Frühlingskranz aus dem Plauenschen Grunde bei Dresden Frühlingseinzug Die Fenster auf, die Herzen auf! Geschwinde! Geschwinde! Der alte Winter will heraus, Er trippelt ängstlich durch das Haus, Er windet bang' sich in der Brust, Und kramt zusammen seinen Wust Geschwinde, geschwinde. Die Fenster auf, die Herzen auf! Geschwinde! Geschwinde! Er spürt den Frühling vor dem Thor, Der will ihn zupfen bei dem Ohr, Ihn zausen an dem weißen Bart Nach solcher wilden Buben Art, Geschwinde, geschwinde. Die Fenster auf, die Herzen auf! Geschwinde! Geschwinde! Der Frühling pocht und klopft ja schon – Horcht, horcht, es ist sein lieber Ton! Er pocht und klopfet, was er kann, Mit kleinen Blumenknospen an, Geschwinde, geschwinde. Die Fenster auf, die Herzen auf! Geschwinde! Geschwinde! Und wenn ihr noch nicht öffnen wollt, Er hat viel Dienerschaft im Sold, Die ruft er sich zur Hülfe her, Und pocht und klopfet immer mehr, Geschwinde, geschwinde. Die Fenster auf, die Herzen auf! Geschwinde! Geschwinde! Es kömmt der Junker Morgenwind, Ein bausebackig rotes Kind, Und bläst, das Alles klingt und klirrt, Bis seinem Herrn geöffnet wird, Geschwinde, geschwinde. Die Fenster auf, die Herzen auf! Geschwinde! Geschwinde! Es kömmt der Ritter Sonnenschein, Der bricht mit goldnen Lanzen ein, Der sanfte Schmeichler Blüthenhauch Schleicht durch die engsten Ritzen auch, Geschwinde, geschwinde. Die Fenster auf, die Herzen auf! Geschwinde! Geschwinde! Zum Angriff schlägt die Nachtigall, Und horch, und horch, ein Wiederhall, Ein Wiederhall aus meiner Brust! Herein, herein, du Frühlingslust, Geschwinde, geschwinde! Kinderfrühling Wollt euch nicht so schnell belauben, Wälder, und mir wieder rauben Diesen lieben Sonnenschein, Den so lang' ich mußte missen, Bis die Schleier er zerrissen, Die den Himmel hüllten ein. Zwischen knospenvollen Zweigen Seh' ich auf und nieder steigen Kleiner Vöglein buntes Heer, Seh' sie schnäbeln, seh' sie picken, Und die schwanken Reiser nicken, Denen ihre Last zu schwer. Und der klare blaue Himmel Breitet hinter dem Gewimmel Sich in stillem Frieden aus. Wie durch kleine Fenstergitter Spielt die Sonne mit Gezitter Durch der Zweige Flechtenhaus. Halbbegrünet stehn die Hecken, Und die Nachbarskinder necken Durch die dürren Lücken sich, Bis das Mädchen röther glühet Und zu dichtern Stellen fliehet Vor dem Knaben jüngferlich. Frühling, heute noch ein Knabe, Treibet auf des Winters Grabe Mit den Kindern seinen Scherz, Bis der Gott der süßen Triebe Mit dem Flammenpfeil der Liebe Ihm durchbohrt das kleine Herz. Kinderlust Nun feget aus den alten Staub Und macht die Laube blank! Laßt ja kein schwarzes Winterlaub Mir liegen auf der Bank! Die erste weiße Blüthe flog Mir heut' in's Angesicht. Willkommen, Lenz! Ich lebe noch Und weiß von Leide nicht. Und schaue hell, wie du, hinein In Gottes schöne Welt, Und möcht' ein kleiner Bube sein Und kollern durch das Feld. O seht, da plätschern schon am See Die lieben Kindelein, Und ziehn die Hemdchen in die Höh', Und wollen gern hinein. Wie lockt der warme Sonnenschein, Der auf dem Spiegel ruht! Da ist kein Fuß zu weich, zu klein, Er probt, wie 's Wasser thut. Ich sitz' und seh' dem Spiele zu, Und spiel' im Herzen auch. Du lieber Lenz, ein Kind bist du, Und übest Kinderbrauch. Wie viel du hast, du weißt es kaum, Und schüttest Alles aus. Nehmt, Kinder, nehmt! Es ist kein Traum! Es kommt aus Gottes Haus. Und wenn du nun ganz fertig bist, Hast keine Blume mehr, Dann gehst du wieder ohne Frist, Kein Abschied wird dir schwer. Und rufst dem Bruder Sommer zu: Bringst du die Früchte her? Was ich versprach, das halte du! Ei, ei, dein