Heinrich Pröhle Märchen für die Jugend Mit einer Abhandlung für Lehrer und Erzieher. Herrn Professor Wilhelm Grimm in Berlin gewidmet. Vorwort. Bei den großen Anregungen, die wir in dieser Zeit dauernd durch die Herausgabe des deutschen Wörterbuches empfangen, welches Jakob Grimm mit seinen von mühsamer Forschung in unsern alten Schriften nicht getrübten, sondern nur glänzender gewordenen Seherauge schon als ein Familienbuch bezeichnet hat, ist es schwer sich den Träumen zu entschlagen, daß die germanistischen Forschungen in längerer oder kürzerer Zeit auch auf die Pädagogik den nachhaltigsten Einfluß üben und die Mittel, deren sich der Jugendunterricht bedient, gar sehr erweitern werden. Zwar meinte noch letzthin Gervinus, daß über die Frage, ob unsere eigne nationale Literatur beim Unterricht vor den classischen Literaturen zu bevorzugen oder ihnen auch nur einigermaßen gleichzustellen sei, mitzusprechen nur Wenige berufen seien und ohnehin liegt es uns sehr fern, z.B. unsre Heldendichtung auf Kosten der Wahrheit der griechischen gleichstellen zu wollen. Aber dies vorausgeschickt wie billig – sollte nicht Einem, der den Reichthum dieser gesammten deutschen Forschungen vor Augen hat, der Wunsch das Herz abdrücken, diese Schätze auch auf die jeder Wissenschaft zukommende Weise nutzbar gemacht zu sehen? So vielfache National- Schätze haben Griechen und Römer niemals vor sich erblickt und niemals ist ihnen ein solches Verständniß ihrer eignen Literatur und ihres Wesens geöffnet gewesen, wie uns jetzt durch Grammatik, Wörterbücher und viele andere reiche Untersuchungen, die hier und da von Tage zu Tage (wie die Ausgrabungen unsrer Alterthumsvereine durch die Zuziehung der Sagen) noch belebt und einer scheinbaren Unfruchtbarkeit enthoben werden können. Es greift hier zu Vieles ineinander und die Frage ist schon ganz zu trennen von der Frage nach dem Werth einzelner älteren deutschen Dichtungen. Das Märchen nimmt inmitten dieser Studien einen sehr bescheidenen Platz ein, aber es darf am Wenigsten fehlen, wo es sich darum handelt dieselben zu Schule und Haus in die rechte Beziehung zu setzen, denn es ist der Jugend schon von Alters her lieb und werth. Zwei arme Kinder, Brüderchen und Schwesterchen, die den Kinderschuhen noch jetzt kaum entwachsen sind, erzählten dem Herausgeber dieses Buches, wie sie sich jeden Abend, wenn sie sich zu Bett legten, an einem einzigen Märchen, das sie wußten, ergötzten. Sie erzählten sich nämlich die bekannte Geschichte von den Bremer Stadtmusikanten, und zwar so, daß die darin auftretenden Thiere alle von bestimmten, den Kindern bekannten Orten auf dem Oberharze herkamen und sich an einer ihnen gleichfalls wohlbekannten Stelle trafen. »So kiet's wemmer alt werd!« (so geht's wenn man alt wird) sagte jedes der weggejagten Thiere, die sich nun als Musikanten auf die Reise machten, beim Zusammentreffen zum andern, und schon aus der allerdings im Munde der Thiere, noch mehr im Munde der ihnen nachsprechenden Kleinen selbst, hinlänglich komischen Rede allein sogen diese jeden Tag ein neues und unerschöpfliches Vergnügen. Wenn nun auch ein rechter Pädagoge den Kindern empfehlen wird, statt solches Märchenerzählens beim Schlafengehen lieber sogleich frisch und fröhlich die Augen zu schließen und einzuschlafen, so wird doch in anderer Art Aehnliches von der Wirkung des Volksmärchens auf das kindliche Gemüth ein Jeder auch aus seiner eignen Jugend anführen können, denn noch ist wohl kein Haus bei uns so armselig, daß darin nicht zur Freude der Kinder ein oder das andre Hausmärchen