Wilhelm Müller Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten 1 1820 (datiert 1821) Seinem hoch verehrten und innig geliebten Freunde Ludwig Tieck zum Danke für mannigfache Belehrung und Ermunterung gewidmet von dem Herausgeber. Die schöne Müllerin (Im Winter zu lesen.) Der Dichter, als Prolog Ich lad' euch, schöne Damen, kluge Herrn, Und die ihr hört und schaut was Gutes gern, Zu einem funkelnagelneuen Spiel Im allerfunkelnagelneusten Styl; Schlicht ausgedrechselt, kunstlos zugestutzt, Mit edler deutscher Rohheit aufgeputzt, Keck wie ein Bursch im Stadtsoldatenstrauß, Dazu wohl auch ein wenig fromm für's Haus: Das mag genug mir zur Empfehlung sein, Wem die behagt, der trete nur herein. Erhoffe, weil es grad' ist Winterzeit, Thut euch ein Stündlein hier im Grün nicht Leid; Denn wißt es nur, daß heut' in meinem Lied Der Lenz mit allen seinen Blumen blüht. Im Freien geht die freie Handlung vor, In reiner Luft, weit von der Städte Thor, Durch Wald und Feld, in Gründen, auf den Höhn; Und was nur in vier Wänden darf geschehn, Das schaut ihr halb durch's offne Fenster an, So ist der Kunst und euch genug gethan. Doch wenn ihr nach des Spiels Personen fragt, So kann ich euch, den Musen sei's geklagt, Nur eine präsentiren recht und ächt, Das ist ein junger blonder Müllersknecht. Denn, ob der Bach zuletzt ein Wort auch spricht, So wird ein Bach deshalb Person noch nicht. Drum nehmt nur heut' das Monodram vorlieb: Wer mehr giebt, als er hat, der heißt ein Dieb. Auch ist dafür die Szene reich geziert, Mit grünem Sammet unten tapeziert, Der ist mit tausend Blumen bunt gestickt, Und Weg und Steg darüber ausgedrückt. Die Sonne strahlt von oben hell herein Und bricht in Thau und Thränen ihren Schein, Und auch der Mond blickt aus der Wolken Flor Schwermüthig, wie's die Mode will, hervor. Den Hintergrund umkränzt ein hoher Wald, Der Hund schlägt an, das muntre Jagdhorn schallt; Hier stürzt vom schroffen Fels der junge Quell Und fließt im Thal als Bächlein silberhell; Das Mühlrad braust, die Werke klappern drein, Man hört die Vöglein kaum im nahen Hain. Drum denkt, wenn euch zu rauh manch Liedchen klingt, Daß das Lokal es also mit sich bringt. Doch, was das Schönste bei den Rädern ist, Das wird euch sagen mein Monodramist; Verrieth' ich's euch, verdürb' ich ihm das Spiel: Gehabt euch wohl und amüsirt euch viel! Wanderschaft Das Wandern ist des Müllers Lust, Das Wandern! Das muß ein schlechter Müller sein, Dem niemals fiel das Wandern ein, Das Wandern. Vom Wasser haben wir's gelernt, Vom Wasser! Das hat nicht Rast bei Tag und Nacht, Ist stets auf Wanderschaft bedacht, Das Wasser. Das sehn wir auch den Rädern ab, Den Rädern! Die gar nicht gerne stille stehn, Die sich mein Tag nicht müde drehn, Die Räder. Die Steine selbst, so schwer sie sind, Die Steine! Sie tanzen mit den muntern Reihn Und wollen gar noch schneller sein, Die Steine. O Wandern, Wandern, meine Lust, O Wandern! Herr Meister und Frau Meisterin, Laßt mich in Frieden weiter ziehn Und wandern. Wohin? Ich hört' ein Bächlein rauschen Wohl aus dem Felsenquell, Hinab zum Thale rauschen So frisch und wunderhell. Ich weiß nicht, wie mir wurde, Nicht, wer den Rath mir gab, Ich mußte gleich hinunter Mit meinem Wanderstab. Hinunter und immer weiter, Und immer dem Bache nach, Und immer frischer rauschte, Und immer heller der Bach. Ist das denn meine Straße? O Bächlein, sprich, wohin? Du hast mit deinem Rauschen Mir ganz berauscht den Sinn. Was sag' ich denn von Rauschen? Das kann kein Rauschen sein: Es singen wohl die Nixen Dort unten ihren Reihn. Laß singen, Gesell, laß rauschen, Und wandre fröhlich nach! Es gehn ja Mühlenräder In jedem klaren Bach. Halt! Eine Mühle seh' ich blicken Aus den Erlen heraus, Durch Rauschen und Singen Bricht Rädergebraus. Ei willkommen, ei willkommen, Süßer Mühlengesang! Und das Haus, wie so traulich! Und die Fenster, wie blank! Und die Sonne, wie helle Vom Himmel sie scheint! Ei, Bächlein, liebes Bächlein, War es also gemeint? Danksagung an den Bach War es also gemeint, Mein rauschender Freund, Dein Singen, dein Klingen, War es also gemeint? Zur Müllerin hin! So lautet der Sinn. Gelt, hab' ich's verstanden? Zur Müllerin hin! Hat sie dich geschickt? Oder hast mich berückt? Das möcht' ich noch wissen, Ob sie dich geschickt. Nun wie's auch mag sein, Ich gebe mich drein: Was ich such', ist gefunden, Wie's immer mag sein. Nach Arbeit ich frug, Nun hab' ich genug, Für die Hände, für's Herze Vollauf genug! Am Feierabend Hätt' ich tausend Arme zu rühren! Könnt' ich brausend Die Räder führen! Könnt' ich wehen Durch alle Haine! Könnt' ich drehen Alle Steine! Daß die schöne Müllerin Merkte meinen treuen Sinn! Ach, wie ist mein Arm so schwach! Was ich hebe, was ich trage, Was ich schneide, was ich schlage, Jeder Knappe thut es nach. Und da sitz' ich in der großen Runde, Zu der stillen kühlen Feierstunde, Und der Meister spricht zu Allen: Euer Werk hat mir gefallen; Und das liebe Mädchen sagt Allen eine gute Nacht. Der Neugierige Ich frage keine Blume, Ich frage keinen Stern, Sie können mir nicht sagen, Was ich erführ' so gern. Ich bin ja auch kein Gärtner, Die Sterne stehn zu hoch; Mein Bächlein will ich fragen, Ob mich mein Herz belog. O Bächlein meiner Liebe, Wie bist du heut' so stumm! Will ja nur Eines wissen, Ein Wörtchen um und um. Ja, heißt das eine Wörtchen, Das andre heißet Nein, Die beiden Wörtchen schließen Die ganze Welt mir ein. O Bächlein meiner Liebe, Was bist du wunderlich! Will's ja nicht weiter sagen, Sag', Bächlein, liebt sie mich? Das Mühlenleben Seh' ich sie am Bache sitzen, Wenn sie Fliegennetze strickt, Oder Sonntags für die Fenster Frische Wiesenblumen pflückt; Seh' ich sie zum Garten wandeln, Mit dem Körbchen in der Hand, Nach den ersten Beeren spähen An der grünen Dornenwand: Dann wird's eng' in meiner Mühle, Alle Mauern ziehn sich ein, Und ich möchte flugs ein Fischer, Jäger oder Gärtner sein. Und der Steine lustig Pfeifen, Und des Wasserrads Gebraus, Und der Werke emsig Klappern, 'S jagt mich fast zum Thor hinaus. Aber wenn in guter Stunde Plaudernd sie zum Burschen tritt, Und als kluges Kind des Hauses Seitwärts nach dem Rechten sieht; Und verständig lobt den Einen, Daß der Andre merken mag, Wie er's besser treiben solle, Geht er ihrem Danke nach – Keiner fühlt sich recht getroffen, Und doch schießt sie nimmer fehl, Jeder muß von Schonung sagen, Und doch hat sie keinen Hehl. Keiner wünscht, sie möchte gehen, Steht sie auch als Herrin da, Und fast wie das Auge Gottes Ist ihr Bild uns immer nah. – Ei, da mag das Mühlenleben Wohl des Liedes würdig sein, Und die Räder, Stein' und Stampfen Stimmen als Begleitung ein. Alles geht in schönem Tanze Auf und ab, und ein und aus: Gott gesegne mir das Handwerk Und des guten Meisters Haus! Ungeduld Ich schnitt' es gern in alle Rinden ein, Ich grüb' es gern in jeden Kieselstein, Ich möcht' es sä'n auf jedes frische Beet Mit Kressensamen, der es schnell verräth, Auf jeden weißen Zettel möcht' ich's schreiben: Dein ist mein Herz, und soll es ewig bleiben. Ich möcht' mir ziehen einen jungen Staar, Bis daß er spräch' die Worte rein und klar, Bis er sie spräch' mit meines Mundes Klang, Mit meines Herzens vollem, heißem Drang; Dann säng' er hell durch ihre Fensterscheiben: Dein ist mein Herz, und soll es ewig bleiben. Den Morgenwinden möcht' ich hauchen ein, Ich möcht' es säuseln durch den regen Hain; O, leuchtet' es aus jedem Blumenstern! Trüg' es der Duft zu ihr von nah und fern! Ihr Wogen, könnt ihr nichts als Räder treiben? Dein ist mein Herz, und soll es ewig bleiben. Ich meint', es müßt' in meinen Augen stehn, Auf meinen Wangen müßt' man's brennen sehn, Zu lesen wär's auf meinem stummen Mund, Ein jeder Athemzug gäb's laut ihr kund; Und sie merkt nichts von all' dem bangen Treiben: Dein ist mein Herz, und soll es ewig bleiben! Morgengruß Guten Morgen, schöne Müllerin! Wo steckst du gleich das Köpfchen hin, Als wär' dir was geschehen? Verdrießt dich denn mein Gruß so schwer? Verstört dich denn mein Blick so sehr? So muß ich wieder gehen. O laß mich nur von ferne stehn, Nach deinem lieben Fenster sehn, Von ferne, ganz von ferne! Du blondes Köpfchen, komm hervor! Hervor aus eurem runden Thor, Ihr blauen Morgensterne! Ihr schlummertrunknen Äugelein, Ihr thaubetrübten Blümelein, Was scheuet ihr die Sonne? Hat es die Nacht so gut gemeint, Daß ihr euch schließt und bückt und weint Nach ihrer stillen Wonne? Nun schüttelt ab der Träume Flor, Und hebt euch frisch und frei empor In Gottes hellen Morgen! Die Lerche wirbelt in der Luft, Und aus dem tiefen Herzen ruft Die Liebe Leid und Sorgen. Des Müllers Blumen Am Bach viel kleine Blumen stehn, Aus hellen blauen Augen