Capri 1. Und spinnt des Südens Hexerei die purpurblauen Spinneweben um deine Stirn, dann ist's vorbei: zu eigen bist du ihr gegeben. Das Stumme in dir wacht und spricht und singt die unerhörten Prächte, und siedend küßt das Sonnenlicht die tiefsten Saaten deiner Nächte. Vom Felsgestein im Klippenmeer – horch du! wie die Sirenen locken! Bang – wie den Opfern des Tiber – fliegen die Pulse dir erschrocken. Und meine Hand liegt schwer und heiß auf deiner Stirn und bricht mit Beben für dich das blühende Lorbeerreis, für dich das wundervolle Leben. Aus toter Tempel Trümmern sprießt die knospenschwere Geisblattranke – und schimmernd um Amalfi fließt des Lichtes göttlicher Gedanke. Das ist des Südens Hexerei die dich mit Seel und Leib entrückte: das Ewige in dir macht sie frei, das deines Nordens Nacht erdrückte. 2. Flirrend spielt der Mondenschein über dem Balkone – in den roten Capriwein preß ich die Limone. Lachend bis zur Rebenfirst schleuderst du den Becher: meiner Küsse Herbheit wirst du noch kosten, Zecher! An sonnigen Borden Flimmernde Tiefen Ich schau durch die schimmernden Wasser in die flimmernden Tiefen hinein: da schläft eine tote Hexe auf einem grünen Flutgestein. Noch liegt die lächelnde Lüge um den schmalen, gepreßten Mund . . . ihre roten Haare lodern wie Flammen aus dem Grund. Santa Madonna di Capri Ein grauer Nebel flattert durch die Luft, auf Schattenarmen trägt er Myrtenduft, und allen Wohlgeruch der Inselau streut er zu Füßen unsrer lieben Frau Santa Madonna di Capri! Scheu durch den Nebel schleicht sich, schlangengleich, ein Wallfahrtszug. Dem Bilde, süß und bleich, vom Licht umkränzt, von jedem Makel frei, dem Bild dort oben tönt die Litanei: Santa Maria di Capri! Dem Stern der Meere! Und ein Priester hebt die blasse Hand. Auf allen Lippen bebt ein frommes Lied. Die Stirnen neigen sich . . . ich fahr vorüber und grüße dich, Santa Maria di Capri! Du heilige Frau, du Weltentragende, Erlösende und Nieversagende, Tausende beten –, und dich kennt allein mein Herz, die Rose und der Sonnenschein, Santa Maria di Capri! Monte Solaro Des Solaro Königsstirne decken graue Tränenschleier: in der klippenreichen Wildnis spielt ein Weib auf einer Leier. Ihre blassen Hände beben wie von niegestilltem Hoffen, ihre schwarzen Haare flattern sturmgepeitscht um Fels und Schroffen – Möwenschrei, durch Schaum und Woge schmale weiße Schwingen sausen – und des Weibes heißer Herzschlag übertönt der Brandung Brausen. La Sirena Olivenbäume am grauen Meer . . . aus silberschimmernden Schatten her grüßt, von des scheidenden Tages Glut rosengekrönt, ein Traum der Flut: Capri. Aus den Grotten tönt verwehter Klang, der schlummernden Brandung Nachtgesang. Wie ein Schatten schwimmt lautlos und weich unsre Barke durch das Klippenreich von Capri. Meine Lippen liegen auf deinem Mund . . . Still du! – wir gleiten auf falschem Grund. Sirenen lauern im Mondenschein, und die Toten schlafen in leuchtenden Reihn um Capri. Thyrrenische Nacht Küsse mich, du! Der Himmel blüht wie lauter Granaten und Rosen. Flugfeuer von Lippe zu Lippe sprüht, und der Berg der ewigen Gluten glüht – die Tiefen kochen und tosen. Und über das blaue thyrrenische Meer wandelt schweigend und düfteschwer sternenbekränzt in losen Gewanden die Nacht einher. Ihr Schweigen tönt. Ich trage im Schoß die Ernten kommender Tage. Die Berge umspann ich leuchtend und groß, bin stark wie das Meer und fessellos wie das Ewige, das ich trage. Mein Haupt umlodert der Lavaschein, der