Justinus Kerner Klecksographien Vorwort Es wird wohl manchem bei Lesung und Betrachtung dieser Blätter vielleicht zu Sinne kommen, wie er schon in frühester Jugend durch Zerdrückung von kleinen färbenden Beeren, ja gar Fliegenköpfen und so weiter auf zusammengelegtem Papier, ohne Kunst, ohne Hilfe von Bleistift und Pinsel, Zeichnungen hervorgehen sah. Dessen erinnere ich mich auch noch aus meiner Jugend. Die Zunahme meiner halben Erblindung war die Ursache, daß ich es in diesem jugendlichen Spiel weiterbrachte; denn dadurch fielen mir, wenn ich schrieb, sehr oft Tintentropfen aufs Papier. Manchmal bemerkte ich diese nicht und legte das Papier, ohne sie zu trocknen, zusammen. Zog ich es nun wieder voneinander, so sah ich, besonders wenn diese Tropfen nahe an einen Falz des Papiers gekommen waren, wie sich manchmal symmetrische Zeichnungen gebildet hatten, namentlich Arabesken, Tier- und Menschenbilder und so weiter. Dies brachte mich auf den Gedanken, diese Erscheinung durch Übung zu etwas größerer Ausbildung zu bringen. Das Verfahren und die dadurch entstandenen Bilder teilte ich schon vor sieben Jahren vielen meiner Freunde aus der Nähe und Ferne mit, auch wurden sie sehr oft in Albums von Freundinnen mit einer Erklärung durch einen von meiner Hand geschriebenen Vers begehrt, auch in Lotterien zu Stuttgart und Dresden, die wohltätige Frauen zum Besten der Armen veranstaltet hatten, für solche gewinntragend freudig aufgenommen. Dieses Spiel mit den dicken Klecksen verbreitete sich auch damals bald unter vielen und wurde eine Zeitlang in unserer Gegend und auch in der Ferne fast zu einem Modespiel von Alten und Jungen, selbst in Schulen oft zum großen Jammer der Lehrer. Ein Liebhaber dieser Kunst in Stuttgart hat sogar, wie ich höre, derlei Tintenbilder durch Lithographie vervielfältigen lassen. Schon vor sieben Jahren gab ein geistreicher Freund der Kunst und des Humors der Art, solche Bilder aus Tintenklecksen zu machen, den Namen der Klecksographie . Auch die in diesen Blättern gegebenen Bilder entstanden auf keine andere Weise. Ich will hier nur noch etwas ausführlicher wiederholen, wie solche Bilder entstehen und auch diese entstanden. Tintenkleckse (schwäbisch Tintensäue), die auf der Seite des Falzes (auf dessen rechter oder linker Seite, aber nie auf beiden) eines zusammengelegten Papiers gemacht werden, geben (nachdem man das Papier über dieselben legte und sie dann mit dem Ballen oder dem Finger der Hand bestreicht), kraft ihrer Doppelbildung, die sie durch ihr Zerfließen und Abdruck auf dem reinen Raume der anderen Seite der Linie erhalten, der Phantasie Spielraum lassende Gebilde der verschiedensten Art. Bemerkenswert ist, daß solche sehr oft den Typus längst vergangener Zeiten aus der Kindheit alter Völker tragen, wie zum Beispiel Götzenbilder, Urnen, Mumien und so weiter. Das Menschenbild wie das Tierbild tritt da in den verschiedensten Gestalten aus diesen Klecksen hervor, besonders sehr häufig das Gerippe des Menschen. Wo die Phantasie nicht ausreicht, kann manchmal mit ein paar Federzügen nachgeholfen werden, da der Haupttypus meistens gegeben ist. So kann zum Beispiel ein Menschenbild in seiner ganzen Gestalt und Bekleidung herauskommen, jedoch vielleicht ohne Kopf, Hand und so weiter, wo, was auch in nachstehendem geschehen, hie und da das Fehlende leicht zu ersetzen ist. Bemerkt muß werden, daß man nie das, was man gern möchte , hervorbringen kann und oft das Gegenteil von dem entsteht, was man erwartete. Es kamen also auch diese hier gegebenen sogenannten Hadesbilder nicht durch meinen Willen und durch meine Kraft hervor, ich bin der Zeichenkunst ganz unfähig, sondern sie kamen auf jene oben beschriebene Weise allein durch Tintenkleckse zutage und erforderten dann oft gar keine, oft nur unerhebliche Nachhilfe durch einige Federstriche oder durch künstliche Nachzeichnung von Gesichtern. Zu bemerken habe ich auch noch, daß diese Bilder natürlich nicht nach dem Texte, sondern daß der Text nach ihnen gemacht wurde, und so möge auch der Leser und Betrachter dieser Blätter sie und ihre Erklärung in Versen mit Nachsicht aufnehmen. Im Februar 57. Justinus Kerner. Memento mori! 