von Eltern und Großeltern her forterbte, mag es auch in den gebildeten Häusern oft nur noch als Schwank fortzuleben wagen. Mehr und mehr werden auch diese Märchen als eine sehr wesentliche Nahrung erkannt, welche man dem jugendlichen Geiste keineswegs entziehen dürfe. Zwar erschien vor einigen Jahren von einem nicht unbekannten Pädagogen eine Art von Programm für die Pädagogik der Zukunft, worin unter Anderm das Märchen seines phantastischen Charakters wegen geächtet wurde. Allein dies beruhte zum guten Theil nur auf einem Mißverständniß. Im Märchen wird allerdings der gewöhnliche Lauf der Dinge sehr oft durch wunderbare Vorfälle unterbrochen; wie aber schon Wilhelm Grimm gesagt hat, daß es eine Anhäufung des Wunderbaren nicht vertrage, sondern eine angemessene Verbindung des Gewöhnlichen mit dem Wunderbaren verlange: so glauben wir sagen zu können, daß für diejenigen, für welche das Märchen zunächst vorhanden ist, die Grenze zwischen dem Natürlichen und dem Wunderbaren gar nicht scharf genug gezogen ist, um da, wo sie überschritten wird, sogleich einen feindlichen Angriff auf den menschlichen Verstand wittern zu können. So wie das Wunderbare im Märchen nicht willkührlich ersonnen ist, sondern auf sehr alten großentheils noch aus dem Heidenthume fortgepflanzten, ursprünglich religiösen und erst im Zeitlaufe verweltlichten Vorstellungen beruht, so sind wir auch, wenn wir blos vom poetischen Standpuncte aus die Zusammensetzung zunächst nicht zusammengehöriger Dinge betrachten, wie sie im Märchen stattfindet, doch auch keineswegs auf das Gebiet der Willkühr versetzt. Auch wenn wir von dem ersten Ursprung dieser Erzählungen im grauen Alterthume absehen, werden wir doch hier oft an Layard erinnert, der die geflügelten Löwen mit Menschenköpfen vor einem von ihm ausgegrabenen Tempel in Ninive betrachtet und ausruft: »Konnten edlere Gestalten das Volk an der Pforte der Tempel seiner Götter empfangen? Welch erhabnere Züge konnte er nur auf die Nachahmung der Natur angewiesene Mensch für die Weisheit, die Macht und die Allgegenwart des höchsten Wesens wählen? Er konnte keinen bessern Typus für Geist und Wissen finden als den Kopf des Menschen, keinen bessern Typus für die Stärke als den Körper des Löwen, und für die Schnelligkeit der Bewegung die Schwingen des Vogels. Diese geflügelten Löwen mit Menschenköpfen waren keine bloße Ausgeburt einer üppigen Phantasie; ihre Bedeutung stand ihnen auf der Stirn geschrieben. « – Wir Deutschen aber sollten am Wenigsten der Kindheit die unschuldige Märchenlust verkümmern. Unser Volk erzeugt diese unschuldigen Spiele der Phantasie mit jener wahren und echten Naivität, mit jenem reinen kindlichen Sinne, der wenigstens den leider in neuerer Zeit gerade in Deutschland gewaltsam für die Jugend zugestutzten orientalischen Märchen, und auch den italienischen durchaus abzugehen scheint. Wenn wir auch selbst unsrer reiferen Jugend, wir meinen der gebildeten, etwas weniger träumerischen Sinn wünschen müssen, so können wir doch bei der Entdeckung der Engländer, daß die Kinderspielsachen, die grünen Bäume, Schäfer, Schäferinnen, Holzhauer, Bauern, Landmädchen und Hausthiere, mit denen das deutsche Gemüth selbst das Ausland versieht, nicht mehr in die Zeit passe, weil ihnen die Bewegung fehle, Altengland wegen seiner frühreifen Jugend nur aufrichtig bemitleiden und unsre Collegen, die »großen Kinder« in Nürnberg, aus deren Händen diese Waare kommt, werden den Rath 1 , mehr auf die materielle Denkungsart der Engländer zu speculiren, eben so wenig berücksichtigen können, als ihre