Giacomo Leopardi Gesänge (Canti) Widmung. (Vor der ersten Florentiner Ausgabe der Gedichte vom Jahre 1831.) An meine Freunde in Toscana. Meine theuren Freunde, euch sei dieses Buch gewidmet, in welchem ich, wie man es oft mit der Poesie versucht, meinen Schmerz zu verklären suchte und mit dem ich jetzt – ich kann es nicht ohne Thränen aussprechen – von der Literatur und meinen Studien Abschied nehme. Ich hoffte, diese theuren Studien würden der Trost meines Alters sein, und glaubte durch den Verlust aller anderen Freuden, aller anderen Güter der Kindheit und des Jünglingsalters mir ein Gut erkauft zu haben, das mir durch keine Gewalt, kein Unglück wieder entrissen werden könnte. Aber ich war kaum zwanzig Jahre alt, als jene Schwäche der Nerven und Eingeweide, die mir das Leben zerstört und mich doch den Tod nicht hoffen läßt, jenes einzige Gut mir mehr als zur Hälfte schmälerte und es mir später, in meinem achtundzwanzigsten Jahre, völlig und, wie ich jetzt glauben muß, auf immer raubte. Ihr wisst ja, daß ich diese Blätter nicht selbst habe lesen können und zu ihrer Correctur mich fremder Augen und fremder Hand bedienen mußte. Ich mag nicht mehr klagen, meine Theuren; das Bewußtsein von der Größe meines Unglücks verträgt sich nicht mit Jammern und Wehklagen. Ich habe Alles verloren; ich bin wie ein dürrer Stamm, der fühlt und leidet. Nur euch habe ich in dieser Zeit gewonnen! Eure Gesellschaft, die mir meine Studien, alle Freuden, alle Hoffnungen ersetzen muß, würde fast meine Leiden aufwiegen, wenn mir nicht eben jenes Siechthum verwehrte, sie so, wie ich möchte, zu genießen, und wenn ich nicht wüßte, daß mein Schicksal mich bald genug auch dieser Wohlthat berauben, mich zwingen wird, den Rest meiner Tage, von allem Behagen eines civilisirten Lebens entfernt, an einem Orte zuzubringen, wo die Todten viel besser wohnen als die Lebenden. Eure Liebe indessen wird mir immer folgen und mir vielleicht auch treu bleiben, wenn mein Leib, der schon nicht mehr lebt, zu Asche geworden ist. Lebt wohl! Euer Leopardi. I. An Italien. (1818. 1 ) Mein Vaterland, ich seh' die Mauern ragen, Die Bogen, Säulen, Bildnisse, die leeren Thürme der Väterzeit; Doch seh' ich nicht den Ruhm, Den Lorbeer und das Schwert, die sie getragen, Die großen Ahnen. Machtlos, dich zu wehren, Mit nackter Brust und Stirne trägst du Leid. Weh, welche Wunden seh' ich Und Todesblässe! Muß ich so dich schauen, Du aller Frauen schönste? Sagt, o sagt, Euch, Erd' und Himmel, fleh' ich: Wer hat ihr das gethan? und wer – o Grauen! – Belastet' ihr mit Ketten beide Arme, Daß sie gelös'ten Haars, von Gram zernagt, Am Boden sitzt, verlassen, schleierlos, Und ihr Gesicht, die Arme, Im Schooße birgt und weint? Ja, wein', Italien! Du hast Grund zu weinen; Dir fiel das herbe Loos, An Glück und Elend unerreicht zu scheinen! Und wären deine Augen Wasserbäche, Nie könntest du mit Zähren Den Abgrund füllen deiner Noth und Schmach. Die Herrin war, nun trägt sie Magdgewand. Wer schriebe oder spräche Von dir, der nicht, gedenk der alten Ehren, Wehklagte: Klein ward, die wir groß genannt! Warum? Warum? Ging deine Kraft in Stücke? Wo sind die Waffen, wo dein Siegerglauben? Wer nahm das Schwert dir ab? Und welcher Macht gelang es, welcher Tücke, Den Mantel dir zu rauben Und deiner Stirn das goldne Band, du Schöne? Wie stürztest du hinab So tief von solcher Höh' und brachst zusammen? Und Niemand schirmt dich? Keiner deiner Söhne Steht für dich auf? Ha, Waffen! Ich allein Will in den Kampf, will kämpfend für dich fallen; Du aber, Herr, laß Flammen Aus meinem Blut in alle Herzen wallen! Wo sind sie, deine Söhne? Hör' ich nicht Von Waffen, Schlachtruf, Pauken helle Klänge? – Ach, fern von dir verspritzen Ihr Herzblut deine Kinder. Auf, auf, Italien! Ist's ein Traumgesicht? Nein! Dort zu Fuß, zu Rosse – welch Gedränge, Und Rauch und Staub und heller Klingen Blitzen, Wie Wetterstrahl am Himmel! Ist dir's kein Trost? Bang kehrst du vom Gefechte Die Augen ab, noch eh' Entscheidung winkt? Was soll dort das Getümmel Italischer Jugend? O ihr ew'gen Mächte, Dort kämpft für fremdes Land Italiens Schwert! – Weh dem Unsel'gen, den der Krieg verschlingt Nicht kämpfend um die heimischen Gefilde, Für Weib und Kind und Herd, Nein, gegen Feinde Fremder Und fern; nicht sinkt er mit dem Rufe nieder: O Heimath, hehr und milde, Dies Leben, dein Geschenk, – hier nimm es wieder! Ihr holden, glücklichen, gepries'nen Tage Der Vorzeit, wo in Schaaren Das Volk zum Tod fürs Vaterland sich drängte, Und du, Thessaliens Bergschlucht, stets umflutet Von Ruhmeshauch und Klage, Wo Persien und das Schicksal schwächer waren Als jenes Häuflein, frei und hochgemuthet! Hört nicht der Wandrer hier Gesträuch und Flut Und Fels und Bergeshöhe sich erzählen Mit heimlich dunkler Stimme, Daß hier die Schaar der Unbesiegten ruht, Die hochgesinnten Seelen Der ihrem Hellas heilig Zugeschwor'nen? Damals in feigem Grimme Floh Xerxes durch den Hellespont zurück, Ein Spott und Hohn den fernsten Nachgebor'nen, Und von Antela's Hügel, wo im Tode Die heil'ge Schaar ein ew'ges Leben fand, Sah mit erhobnem Blick Simonides hinaus auf Meer und Land. Und beide Wangen überthaut von Zähren, Die Brust beklemmt, indeß die Füße wanken, Die Leier in der Hand, Singt er; »O ihr Beglückten, Die ihr die Brust preisgabt den Feindesspeeren Für sie, der ihr das Leben habt zu danken, Euch preis't die Welt, euch segnet Griechenland. Wie heiße Liebe trieb Euch junge Seelen fort in die Gefahr, O welche Lieb' in euer herbes Loos! Und wo, ihr Söhne, blieb Das Todesgrauen, daß ihr jauchzend gar Hinströmtet zu dem düstren Felsenpasse, Als ob zum Tode nicht, zum Tanze bloß, Zu heitrem Mahl man euch geladen hätte? Ihr aber zogt die Straße Hinab zum Fluß der Todten, Eh' scheidend Weib und Kinder ihr umfasstet, Da ihr auf hartem Bette Ach, ohne Thränen, ohne Kuß erblasstet!« »Doch erst, nachdem ihr Züchtigung und Grauen Und Schmach dem Feind gebracht. Wie in der Rinderheerd' ein Löwe wüthet, Bald auf den Stier sich stürzt und ihm den Rücken Zerfleischt mit wilden Klauen, Bald hier, bald dort die Zähne braucht mit Macht, So schlägt ins Heer der Perser breite Lücken Hellenengrimm, von hehrem Muth entbrannt. Ha seht, wie häuptlings Roß und Reiter fallen, Wie Wagen und Gezelt In wirrem Sturz die Flucht der Perser bannt, Und bebend, weit vor Allen, Flieht mit gelös'tem Haarschmuck der Despot. Seht, wie vom Blut entstellt, Das sie vergossen, Griechenlands Heroen Den Persern schaffen unermessne Noth, Eh' Mann an Mann, besiegt von seinen Wunden, Dahinsinkt in den Staub. Heil euch, ihr Helden! Von eurer That, der hohen, Wird Zung' und Griffel noch den Enkeln melden.« »Eh' wird, ins Meer gestürzt, der Sternenreigen Auslöschend in der Tiefe Schlund verzischen, Bevor der Nacht zum Raube So heller Ruhm erblaßte. Eu'r Grab ist ein Altar. Den Kindern zeigen Dereinst die Mütter hier die ewig frischen Spuren von eurem Blut. Und hier im Staube Knie' ich, ihr Benedeiten, Und küsse diese Schollen, dies Gestein, Die unvergänglich heller Glanz verklärt Durch alle Erdenweiten. O läg' auch ich hier unten! Hätt' auch mein Geopfert Blut getränkt die theure Erde! Doch wenn ein feindlich Schicksal nicht gewährt, Daß für mein Hellas brechend im Gefechte Mein Aug' umnachtet werde, So möge doch der keusche Ruhm eures Sängers blühn in fernsten Tagen Durch Gunst der Himmelsmächte, So lang von euch man singen wird und sagen!« Fußnoten 1 Die Jahreszahl bedeutet das Jahr der ersten Veröffentlichung. II. Als man Dante in Florenz ein Denkmal setzen wollte. (1818.) Ob auch die weißen Schwingen Der Friede breitet über unser Land, Wie soll'n Italiens Geister Dem Bann der langen Schlafsucht sich entringen, Eh' nicht dies arme Volk sich seiner alten Urväter Vorbild wieder zugewandt? Sorg, o Italien, wie Du deine Todten ehrst! Denn weit und breit Bist du verwais't von solchen Hochgestalten, Und Keiner lebt, dem Ehr' und Ruhm gebührt. Schau rückwärts, o mein Vaterland, und sieh Die Schaar Unsterblicher aus alter Zeit, Bis Schmerz in dir des Zornes Flamme schürt, Denn ohne Zorn ist thöricht heut der Schmerz. Schau rückwärts, raffe dich empor voll Scham Und stachle dir's das Herz, Zu sehn, wohin es mit den Enkeln kam. Die Fremden, an Geberd' und Sprach' und Art Verschieden, wandelten am Arnostrande Und forschten, wo der Staub Des Sängers ruhe, dem die Ehre ward, Allein gesellt zu sein dem Mäoniden, Und hörten – o der Schande! – Daß nicht allein, in fremdem Land begraben, Nicht die Gebeine kehrten Aus der Verbannung zu der Heimath Frieden, Daß auch in deinen Mauern nicht ein Stein Ihn ehrt, Florenz, ihn, dessen hohe Gaben Dich vor der Welt verklärten. O ihr, die unser Land nun wollt befrei'n Mitleidig von der Schmach, der es verfallen, Heil eurem edlen Werk, Heil euren Mühen, Ihr Wackern! Dank von Allen, Die noch in Liebe für Italien glühen! Ja, Liebe zu der armen Mutter Italien sporn' euch an, ihr Theuren, Zu ihr, für deren Schicksal In keiner Brust mehr wohnet ein Erbarmen, Seit ihr der Himmel Leid nach Glück verhängte. Erbarmen, Söhne, fördre stets in euren Gemüthern dies Beginnen Und Grimm und Gram ob all der herben Qual, Die Wang' und Schleier ihr mit Zähren tränkte. Doch ihr – wie soll mein Wort und Lied euch preisen, Daß nicht bedacht nur, Pläne zu ersinnen, Nein, treubemüht mit Geist und Hand zumal Ihr ew'gen Danks euch würdig wollt erweisen, Dies edle Werk zu frohem Ende führend! In welchem Ton soll ich zu euch mich wenden Und euren Eifer schürend Euch neue Funken in die Seele senden? Begeistern wird euch das erhabne Ziel Und scharfe Stacheln in den Busen drücken. Wer schilderte den Sturm Der Inbrunst, wer das lodernde Gefühl? Wer malt die stummverzückten Angesichter, Die Glut in euren Blicken? Wie reicht' ein stammelnd Menschenwort hinan, Himmlisches auszusprechen? Fern bleibe der Profane! Seinem Dichter Wird noch im Bild Italien Thränen weih'n. Wie könnt' es je zerfallen, wie der Zahn Der Zeit den Ruhm euch schwächen? Ihr, die uns Trost im Unglück durftet sein, Ihr himmlisch holden Künste, lebt ja immer, Und lindernd unserm Volk den Fluch, den schweren, Wollt ihr, ob auch in Trümmer Italien sank, den Ruhm Italiens mehren. So komm' auch ich und bringe Zu unsrer leidgebeugten Mutter Ehren All was ich kann und habe, Dies Lied, das ich zu eurem Werke singe, Indeß des Meißels Schlag den Stein belebt. O du, erlauchter Vater unsrer hehren Dichtkunst, wenn eine Kunde Von ird'schem Thun, von ihr, die du so hoch Erhoben, bis zu euren Ufern schwebt, So weiß ich, nicht um dich dünkt dir's Gewinn. Denn gegen deinen Ruhm im Weltenrunde Sind Erz und Marmor so vergänglich doch Wie Wachs und Sand. Und wenn aus unserm Sinn Du je entschwunden warst, je kannst entschwinden, Mag unser Leid noch wachsen unermessen, Mag ohne Trost zu finden Dein Volk vergehn, von aller Welt vergessen. Doch nicht um deinetwillen, – um das Land, Das dich gebar, ist's Freude dir, wenn je Am Vorbild hoher Ahnen Der schlummertrunkne Enkel sich ermannt, Daß er erhobnen Haupts sich stark erwiese. Ach, von wie langem Weh Gebeugt siehst du nun Die, die schon vor Zeiten Armselig du gesehen, Als du von Neuem gingst zum Paradiese, Heut so im Elend, daß im stolzen Schimmer Von Glück und Macht sie damals schien zu schreiten. So weh ist ihr geschehen – Du glaubtest's wohl den eignen Augen nimmer! Doch nichts von andrer Noth, die sie bezwang! Nur von der bittersten, der jüngsten Schande, Die schier den Untergang Verhängte deinem armen Vaterlande. Heil dir, daß voll Erbarmen Dein Schicksal dich bewahrt, dies zu erleben, Daß du Italiens Frauen Nicht siehst entehrt in fremder Krieger Armen, Mit Brand und Plündrung Stadt und Land geschlagen Und aller Wuth des Feindes preisgegeben; Die göttlich hohen Werke Italischer Meister fortgeschleppt in schnöde Knechtschaft jenseit der Alpen, von der Wagen Wüstem Gedränge jede Straße dröhnend Und Herr'n im Lande Trotz und rohe Stärke! Du hörtest nicht das frevle Hohngerede Von Freiheit, wie ein Spottgelächter tönend Zum Klang von Ketten und von Geißelhieben. Wer ward verschont? Wovon sind jene frechen Ehrfürchtig fern geblieben, Von welchen Heiligthümern und Verbrechen? Was mußten wir so arge Zeit erleben? Was ließest du uns werden, ach, warum Nicht früher wieder scheiden, Grausames Schicksal? Daß wir unterjocht Von Fremden schauend unser Vaterland, Vernichtet, todt und stumm Jedwede Tugend, doch die grimmen Schmerzen, Die nagten sein Gebein, Mit keinem Trost zu lindern ihm vermocht Und keinen Hoffnungsstrahl ihm durften gönnen! Ach, nicht einmal das Blut aus meinem Herzen Durft' ich dir, Theures, weih'n. Nicht hab' ich, dich zu retten, sterben können! Denk' ich's, schwillt mir das Herz vor Zorn und Harme. Wohl starben auch von uns viel tapfre Fechter, Doch nicht für dieses arme Italien, nein: für seine fremden Knechter. Wenn dies dich nicht empört, Wardst, Vater, du ein Andrer, als auf Erden. In Rußlands eis'gem Schlamme Hinsanken, ach, wohl bessren Todes werth, Italiens Tapfre; Sturm und Frost verbanden Und Thier' und Menschen sich, sie zu gefährden. Mit Blut die Erde tränkend, Hinsanken sie, halbnackt und abgezehrt, Wo sie im Eisgefild ihr Wundbett fanden. Und nahte dann die letzte Stunde sich, Voll Heimweh der geliebten Mutter denkend, Erseufzten sie: O rafft' uns hin das Schwert, Nicht Schnee und Eis, und stürben wir für dich, Geliebte Heimath! Von dir losgerissen, Da noch uns lacht die schönste Zeit im Leben, O daß wir sterben müssen Ruhmlos, für Jene, die den Tod dir geben! Ihr Klagen hat die nordische Wüste nur Und sturmgepeitschter Föhrenwald vernommen. So fanden sie ihr Ende, Und witternd der verlassnen Leichen Spur Im graus'gen Meer von Schnee, ist aus den Höhlen Das Wild zum Fraß gekommen, Daß nun der Trefflichen und Tapfern Name Spurlos der Nacht geweiht, Gleich dem der Feigen sei. Ihr theuren Seelen, Ob euer Unglück auch so grenzenlos, Dies sei allein euch Trost in eurem Grame, Daß ihr in Ewigkeit Müsst bleiben jedes Trostes baar und bloß. Im Abgrund eures Jammers sollt ihr ruhn, Als echte Söhne jener Schmerzenreichen, An deren Unglück nun Das eure nur vermag hinanzureichen. Euch klagt sie ja nicht an, Die Muttererde, nein, die euch gezwungen Zum Kampfe wider sie, Daß sie nun bitter weinen muß fortan Und ihre Thränen mischen mit den euren. O rührte sie, die höchsten Ruhm errungen, Jetzt in der tiefsten Noth Nur Einem so das Herz, daß er empor Sie zög' aus dieser düstren, ungeheuren Versunkenheit! Sag, o erlauchter Schatten, Ist denn die Liebe zu Italien todt? Erlosch die Glut, die dich beseelt zuvor? Die Myrte, dran wir uns getröstet hatten In langem Leid, treibt nie sie frische Blätter? Soll'n unsre Kränze hingestreut verbleichen? Und kommt uns nie ein Retter, Der nur von fern sich dürfte dir vergleichen? Ist's mit uns aus für immer? Wird der Schmach Ein Ziel und Ende nimmer? Ich, weil ich athme, bleib' als Rufer wach: Verrottetes Geschlecht, denk deiner Ahnen! Schau diese stolzen Trümmer, Die Schriften, Bilder, Statuen, Tempelhallen; Denk, wo du wandelst, und erweckt dich nimmer Der helle Glanz von diesen Mustern allen, So heb dich weg für immer! Dies Land, das einst geglänzt von Heldenehren, Sei nicht ein Tummelplatz so schnödem Treiben. Statt Memmen nur zur nähren, Mag es verlassen und verwittwet bleiben! III. An Angelo Mai, als er Cicero's Bücher vom Staate wiederentdeckt hatte. (1820.) Wirst du nicht müde, kühner Italer, Die Ahnen aus den Grüften Zu wecken, daß sie mächt'ge Reden führen Mit dieser todten Zeit, da rings in Lüften Der Trägheit Nebel schwebt? Und wie berühren Jetzt unser Ohr so oft und inhaltschwer Die Stimmen unsrer Alten, Die uns so lang verstummt? Warum erstehen Sie alle wieder? Früchte plötzlich tragen Die Blätter. Staub'ge Klöster geben her, Was sie verwahrt gehalten, Und die verscholl'nen heil'gen Worte gehen Von Neuem um. Krönt das Geschick dein Wagen, Du wackrer Italer? Wie, oder wird Ein Mannesmuth vom Schicksal nicht beirrt? Gewiß nur nach erhabnem Götterwillen Geschieht's, daß, da in schlimme Vergessenheit wir schwer wie nie versenkt, Von Neuem stets der großen Väter Stimme Uns aufzurütteln kommt. Noch also denkt Ein Gott Italiens, noch ward uns nicht ganz Des Himmels Huld entrissen, Daß, da nur diese Stund' und keine mehr Uns bleibt, Italiens Tugenden zu reinen Vom Rost, der lang verdunkelt ihren Glanz, Dem Ruf wir lauschen müssen Aus Gräbernacht und schau'n die Wiederkehr Der Helden, die der Erd' entstiegen scheinen Nur um zu forschen, ob du noch willst säumen, Mein Vaterland, und feig die Zeit verträumen. Gabt ihr uns wirklich, ihr Erlauchten, noch Nicht völlig auf? Wir wären Nicht ganz verloren? Euch vielleicht ist klar, Was kommen soll. Doch wie soll ich des schweren Grams mich entschlagen? Dunkel ganz und gar Ist mir die Zukunft; was ich rings muß sehen, Macht Hoffnung allerort Zu eitlem Wahn. Ihr Trefflichen, auf euern Wohnstätten haus't verhöhnt, in schmutz'ger Blöße Ein niedres Volk, und eure Enkel gehen An edlem Werk und Wort Mit Hohn vorbei. Nicht kann sie mehr befeuern Eu'r ew'ger Ruhm. Denkmäler eurer Größe Umgiebt ein träger Sumpf, und aller Zeit Sind wir ein Muster der Erbärmlichkeit. Du edler Geist, da jetzt kein Andrer mehr Gedenkt der hohen Ahnen, Sei du ihr Hüter, den des Schicksals Macht Huldvoll gewürdigt hat, uns zu gemahnen Der Tage, wo aus des Vergessens Nacht Ihr Haupt erhoben jene heil'gen Schatten Sammt den begrabnen Rollen, Die hohen Alten, denen die Natur Noch unter Schleiern sprach, wie sie Athen Und Rom die Feierzeit verschönert hatten. O Zeiten, längst verschollen! Noch droht' Italiens Fall von weitem nur; Noch galt bei uns für schimpflich Müssiggehn; Noch raubte da der Lüfte frischer Odem Im Fluge Funken unserm Heimathboden! Noch warm war damals deine heil'ge Asche, Du, dessen Sinn, den hohen, Kein Unglück beugte, der in Grimm und Gram Aus dieser Welt zur Hölle gern geflohen. Und ist denn auch ein Höllenkreis so schlimm, Wie unser Land? – Und deine sanften Saiten Erklangen schwirrend noch Vom Spiele deiner Hand, du unglücksel'ger Sänger der Liebe. Ach, dem Schmerz entspringt Italischer Sang! Und mindre Qual bereiten Die schwersten Leiden doch, Als dieser Ekel, der uns lähmt. Du Sel'ger, Dem Weinen Leben hieß! Doch uns bezwingt Früh schon der Ekel; starren Angesichts Sitzt neben uns an Wieg' und Gruft das Nichts. Doch damals lebtest du mit Meer und Sternen, Kühner Ligurersprosse, Als jenseits du der Säulen und der Küsten, Wo, wenn die Sonn' erlischt im Meeresschooße, Man zischen hört die Flut, den Wasserwüsten Dich anvertrauend, wiederfandst den Glanz Der Sonne, die vergangen, Den Tag, der aufglüht, wenn er uns entschwand, Und trotzend jedem Hemmniß der Natur Entdecker wurdest unermessnen Lands, Glorreicher Lohn der bangen Ausfahrt und Heimkehr. Ach, je mehr erkannt, Je kleiner wird die Welt; die Erdenflur, Das Meer, der