1. Jedweder trägt in sich den Tod, Wenn's außen noch so gleißt und lacht, Heut wandelst du im Morgenrot Und morgen in der Schatten Nacht. Was klammerst du dich also fest, O Mensch! an diese Welt, den Traum? Laß ab! laß ab! eh' sie dich läßt, Oft fällt die Frucht unreif vom Baum. Ruf auf! ruf auf den Geist, der tief Als wie in eines Kerkers Nacht Schon längst in deinem Innern schlief, Auf daß er dir zum Heil erwacht. Aus hartem Kieselsteine ist Zu locken ird'schen Feuers Glut, O Mensch! wenn noch so hart du bist, In dir ein Funke Gottes ruht. Doch wie aus hartem Steine nur Durch harten Schlag der Funke bricht, Erfordert's Kampf mit der Natur, Bis aus ihr bricht das Gotteslicht. Drum ringe, schaffe, bis der Geist, Tut's auch dem Fleische weh, gesiegt, Sich aus der Nacht zum Lichte reißt Und unter ihm die Schlacke liegt. 2. Den Hadesbildern noch zuvor Erhoben aus der Tinte Nacht (Mein Herz hat nicht an sie gedacht) Die Todesboten sich empor. Todesboten 1. Die fliegende Todesbötin schau', Ein schlimmes Gespenst wie die weiße Frau; Wenn solche nachts flieget in ein Haus, An das Fensterglas legt wie Glühwurms Schein Den Kopf, daß er leuchtet ins Zimmer hinein, So trägt man da eines bald tot hinaus. 2. Der vor'ge Geist verkündet einz'lne Leichen, Der doch vorausgeht langen schwarzen Seuchen, Vor dieses Nachtgespensts Erscheinen Hört man oft fern ein Klagen, Weinen, Der Glaskopf spricht: »Das ist ein Heulen In der Waldeinsamkeit von Eulen.« Doch bald auch er sieht wie der Bauer, Daß hoch sitzt auf der Kirchhofsmauer Die Klagfrau, nun auch ihm ein Graus, Die strecket weitaus ihre Arme Und rufet in die Nacht hinaus: »Daß Gott sich eurer Seel' erbarme! Bestellt, bestellet euer Haus! Bald bricht der schwarze Tod hier aus!« Und drauf zerfließet sie in Luft. Doch bald erscheint dann jene Seuche, Zum Kirchhof trägt man Leich' an Leiche, Daß bald ihm mangeln Grab und Gruft. Oft einer geht ehrsam und fromm einher, Und jeder meint, daß er das wirklich wär', Doch ach und weh! ein Mantel das nur ist, Verbergend seines Innern tiefen Mist. Oft einer geht einher in dieser Welt, Daß jeder ihn für bös und sündhaft hält, Er ist es nicht, sein Äußres macht das nur, Gut ist und fromm die innere Natur. Du kannst nicht sagen: Der ist rein, ja rein! Den läßt einst Gott in seinen Himmel ein! Du kannst nicht sagen: Der ist schlimm, ja schlimm! Der wird einst fühlen seines Gottes Grimm! Nein! nein! Der Geist, der über der Natur, Gott, Gott durchschaut des Menschen Innres nur. Der schicket ganz nach ihrem innern Wert Die Seele nach dem Tod hinab, hinauf, Oft anders, als am Grab ihr Lebenslauf In wohlgesetzter Rede es begehrt. Sieh die Raup' in ihrer Puppe Stillem, dunklem Schattenreich, Nun getrennt von den Genossen, Einzig in sich selbst verschlossen, Tot nicht, ob begraben gleich, Schaut nicht mehr den Tau der Triften, Ist der Blüt' und Kräuter bar, Gänzlich nur sich selbst gegeben, Trägt sie das vergangne Leben In sich als ein Pünktchen klar. Und in solcher stillen Klause Streift sie ab ihr Erdgewand, Reifen ihr die bunten Schwingen, Die sie einst als Psyche bringen Himmelwärts aus düstrem Land. Sieh die Raup' in ihrer Puppe! Glaube: daß auch dich der Tod Einst nicht trägt mit Blitzesschnelle, Ist dein Innres noch so helle, In ein ew'ges Morgenrot. Hadesbilder 1. Diese Bilder aus dem Hades, Alle schwarz und schauerlich, (Geister sind's, sehr niedern Grades,) Haben selbst gebildet sich Ohn' mein Zutun, mir zum Schrecken, Einzig nur – aus Tintenflecken. 2. Habe stets dabei gedacht, Überall, wo's schwarz und Nacht, Spuket die gespenst'ge Rasse, Darum auch im Tintenfasse. Die ihr schreibt, nehmt euch in acht! Weil ich Klecksograph entdecket, Daß im Tintenfaß oft stecket Eines gift'gen Dämons Macht. 3. Hier das Tintenfaß mit stummer Feder, Wenn man's umdreht, sieht mit Staunen jeder: Wie in einen Dämon tierisch kraß Sich umwandelt oft das Tintenfaß. 