Christian Morgenstern Auf vielen Wegen Meinem Freunde Friedrich Kayssler Wär' der Begriff des Echten verloren, in Dir wär' er wiedergeboren. Als Haß mir nach der Wurzel schlug, warst Du bei mir, das war genug, hast mir zu Deinem Leben das meine neu gegeben. Zehn Jahre zusammen! Es löst sich der Dunst. Auf schlagen die Flammen Unserer Kunst. Träume Hirt Ahasver Ich träumte jüngst, mir träumte, daß ich träumte, daß ich geträumt, geträumt zu haben hätt', wie Ahasver mit zweimal sieben Kühen, den sieben magern und den sieben fetten, im Mondschein übers Moor gewandert wär', worüber selbst ein später Weg mich wies. »Ei guten Abend, Meister Ahasver,« – begrüßt ich keck ihn, daß ein magres Tier erschreckt zur Seite setzte, – »Was ist das? Ihr treibt die vierzehn Kühe durch die Welt?« Verächtlich schoß des Alten Blick nach mir, und zornig murmelnd zog er einer fetten den lauten Stecken übers Hinterteil. Heidi! wie sich die Rinderbeine regten, die magern immer flink voran, dahinter mit schwipp und schwapp der Hängebäuche Trott; bis Fern' und Dämmrung endlich sie verschlang, und nur des Hirten wehnder Weißbart noch ein Weilchen aus den Weiten schimmerte ... Doch mir verschob sich alles nun. Und weiter flog hin und her das Webeschiff des Traums. Die Irrlichter Ein Irrlicht, schwebt ich heut im Traume auf einem weiten, düstren Sumpfe, und um mich der Gespielen Reigen in wunderlich geschlungnen Kränzen. Wir sangen traurig-süße Lieder mit leisen, feinen Geisterstimmen, viel feiner als die lauten Grillen, die fern im Korn eintönig sangen. Wir sangen, wie das harte Schicksal uns wehre, daß wir Menschen würden: So oft schon waren wir erschienen, wo sich zwei Liebende vereinten, doch immer, ach, war schon ein andres Irr-Seelchen uns zuvorgekommen, und seufzend hatten wir von neuem zurück gemußt zum dunklen Sumpfe. So sangen wir von unsern Leiden – als uns mit einem Mal Entsetzen in wirren Läufen huschen machte. Ein Mensch entsprang dem nahen Walde und lief verzweifelten Gebarens gerade auf uns zu –: Der Boden schlug schwankend, eine schwere Woge, dem Armen überm Haupt zusammen. Verstummt zu zitterndem Geflüster umschwirrten wir die grause Stelle ... Bald aber sangen wir von neuem die alten traurig-süßen Lieder. Mensch und Möwe Eine neugierkranke Möwe, kreiste ich zu Häupten eines Wesens, das in einen weiten dunklen Mantel eingewickelt, von dem Kopfe einer Bune auf die grüne See hinaussah. Und ich wußte, daß ich selber dieses Wesen sei, und war mir dennoch selbst so problematisch, wie nur je dem klugen Sinne einer Möwe solch ein dunkler Mantelvogel, Mensch geheißen. Warum blickt dies große, stumme, rätselhafte Tier so ernsthaft auf der Wasser Flucht und Rückkehr? Lauert es geheimer Beute? Wird es plötzlich aus des Mantels Schoß verborgne Schwingen strecken, und mit schwerem Flügelschlag den Schaum der weißen Kämme streifen? So und anders fragte rastlos mein beschränktes Möwenhirn sich, und in immer frechern Kreisen stieß ich, kläglich schreiend, oder ärgerlich und höhnisch lachend, um mich selber ... Da erhob sich aus dem Meere eine Woge ... stieg und stieg ... Und Mensch und Möwe ward verschlungen und begraben. Der Schuss »Nimm die Fahne!« – »gib!« – und weiter – Leichenhügel – Gräben – Hecken – Donnern – Brausen – Knattern – Pfeifen – Stöhnen – Schreien – Wimmern – Schnaufen – Pulverschleier – Kugelregen – »vorwärts, Kameraden!« – »hurra!« – blaue Gruppen – springend – stürzend – Flüche – Bitten – Seufzer – Pfiffe – Tiergesichter – Fetzen Fleisches – Blut in Rinseln – Bächen – Lachen – wildgewälzte Pferdeleiber – Sterbende – zerstampft – zerrissen – Arme – Hände – hemmend – heischend – fortgestoßen – »vorwärts!« –»hurra!« – »nieder!« – »Feuer!« – »auf!« – »Attacke!« – »ah!« – »da!« – »Mar–!« – »ich!« – »hier!« – »die Fahne!« – – Und ich stürze tot zusammen. Jäh schreck' ich auf –: Im Hause fällt ein Schuß. Der gläserne Sarg Zwölf stumme Männer trugen mich in einem Sarge von Kristall hinunter an des Meeres Strand, bis an der Brandung Rand hinaus. So hatte ich's im Testament bestimmt: Man bette meinen Leib in einem Sarge von Kristall und trage ihn der Ebbe nach, bis sie den tiefsten Stand erreicht. Der Sonne ungeheurer Gott stand bis zum Gürtel schon im Meer: An seinem Glanze tränkte sich wollüstig noch einmal die Welt. Ich selber lag in rotem Schein wie ein Gebilde aus Porphyr. Da streckte katzengleich die Flut die erste Welle nach mir aus. Und ging zurück und schob sich vor und tastete am Sarg hinauf und wandte flüsternd sich zur Flucht. Und kam zurück und griff und stieß und raunte lauter, warf sich kühn darüber, einmal, viele mal. Und blieb, und ihrer Macht gewiß, umlief frohlockend sie mein Haus und pochte dran und schäumte auf, als ihrer Faust es widerstand. Und hoch und höher wuchs und wuchs das Wasser um mein gläsern Schloß. Nun wankte es, als hätt' ein Arm und noch ein Arm es rauh gepackt, und scholl in allen Fugen, als ein Wellenberg auf ihm sich brach und es wie ein Lawinensturz umdröhnte und verschüttete. Und langsam wich der nasse Sand. Und seitlings neigte sich der Sarg. Und, unterwühlt und übertobt, begann er um sich selber sich schwerfällig in die See zu drehn. Zu mächtig, daß die Brandung ihn zum Strand zu schleppen hätt' vermocht, vergrub er rollend sich und mich in totenstillen Meeresgrund. So lag ich denn, wie ich gewollt. Und dunkle Fische zogen still zu meinen Häupten hin und her. Und schwarzer Seetang überschwamm mein Grab. Und mein Bewußtsein schwand. Der Stern Ich träumt einmal, ich läg, ein blasser Knabe, in einem Kahne schlafend ausgestreckt, und meiner Lider fein Geweb durchflammte der hohen Nacht geheimnisvoller Glanz. Und all mein Innres wurde Licht und Schimmer, und ein Entzücken, das ich nie gekannt, durchglühte mich und hob mein ganzes Wesen in eine höhere Ordnung der Natur. Ein leises Tönen hielt mich hold umfangen, als zitterte in jedem Sternenstrahl der Ton der Heimat, die ihn hergesendet. Ein Ton vor allen aber traf mein Herz und ließ die andern mehr und mehr verstummen und tat sich auseinander wie der Kelch der Königin der Nacht und offenbarte auf seinem Grunde mir sein süßes Lied ... »Wir grüßen dich in deine stillen Nächte, als deiner Zukunft tröstliche Gewähr, es schalten ungeheure Willensmächte in unsrer Tage blindem Ungefähr. Sie ziehn dich von Gestaltung zu Gestaltung, heut schleppst du dich noch schweren Schrittes hin, doch bald begabt dich freiere Entfaltung mit reicherer Natur und höherm Sinn. So wandeln wir auf leichten Tänzerfüßen, die wir dereinst auch dein Geschick geteilt, und dürfen dich mit einem Liede grüßen, das dich auf Strahlen unsres Sterns ereilt. Oh flüchte bald nach unsern Lustgefilden, und laß der kalten Erde grauen Dunst, Oh sähst du, zu welch göttlichen Gebilden uns schuf des Schicksals heiß ersehnte Gunst! Auf Blumen wandeln wir wie leichte Falter, aus Früchten saugen wir der Kräfte Saft, uns ficht kein Elend an, zerbricht kein Alter, der frühern Leiden lächelt unsre Kraft. Denn allzu schön, als daß wir uns entzweiten, erschuf uns das Gestirn, das uns gebar, – wir können uns nicht Schmerz und Not bereiten, die Schönheit macht uns aller Feindschaft bar! Wir lieben uns aus tiefsten Herzensgründen, wir trinken unsres Anblicks Glück und Huld, wir wissen nichts wie ihr von fahlen Sünden, und keinen ängstigt das Gespenst der Schuld. Oh komm! daß sich die dornenlose Rose auch deiner Schläfe duftend schmiegen kann! Die schönste Schwester diene deinem Lose und schenke dich dem schönsten Mann – oh komm –!