sehn; Der Bach der ist des Müllers Freund, Und hellblau Liebchens Auge scheint, Drum sind es meine Blumen. Dicht unter ihrem Fensterlein Da pflanz' ich meine Blumen ein, Da ruft ihr zu, wenn Alles schweigt, Wenn sich ihr Haupt zum Schlummer neigt, Ihr wißt ja, was ich meine. Und wenn sie thät die Äuglein zu, Und schläft in süßer, süßer Ruh', Dann lispelt als ein Traumgesicht Ihr zu: Vergiß, vergiß mein nicht! Das ist es, was ich meine. Und schließt sie früh die Laden auf, Dann schaut mit Liebesblick hinauf: Der Thau in euren Äugelein, Das sollen meine Thränen sein, Die will auf euch meinen. Thränenregen Wir saßen so traulich beisammen Im kühlen Erlendach, Wir schauten so traulich zusammen Hinab in den rieselnden Bach. Der Mond war auch gekommen, Die Sternlein hinterdrein, Und schauten so traulich zusammen In den silbernen Spiegel hinein. Ich sah nach keinem Monde, Nach keinem Sternenschein, Ich schaute nach ihrem Bilde, Nach ihren Augen allein. Und sahe sie nicken und blicken Herauf aus dem seligen Bach, Die Blümlein am Ufer, die blauen, Sie nickten und blickten ihr nach. Und in den Bach versunken Der ganze Himmel schien, Und wollte mich mit hinunter In seine Tiefe ziehn. Und über den Wolken und Sternen Da rieselte munter der Bach, Und rief mit Singen und Klingen: Geselle, Geselle, mir nach! Da gingen die Augen mir über, Da ward es im Spiegel so kraus; Sie sprach: Es kommt ein Regen, Ade, ich geh' nach Haus. Mein! Bächlein, laß dein Rauschen sein! Räder, stellt eur Brausen ein! All' ihr muntern Waldvögelein, Groß und klein, Endet eure Melodein! Durch den Hain Aus und ein Schalle heut' ein Reim allein: Die geliebte Müllerin ist mein! Mein! Frühling, sind das alle deine Blümelein? Sonne, hast du keinen hellern Schein? Ach, so muß ich ganz allein, Mit dem seligen Worte mein, Unverstanden in der weiten Schöpfung sein! Pause Meine Laute hab' ich gehängt an die Wand, Hab' sie umschlungen mit einem grünen Band – Ich kann nicht mehr singen, mein Herz ist zu voll, Weiß nicht, wie ich's in Reime zwingen soll. Meiner Sehnsucht allerheißesten Schmerz Durft' ich aushauchen in Liederscherz, Und wie ich klagte so süß und fein, Meint' ich doch, mein Leiden wär' nicht klein. Ei, wie groß ist wohl meines Glückes Last, Daß kein Klang auf Erden es in sich faßt? Nun, liebe Laute, ruh' an dem Nagel hier! Und weht ein Lüftchen über die Saiten dir, Und streift eine Biene mit ihren Flügeln dich, Da wird mir bange und es durchschauert mich. Warum ließ ich das Band auch hängen so lang'? Oft fliegt's um die Saiten mit seufzendem Klang. Ist es der Nachklang meiner Liebespein? Soll es das Vorspiel neuer Lieder sein? Mit dem grünen Lautenbande »Schad' um das schöne grüne Band, Daß es verbleicht hier an der Wand, Ich hab' das Grün so gern!« So sprachst du, Liebchen, heut' zu mir; Gleich knüpf' ich's ab und send' es dir: Nun hab' das Grüne gern! Ist auch dein ganzer Liebster weiß, Soll Grün doch haben seinen Preis, Und ich auch hab' es gern. Weil unsre Lieb' ist immergrün, Weil grün der Hoffnung Fernen blühn, Drum haben wir es gern. Nun schlingst du in die Locken dein Das grüne Band gefällig ein, Du hast ja 's Grün so gern. Dann weiß ich, wo die Hoffnung wohnt, Dann weiß ich, wo die Liebe thront, Dann hab' ich 's Grün erst gern. Der Jäger Was sucht denn der Jäger am Mühlbach hier? Bleib', trotziger Jäger, in deinem Revier! Hier giebt es kein Wild zu jagen für dich, Hier wohnt nur ein Rehlein, ein zahmes, für mich. Und willst du das zärtliche Rehlein sehn, So laß deine Büchsen im Walde stehn, Und laß deine klaffenden Hunde zu Haus, Und laß auf dem Horne den Saus und Braus, Und scheere vom Kinne das struppige Haar, Sonst scheut sich im Garten das Rehlein fürwahr. Doch besser, du bliebest im Walde dazu, Und ließest die Mühlen und Müller in Ruh'. Was taugen die Fischlein im grünen Gezweig? Was will denn das Eichhorn im bläulichen Teich? Drum bleibe, du trotziger Jäger, im Hain, Und laß mich mit meinen drei Rädern allein; Und willst meinem Schätzchen dich machen beliebt, So wisse, mein Freund, was ihr Herzchen betrübt: Die Eber, die kommen zu Nacht aus dem Hain, Und brechen in ihren Kohlgarten ein, Und treten und wühlen herum in dem Feld: Die Eber die schieße, du Jägerheld! Eifersucht und Stolz Wohin so schnell, so kraus, so wild, mein lieber Bach? Eilst du voll Zorn dem frechen Bruder Jäger nach? Kehr' um, kehr' um, und schilt erst deine Müllerin Für ihren leichten, losen, kleinen Flattersinn. Sahst du sie gestern Abend nicht am Thore stehn, Mit langem Halse nach der großen Straße sehn? Wenn von dem Fang der Jäger lustig zieht nach Haus, Da steckt kein sittsam Kind den Kopf zum Fenster 'naus. Geh', Bächlein, hin und sag' ihr das, doch sag' ihr nicht, Hörst du, kein Wort, von meinem traurigen Gesicht; Sag' ihr: Er schnitzt bei mir sich eine Pfeif' aus Rohr, Und bläst den Kindern schöne Tänz' und Lieder vor. Erster Schmerz, letzter Scherz Nun sitz' am Bache nieder Mit deinem hellen Rohr, Und blas' den lieben Kindern Die schönen Lieder vor. Die Lust ist ja verrauschet, Das Leid hat immer Zeit: Nun singe neue Lieder Von alter Seligkeit. Noch blühn die alten Blumen, Noch rauscht der alte Bach, Es scheint die liebe Sonne Noch wie am ersten Tag. Die Fensterscheiben glänzen Im klaren Morgenschein, Und hinter den Fensterscheiben Da sitzt die Liebste mein. Ein Jäger, ein grüner Jäger, Der liegt in ihrem Arm – Ei, Bach, wie lustig du rauschest! Ei, Sonne, wie scheinst du so warm! Ich will einen Strauß dir pflücken, Herzliebste, von buntem Klee, Den sollst du mir stellen an's Fenster, Damit ich den Jäger nicht seh'. Ich will mit Rosenblättern Den Mühlensteg bestreun: Der Steg hat mich getragen Zu dir, Herzliebste mein! Und wenn der stolze Jäger Ein Blättchen mir zertritt, Dann stürz', o Steg, zusammen Und nimm den Grünen mit! Und trag' ihn auf dem Rücken In's Meer, mit gutem Wind, Nach einer fernen Insel, Wo keine Mädchen sind. Herzliebste, das Vergessen, Es kommt dir ja nicht schwer – Willst du den Müller wieder? Vergißt dich nimmermehr. Die liebe Farbe In Grün will ich mich kleiden, In grüne Thränenweiden, Mein Schatz hat 's Grün so gern. Will suchen einen Zypressenhain, Eine Heide voll grünem Rosmarein, Mein Schatz hat 's Grün so gern. Wohlauf zum fröhlichen Jagen! Wohlauf durch Heid' und Hagen! Mein Schatz hat 's Jagen so gern. Das Wild, das ich jage, das ist der Tod, Die Heide, die heiß' ich die Liebesnoth, Mein Schatz hat 's Jagen so gern. Grabt mir ein Grab im Wasen, Deckt mich mit grünem Rasen, Mein Schatz hat 's Grün so gern. Kein Kreuzlein schwarz, kein Blümlein bunt, Grün, Alles grün so rings und rund! Mein Schatz hat 's Grün so gern. Die böse Farbe Ich möchte ziehn in die Welt hinaus, Hinaus in die weite Welt, Wenn's nur so grün, so grün nicht wär' Da draußen in Wald und Feld! Ich möchte die grünen Blätter all' Pflücken von jedem Zweig, Ich möchte die grünen Gräser all' Weinen ganz todtenbleich. Ach Grün, du böse Farbe du, Was siehst mich immer an, So stolz, so keck, so schadenfroh, Mich armen weißen Mann? Ich möchte liegen vor ihrer Thür, In Sturm und Regen und Schnee, Und singen ganz leise bei Tag und Nacht Das eine Wörtchen Ade! Horch, wenn im Wald ein Jagdhorn ruft, Da klingt ihr Fensterlein, Und schaut sie auch nach mir nicht aus, Darf ich doch schauen hinein. O binde von der Stirn dir ab Das grüne, grüne Band, Ade, Ade! und reiche mir Zum Abschied deine Hand! Blümlein Vergißmein Was treibt mich jeden Morgen So tief in's Holz hinein? Was frommt mir, mich zu bergen Im unbelauschten Hain? Es blüht auf allen Fluren Blümlein Vergiß mein nicht, Es schaut vom heitern Himmel Herab in blauem Licht. Und soll ich's niedertreten, Bebt mir der Fuß zurück, Es fleht aus jedem Kelche Ein wohlbekannter Blick. Weißt du, in welchem Garten Blümlein Vergiß mein steht? Das Blümlein muß ich suchen, Wie auch die Straße geht. 