4. Vom Hades ist dies schwarze Blatt ein Bild, Hier ist kein Sternenhimmel, kein Gefild, Kein Menschenlaut ist hier, kein Vogelsang, Hier rauscht kein Bach ein grünes Tal entlang, Hier schweigt des Marktes lärmender Verkehr, Hier, wo nur Schatten schweben stumm umher. Der eine weiß vom andern hier kein Wort, Er meint, er sei allein an diesem Ort, Am Orte, wo sie Schlimmes einst vollbracht, Hier schweben sie als Schatten durch die Nacht. Ihr Schatten hier in schwarzer Einsamkeit Macht euch zur Einkehr in euch selbst bereit! Hier streift die Erdenschwere von euch ab, Die euch das vor'ge irre Leben gab, Die also schwer die Seele euch umfing, Daß sie statt aufwärts – weh, nach unten ging! 5. Dies ist Frau von Schnepper, ha! Hocherstaunt nach ihrer Leiche, Als sie sich im Mittelreiche, Nicht im Himmelreiche sah. »Einen Schnepper an meinem Kleid!« Sprach sie sterbend noch zum Schneider; Einzig wegen schöner Kleider Hat der Sonntag sie erfreut. Jetzt doch rief sie: »Hu der Nacht! Als mein Leib mir wurde starrer, Sprach doch zu mir der Herr Pfarrer: ›Bald Sie schaun des Himmels Pracht, Schon ein Engel steht bereit, Sie zu führn in Gottes Arme,‹ Und nun, daß sich Gott erbarme! Und nun welche Einsamkeit! Wo ist nun des Himmels Pracht, Ist die Sonne, sind die Sterne? Nur mein Kleid (noch seh' ich's gerne) Blieb mir in des Hades Nacht – Da ruft's fernher: ›In dich geh! Nieder zog dich Erdenschwere, Deine trübe Seele kläre, Dann erst schwebet sie zur Höh'. Hier in Nacht dir Licht erring, Bis dir fällt vom Aug' die Schuppe, Wiss'! erst in der Nacht der Puppe Wird die Raup' zum Schmetterling.‹« 6. Als ich heut klecksographieret, Statt mit Tinte mit Kaffee, Da kam schnell heranspazieret Die Frau Rätin Salome. Täglich ging die zur Visite Einmal, wenn nicht zweimal gar, Setzte sich auf Sofas Mitte, Weil sie die Gelehrtste war. Angestaunt von den Frau Basen, War sie solchen allen gut, Jene nur das Kochbuch lasen, Sie doch die Frau Wildermuth. Sterbend sprach sie: »Zur Visite Muß ich, hebet mich zur Höh'!« Doch der Tod kam, sprach: »Ich bitte Sie zu mir heut zum Kaffee!« Weh! nun sitzt schon viele Wochen Sie in Hades' Einsamkeit, Doch als sie Kaffee gerochen, Hat sie herzlich das erfreut; Sie ist gut, will oft zitieren Sie, weil es ihr Freude schafft, Gerne sie klecksographieren Mit des Kaffees duft'gem Saft. Aber als ich's wollt' probieren Sogar mit Mokkakaffee, Ließ sie nimmer sich verführen; Deutlich ich daraus erseh', Daß sie von der Erde Tand Reuig sich zu Gott gewandt. 7. Wer kommt so bleich herausgekrochen? Ob der auch wohl den Kaffee roch? Die Tinte, ha! hat er gerochen, Die zieht ihn an im Hades noch. Nur Akten waren seine Freude, Sein einz'ger Freund der Schreibebock, Die Geldkass' seine Augenweide, Der Schreibfilz seiner Seele Rock. »Ich sitze,« spricht er, »weh! ohn' Feder In einem leeren Tintenfaß, Weil einst ich einem Hochverräter Ums Geld schrieb einen falschen Paß. O wollet an den Finger streichen Nur einen Tropfen Tinte mir! Und sollt' der Tropfen mir nicht reichen, Doch zwei, auch Federn und Papier. Beweisen will ich Gott ganz gründlich In schlagender Beschwerdeschrift, Daß nach dem Strafgesetzbuch sündlich Es ist, daß mich der Hades trifft.« – »Zurück!« rief ich, »du, dessen Seele Nichts als ein sand'ger Schreibfilz ist, Ein wüster Filz, Nest all der Fehle, Ob deren du im Hades bist!« Da zog den Kopf zurück er schnelle, Fuhr in sein leeres Tintenfaß, Doch schien er mir dabei mehr helle, Der Reue Zeichen ist mir das. 8. Eine Geistin ist dieses, die im Leben einst ganz Einzig gelebt hat für Spiel und für Tanz; Sie hatte kein Herz, hat auch keins gekannt Als das Herz auf der Karte, Coeur Aß benannt. In den Spiel- – in den Tanzsaal, in den Betsaal doch nie Trugen die luftigen Füße sie, Nach dem Tode ein Luftgeist, in Lüften stumm, Wirbelt sie ohne Tänzer herum, Sie wirbelt im Regen, sie wirbelt im Schnee, Oft hört man im Sturmwind sie rufen: »Weh! weh!« 9. Dies Gespenst ist fürchterlich! Mitternachts erhebt es sich Aus des Herrn Baronen Gruft. Dann, wenn's einen Bauern sieht, Stürzt es auf ihn aus der Luft, Hängt sich an sein Herz und zieht Alles Blut aus solchem schier. Dies Gespenst heißt man »Vampir« . Ob das der Baron einst war, Will und kann ich glauben nicht, Das wär' gar zu arg fürwahr! Fragt man, leis der Bauer spricht: »'s war des Herrn Baron sein alter Gülteintreiber und Verwalter.