Johann Kaspar Lavater Aus: Schweizerlieder 1767 An den Leser Wenn, Leser! dir mein Reim gefällt, Danks dem Tyrtäus Gleim! Der sang von Helden wie ein Held, Und dessen ist mein Reim. 2. Wilhelm Tell Nein! vor dem aufgestekten Hut, Du Mörderangesicht! Bükt sich kein Mann voll Heldenmuth, Bükt Wilhelm Tell sich nicht! Knirsch immer, du Tyrannenzahn! Wer frey ist, bleibet frey! Und wenn er nichts mehr haben kann, Hat er noch Muth und Treu! Der Landvogt voll von Raache schnaubt Ihn an: »Schieß deinem Kind Schnell einen Apfel weg vom Haupt; Sonst würg ich dich geschwind«! Tell hört und seufzt: »Ach, der Tyrann! Ich sterbe, Sohn, für dich! Doch Sohn! ich schieße, ja ich kann Erretten dich und mich«! Drükt an die Brust ihn – welch ein Schmerz! – Und lispelt ihm: »Steh still! Eh schlägt nicht mehr mein Vaterherz, Eh ich dich trefen will«! Und führt ihn sanft an einen Baum, Drükt ihm den Apfel auf Und legt den angewiesnen Raum Zurük im schnellen Lauf, Nimmt eilends Pfeil und Bogen, spannt, Blikt scharf – fest steht der Knab – Und drükt mit unbewegter Hand – Es knällt – den Apfel ab! Voll jugendlicher Munterkeit Sucht ihn der Knab; in Eil Bringt er dem Vater voller Freud Am Apfel seinen Pfeil. »Hätt der ihm nur ein Haar gefehlt, Der zweyte träfe doch«! »Wen?« »Geßler, dich! Du lägst entseelt, Und Tell wär frey vom Joch«! Der Vogt von Raach und Wuth entflammt, Bindt schnell ihm Händ' und Füß' Und schäumt und stampfet und verdammt Den Tell zur Finsterniß. Gebunden bleibt der Held ein Held, In Ketten Tell noch Tell. Gott, dem die Freyheit stets gefällt, Sieht ihn und hilft ihm schnell. Er ruft dem Sturm. Der Sturm braust her, Die Schiffer stehn erblaßt, Sehn bebend keine Rettung mehr, Wenn Tell das Steur nicht faßt. Des Helden losgebundner Arm Arbeitet fort zum Strand. Tell springt und steht von Freyheit warm (Das Schiff prellt weg) am Land! Die Wogen rauschen fürchterlich In des Tyrannen Ohr, Tell sieht zu Gott auf, stärket sich Und läuft ihm schnell zuvor. Er kömmt, auf seiner Stirne Zorn, Verwirrung im Gehirn; Tell sieht ihn hinter einem Dorn, Sieht Tod auf seiner Stirn'. Da zielt er, drükte – Heil dir! – los; Der Pfeil zischt in die Brust. Des Mörders schwarzes Blut zerfloß, Und Tell sah es mit Lust. Die Freyheit seines Vaterlands Steht auf mit Geßlers Fall, Und bald verbreitet sich ihr Glanz, Bald strahlt sie überall. 3. Der Schweizerbund Sey ewig heilig, Schweizerbund! Wir sind vom Joche frey! Heil schwur uns unsrer Väter Mund! Heil gab uns ihre Treu. Tyrannen herrschten weit und breit In unserm Vaterland, Das Herz voll Stolz und Grausamkeit Und Mord in ihrer Hand! Sie truzten, Recht, dir mit Gewalt, Bald löschten sie die Glut Der geilen Lüste, raubten bald Das schweißerrungne Gut. »Was, freye Menschen, dulden wir Noch lang das Sclavenjoch? Tyrannen, wißt! wir sind, wie ihr So gut, sind Menschen doch«. So dacht' ein Patriotenklee, Voll Unmuth gings einher: »Wenn's auch das Leben kostete, Das dulden wir nicht mehr«. Gerecht, o Arnold, ist dein Schmerz! »Mein Vater, ach, ist blind! Tyrann«! – ja blute Sohnes Herz! –, »Um meinetwillen blind«! Von Staufach dich vertreibt und höhnt Des Landvogts Übermuth, Der dir dein neues Haus mißgönnt, Gebaut aus eignem Gut! Und du nimmst willig, Walther Fürst, Dich der Bedrängten an. Sie wissen, daß du helfen wirst, Wo mann nur helfen kann! Des Vaterlandes Jammer liegt Auf Eurer Schulter