Wanderlieder Der ewige Jude Ich wandre sonder Rast und Ruh', Mein Weg führt keinem Ziele zu; Fremd bin ich in jedwedem Land, Und überall doch wohlbekannt. Tief in dem Herzen klingt ein Wort, Das treibt mich fort von Ort zu Ort; Ich spräch's nicht aus, nicht laut, nicht leis', Sollt' ew'ge Ruh' auch sein der Preis. Es wärmt mich nicht der Sonne Licht, Des Abends Thau, er kühlt mich nicht; Ein lauer Nebel hüllt mich ein In ewig gleichen Dämmerschein. Kein Mensch sich je zu mir gesellt, Es lacht kein Blick mir in der Welt: Kein Vogel singt auf meinem Pfad, Ob meinem Haupte rauscht kein Blatt. So zieh' ich Tag und Nacht einher, Das Herz so voll, die Welt so leer; Ich habe Alles schon gesehn, Und darf doch nicht zur Ruhe gehn. Vom Felsen stürzt der Wasserfall, Fort schäumt der Fluß im tiefen Thal; Er eilt so froh der ew'gen Ruh', Dem stillen Ozeane zu. Der Adler schwingt sich durch die Luft, Verschwebend in des Äthers Duft; Hoch in den Wolken steht sein Haus, Auf Alpenspitzen ruht er aus. Der Delphin durch die Fluthen schweift, Wenn in die Bucht der Schiffer läuft; Und nach dem Sturm im Sonnenschein Schläft er auf Wellenspiegeln ein. Die Wolken treiben hin und her, Sie sind so matt, sie sind so schwer; Da stürzen rauschend sie herab, Der Schooß der Erde wird ihr Grab. Der müde Wandrer dieser Welt, Ein sicher Ziel ist ihm gestellt. Was klagt er ob des Tages Noth? Vor Nacht noch holt ihn heim der Tod. O Mensch, der du den Lauf vollbracht, Und gehest ein zur kühlen Nacht, Bet', eh' du thust die Augen zu, Für mich um eine Stunde Ruh'! Der Mondsüchtige Du bleicher Mann da droben, Siehst wieder so mürrisch aus: Bist wohl recht unzufrieden Mit deinem luftigen Haus? Hör', Freund, wir wollen tauschen: Ich geh' und räume dir Für diesen kühlen Abend Mein warmes Lager hier. Dafür sollst du mich heben In deinen Mond hinauf, Mich mit ihm wandeln lassen Den hellen Himmelslauf. Will auch auf deiner Warte Ganz mäuschenstille stehn, Und nach der bösen Erde Nicht viel herunter sehn. Will keinen Dieb verrathen, Will stören kein liebendes Paar: Nur Eines möcht' ich sehen, Und das recht hell und klar. Dir, Mond, will ich's vertrauen: Es ist die Liebste mein, Die ich beschauen möchte In deinem goldnen Schein. Sie wohnet in der Ferne, Blickt oft empor zu dir: Du guckst im Weltgetümmel Wohl kaum einmal nach ihr. Ich wollt' sie besser finden, Ich kenn' ihr Fensterlein; Durch Laden, Glas und Gitter Schlüpft' ich zu ihr hinein. Hinein in ihre Kammer Mit aller Strahlen Fluth! – Wo ist der Mond geblieben? Der Himmel auf Erden ruht. Der Apfelbaum Was drückst du so tief in die Stirn den Hut? Wohin so früh, du junges Blut? »Herr Thürmer, schließt nur auf das Thor! Ich hab' eine lange Reise vor.« Und also ging's zur Stadt hinaus, Es hielt der Mond am Himmel Haus, Wohl über die Brücke, wohl über den See: Da wurde dem Wandrer so wunderweh. Es rauschten die Zweige vom Ufer her, Und sie rauschten so tief und sie rauschten so schwer. »Wer schüttelt die Zweige? Es weht ja kein Wind, Und es spielen um's Haupt mir die Lüfte so lind.« Da gab es im See einen plätschernden Schall, Als hätt' es gethan einen schweren Fall. »Herzliebste, das muß von dem Baume sein, Den ich habe gepflanzt in dem Garten dein. Die schönen Äpfel, so roth, so rund, Nun liegen sie unten im kalten Grund!« Die Bäume Grüne Bäume, kühle Schatten, In den Wäldern, auf den Matten, Seid dem Wandrer immer hold! Wollt an seine Straß' euch stellen, Flüsternd euch ihm zugesellen In des Mittags schwüler Gluth! Hat das Stadtthor mich empfangen, Such' ich wieder mit Verlangen Nach dem ersten grünen Baum, Der mit seinen frischen Zweigen Mir den rechten Weg will zeigen Zu dem kühlen Labewein. Euch begrüß' ich auch, ihr Linden, Mag euch gern auf Märkten finden, Dicht und kugelrund belaubt. In des Abends Feierstunde Führt mich die gewohnte Runde Immer zu den Bäumen hin. Vöglein in den Wipfeln singen, Und die Funkenwürmchen schwingen Ihre Lichter in dem Grün; Unten wollen sich ergehen, Die im Dunkel sich verstehen Besser als im Sonnenschein. Heim in meines Mädchens Garten Grünen Bäume vieler Arten, Doch vor allem preis' ich dich, Baum, in dessen glatten Rinden Unsre Namen sind zu finden Und ein flammend Herz darum. Haben oft dabei gesessen Und des Scheidens gar vergessen, Meinend, daß wir wären eins, Wenn wir so in eins verschlungen, So von einem Brand durchdrungen Unsre beiden Namen sahn. Heimkehr Vor der Thüre meiner Lieben Häng' ich auf den Wanderstab, Was mich durch die Welt getrieben, Leg' ich ihr zu Füßen ab. Wanderlustige Gedanken, Die ihr flattert nah und fern, Fügt euch in die engen Schranken Ihrer treuen Arme gern! Was uns in der weiten Ferne Suchen hieß ein eitler Traum, Zeigen uns der Liebe Sterne In dem traulich kleinen Raum. Schwalben kommen hergezogen – Setzt euch, Böglein, auf mein Dach! Habt euch müde schon geflogen, Und noch ist die Welt nicht wach. Baut in meinen Fensterräumen Eure Häuschen weich und warm! Singt mir zu in Morgenträumen Wanderlust und Wanderharm! Der Wandrer in Welschland In dem lichten Sonnenschein, Durch den immergrünen Hain, Wandrer, wie so eilig? Lerche ruft: Schau' um dich her, Rechts und links und kreuz und quer, Kennst die bunten Boten? Mandelblüth' das Veilchen grüßt: Ach, gar lange Zeit es ist, Daß sie sich nicht sahen! Mit den Grüßen, mit dem Duft, Flattert Zephyr durch die Luft, Froh der süßen Beute. In dem Ginster, an dem Quell, Horch, wie's da so flink und hell Auf und nieder raschelt! Halt, Lazertchen, laß mich sehn, Wie der Sonnenstrahl so schön Spielt auf deinem Rücken! Nachtigall ist auch dabei, Doch noch etwas blöd' und scheu, Sucht sie stille Plätze; Und was einzeln flog hinein, Fliegt bald paarweis aus dem Hain Mit Gesang und Girren. Amor, nun brich auf in Eil' Mit dem Bogen, mit dem Pfeil, Mit dem ganzen Heere! Zum Versteck, zum Überfall Lauben sich die Hecken all', Kleiner, scharfer Schütze!