Detlev von Liliencron Gute Nacht Unser Leben Durch die Haide, durch den Wald Sind wir lustig fortgezogen. Doch die Lieder sind verflogen, Und die Hörner sind verhallt. (Dies ist das erste Gedicht, das ich in meinem Leben geschrieben habe.) D. v. L. Letzter Wunsch Den Hengst, den Hengst! Gebt meinen Hengst mir! Schaum spritzt ihm vom Zügel, seine Flanken zittern. Der Grimm umrast mir den Helm, das Auge leuchtet. Gebt meinen Hengst mir, Den Hengst, den Hengst! Mir nach, mir nach! Degen heraus jetzt! Sturmmarsch hör ich schlagen, höre euer Hurra. In Rauch und Blut seh ich euch, in Rauch und Flammen. Degen heraus jetzt, Mir nach, mir nach! Zum Sieg, zum Sieg! Erde, erbebe! Pulverdampf und Leichen. Vorwärts ohne Wanken. Durch Glanz und Glut geht die Bahn; die Fahnen flattern. Erde, erbebe, Zum Sieg, zum Sieg! Komm, Tod! komm, Tod! Feind ist erschlagen! Letzte Kugel, triff mich! Strahlend bricht mein Auge: Mein Vaterland hat den Sieg! Es lebe, lebe! Feind ist erschlagen! Komm, Tod! komm, Tod! Vorposten In die Mäntel gehüllt, auf schwarzer Erde, Lagen oft wir in Nacht und Wetter Auf hartem Feld. Nur die Feuer brennen knisternd; Leises Gespräch, schon in Traumeswirren, Tönt noch ins Zelt. Dann hält der Schlaf uns in seinen Armen, Bis das Horn uns ruft beim ersten Grauen, Um wieder dem Tod ins Auge zu schauen. Morgenrot und Abendrot Vor der Schlacht, im Morgenrot, Legt um seines Pferdes Hals Den Arm der Tod. Er lehnt sich an die Mähne, Schmökt sein isabellgelbes Tonpfeifchen, Und grinst ins Tal, Wo, wie zwei stößige Hirsche, Zwei Heere zusammenstoßen wollen. Nach der Schlacht, im Abendrot, Reitet gleichgültig-gemütlich-gemächlich Übers Blutfeld der Tod. Tralala! Den Erschlagenen speit er In die gebrochnen Augen, Wie der Fischer ins Wasser speit. Ihn salutieren friedlich durcheinander Die von beiden Feinden Wie mit Geierkrallen Gegenseitig entrissenen Fahnen und Standarten: Hurra! der Sieger! Deutschland Hundert Jahre sind es bald, Als Despot Napoleon, Weggehaun und weggeknallt, Lief auf Leipzigs Feld davon. Guten Schluß gemacht Hat die Völkerschlacht, Und er hatte seinen Lohn. Einmal noch, nach manchem Jahr, Will der Franzmann unsern Rhein; Der teutonische Barbar Jagt ihn über Stock und Stein. Sedan, hoch! Hurra! Und mit Gloria Drangen wir in Welschland ein. Deutschland einig! Nord und Süd! Hand in Hand und Brust an Brust! Kaiser Wilhelm, niemals müd, Bis zum Tode pflichtbewußt. Und des Kanzlers Kraft Mit dem Eisenschaft, Steht breitbeinig wie Granit. Komm, wer will, nur jetzt heran; Wenn die Welt uns auch umgraust, Unser Kaiser obenan Zeigt dem Teufel seine Faust. Friede soll es sein! Bricht der Feind herein, Wird gepackt er und zerzaust. Ruh nicht aus, mein Vaterland! Stark zu Lande, stark zu Meer! Duck dich nie! Paß auf am Strand! Laß den Finger am Gewehr! Deiner Flotte Hut Schützt die Küste gut, Schützt den ruhigen Verkehr. Mächtig muß die Flotte sein, Rings gesehn im Ozean. Morgenrot und Mittagsschein Glühn auf ihrer Flaggenbahn. Vorwärts! Auf! Es gilt! Halten wir den Schild Über Deutschlands flüggen Schwan. Prolog zu Kleists Herrmannsschlacht An Bismarcks zehnjährigem Todestag. Es sind gerade hundert Jahre her, Als Deutschland in der tiefsten Schande lag. Es sind gerade hundert Jahre her, Als Kleist sein Schauspiel schrieb: Die Herrmannsschlacht. Er schrieb es voller Haß und Wutgestöhn, Daß mancher Vers den rechten Takt verlor, So wild und außer sich schrieb er sein Drama. Und jeder, der die Handschrift las, fand drin Die Ähnlichkeit, die zwischen Rom von ehmals Und jenem unerhörten Zwingherrn war, Der unser Vaterland in Ketten warf: Napoleon. Der Dichter starb. Sein Stück Ward jahrelang nach seinem Tode erst Gedruckt. Und spärlich war die Aufführung Bis jetzt. Der große, unglückliche Dichter Hats niemals auf der Bühne wirken sehn. Nichts ist darin von Ebenmaß und Wohlklang; Nur das Genie spricht hart aus jedem Wort, Aus jedem Vers schreit sein empörtes Herz. Zum Andenken an Bismarcks Todestag, Der vor zehn Jahren alle Welt durchbebte, Soll heute hier die Herrmannsschlacht erscheinen. Kein besserer Name kann Kleists Rächer sein. Was er gewollt: das große Vaterland, Bismarck hats durchgesetzt mit seiner Kraft, Auf erznem Felsgrund steht das Deutsche Reich. Bismarck Du Einiger der Schmidt und Schulz, Der Meier und Müller, Wie ein Mastodon Stampftest du durch die Welt, Königreiche entwurzelnd Und wie Schilf Deine Widersacher niedertretend. Und wer alles stellte sich dir gegenüber: Vom geriebensten Fuchs Bis zum eingeräuchertsten Gewohnheitsphilister. Sie alle forderten: Weg mit ihm! Er stört unsern Mittagsschlaf! Er ist ein Revolutionär! Und die Hämischen jubelten unbändig, Wenn sie dich am Boden glaubten; Und was sie an Gemeinheit im Vorrat hatten, Ließen sie dich fühlen. Und sie spieen dir nach. Aber niemals lagst du am Boden; Denn ihre Machenschaften Durchschautest du. So ging durch grimmiges Feindesland, Durch ehrliches und unehrliches, Dein Schritt; Und mit deinen zusammengezogenen Brauen Zwangst du deine Gegner Zur Erde. Viele Jahre Mußtest du waten Durch den tiefen Sumpf Der Verleumdung. Von den Rändern her Flog Pfeil auf Pfeil dir zu. Und du riefst: »Da lach ick över!« Bis endlich dein Stern aufging. Nun brüllten sie dir Heil; Erst Wenige, Dann wir alle, die große Hurramasse. Doch aus dem furchtbaren Kampfe Brachtest du unheilbare Wunden mit: Verachtung und Menschenhaß. Wie Jeder, Der sich lange hat schlagen müssen, Wenn er war wie Du: Ein Genie! Phaeton ist gefallen Schlacht bei Kollin. Die Schlacht ist verloren, die Schlacht ist aus, Der König taumelt ins nächstbeste Haus, Die letzten Schüsse verschallen. Und wie er todmüde sinkt aufs Stroh, Wer äfft ihn? Ein Spottbrief schadenfroh: »Phaeton ist gefallen.« Bosheit selbst hier, und Scheelsucht und Neid? Bleiben die drei in Ewigkeit Der Menschheit hündischer Bettel? Der König las es und lächelte, schlief, Schlief ein paar Stunden gut und tief, Und erwacht und sieht wieder den Zettel. Er stutzt, er besinnt sich. Wer hat sich erkeckt? Wer höhnt ihn? Wer glaubt ihn zu Boden gestreckt? Sein Auge wird hell und heiter. »Die Herren Generals!« Er nimmt den Wisch Und legt ihn ruhig auf den Tisch: »Wir bataillieren weiter!« Ja, wer verstand je das Genie; Es wandert allein, es begreift sich nie, Und niemand wirds fassen lernen. Fridericus Rex, deine Sonne loht, Du einsamer Mensch in Leben und Tod, Unter den ewigen Sternen. Gedenken An Theobald Nöthig. Was soll die dunkelrote Rose, Mir heute just ins Haus gebracht? Da fällts mir ein, und vor mir seh ich Den Freund, an den ich oft gedacht. Begleitet war die schöne Blume Von einem Schreiben, einem Wort: »Gedenken eines heißen Tages.« Und ich errate Zeit und Ort. Wir lagen beide schwer verwundet In eines Gartens Sommerlust. Mir war das linke Bein zerschmettert, Dir saß die Kugel in der Brust. Ein voller Zweig hing uns zu Häupten, Umqualmt, verschluckt von Pulverrauch; Ich konnte noch die Arme biegen Und brach die Rose aus dem Strauch. Am dritten Knopfe stockt dir klebrig Ein einziger schwarzer Tropfen Blut, Und deine Augen grüßen schweigend Mir Dank aus matter Wimpernhut. Weit vor uns schon die Schlachtgenossen, Wir sind von ihnen längst getrennt; Und unablässig eilt vorüber Batterie, Schwadron und Regiment. Und Schleier ziehen sich allmählich Und immer dichter um uns her, Und tiefer sinken wir und sinken Bewußtlos in ein stilles Meer. Was denkst du heute jener Stunde; Wir waren beide jung und frisch, Und schwärmten ohne Arg und Zweifel, Und hatten frohen Trunk und Tisch. Fast drängt es mich zu wildem Wunsche: Wär ich gefallen im Turnier! Es kriecht ein Wurm aus deiner Rose – Doch, alter Freund, ich danke dir. Im Exil »Ertrag es wie ein Mann!« hör ich euch sagen; »Und spring nicht in die Wellen, das ist feige.« Soll nun den Ekel trinken bis zur Neige; Soll klagen nicht, verzagen nicht – nur tragen. Gewürgt von Armut und verbannt, Verschleiß ich meine Manneskraft, Ein feiler Sklav; und nicht mehr schafft Mein freier Arm fürs Vaterland. Es klingen mir die Lieder in den Ohren, Die ich so oft mit Freunden hab gesungen. »Lieb Vaterland!« Das hat nun ausgeklungen. Nicht fass ichs, daß ich all das hab verloren. »Ertrag, ertrag es als ein Mann.« Erbärmlich feiges Memmenwort! Vollstrecke endlich doch den Mord – Und laß die Toren schwatzen dann. Der Tod des verbannten Marschalls Der Marschall steht oben am Fenster im Schloß Und starrt in den einsamen Garten. Schon ein Jahrzehnt, das ihm verfloß; Wie lang läßt der Tod auf sich warten. »Was soll mir das Leben, was soll mir der Tag, Zu dem ich mich freuen nicht kann und nicht mag; Längst bin ich vergessen, vergessen. Und nicht ertrüg ich, wenn je ein Soldat Vorbei meinem Hause marschierte, Und gar, wenn hier unten im staubigen Staat Ein Bataillon präsentierte. Zehn Jahre bald sah ich kein Regiment; Und zög eins vorbei, dann wär es mein End, Ich könnts nicht ertragen, ertragen.« Horch! Horch! Pumplum, ganz schwach und leis, Wie Trommelgetön in der Leere. Im Walde dort drüben, im Sonnenstrahl heiß, Es blitzen wohl tausend Gewehre. Nun zieht es heran, nun zeigt es sich schon, Mit lustigen Liedern ein Bataillon, Soldatengesänge, Gesänge. Und dem Marschall wird kalt, und der Marschall wird bleich, Es beben ihm alle Glieder. Rasch stürzt er ins Zimmer; im Waffenrock gleich Steht er am Fenster wieder. Im Knopfloch hängt am blutroten Band, Zum ersten Mal trägt ers, seitdem er verbannt, Das Kreuz der Ehre, der Ehre. Das Bataillon steht links eingeschwenkt, Der Kommandeur vor der Mitte; Die Fahne ist tief zur Erde gesenkt, Wie eine stumme Bitte. Doch dann bricht ein Hurra wie Donner heraus, Der Burghof zittert, der Garten, das Haus: Es lebe der Kaiser, der Kaiser! Und in Sektionen rechts abgeschwenkt, Der Kommandeur an der Tete. Der Schloßherr hat schwer das Haupt gesenkt: Die Fahne, sie wehte, sie wehte. Sie wehte noch immer, die Trommel klang, Als der Marschall sich über die Brüstung schwang – Lebt wohl, Soldaten, Soldaten. Marschlied Lustig fort Von Ort zu Ort Habt ihr uns geblasen. Trommelschlag, Hörnerklang, Klingt auf allen Straßen. Gut Quartier, Junge Maid, Sind uns oft gekommen. Abends dann Zapfenstreich, Hat den Dienst genommen. Mondes Licht, Blauer Duft, Und versteckte Lauben. Nachtigall, Nußbaumstrauch; Liebe läßt sich rauben. Doch ganz früh Sind wir schon Fern auf andern Wegen. Sommerglut, Blütenbaum, Oft auch Staub und Regen. Weit, ach weit, Weltenweit Hör ich es noch klingen: Kalbfell dröhnt, Flöte gellt, Und Soldaten singen. Der Kampf um die Wasserstelle Major Frhr. v. Nauendorf und Sergeant Wehinger. Im südwestafrikanischen Land, Bei Kalkfontein, im Aubgebiet, Liegt im ewig sengenden Sonnenbrand Ein kühler Kolk zwischen Röhricht und Ried. Es singen die Quellen, sie bieten den Gruß: Trinkt! Trinkt! und netzt euch den staubmüden Fuß An der klaren, frischen Wasserstelle. Wasser! Die Witbois halten es fest; Um den Trunk tobt seit drei Tagen der Tod. »Wasser! Dann mag mich fressen die Pest! Nur einen Tropfen in letzter Not!