weißen Steinen schärfend Aus eines Bächleins hellem Silbergrunde, Tat er den Wurf; des Riesen Stirne klaffte, Es war aus blauer Luft ein jäher Schlag! Wie lacht' er schön, als der Erschlaffte Kopflos zu seinen Füßen lag! Der Dank, den David hat empfangen, Steht in den alten Schwarten aufgeschrieben: Nach seinem Tod ein toll Verlangen! In Not und Irrsal ward er hingetrieben. Sein Haupt zum Herren nächtlich aufgewendet, Sang er des Grames Lied ohn Unterlaß; Doch hat das Spiel noch gut geendet, Als auf dem Thron der Feldhirt saß! Herbstlied Laßt uns auf alle Berge gehen, Wo jetzt der Wein in Strömen fließt, Und überall am nächsten stehen, Wo sich der Freude Quell ergießt, Uns tief in allen Augen spiegeln, Die durch das Rebenlaub erglühn, Laßt uns das letzte Lied entriegeln, Wo noch zwei rote Lippen blühn! Seht, wie des Mondes Antlitz glühend Im Rosenscheine aufersteht, Indes die Sonne, freudesprühend, Den Leib im Westmeer baden geht! Und an der Jungfraun einer Wange Bricht sich des Mondes blasse Glut, Indes, erhöht vom Niedergange, Erglänzt der andern Purpurblut. O küsset schnell die Himmelszeichen, Eh sich verdunkelt die Natur! Mag dann der Abglanz auch erbleichen: Im Herzen glimmt die schönre Spur! Mag sich, wer zu dem süßen Leben Der Lieb im Lenz das Wort nicht fand, Der holden Torheit nun ergeben, Den Brausebecher in der Hand! Wohl wird man edler durch das Leiden Und strenger durch die herbe Qual; Doch hoch erglühn in heißen Freuden, Das adelt Seel und Leib zumal! Und liebt der Himmel seine Kinder, Wo Tränen er durch Leid erpreßt, So liebt er jene drum nicht minder, Die er vor Freuden weinen läßt. Und sehnen bleiche Gramgenossen Sich nach dem Grab in ihrer Not: Wem hell des Lebens Born geflossen, Der scheut noch weniger den Tod! Taucht euch ins Bad der Lust, ins klare, Das euch die kurze Stunde gönnt, Auf daß für alles heilig Wahre Ihr jede Stunde sterben könnt! In der Via mala Wie einst die Tochter Pharaos Im grünen Schilf des Niles ging, Des Auge hell, verwundrungsgroß, Verliebt an ihren Augen hing, Wie sie ihr Haupt, das goldumreifte, Sehnsüchtig, leicht flutüber bog, Um ihren Fuß das Wasser schweifte Und silberne Ringe zog: So seh ich dich, du träumrisch Kind, Am abendlichen Rheine stehn, Wo seine schönsten Borde sind Und seine grünsten Wellen gehn. Schwarz sind dein Aug und deine Haare, Und deine Magd, die Sonne, flicht Darüber eine wunderbare Krone von Abendlicht. Ich aber wandle im Gestein Und wolkenhoch auf schmalem Steg, Im Abgrund schäumt der weiße Rhein, Und Via mala heißt mein Weg! Dir gilt das Tosen in den Klüften, Nach dir schreit dieses Tannenwehn, Bis hoch in kalten Eiseslüften Die Wege auseinandergehn! Ave Marie auf dem Vierwaldstätter See 1847 Zur Zeit des Sonderbundes Fuhr ein Schifflein gegen Flüelen, Drin ich saß, zur Abendzeit, Wo die finsteren Wasser spülen Und den Bergen die Füße kühlen Schon seit einer Ewigkeit. Aus den finstern Felsengängen Bang ein Hauch des Föhnes strich, Ein Gewebe von Abendklängen Zitterte an den Alpenhängen, Und der Ferg bekreuzte sich. Dunkel lauschten die Kapellen Alter Freiheit aus dem See; Wo einst fuhren die frommen Tellen, Tauchte jetzo aus den Wellen Dieses Wassers schlimme Fee. Ja, ich sah sie steigen, winken Aus der schwärzlichgrünen Flut! Ließ der Krone goldene Zinken Tückisch in der Sonne blinken, In der sterbenden Sonne Glut. Fabelhaft und heidnisch blühte Ihrer Schönheit arger Flor; Wilde Schadenfreude glühte Und ein buhlerisch Feuer sprühte Aus den seidenen Wimpern vor. Haar und Schleier, ungebunden, Wehten in dem heißen Wind; Und sie hielt im weißen, runden Arm ein Kind mit sieben Wunden, Ein ersterbendes, welkes Kind. An den staffellosen Wänden Glitt die grauliche Nix hinan; Von den Purpurzinnen und Ränden Hielt sie das Kind in erhobenen Händen Über der Länder tiefen Plan. Sieben Tropfen aus sieben Wunden Preßte sie dem armen Wurm; Wo die rot hinabgeschwunden, Hat sich die Flut emporgewunden, Schreiend in Wut und Weh und Sturm! Wut und Wahn die Herzen faßte An den Borden rings am See, Daß der Priester im Blute praßte Und der Bruder den Bruder haßte, Ihm zum eigenen Gift und Weh! Als das Ave Marie verklungen, War der arge Spuk entflohn. – Noch ein Alphorn hat gesungen Aus der Höh, und leis bezwungen Hat mein Herz sein süßer Ton. Heimweh An den schönen Limmatborden, Die so grün ins Wasser hangen, Bin ich manches Mal gegangen, Wenn die Erde jung geworden Und den Frühlingsmantel wob, Wenn die Wasser voller klangen Und bis vor die Füße drangen, Daß der Pfad sich schwellend hob. Wenn die Welle singend flieht, Ist's, als höre man Geschichten, Was im Oberland geschieht, Weit ins Niederland berichten; Und wenn man stromaufwärts sieht, Will es scheinen, daß die ganze Innre Schweiz im Firnenglanze Auf der Flut herniederzieht. Ausgespannte Netze schimmern Zwischen blütenweißen Bäumen, Perlend in der Sonne flimmern Sie von feuchten Wasserschäumen. Und ein Knäblein schläft im Kahn, Wiegend sich in jungen Träumen; Ohne Hast und ohne Säumen Schafft der Vater nebenan. Ja, mit ruhig festem Schritte Schreiten dort die Männer hin! Klar und einfach ist die Sitte, Klug und ernst der freie Sinn. Und in ihrer sichern Mitte Wuchsen Recht und Freiheit groß; Das Gesetz schmückt jede Hütte, Jeden Herd ziert ein Geschoß. Etwas Wein auch pflanzt der Bauer An der Berge grünen Füßen, Wenn auch manchmal etwas sauer: Arbeit weiß ihn zu versüßen. Längst schon wohnt an jenen Flüssen Rasche Tat, entschloßnes Handeln, Daß vor ihrem heitren Wandeln Gram und Sorge schwinden müssen. Hier, an diesem fremden Strand, Sind die Weine stark und süß, Und es gleicht das edle Land Auch wohl einem Paradies; Aber dumpf und ungewiß Sind die Herzen und die Blicke, Und verworrene Geschicke Walten in der Finsternis! Erster Schnee Wie nun alles stirbt und endet Und das letzte Rosenblatt Müd sich an die Erde wendet, In die warme Ruhestatt: So auch unser Tun und Lassen, Was uns heiß und wild erregt, Unser Lieben, unser Hassen Sei ins welke Laub gelegt! Reiner, weißer Schnee, o schneie, Schneie beide Gräber zu, Daß die Seele uns gedeihe Still und kühl in Winterruh! Bald kommt jene Frühlingswende, Die allein die Liebe weckt, Wo der Haß umsonst die Hände Träumend aus dem Grabe streckt! Der alte Bettler Nun legst du, alte, knorrenvolle Föhre! Den allerletzten Jahresring dir an, Da ich mit seiner Axt rumoren höre Im Walde schon den grauen Zimmermann. Er wird sowenig mit dir federlesen, Als jemand über mein Verschwinden klagt – Ein alter Lump ist wohl das einz'ge Wesen, Dem man des Alters Ehrenzoll versagt! Sei's immerhin! ich liebe drum nicht minder Dies schöne Land, mein gutes Vaterland, Und segne seine frohen, stolzen Kinder Mit der verworfnen toten Bettlerhand! Ich segne euch, o Strom, Gebirg und Auen, Die ihr im Lenzgold heiter vor mir schwimmt! Ein Reichtum ist dies selig klare Schauen, Den niemand auch dem ärmsten Manne nimmt. Als meine Brüder einst vor vierzig Jahren Das alte morsche Vaterhaus verkauft, Um nach der fernen Neuen Welt zu fahren, Wo man sich mit der alten Erde rauft, Da bin ich ganz allein zurückgeblieben, Bald war es um mein kleines Erb getan; Weiß nicht, wie weit sie drüben es getrieben, Ich aber fing darauf zu betteln an. Denn weder Not noch Mühsal konnten scheiden Mich aus den Marken meines Vaterlands – Wer will mich zwingen, seinen Schoß zu meiden, Zu missen seiner Ströme blauen Glanz? Hier will ich wandeln, wo ich bin geboren, Und sei's auch in zerrißnen Bettlerschuhn! Ging drob die Bürgerehre mir verloren: Ich will und muß bei meinen Vätern ruhn! Dich sollt ich meiden, trautes Netz der Wege, Das mein Volk auf des Landes Boden spann? Und dich, Gebirg, wo ich des Abgrunds Stege Auch mit