Devisen zu Bonbons Amor in der Vigne Jüngst fand in einer Vigne Ich Amorn mit den Andern, Die zu den losen Streichen Ihm nimmer fehlen dürfen. Die Kinder spielten Schaukel, Auf Weinguirlanden sitzend, Die hoch von Baum zu Baume Der Winzer pflegt zu ziehen. Flugs riß die beste Schaukel, Und Amor lag am Boden, Umsonst nach Hülfe schreiend; Denn die Gespielen flohen Und riefen: Diebe! Diebe! Aus vollem Halse lachend. Ich hob den armen Kleinen Vom Boden auf, befühlte Die umgeknickten Federn Und stäubt' ihm ab die Locken. Da rafft' er sich zusammen, Und ohne mir zu danken, Ging's fort, husch in die Lüfte! Noch stand ich, fast betroffen, Und sah ihm nach, dem Schalke, Da rief ein süßes Stimmchen Gar drohend mir entgegen: Seid ihr der Dieb der Trauben? Es war das Winzermädchen, Und hinter ihr ganz leise Hört' ich den Kleinen flüstern: Halt fest den losen Buben! Und sie hat's gut verstanden. Der Wildfang Wie eine Gemse springt sie hin, Entgegen frisch dem Winde! Roth, feuerroth brennt Wang' und Kinn Dem lieben, wilden Kinde. Ihr langes Haar vom Nacken fliegt, Die Bäume könnten's fassen, Doch jeder Zweig sich schüchtern schmiegt, Sie ruhig ziehn zu lassen. Die losen Disteln wagen's kaum, Die rüstige zu necken, Und nach des leichten Kleides Saum Die Stacheln auszustrecken. Amor, was soll's, daß wir im Thal Uns auf die Lauer legen? Sie ruht nicht – Wagen wir's einmal, Und treten ihr entgegen! Der Elfentraum In Nachtviolenkelchen eingeschlossen, Verschliefen einen heißen Tag die Elfen. Nun öffnen sie die schummertrunknen Augen Und blinzeln, weil zu nah die Funkenwürmchen Um ihre Lager schwärmen. – Gut geschlafen? Frägt Ariel sein Liebchen Ariella. – Ach nein, mein Herz, ich hatte bange Träume. Ich sahe dich, du warst in einen Tropfen Eiskalten Thau, der tief versteckt im Kelche Der Nachtviole lag, hineingefallen. Ich schrie und rief zu Hülfe, was von Elfen Im ganzen Kelche war – sie kamen alle, So weit sie meine Stimme nur vernahmen, Bis von den allerhöchsten Blätterspitzen – Ach ja, die Noth lehrt schreien, mein Geliebter! Und flugs hing eins sich an des andern Flügel, Wie Glieder einer Kette sich verbindend, Und unsre Kette ward so lang, mein Herzchen, So lang, wie ich gesehn noch keine andre, Selbst nicht bei unsres Königs Hochzeitfeier, Im großen Reigen, welchen alle Gäste Mittanzen mußten auf dem Lilienplane. Ich war das unterste der Glieder, wurde Hinabgelassen in den tiefen Tropfen, Und sahe dich – du lagst und zappeltest Und strecktest sehnlich deine lieben Arme Zu mir empor – ich aber sehnt' und dehnte Mich aus mit allen Kräften – Ach, vergebens! Die Kette war zu kurz, und alle Elfen Schrien hinter mir: Sie reißt, sie reißt, die Kette! Da wacht' ich auf und lag in deinen Armen Und mußte dich mit meinen Küssen wecken, Zu sehn, ob du auch wirklich unversehrt bist. Märzschnee Schnee im Märzen, Schmerz im Herzen, Er zergeht am Sonnenstrahl, Mag die blaue Luft ihn schicken, Mag er auch aus blauen Blicken Fallen in die Brust herein. Schnee im Märzen, Schmerz im Herzen, Er zergeht am Sonnenstrahl. Liebe Aus Schaum ist sie entsprungen, Mit Schaum will sie uns nähren, Wie Schaum muß sie zerfließen. So laßt uns denn die Schäume, Eh' sie zu Wasser werden, In vollen Zügen schlürfen. Ihr preist ja den Champagner, Je flüchtiger er schäumet: Was wollt ihr von der Liebe? Rosenknospe und Thautropfen So oft ich einen Tropfen Thau Seh' an der Rosenknospe hangen, Erkenn' ich meiner Liebe Bild. Die Rosenknospe bist du selbst, Die, kalt und starr, vor jedem Strahle Der Sonne noch das Herz verschließt. Ich aber bin der Tropfen Thau, Der, weil dein Herz ihm ist verschlossen, Sich in der Sonne Brand verzehrt. Frühling der Liebe Draußen tobt der böse Winter, Und die Blumen, die er knickte, Malt er höhnisch an die Fenster Mir in bleichen, starren Bildern. Winter, stürme nur und brause! Machst mich doch nicht mehr erzittern. Denn aus meines Herzens Grunde Lass' ich einen Frühling sprießen, Den der Schnee nicht kann bedecken, Den das Eis nicht macht gefrieren, Einen Frühling, dessen Sonne Ist das Auge meiner Liebsten, Dessen Luft und Duft ihr Odem, Dessen Rosen ihre Lippen, Und ich schweb' als junge Lerche Drüber hin mit meinen Liedern. Ein Rosenblättchen zwischen zwei Lippen Ein junges Rosenblättchen, Der Knospe kaum entwunden, Will gar sich unterfangen, Mit deines Mundes Röthe Sich prahlend zu