« 10. Ha! schaut den bleifarb'gen Mann, Der hat auf seiner Lebensbahn Einst nichts gefühlt und nichts gedacht, Als wie man falsche Münze macht. In dem Gewölbe, wo er sann, Kommt er als Nachtgespenst oft an, Dann mischt sich des Gewölbes Luft Mit Bleidampf und mit Leichenduft. Stumm einen Mörser trägt er her Und stoßt, als wenn was in ihm wär'; Der Mörser aber, der ist leer, Denn jeder Stoß gibt einen Schall, Hell wie die Sünderglöcklein all: Bei jedem Stoße blickt er stumm Und scheu in dem Gewölb' herum, Dann schleppt er einen Sack herbei Und zählt, dumpf tönt's wie Zinn und Blei. So tönt es bis zum Hahnenschrei, Und plötzlich dann in Schwefelluft Zerfließet der bleifarbne Schuft, Und bis zu seiner Wiederkehr Ist's im Gewölbe stumm und leer. 11. Diese Feuerruferin, Ries'ger Schmetterling der Nacht, Flieget, wenn kein Mensch mehr wacht, Manchmal über die Dächer hin. Dann sich rötet rings die Luft, Als ob's brenne ungeheuer, Und wie voll Verzweiflung ruft Aus der Luft es: »Feuer! Feuer!« Wer es hört, ruft's nach und rennt Fort und ruft: »Wo brennt ein Haus?« Doch die Röte losch schon aus, Und ringsum es nirgends brennt. Dann nach sieben Tagen sieht Klar der Wächter auf dem Turm Ein furchtbares Feuer, zieht Alle Glocken an zum Sturm. Glocken tönen auch vom Land, Feuerspritzen rasseln her, Doch der Wind weht allzusehr, Und zehn Häuser frißt der Brand. Wer die Feuerruferin Einst im Erdenleben war, Das ist jedem Landmann klar, Und kein Glaskopf irre ihn! Ha! sie war ein böses Weib, Das erdrosselt ihren Mann, Zu verbergen seinen Leib, Zündete das Haus sie an. Zornig wehte dann der Wind, Immer mehrte sich die Glut, Zehen Häuser fraß geschwind Und sie mit des Feuers Wut. Sieben Tag' doch, eh' ein Brand Ruft zu Hilfe Stadt und Land, Packt zu ihrer Buße dann Plötzlich sie ein mächt'ger Wind, Wirbelt mit ihr auf geschwind, Daß den Brand sie sage an. » Feuer !« sie gezwungen ruft Und zerfließt in rauch'ge Luft. 12. Aus des Burgverlieses Trümmer Steiget in des Mondes Schimmer Oft der Alte bleich herauf. Schlimm war seines Lebens Lauf, Wein trank er in vollen Zügen, Weniger würde daran liegen, Schlimmeres doch hat er gestiftet: Denn in einem Kelch voll Punsch Hat er seine Frau vergiftet, Die nicht war nach seinem Wunsch. Talwärts zieht es ihn nun immer, Suchen will er jenes Haus, Wo er einst bei einem Schmaus Jene Greueltat vollbracht. Sucht und sucht, doch findet's nimmer; Denn bei Kaiser Konrads Schlacht Fiel es schon in Asch' und Trümmer; Doch er schwebt noch immerdar, Schwebet schon viel hundert Jahr. Oft durch meinen Garten schwebt er, Dann den Kelch, den schwarzen, hebt er Vor dem Kreuz am Schweizerhaus Stöhnend in die Nacht hinaus. Drauf vom Kreuzesbilde immer Sinkt auf ihn ein heller Schimmer, Und ich glaub', daß jetzt dem Armen Reue kommt und bald Erbarmen. 13. Gar eine Puppe, jenes Zwitterding Zwischen der Raupe und dem Schmetterling, Stieg aus dem Hades auf ganz flügellos. »Zurück mit dir in Schattenreiches Schoß, Bis Flügel dir gewachsen licht und groß!« – »Die kommen nicht, ich ließ schon lang mich narren, Nicht länger will ich in der Nacht mehr harren, Ein Dummkopf ist, der spricht: ›Durch Nacht zum Licht!‹ Durch den Verstand zum Licht, nicht durch die Nacht! So hat's mein lichter Kopf sich stets gedacht.« Also die irre Seele zu mir spricht. Ich aber sprach zu ihr: »Dein trotziges Gesicht Schaut aus der Puppe noch, wie's ehmals war, Und jene schwere Mütze, die sogar Du noch im Hades nicht hast abgestreift, Beweisen, daß zum Flug du nicht gereift, Dein Kopf es ist, dein Stolz, dein Selbstbetrug, Was dir noch lange hemmt den leichten Flug.« So sprach zur Puppe ich, die eine Hand, Unsichtbar mir, zurück zum Hades trug, Daß sie abstreife dort ihr Erdgewand, Den Kopf voll eigensinnigem Verstand, Voll Eigenliebe und voll Selbstbetrug, Dann erst die Seele fliegt im leichten Flug Aus Nacht empor zum lichten Heimatland. 