verbundnem Aug beschreiten kann? Wo ich der Quellen tiefen Ursprung kenne Und jeden Stamm im dunklen Forst gezählt Und jede Trift bei ihrem Namen nenne – Den Boden, wo mir nie ein Tritt gefehlt? O meines Vaterlandes gute Erde, Wie kriech ich gern in deinen warmen Schoß! Mir ahnet schon, wie süß ich ruhen werde In dir, von allem Druck und Irrsal los! Wie will ich meine müden Beine strecken, Wegwerfend meiner Armut dürren Stab! Wie selig mich von West nach Osten recken Und unverwüstlich ruhn in meinem Grab! Doch spinnt sich weiter meiner Seele Leben, So möge sie, im grauen Schattenkleid, Vergnügt und still dies gute Volk umschweben, Noch immer treu, in Freude wie in Leid! Als leichte Mahnung neckend umzugehen In seines Glückes hellem Sonnenschein: Möcht meine Seligkeit darin bestehen, Einst seines letzten Bettlers Geist zu sein! Klage der Magd Nun ist der Lenz gekommen, Nun blühen alle Wiesen, Nun herrschen Glanz und Liebe Auf Erden weit und breit; Nur meine böse Herrin, Sie keift und zetert immer Noch, wie in der betrübten Und dunklen Winterzeit! Wenn ich am frühen Morgen Mit aufgewachtem Herzen Im Garten schaff und singe, Die Welt mir freundlich blickt: Wirft sie mir aus dem Fenster Die ungefügen Worte, Daß rasch in meiner Kehle Ein jedes Lied erstickt! Und wenn mein Vielgeliebter Am Hag vorüberwandelt Und ein paar heiße Blicke Mir in die Seele warf: Kommt sie und streut mit Schelten Und ausgesuchter Bosheit Mir in die süße Wallung Den Tod, so eisig scharf! Und wenn am Mittagsmahle Ich mit gesenkten Augen Am Tische sitz und esse Und mäuschenstille bin: Zielt sie mit schiefen Augen, Mit harten, spitzen Reden Und oft mit groben Scherzen Vor allen nach mir hin, Daß hungernd ich, mit Tränen Das Essen stehenlassen Und mich hinweg muß wenden Voll Scham und voll Verdruß Und weinend im Verborgnen Ein Stücklein harten Brotes Mit all den harten Reden Hinunterwürgen muß! O lieber Gott im Himmel! Du weißt, wie sehr es schmerzet, Wenn man just möchte weinen Und dazu essen soll! Man schämt sich, es zu zeigen, Und kann es doch nicht lassen, Es ist ein Zucken, Würgen Im Herzen jammervoll! Sogar, wenn ich am Sonntag Will in die Kirche gehen Und mir ein armes Bändchen Am Hals nicht übel steht: Vergiftet sie mir neidisch Mit ungerechtem Tadel Die wochenmüde Seele, Das heilige Gebet! Waldliebe Seht den Schuft am Waldessaum Mit gewandten Schritten fliegend, Den geraubten Föhrenbaum Auf der jungen Schulter wiegend! Hat die Axt, die er gestohlen, Vornen in den Stamm geschwungen, Weit noch hinter seinen Sohlen Kommt der Wipfel nachgesprungen. Wie er heimlich lacht und singt, Daß sein Herz im Leibe springt! Und die Dirne kommt daher Mit gestohlnen Birkenruten; Von der Arbeit, lang und schwer, Stehn die Wangen ihr in Gluten. Und der Bursche wirft die Föhre Wie 'ne Feder in den Graben, Reißt die Dirne nach, ich schwöre, Daß die was zusammen haben! Wo ein kleiner Freudenquell Tief im Eschengrunde fließet Und die Silberadern hell Durch das samtne Moos ergießet, Wirft der schlanke Dieb sich nieder Mit der Dirn im braunen Arm, Löst ihr hastig Tuch und Mieder, Und er flüstert liebewarm, Daß sein glühend Herz erklingt, Wie die Nuß im Feuer singt: »Schätzchen, o du kommst mir just, Daß ich meine Schätze grabe, Wieder einmal meine Lust Am verborgnen Reichtum habe! Daß ich prüfe die Juwele: Deine Äugelein voll Feuer! Daß ich meine Perlen zähle, Deine Zähne blank und teuer! Zeig mir der Korallen Schein An dem frischen, süßen Munde, Gib mir schnell mein Elfenbein, All das feingedrehte runde! Gib mir meine Silberberge, Die mich weiß und selig blenden, Drin die tausend Liebeszwerge Pochen mit den kleinen Händen!« Wie ein Has im Kohle springt Ihm das Herz und singt und klingt! »Laß mich wägen all mein Gold: Deines Haares schwere Güsse! Laß mich zählen meinen Sold: Zähle mir ein Hundert Küsse Blank und bar auf meine Lippen, Weil uns kein Verräter lauschet! Laß mich von dem Weine nippen, Der mich armen Schelm berauschet! Nun verhüll die Herrlichkeit Mit den Lumpen, mit den Fetzen, Daß kein Auge, ungeweiht, Spähen kann nach meinen Schätzen! Dieses Tuch um deine Haare Dreimal, viermal sorglich winde, Daß die goldne Schimmerware Ja kein Strahl der Sonne finde!« Und die Dirne ist davon Durch den dunklen Wald gesprungen; Wieder hat der Bursche schon Seine Föhre aufgeschwungen. Wie ihn schnell die Beine tragen Mit dem schwanken, langen Raube! Einen grünen Siegeswagen, Schleift die Krone er im Staube. Und vor innerm Lachen springt Ihm das Herz und singt und klingt! Türkischer Brauch »O welch ein Wehen, Rosalinde! Im blütenüberfüllten Tal! Durch das Gewölk, getrennt vom Winde, Quillt brennendrot der Abendstrahl; Wie Feuer fließt der Frühlingsregen, Wie Feuer rollt es auf den Wegen Und trieft's von jedem Zweig zumal! Und siehst du dort die Gruppe ragen, Am Kreuzweg, finster in die Glut, In sich geschart, wie stumme Klagen, Die malerische Bettlerbrut? Ein hehres Bild ist hier errichtet, Ein jeder Zug ist wie gedichtet – Heut sind uns, traun! die Musen gut. Gib Stift und Mappe, daß die rasche, Die kunstgeübte Zeichnerhand Die Perle dieses Bildes hasche, Das ich Beglückter heute fand! Zu schöner Stunden heitrem Schauen, Gemüt und Augen zu erbauen, Sei es für immer festgebannt! Siehst du, o teure Rosalinde! Den bärt'gen Mann mit breitem Hut, An dem die Mutter mit dem Kinde – Madonnenurbild! – säugend ruht? Es ragt das dunkle Haupt des Gatten, In sich gekehrt, im braunen Schatten, Das ihre schwimmt in Purpurglut. Jedoch, daß von der flachen Erde Das Bild gerundet auf sich schwingt: Siehst du der Kindlein scheue Herde, Wie sie der Eltern Knie umringt; Und düster, stumm, wie erzgegossen, Von Licht und Regen überflossen, Es glänzend in die Augen springt! Welch einen Adel haucht das Ganze, Stolz, wie ein ehern Königsgrab! Wie thront in seines Jammers Glanze Der Mann mit seinem Bettelstab! Dank dir, o freundlichste der Musen, Die ein empfänglich Herz im Busen, Den feinen Sinn fürs Schöne gab!« Da sind, im Tau des Grames schwimmend, In dem der Abendstrahl sich bricht, Ein großes Sternbild, dunkel glimmend, Die Augen jener aufgericht. Sie starren wundernd nach dem Bogen, Von dem ihr Konterfei, gezogen Von weißer Hand, schon deutlich spricht. Und hoch aus seines Elends Mitte Hob sich der arme Mann empor, Und langsam trugen schwere Schritte Die finstere Gestalt hervor; Es schlossen fest sich seine Zähne, Im Aug der Kränkung bittre Träne, Im Antlitz dunklen Zornes Flor, Stand er vor den Empfindungsvollen, Die im hellichten Abendrot Erbleichten ob dem dumpfen Grollen Der furchtbar nahen Menschennot: »Soll ich das sein? o sprich, du Fratze! Soll meiner spotten dies Gekratze?« Und trat das Bild tief in den Kot. »Verdammt sei eurer Seelen Kälte, Die mit den Blicken, spitz wie Stahl, Herschleichend unterm Himmelszelte Betasten unsre nackte Qual!