Alte Lieder Sonnenandacht Du tauchst empor aus Tau und Tag, du wandelst über Hain und Hag, du liebe, leuchtende Sonne! Du gibst dem Mai den Blütenschein und schenkst dem Herbst den Feuerwein und allem Leben Wonne. Du bist das große reine Licht, das sich in schillernden Sümpfen bricht und Lilien lockt aus Tiefen . . . . du bist die Schleierhebende, die Zeugende, Belebende, nach der die Keime riefen. Große Mutter, in deinem Licht werde ich fromm; mein Trotz zerbricht, meine Lippen lernen das Beten. Ich bin bereit, aus Nacht und Schuld an deinen Tag, in deiner Huld flammenden Kreis zu treten. Große Mutter, mein Fehlen und Irr'n bekenne ich dir: ich neigte die Stirn vor den Schatten auf Erden. Ich war so schwach, ich war so klein – große Mutter, ich war nicht dein; aber dein will ich werden! In einen lauteren Goldpokal fang ich jeden leuchtenden Strahl der lebendigen Sonne . . . . Meine Stirn wird klar, mein Arm wird stark: ins Leben gießt du mir Glut und Mark und ins Sterben mir Wonne. Sterben? – Mutter, mein Lachen klingt! Auf den Flügeln der Lerche schwingt es sich hoch in ewige Bläuen. Sterben mag, was da taub und blind . . . . sonnengesättigt wird sich dein Kind tönenden Lebens freuen. Das Höchste Was mir das Höchste ist, das sing ich nicht; verschlossen bleibt des Herzens Heiligtum – und seines Wesens keusches Siegel bricht kein Beifallslächeln und kein Dichterruhm; doch ist mein Schaffen nur von ihm belebt: Wie in der Blüte Kelch, der Felsenglieder granitner Pracht das Unsichtbare webt, so strömt sein Hauch durch alle meine Lieder. Das erste Lied Das erste Lied, das ich gesungen, – um die Kritik war mir nicht gram, – von meinen Lippen ist's geklungen so frisch, wie's mir vom Herzen kam. Ich reimte »sehnen« mit »erkennen« und »dich« mit »nicht« und »Tag« mit »Nacht«; doch kann kein Fürst sich reicher nennen, als mich mein erstes Lied gemacht. Das Kunstgefühl für Maß und Einheit hat mich kein Menschenmund gelehrt, mit Silbenzahl und Formenreinheit hatt' ich mir nie das Herz beschwert . . . . Ich ahnte nur, daß tief im Grunde der Zukunft weltverloren schlief ein Etwas, das mir jede Stunde ein »Singe!« in die Seele rief! Liebe In kindlicher Seele erdämmert die Liebe, wie Grünes der Erde im Frühling entkeimt. Im Herzen der Jungfrau da knospet die Liebe, von künftiger Herrlichkeit sinnend sie träumt. Bis daß sie im Herzen des Weibes entfaltet zu üppigster Blüte berauschend erprangt. Im Herzen der Mutter zur edelsten Reife, zur Krone des Alls, zur Vollendung gelangt. Heilige Stille Im dämmernden Tale, da wallen und wogen, die weiten Gefilde allmählich verhüllend mit bläulichem Duft, die Spitzen der Berge, der fernen, verschleiernd, die Nebel des Abends, die Schatten der Nacht. Auf dunklem Gewässer aufleuchten gleich Nixen die Lilien, die bleichen, und beugen und neigen zum Wasser hernieder und heben dann wieder, mit blitzenden Tropfen, mit Sternen besät, in dunkelnde Lüfte den duftenden Kelch. Und fern aus dem Walde, vom Rauschen des Nachtwinds harmonisch getragen, ertönet in süßen in rührenden Weisen der Nachtigall Sang und haucht in den Frieden der schlummernden Flur hinschmelzende Sehnsucht. Kein Menschenwort stört die heilige Stille, – – und ferne im Osten erhebt sich die Sichel des Mondes in silbernem nächtlichen Glanz. Die Nachtigall schweigt . . . und träumerisch senken die Lilien im Weiher, berührt von dem Strahle des Mondes, ihr Haupt. Eine Dichterin An Meeresstrand bist du geboren, umrauscht von seinem frischen Wind, erblühtest du, der Welt verloren, der Freiheit unentwegtes Kind! Dein Wiegenlied schon sang der Wogen geheimnisvolle Melodie – so ward, in ihrem Hauch erzogen, dein Traum und Sinnen Poesie. Nun wogt die See durch deine