Klang der Sphären, – mehr erhaben, Als jedem Weisen, dünken sie dem Knaben. Wo sind die holden Träume nun von jener Geheimen Zufluchtstätte Uns unbekannter Siedler, von dem Ort, Wo über Tag die Sterne ruhn, dem Bette Der jungen Eos und dem Ruheport, Wo Nachts verborgen schläft das Weltgestirn? Mit Eins sind sie geschwunden; Nun zeigt ein kleines Blatt das Bild der Welt. Nun gleicht sich Alles, und die Forschung weitet Das Nichts nur aus. Dich scheucht von unsrer Stirn Die Wahrheit, kaum gefunden, O holde Phantasie! Das Denken hält Sich fern von dir auf immer und bestreitet Die Macht dir mehr und mehr, die wundersame, Daß jeder Trost nun schwand in unserm Grame. Da kamst du, Mann der holden Träume; hell Erglänzte dir die Sonne, Der du so süß von Waffen sangst und Liebe, Wie sie die Welt, einst minder arm an Wonne, Erfüllt mit selig irrendem Getriebe. Italiens neuer Stern! O Thürme, Zellen, O Ritter, schöne Frauen, O Gärten, o Paläste! Denk' ich euer, Verliert in tausend bunte Lieblichkeiten Die Seele sich. Aus eitlem Tand, aus hellen Märchen voll Lust und Grauen Bestand das Leben. All die Abenteuer Verbannten wir. Was bleibt nun unsern Zeiten, Die ihren Lenz verloren? Ach, wir wissen Nur Eines sicher: daß wir leiden müssen. Uns, o Torquato, ward dein hoher Geist Vom Himmel da beschieden; Dein eigen Theil sind Thränen nur gewesen. Unglücklicher Torquato! Nicht zum Frieden Half dir dein süßes Lied, nicht konnt' es lösen Den Frost, der deines Herzens warmen Strom, So freudig einst geschwellt, Vereis't, durch Haß und schnöde Mißgunst. Liebe, Liebe, des Lebens letzte Täuschung, ach, Verließ dich auch. Ein wesenhaft Phantom Schien dir das Nichts, die Welt Ein öder Strand. Dein Auge, todestrübe, Sah nicht die späten Ehren. Daß es brach, War Wohlthat. Wer der Menschen Elend ganz Begriff, ersehnt den Tod nur, keinen Kranz. O kehr uns wieder, steig aus deiner stummen, Trostlosen Gruft, wenn immer An Leid du noch dich weidest, mitleidwerthes Vorbild des Unglücks. Noch unsäglich schlimmer, Als dein von jeder Qual und Noth zerstörtes, Ist unser Menschendasein. Wo noch flösse Dir eine Thräne, Lieber, Da Jeden nur sein eigen Loos bewegt? Wer hieße Thorheit nicht die Pein, in der Du tödlich rangst, da jede seltne Größe Gilt als ein tolles Fieber, Und nicht mehr Neid, nein, was sich schwerer trägt, Gleichgültigkeit die Größten trifft? O wer, Heut da nicht Verse, Zahlen nur beglücken, Wer würde jetzt dich mit dem Lorbeer schmücken! Seit deinen Tagen, unglücksel'ger Geist, Kam Einer nur, des Ruhms Italischen Namens würdig, nur der Eine, Zu gut für diese Zeit des Memmenthums, Ein trutziger Allobroger, dem seine Männliche Kraft der Himmel selbst verliehen, Nicht diese Erde, siech Und unfruchtbar. Allein und unbewehrt – O herrlich Wagniß! – gegen die Tyrannen Wollt' auf den Brettern er zu Felde ziehen. O gönnt uns diesen Krieg, Dies Scheingefild zum Kampf, wenn feindlich gährt Die kranke Welt! Wir sahn ihn sich ermannen, Zuerst und einsam; Keiner folgt' ihm nach. Versunken blieb sein Land in stumme Schmach. In knirschender Verachtung lebt' er hin Sein fleckenloses Leben, Und Tod bewahrt' ihn, Schlimmres noch zu schauen. Nein, mein Vittorio, günstig deinem Streben War weder Zeit noch Ort. In diesen Gauen Kann Hochsinn fürder nicht gedeihn. Im Hafen Ruhn träge wir, ergeben In Mittelmäßigkeit. Der Pöbel stieg Empor, der Weise sank; Nichts wird bewundert, Platt ward die Welt. – Da die Lebend'gen schlafen, Erweck zu neuem Leben Die Todten, hoher Forscher! Hilf zum Sieg Den alten Helden, daß dies Kothjahrhundert Empor sich raffe und Begeistrung trinke Zu edler That, wo nicht, in Scham versinke! IV. Zur Hochzeit der Schwester Paolina. (1824.) Nun du so bald den Frieden Des stillen Vaterhauses wirst vermissen Und weit von deiner Jugend Trug und Wahn, Die unser ödes Land verschönt, geschieden Dich in des Lebens Staub und Lärm fortan Dein Schicksal ruft, nun, Schwester, sollst du wissen, Zu welcher Schmach der Himmel uns verdammt. Sollst du ja selbst in schweren Nothjahren voller Leid Des unglücksel'gen Vaterlands unselig Geschlecht vermehren. Stähle drum beizeit An hohen Mustern deine Söhne. Wehren Die Götter doch ein fröhlich Gedeihn heut jeder Kraft, Und kein verzärtelt Herz bleibt tugendhaft. Elende – oder Feige Wirst du gebären. Laß sie elend werden! Denn einen Abgrund zwischen Glück und Werth Schuf diese Zeit. Zu spät, da schon zur Neige Die menschlichen Geschicke sich gekehrt, Erwacht, wer heut geboren wird auf Erden. Das überlaß dem Himmel. Dir am Herzen Liege die Sorge bloß, Nicht zu der Jagd nach Glück Die Söhne zu erziehn, und nimmer auch Zu Narr'n der Furcht und Hoffnung. Ihr Geschick Rühmt dann die künft'ge Zeit als schön und groß, Da wir – nach feigem Brauch Der heuchlerischen Weisen – Lebend'ge Tugend schmähn und todte preisen. Viel hofft von euch, ihr Frauen, Das Vaterland; und nicht zu Schimpf und Schaden Der Menschensöhne ward dem sanften Strahl Aus euren Augen Macht, wohin sie schauen, Zu bänd'gen Feu'r und Schwert. Ihr lenkt zumal Den Weisen wie den Starken klug am Faden, Und was die Sonn' umkreiset, neigt sich euch. Drum sollt für diese Zeit Ihr Rechenschaft mir geben. Der Jugend heil'ge Glut – ließ eure Hand Sie denn erlöschen? Ward denn unser Leben Marklos und morsch durch euch? Wenn Ueppigkeit Und Schlafsucht uns entmannt Und Nerv' und Muskel missen Die alte Kraft, – habt ihr' s auf dem Gewissen? Ein Sporn zu edlen Thaten Ist Liebe, recht erkannt, und hohes Streben Erweckt die Schönheit. Der ist liebeleer, Der nicht frohlockend fühlt das Herz erbeben In tiefster Brust, wenn an den Felsengraten Die Stürme toben, wenn gewitterschwer Der Himmel sich umwölkt und Flutgebraus Die Berge peitscht. Ihr Bräute Und Jungfrau'n, wer Gefahren Sich feig entzieht, wer seinem Vaterlande Unehre bringt mit niedrigem Gebahren Und wessen Herz gemeiner Regung Beute, Straft ihn mit Haß und Schande, Wenn anders Frauenseelen Für Männer glühn, nicht Weiber sich erwählen. Wehrloser Söhne Mütter Zu heißen, dünk' euch Schimpf. Lehrt eure Brut Trotz aller Leiden nach der Tugend trachten, Und was die jämmerliche Zeit an Flitter Und eitlem Tande liebt und ehrt, verachten. Weiht sie dem Vaterland mit hohem Muth Und heißt sie dankerfüllt der Väter denken. So von den Heldensagen Der Ahnen stets umklungen Wuchs einst heran der Sparter junge Schaar, Bis dann die Gattin mit dem Schwert den jungen Gemahl umgürtet; bald vielleicht mit Klagen Hüllt sie ihr schwarzes Haar Um seine nackten Glieder, Kehrt er im wohlbewahrten Schild ihr wieder. Ach, deine zarten Wangen, Virginia, kos'te noch mit Zaubermacht Die Götterhand der Schönheit. Da erglühte, Voll Grimm, daß du verachtet sein Verlangen, Roms wilder Herr. Schön warst du, in der Blüte Der holden Zeit, die lieblich träumen macht, Als deines Vater Stahl den schneeigen Busen Zerrissen aus Erbarmen Und du zum Styx hinab Freiwillig schrittst. Eh' soll mir Greisenschwäche Die Glieder lösen, Vater, eh' empfange Das Grab mich, sprach sie, eh' mich zu umarmen Sich der Tyrann erfreche! Und wenn aus dieser Noth Mein Blut euch retten kann, gieb mir den Tod! Hochherz'ge, wohl erglänzte Noch eine schön're Sonne deinen Tagen, Als heut; und doch nicht trostverlassen war Das Grab, das dir dein Vaterland bekränzte Mit tausend Thränen. Siehe, wie die Schaar Der Remusenkel sich mit wilder Klage Um deine Leiche drängt, wie des Tyrannen Haupthaar in Staub gerissen, Und Freiheit neu entzündet Die stumpfen Seelen. Wie ein breiter Strom Braus't Latiums Macht und hat ihr Reich gegründet Von Wüstenglut zu Nordens Finsternissen. So ist das ew'ge Rom Aus trägen Schlummers Banden Durch eines Weibes Opfer neu erstanden. V. Auf einen Sieger im Ballonspiel. (1824.) Des Ruhmes Antlitz, seinen frohen Ruf Erkenne, wackrer Knabe, Und wie viel herrlicher als weibische Muße Der Schweiß der Tugend. Labe dich, o labe Dein Herz am Hochsinn (fühlst du den Beruf, Den Namen aus der Zeiten trübem Flusse Durch edle That zu retten) und erhebe Den Geist zu stolzem Wunsch. Dir jauchzte freudig Kampfbahn und Circus, und zu Heldentugend Spornt dich des Volkes Gunst. Es will das theure Land deiner Väter, stolz auf deine Jugend, In deinem edlen Streben Die alten Muster sehn sich neu beleben. Nicht mit Barbarenblut bei Marathon Färbte sich nur den Finger, Wer stumpfen Blicks in Elis auf die Glut Der Rennbahn schaut' und auf die nackten Ringer, Und wem des Kranzes holder Siegeslohn Das Herz nicht hob. In des Alpheus Flut Wusch sieggekrönter Rosse Mähn und Weichen Vom Staube Mancher rein, der dann mit Macht Das Griechenbanner und das Griechenschwert Führt' in der Meder Reih'n, die schreckensbleichen, Und in die Flucht sie schlug, daß durch die Nacht Der Jammerruf erklang An Euphrats Bucht und Asiens Strand entlang, Doch ist's nicht fruchtlos, den erloschnen Brand Der alten Thatenlust Neu anzufachen? die darniederlagen, Die Lebensgeister in der kranken Brust Neu zu beleben? War nicht Spiel und Tand Das Thun der Sterblichen, seit Phöbus' Wagen Trübselig hinrollt, und ist minder eitel Wahrheit, als Lüge? Gab uns doch Natur Zum Trost nur holden Wahn, der uns beglückt, Und Schattenbilder. Wo des Siegers Scheitel Kein Kranz zum Lohn des kühnen Wagens schmückt, Lebt trägt und dumpf umnachtet Ein Volk, das einst dem Ruhme nachgetrachtet, Wer weiß wie bald wird auf den Trümmerstätten Italischen Ruhms der Hirt Die Rinder weiden und der Pflug die Gipfel Der sieben Hügel furchen. Bauen wird Nach kurzen Jahren schon in Latiums Städten Der schlaue Fuchs und mit dem dunklen Wipfel Ein Hochwald rauschen zwischen öden Mauern, Wenn das Geschick nicht jener unheilvollen Vergessenheit des Vaterlandes steuert Im tief verkommnen Volk, wenn nicht mit Trauern Gedenkend, welch ein Muth uns einst befeuert, Der Himmel noch in Gnaden Dem dräu'nden Unheil wehrt sich zu entladen. Willst überleben du das arme Land, O Sohn, das dich geboren? Wohl hätte dich Italiens Ruhm verklärt, Als sie den Reif noch trug, den sie verloren Durch uns und das Geschick. Die Zeit entschwand. Wen dünkt heut solche Mutter rühmenswerth? Doch dir zu Liebe richt empor den Muth! Was ist dies Leben werth? Daß wir's verachten, Nur glücklich, wenn, umgeben von Gefahren, Wir es vergessen, nicht die träge Flut Der faulen Zeit und ihre Noth gewahren; Nur glücklich, wer, schon nah Dem Lethestrom, das Licht noch wiedersah. VI. Der jüngere Brutus. (1824.) Als hingesunken lag in Thraciens Staube, Ein weites Trümmerfeld, Italiens Kraft, und das Geschick beschloß, Daß nun Hesperiens grüne Fluren und Des Tiber Ufer das Barbarenroß Zerstampfen sollt' und aus den nackten Wäldern Im Bann der eis'gen Bärin Das Gothenschwert vorbrechen und die Mauern Des stolzen Roms zerschmettern: Da saß, mit Schweiß benetzt und Bruderblut, Brutus in düstrer Nacht auf öder Stätte, Zum Tod entschlossen schon, und mit den Göttern, Den mitleidslosen, grollend, Erschüttert seine Stimme Umsonst die müde Luft in trotz'gem Grimme: O thör'ge Tugend, nur die leeren Nebel, Das Reich unstäter Schatten Sind deine Schule; hinter deinen Fersen Folgt bald die Reue nach. Euch Marmorgöttern – Ob ihr nun wohnt am Phlegethon, ob über Den Wolken droben – dünkt nur Hohnes werth Das klägliche Geschlecht, Von dem ihr Tempel heischt, dem ihr ein trüglich Gesetz wollt auferlegen. So also reizt der Menschen Frömmigkeit Den Haß der Götter? So als Hort der Bösen Thronst du, o Zeus? Und wenn Gewitterregen Die Luft durchrauscht und Donner Ras't mit dem Blitz zumal, Triffst du der Frommen Haupt mit heil'gem Strahl? Ein unbezwinglich Schicksal, eine eh'rne Nothwendigkeit bedrückt Des Todes kranke Sklaven. Wenn sie Nichts Erretten kann, getröstet sich die Menge: So sei's verhängt. – Ist minder hart ein Leid, Weil unabwendbar? Fühlt die Schmerzen nicht, Wer jeder Hoffnung baar ist? In ew'gem Kampf mit dir auf Tod und Leben, Unwürd'ges Fatum, liegt, Wer sich nicht beugen mag; und deine Hand Abschüttelnd, wenn sie ihn gewaltsam trifft, Ruft er Triumph, indem er unterliegt, Wenn mit dem herben Stahl Er lös't die stolzen Glieder Und lachend wandelt zu den Schatten nieder. Mißfällig ist den Göttern, wer gewaltsam Des Hades Pforte stürmt. Wär' auch ein weichlich Götterherz so kühn? Hat sich vielleicht der Himmel unsre Trübsal, All unser Herzeleid und herbes Müh'n Zu seiner Muße Kurzweil auserkoren? Kein Dasein voller Plagen, Ein Leben frei und rein in Wald und Feld Hat uns Natur gegeben, Die göttlich einst geherrscht. Und jetzt, da rings Gottloser Brauch verdrängt die sel'gen Zeiten, Darf da der Eigenmacht Natur den Stolzen zeih'n, Der von sich wirft ein Leben voller Pein? Von Schuld nichts wissend, noch vom eignen Elend Führt sanft ein spätes Alter Die ahnungslose Thierwelt einem schnellen Verscheiden zu. Doch triebe sie Verzweiflung, An rauhem Stamm die Stirn sich zu zerschellen, Vom schroffen Fels sich stürzend ihr zerschmettert Gebein umherzustreuen, Die arme Wohlthat würde kein geheimes Gesetz dem Thier versagen, Kein trüber Wahngedanke. Ihr von allen Beseelten Wesen, ihr Prometheussöhne, Fühlt Ueberdruß, das Dasein zu ertragen; Und euch nur, wenn die Parze Verzögert ihre Gnade, Wehrt Zeus zur Unterwelt die stillen Pfade! Nun steigst du aus dem Meer, das unser Blut Gefärbt, du klarer Mond, Die ruhelose Nacht, das Feld zu grüßen, Das der ausonischen Kraft verderblich ward. Der Sieger tritt verwandte Brust mit Füßen, Die Hügel beben, von der Höhe stürzt Das alte Rom in Trümmer – Und du bleibst still und klar? Du sahst Lavinia's Geschlecht entstehn, die Zeit Des Glückes sahst du und die stolzen Lorbeern. Und doch unwandelbar in stummem Glanz Wirst du herabschau'n, wenn in Schmach und Leid Italien Knechtschaft duldet Und diese öden Stätten Vor fremden Horden Nichts mehr kann erretten. Das Raubthier im Geklüft, im grünen Laube Der Vogel, deren Brust Voll ahnungsloser Dumpfheit, wissen nimmer, Wie tiefer Sturz das Schicksal einer Welt Verwandelt hat; und wenn im Morgenschimmer Sich röthen wird des fleiß'gen Landmanns Hütte, Erweckt der Vogel wieder Die Thäler mit Gesang, und in den Klippen Flieht schwächeres Gethier In Todesangst, gescheucht vom wilden Raubthier. Wir eitlen Menschen! Welch armsel'ger Theil Der Welt sind wir! Den blut'gen Boden hier, Die schmerzdurchstöhnten Gründe Wird unser Loos nicht kümmern, Kein Stern um Menschentrübsal matter flimmern. Nicht des Olymp und Hades taube Herrscher, Nicht die unwürd'ge Erde Und nicht die Nacht ruf' ich im Sterben an, Noch auch des dunklen Todes letzten Strahl, Den Spruch der Nachwelt. Feiger Pöbel kann Mit Klag' und Weihgeschenk mein herbes Grab Nicht sänft'gen. Unaufhaltsam Verschlimmert sich die Zeit. Bei trägen Enkeln Ist übel aufgehoben Der Nachruhm edler Seelen und des Unglücks Dereinst'ge Sühne. Kreise denn um mich In gier'gem Flug der dunkle Vogel droben; Raubthier' und Regengüsse Soll'n meine Hülle finden, Und mein Gedächtniß liefr' ich aus den Winden. VII. An den Frühling oder Ueber die Mythen der Alten. (1824.) Nun alle Himmelsunbill Die Sonne sühnt und lauer West gelinde Die kranke Luft belebt, daß fortgescheucht Der Wolken schwerer Schatten niedersinkt, Die Vögel neu dem Winde Die nackte Brust vertrauen und das Licht Mit neuem Liebessehnen, neuer Hoffnung Sogar das Wild auf dunklen Waldespfaden Belebt, wenn kaum der Nebelduft gewichen: Kehrt auch vielleicht zu euch, so grambeladen Und müd, ihr Menschenseelen, Die schöne Zeit, die Unglück und die düstre Fackel der Wahrheit euch So früh zerstört? Sind Phöbus' goldne Strahlen Dem Armen nicht für ew'ge Zeit verdunkelt Und ausgelöscht? Und du auch, Duftender Lenz, willst du die eis'gen Qualen Wegthau'n der Brust, die schon in jungen Tagen Gelernt das herbe Weh des Alters tragen? Lebst du, o lebst du, heil'ge Natur? Lebst du, und ist's der Mutter Sprache, Die lauschend das entwöhnte Ohr vernimmt? Einst wohnten holde Nymphen in den Flüssen, Dort und im klaren Bache Das Antlitz spiegelnd; von geheimen Tänzen Göttlicher Füße bebten Bergeshöh'n Und hohe Wälder, jetzt den Stürmen nur Ein öder Wohnsitz, und der Hirt, im Duft Des Mittags, wenn er durch die blum'ge Flur Zum Fluß die durst'gen Lämmer Hinuntertrieb, vernahm ein helles Lied Des Waldgotts längs dem Ufer, Sah kräuseln sich die Flut Und stand verdutzt, wenn jedem Blick verhüllt Die pfeilbewehrte Göttin Stieg in die lauen Wellen, Staub und Blut Der heißen Jagd vom schneeigen Arm zu spülen Und ihren jungfräulichen Leib zu kühlen. Es lebten einst die Blumen, Es lebte Gras und Busch. Vertraute waren Die Lüfte, Wolken, Titan's hehre Leuchte Dem sterblichen Geschlecht, als über Auen Und Hügeln deinem klaren Gestirn, o Cypria, der Wandrer folgend Mit Sehnsuchtsblicken in der stillen Nacht Dich als Gesellin seiner Fahrt, voll Huld Den Menschen träumte. Wenn, entflohn dem Treiben Der wüsten Städte voller Sünd' und Schuld Und Zwist und roher Schmach, Ein Andrer rauhe Stämme tief im Wald An seinen Busen drückte, Wähnt' er zu fühlen, wie lebend'ges Feuer Blutlosen Stamm durchlodre, wie erbebe In schmerzlicher Umarmung Daphne und Phyllis, wie in immer neuer Wehmuth den Liebling Klymene betrauert, Deß stolzer Sonnentraum so kurz gedauert. Nicht taub für Menschenleid, Ihr starren Felsen, warft ihr Klagetöne Achtlos zurück, als eure bangen Gründe Echo, die einsam Trauernde, bewohnte, Statt leerer Luft Gestöhne Der unglücksel'gen Nymphe irrer Geist, Den Liebesgram und hartes Schicksal bannten Aus zartem Leibe. Durch die hohlen Klüfte, Die nackten Klippen und verlassnen Stätten Erfüllte sie des Aethers hohe Lüfte Mit unsern Wehelauten, Die sie verstand. Und du galtst in der Sage Als aller Menschenloose Wohlkundig, süßer Vogel, der du immer Den jungen Lenz im laubigen Wald begrüßest, Und wenn die Fluren schliefen In stummer, dunkler Nacht, schienst du zu klagen Um alte Nöthe, ruchlos wilden Haß Und diese Zeit, von Zorn und Kummer blaß. Doch nicht verwandt dem unsern Ist dein Geschlecht, nicht Schmerz entlockt dir alle Die süßen Weisen; frei von jeder Schuld Wohnst du im dunklen Wald, uns minder theuer. Ach, da nun leer die Halle Des ragenden Olymp und blind der Donner Hinrollend durch die wolkendunklen Berge Ruchlose Seelen gleich den reinen schreckt Mit kaltem Grausen; da die Heimathflur, Fremd und nichts wissend von den eignen Kindern, Sie auferzieht zur Trübsal: Leih du ein Ohr den Sorgen der vom Schicksal Bedrängten Menschenkinder, Holde Natur, und hauch die alte Glut Zurück in meinen Geist, wenn du beseelt bist, Wenn Etwas lebt im Himmel, Auf blumiger Erde, in des Meeres Flut, Was alle Qual, die wir erdulden müssen, Zwar nicht bedauern mag, doch darum wissen. VIII. Hymnus an die Patriarchen oder von den Anfängen des Menschengeschlechts. (1824.) Von euch, der Menschheit hocherlauchten Vätern, Soll der Gesang der schmerzgeweihten Söhne Mit Preis ertönen, die ihr so viel theurer Dem Lenker der Gestirne war't und minder