Weizen reift, und es schwillt der Wein – der soll von Kälte und Klage der Welt ein Erlöser sein! Stille Napoli, 10. Mai. Die tiefen schwarzen Fluten waren im Meer verrauscht – und alle Stürme ruhten. Im roten Abendscheine leuchteten längs dem Strand Lorbeer- und Pinienhaine. Ein grauer Tempel stand unter granitnen Hängen und sah hinab ins Land, sah weit in blühende Fülle: über dem Feuerberg schlief der Geist der Stille. Sanft fiel ein Rosenregen . . . und fest in deiner Hand war meine Hand gelegen. Ein Lebensabschnitt In die weitoffenen Bogenfenster des Konsulats zu Napoli sang der Golf. Maisonnenbrand glühte drüben auf den Dächern der Straße und tauchte in flackernden Goldschein die Silberspitzen des Olivenbaums. Am fernsten verblauenden Horizont hingestreckt lag dämmernd in träger Ruhe Sphinx Capri – Mir gegenüber an dem eichgetäfelten bücherbedeckten Bureautisch stand ein junger, blonder, deutscher Beamter und schrieb. Schrieb meinen Namen in sein Buch, meinen Wohn- und Geburtsort und den Tag, an dem ich das Licht erblickt, – und wie meine Eltern geheißen, wo sie geboren und gestorben, und meine Großeltern und Urgroßeltern, und erforschte meine ganze Genealogie bis ins dritte und vierte Glied rückwärts hinauf. Hinter ihm an der Wand, – mit schwarzen Flecken besät wie ein Typhussterbender – hing die Malariakarte; und darunter auf lederbeschlagenem Lehnstuhl, schlief die Norddeutsche Allgemeine Zeitung. Neben mir aber auf leichtem italischem Rohrgeflecht, den Caprihut auf graumeliertem Kraushaar, in den Augen die blaue Tiefe der Ostsee, mein Lebensglück . . . und der junge, blonde, deutsche Beamte fragte auch ihn, wie er heiße, wo er geboren wes Ranges und Standes er sei – und seine Eltern gewesen seien – und er erforschte auch seine Genealogie bis ins dritte und vierte Glied rückwärts hinauf. Wir aber saßen dicht beieinander und sahen uns an, lächelnd und stumm. Bis die Tür sich auftat und ein hochgewachsener Mann im hellgrauen Sommerjacket, die rote Nelke im Knopfloch, auf der Schwelle erschien – und der Herr Generalkonsul mit tönender Stimme uns das Protokoll vorlas und fragte, ob wir Mann und Frau sein wollten. Wir sagten »Ja«. Da brach ein mittagliches Flammenmeer durch die Bogenfenster des Konsulats und wob eine Gloriole um das blonde Haupt des jungen deutschen Beamten; über die Malariakarte ging ein Schauer von Licht – und in deine Augen kam ein tiefes, blaues, seltsames Leuchten. Du lüftetest den Caprihut und gabst mir die Hand. Und wir standen beide eng aneinander, Auge in Auge, Hand in Hand, eines Wesens und Namens, lächelnd und – stumm . . . St. Posilippo 1 Um das Haupt von Posilipp blüht ein Feuerblumenkranz, seine Schöne spiegelt sich in des Golfes Silberglanz. Ihm zu Füßen Napoli, maienhimmelüberblaut, lichtgebadet, lustdurchgellt, lockend: die Banditenbraut. Um die Stirn des Posilipp fliegt es wie ein Nebelhauch; aus der Solfatara Schoß ringelt sich der gelbe Rauch. Düsterrote Orchideen – keine Blume lockt dich so – gleißen durch den Schwefeldampf: fiori di diavolo! Um den Fuß des Posilipp geht ein Seufzen, dumpf und schwer; ewig gleichen Schlages senkt sich das Ruder in das Meer. An des Ruderers Fußgelenk klirrt das eiserne Geschmeid . . . aus der Tiefe ruhelos schluchzt uraltes Menschenleid. Fußnoten 1 Villenbesäter Höhenzug bei Neapel, zur Seite die Solfatara, ein halberloschener Schwefelkrater, zu Füßen die Insel Nisida mit dem Gefängnis für Galeerensträflinge. Ehe Lächelnd, – ob sie