Lieder, ein unergründlich tiefes Meer: Die Welle flieht und kehret wieder und glitzernd sprüht der Schaum umher, erbrausend schlägt sie auf am Strande, doch nur des Kenners Blick allein erspäht im feuchten Ufersande der Perle Glanz im Muschelschrein. Frühling am Meer Nun braust vom Felsen zum Meeresstrand auf Wolkenschwingen der Sturm durchs Land; am Dünenhange zerschmilzt der Schnee: – in Frühlingsjubel erbraust die See! – Und sproßt kein Blättchen aus Sand und Stein, und lacht kein Veilchen im Sonnenschein, – Schaumkämme blitzen wie Blütenschnee: in Jubelhymnen erbraust die See! – Wie Gottes Odem die Luft so rein! Ich sauge den Frühling ins Herz hinein: da fließt vom Auge zertauter Schnee; – in Sturmakkorden erbraust die See! – Zu meinen Häupten die Möwe zieht, weit über die Wasser erschallt mein Lied: Verweht vom Sturme des Winters Weh – in Frühlingsjubeln erbraust die See! Spätsommer am Strand Da weht von Süd ein sanfter Hauch aus sonnenlichten Tagen; die goldbelaubten Aeste dehnt der Ahorn voll Behagen. Kein Vogelsang, – kein Blütenduft, – die weiche, warme Sommerluft säuselt in allen Hagen. Nun schaun sich schier verwundert an die schweigenden Zypressen; es ist, als habe der flüchtige Lenz sein Lebewohl vergessen und ginge noch einmal über das Feld, die blasse, sommermüde Welt an seine Brust zu pressen. Durch nackte Zweige schweift der Blick auf graue Wellenpfade: die weißen Wasser tummeln sich am träumenden Gestade; sie flüstern und raunen wie Liebesgruß, sie kosen und spielen um deinen Fuß, leuchten und locken zum Bade. Ihm Ich hab mich dir so ganz ergeben und bin mit Leib und Seele dein, du meines Lebens wahres Leben, du meines Daseins tiefstes Sein! Wie sich der Mond sein mild Gefunkel vom goldnen Glanz der Sonne leiht, so fällt in meiner Seele Dunkel der Schimmer deiner Herrlichkeit! Denn was dereinst mit süßem Beben durch meines Busens Tiefen drang, vermocht ich Worte nicht zu geben – da sah ich dich, und sieh! – ich sang! Was in geheimnisvoller Stille in meines Herzens Garten sproß, verborgen lag's in duft'ger Hülle, bis es sich deinem Licht erschloß! Ein Wunsch Ein Häuschen wünscht ich mir, versteckt und klein, auf dessen Sims sein Lied der Vogel singt, an dessen reb'umsponnen Fensterkreuz der letzte Ton der lauten Welt verklingt. Darin für mich und für die Meinen Raum, vom Straßenlärm der Städte meilenweit – – – und einen Garten pflanzt ich um mein Haus, darinnen Blatt und Blüt und Frucht gedeiht. Ein Apfelbaum, der goldne Früchte trägt, ein Laubgezelt am schwülen Sonnentag, ein Rosenhag, von dessen Duft berauscht, ich einsam sinnen, träumen, dichten mag! Und einen Blick in Gottes schöne Welt, ins ährenreiche wogende Gefild, das, sanft geschwellt vom Hauch des Abendwinds, vom goldnen Erntesegen überquillt. Und so viel von dem Gute dieser Welt gib mir, o Herr, daß ich dem armen Mann, der an die Pforte meines Hauses klopft, ein Stückchen Brot als Imbiß bieten kann! Dann fließe hin, du meines Lebens Tag, kein breiter Strom, der stolz zum Meere wallt, – ein tiefer Bergsee nur, aus dessen Flut des Himmels lichte Klarheit widerstrahlt. Still In Waldes Dunkel, an Baches Borden, die jubelnden Sänger sind still geworden. Und mir auch erging es wundersam: – Als meinem Leben der Sommer kam und die Rosendüfte mein Haupt umfingen, da wollt ich singen und konnt nicht singen. Von der Lippe flutet das Lied zurück – im namenlosen, im stummen Glück nur kann ich vor Gott die Seele neigen, nur lieben und schweigen. Am Morgen Nun bleichen die Sterne im Dämmergrau, und die Geister schweben von hinnen – und ich möchte dich halten, du blühender Traum und fühle dich schon zerrinnen! Ich möchte dich malen als wonniges Lied, mit glühenden Reizen dich schmücken – die Farbe ist blaß und die Form zerrinnt und es will kein Strich mir glücken. Ich möchte dich singen als jubelndes Lied der kommenden Sonne entgegen – das Wort versagt und die Stimme bricht vor des Herzens wogenden Schlägen. Wer faßt den sprühenden Schaum? Wer bannt der Stunde flüchtige Sohle? Wer fängt den Strahl und wer hascht den Duft der träumenden Nachtviole?! Sommernachtszauber Einsam in der Julinacht bin ich träumend heimgegangen; schmeichelnd hielt Resedenduft meine Sinne süß umfangen. Durch die Lindenzweige ging flüsternd ein geheimes Sehnen, von den Blüten fiel der Tau leis und lind wie Liebestränen. Einsam durch die Julinacht irrten Mandolinenklänge, ach, als ob aus Fernen weit deine Stimme zu mir dränge, deine Stimme, die mir einst weich in wogenden Akkorden wie Musik ertönt – und jetzt klanglos, unstet, fremd geworden . . . Fern aus Süd ein Windhauch kam; heimlich durch das Lindendunkel blitzte, deinen Augen gleich, träumerisches Lichtgefunkel. Leuchtend fiel ein Stern herab – ach, wo mocht' sein Strahl sich senken?! Einsam in der Julinacht, weinend mußt ich dein gedenken. – Für heut Ich will dir keine Freude rauben und binde dich mit keiner Pflicht; ich baue nicht auf Treu und Glauben, ein festes Wort begehr ich nicht! Für all die Liebe laß mich danken, die du mir reich und glühend gibst, – und mag dein Herz schon morgen wanken: Ich weiß, daß du mich heute liebst! Noch schäumt der Wein im Goldpokale, noch duftet frisch der Blütenstrauß, die Jugend gießt die volle Schale des Glücks ob unsern Häupten aus; – mit allen seinen Glutgedanken zu eigen nimm mein tiefstes Sein . . . und mag der Erdball morgen wanken: Für heut, Geliebter, bist du mein! Sommernachmittag Der Tag ist schön und blau die Luft; ein süßer Lindenblütenduft umfließt mich in weichen Wellen. – Wie träumend zittert der Rosenstrauch und seine Knospen schwellen im sommerlichen Hauch. Die alte Linde steht und sinnt. In ihren Blättern rauscht der Wind ein Lied verklungner Wonne; die Blüten küßt ein Strahl von Licht, ein goldner Strahl der Sonne, der durch die Zweige bricht. – Ein Vogel singt im Lindenbaum – – ein süßer Klang im süßen Traum – und wieder schweigt die Weise . . . Mir ist: als hört auf weiter Flur ich pochen leise, leise den Herzschlag der Natur. – Abendstimmung Glühendrot der Sonnenball will ins Meer versinken, und die Fluren überall Tau und Frieden trinken; leise wiegt die Knospe sich an dem braunen Zweige . . . . Traumhaft kommt sie über mich, Sehnsucht tief und wunderlich, geht der Tag zur Neige. Mutter Erde Mitternächtges Dunkel spinnt um die Welt ein heimlich Träumen; leise singt der Frühlingswind in den knospenschweren Bäumen. Fern noch einer Lampe Schein, und der Himmel schwarz verhangen – – in den dunklen Birkenhain bin ich einsam ausgegangen. Schmeichelnd um die Stirne streicht mir der Lenznacht weicher Odem, aus den feuchten Beeten steigt Erdgeruch und Nebelbrodem. Aus dem Schoß der Wolken fällt groß und warm der erste Tropfen – und mir ist, das Herz der Welt hör ich in der Stille klopfen. Durch die Nacht, so kirchenstill, geht ein Raunen und ein Regen, jedes kleinste Pflänzchen will Zwiesprach mit dem Schöpfer pflegen. Was in dunklen Tiefen schlief, ruft ans Licht ein neues Werde – und die Kniee beug ich tief zur gebenedeiten Erde. – Herbstwind Durch fahlbelaubte Bäume mit müdem Ton der Herbstwind singt; die sehnsuchtsbange Weise klingt des Nachts in meine Träume. Ach, alle Blumendüfte, das Farbenspiel der Rosenzeit, die ganze Sonnenseligkeit – Zerstoben in die Lüfte! Verstummt ist Scherz und Kosen. – Die mir geblüht in tiefster Brust, das alte Leid, die alte Lust – sie starben mit den Rosen! Nun will kein Stern mehr scheinen. Der Himmel trüb und