« Er hob der Armut harten Stecken, Samt Rosalinden floh voll Schrecken Der Schöngeist aus dem Blütental. Wandersegen In das Album der Frau Ida F. 1846 An Gottes Segen Ist alles gelegen; Jedoch der Segen eines Poeten Mag ihn in guten Stunden vertreten. So ist es doch betrübt zu klagen, Wenn deutsche Mütter den Rhein hinab, Hinab und über des Meeres Grab Die zarten Wickelkindlein tragen, Nach freier Länder Gestaden hin, Indes die Männer auf weiten Wegen, Getrennt, bekümmert zum Ziele fliehn! Ich streue meinen leichten Segen, Fast trauernd, in dein Frauenherz: Fahr glücklich denn rheinniederwärts Und finde Leute in allen Reichen, Die gute Milch dem Kindlein reichen, Und auf den Schiffen, wenn es schreit, Ein Publikum, das ihm verzeiht! Des Reimes wegen, als ein Schweizer, Wünsch ich dir einen nüchternen Heizer, Der da vorsichtig, sanft und lind Das Schiff dich tragen läßt mit dem Kind! Ich wünsche, daß alles, was sehenswert, Die schönsten Seiten zu dir kehrt, Vor deinem Fuß frisch Rasengrün, Dem Auge freundlicher Sterne Glühn, In deine Hände weißes Brot Und alle Tag Morgen- und Abendrot! Indes sei deinem Mann der Wein Allüberall süß, stark und rein! Vom Rhein will keinen Wunsch ich sagen, Er wird gerührt und treu dich tragen; Jedoch das Meer sei ohne Gefahr! Und wo ihr hinkommt, frisch und klar, Von Blumen umgeben, vergnügt und rein Müssen alle Brunnen und Quellen sein! Und weil die Guten dieser Erden Noch eine Weile wandern werden, So mache die Ferne das Herz euch satt Mit allem Besten, was sie hat; Sie fülle freundlich euch die Truh Und geb euch leichte Sorgen am Tag, Am Abend Nachtigallenschlag, Zur Nachtzeit aber die goldene Ruh; Des Sommers Frucht, des Frühlings Zier, In England immer vom besten Bier, Den Fisch im Wasser, den Vogel der Luft – Nur keinen Boden zu einer Gruft: Denn in der Heimat sollt ihr sterben Und euren Kindern die Freiheit vererben! Wien Frühling 1848 Stadt der Freude, Stadt der Töne, Morgenfrohes, stolzes Wien! Dessen frühlingsheitre Söhne Nun der Freiheit Rosen ziehn: Ja, wir haben uns versündigt, Als wir grollten deiner Lust, Deinem Jauchzen, das verkündigt Eine starke, tiefe Brust! Auf den zauberischen Wogen Deutscher Tänze schwebtest du, Wetter kamen schwül gezogen, Schelmisch logst du üppige Ruh; Eisgrau saßen tote Wächter Vor dem klangerfüllten Haus: Sieh, da warfst du edle Fechter Singend in das Frührot aus! Mit den Flöten, mit den Geigen, Mit den Zimbeln hell voran Führe vorwärts deinen Reigen Auf der morgenroten Bahn! Einmal noch durch deutsche Lande Führ ein deutsches Kaiserbild, Reich zu schaun im Goldgewande, Und wir grüßen fromm und mild! Dieser Traum wird auch verwehen Und am alten Sternenzelt Endlich unter die Sterne gehen Zu der toten Götterwelt; Und wo flimmernd Schwan und Leier Und das Bild des Kreuzes sprühn, Wird dereinst in schönem Feuer Caroli Magni Krone glühn! Aber dann in tausend Wiegen, Hier in Gold und dort in Holz, Wird der junge Kaiser liegen, Freier Mütter Ruhm und Stolz, Wird als Hirt in Blumen weilen, Im Gebirg als Jäger gehn, Auf des Meerschiffs schwanken Seilen Als ein braver Seemann stehn! Der Gemsjäger Frühling 1849 Er kam, ein alter Jägersmann, Herab an unsrer Ströme Flut, Er hatte kurze Hosen an Und trug 'nen spitzen Jägerhut. Er ging so ernst, er sah so schlicht, Wie seiner Joppe graues Tuch, Aus seinem Mund ging das Gerücht Von manchem guten Weidmannsspruch. In seiner Tasche, dachten wir, Birgt er gewiß aus Alpenkraut Für altes Weh manch Elixir, In hoher Einsamkeit gebraut. Und wachsam, recht nach Jägerart, Späht rings sein scharfes Aug herum, Und seine sichre Kugel wahrt Vor Feinden unser Heiligtum! Wir holten ihn mit Kränzen ein Und führten ihn mit frohem Mut In unser neues Haus am Main, Und ernsthaft zog er seinen Hut. – Und heut noch sitzt er da und spricht Sein Sprüchlein von der bessern Zeit. Noch immer macht er sein Gesicht Voll Einfalt und voll Ehrlichkeit. Doch wenn die Nacht auf Erden graut, Dann schleicht aus Kluft und Spalt hervor Die schlimme Sippschaft, wohlvertraut; Er aber öffnet still das Tor. Wohl hält er stets den Hahn gespannt: Die Kugel ist für unser Herz; Und unsre Kinder schlägt die Hand, Die lindern sollte unsern Schmerz. Wir sind verstoßen, der Spaß ist aus! Verriegelt ist die neue Tür, Und aus dem totenstillen Haus Blinzt nur des Jägers Rohr herfür! Die Schifferin auf dem Neckar 1 1848 Wir standen an rauschender, schwellender Flut, Wir sieben Gesellen mit siedendem Blut, Vom Weine entzündet, voll Leben und Lust; »Hol über!« ertönt' es aus jauchzender Brust. Da kam eine Schifferin rüstig heran, Sie faßte das Ruder und wandte den Kahn; Wir sprangen mit Mutwill und Lachen hinein, Fast war der gebrechliche Nachen zu klein. So stieß sie vom Land in die Wogen hinaus, Die Mitte des Stromes war weißlich und kraus; Wir brachten mit Schaukeln das Schifflein in Not, Doch ruhig und aufrecht regiert' sie das Boot. Mit Schmeicheln und Scherzen belagerten wir Die wehrlose Maid, und es hingen an ihr Die glühenden Blicke, doch ihnen vorbei Schaut' sie auf die Wasser so kühl und so frei! Zuletzt in den Lüften entbrannte die Lust, Zu stehlen der Jungfrau das Tuch von der Brust, Und Worte und Augen und Wellen und Wind, Sie gaben zu schaffen dem kämpfenden Kind. Und siegreich erreicht' sie den anderen Strand Und setzt' uns mit klopfendem Herzen ans Land; Dann wandte sie leicht in den Strudel zurück Und sah auf die Wasser mit heiterem Blick. 2 1849 Es ringen die Ströme gewaltig zu Tal, Die Deutschen nach Einheit mit Feder und Stahl; Der Neckar erreichet den fliehenden Rhein, Doch ewig muß Deutschlands Zerrissenheit sein. Die feindlichen Stämme, sie kämpften im Tal; Die Preußen, die Hessen, die Bayern zumal Verfochten mit blutiger Mühe den Thron: Die Badischen sind gegen Süden geflohn. Am Strand blieb ein Häuflein Rebellen zurück, Die finden zum Fliehn weder Furten noch Brück'; Vom Rotweine trinken die Neige sie noch Und bringen voll Wut ihrem Hecker ein Hoch. Da kracht es vom Walde, da blinkt es vom Berg, Es flüchtet der Fischer, es birgt sich der Ferg; Ja blickt nur, ihr roten Gesellen, euch an! Wohl ist es um euere Köpfe getan! Schon blitzt durch die Gärten von Helmen ein Meer, Es fliegt der Husar auf der Straße daher; Die Schifferin sieht es vom anderen Bord, Sie springt in den Nachen – schon ist sie am Ort. Sie springen mit bleichen Gesichtern hinein, Fast ist der gebrechliche Nachen zu klein. Mit Männern und Waffen zum Sinken beschwert, Hat schon sie das Schiff in die Fluten gekehrt. Das ist eine düstre Gesellschaft im Boot, Wie Blut weht am Hute die Feder so rot, Zerrissen die Bluse, geschwärzt das Gesicht; In den Augen glimmet ein Totenlicht. Ein dürftiges Fähnlein im Winde sich rollt, Aus schlechtem Kattun, das ist schwarz, rot und gold; So tanzt auf den Wellen der schwankende Kahn, Die Schifferin sucht ihm die rettende Bahn. Und wie sie die Mitte des Neckars erreicht, Schon Kugel auf Kugel das Wasser bestreicht; Sie schlagen ins Ruder, sie schlagen ins Schiff, Es schweift um die Ohren der grauliche Pfiff. Da recken die Bursche sich fluchend empor, Und schnell fährt der schlummernde Blitz aus dem Rohr, Sie stemmen den Fuß auf den schwebenden Rand Und laden und senden die Kugeln ans Land. Es schwellt sich im Nachen die purpurne Flut, Die Schifferin steht in dem schaukelnden Blut. Scharf streicht ihr der Tod an den Brüsten vorbei, Sie schauet zum Ziele hin sicher und frei. Schon führt sie zerschossene Leichen an Bord, Und wutbleich kämpfen die anderen fort; Das Fähnlein verschwindet und steht wieder auf: Sie führet getreulich dem Schifflein den Lauf. Und endlich gewinnt sie die schützende Bucht, In Hohlwegen bergen die Kämpfer die Flucht; Wo nächtliche Diebe und Wilderer gehn, Verliert sich des Deutschpaniers klagendes Wehn. Die Maid aber leget das Ruder zur Ruh Und drückt ihren Toten die Augen zu. Sie ziehet den schwimmenden Sarg auf den Sand Und setzet sich stumm auf den blutigen Rand. Da hat doch ihr Herz ein Erbeben gefaßt, Da erst sind die rosigen Wangen erblaßt. Das ruhige, kühle, das klare Gemüt Hat einmal in zitternden Flammen geglüht! Aus der Brieftasche 1 Ich hab in kalten Wintertagen, In dunkler, hoffnungsarmer Zeit Ganz aus dem Sinne dich geschlagen, O Trugbild der Unsterblichkeit. Nun, da der Sommer glüht und glänzet, Nun seh ich, daß ich wohlgetan! Aufs neu hab ich das Haupt bekränzet, Im Grabe aber ruht der Wahn. Ich fahre auf dem klaren Strome, Er rinnt mir kühlend durch die Hand, Ich schau hinauf zum blauen Dome Und such – kein beßres Vaterland. Nun erst versteh ich, die da blühet, O Lilie, deinen stillen Gruß: Ich weiß, wie sehr das Herz auch glühet, Daß ich wie du vergehen muß! Seid mir gegrüßt, ihr holden Rosen, In eures Daseins flücht'gem Glück! Ich wende mich vom Schrankenlosen Zu eurer Anmut froh zurück! Zu glühn, zu blühn und ganz zu leben, Das lehret euer Duft und Schein, Und willig dann sich hinzugeben Dem ewigen Nimmerwiedersein! 