auch verblasse, unsres Capri Rosenzier, – durch den Alltagsstaub der Gasse geh ich Hand in Hand mit dir. Hart dein Schritt an meiner Seite, fest im Kampf und leicht im Spiel! Unsre Augen schaun ins Weite – und sie schaun nach einem Ziel. Alte Sehnsucht Und diese Sehnsucht nach dem grünen Meer nach Capris duftgetränkten Trümmerfeldern, nach seinen Vignen, schattig, traubenschwer, nach seinen Oelbaum- und Cacteenwäldern: Die alte Sehnsucht, die uns südwärts trieb und nicht erlosch an Barjas Rosenborden, die heiß lebendig uns im Herzen blieb und ihre Netze spann im grauen Norden – heut wird sie Herr! – Den vollen Becher Weins bringe ich ihr. Wir wollen wieder wandern und Südlands Sonne trinken, bis wir eins erloschen und ertrunken sind im andern. Dann senkt sie still das Haupt zum klaren Grund, die bunten Muscheln schimmern ihr zu Füßen, und den geschlossenen Sirenenmund werden des Golfes kühle Lippen küssen. Auf der Gotenstraße In tausend lichten Tropfen sprühte der Frühling durchs Tirolerland; die blaue Anemone blühte im Sarnetal an rauher Wand. Aus dunkelgrüner Moose Teppich sah ihres Kelches Sternenschein, voll starker Inbrunst schlang der Eppich die Arme um das Kalkgestein. Und prangend hob auf stolzen Schroffen die Rosenburg ihr Haupt ins Blau: das Land der Sehnsucht lag ihr offen des Garda wundervolle Schau. Und ihre Grüße trug ins Weite, in Pinienhag und Palmenhain, die Talfer, die uns hart zur Seite dahinschoß über Kies und Stein. So zogen wir den Steg der Goten, der Sehnsucht alten Pfad hinab und brachen auf der Spur der Toten die blaue Blume lächelnd ab. Schon winkte den verschneiten Firnen im Blütenschnee der junge Lenz – und leuchtend fiel auf unsere Stirnen der Sonnenschein Italiens. Kap Ferrat Tiefklare Wasser klingen an den harten hellen Stein. Sehnsüchtige Winde singen, der Nebel auf weißen Schwingen zieht trägen Flugs landein. Uralte Oliven träumen auf blühender Felsenflur. Fern aus verblauenden Räumen leuchtet in silbernen Säumen eines Schiffes letzte Spur . . . »Du tust ein lange Reise, dein Schiff geht auf den Grund; fahr' wohl, fahr' wohl –« und leise verhallt eine wehe Weise, verstummt ein Mädchenmund. Beaulieu Unter Oliven und Pinien, wie leuchtet das Meer so nah! In starken, reinen Linien grüßt Cap Ferrat. Die marmornen Villen funkeln rot auf im letzten Licht, – silberne Schatten dunkeln über dein Gesicht. Unter Oliven und Pinien fühle, was du mir bist! In großen, klaren Linien läuft unsres Lebens Frist. Rot auf lodern die Gluten uns einmal noch durchs Herz, – silberne Schatten fluten lautlos erdenwärts. Friedhof im Süd Raschelnde Rosen an Perlendraht, Badepüppchen im Heiligenstaat, Gruftkapellchen mit Polstersitzen, leinene Deckchen mit Häkelspitzen, Kreuzchen und Bildwerk, Flitter und Spiel, gläserne Ampeln im Jugendstil, steinerne Engel im Modekleid, Platte an Platte dicht gereiht – und um des marmornen Schweigens Schauer die himmelversperrende, neidische Mauer: das ist, von Orangen und Rosen umblüht die Heimstatt der Toten im sonnigen Süd. In der eisigen Oede bin ich allein. Hart klingt mein Schritt auf dem harten Stein. Und die Träne, die mir so rasch den Blick verdunkelt, kriecht scheu ins Herz zurück. Ein Windstoß kommt aus dem Pinienhain, und die Kränze klappern wie Totenbein . . . O du Ewige, Weltenbeschattende du, Mutter des Lebens, zeugende Ruh, wie haben sie dich so klein gemacht, mit ihrer Plunder- und Flickenpracht! Sie spielten ein gellendes Jahrmarktsstück auf deiner heitern