Hermann Löns Fritz von der Leines Ausgewählte Lieder Der Schlachthauskrach (18. November 1894.) Rauh behandelt uns das Leben, Nimmt uns viel, und als Ersatz Gibt es uns den herben Zweifel Für des Glaubens festen Schatz. Ach, vorüber sind die Zeiten, Wo der Sülze ich getraut, Die im Bund mit Öl und Zwiebel Und mit Senf mich oft erbaut. Denn es warf in meine Seele Eine böse Zweifelssaat, Die jetzt frech wie Quecken wuchert, Mitleidslos der Magistrat. Tief geknickt und qualbeladen Trete ich vor ihn nun hin: »Meine Sülze gib mir wieder Und den kindlich frohen Sinn!« Vertraulich (21. Juli 1895.) Die saueren Gurken sind nun reif, Die Enten sind flügge geworden, Doch merkt man leider wenig davon Im Süden und im Norden. Es blüht die hohe Politik Ganz wintermäßig weiter, Hier schwingt man Reden, dort den Dolch, Ich finde beides nicht heiter. Auch in Hannover redet man, Besonders bei Schützenfestessen, Da wird der störrigen Bürgerschaft Die Rute zugemessen. »O habe Vertrauen, lieb' Bürgerschaft!« So sprach man höchst erbaulich. Die Bürgerschaft denkt: »Das hab'n wir ja, Daher der Name ›Vertraulich!‹« Nummro zwei (15. September 1895.) Es war eine herbstlich kühle Nacht, Der Nordwind pfiff nicht ohne Und spielte Tarabumdeay Am Draht der Telephone. Ich kam vom Abendschoppen heim Just um die Geisterstunde, Die Gaslaternen brannten trüb, Unheimlich heulten zwei Hunde. Auf einmal bumste es irgendwo, Es donnerte und es krachte; Ich dachte verwundert bloß: nanu? Vor Schreck ich sonst nichts dachte. Ich traf einen Schutzmann, den fragte ich: Was war denn das für 'n Knallen? »Ooch nischt, es ist bloß wieder mal 'ne Brücke eingefallen.« Vorübung (29. September 1895.) Es zeigt der Lindener Bürgerverein Sich riesig neuerungssüchtig; Jetzt schuf eine Turnerriege er – Die Sache ist äußerst wichtig. Es kommt dem Lindener Magistrat Die Gründung sehr gelegen, Er denkt: »Für einige von euch Ist Turnen ein wahrer Segen. Ihr seid mir doch in letzter Zeit Zu obsternatsch gewesen, Rumpfbeugen wird allmählich euch Die steifen Rücken lösen. Kopfnicken, Kniebeugen, das fehlte euch auch, Das werdet ihr schon bald sehen, Vorturner soll ein Senator sein, Dann wird die Sache schon gehen.« Aus Überzeugung (27. Oktober 1895.) Es sitzen Schorsch und Christian Bei ihrer kleinen Lage, Besprechend eifrig lang und breit Die Kandidatenfrage. »Weißt du schon, wen du wählen wirst?« Fragt Schorsch. »Ich wähle den Meyer; Er kauft bei mich schon manches Jahr Und is für keine Steuer.« »Wähl' du den Meyer,« sagt Christian, »Ich habe dazu keine Neigung, Ich wähle nicht aus Eigennutz, Ich wähle aus Überzeugung. Doch ehe ich wähl', da muß er sich Auf Ehrenwort verpflichten, Vor Weihnachten noch 'ne Bogenlamp' Vor meinem Haus zu errichten!« Nordstadtromantik (8. Dezember 1895.) Es jammern die Freunde der Romantik, Gar zu prosaisch würde die Welt. Na, Kinder, kommt nur nach Hannover, Hier hat die Romantik noch ein Feld. Es steht in der Nordstadt ein riesiges Bauwerk, Gespenstig wie eine Räuberburg, Den Kassenboten, die hierher kommen, Nimmt man das Geld ab und haut sie durch. Verbrechen und Liederlichkeit, die geben Sich oftmals hier ein Stelldichein, Wer oberflächlich die Sache betrachtet, Der denkt verwundert: »Darf denn das sein?« So etwas zu fragen ist faktisch läppisch. Denkt doch bloß nach und seid gescheit: Die Überführung dient ja gerade Der öffentlichen Sicherheit! Warraftig (11. Januar 1896.) Denkt ihr noch jenes schönen Morgens, Als es am Goetheplatz gekracht? Ein Trümmerhaufen war das Ende Des stolzen Turmgebäudes Pracht. Man ließ sich aber nicht verblüffen, Hat lustig wieder aufgebaut, Obwohl die Nachbarschaft mitunter Voll stiller Sorge hingeschaut. Und es gelang; beendet wurde Die Kirche für die Garnison, Und die Akustik hat geprüft man Mit donnerndem Drommetenton. Manch einem wurde freilich bange Bei diesem starken Ohrenschmaus, Doch ist es glücklich abgelaufen, Die Kirche hielt's wahrhaftig aus! Steuerobjekte (12. April 1896.) Ein jeder Frühling bringt neue Blumen, Auch dieser zeigt sich der Ahnen wert, Indem er uns als Angebinde Eine Fahrradsteuer-Erwägung beschert. Wer auf dem