2 Die Zeit geht nicht, sie stehet still, Wir ziehen durch sie hin; Sie ist ein Karawanserei, Wir sind die Pilger drin. Ein Etwas, form- und farbenlos, Das nur Gestalt gewinnt, Wo ihr drin auf und nieder taucht, Bis wieder ihr zerrinnt. Es blitzt ein Tropfen Morgentau Im Strahl des Sonnenlichts – Ein Tag kann eine Perle sein Und hundert Jahre – nichts! Es ist ein weißes Pergament Die Zeit, und jeder schreibt Mit seinem besten Blut darauf, Bis ihn der Strom vertreibt. An dich, du wunderbare Welt, Du Schönheit ohne End, Schreib ich 'nen kurzen Liebesbrief Auf dieses Pergament, Froh bin ich, daß ich aufgetaucht In deinem runden Kranz; Zum Dank trüb ich die Quelle nicht Und lobe deinen Glanz! 3 Daß ich nicht ein jedes Atom von Wein In einer Flut von Blödigkeiten büße, Schenke mir das perlende Gold vom Rhein Unvermischt in seiner starken Süße! Deine Augen laß frei von Tränen sein, Daß die lieblichen Strahlen nicht versiegen! Weich genug droht schon der bläuliche Schein Wie ein zartes Traumbild zu verfliegen. Frühlingstage, Stunden der Seligkeit, Wie sie linde in unsre Seelen rinnen! – Und wir sollten die köstliche Neige Zeit Mit dem Gedanken der Ewigkeit verdünnen? 4 Siehst du den Stern im fernsten Blau, Der zitternd fast erbleicht? Sein Licht braucht eine Ewigkeit, Bis es dein Aug erreicht! Vielleicht vor tausend Jahren schon Zu Asche stob der Stern, Und doch sehn seinen lieblichen Schein Wir dort noch still und fern. Dem Wesen solchen Scheines gleicht, Der ist und doch nicht ist, O Lieb, dein anmutvolles Sein, Wenn du gestorben bist! 5 Wochenpredigt In heißem Glanz liegt die Natur, Die Ernte wimmelt auf der Flur. In langen Reihn die Sichel blinkt, Mit leisem Geräusch die Ähre sinkt. Doch hinter jenen grünen Matten, In seines Kirchleins kühlem Schatten Geborgen vor dem Stich der Sonne, Da steht das Pfäfflein der Gemeine, Auf diesem, dann auf jenem Beine, In seiner alten Predigertonne, Hoch an dem Pfeiler, grau und fest, Gleich einem Storch in seinem Nest. Schwarz glänzt das kurzgeschorne Haar, Wie Röslein blüht das Wangenpaar; Nur etwas schläfrig blinzen nieder Die Äuglein durch die fetten Lider, Weil er sich seiner Wochenpredigt Mit ziemlich saurer Müh entledigt. So spricht er von dem ewigen Leben, Das es werd nach dem Tode geben: Wie man auch da noch müsse ringen Und immer weiter vorwärtsdringen, Und nie von Wandel und Handel frei, Bis man zuletzt vollkommen sei; Von einem Stern zum andern hupfen Und endlich in den Urquell schlupfen. Doch unten in des Kirchleins Tiefen Die Hörer auf den Bänken schliefen. Sie waren alle hoch an Jahren, Mit weißen oder gar keinen Haaren, Ganz klingeldürre Fraun und Greise, Gebeugt von ihrer langen Reise; So lehnten sie an ihren Krücken Mit lebensmüdem sanftem Nicken. Sie hatten gelebt und hatten gestritten, Erde gegraben und Garben geschnitten, Bürden getragen und Freuden gehabt Und, wenn sie gedürstet, sich gelabt. Sie hatten nicht ihr Leben verfehlt, Kein Genie und keine Tugend verhehlt, Auch keine Schwänke unterlassen; Wen s' konnten bei der Nase fassen, Den haben sie gar fest ergriffen Und ihn mit Freuden ausgepfiffen. Sie hatten geweint und öfter gelacht Und genugsam Kinder gemacht. Die Predigt schweigt, sie sind erwacht, Die Kirchentür wird aufgemacht, Und leuchtend bricht der grüne Schein Der Bäume in die Dämmrung ein. Die Alten stehen mühsam auf Und setzen langsam sich in Lauf Und schleichen seltsam kreuz und quer Über die grünen Gräber her. Sie setzen sich auf die Leichensteine Und reiben ihre kranken Beine, Sie hüsteln wunderlich und lachen Und sprechen bewußtlos kindische Sachen. Sie schauen in die goldnen Auen, Wo ihre Söhne und Sohnesfrauen Im fernen Sonnenglanze gehen, Die reifen Früchte rüstig mähen; Sie sehen in all den hellen Schein Mit blöden Augen stumm hinein. Schon ist verklungen, leis und weit, Das Lied von der Unsterblichkeit. Und wie vor langen achtzig Jahren Die Flämmlein im Entstehen waren Und mählich aus der tiefen Nacht Sich in ein helles Licht entfacht – Das freilich auch sich ewig schien –, So glimmen jetzt sie wieder hin Und denken Beßres nicht zu tun, Als ewig, ewig auszuruhn! Von Durst nach neuem Kommerzieren, Wenn recht ihr schaut, ist nichts zu spüren. Das Pfäfflein ist nach Haus gekommen, Hat einen Trunk zu sich genommen Und wandelt jetzt im schönen Garten, Den kühlen Abend zu erwarten, Wo er sich freut auf ein Gelage, Zu dem er freundlich ist gebeten; Doch steht die Sonn noch hoch am Tage. Des ist er nun in großen Nöten: Er weiß, die besten Bachforellen Werden auf blumiger Schüssel schwellen; Ausländische Wurst und köstlicher Schinken Reizen ihn zu frohem Trinken. Er kennet die staubigen Flaschen zu gut In des Kollegen frommer Hut, Die schön geschliffenen Gläser dringen Schon in sein Ohr mit feinem Klingen; Er kennt das Tischlein hinter der Türen, Von wo die Flaschen hermarschieren, Bis er eine mit silbernem Hals entdeckt, Die vor dem Abschied doppelt schmeckt. Und noch drei lange, lange Stunden! – Hier hat er Ranken angebunden, Ein nagendes Räupchen abgelesen, Dort aufgehoben einen Besen Und an das Gartenhaus gelehnt; Dann einen Augenblick gewähnt, Er wolle auf den Sonntagmorgen Noch schnell für eine Predigt sorgen. Dann ist er davon abgegangen, Hat einen Schmetterling gefangen, Warf einen Socken über den Hag, Der mitten in einem Beete lag. Die Sonne steht noch hoch am Tag. Er wird der langen Weil zum Raube Und sinkt in eine kühle Laube, Macht dort ein Ende seiner Pein, Schläft zwischen Rosen und Nelken ein. O Pfäfflein, liebes Pfäfflein, sag, Ist dir zu lang der eine Tag: Was willst du aus all den Siebensachen, Den Millionen Sternen und Jahren machen? 6 Ich sah zwei Gräber auf der Heide, Von Immortellen ganz bedeckt; Ein schönes Weib mit schwerem Leide Lag auf dem einen hingestreckt. Das andre hielt in heißen Tränen Ein gramerfüllter Mann bewacht, Und beide sahn voll Liebessehnen Auf in die klare Sternennacht. »In jenen selig heitren Fernen Harrt nun die liebste Seele mein, Bald werd ich unter goldnen Sternen Auf ewig, ewig bei ihm sein! Als einen Hauch und Seufzer zähle Ich noch die Spanne schnöder Zeit; Dann aber sind so Lieb wie Seele Ganz der Unsterblichkeit geweiht!« – »O kreiset rascher, träge Sonnen, Und löset dieses Leibes Bann, Daß ich auf euch in neuen Wonnen Mein selig Liebchen finden kann! Heil mir! ich will sie wiedersehen! Und wenn auch Stern um Stern zerbricht: In Ewigkeit wird nie vergehen Zwei treuer Seelen Bund und Licht!« So riefen Weib und Mann, so beide, Ganz in den eignen Gram gebannt; Sie sahn sich nicht auf dunkler Heide, Die Blicke sternenwärts gewandt. Sie trauerten, bis daß der Morgen Erbleichen ließ der Sterne Schar, Der Höhe Blau das Gold verborgen Und es auf Erden heiter war. Da rafften sie sich auf und gingen Entlang das schimmernde Gefild, Bis plötzlich ihre Augen hingen Eins an des andern schönem Bild. Und eh der junge Tag, der warme, Die letzten Tränen weggeküßt, Schon fielen lächelnd in die Arme Sich beide, Lust in Lust gebüßt. Der Enkel Trupp mit festen Händen, Auf selber Heid im Sonnenschein, Sah pflügen ich und singend wenden Ein längst verschollenes Gebein. Sie deckten rasch, was sie gefunden, Mit jungen Saaten, im Gemüt Leis ahnend, daß die eignen Stunden Aus diesem Tode nur erblüht. 