'S ist nicht für Mädchenbusen, So schön sieht es nicht aus: Schwarz, schwarz ist seine Farbe, Es paßt in keinen Strauß. Hat keine grüne Blätter, Hat keinen Blüthenduft, Es windet sich am Boden In nächtig dumpfer Luft. Wächst auch an einem Ufer, Doch unten fließt kein Bach, Und willst das Blümlein pflücken, Dich zieht der Abgrund nach. Das ist der rechte Garten, Ein schwarzer, schwarzer Flor: Darauf magst du dich betten – Schleuß zu das Gartenthor! Trockne Blumen Ihr Blümlein alle, Die sie mir gab, Euch soll man legen Mit mir in's Grab. Wie seht ihr alle Mich an so weh, Als ob ihr wüßtet, Wie mir gescheh'? Ihr Blümlein alle, Wie welk, wie blaß? Ihr Blümlein alle, Wovon so naß? Ach, Thränen machen Nicht maiengrün, Machen todte Liebe Nicht wieder blühn. Und Lenz wird kommen, Und Winter wird gehn, Und Blümlein werden Im Grase stehn, Und Blümlein liegen In meinem Grab, Die Blümlein alle, Die sie mir gab. Und wenn sie wandelt Am Hügel vorbei, Und denkt im Herzen: Der meint' es treu! Dann Blümlein alle, Heraus, heraus! Der Mai ist kommen, Der Winter ist aus. Der Müller und der Bach Wo ein treues Herze In Liebe vergeht. Da welken die Lilien Auf jedem Beet. Da muß in die Wolken Der Vollmond gehn, Damit seine Thränen Die Menschen nicht sehn. Da halten die Englein Die Augen sich zu, Und schluchzen und singen Die Seele zu Ruh'. Und wenn sich die Liebe Dem Schmerz entringt, Ein Sternlein, ein neues, Am Himmel erblinkt. Da springen drei Rosen, Halb roth, halb weiß, Die welken nicht wieder, Aus Dornenreis. Und die Engelein schneiden Die Flügel sich ab, Und gehn alle Morgen Zur Erde hinab. Ach, Bächlein, liebes Bächlein, Du meinst es so gut: Ach, Bächlein, aber weißt du, Wie Liebe thut? Ach, unten, da unten, Die kühle Ruh'! Ach, Bächlein, liebes Bächlein, So singe nur zu. Des Baches Wiegenlied Gute Ruh', gute Ruh'! Thu' die Augen zu! Wandrer, du müder, du bist zu Haus. Die Treu' ist hier, Sollst liegen bei mir, Bis das Meer will trinken die Bächlein aus. Will betten dich kühl, Auf weichem Pfühl, In dem blauen krystallenen Kämmerlein. Heran, heran, Was wiegen kann, Woget und wieget den Knaben mir ein! Wenn ein Jagdhorn schallt Aus dem grünen Wald, Will ich sausen und brausen wohl um dich her. Blickt nicht herein, Blaue Blümelein! Ihr macht meinem Schläfer die Träume so schwer. Hinweg, hinweg Von dem Mühlensteg, Böses Mägdlein, daß ihn dein Schatten nicht weckt! Wirf mir herein Dein Tüchlein fein, Daß ich die Augen ihm halte bedeckt! Gute Nacht, gute Nacht! Bis Alles wacht, Schlaf' aus deine Freude, schlaf' aus dein Leid! Der Vollmond steigt, Der Nebel weicht, Und der Himmel da oben, wie ist er so weit! Der Dichter, als Epilog Weil gern man schließt mit einer runden Zahl, Tret' ich noch einmal in den vollen Saal, Als letztes, fünf und zwanzigstes Gedicht, Als Epilog, der gern das Klügste spricht. Doch pfuschte mir der Bach in's Handwerk schon Mit seiner Leichenred' im nassen Ton. Aus solchem hohlen Wasserorgelschall Zieht Jeder selbst sich besser die Moral; Ich geb' es auf, und lasse diesen Zwist, Weil Widerspruch nicht meines Amtes ist. So hab' ich denn nichts lieber hier zu thun, Als euch zum Schluß zu wünschen, wohl zu ruhn. Wir blasen unsre Sonn' und Sternlein aus – Nun findet euch im Dunkel gut nach Haus, Und wollt ihr träumen einen leichten Traum, So denkt an Mühlenrad und Wasserschaum, Wenn ihr die Augen schließt zu langer Nacht, Bis es den Kopf zum Drehen euch gebracht. Und wer ein Mädchen führt an seiner Hand, Der bitte scheidend um ein Liebespfand, Und giebt sie heute, was sie oft versagt, So sei des treuen Müllers treu gedacht Bei jedem Händedruck, bei jedem Kuß, Bei jedem heißen Herzensüberfluß: Geb' ihm die Liebe für sein kurzes Leid In eurem Busen lange Seligkeit! Johannes und Esther (Im Frühling zu lesen.) Christnacht Durch die Fenster seh' ich's flimmern, Grün und Gold und Kerzenschein, Jauchzend hör' ich durch die Laden Helle Kinderstimmen schrein. Schmetternde Posaunen schallen Von dem Kirchenthurm herab: Lobt den Vater in der Höhe, Der der Welt das Kindlein gab! Herz, mein Herz, wie bist so selig? Herz, mein Herz, und so allein? Unsre Gaben, unsre Wünsche, Dürfen wir sie Keinem weihn? Eine weiß ich wohl zu finden, Der ich Vieles gönnen mag; Offen steht mir ihre Pforte, Und es kennt mich ihr Gemach. Aber in dem stillen Hause Brennt kein festlich helles Licht, Und im schwarzen Wochenkleide Sitzt sie da und freut sich nicht. Ach, ihr ist er nicht geboren, Der in dieser sel'gen Nacht Freud' und Fried' und Wohlgefallen Hat zu uns herabgebracht. Seine Liebe, seine Leiden Dringen nicht zu ihr hinein: Über ihre zarte Seele Herrschet ein Gesetz von Stein. Gebet in der Christnacht O Liebe, die am Kreuze rang, O Liebe, die den Tod bezwang Für alle Menschenkinder, Gedenk' in dieser sel'gen Nacht, Die dich zu uns herabgebracht, Der Seelen, die dir fehlen! O Liebe, die den Stern gesandt Hinaus in's ferne Morgenland, Die Könige zu rufen; Die laut durch ihres Boten Mund Sich gab den armen Hirten kund, Wie bist du still geworden? Noch eine fromme Hirtin liegt In blinden Schlummer eingewiegt, Und träumt von grünen Bäumen. Singt nicht vor ihrem Fensterlein Ein Engel: Esther, laß mich ein, Der Heiland ist geboren? Vereinigung Wenn ich nur darf in deine Augen schauen, In deine klaren, treuen, frommen Sterne, So fühl' ich weichen das geheime Grauen, Das Lieb' und Liebe hält in stummer Ferne. Und unsre Herzen wollen sich begegnen In langen Blicken, die mit Thränen ringen, Und unsre Liebe will ein Engel segnen: Er schlägt um uns die weichen, warmen Schwingen. Nach seinem Namen wag' ich nicht zu fragen, Noch nach dem Namen dessen, der ihn sendet; Ich darf ja wieder weinen, wieder klagen: Fürwahr, mich hat kein eitler Wahn geblendet! Die Passionsblume Hochgebenedeite Pflanze, Deren schöner Blüthenstern Uns in mildem, weißem Glanze Zeigt das Marterthum des Herrn; Voller Blüthen seh' ich immer Dich vor ihrem Fenster stehn: Willst du denn, als eitler Schimmer, Nur in Farb' und Duft vergehn? Ward dir kein geheimes Leben Unverwelklicher Natur Von dem Heiland eingegeben, Der dich pflanzt' in unsre Flur, Als ein Bild von seinen Leiden, Seinem bittern Liebestod, Daß daran wir sollen weiden Unsre Seel' in Lust und Noth? Hast du nicht in stillen Stunden, Heil'ge Blum', ihr zugehaucht Das Geheimniß von den Wunden, Von dem Dorn in Blut getaucht? Esther schläft, und Träume schließen Auf der reinen Seele Schrein: Laß aus deinem Sterne fließen Einen Strahl zu ihr hinein! Purim Was meint sie mit dem Aschenkleide An diesem freudenreichen Tag, Wo Alles gern in Sammt und Seide, In Gold und Steinen prangen mag? Es schwimmt das festlich bunte Zimmer In hoher Kerzen Duft und Schein: Sie schleicht sich aus der Freude Schimmer, Und steht am Fenster ganz allein. Da legt sich, wie ein weißer Schleier, Des Mondes Strahl um ihr Gesicht, Und eine stille, tiefe Feier Aus ihren sel'gen Augen spricht. O wär' ich aus den Truggestalten Der wilden, blinden Maskenlust, Und dürfte meine Hände falten Entlarvt im Tempel ihrer Brust! Vor ihrem Fenster Wie freut es mich, in dunkeln Abendstunden Vor deinem hellen Fenster still zu stehn! Den Vorhang find' ich hoch hinaufgewunden, Frei darf mein Blick in seinen Himmel sehn. Die Blumen, die sich an die Rahmen schmiegen, Umschlingen mir dein Bild mit ihrem Kranz, Und meines Odems Hauche überfliegen Mit trübem Nebelduft der Scheiben Glanz. Da sitzest du, so still und unbefangen, Das schöne Haupt gestützt auf deinen Arm, Und ich bin dir so nah mit Lust und Bangen, Mit meiner Wünsche ungestümem Schwarm. Du schauest her: es wissen deine Augen Vom süßen Zauber ihrer Blicke nicht, Wie meine sich aus ihnen trunken saugen, Und hell erglühen nur von ihrem Licht. Du ahnest nicht, wie sich mein ganzes Leben Gleich einem Mond um deine Sonne dreht, Der bald sich will auf stolzen Strahlen heben, Bald tief gebeugt in Thränen untergeht. Still, still, mein Herz! Was meint dein wildes Schlagen? Schau' über dich, der Himmel ist nicht fern; Und Flammen, die aus Sternen fallen, tragen Der Menschen Seufzer vor den Thron des Herrn. Die Lauberhütte Sei mir gegrüßt, du Holde, In deinem grünen Zelt! Hier seh' ich erst dich blühen, Hier blühet deine Welt. Mir ist's, als ob ich träte In ein gelobtes Land, Als hätten sich die Schritte Der Zeiten umgewandt. Entlaubt sind unsre Bäume, Verblüht ist unser Feld: Hier seh' ich Lenz und Sommer Als Brüder froh gesellt. Der Herbst auch ist gezogen In dieses schöne Haus, Und sucht für seine Früchte Sich Blumenstengel aus. So prüfen Duft und Schimmer Wetteifernd ihre Macht: Es flammen hohe Kerzen Wie Sterne durch die Nacht. Und aus den blanken Becken Steigt Weihrauch stolz empor: Da trauert manche Rose, Die ihren Duft verlor. Du siehst mich an, Geliebte, Und mir versagt das Wort: Du wirst mich nicht verstehen An diesem Zauberort. Wie solltest du mir folgen In trübe, kalte Luft, Aus deinem Vaterlande Voll Gluth und Glanz und Duft? Der Perlenkranz Ein Kränzlein möcht' ich sehen Gewunden um dein Haupt, Nicht bunt von Sommerblumen, Nicht immergrün belaubt. Von hellen, weißen Perlen Soll es geflochten sein: Durch deine schwarzen Locken Fließ' es wie Sternenschein. Neige dein Haupt, du Liebe, Lös' auf dein langes Haar! Kennst du die Perlenkrone, Durchsichtig, wasserklar? Bebt Ahnung dir im Herzen? O glaube, was sie spricht. Laß auf dein Haupt mich weinen: Tauft denn die Thräne nicht? Maria Maria möcht' ich dich begrüßen, Mein Herz hat stets dich so genannt. – Seh' ich ein klares Bächlein