« Da unterbrach ein dumpfer Glockenton die reinen, feinen Stimmen jener Welt. Ich richtete mich halb im Bette auf – und sah viel Sterne durch mein Fenster glühn ... und sank zurück. Und weiter floß die Nacht. Der Besuch Wie doch ein Traum so traurig stimmt, wenn unser Geist Vergangenheit und Gegenwart als Eines nimmt! Ich saß bei dir im Brautgemach und sprach von deinem Bräutigam, und wie so alles anders kam ... Und lachte hell und scherzte laut ... Doch endlich ward mein Sinn zu schwer – du warst ja eines andern Braut! Ein Garten lag vor deinem Haus, da trug ich meinen Schmerz hinein und weinte meine Wehmut aus. Und als ich wiederkam, da schien, als ahntest du, was mich erregt, und selber wardst du sanft bewegt. Dein Mütterlein umfing mich still, sie wußt' um die geheime Lieb', die stumm in mir ihr Wesen trieb. Wir setzten uns den Tisch umher ... Du hattest alles selbst gekocht – doch mir, mir mundete nichts mehr. Das Bild Aus seinem Rahmen trat dein Bild und schlang den Arm mir ums Genick – und, eingewurzelt Blick in Blick, durchgingen wir ein fremd Gefild ... Und gingen stumm und unverwandt und tranken unsrer Seelen Glanz und wurden eine Seele ganz und fühlten, was wir nie gekannt ... Da schlug ein Lärm an unser Ohr – ich sprach ein Wort – du fuhrst zurück –. Zerflossen war das kurze Glück, und alles wieder wie zuvor. Malererbe Die Spanne, die nicht Träumen ist noch Wachen, beschenkt mich oft mit seltsamen Gedichten: Der Geist, erregt, aus Chaos Welt zu machen, gebiert ein Heer von landschaftlichen Sichten. Da wechseln Berge, Täler, Ebnen, Flüsse, da grünt ein Wald, da türmt es sich graniten, da zuckt ein Blitz, da rauschen Regengüsse, und Mensch und Tier bewegen sich inmitten. Das sind der Vordern fortgepflanzte Wellen, die meinen Sinn bereitet und bereichert, das Erbe ihrer Form- und Farbenzellen, darin die halbe Erde aufgespeichert. Das Äpfelchen Auf einer Wiese, der sich hier und dort ein reich beschwerter Apfelbaum enthob, ergötzten wir, ein Häuflein Freunde, uns, mit grünem Obst uns scherzend zu bekriegen. Ich lag im Gras, entsandte, deckte mich, erspähte Blößen, wurde selbst getroffen – da plötzlich stand, wer weiß, woher sie kam, die Liebste meiner Knabenzeit vor mir und winkte, wie zu zarter Fehde fordernd, mir zu, – daß ich ein unreif Äpfelchen gemeßnen Schwungs nach ihrer Wange schickte. Oh wie viel Liebe da aus ihren Augen, aus ihrem Lächeln brach, als, leicht errötend, sie sich ein wenig nun herunterbeugte und schelmisch drohte – wieviel tiefe Liebe! Mein Auge floh vor so viel süßem Glück, und sehnend streckt' ich meine Rechte aus und faßte ihres Kleides reinen Saum, ihn, wie aus Reue meiner Tat, zu küssen. Da ging mein Glück wie ein Gewebe auf ... Und andre Bilder spann mein träumend Hirn. Rosen im Zimmer Ich stand, eine Vase voll üppiger Rosen, auf einer Konsole am Lager der Liebsten und goß überschwengliche Gluten und Düfte ins mondige Dämmer der magdlichen Kammer. Aufseufzte das Mädchen und streckte das weiße Gelenk ihrer Linken nach mir und umschloß mich und hob mich hinüber – und alles im Schlafe. Da schwankte die Vase, und all meine Rosen entfielen ihr lodernd und hüllten in Purpur das brüstliche Linnen: Aufschlugen erschreckt sich zwei glänzende Augen – und sahn mich, den Menschen, sich über sie beugen ... Ich aber – ihr Götter! – mich über sie neigend, ich ward meines Kusses betrogen! –: Nur Rosen, worauf ich mich neigte! Kein Liebchen, kein Lager, kein Zimmer, kein Ort mehr – nur Rosen, nur Rosen! Ich stürzte in Rosen – durch Rosen – auf Rosen ... bis quälende Schmerzen der Schläfe mich weckten. Kinderglaube Heut ritt ich im Traum auf schneeweißem Pferde ohne Zügel und Zaum rings um die Erde. Und wo ein Dach, war ein Treiben hinter den Scheiben: Alles war wach! Großäugig, tieflockig, schmalfüßig, kurzrockig, lugten die Kindlein der Menschen mir nach. Oh euch süße Gesichter vergess' ich nie mehr, euch glückliche Lichter durch Nacht zu mir her, euch Näschen, vom Fensterdruck schelmisch gestumpft, euch Wädchen und Kniechen, nur dürftig bestrumpft, euch rosige Händchen, ans Glas angestützt, euch kosige Mündchen, neugierig gespützt! Ihr Kindchen, ich segn' euch viel tausend tausend mal! Nur Großes begegn' euch Im Sonn- und Mondenstrahl! Euer Lachen, euer Weinen sei edler Frucht geschwellt! Ihr seid ja, ihr Kleinen, die Zukunft unsrer Welt! Euch reifen die Lieder auf meines Lebens Baum ... Einst sehn wir uns wieder – und nicht mehr im Traum! Vom Tagwerk des Todes Der Sämann Durch die Lande auf und ab schreitet weit Bauer Tod; aus dem Sack um seine Schulter wirft er Keime ohne Zahl. Wo du gehst, wo du stehst, liegt und fliegt der feine Staub. Durch die unsichtbare Wolke wandre mutig, doch bereit! Durch die Lande auf und ab schreitet weit Bauer Tod; aus dem Sack um seine Schulter wirft er Keime ohne Zahl. Vöglein Schwermut Ein schwarzes Vöglein fliegt über die Welt, das singt so todestraurig ... Wer es hört, der hört nichts anderes mehr, wer es hört, der tut sich ein Leides an, der mag keine Sonne mehr schauen. Allmitternacht, Allmitternacht ruht es sich aus auf dem Finger des Tods. Der streichelt's leis und spricht ihm zu: »Flieg, mein Vögelein! flieg, mein Vögelein!« Und wieder fliegt's flötend über die Welt. Der Tod und das Kind »Kindchen, was willst du erwachen zum Leben? Komm mit mir, dir ist besser so! Den Kampf zu bestehn, hast du nicht Kraft, komm, leg dein Köpfchen an meine Brust, sieh doch, mein Mantel ist warm und gut! Komm, Kindchen, wir bitten den Wind; der trägt uns hinüber in meinen Garten; da will ich dich betten ins grüne Gras ... Und wenn eine Zeit vergangen ist, dann wirdst du Blume und Schmetterling, blühende Blume, glühender Schmetterling ...! Nicht wahr, nun willst du? Komm, kleines Herz! Dir ist besser so!« Der Tod und der Müde »Von der Brücke hinunter in die dunklen, ruhlosen Fluten, deren Wellen um Wellen deine Blicke mit sich fort ziehen, deren Wellen um Wellen ein Stück deines Willens davonführen, bis er ganz dir geraubt, und dein Leib, leer, schwer, übers Geländer schlägt – von der Brücke hinunter schaue, spähe ... siehst du das Wort nicht, das meine Finger ins Wasser schreiben? Friede ... Friede ...! und was ich nun schreibe? Komm! Komm!! Siehst du es nicht? Beuge dich tiefer! Komm!!!« Der Tod und der einsame Trinker Eine Mitternachtszene »Guten Abend, Freund!« »Dein Wohl!« »Wie geht's?« »Dein Wohl!« »Schmeckt's?« »Dein Wohl!« »Du zürnst mir nicht mehr?« »Dein Wohl!« »Im Ernst?« »Dein Wohl!« »Hab Dank!« »Dein Wohl!« »Aber –« »Dein Wohl!« »Zuviel!« »Dein Wohl!« »Nun –« »Dein Wohl!« »Wie du willst!« »Dein Wohl!« »Narr!« »Dein Wohl!« »Genug!« »Dein –« Der fremde Bauer Ein Mann mit einer Sense tritt zur Dämmerzeit beim Dorfschmied ein. Der schlägt sie fester an den Stiel und dengelt sie und schleift sie scharf und gibt sie frohen Spruchs zurück und frägt sein wer? woher? wohin? und lauscht dem Fremden offnen Munds, als der ihm dies und das erzählt. Und wie die Rede irrt und kreist, berührt sie auch das letzte Los, das jedem fällt, und – »Unverhofft! so möcht' ich hingehn!« ruft der Schmied – und stürzt zusammen wie vom Blitz ... Die Sense auf der Schulter geht der fremde Mann das Dorf hinab. Der Tod in der Granate Im Mantel der Granate, die nach dem Feind sich senkt, liegt Meister Tod im Schlafe, behaglich ausgestreckt. Da zuckt mit einem Male in jähem Schreck sein Fuß: Versengt hat ihm die Sohle die abgebrannte Schnur. Ein Blitz und ein Donner – und Rauch und Geheul –: der Tod steht im Herzen des feindlichen Heers. Im Nebel Schaurig heult das große Dampfhorn seine Warnung in den Nebel ... Irgendwo antwortet schaurig, leis bald, lauter bald, ein andres ... Angstvoll stehn die Passagiere, jeden Nerv gespannt die Mannschaft ... Schaurig heult das große Dampfhorn ... Dumpf antwortet's aus dem Nebel ... Alles späht, horcht, mißt die Pausen, die Maschine schafft mit Halbdampf, langsam schiebt durch undurchdringlich Dunkel der Koloß sich vorwärts ... Schaurig heult das große Dampfhorn ... Dumpf antwortet's aus dem Nebel ... In den Schiffsraum steigen Wachen, an den Luken, an den Booten harrt Bemannung, von der Brücke schallt des Kapitäns Befehlsruf ... Schaurig heult das große Dampfhorn ... Dumpf antwortet's nah und näher ... Die Erregung wächst zum Fieber ... Ahnt wer, daß des Todes Hand die Kompaßnadel abgelenkt hat, daß der Mann am Steuer falsch fährt? ... Schaurig heult das große Dampfhorn ... Laut antwortet nächste Nähe ... Böllerschlag –: Schwerfällig tasten weiße Kugeln in die Dämmrung ... »Schiff an Steuerbord!« – Zu spät! – Schon schießt es rauschend, ungeheuer, unaufhaltsam aus dem Nebel – gräßlich mischen sich die Hörner – rasend rolln die Steuerketten – »Rückdampf!« – Schreie – Donnerkrachen – alles stürzt zu Boden – Flammen speit der Kesselraum – der Spiegel senkt sich – aller Kampf vergebens! – »Boote ab!