7 Weise nicht von dir mein schlichtes Herz, Weil es schon so viel geliebet! Einer Geige gleicht es, die geübet Lang ein Meister unter Lust und Schmerz! Und je länger er darauf gespielt, Stieg ihr Wert zum höchsten Preise; Denn sie gibt mit sichrer Kraft die Weise, Die ein Kund'ger ihren Saiten stiehlt. Also spielte manche Meisterin In mein Herz die rechte Seele! Nun ist's wert, daß man es dir empfehle, Lasse nicht den köstlichen Gewinn! 8 Wir wähnten lange recht zu leben; Doch fingen wir es töricht an! Die Tage ließen wir entschweben Und dachten nicht ans End der Bahn! Nun haben wir das Blatt gewendet Und frisch dem Tod ins Aug geschaut; Kein ungewisses Ziel mehr blendet, Doch grüner scheint uns Busch und Kraut! Und grüner ward's in unsern Herzen, Es zeugt's der froh gewordne Mund; Doch unsern Liedern, unsern Scherzen Liegt fest ein edler Ernst zugrund. 9 Fliehe nicht, du heitre Maid, Wenn wir deine Straße ziehen, Bursche, denen Lust und Leid Hoch in bewegter Brust erglühen! Sind gebräunt in Wetter und Wind Und gereift an heißen Sonnen, Über unsre Wangen sind Helle Tränen schon geronnen. Treten jetzo fest einher, Fühlen unter uns die Erde! Nicht von eitlem Hoffen schwer Noch verzagend vor Gefährde. Trinken froh das Morgenwehn, Wenn wir durch die Lande schweifen; Glauben nichts, als was wir sehn Und mit unsern Sinnen greifen! Halten nichts auf hohlen Dunst, Mögen nichts auf Worte geben; Doch verstehen wir die Kunst, Frei und rasch und stark zu leben! Scheiden leicht von jedem Traum, Der sich nicht mit Wahrheit paarte; Doch hegt unser Busen Raum Für das Starke wie das Zarte! Ruhen heut im sonnigen Tal, Lauschend, wie die Knospen springen, Stehen morgen im Wetterstrahl, Wo die Stürme die Flügel schwingen! Und es lobet unser Geist, Was da lebt in Licht und Grauen! Fürchte dich nicht! denn noch zumeist Ehren wir euch, holde Frauen. 10 »Solange eine Rose zu denken vermag, ist noch nie ein Gärtner gestorben.« Fontenelle Dich zieret dein Glauben, mein rosiges Kind, Und glänzt dir so schön im Gesichte! Es preiset dein Hoffen, so selig und lind, Den Schöpfer im ewigen Lichte! So loben die träumenden Blumen im Hag Die Wahrheit, die ernst sie erworben: Solange die Rose zu denken vermag, Ist nimmer ein Gärtner gestorben! Die Rose, die Rose, sie duftet so hold! Sie dünkt so unendlich der Morgen! Sie blüht dem ergrauenden Gärtner zum Sold, Der schaut sie mit ahnenden Sorgen. Der gestern des eigenen Lenzes noch pflag, Sieht heut schon die Blüte verdorben – Doch seit eine Rose zu denken vermag, Ist niemals ein Gärtner gestorben! Drum schimmert so stolz der vergängliche Tau Der Nacht auf den bebenden Blättern! Es zittert und lispelt die Lilienfrau, Die Vögelein jubeln und schmettern; Drum feiert der Garten den festlichen Tag Mit Flöten und feinen Theorben: Solange die Rose zu denken vermag, Ist niemals ein Gärtner gestorben! 11 Ich bete in der Frühe Und jeden Abend wieder, Damit ich fromm erglühe, Hafisens süße Lieder. Ich murmle sie beständig Im Pharisäermunde; Denn sie sind nicht lebendig Auf meiner Seelen Grunde. Wie einst ich meinem Gotte Tugend und Treu versprochen Und täglich ihm zum Spotte Dennoch mein Wort gebrochen, So brech ich jetzo wieder Mein Wort, das ich gegeben, Und halle heuchelnd wider Hafisens Jubelleben, Indes ich kalt und nüchtern Und gramvoll mich erbittre, Indes ich stumm und schüchtern In meinem Herzen zittre! Ich fühl's, nach allen Seiten Ist Heuchelei vom Bösen; Drum gilt's, das eigne Streiten Von Pfaffentum erlösen! Hast Freude du empfangen, So freu dich ohne Prahlen! Und will dich Nacht umfangen, Schäm nicht dich ihrer Qualen! 12 Den Wäldern ist zu Füßen tief Das dürre Laub geblieben; Am Himmel steht ein Scheidebrief Ins Abendrot geschrieben. Die Wasser glänzen still und kühl, Ein Herbst ist drin ertrunken; Mir ist ein schauernd Grabgefühl Ins warme Herz gesunken. Du schöne Welt! muß ich wohl bald In diese Blätter sinken, Daß andres Herz und andrer Wald Die Lebenslüfte trinken? Wenn du für dieses Herzens Raum Ein Beßres weißt zu finden, Laß mich aus deinem Lebenstraum Rasch und auf ewig schwinden! 13 Liebliches Jahr, wie Harfen und Flöten, Mit wehenden Lüften und Abendröten Endest du deine Bahn! Siehst mich am kühlen Waldsee stehen, Wo an herbstlichen Uferhöhen Zieht entlang ein stiller Schwan. Still und einsam schwingt er die Flügel, Taucht vergnügt in den feuchten Spiegel, Hebt den Hals empor und lauscht, Taucht zum andern Male nieder, Richtet sich auf und lauschet wieder, Wie's im klagenden Schilfe rauscht. Und in seinem Tun und Lassen Will's mich wie ein Traum erfassen, Als ob's meine Seele wär, Die verwundert über das Leben, Über das Hin- und Widerschweben, Lugt und lauschet hin und her. Trink, o Seele, nur in vollen Zügen Dieses heilig friedliche Genügen, Einsam, einsam auf der stillen Flur! Und hast du dich klar und tief empfunden, Mögen ewig enden deine Stunden: Ihr Mysterium feiert die Natur! 14 Und wieder grünt' der schöne Mai, O dreimal selige Zeit! Wie zog die Schwalbe froh herbei, Mir ward es im Gemüt so frei, Das Herz so leicht und weit! O fremde Luft, o schönes Land In Bergen und Gefild! Wie reizend fand ich diesen Strand, Allwo mein suchend Auge fand Ihr leicht hinwandelnd Bild! Ich sah des Sommers helle Glut Das deutsche Land durchziehn; Es tobte dunkler Wetter Wut, Aus freien Herzen sah das Blut Ich wild und heiß entfliehn. Doch ich sah in verliebter Ruh Die schwülen Wolken gehn; Ich wandte mich den Blumen zu Und sprach: »Vielleicht, mein Herz, wirst du Ein andres Herz erstehn!« Die Traube schwoll so frisch und blank, Und ich nahm froh und frei Aus ihrer Hand den jungen Trank – Und als die letzte Traube sank, Da war der Traum vorbei! Der Traum! – Jedoch die Wahrheit nicht, Die ich von hinnen trug, Die bis zum Tode in mir spricht: Sie ist und lebt im Sonnenlicht, Dies sei dir, Herz, genug! 15 Weil ich den schwarzen untreu ward Und mich zu blauen Augen wandte, Kamst du, zu rächen jene, her, Du dunkelglühende Nachtgesandte! Ich sollt auf deiner Augen Grund Die Strafe meines Leichtsinns lesen Und schamerrötend auch zugleich Der wahren Liebe Glut und Wesen! Der Liebe, die im heiligen Ernst Zu lieben denkt und dann zu sterben Und deren dunkle Rosen sich Nur mit dem besten Herzblut färben! Und als ich büßend dich geliebt, Bist du wie ein Phantom entschwunden; Da hab ich mich mit meiner Reu Verlassen und allein gefunden! 16 Ich fühlte wohl, warum ich dich, O teures Weib! so sehr geliebt, So stark, so wahr, so inniglich, So ohne Wahn geliebt! Ich fühlt es wohl und weiß es nun Und weiß, welch große Seligkeit Muß tief in deinem Herzen ruhn Für den, dem es geweiht! Ich sah nun in dein goldnes Herz Wie in den Hort im tiefsten Rhein; Ich sah mit wundersüßem Schmerz In einen Himmel tief hinein! Ich schaute, und mir ward so weh, So wohl und weh bei meinem Schaun, Als blickt ich durch die grüne See Hinab auf lenzbesonnte Aun! Ich ward so arm und doch so reich, Zum stolzen Wissen mein Verlust! Und in dem Elend lag zugleich Der Balsam für die wunde Brust. Und besser ging ich, als ich kam, Von reinem Feuer neu getauft, Und hätte meinen reichren Gram Nicht um ein reiches Glück verkauft! 