Rover oder Hochrad Oder auf behäbigem Dreirad nur Die Welt durchfährt, muß dafür blechen Ein Goldstück für Luxus und Überkultur. Ich hoffe, die städtischen Kollegien, Die nehmen den Vorschlag mit Freuden an Und gehen noch weiter, als Steuerobjekte Ich ferner ihnen empfehlen kann: Die Kinderwagen, die Krankenfahrstühle Und Handkarren; doch zu verschonen sind Die Equipagen, das ist kein Luxus, Wer das nicht einsieht, ist taub und blind. Die Rhododendrenriede (19. April 1896.) Jetzt wird die Eilenriede schön, Trotz winterlicher Repressalien, Die Buchen und Eichen schlagen aus, Auch Rhododendren und Azalien. Die Menschheit wird ganz aufgeregt, Wie früher bei den Bacchanalien, Wenn sie im deutschen Walde sieht Die Rhododendren und Azalien. Maiglöckchen und Leberblümchen sind Ja nur botanische Canaillen, Viel besser passen zum deutschen Wald Die Rhododendren und Azalien. Drum sägt die Buchen und Eichen ab, Pflanzt Pinien und Palmen wie in Italien, Und korrigiert den deutschen Wald Mit Rhododendren und Azalien. Nichts Gutes gewöhnt (14. Juni 1896.) Ein ganz unglaubliches Gerücht Ist Montag zu mir gedrungen: Der Simonsbrunnen, so sagte man mir, Der habe am Sonntag gesprungen. Als eingeweiht man mit Prunk und Pomp Die Kirche am Goetheplatze, Da renommierte Hannover auch Mit seinem Wasserschatze. Doch nahm man die traurigen Fische fort Und hatte dazu seine Gründe, Sonst hätte der eifrige Tierschutzverein Geklagt über Frevel und Sünde. Im letzten Momente, da hörte man Ein Mitglied erschrocken sagen: »Die Fische, nehmt doch die Fische fort, Die können kein Wasser vertragen!« Die Kegelreise (19. Juli 1896.) Die Urlaubs- und Ferienzeit ist da, Die Kegelreisen blühen, Sehr reich mit Zigarren und Kognak versehn Die Klubs zum Bahnhofe ziehen. Der Zug rasselt fort; bald zeigen sich schon In der Ferne die Berge verschwommen, Naturempfindung bewältigt die Schar, Schnell wird erst einer genommen. Jetzt steigt man aus: wie wunderbar dort Die grünen Berge winken, O Kinder, wie schön ist doch die Natur, Hier müssen wir erst eins trinken! Der Tag ist heiß und der Weg ist steil, Wo's Bier gibt, läßt man sich nieder, Und kegelt einer den Berg hinab, Dafür sind's Kegelbrüder. Nichts Neues (9. August 1896.) »Ist heute etwas Neues passiert?« So fragt man, wenn ich erscheine Am Stammtisch, aber meistenteils Ich diese Frage verneine. Doch als ich gestern zum Stammtisch ging, Da hielt ich den Kopf viel höher, Beinahe so hoch wie ein eben erst Gewählter Bürgervorsteher. Voll Stolz und Eifer ließ ich mein Wort, Bevor ich mich setzte, erschallen: An der Sandstraßenüberführung ist Ein Junge überfallen. »Wenn's weiter nichts ist,« sprach Schorse da, »Das ist doch nicht wert des Geschreies; Ein Überfall an der Sandstraßenbrück', Das ist doch wahrhaftig nichts Neues!« Ein Wunder (4. Oktober 1896.) Nun wird der Bahnhof nach dem Raschplatz Geöffnet; ja, es ist geglückt, Nach jahrelangen Petitionen Hat es die Oststadt durchgedrückt. Doch schwere Arbeit hat's gekostet, Viel Reden, Tinte und Papier, Ausdauer aber führt zum Ziele, Das sehn wir wieder einmal hier. Die bösen Rampen in der Nordstadt Verschwinden auch noch mit der Zeit Und werden dann Museumsstücke, Denkmäler alter Zopfigkeit. Wann? kann ich noch nicht sicher sagen, Allein es ist kein leerer Wahn, Denn den Verkehr kann auf die Dauer Nicht hemmen selbst die Eisenbahn. Im Konzerte (8. November 1896.) Vom Baume fiel das letzte Blatt, Frau Musika fröstelt im Freien Und labt uns im geheizten Saal Mit ihren Melodeien. Schön ist ein Symphoniekonzert Mit Kaffee und mit Kuchen. »Frau Schulze, probieren Sie meinen mal, Ich werd' dafür Ihren versuchen.