Hermann Löns Ulenspeigels Ausgewählte Lieder Lüneburger Kinderlied (2. April 1905.) Ringel Ringel Rosendorn, Den pflanzen wir am Sand, Wir pflanzen dort Akazien an, Ki-ka-kazien an, Man lacht uns aus im Land. Das Land, das geht uns gar nichts an, Mag auf dem Kopfe stehn. Wir pflanzen doch Akazien an, Ki-ka-kazien an, Wir finden das sehr schön. Und wer das nicht für stilvoll hält, Der hat nicht viel Verstand; Denn Rotdorn und Akazienbaum, Ki-ka-kazienbaum, Paßt fein zu unserm Sand. Akazien, die sind priepelig, Der Sand monumental; Drum pflanzen wir Akazien an, Ki-ka-kazien an, Und singen dann noch mal: Ringel Ringel Rosendorn usw. Der Wundermann (9. April 1905.) In Völksen wohnt ein Wundermann, Der jede Krankheit heilen kann: Zahnweh und Friesel und den Mumps, Die Schwindsucht und den Fuß des Klumps. Er hat nicht Medizin studiert, Hat nicht zum Doktor promoviert, Mit einer Flasche Fliedertee Kuriert er jedes Ach und Weh. Kolik und Infaulentia, Die Wassersucht, das Podagra, Für Gallenstein, für Hüfteweh, Für alles hilft der Fliedertee. Das heißt, dem Wundermann hilft er, Bisher war seine Börse leer, Jetzt ist stets voll sein Portemonnaie, So sehr hilft dieser Fliedertee. Für kalten Brand und dickes Blut Ist Fliedertee vorzüglich gut, Für Krätze, Krebs und auch für Gicht, Bloß gegen Dummheit hilft er nicht. Ruppsäcke (16. April 1905.) Was ist denn mit der Eilenriede passiert? Sie sieht ja so aus als wie ganz ruiniert, Noch gestern war sie ganz mit Blumen geschmückt, Und heute ist alles zerruppt und zerdrückt. War das eine Kuh oder war es ein Pferd, Das dort hat die lieblichen Blumen verzehrt, Ein Esel vielleicht oder ein wildes Schwein? Denn so etwas ähnliches muß es wohl sein. Es war keine Kuh und kein Pferd war es nicht, Es trug ein menschliches Angesicht, Was dort hat geruppt so roh und gemein, Ein ruppiger Mensch wird's gewesen sein. Der Differenzbeschluß (20. Oktober 1905.) Ihr lustigen Bürgervorsteher, Seid ihr alle zusammen? Ei so lasset uns fahren Im Straßenbahnwagen Zum Dreimännerquartier, Lust'ge Bürgervorsteh'r seien wir. Unser Hauptmann hat uns wohl bedacht, Die Weinkarte hergebracht, Den Bleistift zum Schreiben, So laßt's uns denn treiben Zu Lust und Pläsier, Lust'ge Bürgervorsteh'r seien wir. Und als wir kamen in den Sitzungssaal, Da gab es einen Mordskandal, Die beiden Parteien Woll'n sich überschreien: Gilt es mir oder gilt es dir? Lust'ge Bürgervorsteh'r seien wir. Es hat sich das Blättlein Schon zweimal gewendet, Schon zweimal gewendet, Noch ist's nicht beendet, Neugierig ist die ganze Stadt, Wo es diesmal eingeschlagen hat. O seht nur, wie so niedlich Wir hin und her schwanken, Fest stehn auf den Beinen Sieht kaum man noch einen, Dem Volk macht's Pläsier, Lust'ge Bürgervorsteh'r, das sein wir. Bierkriegfrieden (30. September 1906.) Die Wirte und die Brauerein, Des langen Haders müde, Erweichten ihren harten Sinn Und schlossen endlich Friede. Und jeder Jüngling, jeder Mann, Der Knabe auch, der es schon kann, Die Tasche voller Däuser, Bezog die alten Häuser. Da sitzen sie und halten fest Die lang' entbehrten Töpfe, Die Börsen werden ihnen dünn, Doch dicker stets die Köpfe. Es ist die schlimme Zeit vorbei Der Ringbiertrinkerspäherei, Man darf jetzt ohne Zagen Mit Ringbier füll'n den Magen. Nicht mehr mißtraut der Freund dem Freund, Der Vater nicht dem Sohne, Und fragt ihn fürchterlichen Blicks: »Trankst mit du oder ohne?