schwer! Ihr sehet alles Recht besiegt Und alles hofnungleer. Erbliket manches schöne Thal Und manche Alpenhöh, Und alles, Menschen ohne Zahl, Voll Unmuth, Ach und Weh! Auch weint das künfftige Geschlecht Laut in der Helden Ohr: »Hebt, Väter, – denn Gott hilft dem Recht – Zu Gott die Händ empor«! Da schwuren sie den theuren Eid Und schlugen Hand in Hand Zu retten von der Dienstbarkeit Das liebe Vaterland. Die stille felsigte Natur Sah sie auf ihrem Knie, Im Himmel hörte Gott den Schwur Und blickte Muth auf sie. Still drükte jeder seinem Freund Die Hand: »Sey Patriot«! Und jeder schwur, indem er weint, Der Tyrannie den Tod. Es kam die lang erseufzte Nacht, Und sie umarmten sich Und stiegen jeder wolbewacht Und dachte, Freyheit, dich. Die Mörder wurgen Mann für Mann Am sichern Morgen früh Und fielen die Tyrannen an Und banden tüchtig sie. Weg führten sie die Mörderschaar Ohn einen Tropfen Bluts Bis an die Gränzen. Alles war Nun frey und guten Muths. Sey ewig heilig, Schweizerbund! Noch izo sind wir frey! Das Heil, das unsrer Väter Mund Uns schwur, bewahre Treu! 9. Die Schlacht bey St. Jakob im Jahr 1444 Der Schweizer höchste Dapferkeit, Die keinem Schmerz entflieht, Besiegt noch kämpft, den Tod nicht scheut, Verdiente die kein Lied? Ja, ströme mächtig und ertön, Lied, das unsterblich macht! Sie trutzten gleich den Alpenhöhn Dem Donner in der Schlacht. Sie sahn den Feind und schlugen ihn Zurük mit kleiner Zahl; Sie sehn ihn wieder, schlagen kühn Ihn schnell zum zweitenmal. Verwegen macht der frühe Sieg Der Sieger Heldenhand: Sie stürzten sich in tiefern Krieg Zu voll von Vaterland. Umsonst Kanonendonner brüll' Und ströme Tod auf Tod! Sie dringen ein; Tod ist ihr Spiel, Und Feinde Morgenbrod. Zwar stößt das zehnmal grösre Heer Der Feinde sie zurük. Doch zehnfach tödtet ihr Gewehr Mit jedem Augenblik. Bey Jacobs Mauren hörten sie Der Kriegesrosse Trab: »Eh unser auch nur einer flieh', Eh find' er hier sein Grab«! Der Feind stieg schnaubend von dem Pferd; »Komm nur, wir bleiben still; Maurüber flamme Schwerd an Schwerd Nach Tod; wir bleiben still«! Die Löwen stritten; jeder stand, Wich keines Haares breit; Die schon zerstükte Schweizerhand War muthig noch im Streit. Sink immer Glied um Glied zerfezt; Sie kämpften tief im Blut. Wer Freyheit mehr als Leben schäzt, Behält im Tode Muth. Der Feinde ungeheure Zahl Schlug, traf, doch siegt' sie nicht; Rief: »Strömt, Kanonen, noch einmal Tod in ihr Angesicht«! Die Kräffte sanken, nicht ihr Muth; Nein! der sah nie zurük! Sie rafften sich empor im Blut; Tod war ihr lezter Blik. Wenn Dapferkeit im heißen Krieg Nicht immer siegen mag, Schön ist sie doch; dem schönsten Sieg Gleicht diese Niederlag! Erstaunungsvoll sah der Delphin Sein bestes Volk im Grab; Sein Sieg erfüllt mit Grauen ihn, Noch staunt er, bebt, zieht ab. 13. Der Schweizer Wer, Schweizer, wer hat Schweizerblut? Der, der mit Ernst und frohem Muth Dem Vaterlande Gutes thut, In seinem Schooße friedlich ruht; Nicht fürchtet seiner Feinde Wut; In dem fließt reines Schweizerblut. Wer Falschheit haßt und arge List, Und Schlangen gleich flieht jeden Zwist; Und, was ihm Gott giebt, froh genießt, Gern sein gesundes Blut vergießt, Wenn sein Tod Andrer Leben ist, Der ist ein Schweizer und ein Christ! Wer seiner Väter Tugend ehrt, Sie ausübt und sie andre lehrt, Das Gute schützt, dem Bösen wehrt, Des Schmeichlers Stimme niemals