Beweinenswerth, als wir, zum hehren Licht Emporgeblickt. Unheilbar Unglück, das Die armen Menschen traf: geboren werden Zum Weinen und das Licht des Äthers freudig Vertauschen mit der ew'gen Grabesnacht, – Nicht hat's die milde und gerechte Satzung Des Himmels euch verhängt. Wenn von der Sünde, Die alle Menschenkinder der Gewalt Der Seuchen und des Elends überliefert, Die alte Sage spricht: noch ärgre Sünden Der Sterblichen, ihr ruheloser Geist Und schlimmrer Wahnsinn waffneten wider sie Die Rache des Olympos und die Hand Der lang vergessnen Nährerin Natur. Da ward verleidet uns die Lebensflamme, Verabscheut jede Neugeburt, und wüthend Brach in die Welt herein der Erebus. Du sahst zuerst den Tag, die Purpurfackeln Der kreisenden Gestirne und die jungen Thiere des Feldes weiden, alter Führer Und Vater du der menschlichen Familie, Sahst auf den frischen Au'n die Lüfte spielen, Und wie herniederstürzend Alpenflut An Felsenwänd' und öde Thäler schlug Mit unerhörtem Schall, wie auf den heitern Zukünft'gen Stätten hochberühmter Völker Und lärmerfüllter Städte noch ein tief Verborgner Frieden herrscht' und stumm und einsam Der Strahl der Sonne und des goldnen Monds Erklomm die ungepflügten Höh'n. O sel'ge, Von Schuld und finstrem Schicksal unberührte Welteinsamkeit! O wie viel bittres Leid, Welch ungeheure Kette von Geschicken Bereiten, armer Vater, deinen Kindern Die ew'gen Mächte! Siehe, Blut besudelt Und Brudergräuel nun zum ersten Mal Die kargen Fluren, und die Lüfte hören Zuerst der Todesfittiche schaurig Schwirren. Der Brudermörder, bebend, heimathlos, Einsame Schatten meidend und der Winde Geheimes Grollen durch die tiefen Wälder, Erbaut zuerst Stadthäuser, bleicher Sorgen Wohnsitz und Herrschgebiet; zuerst vereinigt Verzweiflungsvolle Reue, krank und stöhnend, Die blinden Sterblichen und bietet ihnen Gesellige Zufluchtsstätten; nun verschmäht Die Frevlerhand den krummen Pflug; der Schweiß Des Landmanns wird verachtet. Müssiggang Herrscht in des Lasters Haus, die alte Kraft Versiecht im faulen Leibe, Trägheit lähmt Die schlaffen Geister, und der Übel größtes, Knechtschaft, befällt die kampfentwöhnte Menschheit. Und vor des Himmels Wuth und dem Gebrüll Der Meerflut auf den wolkenschweren Berghöh'n Errettest du die sünd'ge Brut, o du, Dem aus der Trübe von umwogten Hügeln Das erste Zeichen neu belebter Hoffnung Die weiße Taube zutrug, da im West, Schiffbrüchig dem Gewölk enttaucht, die Sonne Die schwarze Luft geschmückt mit Iriszauber. Zurückkehrt das gerettete Geschlecht Zur Erd', und neu beginnen böse Lust Und Tück' und Angst ihr Spiel. Der Frevler trotzt Des unnahbaren Meeres Strafgericht Und trägt zu neuen Küsten, neuen Sternen Sein altes Elend hin und seine Thränen. Nun denkt die Seele dein, du Ahn der Frommen, Gerechter, Starker, und der edlen Sprossen Aus deinem Samen. Künden will ich, wie Du Mittags einsam in dem Schatten saßest Der trauten Hütte, an den sanften Ufern, Wo deine Heerde friedlich weidete, Und dich beglückte himmlischer Besuch Mit stiller Segensabsicht, und wie dann Beim ländlich schlichten Brunnen, Sohn der klugen Rebekka, Abends in dem holden Thal Von Haran, das von frohen Hirtenspielen Belebt war, Liebe dich ergriffen hat Zur schönen Tochter Laban's, Liebe, die Unwiderstehlich langer Arbeit, langer Verbannung und verhaßtem Joch der Knechtschaft Die tapfre Seele willig unterwarf. Gewiß war einst – und nicht mit leerem Wahn Nährt der aonische Sang und alte Sage Das horchbegierige Volk – gewiß war einst Befreundet unserm Stamm und lieb und traulich Dies Jammerthal, und unser elend Leben Floß golden hin. Nicht daß in lautrer Welle Milch aus dem Spalt der heimathlichen Felsen Gequollen wär', und daß der Hirt den Tiger Der Heerde zugesellt, zum trauten Pferch, Zu munterm Spiel den Wolf zur Tränke führend. Doch arglos unbekannt mit ihrem Schicksal Und ihren Leiden allen, mühlos lebten Die Menschenkinder hin; der weiche Schleier Des holden Irrthums und der Täuschung hüllte Noch des Geschicks und der Natur geheime Gesetze freundlich ein, und hoffnungsfroh Glitt in den Hafen unser sanftes Schiff. So lebt in Californiens weiten Wäldern Ein glückliches Geschlecht, dem bleiche Sorge Noch nicht das Herzblut saugt, noch grimmes Siechthum Die Glieder bändigt. Speise beut der Forst, Wohnung die tiefe Felskluft, Wasser spendet Der Bach im Thal, und unerwartet bricht Der finstre Tod herein. O warum seid ihr So wehrlos gegen unsre frevle Kühnheit, Ihr Reiche der Natur! Allmächtig stürmt In eure Küsten, Höhlen, Wälder unsre Habgier'ge Wuth herein, erzieht die Völker, Die sie entehrt, zu unbekannten Leiden Und neuen Lüsten nur und scheucht den nackten Flüchtling, das Glück, bis in den fernsten Westen. IX. Sappho's letzter Gesang. (1824.) Du sanfte Nacht und du, verschämter Strahl Des späten Monds, und du dort überm Felsen Aufglänzend aus des Waldes stummen Wipfeln, Du Tagesbote, die ihr meinen Augen, Eh' ich das Schicksal kannt' und die Erinnys, So lieb und hold erschient: nun tröstet nimmer Ein wonnig Schauspiel mein verzweifelnd Herz! Nur dann belebt mich langentwöhnte Freude, Wenn durch den Aether schwimmend und die Fluren, Die bang erzittern, sich der Strom des Südwinds Mit Wogen Staubes wälzt, und wenn der Wagen, Zeus' schwerer Wagen über unsern Häuptern Hindonnernd durch die finstern Lüfte fährt. Durch Klippen nur und tiefe Klüfte möcht' ich In Wetterwolken wandeln; mich ergötzt Erschreckter Heerden Flucht, das dumpfe Brausen Der hochgeschwellten Flut Am schwanken Ufer und der Wellen Wuth. Schön ist dein Kleid, erhabner Himmel; schön Bist du, thaufrische Erde. Ach, von aller Endlosen Schöne nicht den kleinsten Theil Verliehn die Götter und das tückische Schicksal Der armen Sappho. Ein verachteter Und läst'ger Gast in deinem stolzen Reiche, Natur, hebt die verschmähte Liebende Umsonst zu deinen Reizen Herz und Augen Um Hülfe flehend auf. Mir lacht nicht mehr Der sonnige Strand, der morgendliche Glanz Am Himmelsthor; mich grüßt nicht der Gesang Der buntgefiederten Vögel, nicht das Rauschen Der Buchenwipfel; und wo unterm Schatten Der Hängeweiden seinen reinen Schooß Der klare Bach erschließt, entzieht er meinem Unsichern Fuße die geschmeid'gen Wellen, Als wär' ich ihm verhaßt, Und flieht am blüh'nden Ufer hin in Hast. Welch ein Vergehn, welch arge Missethat Hat mich befleckt vor der Geburt, daß mich Der Himmel und das Glück so finster ansehn? Was frevelt' ich als Kind schon, wo das Leben Noch Nichts von Sünde weiß, daß so beraubt Der Jugend, so entblättert durch die Spindel Der unerbittlichen Parze, meine Blüte Verdorren muß? Ach, unbedachte Worte Spricht deine Lippe! Unsre Loose lenkt Geheimer Schicksalsschluß. Geheim ist Alles, Nur unser Schmerz nicht. Ausgesetzte Kinder, Zum Weinen nur geboren; das Warum Ruht in der Götter Schooß. O Sorg' und Hoffnung Der grünen Jugend! Nur der äußern Bildung, Dem holden Schein nur gab der Vater Macht Über die Menschen; manneswürd'ge Thaten, Gesang und Geistesfülle – Was frommen sie in reizlos schlichter Hülle? So sterb' ich denn! Sein schlechtes Kleid abstreifend Soll nackt mein Geist hinab zum Hades flüchten Und sühnen so die harte Schuld des Himmels, Der blind das Loos vertheilt. Und du, an den Mich lang vergebne Liebe, langes Hoffen Geknüpft und ungestillter Sehnsucht Wahnsinn, Du lebe glücklich, wenn ein Sterblicher Je glücklich lebte! Nicht den süßen Saft Aus seinem kargen Faß will Zeus mir gönnen, Nachdem mir alle Täuschungen und Träume Der Jugend hingeschwunden. Jeder frohste Tag unsres Lebens muß am schnellsten fliehn. Krankheit beschleicht uns, Alter und der Schatten Des eis'gen Todes. Siehe nun, von allen Erhofften Palmen, allem Freudenwahn Bleibt nur der Abgrund, und der tapfre Geist Verfällt des Hades Macht, Dem Reich das Schweigens und der düstern Nacht. X. Die erste Liebe. (1831.) Ich weiß den Tag, da ich zum ersten Mal Den Kampf der Liebe stritt und zu mir sprach: Ist das die Liebe, weh, wie schafft sie Qual! Am Boden haftete der Blick, doch ach, Ich sah nur Sie, die mit unschuld'gem Triebe Zuerst sich Bahn zu diesem Herzen brach. Wie schlimm mißhandelt hast du mich, o Liebe! Warum nur stürzt uns diese süße Lust In solcher Schmerzen sehnliches Getriebe! Nicht sanft, nicht heiter ward ich mir bewußt Der neuen Macht. Sie kam mit Weh und Klagen Und schnürte mir mit dunkler Angst die Brust. Sprich, zärtlich Herz, was machte dich verzagen, Was bebtest du so tief vor dem Gedanken, Der aller Wonnen Preis davongetragen? Bei dem Gedanken, der sich ohne Wanken Dir Tags gesellt' und Nachts dir raunte zu Süßschmeichelnd, wenn in Schlaf die Fluren sanken? In Unruh', Glück und Jammer stürmtest du Lautpochend fort und fort an dein Gefängniß Und scheuchtest mir von meinem Pfühl die Ruh'. Und wenn ich, matt von glühender Bedrängniß, Die Augen schloß zum Schlummer, o wie bald Verstört' ihn, wie im Fieber, Traumesbängniß! Wie leibhaft stand die reizende Gestalt Im Finstern da, und ob ich auch die Lider Zudrückte, sie erblickt' ich tausendfalt. Wie floß mit süßem Grau'n durch meine Glieder Verworrne Glut, wie wogten ohne Stocken Gedanken durch den Geist mir auf und nieder. So fährt ein Zephyr durch die dichten Locken Des alten Waldes, im Vorüberschweben Ihm lange, bange Klagen zu entlocken. Und da ich schweigend stand, wehrlos ergeben, Was sagtest du, o Herz, als sie nun ging, Um die in tiefer Noth du solltest beben? Kaum, daß ich völlig an zu lodern fing, So war des Lüftchens linder Hauch entschwunden, Durch das ich Kühlung meiner Glut empfing. Wach lag ich noch in frühen Morgenstunden, Da stampfend schon an unsres Hauses Thor Die Räuber meines Glücks, die Rosse stunden. Und ich, verzagt und stumm, ein blöder Thor, Hielt zum Balcon hin in den Finsternissen Umsonst mein Aug' und mein begierig Ohr, Ob ich noch einmal, eh' sie würd' entrissen, Die Stimme hörte, die geliebte, traute, Die Stimme nur! Mehr sollt' ich ewig missen. Doch immer trafen nur gemeine Laute Mein zweifelnd Ohr; ein Frösteln fiel mich an, Indeß ich kaum zu athmen mir getraute. Und als die theure Stimme endlich dann Mir an die Seele drang und von den Rossen Und Rädern schlug der Lärm zu mir hinan, Da, nun verwais't, die Augen fest geschlossen, Vergrub im Pfühl ich zuckend mein Gesicht, Die Hand aufs Herz gepreßt, in Gram zerflossen. Dann wankend unter meines Grams Gewicht Schleppt' ich mich dumpf durchs schweigende Gemach Und sprach: Was nun auch kommt, es rührt dich nicht! Und bitterlich ward die Erinnrung wach In meiner Brust, für jedes Bild verschlossen, Für jede Stimme, die zum Herzen sprach. Ein öder Schmerz war über mich ergossen, Wie wenn der Regen weit und breit ins Land Herniederrieselt, traurig und verdrossen. Noch hatt' ich dich, o Liebe, nicht gekannt, Und achtzehn Sommer lebt' ich bis zum Tage, Wo ich mit Thränen deine Macht empfand. Entwerthet war mir wie mit einem Schlage Jedwede Lust, die heil'ge Morgenfrühe, Der Sterne Glanz, des Frühlings Blütenhage. Ich fühlte, wie die Sehnsucht selbst verglühe Nach Ruhm, von der so heiß mein Busen brannte; Nur Schönheit noch erschien mir werth der Mühe. Nicht mehr zu den vertrauten Büchern wandte Sich Aug' und Sinn. Leer schien mir auf einmal, Was ich zuvor als einzig werth erkannte. Wie hatt' ich mich verwandelt! ach, wie stahl Die neue Leidenschaft mein Herz der alten! Traun, eitle Menschen sind wir allzumal. Nur noch mein Herz gefiel mir, Zwiesprach halten Mit ihm, in ew'ge Träumerei begraben, Und meinen Kummer hüten vorm Erkalten. Nichts wollte mehr der Blick zu schauen haben, Ob schön, ob häßlich; in sich selbst gekehrt, Am eignen Licht nur wollt' er sich erlaben; Aus Furcht, das reine Bild, so keusch verklärt, Getrübt zu sehn im Spiegel meiner Brust, Wie Seeflut, über die ein Lüftchen fährt. Und jene Reue, daß ich nicht gewußt Voll auszukosten, was so schön und gut, Sie, die Vergifterin entschwundner Lust, Trieb ihren Dorn mir rastlos in das Blut Im Rückgedenken; ob auch noch die Pein Der Schuld nicht an mir nagt' in wilder Glut. Euch, edle Seelen, dir, du Sonnenschein, Schwör' ich's: kein niedrer Wunsch hat mich verzehrt; Die Glut in mir war sündelos und rein. Und noch wird diese Flamme fortgenährt, Noch lebt das schöne Bild in meiner Seele, Und ob sie nur ein Traumglück mir gewährt – Sie bleibt der Trost, den ich allein erwähle! XI. Die Blauamsel. (1836.) Herab von jenes alten Thurmes Zinne Singst du ins Feld hinaus, einsamer Vogel, Und erst des Tags Verscheiden macht dich stumm. Der süße Wohllaut schweift durch dieses Thal; In Lüften glänzt ringsum Der Lenz und zieht frohlockend durch die Fluren, Daß uns der Anblick zärtlich rührt die Brust. Du hörst die Schafe blöken, Rinder brüllen, Die andern frohen Vögel um die Wette In tausend Kreisen schwärmen unterm Himmel, Frohlockend dieser Zeit, der lustgeweihten. Du blickst von fern nachdenklich ins Getümmel; Nicht an Gefährten, Flügen Und heiterm Spiel magst du Gefallen finden. Du singst, – und so entschwinden Dir deine wie des Jahres Blütezeiten. Wie ähnlich, ach, verrinnt Mein Tag dem deinen! Muntrer Scherz und Lachen, Die stets der Jugendzeit Gespielen sind, Und du, der Jugend holde Schwester, Liebe, Du bittrer Seufzer unsrer reifern Tage, Mich rührt ihr nicht; warum? ich weiß es nicht; Ja, euch entflöh' ich gerne. Fast allen Menschen ferne, Fremd meinem Heimathort, Seh' ich, wie meines Lebens Lenz verstreicht. Sie pflegen diesen Tag, der nun sich neigt, In unserm Städtchen festlich zu begehn. Horch, wie durch klare Luft das Glöckchen tönt, Horch, wie dazwischen oft aus Eisenröhren Ein Donnern fern von Haus zu Haus erdröhnt. Des Ortes Jugend heut In ihren Feierkleidern Verläßt die Häuser, wandelt hier- und dorthin Und schaut und läßt sich schau'n und ist vergnügt. Ich geh' in Einsamkeit Hinaus hier diesen abgelegnen Pfad. Ach, alle Lust und Freude Vertag' ich auf die Zukunft, und indeß ich Den Blick ins Helle lenke, Trifft mich die Sonne, die von fernen Bergen So klar herübersieht Und scheidend mir zu sagen scheint: gedenke, Wie bald die sel'ge Jugendzeit entflieht. Du, einsam Vögelchen, wenn sich zum Abend Das Leben neigt, das dir die Sterne gönnen, Wirst nicht beklagen dies Dein stilles Dasein; denn aus der Natur Blüht euch all euer Glück. Doch ich – läßt mein Geschick Mich zur verhaßten Schwelle Des Greisenthums gelangen, Wo diesen Augen, stumm für fremde Herzen, Die Welt verödet dünkt, der nächste Tag Noch trauriger, als alle, die vergangen – Wie wird mir diese Zeit, Einsam versäumt, wie werd' ich selbst mir scheinen? In Reue werd' ich weinen Und ach, umsonst zur Jugend heimverlangen. XII. Das Unendliche. (1831.) Lieb war mir immer dieser kahle Hügel Und diese Hecke, die dem Blick so Viel Vom fernsten Horizont zu schau'n verwehrt. Und wenn ich sitz' und um mich blicke, träum' ich, Endlose Weiten, übermenschlich Schweigen Und allertiefste Ruhe herrsche dort Jenseits der niedern Schranke, und das Herz Erschauert mir vor Grau'n. Und hör' ich dann Den Wind erbrausen im Gezweig, vergleich' ich Die grenzenlose Stille dort, und hier Die laute Stimme; und des Ew'gen denk' ich, Der todten Zeiten und der gegenwärt'gen Lebend'gen Zeit und ihres Lärms. Und so Im uferlosen All versinkt mein Geist, Und süß ist mir's, in diesem Meer zu scheitern. XIII. Am Abend eines Festtages. (1831.) So mild und hell und windstill ist die Nacht, Und ruhig über Dächer hin und Gärten Schwebt dort der Mond und zeigt auch in der Ferne Klar jeden Bergesgipfel. O Geliebte, Nun sind die Gassen stumm, nur aus den Fenstern Schimmert noch hie und da die nächt'ge Lampe. Du schläfst; denn deiner harrt' ein leichter Schlummer Im lauschigen Gemach, und keine Sorge Nagt dir am Herzen. Ach, du weißt, du ahnst nicht, Welch eine Wunde meiner Brust du schlugst. Du schläfst; ich tret' ans Fenster, diesen Himmel, Der mir so gütig lächelt, zu begrüßen Und die Natur, die alte, allgewalt'ge, Die mich erschuf zum Leiden. Dir versag' ich Die Hoffnung, sprach sie, selbst die Hoffnung. Dir Soll nie das Auge glänzen, als von Thränen. – Dies war ein Feiertag; von Spiel und Kurzweil Ruhst du nun aus und denkst vielleicht im Traum An Alle, denen heute du gefielst Und die dir selbst gefielen. Ich – nie hofft' ich's – Bin unter Diesen nicht. Indessen frag' ich, Wie lang dies Leben währt, und hier zu Boden Werf' ich mich stöhnend. Fürchterliche Tage In solcher Jugend! Unfern auf der Straße Kann ich den einsamen Gesang vernehmen Des Tagelöhners, der in später Nacht Heimkehrt vom Fest in seine arme Hütte, Und heftig schnürt sich mir das Herz zusammen, Denk' ich, wie Alles in der Welt vergeht Und kaum noch Spuren läßt. Verflogen ist Der Festtag, und dem Feiertage folgt Der Werkeltag, und so entführt die Zeit Ein jedes Menschenloos. Wo ist nun hin Der Ruf der alten Völker? Wo die Stimme Unsrer erlauchten Ahnen und das Weltreich Des großen Rom, die Waffen und das Tosen, Das einst erschollen über Land und Meer? Alles ist Ruh' und Frieden, stille liegt Die weite Welt, und Niemand spricht von Jenen. In meiner Jugendzeit, da noch mit Sehnsucht Den Festtag ich erharrte, wenn er dann Vergangen war, lag ich in Schmerzen wach Auf meinem Bette; und in später Nacht Ein Lied, das mir heraufklang von der Straße Und sich entfernend nach und nach erstarb – Ganz so wie heut beklemmte mir's das Herz! XIV. An den Mond. (1831.) O lieblichklarer Mond, ich denke dran, Wie ich, nun wird's ein Jahr, von diesem Hügel, Das Herz voll Schwermuth, zu dir aufgeblickt. Du schwebtest damals über jenem Walde Ganz so wie heut, wo du ihn voll verklärst; Doch nebelhaft und zitternd, da von Thränen Die Wimper überquoll, erschien dein Bild Damals vor meinem Blick; denn leidvoll war Mein Leben, wie noch heut und alle Zeit, O mein geliebter Mond. Und doch erfreut mich Erinnrung; denn ich zähle gern, wie alt Mein Kummer wird. O wie so reizend ist's, In jungen Jahren, wo die Bahn der Hoffnung Noch lang und kurz nur des Erinnerns Pfad, Zurückzudenken an vergangne Dinge, Selbst wenn sie trüb sind und das Leid noch währt! XV. Der Traum. (1831.) Noch frühe war's. Durch die geschlossnen Läden Stahl über den Balcon der erste Schein Des Morgenroths sich in mein dunkles Zimmer. Da, um die Zeit, wo leichter schon und süßer Der Schlummer uns die Wimpern überschattet, Stand plötzlich neben mir und sah mich an Das Bildniß Jener, die zuerst mich Liebe Gelehrt und dann in Thränen mich verlassen. Nicht todt, nur traurig schien sie mir, das Antlitz Verwandelt wie von schwerem Leid. Die Rechte Bewegte sie nach meinem Haupt und sprach Mit Seufzen: Lebst du und gedenkst noch irgend An mich? – Woher, entgegnet' ich, und wie Kommst du, geliebte Schönheit? Ach, wie trug ich, Wie trag' ich Leid um dich, und glaubte nicht, Du könnest darum wissen, und mein Schmerz Ward ärmer nur an Trost durch diesen Wahn. Doch willst du nun mich abermals verlassen? Ich fürcht' es sehr. O sage, wie erging dir's? Bist