Kameraden, welche Volksmärchen herausgeben, etwa im Stande waren, ähnliche Rathschläge zu befolgen. Außer jener vollkommen unberechtigten Einwendung gegen Märchen als Kinderschriften hat man nun auch darauf hingedeutet, daß die deutschen Volksmärchen manche Züge (sie erwachsen aus dem Conflict der Cultur des Volkes und derjenigen der gebildeten Stände, oder werden vielmehr nur durch ihn bemerklich) enthalten, welche für Kinder nicht passen. Ja, eine als besondere Schrift erschienene Musterung von Jugendschriften will alle diese Sammlungen nur als Volks schriften betrachtet wissen und nur die Auswahl aus der Grimm'schen Sammlung, aus der allerdings alles weniger für Kinder geeignete entfernt ist, wird dort den Jugendschriften eingereiht, während die Brüder Grimm selbst auch die große Ausgabe ihrer Sammlung als Kinderschrift bezeichnet haben. Auch eine von mir selbst herausgegebene und von der Kritik mit Beifall aufgenommene Sammlung wird dort mit den übrigen nur unter die Volksschriften verwiesen. Ohne auf jene Bedenken weiter einzugehen, bemerke ich nur, wie ich es als eine mir widerfahrene hohe Ehre betrachte, daß Eltern und Erzieher in der letzten Zeit mich wiederholt aufforderten, ein Märchenbuch als eigentliche und vollständige Kinderschrift herauszugeben. Ich komme derselben in der vorliegenden Schrift nach, indem ich von den neuerdings von mir gesammelten Märchen nicht allein 1) alle diejenigen Märchen ausscheide, welche nicht vollständig für Kinder geeignet sind, 2) auch lückenhafte und weniger anziehende Märchen (welche wohl sonst in wissenschaftlichem Interesse mitzutheilen gewesen wären) zurücklege, was jedoch natürlich die Aufnahme an und für sich kürzerer Stücke nicht hinderte. Auch den Styl habe ich 3) eigens für die Jugend berechnet und nicht allgemein volksmäßig halten wollen. Die Erläuterungen, welche ich diesmal zu einzelnen Märchen geben will, sollen den Leser zunächst von der ethischen und poetischen Seite her (man sehe die erste Abtheilung des Anhangs) in das Verständniß der Märchen einführen. Schon liest ja sogar mancher Lehrer seinen Schülern und Schülerinnen hin und wieder während der Schulstunden ein Märchen vor, selbst in Dorfschulen, welche ohnehin beginnen die sogenannte deutsche Grammatik, womit sie die Kinder bisher plagten, durch Vorlesung guter poetischer und prosaischer kleiner Stücke zu ersetzen. Die Auswahl ist, besonders wenn man das Augenmerk vorzugsweise auf Gedichte richtet, höchst schwierig. Dahingegen ist außer Anderm das Märchen für diesen Zweck wie geschaffen, auch wenn an die Vorlesung noch Besprechungen und Erörterungen geknüpft werden sollen, wie man denn auch, oft seltsam genug, das Volk über den Gang der Vegebenheiten in seinen Märchen reflectiren hört. So sprach sich denn unter Anderm in einer Lehrerconferenz der Wunsch aus nach einer Sammlung erzählender Stücke mit Erläuterungen, welche ein für Lehrer brauchbares Material enthielten. Solchen Regungen kommt unsre Schrift entgegen und solchem Bedürfniß wünscht sie mit der ersten Abtheilung des Anhangs auf eine zweckmäßige Weise abzuhelfen. Möchte das Buch den Jungen und den Alten, deren ich bei seiner Ausarbeitung fortwährend freundlich gedachte, lieb werden. Wernigerode, am Michaelistage 1854. Heinrich Pröhle. Fußnoten 1 Vergl. »Deutsche Kinderspielsachen in England« (Morgenblatt, 1853, Nr. 30.). 