« – Umsonst! – In Wirbeln, Strudeln, Kratern dreht sich alles tollen Tanzes in die Tiefe ..... Wo verblieb der fremde Fahrer? Sank er? Fuhr er feig des Weges? Lautlos lastet dicker Nebel über totenstillen Wassern. Am Ziel Schlote schnauben, Lichter funkeln, Pfeifen schrillen, Rufe schallen, draußen vor des Bahnhofs Hallen harrt Verderber Tod im Dunkeln. Fest ist alles abgekartet mit dem trunknen Wart der Weiche, daß der Zug das Gleis erreiche, drauf der Gegen-Eilzug wartet. Und schon wächst es mit den grellen Spählaternen aus der Ferne, glühnder Rauch verhüllt die Sterne, hohl erdröhnt das Holz der Schwellen. Blind, im Schienen-Überfluge, stampft der Zug die falschen Gleise: Schimmernd grüßt das Ziel der Reise – Leise lacht es hinterm Zuge. Die Gedächtnistafel »Der dort unten ruht jetzund, sein Schatten stieß ihn in den Grund. Am steilen Fels den schmalen Gang klomm verwegen er entlang. Scharf lag auf ihm das Mittagslicht, der Schweiß rann ihm übers Gesicht. Da blieb er, sich zu trocknen, stehn – muß dabei seinen Schatten sehn. Und wie er ihn sieht, reckt sich der von der Wand gegen ihn her. Den Wandrer fasset bittre Not, er fühlet, neben ihm steht der Tod und drängt ihn in das tiefe Grab der wilden Felsenschlucht hinab. Er sinkt zusammen in kaltem Schweiß, alles dreht sich mit ihm im Kreis. Er preßt die Stirn an den kalten Stein und denkt an Weib und Kinderlein. Aber der Tod hatt' gewonnen Spiel und schob und stieß ihn, bis daß er fiel. Eine Dirn aus unserm Dorf hat's geschaut, ein fremder Maler den Stein aufgebaut, die Verse sind von der alten Kathrein. Sprecht: Armer Wandrer, wir denken Dein!« Am Moor Flackernd lösen sich vom Sumpf ungewisse Schemen ... Nach der alten Weide Stumpf sieh den Weg sie nehmen. Auf dem Stumpfe sitzt der Tod: Dumpfe Fiedel lockt und droht mit verworrnen Themen. Huschend schlingt der wirre Kreis sich um Tod und Weide ... Um die Flämmchen schimmert's weiß wie von feinster Seide. Knaben, Mädchen, Männer, Fraun glaubst wie Schatten du zu schau'n tief im Totenkleide. Und ein Seufzen hebt sich her, düster dich zu bannen ... Schaudernd fühlst du: Schon will Er dein Gemüt entmannen. Der Gespenster Reihn erschrickt? Haben sie dein Haupt erblickt? Und du eilst von dannen. Im Fieber Ich lag in Fieberphantasien ... Aus allen Ecken wuchs es her ... Wohin ich sah, ich sah nur Ihn, wohin ich tastete, war Er ... Die Tücher, die Tapeten liehn ihm ihrer Muster Fratzenmeer ... Und schloß ich fest die Lider, schien sein Aug' in meines weit und leer. Ein Opfer wilder Bilderreihn entschlief ich endlich. Mich umspann, mich spornte rittlings sein Gebein durch Felsenwüsten glutwindan ... Verzehrend fraß sein Frost sich ein, indes mich Blutschweiß überrann, und auf Geröll und spitzem Stein der wunde Fuß nicht Weg gewann. Doch nicht ein Fristchen durft' ich ruhn. »Wir müssen« – stachelte sein Hohn – »Zum Richter über all dein Tun, der Weg ist weit nach seinem Thron. Gebucht, in klaftertiefen Truhn, erharrt dich dort, wofür dich Lohn und Strafe wird ereilen nun: Bereite dich, verlorner Sohn!« Da ging die Stubentür, und leis umklang mein Bett ein sanfter Schritt, und eines Stirnbands kühlend Eis erlöste mich vom grausen Ritt. Doch ehe noch ein Wort dem Kreis der Wirrgedanken sich entstritt, verschob schon wieder sich das Gleis und neuer Traumgang riß mich mit. Wie anders aber war das Bild, das nun mein Fiebergeist entband! Mein liebster Freund umfing mich mild und hob mich von des Lagers Rand. Aus Zweigen harrte mein ein Schild: Drauf trug mich vierer Fremden Hand wie ein erbeutet Edelwild hinaus ins sommerliche Land. Wer waren sie? wo lief ihr Pfad? Sie stürmten voll erhabner Wucht ... bis, wo ein Lärm vollbrachter Mahd herklang aus stiller Waldesbucht. Noch rollte hoch das Sonnenrad, doch schon geschnitten lag die Frucht; denn Wolken drohten Blitz und Bad: Und alles war schon helle Flucht. Dort setzten sie aufs hohe Korn die Bahre ab. Noch stand sie nicht: Da schoß schon goldner Wetterzorn: Ein Glutstoß stob die Ährenschicht. Mein Herz stand still vom scharfen Dorn. Es sank der Erde höchst Gedicht, der Mensch, zurück in ihren Born, als Asche, Wasser, Luft und Licht. Eine Großstadt-Wanderung Eine lange Gasse war mein Nachtweg. Vor mir schalt ein Kerl mit seiner Dirne, hohl zerbrach der Hall am Wall der Wände. Nun ein kurzer Kampf – und gellend schreiend floh das Weib den Weg an mir vorüber. Aus dem Dämmer tauchten, wie dem Boden jäh entwachsen, drohende Gestalten, Pfiffe schrillten, schwere Tritte trabten, Flüche zischten: Fort! die Polizisten! Und im Nu von Nacht verschlungen alles. Wimmern noch ... Geworfne Türen ... Stille ... Ausgestorben schien der ganze Stadtteil. Rot und trübe kämpften die Laternen. Und ich sah, erstarrt, durch eine Hauswand ... Eines Kaufherrn Schlafgemach beschlichen zwei geschwärzte Bursche. Auf den Schläfer warf der eine sich, der andre feilte an dem Schrank. Dem Ächzen seiner Säge mischten grausig sich erstickte Laute. Gold, Papiere, Ringe rissen gierig ihre Finger aus den Fächern ... Leise rief es durch die Tür: Die Wache warnte. Hastig raffte jeder noch das Nächste, wusch sich flüchtig die befleckten Hände – Dringend rief es noch einmal. Die Kerze gloste. Schwarz und lautlos lag das Zimmer. Und ich ging die lange Gasse weiter. Hinter fensterlosen Mauern sah ich neue Frücht' und Opfer der Gesellschaft. Der zerschlug sich den geschornen Schädel ... Der verstierte sich hinauf zur Luke ... Der durchtappte rastlos seine Zelle ... Augen brannten; Lippen fluchten flüsternd; Fäuste krampften sich; Gehänge klirrten; mancher wälzte sich in lauten Träumen; doch die meisten schliefen tief wie Tote. Frech vertiert, verduldet, unterwürfig, gramzerfressen, haßverzerrt, verachtend, also prägten schrecklich sich die Mienen. Und mich zog die lange Gasse weiter. Endelosen Fensterreihn entscholl es, mir nur hörbar, dumpf und unablässig, wie von Stöhnen, Weinen, Weherufen. Sieche, Krüppel, Giftige, Zersetzte nährten dort des Lebens arme Flämmchen, hofften, rafften sich von Tag zu Tage, bis des Todes Weisheit endlich siegte. Wie sie so in weißen Kissen wachten ... Opfer ihrer Herkunft, ihres Standes, ihrer Gierden, ihrer Dienst und Taten, ihrer Mitwelt, die sie stieß und hemmte! Wie die bleichen Händ' anklagend winkten! Und ich floh die trübe Gasse weiter. Gebt euch nicht so stolz, ihr roten Mauern, oder prahlt mit freudigeren Gästen! Niemand weiß es, wer sie sind, sie selber lächeln seltsam, fragst du, wie sie heißen. Sind an Tafeln zwar geladen worden, drauf zu lesen, wo man sie getroffen –: Den in einem Wehr beim Fest der Fische; die in einem Hag voll Heckenrosen; den auf blanken Gleises kaltem Kissen; den in einer Herberg fremdem Zimmer. Aber alle ruhn sie bleich und schweigend, lächeln starr-verächtlich deiner Fragen. Und ich wanderte mechanisch weiter. Hinter einer hohen Gartenmauer hob aus Bäumen sich ein altes Kloster, dessen eisenstabverkreuzte Scheiben wirren Lärms zuweilen dumpf erklirrten. Plötzlich ward ein Fenster aufgerissen, und ein Mensch im Hemde überschrie sich in den leeren Park hinunter: »Rechts schwenkt! Laufschritt! Marsch marsch! Das Gewehr zum Sturm rechts! Ha–alt! Nieder! Fertig! Feuer! Feuer! Feu–« Jäh brach es ab, zu schlug das Fenster. Fernes Toben. – Über dem Portal stand: »Selig sind, die große Trübsal dulden!« Und ich setzte meine Schritte weiter – fast so ungewiß wie der Betrunkne, der im Morgengrauen mir entgegen kam –: Nun tappte er zur Seit', nun rückwärts, schoß vornüberfallend vorwärts, rannte wider die Laterne, griff ins Leere, schwankte, rollte in den Kot der Gosse ... Selber wirbelte mir Wust im Haupte ... Särge, drängten sich die Häuser; Grüfte hallten, wo ich schritt; von Moder, Fäulnis schnob die Luft; Gewölke Bluts und Tränen dampften, dunsteten, mich dumpf erstickend ... Weiß nicht mehr, wie ich den Weg vollendet. Vier Elementarphantasien Meeresbrandung »Warrrrrrrte nur . . . . . . . wie viel schon riß ich ab von dir seit den Äonen unsres Kampfs – warrrrrrrte nur . . . . . . . wie viele stolze Festen wird mein Arm noch in die Tiefe ziehn – warrrrrrrte nur . . . . . . . zurück und vor, zurück und vor – und immer vor mehr denn zurück – warrrrrrrte nur . . . . . . . und heute mild und morgen wild – doch nimmer schwach und immer wach – warrrrrrrte nur . . . . . . . umsonst dein Dämmen, Rammen, Baun, dein Wehr zerfällt, ich habe Zeit – warrrrrrrte nur . . . . . . . wenn erst der Mensch dich nicht mehr schützt – wer schützt, verloren Land, dich dann? warrrrrrrte nur . . . . . . . mein Reich ist nicht von seiner Zeit: er stirbt, ich aber werde sein – warrrrrrrte nur . . . . . . . und will nicht ruhn, bis daß du ganz in meinen Grund gerissen bist – warrrrrrrte nur . . . . . . . bis deiner höchsten Firnen Schnee von meinem Salz zerfressen schmilzt – warrrrrrrte nur . . . . . . . und endlich nichts mehr ist als Ich und Ich und Ich und Ich und Ich – warrrrrrrte nur . . . . . . .