« Die Tassen klappern, die Damen auch, Stricknadeln klimpern nicht minder, Dazwischen plärren und weinen laut Die mitgenommenen Kinder. Schön ist ein Symphoniekonzert, Wenn nur die Musik nicht wäre, Man klagt darüber, daß sie zu sehr Die Unterhaltung störe. Immer langsam voran (29. November 1896.) Winter ist es jetzt geworden, Putz' die Schlittschuh', junger Mann! Laß es lieber, bei Hannover Man ja doch nicht laufen kann. Eine Eisbahn hat man freilich In der Masch, jedoch man weiß, Wenn es friert, dann ist sie trocken, Ist sie naß, dann friert's kein Eis. Jetzt, wo's friert, da müßt' man sie doch Überschwemmen, damit dort Auf der breiten, weiten Fläche Blühen könnt' der Schlittschuhsport. Die Behörde aber handelt Ruhig stets, nie kindisch rasch: Wenn die Schwalben wiederkommen, Überschwemmt man auch die Masch. Grund zum Streik (20. Dezember 1896.) Der Hochschulenbau am Misburger Damm Macht keinem Menschen Freude, Denn er ist alles andere eher Als eine Augenweide. Ein Zimmererstreik ist neulich nun An dem Neubau ausgebrochen, Die Ursache sei eine Lohndifferenz, So wird allgemein gesprochen. Doch das ist falsch, die Ursache sind Ideale Differenzen, Nur diese bewogen die Zimmerleut', Seit einer Woche zu schwänzen. Die ostentative Geschmacklosigkeit Des Baues erfüllt sie mit Grauen, An dem Neubau, über den alles lacht, Genierten sie sich zu bauen. Fort mit Schaden (4. April 1897.) Was von den Vätern wir geerbt, Ach, Plunder ist's zumeist, Wie im Kolleg mit kühnem Mut Herr Borchers uns beweist. »Holzgraben, das ist abgeschmackt,« So sprach der Stadtpapa; »Ich sehe keinen Graben dort, Und Holz ist auch nicht da!« Und wenn Senator Plathner auch Dem Redner widerspricht, Was kümmert die Historie uns? So was geniert uns nicht! Damit der Redner auch was hat Für seine Rednermüh', So nennt die Straße doch nach ihm, Nennt Borchersstraße sie! Auf Abbruch (11. April 1897.) An der Egestorffschen Straße Standen Häuser stolz und kühn, Ihre Decken sind zerfallen, Risse durch die Wände ziehn. Fröhlich hatte man gebauet Ohne Geld und ohne Lehm, Dieses hält zwar nicht besonders, Aber es ist sehr bequem. Als man war im schönsten Bauen, Ach, da kam die Polizei, Die sich mengt in alle Sachen, Und verbot die Bauerei. Abgebrochen mußte werden, Und die Meinung wurde laut, Daß man diese neuen Häuser Nur auf Abbruch hätt' gebaut. Maienlob (9. Mai 1897.) Das ist der Mai, der holde Mai, Den alle Welt so liebt, Der Blüten uns und Vogelsang Und frischen Spargel gibt. In Schnee hüllt sich der Birnenbaum, Grün wogt die junge Saat, Radieschen aß ich gestern schon, Bald gibt's auch Kopfsalat. Wie wonnesam die Nachtigall Im Nachbargarten singt, Und meine Wirtin mir vom Markt Den ersten Pfingstlauch bringt. Und morgen prangt auf meinem Tisch Spinat mit Spiegelei. Drum singe ich aus voller Brust: Wie schön ist doch der Mai! Die Festjungfrau (18. Juli 1897.) Der Juli, das ist Volksfestzeit, Hoch her geht's dann im Städtchen, Es freuen darauf sich schon wochenlang Die jungen Burschen und Mädchen. Die Stadt trägt Kranz- und Flaggenschmuck Und Meyers Krischan das Banner, Der Bürgermeister die Festrede hält, Man muß es ihm lassen, das kann er. Und auch eine Fahnenjungfer ist da, Sehr dick, sehr rot, sehr blöde, Sie hält mit Angstschweiß im Gesicht Eine unverständliche Rede. In ihren Zügen hold und mild Kann man es deutlich lesen: Halb fühlt das Mädchen sich blamiert Und halb als höheres Wesen. Geh. S.-W. (29. August 1897.) Wo sind die Sanitätswachen geblieben, Von denen man, wie mir deuchte, las, Daß sie beschlossene Sache wären? Ist's wahr, daß man sie total vergaß? Man bricht sich doch immer noch die Beine, Läßt immer noch fahren sich über den Hals, Liegt damit dann lange auf der Straße – Großstädtisch ist das keinesfalls. Was man beschlossen hat, zu errichten, Errichte man auch, und zwar möglichst bald, Und nicht in dürftiger, nein, womöglich In allervollkommenster Gestalt. Denn zögert man noch ein Jahr oder zweie, So wird vielleicht der Witz beliebt: Geheime Sanitätswachen gibt's in Hannover, So wie es geheime Sanitätsräte gibt. Nach Belieben (14. November 1897.) Ich ging zum Konzerte, es sollten mein Ohr Süß klingende Töne umschweben, Und trat zur Garderobe hin, Meinen Überrock abzugeben. Die Donna, die mir den Rock abnahm, Frug ich: »Was kostet die Sache?« »Das steht ganz in Ihrem Belieben, mein Herr,« Sprach sie mit holdem Gelache. Zehn Pfennige, dachte ich, ist wohl genug, Und legte sie hin auf den Tresen; Doch schleunigst verfinsterte sich ihr Gesicht, Das eben so freundlich gewesen. Und eilig bemühte die Holde sich, Das Geld mir zurückzuschieben: »Nein, fünfzehn Pfennig ist Taxe, mein Herr, Was drüber ist, steht im Belieben!