du noch, die du warst? Und was bekümmert Die Seele dir? – Vergessenheit umnachtet Deine Gedanken, und der Schlaf umhüllt sie, Sprach Jene. Ich bin todt. Du schautest mich Zum letzten Mal vor Monden. – Bei den Worten Drang ein unendlich Weh durch meine Brust. Und sie fuhr fort: Im Flor der Jahre starb ich, Wo Leben uns am süßesten, und eh' noch Das Herz begriffen, wie so völlig eitel Der Menschen Hoffnung. Den herbeizuwünschen, Der ihn erlös't von allem Leid, wie liegt's Dem kranken Menschen nah! Doch trostlos naht Der Tod der Jugend, und ein hartes Schicksal Ereilt die Hoffnung, die im Grab erlischt. Nicht frommt's zu wissen, was Natur verbirgt Den Neulingen im Leben; und um Vieles Ist unerfahrner Weisheit vorzuziehn Der blinde Schmerz. – O Unglücksel'ge, Theure, O schweige, rief ich, schweige! Deine Worte Zerreißen mir das Herz. So bist du wirklich Todt, o Geliebte, und ich leb', und so War es verhängt, daß dieser theure Leib, Der zärtliche, im bangen Todesschweiß Vergehen sollt' und ich behielte diese Elende Hülle? Ach, so oft ich auch Bedenke, daß du nicht mehr lebst und ich Nie in der Welt dich werde wiederfinden, Nie kann ich's glauben! Wehe mir! was ist Das Wesen, das man Tod nennt? Heut einmal Könnt' ich's erfahren und mein wehrlos Haupt Dem grimmen Hasse des Geschicks entziehn. Jung bin ich noch, doch schwindet und verzehrt sich Mein junges Leben wie ein Greisenthum, Vor dem mir graut, obwohl mirs noch so fern. Doch kaum vom Greisenalter unterscheidet Sich meine Blütezeit. – Zum Weinen wurden Wir Zwei geboren, sprach sie. Unserm Leben Hat nie das Glück gelacht; der Himmel freute Sich unsrer Qual. – Wenn denn das Aug' von Thränen, Sprach ich, von Blässe das Gesicht verschleiert Um deines Scheidens willen und das Herz Mir schwer von Angst ist, sage mir: hat je Von Lieb' ein Funken oder Mitleid gegen Den armen Liebenden dein Herz bewegt, So lang du lebtest? In Verzweiflung damals, Dann wieder hoffend lebt' ich Tag' und Nächte; Am leeren Zweifel müdet heut die Seele Sich ab. Drum wenn auch nur ein einzig Mal Du Leid gefühlt um mein verdüstert Leben, Verbirg mir's nicht, ich flehe, und Erinnrung, Jetzt da die Zukunft unserm Leben fehlt, Sei mir ein Trost. Und sie: Getröste dich, Unglücklicher! Ich war an Mitleid nie Dir karg, so lang ich lebte, noch auch jetzt; Denn elend war auch ich. Beklage nicht Dies unglückseligste von allen Mädchen. – Bei unsern Leiden, bei der heißen Liebe, Die in mir lodert, rief ich, bei dem holden Namen der Jugend, unsrer Tage früh Verlorner Hoffnung, o vergönn es, Theure, Daß ich die Hand dir fassen darf! – Da reichte Sie sanft und traurig sie mir hin. Und als ich Mit Küssen sie bedecke und, erbebend Von bittrem Weh und Wonne, an die Brust, Die wallende, sie drücke, Brust und Antlitz In feuchte Glut getaucht und mir im Halse Die Stimme stockt, wankt schon der Tag vorm Auge. Und sie darauf, in meine Augen zärtlich Die ihren heftend: Freund, vergissest du, Sprach sie, daß ich von jedem Reiz entblößt bin? Und doch umsonst, Unglücklicher, in Liebe Bebst und erglühst du! Aber nun lebwohl; Denn unsre armen Seelen, unsre Körper Sind ewiglich getrennt. Nicht mehr für mich Lebst du und sollst du leben. Deinen Schwur Zerriß das Schicksal. – Da in meiner Angst Aufschreien wollt' ich, und vergehend fast, Die Augen schwer von hoffnungslosen Thränen, Erwacht' ich aus dem Schlaf. Vor meinen Blicken Stand sie noch immer, und noch immer glaubt' ich Ihr Bild zu sehn im schwanken Strahl der Sonne. XVI. Einsames Leben. (1831.) Am frühen Tage, wenn mit Flügelschlagen Die Henne munter im verschlossnen Hause Sich regt und gackert und der Landbewohner Auf den Altan hinaustritt, während zitternd Die Sonnenpfeile durch den Tropfenfall Des Nebels dringen, weckt der Regen mich, Sacht an das Fenster meiner Hütte klopfend. Da steh' ich auf, und jene leichten Wölkchen, Der Vögel erstes Zwitschern und die Frische Der Lüfte segn' ich und die heitren Fluren. Denn euch, der Stadt unsel'ge Mauern, sah ich Nun lang genug und weiß: in euch ist immer Dem Schmerz der Haß gesellt; ach, und in Schmerzen Leb' ich und sterbe so – wohl bald! Nur hier, In diesen Stätten, gönnt Natur, wie karg auch, Ein stilles Mitleid mir, dem sie dereinst So huldvoll sich bewies! Und du auch wendest Vom Unglück ab den Blick; auch du verschmähst Die Armen und Beladnen, o Natur, Und huldigst nur dem Glück. So bleibt im Himmel Kein Freund und auf der Erde keine Zuflucht Dem Unglücksel'gen als ein scharfer Stahl. Zuweilen rast' ich einsam irgendwo Auf einem Hügel, an des Weihers Saum, Von traurigstummen Pflanzen rings umkränzt. Dort, wenn der Mittag sich an Himmel neigt, Spiegelt ihr ruhig Bild die hohe Sonne, Im Winde regt sich weder Halm noch Blatt, Kein Wellchen kräuselt sich, kein Heimchen hörst du, Nicht einen Vogel schwirren im Gezweig; Kein Falter flattert, weit und breit, vernimmst Und siehst du Nichts, was tönt und sich bewegt. Um diese Ufer webt die tiefste Ruhe, Daß fast der Welt und meiner selbst vergessend Ich reglos sitze, ja mir ist, als wären Die Glieder mir gelös't, kein Hauch, kein Fühlen Bewegte sie, und ihre alte Ruhe Verschmölze mit der Stille dieses Orts. O Lieb', o Liebe, wie so weit entflohst du Von dieser Brust, die einst so warm gefühlt, Ja, glühend heiß! Mit seiner kalten Hand Ergriff das Unglück sie, bis sie vereis'te Im Flor der Jahre. Jener Zeit gedenk' ich, Da du mein Herz durchbebtest, jener süßen, Ewig verlornen Zeit, wo sich zuerst Dem jungen Blick der Schauplatz dieser armen, Unsel'gen Welt eröffnet, mit dem Lächeln Des Paradieses. Ach, jungfräulich Hoffen Und süße Sehnsucht macht das Herz des Jünglings Im Busen klopfen, und der arme Mensch Schickt sich zur Arbeit dieses Lebens, wie Zu Tanz und Spiel. Doch kaum, o Liebe, war Ich deiner inne worden, als das Schicksal Mein Leben schon zerbrach, und diesen Augen Nichts mehr geziemt', als für und für zu weinen. Zuweilen nur, wenn auf den Frühlingsfluren, Beim stillen Frühroth, oder wenn im Glanz Der Sonne Dächer, Au'n und Hügel schimmern, Ich eines holden Mädchens Antlitz schaue, Oder so oft ich in der milden Ruhe Der Sommernacht den Schritt, der ziellos schweift, Anhaltend vor des Dorfes kleinen Hütten Das öde Land betrachte, und ein Mädchen, Das noch die Nacht zu ihrer Arbeit nützt, Mit heller Stimme im verlassnen Zimmer Zu singen anhebt: plötzlich klopft mir stürmisch Dies schon versteinte Herz; doch ach, wie bald Sinkt es zurück in seine eh'rne Dumpfheit, Denn allem Süßen fremd ward diese Brust. O holder Mond, bei dessen sanftem Strahl Im Wald die Hasen tanzen, – und der Jäger Schilt dann des Morgens, wenn er alle Fährten Verwirrt und trüglich findet und die Spur Vom Nest des Wildes ablenkt, – sei gegrüßt, Du güt'ge Herrscherin der Nacht! Es gleitet Verhaßt dein Strahl durch Wald und Klippen oder In öde Trümmer auf den Dolch herab Des bleichen Räubers, der gespannten Ohrs Auf das Geräusch der Räder und der Rosse Von ferne lauert, oder auf den Fußtritt Im stillen Hohlweg; plötzlich mit dem Klirren Der Waffen und dem rauhen Ruf der Stimme Und der geschwärzten Larve macht zu Eis er Des Wandrers Herz erstarren, den er blutend Und nackt im Dickicht läßt. Verhaßt begegnet Dein weißes Licht dort in der Städte Gassen Dem feigen Buhler, der entlang den Mauern Der Häuser schleicht und im verstohlnen Schatten Sich hält und plötzlich stehen bleibt, erschreckt Vom Strahle der Laternen und der offnen Balcone. Arger Menschenbrut verhaßt, Wird mir dein Anblick immer lieblich sein In diesen Fluren, wo du Andres nicht Als heitre Hügel, weitgedehnte Felder Dem Auge zeigst. Und dennoch pflegt' ich einst, Obwohl ich schuldlos lebte, deinen zarten Strahl zu verwünschen an bewohnten Stätten, Wenn er dem Blick der Menschen mich verrieth, Menschliche Formen meinem Aug' enthüllte. Nun will ich stets dich preisen, mag ich durch Gewölk dich schwimmen sehen, oder heiter Als Königin des hohen Aetherraumes Zum Thränenthal der Menschen niederblicken. Mich wirst du oft noch schauen, stumm und einsam Durch Wälder irrend und durch grüne Ufer, Oder im Grase sitzend, hochzufrieden, Wenn Kraft und Athem nur zum Seufzen bleibt! XVII. Consalvo. (1836.) Dem Ziele seines Erdenlebens nah Lag nun Consalvo, und der alte Hader Mit seinem Schicksal war gestillt; denn mitten Im fünften Lustrum hing schon das ersehnte Vergessen ihm zu Häupten. Wie seit lange, So lag er auch an seinem Todestage, Verlassen von den liebsten Freunden allen. Bleibt in der Welt kein Freund doch auf die Länge Dem Menschen treu, der sich der Welt verschließt. Doch bei ihm war, von Mitgefühl bewegt, Den Armen, einsam Scheidenden zu trösten, Die immer und allein sein Herz erfüllte, Elvira, allverehrt um ihre Schönheit, Wohl ihrer Macht bewußt, wohl wissend, daß Ein heitrer Blick von ihr, Ein süßes Wort, Ihr tausend Mal und tausend nachgesprochen In treuester Erinnrung, Trost und Nahrung Ihm war in hoffnungsloser Liebesqual, Obwohl sie selbst noch nie ein Wort der Liebe Von ihm vernommen. Sein Gemüth beherrschte, Noch allgewalt'ger als die tiefe Sehnsucht, Geheime Scheu. So sehr zum Kind und Sklaven Macht' ihn das Uebermaß der Leidenschaft. Doch endlich lös'te seiner Zunge Fessel Der Tod; denn als er fühlt' an sichern Zeichen, Daß seines Scheidens Tag gekommen sei, Und sie hinweggehn wollte, fasst' er sie An ihrer weißen Hand mit leisem Druck Und sprach: Du gehst; die Stunde treibt dich fort. Lebwohl, Elvira! Heut wohl seh' ich dich Zum letzten Mal. Nun denn ade! Ich sage Dir Dank für deine Sorg' und Müh', so innig Es nur mein Mund vermag. Ein Höh'rer wird sie Dir lohnen, wenn der Himmel Gutthat lohnt. – Bleich ward die Schöne, und den Busen hob ihr Ein schwerer Seufzer; denn dem Menschen, wär' er Auch nur ein Fremder, schnürt doch stets ein Schmerz Die Brust zusammen, wenn ein Scheidender Für immer Abschied nimmt. Und widersprechen, Verhehlen wollte sie das Nahn des Schicksals Dem Sterbenden. Doch er kam ihrer Rede Zuvor und sagte: Lang ersehnt, du weißt es, Und heiß herbeigewünscht, doch nicht gefürchtet Kommt über mich der Tod, und dieser Tag Des Scheidens dünkt mich froh. Wohl wird mir's schwer, Für immer dich zu lassen. Ach, für immer Scheid' ich von dir! Das Herz zerschneidet mir Dies Wort! Dies Auge soll ich nimmer sehn, Noch deine Stimme hören! Sag, bevor du Auf ewig von mir gehst, Elvira, willst du Nicht einen Kuß mir gönnen? Einen Kuß nur In meinem ganzen Leben? Sterbenden Versagt man keine Bitte. Auch nicht prahlen Kann ich mit dieser Gunst, ich Halberloschner, Dem bald, noch heute, fremde Hand die Lippen Auf ewig schließen wird. – Nach diesem Wort Drückt' er erseufzend seine kalten Lippen Inbrünstig auf der Heißgeliebten Hand. Unschlüssig, in nachdenklicher Geberde Stand erst die Wunderschöne, heftete Den Blick, von tausend Reizen sprühend, fest Auf den des Unglücklichen, drinnen noch Die letzte Thräne glänzte. Und sie bracht' es Nicht übers Herz, die Bitte zu versagen, Sein traurig Scheiden zu verbittern. Mitleid Mit seiner Glut, um die sie wußte, zwang sie. Und jenes Himmelsantlitz, jenen Mund, Nach dem er heiß geschmachtet, der seit Jahren All seinen Träumen sehnlich vorgeschwebt, Sanft nähert' sie dem leidenvollen Antlitz, Das schon erblichen war von Todeswehen, Und drückte Kuß um Kuß, ganz holde Güte Und hohes Mitleid, auf die bangen Lippen Des Liebenden, der vor Entzücken bebte. Wie war dir da? In welchem Licht erschien Nun Leben, Tod und Unglück deinen Augen, Consalvo, kurz vorm Scheiden? Jene Hand Der Theuren, die er noch in seiner hielt, Legt' er aufs Herz, drin schon die letzten Schläge Des Todes und der Liebe zitterten, Und seufzt': Elvira, o Elvira, bin ich Noch auf der Erde? Waren diese Lippen Denn deine Lippen? Drück' ich deine Hand? Ach, ein Gesicht des Jenseits scheint es mir, Ein wesenloser Traum! Wie viel, Elvira, Wie viel dank' ich dem Tode! Nie zuvor War meine Liebe dir verborgen, dir nicht Und keinem Andern; wahre Liebe bleibt Auf Erden nicht verborgen. Sprach sie doch Dir klar genug in Blicken und Geberden Und Mienen; ach, in Worten nie. Und jetzt noch Wär' stumm geblieben dies unendliche Gefühl, das mich beherrscht, hätt' es der Tod, Nicht kühn gemacht. Nun sterb' ich ausgesöhnt Mit meinem Schicksal und beklag' es nimmer, Daß ich das Licht sah. Nicht vergebens lebt' ich, Da mir's gegönnt ward, diesen Mund an meinem Zu fühlen. Nein, vielmehr beseligt dünkt mir Mein Loos. Zwei holde Güter birgt die Welt: Liebe und Tod. Dem einen führt der Himmel Im Jugendflor mich zu; vom Andern ward mir Genug des Glücks zu Theil. Ach, hättst du Einmal, Ein einzig Mal dies lange Sehnen mir Beschwichtigt und gestillt, die Erde wäre Hinfort für immer den bekehrten Augen Ein Paradies erschienen. Selbst das Alter, Das tiefverhasste Greisenalter hätt' ich Gelassnen Muths ertragen; aufrecht hätte Mich stets erhalten eines einzigen Moments Erinnrung, der Gedank': ich war Beglückt vor allen Glücklichen. Doch ach, So hohe Wonne gönnt der Himmel nicht Dem irdischen Geschöpf. So überschwänglich Liebt nicht, wer glücklich liebt. Und gerne drum Hätt' ich mich Henkern überliefert, wäre Zu Geißelung und Rad und glüh'ndem Eisen Geeilt aus deinen Armen und hernach Furchtlos hinabgetaucht in ew'ge Qual. Elvira, o Elvira, selig Der, Sel'ger als alle Götter, dem in Liebe Du je zulächelst! Selig ihm zunächst, Wer dir sein Blut und Leben opfern kann. Es darf, es darf der Mensch – nicht ist's ein Traum, Wie lang ich wähnte, – schon auf Erden darf Er Glück genießen! Jenen Tag erfuhr ich's, Da ich dein Antlitz sah. Wohl sollte dies Mir tödtlich werden. Dennoch hab' ich nie Mit klaren Sinnen, nie in so viel Aengsten Verwünschen können jenen Unheilstag! Du lebe glücklich nun, Geliebte, schmücke Die Welt mit deinem Antlitz. Keiner wird Dich lieben, so wie ich dich liebte. Nie Kehrt solche Liebe wieder. Ach, wie schmerzlich Hat in den langen Jahren dich der arme Consalvo hergewünscht, erseufzt, ersehnt! Wie pflegt' ich bei Elvira's Namen zitternd, Die Brust von Frost durchschauert, zu erblassen, Wenn deine Schwelle gramvoll ich betrat, Bei deiner Engelsstimme, bei dem Anblick Der weißen Stirn, der ich vorm Tod nicht bebe! Doch nun versagt der Athem und das Leben Dem Laut der Liebe. Meine Zeit ist um; Nicht soll ich dieses Tags mich mehr erinnern. Fahrwohl, Elvira! Mit dem Lebensfunken Trennt dein geliebtes Bild sich endlich nun Von meinem Herzen. Lebewohl! Und zürnst du Nicht dieser Liebe, sende morgen, wenn Es Nacht wird, einen Seufzer meiner Bahre! Er schwieg. Nicht lange mehr, und mit der Stimme Schwand sein Bewußtsein; noch vor Abend war Sein erster Glückstag seinem Blick entschwunden. XVIII. An die Geliebte. (1824.) Du Holde, die mein Sehnen Von fern erregt mit tiefverhüllten Zügen, Mich läßt im Traum nur wähnen, Ihr himmlisch Bild zu schauen, Und wenn am schönen Tag In Wonne lachend die Gefilde liegen: Sag, lebtest du dein Leben Schon in der goldnen Zeit, der unschuldsvollen, Um heut uns zu umschweben Als Schatten? Oder hat ein neidisch Walten Des Schicksals dich der Zukunft vorbehalten? Die Hoffnung ist geschwunden, Dich je zu schau'n im Leben; Erst dann vielleicht, wenn hüllenlos mein Geist Nach fremden Stätten einsam wird entschweben Auf neuem Pfad. Schon einst im Morgengrauen Des Erdentags mit ungewissem Scheine Glaubt' ich, auf dieser rauhen Erde sei'st Auch du bestimmt zur Pilgerschaft. Doch fand ich Nichts Irdisches dir ähnlich. Wenn auch Eine Dir glich' an Zügen, an Geberd' und Rede, – An Reiz und Anmuth überträfst du Jede. Wenn unter all den Leiden, Die Sterblichen verhängt sind vom Geschick, Leibhaft und so wie dich mein Geist geträumt Dich Einer liebt' auf Erden, – dieses Leben Wär' ihm ein sel'ges Glück; Ich fühl' es tief: nach Ruhm und Tugend streben Würd' ich aufs Neue, wie in junger Zeit, Um deiner Liebe willen. Jetzt gewährt Der Himmel keine Lindrung meinem Leid. Mit dir vereinigt wäre schon hienieden Ein göttergleiches Dasein mir beschieden. In Thälern, wo das Lied Des fleiß'gen Landmanns hinterm Pflug ertönt, Sitz' ich versenkt in Sehnen Nach meinem Jugendtraum, der nun entflieht. Und fließen auf den Hügeln meine Thränen, Weil meinen Tagen jede Sehnsucht, jede Hoffnung entschwand, – auf einmal, denk' ich dein, Pocht neuerweckt mein Herz. O könnt' ich nur In dieser düstern Zeit voll Schmach und Pein Dein hohes Bild bewahren, das so mild, Obwohl ihm Leben fehlt, die Seele stillt! Bist du vielleicht der ew'gen Ideen eine, der die ew'ge Weisheit Ein sinnliches Gewand nicht wollte geben, Nicht sie in schwacher Hülle Verstoßen in dies todgeweihte Leben? Wie, oder ward zum Wohnort dir ersehen Ein neu Gestirn aus aller Welten Fülle, Wo schöner als die Sonne dich umstrahlt Der nächste Stern und mildre Lüfte wehen? So nimm aus dieser Welt, so leidgetrübt, Das Lied des Unbekannten, der dich liebt! XIX. An den Grafen Carlo Pepoli. (1826.) Den schweren, unruhvollen Schlummer, den Wir Leben nennen, wie erträgst du ihn, Mein Pepoli? An welchen Hoffnungen Stärkst du dein Herz? Was für Gedanken, welche Geschäfte, heiter oder lästig, füllen Die Muße, die, ein mühevolles Erbtheil, Du von den Ahnen überkamst? Das Leben In jedem ird'schen Stand ist immer müssig, Wenn alles Thun und Schaffen, das nicht strebt Nach würd'gen Zielen oder nie den Zweck Erreichen kann, für mehr nicht gelten mag Als eitel Müssiggang. Der fleiß'ge Haufe, Den hinterm Pflug, im Garten, bei den Heerden Das stille Frühroth wie der Abend trifft, Wenn du ihn müssig nennst, da er sein Leben Nur fristet, um zu leben, und dem Menschen Das Leben an sich selber werthlos ist, So sprichst du recht und wahr. Die Tag' und Nächte Verdehnt der Schiffer müssig. Müssiggang Ist all das Schweißvergießen in der Werkstatt, Des Kriegers kühner Wacht- und Waffendienst, Und müssig lebt der geiz'ge Handelsmann. Denn jenes holde Glück, nach dem allein Sich sehnt und strebt die sterbliche Natur, Niemand erwirbt es, weder sich noch Andern, Durch Sorg' und Schweiß, durch Wachen und Gefahr. Doch für die herbe Sehnsucht, die so rastlos Vom Anbeginn der Welt die Sterblichen Nach Glück begehren heißt und stets umsonst, Schuf die Natur als lindernde Arznei Im Elend dieses Lebens mannichfache Nothdurft, die ohne Müh' und Denken nicht Befriedigt werden mag, auf daß der Tag, Kann er nicht fröhlich sein, doch ausgefüllt sei Dem menschlichen Geschlecht und, so gestört Und irrgeleitet, jene Sehnsucht minder Das Herz bestürme. Sehen wir doch auch Die unermessne Thierwelt, der, gleichwie Uns selbst, allein und stets getäuscht die Sehnsucht, Glücklich zu sein, im Innern lebt, auf das Bedacht, was noth zum Leben, minder traurig Als wir und leichter ihre Zeit verbringen Und nicht der Stunden trägen Schritt verklagen. Doch uns, die Andern wir die Sorge lassen Für unsre Lebensnothdurft, uns bedrückt Nur eine schlimmre Noth, die außer uns Kein Andrer lindern kann, die wir nicht mühlos