wolkenschwer, das Haupt so müd, das Auge leer . . . Ich hab verlernt das Weinen! Und wenn die Sehnsuchtslieder der Nachtwind auf den Fluren singt, – in meinem Herzen hallt und klingt sein traumhaft Rauschen wider. Abendzeit Ich weiß es noch, so manches Mal, wenn still der Tag zur Ruhe ging, wenn sich der Sonne letzter Strahl in grünen Baumeswipfeln fing, da ward mir wunderbar zu Sinn in duftverklärter Abendzeit, als wehten durch die Seele hin die Träume meiner Kinderzeit. Vergangenheit! Die Sonne sinkt und färbt der Wolke blassen Saum und mir im Herzen webt und singt ein letztes Lied, ein letzter Traum – die Rosen welkten allzumal, die goldne Zeit zu Rüste ging – kaum, daß ein letzter Sonnenstrahl – sich in der müden Seele fing. – Die Liebe höret nimmer auf Zum Totenfest Verklungene Lieder, verblaßtes Blau, – wie kühl der Wind und die Welt wie grau! Die letzte Rose am Hag verblüht, ein Tränenregen vom Himmel sprüht. So schal und dunkel des Jahres Rest – die Glocken läuten zum Totenfest. Der Mund, der schmeichelnd dich einst geküßt, ward kalt und stumm, nun du elend bist – der Arm, der schützend dein Haupt umschlang, er ruht im Grabe und modert lang, – und das Aug', das lächelnd das deine traf, nun schläft es den tiefen, den ewigen Schlaf. – Und was dich freute, und all, was dein, das sollt für immer verloren sein?! Was irdisch, wurde der Erde Raub; bekränze den Hügel, – den Staub zum Staub. Dann aber den tränenden Blick hinauf: »Die Liebe, sie höret nimmer auf!« Wer heiß geliebt und wer hoch gestrebt, der ist nicht begraben und tot, der lebt – Das Samenkorn, das wir der Erde vertraut, wird keimen, sobald der Himmel blaut, Und das Auge, das heut in Schmerzen weint, wird lächeln, wenn wieder die Sonne scheint. O Tag der Toten, du Tränentag: Wie trüb der Himmel auch scheinen mag, wie tief auch Hügel und Tal verschneit: Ich glaub an die kommende Frühlingszeit, – ich schlage das Auge zum Licht hinauf und weiß: Die Liebe hört nimmer auf! Friedhofszauber Dieser stille Gottesacker, dieses grüne Totenfeld, wie es wieder mich im Banne seines tiefen Friedens hält! Unter diesen Bäumen träumt ich einst mein Leben licht und schön – sonnengoldne Zukunftsbilder winkten von den fernen Höhn. Sonnengoldne Zukunftsbilder lockten schmeichelnd mich hinaus aus der Heimat sicherm Frieden in des Lebens Sturmgebraus. Einen vollen Taumelbecher setzt ich dürstend an den Mund – und ich trank ihn bis zur Neige und ich leert ihn bis zum Grund. In die Heimat kehr ich wieder, nun der Lenz die Fluren säumt: – Meine Schmerzen sind zerstoben, meine Wonnen sind verträumt. In geheimnisvolles Schweigen hüllt mich Lindendunkel ein; durch die knospenschweren Zweige blickt der Maiensonnenschein. Und berauschend von den Hügeln steigt empor der Blütenduft, aber um die fernen Höhen weht's wie feuchte Nebelluft. Dieser stille Gottesacker, dieses weite Totenfeld, wie es mich im Zauberbanne seines tiefen Friedens hält! Im Dämmerschein Verronnen ist der schwüle Tag, verrauscht ist Sturm und Wetterschlag, und durch die regenfeuchte Luft weht träumerischer Lindenduft; – es spinnt die Welt ein Zauber ein: Ich harre dein! Ich harre dein seit langer Zeit; gewintert hat es und gemait, – für jede Rose, die erblich, entfaltet eine andre sich; aus jeder Nacht bricht Frührotsschein: ich harre dein! Ich harre dein am alten Platz, – und weißt du's noch, herzlieber Schatz, weißt noch, wie du vor Jahresfrist allabendlich gekommen bist? Allabendlich im Dämmerschein ich harrte dein! Nun dünkt's mich fast ein süßer Traum; vorm Haus der alte Lindenbaum, die alte Sehnsucht in der Brust nach Märchenzauber, Liebeslust – und rings die Welt im Dämmerschein und ich allein! – Und unten tief im Böhmerland ein Städtchen