« Erdriese Grab tausend Klafter hinab in den Grund, da weckt dein Scheit ein hallend Gewölb –: den Kugelkerker aus zwölffachem Erz, darin Erdriese gefangen. Hörst du ihn bei seinem Werk? Mit Fersen und Fäusten stampft und stößt er, wirft mit dem breiten Nacken sich dumpf an die Wände, scharrt mit Nägeln und Zähnen ... lautlos nun, und nun brüllend wie zehntausend Stiere. Gleich einer Espe zittert der Ball ... Die Meerunholde schrecken aus ihrem Spiel und stürzen den Festen zu ... Die Feuerhexen schießen mit sprühendem Brandhaar aus ihren Küchen ... Die Acker- und Felsenschläfer rücken und recken sich: Städte und Länder versinken in Trichtern und Schächten. Hörst du ihn noch? Ward er nun still? Horch! Er schnarcht! Wie es brummt und sägt! ... Nun schläft er, der Alte. Der Sturm »Bis an die Knöchel steh ich im tiefen See. Den Horizont hinab, wo mir Gebirge die grauen Rachen – entgegensperren, greif' ich und ziehe aus ihren Schlünden die zähen Schleimschleier unendlicher Nebel. Und ich halte sie in die Sonne, die euch scheidet, mir noch im Mittag steht: Das glüht, das leuchtet! Das gefällt euch! Und ich schlag' das Gewölk wie Schaum mit der flachen Hand, und wirbl' es und ball' es und kraus' es und zaus' es – heißah halloh! Und ich pust' es auf eure Dörfer und hebe die Füße aus eurem tiefen See und laufe Mutter Sonne davon, heißah, unter die purpurnen Sterne!« Die Flamme »So sterben zu müssen – auf einer elenden Kerze! tatenlos, ruhmlos im Atemchen eines Menschleins zu enden! ... Diese Kraft, die ihr alle nicht kennt – diese grenzenlose Kraft! Ihr Nichtse! ... Komm doch näher, du schlafender Kopf! Schlummer, der du ihn niederwarfst – ruf doch dein Brüderlein Tod – er soll ihn mir zuschieben – den Lockenkopf – ich will ihn haben – haben! Sieh, wie ich ihm entgegenhungre! Ich renke mir alle Glieder nach ihm aus ... Ein wenig noch näher – näher – ein wenig – so – jetzt vielleicht – wenn's glückt – ah! du Hund! Er will erwachen? still – still – so ist's noch besser! Der Pelz am Mantel – Der Pelz – der Pelz – hinüber – hinüber – ahhh! faß ich dich – hab ich dich – hab ich dich, Brüderchen – Pelzbrüderchen, hab ich dich – ahhh! Hilft dir nichts – wehr dich nicht mehr! Mein bist du jetzt – Hand weg! Wasser weg! Mein bist du jetzt! Wasser weg! Wart', da drüben ist auch noch für mich – so – den Vorhang hinauf – fängst mich nicht mehr – Tuch – Tuch – jetzt bin ich Herr! Siehst du, jetzt breit' ich mich ganz gemächlich im Zimmer aus – laß doch den Wasserkrug! Laß doch das Hülfgeschrei! Bis sie kommen bin ich schon längst in den Betten und Schränken – und dann könnt ihr nicht mehr herein – und ich beiß' in die Balken der Decke – die dicken, langen, braunen Balken – und steig' in den Dachstuhl – und vom einen Dachstuhl zum andern Dachstuhl – und irgendwo werd' ich wohl Stroh finden, und Öl finden, und Pulver finden – das wird eine Lust werden! Das wird ein Fest werden! Und wenn ich die Häuser alle zernichtet – dann wollen wir mit Wäldern die Fische in den Flüssen kochen – und ich will euch hinauftreiben auf die kältesten Berge – und da droben sollt auch ihr meine Opfer werden, sollt ihr meine Todesfackeln werden – und dann wird alles still sein – und dann – Gedichte vermischten Inhalts Kleine Geschichte Litt einst ein Fähnlein große Not, halb war es gelb, halb war es rot, und wollte gern zusammen zu einer lichten Flammen. Es zog sich, wand sich, wellte sich, es knitterte, es schnellte sich, – umsonst! es mocht nicht glücken die Naht zu überbrücken. Da kam ein Wolkenbruch daher und wusch das Fähnlein kreuz und quer, daß Rot und Gelb, zerflossen, voll Inbrunst sich genossen. Des Fähnleins Herren freilich war des Vorgangs Freudigkeit nicht klar, – indes, die sich besaßen, nun alle Welt vergaßen. Der vergeßene Donner Ein Gewitter, im Vergehn, ließ einst einen Donner stehn. Schwarz in einer Felsenscharte stand der Donner da und harrte – scharrte dumpf mit Hals und Hufe, daß man ihn nach Hause rufe. Doch das dunkle Donnerfohlen – niemand kams nach Hause holen. Sein Gewölk, im Arm des Windes, dachte nimmer seines Kindes – flog dahin zum Erdensaum und verschwand dort wie ein Traum. Grollend und ins Herz getroffen läßt der Donner Wunsch und Hoffen, richtet sich im Felsgestein, wie ein Bergzentaure ein. Als die nächste Frühe blaut, ist sein pechschwarz Fell ergraut. Traurig sieht er sich im See fahl, wie alten Gletscherschnee. Stumm verkriecht er sich, verhärmt; nur wenn Menschheit kommt und lärmt, äfft er schaurig ihren Schall, bringt Geröll und Schutt zu Fall ... Mancher Hirt und mancher Hund schläft zu Füßen ihm im Schrund. Das Häuschen an der Bahn Steht ein Häuschen an der Bahn, hoch auf grünem Hügelplan. Tag und Nacht, in schnellem Flug, braust vorüber Zug um Zug. Jedesmal bei dem Gebraus zittert leis das kleine Haus –: »Wen verläßt, wen sucht auf euer nimmermüder Lauf?« »Oh nehmt mit, oh bestellt Grüße an die weite Welt!« Rauch, Gestampf, Geroll, Geschrill ... Alles wieder totenstill. Tag und Nacht dröhnt das Gleis. Einsam Häuschen zittert leis. Amor der Zweite (Sommerabend im Park des Fürsten. Um eine Marmorbank zu Füßen der Medicëischen Venus versammelt sich eine kleine Gesellschaft, den Dichter in ihrer Mitte bittend, sie mit neuen Versen zu erfreuen. Er beginnt unter einigen galanten Entschuldigungen, während die Schönen und ihre Kavaliere sich auf und um die Bank erwartend gruppieren. Verstecktes Lachen, Flüstern und Fächerschlagen begleitet den leichten Vortrag, nach dessen Beendigung man sich lebhaft plaudernd und scherzend wieder in den hohen dämmrigen Laubgängen des Parks zerstreut, nicht ohne den Poeten mit zweien seiner liebenswürdigsten Verehrerinnen einer anmutigen Einsamkeit zu überlassen.) Das Schloß liegt unbewohnt seit Jahr und Tag, der Park verwildert, pfadlos, unzugänglich, dicht eingestrüppt von wirrem Weißdornhag. Wo Grotten, Treppen, Hügel uranfänglich: Verfall nun: Stämme, Schutt, gesunkner Grund ... des Friedens Stätte einst, nun wüst und bänglich. In dieses Parkes Tiefe birgt ein Rund von Birken zweier Götter Steingebilde, den Alten hochberühmt durch ihren Bund –: Den Gott des Krieges, mit zerbrochnem Schilde, und sie, der Liebe hohe Königin, in wohl gewahrter Lieblichkeit und Milde. Sie blicken zärtlich gen einander hin, und bunte Falter tragen ihre Grüße, – doch kennt ihr auch des Spiels geheimen Sinn? ... In einer Sommermondnacht Wundersüße, in einer Nacht, da eine Nachtigall tot niederstürzte vor der Göttin Füße, so wild war ihrer Sehnsucht Überschwall, in einer solchen Nacht des Drangs der Säfte geschah der dunkle, unerhörte Fall, daß aus dem Übermaß der Lebenskräfte ein Strom in jenes Paar hinüberrann und es mit trügerischem Leben äffte –: Herab zur Erde springen Weib wie Mann ... Und stürmisch, wie sich Glut und Flut umfassen, vergessen sie den langen, kalten Bann ... Doch schon beginnt die Lippe zu erblassen, versagt das Blut den weitern tollen Lauf –: Sie müssen schaudernd von einander lassen ... Nach ihren Säulen streben sie hinauf – allein umsonst –: Sie sinken, wo sie stehen: Und wieder nimmt sie Steines Starrheit auf. Zwölf Monde gingen hin, seit dies geschehen, als gleicher Frist das Gleiche sich begab: Man wachte auf, doch Venus – lag in Wehen! Und alsobald erscheint ein muntrer Knab', zum Leben sichtlich denn zum Tod bereiter, und bricht sich schon ein Birkenreislein ab ... Und während Mars und Venus innig heiter ihm zusehn, zielt er schon nach links und rechts auf Mäuse, Hummeln, Vögel und so weiter. Und merkt es nicht im Eifer des Gefechts, daß seine Eltern still und stiller werden, – bis plötzlich er der Letzte des Geschlechts. Er springt hinzu mit kindlichen Gebärden, er ruft und tastet, –: Stein und nichts als Stein! Und eben erst entrückt dem Schoß der Erden, von niemandem belehrt als sich allein, verwirft er endlich all die eitlen Fragen und richtet sich in seinem Reiche ein. Ein freundlich Heer von ungetrübten Tagen, so schien es, war dem losen Schelm beschert ... Wie manches Tierherz mußte ihn verklagen: Denn ach wie manches ward von ihm versehrt! Wenn früher schon die Liebe hoch hier blühte, so war ihr jetzt kein Herz mehr abgekehrt. Bis eines Tags ein Paar bekränzter Hüte, seit Jahr und Tag das erste Menschenpaar, sich kreuz und quer den alten Park durchmühte. Weh, Amor! nun ereilt dich die Gefahr! –: Denn, kaum daß jene durchs Gebüsch gedrungen, – der kleine Gott schon Stein geworden war. »O sieh doch! sieh!