Und leicht befried'gen: die Nothwendigkeit, Das Leben hinzubringen, eine harte, Eh'rne Nothwendigkeit, von der nicht Schätze, Noch reiche Heerden oder fette Fluren, Nicht Prunk des Hofes noch ein Purpurmantel Den Menschen je befrei'n. Und wenn, im Grimm Auf unser ödes Leben und das Licht Des Himmels hassend, wir die Mörderhand, Dem zögernden Geschick zuvorzukommen, Nicht an uns selber legen, suchen wir, Das Nagen jener unheilbaren Sehnsucht Nach Glück zu stillen, tausend Arzenei'n, Ohnmächtig all', ein trauriger Ersatz Für jene eine, die Natur uns bietet. Bald füllt die Pflege von Gewand und Haar Und Gang und Haltung und die eitle Sorge Für Pferd' und Wagen, Lust an vollen Sälen, Lärmvollen Plätzen oder schönen Gärten, Bald füllen Spieltisch, Gasterei'n und Tänze Dem Vielbeneideten die Tag' und Nächte. Stets lächelt seine Lippe, doch im Busen, Ach, in der tiefsten Seele fest und starr Gleich einer diamantnen Säule sitzt Die ew'ge Langeweile, gegen die Der Jugend Zauber nichts vermag und nichts Die süße Plauderkunst von Rosenlippen Und nichts der Blick, der zärtlich bebende, Aus schwarzen Augen, jener süße Blick, Das himmelswürdigste der Erdengüter. Ein Andrer, gleich als könn' er so entfliehn Dem herben Menschenloos, wenn Land und Luft Er ewig wechselt, irrt durch Berg' und Meere, Durchstreift den ganzen Erdkreis; jede Grenze Des Raums, die uns Natur im endlos weiten Gesild des Alls eröffnet, mißt er aus In stetem Wandern. Ach, am hohen Bord Des Schiffes reis't die schwarze Sorge mit! In jedem Luftstrich, jedem Land umsonst Ruft er nach Glück; rings lebt und herrscht die Trauer. Ein Andrer wählt die rauhen Werke sich Des Kriegs zur Kurzweil, taucht in Bruderblut Die Hand zum Zeitvertreib; ein Andrer weidet Sich an des Nächsten Unglück, denkt, es werd' Ihm frommen, wenn er Andre elend macht, Und wendet seine Zeit auf Unheilstiften. Und während Der sich müht um Tugend, Künste Und Wissenschaft, ist Jener nur bedacht, Sein eignes oder fremdes Volk zu knechten, Stört ferne Länder aus der alten Ruhe Und füllt mit Handel, Krieg und schlauen Ränken Die zugemessne Frist des Lebens aus. Doch dich beherrschen sanftre Neigungen Und süßre Sorgen in der Jugend Flor, Dem holden Lenz des Lebens, jenem höchsten Geschenk des Himmels, aber hart und bitter Dem, der ein Vaterland entbehrt. Dich treibt Die Lust an Liedern und im Wort zu schildern Das Schöne, das so selten, karg und flüchtig Der Welt erscheint und das uns, gütiger Als Himmel und Natur, so unerschöpflich Die holde Phantasie und eigner Wahn Hell vor die Seele zaubern. Tausendmal Glückselig, wer die leichtverwelkte Kraft Der trauten Einbildung nicht schwinden fühlt, Wie auch die Jahre fliehn; wem das Geschick Des Herzens ew'ge Jugend gönnen will; Wer in der Vollkraft wie in müder Zeit, So wie er einst gepflegt in grüner Jugend, Im Innern seiner Brust Natur verschönt, Die Wüste wie den Tod belebt. Dir gönne Der Himmel solches Glück. Der Funke, der Dir heut den Busen wärmt, er lasse dich Die Dichtkunst lieben noch als Greis. Doch ich – Schon fühl' ich all den süßen Jugendwahn Hinschwinden und vor meinem Blick erblassen Die frohen Bilder, die ich ach, so sehr Geliebt, an die ich bis zur letzten Stunde In Sehnsucht und mit Thränen denken muß. Und wenn nun dieser Busen ganz erstarrt Und kalt geworden, nicht die heitre Stille, Die einsam auf den sonnigen Feldern ruht, Noch der Gesang der morgenfrohen Vögel Im Frühling, nicht das stille Mondenlicht Auf Höh'n und Tiefen unterm reinen Himmel Mein Herz mehr rühren können, wenn mir stumm Und leblos ward, was Schönes die Natur Und Kunst mir zeigen, jedes Hochgefühl Und jede zarte Regung fern und fremd: Dann will ich, bettelnd um den letzten Trost, Zu andrem, minder frohem Thun mich wenden, Des eh'rnen Lebens undankbaren Rest Nur ihm noch weih'n. Erforschen will ich dann Die herbe Wahrheit: was die blinden Loose Der sterblichen und ew'gen Dinge meinen, Wozu die Menschheit, so mit Qual beladen, Erschaffen ward; zu welchem letzten Ziel Natur sie treibt und Schicksal; wen doch nur All unser Leiden freu'n und fördern mag; Wohin, nach welcher Ordnung und Gesetz Dies räthselhafte Weltall kreis't, das höchlich Die Weisen rühmen, ich nur kalt bestaune. In solchem Grübeln werd' ich meine Muße Verbringen. Denn erkannte Wahrheit, ob sie Auch trostlos sei, hat ihren Reiz. Und sind Dann meine Worte, Wahrheit kündend, nicht Der Welt willkommen oder unverständlich, Mich kränkt es nicht, da längst die alte schöne Begier nach Ruhm mir wird erloschen sein: Ruhm – jener Götze, der nicht nur ein Wahn, Nein, blinder auch als Schicksal ist und Liebe. XX. Die Auferstehung. (1831.) Vorbei für immer wähnt' ich schon In meiner Jugend Blüte, Die einst die Brust durchglühte, Ach, all die süße Qual; Die süße Qual, der zärtlichen Gefühle tiefes Beben, Was irgend nur das Leben Uns lieblich macht zumal. Wie streut' ich meine Klagen da Und Thränen in die Winde, Als unter Eisesrinde Erstorben schien das Leid! Das Klopfen schwieg, das stürmische, Der Liebe Glut verglommen, Das Herz starr und beklommen Kein Seufzer mehr befreit! Da weint' ich, daß so freudenlos Mein Leben schwinden werde, Daß rings um mich die Erde Versteint im ew'gem Frost. Der Tag verödet, öder noch Der Nächte stummes Dunkel; Nicht Mond, noch Sterngefunkel Gab meinen Augen Trost. Doch jener Thränen Quelle war Die alte Liebeswunde; Tief in des Busens Grunde Fortlebte noch das Herz. Noch sehnt' es nach den Bildern sich, Daran sich's einst entzückte. Der Gram, der mich bedrückte, War immer noch ein Schmerz. Doch bald erlöschen fühlt' ich auch Des Schmerzes letzten Funken, Die Kraft in mir versunken, Zu klagen meine Noth. Da lag ich; fühllos, sinnberaubt, Nach keinem Trost verlangt' ich; In tiefer Ohnmacht bangt' ich, Von Herzen stumm und todt. War ich denn ach, Derselbe noch, Der solche Glut vorzeiten, So trunkne Seligkeiten Genährt in seiner Brust? Die Schwalbe, die so frühe schon Am Fenstersims verborgen Zujubelte dem Morgen, Nicht hört' ich sie mit Lust. Und nicht wie sonst zur Herbsteszeit Im stillen Landhaus freute Mich abendlich Geläute, Der Sonne Niedergang. Mich grüßt' umsonst der Abendstern Hoch überm dunklen Hage, Umsonst mit süßer Klage Der Nachtigall Gesang. Und ihr, verstohlne, zärtliche Glutblicke schöner Augen, Daraus Verliebte saugen Den seligsten Gewinn, Du weiche Hand, der meinen doch So traulich hingegeben, Nicht konntet ihr beleben Den dumpferstorbnen Sinn. Verarmt an allem Lieblichen, Trüb war ich, doch gelassen, Doch frei von Lieb' und Hassen Und heitern Angesichts. Wohl hätt' ich gern herbeigesehnt Des Todes tiefern Frieden, Doch in der Brust, der müden, Hofft' und ersehnt' ich Nichts. Wie eines welken Greisenthums Armselig nackte Reste Hab' ich die Zeit der Feste, Den Lebenslenz verbracht. So, thöricht Herz, versäumtest du Unnennbar schöne Stunden, Wo, nur zu bald entschwunden, Uns helle Jugend lacht. Wer weckt mich aus der Ruhe nun, Die lähmend mich bedrückte? Welch neue Kraft durchzückte Auf einmal mich mit Lust? Ihr Träume, sanfte Regungen, Herzpochen, trüglich Hoffen, Steht wirklich euch noch offen Die lang erstorbne Brust? Seid ihr's in Wahrheit, einziges Licht in der Welt Gewühle, Ihr sehnlichen Gefühle, Die ich so früh verlor? Wohin der Blick nun schweifen mag, Rings in der Fern' und Nähe, Dringt ein geheimes Wehe, Ein Wonneglück hervor. Mit mir aufs Neu' beleben sich Gestade, Wälder, Höhen; Ich kann den Quell verstehen, Es spricht zu mir das Meer. Wer giebt nach Schmerzvergessenheit Die Thränen mir zurücke? Wie scheint die Welt dem Blicke Verwandelt mehr und mehr! Hat, armes Herz, die Hoffnung gar Ein Lächeln dir gespendet? Ach, ewig abgewendet Wird ihre Huld dir sein! Mir gab Natur zum Erbe nur Den süßen Trug der Jugend; Die angeborne Tugend Erlag der langen Pein. Doch nur betäubt, nicht ausgelöscht Vom schweren Leidgeschicke, Sah sie mit festem Blicke Der Wahrheit ins Gesicht; Vor deren Blick – ich weiß es ja! – Die holden Träume schwinden. Wie wir in Qual uns winden, Natur erbarmt sich nicht. Nie unsres Wohles eingedenk, Des Seins nur mag sie walten; Dem Schmerz uns zu erhalten, Ist einzig sie bemüht. Ich weiß, es hat bei Menschen auch Das Mitleid keine Stätte, Da höhnend um die Wette Die Welt den Armen flieht; Weiß, daß die Zeit, die klägliche, Nichts fragt nach edlen Geistern Und würd'ger Forschung Meistern Sogar den Ruhm verwehrt. Und ihr, ihr himmlisch leuchtenden Augen voll scheuen Lebens, Ich weiß, ihr glänzt vergebens, Von Liebe nie verklärt. Nie blitzt in euch verstohlenes Gefühl von Wonne trunken, Nie glimmt ein holder Funken In dieses Busens Schnee. Ach, einzig zum Gespötte nur Dient euch ein treues Herze; Mit übermüth'gem Scherze Belohnt ihr Liebesweh. Und doch, aufs Neu' ergeb' ich mich Dem alten Trug mit Willen. Es staunt das Herz im Stillen, Wie laut es pocht in mir. Dir, o mein Herz, verdank' ich ja Dies letzte Lebensregen, Der schönen Flamme Segen Und jeden Trost nur dir. Ich fühl's, daß diesem adligen, Reinen Gemüth auf immer Gebricht des Glückes Schimmer, Schönheit, Natur und Welt. Doch wenn du lebst, Unseliges, Unbeugsam dem Geschicke, Will ich nicht zeihn der Tücke Die Macht, die mich erhält. XXI. An Silvia. (1831.) Silvia, gedenkst du noch An jene Zeit in deinem Erdenleben, Als dir von Schönheit glänzte Dein lachend Augenpaar in muntrer Helle Und du betratst, froh und gedankenvoll, Des Jungfraunalters Schwelle? Von früh bis spät erklangen Die stillen Zimmer und ringsum die Gassen Von deinem hellen Singen, Wenn bei der Arbeit eifrig ohne Säumen Du saßest und in Träumen Von schöner Zukunft fröhlich war dein Sinn. Süß duftete der Mai. So pflegtest du Die Tage zu verbringen. Dann meinen theuren Büchern Abtrünnig und den mühevollen Heften, An die ich früh gewendet Den besten Theil von meinen Jugendkräften, Wie manchmal von des Vaterhauses Söller Lauscht' ich auf deine Stimme unverwandt Und spähte nach der Hand, Die flink das Linnen hin und her durchlief. Wie still die Luft sich kühlte! Wie golden Weg' und Gärten, Und hier das ferne Meer und dort die Berge! Kein Menschenmund spricht aus, Was ich im Busen fühlte! Wie liebliche Gedanken, O meine Silvia, welch ein hoffend Streben! Wie schien das Menschenleben Uns damals wundersam! Bedenk' ich, wie viel Täuschungen verglommen, Fühl' ich mein Herz beklommen Von trostlos bittrem Gram, Und all mein Elend däucht mir schwerer nur. Warum, warum, Natur, Hältst du nicht Wort, erfüllest, Was du versprachst, und trügst die eignen Kinder, Die du mit Wahn umhüllest? Du, eh' im Winter noch die Flur erstarrt, Von tückisch leisem Siechthum hingerafft Vergingst, du Zärtliche, und schautest nicht Die Blüte deiner Jahre Und durftest nicht erst fühlen, Wie süß das Lob auf deine schwarzen Locken, Auf deine feurigscheuen Liebesblicke; Nicht plauderten mit dir von holdem Glücke Am Festtag die Gespielen. Auch mir verging – wie bald! – Mein liebstes Hoffen, meinen Jahren auch Versagten die Geschicke Den Jugendglanz. Wie bist du Entschwebt, gleich einem Hauch, Holde Gefährtin meiner Knabenzeit, Hoffnung, du vielbeweinte! Das also ist die Welt, Die Freuden, Thaten, Lieb' und bunten Fährden, Die Jeder fröhlich zu erleben meinte? Dies das Geschick der Sterblichen auf Erden? Beim Nah'n der Wahrheit sankst du Dahin, du Aermste; und von ferne nur Wies deine Hand den kalten Tod mir und Ein Grab auf öder Flur. XXII. Erinnerungen. (1831.) Ihr schönen Siebensterne, nimmer glaubt' ich, Daß ich euch wieder so begrüßen würde, Hoch über meines Vaters Garten funkelnd, Und Zwiesprach mit euch halten aus den Fenstern Des Hauses, drin ich schon als Kind gewohnt Und meiner Freuden frühes Ende sah. Wie viele Bilder einst, wie viele Märchen Schuf mir im stillen Innern euer Anblick Und eurer leuchtenden Gefährten, damals, Als wortlos ich auf grüner Scholle sitzend Die halben Nächte zu verbringen pflegte Gen Himmel blickend und dem fernen Ruf Der Frösche lauschend draußen in der Ebne. Und an den Hecken, auf den Fluren hin Schweifte der Glühwurm, säuselten im Nachtwind Die duft'gen Laubengäng' und die Cypressen Im Walde dort, und aus dem Vaterhaus Erklangen Wechselreden und der Diener Gelassnes Treiben. Wie unendliche Gedanken, wie viel süße Träume hauchte Das ferne Meer mir zu, die blauen Berge, Die hier mein Blick erreicht und die ich einst Zu überschreiten hoffte, neue Welten, Ein neues Glück verheißend meinem Dasein. Nicht kannt' ich mein Geschick und wußte nicht, Wie oft ich dies mein leidvoll ödes Leben Gern würde tauschen mögen mit dem Tod! Weissagte doch mein Herz mir nicht, ich sei Verdammt, die grüne Jugend hinzuzehren Hier in der wilden Heimath, unter Menschen, Die roh und niedrig, denen Wissenschaft Und Weisheit fremde Namen, oft ein Anlaß Zu Spott und Lachen, die mich fliehn und hassen. Doch nicht aus Neid, da sie nicht höher mich Erachten, als sich selbst: nur weil sie meinen, Ich dünk' es selbst mir insgeheim, obwohl ich Nach außen mir's vor Niemand merken ließ'. Hier bring' ich meine Jahre hin, verlassen, Verborgen, fern von Lieb' und Leben, muß Im Schwarm Mißwollender zuletzt verhärten, Mich aller Mild' und Tugenden entwöhnen Und zum Verächter noch der Menschen werden Durch diese Horde! Und indeß enteilt Die theure Jugendzeit, die theurer ist, Als Ruhm und Lorbeer, theurer als das Licht Des Tages und des Athems Hauch; so nutzlos, Ohn' irgend eine Lust verlier' ich dich An diesem Ort unmenschlich öder Qual, O du, des dürren Lebens einz'ge Blüte! Der Wind trägt mir den Klang der Stunde zu Vom Glockenthurm des Städtchens. Wohl gedenk' ich, Wie dieser Klang mir Trost war in den Nächten, Wenn ich als Knab' in meinem dunklen Zimmer, Umlagert rings von Schrecken, wachend lag Und nach dem Morgen seufzte. Alles rings, Was ich nur seh' und höre, bringt ein Bild mir Zurück und weckt ein süß Erinnern auf, Süß in sich selbst; doch mischt sich schmerzlich ein Der Gegenwart Gefühl, vergebne Sehnsucht Nach alter Zeit und der Gedank': ich war! – Dort der Altan, der nach den letzten Strahlen Der Sonne blickt, – hier die bemalten Wände, Die Heerdenbilder und der Sonnenaufgang Über dem öden Feld: in meiner Muße Wie freuten sie mich tausendfach, da noch Mein übermächt'ger Wahn mir schmeichelnd nah war, Wo ich nur weilte. Diese alten Säle, Wenn hell der Schnee hereinschien und der Wind Um ihre weiten Fenster pfeifend schnob, Erdröhnten vom Gelächter und Gelärm Des Knaben, zu der Zeit, da noch das herbe, Arglist'ge Weltgeheimniß uns so süß Entgegenblickt, da noch der Jüngling, wie Ein unerfahrner Liebender, sein Leben Gleich einer ersten Liebe hätscheln mag, Von selbsterträumter Himmelsschöne trunken. O all ihr Hoffnungen, du holder Trug Der Jugendtage! Immer kehrt die Seele Zu euch zurück. Denn wie die Zeit auch eilt, Wie sich Gedanken und Gefühle wandeln, Niemals vergess' ich euch! Trugbilder, weiß ich, Sind Ruhm und Ehre; Glück und Wonne nur Ein eitler Wunsch; das unfruchtbare Leben Ein nutzlos Elend. Dennoch, ob auch leer All meine Jahre, dunkel und verödet Mein sterblich Dasein, raubt das Glück – wohl seh' ich Es ein – mir wenig nur. Doch ach, so oft ich An euch, ihr Jugendhoffnungen, gedenke, An das, was einst so hold mir vorgeschwebt, Und dann mein jammervoll armselig Leben Erwäg', und daß von so viel schöner Hoffnung Der Tod allein mir heut noch übrig bleibt: Krampft sich mein Herz zusammen, und mir ist, Als gäb' es keinen Trost für solch ein Schicksal. Und wenn nun dieser oft erflehte Tod Mir nahetritt und ich am letzten Ziel All meines Unglücks stehe, wenn die Erde Ein fremdes Thal mir wird und meinem Blick Die Zukunft schwindet: euer dann gewiß Werd' ich gedenken, euer Bild wird mich Den letzten Seufzer kosten, bitter mahnend, Daß ich umsonst gelebt, und in die Süße Des schicksalvollen Tags mir Wermuth träufeln. O, schon im ersten stürmischen Jugenddrang Der Freuden, Aengsten und Begierden rief ich Den Tod so manches Mal und konnte lang' Drauß an der Quelle sitzend drüber brüten, Ob ich nicht besser thäte, Schmerz und Hoffnung In ihrer Flut zu stillen. Dann, durch schleichend Siechthum gerissen an den Rand des Grabes, Weint' ich um meine schöne Jugend, um Der armen Tage Flor, der schon so früh Hinwelkt'; und manchen Abend, wenn ich traurig Auf meinem Bette, dem vertrauten, saß Und bei dem trüben Lämpchen dichtete, Klagt' ich im Einklang mit der nächt'gen Stille Um meinen flücht'gen Geist und sang mir selbst, Als schwänd' ich scheidend hin, das Todtenlied! – Wer kann an euch gedenken ohne Seufzen, O erster Jugendaufgang, o ihr schönen, Ihr unaussprechlich holden Tage, wenn Dem sel'gen Sterblichen ein Mädchenlächeln Zuerst entgegenglänzt! Rings in die Wette Lacht ihn das Alles an; es schweigt der Neid, Noch schlummernd, oder schonend; und die Welt – O seltnes Wunder! – scheint dem Unerfahrnen Die Hand zu seiner Hülfe darzubieten, Entschuldigt sein Verirren, feiert Feste Dem neuen Lebensantritt und empfängt ihn Und schmeichelt täuschend ihm als ihrem Herrn. Die flücht'gen Tage! Wie ein Wetterleuchten Sind sie verweht. Und welcher Sterbliche Weiß noch vom Unglück nichts, dem schon die holde Jahrszeit entschwunden, seine gute Zeit, Dem schon die Jugend, ach, die Jugend auslosch! Und du, Nerina! Reden mir nicht auch Von dir all diese Stätten? Wie? Du wärst Mir aus dem Sinn geschwunden? Wohin gingst du, Daß ich hier einzig nur dein Angedenken Noch finde, Süßeste? Ach, deine Heimath Erblickt dich nimmer; jene Fenster dort, Wo du mit mir geplaudert, drinnen jetzt Sich nur so trüb der Strahl der Sterne spiegelt, Ist leer. Wo bist du, daß ich deine Stimme Nicht tönen höre, wie in jener Zeit, Wo jeder ferne Laut von deinen Lippen, Der zu mir drang, das Blut mir aus der Wange Zum Herzen trieb? Vorbei! Vergangen ist Dein Dasein, süßes Lieb; vergangen bist du. Nun kommt's an Andre, durch die Welt zu wandeln Und diese duft'gen Hügel zu bewohnen. O, rasch vergingst du, und dein Leben war Nur wie ein Traum! Als du dort tanztest, glänzte Die Lust dir an der Stirn, glänzt' in den Augen Die ahnungsvolle Zuversicht, das Licht Der Jugend, – da verlöscht' es das Geschick, Und stille lagst du. Ach, Nerina, immer Herrscht noch in mir die alte Liebe. Oft Bei Festen, in Gesellschaft sprech' ich heimlich Zu mir: O nicht zu Tanz und Festen mehr, Nerina, schmückst du und gesellst du dich! – Und wenn der Mai kommt, grüne Zweig' und Lieder Verliebte Knaben ihren Mädchen bringen, Sag' ich: Nerina, nimmer kehrt für dich Der Frühling wieder, nie die Liebe wieder! An jedem heitern Tag, bei jeder Flur Voll Blumen, jeder Freude, die ich fühle, Sag' ich mir: Ach, Nerina freut sich nimmer, Sieht Erd' und Himmel nicht! – Du gingst dahin, Mein ew'ger Seufzer, gingst dahin! und mir Bleibt treu gesellt bei allen lieblichen Gefühlen, allem Süßen, Trüben, Theuren, Was mich bewegt, ein herbes Angedenken! XXIII. Nachtgesang eines wandernden Hirten in Asien. (1831.) Was