« Es plappern die Wellchen kokett und kalt, Sie plätschern und plauschen: kommt bald, kommt bald An die klare, frische Wasserstelle! Vier Tage! Wir stürmen zum fünften Mal, Und wäre das Labsal von Teufeln umringt. Wasser! Wann endlich endet die Qual! Noch einmal gestürmt! Es gelingt, es gelingt! Wie in der Heimat durch Wald und Feld Sprudelt das Bächlein, o selige Welt, An der klaren, frischen Wasserstelle. Umsonst! Nun liegen wir mürb und matt, Verdurstend, die Lippen sind rissig und wund, Der Wahnsinn hält uns am Boden platt, Glühheiß ist der Stein dem saugenden Mund. Die Nixen winken: Bei uns ist es kühl, Kommt, badet mit uns im heitern Gespül Der klaren, frischen Wasserstelle. »Wasser! Wasser! Nur einen Schluck!« Einer ruft heilig, schon wirr ist sein Sinn, Das Wässerchen drüben äfft gluckgluckgluck: »Gott führet zum frischen Wasser mich hin.« Das Wellchen schwatzt weiter und kichert und lacht Und hat seine windigen Scherze gemacht Auf der klaren, frischen Wasserstelle. In der Batterie herrscht Gräberruh, Offiziere und Mannschaft sind zermetzt; Kein Schuß mehr, Hans Klapperbein schmunzelt dazu, Gefallen fast Alles und zerfetzt. Und drüben das Teichlein lädt ungestüm ein: Trinkt doch und wascht euch die Wunden rein An der klaren, frischen Wasserstelle. Getroffen im Unterleib, ächzt der Major, In der furchtbaren Hitze, drei Tage lang. Kein Arzt. Er rafft sich vergebens empor: »Wasser!« Er hört nur Höllengesang. Durch Tag und Nacht höhnt das Quellengegluck: »Wasser! Ein einziger kleiner Schluck Aus der klaren, frischen Wasserstelle!« Da kriecht ein Sergeant, zerschossen wie er, An seine Seite, mühsam, und lallt: »Ein letzter Rest Rotwein, ich bring ihn her Unserm lieben Major; nun trinkt alsbald!« Die Quelle ruft drüben ohn Unterlaß: Kommt her zu mir, eilt an mein Übermaß, An die klare, frische Wasserstelle! Der Major, mit gierigem Blick, lehnt ab: »Dank! Treuer! Trink du! Ich bin nicht mehr nütz. Du hast noch Kraft, du bist noch nicht schlapp, Schlepp dich zurück an Batterie und Geschütz.« Es murmelt das Fließ wie im Paradies, Und klangvoll hüpft über Gries und Kies Die klare, frische Wasserstelle. Der Sergeant bricht zusammen, der Rotwein mischt Sich im mehlichten Sand mit dem sickernden Blut, Während beider Qual im Durst erlischt; Und Alles feiert und rastet und ruht. Die Quelle nur rieselt von Bord zu Bord Und läuft und lockt immerfort, immerfort Auf der klaren, frischen Wasserstelle. Vorwärts! Der letzte Sturm gelingt. Und Alles wirft sich kopfüber hinein, Die Pferde zittern, die Nüster klingt, Der Durst ist besiegt, und aus ist die Pein. Um die Quelle verzieht sich der Pulverqualm; Von Leben und Lorbeer flutet ein Psalm Ob der klaren, frischen Wasserstelle. Treue um Treue Leutnant v. Schönau-Wehr und Unteroffizier Albes. In einem der ersten Hererogefechte Steht eine Seitendeckung im Dorn. Die Kaffern drängen in großen Massen Auf die Abteilung mit Geschrei und Zorn. Schon kommen sie in den Busch gelaufen, Da springt der Leutnant alleine vor. Ein Schuß trifft sein Knie, er sinkt zusammen, Doch behält er die Leitung wie zuvor. Unverbunden liegt er im Sande, Sein Kommando tönt hell, der Feind muß zurück. Bis zum Abend dauert das Ringen, Da glänzt dem Leutnant das Siegesglück. Nun wird er vorsichtig aufgehoben; Ein Heilschnitt dort ist unmöglich, o Not. Aber nirgends ist ein Ochsenwagen, Er muß hier warten auf den Tod. Ein junger Unteroffizier will helfen, Er trägt mit drei andern den Leutnant fort; Durch hundertunddreißig Kilometer Tragen sie ihn bis zum sichern Ort. Durch Busch und Wüste, durch Dorn und Dickicht, Über holprichte Wege auf und ab, Langsam, langsam kommen sie vorwärts, Wie müde Greise am Pilgerstab. Schon will ihnen manchmal die Kraft versagen, Schon sind sie alle dem Umfallen nah. Doch sie haben ihn Schritt für Schritt weiter getragen, Und endlich, endlich sind sie da. Der Leutnant bat oft, ihn liegen zu lassen, Aber stets blieb ihre Mühe bereit, Bis sie mit zähstem Herzschlag am Ziel sind, Noch grade zur letzten und rechten Zeit. Leben Gab jemals uns das Leben sichre Zeichen, Wann wir das Ziel und ob wir es erreichen? Wohl blühen grüne Bäume viel am Wege, Doch sahst du je die stillen Friedenseichen? Ein blaues Schloß, das Glück, blitzt, eine Sonne Aus fernen Höhen wie aus Zauberreichen, Und fiebernd, wie von Angst getrieben, stoßen Dem Rosse wir die Sporen in die Weichen: Die Sonne zu erjagen. Doch mitnichten; Dicht vor uns wird sie wie ein Stern erbleichen. Es knirscht das Weltenrad, das ungeheure, Dich ruhig tot, gerätst du in die Speichen. So bleibt barmherzig dir der Trostgedanke: Du zählst als Leiche nur zu andern Leichen. Frischer Wandergesell Mit Holdrio durch Busch und Wald, Mit Singsang durch Eichen und Buchen. Da brechen aus dem Hinterhalt Vier Strolche mit Lärmen und Fluchen. Heraus, mein Schwert! und haue fest! Klingklang in Buchen und Eichen. Bald gab ich Zweien den roten Rest, Die andern Halunken entweichen. Und weiter dann mit Holdrio, Mit Singsang durch Eichen und Buchen. Mein Herz ist eisenfrisch und froh; Wer will, kanns wieder versuchen. Isern Hinnerk. 1346 Ein Geschichtsblatt mit Balladenverbrämung. Als Graf Geert der Große ermordet war In Randers von Niels Henrik Ibsen, dem Ritter, Da stürzten sich wie ein Tigerpaar Seine beiden Söhne durchs dänische Gitter. Der Eiserne Heinrich rächte den Toten Am Mörder und seinen Gesellen gut. Viele Weiler, Dörfer und Städte lohten Und büßten des Rächers furchtbare Wut. Dann wäscht er das Blut ab von seinem Schild, Stößt sich den Helm in den Bärennacken Und reitet heim, feldwamszerknüllt, In Begleitung seiner Brünnen und Bracken. Noch tat er einen weiten Flug Gegen die heidnischen Letten und Lappen und Finnen, Und nahm dann gebührlich Spaten und Pflug, Um das Herz seiner Holsteiner zu gewinnen. Er regiert sein liebes Vaterländchen Mit seinem Bruder, dem milden Klaus. Sie beide sind Väter von manchem Legendchen, Das heut noch wandert von Haus zu Haus. Bis aus England eine Bitte kam Vom kleinen König Edward dem Dritten, Demzufolge Hinnerk schnell Urlaub nahm Und eilig zu Hilfe fuhr den Britten. In London ritt er ein mit großer Pracht, In schwarzer Rüstung von Kopf bis zu Füßen, Wie eine Erscheinung aus Mitternacht, Die ganz perplex die Menschen begrüßen. Gleich saß der Neid der englischen Edeln Mit ihm auf dem Sattel hinten und vorn. Und wie sie vor ihm weichen und wedeln, Zerrt hinterrücks an ihm Distel und Dorn. König Edward aber, dem ist er lieb, Der läßt sich durch das Gezischel nicht hudeln, Dem läuft all das Dreckwasser wie durch ein Sieb, Er läßt sich seinen Freund nicht besudeln. Bald stehn sie in Frankreich vor dem Feind: König Philipp mit seinen Bundesgenossen: Alph von Lothringen ist mit ihm vereint, Bisanz von Majork hat sich angeschlossen, Sechstausend genuesische Bogenschützen, Le simple Roy Pierre de Navarre, Die Flandern mit ihren Flundermützen, Graf Alençon auch, der Klingelnarr. Und selbst Tataren, der fernste Kosak Überschwemmen Philipps Lager in Strömen; Zuletzt trabt noch an mit Schabrunk und Schabrack Der blinde König Johann von Böhmen. Crescy! Die Schlacht beginnt. Kommt heran! Noch einmal stemmt jeder sich fest in den Bügel. Ganz vorn zieht der alte blinde Johann, Zwei Pagen halten ihm Zaum und Zügel. Wie zum Gebet hält er den Zweifäustler steil in Lüften, Hoch blitzt sein Flamberg wie Simsons Zorn, Als wollt er damit den Himmel klüften. Dann brüllt er: »Los!« Und gibt den Sporn. Mit flatternden Haaren, vom Helme frei, Rast er allein, sein Hengst muß es wissen, Rast in den Feind er mit gellendem Schrei, Umschlossen von ewigen Finsternissen. Die Heere stehn starr. Nur Heinrich nicht. Isern Hinnerk, auf seinem seeländschen Gaule, Sprengt ihm entgegen im Morgenlicht Und knüpft sich mit ihm zum Knoten im Knaule. Des Königs Schwert fällt mit furchtbarem Schlage Auf des Grafen Schulter. Der Panzer zerspringt. Dann hält sich der Kampf in der Todeswage, Bis der König entseelt aus dem Sattel sinkt. Der Graf nimmt die goldnen Ketten ihm ab Und sieht die erloschnen Augen mit Grausen, Der erloschnen Augen doppeltes Grab – Rings trommelts: Triumph! Die Tromben brausen. Nach London zurück. König Edward verreist. Der Graf bleibt allein mit Livree und Vasallen, Mit dem Hofgefolg, das ihn heimlich umkreist, Um ihn meuchlings mit Mördern zu überfallen. Doch alle die Kammerherren und Ritter Wagen sich nicht an ihn heran: Sie fürchten ein heiliges Ungewitter, Das sie vernichtet, Mann für Mann. Wir habens: Wir lassen den Löwen los, Der Graf geht früh stets im Garten spazieren. Der Löwe springt gegen ihn an furios Und wird ihn fressen. Und wir triumphieren. Juni. Frühmorgens. Es fällt der Tau. Ein Grasmückenpärchen schnappt sich Fliegen. Rosen. Jasmin. Ein krächzender Pfau Will grad aus einem Lilienbeet biegen. Todstille. Da stürzt sich mit greulichem Brummen Der Löwe dem Grafen in den Weg. »Du frevliger Hund! Willstu verstummen Und dich wegscheren in dein Geheg!