17 Flackre, fernes Licht im Tal, Durch die Nacht mit leisem Blinken: Noch vor Morgen wird dein Strahl Endlich in sich selbst versinken! Rausche, singe, schöner Fluß! Dein Gesang wird fortbestehen; Aber jede Welle muß Endlich doch im Meer vergehen. Nachtviolen, süß und stark Duftet ihr durch diese Lauben; Oh, wie wißt das feinste Mark Ihr der Erde schnell zu rauben! Von der warmen Nacht geküßt, Wißt ihr schnell es auszuhauchen, Eh ihr selber wieder müßt Eure Köpflein untertauchen! Aus dem tiefen blauen Raum Perlt ihr leuchtend, goldne Sonnen, Kommt und schwindet, wie ein Traum; Doch gefüllt bleibt stets der Bronnen. Und nur du, mein armes Herz, Du allein willst ewig schlagen, Deine Lust und deinen Schmerz Ewig durch die Himmel tragen? Andre Blumen, andre Wellen, Andre Sterne, andre Herzen, Andre Freuden, andre Schmerzen Werden unerschöpflich quellen Und, eh wir noch gar verglommen, Ganz uns auszulöschen kommen. Ewig ist, begreifst es du, Sehnend Herz? nur deine Ruh! Romanzen Verliebtes Rätsel Gefächelt von der Lüfte Schwingen, Zeigt's deiner Lippen hohe Rosenglut Und knistert leis, wie deine Lippen singen, Wenn ein geheimer Traum bewegt dein Blut. Nun schweigt das Knistern, stirbt die Röte, In tiefe Nacht versinkt der Fünklein Tanz; Nun ist es tot und schwarz; was überböte Die Schwärze als dein Haar im Morgenglanz? Noch warm, nehm ich die zarte Leiche Und schreib auf deines Flurs besonnten Stein Ihr art'ges Leben, dem das deine gleiche, So hoch erglühend und so schlicht und rein: »Ich war ein Bäumlein auf den Rainen, Mein Mark war weich und weiß, die Blättlein grün, Ich sah die Sonne feurig niederscheinen, Dann brannt ich selber, selig im Verglühn. Was von mir blieb, zeigt noch die Triebe Der Adern und der Jahresringe Lauf; Schreib froh mit mir, Poet! den Preis der Liebe Und brauch mich ganz zu deinem Liede auf!« Vergleich O ein Glöcklein klingelt mir früh und spät Silbernen Schalles in die Seele hinein, Zart wie ein Luftlied, welches von Osten weht, Unermüdlich plaudernd, melodisch rein! Aber wandl' ich es um zum Becherlein, Kehr ich es um und häng es an meinen Mund, Trinke daraus den allersüßesten Wein: Schweigt das Glockenbecherchen zur Stund, Hält sich stille, solang ich trinken mag, An meinen durstigen Lippen verhallt sein Rand, Tönet jedoch wieder mit hellem Schlag, Kaum ich es der innigen Haft entband. Glas und Glöcklein ist, mein Engelchen! Mir dein Mündchen ohne Rast und Ruh, Und das Zünglein drin das Schwengelchen, Das nie schweigt, als wenn ich dich küssen tu! Ehescheidung Zum Pfäffel kam ein Pärchen und schrie: »Geschwinde laßt uns frein! Wir können nicht eine einzige Stund Mehr ohne einander sein!« Und aber ein Jährlein kaum verstrich, Sie liefen herbei und schrien: »Herr Pfarrer, trennt und scheidet uns, Laßt keine Minute verziehn!« Das Pfäfflein runzelte sich und sprach: »Macht euch die Scham nicht rot? Wir haben es alle drei beschworn: Euch trenne nur der Tod!« – »Rot macht die Scham, doch Reue bleich! Herr Pfarrer, gebt uns frei!« Der Mann bot einen Beutel dar, Die Frau der Beutel zwei. Da tat das Pfäffel zwischen sie Ein Kätzelein, heil und ganz; Der Mann, der hielt es bei dem Kopf, Die Frau hielt es am Schwanz. Der Pfaff mit großem Messer hieb Das Kätzelein entzwei: »Es trennt, es trennt, es trennt der Tod!« Da waren sie wieder frei. Die Aufgeregten Welche tief bewegte Lebensläufchen, Welche Leidenschaft, welch wilder Schmerz! Eine Bachwelle und ein Sandhäufchen Brachen aneinander sich das Herz! Eine Biene summte hohl und stieß Ihren Stachel in ein Rosendüftchen, Und ein holder Schmetterling zerriß Den azurnen Frack im Sturm der Mailüftchen! In ein Tröpflein Tau am Butterblümchen Stürzt' sich eine zarte Käferfrau, Und die Blume schloß ihr Heiligtümchen Sterbend über dem verspritzten Tau! Aurelie Wenn so goldrötlich dunkel Mit schillerndem Gefunkel Dein Haar in Ruhe liegt, In Flechten reich gebunden, Von Purpurband umwunden Sich an die Wangen schmiegt: Dann ist es uns der Ordnung Bild Und streng gezogner Schranken, Und wir ergehn uns friedlich mild In zierlichen Gedanken. Doch, wenn in ungebundner Pracht es sich aufgetan, Dann haucht ein unumwundner Und wilder Geist uns an, Wie wenn von Bergeshöhen Die Feuerzeichen wehen Und glühn von Tal zu Tal! Die dunkle Flamme flüstert, Die rote Seide knistert, Nun ist dein Haar ein lohes Und leidenschaftlich frohes Hochwehendes Streitsignal! Seemärchen Und als die Nixe den Fischer gefaßt, Da machte sie sich abseiten; Sie schwamm hinaus mit lüsterner Hast, Hinaus in die nächtlichen Weiten. Sie schwamm in gewaltigen Kreisen herum, Bald oben, bald tief am Grunde, Sie wälzt' mit dem Armen sich um und um Und küßt' ihm das Rot vom Munde. Drei Tage hatte sie Zeitvertreib Mit ihm in den Meeresweiten, Am vierten ließ sie den toten Leib Aus ihren Armen gleiten. Da schoß sie empor an das sonnige Licht Und schaute hinüber zum Lande; Sie schminkte mit Purpur das weiße Gesicht Und nahte sich singend dem Strande. Rot »Blut ist ein ganz besondrer Saft!« »Ich bin rot und hab's erwogen Und verkünd es unverweilt! Und geköpft sei jeder, welcher Das Prinzip nicht mit mir teilt!« Also in des Baders Stube Hört ich einen, der dies sprach, Eben als 'nem feisten Bäcker Jener in die Ader stach. Und des Blutes muntrer Bogen Aus dem dicken drallen Arm Fiel dem Sprecher auf die Nase, Sie begrüßend freundlich warm! Bleich entsetzt fuhr er zusammen, Wusch darauf sich siebenmal; Doch noch lang rümpft' sich die Nase, Fühlt' noch lang den warmen Strahl. Eine Ros' im Wetterscheine Sah ich blühen brennend rot; Einen Becher sah ich glühen, Der noch tiefre Röte bot! Aber rief etwa die Knospe Vorher, daß sie rot wollt sein? Schrie der junge grüne Weinstock: Ich will geben roten Wein? Nein, der ewig goldengrüne Baum des Lebens tut das nie, Das tut nur die ewig graue, Graue Eselstheorie! Manches Brünnlein mag noch springen In das Gras mit rotem Schein; Doch der Freiheit echter, rechter Letzter Sieg wird trocken sein. Frühlingsbotschaft Zum Gerichte rief der Frühling. Und mit Strenge zu verfahren Gegen ketzerisch verstockte Übelsinnige Verzweiflung, Haben Seine Heiligkeit Bei der Sonne Glanz geschworen! Und in grünem Feuer flammen Alle Bäume nun auf Erden; Jeder Baum ist eine Flamme! Und geschürt sind alle Gluten, Angefacht glühn alle Rosen, Während die schismatisch grauen Aufgelösten Nebelflocken Klagend durch die Lüfte flattern, Gleich verbrannter Ketzer Asche! Doch der heilig ernste Himmel Läßt sie ohne Spur verschwinden, Und er schaut ins grüne Feuer Mit erbarmungsloser Bläue. Habt ihr jetzo unter euch Einen schlimmen und verschrobnen, Heuchlerischen und verstockten Und verbohrten Hypochonder, Der da zwischen Gut und Böse Eigensinnig schwankt und zweifelt, Weder warm noch kalt kann werden Oder zu gerechtem Argwohn Grund gibt, daß sein schwarzes Innres Wohl ein ungeheures hohles, Aufgeblasnes Schisma berge: Diesen legt nun auf die Folter, Diesen lasset nun bekennen! Bindet ihn mit jungem Efeu, Werft ihn nieder auf die Rosen! Gießt ihm Wein auf seine Zunge, Flüssig heißes Gold des Weines, Das den Mann zum Beichten zwingt, Glas auf Glas, bis er bekennt! Zeiget sich ein Hoffnungsfunken, Nur ein Funken heitren Glaubens, Nur ein Strahl des guten Geistes: O so stellt ihn auf zur Linken, Zur Belehrung und zur Beßrung, O so stellt ihn, wo das Herz schlägt, Auf der Menschheit frohe Linke, Auf des Frühlings große Seite! Sollt es sich jedoch ereignen, Daß das peinliche Verfahren Nichts enthüllte, nichts verriete, Was da nur der Rede wert – Das Delirium des Rausches Selbst nur eine dunkle Leere Vor den Richtern offenbarte: Schleunig laßt den Sünder laufen! Jagt ihn stracks zur schnöden Rechten, Wo Geheul und Zähneklappen, Dummheit und Verdammnis wohnen! Die falsche Scham Graulockig ein Mann und ein blöndlicher Fant, Die gehen spazieren am sonnigen Strand, Der Ältere spricht zu dem jüngeren Wicht: »Was schneidest du für ein betrübtes Gesicht?