machst du, Mond, am Himmel? Sag, was machst du, Du ewig stiller Mond? Am Abend erst erwachst du Und wanderst durch die Oede, und dann ruhst du. Bist du's nicht satt, von Neuen Die immergleichen Pfade hinzugehen? Entleidet dir's noch nicht, kann dich noch freuen, Die Thäler hier zu sehen? Wie ähnlich doch dem deinen Ist eines Hirten Leben! Früh muß er sich erheben, Die Heerde treiben übers Feld und sieht Heerden und Au'n und Quellen; Dann ruht er müde bei des Abends Schimmer, Und Andres hofft er nimmer. Sag mir, o Mond: uns Andern Was frommt uns dieses Leben Und euer Leben euch? Sag, wohin zielt Mein kurzes Schweifen hier Und dein unsterblich Wandern? Ein Greis, grau und gebrechlich, Nur halb bekleidet, barfuß, Den Rücken unter schwerer Last gebeugt, Der über Berge keucht, Durch Klüft' und Klippen, tiefen Sand und Hecken, Im Sturm, im Ungewitter, wenn die Luft Glüht oder eisig glastet, – Er läuft und läuft und hastet, Setzt über Ström' und Sümpfe, Fällt hin, steht wieder auf, eilt mehr und mehr, Zerfetzt, blutrünstig, bis er endlich anlangt, Wohin der Weg und dessen Vielfache Mühsal einzig hingelenkt, Zum unermessnen Abgrund, Und stürzt hinab, zu ewigem Vergessen. O keuscher Mond, dies eben Ist unser Menschenleben. Schwer tritt ein Mensch ans Licht, Und tödlich oft ist das Geborenwerden. Von Leiden und Beschwerden Wird er empfangen. Gleich zu Anbeginne Mühn sich die Eltern beide, Das Kind zu trösten, daß es nun soll leben, Und wächs't es dann, so pflegen Und hegen sie's und suchen, wie sie können, Es leichter ihm zu machen, Das Unglück, daß dem Leide Der Mensch verfallen ist trotz seinem Streben. Nichts Bessres weiß zu geben Der Eltern Lieb' und Treu' uns Armen, Schwachen. Allein warum entfachen Den ersten Lebensfunken, Wenn Trostes wir bedürfen, daß wir leben? Warum, wenn Leben Pein, Verdammt man uns zum Sein? O reiner Mond, das eben Ist unser Menschenleben. Du aber bist nicht sterblich Und wirst kaum Acht auf meine Klage geben. Doch du, einsame, ew'ge Wandlerin, Gedankenvolle, du vielleicht verstehst, Was dieses Erdenleben, Dies unser Leiden soll und unser Bangen, Was unser Tod bedeute, dieses letzte Erblassen unsrer Wangen, Dies von der Erde Schwinden und Entschweben Aus jedem Kreise, der uns traut umfangen. Du sicherlich verstehst All das Warum der Dinge, was der Morgen Für Frucht bringt und der Tag Und dieser stumm endlose Lauf der Zeit; Du weißt, du sicher, welchem holden Lieb Der Lenz zulächeln mag, Wem gilt des Sommers Glut, und was bezwecken Des Winters eis'ge Schrecken; Du weißt ja tausend Dinge, deren Kunde Dem schlichten Hirten tief verborgen blieb. Oft wenn ich dich betrachte, Wie stumm du dastehst überm öden Plan, Deß ferner Umkreis an den Himmel grenzt, Oder wie du mir folgst, Wenn ich die Heerde treibe sacht voran Und seh' die Stern' erglänzen dicht und dichter, Frag' ich mich in Gedanken: Wozu so viele Lichter? Was soll das weite Luftmeer, jener tiefe Endlose Aether? Was bedeutet diese Gewalt'ge Einsamkeit? Und ich, was bin ich? So grübl' ich bei mir selbst; und für dies Haus, So grenzenlos und herrlich, Für seine zahllos wimmelnden Bewohner, Dann für so vieles Mühn, so vieles Regen Der Wesen all', die Erd' und Himmel faßt, Umkreisend ohne Rast, Um doch zum Ausgang stets zurückzukehren, Vermag ich weder Grund Noch Zweck zu ahnen. Aber dir gewiß, Göttliche Jungfrau, ist dies Alles kund. Mir ist nur das bewußt, Daß von dem ew'gen Kreisen Und meinem schwachen Sein Vielleicht ein Andrer Lust Und Vortheil hat; mir ist das Leben Pein. O meine Heerde dort, wie bist du glücklich, Weil du dein Elend schwerlich wohl verstehst. Wie muß ich dich beneiden, Nicht bloß, weil von Beschwerden Beinah befreit du gehst Und aller Mühn und Fährden Und jeder höchsten Angst so bald vergissest, Nein, mehr noch, weil dich Langweil nie befällt. Wenn du im Schatten lagerst, auf der Wiese, Still und zufrieden bist du Und bringst in solcher Art Den langen Sommer ungelangweilt hin. Und ich auch sitz' im Schatten hier im Feld, Doch Ueberdruß befällt Mein Herz, und stachelnd wühlt in mir ein Weh, Daß ich, hier ruhend, ferner bin als je Von Ruh' und Rast und Frieden. Und dennoch wünsch' ich Nichts Und hatte nie zum Weinen Grund bis heut. Was dich ergötzt und freut, Ich weiß es nicht; doch hast du dein Behagen. Mir ist nicht Viel beschieden An Glück; doch darum klag' ich nicht allein. Nur, wenn du sprechen könntst, möcht' ich dich fragen, Warum, o liebe Heerde, In Muße jedes Thier Sich fröhlich mag begnügen, Und mir's zur Last wird, hier so still zu liegen? Vielleicht, wenn ich mit Flügeln Mich über Wolken schwingen Und einzeln all die Sterne könnte zählen, Oder dem Donner gleich auf Bergen schweifen, Wär' ich beglückter, meine traute Heerde, Wär' ich beglückter, heller Mond dort oben. Doch irrt vielleicht der Sinn, Der neidisch blickt nach andern Loosen hin. Vielleicht in Wieg' und Hürde, Und ob man niedrig sei, ob hoch erhoben, Ist Allen gleich das Leben eine Bürde. XXIV. Die Ruhe nach dem Gewitter. (1831.) Das Wetter ist vergangen. Die muntern Vögel fangen an zu singen, Die Henne wagt mit Gackern Sich auf die Straße wieder. Sieh, wie plötzlich Im West am Berg der Himmel sich erhellt. Nun lichtet sich das Feld, Und aus dem Thale glänzt der Fluß herauf. Ein jedes Herz wird froh; allüberall Beginnt die Arbeit wieder Und regt sich rüst'ger Schall. Der Handwerksmann, sein Werkzeug in der Hand, Tritt singend, nach dem feuchten Blau zu spähen, Vor seines Hauses Schwelle; Das Weiblein kommt heraus, in ihr Gefäß Die Regenflut zu fassen. Lautrufend durch die Gassen Zieht mit Gemüsen wieder Der Händler auf und nieder. O sieh, da kommt die Sonne; wie verklärt Sie Höh'n und Villen. Die Bewohner öffnen Terrassen und Balcone. Horch, wie dort Vom Fahrweg Schellenläuten aus der Ferne Herübertönt. Des Reisenden Gefährt Knarrt durch den Sand und setzt die Reise fort. Aufathmet jede Brust. Wann ist das Leben so Wie jetzt uns süß und froh? Wann mag mit solcher Lust Man auf sein Tagwerk sinnen, Das alte fördern, neues Thun beginnen? Wann sind wir minder unsrer Noth gedenk? O Lust, du Kind des Schmerzes! O eitle Freude, Frucht nur Vergangner Angst, die unser Herz durchbebt, Daß vor dem Tod wir bangen, Wie bitter auch das Leben, Daß stumm die armen Thoren, Mit todesbleichen Wangen Voll Angstschweiß, in des Himmels Gewitterstürme blicken, Die wider sie verschworen! O gütige Natur, Das sind die hohen Freuden, Die Gaben, die du liebreich Den Menschen gönnst! Ihm soll es Wonne sein, Wenn von ihm weicht das Leiden. Freigebig theilst du Qualen aus. Der Schmerz Entspringt von selber, und die karge Lust, Die als ein mächtig Wunder hin und wieder Dem Weh entblüht, ist schon ein Glück gewesen. So lieb sind wir den Ew'gen! Glücks genug Ein freier Athemzug Nach langem Schmerz, und selig, Wenn wir im Tod von allem Schmerz genesen. XXV. Der Sonnabend auf dem Dorfe. (1831.) Die junge Dirne kehrt, sobald die Sonne Sich neigt, vom Feld nach Haus, Ihr Bündel Gras zu Häupten, in der Hand Von Rosen und Violen einen Strauß, Und freut sich schon, daraus Morgen am Sonntag wieder Den Schmuck für Haar und Mieder zu gewinnen. Mit ihren Nachbarinnen Sitzt vor der Thür das Mütterchen und spinnt Und schaut gen Abend, wo der Tag verglüht, Und plaudert von den eignen jungen Tagen, Wo sie am Feiertag sich auch geputzt hat Und schlank noch und geschwind Am Abend dann zu tanzen pflag mit Denen, Die ihrer schönsten Zeit Gefährten waren. Schon aus der Höhe sinkt Tiefblaue Dämmrung, und die Schatten fallen Von Dächern und von Hügeln, Da silbern jetzt der neue Mond erblinkt. Und nun beginnt die Glocke Den Festtag einzuläuten, Und bei dem Klange zieht es Wie Trost in alle Seelen. Die Knaben, die in Haufen Dort auf dem Platze jauchzen Und hier- und dorthin laufen, Wie lachen sie und lärmen! Indessen kehrt zu seinem dürft'gen Tisch Der Pflüger pfeifend heim Und denkt bei sich an seinen Ruhetag. Dann, wenn erloschen jedes Licht ringsum Und alles Andre stumm, Hörst du den Hammer klopfen, hörst die Säge Des Zimmermanns, der wacht In der verschlossnen Werkstatt und beim Lämpchen Sich sputet, daß die Arbeit Noch fertig werde, eh' der Tag sich röthet. Dies ist der liebste von den sieben Tagen, Voll Hoffnung, voller Wonne. Es bringt die neue Sonne Trübsinn und Langweil; Jeder denkt im Stillen, Daß wieder sich erneu'n die alten Plagen. Du muntrer Knabe, dies Dein Blütenalter gleicht Solch einem heitren Tag, so klar und froh, Und wenn er dann entfloh, Hast deines Lebens Sonntag du erreicht. Genieß ihn, Kind; gar süß ist diese Zeit, Und Jeder lebt sie gerne. Mehr will ich dir nicht sagen. Doch daß ferne Dir noch dein Sonntag, sei es dir nicht leid! XXVI. Der herrschende Gedanke. (1836.) Du holdester von allen Gewaltherrn, der mein Herz lenkt nach Gefallen, Furchtbar Geschenk des Himmels, Und doch mir ewig theuer, Mein treuster Freund im Leide, Gedanke, dran ich für und für mich weide: Wer spricht von deines Wesens Geheimniß nicht? Wer ward nicht schon bezwungen Von deiner Macht? Doch immer, So oft von Menschenzungen Erklingt des eignen Fühlens Lust und Qual, Scheint neu das Wort, als kläng's zum ersten Mal. Wie ist doch meine Seele Vereinsamt seit den Tagen, Wo du darin die Wohnung aufgeschlagen! Mit Blitzesschnelle fühlt' ich mir im Nu Entschwinden die Gedanken, Die andern allzumal. In ödem Felde Ein Thurm, so ragtest du Gigantisch einsam in des Busens Schranken. Was galt hinfort mir, außer dir allein, Dies ganze arme Leben, Was aller irdische Tand in meinen Augen? Welch schales Zeitvergeuden Schien all dies Thun und Treiben! Ach, nur um eitle Lust ein eitles Mühen, Verglichen mit den Freuden, Den himmlischen, die mir durch dich erblühen. Wie von des Apennin Unwirthlich nackten Wänden Zur grünen Flur, die fern herüberlacht, In Sehnsucht sich des Wandrers Blicke wenden, So von dem unfruchtbaren Und rauhen Weltverkehr – wie streb' ich gerne, Als in ein Paradies, zu dir zurücke, Daß deine Nähe jeden Sinn erquicke! Ich kann es kaum verstehen, Wie ich so lang dies Leben, diese Welt Voll Unverstand und Plagen Hab' ohne dich ertragen; Begreifen kann ich's kaum, Wie sich an andern Freuden, Als du gewährst, sich Andre mögen weiden. Nie bis zu jener Zeit, Wo ich zuerst, was Leben heißt, erfahren, Hat Todesfurcht die Seele mir bewegt. Heut dünkt mich nur ein Spiel, Was Thoren Angst erregt, Ob sie es preisen auch mit Heuchelmunde: Das Muß der letzten Stunde, Und zeigt Gefahr sich, kann ich ohne Grauen Mit Lächeln in ihr dräuend Antlitz schauen. Verachtet hab' ich immer Die feigen, ungroßmüth'gen, Verworfnen Seelen; jetzt empört sofort Mich jede schnöde That, Und menschliche Gemeinheit Reißt mein Gemüth alsbald zum Grimme fort. Die Hoffahrt dieser Zeit, Die sich mit leerem Hoffnungswahne nährt, Zu schwatzen liebt und keine Tugend ehrt, Nur Heil im Nutzen findet Und thöricht nicht erkennt, Wie nutzlos dann das ganze Leben schwindet, Liegt unter mir. Des Urtheils Der Menschen spott' ich, und die bunte Menge, Die Hohes nicht genießen Und dich verschmähen kann, tret' ich mit Füßen. Wo ist die Leidenschaft, Die sich nicht beugt der deinen? Ja, welche sonst noch waltet Und herrscht auf Erden außer jener einen? Habsucht und Hoffahrt, Ehr- und Machtbegier Und Zorn und Haß – mit ihr Verglichen sind sie mehr nicht Als dumpfe Triebe nur. Zur Leidenschaft Wirst du allein; als Herrn, Der unumschränkt gebiete, Gab dich Natur dem menschlichen Gemüthe. Ganz ohne Werth und Sinn wär' unser Leben, Wenn du nicht wärest, unser Ein' und Alles, Der einzig noch das Schicksal Entschuldigt, daß es Menschen Zur eitlen Noth verdammt des Erdenballes. Um dich nur wird zuweilen Die Lust zum Leben theilen mit den Thoren Ein Mensch auch, der zur Freiheit ward geboren. Wohl werth sind's deine Wonnen, süßester Gedanke, froh ergeben Dies leidenvolle Leben Auf sich zu nehmen viele Jahre lang, Und wohl zum andern Male, So bitter auch ich die Erfahrung büßte, Würd' ich die Bahn betreten wohlgemuth; Denn trotz des Sandmeers und der Natternbrut Schleppt' ich mich nie so müde Durch dieses Lebens Wüste Zu dir, daß nicht dies unser Leidgeschick Mir reich vergütet schien durch solch ein Glück. Welch eine Welt, welch neue Unendlichkeit, o welch ein Paradies Erschließt mir oft dein allgewalt'ger Zauber In hohem Flug! Mir däucht Zu wandeln unter einer neuen Sonne, Wo all mein irdisch Fühlen, Und was ich Wahrheit nannte, von mir weicht. So müssen Götter träumen, Sag' ich mir dann. Ach, bist du doch fürwahr, Holder Gedank', ein Traum, der oft uns mild Verschönt der Wahrheit Bild, Ein offenbarer Wahn; und doch vor allen Holdsel'gen Wahngebilden Bist göttlich du, von solcher Lebensmacht, Daß du bestehst, wenn alle Masken fallen, Oft wesenhaft erscheinest Und erst entschwindest in des Todes Nacht. Gewiß, du mein Gedanke, der du einzig Beseelst mein armes Leben, Geliebter Urquell unermessner Leiden, Erst mit dem letzten Hauch weichst du von hinnen. An sichern Zeichen fühl' ich es tiefinnen, Du bist zum Herrn für immer mir gegeben. Andre geträumte Freuden Hat oft der Wahrheit Blick Entwerthet. Doch je öfter jene Eine Sich zeigt den wachen Sinnen, Von der mit dir zu plaudern Leben heißt, Je höher wächs't das Glück, Wächs't jener Wahnsinn, der mein Sein beseelt. O engelgleiche Schönheit! Ein jedes Antlitz, wie auch auserwählt, Scheint mir ein Trugbild nur, Das deine nachzuäffen. Du allein Scheinst aller Anmuth Quelle, Als ob sich wahrer Reiz nur dir geselle. Seit ich zuerst dich schaute, Warst du nicht jeder meiner ernsten Sorgen Inhalt und Ziel? Wo war nur eine Stunde, Da ich nicht dein gedacht? Im nächt'gen Schlummer Wann trat dein stolzes Bild Nicht vor mich hin? Du engelgleiches Antlitz, So schön, wie wir's nur träumen, Wohin in Erdenräumen, Wohin im Weltall mag den Blick ich lenken, Was mag ein Gott mir schenken, Das wie ein Blick von dir die Seele stillt? Was kann noch süßer sein als dein gedenken? XXVII. Liebe und Tod. (1836.) Ὃν ϑοἱ εοὶ φιλοῦσιν, ἀποϑνήσκει νέος. Der den die Götter lieben, scheidet jung dahin. Menandros. Als Zwillinge des Schicksals Schooß entsprossen, Sind Lieb' und Tod Genossen. Nichts Schönres ward hinieden Der Erde, nichts der Sternenwelt beschieden. Von Jener stammt die höchste, Die seligste der Freuden, Die je uns blühen mag im Meer des Seins, Und von den schwersten Leiden Kann ihr Genoß erlösen. Das wundersame Wesen, Holdselig anzuschauen, Nicht wie's der Feigling pflegt sich vorzustellen, Will gern der jungen Liebe Sich oftmals zugesellen. Vereint durchziehn sie dann des Lebens Auen Und sind des Weisen Trost in aller Trübe. Je mehr voll Liebesglut, Je weiser ist ein Herz, je stolzer achtet's Gering des Lebens Wehe. Kein Machtgebot, o Liebe, Befeuert so wie deins zu jedem Wagniß. Entflammt ja deine Nähe Ein jedes Herz mit Muth, Belebt den sinkenden und pflegt zu Thaten, Nicht nur zu müß'gem Brüten, wie sie pflegen, Die Geister zu erregen. Wenn in der Jugend Blüte Sich regt in Herzenstiefen Ein zärtliches Verlangen, Erwacht zugleich mit ihm ein müdes Bangen, Ein schmachtend Todessehnen im Gemüthe, Nicht weiß ich, wie; doch Allen, Die war und heiß geliebt, ist's so ergangen. Dann wohl mit Grau'n betrachtet Der Mensch die Oede rings, und diese Erde Dünkt unbewohnbar ihm, wenn seinem Herzen Der eine Wunsch versagt wird, Die neue, grenzenlose Glückseligkeit, wonach die Seele trachtet. Und ahnt er gar den Sturm, der seine Brust Erschüttern wird um sie: ersehnt er Ruhe Und möcht' im Hafen landen, Dem Aufruhr zu entrinnen Der Leidenschaft, die ihm die Welt umnachtet. Wenn Alles dann ringsum Die wilde Macht verschlungen Und Gram wie Wetterstrahl im Busen wüthet, Wie innig tausendmal Wirst du herangefleht, O Tod, vom Liebenden in seiner Qual, Wie oft im Abendstrahl, Wie oft, wenn früh er sinkt aufs Lager nieder, Preis't er als höchstes Glück, wär's ihm vergönnt, Nie mehr die matten Glieder Zu heben, nie die Sonne mehr zu sehen; Und hört er mit des Todtenglöckleins Klange Gesang herüberwehen, Ein Grabgeleit zu ewigem Vergessen, Wie innig dann erseufzend Aus tiefster Brust, beneidet Er Den, der bei den Schatten Wohnung fand! Ja, selbst die rohe Menge, Der Bauer, der den Segen, Der von der Bildung ausströmt, nie gekannt, Das Mädchen, dem das Haar zu Berge stand Vor Schaudern, hört' es sagen Vom Tod: sie alle wagen Mit festem Muth auf Grab und Sterbekleid, Wenn Liebesgram sie nagt, den Blick zu lenken, Gelassen zu bedenken, Ob Dolch, ob Gift sie wählen, Und ihre schlichten Seelen Verstehen ganz des Todes Lieblichkeit. So locken uns zum Tod Der Liebe strenge Noth und Machtbefehle. Oft auch, wenn so sich mehrt die innre Qual, Daß ird'sche Kraft nicht länger kann genügen, Sehn wir den Leib erliegen Dem wilden Sturm, und schwesterlich gesellt Hilft Liebe dann der Macht des Todes siegen. Dann wieder spornt sie dergestalt die Herzen, Daß selbst der schlichte Landmann freientschlossen, Die Jungfrau selbst ihr Leben Mit eigner Hand gefährden, Die jungen Glieder in die Grube betten. Die Welt lacht ihrer Schmerzen; Ihr sei's beschieden, friedlich alt zu werden. Der glücklichen Gemeinde Begeistert glüh'nder Seelen Mag Einen doch von euch das Schicksal gönnen, Geliebte Herrn und Freunde Der armen Menschheit, denen Sich keine Macht kann ebenbürtig wähnen Im unermessnen All und mächt'ger nur Das Fatum, waltend über der Natur. Du aber, den schon seit den Jugendtagen Ich huld'gend angerufen, O holder Tod, du einz'ger Erbarmer in der Erde Noth und Plagen, Wenn ich dich je gepriesen Und trotz der Schmach, die Thoren undankbar Dir anthun, immerdar Dir Ehrfurcht fromm erwiesen, Laß nicht mein Flehn vergebens, Das seltne zu dir dringen, Und dies mein Augenpaar Hüll ein in ew'ge Nacht, du Fürst des Lebens. Mich wirst du stets, zu welcher Zeit und Stunde Du mir erlösend nahst auf dunklen Schwingen, Aufrechten Hauptes sehen Dem Schicksal widerstehen, Und färbt es seine Hand, die Wund' um Wunde Mir schlägt, mit meinem Blut, Nie werd' ich's darum preisen Und segnen, wie, befangen In altem Sklavensinn, die Menschheit thut. Nein, jeder Hoffnung trügerischen Schein, Mit dem die Welt so kindisch Sich zu getrösten glaubt, Will ich verschmähn und nie auf Hülfe bauen, Als nur vor dir allein. So will ich heiter nun Den Tag erharren, wo mein schlummernd Haupt Darf dir am Busen ruhn. XXVIII. An mich selbst. (1836.) Nun wirst du ruhn für immer, Mein müdes Herz. Es schwand der letzte Wahn, Der ewig schien. Er schwand. Ich fühl' es tief: Die Hoffnung nicht allein Auf holde Täuschung, auch der Wunsch entschlief. So ruh für immer. Lange Genug hast du geklopft. Nichts hier verdient Dein reges Schlagen, keines Seufzers ist Die Erde werth. Nur Schmerz und Langweil bietet Das Leben, Andres nicht. Die Welt ist Koth. Ergieb dich denn! Verzweifle Zum letzten Mal! Uns Menschen hat das Schicksal Nur Eins geschenkt: den Tod. Verachte denn Dich, die Natur, die schnöde Macht, die