Alfred Lichtenstein Die Gedichte des Kuno Kohn Mein Ende Halbe Hände halten mein Schicksal. Wo wird es sinken ... Meine Schritte sind winzig wie die Schritte von Fraun. Ein Abend hat alle Träume verwüstet. Kein Schlaf fällt mir ein – Lied der Sehnsucht des Kuno Kohn Die Falten des Meeres platzen wie Peitschen auf meiner Haut. Und die Sterne des Meeres reißen mich auf. Von schreienden Wunden ist der Abend des Meeres Einsamen. Aber die Liebenden finden den guten verträumten Tod ... Sei bald da, Schmerzäugige, das Meer tut so weh. Sei bald da, Liebleidende, das Meer erschlägt mich so. Deine Hände sind kühle Heilige. Hüll mich mit ihnen, das Meer brennt auf mir. Hilf doch! Hilf doch! ... Deck mich. Rette mich. Heil mich, Freundin. Mutter ... du – Überfall Schon Untergang – Das war aber schnell ... Kaum Spur von Aufgang – – Ich bin über die Welt gewachsen. Ich bin der Allgott geworden Und furchtbar wach. Und jetzt muß ich den Tod wegwerfen ... Mein Sterben ist stumm Und ohne Bilder ... Ohne Erlösung – – – Pathos Du liebst mich nicht ... Ich hab dich nie gereizt ... War nie dein Typ ... Und meine harten Augen sind dir lästig, Liebchen ... Ich bin dir viel zu finster. Und zu grob – Und meine weißen Zähne blitzen so brutal Und meine blutgen Lippen sind so schrecklich sichlich. Ach, was du sagst – – Doch, du hast wirklich recht. Ich geb dich ... frei. ... Und morgen in der Früh fahr ich zu einem Meer, Das blau und ewig ist ... Und liege da am Strand ... Und spiele lächelnd, bis ein Tod mich greift, Mit Sand und Sonne und mit einer weißen Schlanken Hündin. Liebeslied Helle Länder sind deine Augen. Vögelchen sind deine Blicke, Zierliche Winke aus Tüchern beim Abschied. In deinem Lächeln ruh ich wie in spielenden Booten. Deine kleinen Geschichten sind aus Seide. Ich muß dich immer ansehen. Der Entleibte Weiß lieg ich Auf einem Rest von einem Rummelplatz Zwischen zackigen Bauten – Brennende Blume ... leuchtender See ... Zehen und Hände Streben ins Leere. Sehnsucht zerreißt den weinenden Körper. Über mich gleitet der kleine Mond. Augen greifen Weich in tiefe Welt, Hüten versunken Wandernde Sterne. Der Gerührte Ich habe gern verlassen Den lauten Tod der Stadt, Der tausend Fratzen hat, Die gelbe Nacht der Gassen. Ich schreite in den weiten, Silbrigen Himmel ein; Die frommen Glieder gleiten Tief in das sanfte Sein. Ich bin im weißen Leuchten Von Wolke, Wiese, Wind. Bin Baum, bin Dorf, bin Kind.. Wie sich die Augen feuchten! Bald wird am Silberende Der grüne Abend stehn ... Ich hebe selge Hände – Will ihm entgegengehn – Gebet an die Menschen Ich geh in den Tagen Wie ein Dieb. Und niemand hört Mein Herz zu sich klagen. Habt, bitte, Erbarmen. Habt mich lieb. Ich hasse euch. Ich will euch umarmen. Wanderer im Abend Kuno Kohn singt: Der staubige Sonntag Liegt zerbrannt. Verkohlte Kühle Bemuttert das Land. Verkommene Sehnsucht Klafft weit wieder auf. Träume und Tränen Strömen herauf. Abend Die Häuser stehen steif an ihren Gattern. Laß deine Augen, letzte Spatzen, flattern. Schmeißfliegen setzen sich auf Dein Gesicht. Spürst, Kuno, Du die ewgen Mühlen nicht – Der Stumpfe bohrt Dir Löcher in den Kopf. Sieh noch den Mond, der Mörder Mostrichtopf. Frühling Alle Männer sind jetzt gierig, Alle Weiber schrein, Ducke dich in deinen Buckel, Bleib allein – Die fünf Marienlieder des Kuno Kohn Erstes Lied: So viele Jahre sucht ich dich, Maria – In Gärten, Stuben, Städten und Gebirgen, In Buden, Dirnen, in Theaterschulen, In Krankenbetten und in Irrenzimmern, In