76. Gedichte 1775/76 1. Poetische Malerey Ach ihr jungen Rosen, du beblümtes Gras, Die sein Blick behauchte, seyd ihr nun so blass! Wessen Aug' und Herz nicht rein, Kann der euer Maler seyn? 2. Ach ihr Wünsche junger Jahre Seyd zu gut für diese Welt! Unsre schönste Blüthe fällt, Unser bester Theil gesellt Lange vor uns sich zur Baare. Ach ihr Wünsche junger Jahre Seyd zu gut für diese Welt! Als mich die Menschen noch nicht kannten, Die Engel nur mich handeln sahn, Und wenn ichs ihnen recht gethan, Mich lispelnd ihre Schwester nannten – Ach ihr Wünsche junger Jahre Seyd zu gut für diese Welt! Unsre schönste Blüthe fällt, Unser bester Theil gesellt Lange vor uns sich zur Baare! 3. Ich komme nicht dir vorzuklagen, Ich bin zu glücklich durch dein Wohl Als daß dirs Seufzer kosten soll; Ich komme dir Valet zu sagen. Ein fremder Himmel wartet mein Und du wirst immer glücklich seyn. Ich komme vor dir hinzuknieen, Zu meiner neuen Lebensbahn Von dir den Seegen zu empfahn, Dann sanft dich gegen mich zu ziehen, Zu träumen einen Augenblick, Als wärst du noch mein ganzes Glück – Und dann zu fliehen und zu fliehen, Wohin mein Fuß mich tragen wird, Wohin kein Menschenfuß geirrt, Bis Gott mir diese Schuld verziehen, Daß ich noch einmal dich geküßt, Die eines andern Ehweib bist. 4. Tödtendes Leben Gaukele hin, Kannst du dem Sinn Träume nur geben, Freuden und Schmerzen, Glücke das quält, Das sich dem Herzen Nimmer vermählt! 5. Vergeßen Constantin von dir! – Ja ja, die Sonne schien heut hier, Ließ keine Spur zurücke! Ach deiner Liebe Schwärmereyn Gehn unter wie der Sonnenschein, Mit ihm all mein Glücke!