1. Dank ist der Welt Lohn. Es waren einmal zwei Brüder, die hatten beide das nämliche Handwerk gelernt, theilten ihr väterliches Erbe und zogen mit einander in die weite Welt. Als sie nun einmal sich unterwegs mit einander unterhielten, sagte der älteste: »Undank ist der Welt Lohn;« der jüngste aber sagte: »Dank ist der Welt Lohn;« und weil sie sich nicht einigen konnten, so wetteten sie, setzten jeder sein Erbtheil ein und machten aus, wer mit seiner Meinung auf ihrer Wanderschaft Recht behielte, dem solle der Andre sein Erbtheil hingeben. Sie hatten aber dies Gespräch geführt vor den Thoren einer Stadt und gingen nun mit einander auf einem Spazierwege fort, der sie alsbald in einen anmuthigen Wald führte. Da spazierte ein Brautpaar an ihnen vorbei, das gerieth vor ihren Augen mit einander in Streit, so daß Braut und Bräutigam auf einander losschlugen und mit einander rauften. Weil nun aber die Braut von Natur schwächer war, so erging es ihr am Uebelsten dabei und sogleich sprang der jüngere Bruder auf das Paar los, um der Braut zu helfen und prügelte den Bräutigam. Da schlug aber die Braut schnell auf ihren Retter los und endlich mußte der älteste Bruder herbei springen um ihn selbst von der Wuth des Brautpaars zu erretten. Danach aber sprach der Älteste: »Siehst Du nun, mein Bruder, daß mir Dein Erbtheil gebühret? Denn wahrlich, nichts als Undank ist der Welt Lohn.« Der jüngere Bruder aber bat um Aufschub wegen der Herausgabe seines Erbtheils und sprach wieder: »Nein, mein Bruder, Dank ist der Welt Lohn.« Da gewährte ihm der ältere Bruder noch einen Aufschub und sie zogen mit einander weiter in den Wald hinein. Der Spaziergang aber war nun zu Ende und der Wald wurde immer einsamer und wilder. Da rief plötzlich wehklagend in der Einsamkeit des Waldes eine Stimme jämmerlich um Hülfe. Zugleich eilte der Jüngste zur Stelle und fand zwei Köhler, die sich mit einander schlugen; er sprang dem schwächern bei, der um Hülfe gerufen hatte, als er sie aber von einander getrennt und den stärkeren tüchtig durchgeprügelt hatte, sprangen beide Köhler auf ihn los und schlugen gemeinsam auf ihn, denn die Köhler waren auch Brüder. Endlich mußte der älteste von den beiden Reisenden herbei kommen und ihn aus den Händen der Köhler befreien. Da sprach der Älteste wieder: »Undank ist der Welt Lohn;« der Jüngste aber sprach auch jetzt noch: »Nein, Dank ist der Welt Lohn,« und bat seinen Bruder um Aufschub, auf daß er ihn noch nicht seines Erbtheils beraubte. Sie zogen also weiter mit einander, und der Wald, in dem sie gingen, wurde immer schauriger und wil der. Da kamen sie zu einem Bären und einer Schlange, die balgten sich mit einander, der Bär aber hatte die Schlange schon bewältigt und zugleich sprang der jüngste Bruder hinzu, ihr zu helfen. Das gelang ihm denn auch, aber kaum war es geschehen, als die Schlange sich um ihren Retter schlang und ihn erwürgen wollte. Da mußte der älteste Bruder ihn auch von den Thieren befreien. Nachdem dies aber geschehen war, sprach er zu ihm: »Es ist nicht anders, Undank ist der Welt Lohn, Dein Erbtheil aber ist mir jetzt verfallen, ich gebe Dir keinen Aufschub mehr.« Da rief der jüngste noch einmal: »Nein, Bruder, Dank ist der Welt Lohn, gewiß, es muß sich bald zeigen, schenke mir nur noch eine kurze Frist.« Allein der ältere Bruder hatte kein Erbarmen mehr, er stach dem jüngeren die Augen aus, und beraubte ihn seines Erbtheils an Gelde, zog ihn aus bis aufs Hemd und ging fort. Es ist aber dies bei einem Galgen geschehen und da hat sich der jüngere Bruder auf ein paar Holzkloben gesetzt, die da von den Waldarbeitern aufgeschichtet gewesen sind. Dort ist die Nacht über ihn hereingebrochen und weil er die wilden Thiere fürchtete, stieg er in der Angst auf den nächsten Baum. Er hatte noch nicht lange gesessen, als ein Bär, ein Löwe und ein Fuchs unter den Baum kamen und sich mit einander unterhielten. Der Bär fing nämlich an: »Ich weiß ein Geheimniß.