« Feiner (16. Januar 1898.) So ist es doch geschehen, So hat man es doch gemacht, Den Heckengang, den hat man Um seinen Namen gebracht. Es liegen in den Museen Alte Sachen aller Art, Die man mit vielen Kosten Sammelt und aufbewahrt. Doch alte Straßennamen Bewahren fällt keinem ein, Heckengang klingt gewöhnlich, Arnswaldtstraße klingt fein. Und wenn man schon einmal umtauft, So sei man konsequent, Ich weiß nicht, warum man die Straße Nicht Philisterstraße nennt. Baukuppelei (23. Januar 1898.) Der spitze Turm, das schräge Dach, War deutsche Bauart von je; Doch seh' ich mir heute die Häuser an, Dann wird mir wirklich weh'. Nicht morgenländischer kann es wohl In Kairo und Bagdad ausschaun, Als hier bei uns, wo sie jetzt nur Noch runde Kuppeln baun. Die Bauart unsrer Väter ist Nichts mehr für unser Gefühl, Die Architekten schwärmen nur Für türkischen Zwiebelstil. Schimpft man mich auch Reaktionär, Ich sag' es frank und frei: Es tut uns eine Lex Heinze not, Ein Gesetz gegen Baukuppelei! Im Gegensatz zum Tier (27. März 1898.) Ich kenne einen Wiesenplan, Er liegt nicht weit von hier, Dem Menschen ist verboten er Im Gegensatz zum Tier. Es ist die weite, breite Masch, Hannovers grüne Zier, Die keines Menschen Fuß betritt Im Gegensatz zum Tier. Nur wenn sie naß und schmutzig ist, Dürfen sie betreten wir, Doch nicht, wenn sie mit Blüten prangt, Im Gegensatz zum Tier. Und steh' ich vor der grünen Masch, Dann denke ich bei mir: O Mensch, was bist du doch borniert, Im Gegensatz zum Tier. Die Bimmelei (8. Mai 1898.) Ich hatte die Fenster geöffnet, Es war dieser Tage zu heiß, Da bimmelt es auf der Straße – Das ist der Mann mit dem Eis. Der Mann, der den Kehricht abfährt, Der bimmelt, was er kann, Von morgens früh bis abends, Da bimmelt die Straßenbahn. Die Molkereiwagen bimmeln, Es bimmelt die Feuerwehr, Radfahrer kommen bimmelnd In hellen Haufen daher. Dies Bimmeln, ach, dies Bimmeln, Zu schön ist doch dieser Brauch – Ich glaube, in meinem Kopfe, Da bimmelt es nächstens auch. Schützenfest (2. Juli 1898.) So fängt denn morgen das Schießen an, Um dreie beginnt der Trubel, Die große Spektakelsymphonie, Der Lärm und das Gejubel. Als ruhiger Schlag ist sonst bekannt Das Volk am Strand der Leine, Beim Freischießen aber, da kocht ihm das Blut, Und lebhafter werden die Beine. Der Dritte ist morgen, da hat jeder Geld, Da heißt es »Rein ins Vergnügen!« Und wenn vom Elften bis Letzten wir Dann alle krumm auch liegen. Jedoch das Wetter, das sage ich euch, Wird schlecht in jedem Falle, Denn bleiben wir auch vom Regen verschont – Verhageln tun wir doch alle. Elektrisch (18. September 1898.) Elektrisch ist heute fast alles Auf dieser Erde Rund, Elektrisch macht tot man die Menschen, Elektrisch macht man sie gesund. Elektrisch kann man schon nähen, Elektrisch plätten man kann, Elektrisch kann man sich schreiben, Elektrisch ruft man sich an. Elektrisch beim Schützenfeste Das Rundteil beleuchtet war, Elektrisch lassen die Damen Entfernen das Schnurrbartshaar. Elektrisch ist heute fast alles, Und was das Neueste ist, In Hannover fährt man elektrisch Auf der Georgstraße Mist. Auf nach Lüne (9. Oktober 1898.) Der Schäfer Ast ist aus der Mode; Zu einem andern Heidjer eilt Das Volk, weil dieser, wie er selbst sagt, Mit Hafergrütze alles heilt. Beim altberühmten Kloster Lüne Bei Lüneburg, da wohnt der Mann, Der selbst die allerschlimmste Krankheit Mit Hafergrütze heilen kann. Er stippt den Finger in die Grütze, Dann ist das Zeug magnetisiert, Und wer davon für zehn Mark futtert, Derselbige ist gleich kuriert. »Nach Lüne!« heißt darum die Losung, Die jetzt erschallet durch die Welt; Wer keine Grütze hat im Kopfe, Bekommt in Lüne sie für Geld! Durchbrenner (16. Oktober 1898.) Harzkäse ist nicht jedermanns Sache, Ich aber finde riesig nett Als Zubiß zu der kleinen Lage Ein sogenanntes Schneider-Kot'lett. Harzkäse mit Schmalzbrot nennt man nämlich Im Volke so; und ich bestellt' Mir kürzlich das; kurz vor dem Ersten, Denn weiter langte nicht das Geld. »Woll'n Sie nun Vietz'schen oder Noah'schen?