« Der Graf streckt die Hand vor, der Löwe kriecht fort, Mit gänzlich vermaulter, vermuckerter Schnauze, Und kriecht an seinen alten Ort, Und hockt da gleich einem lichtscheuen Kauze. Der Abend desselben Sommertags Sieht ein großes Bankett im Königsschlosse. Er lockt in die Steige des künstlichen Hags Und füllt den Hain mit galantem Trosse. Der Graf führt die Königin und ihre Degen Zum Schrank des Löwen artig hinauf, Nimmt sich vom Haupt den Kranz, und verwegen Stülpt er im Käfig dem Leuen ihn auf. Tritt wieder heraus und verbeugt sich jovial: »Wer holt ihn zurück? Nun? Wer wirds besorgen?« Die Herren durchrieselts, sie werden fahl Und schleichen davon wie der Löwe heut Morgen. Fredegunde Blauäugig wie süditalienischer Himmel, Schwarzhaarig wie dunkelste Mitternacht, Geheimnisvoll wie das Sternengewimmel, Rachsüchtig wie eine verlorene Schlacht. Bezaubernd war dein ganzes Gebaren, Unschuldig wie erster Frühlingsschein. Klein, zierlich, ein Täubchen aus Taubenscharen, Beruhigt dein Bild wie Elfenbein. Schau ich hinein in deine Seele, Sind Hochmut, Habgier und Herrschsucht drin; Und deine unüberwindlichen Fehle Übertrumpft dein furchtbarer Mördersinn. Sag mir, du warst aus niedrigstem Stande, Wie wurdest du Königin, Fredegund? »Ich nahm König Hilprich leicht in Bande Und schloß mit ihm den bräutlichen Bund.« Sag mir, einst wuschest du dir die Locken, Die fielen nach vorn dir übers Gesicht, Da neckte dich einer, er kam wie auf Socken, Es war der König, du merktest es nicht. Und du riefst lachend durchs Haargewirre: Landrich, was willst du schon, mein Herz? Und sahst dich um, und wurdest wie irre: Der König stand vor dir, verzerrt von Schmerz. Der König? Der war ja zur Jagd geritten; Wo kam denn der noch einmal her? Er ist dann finster davon geschritten, Und geht zur Jagd, sein Haupt hängt schwer. Du ließest gleich deinen Liebsten kommen, Landrich, den Kanzler, batst du zu dir, Und sagtest entsetzt ihm, von Angst beklommen: »Kehrt er zurück, spießt uns ein Stier. Schnell, ich weiß schon, schon ists mir geworden: Kommt der König zurück diese Nacht, Wir lassen ihn, wenn er vom Pferd steigt, ermorden, Dann sind wir sicher. Uns trifft kein Verdacht.« Und so geschahs. Sag mir, Fredegunde, Warum traf dein Beil König Sigibert? Mit deinem lächelnden, süßen Munde Hast du gleich drauf Rosen und Zymbeln begehrt. Deine Tochter Rigunthe mußte suchen In der geöffneten Truhe nach Schmuck, Dann klapptest du ihr den Deckel beim Suchen Auf den Hals mit wuchtigem Ruck und Druck. Du hattest den Tod König Childberts erwogen, Zwei Geistliche triebst du zum Henkergericht, Und gabst ihnen Dolche, mit Gift überzogen, Doch glückte ihnen der Anschlag nicht. Nun Childbert dich angriff, nahmst du dein Söhnchen Zu dir auf den Sattel, mitten im Heer. Drauf und dran! und hieltest sein Krönchen, Und warfst den Feind auf Niewiederkehr. Als sie dich in Paris begraben In der Kirche des alten heiligen Vinzenz, Löschten nachts das Meßlicht die Flügel der Raben. Aber später erlöste dich Papst Klemens. Die abgeschlagne Hand 1329. Graf Geert der Große nahm, Ritt er mit Schwert und Schild, Vom Altar in die Schlacht Stets ein Madonnenbild. Von Silber, kleingeformt, Des Bischofs reiche Spende, Muß oft Sunte Marie In Pfeilepfad und Brände. Der Graf trägt vorn am Hals Die hochgelobte Frau. Wo sein Geschwader stampft, Welkt ab die Blumenau. Einst schlug ein Dänenmars Im wütendsten Gefechte Der Himmelskönigin Mit Mordhieb ab die Rechte. Als nun der Krieg vorbei, Wird schnell die Hand geflickt. Doch kaum ist sie geschweißt, Ist auch sie abgeknickt. Hilft Gottes Liebe nicht? Kein Zeichen? Kein Mirakel? Die Hand fällt immer ab, Als wär sie voller Makel. Da gibt der Graf es auf, Und zieht in Fehd und Feld; Ist, sattelstolz, voll Kraft, Allein auf sich gestellt. Im Kloster Itzehoe Kniet er dann auf den Stufen; Was schaut sein Auge zag? Hört er die Heiligen rufen? Wer ruft ihn? Ob ers wagt? Er wagt den Blick empor: Die Mutter Jesu zeigt Die rechte Hand ihm vor. Es singt die reine Magd Ganz leise, zart und leise. Doch klar vernimmt der Graf Den Atem ihrer Weise: Was trugst du mich ins Blut? Der, der gestorben ist, Gab hin sein Blut für dich, Mein Sohn, der hohe Christ. Er tat es still und groß, Für deine Schuld hienieden. Laß ab von Zank und Zorn, Er starb für deinen Frieden. Die kleine Kirche Jesusblödlein Ich weiß ein Gotteshäuschen, Hart hinterm Deich erbaut. Sein Name »Jesusblödlein« Ist keinem leicht vertraut. Ein Bild überm Altare Hängt da seit alter Zeit; Ein großer Genter Maler Erschuf es gottbereit. Der lautre Christusjüngling: Sein Auge strahlt ins Feld. So ging in erster Jugend Der Herr wohl durch die Welt. Sein Antlitz ohne Strenge, Voll zarter Blödigkeit, Voll innigster Menschenliebe, Von keinem Arg entweiht. Die Sünden abzubüßen, Hat es das Volk bestellt Bei jenem großen Meister Für eine Fülle Geld. Weit vor dem heutigen Deiche Lag Stadt und Dorf im Land. Dann kamen wilde Fluten, Worin die Marsch verschwand. Und Alles war verschwunden, Im Wellenkamf zerwühlt. Das Bild allein schwamm oben Und ist hierher gespült. Da haben sie von neuem, Dicht hinterm Winterdeich, Ein Kirchlein aufgerichtet, Da hängt das Bild zugleich. Von Wettern oft umdunkelt, In Ebbe, Sturm und Flut: Das Bildnis leuchtet ruhig In hoher Himmelshut. Einst auf dem Deich, im Frühling, Sah ich hinaus aufs Meer, Das wie der Friede feiert – Mein Herz war wüst und schwer. Ich wandte mich ins Kirchlein, Weit offen klafft das Tor, Und schaute auf den Heiland, Stand tief erregt davor. Und seiner Augen Klarheit Sank mir ins Herz herein. Ich bog ihm meine Stirne: Du sollst mein Hüter sein. Die drei Glaubensschiffe Maria Theresia, die deutsche Frau, Die große Kaiserin, nimmt es genau Mit ihrer katholischen Religion; Für die andern Bekenntnisse hat sie den Fron. Sie verfolgt die Evangelischen, wo sie kann, Doch dürfen sie nach Siebenbürgen ziehn; Dorthin tut sie sie in den Bann, Dorthin darf ihr Glaube mit ihnen fliehn. In Linz liegen drei Schiffe bereit; Auf Deck stehn, gedrängt, im Abschiedsleid, Viele Familien Hand in Hand Zur Abfahrt ins ferne Karpathenland. Sie schluchzen ihren Bergen den Scheidegruß, Dann trägt die Donau für immer sie weg; Sie setzen in die Ferne den Fuß, Wo keiner von ihnen kennt Stein und Steg. Noch sind die Taue nicht gelöst, Noch harrt man des Rufs, der vom Lande stößt. Ein letztes Kommando, warum kommt es nicht? Ob in Wien es den Räten an Mut gebricht? »Ein feste Burg ist unser Gott,« Das klingt auf einmal von allen her; Sie ertragen den Schmerz, sie ertragen den Spott, Ihr Glaube ist ihre einzige Wehr. Plötzlich am Ufer Gedräng und Gewirr, Wüster Lärm, Kreischen, Johlen, Geklirr: Es eilen viele Büttel an Bord, Und einer verkündet mit rauhem Wort: »Wir haben Befehl: fahrt ab, fahrt zu, Doch bleiben hier eure Kinder dafür, Daß ihnen einst wird die himmlische Ruh, Sonst sterben sie schutzlos am Ketzergeschwür.« Die Leute sind erst wie vernichtet, erstarrt; Das war ein Befehl, wie keiner so hart. Unmöglich! »Zögert nicht, fahrt ab! Der Befehl muß bestehn! Es brach euch der Stab!« Wir können doch ohne die Kinder nicht fort! »Gut! Ändert den Glauben, und ihr bleibt zu Haus.« Der Glaube ist unser einziger Hort. »So wandert ihr ohne Kinder aus.« Auf Erden gibt es kein schwerer Leid: Väter und Mütter sind bereit, Sie küssen die Kinder zum letztenmal, Und sinken zurück in die marterndste Qual. Eine Stimme: Stoßt ab! Die Sonne verschied. In Gottes Namen soll es sein! Dann singen sie alle das Lutherlied, Die Schiffe verschwinden im Abendschein: Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib: Laß fahren dahin! Sie habens kein'n Gewinn, Das Reich muß uns doch bleiben. In Martin Luthers Sprache Viel Gezeter und Gezause, Jede Kanzel ist der Krieg: Hochamt oder freie Predigt, Wem wird endlich doch der Sieg? Hie Luther, hie Papist; Hie Antichrist, hie Christ. Ach Gott vom Himmel sieh darein. Hier die evangelische Lehre, Dort der Kapellan, der Münch; Luthers deutsche Sprache säubert Das lateinische Getünch. Die Flamme leuchtet rot, Ecclesia in Not. Ach Gott vom Himmel sieh darein. In Sanct Jacob vorm Altare Steht der Priester Hillebrand, Streng die Messe celebrierend Im gestickten Prachtgewand. Monstranz und Cingulum, Crux, Responsorium. Ach Gott vom Himmel sieh darein. Gloria Deo in excelsis – Plötzlich singen hoch vom Chor Zwei drei zarte Kinderstimmen, Wie aus frischem Morgentor, Kerndeutsch, im Mutterbann, Da freut sich jedermann: »Ach Gott vom Himmel sieh darein.« Mächtig singt es die Gemeinde, Alle, Alle fallen ein, Singt das ganze Lied zu Ende, Und so wird es fürder sein, Im deutschen Kirchenlaut, Dem sich das Herz vertraut. Ach Gott vom Himmel sieh darein. Das kommt davon Gestern, da ließ der Professor uns Hehres erhorchen im Hörsaal, Sprach von Platon, Homer, kündet Apollos Verdienst. Und es troff ihm die Stirn von heiliger Weihe wie Angstschweiß; Uns auch tropfte die Stirn, wehe, der Juni war schwül. »Seht«, so rief er erhaben, »die Griechen, die nenn ich ein Volk noch: Herrliche Strenge der Form, göttliches Nasengerüst. Nichts war ihnen bekannt von des Nordens barbarischer Roheit; Zeus regierte die Welt, flammte vom hohen Olymp.« Ach, mir dampfte das Hirn, ich befand mich im Brodem des Wüstseins; Draußen der Sommer so klar, saßen wir dumpfig im Pferch. Endlich ertönte das Zeichen, wir stürmten hinaus in die Freiheit; Dick mit der Mappe beschwert, schleppt ich mein Wissen nach Haus. Dort auf dem Tisch ein Zettel: »Gewartet hab ich vergebens« Sagte mir deutlich genug: Griechenland war nicht bei mir, Aber Seffinka war da, mit dem höchst unklassischen Nasloch – Und nun ist es zu spät; hol dich der Satanas, Zeus! Die Stelle im Thukydides Ist vielleicht der Herr Professor zu Haus? »Nein, der Herr Professor ging vorhin aus.« Ist vielleicht Frau Professor zu Haus? »Nein, Frau Professor ging eben aus.« Und Fräulein Töchter, sind sie zu Haus? »Nein, Fräulein Töchter gingen auch eben aus.« So bist du ganz allein, mein Kind? Das paßt vortrefflich; zeig mir geschwind, Wo der Herr Professor sitzt, Wenn er bei der Arbeit schwitzt, Wenn er in tiefer Gelehrsamkeit Vergißt sogar die Essenszeit. Das also ist sein Schreibtisch, sein Pult; Von dort aus, in königlicher Huld, Geruht er seine Kritiken zu krähen Und auf die jungen Dichter zu schmähen, Bald mit gerunzelter Stirn zu kritzeln, Bald mit sardonischem Lachen zu witzeln. Dann, zur Erholung, nimmt er Horaz Oder den langweiligen Trimpetraz. Und das ist des Göttlichen Kanapee; Ei, sieh doch. Wie wärs, allerliebste Fee, Dort muß ich mal sitzen, das ist mir erlaubt, Wo zu Mittag schläft sein klassisches Haupt. Komm, setz dich neben mich; willst du dich zieren? Die Herrschaften gingen alle spazieren. Wahrhaftig, das ist nett von dir; Wir sind ja auch nur zu zweien hier. Und wo er liest im Chrysostomus, Kleine, wie wär es, rasch einen Kuß. »Aber, das geht nicht.