« Man darf jetzt trinken, was man will, Und ist man knüll, dann ist man knüll, Und niemand darf es wagen, Dem Stoffe nachzufragen. Drum Brüder, stoßt die Gläser an, Wir können wohl noch einen, Nach Hause darf heut' keiner gehn Mit zielbewußten Beinen; Wir haben es der Welt gezeigt, Was Solidarität erreicht, Laßt uns den Sieg genießen, Die Nasen uns begießen. Vorörtlersorgen (20. Januar 1907.) Einst waren wir mant Pysen Und unser Ort ein Dorf; Großstädter sind wir nun Und können uns dicketun, Das ist so klar wie Torf. Zwar werden wir verwaltet So'n bißchen nebenher; Es heißt: »Macht euren Knix, Zu sagen habt'r nix! Was wollt'r denn noch mehr?« Wir dachten an Wasserleitung Und Kanalisation; Gedanken, die sind frei, Die Eingemeinderei Ist nix als Dekoration. Wir riechen auf'n Proppen. Der Proppen schmeckt nach mehr; Mehr gibt es aber nicht An Wasser und an Licht Und sonstigem Zubehör. Die Sache, die ist bitter, Und bitter ist nicht süß; Wir fielen schön hinein, Adjö, du holder Schein, Die Sache, die ist mies. Wir gründen Bürgervereine, Vielleichtens hilft uns das; Und nützt es auch nicht viel, Es ist ein schönes Spiel Und macht uns bannig'n Spaß. Circulus vitiosus (17. Februar 1907.) Am Ägidientor in Hannover Ist der Straßenbahnrendezvousplatz, Da trifft die grüne die rote, Die Stöckener den Hildesheimer Schatz. Es ist rührend anzusehn, Die Freude und die Zärtlichkeit, Sie können sich gar nicht trennen, Sie vergessen Ort und Zeit. Sie kommen aus der Breiten- Und aus der Georgenstraß', Von der Prinzen- und Marien-, Und so weiter ohne Unterlaß. Jeden Augenblick kommt noch eine, Und fährt endlich eine weg, So kommt schon wieder eine andre Von dieser oder jener Eck'. Oft sind es bloß sechs bis sieben, Meist aber zwanzig oder mehr, Von denen dann diese oder jene Vor Freude fährt hin und her. Oder eine bekommt den Rappel Und fährt um den Platz herum Zum allergrößten Ergötzen Von dem geehrten Publikum. Aber auf einmal fällt ihnen ein, Daß sie noch etwas hatten vor, Und dann ist es plötzlich einsam Zu Hannover am Ägidientor. Das dauert aber meist nicht lange, Dann sind sie wieder alle zusamm', Und erzählen eine der andern, Was sie unterwegs gesehen ham. Das Publikum findet das öde, Das Publikum, das ist so dumm, Es denkt, daß die Straßenbahn wäre Von wegen dem Publikum. Nach Recht und Billigkeit (24. Februar 1907.) Wer soll denn die Lasten tragen? Na, doch immer der Interessent! Der Worthalter hat es gesprochen, Nun hat die Geschichte ein End'. Das ging ja auch nicht mehr so weiter, Da war ja das Ende von weg, Von dem Ein-für-den-andern-bezahlen, Dabei kriegt die Börse ein Leck. Laßt die Toten die Toten begraben, Die Armut ein Armenhaus baun, Die Schulkinder bauen die Schulen, Die Stifte die ärmlichen Fraun. Niemand soll fürder Wassergeld zahlen, Wer notorisch nur Alkohol sauft, Für das Rathaus hat aufzukommen, Wer dahin von Amts wegen lauft. Vor allem die Interessenten, Die müssen blechen und wie, Die Herren Vertreter der Firma Eggert, Küster und Kompanie. Der Laubenkolonist (10. März 1907.) Ich armer Laubenkolonist, Da sitz' ich nun mit meinem Mist Und kann ihn nicht gebrauchen; Es steigert mich der Magistrat, Der Kuckuck baue nun Salat, Es lohnt nicht mehr das Jauchen! Das Gärtchen war so schön bestellt, Der Teufel seinen Schwanz drauf hält, Nun wird sich's nicht mehr lohnen; Wir sind doch nicht in Kanaan, Es hängen an den Stangen dran Doch man bloß Vietsebohnen! Die Hamaus frißt den Sellerie, Kartoffeln, die geraten nie, Der Appelbaum trägt Prümmel; Der Porro wird so lang wie'n