Korb ist schwer! Die Brautnacht Es hat geflammt die ganze Nacht Am hohen Himmelsbogen, Wie eines Feuerspieles Pracht Hat es die Luft durchflogen. Und nieder sank es tief und schwer Mit ahnungsvoller Schwüle, Ein dumpfes Rollen zog daher Und sprach von ferner Kühle. Da fielen Tropfen warm und mild, Wie lang' erstickte Thränen; Die Erde trank, doch ungestillt Blieb noch ihr heißes Sehnen. Und sieh, der Morgen steigt empor – Welch Wunder ist geschehen? In ihrem vollen Blüthenflor Seh' ich die Erde stehen. O Wunder, wer hat das vollbracht? Der Knospen spröde Hülle Wer brach sie auf in einer Nacht Zu solcher Liebesfülle? O still, o still, und merket doch Der Blüthen scheues Bangen! Ein rother Schauer zittert noch Um ihre frischen Wangen. O still, und fragt den Bräutigam, Den Lenz, den kühnen Freier, Der diese Nacht zur Erde kam, Nach ihrer Hochzeitfeier. Das Frühlingsmahl Wer hat die weißen Tücher Gebreitet über das Land? Die weißen duftenden Tücher Mit ihrem grünen Rand? Und hat darüber gezogen Das hohe blaue Zelt? Darunter den bunten Teppich Gelagert über das Feld? Er ist es selbst gewesen, Der gute reiche Wirth Des Himmels und der Erden, Der nimmer ärmer wird. Er hat gedeckt die Tische In seinem weiten Saal, Und ruft was lebet und webet, Zum großen Frühlingsmahl. Wie strömt's aus allen Blüthen Herab von Strauch und Baum! Und jede Blüth' ein Becher Voll süßer Düfte Schaum. Hört ihr des Wirthes Stimme? Heran, was kriecht und fliegt, Was geht und steht auf Erden, Was unter den Wogen sich wiegt! Und du, mein Himmelspilger, Hier trinke trunken dich, Und sinke selig nieder Auf's Knie und denk' an mich! Erlösung Wie dem Fische wird zu Muth, Wenn des Flusses Rinde springt, Und des jungen Lebens Gluth Durch des Eises Decke dringt. Also wie aus Kerkerqual Fühlet meine Brust sich frei, Wenn des Frühlings Sonnenstrahl Reißt der Wolken Zelt entzwei. Und das Dach ist abgedeckt, Das mich von dem Himmel schied, Und das Aug' ist aufgeweckt, Welches durch den Äther sieht. Morgenlied Wer schlägt so rasch an die Fenster mir Mit schwanken grünen Zweigen? Der junge Morgenwind ist hier Und will sich lustig zeigen. Heraus, heraus, du Menschensohn, So ruft der kecke Geselle, Es schwärmt von Frühligswonnen schon Vor deiner Kammerschwelle. Hörst du die Käfer summen nicht? Hörst du das Glas nicht klirren, Wenn sie, betäubt von Duft und Licht, Hart an die Scheiben schwirren? Die Sonnenstrahlen stehlen sich Behende durch Blätter und Ranken, Und necken auf deinem Lager dich Mit blendendem Schweben und Schwanken. Die Nachtigall ist heiser fast, So lang' hat sie gesungen, Und weil du sie gehört nicht hast, Ist sie vom Baum gesprungen. Da schlug ich mit dem leeren Zweig An deine Fensterscheiben. Heraus, heraus in des Frühling Reich! Er wird nicht lange mehr bleiben. Der Peripatetiker Alles will ich nun verlernen, Was mich lehrte das Papier. Schwarze, steife, stumme Lettern, Sagt, was wollt ihr noch von mir? In die grüne Wanderschule Ruft mich ein Philosophus, Einer, der sich nennt mit Rechten Ein Peripatetikus. Denn er zieht mit seiner Lehre Durch die Länder ein und aus, Schlägt in Wald und Feld und Garten Auf sein wunderbares Haus. Eine große Schaar von Schülern Folgt ihm durch die weite Welt, Vöglein in den blauen Lüften, Vöglein in dem grünen Zelt. Und sie zwitschern unverdrossen Ihres Meisters Weisheit nach; Was sie gestern erst erfahren, Lehren sie an diesem Tag. Und der Weise aller Weisen Kollert sich im weichen Gras, Wiegt sich auf den schwanken Zweigen, Als ob Alles wär' ein Spaß. Also streut er seine Lettern, Weiß und roth und gelb und blau, Ohne Wahl, mit vollen