liegt an Bergesrand; der letzte feuchte Abendstrahl küßt Meeresstrand und Felsental – es spinnt auch dich der Zauber ein: Gedenkst du mein? Kein Frühling Und hoffst du noch von Tag zu Tag, ob's endlich Frühling werden mag? Es hüllt den goldnen Sonnenschein ein grauer Wolkenschleier ein; durch kahle Bäume braust der Nord, kein grüner Hauch, kein Blättchen dort; und wagt sich unterm Moose dicht ein Blümchen kühn hervor ans Licht, da trifft es rauh des Sturmes Kuß, so daß es schauernd sterben muß. Und doch – der Mai steht vor der Tür: – Ich klopfe lang; wer öffnet mir? Wer öffnet meiner Frühlingslust die ganze volle Menschenbrust? Wer öffnet meinem Sonnenschein ein Herz, von Trug und Torheit rein? Wer öffnet meiner Herrlichkeit ein Auge, daß sich dran erfreut?! Die Menschen hasten eilends fort; durch kahle Zweige braust der Nord. Und schlägt dein Herz im wärmern Schlag, zu Boden drückts das Ungemach, und tritt aus deines Hauptes Tor ein Lichtgedanke kühn hervor, ihn trifft des Lebens eis'ger Kuß, so daß er schauernd sterben muß . . . Und fragst du noch von Tag zu Tag, wann's endlich Frühling werden mag? Das alte Lied Da klingt im Wind das alte Lied voll Seufzer und voll Tränen – durch meine müde Seele zieht ein namenloses Sehnen; es ist, als ging ich ganz allein auf schneeverwehter Halde und träumt vom goldnen Sonnenschein, dem ersten Grün im Walde. Du wonnesel'ge Jugendzeit, heut laß mich dein gedenken, in deine Tiefen all das Leid des grauen Jetzt versenken, – daß wie ein Blumenkelch betaut mein Aug' noch einmal strahle; du lockst so süß wie Glockenlaut in meinem Heimattale. So sei gegrüßt, mein Morgenstern, um den die Nebel weben! Du warst ein Traumbild, licht und fern, doch wert ein ganzes Leben! und ob ich abgrundtief in Pein, in Schuld und Weh versänke: Ich kann nicht ganz verloren sein, so lang ich dein gedenke. Frühlingsbotschaft Sinnst du noch den alten Schmerz? – Sieh, schon aus der Erde Gründen dringen Knospen himmelwärts, blühend Leben zu verkünden; aus dem dunklen Bann der Nacht, aus des Winters starren Banden ist in lichter Morgenpracht sonnenfroh der Lenz entstanden! – Lächelnd sucht der goldne Strahl, ob sich hinter dichten Hecken nicht im engsten Felsental noch ein Veilchen möcht verstecken, – und er küßt des Berges Firn, daß sich scheue Nebel senken, wie sich von der Menschenstirn löst ein lastendes Gedenken. Selbst im tiefsten Waldesschoß, wo bei schwülen Juligluten über Farrenkraut und Moos grüne Schattenwellen sluten, blitzt der letzte Abendschein goldig in die feuchten Gründe, daß er dem Vergißnichtmein auch des Lichtes Botschaft künde! Nur um deine Stirne spinnt sich kein Traum von Lenz und Wonne; deine Wangen, blasses Kind, rötet dir kein Strahl der Sonne – sei getrost! – So lange noch lindernd deine Tränen fließen, kann aus tiefem Schatten doch einst des Glückes Blume sprießen! Gewitterwind Von den Höhen braust der Gewitterwind, und die Bäume wirbeln und schwanken; wie die wehenden Blätter im Winde sind im Haupte mir die Gedanken. – Und es war eine Zeit, da leis und lind die Mailuft umkost uns beide: Jetzt braust von den Höhen der Gewitterwind, – fahr wohl, fahr wohl – ich scheide! Ich sage dir nicht: »Auf Wiedersehn!