Mann, Doch setzt er keine Bollen an, Das weiß der liebe Himmel! Die Erdbeern holt sich Spatz und Star, Radieschen werden mächtig zwar, Doch dafür sind sie stockig; Das bißchen, was noch übrigbleibt, Dann unser Magistrat eintreibt, Da wird ein Bählamm bockig! Was soll ich mit der Laube nun Und mit der grünen Banke tun Und den zwei Rosenstöcken? Mein Geld, das ist doch nicht von Blei, Der Magistrat denkt nichts dabei, Ich kann am Proppen lecken! Ich tret' dem Bund der Landwirt' bei Und mache da ein Mordsgeschrei Um Kompensationen; Denn kommt erst der Kanal hier durch, Bin ich erst recht in Merseburg Mit meinen Vietsebohnen! Magistratsbeschluß (17. März 1907.) Am grünen Donnerstage des Jahres Des Heils ein Tausend neun Hundert und Sechs Beschlossen die städtischen Collegia Nachfolgende hochwohlweise Lex: Wasmaßen in Folge der allzugroßen Überhandnahme der dritten Kind' Unserer getreven Stadt Finanzen In perturbationem geraten sind, Wasmaßen ferner und alldieweilen Die Kosten der Repraesentatio In urbis gloriam erheblich wachsen, Beschlossen die Collegia so: Die dritten Kindlein sind hinfüro Des Rechts der Schulgeldfreiheit bar, Zuwiderhandlung geschieht von jetzt ab Auf eigene Rechnung und Gefahr. Dies tuen kund wir und zu wissen Den Bürgern Unserer lieben Stadt, Den Inquilinis ebenfallsig; Wonach sich zu richten! Der Magistrat. Siehst du wohl, das kommt davon (24. März 1907.) In der Eilenriede ein Wirtshaus steht, So mancher dran vorübergeht, Der Wirt, der nahm die besten Plätze und reservierte sie Den weinverzehrenden Gästen. Herr Wirt hatt' aber manchen Gast, Dem hatte dieses nicht gepaßt; Er sprach in seiner Gemeinheit: »Nun geh' ich ganz woanders hin; Ich flötje auf die Feinheit.« Herr Wirt hatt' auch ein Portemonnä, Sah er das an, so ward ihm weh'; Er ging zum Magistrate Und sprach: »Ich möcht' entbunden sein!« Worauf man das auch tate. Nun kam ein anderer Wirt dahin, Dem wurde ziemlich mies zu Sinn, Als er tagtäglich merkte, Wie man bei ihm vorüberging Und sich woanders stärkte. Er stiefelte zum Magistrat Und sprach: »Nun schaffet einmal Rat!« Da ließ man nun demselben Ein großes, grünes Mordsplakat, Wo sich der Weg zwillt, wölben. Jetzt läuft kein Mensch mehr dort vorbei, Ein jeder wird von weitem scheu, Biegt rechts ab oder zur Linken, Um, wo er es bisher gewohnt, Sein Bitterbier zu trinken. Die Resignierten (31. März 1907.) Seid alle ruhig, seid alle stille, Opposition hat keinen Zweck, Der Magistrat, der stimmt ja doch bloß Ratsch über unsere Köpfe weg. Was hilft uns denn die eigne Meinung, Wird sie von oben ignoriert; Stimmt man uns über, sind wir im Buddel, Und obendreine noch blamiert. Was hilft ein Differenzbeschlüßchen, Der Magistrat tut, was er will; Benickkoppt alles, was er vorschlägt, Und haltet euch nur sonst recht still. Im Magistrat hat man die Bildung, Dagegen an kann man nicht gut, Riskiert mal einer eine Lippe, Bums, hat er gleich eins auf dem Hut. Drum schweiget stille und haltet die Ränder, Bis daß es wieder kommt zur Wahl, Als Kandidat macht man natürlich Ein ganz klein wenig in Skandal. Das kostet nichts und macht Vergnügen, Doch weiter hat das keinen Wert; Sitzt man erst wieder auf dem Rathaus, Dann heißt's doch wieder: »Rechtsum kehrt!