vergleichen. Da kommen die Zephyre Und blasen es herunter, Und tragen es gerade Auf deine Purpurlippen, Wo es in Schimpf und Schande Sich büßend muß verzehren. Amors Feder Jüngst sah ich einen Knaben Mit rosenrothen Flügeln An einem Rohre schnitzen. Dacht' ich: 'S ist eine Feder: Und bat darum den Kleinen. Er warf sie mir entgegen Grad' auf die Brust, und lachte. Was hat er denn zu lachen? Fragt' ich mich selbst und setzte Mich nieder, um zu schreiben An meine gute Mutter. Doch ach, die arge Feder! Ich kann kein andres Wörtchen Damit, als Liebe, schreiben, Und immer, wenn ich schreibe, Denk' ich an schmucke Mädchen. Amor in einer Rosenknospe Frau Venus wollte neulich Ihr loses Söhnchen schlagen: Da ist er ihr entlaufen Und hat sich still gekauert In eine Rosenknospe. Kommt, ruft er, kommt, ihr Mädchen, Und pflückt euch eine Rose! Und Eine, selbst ein Röschen, Brach sich die Blum' und steckte Sie an den kleinen Busen. Das ist ihr schlecht bekommen! Denn Amor, ohne Bogen Und Pfeile, rupft ein Dörnchen Sich von dem Rosenstiele, Und sticht damit die Arme, Daß sie es viele Sommer Noch wird im Busen fühlen. Amors Fangeball Amor wollte Fangebällchen Neulich mit den Nymphen spielen. Diese ließen Knabenherzen, Die in Träumen sie gestohlen, Durch die Lüft', als Bälle, fliegen. Amor hatte nichts zu werfen; Alsobald sandt' er die Blicke Durch die weiten Himmelsräume, Und das Erste, was er sahe, War der Weltkreis, welcher ruhte In des Götterkönigs Rechten. Amor zielt' und traf die Kugel Grade durch die beiden Pole, Daß sie flugs vom hohen Äther Niederfiel zu seinen Füßen. Jetzt, ihr Nymphen, kann er spielen! Amor, ein Schmetterlingsfänger Ich fange Schmetterlinge Zu meinem Zeitvertreibe. Wo aber soll ich alle Die bunten Thierchen lassen? Ich werfe gleich die Pfeile Heraus aus meinem Köcher, Und lasse sie indessen Im hohen Grase liegen. Und wenn die Schnitterinnen Mit bloßen Füßen kommen Heut' Abend von der Wiese, So sollen sie sich ritzen; Denn meine Pfeile dürfen Mir nimmer müßig liegen. Amor, ein Schneider Amor ist ein Schneider worden, Näht die ersten runden Mieder Für die jungen Erdentöchter, Näht hinein viel kleine Seufzer, Viele leise, blöde Wünsche, Bange Neugier, scheue Lüstchen, Und viel süßes Namenloses. Manche Nadel bleibt zerbrochen Zwischen Zeug und Futter sitzen, Die nachher den Busen stachelt Und das Herz lebendig kitzelt. Auch manch Tröpfchen seines Blutes Läßt der Gott aus Nadelwunden In das weiche Linnen fallen. Hütet euch vor solcher Waare! Denn die rothen Tropfen brennen, Unaufhaltsam, unerlöschlich, Sich durch Adern, Fleisch und Nerven Bis in's tiefste Herzensgrübchen. Amor, ein Bettler Verbannet aus dem Himmel Um seine losen Streiche, Muß Amor hier auf Erden Verstohlen betteln gehen. Er klopft an alle Herzen, Und bettelt um ein Stübchen, Er schaut in jedes Auge, Und bettelt um ein Flämmchen, Er geht an alle Lippen, Und bettelt um ein Küßchen. Ach, wenn von allen Mädchen Ihm Eine, die ich meine, Die milden Gaben gäbe, So würd' er seinen Himmel Auf Erden wiederfinden. Amor, ein Sprachlehrer Amor ist ein Sprachverderber, Wortverdreher, Lautverwirrer, Der beim großen Thurm zu Babel Schon die Händ' im Spiele hatte. Wenn ich weine, raunt er leise Mir in's Ohr etwas von Wonne; Wenn ich schmachte, läßt er dennoch Reden mich von Seligkeiten. In dem lauten Schwarm der Feste Muß ich, diesem Lehrer folgend, Sagen, daß ich einsam stehe, Und im einsam stillen Haine Darf ich mich allein nicht nennen. Bittersüß und lieblichherbe, Grausam mild und labend schmerzlich, Solche Reden hat er viele Stehn in seinem Wörterbuche, Das die größten Sprachgelehrten Mir nicht auszudeuten wagen, Und mit dem ich alle Tage Mehr mein bißchen Deutsch verlerne. Die Schlummernde Mein Mädchen war entschlummert In einer Rosenlaube; Da sandt' ihr gleich Kupido Ein Heer von Liebesgöttern. Der schlug die goldnen Flügel, Die Wangen ihr zu kühlen, Der band sich Myrtensträuße, Die Mücken wegzujagen, Und Andre winkten drohend Den Vögeln in den Lüften, Die sie erwecken wollten Mit fröhlichen Gesängen. O nektarsüßer Schlummer, Wie hingest du voll Liebe, So wohlgefällig lächelnd, An ihren Augenwimpern! Und Amoretten blickten Mit großen Flammenaugen Aus ihren blonden Locken, Und ließen Pfeil' auf Pfeile Wie spielend um sich fliegen. Und doch, ihr kleinen Schützen, Auch spielend mit dem Bogen, Habt ihr mein Herz getroffen!