« so jubeln sich die jungen Entdecker zu – »Ein Fund! ein Schatz! ein Hort!« Das Mädchen ist zu Amorn hingesprungen –: Der spielt noch, steinern, seine Rolle fort und steht mit trotzig aufgespanntem Bogen – und treibt den Jüngling so zum rechten Wort ... Von jäher Röte Flammen überflogen, bekennt sein Lieb sein Werben ihm zurück – und fühlt sich schon an seine Brust gezogen ... Wer glaubte nicht der beiden reinem Glück? So laßt uns nur die Frage noch beschwichten, wie sich beschließt das wunderliche Stück. Man wollte auf den Kleinen nicht verzichten und nahm ihn mit, er war ja »herrnlos Gut«! Die Eltern glückt' es wieder aufzurichten. Sie ließ man wieder in der Wildnis Hut. Sie blicken immer noch voll Zärtlichkeiten, doch ewig nun erloschen schweigt ihr Blut. Indessen steht vor Amor man (dem Zweiten), als allbekanntem »Raub«, bewundernd da ... Man glaubt, er stamme aus Canovas Zeiten ... Ich aber lächelte, als ich ihn sah. Der zeitunglesende Faun Auf einem Eichenstrunk, die Ziegenbeine behaglich überschlagen, sitzt ein Faun und liest in einem alten Zeitungsblatt, das er im Walde irgendwo gefunden. Ein Feuilleton »Die Presse, ihre Macht und heilige Mission« beschäftigt ihn. »Die Presse« liest er »ist das Fundament der heutigen Kultur, der stärkste Hebel geistigen Fortschritts, höherer Gesittung. Sie ist die Lehrerin, Erzieherin und Richterin der Völker! Nichts entzieht sich der Allmacht ihrer Kritiker: Sie prüft, beleuchtet alles, was du denkst und tust, sie ist die vornehmste, stets wachsame und drum so wichtige Vertreterin der öffentlichen Meinung. Papst und Kaiser umbuhlen sie. Und bis herab zum Bettler sieht alle Stände, alle Klassen man ihr unterworfen und gezwungen, sie zu respektieren. Und noch mehr, noch mehr! Sie ist das unentbehrlich-wichtigste Verkehrs- und Bildungsmittel unsrer Zeit: Bezieht ein großer Teil der Menschheit doch heut sein gesamtes Wissen aus der Zeitung! Denn mehr und mehr verdrängt die Tagespresse der langen Bücher zweifelhaften Wert: Der Menschen Kraft, Bedürfnis nehmen heut die Zeitungen und Zeitschriften in Anspruch, sodaß der Sammlung fordernden Lektüre kein Raum mehr bleibt. Die für den Tag geschriebnen und mit dem Tag vergehnden Zeitungen, sie wirken eben rascher als die dicken, gedankenschweren Bücher, ja noch mehr! In ihren Händen liegt das Schicksal aller schriftstellerisch- und dichterischen Werke!« Mit breitem Grinsen liest es der Panisk, und seine Flöte an die Lippen langend, erhebt er sich und trabt vergnügt waldein. Ein Wiesel raschelt unterm Stamm hervor; die hohen Eichen flüstern hell im Wind; und das Papierchen tanzt in eine Pfütze. Goldfuchs, Schürz' und Flasche Eine Ballade 1 Auf der Waldwies' hausten heut sonderbare Brüder, sangen, sprangen um die Wett' zu eines Alten Fiedel, – Goldfuchs, rund wie ein Banquier, Schürze, zart und weiß wie Schnee, Flasche, grau wie Asche. Sang der Goldfuchs: Alles dreht sich um mich früh und spät, rum didl dum, rum didl dauz, bum bum bum, bauz! Sang die Schürze: Alles dreht sich um mich früh und spät, rum didl dum, rum didl dauz, bum bum bum, bauz! Sang die Flasche: Alles dreht sich um mich früh und spät, rum didl dum, rum didl dauz, bum bum bum, bauz! Warf der Alt' die Fiedel weg, kriegt' den Fuchs zu fassen, schickt' ihn wie 'nen Schlitterstein weit hinaus aufs Wasser, griff die Schürze, stopfte sie zwischen Ripp' und Gürtel, schmiß die leere Flasch' zu Boden, daß sie gell zerklirrte ... Wandte sich, das Buschwerk schlug hinter ihm zusammen, aber lang noch hört' man ihn fernher brummen: Alles dreht sich um mich früh und spät, rum didl dum, rum didl dauz, bum bum bum, bauz! Fußnoten 1 Aus einem Liederspiel, komponiert von Robert Kahn Die Brücke Einem Bildhauer der Zukunft Bis an die Kniee stehn im Strom die beiden Riesen Kraft und Maß: Auf ihren breiten Nacken ruht der Brücke stählernes Gebälk. Beine breit in Grund gestemmt, Hände auf des andern Schulter, Stirn an Stirne fest gepreßt, stehn sie da und schaun hinunter. Da flieht die Welle ruhlos hin, und weiße Segel ziehn einher, und dunkle Schlote wölken Rauch, und Schollen türmt des Winters Frost. Aber unbewegten Blicks stehn die muskelfrohen Hünen; leis nur zuckt des Einen Leib stampft es droben donnernd drüber. Der andre aber preßt die Stirn nur fester, fester nur die Faust: Er kennt des Bruders trotzig Herz, das tief im Kern die Menschheit haßt. Der Tag und die Nacht Aus der Laube der Dämmerung, drin sich der Tag und die Nacht ein Weilchen geliebt, scheucht ihn des Abends Ruf. Aber die Nacht eilt ihm nach ... Und wie sie dahinstürmt, löst sich ihr herrliches Haar und fällt ... Sie wankt, bricht in die Kniee –: Weithin hüllen die schwarzen Strähnen die Erde. Lange verharrt sie so dunklen Grams. Aber schon sehe ich ihren Geliebten wiederkehren und der Vorsonnendämmerung schweigende Laube neuer Umarmungen kurzem Entzücken winken. Der Schlaf Der Schlaf schickt seine Scharen in die Nacht, Unholde, Legionen auf Legion ... Vom Rücken schleichen sie ihr Opfer an, auf leisen Tatzen, und umarmen es, wie Bären, unentrinnbar und geräuschlos, – bis alle Muskeln ihm erschlafft, und stumm von ihrer Brust der Leib zu Boden rollt ... Und wenn so alles hingebettet liegt, so traben sie zu ihrem Herrn zurück, und ihr Gebrumm erfüllt wie dumpfer Donner die düstren Waldgebirge seines Reichs. Pflügerin Sorge Über der Erde Stirne, durch Tag und Nacht, pflügt ein hagres Weib hin und her ... Wilde Stiere, kaum zu hemmen, ziehn, reißen ihre Pflugschar durch den Grund: Doch je rasender die Nacken zerrn, nur so tiefer drückt den Baum sie ein. Über der Erde Stirne, durch Tag und Nacht, führt Frau Sorge Furche, Furche, Furche ... Leidenschaften, kaum zu zähmen, ziehn, reißen ihre Pflugschar durch den Grund: Doch je wilder die Dämonen zerrn, nur so tiefer gräbt den Stahl sie ein. Legende Vom Tisch des Abendmahls erhob der Nazarener sich zum Gehn und wandte sich mit seiner Schar des Ölbergs stillen Wäldern zu. Erloschen war der Wolken Glut; in Hütt' und Höfen ward es licht; hell glänzten nah und näher schon die Fenster von Gethsemane. Aus einer Scheune klang vertraut das Tanzlied eines Dudelsacks, und Mägd und Bursche drehten sich zum Feierabend drin im Tanz. Und Jesus trat ans Tor und sah mit tiefem Aug dem Treiben zu ... Und plötzlich übermannte ihn ein dunkles, schluchzendes Gefühl. Und, Tränen in den Augen, trat er zu auf eine junge Magd und faßte lächelnd ihre Hand und schritt und drehte sich mit ihr. Ehrfürchtig wich der rohe Schwarm; die Jünger standen starr und bleich; – Er aber schritt und drehte sich als wie ein Träumer, weltentrückt. Da brach auf eines Jüngers Wink des Spielers Weise jählings ab – ein krampfhaft Zucken überschrak des Meisters hagre Hochgestalt –: Und tief verhüllten Hauptes ging er durch das Tor dem Garten zu ... Wie dumpf Gestöhn verlor es sich in der Oliven grauer Nacht. Die apokalyptischen Reiter Beim stillen Weinglas saß ich spät und spannte zerrißne Saiten neu der treuen Geige –: Da war's, daß mir das harte Haupt des Dante erschien in meines Römers dunkler Neige: Als wollte es die Lieder-Stufen höhnen, auf denen ich zu meinem Ruhme steige. Und alsobald begann im Zorn zu tönen mein Saitenspiel von hochvermeßnen Händen und füllte mein Gemach mit eh'rnem Dröhnen. Und zuckend von irrlichterischen Bränden zerbarst vor mir die laute Nacht in Stücke, und von Gespenstern schwoll's aus fahlen Wänden ... Doch wie ich rasch des Worts tollkühne Brücke nach solcher Schattenflucht zu schlagen strebe, entweicht es schon und lockt mit neuer Tücke ... Bis endlich in die rinnenden Gewebe einschlägt des Willens grollende Gewalt und eins ergreift inmitten seiner Schwebe –: Mit finstren Stämmen drängt empor ein Wald, drin Wiesengrund im Dreieck ausgeweitet, von Klumpen Mondgewölkes überballt. Doch mehr mein Aug dem Dämmer noch entstreitet: Vier sattelleere Rosse schau ich grasen und dunkle Körper unweit hingebreitet. Sind's Räuber, die die Flucht hierher geblasen? Ein Mondstrahl gleißt: Dies Haupt verrät ein Weib, zwei grüne Augen schillern im Verglasen. Und um dies Haupt welch fürchterlicher Leib! Nur widerwillig gibt die fahle Nacht sein Bild, daß keinem es zu treu verbleib'. Und jäh erkenn' ich, wer hier Rast gemacht –: Der Tod, der Krieg, der Hunger und die Pest, – tiefmüde Nachtrast! Nur der Hunger wacht ... Die Greisin kauert Kinn an Knie gepreßt ... Der Krieg, die Stirn am Schwertknauf, atmet schwer, blutüberronnen noch vom letzten Fest ... In freudelosen Halbschlaf sank selbst Er ... Parabel Kennst du die Figur der Polonaise, wenn die Paare, hochgefaßter Hände, Lauben, wie die Tänzer sagen, bilden? Und das immer letzte Paar, sich bückend, durch die Bogen an die Spitze schreitet, dort als Tor sich wieder aufzustellen? Nun, so wirst du mich begreifen, wenn ich, dies betrachtend, an die Menschheit denke, Wie sie sich vom Greis zum Kind erneuert: Gleich als ob das Paar des höchsten Alters plötzlich in der andern Rücken schwände, vorn das Spiel von neuem aufzunehmen ... Das Ende Jahrhunderttausende durchmißt mein Geist ... Verwandelt ist der Erde Angesicht, der Menschheit letzte Horde tief vergreist. Kaum bricht durch Wolken mehr das liebe Licht. »Wie alt sind wohl die Menschen?