« Volkslied (7. April 1907.) Es steht ein Baum am Stephansstift, Der hat drei grüne Äst', Einst standen ein'ge Tausend hier, Das ist der schäbige Rest. Da sitzt ein kleiner Vogel drauf, Der pfeift nicht gerade schön, Es ist ein Spatz, denn Fink und Star Sind längst nicht mehr zu sehn. Der Vogel sitzt in seinem Nest Wohl auf dem letzten Baum; Ach Schätzel, bin ich hühnerblind, Oder ist es nur ein Traum. Es ist kein Traum, den schönen Wald, So dichte bei der Stadt, Verkaufte man und trieb ihn ab, Das tat der Magistrat. Der Baum, der steht beim Stephansstift, Und still mir mein Verstand, Der Vogel pfeift ein Schelmenlied, Man hört's im ganzen Land. Und wer es hört, der denkt sein Teil Und spricht: »'s ist ein Skandal! Woanders pflanzt man Bäume an, Hier hackt man alles kahl. Woanders geht man klug zu Werk Und hält vernünftig Haus, Doch hier ...«, da fliegt der Vogel weg, Das Lied ist deshalb aus. Kleefelder Villenlied (28. April 1907.) In des Waldes tiefsten Gründen, Bis zur Nasenspitz' versteckt, Schlaf' ich armer Trockenwohner, Bis ein Muckenstich mich weckt. O verflixt, ruf' ich erwachend, O verflucht, brüll' ich vor Wut, Dieses geht entschieden über Jede Schnur an meinem Hut. O ich Esel, ich gehörnter, Daß ich auf den Mostrich kroch, Und verführt von schönen Reden Hier in diese Wildnis zoch. Abends wimmelt da die Gnitte Und die Mücke, langgebeint, Und drei Sorten blinder Fliegen Kommen, wenn die Sonne scheint. Außerdem gibt's da Bazillen, Es ist wirklich alles da; So zum Beispiel die Amöbe Lebt dort, der Malaria. In den Adern hab' ich Serum, Mit Karbol bin ich beschmiert, Und trotzdem ganz blutvergiftet Und vollkommen infiziert. Eine einz'ge dicke Beule, So ist meines Kindes Leib, Ein Konglomerat von Pickeln Mein mir angetrautes Weib. Kratzen müssen wir uns immer, Kratzen im und außer'm Haus, Und ich schlage vor: das Beste Ist, wir kratzen nächstens aus! Auch ein Defizit (5. Mai 1907.) Der Maschpark ist 'ne schöne Gegend, Wie man sobald noch keine sah, Da ist's nicht, wie bei armen Leuten, Im Gegenteil, 's ist alles da. Denn da sind Bäume und Gesträuche, Auch einen See hat man gemacht, Und an dem Ufer von demselben Ist ein Gebirge angebracht. Und Bänke stehen da in Massen, Auf denen kann man sitzen gehn, Und von der Brücke kann man Fische Teils füttern, teils bloß so besehn. Und Blumen gibt's von allen Sorten, Ja wohl noch mehr, es ist ein Staat, Doch etwas fehlt, was man zuweilen Noch nötiger als diese hat. Und fehlt es, kann es leicht passieren, Daß auf die Gartenkunst man pfeift Und furchtbar plötzlich in die Gegend, Wo noch Natur ist, wärtser läuft. Doch diese die ist hier vernagelt, Es stehn da Warnungstafeln 'rum, Und es wird einem immer schlechter, Und es wird einem mehr als dumm. Und man rennt hierhin und rennt dahin, Die Stirn voll Schwitz, das Auge stier, Und nirgendswo kann man erblicken Das heißersehnte Wörtchen: Hier! Umgehungsgesang (19. Mai 1907.) Hab'n wir nicht was Schönes angerichtet? Hab'n wir nicht was Herrliches erreicht? Haben endlich mit Geduld und Spucke Des Ministers hartes Herz erweicht. Große Dämme werden aufgeworfen Und die Landschaft mitten durch halbiert, Wenn es nicht ein großer Vorteil wäre, Könnt' man glauben, man sei angeschmiert. Mit der Aussicht, damit ist es Essig, Auch wird der Verkehr sehr stark gehemmt, Und die Stadt wird zwischen hohe Wälle, Wie 'ne Katze in der Tür geklemmt. Die Ästhetik ist total zum Kuckuck Und das Bild der Stadt, das ist verhunzt, Als Erfolg die Sache aufzufassen, Dazu gehört wahrhaftig eine Kunst. Uns wird bang und uns wird immer bänger, Unerträglich war der Status quo, Doch bedenkt man sich den Fall genauer, Denkt man, es war doch noch besser so. Doch was hilft's? Die Sache ist