14. Oft sieht die Geistin man im Mondenschein Um Mitternacht an dem Waldbrunnen stehn, Dort lehnt sie sich ans moos'ge Kreuz von Stein, Als fühlt' sie unterm Herzen tiefe Wehn. Bleich, blaß und stumm, wie nur der Mond kann sein, Blickt erst sie in den Brunnen still hinein, Dann wirft sie zitternd was in seinen Schacht Und stürzt sich jählings nach in seine Nacht. Dumpf aus der Tiefe dröhnt der schwere Fall, Die Wasser rauschen auf am Brunnenstein, Doch Todesstille wird es bald darauf, In schwarze Wolken hüllt das Kreuz sich ein, Und die Waldblume hört zu duften auf. 15. Dies Bild von einem Hunnenkönig Kam aus der Tinte heut heraus, Gebetet hat der Alte wenig, Jedoch verübt manch argen Graus; Wer ihm nicht ganz war untertänig, Dem stach er selbst die Augen aus. Nun sitzt er in des Hades Schauer, Bis seine Herrscherwut gestillt, Aus seinen Augen ihm, o Schauer! Ein ganzer Bach von Tränen quillt. Im Mondenlicht, wann gehn Gespenster, Sich malet oft von selbst ans Fenster Der Schloßkapell' sein büßend Bild. 16. Die Geistin hier in schwarzer Tracht Schwebt aus der Burg jedwede Nacht, Sobald tönt zwölf des Turmes Glocke; Auf ihrem langen schwarzen Rocke Sich bildet ein Gerippe dann, Das Totengeripp' von ihrem Mann; Wie Phosphor leuchtet's durch die Nacht, Sie hat durch Gift ihn umgebracht. Schwebt sie durch meines Gartens Hecke, Ich morgens stets mit Schau'r entdecke, Daß rings von meinen Blumen allen Die Blätter liegen abgefallen. 17. Auf einer Kanzel läßt sich nieder Jedwede Nacht der schwarze Geist, Leis betet er, dann lauter wieder, Auch weint dabei er allermeist. Wer der wohl ist, wer der wohl war? Der Küster sagt zwar: ein Vikar. Man nannte ihn: Hegelsmagister , Doch schon vor zehen Jahren ist er, Man sagt, nach Indien gereist, Dort hab' ein Haifisch ihn gespeist. Warum er nun als Geist hier laufet, Das wird ein jeder glauben gern, Er glaubte nicht an unsern Herrn Und hat die Kinder doch getaufet, Die Tauf' verlacht beim Wirt zum Stern. Im Hades nun kam ihm die Reue, Daß er will pred'gen nun aufs neue, Will pred'gen, daß sein Glaub' nun sei Von seinem vor'gen Glauben frei; Schwarz kam er aus dem Tintenfaß, Schwarz, schwarz er wohl im Hades saß, Doch weil er in der Kirch' erscheint, Dort pred'gen will und stille weint, So hoff' und glaub' ich für ihn fest, Daß Gottes Gnad' ihn nicht verläßt. 18. Als ich klecksographiert im Mondenschein, Kam dies Gespenst herauf als wie von Stein, Doch hat's geöffnet seinen Mund. Mit Klagen Hat's reuig seine Schuld mir vorgetragen. Gottes Erbarmen ende seine Pein! Doch zu entschlagen mich weitläuf'gen Fragen, Hab' seine Pein , nicht seine Schuld allein, In Wahrheit ich in Verse hier gebracht, Die lest euch vor in stiller Mondennacht. Sooft der Mond im vollen Licht Um Mitternacht durch Wolken bricht, So ruft ein Greis im Irrenhaus Durchs Fenstergitter hohl heraus: »Im Rhein, im Rhein, im tiefen Rhein, Da lag ein schwarzer, blut'ger Stein. O wenn im Rhein der Stein noch wär', Oder im tiefen schwarzen Meer! Er drücket Kopf und Herz mir ein, O Stein! Stein! wandle mich zu Stein!« Fragt man: »Was ist's mit diesem Stein?« Heißt er den Frager stille sein. So rief er jahrelang, nie müd; Doch als er einst blieb unbewacht, Er sich den bleichen Hals durchschnitt In einer hellen Mondennacht. Bei Bingen in dem tiefen Rhein Hört man seitdem im Mondenschein Dieselbe Stimme in der Luft. In Tönen der Verzweiflung ruft Die Stimme: »Stein! o wärst du noch Tief, tief im schwarzen Binger Loch! Verruchter Stein! Mit dir, mit dir Schlug ich einst tot den Kaufherrn hier! Dich drauf an seinen Hals ich hing Und warf ihn in des Strudels Ring, Daß er im blut'gen Gischt verschwand. Drauf wollt' ich rennen ins fernste Land, Da stob aus dem Strudel ein Wirbelwind, Der hob mich über den Strudel geschwind, Drehend mich ob ihm in Wirbeln, ach! Schrecklicher noch! Aus der nassen Gruft Wirbelt des Toten Gespenst mir nach, Hielt in der blut'gen Hand den Stein, Drückt, mit mir wirbelnd in der Luft, Ihn mir ins zitternde Herz hinein. Wie war mir der Stein im Leben so schwer, Wie ist er's mir im Tode noch mehr, Ihr alle, die ihr noch wachet am Rhein, Bittet zu Gott um die Seele mein!