« »Was weißt Du denn?« fragte der Löwe. Der Bär antwortete. »Morgen früh fällt ein Thau, von dem die Blinden sehend werden, wenn sie sich die Augen dreimal damit bestreichen.« Da sprach der Löwe: »Ich weiß auch ein Geheimniß. In der und der Stadt liegt ein Reicher krank durch die Schuld seiner Frau; hinter der Kommode liegt eine Brodrinde, davon muß eine Suppe gekocht werden und die Suppe muß der Reiche in drei Malen essen, dann wird er gesund.« Danach fragte der Löwe den Fuchs: »Nun, Reineke, weiß Er denn nichts?« »Freilich,« antwortete der Fuchs. »Auf dem Königshofe ist der Königsbrunnen versiegt, das liegt daran, daß ein Lork auf dem Quell sitzt und das Wasser auffängt. Darum muß der Lork gespießt werden und dann wird ein Wasserstrahl so dick wie ein Braukessel aus der Erde hervorspringen.« So unterhielten sich die drei Thiere bis an den Morgen, dann gingen sie auseinander, nachdem sie beschlossen hatten über sieben Jahre in derselben Nacht hier wieder zusammenzukommen. Nun stieg der Blinde vom Baume, wusch sich die Augen dreimal mit dem Morgenthau und sogleich war er sehend. Dann sammelte er von dem Thau so viel als ihm möglich war in seine hohlen Hände und ging seines Weges weiter zu der nächsten Stadt. Dort fand er noch das Thor verschlossen und weil er ganz nackt war, so hielt die Thorwache ihn anfangs für einen Geist und wollte vor seinem Anblicke entfliehen. Er aber rief ihr zu, daß sie sich nicht fürchten solle; dann offenbarte er dem Soldaten wie es ihm ergangen wäre und der gab ihm ein Gefäß, darein er den kostbaren Thau aus der hohlen Hand schüttete und verschaffte ihm Kleidung, womit er sich bedecken konnte. So ging er denn also in die Stadt hinein mit dem Gefäß, und suchte alle Blinden auf, die er nur finden konnte, und bestrich ihr Angesicht mit dem Thau, und ein jeder der durch ihn sein Gesicht wieder erhalten hatte, beschenkte ihn so reichlich als er nur vermochte, ja, er mußte ihnen noch wehren, denn die Armen, die durch ihn sehend geworden waren, wollten ihm Alles geben was sie hatten und er bekam reichlich sein Erbtheil wieder und Alles was sein Bruder ihm genommen hatte, und sprach: »Dank ist der Welt Lohn.« Als nun die Blinden in der Stadt durch ihn sehend geworden waren, zog er weiter und suchte den reichen Mann auf, der da krank lag, und von dem die Thiere unter dem Galgen sich unterhalten hatten. In dessen Hause trat ihm gleich die böse Frau des Reichen entgegen, die an seiner Krankheit schuld war, und wollte ihn von dem Krankenbette abwehren, und sprach: Ihrem Manne könne kein Arzt helfen. Er aber sagte: Dann wolle er ihn wenigstens in seiner Krankheit besuchen. Da mußte sie ihn einlassen. So wie aber der reiche Mann ihn nur sah und vernahm, daß er ein Arzt sei, ward er voller Freuden, ob auch schon viele Aerzte vergeblich bei ihm gewesen waren und gelobte ihm mehr als tausend Reichsgülden, wenn er ihm helfen könne. Er suchte die verschimmelte Rinde hinter der Kommode hervor, kochte eine Brodsuppe davon und nachdem der reiche Mann dreimal davon gegessen hatte, war er gesund. Da hielt der getreulich sein Versprechen und gab seinem Helfer mehr als tausend Reichsgülden. Der aber sprach abermals: »Dank ist der Welt Lohn« und zog hoch erfreut von dannen. Er richtete jetzt seinen Weg nach dem Königshofe, darauf der Königsbrunnen versiegt war, da hatten auch schon viele Leute versucht, zu machen daß das Wasser wieder