geschehen, Siebzig Millionen die sind hin, Hin ist hin, verloren ist verloren, Tun wir so, als sei es ein Gewinn. Hauptsach ist: Der Bürger darf nicht merken, Daß die Sache eine Pleite war, Als unfehlbar müssen wir erscheinen Diesem guten Tiere immerdar. Darum lasset uns Verzückung heucheln Ob dem großen unverhofften Glück, Denn wir sind nun einmal 'reingeschliddert Und wir können nun nicht mehr zurück. Drum erhebet mächtig eure Stimme, Stimmt die hehre Lobeweise an: Heil dem Fiskus, Heil dem Magistrate, Die uns gaben die Umgehungsbahn! Lebersregel (18. August 1907.) Üb' immer Untertänigkeit Bis an dein frühes Grab, Und weiche keinen Finger breit Vom Magistrate ab. Sag' immer: »Ja« und dann nur »Nee«, Bist du in Minderzahl, Das schadet nichts und macht sogar Ganz gut sich auch einmal. Opposition ist pöbelhaft, Nach eigner Meinung geht Kein feiner Mann, im Gegenteil, Das tut bloß ein Prolet. Drum tue ruhig deine Pflicht, Wie sich's für dich gehört, Vielleicht wirst du Senator dann Und stirbst einst hochgeehrt. Und jeder, der dein Grabmal sieht, Der zieht den Hut und spricht: Er tat stets, was man ihm gesagt, Und sträubte nie sich nicht. Er ward dem Magistrate nicht Zum Ärger und zur Last, Mit einem Wort: er war ein Mann, Wie er aufs Rathaus paßt. Leinenführig (8. September 1907.) Es zog ein Mann im Rathaus ein, Als Hecht im Karpfenteich, Die Waden drückte er stramm durch, Sein Rückgrat war nicht weich. Verwundert sah der Magistrat Sich an das Ungetier Und lächelte und sprach bei sich: »Wie kommst du uns bloß für!« »Stoppt ihn 'mal in die Kommission, In die kein andrer will, Schluckt er erst Zahlen Tag für Tag, Das macht ihn schon bald still.« »Und wenn er Männertöne red't, Quetscht man ihn an die Wand, Bis daß er nicht mehr quietschen kann, So kommt er zu Verstand.« Und wie gesagt, so auch getan, Nach einem Vierteljahr Der stramme Hecht im Karpfenteich Ein braver Karpfen war. Er schwänzelte bescheidentlich, Hört' er den Tritt des Herrn, Und warf der ihm ein Bröslein hin, So nahm er's liebendgern. Der Verschwender (22. September 1907.) Schorses Leben war ein wüstes, Jeden Abend war er voll, Keine Nacht war er zu Hause, Ja, er trieb es allzutoll. Und er sumpfte und er liebte, Jeute nach der Schwierigkeit, Hielt sich Autos und Mätressen, Manchmal zwei zu gleicher Zeit. In dem Buffet war er Stammgast Und in jeder Bar zu Haus, Jede Biermamsell die kannte Schorse und sie zog ihn aus. Die Verwandtschaft sah mit Kummer, Wie so wüst es Schorse trieb, Daß vom Gelde seiner Eltern Immer weniger übrigblieb. Doch sie konnten es nicht hindern, Schorse, der blieb in der Norm, So ein Leben, wie sein Leben, Hört zur bessern Lebensform. Endlich ward er pathologisch, Denn das Bürgerrecht erstand Er sich, ohne daß er's wußte, Rein aus Mangel an Verstand. »Also mit dem Geld zu aasen, Geht zu weit,« so sprach man; schnell Ward entmündigt der Verschwender, Steht nun unter Kuratel. Allerhöchste Ordre (6. Oktober 1907.) Ich hab' die Sache dicke, Ich hab' die Sache satt; Es sind mir zu viel Nörgler In meiner lieben Stadt. Schwarzseher kann 'ch nicht brauchen, Hab' Besseres zu tun, Und wem's nicht paßt, der schüttle Den Staub von seinen Schuh'n. Wir brauchen Optimisten, Und der, der das nicht ist, Der zieh' gefälligst wärtser Mit seinem Pessi-Mist. Ausrotten will ich gänzlich Das Nörgeleigewächs; Voluntas mea, hört ihr, Soll sein suprema lex! Döhrener Klage (27. Oktober 1907.) Als wir man noch Dörfler waren, War es bis halb zwölfe hell, Jetzo