« J, nur im Fluge; Glaube mir, bald sind wir im Zuge. »Es klingelt! die Tür! Nicht doch, bitte.« Schnell noch den einen... »Ich höre Schritte.« (In tiefem, würdevollem Baß:) Ah, da sind Sie, mein Bester; Sie haben Doch nicht gewartet? Nun wollen wir graben Und tüchtig die faule Denkschaufel regen. Sie kommen des Thukydides wegen. Die Stelle ist schwierig. Nehmen Sie Platz; Ich geh sogleich auf Such und Hatz, Ich hoffe, wir werden den Racker kriegen Und ihm den trotzigen Nacken biegen. Keine Umstände, bitte aufs Kanapee! – Und so geschahs. O Chrysostome! Die schwarzen Mönche in Schleswig 1190. Die Cluniacenser von Sanct Michael, Das waren lustige Brüder; Die tanzten und juchten kreuzfidel Mit den Nonnen von Sanct Lüder. Der Abt tanzte selber weit voran, Ein Lüdrian sondergleichen. Einst spielten die Mönche dem wackern Mann Den tollsten von all ihren Streichen. Ein Mönch fand den Abt im Kloster nicht, Der war bei Nachtzeit verschwunden. Warte, dir läut ich das jüngste Gericht, Gleich soll es die Glocke bekunden. Das Sterbeglöckchen, bimmeldi bim, Wütet wild und vermessen. Bim, bimmeldi, bimmeldi, schlimmer als schlimm, Der Mönch reißt am Strang wie besessen. Die Kutten laufen wie Küchlein her: Misericordia sempiterna. Was ist denn los? fragts kreuz und quer. »Abbas mortuus est in taberna.« Sie machen sich auf in die Stadt in Eil, Alle kennen die Taverne. Das Volk nimmt lachend am Zuge teil, Just löschte der Tag die Sterne. Mortuus est in anima! schreit Der Mönch schier unverdrossen. Er schwingt das Rauchfaß, er psalmodeit; Mit plerren die Ordensgenossen. Die feierliche Prozession Ist ad bordellum gekommen. Da finden sie den saubern Patron; Dem wird sehr beklommen. Bei einer langen Hure lag Der geistliche Herr mit Vergnügen. Oh weh, es rührt ihn fast der Schlag, Er muß sich den Umständen fügen. Nun geht es im Triumphschritt zurück, Die Wallfahrt äfft Klagelieder. Dem würdigen Abt fällt Stück um Stück Von seiner Sauseele nieder. Bischof Waldemar hörte bald den Verdruß, Er kannte keine Gnade. Der Abt und die Mönche, das war kein Genuß, Erhielten die Bastonade. Das Ende des Don Juan d'Austria Barbara Blomberg aus Regensburg war Don Juans schöne Mutter. Sein Vater, Carolus Quintus, Cäsar, Führte Krieg mit Martin Luther. Alba, der finstre Herzog, tat nie Vor einem Menschen erschrecken; Nur vor Bärbel, seltsam, sah er sie, Verkroch er sich zag in die Ecken. Don Juan ward ein berühmter Held, Schlug Türken, Mohren und Christen; Überall prunkt er als Sieger im Feld, Wo seine Fahnen sich hißten. König Philipp, sein Bruder, hieß ihn setzen den Fuß In die fernen Niederlande, Daß er mit Graus zu Grus und Mus Oranien schlüge in Bande. Don Juan duckte flugs bei Gemblours Die unglückseligen Staaten. Dann bat er Don Philipp um Münzzufuhr, Doch dem fehlten auch die Dukaten. In Niederland wie in Spanien blieb Die Geldchose höchst verquackelt, Und wie Don Juan auch schrieb und schrieb, Kein Pfennig kam angewackelt. Was sollt er nun machen, der arme Tropf; Ohne Kassa ist nichts zu erreichen. Kein Gulden fiel aus seinem Schopf, Kein Stüver aus seinen Weichen. Dazu kam die Pest und warf ihn hin In Bouges auf die kärglichste Schütte. Er starb im Elend, das war sein Gewinn, In einer Zigeunerhütte. Bei Carolo Quinto im Eskorial, So kündet sein letzter Wille, Wünscht er zu ruhn nach der Daseinsqual In tiefer, unendlicher Stille. Aber, o weh, wie groß war die Not, Wer zahlt nach Madrid die Diäten? Die Leiche soll weg; umsonst ist der Tod, Doch zum Leben gehören Moneten. Und was, um zu sparen, geschah? Man zerschnitt Den Seligen in drei Teile, Verpackt sie, und gibt sie am Sattelknopf mit Drei Reitern, nebst Auftrag zur Eile. Und als sie so nach Spanien geschickt, Löst man sie dort von den Sätteln. Schnell sind sie wieder zusammengeflickt, Herr Johann braucht nicht mehr zu betteln. Er wird bestattet mit großem Aplomb, König Philipp war selbst zur Stelle, Und ganz Castiliens Grandenpomp Zog mit bis zur Jaspisschwelle. Im Eskorial wuchtet der Sarkophag; Bei Caroli Quinti Gestühle Warten Vater und Sohn auf den jüngsten Tag In Marmor und Nischenkühle. Wiben Peter, der Landesfeind 1546. »Mein ist die Erbschaft laut Pergament, Und mir gehört sie zu!« Die Regenten in Meldorf schlagens ihm ab: Nun laß uns endlich in Ruh! Wiben Peter setzt sich auf sein weißes Pferd, Er reitet auf Markt und Gassen, Das Landesbuch links, in der andern das Schwert: »Sie müssen mein Recht mir lassen!« Holla! Er hält und läßt in der Hand Die beiden im Sonnenlicht blinken. Das hilft ihm nichts, er wird verbannt; Sein Hengst fühlt unlieb die Zinken. Er reitet ins Elend. Aber voll Mut Will er erzwingen sein Recht Vor Fürsten und Rat, vor Kaiser und Reich; Doch gelingt ihm sein Vorhaben schlecht. Überall weisen sie kläglich ihn ab, Und immer muß ers erneuen; Stets wieder bringt man ihn auf den Trab, Und endlich wirds ihn gereuen. Da keiner ihm hilft, spricht er den Schwur: »Ich will allein mir nützen!« Und galoppiert grimmig durch Wald und Flur, Es spritzen Sand und Pfützen. Und bremst erst in seinem Vaterland, Die Grenze hielt ihn nicht auf. Er droht mit der Faust: »Min Länneken deep!« Und umklemmt seiner Klinge Knauf. Söldner und Schnapphähne strömen heran, Die nimmt er in Dienst und Pflichten Und hält sie fest in seinem Bann. Seine Rache will Alles vernichten. Die Mühlen brennen, die Nacht ist voll Greul, Voller Herdenraub, Zittern und Zeter, Und mitten drin steht im Mörderknäul Breitbeinig im Blut Wiben Peter. Er reitet noch immer sein weißes Pferd, Grasfarbig sind Zügel und Zaum. Mit ihm reitet sein Wappenspruch: »Und wieder grünt der Baum.« Als Helmsturz weht ihm ein knallroter Busch Bis hinunter tief in den Nacken; Wind, Sonne, Schatten wollen im Husch Ihn wie ein Wipfelblatt packen. Sein strohgelber Bart pilgert lang und fahl Über den eisernen Halsring in Zöpfen, Wie sich König Assurannibal Einst ließ den Kinnbart knöpfen. Als er endlich umstellt ist, bedroht und bedrängt, Flieht er rechtzeitig an Bord Und nimmt auf dem alten Hilligenland Seinen festen Zufluchtsort. Von hier aus schweift er mit Koggen und Kuff Und mißt und meistert die Wellen, Und versetzt der Handelsfahrt manchen Puff, Daß Rumpf und Rah zerspellen. Sein Flaggschiff, der blaue Ziegenbock, Stößt mit den gewaltigen Krickeln Auf Bug und Boot und Pflock und Block, Daß sie wie Glas zerstückeln. Min Länneken deep, min Länneken deep Ist rasend und faßt den Beschluß: Genug der ewigen Plackerei, Genug von Drang und Verdruß! Sie schicken Jacht-Ewer aufs hohe Meer Mit Mannschaft und Enterbeilen, Und kreisen und kreuzen um ihn her; Wiben Peter kann nicht mehr enteilen. Und steigen aus auf Helgoland; Wiben Peter läuft in die Kapelle Und verwandelt, zum letzten Widerstand, Das Bethaus zur Zitadelle. Sie kommen aufs Kirchlein angeruckt Mit Piken und Hakengewehr, Mit Trommel und mit Arkebus; Der Himmel ist wolkenschwer. Dann stelln sie sich auf zum beherzten Sturm, Bald sind die Türen erbrochen. Wiben Peter hat sich versteckt im Turm, In den Ästen des Fachwerks verkrochen. Herab schießt den Vogel ein Mousquetaire, Er plumpst vor die Orgelpedale. Drauf trinken die Landsleute »veer Tünn Beer« Aus einem Altarpokale. Sie segeln mit der Leiche heim, Frohlockend empfängt sie der Strand. Begleitet von unzähligem Volk, Fährt der Wagen durchs Marschenland. In Heide auf dem Marktplatz schlägt Der Henker den Kopf ab behende; Und als der Schandpfahl das Totenhaupt trägt, Klatschen sie Beifall ohn Ende. Anncke Huck reißt am Bart ihn und hat geschrien: »Ut is dien Wark, dat blödie, Wo is mien Wurth, wo sünd mien Swien« – Das war der Schluß der Tragödie. Allerlei Tumult in Hamburg 1483. Die Bürgermeister Görg Lam und Hans Jübeck Sind auf dem Hansetag in Lübeck. Die »Reitendiener« mit Harnisch und Bogen Waren als Garde mitgezogen. Die Ältesten aber vom Hohen Rat Blieben zurück über Stadt und Staat. Da war der Böttcher Heinrich Loh, Der ist nie seines Lebens froh: Der spintisiert, ist niemals zufrieden, Sein Zornblut will stets übersieden. Nun, da verreist sind die Bürgermeister, Häuft er um sich die abholden Geister, Besteigt eine Tonne, hält eine Rede Und kündet den Mächtigen Feindschaft und Fehde. Und er fuchtelt wüst mit Arm und Finger, Seine Beine tanzen wie Jahrmarktspringer: »Hört mich, Bürger, man will uns betrügen, Uns arme Leute will man belügen. Glaubt mir, daß viele Dinge auf Erden Vom Gold unterm Hütlein betrieben werden. Die Reichen schicken nach Island das Korn, Für uns bleibt nichts als Distel und Dorn. Warum Weil die Reichen immerzu Geld aufstapeln in Strumpf und Truh. Gestern schickten sie Ochsen und Schweine Über die Elbe. Fürs Allgemeine? Für uns? Nein! Sie ziehn Geld draus her, Ihr Eigennutz kennt keine Grenzen mehr. Der Hunger frißt schließlich Armut und Not, Und uns treibt zu Paaren der leidige Tod. Auf! Zertrümmern wir Spiegel und Speicher Und plündern und brennen – –« Wer zog da plötzlich dem Aufwiegler vorbei? Von Bremen die ganze Klerisei. Vom Erzstift gesandt, kamen Abt und Prälat Und Priester an, in großem Ornat. Sie sollten nach Hamburgs Harvestehude, Wo das Kloster steht, eine Nonnenbude. Das Kloster wollen sie visitieren Und mit Strenge alsbald reformieren, Weil die lieben Nönnlein darin Allzu viel treiben weltlichen Sinn. Das merkt Hein Loh und bleibt auf der Tonne Und schreit wie nichts Guts in der funkelnden Sonne: »Was wollen die Mönche, was wollen die hier? Ins Kloster ziehn, ins Nonnenrevier. Laßt doch die grauen Schwestern in Ruh; Die müssen auch mal Sandalen und Schuh Hinlenken zu Mannsleuten und in die Welt, Und sind nicht immer zur Hora gesellt. Und tun sies heimlich und bei Nacht, Darüber hat keiner Bann und Acht. Los, Leute! Laßt uns die Kutten verhauen Und ihnen verkeilen die schmutzigen Klauen.