« Der klagt ihm, wie er ein Weib hielt wert, Dem neulich er fruchtlos die Liebe erklärt, Und wie nun verletzt seine stolze Brust, Daß er den Mund nicht zu halten gewußt! Und jener spricht: »Des Fährmanns Magd, Siehst du, die über dem Strome ragt, Gering und arm und der Zierde bar, Und siehst auch mein ergrauendes Haar? Glömm mir ein Fünklein Lieb zu ihr, Laut rief' ich es von der Stelle hier, Rief's laut in der Wellen tönenden Gang, Mich dünkt' es der allerschönste Gesang! Hoch schlug mir in meiner Jugend das Herz, Und feurig schweifte das Aug allwärts; Fromm hab ich so manches Geständnis gemacht, Die ein' hat geweint und die andre gelacht. Bei einer nur hab ich das Wörtchen verschluckt, Wie sehr es auch sterbend im Herzen gezuckt. Ich glaube, sie ahnt' es und lächelte fein; Doch weiß ich nicht, sang's in ihr ja oder nein. Und grämlich schwieg ich und ging in die Welt, Schlug auf, brach ab mein Wanderzelt; Auch oftmals kam ich wieder ins Land, Wo stets ich die lächelnde Dame fand. Der Sommer war warm und der Winter kalt, Die Zeit verging, und wir wurden alt; Als ich zum letzten Mal sie sah, Lag sie im Leichenhemde da. Die Augen starrten mich offen an, Weil niemand liebend sie zugetan, Doch auf den Lippen, bleich und tot, Lag lieblich lächelnd noch der Spott. Er schien zu sagen: 'O grober Mann, Der so mit Worten geizen kann!' Ich ärgerte und kränkte mich, Daß ich beschämt von dannen schlich!« Schlafwandel am Tage Im afrikanischen Felsental Marschiert ein Bataillon, Sich selber fremd, eine braune Schar Der Fremdenlegion; Lang ist ihr wildes Lied verhallt In Sprachen mancherlei, Stumm glüht der römische Schutt am Weg, Schlafend ziehn sie vorbei. Unter der Trommel vorgebeugt Der schlafende Tambour geht, Es nickt der Kommandant zu Roß, Von webender Glut umweht; Es schläft die Truppe, Haupt für Haupt Unter der Sonne gesenkt, Von der Gewohnheit Eisenfaust In Schritt und Tritt gelenkt. Und was sonst in der dunklen Nacht Das enge Zelt nur sieht, Wird unterm offnen Himmelblau Vom Wüstenlicht durchglüht. Es spielt das schmerzliche Mienenspiel Unglücklichen Manns, der träumt, Von Gram und Leid und Bitterkeit Ist jeglicher Mund umsäumt. Es zuckt die Lippe, es zuckt das Aug, Auf dürre Wangen quillt Die unbemeisterte Träne hin, Vom Sonnenbrand gestillt. Sie schaun ein reizend Spiegelbild Vom kühlen Heimatstrand, Das grüne Kleefeld, rot beblümt, Die Mutter, die einst den Sohn gerühmt, Verlornes Vaterland! Ein Schuß – da flattert's weiß heran, Und schon steht das Quarré Schlagfertig und munter, und keiner sah Des andern Reu und Weh; Nur zorniger ist jeder Mann Und ihm willkommen der Streit; Doch wie er kam, zerstiebt der Feind, Wie Traum und Reu so weit! Trochäen Wohl, ich saß im hohen Eschenbaume, In der grünen Krone still verborgen, Unterm Baume lag ein schönes Fräulein Auf dem sonnbeglänzten Sand im Bade. Auf dem Rücken lag sie unbeweglich, Mit dem Köpfchen auf dem warmen Ufer, Ihre Arme reglos drum geschlungen; Doch die zarten Füße, sie verschwanden In dem blauen Purpur des Gewässers. Aber sichtbar wurde schon das Leuchten Ihrer Kniee aus der klaren Feuchte, Und wie Glas auf ihrem weißen Schoße Unablässig floß die Welle weiter, Und die Silberfischchen schwammen ruhig Über ihre Hüften hin, erblinkend, Wenn sie lässig ihre Flossen regten. Auf des Stromes hellbeglänzte Breite Sah die Schöne mit halboffnen Augen. Kahl und einsam lag das andre Ufer, Nicht ein menschlich Wesen zu erspähen. Doch auf einmal kam ein Schiff gefahren Mitten auf des Stromes heitrem Glanze; Und ich sah das Schiff und sah die Schöne. Sachte, sachte schloß sie ihre Augen, Nicht sich regend, bis das Schiff vorüber. Und die Schiffer fuhren in die Ferne, Nur nach ihrem Ziel den Sinn gewendet. – Triumphierend lächelte die Holde; Denn das Äußerste zu wagen und ihm Zu entgehen lieben stets die Frauen. Doch sie ahnte nicht, daß ihr zu Häupten Sie belauscht' ein arger Müßiggänger, Den die Laune auf den Baum getrieben. Und ich mußte mich zusammenfassen, Nicht wie reife Frucht vom Baum zu fallen, Während ich in meinem Sinn erwägte, Was zum Heil der Schönen zu beginnen? Schweigen, dacht ich, ist das Heil für alle; Wenn ich schweig von dem, was ich gesehen, Ist mir wohl und ihr nicht weh geschehen! Jung gewohnt, alt getan Die Schenke dröhnt, und an dem langen Tisch Ragt Kopf an Kopf verkommener Gesellen; Man pfeift, man lacht; Geschrei, Fluch und Gezisch Ertönte an des Bieres trüben Wellen. In dieser Wüste glänzt' ein weißes Brot, Sah man es an, so ward dem Herzen besser; Sie drehten eifrig draus ein schwarzes Schrot Und wischten dran die blinden Schenkemesser. Doch einem, der da mit den andern schrie, Fiel untern Tisch des Brots ein kleiner Bissen; Schnell fuhr er nieder, wo sich Knie an Knie Gebogen drängte in den Finsternissen. Dort sucht' er selbstvergessen nach dem Brot; Doch da begann's rings um ihn zu rumoren, Sie brachten mit den Füßen ihn in Not Und schrien erbost: »Was, Kerl! hast du verloren?« Errötend taucht' er aus dem dunklen Graus Und barg das Brötchen in des Tischtuchs Falten. Er sann und sah sein ehrlich Vaterhaus Und einer edlen Mutter strenges Walten. Nach Jahren aber saß derselbe Mann Bei Herrn und Damen an der Tafelrunde, Wo Sonnenlicht das Silber überspann Und in gewählten Worten floh die Stunde. Auch hier lag Brot, weiß wie der Wirtin Hand, Wohlschmeckend in dem Dufte guter Sitten; Er selber hielt's nun fest und mit Verstand, Doch einem Fräulein war ein Stück entglitten. »O lassen Sie es liegen!« sagt sie schnell; Zu spät, schon ist er untern Tisch gefahren Und späht und sucht, der treffliche Gesell, Wo kleine seidne Füßchen stehn zu Paaren! Die Herren lächeln, und die Damen ziehn Die Sessel scheu zurück vor dem Beginnen; Er taucht empor und legt das Brötchen hin, Errötend hin auf das damastne Linnen. »Zu artig, Herr!« dankt' ihm das schöne Kind, Indem sie spöttisch lächelnd sich verneigte; Er aber sagte höflich und gelind, Indem er sich gar sittsamlich verbeugte: »Wohl einer Frau galt meine Artigkeit – Euch aber diesmal nicht, verehrte Dame! Sie galt der Mutter, die vor langer Zeit Entschlafen ist in Leid und bittrem Grame.« Die Winzerin Am sonnig edlen Gartenhaus, Da reifet Traub an Traube, Die sanfte Schöne tritt heraus, Prüft sinnend ihre Laube; Dem blauen Blick der Schönen gleicht Der Beeren dunkle Menge, Wohin ihr freundlich Auge reicht, Lacht freundliches Gedränge. Rings lockt der Trauben stille Glut Zu Häupten und zu Füßen, Und sie beginnt mit stillem Mut Zu schneiden all die süßen; Und wie sie mit der lieben Hand Die goldnen Blätter teilet, Im Fluge über See und Land Schweift hin der Blick und weilet. Wie eine reife Beere glänzt Ihr feuchtes Aug hinüber, Wo's blaut und leuchtet unbegrenzt So fern, so fern herüber; Sie lässet still und ahnungsvoll Die schweren Trauben sinken, Bis es in Körben reizend schwoll Mit tausendfachem Blinken. Sie wandelt hin und wandelt her Geschäftig durch den Garten, Bis all die Körbe, früchteschwer, Gereiht der Kelter warten. Die Kelter ist gar reich gebaut, Recht für der Schönen Hände; Von Silber man die Spindel schaut, Von Rosenholz die Wände. Sie steht auf einem Marmortisch. Die Winzerin beginnet, Daß aus der Kelter süß und frisch Das Blut der Traube rinnet; Wie reg der weißen Arme Zier Mit holder Kraft sich mühet! Sie keltert, bis die Wange ihr In dunklem Purpur glühet. Sie keltert, daß der Busen fliegt Und woget ungemessen, Umsonst – was ihr im Sinne liegt, Das kann sie nicht vergessen! Umsonst – und wie die Krüge sie Mit edlem Moste füllet: Sie selber hat den Durst noch nie, Das Sehnen nie gestillet. Sie läßt den süßen Feuersaft Verschlossen in sich gären, In kühler Nacht zu milder Kraft, Zum seltnen Wein verjähren; Den trägt sie zu den Hütten hin Wohl auf und ab im Tale, Sie reicht der armen Wöchnerin, Dem kranken Greis die Schale. So keltert sie den Edelwein Im Herbst seit manchen Jahren. Ein Segel kommt im goldnen Schein Des Abends fern gefahren, Ein Schifflein legt im Hafen an, Sie hört die Schiffer singen, Und einen hochgemuten Mann Sieht sie ans Ufer springen. Sie kennt ihn und sie kennt ihn nicht, Sie starrt hinaus ins Weite, Als es mit trauter Stimme spricht Und grüßt schon ihr zur Seite. Die holden Klänge mischen sich, Das Wort hier, dort die Lieder: »Ratlos verließ der Knabe dich, Ein Mann kehrt dir nun wieder! O schau, wie leuchtet's weit und breit, Wie klar der Tag, die Stunde! Und reif die schönste Weiblichkeit Küßt mich von deinem Munde!