find't man schon um zehne Nicht mehr richtig von der Stell'. Scheint kein Mond, dann ist es dunkel, Jeder geht mit der Latern', Ist denn das der Großstadtsfortschritt, Ihr verehrten Rathausherr'n? In Hannover brennt bis dreie Und noch länger hell das Licht, Damit jeder noch 'ne Kneipe Finden kann. Wir könn'n das nicht. Für die Damen des Asphaltes Spart man nicht das teure Gas, Doch dem tugendhaften Vorort Knapst man's ab. Wie find'n wir das? Dumpfes Murren herrscht im Vorort, Weil man es nicht recht begreift; Ist man denn nun eingemeindet, Oder ist man eingeseift? Ballade (17. November 1907.) Deine Buckse ist von Blut so rot Und gehst so stolz einher, oh! Die Opposition, die schlug ich tot, Keinen Ton sagt sie jetzt mehr, oh! Oppositionsblut, das ist nicht so rot, Gingst auch nicht so stolz einher, oh! Ich schlug nebenbei auch die Presse tot, Das wurde mir ziemlich schwer, oh! Der Presse Blut ist nicht so rot, Gingst auch nicht so stolz einher, oh! Ich schlug den wilden Dambock tot, Vom Tiergarten komme ich her, oh! Rathausschmerzen (21. November 1907.) Sie wollten allzu hoch hinaus Schon bei den Außenmauern, Viel weiter hat es nicht gelangt, Nun stehn wir da und trauern. Der Bauherr ward am Säckel krank, Sein Geld tat ihm zerrinnen, Von außen sieht es protzig aus, Doch klaterig von innen. Von außen ist es wundervoll, Von außen ist's beglissen, Von innen aber weniger, Da ist es stark belämmert. Kommunalimperialismus (8. Dezember 1907.) Was ist denn unser Vaterland? Ist's Döhrenland, ist's Buchholzland? Ist's, wo der Seelhorstspargel sprießt? Ist's da, wo man den Dambock schießt? O naan, o naan, o naan, o naan, Mein Vaterland soll größer saan! Was ist denn unser Vaterland? Ist's Vahrenwalder Heidesand? Ist's, was man Bemerode nennt? Und was man als Leinhausen kennt? O naan, o naan, o naan, o naan, Mein Vaterland muß größer saan! Was ist denn unser Vaterland? 's ist rechts und links vom Leinestrand? Und alles bis zum Deisterrand? Und fernhin bis zur Heidekant? O naan, o naan, o naan, o naan, Mein Vaterland muß größer saan! Wo hört denn auf die Vaterstadt? Wann wird Hannover denn wohl satt? Wenn unser Defizit kommt gleich Demjenigen vom Deutschen Reich; Bis dahin sagen wir: O naan, Mein Vaterland muß größer saan! Stammes Geist (15. Dezember 1907.) Für den ägidischen Torplatz Hatt' ich das Geld bestimmt; Wie kommt es, das man es plötzlich Zum Rathausbaue nimmt? Ein Brunnen sollte es werden, Auf einem freien Platz; Kein Dings für eine Treppe, Denn das ist für die Katz. Und bin ich auch tot und begraben: Hier ist mein Testament! Ihr Herren, nehmt eure Brillen, Wenn ihr's nicht lesen könnt! Hier heißt's: ent- oder -weder! Wenn nicht: Das Geld gebt her! Mich nach dem Tode bemogeln, Das eggert mich doch zu sehr! Botanik und Zoologie (22. Dezember 1907.) Das Kleeblatt war einst unser Wappen, Botanisch dachten früher wir, Zoologisch sind wir nun geworden, Im Wappen sind der Viecher zwier. Das eine ist ein kleiner Affe, Der froh lebt in den Tag hinein, Wenn er was hat, dann ist er fröhlich, Der Kostenpunkt macht ihm nicht Pein. Das andre aber ist ein Kater, Des grauen Elends grimmes Bild, Jetzt sitzt er da noch sanft und friedlich, Mit einmal aber wird er wild. Dann wird er heulen und miauen, Und brummen wird er täglich mehr, Bis daß man sieht, es ist kein Kater, Es ist ein angebundener Bär. Monumentalität (29. Dezember 1907.) Noch ist das Rathaus erst halb fertig, Die Rennbahnbauschuld nicht gedeckt, Da haben wir bereits schon wieder Ein neues Kommunalprojekt. Auf drei Millionen nur veranschlagt Wird Bellawuppdichs stolzer Bau, Doch was der Nachtrag einst wird kosten, Weiß man vorläufig nicht genau. Monumental, das muß er werden, Monumental ist alles hier, Ganz gleich, ob Rathaus, ob ein Häuschen, Auf dem man liest das Wörtchen: »Hier!