« So sprach der Wirt, und langte her Die Käse: »Ich kann Ihnen versichern, Daß durchgebrannt sie beide sehr.« Ich überlegte, dann streckte ich zeigend Nach der Marke Noah aus meine Hand: »Von diesem geben Sie mir, Herr Gastrat, Denn der ist schon länger durchgebrannt!« Voreiligkeit (23. Oktober 1898.) In Pattensen, in Pattensen Schrie man: »Mehr Licht, mehr Licht! Elektrisch muß hier alles sein, Das Gasöl genügt uns nicht!« Und ehe die Leitung fertig war, Nahm man die Laternen fort, Drum hüllt jetzt schwarze Finsternis Des Abends ein den Ort. Und wenn nicht gerade Mondschein ist Und man muß abends aus, Dann nimmt man sich 'ne Laterne mit, Wenn man verläßt das Haus. Doch unbedingt nötig ist das nicht, Denn, Kinder, wie mir deuchte, Da ist es bei euch immer hell: Dafür habt ihr ja »Die Leuchte!« Vorsicht (20. November 1898.) Vor Limmer stand einst eine Brücke, Die fiel ins Wasser hinein, Dabei ist zu Tode gekommen Ein unschuldig Knäbelein. Die Jahre kamen und gingen, Die Brücke ward nicht gebaut; Warum? Darüber ward manche Verkehrte Vermutung laut. Man sagte, uneinig seien Die Regierung und die Stadt, Und das sei der Grund, daß die Brücke Man nicht wieder errichtet hat. Ihr irrt euch, liebe Leute; Der Grund ist, hört mich an: Man will die Brücke nicht bauen, Damit sie nicht einstürzen kann. Weißt du, wieviel ... (22. Januar 1899.) Weißt du, wieviel Gaslaternen Am Ernst-August-Platze stehn? Weißt du, wieviel Kandelaber Man am Tag dort kriegt zu sehn? Kandelaber, Gaslaternen Stehn da wirklich dicht an dicht; »Abends muß,« so denkt der Fremde, »Hier ja sein ein Meer von Licht.« »Das ist würdig einer Großstadt; Und bei feinen Leuten auch Ist, den Vorplatz zu beleuchten Tageshell, ein guter Brauch.« Kommt er abends dann zum Bahnhof, Dann erblickt er weit und breit Eingehüllt Hannovers Vorplatz In ein Meer von Dunkelheit. Rabatt (19. März 1899.) Zum Einkauf geht die junge Frau Des Morgens in die Stadt, Es lockt sie sehr das neue Wort: Rabatt, Rabatt, Rabatt! Ein Kauffieber ganz fürchterlich Sie auf dem Leibe hat, Das kleine Buch verspricht ihr ja Rabatt, Rabatt, Rabatt! Sie kauft bald hier, sie kauft bald da, Sie kauft sich müd und matt, Backt sieben Seiten im Buche voll Rabatt, Rabatt, Rabatt! Das ganze Haushaltsgeld geht drauf; Da fällt ihr ein, sie hat Kein Geld mehr für das Mittagsbrot – Das kommt von dem Rabatt! Nur ein Hund (9. April 1899.) Geht ein Manschettenknopf verloren, Dann wird er sauber registriert, Im Polizeibericht gemeldet, Und auf ein Jahr dann deponiert. Ein Portemonnaie mit fünfzig Pfennig, Ach, darum macht man ein Geschrei, Als ob's ein Schatz von großem Werte, Ein Diamant wie'n Kohlkopf sei. Doch fängt dir 'mal der Hundefänger Fort deinen Hund, kein Hahn kräht nach, Und war er dir auch noch so teuer, Man murkst ihn ab am vierten Tag. Läufst du nicht gleich zum Zoologen, Dann ist dein Hund, eh' du's gedacht, Dein armer Putti, Ami, Alli, Zu Kunstdünger schon längst gemacht. Bei die Hitz (13. August 1899.) Das waren Tage, glühend und heiß, Bei sengender Sonne Prallen, Da sind wir in der heißen Stadt Beinahe vom Stengel gefallen. Doch ihr Gutes hat die Hitze auch, Da draußen auf dem Lande, Da schafft der Bauer die Ernte heim Bei sengendem Sonnenbrande. Doch in der Stadt, da ist sie meist Von zweifelhaftem Werte, Was sie da zeitigt, ach, sehr oft, Da ist es das Verkehrte. Die Hitze dehnt alle Dinge aus, Manchmal sogar die Namen; So kam es, daß wir zur heißen Zeit Den Minister-Thielen-Platz bekamen. Die Privilegierten (27. August 1899.) Zum Schützenhaus Frau Meyer geht Mit ihrem Töchterlein, Die Kleine soll in frischer Luft Dort froh und munter sein. Klein Elschen auf den Rasen läuft Und hopst dort froh umher, Da kommt ein Mann in Uniform Und schnauzt sie an gar sehr. Frau Meyer voll Erstaunen fragt: »Sag'n Sie 'mal, lieber Mann, Warum mein Kind auf diesem Platz Nicht fröhlich spielen kann?« Mit ernster Miene spricht der Mann: »Die Kleine muß da weg; Die Schützenkühe weiden da, Das sehn Sie doch an dem Dünger.