hervorquelle, und ob auch Alles vergeblich gewesen war, so war doch der König voll Freude, als sich abermals einer meldete, der den Brunnen wieder quellen machen wollte, und gelobte ihm, wenn ihm das gelänge, so solle er seine Krone haben. Darauf nahm der jüngste Bruder einen Degen und stieg damit in den Brunnen, und da saß in einer Ecke ein dicker Lork und spie Feuer gegen ihn aus. Den spießte er mit seinem Degen und da drang das Wasser mit aller Kraft hinter dem Lork hervor und brauste ordentlich auf und stieg so rasch und hoch empor, daß der jüngste Bruder kaum schnell genug aus dem Brunnen kommen konnte. Als er heraus war, wurde er von dem König und dem ganzen Hofgesinde mit Jubel aufgenommen, und der König hielt Wort und gab ihm die Krone und das ganze Reich. Der junge König aber sprach abermals: »Dank ist der Welt Lohn.« Er selbst aber blieb mildthätig wie er bisher gewesen war, und erbaute neben dem Königshofe, auf dem er mit dem alten Könige zusammen wohnte, eine große Herberge für arme Reisende, die durch sein Reich zogen, und dies Haus und die Herberge besuchte er alle Tage und sprach gar freundlich und leutselig mit den Armen, die dort auf seine Kosten verpflegt wurden. Eines Tages aber begab es sich, daß er seinen Bruder unter den armen Reisenden sitzen sah, der war ganz zerlumpt, denn er hatte in der Welt sein eigenes Erbtheil und dazu alles Hab und Gut, was er seinem Bruder abgewonnen hatte, verloren. Wie nun der älteste Bruder sich an der warmen Suppe erquickte, die ihm in der Herberge gereicht wurde, setzte der König sich zu ihm und fragte ihn aus, woher er sei und ob er noch Geschwister habe. Da antwortete der: Er habe nur einen Bruder gehabt, der aber sei gewiß längst todt. Darauf hieß der König ihn mitgehen auf sein Zimmer, und gab sich zu erkennen; sogleich aber fiel der älteste Bruder vor ihm nieder auf sein Angesicht und bat um Gnade. Da begnadigte ihn der junge König, und gestattete ihm, daß er bei ihm auf dem Königshofe bliebe, erzählte ihm, was er erlebt hatte, seit sein Bruder von ihm gegangen war und sprach: »Siehst Du nun, mein Bruder, daß Dank der Welt Lohn ist? hat nicht der Dank der Menschen mir eine Krone und viele Schätze eingetragen?« Einst erzählte der König von den drei Thieren, welche sich nun bald wieder unter dem Baume treffen mußten, um sich zu sagen was sie wüßten, weil in einigen Tagen die sieben Jahre wieder herum wären. Als der älteste Bruder dies erfahren hatte, machte er sich heimlich auf und suchte die Stelle, an der er seinen Bruder einst geblendet hatte, und stieg auf den Baum. Wie nun die Zeit herankam, ging's unten im Laube: patsch, patsch, patsch; damit kam der Bär und setzte sich verdrießlich brummend unter den Baum. Bald darauf kam auch der Löwe und setzte sich neben den Bären. Da sagte der Bär zum Löwen: »Denke Dir, Bruder, alle unsre Geheimnisse sind verrathen. Gewiß hat es der Fuchs gethan.« »Das sollte man kaum glauben,« antwortete der Löwe, »Reineke ist doch sonst nicht so dumm.« »Es kann aber Niemand anders gewesen sein,« erwiederte der Bär wieder. Tripp, tripp, tripp kam der Fuchs an und setzte sich freundlich grüßend zwischen den Löwen und den Bären. »Reineke,« sagte der Bär mürrisch, »warum hast Du unsre Geheimnisse verrathen?« Und damit gab er ihm gleich eine Maulschelle, daß er auf den Rücken hinfiel. Da schrie Reineke: »Jetzt seh ich ihn, der es verrathen hat! Da oben lauscht er im Baum!« Danach stand er wieder auf; der Bär aber kletterte hinauf, holte den ältesten Bruder herunter und Bär und Löwe zerrissen ihn. Der jüngste der Brüder aber erreichte auf seinem Throne ein gar hohes Alter in Glückseligkeit, Tugend und Frömmigkeit. 