verborgen herrscht zu unsrer Qual, Und dieses Alls unendlich nicht'ge Oede! XXIX. Aspasia. (1836.) Zuweilen kehrt vor meinen Geist zurück Dein Bild, Aspasia. Mag es flüchtig mir Vorüberblitzen im Gewühl der Stadt Aus andern Zügen; mag im öden Feld Am heitern Tag, im Glanz der stummen Sterne, Gleichsam erweckt von sanfter Harmonie, Mir in der Seele, die noch leicht erschrickt, Dies stolze Traumbild plötzlich auferstehn. Wie angebetet einst, ihr Götter, wie Mir Wonn' und Fluch zugleich! Und nie umwehen Die Düfte mich von blumenreicher Flur, Noch aus den Gärten in der Städte Mitten, Daß ich des Tags nicht denke, wo ich dich In deinen lieblichen Gemächern fand, Durchduftet alle von den frischen Blüten Des Frühlings, wo gekleidet in die Farbe Des dunklen Veilchens deine himmlische Gestalt erschien, nachlässig hingeschmiegt Auf glänzende Polster, von geheimer Wollust Rings überhaucht; indeß du, ausgelernte Verführerin, inbrünstig glüh'nde Küsse Auf deiner Kinder sanftgeschwellte Mündchen Laut schallend drücktest, deinen schneeigen Nacken Vorbiegend und die arglos junge Brut An den verhüllten, ach, ersehnten Busen Zogst mit der wunderschönen Hand. Da schienen Mir Erd' und Himmel neu, und fast ein Strahl Der Gottheit glänzt' in mir. Da traf, beschwingt Von deiner Hand, die Brust, die wohlbewehrt schien, Mit Macht der Pfeil, den unentreißbar fest Ich stöhnend trug, bis sich zum zweiten Mal Im Lauf der Sonne jährte jener Tag. Ein Strahl der Gottheit selbst erschien mir damals, Weib, deine Schöne. Gleiche Zaubermacht Übt Schönheit, wie Musik, die uns so oft Von unbekannten Paradiesen hehres Geheimniß zu enthüllen scheint. Dann hätschelt Der tiefgetroffne Sterbliche das Kind Der eignen Seele, das geliebte Urbild, Den Inbegriff der ew'gen Himmelswonne, Ganz an Gesicht, Geberde, Stimm' und Rede Dem irdischen Weibe gleich, das zu ersehnen In seinem Taumel wähnt der Liebende. Und doch nicht dieses, jenes nur, das Urbild Liebt und ersehnt er selbst im Rausch der Sinne. Doch endlich wird er inne seines Wahns Und der Verwechslung, zürnt dann und beschuldigt Gar ungerecht das Weib. Es schwingt zur Höhe Des Ideals sich selten nur ihr Geist, Und was hochsinnig Liebenden sie einflößt Durch ihren eignen Reiz, ahnt und versteht Sie selber nicht. Nicht fasst so herrliche Gedanken diese enge Stirn; und thöricht Hofft – oder fordert gar – vom hellen Funkeln Verführerischer Augen der Betrogne Den tiefen, unergründlichen und mehr Als männlich reifen Geist von Denen, die Dem Mann in Allem nachstehn. Ihnen ward Mit zartern, weichern Gliedern auch ein Geist Von mindrer Fähigkeit und mindrer Kraft. Auch du, Aspasia, was du selber einst Mir in die Seele flößtest, nimmermehr Hast du es ahnen können, nie erfuhrst du, Wie grenzenlose Glut, wie tiefe Qual, Wie unaussprechlich wilden Sturm und Wahnsinn Du in mir aufgewühlt; und niemals kommt Der Tag, wo du's begreifst. So weiß auch nicht Wer die Gewalt der Töne fluten läßt, Was er mit Stimm' und Hand heraufbeschwört In seinem Hörer. Die Aspasia, die ich So heiß geliebt, ist todt. Es schläft für immer, Was einst Ziel meines Lebens war. Nur manchmal, Nur wie ein theurer Schatten pflegt sie noch Zu kommen und zu schwinden. Doch du lebst, Nicht bloß noch immer schön, so schön sogar, Daß, däucht mir, alle Frau'n du überstrahlst. Doch jene Glut, die du geweckt, erlosch; Denn nicht dich selber: jene Göttin liebt' ich, Der diese Brust einst Tempel war, nun Grab. Für Jene glüht' ich lang, so ganz beseligt Von ihrem Himmelsreiz, daß ich, obwohl Von allem Anfang was du warst und bist Durchschauend, deine Künst' und Listen alle, Doch ihren holden Blick in deinem suchte Und, weil sie lebte, dir begierig folgte, Nicht mehr betrogen, nur noch von dem Reiz Der zauberischen Ähnlichkeit verlockt, Die lange, herbe Knechtschaft zu ertragen. Nun rühme dich; du kannst es! Nun erzähle, Daß dir allein von deinen Schwestern ich Den stolzen Nacken bog, freiwillig antrug Dies unbezähmte Herz. Erzähle nun, Daß du die Erst' – und sicherlich die Letzte – Mein Auge flehen sahst und dir genüber Mich scheu und zitternd (da ich's sage, glüh' ich In Grimm und Scham), mich meiner selbst beraubt, Wunsch, Wort und Wink von dir in schrankenloser Ergebenheit erspähn, bei deinen stolzen Launen erblassen, beim geringsten Zeichen Der Huld erglühn, bei jedem deiner Blicke Haltung und Farbe wechseln. Die Bezaubrung Ist hin, mit ihr zerfiel in Trümmer auch Das schnöde Joch, und ich frohlocke. Mögen Die Tage leer sein: dennoch, nach der Knechtschaft Und langem Wahn – wie froh umarm' ich jetzt Vernunft und Freiheit! Gleicht auch dieses Leben, Von Leidenschaft und holdem Irrthum frei, Der sternenlosen Nacht in Wintersmitte: Doch gnügt es mir als Trost und Rache für Mein herbes Menschenloos, daß hier im Grase Ich müßig, unbeweglich hingestreckt, Luft, Erd' und Meer betrachten kann und lächeln. XXX. Auf ein antikes Grab-Basrelief, eine todte Jungfrau darstellend, die im Begriff ist von den Ihrigen Abschied zu nehmen. (1836.) Wo eilst du hin? Wer ruft dich Hinweg von deinen Lieben, Du holde Mädchenblume? Willst du allein dein väterliches Haus So früh verlassen? Kehrst zu dieser Schwelle Du je zurück und wird ein Wiedersehen Erfreun, die heut in Thränen dich umstehen? Dein Aug' ist trocken, muthig die Geberde, Und dennoch bist du traurig. Ob willkommen, Ob unerwünscht die Reise dir erschiene, Ob dir das Ziel mißfällt – Aus deiner ernsten Miene Verräth sich's kaum. Ach, zweifelnd und beklommen Schwankt mir das Herz, und wohl in aller Welt Weiß Niemand, ob sich gnädig dir der Himmel, Ob grausam wollt' erweisen, Ob man dich soll beklagen oder preisen. Dich ruft der Tod; schon bei des Tags Beginn Die letzte Stunde! Zum verlassnen Neste Kehrst du nicht mehr. Für immer Musst du die theuren Eltern Verlassen. Unterirdisch Ist deiner Reise Ziel; Dort wirst du nun verweilen fürderhin. Ein Glück vielleicht! Und doch, wer still bei sich Dein irdisch Loos betrachtet, seufzt um dich. Niemals das Licht zu schauen War wohl das Beste. Doch einmal geboren, Da Schönheit erst sich königlich entfaltet In Wuchs und Angesicht Und schon die Welt von ferne Beginnt sich ihrer jungen Macht zu beugen, Beim Aufblühn jeder Hoffnung, da noch nicht Mit düstrer Blitze flammender Gewalt Wahrheit die freudenhelle Stirn getroffen, Gleich einem Rauche, der im Tageslicht Ein windbewegtes Wölkchen aufwärts wallt, So, gleich wie nie entstanden, zu verschweben Und künft'ge Lebensfülle Zu tauschen mit des Grabes dunkler Stille, Das ist's – mag es dem Geist Auch eine Wohlthat scheinen –, Was auch dem Muthigsten das Herz zerreißt. Mutter, von deinen Kindern Gefürchtet, die du früh schon weinen lehrst, Natur du grause, die du nur gebärst Und nährst, um deine eigne Brut zu tödten: Wenn Scheiden vor der Zeit Ein Übel ist, wie kannst du es erwählen Den schuldlos jungen Seelen? Und ist's ein Glück, warum Muß als das schwerste Leid Solch Scheiden Dem, der bleibt, Dem, der die Seinen Verlassen soll, so trostlos herb erscheinen? Elend, wohin sie blicken, Elend, wohin sie streben oder flüchten, Sind deine schwachen Kinder, Und selbst der Jugend Träume, Du lässest sie am Leben Zu Schanden werden. Wachsend mit den Jahren Bedrängen uns Gefahren. Nur der Tod Schirmt uns vor Leid. Dies unentrinnbar feste Gesetz, dies letzte Ziel Gabst du dem Lauf des Lebens. Ach, warum Ist nach der rauhen Bahn zum Mindsten nicht Das Ziel uns freudenvoll? Warum das Ende, Das als gewiß uns Allen, So lang wir leben, stets vor Augen steht, Den einz'gen Trost der Leiden, Die uns hienieden trafen, Mit schwarzem Flor umkleiden, Mit Grau'n ihn so umgeben, Daß uns mit Furcht und Beben Mehr als die Brandung schreckt der sichre Hafen? Zwar, wenn dies bittre Sterben Ein Loos ist, das du Allen Verhängt, die ohne Wissen du und Willen Und ohne Schuld dem Leben preisgegeben, So ist, wer stirbt, von Dem noch zu beneiden, Der seiner Lieben Scheiden Erleben muß. Denn wenn das Leben wirklich Ein Unglück ist und sterben Ein Glück, wer könnte drum und ach, wer wollte, Wie doch im Grund er sollte, Den letzten Tag ersehnen seiner Lieben, Um dann, zurückgeblieben Arm und beraubt, zu sehen, Wie von der Schwelle das geliebte Wesen Von hinnen wird getragen, Mit dem vereint er lebte manches Jahr, Ade ihm sagen, jeder Hoffnung baar, Ihm wieder zu begegnen In dieser ird'schen Welt; Und dann, auf Erden einsam und verlassen Umblickend, in gewohnter Stund' und Stätte Zu denken Dessen, dem er einst gesellt? Wie, o Natur, wie bringst du's übers Herz, Grausam hinwegzureißen Den Freund aus Freundesarmen, Geschwister von Geschwistern, Die Kinder von den Eltern, Sein Lieb vom Liebenden, daß Eins erlischt Und weiter lebt das Andre? Mußtest du Zum Leiden und zum Lieben Die Kraft uns leihn, daß, was wir heiß geliebt, Wir überleben? Doch Natur von je Gehorchte andern Trieben, Und wenig gilt ihr unser Wohl und Weh. XXXI. Auf das Marmorbild einer schönen Frau an ihrem Grabmal. (1836.) So warst du. Jetzt hier unten Bist du Geripp und Staub. Bewegungslos Steht, über deinem modernden Gebein Stumm blickend in der Zeiten Strom hinein, Nur noch als Hüterin Der Trauer und Erinnrung dieses Abbild Verschwundner Schönheit. Jener süße Blick, Der zittern machte, wenn er still, wie jetzt, Auf einem Antlitz ruhte; jene Lippe, Die wie ein voller Becher Von Wonnen überträufte, jener Nacken, Den Sehnsucht einst umarmte; jene weiche Hand, die so oft gefühlt, Wie kalt und feucht die Hand ward, die sie drückte; Der Busen, dessen Wallen Erblassen machte Den, der ihn erblickte, Dies Alles war; jetzt bist du Nur moderndes Gebein, Deß Grauenbild der Marmor uns verbirgt. Also zerstört das Schicksal Ein Antlitz auch, das uns das lebensvollste Abbild des Himmels schien. O ew'ges Räthsel Des Menschendaseins! Heut ein Quell erhabner Gedanken, unaussprechlicher Gefühle, Prahlt Schönheit und verspricht – Ein Licht in Nachtgebieten Uns von der göttlichen Natur gesandt, – Von überird'schen Loosen, Glücksel'gen Inselreichen, goldnen Welten Ein sichres Unterpfand Dem Sterblichen zu bieten: Und morgen sehn wir schaudernd, Durch einen leichten Anstoß hingerafft, Entstellt, was uns noch eben Hold schien und engelhaft, Und auch die Wunderkraft, Die Seelen zu entzünden, Die hier gewaltet, fühlen wir entschwinden. Ein unermeßlich Sehnen Und hehre Phantasieen Läßt durch die Seele ziehen In weisem Einklang holder Töne Macht, Daß durch ein wonnig Meer wie traumverwirrt Der Geist getrieben wird, Wie durch den Ocean Zu seiner Lust ein kühner Schwimmer irrt. Doch wenn an unser Ohr Ein Mißton schlägt, verschwindet Das Paradies, das uns entzückt zuvor. Wie kannst du, Mensch, wofern du In Schwäche so versunken Nur Staub und Schatten bist, so stolz empfinden? Und wohnt ein Himmelsfunken In dir, wie kann dein bestes innres Leben, So knechtisch hingegeben An niedre Macht, entstehen und verschwinden? XXXII. Palinodie. (1836.) Es kann nicht frommen, immerdar zu seufzen. Ich irrte, edler Gino. Nur zu lang Und schwer hab' ich geirrt. Das Leben, wähnt' ich, Sei arm und nichtig, abgeschmackt vor allen Die Zeit, die jetzt dahinrollt. Unerträglich Erschien und war mein Reden dem beglückten Geschlecht der Sterblichen, wenn man den Menschen So nennen darf und kann. Halb staunend, halb Erzürnt hervor aus ihrem duft'gen Eden Lachten die Herrlichen: verwahrlos't oder Vom Glück verlassen müss' ich sein. Der Freude Unfähig, oder unerfahren, hielt' ich Mein Loos für das gemeine und die Menschheit Für meine Leidensschwester. Endlich jetzt Durch der Cigarren Duftgewölk, beim Krachen Der leckeren Pastetchen, bei der Krieger Commandowort, Gefrornes und Getränke Herbeizurufen, während Tassen klirrten Und Löffel klapperten, erglänzte lebhaft Ins Auge mir das täglich neue Licht Der Tagesblätter. Da erkannt' und sah ich, Wie froh die Welt ist und wie sanft das Schicksal Der Sterblichen. Da sah ich den erhabnen Zustand und Werth der Güter dieser Erde, Den Pfad der Menschheit blumenüberstreut, Und wie hier nichts von Dauer, was mißfällt. So sah ich auch die staunenswerthen Werke, Die Studien, den Verstand, die Tugenden, Das tiefe Wissen meiner Zeit; und sah Wie von Marocco bis Catai, vom Nordpol Zum Nil, von Boston bis nach Goa keuchend Die groß' und kleinen Reiche in die Wette Der Spur Fortuna's folgen, schon sie haschen Am flatternden Gelock und sicher doch Am Zipfel ihrer Boa. Dies erkennend Und tiefnachdenklich in die großen Blätter Vergraben, hab' ich meines schweren, alten Irrthums und meiner selbst mich schämen müssen. Ein goldnes Alter, theurer Gino, spinnen Die Parzen jetzt. Ein jedes Zeitungsblatt, Wie auch an Sprachen und Format verschieden, Verkündet es der Welt in schönem Einklang Aus allen Landen. Allgemeine Liebe, Des Handels Weltverbindung, Schienenwege, Dampf, Presse, Cholera, die fernsten Völker Und Himmelsstriche werden sie verschmelzen; Und traun kein Wunder wär's, wenn Ficht' und Eiche Von Milch und Honig träuften oder tanzten Zu eines Walzers Klängen. So gewaltig Wuchs schon der Kolben und Retorten Macht, So in die Wette mit dem Himmel thun Die Dampfmaschinen Wunder, und noch größre Erlebt die Zukunft. Denn zum Bessern stets Und immer Bessern unaufhaltsam stürmt Dahin des Sem und Cham und Japhet Same. Von Eicheln zwar wird sich die Welt nicht nähren, Wenn Hunger nicht sie zwingt; das harte Eisen Wird sie nicht von sich thun. Wohl wird sie Gold Und Silber oft verachten und vorlieb Mit Wechselbriefen nehmen. Auch vom Blut Der theuren Ihren wird das edelmüth'ge Geschlecht nicht lassen; ja von Leichen wird Europa starren und das andre Ufer Des weiten Oceans, das der Gesittung Stets neue Nahrung giebt, so oft zum Kampf Es Bruderschaaren sendet, handelt sich's Um Pfeffer, Zimmet, Zuckerrohr und all Die andern Würzen, oder was nur immer Den Sinn der Menschen nach dem Golde lenkt. Wahrhafter Werth und Tugend, Treu' und Demuth Und Rechtsgefühl, sie werden stets in jedem Gemeinen Wesen fremd und ferne bleiben Den Weltgeschäften, oder ganz und gar Darniederliegen, trauernd und besiegt. Denn von Natur sind sie bestimmt, auf immer Zurückstehn. Frechheit und Tücke werden Stets herrschen nebst der Mittelmäßigkeit, Und obenauf sein. Herrschaft und Gewalt, Ob du sie Wen'gen wünschest oder Vielen, Mißbrauchen wird sie stets, wer sie besitzt, Wie er auch heiße. Diese Satzung gruben Natur und Schicksal einst in Diamant, Und nicht mit ihren Blitzen löschen sie Volta und Davy aus, und nicht mit seinen Maschinen England, nicht mit einem Ganges Von Leitartikeln diese neue Zeit. Stets wird der Gute trauern, stets der Wicht, Der Schuft frohlocken. Erd' und Himmel werden In Waffen immer gegen hohe Seelen Verschworen sein. Der wahren Ehre folgt Verleumdung, Haß und Neid. Der Starke zehrt Den Schwachen auf, der Hungerleider frohnt Und dient dem Reichen stets, in welcher Form auch Der Staat regiert wird; nah und fern den Polen Und der Ekliptik wird's unwandelbar So sein, so lang der Mensch auf Erden wohnt Und ihm des Tages Fackel nicht erlischt. Mit solch geringen Resten, solchen Spuren Vergangner Zeiten muß die goldne Zeit, Die jetzt heranbricht, noch behaftet bleiben. Denn tausend Widersprüche, tausend feindlich Entzweite Triebe birgt die menschliche Gemeinde von Natur; die zu versöhnen, Zu stillen ihren Haß vermochte nie Die Macht des Geistes, seit dem Tage, da Dies herrliche Geschlecht entstand, und kein Vertrag, kein Zeitungsblatt, wie weis' und mächtig Es sei, wird's je vermögen. Doch in Dingen, Die wicht'ger sind, wird uns ein niegesehnes Vollkommnes Glück erblühen. Weicher werden Von Tag zu Tag, ob seiden oder wollen, Die Kleider werden. Ihre groben Stoffe Verschmähn der Bauer und der Handwerksmann; Baumwolle muß die rauhe Haut umhüllen Und Bieberfelle ihren Rücken wärmen. Mehr zum Gebrauch geeignet oder sicher Den Augen wohlgefälliger werden Polster, Teppiche, Sessel, Tisch' und Schemel werden, Betten und aller Hausrath, und den Zimmern Zu flüchtig wandelbarem Schmucke dienen; Kessel von neuer Form und neue Pfannen Wird in der ruß'gen Küche man bewundern, Und von Paris bis nach Calais, von dort Bis London, Liverpool, so zauberschnell, Wie man's zu denken kaum noch sich getraut, Geht dann die Reise, nein, der Flug. Und unter Dem tiefen Bett der Themse führt ein Durchgang, Ein kühn unsterblich Werk, das schon vor Jahren Vollbracht sein sollte. Besser auch beleuchtet, Als heutzutage, wenn auch sichrer nicht Zur Nachtzeit, werden selbst die Winkelgassen Der großen Städte sein, auch hie und da In kleinen Städten selbst die großen Straßen. So Herrliches, ein so glückselig Loos Beschert der Himmel unsern Nachgebornen. O glücklich Alle, die, da ich dies schreibe, Wimmernd und nackt erst in die Arme nimmt Die Wehemutter! Schauen soll'n sie diese Ersehnten Tage, wo durch lange Forschung Es nun bekannt ward und ein jedes Kind Es mühlos einsaugt mit der Ammenmilch, Wie viele Centner Salz und wie viel Fleisch, Wie viele Malter Mehl das Vaterstädtchen Verschlingt in jedem Mond, wie viel Geburten Und wie viel Todesfälle jährlich bucht Der alte Pfarrer; wo die Zeitungsblätter, Mit Dampfeswunderkraft in der Secunde Millionenmal gedruckt, Gebirg und Ebne, Auch wohl des Meers unendliches Gebiet, Gleich einem luft'gen Kranichschwarm, der plötzlich Der weiten Niederung den Tag verdunkelt, Erfüllen werden, Zeitungen, die Seele, Der Lebenshauch des Alls und dieser Zeit Und jeder künft'gen einz'ge Wissensquelle! Gleich einem Knaben, der sich eifrig müht, Aus Blättchen oder Spänchen ein Gebäude, Das einen Tempel, Thurm, Palast bedeutet, Emporzuführen, und kaum ist's vollendet, Schon daran denkt, es wieder einzureißen, Weil er dieselben Blättlein oder Spänchen Nun wieder braucht zu einem neuen Bau: So sieht Natur auch ihrer Werke keines, Wie kunstreich es auch prangen mag, vollendet, Daß sie's sofort nicht zu zerstören strebt', Auf daß zu anderm Zweck die Theile dienten. Und vor dem schnöden Spiel, deß Sinn ihm ewig Verborgen bleibt, beeifert sich umsonst Der Mensch sich selbst und Andre zu beschützen, Viel tausend Mittel tausendfach verwendend Mit kluger Hand. Doch aller Mühe spottend Vollführt Natur, ein eigenwill'ger Knabe, Ihr grausam launenhaftes Spiel, und rastlos Ergötzt sie sich an Bilden und Zerstören. Daher bedrängt ein bunt unzähl'ger Schwarm Unheilbarer Gebrechen und Beschwerden Den armen Sterblichen, der unabwendbar Dem Untergang geweiht; von inn' und außen Rings ihn umlagernd, eifrig unablässig Bekämpft ihn eine feindlich dunkle Macht Seit der Geburt, verfolgt, ermüdet ihn, Selbst unermüdlich, bis er endlich da liegt, Erdrückt, vernichtet von der grausen Mutter. Dies höchste Elend alles Menschenlebens, O edler Freund, das Alter und den Tod, Die schon beginnen, wenn des Kindes Lippe Aus zarten Brüsten Lebenssäfte saugt, Kann, dünkt mich, auch dies muntre neunzehnte Jahrhundert nicht, so wenig wie das neunt' Und zehnte von uns