« Da fiel Alles über die Bremer her Mit Faust und Riemen und Knüttel und Speer. Das ist der Obrigkeit doch zu viel, Sie macht ein End mit dem wilden Spiel. Und sie setzen Hein Loh in den Winser Baum, Da hält ihn ein mächtiger eiserner Zaum. Nun aber tobt wütend die große Menge Und macht um die Ratsherren ein Gedränge, Nehmen von ihnen zwei in die Mitte, Zwingen sie zu beschleunigtem Schritte Und führen sie bis ans Gefängnis vor, Wo Hein Loh saß hinterm geschlossenen Tor. Die beiden Ratsherren, alt und krumm, Mit denen gehn sie klotzig um; Sie spein sie an, und hageldicht Fällt Schlag auf Schlag in ihr blutend Gesicht. Vorm Tor des Gewahrsams halten sie an, Da zeigt sich der »Thumbherr«, der Kerkersmann. Der läuft davon, läuft heulend hinaus Und verkriecht sich im nächsten Spittelhaus, Zieht sich dort Frauenröcke an, Daß man ihn nirgends finden kann. Dann krachen die Türen. Hein Loh ist frei! Sie bringen ihn weg mit Triumphgeschrei. Und rechts und links, als höchste Ehren, Folgen die Ratsherrn dem Volksbegehren Und gehn zu den Seiten von Hein Loh; Da lachte sein Auge zum erstenmal froh. Der Pöbel zupft die beiden Alten An den langen Bärten und Rockschoßfalten. Ein Edelmann aus der Nachbarschaft kommt Mit seinem Pagen vorbei. Dem frommt Der wütende Haufe nicht. Er bleibt stehn. Wen sieht er zwischen den Ratsherren gehn? Und er zeigt mit dem Finger auf Hein Lohn: »Das ist mein Leibeigner, der ist mir entflohn. Ein Höriger ists, und der ist mein; Unehrlich geboren ist das Schwein. Her mit dem Kerl!« Schon will er ihn packen, Da springt Hein Loh ihm auf den Nacken Und reißt ihn zu Boden und tritt ihn tot. Dann hebt ihn das Volk hoch, hellentloht, Und Heins Stimme tut stracks den Platz ausfüllen, Als wenn hundert Löwen auf einmal brüllen: »Wir sind die Herren jetzt, und wir sind gleich, rufen! Und unser sind Stadt und Erdenreich. Los! Plündert und brennt! Laßt die Sturmglocken Herunter den Rat von den Marmorstufen! Wir sind Alle Brüder! Wir saufen und singen! Man soll mir die Schlüssel von Hamburg bringen!« Nun ward ein Spektakel, nicht auszusagen, Und Alles wird kurz und klein geschlagen. Die Sturmglocken bellen, die Flamme schlägt aus; Nun meide, wer meiden kann, den Graus. Besonders zwei Weiber tun sich hervor Aus dem fürchterlichen Aufrührerkorps. Sie heißen Geesch Heeschen und Greten Maisch, Überall hetzt ihr gelles Gekreisch. Sie zertrümmern Hostie, Kelch und Altar Und verfluchen Gott und die Heiligenschar. Es stockt die Zeit! Weltuntergang! Ein einziger gräßlicher Chaosklang. Leis klingt und klappt her ein Ton von Lübeck. Die Bürgermeister Görg Lam und Hans Jübeck Jagen zurück. Ihre Gäule schäumen, So schnell ist ihr Ritt. Gischt weht von den Zäumen Auf den Knick. Ein Hufeisen geht verloren, Das tut nichts, nur immer feste die Sporen. Die »Reitendiener« hinterher, Die Garde mit lechzendem Todgewehr. Und allerorts, an den Seitenwegen, Stehn Ritter und Knappen, die Nachbarn, und fegen Mit Görg Lam und Hans Jübeck durch Lehm und Lache Hamburg entgegen mit ihrer Rache. Görg Lam stürzt in Alt-Rahlstedt zur Erde Und überkugelt sich mit seinem Pferde. Tut nichts, schon ist er im Sattel wieder, Nur weiter, heut hat er steinerne Glieder. Die Glock ist Mitternacht. Stopp und Halt! Wie das von Hamburg herüberschallt: Wie aus einem Kessel, gedämpft und dumpf, Wie Hexengesang aus einem Sumpf, Wie brodelnde Blasen auf einem Teich Von flüssigem Stahl im Höllenreich. Und über diesem einen einzigen Ton Sehn sie das alte Hamburg lohn. Nun gibts ein Gewirr, bis der Hohe Senat Das Heft wieder in starken Händen hat. Und dann: Kommt mal her! Wer wars? Kopf ab! Kopf ab! Kopf ab! Kopf ab! Kopf ab! Hendrich Loh sollte am Galgen sterben, Sein Leichnam zwischen den Krähen verderben. Die Böttcher aber, die Zunft, bat wehmütig Den Hohen Rat, wehmütig und demütig, Hein Loh mit dem Schwerte hinzurichten; Das ward erlaubt mit »Angstrichterspflichten«. Einen Maulkorb trug er als letzte Bürde; Sie hatten Furcht, daß er reden würde. So hat er denn »zwischen den beyden Thoren« Sein Haupt mit dem Maulkorb im Sand verloren. Geesch Heeschen doch und Greten Maisch Mußten braten lassen ihr Fleisch Auf einem tüchtigen Scheiterhaufen. Da kam der Mob hinzugelaufen Und höhnte sie, stäupte sie mit dem Besen; Nun, wies von jeher ist gewesen. Ein Satyrspielchen ist noch zu erwähnen, Das ist nicht zum Lachen und nicht zum Gähnen. Wenn in großen Städten die Pest ist verschwunden Und Druck und Kleinmut sind verwunden, Dann sieht man wohl vor Fenster und Türen Die Nachbarn lange Gespräche führen: Man erkundigt sich, wer gestorben ist, Und freut sich, wer noch am Leben ist. So wars auch nach der schlimmen Empörung, Nach der argen Philisterstörung: Cord Hinrichsen ist achtzig Jahr, Er trägt in Ehren sein weißes Haar, Das schwarze Käppchen drauf steht ihm gut. So geht er durchs Tagwerk mit redlichem Mut, Ist streng gesetzlich, ein trefflicher Schneider, Macht Bürgermeister und Ratsherren die Kleider. Der steht, umringt von vielen Leuten, Die sich die schrecklichen Zeiten deuten. Er erzählt ihnen das, erzählt ihnen dies – Zwei Büttel kommen. Der eine stieß Den andern an: »Kiek, der will von neuem Unser Hamburg mit Aufruhr bedräuen.« Blut, ewiger Blutgeruch und Getös Machen selbst Büttel »etwas nervös«. Sie reißen den Alten aus dem »Komplott« Und schleppen ihn eilig aufs Schaffott. Dort rufen die Raben: Papperlapapp! Kopf ab! Kopf ab! Kopf ab! Kopf ab! Vun de erschröckliche Springflot Christnacht 1717. Sieben Tage hats gedauert, Sieben Nächte blieb das Wasser, Bis der große Länderhasser, Der stets vor den Deichen lauert, Sich verlaufen hat, verloren, Und sein altes Bett erkoren. Tage, Nächte, düster, dunkel: Wer wird all die Angst erlösen? Einsam blinzelt eines bösen, Giftigen lila Sterns Gefunkel. Typhon-Orgel, Noah-Lieder, Gischt, Tumult, Schaum, auf und nieder. Viele Tausend sind ertrunken, Unzählbares Vieh gestorben; Städte, Dörfer sind verdorben, Sind verspült und sind versunken. Wo sind Korn und Milch geblieben? Alles hat der Strom vertrieben. Ach, die Nächte! Firstverklettert, Halb verfroren auf den Dächern, Nackt, im Frost von Nordsturmfächern, Und im Balkensturz zerschmettert. Tote Mutter treibt an Küsten, Hat ihr Kind noch an den Brüsten. Dort der Greis in seinem Bette, Das zum Kahn ihm ist geworden, Das ihn sicher mag umborden, Fehlt ihm auch die Ankerkette. Zitternd fleht er hoch zum Himmel Auf der Fahrt durchs Fischgewimmel. Schiffe poltern durch die Marschen, Die sich her vom Meer verirrten, Sich in Baum und Strauch verwirrten Und im Sande dann verharschen. Häusertrümmer, hell in Flammen, Prasseln chaoswild zusammen. Über Wind und Hagelstöße: Welch Geschrei, Gekreisch und Jammern, Die sich an die Sparren klammern: Hilfe! Hilfe unsrer Blöße! Pferdenüstern tauchen, schnaufen Aus den wüsten Wellentraufen. Den Altar der Kirchen klüften Weit der salzigen See Gewalten: Reißen Särge weg aus Spalten, Heben Steine von den Grüften. Alte Knochen, neue Leichen Steuern eins im Sintflutzeichen. Und in einer Morgenröte Kommt geschwommen eine Wiege, Und ein Kind im Wogenkriege Liegt drin selig, ohne Nöte, Spielt mit seinem Puppenvater, Neben ihm ein schwarzer Kater. Endlich ist die Flut verflossen; Alles eilt nun, um zu landen, Was noch lebend ist vorhanden, Was der Schwall noch nicht zergossen. Und die Liebe, das Erbarmen Walten bald mit regen Armen. Jenes Haus, wills grad zerkrachen? »Heda! lebt hier noch die Sippe? Keiner mehr an Herd und Krippe? Wir sind da, euch Mut zu machen!« Tod und ausgeweinte Tränen – »Still doch! War das nicht ein Gähnen?« Aufgeweckt aus tiefen Träumen, Reckt ein Mädchen ihre Glieder, Nestelt träg am offnen Mieder, Mault, als könnt sie nichts versäumen: Bin ein büschen eingeschlafen, Nichts zu tun bei meinen Schafen. Das Kind mit dem Gravensteiner Ein kleines Mädchen von sechs, sieben Jahren, Mit Kornblumenaugen und strohgelben Haaren, Kommt mit einem Apfel gesprungen, Hat ihn wie einen Ball geschwungen, Von einer Hand ihn in die andre geflitzt, Daß er blendend im grellen Sonnenlicht blitzt. Sie sieht im Hofe hochaufgetürmt Einen Holzstoß, und ist gleich hingestürmt. Und wie ein Kätzchen, katzenleicht, Hat sie schnell die Spitze erreicht, Und hockt nun dort, und will mit Begehren Den glänzenden, goldgelben Apfel verzehren. Da, holterdipolter! pardauz! pardau! Bricht zusammen der künstliche Bau. Wie bei Bergrutsch und Felsenbeben Haben Bretter und Scheite nachgegeben; Wie alle Neun im Kegelspiel, So alles über einander fiel. Die Leute im Hofe habens gehört Und laufen hin entsetzt und verstört; Die Mutter liegt ohnmächtig, Gott erbarm, Einem raschen Nachbarn im hilfreichen Arm. Nun gehts ans Räumen der Trümmer von oben, Vorsichtig wird Stück für Stück gehoben, Vorsichtig gehts weiter in dumpfem Schweigen, Der Atem stockt: was wird sich zeigen? Da – sitzt in einer gewölbten Halle Das lächelnde Kind wie die Maus in der Falle, Hat schon vergessen den Purzelschrecken, Und beißt in den Apfel und läßt sichs schmecken. Der Kanarienvogel Im einzelstehenden Arbeiterhaus Müssen die Mieter schleunig hinaus: Es zeigen sich plötzlich Risse und Spalten, Mörtel und Kalk wollen nicht mehr halten, Ein leises Knistern geht unheimlich los, Die Einsturzgefahr wird riesengroß. Die Bewohner können nichts mehr retten, Alles bleibt drinnen, Möbel und Betten; Kaum raffen sie noch ihr bißchen Geld, Eh das Gebäude zersplittert, zerschellt. Was fällt denn der alten Näherin ein? Sie läuft noch einmal ins Haus hinein, Um ihren Kanarienvogel zu holen. Zurück! Schon poltern Gebälk und Bohlen, Es lösen sich Fugen, Klammern und Schluß, Daß der Bau krachend zerstäuben muß. Stehn geblieben ist nur eine Wand, Von unten bis oben; die widerstand. Im vierten Stock hängt an der Mauer Ein Kanarienvogel in seinem Bauer Und jubelt und schmettert und trillert und singt, Daß es frohlockend zum Himmel klingt. Staub und Schuttwolke sind verflogen, Die Frau ist aus den Trümmern gezogen, Die treue Frau. Doch wie ein gefeiter Singt oben und jubelt und tiriliert weiter Der kleine Kanarienvogel. Ihre Exzellenz die alte Gräfin oben auf der Freitreppe Das Automobil ist vorgefahren. Und in den geschmacklosen, schrecklichen Schrein Steigen vier junge Komtessen hinein. Alle vermummt wie beim Femgericht. Und gegen Insekten, Staub, Regen und Licht Tragen sie schwarze Brillen sogar, Und sind jetzt all ihrer Schönheit bar. Ach, diese reizenden Mädchengestalten Sind wüst verschwunden in Futter und Falten. Ins Kloster, ins Kloster, ihr vier Komtessen, Lebt wohl, ihr armen Chanoinessen. Auf der Freitreppe oben, tief im Grame, Steht eine alte Exzellenzendame. Sie ruft indigniert und ruft ganz laut: Von all diesem bin ich wenig erbaut! Gräßliches Bild! Mir wird übel zumute, Und nun noch dazu das infame Getute! Pfui, der Geruch! Eau de Cologne her! Ich rieche Benzin und Geschmier und Schmeer. Vier adliche Füchse, das war ein Geleit! O Gott, wo blieb meine alte Zeit! Von dannen mit Stank und mit Ungestüm Saust das fauchende Ungetüm. Die alte Exzellenz geht verstimmt in den Saal, Noch immer scheint ihr »das Bild« fatal. Da lärmt ihr, kindertoll und verwegen, Das jüngste, fünfjährige Gräfchen entgegen, Umarmt ihre Hüften, sieht zu ihr empor, Mit seinen leuchtenden Augen empor: »Sie fuhren aus, sei doch nicht böse, Ich bin ja noch da.