« – Noch blüht ja die Rose am Hage, wer weiß denn, wie viele der Stürme gehn noch brausend durch unsere Tage, wie manches duftige Blumenkind noch welk wird in Lust und Leide: Von den Höhen braust der Gewitterwind, – fahr wohl, fahr wohl – ich scheide! Zur Osterzeit Ist das ein Ostern! – Schnee und Eis hielt noch die Erde fest umfangen; frostschauernd sind am Weidenreis die Palmenkätzchen aufgegangen. Verstohlen durch den Wolkenflor blitzt hie und da ein Sonnenfunken – es war, als sei im Weihnachtstraum die schlummermüde Welt versunken. Es war, als sollten nimmermehr ins blaue Meer die Segel gehen, – im Park ertönen Finkenschlag, und Veilchenduft das Tal durchwehen. – Und dennoch, Seele, sei gewiß: Wie eng sich auch die Fesseln schlingen, es wird der Lenz, das Sonnenkind, dem Schoß der Erde sich entringen. Dann sinkt dahin wie Nebelflor auch all dein Weh und deine Sorgen, und veilchenäugig lacht dich an ein goldner Auferstehungsmorgen! – Suleika Nicht im Rosenschmuck der Jugend fand ich dich und liebt ich dich, grau schon ringelten die Locken um der Stirne Weisheit sich, doch in deinem Kusse lodert ungezähmte Jugendkraft, stimmt die Harfe meiner Seele zur Musik der Leidenschaft. – Deine grauen Haare bergen, was in deiner Seele ruht, wie die Asche des Vulkanes Zeuge ist der innern Glut, und aus deiner Augen Tiefen, sprühet blitzend, göttlich rein, ewig junges Leben kündend, deines Geistes Feuerschein. Die ewige Braut So lebt sie schon seit vielen Jahren, ach, ohne Jammer, ohne Lust – sie trägt Juwelen in den Haaren und goldne Ketten auf der Brust. Und doch vergißt sie nicht zu pflegen der Myrte Reis, ein letztes Pfand, das einst auf seiner Brust gelegen, als schon sein Herze stille stand. O einmal noch! O einmal noch den Goldpokal an meine Lippen setzen, in hast'gem Zug zum letztenmal mit sprüh'ndem Schaum sie netzen! O einmal nur in jäher Lust auflodern und – verderben, – dann mag verwehn der Rosenblust, dann schmettert hin, ihr Scherben!! – Gewandert bin ich ohne Stern, fand nirgends Ruh und Segen, das holde Glück zog meilenfern vorüber meinen Wegen; Zuweilen klang in stiller Nacht sein Ruf mir leis und linde, er klang so süß, er lockt mit Macht und ist verweht im Winde – – – Du lichte Welt, du grüner Hag, geschmückt mit Blumenkränzen, du sonnengoldner Sommertag, nicht mir gilt euer Glänzen! Verrauscht, verrauscht ist Spiel und Tanz, es welkt das Grün der Linde: Auf meinem Grab der Totenkranz, bald flattert er im Winde! O einmal noch den Goldpokal an meine Lippen setzen, in hast'gem Zug zum letztenmal mit sprüh'ndem Schaum sie netzen! O einmal nur in jäher Lust auflodern und verderben, – – – dann mag verwehn der Rosenblust, dann schmettert hin, ihr Scherben! Tiefes Schweigen Aus dem Schleier lichter Wolken lächelt matt der Sterne Schein auf die dunkle Welt hernieder, auf den totenstillen Hain. Lautlos ruht das Reh des Waldes, lautlos steht des Waldes Baum, und, von Geisterhand gesponnen, deckt die Welt ein tiefer Traum. Lautlos, wie des Waldes Schweigen, ist der Menschenseele Schmerz – Sterne blicken aus dem Schleier lichter Wolken niederwärts. Winternacht Die lange, lange, dunkle Nacht hab ich durchwacht, mit Seufzen und in Tränen tät sich mein Herz aus öder Qual dem Sonnenstrahl, dem Licht entgegensehnen. Und nun es kommt – wie bleich und kalt: es wogt und wallt des Nebels Wahngebilde, – zu Eis erstarrt die Träne – ach! ein Wintertag liegt über dem Gefilde! Gewitterstimmung Ueber das Meer hin zuckt der Blitz. – Wehklagend neigen die Häupter der Eichen sich vor dem rasenden Sturm; – aber im Schatten der Wetterwolke, fahl überflutet von wechselndem Zwielicht, wogenumrauscht und weltvergessen liegt der Ort, da die Sturmverschlagnen Frieden endlich, die Müden alle Ruhe finden und schlafen – schlafen. Ruhe finden und endlich schlafen! – Und nach dem Sturm, wenn die Donnerschläge lange verhallt, wenn am Himmelsrande müde die letzten Blitze flackern, – dehnt sich noch immer die uferlose Wüste weinender grauer Wolken, – dehnt sich des Lebens endlose Leere, wenn der Sturm in der Brust verrauscht. Ruhe finden und endlich schlafen! – Ja, ich grüße dich, heilige Erde, die die Hoffnungen nie erfüllte, alle die sturmgeknickten Knospen, alle die blitzgetroffnen