hört, Und Treu hält, wenn er auch nicht schwört, Der ist des Helden Namens werth! Wen Vieler Glück und Sicherheit Mehr als sein eigen Glück erfreut: Wen keine schöne That gereut, Wer frühe den Tyrannen dräut, Dem Laster gleich die Knechtschaft scheut; Der, der hat Schweizerredlichkeit! Wer immer, wo er stehn soll, steht Sich niemals über Andre bläht, Den graden Weg in allem geht, Gold, Wollust, Üppigkeit verschmäht, Selbst erndtet, was er selber sät; Ist über Könige erhöht! O Schweiz, du Heldenvaterland! Sey niemals deiner Väter Schand, Und halt das vestgeknüpste Band Der Einigkeit mit treuer Hand! Dann ist in dieser Welt kein Land Dir gleich du Heldenvaterland! 14. Gemeineidgnössisches Lied Treue, liebe Eidsgenossen, Aus der Helden Blut entsprossen! Singt! und uns'rer Lieder Schall Ströme, wie ein Wasserfall Von den hohen Felsen nieder! Felsen, Thäler hallet wieder! Wer von alter Treue glüht, Sing mit uns ein Schweizerlied! Heilig, Brüder, sey die Stätte, Wo die Väter um die Wette Stritten und im Feur der Schlacht Sich und Enkel frey gemacht! Heil euch, Schwerdter tapf'rer Ahnen, Heil euch, theurerworbne Fahnen! Wer nur Freyheit fühlen kann, Sieht euch ohne Schaur nicht an! Hier, auf diesem Boden standen, Die zur Freyheit sich verbanden, Hier, hier flammt' ihr Heldenmuth, Floß ihr, floß der Feinde Blut! Blutgedüngter Boden zittre, Daß sich Leib und Seel' erschüttre! Rufe, Blut, vom Schlachtfeld: »Sey Ewig, Schweizer, stark und frey«! Brüder, werft euch auf die Kniee! Dankt dem Himmel späth und frühe, Dessen treue Vaterhand Herz und Herz zusammenband! Alte Eintracht, erste Liebe, Feuer brüderlicher Triebe, Löscht nicht mit der Jahre Lauf! Lebt im Enkelbusen auf! Jeder Staat soll allen Staaten Gutes wünschen, Gutes rathen, Jeder von dem Neide rein, Alle nur ein Herze seyn, Welche Freude! welch Entzükken, Tausend Brüder zu erblikken! O! wie lieblich ist's und schön, Daß für einen alle stehn! Friede soll in unsren Gränzen Lang wie Eisgebürge glänzen! Eh' auf jeder Alpenhöh, Ferner Jahre tiefer Schnee, (Unsers Bundes Zeuge) schmelzen, Sich durch Monarchien wälzen, Ehe sich durch Zank und Streit, Brüder, unser Herz entzweyt. Wenn Europens Völker kriegen, Singen wir von alten Siegen, Sehen im Gefühl der Ruh Ihren Blutgefechten zu. Weiden selbsterzogne Heerden, Pflügen sicher eigne Erden, Essen froh nach altem Schroot. Käse, Milch und Roggenbrod. Einfalt, Einfalt laßt uns lieben, Friedlich uns in Waffen üben! Unser Herz und unser Arm Bleibe für die Freyheit warm! Schweizer! Weichlinge verachten, Nach der Väter Stärke schmachten! Weh, wenn Wollust, Stolz und Pracht Aus uns Freyen Sclaven macht! Auch das Gold in Königshänden Soll kein Schweizerauge blenden, Soll uns seyn wie Wind und Rauch: Goldne Fesseln fesseln auch! Nein, nach Schmeicheley der Fürsten Soll kein freyer Schweizer dürsten! Demuth bleibe unser Ruhm, Freyheit Schweizereigenthum! Fremder Fürsten Feinde schlagen, Feil sein Blut und Leben tragen, Schweizer, das ist Raserey! Das ist Knechtschafft! bleibet frey! Sucht bey keinem fremden Heere, Sucht nur in der Freyheit Ehre, Stärke in der Eintracht nur, Lieblingssöhne der Natur! Treue, lieb Eidsgenossen, Hand in Hand, ihr Heldensprossen, Singt, und unsrer Lieder Schall Töne mächtig überall! Hallt ihr täglich, unsre Lieder Von Kanton zu Kanton wieder! Wer von alter Treue glüht, Schweizer, sing diß Schweizerlied!