Fünftes Buch: Trauer- und Trostgedichte samt einigen Grabschriften 4. Auf den Tod des Herrn Pfarrers Johannes Schmidlin Zugeeignet der christlichen Gemeine zu Wezikon und Seegreben Ach! Ihn hat Gott uns weggenommen! Auch Schmidlin folgt des Todes Ruf! Weynt ihn, den Redlichen und Frommen, Der tausend Freuden uns erschuff! Ach! Wie sein Leben schnell verblühte! Sein Aug voll Heiterkeit und Güte, Wie schnell es jedem Aug sich schloß, Das reine Thränen ihm vergoß! Auf sanfter Harmonieen Flügel Flog er empfindungsvoll uns vor, Riß sanft uns mit sich! Über Hügel Der Erde trug er uns empor! Er strömte Lust um sich, beseelte Des Dichters Lied, dem Leben fehlte! Wie gab's dem heißen Wandrer kühl Der Auferstehung Vorgefühl! Wie viele tausend stille Freuden Verbreitet' er stets um sich her! Wie manchen Trost in dunkeln Leiden, Wie manche süße Thränen er! Warum ließ uns den frommen Sänger, Gott, Deine Vaterhuld nicht länger! Du, Dem nur seine Sayte klang, Deß Leben wie sein Lied Dich sang! Doch war es vielleicht seines Strebens Dir, Vater, längst bekanntes Ziel! Du fandest eines bessern Lebens Ihn werth, den Mann, der Dir gefiel! Du bist gerecht! Doch unsre Klagen Kann auch Dein Vaterohr vertragen! Ist er nicht mancher Thräne werth, Der Mann, der Dich uns singen lehrt? Der Mann voll Redlichkeit, voll heller Zufriedenheit und edler Ruh'! Wer war zum Dienst des Bruders schneller? Wer sah' ihm ohne Liebe zu? Wie sanfte lehrt er milde Sitten, Und pflanzt in Häusern und in Hütten Der Zweytracht und Unwissenheit Erkenntnis und Vertragsamkeit! Wie warst du seine Freude, Jugend! Wie laut schlug ihm sein Herz für dich! Wie sanfte führt er dich zur Tugend, Wie reizend und wie väterlich! Nie mit der trüben Schwehrmuth Stimme! Mit Bitterkeit nie, nie im Grimme! Du mußtest dich der Tugend freu'n! Er sang sie dir in's Herz hinein! Wie edel war bey jedem Streite, Wie fest sein Herz! Wie sanft sein Ton! Stand er nicht stets auf deiner Seite, O Wahrheit und Religion? Die gute Sache rechnet' immer Zuerst auf ihn, betrog sich nimmer; Ob er zuerst, zuletzt er sprach; Er gieng vorher und folgte nach. Die schwache Bürde seiner Hütte Zog nie vom Guten ihn zurück! Er folgte schnell der Kranken Bitte, Und heiter war des Kranken Blick! Die Wahrheit troff von seinem Munde, Und Balsam auf die offne Wunde Der Reue, die den Stolz bezwang Und dürstend nur nach Gnade rang! Ach! Noch, da ihm die Krankheit drohte, Noch trat er auf die Kanzel hin – »Mein Leben«, rief, ach, der nun Todte, »Ist Christus! Sterben mein Gewinn«! Er sprach's, stieg von der Kanzel nieder Voll Todesahndung, Todeslieder Noch waren's, die er singen hieß, Eh' er der Schaafe Schaar verließ. Schon lag er an des Todes Pforte, Schon zitterte sein kaltes Knie, Gesang noch waren seine Worte, Und die Gebehrden Harmonie. Und, nun! Nun schwieg des Sängers Ehre! Er schlummerte in jene Chöre Des Lichts hinüber. Jubel war Der Geist bey der Verklärten Schaar! Er starb, und Thränenströme flossen Dem nun verstummten Sänger nach! Wer war vom Kleinen bis zum Großen Deß Thräne nicht vom Todten sprach? Die Greise weynen, Kinder sammeln, Die Trauerlieder nachzustammeln, Um Greise sich und Männer her ... Und jeder singt: »Er ist nicht mehr«! Ach! Nicht mehr, unser Vater, Lehrer, Der uns empor vom Staube singt! Der Gottheit kindlicher Verehrer, Den keine Klage wiederbringt! O! Könnten wir Dich nun erblicken, Dich einmahl höhren! In Entzücken Käm' uns auch nur ein Laut von Dir, In Wonne, wie zerflössen wir!