Blüten, die den Garten des Lebens schmückten, gnädig mit grünem Schleier deckt! Ja, ich grüße dich, Hafen des Friedens; sehnend wendet der Wandermüden Blick sich nach dir. – Ueber das Meer hin zucken die Blitze – – – Die Fahrt des Lebens Goldbeglänzt von Abendglut träumt das Meer in Frieden; lieblich tanzen auf der Flut singende Sylphiden. Fremdmelodisch klingt ihr Wort, lockend ihre Töne, – – – und du stehst an Schiffesbord, lächelst ihrer Schöne, – – – wie sie matt vor dir entstehn, leuchtend sich entfalten, grüßen und – vorübergehn, wechselnde Gestalten. Und mit jedem Bild des Scheins allgemach entschwinden wird ein Teil von deines Seins innerstem Empfinden, wird mit jedem Wesen, das flüchtig schwebt von hinnen, auch in deinem Stundenglas Korn um Korn verrinnen, – – – wird die Nacht den Ozean finstern Blicks umschweben, wird des Meeres glatte Bahn wogend sich erheben. – – – Dunkel wird's und schauerlich, nun die Farben blassen, nun der Jugend Träume dich, treulos dich verlassen. Kalt und einsam stehst du noch, ob die Winde stürmen, ob die Wogen bergehoch um dein Schiff sich türmen. Traumhaft wird dir manchmal sein, ob aus Meerestiefen, matt beglänzt von Sternenschein, Geisterstimmen riefen – und es wird ein bleiches Weib aus den Fluten steigen, weiß umwallt den schlanken Leib mild sich zu dir neigen. Gegen Morgen geht ihr Pfad . . . – wie die Winde wehen: Sehnsucht wird am Steuerrad deines Lebens stehen, wird mit leiser Geisterhand deinen Kahn regieren, sicher ihn zum Heimatland deiner Träume führen. Heimkehr Die Abendglocken tönen hinaus ins stille Land – die Weizenfelder glühen im letzten Sonnenbrand – es schließen sich die Blüten, die Lüfte flüstern lind: Auch dir ist Ruh beschieden, auch du bist Gottes Kind! O Heimat meiner Lieben, wie oft ertönte schon in meiner Seele Ringen dein Abendglockenton! Wie oft, wenn ich im Hader mit Gott und Welt erglüht, ward er zu Friedensklängen dem kämpfenden Gemüt! Und wenn des Lebens Wogen um mich gestürmt, gegrollt, wenn fast mein Aug vertrocknen, mein Mund verschmachten wollt, wenn in des Tagwerks Mühen erlahmt mein müder Fuß – wie hab ich mich gesehnet nach seinem Friedensgruß! Und nun ich ihn vernommen in meiner Väter Land, nun leg ich wandermüde den Stecken aus der Hand; die Bürde werf ich lachend hinab zum Straßenrain – und unter Glockenklängen geh ich zur Heimat ein. Kuh' Nun wird es Friede; nun schweigt einmal des Lebens Schmerz; es senkt sich der Mond ins träumende Tal und in mein Herz; die Sonne in schimmernden Fluten schwand, die Blüten schließen sich zu – und über dem goldig verdämmernden Land liegt Abendruh'. Ich stehe am Meer – und wie das Meer schweigt auch mein Herz, es flutet darin keine Woge mehr in Lust, in Schmerz. Mit der sinkenden Sonne schlossen sich die Blüten der Hoffnung zu und über der Seele Dämmerung liegt Todesruh'. Woran ich kranke Das ist's, woran ich kranke: Wie fest auch Sinn und Rat – ach, stets ist der Gedanke mir größer als die Tat! – Mag ich in Träumen schauen mir Söller und Prunkgemach, das goldene Schloß zu bauen, ist meine Hand zu schwach. Und was mit Lenzgewalten durch meine Seele zieht, zu halten und zu gestalten, versagt mir Wort und Lied . . . ... Kein Glück Kein Glück! So hat die Alte mir mit fahlem Lächeln prophezeit, wer in der Liebe Spuren geht, des Weggenoß heißt Herzeleid. Kein Glück! Ich ging durch Klamm und Klust stieg gipfelauf in Mittagglast und trank der Sonne rotes Blut und mit mir trank der bleiche Gast. Kein Glück! Ich trug den Demantkranz, das Purpurkleid im Märchenschloß, und steh nun doch an Abgrunds Rand – und leise lacht mein Weggenoß. Weihe-Nacht Ein leises Rauschen durch die Tannenzweige – des kurzen Tages Zwielicht geht zur Neige. Im