« Und wenn es so bei Bingen ruft, Sieht man vom Rufer keine Spur, Schifft nur der Mond still durch die Luft Und kreist ein schwarzer Vogel nur Um des Erschlagnen nasse Gruft. Nutzanwendung Dies war aus alter Zeit ein Weib, Doch jetzt noch gibt es Frauen, Frauen, die emsig ihren Leib, Doch faul den Geist bebauen. Wie werdet, Eitle, ihr einmal Nach dem Tod aus Spiegeln blicken! In des aufgeblasenen Rocks Skandal, Den Putzhut in dem Rücken. Um euren Arm den Firlefanz Von Spitzen, – Gott, welch Schauer! Beginnet ihr den Totentanz So um die Kirchhofmauer. Die Männer, die in gleichem Wahn Mit euch, ihr Eitlen, stecken, Mittanzen als Gerippe dann In ihren läpp'schen Fräcken, Angströhren, daß sich Gott erbarm'! Auf ihren Köpfen tragend, Oder Klapphüte unterm Arm, Komplimentenräder schlagend. Stellt euch einmal die Engel vor In Hüten lächerlich putzig, Wie jetzt sie sind bei euch im Flor, Im Nacken sitzend stutzig. Seht sie in des Ballonrocks Schmach, Wie euch, o Schauer! wallen, Gewiß, ihr würdet sagen: ach! Wie tief sind die gefallen! Ihr Fraun, die ihr die Eitelkeit Durch Demut überwunden, Euer Kopfputz sei ein Tüchlein breit, Um die blanke Stirn gebunden. Umhüllen möge euren Leib Ein weißes Kleid von Linnen, Das könnt ihr selbst zum Zeitvertreib Euch mit den Töchtern spinnen. Die Seele bleibt, auf diese baut, Ihr Fraun, der Leib ist flüchtig; Doch mancher, ach! ist ihre Haut Mehr als die Seele wichtig. Die Seele, noch so schön umhüllt, Ist's eine wüste Seele, Die blicket einst als Schreckensbild Aus dem Spiegel ohne Fehle. Ihr aber, deren Seele licht, Demüt'ge, fromme Frauen! Ihr werdet nach dem Tode nicht Aus ird'schen Spiegeln schauen. Ihr schwebet aus der Erde Nacht Empor zur Himmelsklarheit, Schaut, was ihr hier geglaubt, gedacht, Im Spiegel ew'ger Wahrheit. 20. Einst waren zwei Kameraden, Die schwuren einen Eid, Daß jeder auf sich wollt' laden Des andern Freud' und Leid. Es war ein Krieg in Sachsen, Hin zogen sie voll Mut, Sangen. »Juheh! verwachsen Sind wir mit Leib und Blut!« Raketen und Bomben fliegen, Zerreißen des einen Bein, Der andre ließ ihn liegen, Floh über Stock und Stein. Doch war's ihm immer bänger, »Eid!« rief er, »böser Traum!« Er konnt' nicht leben länger, Hing sich an einen Baum. Das war, als an der Wunde, Der starb im Lazarett, Und seit derselben Stunde Der andre doppelt geht. Er geht als wie verwachsen Mit des Kameraden Leib, Auf dem Schlachtfeld nachts in Sachsen Er so umher sich treibt! Er stieg heut aus dem Fasse Der Tinte reuig auf, Ich hoff', daß Gott erlasse Ihm bald den bangen Lauf. 21. Seht ihr dort den alten Bau von Stein, Totenstille ist's in ihm und leer, Die Gemächer sind gerissen ein, Und die Eulen flattern drin umher. Einer einst bewohnte dieses Haus, Um ihn lebend schon des Hades Nacht, Hier kein Freund ging freudig ein und aus, Hier ward nie geweint und nie gelacht. Hier schloß Liebe niemals einen Bund, Hier war keine Mutter, war kein Kind, Nur ein mürr'scher Diener und ein Hund Waren hier des Herren Hausgesind'. Wer der war, will ich sagen euch: Ha! ein Wuchrer, sein sich Gott erbarm'! In der Eisentruh' an Golde reich, In dem Herzen doch an Liebe arm. Kam ein Bettler, klopfend an das Haus, Goß sich oft auf ihn ein Tintenfaß, Oder stürzte wild der Hund heraus, Daß der Arme fortfloh leichenblaß. Mancher trug noch seine letzte Kraft, Hoffend Zinse, in dies finstre Haus, Doch was froh nach oben ward gebracht, Kam nach unten nimmerfroh heraus. Fest im Lehnstuhl saß er wie im Bann, Bleich, einäugig, zählend, wägend Gold, Horchte man, selbst in der Nacht hat's dann Oft getönt, wie wenn man Taler rollt. Als er so einst oben saß allein, Rechnend noch in mitternächt'ger Stund', Trat zur Türe ein Gerippe ein, Legt die Hand ihm kalt auf Herz und Mund. Schreien wollt' er, konnt' es nimmermehr, 's war der Tod – doch schreiben noch mit Not: »Hab' versteckt was in« – schrieb zitternd er Und sank drauf in seinen Lehnstuhl tot. Offen blickt sein Auge, hat geblickt, Als wenn's hier noch wollte suchen was, Niemand hat es liebend zugedrückt, Und so morgens noch im Stuhl er saß. Niemand gab zum Grab ihm das Geleit, Nur der mürr'sche Diener und der Hund; Wer es sah, dem kam kein Herzeleid, Kalt sie senkten ihn in Grabesgrund. All sein Gut nahm das Gericht zur Hand, Ließ auch suchen, ob was sei versteckt, Denn von einem großen Diamant Sprach man laut, doch wurde nichts entdeckt. Niemand wollt' bewohnen dieses Haus, Drum zu einer Scheuer ward's gemacht, Und der Lehnstuhl wurde als ein Graus, Wo er noch steht, unters Dach gebracht. Oft bei Tag ein Kater auf ihm sitzt, Schwarz, einäugig und unheimlich ganz, Hell aus seinem einzlen Aug' es blitzt, Als wär's aus dem Stuhl ein Demantglanz. Doch wenn nachts ums Haus die Eule kreist, Hört man Silberklänge wohlbekannt, In dem Lehnstuhl sitzt des Wuchrers Geist Mit dem Diamant in ihn gebannt. 