himmlischen Harfe und hängen die grinsende Faschingslarve vor deinen gütigen Mutterblick. Nein, meine Heilige, hier wohnst du nicht! Aufatmend grüß ich das Frühlingslicht! Aschermittwoch Nun fällt der tollen Narrenwelt das bunte Kleid in Lumpen, – und klirrend auf den Estrich schellt der Freude voller Humpen. Lautkrachend springt ins Schloß das Tor, kein Lichtschein mehr am Fenster – ein grauer Morgen kriecht empor, der Morgen der Gespenster. Da ist im tiefen Straßenstaub ein stolzes Weib gestanden – von ihrem Odem rauscht das Laub, des Meeres Wogen branden. Sie reckt sich in die Frühlingspracht mit herrischer Gebärde: mein ist, was blüht und weint und lacht – mein ist die ganze Erde! Was bimmelt ihr vom Kirchenturm und predigt Reu und Buße? Ihr seid das Sandkorn vor dem Sturm, der Staub mir unterm Fuße. Was schiert mich eurer Sünde Scham und eurer Hölle Flammen? Ich blas den ganzen Maskenkram mit einem Hauch zusammen. Mir gilt die Dirne unterm Tor, das Hündlein in der Gossen mehr als der schönste Damenflor in euren Staatskarossen. Und Blumen und Konfettischlacht? Wie jäh verstummt die Harfe, versprüht der Witz, verblaßt die Pracht, löst meine Hand die Larve. Mir gilt des Bettlers hohle Hand und gramzerfressne Miene mehr als der Fürstenhöfe Tand und blutige Hermeline. – Und tobt im Ost der Schwertertanz, und saust das Blei, das rasche – auf aller Kronen Faschingsglanz streu ich die Handvoll Asche! Ob Kirchen- oder Festungssturm, sie wanken beid auf Erden und werden einst vom Wirbelsturm zu Staub zerblasen werden. Und reißt der letzten Narretei der bunte Rock in Fetzen, dann soll die Menschheit, nackt und frei, sich an die Tafel setzen. International Der Lenztag blaute über Rom und blaute auf uns viere, wir saßen vor St. Peters Dom bei echtem Münchner Biere. Wir sahn die Menge stauend stehn auf breiten Marmortreppen und sahn die Kardinäle gehn in lila Veilchenschleppen. Und drinnen ein bleiches Angesicht in silberflutendem Rahmen . . . und all die Tausende neigten sich, die funkelnden Herren und Damen. – Wir saßen vor St. Peters Dom vergnügt bei Bayrischem Biere – der Lenztag sonnte über Rom und sonnte auf uns viere: Der eine war am Ostseestrand in Sumpf und Moor geboren und hatte sich ins Märchenland geflüchtet und verloren. Der Zweite bot ihm frei die Hand und hob sein Lid zum Sehen – Da sahn sie beid das Märchenland auf Erden auferstehen. Der Dritte sang mit trübem Sinn am Don zu Zions Harfen; die Vierte war Latinerin, die lachte ob den Larven! Wir sahn die Macht, die rings durchmißt des Erdballs blaue Weiten – und sahn die Macht, die größer ist als alle Päpste und Zeiten. Wir saßen vor St. Peters Dom verständnisvoll beim Biere: der Maitag lachte über Rom und lachte auf uns viere. Südwärts Durch die nordische Winternacht auf harten, hallenden Schienenwegen fahr ich südlicher Knospenpracht fahr ich italischem Lenz entgegen. Tief und tiefer ins Land hinein, scheu, wie Träume die Nacht durchgleiten. Schon spielt ein ernster rosiger Schein auf den weißen, schweigenden Weiten. Und der schneeige Duft zerrinnt. Leise will sich die Ebene heben . . . küssend fühl ich den Morgenwind durch das flatternde Haar mir schweben. Und die Arme breite ich aus, nordwärts greifen die zitternden Hände: In das Land unserer Sehnsucht fahr ich hinaus Und du? – Wer nur sagte, wo ich dich fände! – Die Sonne von Capri steigt und glüht, in den Grotten kichert es leise, lose . . . und auf dem Monte Tiberio blüht einsam die erste Rose.