Westen glimmt ein matter Rosenstreif, auf stille Fluren fällt der weiße Reif. Der weiße Reif, der rings das Feierkleid der Erde stickt mit flimmerndem Geschmeid. Der Abend kommt. Es kommt die heilige Nacht, die aus den Menschen selige Kinder macht, die Weihe-Nacht, da trost- und wundersam ein Märchentraum zur dunklen Erde kam: Der Friedenskönig, den die Welt verstieß, weil er die Armen Gottes Kinder hieß. Weil er den Sanften, der den Frieden liebt, den Liebenden, der seine Seele gibt, weit über alle Reichen dieser Welt, hoch über alle Herrschenden gestellt. Du Weiser, seit die Engelharfen klangen, sind nun Jahrtausende dahingegangen, die deinen Namen auf den Fahnen trugen und zu den fernsten Ländern Brücken schlugen, Millionen Kirchen prangen dir zum Ruhme, die ewige Flamme brennt im Heiligtume . . . . Und dennoch, du, der Sklaven Heil gespendet, du wärst noch heut in tiefe Nacht gesendet, du schienst auch heut in unser finstres Tal aus fernen Himmeln, ein verirrter Strahl; und gingest du im schlichten Arbeitskleid durch deine Menschheit, deine Christenheit, sie hätten heute dir das Kreuz errichtet und morgen dir den Holzstoß aufgeschichtet! Hoch auf dem Grunde, den dein Blick gesucht, darüber hin rast laut der Zeiten Flucht, da regt sich's dumpf, und aus der Erde Schoß ringt sich der Urquell aller Sehnsucht los. Die Welt durchhallt ein Schrei nach Luft und Licht: Wann braust du, Strom, der Wall und Schranke bricht? Wann kommst du, Tag, da hell die Sonne steigt, vor deren Glanz der tiefste Schatten weicht? Ich sah dein dunkles Angesicht erglühn in einem Strom von Licht. – Ich sah dein Aug, das sonst so trübe, verklärt von einem Strahl der Liebe. Da ward mir traumhaft wunderbar zumut; in tiefster Seele war mir's fast, als könnt der lichte Schein ein Abglanz meiner Liebe sein. Erinnerung Selige Kinderzeit! Aus der Vergangenheit dämmernden Tiefen tauchst du, ein Stern, herauf, – schlägst du die Augen auf, die – ach, wie lange Zeit! – müde schon schliefen! Lachender Ostseestrand! – Leuchtender Meeressand! Ueber die Wogen kommt es wie Nixensang, kommt es wie Glockenklang, aus fernem Heimatland tönend gezogen. Düne, von Wald umkränzt, schimmernd ein Segel glänzt in blauen Weiten: So durch die wunde Brust mag alte Jugendlust einmal noch unbegrenzt lächelnd mir gleiten! Heilige Nacht Eh der Stern von Bethlehem noch im dunklen Tal erschienen, lösten, Sklaven zu bedienen, Fürsten schon ihr Diadem; ahnend eine höhre Macht, grüßten sie die heil'ge Nacht. Eh das Licht der Welt genaht, flammten schon in tiefer, scheuer Waldesnacht die Sonnwendfeuer himmelwärts; vom Bergesgrat lohte talwärts ihre Pracht, grüßend die geweihte Nacht. Hoben Geisterhände nicht in der Vorzeit heil'ger Feier den geheimnisvollen Schleier von der Zukunft Angesicht? Ahnte deiner Wunder Macht schon die Welt, geweihte Nacht? – Nicht auf einen kurzen Tag ward die Freiheit dir erschlossen – jauchze mit den Festgenossen, Sklave, deine Kette brach! Liebe hat dich frei gemacht – beug dein Knie in heil'ger Nacht! Nicht im unwirtbaren Raum flammt die Glut der Sonnenwende, unsrer Kinder zarte Hände schmücken heut den Tannenbaum. Schimmernd strahlt der Kerzen Pracht – sei gegrüßt, geweihte Nacht! Und durch klares Schneegefild, schwebend auf des Mondlichts Wogen, kommt ein Glockenton gezogen, der die tiefste Sehnsucht stillt – lenzhauchmild durch Winterpracht klingt der Gruß der Weihenacht: »Aller Menschheit, ruhelos, schmerzbefangen, wahnverloren, ward der Friede heut geboren aus der ew'gen Liebe Schoß! – Die der Welt das Heil gebracht, sei gegrüßt, geweihte Nacht! Wohin? Der Vogel möcht zum sonn'gen Süd, zu Gott des Menschen Seele fliehn – sie wissen beide nicht den Weg und beide finden ihn.–