22. Auch mein Bild kam aus dem schwarzen Tintenfaß. Als ich es sah, da wurde ich leichenblaß. Aus dem Kopfe kommen schwarze Dünste, Der Arznei – und Dichtkunst schlechte Künste, Meines ganzen eitlen Lebens Dunst, Scham, daß ich unwert so vieler Gunst. Schaut den alten Leib, der ein Gerippe, Während ich am Lebensbaum noch nippe, An den Füßen schaut die Erdenschwere, O! wenn die noch abzustreifen wäre! Ich vermag es nicht, und ihre Macht Zieht mich nieder in des Hades Nacht. 23. Menschenhand hat nicht dies Bild gemacht, Gleich den andern kam's durch eigne Macht Ungeahnet aus der Tinte Nacht. Es erblickend hab' ich still gedacht: Als der Herr sein Werk hier hat vollbracht, Fuhr er nieder in der Schatten Reich, Hat auch diesen noch sein Wort gebracht. Ihr unsel'ge Geister, geht in euch! In der Nacht hier stellt das vor'ge Leben Licht nun auf den schwarzen, leeren Grund, Dann fühlt Reue: denn o welchen Fund Werdet schauen ihr voll Schmerz und Schauer, Um Erlösung flehn in tiefer Trauer. Der am Kreuz dem Schächer einst vergeben, Als er gläubig sich zu ihm gewandt, Der wird dann mit liebevoller Hand Aus der Nacht auch euch zum Lichte heben. Höllenbilder 1. Geister aus noch tiefrer Nacht Hat das Tintenfaß gebracht, Als den Satz ich umgerührt. Niemals hätt' ich den berührt, Hätt' ich eher schon erfahren, Wie so groß sind die Gefahren, Wenn man mit dem Tintensatze, Vorab nachts, klecksographiert; Dann erscheint oft eine Katze, Schneidend eine Teufelsfratze, Satan ist's der uns vexiert. Oft den Kleksographen prellen Schwarze Geister durchs Verstellen, Wechseln oftmals die Gestalten, Sie für andere zu halten; 2. Wie im Leben einst, dem hellen, So in schwarzen Höllenspalten Sind und bleiben sie die alten, Nicht zu bessernden Gesellen. 3. Hier stieg herauf der Falschheit Bild, Du, die dem Höllenpfuhl entsprossen, Wär' noch mein Tintenfaß gefüllt, Ich hätt' mit Tint' dich übergossen. Du gift'ge, verhüllte Fratze, Auf deinem Kopf sitzt eine Katze, In deiner Brust der Katze Kater. Fort! fort! zurück zum Feuerkrater Der Hölle, wo du heimatlich, Nur halb klecksographier' ich dich. 4. Du teuflische Fratze, Halb Mensch und halb Katze! Was willst du von mir? Ich klecksographier' Nicht Ritter vom Besen, Das bist du gewesen, Zum Teufel mit dir! 5. Was dieser Kobold einstens war, Das ist nur mir geworden klar. Der eine sagt: »Ein Aktuar, Bekannter Schlemmer und Bocksreiter.« Der ander, der sich denkt gescheiter, Spricht: »O, der war ein Pfarrer gar, Man sieht das ja aufs allerbeste An seiner rabenschwarzen Weste.« Der dritte sprach: »Ein Apotheker War er, der mit ganz schlechter War' Vergiftet die Arzneienschlecker.« Ich sprach, und alle wurden heiter: »Der Bocksbart zeiget mir fürwahr, So wie das Maß für Tuch und Kleider, Das völlig falsch und diebisch war, Daß dieser Kobold gar nichts weiter Gewesen als ein dieb'scher Schneider.« 6. Dies ganz teuflische Gesicht, (Glaubt es, oder glaubt es nicht,) Eine Amme ist's gewesen, Wohlgeübet auf dem Besen, Manches Kind verhexte sie, Daß es zappelte und schrie, Bis man schob dem armen Tropf Eine Bibel untern Kopf. Oft zu Teufelstanz und Spiel Fuhr sie auf dem Besenstiel, Doch zum nahen Galgen nur. Jetzt ganz teuflische Natur, In der Hölle schwarzem Pfuhl Wirbelt sie in feur'gen Wirbeln Um des Höllenmeisters Stuhl. 7. Hier das Kind kam, das die Hexe Hat gesäugt und dann verhext, Einzig nur drei Tintenkleckse Haben dieses Kind gekleckst. Doch man sieht schon ohne Luppe, Daß bereits aus seiner Puppe Wachsen lichte Doppelschwingen, Die's zum Kinderhimmel bringen. 8. Daß ich ein Paar auch aus dem Hexenkluppe, Die Amm' und die von ihr verhexte Puppe, Klecksographierte ohne Rücksicht dreist, Das hat empöret eine ganze Gruppe Beisitzer aus dem alten Höllenpfuhl, Aufklärlinge, Ungläubige, allermeist Zöglinge aus Mephistos Musterschule, Daß sie aus ihrem Schoß den schwarzen Geist Emporgeschickt, um vom Klecksographenstuhle Zu stoßen mich, zu brechen mir den Hals. Ich sah ihn lächelnd an, sprach gar nichts als: »Gelobt sei Jesus Christ!