Küchenmädchen, Schreien, Frühlingsfeiern, In allen Wettern und in allen Tagen, In Kaffeehäusern, Müttern, Tänzerinnen – Ich fand dich nicht in Kneipen, Kinobildern, Musiklokalen, Sommerdampferfahrten ... Wer sagt die Qual, wenn ich in Nacht auf Straßen Nach dir zum toten Himmel schrie – Nächstes Lied: Der dich so sucht, Maria, wird ganz grau. Der dich so sucht, verliert Gesicht und Bein. Zerfällt im Herzen. Blut und Traum entweicht. Käm ich zur Ruh ... Wär ich in deiner Hand ... O, nähmst du mich in deine Augen auf ... Hohes Lied: Maria du – daran zu denken, wie Ich dich empfand ... Der schwere Kopf versinkt – Meer nur und Mond – Meermond und Wind und Welt – Um deine weiße Haut der weiße Sand, Maria – Dein Haar ... Dein Lächeln ... Rings ist Meer und Not Und Ruf und Sehnsucht und ein sanftes Glück – All dieses Singen, das so müde macht ... Kommt nicht der Himmel wie ein Mutterlied Zur Stirn des Kindes hin und hin zu uns – Trauriges Lied: Jetzt geh ich wieder zwischen Tagen, Tieren, Gestein und tausend Augen und Getön – Der Fremdeste. Ich mußte dich verlieren ... Dein Sündenleib, Maria, war so schön – Jetzt such ich wieder zwischen Tagen, Tieren, Gestein und Lärm vergeblich deine Spur. Jetzt weiß ich auch: ich mußte dich verlieren ... Ich fand nicht dich – dein Name war es nur – Letztes Lied: Komm nur, mein Regen ... fall mir ins Gesicht – Gelbe Laternen ... werft die Häuser um – Heile und glatte Wege will ich nicht. So ist es schön ... nur im Laternenschein ... Maria ... dunkler Regen ringsherum – So geht sichs gut. Ich möchte bei dir sein. Was sind mir Berge und das flache Land – Was Städte mir und bunter Nacht Hypnose – Zurück zum Meer ... Zurück zum Sternenstrand. Du bist nicht ganz Maria, die ich suchte. Doch bist auch du Maria – Grenzenlose ... Geliebte ... Törin ... sehnsüchtig Verfluchte ... Kunos Nachtlied Täglich, wenn es so sehr dunkelt, Daß ich nicht mehr lesen kann, Lauf ich singend auf die Straße, Sehe jedes Mädchen an ... Ob vielleicht – wer will das wissen – Gerade heut ein Wunder sei: Daß ich als Erlöster heimkehr, Friedlich und für ewig frei ... Komme ich vom vielen Suchen Müde und verwirrt nach Haus, Weiß ich ein geheimes Mittel, Das löscht alle Leiden aus – Spaziergang Der Abend kommt mit Mondschein und seidner Dunkelheit. Die Wege werden müde. Die enge Welt wird weit. Opiumwinde gehen feldein und feldhinaus. Ich breite meine Augen wie Silberflügel aus. Mir ist, als ob mein Körper die ganze Erde wär. Die Stadt glimmt auf: Die tausend Laternen wehn umher. Schon zündet auch der Himmel fromm an sein Kerzenlicht. ... Groß über alles wandert mein Menschenangesicht – Aschermittwoch Gesten noch ging ich gepudert und süchtig In der vielbunten tönenden Welt. Heute ist alles schon lange ersoffen. Hier ist ein Ding. Dort ist ein Ding. Etwas sieht so aus. Etwas sieht anders aus. Wie leicht pustet einer die ganze Blühende Erde aus. Der Himmel ist kalt und blau. Oder der Mond ist gelb und platt. Ein Wald hat viele einzelne Bäume. Ist nichts mehr zum Weinen. Ist nichts mehr zum Schreien. Wo bin ich – Der Sohn Mutter, halte mich nicht, Mutter, dein Streicheln tut weh, Sieh durch mein Gesicht, Wie ich glüh und vergeh. Gib den letzten Kuß. Laß mich frei. Schick mir Gebete nach. Daß ich dein Leben zerbrach, Mutter, verzeih. An Frida (L.L. gewidmet) Zwischen uns sind Wände Trennung. Spinnetze Sonderbares. Doch oft fliege ich schmal in meiner sinkenden Händeringenden Stube, ein blutender Piepmatz. Wärst du da. Ich bin so ermordet. Frida.