« Nach Berlin, nach Berlin ... (11. Februar 1900.) Von Waterloo die Fahnen, Die sind jetzt in Berlin, Und die von Langensalza, Die sollen jetzt auch dahin. Der Silberfund von Hilmsen, Der ist schon lange da; In Lüneburg vom Ratsschatz Ich auch nur Kopien sah. Bald wird's in unsern Kirchen Und unsern Museen leer; Hannöversche Reliquien, Die findest du da nicht mehr. Doch laß den Mut nicht sinken, Sei traurig nicht, mein Sohn; Was brauchst du der Väter Erbe? Du hast ja die Tradition! Das Beste daran (18. Februar 1900.) Ein Bild von unserm neuen Rathaus Ist in der Kunsthalle ausgestellt; Ich hab's gesehn; nun raten Sie mal, Was mir am besten dran gefällt? »Die Kuppel?« Nee, darauf verzicht' ich; Wir sind ja nicht im Orient. Jawohl, ich hätte nichts dagegen, Wenn es im fernen Bagdad ständ. »Das Ganze?« Nee. »Und die Detailchens?« Auch nicht. »Das kolossive Dach?« Erst recht nicht, und Sie finden's nimmer, Was ich an diesem Bau gern mag. Sie raten's nicht; als ich es ansah, Da hab' ich so bei mir gedacht: Am besten gefällt mir an dem Rathaus, Daß kein Hannoveraner 's hat gemacht. Die böse Woche (10. Juni 1900.) Hannover, du hast viel auszuhalten, Du lebst in einer bösen Zeit, Wenn ich an die letzte Woche denke, Dann tust du mir faktisch von Herzen leid. Zuerst der Ausstand der Straßenbahner, Das ist fürwahr kein Pfingstfestspaß, Dann die Krawalle, die Schutzmannssäbel, Die Bürgersteige, von Menschenblut naß. Zu all dem Elend kommt noch der Sousa, Halb Schlangenmensch, halb Musikus, Und gibt hier mehrere Konzerte, Daß man das auch noch ausstehen muß! Und schließlich schickt nach dem armen Hannover Man tausend Posaunenbläser her, Die sollen Sonntags auf einmal tuten; O Herr, du strafst dein Volk zu schwer! Erkennungszeichen (12. August 1900.) Zehn Jahre ist er im Ausland gewesen, Hat nicht gesehen den Leinestrand, Und als er zurückkam nach Hannover, Da hat er es fast nicht wiedererkannt. Das Durchbruchsviertel, die Asphaltstraßen, Die elektrische Bahn, ihm war alles neu, Und der vordere Teil der Eilenriede, Wo war die alte Wüstenei? Ihm wurde ganz wild und fremd zumute, Als er das sah, und er dachte dabei, Es wäre ihm wirklich, als ob das gar nicht Das alte gute Hannover noch sei. Da sah er die aufgerissenen Straßen, Den Grand und die Steine und Loch an Loch, Und sprach: »Es ist doch mein altes Hannover, Ich kenne es wieder: sie buddeln noch!« Schlimm, schlimm (2. September 1900.) Sie saßen zusammen und tranken Kaffee Und sprachen vom Achtuhrladenschluß: »Nu denken Se mäöl, was soll das werden, Wenn man spät noch etwas häöben muß?! Wie oft ist nicht geräöd das Petroleum alle, Oder Väöters Zigarrenkiste ist leer, Es kommt Besuch und man hat keinen Aufschnitt, Nicht wäöhr, denn sitzt man d'r schöne her?! Wer kann denn auch immer an alles denken, Geht man zum Einholen in die Stadt? Man trifft 'ne Bekannte und merkt erst zu Hause, Daß man noch etwas vergessen hat.« Sie saßen und klönten bis viertel nach achte Und kamen um dreiviertel neune nach Haus Und hetzten die Mädchen zum Abendbrotkaufen Spät abends um neun noch zum Kaufmann hinaus. Das Schrecklichste (11. November 1900.) Ein Schwanzstern stand am Horizont; Das hat was zu bedeuten, Von Mißwachs, Pest und Kohlennot, Und anderen Schröcklichkeiten. Von steifem Geldstand, Arbeitsnot, Von bösen Moritaten – Wir wollen zu einer weisen Frau, Die soll uns die Deutung verraten. Die aber sprach: »O Schlimm'res als Pest, Als Mißwachs und Kohlennöte, Und Klauenseuche und Rotlauf sagt Für Hannover dieser Komete. O höret, was er bedeuten soll« – Unser Haar sich sträubte vor Grauen – »In der Herschelstraße der Fiskus wird Eine neue Mauer bauen!