« – da fuhr er plötzlich Hinab mit einem Wehschrei, der entsetzlich. 9. Als ich mit Druckerschwärze heut klecksographiert', Wozu mich nur der Teufel hat verführt, Kam dieses Skandalum heraufspaziert. Nicht weiß ich, wer der ist, noch wer der war, Faustus vielleicht, des Drucks Erfinder gar, Der nie war (wie bekannt) ein gläub'ger Christ Und als Schwarzkünstler in der Hölle ist. Mög' solches wahr sein, oder sein nicht wahr, Kommt das bei mir heut nicht so in Betracht, Als daß dies Bild so schmählich sich gemacht, Dieweil es ganz aus jener Schwärze kam, Die manchen schon versetzt in schwarzen Gram. Druckfehler druckt die , wer sie liest, laut lacht, Indes der Autor stirbt voll Zorn und Scham, Der armen Frau zuruft in stiller Nacht: »Du Frau, und ihr, ihr lieben Kinder, wacht! Wie eine Druckerpresse hat's gekracht«, Worauf in einem schwarzen Pfuhl ich schwamm. Und wieviel Kreuz die Schwärze noch gebracht, Das wird von mir gesagt nicht, – nur gedacht . Nur eines steh' noch da Exempli gratia: Oft spricht zum Autor der Buchhändler klagend: »O wenn doch nichts gedruckt von Ihnen wär'! Ihr ind'sches Lexikon, auf meine Ehr', Liegt zehen Jahre, völlig nichts ertragend, Und Ihre Streitschrift! – doch, ich bitte sehr! Mit andern Büchern geht es auch sehr schwer, Es häufen sich die Krebse immer mehr.« So spricht er, – und wär' all dies auch nur Finte. Ja, Druckerschwärze! deiner ganz entsagend, Nehm' zum Klecksographieren ich nur Tinte, Mich nimmermehr mit deiner Schmiere plagend. Kaum daß ich dieses schreib', fuhr's mit Gekrach Durch das Kamin herauf bis unters Dach, Und Steine stürzten donnernd vom Kamin, Ich wußte nicht, wo ich nur sollte hin. »Weh!« rief ich, »daß ich unter Teufeln bin!« Das war im ersten Schrecken nur, doch plötzlich Sprang ich gefaßt ans offne Ofenloch, Draus quoll ein Dampf durchs ganze Haus, der roch Nach Kreosot und Druckerschwärz' entsetzlich; Ich sah durch ihn hinauf, da sah ich noch, Wie die klecksographierte Unnatur, Aller Druckfehler schreckliche Figur, Hohnlachend meiner, hu! der Hexenschlingel Zum Ritt sich schwingend auf den Pressebengel, Wie ein Weltkönig stolz von dannen fuhr. 10. Als ich vor dem Tintenfaß Wieder mit der Feder saß Und mit solcher tief gestochen In die Tinte bis zum Satz, Kam etwas heraufgekrochen, Wie der Schwanz von einer Katz'. Mir doch ward es immer bänger, Denn das Ding wurd' immer länger, Gar zu lang für eine Maus, Und der Teufel kroch heraus. Erst macht er drei Reverenzen, Schlingend mit dem Schwanze Ringe, Und erzählt mir Wunderdinge Von sich, um vor mir zu glänzen, Daß er einst gewesen sei In Neapels Hofkanzlei. »Jetzt bin ich (Sie werden's merken)«, Spricht er, »nun an andrer Stelle, (Jedem wird nach seinen Werken), Ein klein wenig in der Hölle. Einstens war ich groß und reich, Jetzt, um's kurz zu sagen gleich, Bin ich zwar ein armer Schlucker, Doch ein emsiger Geselle Und der Druckerschwärze Reiber Von des Satans Hofbuchdrucker, Wollte Ihnen sagen schnell: Daß für schwarze Höllenleiber Ihre Tinte ist zu hell, Werde, um sie schwarz zu frischen, Sie mit Druckerschwärze mischen.« – »Fort!« rief ich, vor Zorn ganz blaß, »Meinst du nicht, ich merk' nicht, daß Du der vor'ge Teufel, nur Mit veränderter Figur, Der hinaus zum Schornstein fuhr. Ließ' ich mich vom Zorn hinreißen, Würd' ich dir das Tintenfaß Luth'risch an den Bockskopf schmeißen. Doch genug für dich ist – das !« Drauf hab' ich ein Kreuz geschlagen, Was die Teufel nicht ertragen, Da ward schnell er dünner noch, Dünner als der Spinne Waden, Und als schwarzer, här'ger Faden Fuhr er durch das Schlüsselloch. 11. Als ich ob'ges schrieb: »Brum! brum!« Tönt' es um mein Ohr herum. Teuflische Nachtschmetterlinge, Schwarz, umflogen mich im Ringe; Aber in mein rechtes Ohr Klang's wie aus der Engel Chor: »Ha! wie ist's hier unten trübe! Doch nicht ewig währt die Nacht! Eine Liebe, eine Liebe Selbst noch ob der Hölle wacht. Strahlen schickt in alle Ringe Seines Alls Gott noch so weit, Seine Wahrheit, seine Klarheit, Liebe und Barmherzigkeit, Und durch sie Bringt zu einer Harmonie Er zurück einst alle Dinge.«