fließen, Setz' ich mich still an seinen Rand: Maria, rieseln seine Wogen, Maria soll ihr Name sein; Ein weißes Täubchen kommt geflogen, Schwebt über mir im Sonnenschein. Geliebte, hast du nichts vernommen, Wie Orgelton und Wasserfall? Der heil'ge Jordan kommt geschwommen Durch Berg und Meer mit Jubelschall. Der Geist des Herrn schwingt sein Gefieder Und ruft: Wo ist die Tochter mein? Tauch' in die Liebesfluthen nieder: Maria soll dein Name sein! An Johannes Aus deiner Brust hab' ich empor gesungen Verschwiegner Liebesflammen Lust und Schmerz, Und von den Klängen fühl' ich nun durchdrungen Mit tiefer Regung fast mein eignes Herz. Der Frühling naht: schon trägt man aus dem Hause Die Blumen an das freie Tageslicht; Und länger bleiben auch in ihrer Klause Die Winterblüthen meiner Muse nicht. Gedeihen muß die Lenzluft ihnen geben Und junges Grün und frischen Knospendrang, Auf daß sie sich befreunden mit dem Leben, Und werben nach der Leute Lob und Dank. So ziehn sie aus im Duft und Glanz des Maien, Bekränzt mit schwarzem Leid und bunter Lust; Und will der Winter sie mit Schnee bestreuen, So flüchten sie zurück in deine Brust. Reiselieder Große Wanderschaft Wandern, wandern! Gestern dort und heute hier; Morgen, wohin ziehen wir? Wandern, wandern! Wißt ihr wohl das Losungswort, Das die Welt treibt fort und fort? Wandern, wandern! Sehet Sonne, Mond und Sterne, Wie die wandern all' so gerne! Wandern, wandern! Auch die Erde macht sich auf Alle Jahr' zum frischen Lauf. Wandern, wandern! Ei, so laß das Sitzen sein, Mensch, du mußt doch hinterdrein! Wandern, wandern! Kind und Jüngling, Mann und Greis, Also heißt die Lebensreis'. Wandern, wandern! Ei, wie schöne Kompanei! Fürstengunst und Frauentreu'! Wandern, wandern! Frau Fortuna führt uns an, Amor ist der zweite Mann. Wandern, wandern! Auch die Musen könnt ihr sehn All' in Reiseschuhen gehn. Wandern, wandern! Mars fährt auf Aprillenwetter, Laune heißt des Ruhmes Vetter. Wandern, wandern! Liebes Herz, so zieh' nur mit, Halte wacker Schritt und Tritt! Wandern, wandern! Heute hier und morgen dort, Und zu Haus an jedem Ort. Wandern, wandern! Regen, Sturm und Sonnenschein, Rebensaft und Gerstenwein. Wandern, wandern! Heute blond und morgen braun Ist mein Schätzchen anzuschaun. Wandern, wandern! Kalt und warm und schlicht und kraus, Bienenschwarm und Schneckenhaus. Wandern, wandern! Heut' hab' ich dies Lied erdacht, Morgen wird es ausgelacht. Wandern, wandern! Wanderlieder eines rheinischen Handwerksburschen 1. Auszug Ich ziehe so lustig zum Thore hinaus, Als ob's ein Spaß nur wär': Das macht, es wallt Feinliebchens Bild Gar helle vor mir her. Da merk' ich dann im Herzen bald: Ich sei dort, oder hier, Ich gehe fort, ich kehre heim, Ich ziehe doch immer zu ihr. Und wer zu seinem Liebchen reist, Dem wird kein Weg zu schwer, Der läuft bei Tag und läuft bei Nacht, Und ruht sich nimmermehr. Und ob es regnet, ob es stürmt, Mir thut kein Wetter weh: Es hat mein Liebchen mir gesagt Ein freundliches Ade! 2. Auf der Landstraße Was suchen doch die Menschen all' Zu Roß und auch zu Fuß? Das wandert hin und wandert her Zeitlebens ohn' Verdruß. Die haben wohl kein Liebchen heim, Und auch ihr Herz dabei: Sie sehn mich an und wundern sich, Daß ich so langsam sei. Ach, wer mit jedem, jedem Fuß, Den er setzt in die Welt hinein, Einen Schritt von seiner Liebsten thut, Der macht ihn gerne klein. Wer hat das Wandern doch erdacht? Der hatt' ein Herz von Stein; Und wär' es heut' noch nicht bekannt, Ich ließ' es wahrlich sein. 3. Einsamkeit Der Mai ist auf dem Wege, Der Mai ist vor der Thür: Im Garten, auf der Wiesen, Ihr Blümlein kommt herfür! Da hab' ich den Stab genommen, Da hab' ich das Bündel geschnürt, Zieh' weiter und immer weiter, Wohin die Straße mich führt. Und über mir ziehen die Vögel, Sie ziehen in lustigem Reihn, Sie zwitschern und trillern und flöten, Als ging's in den Himmel hinein. Der Wandrer geht alleine, Geht schweigend seinen Gang; Das Bündel will ihn drücken, Der Weg wird ihm zu lang. Ja, wenn wir allzusammen So zögen in's Land hinein! Und wenn auch das nicht wäre, Könnt' Eine nur mit mir sein! 4. Brüderschaft Im Krug zum grünen Kranzea Da kehrt' ich durstig ein: Da saß ein Wandrer drinnen Am Tisch bei kühlem Wein. Ein Glas war eingegossen, Das wurde nimmer leer; Sein Haupt ruht' auf dem Bündel, Als wär's ihm viel zu schwer. Ich thät mich zu ihm setzen, Ich sah ihm in's Gesicht, Das schien mir gar befreundet, Und dennoch kannt' ich's nicht. Da sah auch mir in's Auge Der fremde Wandersmann, Und füllte meinen Becher, Und sah mich wieder an. Hei, was die Becher klangen, Wie brannte Hand in Hand: »Es lebe die Liebste deine, Herzbruder, im Vaterland!« 5. Abendreihn Guten Abend, lieber Mondenschein! Wie blickst mir so traulich in's Herz herein? Nun sprich, und laß dich nicht lange fragen, Du hast mir gewiß einen Gruß zu sagen, Einen Gruß von meinem Schatz. »Wie sollt' ich bringen den Gruß zu dir? Du hast ja keinen Schatz bei mir. Und was mir da unten die Bursche sagen, Und was mir die Frauen und Mädchen klagen, Ei, das versteh' ich nicht.« Hast Recht, mein lieber Mondenschein, Du darfst auch Schätzchens Bote nicht sein, Denn thätst du zu tief ihr in's Auge sehn, Du könntest ja nimmermehr untergehn, Schienst ewig nur für sie. Dies Liedchen ist ein Abendreihn, Ein Wandrer sang's im Vollmondschein; Und die es lesen bei Kerzenlicht, Die Leute verstehn das Liedchen nicht, Und ist doch kinderleicht. 6. Morgen In die grüne Welt hinein Zieh' ich mit dem Morgenschein, Abendlust und Abendleid Hinter mir so weit, so weit! Ei, wie roth deine Wangen sind, Morgen, Morgen, süßes Kind! Blümlein weinten die ganze Nacht, Weil man dich zu Bett gebracht; Mittag kam, der stolze Ritter, Abend kam, der müde Schnitter, Keinen haben sie angeschaut, Haben still auf dich vertraut. Und nun bist du wieder da, Bist so freundlich, bist so nah! Und sie richten sich empor, Schütteln ab der Träume Flor. Wie sie wanken, wie sie beben, Scheu die trunknen Blicke heben! War's dein Kuß, der sie erweckte? War's ein Zephyr, der sie neckte? Welcher Schrecken, welche Lust! Mund an Mund, und Brust an Brust! Guten Morgen, guten Morgen! In die Winde alle Sorgen, Alle Thränen von den Wangen, Aus dem Herzen alles Bangen, Alles froh und Alles frei, Ob's der erste Welttag sei! Auch die kleinen Waldvögelein Wollen bei dem Feste sein, Lassen ihre Stimmlein klingen, Einen Gruß hinaufzusingen. Wißt ihr, wer's am besten meint Mit dem jungen Himmelsfreund? Lerche sich zum Höchsten schwingt, Und ihm grad' an's Herze sinkt. Lerche, Lerche, einen Gruß, Lerche, Lerche, Gruß und Kuß, Nimm sie mit dir von uns Allen, Und laß deine Stimme schallen, Wenn wir dich nicht mehr ersehn, Aus den lieben blauen Höhn! Fischlein, Fischlein in dem See, Wird's da unten euch zu weh? Drang sein helles Rosenlicht Noch in eure Tiefe nicht? Ei, so springt einmal heraus Aus dem düstern Wogenhaus, Schnappt von seinen Äugelein Einen Blick zu euch hinein, Und die Lampen von Krystall Zündet an mit seinem Strahl! Morgenstund' hat Gold im Mund! Arme Wandrer, rings und rund, Auf und fort im Morgenschein, Wollt ihr reiche Leute sein! 7. Frühlingsgruß Du heller linder Abendwind, Flieg' hin zu meinem Schatz geschwind, Es wird dich nicht verdrießen, Und fächl' ihr sanft um Wang' und Kinn, Treib' deine jüngsten Düfte hin, Und sprich: Der Lenz läßt grüßen! Die Laute nehm' ich von der Wand, Und schlinge drum ein grünes Band, Ein Vöglein hört' ich schlagen; Es schlug: Wer bindet an mit mir Zu Lieb' und Sang ein Festturnier In grünen Rosenhagen? Wohl auf im hellen Mondenschein, Durch alle Gassen aus und ein, Mit Fiedeln und Schalmeien! Thut auf, thut auf die Fensterlein, Ihr Mägdlein, laßt den Frühling ein! Dürft euch vor ihm nicht scheuen. Er ist ein wohlgezogner Gast, Ein Knäblein jung und blöde fast, Auch etwas unerfahren: Nehmt Amorn ihm als Lehrer an, So wird er bald ein kluger Mann, Noch eh' er kommt zu Jahren. Du heller linder Abendwind, Was meint zu dir das liebe Kind, Gefällt ihr deine Kunde? Gut' Nacht, gut' Nacht, die Fenster zu! Der neue Gast verlangt nach Ruh', Der Wächter bläst die Stunde. 8. Entschuldigung Wenn wir durch die Straßen ziehen, Recht wie Bursch' in Saus und Braus, Schauen Augen, blau' und graue, Schwarz' und braun' aus manchem Haus. Und ich lass' die Blicke schweifen Durch die Fenster hin und her, Fast als wollt' ich Eine suchen, Die mir die Allerliebste wär'. Und doch weiß ich, daß die Eine Wohnt viel Meilen weit von mir, Und doch muß ich immer gucken Nach den schmucken Jungfern hier. Liebchen, woll' dich nicht betrüben, Wenn dir Eins die Kunde bringt, Und daß dich's nicht überrasche, Dieses Lied der Wandrer singt. 