« Und im Spielgetöse Neigt sie sich, wie zum Frieden bereit, Und küßt ihm die Locken: »Die neue Zeit«. Kinder auf der Wiese Auf der Wiese Schmetterlinge, Kinder hurtig hinterher. Haschen sie und reißen lustig – Seht! – das Tierchen kreuz und quer. Kinder aber werden größer. Hurtig hinter ihnen her Hascht das Schicksal – seht! – und lustig Reißts die Menschlein kreuz und quer. Auf dem Trocknen Schwamm ein Fischlein leichten Sinns Mit der Überflut ins Land, Achtet nicht der Ebbe Zucht, Blieb zurück im Gartensand. Und nun zappelts, schnappt nach Luft, Und vergebens schlägt und drängt Sein Silberflosse fort, Wies in Gras und Blumen hängt. Der Gefährten denkt es trüb, Ihrer Spiele; welche Qual! Um das Rotkorallenriff Möcht es plätschern noch einmal. Doch umsonst ist sein Bemühn Nach der frohen Wellenzeit; Es zermartert sich, erstickt In der heißen Einsamkeit. Sahs im Menschenleben oft: Unvorsichtig vorgewagt Wünschte mancher sich zurück, Und der Weg war ihm versagt. Seifenblasen Ich ging durch schwere Mitternacht; Ins Gestern sank verloren Die ewig-alte Menschenschlacht, Eh neu der Tag geboren. Der Dämmer rang, die Wolke wich, Die Aussicht wurde heller. Schon pflügt, der letzte Stern verblich, Der erste Flurbesteller. Ich sah ein lang Gemäuer stehn Nicht weit von meinem Gange Und eilte mich, es anzusehn, In neugierigem Drange. Das Tor klafft auf, ich trete ein: Acht Särge, Leere, Stille, Senkrecht, in Richtung, scharf zu zwein, Wie ein versteinter Wille. Ein neunter nur stand vorn allein, Ein Särglein, schmal, für Kinder; Der wollte wohl der Herold sein Der Todesüberwinder. Die Särge waren ohne Gruß, Bar aller Liebesgabe. Blos auf dem neunten steht am Fuß Ein kleiner nackter Knabe. Aus Marmor. Zart hält seine Hand Ein Kalkrohr unterm Näschen; Darauf, aus dünnstem Glas gebrannt, Wölbt sich ein Seifenbläschen. Im Bläschen spiegelte sich klar Die junge Morgenröte. Ein täuschend Bild, das sonderbar Mein Schauern noch erhöhte. Der Blitz und die Schwalbe Mürrisch zeigt ein grau Gewitter Seine finstre Stirn im Süden. An der Himmelsmaske lauert Lüstern längst zum Sprung der Blitz. Wie die Schlacht, die meilenferne, Dumpf ununterbrochen donnert, Sich dann drohend langsam nähert, Rollt das schwere Wetter an. Eine kleine liebe Schwalbe, Die sich schon ins Nest geflüchtet, Steckt noch einmal sehr fürwitzig Aus dem Schlupf das Köpfchen vor. »Und ich wag es: In die Lüfte Schwing ich mich, was kann das geben, Schneller flieg ich als der Sturmwind, Schneller als der schnellste Blitz!« Kleine Schwalbe, laß dich warnen, Hagel stößt dir das Gefieder; Bleibe unter deinem Giebel, Übermut tut selten gut. Doch mit lautem Zwitschern schießt sie In die Höhe, immer höher, Kreist und steigt und schwenkt und hebt sich, Tummelt sich nach Herzenslust. Und sie schlägt den flinken Flügel Spottend an die schwarze Wolke. »Wollen um die Wette fliegen, Komm heraus, du Blendeblitz!« Kleine Schwalbe, laß dich warnen, Laß zum letztenmal dich warnen; Siehst du nicht das blaue Feuer, Hämisch äugt es hinterm Spalt. »Komm heraus, du Häuserzünder, Nur hervor, du Wolkenfärber, Immerzu, du rasche Kerze! Gilt die Wette, schlag ich dich. Lassen wir uns niederfallen, Eins, zwei, drei, wie Steine sinken; Und mit Jubel hat gewonnen, Wer zuerst die Erde küßt. Nun, ich merke, Regenpförtner, Menschenschrecker, Eichenspeller, Höllensproß und Sonnenvetter, Ei, du wagst es nicht mit mir!« Plötzlich, ach, die Strahlengarbe Schlug auf ihrem Weg nach unten – Platz da, Bahn frei, Dampf und Donner – Meine kleine Schwalbe tot. Die Macht der Musik An einem Maitag, weit von Haus, Lag ich im Fenster schon hinaus Des Morgens früh um viere. Still träumt die Stadt, kein Hund ist wach, Kein Rauch umkräuselt traut das Dach, Noch schlafen Mensch und Tiere. Auf einmal, unter mir vorbei, Ging eine kleine Küchenfei, Ein Kind von acht, neun Jahren. Sie sieht mich nicht – dsching, tut und quiek, Klingt her die Regimentsmusik Im Schritt der Janitscharen. Das Mädel stutzt. Der Korb am Arm Faßt Eier, Wurst und andern Kram: Mais, Reis und Pomeranzen. Da gehts nicht mehr, sie setzt ihn hin, Und nur zu tanzen ist ihr Sinn, Und sie fängt an zu tanzen. Fern die Musik, klingklang rumbum; Sie tanzt und tanzt, rechtsum, linksum, Reizend, wie Engel schweben. Her, hin und her, sie ist allein, Umblitzt vom ersten Sonnenschein, Dem Trieb ganz hingegeben. Mal kratzt sie sich den krausen Kopf, Der Spatz machts so mit seinem Schopf, Das tut sie nicht anfechten. Doch plötzlich hört der Taumel auf, Sie nimmt den Korb, setzt sich in Lauf, Es fliegen ihre Flechten. Hin zur Musik! Sie läuft, sie rennt, Nur zu, nur fort, als wenn sie brennt, Was sinds für Firlefanzen! Die Wurst im Korb macht hoppsasa, Die Eier hüpfen hopplala, Und auch die Pomeranzen. Wer weiß, wo jener Tanzplatz war: In Kiel, in Rom, in Sansibar, In Siebenbürgen, China? Der Reim auf China liegt nicht fern: Im Leben denk ich immer gern Der kleinen Ballerina. Das Gespenst Einen lustigen Schwank aus seinem Leben Hat mir gestern ein Freund gegeben: Ich war bei den Spiritisten gewesen, Bei Geistererscheinung, Gedankenlesen, Kam, ich gestehs, etwas gruselig nach Haus, Verschloß schleunig mein Zimmer vor jedwedem Graus Und tappe nach Streichholz, Lampe – nanu: Klopfts schüchtern. Was? ein Rendezvous Mit irgend einem Ururgroßvater, Mit einem alten Hexenkater? Mich überläufts; ah pfui, Mut, Licht, Ich fürcht mich doch sonst vorm Kuckuck nicht. Und hin zur Tür und dreh vorsichtig um, Und bin vor Staunen starr und stumm: In schwarzen Strümpfen, im bloßen Hemd, Ei Donner, das Mädel ist mir nicht fremd. Was, Kathrinchen, das bist du? Rasch herein, und schnell wieder zu. Wie du dich an mich schmiegst, wie du bangst! Hast wohl auch vor Gespenstern Angst? In jungen Jahren Schönes Kind von achtzehn Jahren, Ein Weilchen sind wir zusammengefahren Durch diese verdammt langweilige Welt; Und schon sind uns die Rosen vergällt? Schon lauern Gähnen und lästiger Trug; Um des Himmels willen, genug, genug, Ein toter Docht kann nicht mehr glimmen, Ein lässiger Arm kein Meer durchschwimmen. So geh deinen Weg du, ich gehe den meinen, Wolln uns nicht grämen, wollen nicht greinen; Und sollten wir später uns treffen einmal, Wirds keinem von uns zu Kummer und Qual. Hast schnell einen Schatz, ich find ein Schätzchen, Du einen Kater, ich ein Kätzchen; Streichelst dann, eia, ein andres Hänschen, Und mir schläft im Arm ein andres Gänschen. Nur immer frisch das Leben genossen, Bald hält uns höhnisch der Sarg umschlossen. Und nun Lebwohl; Dank sei dir gebracht Für manche sturmherrliche Liebesnacht. Noch einmal komm ich morgen früh, Und dann ist die Sache perdauz und perdü. Anakreontisches Liedel Immer bleibst du, wer du bist; Nimm das Leben, wie es ist. Wo du Rosen siehst im Garten, Brich sie, laß sie nimmer warten. Und im Sommervollmondschein Laß dein Mädchen nicht allein. Trinke in der Freundeskette, Trink mit ihnen um die Wette, Trinke bis ans Morgenrot, Trinke bis an deinen Tod. Diese Regeln sind nicht zierlich, Aber auch nicht unmanierlich. Jedenfalls, und das bleibt wahr: Wer nicht bechert, bleibt ein Narr. Wer nicht küßt Marie, Susanne, Heute Bertha, morgen Anne, Wer die Rosen läßt verwehn, Eh er ihren Duft genossen, Mag getrost zur Hölle gehn – Denn der Himmel bleibt verschlossen Allen denen, die auf Erden Unbefriedigt Asche werden. Immer bleibst du, wer du bist; Nimm das Leben, wie es ist. Im Hochgebirge Ein junges Alpendearndl Lag einst an meiner Brust. Von Lachen und Tollen trunken, War sie jach in Schlaf gesunken, Da schliefen auch Lärm und Lust. Das Städtchen, die Täler und Berge, Den stillen kleinen See, Die Sennen auf fernen Spitzen Sah ich in der Sonne blitzen, Auf den Firnen den ewigen Schnee. Du frische Menschenblume, Du zartes Edelweiß, Vor allzu hartem Leben Soll schützend um dich weben Gott seinen Himmelskreis. Unruhig wird das Katherl, Ihr flinker Schlummer erlahmt. Der schwarzen Augen Decken Reißt sie auf in wildem Schrecken: »O–i hab so drahmt.