« Monumental drum laßt uns bauen Hannovers Ausstellungslokal, Da stellen aus wir unsern Dalles, Denn der ist auch monumental. Das Wichtigste (5. Januar 1908.) Ein Mordshallo hat's einst gegeben, Als Cäsar nahm den Rubikon, Bei uns gibt's andre Überschritte, Jedoch wir sagen keinen Ton. Ob Rathaus oder etwas andres, Nie kommt man aus mit dem Etat, Zuweilen scheint's, als würd' es langen, Doch hinterher ist alles da. Die neue Rennbahn hat's bewiesen; Kein Nachtrag? Kinder, welch Malheur! Doch nein, es stimmt, denn als man nachsah, Da waren's hunderttausend mehr. Dem Stadthall'nbau sehn drum entgegen Wir mit Vertrauensvölligkeit; Ist erst der Bauetat bewilligt, Der Nachtrag find't sich mit der Zeit. Ist alles dunkel ... (26. Januar 1908.) Kein Gas, kein Petroljum Kann brennen so schlecht, Als wie 'ne Bogenlampe, Die man nicht anstecht. Eine Funzel mit Ölje Brennt noch mal so schön, Als wie 'ne Bogenlampe, An der keiner tut drehn. Ein Talglicht für'n Groschen, Das leuchtet viel mehr Als wie 'ne Bogenlampe Gießt man drauf kein Ampère. Für'n Pfennig 'n Kienspan Gibt zehnmal mehr Schein Als die Bahnhofsplatzlampen, Denn sie lassen es sein. Ein Streichholz, ein dünnes, Ist heller im Licht, Denn die Bahnhofskandelaber, Die tun's nun mal nicht. Drum ist es das Beste: Nehmt die Dinger da weg! Denn was keinen Zweck hat, Hat gar keinen Zweck. Das Steuerrad (16. Februar 1908.) In einem kühlen Grunde, Da rauscht das Steuerrad, Der Überschuß ging flöten, Den man geträumet hat. Die Gegenwart ist greulich, Die Zukunft, die ist grau, Uns wird beträchtlich miese, Uns wird erheblich mau. Der Worthalter hat gesprochen, Er sprach's voll tiefem Weh, Uns ging ein kaltes Grausen Durch Mark und Pfennige. Er sprach von neuen Steuern Zu uns, der gute Mann; Nun Kinder, kauft euch Kämme, Die lausige Zeit kommt heran. Das Ehrenauto (23. Februar 1908.) Zu diesem deinem Ehrentage Nah'n wir uns mit Ergebenheit Mit einem kleinen Angebinde, Sind glücklich, wenn es dich erfreut. Nur fünfunddreißig Pferdekräfte Hat leider es, der reine Quark, Allein wir hatten zur Verfügung Nur eben zwanzigtausend Mark. Und außerdem auch nur sechstausend Für den Chauffeur und das Benzin, Nur wenig ist's, doch kommt's von Herzen, Drum sei so gut und nimm es hin. Fahr well! Doch lies vorher die Widmung, Mit der die Liebe es versah; Sie heißt: »Dem teuren Stadtdirektor Dankbarlichst die Hannovera.« Die Bauchtänzerin (1. März 1908.) Ich komm' von's Provinziäölmuseum, Da war's famos, Das Treppenhaus, na, und die Kuppel, Noch mäöl so groß. Und Bilder sind däö, nich von Pappe, Ganz kollossäöl, Von Kunst soll mehrstens nich viel dran sind, Mir puttegäöl. Ich bin auch mehr vor das Pikante, Da liegt was drin, Zum Baaspiel, wie die ganz famöse Bauchtänzerin. Man schäöde, daß für mehr von so was So wenig Platz, Die Viecher sind ganz überflüssig, Rein für die Katz. Drum schmaaßt sie raus und kauft noch Mächens Ins Necklischee, Und macht vor Herrens Extrazimmer Und mit Engtree. Heimatschutz (12. April 1908.) Es war im zwanzigsten Jahrhundert, Als man vom Heimatschutz geschwögt, Da hat man unsre Eilenriede In aller Ruhe abgesägt. Doch, daß man sehr für