« Der schönere Name (16. Dezember 1900.) Nun muß der Lärchenberg dran glauben, Er paßt in unsere Zeit nicht mehr. Graf-Waldersee-Straße soll er heißen, Das ist bedeutend vornehmerer. »Am Lärchenberg«, das klingt nach Grünem, Und Grün, das ist doch ordinär, Die neue Bezeichnung, liebe Leute, Die ist bedeutend schönerer. »Am Lärchenberg« ist viel zu kurz auch, Und Kürze, die mag man nicht mehr, Graf-Waldersee-Straße, das ist besser, Denn das ist ja viel längerer. Was hübsch und alt ist in Hannover, Will man am grünen Tisch nicht mehr, Und flugs erfindet man was Neues, Doch das ist meist viel dämlicherer. Musik mit Natur (6. April 1902.) Es wird noch nicht genug getutet In unserer lieben Leinestadt, Noch immer der Georgengarten Nicht Militärkonzerte hat. Dort singen bloß die Nachtigallen Und Amsel, Drossel, Star und Fink, Das ist doch nichts, denn wieviel feiner Klingt's Schnedderengteng und Tschingdingding. Piepmätze hat ja jedes Bierdorf, Die Großstadt aber ist verwöhnt, Uns kann nur ein Konzert begeistern, Das ord'ntlich knallt und klingt und dröhnt. Das ist poetisch, schnedderedderengteng, Das ist so reizend, rattabum, O welche Wonne, tsataszingda, O, welche Lust, tsarummschrummschrumm. Fiskalische Zierpflanzen (28. September 1902.) Für den Schmuck von ihren Plätzen Hat die Stadt stets viel getan, Unterstützung findet sie jetzt Auch noch von der Eisenbahn. Der Minister hat befohlen, Daß ein Bahndamm in der Stadt Etwas Pflege soll erfahren Und hübsch auszusehen hat. Er befahl und man gehorchte Und man machte alles schön, Wie man in der Herschelstraße Es kann alle Tage sehn. Herrlich ist des Bahndamms Flora, Und voll Staunen man dort schaut: Hederich und Mäusegerste, Schierling und Franzosenkraut. Die Eisenbahndeputation (23. November 1902.) Nach Berlin, nach Berlin, fahr' nicht nach Berlin, Mein Sohn, ich rate dir gut, Und wenn du mit einem Minister dort sprichst, Mein Sohon, so sei auf der Hut. Ein Minister, der ist schon auf alles geeicht, Und redet die Kreuz und die Quer, Du denkst dann, es ist was, und wenn du's besiehst, Dann bist du so klug wie vorher. Von der Eisenbahn gehst zur Finanz du dann hin, Sehr freundlich empfängt man dich dort, Man sagt dir daselbst, was du lange schon weißt, Und freudig verläßt du den Ort. Aber bist du dann draußen, dann weißt du nicht hin Noch her, nicht ein und noch aus, Dann bist du so klug und so dumm wie vorher Und kommst auch genau so nach Haus. Das Ehrenforum (14. Dezember 1902.) Wie denken Sie über das Ehrenforum? Das ist eine tadellose Idee. Wir kriegen dann auf dem Schorsenwalle So eine halbe Siegesallee. Alle zehn Schritte steht eine Größe Von dieser oder jener Partei, Welfen und Nationalliberale Bilden dann hübsch dort bunte Reih'. Dazwischen werden dann die Koniferen Aus Kunst und Wissenschaft gesetzt, Natürlich in ganz bestimmtem Abstand, Daß man nirgends die Symmetrie verletzt. Man rechnet so auf Stücke hundert Vorläufig, schließt man die alten mit ein, Bis zum Bundesschießen im Sommer Soll der ganze Krempel fertig sein. O Jammer, Jammer, höret an (25. Januar 1903.) Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, Daß ich so trau-e-rig bin, Das Haus in der La-a-vesstraße, Das wi-ill mir nicht aus dem Sinn. Der la-a-angweilige Kasten, Das stu-u-umpfsinnige Haus, Halb sieht es wie eine Kase-rne Und halb wie ein Kornspeicher aus. Den gu-uten Hannoveraner Ergreift es mit wi-ildem Weh, Sieht er an der Silofassade, Der ö-öden, i-in die Höh. Und antiberlinisch wird wählen Das nä-ächste Ma-al der Mann; Das ha-at mit seinem Gebau-au-e Dann wieder der Fiskus getan. Die Lustbarkeitssteuer (15. Februar 1903.) :,: Ihr traurigen Hannov'raner Seid ihr alle beisammen, :,: Ei so lasset uns weinen, Die Großen und Kleinen, In unser Glas Bier, Lust'ge Hannov'raner waren wir. :,: Was wird nicht schon heute Bloß alles besteuert, :,: Nun soll auch 's Vergnügen Der Steuer unterliegen, Das ist doch gemein, Traur'ge Hannov'raner tun wir sein. :,: Unser Stadtdirektor hat es wohl bedacht, Daß die Steuer sich lohne, :,: Wenn im Tanze wir fliegen, Mit schönen Mädchen uns wiegen, Dann heißt's gleich »Betahl!« Lust'ge Hannov'raner war'n wir 'mal. :,: Ei hört nur, wie so liebreich Der Herr Worthalter redet, :,: Auf Musik eine Steuer, Das Singen wird teuer, Bei Bier und bei Wein Traur'ge Hannov'raner tun wir sein. Neuphilologie (15. März 1903.) Wenn ich den Schutzmann frage: Wo willst du hin? »Zur englischen Stunde!« Spricht er mit trübem Sinn. Wenn ich den Schutzmann frage: Wo kommst du her? »Ich ochse Französisch!« Spricht er und seufzet schwer. Er hat es doch begriffen, Ging's anfangs auch nicht leicht, Er kriegte es doch binnen Und sprach: »Es ist erreicht!