« Sie zittert an meiner Schulter; Ich zog sie fest ans Herz. Weg küss ich die rasche Träne, Durch ihr Lächeln schimmern die Zähne: Weg, weg sind Traum und Schmerz. Mit ausgebreiteten Armen Weltvereinsamt und verlassen, Liebes Mädchen, sitz ich hier. Alle Menschen muß ich hassen, Kann mich selber nicht mehr fassen. Komm, o komm zu mir! Blütenpracht und grüne Zweige Und die ganze Frühlingszier Sind mir holde Fingerzeige, Daß ich sanft zu dir mich neige: Komm, o komm zu mir! Tausend zärtliche Gedanken, Keusche Minne, Liebesgier, Die sich ewig in mir zanken – Hab Erbarmen mit dem Kranken: Komm, o komm zu mir! Die letzte Rose Die Fahne der Vergessenheit, Sie mußte lange wehen: Auf meinen Wegen traf ich die, Die lang ich nicht gesehen. Woher, wohin, wie ging es dir, Du hast so schmale Wangen. Wenn Zeit du hast, komm mit. Bald hat Sie mir am Arm gehangen. An einem Flusse schritten wir, Und in den alten Garten Sind wir getreten, wo wir einst Sehnsüchtig auf uns harrten. Wir sprachen viel, wir lachten auch, Erzählten uns Geschichten. Wie anders damals. Heute wars Ein mühelos Verzichten. Wir kehrten in die Stadt zurück, Von neuem riß der Faden. Doch eh wir schieden, blieb ich stehn Vor einem Blumenladen. Die schönste Rose wählt ich aus, Für sie die letzte Spende, Und küßte ihr zum letzten Mal Dankbar die lieben Hände. Zwei Straßenbahnen kreuzten sich, Als wir das Haus verlassen. Wir stiegen ein – in Nord und Süd Verschlangen uns die Gassen. Emiliens Grab Aus Langerweile, im fremden Ort, Ging ich über den Kirchhof fort, Sah mir ein Kreuzchen an, einen Stein, Manch seltsam Sprüchlein von Sterben und Sein, Und ließ mir zuflüstern von den Zypressen, Daß hier Alles längst, längst vergessen. Emiliens Grab – da blieb ich stehn, War nichts andres drauf zu sehn, Weder Bibelwort, Zeit, noch Familienname, Nur einzig stand drauf, wie eine Brosame: Emiliens Grab. Das fiel mir auf und ging mir ins Blut; Mein Gott, wer war sie, die hier ruht? Das Gras, die Frühlingsblumen, die Bienen, War Alles so froh von der Sonne beschienen. Doch hatte niemand den Platz gepflegt; Alles wucherte, ungehegt. Nichts konnte auf dem Grabe prunken, Selbst die Einfassung morschte versunken. Ich ging meiner Wege am Friedhofsrand, Als ich endlich ein steinalt Mütterchen fand. »Was ist denn das dort mit der Emilie? Der Nachname fehlt ja; wie hieß die Familie?« Ja, Herr, das ist wer weiß wie viel Jahre; Ich stand an ihrer Totenbahre. War ein jung Ding, einfacher Leute Kind, Doch wie sie dann alle leichtgläubig sind: Kam ein fremder Mann angegangen, Hat sie in seine Netze gefangen, Versprach ihr, sie auf sein Schloß zu bringen, Er sei reich und könn ihr Alles erschwingen. Und hat sie geheiratet. Dann zogen sie fort, Fern weg an den Rhein; da ist sie verdorrt. War Alles Schwindel, war Alles erlogen, Er hat sie in seinen Schmutz gezogen. Hat sie verlassen. Und sie kam wieder Und brach am Haus ihrer Mutter nieder, Ist schnell gestorben aus Elend und Gram, Konnte nicht länger ertragen die Scham. Die Mutter, von Haß und Wut ganz besessen, Wollt ihres Eidams Namen vergessen, Hat ein Kreuz ihr gesetzt, als sich das begab, Steht weiter nichts drauf als: Emiliens Grab. Findling Schwarzäugelein, Blitzäugelein, Wo ist dein Mutter, wo ist dein Vater. Zu dem alt Weib bist ausgetan, Zum Gespielen hast nur den grauen Kater. Klag sie nicht an, klag sie nicht an, Dein lieb Mutter, dein lieb Vater. Die Sommernacht war gar zu warm, So schön warm wie dein grauer Kater. Raben Durch den blauen Morgenhimmel Ziehen plumpe, schwarze Raben; Wie Gedanken, schwarze, plumpe, Durch die reine Seele ziehn. Durch die reine Seele ziehn Wie die plumpen, schwarzen Raben Die Gedanken und verschwinden In den blauen Morgenhimmel. Grau in Grau Kalter, kahler Frühlingstag, Graue Schollen, Veilchenleere. Über deine Öde fort Rollen schwere Wolkenheere. Manches Menschen Frühlingszeit Gleicht dem kahlen, kalten Tage. Über seine Öde fort Rollt des Lebens schwere Plage. Hyazinthen Vor mir auf dem Tisch stehn Bläulichrote Hyazinthen. Die krausen Sechsblättchen sind zurückgebogen. Eine Geruchwelle wie von Leichen nach einer Schlacht, Wie von Pestfeldern, Kommt zu mir von den Blumen hergezogen. Wie von dumpfen, trüben Trieben. Gräßlich. Da seh ich ein unendlich rührendes Bild: Eine schöne, blasse, ernste junge Frau Hat die Hyazinthen Hart an ihre Brust gerissen. Sie beugt die Stirn tief hinein, Und schließt die Augen, Und trinkt den Duft, wie aus einem Giftbecher, Als ob sie den Tod ersehne. Und sie öffnet die Lider Und sieht visionär nach oben. Dann schließen sich wieder die Lider. Und auf ihnen gewahr ich Feine, müde Äderchen... Und noch einmal sah ich Die bläulichroten Hyazinthen: Ein heißer Julitag: Ich gehe im Schatten eines Waldrands In einem dicken Sandweg. Die Aussicht nach der andern Seite Ist versperrt durch ein Knick. Eine Dame, ohne jede Begleitung, Kommt mir im Paradegalopp entgegengeritten Auf ihrem Hunter. Als wir uns begegnen, bleib ich stehn Und ziehe den Hut. Und sie grüßt mich mit der Gerte, Die sie senkrecht bis an die rechte Schläfe hebt, Ihr Haupt zu mir neigend. Ein Bündelchen Hyazinthen Ist am Kopf der Gerte mit einem Bastbändchen Festgenestelt. Es ist dieselbe schöne, blasse, ernste junge Frau. Und über alle die kleinen unschuldigen Knick- und Waldrandblümchen weht, Es ist nur wie die letzte Spur eines Hauchs, Der fürchterliche Hyazinthen-Atem. Die heilige Kümmernis An einem breiten Wege Stand eine Statue; Das Volk ging dran vorüber Im Sommer und im Schnee. Es hing ein schönes Mädchen An steilem Kreuze da, Sie ließ die Stirne sinken, Misericordia. Und blickt unendlich traurig; Es lag der Erde Leid Auf ihrem Antlitz nieder, Da lag es ohne Neid. Sie trägt die Fürstenkrone, Ein prächtiges Gewand; Mit Steinen und mit Ringen Ist ihr geschmückt die Hand. Zu ihren Füßen stellt sich Ein junger Fant und kniet, Und spielt auf seiner Geige Ein letztes Abschiedslied. Sie warf ihm hin zum Danke Den einen goldnen Schuh; Dann stockt ihr Leben wieder, Sie schloß die Augen zu. Das Volk geht dran vorüber, Empfindet Ruck und Riß, Und spricht halblaut und zitternd: Die heilige Kümmernis. Erkenntnis Zwei schöne Augen sah ich gestern, Da war die Liebe drin und auch das Leid. Die Liebe und das Leid sind Schwestern, Es trennt sie keine Ewigkeit. Das Glück Der Rauch meines Herdes Umzieht meine Linden, Die von Schwalben umzwitschert sind. Das ist das Glück. Wünschst du noch mehr? En gode Sigarr. Zigeunertreiben Mitten im Eichforst, Am lodernden Feuer, Tanzt das Zigeunermädchen. Ihre weißen Zähne lächeln Im Mondstrahl; Und in den Augen brennt ihr die Glut. Sie tanzt den Fandango, Ziert sich, Ziert sich nicht; Die nackten Arme über den Kopf schnellend, Klirrt sie den Takt Mit den silberbeschlagenen Kastagnetten. Und der Fiedler rast mit dem Bogen, Daß kreischend die Töne entfliehen Ins Walddunkel. Grell auf leuchtet das Feuer, Dann bricht es zusammen. Aber von frischem geschürt Wirft es Lichter weit in die Baumschatten, Auf Farrenkraut und Glockenblumen. Klagend fällt die Flöte ein; Aber dazwischen Kichern die Saiten der Mandoline... Aus lischt der Brand. Nur noch Mondlicht Lauscht durch die Blätter; Still wirds. Die kleinen Steppenpferde rupfen, Vom Zügel befreit, Die feinen Gräser. Czico, der Knabe, Hält das Mädchen in seinen Armen; Um sein braunes Gesicht Wirrt sich ihr schwarzes Haar. Er nennt sie: Mein Ringeltäubchen, Meine Eidechse, Meine Goldschlange! Und erzählt ihr Geschichten, Märchen aus dem Morgenlande: Vom König Suleiman. Erzählt ihr von seinen Kesseln und Fallen, Und wie er heut Morgen Eine Gans gestohlen habe. Das alles erzählt er ihr Lachend, Und lachend hört sies. Und über blinkernde Kieselsteine Stürzen die Quellen In die schweigende Sommernacht... Schon verblassen die Sterne In den binsenumnickten Moorwassern, Wo die Wildente schläft. Durchs Gezweige Spielen gelbe und rote Und blaue Frühlichter, Den Morgen wiegend. Czico schleicht ans nächste Dorf, Um wieder eine Gans zu stehlen; Und stört den Fuchs, Seinen Kumpan, Der auf denselben Wegen ist. Dann wird Tag. Gähnend stehn die Bauern vor den Türen. Durch die Haide schleppen sich die Zigeuner, Braun und ungewaschen, Braun wie die Haide. Und über Bauern und Zigeunern Steigen Lerchen Singend In die sonnedurchzitterte Luft. Persische Vierzeile Goldne Streifen schwangen schon am Morgenhimmel, Da sah ich dich in Frühlingsranken. Blaue Lichter sprangen schon vom Morgenhimmel, Umstrahlten dich in Frühlingsranken. Uhren schlugen in der Stadt die vierte Stunde Klar her durch die weite Runde. Kleine Lerchen sangen schon zum Morgenhimmel, Da küßt ich dich in Frühlingsranken. Arger Morgen Sommernacht. Im Dämmergraun Wälz ich mich auf meinem Lager. Sprengt mein Blut den Adernzaun? Bin ich noch der Weltentsager? Wie gekreuzigt, Gott erbarm, Lieg ich kläglich auf dem Rücken: Komm, o komm in meinen Arm, Komm, du sollst dich zu mir bücken. Deinen Namen ruf ich laut – Nein, nicht länger mehr ertrag ichs. Auf! ins taubenetzte Kraut, Und den Rosenhecken klag ichs. Schicksal, mach mich heut nicht toll, Führ mich heute seidne Bahnen! Dein Bajazz, der Zufall, soll Schwenken seine Kirmesfahnen! Draußen! Wie der Morgengruß Mich erfrischt mit seiner Kälte. Emsig setz ich Fuß vor Fuß, Als ob eine Flucht es gälte. Was? Ein girrend Häherpaar? Wie sie sich verliebt umkreisen! Soll mein Steinwurf, ich Barbar, Ihrem Glück die Wege weisen? Wie erbärmlich! Laß die Welt, Wo sie liebt, in ihrem Feuer; Und vergiß im eignen Zelt, Ja, wers kann, Cupidos Steuer. Weiter eil ich, ohne Ruh, Bis die frühe Stunde scheidet. Wolken, deckt die Sonne zu, Daß sie mir die Glut nicht neidet! Heißhunger Ach, komm doch! Ich stampfe vor Wut, Ich würge mein Blut: Ach, komm doch! Wo bleibst du? Ich geh auf und nieder Unsern alten Weg, Unsern alten Weg Geh ich auf und nieder. Wo bleibst du? Säh ich dein Kleid doch Schimmern aus Weiten, Schimmern von Seligkeiten! Säh ich dein Kleid doch! Komm, ach komm! Wie du lächelnd vorwärts schwebtest, Wie du lächelnd rückwärts strebtest, Wie wir beim letzten Schritt zögerten beide, Als wollten wir uns losreißen vom Leide, Bis wir uns aneinander drängten Und uns küßten und zwängten Durch alle die Liebe durch. Komm, ach komm! Ist es zu Ende? Mir wird das Herz steinschwer. Seh ich dich niemals mehr? Und in meine rasende Ungeduld Tritt mit königlicher Huld – Was? Du hast mich geneckt? Hattest dich hinterm Busch versteckt? Bist herangeschlichen wien Dieb? Hast mich beobachtet durch irgendein Strauchloch: Wie die Qual mich hin und her trieb Durch ihr Marterjoch! Das nenn ich aber doch – Und sie lacht, sie lacht und lacht und lacht Und hat ihre Arme weit aufgemacht. Nach der Trauung Vorbei die ersten Liebeswochen, Die wir gelebt an unserm Herd. Der Herbst will an die Türen pochen, Der Frost hat Eingang schon begehrt. Ein Ruder halte ich in Händen, Dem Sturme seh ich ins Gesicht. Und läge ich in Sargeswänden, Dich gäbe ich dem Sturme nicht. Zu ruhn an stillen Waldesquellen, Gönnt selten uns ein menschlich Glück. Ein