Händen, Über Berg und Thal und Au'. Lest, o lest die lieben Schriften Voller Wahrheit, voller Lust, Brüder, lest und stürzt euch selig An des Lehrers warme Brust! Die Forelle In der hellen Felsenwelle Schwimmt die muntere Forelle, Und in wildem Übermuth Guckt sie aus der kühlen Fluth, Sucht, gelockt von lichten Scheinen, Nach den weißen Kieselsteinen, Die das seichte Bächlein kaum Überspritzt mit Staub und Schaum. Sieh doch, sieh, wie kann sie hüpfen Und so unverlegen schlüpfen Durch den höchsten Klippensteg, Grad', als wäre das ihr Weg! Und schon will sie nicht mehr eilen, Will ein wenig sich verweilen, Zu erproben, wie es thut, Sich zu sonnen aus der Fluth. Über einem blanken Steine Wälzt sie sich im Sonnenscheine, Und die Strahlen kitzeln sie In der Haut, sie weiß nicht wie, Weiß in wähligem Behagen Nicht, ob sie es soll ertragen, Oder vor der fremden Gluth Retten sich in ihre Fluth. Kleine muntere Forelle Weile noch an dieser Stelle Und sei meine Lehrerin: Lehre mir den leichten Sinn, Über Klippen weg zu hüpfen, Durch des Lebens Drang zu schlüpfen, Und zu gehn, ob's kühlt, ob's brennt, Frisch in jedes Element. Das Brautkleid Die Flur hat angezogen Ein grünes seidenes Kleid, Die leichten schillernden Falten Umfliegen sie weit und breit. Und unter der flatternden Hülle Schlägt ihre warme Brust, Die Winde wollen sie kühlen Und verglühen sich selber in Lust. Es zucken die Sonnenstrahlen Herunter mit blitzendem Brand, Als möchten sie gern ihr versengen Das neidische grüne Gewand. Sie ruft: Ihr Strahlen, ihr Winde, Mein Kleid laßt unversehrt! Es ward von meinem Liebsten Zum Brautschmuck mir bescheert. Der Mai, so heißt mein Liebster, Er gab es zu tragen mir, Er sprach: Du sollst es tragen, So lang' ich bleibe bei dir. Und wenn ich von dir scheide, So werd' es gelb vor Gram, Dann laß es von den Menschen Dir ausziehn ohne Scham. Und leg' als nackte Witwe Dich nieder mit deinem Leid, Bis daß ich wieder kehre Und bring' ein neues Kleid. Die Biene Biene, dich könnt' ich beneiden, Könnte Neid im Frühling wachsen, Wenn ich dich versunken sehe, Immer leiser leiser summend, In dem rosenrothen Kelche Einer jungen Apfelblüthe. Als die Knospe wollte springen Und verschämt es noch nicht wagte, In die helle Welt zu schauen, Jetzo kamst du hergeflogen Und ersahest dir die Knospe; Und noch eh' ein Strahl der Sonne Und ein Flatterhauch des Zephyrs Ihren Kelch berühren konnte, Hingest du daran und sogest. Sauge, sauge! – Schwer und müde Fliegst du heim nach deiner Zelle: Hast dein Tagewerk vollendet, Hast gesorgt auch für den Winter! Pfingsten O heilige Frühlingswonne, Du sinkest nieder, Strahlend und flimmernd In himmlischen Schauern, Auf alle Berge, In alle Thäler, In jede Menschenbrust! Ja, du bist es, Geist Gottes, Du gießest dich aus Über die Welt! Soll ich auf die sonnige Höhe steigen Und beten? Soll ich in dem dunkeln Thale liegen Und sinnen? O tritt sanft, mein Fuß, Daß du den Wurm nicht tretest, Der unter dir Sich freuet des sonnigen Lebens! Und du, hoch schlagende Brust, Halt' an den Athem, Daß du die Mücke Nicht in dich ziehest, Die sich wieget im Strahle Vor deinem Munde! Xenion An Friedrich Grafen von Kalckreuth. Meine Muse liebt das Reisen, Kehret gern bei Freunden ein: Neue Wirthe, neue Weisen, Und die neuesten sind dein. In dem grünen Felsenthale Hinter dem Forellenbach Saß sie jüngst an deinem Mahle, Unter deinem treuen Dach. Und der Frühling streute nieder Seine Gaben in das Gras. Meine Muse suchte Lieder, Wenn sie Maienblumen las. Sieh, der Kranz, den sie gewunden Von den liebsten, die sie fand, Dankbar ist er angebunden An des Wirthes Giebelwand.