« Und als ich ihn dann fragte: Parlez-vous français? Verstand er meine Rede Und sagte fröhlich: »Nee!« Solche und so'ne (5. April 1903.) Von Naturverehrern gibt's zwei Sorten: Erstens solche, denen die Natur Wie sie ist, am allernettsten dünket, Ohne Beiwerk, ohne Korrektur. Zweitens so'ne, und das sind die mehrsten, Denen macht dieselbe nur Pläsier, Wenn dieselbe etwas komfortabel Ist versehn mit Butterbrot und Bier. Schön geebnet müssen sein die Wege, Ansichtskarten muß es geben dort, Und ein Aussichtsturm muß daselbst stehen, Wenn geeignet dafür ist der Ort. Von dem Aussichtsturm da kann man nämlich Die Natur sich voll Gefühl besehn Und schärmeerisch zu dem Nachbar sagen: »Die Natur, die ist doch faktisch schön!« Der schäbige Rest (19. April 1903.) Heil soll Hannover widerfahren, Die große Sarah will hierher, Das ist sehr freundlich, doch wir fragen: O Sarah, was kamst du nicht eh'r? Als du noch jünger warst an Jahren, Da ließest du dich hier nicht sehn, Jetzt, wo die Zugkraft von dir weg ist, Da willst du auf die Dörfer gehn. In Frankreich reüssierst du, Sarah, Kaum noch im allerkleinsten Nest, Und nun servierst du den Barbaren Diesseits des Rheins den schäb'gen Rest. Ich aber schätze keine Neigen Und laufe davor, was ich kann; Schon immer warst'e reichlich mager, Und jetzt ist an dir nichts mehr dran. Der Tiergarten (26. April 1903.) Noch sitzt der Kater auf dem Dache, Und schon hat man sein Fell verkauft; Noch hört der Tiergarten dem Fiskus, Und schon man um den Zweck sich rauft. Der möchte ihn zur Rennbahn machen, Doch meine ich, für diesen Zweck Stehn dort die Bäume sehr im Wege Und deshalb müßten diese weg. Zur Hasenheide will ein andrer Ihn machen; ach, wie wunderschön, Wenn Würstchenhändler dann dort grölen Und zwanzig Karussells sich drehn. Die Bäume fall'n, die Buden wachsen, Und eine Tafel dort ich seh: Der Tiergarten, der ist im Hofe, Den Schlüssel kriegt man beim Portier. à la Haby (30. August 1903.) An der Bellawuppdichbrücke Ist Hannovers Wappen dran, Wovon jeder Maschparkwandrer Leicht sich überziehen kann. Aber es ist fortgeschritten Mit der Zeit, die Enden sind Von dem Kleeblatt ausgezogen, »Jugendstil!« ruft Greis und Kind. Ja der Fortschritt, ja der bricht sich Bahn an unserm Leinestrand, Und man wird noch viel erleben, Man erlebt noch allerhand. Gar zu altmodsch und zu steif ist Unser alter Marktkirchturm, Auf, und brennt ihn à la Haby, Krümmt ihn à la Regenwurm. Die Mordsmode (1. November 1903.) Einen kleinen Vogel hatte früher Jede Dame, nämlich auf dem Hut, Unter zwei bis dreien heutzutage Es die Modedame nicht mehr tut. In der ganzen Welt beginnt ein Morden, Überall da knallt das Schießgewehr, Rar geworden sind die Papageien, Kolibris, die gibt's schon gar nicht mehr. Einen bessern Piepmatz sich zu leisten, Ach, der Mittelstand, der kann es nicht, Aber einen Vogel muß man haben, Und so nimmt man eben, was man kriegt. »Nein, die Preise sind nicht zu bezahlen,« Sagt die Hausfrau, »was ist da zu tun? Für die Mädchen nehm' ich tote Spatzen Und für mich das olle Legehuhn!« Der Konzerthuster (15. Dezember 1903.) Er hat einen richtigen Schnupfen, Ihr Husten ist auch nicht ganz schlecht, In einer Tour niest er und prustet, Sie kröchert sich schön was zurecht. Die beiden sind Kunstenthusiasten, In keinem Konzert fehlen sie, Ob Kammermusik oder Wüllner, Man hört ihr Gehust und Hatschi. Im Tivoli spielt Sarasate, Die beiden, die sitzen ganz vorn, Sie hustet bei jeder Piece, Er dröhnt wie ein Turmwächterhorn. Ihr Enthusiasmus ist rührend, Die Kunst, die ist ihnen kein Spaß, Und geht's ihnen auch noch so elend, Sie kommen und husten uns was. Keine Bange (10. Januar 1904.) Das Logenhaus im Hoftheater Wird umgebaut, so wie man sagt, Warum denn dieses nun geschähe, Der gute Hannovraner fragt. In unserm alten Hoftheater Liebt man sonst keine Änderung; Man sagt dort, was so lange gut war, Das ist auch heut noch gut genung. So denkt man sich: Aha, Chikago, Vorbeugung gegen Brandgefahr, Das Logenhaus ist alt und dröge, Doch mehr noch das Repertoire. Doch darum seid nur ohne Sorge, Mit Ausnahme des »Großen Lichts«, Da zündet in dem Hoftheater Seit Ewigkeit schon lange nichts.