9. Hier und dort Mein Liebchen hat g'sagt: Dein Sang mir behagt! Ach, wenn ich doch selber Ein Lied gleich wär', Meinem Schätzchen zu Ehr'! Da wollt' ich mich schreiben Auf seidnes Papier, Und wollte mich schicken Per Post zu ihr. Flugs thät' sie erbrechen Das Briefchen so sein, Und schaute schnurgrade In's Herz mir hinein. Und sähe und hörte, Wie gut ich ihr bin, Und wie ich ihr diene Mit stetigem Sinn. Und Liebchen thät' sagen: Du thust mir behagen! Und sagte und sänge Und spielte nur mich, Und trüge im Mund und im Kopf und im Herzen Mich ewiglich. Hätt' Gott mich gefragt, Als die Welt er gemacht, So hätt' ich ein Liebchen, Das wäre fein hier, Und wär sie wo anders, So wär' ich bei ihr. Dies Lied hat gesungen Ein Wandrer vom Rhein. Hier trinkt er das Wasser, Dort trank er den Wein. Des Postillions Morgenlied vor der Bergschenke Vivat, und in's Horn ich stoße! Vivat, wie so hell es klingt, Wenn es in der Morgenstunde Meinem Schatz ein Vivat bringt! Und die Peitsche knallt dazwischen, Und die Räder rasseln drein, Und die Funken und die Flammen Fliegen über Stock und Stein. Bravo, bravo, braver Schwager! Ruft mir zu der Passagier: Mag er's loben und bezahlen, Liebste, aber's gilt nur dir. Kann ich's mit dem Schwert nicht zeigen, Mit dem blanken Rittersporn, Hat mein Herz für seine Liebe Doch dies kleine runde Horn. Wer's versteht, es klingt nicht übel, Frisch und scharf wie Morgenwind, Und die Liebste, die ich meine, Ist kein schwächlich städtisch Kind. In dem Wald ist sie geboren, Ist des Schenken Töchterlein; Klang der Becher, Zank der Zecher Mußt' ihr Wiegenliedchen sein. In dem Walde steht die Schenke Einsam auf dem höchsten Berg, Durch den Schornstein bläst die Hexe, Und im Keller wühlt der Zwerg. Aber sie, die flinke Dirne, Weiß mit Geistern umzugehn, Wenn ihr Schlüsselbund nur klappert, Läßt kein Spuk sich weiter sehn. Und wie trefflich kann sie bannen Geister auch von Fleisch und Bein, Die Berauschten, sei's von Liebe, Sei's von Bier und Branntewein. Keiner wagt sich ihr zu nahe, Weil den Zauberkreis er kennt, Der dem kecken Überspringer Zung' und Finger gleich verbrennt. Aber freundlich und gesprächig Ist sie dem bescheidnen Gast, Und an ihrem Thor vorüber Rollt kein Wagen ohne Rast. Bravo, bravo, braver Schwager! Ruft mir zu der Passagier: Gut gefahren, gut gehalten Bei der schmucken Dirne hier. Mag er's loben und bezahlen, Liebste, aber's gilt nur dir. Schöne Schenkin, ach, ich dürste, Schenke, schenke Liebe mir! Vivat, und in's Horn ich stoße, Und es muß abschieden sein! Vivat, und wie soll es schmettern, Kehr' ich hier auf ewig ein! Der Prager Musikant Mit der Fiedel auf dem Rücken, Mit dem Kappel in der Hand, Ziehn wir Prager Musikanten Durch das weite Christenland. Unser Schutzpatron im Himmel Heißt der heil'ge Nepomuk, Steht mit seinem Sternenkränzel Mitten auf der Prager Bruck. Als ich da hinausgewandert, Hab' ich Reverenz gemacht, Ein Gebet ihm aus dem Kopfe Recht bedächtig hergesagt. Steht also in keinem Büchel, Wie man's auf dem Herzen hat: Wanderschaft mit leerem Beutel, Und ein Schätzel in der Stadt. Wenn das Mädel singen könnte, Wär's gezogen mit hinaus, Doch es hat 'ne heisre Kehle, Darum ließ ich es zu Haus. Ei, da gab es nasse Augen, 'S war mir selbst nicht einerlei: Sprach ich: 'S ist ja nicht für ewig, Schönstes Nannerl, laß mich frei! Und ich schlüpft' aus ihren Armen, Aus der Kammer, aus dem Haus, Konnt' nicht wieder rückwärts schauen, Bis ich war zur Stadt hinaus. Da hab' ich dies Lied gesungen, Hab' die Fiedel zu gespielt, Bis ich in den Morgenlüften Auf der Brust mich leicht gefühlt. Manches Vöglein hat's vernommen: Flög' nur eins an Liebchens Ohr, Säng' ihr, wenn sie weinen wollte, Dieses frische Liedel vor! Wenn ich aus der Fremde komme, Spiel' ich auf aus anderm Ton, Abends unter ihrem Fenster: Schätzel, Schätzel, schläfst du schon? Hoch geschwenkt den vollen Beutel, Das giebt eine Musika! 'S Fenster klirrt, es rauscht der Laden, Heilige Cäcilia! All' ihr Prager Musikanten, Auf, heraus mit Horn und Baß, Spielt den schönsten Hochzeitreigen! Morgen leeren wir ein Faß. Ein Andrer Wenn du wandelst auf der Prager Brücken, Thut vor dir Sankt Nepomuk sich bücken, Und die Arme hebt er auf zum Segen Deiner schwarzen Schelmenaugen wegen. Ach, wie soll man heut' ein Heil'ger werden, Wo's ein solches Mädel giebt auf Erden? Aus dem Himmel liefen Gottes Engel, Um zu küssen deine Rosenwängel. Und ich sollt' mit meiner armen Seelen Fort von dir mich in den Himmel quälen, Um von oben mit betrübten Blicken Grüße dir hinunter zuzunicken? Meiner Fiedel Saiten sind zersprungen, Als ich dir das Abschiedslied gesungen. Sag', wie soll mein Herz doch diese Plagen, Ohne zu zerreißen, still ertragen? Die Prager Musikantenbraut Und wißt ihr, wer mein Schätzel ist? Ein Prager Musikant, Ein Musikant von feiner Kunst In Baß und in Diskant. Und wißt ihr, wo mein Schätzel ist, So wißt ihr mehr als ich, Denn weil er halt nicht schreiben kann, So denkt er nur an mich. Und 's Denken ist ein luftig Ding, Summt leis' in's Herz hinein; Woher es kommt, wohin es geht, Das muß errathen sein. Ei, kommst denn nimmermehr zu Ruh', Du Musikantenblut? Ei, lernst denn nimmermehr verstehn, Wie lieb's in Böhmen thut? So zieh' nur hin durch Stadt und Land, Mit dir Sankt Nepomuk, Der segne Fiedel dir und Baß Mit gutem Strich und Druck! Und wo in Gottes weiter Welt Du klopfst an Thür und Thor, Find' offne Beutel überall Und ein geneigtes Ohr. Die Mädel schaun dir in's Gesicht, Die Männer nach der Hand, Und Einer und die Andre spricht: Ein braver Musikant! Dann sing' ein Lied von deiner Braut, Die an der Moldau ist: Das klingt mir hell durch Mark und Bein, Und sagt mir, wo du bist. Und sagt mir noch so mancherlei, Was schwer sich sagt im Reim, Und sagt mir: Wann die Lerche kommt, Kehr' ich nach Böhmen heim. Seefahrers Abschied Die du fliegst in hohen Lüften, Kleine Schwalbe, komm herab, Weil ich dir ein Wort im Stillen Unten zu vertrauen hab'. Sollst mir eine Feder schenken Aus den schwarzen Flügeln dein, Will an meine Liebe schreiben: Herz, es muß geschieden sein! Morgen fahr' ich auf dem Meere, Wind und Woge weiß, wohin, Und es fragen mich die Freunde, Was ich doch so traurig bin. Aber Wind und Woge sprechen Viel von Unbeständigkeit, Und der Sklave singt zum Ruder: Mächtig, mächtig ist die Zeit! Gott, und soll ich untergehen, Sei es in dem tiefen Meer, Nur nicht in der Liebsten Herzen, Wo ich gern geborgen wär'. In dem stillen klaren Spiegel Male sich mein treues Bild, Wann um mich in Ungewittern Die empörte Woge schwillt. Liebe, sieh, wie Well' auf Welle Ringt nach dem ersehnten Strand: Aber manche wird verschlungen, Eh' sie küßt das grüne Land. Wenn du an dem Ufer wandelst, Hüpft die Fluth nach deinem Fuß: Wogen hab' ich nur und Winde, Dir zu schicken meinen Gruß. Wann die fernen Höhen dämmern, Jauchzet Alles nach dem Land: Nur zwei müde Augen bleiben Still dem Meere zugewandt. Wann die Segel wieder glänzen, Wann die Winde heimwärts wehn, Laß mich auf dem Maste sitzen: Liebe kann durch Wolken sehn. Schiff und Vogel Die Flüsse rauschen in das Meer, Vorüber an Burgen und Städten, Die Winde blasen hinterher Mit lustigen Trompeten. Die Wolken ziehen hoch voran, Wir Vöglein mitten drinnen, Und Alles, was fliegen und singen kann, Nur nach, nur mit uns, nur von hinnen! Ich grüße dich, Schifflein! Wohin, woher, Mit dem flatternden goldenen Bande? »Ich grüße dich, Vöglein! In's weite Meer Fahr' ich hin aus dem engen Lande. All' meine Segel sind geschwellt, Kein Berg ist mehr zu sehen: Ich hab' mein' Sach' auf den Wind gestellt, Der Wind läßt mich nicht stehen. Und willst du, Vöglein, mit hinaus, Magst dich auf den Mastbaum stellen; Denn voll zum Sinken ist mein Haus Von glücklichen Gesellen. Sie tanzen und springen den ganzen Tag, Und klimpern und spielen und trinken, Und wer nicht mehr tanzen und trinken mag, Seiner Nachbarin muß er winken.