nehmen, und nicht besser Gelingt es auch in aller künft'gen Zeit. Doch darf man wohl einmal beim rechten Namen Die Wahrheit nennen: überhaupt nicht anders Als elend wird der Erdgeborne sein Zu keiner Zeit, nicht nur im Bann des Staates, Nein, auch in jedem andern Lebenskreise, Da von Natur schon er unheilbar ist Kraft des Gesetzes, welchem Erd' und Himmel Gleich unterthan. Doch eine neue Auskunft, Fast götterwürdig, fanden die erhabnen Geister der heut'gen Zeit: wohl können sie Den Einzlen nicht auf Erden glücklich machen; Drum gaben sie den Menschen auf und sannen Auf allgemeines Menschheitsglück; und weil Dies leicht gefunden war, so machten sie Aus viel Unsel'gen und Betrübten ein Glücksel'ges, heitres Volk. Und dieses Wunder, Das keine Zeitung, Monatschrift, Pamphlet Noch aufgeklärt, bestaunt die große Heerde. O welch ein hoher Geist, welch übermenschlich Genialer Scharfblick unsrer Zeit! Welch sichres Philosophiren, welche Weisheit, Gino, Wird in noch viel erhabnern, räthselvollern Problemen mein und dein Jahrhundert all Den künft'gen überliefern! Wie beharrlich Verehrt's heut auf den Knieen, was es gestern Verhöhnt hat, stürzt es morgen schon, und lies't dann Die Trümmer wieder auf, um übermorgen Neu aufgerichtet fromm sie zu beräuchern! Wie werth der Achtung, des Vertrauens muß Uns des Jahrhunderts, ja auch nur des Jahrs Einträchtig Denken sein; wie ängstlich wir Bedacht sein, unsre Meinung der des Jahres, Wie sehr sie der des nächsten widerspreche, So anzuschmiegen, daß in keinem Punkt Wir von ihr weichen! O wie herrlich weit – Vergleichen wir die neue Zeit der alten – Hat's heut schon unsre Schulweisheit gebracht! Einst von den Deinen Einer, wackrer Gino, Ein rüst'ger Meistersinger, ja in allen Künsten und Wissenschaften und Talenten Für alle Einst'gen, Gegenwärt'gen, Künft'gen Die kritische Leuchte, sprach zu mir: O schweige Von deinem eignen Herzen! Darnach fragt Dies männliche Geschlecht nicht mehr, das einzig Noch Staatswirthschaft studirt und ernst gespannt Die Politik verfolgt. Dein eignes Innre Erforschen, wozu frommt's? Stoff zum Gedicht Such nicht in dir. Besinge, was der Zeit Vor allem Noth, und wie gereift die Hoffnung. Denkwürd'ger Ausspruch! Ein gewaltiges Gelächter schlug ich auf, als mir das Wort Hoffnung vor dem profanen Ohr erklang, Gleich einem Witz im Lustspiel, gleich dem Lallen Aus eines kaum entwöhnten Säuglings Munde. Doch nun bekehr' ich mich und wähle künftig Den andern Weg, durch zweifellose Proben Nun aufgeklärt, daß man der eignen Zeit Nicht widersprechen darf, sie nicht bestreiten, Wenn Lob und Ruhm sie spenden soll, vielmehr Ihr unterwürfig schmeicheln; so auf kurzem Und glattem Weg gelangt man zu den Sternen. Ich drum, sehnsüchtig nach den Sternen, wähle Nicht die »Bedürfnisse der Zeit« zum Stoff Für mein Gedicht; für diese, stets sich mehrend, Wird ja vollauf gesorgt schon durch Fabriken Und Handel; doch die Hoffnung will ich feiern, Für welche schon ein sichtbar Unterpfand Die Götter uns bescherten: als Beginn Des neuen Glücks zeigt ja schon Lipp' und Wange Der Jünglinge den ungeheuren Haarwuchs. Gruß dir, du Rettungszeichen, erster Lichtstrahl Der wunderbaren Zeit, die nun heraufglänzt! Sieh, wie vor dir sich Erd' und Himmel schon Mit Helle schmücken, wie der Blick der Mädchen Von Freude sprüht und in Gelag' und Festen Der bartumlockten Helden Ruhm ertönt! Wachse dem Vaterland heran, so männlich, Moderne Jugend! Wachsen wird Italien Im Schatten deiner Locken, wachsen ganz Europa von des Tajo Mündung bis Zum Hellespont, und ruhen kann die Welt. Und du beginne früh die bärt'gen Eltern Mit Lachen zu begrüßen, zartes Kind, Dem goldne Tage winken; fürchte dich Vorm harmlos schwarzen Vaterantlitz nicht. Lache, du zartes Kind; für dich ja reift Die Frucht so vielen Schwatzens einst heran; Du sollst die Freude herrschen, Stadt und Land, Das Alter und die Jugend gleich zufrieden Und Bärte wallen sehn zwei Spannen lang. XXXIII. Monduntergang. (Gedichtet zwischen 1834 und 37, zuerst veröffentlicht nach des Dichters Tode in der Ranieri'schen Ausgabe, 1845.) So wie in öden Nächten Auf Feld und Wellen, die von Silber glänzen, Wo leichte Winde schweben Und tausend Zauber walten, Und rings mit Truggestalten Die Schatten in der Ferne Gebirg und Meer und Villen Und jeden Zweig und jede Hecke füllen, Nun dicht am Himmelssaume Hinter Gebirgswand oder in den Schooß Des Meeres still und groß Der Mond versinkt und sich die Welt entfärbt Die Schatten fliehn und nur Ein dunkler Schleier deckt Gebirg und Flur – Und dann im blinden Schweigen Der Nacht mit einsam klagendem Gesang Den Nachglanz des Gestirns, das seinem Wagen Die Leuchte vorgetragen, Der Kärrner grüßt den müden Pfad entlang: – So schwinden, so entschweben Sehn wir dem Erdenleben Die Jugend. So von hinnen Flieht aller Schein und Schatten Holdsel'gen Wahns; die hoffenden Gedanken, Die uns vertröstet hatten Auf eine Zukunft, sinken und verblassen. Umnachtet und verlassen Ist nun das Leben. Mit verwirrten Sinnen Umblickend, sucht der Wandrer ach, vergebens Des langen Wegs, den er noch vor sich ahnt, Ziel oder Zweck und sieht, Wie fremd ihm das Gebiet, Und er – wie fremd er ward im Reich des Lebens. Zu froh und glücklich noch Würd' unsre Erdennoth Dort oben scheinen, wenn die Jugendzeit, Wo jedes Gut die Frucht von tausend Leiden, Fortwährte durch den ganzen Lebenslauf; Zu gnädig das Gesetz, Das jeder Creatur verhängt den Tod, Wär' nicht ein halbes Leben Uns noch zuvor gegeben, Das härter ist als alle Todesschrecken. O göttlicher Erfindung Höchst würdig, aller Uebel Unseligstes, verliehen uns die Ew'gen Das Alter, wo die Wünsche Noch glühend sind, die Hoffnung längst erloschen, Versiegt der Freuden Quell und stets sich häuft Das Weh, in das kein Tropfen Wonne träuft. Ihr Hügel und Gefilde, Nicht lang nachdem der Glanz hinabgesunken, Der das Gewand der Nacht in Silber taucht, Nicht lange sollt ihr harren, Verwais't und bang; bald naht die Morgenfrühe, Die dämmernd überhaucht Euch und den Himmel und das Meer von Neuem. Und auf dem Fuß ihr folgt die hehre Sonne, Die, in die Runde sendend Die allgewalt'gen Gluten, Mit ihren Strahlenfluten Euch überströmt zusammt den Aetherfluren. Doch unser Menschenleben, wenn die schöne Jugend entschwand, erhellt sich fürder nicht Von anderm Strahl, von anderm Morgenlicht. Hinfort bleibt es verwittwet, und am Ende Der Nacht, die düster sinkt auf uns herab, Harrt unser nach der Götter Schluß – das Grab. XXXIV. Der Ginster oder Die Blume der Wüste. (Gedichtet 1834 bis 37, zuerst gedruckt 1845). Καὶ ὴγάπησαν οἱ ἄνϑρωποι μᾶλλον τὸ σκότος ἢ τὸ φῶς. Und die Menschen liebten die Finsterniß mehr als das Licht. Ev. Joh. III. 19. Hier auf dem dürren Grat Des schreckenvollen Berges Vesuvio, des Verwüsters, Wo sonst nicht Baum noch Blume fröhlich grünt, Verbreitest du dein einsam wuchernd Laub, Duftvolle Ginsterblume, Genügsam in der Oede. So auch sah ich Die klaren Fluren blühend dich beleben, Die jene Stadt umgeben, Wo einst der Herrscherthron der Erde stand, Die von gestürzter Größe Schweigsam dem Wandelnden zu reden scheinen, Ernst und erinnrungsschwer in ihrer Blöße. Nun seh' ich hier dich wieder, die du stets Schwermüth'ge, weltverlassne Stätten liebst Und dich gesellst leidvollen Schicksalsloosen. Die Fluren hier, verschüttet Von unfruchtbarer Asche und bedeckt Mit der versteinten Lava, Die unterm Fuß des Wandrers wiederhallt, Wo aus dem Neste sich die Schlange ringelt Und sonnt und das Kaninchen Sein Lager aufsucht im gehöhlten Bau – Einst waren's heitre Dörfer, Von Aehrengold umwogt und wiederhallend Von ihrer Rinder Brüllen; Einst fanden müß'ge Reiche In Gärten hier und Villen Erwünschte Rast, und prächt'ge Städte waren's, Die blitzesprühend aus dem Feuerschlund Der hehre Berg zugleich mit den Bewohnern Im Glutenstrom verschlang. Nun ward dies Alles Rings Eine Wüstenei, Wo du, o holde Blume, blühst und, gleichsam Mitfühlend mit so großem Weh, zum Himmel Den Hauch entsendest süßesten Gedüfts, Der Wüste Trost und Labsal. Hieher komme, Wer unser Menschenloos als hochbeglückt Zu preisen pflegt; hier mag er lernen, wie Natur um uns sich mühte In ihrer Huld und Güte, kann gerecht Ermessen im Gemüthe, Wie große Macht dem Menschen sie verliehn. Denn plötzlich, wo Gefahr am fernsten schien, Vermag mit leichtem Ruck die harte Amme Uns theilweis zu verderben, Dann, wenig heft'ger rüttelnd, ganz und gar Uns in das Nichts zu stürzen. In diesen Trümmerweiten Lehrt jeder Stein fürwahr, »Wie herrlich doch die Menschen vorwärts schreiten.« Hier spiegle dich, hoffärtig Verblendetes Jahrhundert, Das du von jenem Pfade, Den dir gezeigt der auferstandne Geist, Gewichen bist und wähnst, daß rückwärts schreitend Du fortgeschritten sei'st, Der Umkehr dich berühmend. Ob deines kindischen Lallens schmeicheln dir Die Geister, denen dich ihr herbes Schicksal Zum Vater gab, obwohl sie Auch manchmal hinterm Rücken Dein spotten. Aber ich Will nicht mit solcher Schmach zur Grube fahren. Leicht zwar geläng' es wohl, Den Andern gleich ruhmredig in die Wette Zu singen, was bei dir in Gunst mich brächte. Doch lieber will ich dreist sie offenbaren, Statt sie zurückzupressen, Die trotzige Verachtung dieser Zeit, Weiß ich auch wohl, vergessen Wird, wer zu sehr der Mitwelt mißbehagt. Doch dieses Unglücks, das Ich mit dir theile, lach' ich noch von Herzen. Du träumst von Freiheit, und in Fesseln schlägst du Von Neuem den Gedanken, Der uns allein emporhob Aus tiefster Barbarei, und der allein Die Sitten adelt, daß der Völker Loos Sich wandeln mag zum Bessern. So sträubst du dich, die Wahrheit Zu hören, welch ein niedrig hartes Schicksal Uns die Natur verhängte. Darum wandtest So jämmerlich dem Lichte du den Rücken, Und vor der Wahrheit fliehend, schiltst du feige Den, der sie sucht, und rühmest Als edel Den allein, Der thöricht oder schlau, betrogen oder Betrüger, selig preis't der Menschen Loos. Wer dürft'gen Standes ist und krank an Gliedern, Doch von Gemüthe stolz und hochgesinnt, Der wähnt und rühmt sich nicht An Golde reich und Kräften Und fordert nicht heraus den Spott der Menge Durch kindisches Gepränge Mit Glücks- und Leibesgaben. Er schämt sich nicht, als Bettler sich zu zeigen An Gut und Blut, und kommt die Rede drauf, Schätzt er das Seine, nicht die Wahrheit hehlend, Nach seinem wahren Werth. Der schien mir stets verkehrt, Nicht edel, wer geboren Zum Sterben und in Leiden aufgesprossen Sagt: »Ich bin hier zum Gluckt!« – Und füllt mit stinkendem Selbstruhm die Blätter, hohe Freudenloose Und Wonnen, selbst im Himmel unbekannt, Geschweig' hienieden, diesen Erdgeschlechtern Verheißend, die ein Stoß Empörter Flut, ein Hauch Von Fieberluft, ein unterirdisch Beben Vernichtet und begräbt, Daß kaum Erinnrung noch sie überlebt. Von edler Art ist Der, Der seine Menschenaugen Auf unser Aller Schicksal Zu heften wagt, der von der Wahrheit nichts Abdingend, frei und offen Das Leiden eingesteht, das uns beschieden, Und unser schwankes Dasein; Der seinen sichren Frieden Bewährt im Dulden, nicht mit Bruderhaß Und -Hader, herber noch Als jeglich andres Unheil, Sein Elend schärft; der nicht den Menschen zeiht Der Schuld an seinen Qualen, sondern einzig Die wahrhaft Schuldige, der Menschheit Mutter Durch die Geburt, Stiefmutter durch den Willen. Sie nennt er unsre Feindin; gegen sie Zu Schutz und Trutz verbündet, Gegründet nur zur Abwehr ihrer Feindschaft Sei menschliche Gemeinschaft Und aller Menschen Bruderbund gestiftet. Und allesammt umarmt er Mit wahrer Liebe, Hülfe Kraftvoll und rasch so bringend wie erwartend In wechselnden Gefahren und den Nöthen Des allgemeinen Kriegs. Und mit den Waffen Unbilden ahnden oder Fallen legen, Drin sich der Nächste fängt, Däucht ihn so thöricht, wie im Feld, umdrängt Von Feindesschaaren, wenn am hitzigsten Der Sturm des Kampfes tobt, Den Gegner schonend, mit den eignen Freunden Erbos'ten Zwist beginnen, Zur Flucht sie drängen und zu Boden schmettern Des eignen Heeres Glieder. Wenn die Erkenntniß wieder Aufginge, wie vordem, der großen Menge, Und jenes Grauen wieder Vor der Natur, der argen, Das zu geselligem Bund die Menschen trieb, Uns warnend übermannte, Nun klar bewußt: wie anders würden dann Zucht, biedre Bürgersitte, Gerechtigkeit und Ehrfurcht Wurzeln schlagen, Als jetzt in jenen thöricht stolzen Possen, Darin des Volkes Treu' und Redlichkeit Nicht fester steht gegründet, Als Alles was im Wahn die Wurzeln findet. Gar oft auf diesen Halden, Die trostlos ganz in Trauer Einhüllt der starre Fluß, der noch bewegt scheint, Sitz' ich bei Nacht. Und auf die Öde nieder Seh' ich aus reinster Bläue Des Firmaments die Sterne Flammen sprühn, Die fern sich wiederspiegeln Im Meer, und ringsum in der stillen Leere Von Funken blitzen weit und breit die Welt. Und heft' ich dann die Augen auf die reinen Lichter, die Pünktchen scheinen Und sind so unermeßlich, Daß gegen sie in Wahrheit Erd' und Himmel Nur Pünktchen sind; und denke, Daß nicht der Mensch allein, Auch diese Kugel, drauf der Mensch ein Stäubchen, Ganz ihnen unbekannt; und sehe dann Die noch entlegnern, grenzenlos entfernten – Sternknäuel nenn' ich sie – Uns nur wie Nebel sichtbar, denen nicht Der Mensch nur und die Erde, nein zumal All unsre Sterne, grenzenlos an Zahl Und Masse, sammt dem Goldgestirn der Sonne Theils unbekannt sind, oder sichtbar doch Nur so, wie sie der Erde, Ein nebelhafter Lichtpunkt: wie erscheinst du Mir dann, du arm Geschlecht Des Menschen? Und erwäg' ich Dein Loos hienieden, wie der Boden mir's Bekundet, den ich trete, und hinwieder, Daß du den Herrn und Endzweck Des Weltenalls dich dünkst und, wenn es dir Beliebt zu fabeln, sagst, auf dieses dunkle Sandkörnchen, das den Namen Erde trägt, Sei'n deinethalb des ew'gen Welltalls Schöpfer Ehmals herabgestiegen, um vertraulich Zu plaudern mit den Deinen; und wie nun, Den Kindertraum erneuernd, diese Zeit Der Weisen spottet, sie, die doch an Wissen Und jeder Kunst so weit Voran zu sein schien allen andern: welch Gefühl, armsel'ge Menschheit, welches Urtheil Regt sich zuletzt in meines Busens Raum? Ob Lachen oder Mitleid, weiß ich kaum. Wie wenn vom Baum ein kleiner Apfel fällt, Den von dem Zweig im Spätherbst Kein andrer Zwang als seine Reife lös't, Und eines Ameisvolkes traute Wohnung, Mühsam in weicher Scholle Gehöhlt, und ihre Werke Und reichen Vorrath, den geduldiglich Das fleiß'ge Volk wetteifernd angehäuft, Zur Sommerszeit vorsorgend für den Winter, Zerstört, zerstreut, verschüttet In einem Nu: so war's, als niederstürzend, Aus donnernd grauser Tiefe Zum Himmel aufgeschleudert, Mit Asche, Bimsstein, lockrer Felsensaat Nacht und Verderben strömend In heißen Flammenbächen Und aus den Bergesspalten Vorbrechend durch den Graswuchs Ein ungeheurer Schwall Geschmolzner Erze, glutgetränkten Sandes Und flüss'ger Lavamassen Die Städte dort tief an dem Ufersaum Des Meeres überfiel, Zertrümmert' und begrub In kurzer Stunde, daß nur Ziegen jetzt Hier weiden, neue Städte Erstehn dort drüben, denen die begrabnen Zum Schemel dienen, und der steile Berg Die Mauerntrümmer schier mit Füßen tritt. – Es hütet oder hegt Natur nicht mehr den Menschen, Als jenen Ameishaufen; und vernichtet Sie seltner ihn, als diese, Ist's darum nur allein, Weil minder fruchtbar ist die Menschenbrut. Wohl achtzehnhundert Jahre Sind hingegangen, seit die blüh'nden Städte, Von Feuersmacht erstickt, hinweggeschwunden, Und wenn der fleiß'ge Landmann Die Reben pflegt, die kümmerlich gedeih'n Hier auf der todten, aschendürren Scholle, Hebt er den Blick noch immer Besorgt zum unheilvollen Berggipfel, der mit ungezähmter Wildheit Noch immer Schrecken birgt, noch immer ihm Und seinen Kindern, seiner armen Habe Verderben droht. Und oft, Wenn auf dem flachen Dache Des Hüttleins unterm leichten Hauch der Lüfte Der Ärmste schlaflos liegt die Nacht hindurch, Springt er empor und späht dem Laufe nach Des Feuerstrudels, der sich niederwälzt Aus unerschöpftem Abgrund Hinab den sand'gen Hang, daß wiederglänzt Von Capri die Marina, Der Hafen Napoli's und Mergellina. Und sieht er ihn herannahn, oder hört Im tiefen Brunnen hinterm Haus das Wasser Aufkochend gurgeln, weckt er seine Kinder, Erweckt in Hast sein Weib, und fort mit Allem, Was sich errafffen lässt an Hausrath, flüchtend, Sieht er von fern sein Nest Und seinen kleinen Acker, Der vor dem Hunger ihn allein geschützt, Zum Raub dem Glutenbache, Der brausend niederschwillt und dicht und fest Die Stätten alle unerbittlich zudeckt. – Es kehrt' ans Licht zurück Aus der Vergessenheit uraltem Grabe Pompeji, dem verscharrten Gerippe gleich, das Habgier Von Neuem bloßlegt oder frommer Sinn, Und von dem leeren Forum Durch schnurgerade Reihen Von Säulenstümpfen schaut der fremde Wandrer Dort oben fern das zwiegetheilte Joch Und den umwölkten Gipfel, Der jetzt noch diese Trümmerwelt bedroht. Und in der stillen Nacht mit ihren Schauern Entlang den Tempelresten, Oeden Theatern, umgestürzten Mauern, Drin ihre Jungen birgt die Fledermaus, Gleich einer düstren Fackel, Die qualmend schwankt durch menschenleere Hallen, Läuft dann der Schein der todesschwangern Lava, Die fernher durch die Schatten Aufleuchtet und ringsum die Gegend röthet. So, nichts vom Menschen wissend und den Zeiten, Die er die alten nennt, und daß den Ahnen Die Enkelkinder folgen, Ruht ewig jung Natur, vielmehr durchmessen Muß sie so weite Bahnen, Daß sie zu ruhen scheint. Zu Grunde gehen Geschlechter, Sprachen, Reiche: sie ist blind, Und nur der Mensch glaubt ewig zu bestehen. Und du, schmiegsamer Ginster, Der du mit duft'gen Wäldern Rings diese schmuckentblößten Fluren zierst, Auch du wirst bald der schonungslosen Macht Der unterird'schen Glut zum Opfer fallen, Wenn sie wird niederwallen Zum wohlbekannten Grund, dein weich Gezweige Mit hämischem Bahrtuch deckend. Und du beugst Unter dem Todesdruck dein schuldlos Leben Ohn' alles Widerstreben. Doch früher neigst du nicht mit feigem Flehen Und unfruchtbarem Jammer je dein Haupt Dem künftigen Verderber, noch erhebst du's In aberwitz'ger Hoffahrt zu den Sternen, Verachtend diese Wüste, Drin du erblüht, nicht eben Durch freie Wahl, vielmehr durch Schicksalswillen; Du, weiser als der Mensch Und nicht am Wahne krank, als sei gegeben, Durch Schicksal oder eigne Kraft, deinem schwachen Stamm ein ewig Leben. XXXV. Scherz. Als Knabe zu den Musen Kam ich und wollt' in ihre Lehre gehen. Und ihrer Eine nahm mich bei der Hand Und blieb mir zum Geleite Den ganzen Tag zur Seite, Die Werkstatt zu besehen Sammt allen Kunstgeräthen, Die nöthig den Poeten. Sie zeigte mir von allen Den Nutzen und Gebrauch, Zu Vers und Prosa auch Zu dienen nach Gefallen. Ich aber schaut' und fragte: Muse, wo ist die Feile? – und sie sagte: Die ist verbraucht; man thut's nun ohne sie. Und ich: Doch sorgt ihr nicht, Daß, wenn sie stumpf ward, ihr sie rasch erneut? Und sie: Wir sollten wohl; doch fehlt die Zeit.