« fragt ein Kind den Vater. Und ich höre, wie der spricht: »So alt, mein Liebling, als die Sterne sind!« »Was sind das, Sterne, Vater?« »Späh einmal, wenn nachts im Nebel wühlt der wilde Wind. Vielleicht erspähst du einen stillen Strahl: Der kommt von Welten, die unendlich fern; uralte Sagen rühmen ihre Zahl.« »Doch Vater, sprich, wie alt ist solch ein Stern; denn gleiches Alter gabst den Menschen du?« »Das, kleiner Frager, wüßt ich selber gern! Sieh, Kind, zähl' tausend Jahren tausend zu und abertausend, zähl' solang du magst, – dein Hirnchen käme nimmermehr zur Ruh! Kein Mund weiß Antwort dem, wonach du fragst: Denn keine Rechnung führt dahin zurück, daran neugierig du zu rühren wagst ... Doch alter Märchen weiß ich manches Stück – noch mehr die Mutter! Willst du? geh hinein! (Oh Kinderherz mit deinem kurzen Glück!)« Kaum ward es Tag, schon bricht die Nacht herein ... Der Knabe läuft nach einem plumpen Bau ... Im Aug' des Mannes glimmt ein stierer Schein ... Ein tiefes Graun verwehrt mir weitre Schau. Der Born Im Garten Gottes wirft ein Born sein Silber Tag und Nacht empor: Ohn maßen stürzt die Flut hinauf und fällt zurück, ein Perlenmeer. Urewig türmt der Strahl sich ab und baut sich wieder aus sich selbst, urewig kreißt der Schoß und nimmt Empfängnis von der eignen Frucht. In Silberschauern wirbeln sich Legionen Tropfen durch den Raum ... Im Garten Gottes spielt ein Born gedankenlos das Spiel der Welt. Der Urton Fernher schwillt eines Dudelsacks einförmig-ewigwechselnde Melodie: Unaufhörlich hebt sich und senkt sich über dem Urton ihr unerfaßliches Spiel. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Auf dem ehernen Tische Unendlichkeit liegt unermeßlicher Sand gebreitet. Da streicht ein Bogen die Tafel an: Einen Ton schwingt und klingt die fiebernde Fläche. Und siehe! Der Sand erhebt sich und wirbelt zu tausend Figuren. Aus ihnen, den tanzenden, tönenden, glühenden schlingen sich Tänze, binden sich Chöre, winden sich Kränze, umringen sich, fliehen sich, finden sich wieder. Aber das Spiel der Formen, Farben und Töne durchbrummt unaufhörlich, beherrscht fürchterlich-unerfaßlich der tiefe Urton. . . . . . . . . . . . . . Fern verschwillt des Dudelsacks einförmig-ewigwechselnde Melodie. Dorf, Wald, Welt versinkt mir schweigend in Nacht. Der einsame Turm Wer laut von diesem längst verlaßnen Turm der Tannen Ringwald überrufen wollte, und trüge, was er riefe, stärkster Sturm, ihm ahnte, daß es nie ein Ziel errollte. So einsam steigt der alte Bau empor; er fühlte Fürsten einst auf seinen Stufen, bis, dunkler Taten schauerlich verrufen, sein stiller Reiz der Menschen Gunst verlor. Nur daß von Jägern sich zuweilen wer vorbei verirrt, von wanderfrohen Seelen, von Bettelpack, und wer die Kreuz und Quer den Forst durchschleicht, sich Holz und Wild zu stehlen; nur daß an seinem Fuß zuweilen sich, wie heut, Zigeunervolk sein Reisig schichtet und mit der Bogen wehmutwildem Strich sein Weltweh in den fremden Frieden dichtet. In allen Kronen hängt noch goldner Glanz ... Die Sonne säumt noch, ihren Tag zu enden ... Der Söllerblöcke halb zerfallnen Kranz umlodert noch ihr scheidendes Verschwenden ... Und aus dem Purpur schwillt es wie ein Born, ein Strom von Tönen –: Abends erst Erschauern erregt des Turms uraltes Äolshorn, der Sonne nachzujauchzen, nachzutrauern. Die Heimatlosen drunten horchen auf – –. Und einer nimmt die Geige von den Knien und strebt mit manchem jähen Sprung und Lauf des Winds Gesang phantastisch zu durchziehen ... Und wie so Wind und Seele sich verweben, erwachen mehr und mehr der treuen Geigen ... Ein aller Leidenschaften schluchzend Leben erstürmt des Himmels immer tiefres Schweigen. Gefangen folgt zuletzt die ganze Schar der Windposaune wunderlichen Launen ... Nun rast es tollkühn, unberechenbar ... Nun stockt es wie in fragendem Erstaunen ... Oh Sonne! Sonne! Mutter! Mutter! flehen, verzweifeln, weinen, drohen all die Stimmen und drohn und flehn in immer bangren Wehen, je mehr des Tages Brände rings verglimmen. Doch droben – seht ihr? die Zigeunerin! Entstahl sie sich dem Kreis der braunen Söhne? Wo kam sie her, das Weib? Wie kam sie hin? Wie wächst sie hoch in schattenhafter Schöne! Und hört ihr – hört! wie ihre Lippen singen – ein Lied, das endlich alles überwindet, in sich die andern Stimmen alle bindet, damit Natur und Menschheit sie umklingen. Es ist das tiefe Lied der Einsamkeit, das Königslied der großen Ungekrönten, das Klagelied der würdelosen Zeit, das Trutzlied aller nur mit sich Versöhnten, und ist der Weisheit gütiger Gesang, des Willens jugendewiges »Es werde!«, der Liebe Durst und Pein und Überschwang, es ist das Schicksals-Hohelied der Erde. Der Wald ward still. Kein Hauch im Wipfelschweigen. Der Sterne Chor bewegt sich klar herauf ... Und schlanke Leiber, edle Häupter zeigen sich hoch vom Turme seinem ernsten Lauf ... Die überall Verstoßenen, sie wohnen in der Unendlichkeit azurnem Zelt –: Um ihre Stirnen brennen bleiche Kronen, und ihre Seelen sind der Sinn der Welt. Waldluft Aufforderung Stiller Wälder süßen Frieden laßt uns suchen und genießen! Stätten, heimlich, abgeschieden, mögen uns der Welt verschließen! Seht ihr dort das braune Tierchen – unsern kleinen Nüsseknacker, unser schelmisches Possierchen, unsern blitzbehenden Racker? Wirf uns nicht mit Bucheneckern, Kätzchen, führ uns leise Wege, wo Gelächter heimlich meckern, kommen Menschen ins Gehege ... Nachtigallenchor dem Reigen lichter Elben schlägt und flötet, bis der Mondnacht Silberschweigen erste Frühe überrötet ... Wo auf großgeäugter Hinde lauscht die stumme Elbin Stille, wenn das Ungestüm der Winde endlich zwang ihr flehnder Wille ... Wo der Gnomen kluge Völkchen aus Irrflämmchen, Neumond-Tauen, Regenruch, Gewitterwölkchen ihr geheimes Wissen brauen ... Stiller Wälder süßen Frieden laßt uns suchen und genießen! Stätten, heimlich, abgeschieden, mögen uns der Welt verschließen! Krähen bei Sonnenaufgang Noch flieht der Blick des jungen Tags der Berge nebelgraue Gipfel, und schon entschwebt, gemeßnen Schlags, die erste Krähe ihrem Wipfel. Der schwankt, befreit von schwerer Last, daß rings die Zweige sich bewegen: Fahlsilbern sprüht von Ast zu Ast des Frühtaus feiner Flüsterregen. Doch eh sein Flüstern noch erstickt, enttönt ein »Krah« dem stillen Raume: Der Vogel hat am Wolkensaume das erste blasse Rot erblickt. Auf allen Wipfeln wacht es auf und schüttelt sich und ruft nach Taten ... In lautem Streiten und Beraten erhebt sich endlich Hauf um Hauf. Nur zwei Gewitzte warten schlau, bis alles nach und nach verstoben, sie wissen einen nahen Bau, den gestern Jäger ausgehoben. Ein Käuzleinflügel harrt hier noch, die Kecken lecker zu belohnen –: Das Paar umkreist erregt das Loch ... Braungolden glänzt das Meer der Kronen ... Das Häslein Unterm Schirme, tief im Tann, hab ich heut gelegen, durch die schweren Zweige rann reicher Sommerregen. Plötzlich rauscht das nasse Gras – stille! nicht gemuckt! –: Mir zur Seite duckt sich ein junger Has ... Dummes Häschen, bist du blind? Hat dein Näschen keinen Wind? Doch das Häschen, unbewegt, nutzt, was ihm beschieden, Ohren, weit zurückgelegt, Miene, schlau zufrieden. Ohne Atem lieg ich fast, laß die Mücken sitzen; still besieht mein kleiner Gast meine Stiefelspitzen ... Um uns beide – tropf – tropf – tropf – traut eintönig Rauschen ... Auf dem Schirmdach – klopf – klopf – klopf ... Und wir lauschen ... lauschen ... Wunderwürzig kommt ein Duft durch den Wald geflogen; Häschen schnubbert in die Luft, fühlt sich fortgezogen; schiebt gemächlich seitwärts, macht Männchen aller Ecken ... Herzlich hab ich aufgelacht –: Ei! der wilde Schrecken! Mittag-Stille In