« Gesellen, die brauch' ich und such' ich nicht, Lieb Schifflein, ich kann ja noch singen; Dein Mastbaum wär' ich ein böses Gewicht, Lieb Schifflein, ich habe ja Schwingen. Hoch über dem Segel, hoch über dem Mast, Wer will mir die Lust verwehren? Und hält deine wilde Gesellschaft Rast, So sollst du mich singen hören. Und wer nicht ruhen und horchen mag, Gott gesegn' ihm die bessere Freude! So schwing' ich mich auf in den blauen Tag, In die goldene Sonnenweide. So sing' ich meinen Jubelgesang Hinaus in alle vier Winde, Daß ihn mein und sein Lebelang Kein Schreiber und Drucker finde! Ländliche Lieder Ländlicher Reigen Ich hab' ein Herz verloren Wohl in dem grünen Mai, Und Keine will mir sagen, Wo's nun geblieben sei. Ihr schmucken Dirnen alle, Nun Eine hat es doch, Und habt ihr's nicht geZKunden, So liegt's im Grase noch. Und wenn es liegt im Grase, So liegt's auf kühler Streu, Und wann ihr mäht die Wiesen, So schneidet's nicht entzwei. Ich hab' ein Herz gefunden Wohl in dem Mond April, Wo alle Narren wandern: Einen Narren ich nicht will. Drum will ich's weiter schicken, Bis daß es wird gescheit, Und kommt es klug zurücke, Zum Lieben ist's immer noch Zeit. Ich hab' ein Herz begraben Wohl im Dezemberschnee, Und wenn das Eis zerrinnet, So fällt es in den See. Und schwimmet auf und nieder, Und hüpfet her und hin, Bis es in's Netz gesprungen Der schönsten Fischerin. Ich hab' manch Herz gefangen Wohl in dem Erntetanz: All' Jahr' ein frisches Herzchen, All' Jahr' ein frischer Kranz! Und wem das nicht behaget, Der seh' dem Tanze zu; So mag er 's Herz behalten, Dazu auch ganze Schuh'. Höhen und Thäler Mein Mädchen wohnt im Niederland, Und ich wohn' auf der Höh', Und daß so steil die Berge sind, Das thut uns beiden weh. Ach Felsen, ihr hohen Felsen ihr, Wozu seid ihr doch da? Wenn's überall fein eben wär', So wär' mein Schatz mir nah. Der Vater spricht: Bleib' hier, mein Sohn, Und bring' dein Weib herauf. Das Mädchen spricht: Es kann nicht sein, Mein Haus ich nicht verkauf'. Ach Felsen, ihr hohen Felsen ihr, Wenn ihr doch sänket ein! Dann wär' der Streit ja gleich vorbei, Und 's Mädchen wäre mein. Tanzlied Aus dem tiefen stillen Grund Klingen die Schalmeien. Sie tanzen wohl auf grünem Rund Im Schatten der kühlen Maien. Alle Weisen kenn' ich ja, Kann sie pfeifen und singen; Schon ist es mir, als wär' ich da, Wo sie hüpfen und schweben und springen. Meine Sohlen heben sich, Und mein Herz wird munter. Ach, liebes Kind, und säh' ich dich, Ich spränge von oben hinunter. Wenn ein andrer Bursch dich dreht, Laß dich nicht verdrehen! Dein Köpfchen, wenn das fest nicht steht, Wie soll mein Wort denn stehen? Und wenn eine Nadel dir Abfällt aus dem Mieder, Das giebt in's Herz zehn Stiche mir, Die heilt kein Balsam wieder. Der Ohrring Mein Bursch einen Ring in's Ohr mir hing, Als nach der bösen Stadt er ging – Ach, wären's zwei gewesen! Er sprach: Du sollst ein Schlößchen sein, Laß mir kein Schmeichelwort hinein! Ach, wären's zwei gewesen! Die Schmeichler gehn zum offnen Ohr, Und reden ihm viel Süßes vor – Ach, hätt' ich nur zwei Schlösser! Und Bittres auch noch hinterher, Das macht das Herz mir zentnerschwer – Ach, hätt' ich nur zwei Schlösser! Sie sagen mir: mein Liebster sei Mir wie ein Schmetterling getreu – Ach, hätt' ich gar kein Schlößchen! Dann flög's herein zu einem Ohr, Und gleich hinaus zum andern Thor – Ach, hätt' ich gar kein Schlößchen! Des Jägers Weib Den Kopf gestützt auf meinen Arm, Steh' ich am Fensterlein – Die Stirn wird mir so schwer und warm, Es schläft der Arm mir ein. Weit, weit herunter von den Höhn Hallt einer Büchse Knall, Und wenn die Lüft' in's Ohr mir wehn, Klingt mir 's wie Hörnerschall. Ach, solltest du so fern noch sein In dieser kalten Nacht? Und weißt doch, bin ich hier allein, Wie bang' mich Alles macht. Ich wage kaum den Kopf zu drehn, Die Kammer ängstet mich, Und sollt' ich nach der Thüre sehn, Ich glaub', ich sähe dich. Die Büchsen hängen hinter mir Und schlagen an die Wand. Ist es der Zug des Fensters hier? Ist's eine Geisterhand? So starr' ich in den Wind hinaus Und friere, was ich kann, Und überläuft mich dann ein Graus, Stimm' ich ein Liedchen an. Das treibt die Grillen in die Luft Und macht die Brust mir leicht, Wenn's wiederhallt von Kluft zu Kluft, Von Berg zu Berge steigt. Doch, Liebster, dringt zu Ohren dir Einmal der helle Klang, Glaub' nicht, es sei das Herze mir So froh, wie mein Gesang. Das Hirtenfeuer in der römischen Ebene Ade, Ade, Geliebte, Und reich' mir deine Hand! Ich treibe meine Heerde Hinab in's Niederland. Die Saaten sind gemähet, Das Stoppelfeld ist frei: Laß uns mit blauem Bande Verknüpfen Lieb' und Treu'. Ich trag' es auf dem Hute, Du trägst es auf der Brust, Und pocht dein Herz dagegen, Ich fühl's in banger Lust. Schaust du herab vom Berge Wohl in der dunkeln Nacht, Tief unten brennt ein Feuer, Wo dein Geliebter wacht. Und höher schlägt die Lohe, Und heller glüht der Schein: Dann denk', es ist sein Herze, Das will hier oben sein. Ade, Ade, Geliebter! Wie zeig' ich dir mein Herz? In enger, stiller Kammer Verschließt es Lust und Schmerz. Und schau' ich aus dem Fenster Hinab in's weite Feld, Du findest keine Thräne, Die dort hinunterfällt. Ich seh' ein Feuer brennen Wohl in der dunkeln Nacht: Gesegnet sei die Stätte, Wo mein Geliebter wacht! Und höher schlägt die Lohe, Und heller glüht der Schein, Ich wieg' auf seinen Flammen All' meine Sorgen ein. Laß nicht den Brand erlöschen, Geliebter, eh' es tagt: Kann ich den Schlaf nicht finden, Kürzt mir dein Licht die Nacht. Dasselbe noch einmal Die Abendnebel sinken Hernieder kalt und schwer, Und Todesengel schweben In ihrem Dampf umher. Gehüllt in meinen Mantel, Den Spieß an's Herz gedrückt, Schau' ich empor zum Berge Und träume mich beglückt. Er steigt so grün und helle Hervor aus grauem Duft, Wie eine Zauberinsel In wogenblauer Luft. Der letzte Strahl der Sonne Ruht sich auf ihm so gern, Mit seinem ersten Schimmer Grüßt ihn der Abendstern. Er trägt ein kleines Hüttchen, Ich seh's von unten kaum, Und vor der Hüttenthüre Blüht ein Zitronenbaum. Darunter sitzt mein Mädchen, Die Spindel in der Hand, Und spinnt und sinnt und schauet Herab in's ebne Land. Es lodert helles Feuer Hier unten in der Nacht, Das ihr die Stätte weise, Wo ihr Geliebter wacht. Mein gellend Hifthorn richt' ich Hoch in die Luft empor, Die Wiederhalle tragen Den Klang zu ihrem Ohr. Und ist das Horn verklungen Und glimmt das Feuer aus, Geliebte, geh' und pflücke Mir einen Blumenstrauß. Und wirf ihn von der Höhe Mit einem Gruß herab, Dann tragen schnelle Winde Ihn auf mein frisches Grab. Die Monate Florenz, im September 1818. An Ludwig Sigismund Ruhl 1 Ich zog mit dir aus Roma's heil'gen Mauern, Den Rücken jenen Fluren zugewendet, Wo sich der Himmel nimmer müde spendet Mit seines Füllhorns frischen Blumenschauern. Da faßte plötzlich dich ein heißes Trauern, Das über ihren Strom dir nachgesendet Die Stadt, der du, ich weiß nicht was, verpfändet: Ich hörte deine Seufzer mit Bedauern. Germania, mach' auf dich ohne Weilen, Geschmückt mit aller deiner Reize Waffen, Den hart gefeiten Flüchtling zu begrüßen! Heiß' der zwölf Monde Schaar voraus dir eilen, Und was ein jeder Bestes kann erschaffen, Leg' er als Angebind' ihm gern zu Füßen. Fußnoten 1 Ein bekannter deutscher Maler (Gs). Januar Ich bringe dir in weißen kalten Händen Ein warmes Haus, erhellt von tausend Kerzen, Bewohnt von bunten Spielen, Tänzen, Scherzen, Von Amoretten auch, die Pfeile senden. Sie flattern auf und ab an allen Enden, Die Jungfrau schaut besorgt nach ihrem Herzen, Die Andre schon nach Einem, der den Schmerzen Der Wunde möchte süßen Balsam spenden. Als hülfreich hab' ich immer dich erfunden, Vor Allem, wo es gilt den schwachen Schönen, Drum, denk' ich, wird sie nicht bis morgen klagen. Bald sind verrauscht des Festes heiße Stunden, Schon hör' ich Hufschlag vor dem Thore dröhnen: Reich' ihr den Arm und führe sie zum Wagen! Februar Erkennst du mich in meinem bunten Kleide, Mit meiner Pritsche, meinem Schellenhut, Mit meinem unermüdlich krausen Muth, Voll Scherz und Rank und Witz und Schadenfreude? Doch zapft man hier, zu meinem großen Leide, Mir jährlich ab ein Becken wildes Blut: Humanitas meint es mit mir nicht gut, Und schwärzt mich an mit unhumanem Neide. Ich darf nicht mehr frei durch die Straße wandern, In enge Säle schließen sie mich ein, Und wollen gar, ich soll vernünftig sein. Wie thut mir's weh um dich vor allen Andern! Ich möchte gern dich römisch lustig sehn, Und müßt' ich selbst dabei zu Grunde gehn. März Mit einem Strauß von Blumen, die mit Schnee Die kleinen weißen Kelche gern bedecken, Möcht' ich, wie sie, mich deinem Blick verstecken, Weil ich allein so ärmlich vor dir stehe. Wohin ich auch nach bessern Gaben spähe, Nur Keim und Knospe find' ich aller Ecken; Wohl möcht' ich Laub und Blüthe dir erwecken, Doch fürcht' ich sehr, mein Hauch thät' ihnen wehe. So nimm denn, was ich bringe, als zum Pfande Der schönen Zeit, die ich nur darf verkünden, Daher sie mich den Mond der Hoffnung nennen. Und wann der Wonnemond regiert im Lande, Wirst du Erfüllung auf den Fluren finden, Und ungelöscht soll dir kein Wunsch verbrennen. April Leichtsinnig, launig, neckisch, ausgelassen, Wandl' ich in jeder Stunde Leib und Sinn: Kaum weiß ich selbst, wie ich beschaffen bin, Wie sollen mich die fremden Leute fassen? Hier werf' ich einen Schneeball durch die Gassen, Dort schweb' ich blau in jungen Düften hin, Bald streich' ich sanft