Heimatschutz war, Das kann man heute hier noch sehn, Von jeder Sorte Bäume ließ man Zum mindesten zwei Stücke stehn. Und als Naturdenkmal genügt das Ja schließlich auch, denn Baum ist Baum, Ob zwei, ob tausend von der Sorte Da stehn, das interessiert doch kaum. Denn von der List bis hin nach Döhren, Da sah man auf der ganzen Tour, Bis es zum Halse einem 'raushing, Fast nichts als solche Bäume nur. Die Überschule (19. April 1908.) Das ist die neue Töchterschule, Sie kostet nur 'ne Million, In Anbetracht des hohen Zweckes Ist das ein wahrer Sündenlohn. Denn was da lernt, ist hoher Adel, Wenn nicht F.-K.-Kartell S.-C., Und wenn auch das nicht, im Besitze Von einem Überportemonnaie. Das ist die Creme, ist die Elite, Der Flott von junger Weiblichkeit, Und viel zu einfach ist die Schule, Die solchem hohen Zweck geweiht. Zehn Millionen wären nötig Gewesen für ein solches Haus. Denn für die höchsten höh'ren Töchter Reicht nur 'ne hohe Summe aus. Der Ehrensold (26. April 1908.) Ja in Hannover ist man nicht power, Da schätzt und ehrt man noch die Kunst, Da lohnt sogar sich schon die Lyrik, Der Dichter dichtet nicht umsunst. Bist sechzig Jahr du dort geworden, Dann, Dichter, wird dein Schicksal hold, Die städtischen Kollegien spenden Dir einen hohen Ehrensold. In bar und nicht in Naturalien, Zum Beispiel Autos, ihn man zahlt, Wie andren Leuten; ist's ein Wunder, Daß des Poeten Antlitz strahlt? Der andre aber nimmt das Auto Und denkt dabei in seinem Sinn: »Was danke ich bloß meinem Schöpfer, Daß ich nicht auch ein Dichter bin!« Maienlied (3. Mai 1905.) Der Mai ist gekommen, Der Torfmann brüllt aus, Da bleibe, wer Lust hat, In Hannover zu Haus. Der Kirschenfritz schreit bald, Daß mir 's Trommelfell gellt, Ich glaub', ich verdufte Nach auswärts in die Welt. Herr Vater, Frau Mutter, Es wird mir zu dumm, Auf dem Nachbar sein'm Grundstück Dreht 'n Karussell sich 'rum, Es wimmert die Orgel, Ich halt's nicht mehr aus, Es treibt zur Eilenriede Mich mächtig hinaus. O weh, es ist Sonntag, Ich bin schön lackiert, In jedem Lokale Wird drauf los konzertiert, Von der List bis nach Döhren Ist überall Musik, Ich mache mich dünne, Denn ich habe es dick. O Wandern, o Wandern, Du frohe Burschenlust, Ich blieb' gern zu Hause, Doch hab' ich fortgemußt. Wie die Wolken wandern Am blauen Himmel 'rum, So mach' ich es gerade, Denn zu Hause ist's zu dumm. Das Ehrenfenster (28. Juni 1908.) »Dir zu Ehr'n woll'n wir stiften Für das Rathaus aus Glas Ein pikfeines Fenster, Wie gefällt dir denn das? Wir haben die Gelder, Zehntausend und mehr, Wir geben dir zu Ehren Sie liebendgern her.« »Sehr freundlich, meine Herren, Ich bedank' mich auch schön, Doch was hilft mir ein Fenster, Ich tu doch nicht 'raussehn. Und was meine Frau ist, Macht sich auch nichts daraus, Was hilft ihr ein Fenster, Sie kuckt nicht daraus. Was Hübsches, was Feines, Das ziemt sich viel mehr, Denn allzuviel Ehre, Das ist zu viel Ehr'!« Wie 's weiter gekommen, Das weiß man noch nicht, Darum macht der Sänger Vorläufig hier Schicht. Die goldene Kuppel (6. September 1908.) Es ist doch etwas Schönes Um unsre Rathauskup- pel, denn die ist von Golde, Wir bilden uns viel ein drub- e; kost's auch viel Moneten, Das ist uns völlig schnup- pe, denn wir geben's gerne Für unsre Rathauskup- pel, das ist unsre Freude, Paßt auf, auf einmal, schwupp, Vergold't man auch die Türme Am Rathaus, wie die Kup- pel, oder soll'n wir, Was kommt denn an darub, Den Magistrat vergolden, Genau so wie die Kupp?