der blauen Mittag-Stille stehn die Föhren ohne Regung; hält des Windes wilder Wille einmal nicht sie in Bewegung? Wie sie dem Gebieter grollen, der sie Tag und Nacht ohn' Ende zwingt, Gehorsam ihm zu zollen, Flüsterlob und Wohlduft-Spende! Und sie rühren keine Nadel, träumen stumm ins blaue Schweigen; selber ihren Groll und Tadel haben sie nicht Lust zu zeigen; kurzes Spechtgeklopf umlärmt sie, Brummvolk summt nach süßem Lohne, tiefes Wohlgefühl durchwärmt sie von der Wurzel bis zur Krone. Sommernacht im Hochwald Im Hochwald sonngesegnet hats lange nicht geregnet. Doch schaffen sich die Bäume dort ihre Regenträume. Die Espen und die Erlen – sie prickeln und sie perlen. Das ist ein Sprühn und Klopfen als wie von tausend Tropfen. Die Lärchen und die Birken – sie fühlen flugs es wirken. Die Fichten und die Föhren – sie lassen sich betören! Der Wind weht kühl und leise. Die Sterne stehn im Kreise. Die Espen und die Erlen: sie schaudern tausend Perlen ... Mattenrast Wiese, laß mich ganz in dein Wohlgefühl versinken, dein legionenfältig Sein als mein eignes trinken. Deine breite Sonnenbrust laß die meine werden, meine Lust die feine Lust deiner Gräserherden. Mächtig schwelle mein Gesang dann aus solchem Grunde, künde Glückesüberschwang höchster Sommerstunde. Bergziegen Vor dem Abendhimmel gehen längs der Felsen schärfsten Kanten ein – (da bin ich schon gesehen!) Bock und seine Geißtrabanten. Und nun spähen sie herunter, stehen, wie aus Stein geschnitten ... Aber blitzschnell sind sie munter, bin ich meines Wegs geschritten! Und in weiten Sätzen eilt die Herde, mich ins Dorf zu bringen; blick ich rückwärts, so verweilt sie, schreit' ich, hör ichs wieder springen. Endlich sprech ich Donnerstrophen, wende mich an ihre Bärte: Laßt des Philosophen Fährte! Seid doch selber Philosophen. Feierlich und fragend schauen lang wir einer auf den andern ... Und mit hochgezognen Brauen lassen sie mich schließlich wandern. Der alte Steinbruch Tief im Walde, tief im Walde bildet, fern der Wege Reich, eines Bruchs verlaßne Halde einen kleinen, stillen Teich. Moosbewachsne Blöcke ragen aus der seichten Regenflut, Falter und Libellen jagen über bunter Lurche Brut. Aber wenn im Abendbrande hinterm Wald die Glut verraucht, stößt und rudert es vom Rande, kriecht und klettert, plumpst und taucht. Und der Unken Urgroßahne – niemand weiß, wann Gott ihn schuf – ruft, daß er sein Weibchen mahne, seinen dunklen Werberuf. Daß das Froschgeschlecht nicht sterbe, bleibt zuletzt nicht Einer still: Denn der Tümpel ist ein Erbe, das getreu gewahrt sein will. Liebeskranke Grunzer fliehen der bewegten Weibchen Schlund; immer kühnre Harmonien füllen den dämmertrauten Grund. Bis des Mondes Goldhorn endlich neuen Schimmers alles speist: Nun erwahrt sich unabwendlich trunkner Nächstenliebe Geist ... Tief im Walde, tief im Walde schwärmt Froschbräutigam und Braut in versteckter Steinbruchhalde, bis der letzte Stern ergraut. Beim Mausbarbier »Springst auch zum Bader?« »Ja!« »Spring'n wir zusammen!« »Ein schöner Sonntag heut –« »Duck dich!« »Was ist?« »Ein Has!« »Ein Has! das ist 'was Recht's!« »Sei still! wenn er dich hört, so –« »Nun?« »Verklagt er uns beim Raben!« »Du!« »Was hast? ein Korn?« »Hihi! die Hälfte fress' ich –« »Mehlgebacknes?« »Und mit der andern zahl' ich –« »Den Barbier? Und ich?« »Hi! wenn du noch dein Weibchen wärst!« »Ich beiß' dich –« »Still! da sind wir!« »Guten Morgen!« Aus einem Erdloch unter einer Wurzel verbeugt sich tief ein alter Mausekopf –: »Frisieren? brennen? Bitte, nur herein!« Die Mäuslein nehmen Platz auf einer Moosbank und harren stumm in saubern Spinnwebmänteln, indes der Alte seine Eisen draußen auf einen Stein ins Sonnenfeuer legt. »Die Härchen ausziehn?« »Nach der Mode!« »Bitte! ...« Bedächtig zieht der alte Mausbarbier die Schnurrbartfädchen durch das warme Scherlein. Dann wichst er sie ein wenig noch mit Harz und wäscht zum Überfluß die samtnen Köpfchen mit Birkenöl und scheitelt sie geschickt. Dann knüpft er flink die Mäntel ab und bürstet die sonntäglichen Wämser spiegelglatt. Mit Anstand holt das eine Mäuslein drauf den Kuchen aus der Tasche: »Bitte!« »Danke!« ... Von seinem Loch aus guckt der Mausbarbier dem stolzen Paar behaglich knabbernd nach und lugt vergnügt zum blauen Himmel auf, der reiche Kundschaft heute noch verspricht. Elbenreigen Auf der Wiese webt und schwebt Elbenringelreigen; feiner Füßchen Schnee sich hebt zu geheimen Geigen. Schleier schlingen sich im Ring, Silberflechten flimmern, Flügel wie von Schmetterlingen scheu im Monde schimmern. Jedes Köpfchen krönt ein Kranz goldner Leuchtlaternchen, wunderwirr verstrickt der Tanz all die tausend Sternchen. Busen wogen, Wangen glühn bräutliches Begehren –: Wird der Rechte heut sich mühn, werden sie nicht wehren. Lüstern läuft ein lauer Wind übers Taugelände ... Plötzlich hebt ein Elbenkind warnend beide Hände: »Horcht! Was kommt da übern Berg durch den Wald gegangen?« »Hei, die Zwerge, dummen Zwerge wolln uns fangen, fangen!« »Husch hinaus! und auf den Strom!« ... Oh ihr Trotzeköpfchen! Durch die Bäume lugt ein Gnom – schüttelt trüb sein Schöpfchen. »Ur-Ur« In den dunkelsten Nächten, wo nur die Eule noch jagt, zieht durch des einsamsten Waldes finstersten Teil ein gespenstischer Stier ... Sie nur kennt seinen Namen und ruft ihn –: »Ur-Ur ... Ur-Ur ...« Über ihm streicht sie mit glühenden Augen ... Niemand weiß es, denn sie: Ur vater ist es, Wald vater, Welt vater, totgeglaubt, ewig doch – »Ur-Ur ... Ur-Ur ...« Wach wird der ganze Wald, horcht, späht ... Gedrängt und geduckt, zittern die Vöglein ... Unhörbar huscht's durch die Bäume ... »Ur-Ur ... Ur-Ur ...« Geier Nord Der Geier Nord fliegt übern Wald, in einen grauen Sack gekrallt, er hat nicht leicht zu tragen. Er fliegt zu niedrig ob der Erd', die Fichten drohen ihm Gefährd', die dort so spitzig ragen. Da ... schon ... da hängt das Wolkentuch! Hörst du des Geiers grausen Fluch? Er muß es fahren lassen: Und aus dem aufgerißnen Sack spreun lustig sich auf Tann und Hag Frau Holles weiße Massen. Erdmännlein halten hohle Hand und schmücken mit dem Glitzer-Tand laut kichernd ihre Weiblein. Die stelzen hoch daher, doch weh! schon schmelzen die Geschmeid' aus Schnee, und naß sind alle Leiblein. Am Himmel kommt der Nord zurück mit einem neuen Wolkenstück, – doch wieder bleibt es hängen. Wenn das so fort geht –, Leutlein, rennt nach Haus, sonst wird das Element euch ernstlich noch bedrängen! Das Völklein läuft. Der Geier gibt's voll Trotz nicht auf – und endlos stiebt's aus aufgespießten Säcken ... Den ganzen Tag, die ganze Nacht ... Wohl tausend Stück, von ihm gebracht, den Waldgrund nun bedecken. Zwischenstück Fusch-Leberbrünnl (Herzogtum Salzburg) Tagebuch-Fragment 10.-22. August 1896 Vor einem Gebirgsbach Nulla dies sine linea 10. August 1896 Waagrecht diese Wasser, – und zu Ende Wellenspiel und jähe Formenwende! Wo liegt's? Der Wechsel selbst, für sich allein? Der Wechsel nur in mir, nur Form, nur Schein? 11. August 1896 Dunkel von schweigenden Bergen umschlossen, vergessen die Welt wie ein Puppenspiel, nebelumflossen, regenumgossen, doch in der Brust ein leuchtendes Ziel. 12. August 1896 Hinaus in Nebel und Regen, wie stark auch der Himmel trauft! Mit Sprühwasser-Morgensegen die junge Stirne getauft! 14./15. August 1896 Spät von Goethe und andrem Wein hab ich mich des Nachts getrennt –: Legionenfacher Schein überfloß das Firmament. Wie ein Silberschauer rann grenzenlose Sternenpracht über Gipfel, Hang und Tann durch die tiefe, heilige Nacht. Morgen 15. August 1896 Nun sind die Sterne wieder von blaßblauer Seide verhüllt, nun Näh' und Ferne wieder von junger Sonne erfüllt. Ihr weißen Wasser, die ihr hinab zur Ebne springt, oh sagt den Freunden, wie mir das Herz heut singt und klingt. Und doch! (d.) Und doch, ich sag es frank und rund, mir fehlt noch was zum Glücke –: Ein lieber, süßer Mädchenmund, ein Arm, der meinen drücke, ein Aug, darein ich glänzen könnt' mein jubelndes Empfinden, ein Blondhaar, das ich Keinem gönnt' sich um die Hand zu winden. Nebel im Gebirge Schwerer Nebel dunkle Lasten sinken von dem Schnee der Kämme über öde Herdenrasten in des Tannichts finstre Stämme. Nur des Baches bleiche Brandung rauscht und leuchtet noch gerettet, – bis die düstre Dunstgewandung endlich ihn auch überbettet. Vor zurückgeschickten Versen 16. August 1896 Urteilsloser Nörgler Schlag ruhig schelten lassen! Müssen dich nach Jahr und Tag dennoch gelten lassen. 