der Schönen weiches Kinn, Bald sagen sie, ich wäre grob im Spaßen. Gern wollt' ich dir noch Vieles von mir sagen, Doch drückt mich des Sonettes enges Band, Das mir die Muse um den Mund geschlagen. Sie sprach: Ich kenne dich als ungezogen, Und jener Herr hat in dem welschen Land Der besten Sitt' als Kavalier gepflogen. Mai Ich möchte schweigend, Lieber, dich umfangen, Gehüllt in süße, bange Dämmerungen. Es wird so viel zu meinem Preis gesungen, Daß mir die Lust am Liede fast vergangen. Wärst du so heiß von seligem Verlangen, Wie eine Lilie, deren weiße Zungen Den langen Tag nach kühlem Trost gerungen, Bis daß sie müd' und matt zur Erde hangen: Komm her zu mir, ich gebe dir zu trinken, So viel du magst, mein treuer deutscher Zecher, Aus meinem bodenlosen Liebesbecher! Siehst du die hellen Thauestropfen blinken Dort an den Lilien in der Morgensonne? Wie mäßig schaltet ihr mit meiner Wonne! Juni Ich trag' ein Kleid von weichen Rosenherzen, Ich schlaf' in einem Bett von Rosenduft, Bis mich der rosenrothe Morgen ruft, Ein Stündlein in den Knospen zu verscherzen. Der Mittag liebt ein herzlicheres Herzen, Dringt heiß bis in des Kelches tiefste Kluft: Da fliegt manch Rosenblättchen durch die Luft, Und seufzt von bittrer Lust und süßen Schmerzen. Der Abend kommt, den Blumen Trost zu geben, Die matt und blaß in seinem Thau sich baden, Bis allen ihren Zorn sie ausgekühlt. Behagt dir, Freund, dies rothe Rosenleben, So sei von mir auf morgen eingeladen, Denn alle Tage wird solch Spiel gespielt. Juli Auf kühlen Bergen, an des Meeres Strande, Ist dir ein heitrer Gartensitz bereitet, Nicht allzu eng', auch nicht zu weit verbreitet: Man liebt sich einzuschränken auf dem Lande. Ein junger Quell im Bett von weichem Sande Ist zierlich durch die Gänge hingeleitet, Bis er betrogen in ein Becken gleitet, Das ihm versteckt der Blumenhain am Rande. Da muß er, eingezwängt in schlanker Säule, Aufsteigen aus dem runden Marmormunde, Und auf der Höhe sich in Schaum zerstäuben. Das Moosbett winkt zu mittäglicher Weile: Es schlummert Alles, nur im klaren Grunde Seh' ich die goldnen Fischlein Spiele treiben. August Wann durch das Feld die blanken Sensen klingen, Wann sich die hohen goldnen Halme neigen, Wann um den Ährenkranz in wilden Reigen Die Schnitter mit den Schnitterinnen springen: Dann will ein Jeder um die Stirne schlingen Ein buntes Band, und sich als Mäher zeigen; Wer ist so arm, daß er sich nicht zu eigen Ein Saatenfeld und Saamen könnt' erringen? Die Hoffnung pflügt für Alle das Gefilde, Und flinke Wünsche streun mit vollen Händen Die Körner in den weichen Schooß der Erden. Dir ist das Jahr mit den zwölf Monden milde, Drum will ich dir die schärfste Sichel spenden, Die nimmer stumpf soll in der Ernte werden. September Ich grüße dich mit hellem Waldhornklange; Hirschfänger, Büchse, Netz und grünes Kleid, Ein Roß, zu jedem kecken Sprung bereit, Verehr' ich dir, und wünsche Glück zum Fange. Frisch auf! Um das Revier sei mir nicht bange: Ich habe Eichenwälder tief und breit, Mit Bahnen rings durchhauen für die Waid, Und Hirsch' und Rehe, wie ich sie verlange. Den Hut geschmückt mit einem grünen Reise, Die Hände purpurroth von edlem Schweiße, Die Wagen krachend unter ihrer Last: So ziehe heim mit deinen Jagdgesellen, Wenn du nicht erst ein Wort noch zu bestellen Hier bei der schönen Försterstochter hast. Oktober Vom alten Rhein siehst du daher mich schweben Auf einem kühlen, klaren Mondenstrahl, Mit einem vollen, schäumenden Pokal, Die heiße Stirn umweht von frischen Reben. Es wogt ein unergründlich tiefes Leben In meiner Beere güldenem Krystall: Willst du's entfesseln, laß in hellem Schall Zwei Bruderbecher an einander beben. Und unterthänig diesem Zauberklange, Schwingt flugs ein unzählbares Elfenchor Aus Silberperlen sprudelnd sich empor. Den Rand umhüpfen sie in buntem Drange, Mit Spieß und Degen, Saitenspiel und Kranz, Bockshorn und Eulenohr und Drachenschwanz. November Zu rechter Zeit hab' ich dir's angesehen, Daß du, auf Tanz und Jagd und Becherklingen, Verlangen fühlst nach würdigeren Dingen, Womit ich gleich dir kann zu Diensten stehen. Durch Leipzigs volle Laden ging ich spähen, Was uns die deutschen Pressen Neues bringen: Die Bogen, die noch auf den Seilen hingen, Sie mußten ungetrocknet mit mir gehen. Sparöfen kauft' ich auch und Sorgenstühle, Kaffee und Knaster von der besten Sorte, Und lange runde Bernsteinpfeifenspitzen. Entreiß' dich, Freund, dem eitlen Weltgewühle: Ich führe zu der Weisheit heil'gen Pforte Die Jünger, ohne sehr sie zu erhitzen. Dezember Mit Peitschenknall und lautem Schellenklange Meld' ich mich dir, und schüttle weiße Flocken Durch alle Straßen hin aus meinen Locken: Dich, hoff' ich, macht das Ungethüm nicht bange. Es schnaubt der Renner an des Schlittens Stange, Das blanke Halsband schütteln deine Doggen; Die Dame hüllt in warme Flaumensocken Den zarten Fuß, und denkt: Er bleibt so lange. Was zauderst du? Sitz' auf, mein Freund, geschwinde! Und sei mir auf der Fahrt nicht zu verwegen, Muß ich im Namen deiner Schönen bitten. Den süßen, warmen Odem wehn die Winde Und manche weiche Locke dir entgegen: Halt kurz das Roß, und sieh auf deinen Schlitten! Musterkarte Der Glockenguß zu Breslau War einst ein Glockengießer Zu Breslau in der Stadt, Ein ehrenwerther Meister, Gewandt in Rath und That. Er hatte schon gegossen Viel Glocken, gelb und weiß, Für Kirchen und Kapellen Zu Gottes Lob und Preis. Und seine Glocken klangen So voll, so hell, so rein: Er goß auch Lieb' und Glauben Mit in die Form hinein. Doch aller Glocken Krone, Die er gegossen hat, Das ist die Sünderglocke Zu Breslau in der Stadt. Im Magdalenenthurme Da hängt das Meisterstück, Rief schon manch starres Herze Zu seinem Gott zurück. Wie hat der gute Meister So treu das Werk bedacht! Wie hat er seine Hände Gerührt bei Tag und Nacht! Und als die Stunde kommen, Daß Alles fertig war, Die Form ist eingemauert, Die Speise gut und gar: Da ruft er seinen Buben Zur Feuerwacht herein: Ich lass' auf kurze Weile Beim Kessel dich allein. Will mich mit einem Trunke Noch stärken zu dem Guß; Das giebt der zähen Speise Erst einen vollen Fluß. Doch hüte dich, und rühre Den Hahn mir nimmer an: Sonst wär' es um dein Leben, Fürwitziger, gethan! Der Bube steht am Kessel, Schaut in die Gluth hinein: Das wogt und wallt und wirbelt, Und will entfesselt sein. Und zischt ihm in die Ohren, Und zuckt ihm durch den Sinn, Und zieht an allen Fingern Ihn nach dem Hahne hin. Er fühlt ihn in den Händen, Er hat ihn umgedreht: Da wird ihm angst und bange, Er weiß nicht, was er thät. Und läuft hinaus zum Meister, Die Schuld ihm zu gestehn, Will seine Knie' umfassen Und ihn um Gnade flehn. Doch wie der nur vernommen Des Knaben erstes Wort, Da reißt die kluge Rechte Der jähe Zorn ihm fort. Er stößt sein scharfes Messer Dem Buben in die Brust, Dann stürzt er nach dem Kessel, Sein selber nicht bewußt. Vielleicht, daß er noch retten, Den Strom noch hemmen kann: – Doch sieh, der Guß ist fertig, Es fehlt kein Tropfen dran. Da eilt er, abzuräumen, Und sieht, und will's nicht sehn, Ganz ohne Fleck und Makel Die Glocke vor sich stehn. Der Knabe liegt am Boden, Er schaut sein Werk nicht mehr. Ach, Meister, wilder Meister, Du stießest gar zu sehr! Er stellt sich dem Gerichte, Er klagt sich selber an: Es thut den Richtern wehe Wohl um den wackern Mann. Doch kann ihn Keiner retten, Und Blut will wieder Blut: Er hört sein Todesurthel Mit ungebeugtem Muth. Und als der Tag gekommen, Daß man ihn führt hinaus, Da wird ihm angeboten Der letzte Gnadenschmaus. Ich dank' euch, spricht der Meister, Ihr Herren lieb und werth, Doch eine andre Gnade Mein Herz von euch begehrt. Laßt mich nur einmal hören Der neuen Glocke Klang! Ich hab' sie ja bereitet: Möcht' wissen, ob's gelang. Die Bitte ward gewähret, Sie schien den Herrn gering, Die Glocke ward geläutet, Als er zum Tode ging. Der Meister hört sie klingen, So voll, so hell, so rein: Die Augen gehn ihm über, Es muß vor Freude sein. Und seine Blicke leuchten, Als wären sie verklärt: Er hatt' in ihrem Klange Wohl mehr als Klang gehört. Hat auch geneigt den Nacken Zum Streich voll Zuversicht; Und was der Tod versprochen, Das bricht das Leben nicht. Das ist der Glocken Krone, Die er gegossen hat, Die Magdalenenglocke Zu Breslau in der Stadt. Die ward zur Sünderglocke Seit jenem Tag geweiht: Weiß nicht, ob's anders worden In dieser neuen Zeit. Thränen und Rosen Ein Knäblein ging spazieren Wohl um die Abendstund' In einem Rosengarten, Da blühten Blümlein bunt. Er ging wohl auf und nieder Vor eines Gärtners Haus, Da lag ein Mägdlein schöne Zum Fensterlein heraus. Ein Röslein thät er brechen, Warf's in das Fensterlein: Thust schlafen oder wachen, Herzallerliebste mein? »Ich habe nicht geschlafen, Ich habe nicht gewacht, Ich habe nur geträumet, An dich hab' ich gedacht.