« Da ist in seine Arme hin Sie wonnevoll gesunken, Und weinend hat die Winzerin Zum ersten Mal getrunken. Von Kindern 1 Ich sah jüngst einen Schwarm von schönen Knaben, Gekoppelt und gespannt, wie ein Zug Pferde; Sie wieherten und scharrten an der Erde Und taten sonst, was Pferde an sich haben. Und mehr noch; was sonst diesen ist Beschwerde, Das schien die Buben köstlich zu erlaben; Denn lustig sah ich durch die Gasse traben Auf einen Peitschenknall die ganze Herde! Das Leitseil war in eines Knirpses Händen, Der, klein und schwach, nicht sparte seine Hiebe Und launenhaft den Zug ließ gehn und wenden. Mich kränkten minder diese Herrschertriebe Als solchen Knechtsinns zeitiges Vollenden; Es tat mir weh an meiner Kinderliebe. 2 Die Abendsonne lag am Bergeshang, Ich stieg hinan, und auf den goldnen Wegen Kam weinend mir ein zartes Kind entgegen, Das, mein nicht achtend, schreiend abwärts sprang. Ums Haupt war duftig ihm ein Schein gelegen Von Abendgold, das durch die Löcklein drang. Ich sah ihm nach, bis ich den Gramgesang Des Kleinen nur noch hörte aus den Hägen. Zuletzt verstummte er; denn freundlich Kosen Hört ich den Schreihals liebevoll empfangen; Dann tönt' empor der Jubelruf des Losen. Ich aber bin vollends hinaufgegangen, Wo oben bleichten just die letzten Rosen, Fern, wild und weh der Adler Rüfe klangen. 3 Man merkte, daß der Wein geraten war: Der alte Bettler wankte aus dem Tor, Die Wangen glühend wie ein Rosenflor, Mutwillig flatterte sein Silberhaar. Und vor und hinter ihm die Kinderschar Umdrängte ihn, ein lauter Jubelchor; Draus ragte schwank der Selige empor, Sich vielfach spiegelnd in den Äuglein klar. Am Morgen, als die Kinderlein noch schliefen, Von jungen Träumen drollig angelacht, Sah man den roten Wald von Silber triefen. Es war ein Reif gefallen über Nacht; Der Alte lag erfroren in dem tiefen Gebüsch, vom Rausch im Himmel aufgewacht. Sonette 1847 An Follen Mit einem Bändchen Gedichte 1847 Nimm diese Lieder, Lobgesang und Klagen, Wie sie die bunte Jahreszeit gebracht! Wie mir ihr Himmel wechselnd weint' und lacht', Hab ich die Lyra regellos geschlagen. Im Sande knarrt der Freiheit goldner Wagen, Es ist ein müßig Schreien Tag und Nacht; Betäubt, verworren von der Zungenschlacht, Zeigt sich der Beste schwach in diesen Tagen. Uns mangelt des Gefühles edle Feinheit, So Schwung und Schärfe gibt dem Schwert im Fechten, Das hohe Wollen und des Herzens Reinheit. Klar sind sich nur die Schlimmen und die Schlechten; Sie suchen sich und scharen sich in Einheit, Entsagend dumpf der Ehre und dem Rechten! Der Schein trügt Ich weiß ein Haus, das ragt mit stolzen Zinnen, Frei spielt das Licht in allen seinen Sälen, Sein Giebel schimmert frei von allen Fehlen, Kein Neider schilt's, nicht außen und nicht innen. Nur wer es weiß mit Klugheit zu beginnen, In seinen tiefsten Keller sich zu stehlen, Sieht üppig feuchtes Unkraut dort verhehlen Von dicken Schlangen wahre Königinnen. Doch würde der sich arg betrogen haben, Der rasch empor die Treppen wollte steigen, Die Neider mit der Kunde zu erlaben: Denn tiefer noch, im allertiefsten Schweigen, Da liegt ein ungemeßner Schatz begraben, Der niemals wird dem Lichte wohl sich zeigen! Das Leben ist doch schön! Wie schön, wie schön ist dieses kurze Leben, Wenn es eröffnet alle seine Quellen! Die Tage gleichen klaren Silberwellen, Die sich mit Macht zu überholen streben. Was gestern freudig mocht mein Herz erheben, Das muß ich lächelnd heute rückwärts stellen; Wenn die Erfahrungen, sich drängend, schwellen, Erlebnisse wie Blumen sie umgeben! So muß ich breiter stets den Strom erschauen, Auch tiefer mählich seh den Grund ich winken, Und täglich lern ich mehr der Flut vertrauen. Nun goldene Geschirre, sie zu trinken, Gebt, Götter! mir und Marmor, um zu bauen Den festen Damm zur Rechten wie zur Linken! Erkenntnis Willst du, o Herz! ein heitres Ziel erreichen, Mußt du in eigner Angel schwebend ruhn; Ein Tor versucht zu gehn in fremden Schuhn, Nur mit sich selbst kann sich der Mann vergleichen! Ein Tor, der aus des Nachbars Bubenstreichen Sich Trost nimmt für das eigne schwache Tun! Der immer um sich späht und lauscht und nun Sich seinen Wert bestimmt nach falschen Zeichen! Tu frei und offen, was du nicht kannst lassen, Doch wandle streng auf selbstbeschränkten Wegen Und lerne früh nur deine Fehler hassen! Dann gehe mild den anderen entgegen! Kannst du dich selbst nur fest zusammenfassen, So hängt an deine Schritte sich der Segen. Ein Wanderer 1 Am Morgen Geh auf, o Sonn! und öffne mir die weiten Kristallnen Tore dieser weiten Welt! Mein Sinn ist auf den goldnen Ruhm gestellt, Zu ihm sollst du mich unaufhaltsam leiten! Nicht kann uns Hebe edlern Trank bereiten, Der lieblicher uns in die Seele quellt Und froher als der Ruhm die Adern schwellt Und sichrer hilft den Abgrund überschreiten! Der Frauen Gunst vermag er zuzuwenden Und macht uns leicht dereinst das letzte Scheiden, Da wir zur Hälfte nur das Dasein enden. Er läutert reiner als die Glut der Leiden: Wer wird, bekränzt, mit ungewaschnen Händen, Mit Lorbeer und mit Staub zugleich sich kleiden? 2 Am Abend Seid mir gesegnet, meiner Heimat Gründe, Die in des Niederganges Röte strahlen! Glimmt mir die Liebe noch in diesen Talen, An der sich neu mein kaltes Herz entzünde? Nun schließ ich mit dir ewig feste Bünde! Kann ich mit einem größern Ruhme prahlen, Der Nachwelt schöner alle Schulden zahlen, Als wenn ich deine Treue laut verkünde? Du wandelst still auf sonnenhellen Wegen Mit eines Schirms nicht dürft'gem Schritt, du Reine! Nimm mit und führ mich Lässigen und Trägen! Und meinen Kranz sollst im geheimsten Schreine Zu abgelegtem Schmuck und Bändern legen, Daß nimmer er vor Augen mir erscheine! 3 Seht da den Vogel mit gerupften Schwingen, Halb flattert er, halb hüpft er hin zum Neste, Sich einzubaun in eine Liebesfeste, Wohin kein rauhes Lüftchen mehr soll dringen! Doch war er groß und mochte Ruhm erringen, Ihm grünt' und blüht' der Lorbeer auf das beste, In seinen Schatten lud er stolz die Gäste Und war so recht ein Thema zum Besingen. Nur als den Zweig dem freien Feld er raubte, Aus Luft und Sonne, drin er aufgeschossen, Und sachte sich mit zu salvieren glaubte: Da war der Traum bald wie ein Schaum zerflossen, Das Reis stand ab, das schon so grün belaubte – Da geht er heim nun schläfrig und verdrossen. Nach dem Sonderbundskriege Zu einem entworfenen, aber nicht ausgeführten Zyklus In tiefer Scham erglühen meine Wangen, Da ich mit dieser Reime leerem Beten Vor mein lebendig-kräft'ges Volk will treten, Das eben kommt von Tat und Sieg gegangen! Des Tambours Schlegel, die im Wirbel sprangen, Der rauhste Tagruf gellender Trompeten: Sie gelten jetzo mehr, o ihr Propheten! Als alles, was wir stolz und eitel sangen. Der letzte schlichte Wächter vor dem Heere, Der, Glut und Kraft im Herzen, hat getragen In kalter Sternennacht die blanke Wehre, Und jeder, der nur einen Streich geschlagen, Ist nun ein König von lebend'ger Ehre! – Was soll da unser Singen noch und Sagen? [Anhang] [Aus der ersten Auflage] [Aus dem Leben] [7] Ich habe so manchen Narren gekannt, Der wollte ewig leben; Es war ein gewaltig feuriges Und liederliches Bestreben. Ich selber verlor darüber den Kopf Und wäre bald verdorben Und so mit meiner Unsterblichkeit Recht als ein Lump gestorben!