Schwimmen ists durch Stromesschnellen: Nur vorwärts, vorwärts, nie zurück! Sicilianen Ein Frühlingsmorgen Im Sonnenscheine schlief die Wetterfahne, Aus Busch und Garten klang der Vögel Locken. Wir freuten, ich und du, uns vom Altane Des ersten zarten Grüns von unserm Roggen. Hoch über uns, wie eine Karawane, Zog seinen Weg ein Schwarm von Zirrusflocken. Das Haus lag still im Schatten der Platane; Mein Herz, mein Herz, hörst du die Friedensglocken? Winterabend Wie mag ich gern dem lieben Käuzchen lauschen, Wenn einsam meine Schreibtischlampe brennt. Durch Gartenruhe und durch Bäumerauschen Bin ich von Stadt und aller Welt getrennt, Und möchte wahrlich nicht mit einem tauschen, Der nun im Smoking zur Gesellschaft rennt. Viel netter ists, mit Annmarie zu plauschen, Die, ach, so zärtlich meinen Namen nennt. Der Friede? Wohin auch immer deine Augen spähten, Dich freute reife Frucht auf schwanken Halmen. Zukünftig Jahr hat Rosseshuf zertreten Dein Korn vielleicht, und deine Scheunen qualmen. Du wirst dann ungebeugt von neuem jäten Und neue Mühlen bauen zum Zermalmen. Doch über Nacht, wenn sie dir Unkraut säten – Schläft je dein Haus im Schutz der Friedenspalmen? Lebenskampf Wie kann das Leben anders sich verknoten, Als eine Welt des Kampfes und der Schmerzen. Wenn Frühlingsschein und Sommerfarben lohten, Es wird sich bald der blaue Himmel schwärzen. Und ob von Rittern oder von Heloten: Ringsum der Feind, dein Dasein auszumerzen. Getrost! Spartaner, nur dreihundert, boten Viel tausend Pfeilen ihre Griechenherzen. Rien ne m'est plus, plus ne m'est rien Wappenspruch. Da ich verloren habe, was mein war, Verschmäh ich alles nun, was mir geboten. Ich wandre mit dem Bettelstab, ein Narr, Und schlafe auf dem dürren Feld der Toten, Und bin ein Einsiedler und trostesbar, Und bin geringer noch als die Heloten. Ich bin ein Elender, so ganz und gar, Daß mir die Hoffnung, Freud und Leid verlohten. Vers Dieu vais Wappenspruch. Ich gehe Gott entgegen, sagt die Flamme, Und frißt dabei das große Holzgerüst, Zu Gott empor aus dieser Erdenklamme, Wo alles unnachgiebig droht: Ihr müßt! Ins Friedensreich, hin zu dem hohen Stamme, Wo Christus von den Engeln ward geküßt. Dort ist es still, und hinter jenem Damme Stört nichts die Ruhe, ihr habt abgebüßt. In ein Stammbuch Zuweilen lese ich die schönen Sachen, Die feingekritzelt dir im Album stehn, Und muß, Verzeihung, über manches lachen. All diese Sprüche werden bald vergehn; Und alle Namen, die sich unterschrieben, Sie werden wie das Laub im Herbst verwehn Und rasch verwirbeln, alle deine Lieben Vom Herbst des Lebens schnell zum finstern Grabe Enttaumeln und wie Spreu im Wind zerstieben. »Zum Frohgedenken« mancher lustige Knabe Schrieb sich hier ein, seis Liebster oder Bruder; Es krächzt nach ihnen auch der alte Rabe, Der gute Vetter Tod, des träges Ruder Sie langsam steuert durch des Hades Fluten, Auf Nimmerwiedersehn, so Mann wie Bruder. In weiter Ferne, tief in Abendgluten, Ersiehst du einmal noch die längst schon bleichen In morschen Särgen, und dein Herz wird bluten. Ich kanns verstehn, daß diese Liebeszeichen Dir wert sind. Aber laß sie nicht von andern, Dir gleichgültigen Menschen je erreichen. Ein Spott ists, wenn von Hand zu Hand sie wandern. Der gütige Empfänger Ich sehe dich deinen Kneifer nehmen Und auf die Nase dir bequemen; Du suchst die Schere, schon liegt sie zur Hand, Und löst vom Pakete Siegel und Band. Was ist denn das? Gedichte? Potz Blitz! Gedichte von meinem Freunde Fritz. Ei, ei, auch der ein Sonntagsjäger, Ein Lyraklimprer und Silbensäger, Ein Mondscheinmeckrer, Gitarrenwimmrer, Ein Jambenbrüller und Stanzenzimmrer, Hymnenheuler, Odenschnaufer, Daktylenwirbler und Knittelversraufer. Dein feiner Spott liegt mir im Ohr; Du weißt, ich fürcht mich ein wenig davor. Und doch, du Treuer, wie hör ich ihn gern, Wir denken ja beide über den Stern, Der sich Erde nennt, fast immer gleich; Nicht wahr, auch über das Himmelreich. Und nun, du klappst mein Buch schon zu, Und schnürst es ein zur ewigen Ruh, Schleudersts hinauf auf den höchsten Schrank, Und das ist all für mich dein Dank? Da ruht es aus auf deinen Befehl, Just zwischen Mozart und Marc Aurel, Die häupterbestaubt dort oben stehn; So wird es auch meinem Büchlein ergehn? Dann murmelst du, der Klemmer fällt: Da hat mich der Gute schön geprellt, Es ist denn doch wirklich nachgrade zu arg, Der Deutsche verselt selbst im Sarg. Ich bestimme, schmiert er fürder Gedichte, Wir stellen ihn gleich vor die Schwurgerichte. Lebewohl an meinen verstorbenen Freund, Herrn Naturalismus Widerliches Wort: Gekose, Leider reimt es sich auf Rose. Immer auch die Herzenschmerzen, Sanft beglänzt von Unschlittkerzen; Und die lieben Sonnenwonnen, Eingesargt in Pökeltonnen. Nimm die Muse bei der Hand, Drück sie feste an die Wand, Küsse ihr den weißen Nacken, Küsse ihr die frischen Backen. Lachen wird ihr roter Mund, Und besiegelt ist der Bund. Leben Sie wohl! Ach, es war doch so schön, als wir damals »zusammen« gingen, Sie und Ihr alter Freund 1887-1897. Detlev Liliencron. Sonette Der Abend sinkt Ich sehne mich, am Schluß der Dissonanzen, Die auch den sommerhellsten Tag verschneien, Nach frohen Stunden endlich, bürdefreien, Um hinter guten Wein mich zu verschanzen. Nach Witz und freiem Wort, statt Schild und Lanzen, Nach warmen Schüsseln, Firlefanzereien, Nach schönen Frauen, Liedern und Schalmeien, Nach Tänzerinnen, die Fandango tanzen. Auf Polstern liegend mit dem Nargileh, Vertreib ich, wie die Hummeln aus dem Klee, Mit blauem Rauch die letzten Sorgensummer. Im Garten draußen heult, ganz ohne Kummer, Der Sturm und stemmt den ungeschlachten Nacken An meine Klause, daß die Pfosten knacken. Ricordo Den Tannenwald verlöscht die Nebelwand, Die weiße Birke schläft im Haidekraute; Kein Zimbelklang erklingt und keine Laute, Es schreit die Möwe nur an Odins Strand. Hörst du es singen doch? siehst du das Land, Wo klar in goldne Himmel Tizian schaute, Wo Michelangelo Sanct Peter baute Und Cäsar einst die Welt zum Kranze band! Wir landen, von Orangen überdacht; Was bleibst du kalt und ohne Interesse, Sehnst du zurück die kimmerische Nacht? O wüßtest du, wie gestern in der Messe, Als du erschienst in venezianischer Pracht, Ein Murmelsturm anschwoll: Die Dogaresse! Sphinx in Rosen Umschattet von des Gartens Riesenbäumen, Ruht eine Sphinx aus blendend weißem Steine, Leicht überhaucht vom warmen Widerscheine Der tausend Rosen, die sie dicht umzäunen. Verdrossen, finster und in dumpfem Träumen, So brütet starr sie über das geheime, Das ewige Rätsel. Und der Blüten eine, Sich schalkhaft wiegend, spricht: »Was willst du säumen? So find und gib uns endlich doch die Lösung!« Im Winde schaukelten die andern Rosen. Da, gräßlich, klang das eine Wort: Verwesung. »Nein, Liebe ists!« erwiderten die losen; »Laß dirs gesagt sein, greulichste der Katzen.« Doch schmeichelnd küßten sie des Untiers Tatzen. Der Fischzug Du hörst der Schmetterlinge Flügelschlagen, So still ruht Baum und Blatt im großen Parke. Auf fernen Steigen schurft des Gärtners Harke, Der Spatz putzt auf der Sonnuhr sich den Kragen. Bewegung. Menschen. Und ein Fangnetz tragen Zum Teich hin Fischerarme, muskelstarke. Vom Pfahle lösen sie die weiße Barke; Der Zug beginnt, ganz wie zu Petri Tagen. Indessen ist die Fürstin angekommen, Hat in der Marmornische Platz genommen, Der Page kniet und legt die Schleppe nieder. Im Netze zappeln Karpfen und Karauschen. Die Hoheit lacht; die Kavaliere lauschen. Der Spaß ist aus – und tiefe Ruhe wieder. Rückschau Das war zu leben wert: im Morgentaue Den Hengst zu tummeln bei Trompetenklängen Und an des Thrones purpurnen Behängen Das Knie zu beugen vor der schönsten Fraue. Im Kampfe griff, gleich einer Greifenklaue, Die Faust das Banner, fest, im wüsten Drängen, Es aus dem Anprall hoch herauszuzwängen: Helmüber wehts, ein Prachtrad gleich dem Pfaue. Der Mai zog hin, die Aster starb, es frostet; Gebrochen hängt die Feder am Barette, Und in den Bart fiel Schnee, die Klinge rostet. Des Alten Herz erfreut die Canzonette, Wie sie der Sänger schöpft aus goldner Schale; So schaut er still zurück in grüne Tale. Abschied vom Leben Ins halb schon tote Herz, ins alte, grüßen Noch einmal Vogelsang und Sommerranken. Wie blau der Himmel; welch ein lustig Schwanken Der grünen Blätter, die sich neckend küssen. Und nun das herbe Abschiednehmenmüssen. Vorbei, wie zögernd, gleiten in Gedanken Die wenigen Stunden, die ins Herz mir sanken Mit reinen Seligkeiten und Genüssen. Gönnt mir den letzten Trunk aus diesen Schalen, eh ich hinab muß in die grauen Gründe; O gönnt ihn mir als letzte meiner Qualen! Lebt wohl! Klagt euerm Gott all meine Sünde! Ihr kennt die Schmerzen nicht, die in mein Leben Sich gruben; sonst – ihr würdet mir vergeben. Letzte Spur Daß meine Lieder nur der Schmerz geboren, Daß ich besinge nur, was ich verloren: Ihr meint, das sei doch eitle Mühsal nur. Daß ich, was ich besaß, nicht kann vergessen, Daß bittre Tränen meine Runzeln nässen: Ists nicht vergangner Freuden letzte Spur? Hinüber Lag ich jüngst im hohen Sommergrase, Hatte gern das Menschenvolk gemieden. Grade, grade über meiner Nase Zog ein Schäferwölkchen hin in Frieden; Zog im Blauen seine stille Straße, Zog den Weg ins Land der Pyramiden. Nickten Blumen, summten Himmelbrummer, Summten langsam, langsam mich in Schlummer. Begräbnis »Laudat alauda Deum, tirili tirilique canendo.« Wenn letzter Donner fern verrollt Nach dunkler Sommerstunde: Schon winkt ein erstes Wolkengold Dem regensatten Grunde: Die Sonne küßt die Gräser wach, Die lieben Lerchen singen, Es trägt der Wind den blauen Tag Empor auf kühlen Schwingen: In solcher Stunde senkt mich ein, Viel Müh ist nicht vonnöten, Es wird die Erde hinterdrein Mir rasch den Sarg verlöten. Streut Rosen, Rosen in das Grab, Und spielt Trompetenstücke; Dann brecht mir meinen Wanderstab Mit fester Hand in Stücke! Es fiel ein Blatt vom Baum, es fiel Durch fruchtbeschwerte Äste. Nun geht zu euerm eignen Ziel, Ihr meine letzten Gäste! Zum eignen Ziel geht spielbereit, Schwenkt hoch die Trauerfahnen, Froh, daß ihr noch auf Erden seid Und nicht bei euern Ahnen!