« Du hast ja auch geweinet, Dein' Äuglein sind so naß; Eine Thrän' fiel aus dem Fenster, Da wuchs eine Ros' im Gras. »Und ist eine Ros' gewachsen, So wuchs sie nur für dich, Und wenn ich hab' geweinet, So weint' ich nur um mich.« Was zog er aus der Tasche? Ein seidnes Tüchelein. Nimm hin, Herzallerliebste, Wisch' ab dein' Äugelein! Und bin ich in der Fremde, Weit, weit von deinem Haus, So weine deine Thränen Zum Fenster nicht hinaus. So weine sie bedächtig All' in das Tuch hinein, Damit kein böser Bube Zertritt die Röselein. Fastnachtslied von den goldenen Zöpfen Mägdlein mit den goldnen Zöpfen, Mägdlein mit dem goldnen Haar! Oder ist es wohl von Seide, Oder ist' s von beiden gar? Nenn' ich's goldgediegne Seide? Nenn' ich's seidenfeines Gold? Und welch zartes Elfenhändchen Hat die Flechten dir gerollt? Mägdlein mit den goldnen Zöpfen! – Und an jedem hängt ein Herz, Hier ein junges, da ein altes, Hier mit Lust, und da mit Schmerz. Und das meine, ach das meine! – Ist kein einzig Zöpfchen leer? Mägdlein mit den goldnen Zöpfen, Dichterherzen sind nicht schwer. Und die goldnen Zöpfe fliegen Um den Nacken, um den Leib, Und das Fliegen und das Schmiegen Ist der Herzen Zeitvertreib. Einer hat sich fast verirret Um die Schulter ganz allein: Mägdlein, streich' ihn nicht zurücke, Freiheit steht dem Haar so sein. Mägdlein mit den goldnen Zöpfen, Mägdlein mit dem goldnen Haar! Herz an Herz ein stilles Plätzchen, Eins ist Eins, und Zwei ein Paar. Löse deine goldnen Flechten, Alle Herzen fallen aus, Und nur eines, und nur meines, Mägdlein, trägst du mit nach Haus! Des Finken Gruß Im Fliederstrauch ein Finke saß Und sang, Er sang wohl dies und sang wohl das, Was klang. Nun werft den Winter aus der Thür Weit, weit! Der liebe Mai ist wieder hier, Ihr Leut'! Er hat ein grünes Röckchen an Von Gras, Hat bunte blanke Knöpfe dran Von Glas. Ein großes Auge hat der Fant, Ist blau: Paßt auf, ob nicht durch Thür und Wand Er schau'! Sein Odem tränkt so frisch und rein Die Luft, Sein Haar muß ganz gepudert sein Mit Duft. Er weiß mit Jungfern umzugehn Gar fein, Die Burschen auch ihn gerne sehn Im Hain. Den Kindern bringt er Spielwerk mit: Woher? Aus Nürnberg von dem Blumenschmidt, Daher! Und was soll für die Philister sein? Ja was? Die fangen sich Mücken und Fliegen ein Zum Spaß. Des Finken Abschied Es saß ein Fink auf grünem Zweig, Der war so frisch und blätterreich, Und sang wohl Dies und Jenes: Durch Lenz und Sommer und Herbst er sang, Hätt' da gesungen sein Lebelang, Wär' nicht der Winter kommen. Der Winter kam mit Saus und Braus: »Ihr Müßiggänger, zum Reich heraus, Ihr Flattrer und Sänger und Horcher! Herab vom Baum, du grünes Blatt! Zum Bauen und zum Brennen hat Der Herr das Holz erschaffen.« Da geht im Hain das Schütteln los, Und flugs steht Alles blank und bloß, Bis auf den Zweig des Finken. Jetzt, naseweises Vöglein, flieh'! Mit solcher Staatsökonomie Da ist nicht viel zu spaßen. Und 's Vöglein flog und sang: Ade! Da warf der Winter Reif und Schnee Ihm hinterdrein, und traf's nicht. Der Finke lacht' aus voller Kehl': Bewahre Gott jede Christenseel' Vor diesem Landesvater! Und als ich 'mal nach Welschland zog, Manch Vöglein mit dem Wandrer flog, Da war auch jenes drunter: Und wär's gewest eine Nachtigall, So hätt' mein Lied einen bessern Schall, Ich hab's ihm nachgesungen. Wir wissen uns zu finden Parodirende Glosse. Sollst nicht murren, sollst nicht schelten, Wenn die Sommerzeit vergeht, Denn es ist das Loos der Welten, Alles kommt und Alles geht. Hör' ich's da nicht zwölfe schlagen? Und er ist noch nicht zu Haus. Ach, schon in den Flittertagen Ist's mit seinem Lieben aus. Hat er Pfeifen nur und Karten, Mag zu Haus die Gattin warten: Was bekümmert ihn ihr Schmerz? Doch, er soll es mir entgelten! – Still, er kommt, o still, mein Herz! Sollst nicht murren, sollst nicht schelten. Kam der Sommer hergezogen, Rosenblüthchen war dabei, Bin ich hinterdrein geflogen, Wußte nicht, ob's schicklich sei. Rosenblüthchen, woll' mir geben Nur ein Blättchen, drauf zu leben! Sprach es: Klein ist dein Bewerben, Doch gar schnell mein Duft verweht. Sprach ich: Mit dir will ich sterben, Wenn die Sommerzeit vergeht. Schwester, trockne deine Zähren! Hin ist hin, und todt ist todt. Nichts bei uns kann ewig währen, Heute bleich, was gestern roth. Eins auch wolle noch bedenken: Unglück kann zum Glück sich lenken, Einen Bessern kannst du frein. Reiche Witwen sterben selten: Darum, Schwester, gieb dich drein, Denn es ist das Loos der Welten. Ja, wenn's immer Messe wäre, Und die Mess' auch immer gut, Gab' ich mein Hotel, auf Ehre, Nicht um einen Rathsherrnhut. Doch, schon kleiner wird die Schüssel, Und ich seh' die vielen Schlüssel Wieder hängen an den Wänden. Drum, wer seine Kunst versteht, Denke, wenn er's hat in Händen: Alles kommt und Alles geht. Sehnsucht und Erfüllung Parodirende Glosse. Süße Ahnungsschauer gleiten Über Fluß und Flur dahin, Mondenstrahlen hold bereiten Lager liebetrunknem Sinn. Sinkt hinab die güldne Sonne, Steigen auf zwei Monde blau. Blümlein, ist es Liebeswonne, Daß ihr weint so hellen Thau? Ja, ihr theilet mein Verlangen, Ja, von Lust und Leid umfangen, Bebt die mailiche Natur; Durch des Himmels dunkle Weiten, Über Berg und See und Flur Süße Ahnungsschauer gleiten. Schätzchen, allerliebstes Schätzchen, Ach, wenn ich ein Vöglein wär', Wär' ich jetzt schon auf dem Plätzchen – Wollt' nicht flattern hin und her – Wo, wie wir es abgekartet, Einer auf den Andern wartet. Doch weil das nicht kann geschehen, Denk', wenn ich der Letzte bin, Daß ich muß zu Fuße gehen Über Fluß und Flur dahin. Um vom Stoffe nicht befangen Zu beginnen mein Gedicht, Stell' ich also mein Verlangen Fabelhaft mir vor Gesicht. Diese Tanne dient zum Thurme, Wo, bedacht von Siegfrieds Wurme, Seufzt die süße Dame mein; Und bevor es geht zum Streiten, Will ich erst aus Sonnenschein Mondenstrahlen hold bereiten. O verdammte Weibertücken! O unsel'ges Rendezvous! Eine Rose wollt' ich pflücken, Heimlich winkte sie mir zu. Und auf ihrer Gartenmauer Stand ich schon in banger Lauer: Da erfaßt' es mich beim Kragen, Warf mich in die Disteln hin. Pflegt man also aufzuschlagen Lager liebetrunknem Sinn? Der Zephyr Auf einer Rose ward ich jung, Ein Rosenblatt war meine Wiege, Ein Rosenblatt wird einst mein Grab. Ich schlafe, wann der Winter tobt, Und mit dem Lenze werd' ich munter, Und nähre mich von Duft und Kuß. Du armer, stolzer Herr der Welt, Du keuchst einher mit deiner Krone, Und dienstbar trockn' ich deinen Schweiß! Kuß und Lied Jüngst grüßte mich ein rother Mund; Ein Liedchen saß auf meinen Lippen, Und aus dem Liedchen ward ein Kuß. Jetzt ist mein Mädchen fern von mir; Zum Kusse will mein Mund sich schwellen, Und aus dem Kusse wird ein Lied. Fliegt nun, ihr lieben Verse, hin, Und drückt sie euch an ihre Lippen, So werdet wieder, was ihr wart! Liebe und Lied Als der Frühling aus der Höhe Flog in unsre Thäler nieder, Ließ er ein Paar Blumen fallen Aus dem vollen Kranz der Stirne. Und ich sucht' und fand die Blumen, Wo der Quelle rasches Silber Stille stand in Lust und Staunen. Quelle, sage mir, ich bitte, Wie die beiden Blumen heißen, Die an deinem Ufer liegen. Und ein Mägdlein sprang vorüber, Und ein Vöglein hört' ich singen; Und die Quelle sprach: Die eine Von den Blumen heißt die Liebe, Und das Lied heißt jene andre: Nimm sie auf und laß mich ziehen! Scham und Neid Warum guckt ihr kleinen Röschen Dunkelroth aus euren Knospen? Weil ihr seht der Lüfte Kosen Mit den blassen ältern Schwestern, Und euch schämt vor solchem Treiben Unter Gottes freiem Himmel? Warum seid ihr gelb geworden, Ihr, die ältesten im Garten? Ist es wohl des Neides Farbe, Weil die Lüftchen, eure Buhler, Schon an euch vorüberflattern, Und die dummen kleinen suchen? Amor, ein Fiedler Amor lernt die Fiedel spielen Bei dem Gott der Musikanten, Und zu diesem Pfingstgelage Will er vor dem Thor der Schenke Unter grünem Maienschatten Sich bei uns zum ersten Male Unentgeltlich hören lassen. Kommt, ihr Bursche! Kommt, ihr Mädchen! Kommt und tanzt nach seiner Fiedel! Und sie tanzen und sie springen, Und die Füße mit den Herzen Heben sich in gleichen Takte Nach dem Striche seines Bogens. Schneller, schneller, kleiner Fiedler! Und er fiedelt nach Verlangen, Daß die Kränze, Sträuße, Flechten, Bänder, Schürzen, Röcke fliegen, Und die Tänzer enger fassen Ihre leichten Tänzerinnen. Ei, und dennoch sind so viele Ausgeglitten, fehlgetreten, Gar gestolpert und gefallen Auf dem glatten Rasenplane! Aber, Dank dem weichen Grase, Weh gethan hat sich nicht Eine.