17. August 1896 Schlechte Wittrung trägt sich gut, wenn die Luft nur rein ist; Städtedunst verdirbt das Blut, selbst wenn Sonnenschein ist. (d.) Möcht' es wohl hier oben wagen, Apostat vom Tinten-Grale, mit des Bergstocks hartem Stahle Runen in den Fels zu schlagen! Abendliche Wolkenbildung (d.) Oben stille, bleiche Lämmer, drunter sonngoldschwere Züge, trotz erhöhter Hellnis Lüge ohne Wehr dem nahen Dämmer. 18. August 1896 Wer doch den trüben Wahn erfunden, daß keine Seele glücklich sei! Ich war's, ich bin's! in reichen Stunden von aller kleinen Trübsal frei. Nicht wahrlich, da mit heisrem Atem die Menge mir den Weg verbellt, – doch nun Suleika sich und Hatem mit goldnen Liedern mir gesellt. Nun da Natur mich treu umbreitet mit Tannen, hehr wie Hafis' Geist, und drüber mir die Blicke weitet, bis, wo der letzte Fels vereist. Wie sollt ich da nicht Mensch sein mögen, ein weltverleumderischer Tropf! So gern sie auch herunter bögen den heitren, hochgemuten Kopf. Abendbeleuchtung 19. August 1896 Wie sich die Gebirge bauen, Sonnenspätlichts überboten, fern zurück: von milchig blauen bis zu violett- und roten! »Dichter«? 20. August 1896 Nur nicht eignen Gang bespähen! Immer kopfhoch weiter wandern! Bald genug, und gleich den andern wirst du im Register stehen. Briefe (d.) Briefe von den beiden treusten, liebsten, schönsten Weggenossen! Ihr in dritten Freundes Fäusten: Und der Zirkel ist geschlossen. Vor einem Wasserfall (d.) In breiten Spießen stürzt die Flut zu Tal, noch mehr, in lang hinabgedehnten Brüsten – – bis endlich wehnder Staub der letzte Strahl und hier und dort gestreut nach Winds Gelüsten. »Leberbrünnl«-Schlucht (d.) Jeden Abend, den ich kehre aus der Täler weitem Lauf, geht mein Herz in Dank und Ehre deiner stillen Schönheit auf. 21. August 1896 Freundin Phanta hat unzweiflich mich hier oben schnöd verlassen, doch Faulenzen, Schlafen, Prassen macht es unliebsam begreiflich. Natur spricht (d.) Mußt denn um mein ewig Leben immer arme Verse spinnen? Glaubst du Größeres zu geben, wo so Großes zu gewinnen? Laß die undankbaren Musen, bin ich Mutter nicht von allen? Besser als an ihrem Busen wirst du dir bei mir gefallen! Ich antworte Ach wenn ich gewinnen könnte kindesweich noch wie vor Jahren! Allzufrüh schon, Mutter, gönnte mir mein Stern, allein zu fahren. Kannst mir Lieb' und Heimat geben? Für mich Tote neu mir schenken? Dunkles Irrn, verfehltes Streben in Vergessens Abgrund senken? Kannst du neu mich selber schaffen? Nochmals dich in mich verschwenden? Kannst du beßre Lebenswaffen tatbereitem Sohne spenden! Nein, auch du kannst mich nur trösten. Hilfe kommt allein von innen. Meiner Lebenswerte größten werd' ich nur durch mich gewinnen. Nebel ums Haus (d.) Ein Dunstgewölb, wie ich noch keines sah! Durchbleicht von außen von des Vollmonds Schein! Auf kleiner Insel dünk' ich mich allein – bin ich Napoleon auf St. Helena? ... Der nahe Bach gibt lauter Brandung Ton ... Durchs Tannicht schimmert's hell – wie meilenweit ... Ich brüt' in ungeheure Einsamkeit ... Nach Englands Küste kehrt Bellerophon. Zum Abschied an F.-L. 22. August 1896 Wie ich schwer von deiner stillen, unberührten Schönheit gehe! Doch ich habe tiefen Willen, daß ich einst dich wiedersehe. Anmutiger Vertrag Auf der Bank im Walde haben sich gestern zwei geküßt. Heute kommt die Nachtigall und holt sich, was geblieben ist. Das Mädchen hat beim Scheiden die Zöpfe neu sich aufgesteckt ... Ei, wie viel blonde Seide da die Nachtigall entdeckt! Den Schnabel voller Fäden, kehrt Nachtigall nach Haus und legt das zarte Nestchen Mit ihrem Golde aus. Freund Nachtigall, Freund Nachtigall, so bleib's in allen Jahren! –: Mir werd ein Schnäblein voll Gesang, dir eins voll Liebchens Haaren! Die beiden Nonnen Ich müßt' es malen, solltet ihr sie sehen, wie ich sie sah, die beiden schwarzen Schwestern –: Allein sich glaubend im beschneiten Walde, der Jugend süße Ungeduld nicht zügelnd, mit einem Male Menschen, Mädchen, Kinder. Die Kleider flogen um die leichten Füße, die Hüften wiegten sich, und jubelnd jagten sie sich mit weißen Bällen durch die Bäume ... Ein schwerer Ast begrub sie fast in Flocken ... Ein Reh erschreckte sie, – und wie des Schreckens sich schämend, klatschten toll sie in die Hände ... Dann stellten sie sich plötzlich gegenüber und maßen ihre Kraft, die offnen Finger verstrickend, bis die eine lachend kniete ... Und fort und fort so heitre Kurzweil treibend, entschwanden sie dem nicht geahnten Späher, bis selbst die Stimmen, heller Lieder selig, im Winterwald sich endlich fern verloren. Am See In trüber Schwermut schaut der feuchte Mond wie ein verweintes Auge durch die Nacht ... Umrauscht vom eignen Odem schläft der See, breitausgebettet bis zum fernsten Wald ... Oft fährt's in Busch und Röhricht schaudernd auf, wie wenn im Halbschlaf sich ein Seufzer löst ... Dann wieder Stille, als ob selber Gott als Alp auf seiner Erde lastete ... Auf dem Strome Am Himmel der Wolken erdunkelnder Kranz. Auf schauerndem Strome metallischer Glanz. Die Wälder zu seiten so finster und tot. Und in flüsterndem Gleiten vorüber mein Boot ... Ein Schrei aus der Ferne – dann still wie zuvor. Wie weit sich von Menschen mein Leben verlor! ... Eine Welle läuft leise schon lang nebenher, sie denkt wohl, ich reise hinunter zum Meer ... Ja, ich reise, ich reise, weiß selbst nicht, wohin. Immer weiter und weiter verlockt mich mein Sinn. Schon kündet ein Schimmer vom morgenden Rot, – und ich treibe noch immer im flüsternden Boot. Frage Wie tief die Wipfel heut erschauern! Wie Schicksal greift es in mein Herz und überwältigt mich, zu trauern, und reift zu altem neuen Schmerz. Schwermütige Gemälde steigen zu klagender Musik empor, und wie sie Jahr um Jahr mir zeigen, erkenn ich, was ich schon verlor. Zuletzt in mich zurückgetrieben – was bleibt mir nun? wem darf ich traun? Wer wird mein stilles Tagwerk lieben? Was bürgt mir, nicht umsonst zu baun? ... Wie tief die Wipfel heut erschauern! Wie Schicksal greift es in mein Herz und überwältigt mich, zu trauern, und reift zu altem neuen Schmerz. Sehnsucht Dort unten tief im Dämmer-Grunde, wo nun so wach die Wasser gehn, und hier verstreut und da im Bunde die mondumwobnen Häuser stehn, dort hast du nun mit all den andern zur sanften Ruhe dich gelegt, indes dem Freunde nur im Wandern das Blut sich minder ruhlos regt ... Schlaf süß in deinem Silbertale, mein Dunkelauge, Rätselkind, gegrüßt von jedem reinen Strahle, der selig in die Tiefe rinnt! Schlaf süß! und sieh den Freund im Traume sich nächtlicher Natur vertraun und von des Bergwalds dunklem Saume verzückt und schmerzlich niederschaun! Friede Wie weich sich Form und Farbe binden in Sommermittags glühem Hauch: – Das Dorf im Schatten alter Linden, ein rötlich Dach, ein Wölkchen Rauch; der Bergbach, dessen heitre Eile sich glitzernd durch die Wiese webt; der Straße laubverhüllte Zeile, die ahndevoll zur Ferne strebt; und all dies gütig eingeschlossen von hoher Felder Gold und Duft; und alles flimmernd überflossen von lerchenlauter Juliluft ... Ich schau des Herdrauchs fromme Kreise zum hohen Blau erblassend ziehn, – und meine Seele füllen leise des Friedens süße Harmonien. Bestimmung Von dieser Bank hinauszuträumen, wenn ferner Erdsaum, lichtverwaist, entgegen den gestirnten Räumen die Sonne dampfend überkreist! ... Da fühle deine treue Erde, wie sie ihr Weltwerk schafft und schafft, daß jedes Land gesegnet werde von ihrer Mutter trunkner Kraft! Und wie du heiß die Arme breitest, von mächtigem Gefühl erfaßt, und dein Gemüt zur Menschheit weitest, die dumpf und dunkel liebt und haßt, – ergreifst du, was du bist, von ferne, und, was du darfst, und, was du mußt, und wirst dir deiner guten Sterne von neuem still und stolz bewußt. Brief an Georg Hirschfeld Mein lieber teurer Georg, Die Dreckseelen, die über Dich einzigen Kerl sich ausgegeifert haben, haben mich ganz krank gemacht. Ich kann mich immer noch nicht fassen und stehe wieder einmal vor einem Ekel vor der »Welt, dieser Großstadtwelt, der mir den Atem benimmt. Aber nimm Dir's nicht zu Herzen, lieber Kerl, denk' an Böcklin, Klinger, Hauptmann und jeden ändern Charakterkopf, den die Menschen bei seinem Auftreten besudelt haben . . . Lieber Junge, Du lachst vielleicht schon über den ganzen Chorus – aber verzeih ich mußte mich hier erleichtern, ich war' Ja fast umgekommen heut Nachmittag. Leb wohl Bruderherz, grüß die Deinen! Dein Christian. 14.V.95.