2. Undank ist der Welt Lohn. Es war einmal ein Bauer, dem lag beim Fahren ein Stein im Wege, den hob er auf und da zischte eine Schlange darunter hervor, die unter dem Steine eingeklemmt gewesen war. Sie fuhr sogleich auf ihn los und wollte ihren Retter ermorden, und sagte, daß Undank der Welt Lohn wäre. Der Bauer sagte aber: Dank sei der Welt Lohn, und so beschlossen sie drei Stimmen darüber zu hören, und wenn alle sagen würden, daß Undank der Welt Lohn sei, so solle die Schlange den Bauersmann tödten. Da sie noch so sprachen, kam ein altes und gedientes Roß daher, das war von seinem Herrn verstoßen und sagte, Undank sei der Welt Lohn. Darauf kam ein alter blinder Hund in der Furche herab gegangen, der war auch von seinem Herrn verstoßen und sagte wieder, Undank sei der Welt Lohn. Da triumphirte die Schlange schon, aber es kam jetzt ein Fuchs, der sagte: Nach Beschaffenheit der Umstände sei Dank und Undank der Welt Lohn, und ehe er darüber urtheilen könne, ob für diesmal die Schlange dem Bauer Dank schuldig sei, müßte diese sich nochmals unter den Stein legen, den der Bauer von ihr abgewälzt habe. Das that die Schlange auch und als sie wieder unter dem Steine lag, drückte ihr sogleich der Bauer und der Fuchs mit dem Steine den Kopf ein. Da war der Bauer über seine Rettung hoch erfreut, dankte dem Fuchs vielmals und sprach, er solle sich von ihm eine Gnade ausbitten. Da sprach der Fuchs: »Nun denn, so erlaube, daß ich einmal auf Deinen Hühnerhof komme und gestatte mir, daß ich dort ein paar Hühner, Tauben und Gänse verzehre.« Das war der Bauer zufrieden und der Fuchs stellte sich richtig ein. Als nun aber die Söhne des Bauern sahen, wie der Fuchs unter ihrem Federvieh wirthschaftete, sprachen sie nach einer Weile: »Das geht doch nicht an, daß der Fuchs unsere ganzen Hühner, Tauben und Gänse tödtet und wir stehen ruhig dabei und sehen ihm zu.« Während der Fuchs seine Jagd auf dem Bauerhofe fortsetzte und von dem Taubenschlage nach dem Hühnerstall rannte, bereiteten sie ihm Hinterlist im Gänsestalle, steckten eine fette Gans in einen Sack und banden sie darin fest. Als der Fuchs an den Gänsestall kam und in dem Sacke recht verlockend die fette Gans ihr: »Pile! Pile!« rufen hörte, kroch er zu ihr in den Sack, sogleich aber drangen die Söhne des Bauern herein, banden den Sack zu, worin eben der Fuchs erst der Gans den Kopf abgebissen hatte, schlugen den Fuchs in dem Sacke todt, verzehrten die fette Gans selbst zum Abendbrode und da hatte der Fuchs zuletzt doch erfahren, daß Undank der Welt Lohn sei. 3. Der Fuchs und die Gans. Es fing einmal ein Fuchs eine Gans und wollte sie eben verzehren. Da bat sie, daß er ihr doch gestatten möchte vor ihrem Ende noch einmal zu tanzen. Der Fuchs dachte: »Das kann ich ihr wohl gewähren, sie soll mir nachher um so besser schmecken, wenn ich ihr dabei zugesehen habe.« Als nun die Gans die Erlaubniß hatte, hob sie sich mit den Füßen mehrmals ein wenig vom Boden auf, machte dabei auch die Flügel aus einander und begann vor dem Fuchs recht artig zu tanzen, wie die Gänse thun bevor sie anfangen zu fliegen. Nachdem sie aber so eine Weile zum großen Vergnügen des Fuchses getanzt hatte, flog sie davon. Da hatte der Fuchs nichts als das Nachsehen und weil dies bei einem Gänsebraten, wie Du weißt, nicht viel sagen will, so sprach er: »Wie diesmal soll es mir gewiß nicht wieder ergehen: vor dem Essen ist kein Tanzen wieder.« 4. Das goldene Salzfaß, der goldene Haspel und der Tannenzweig. Es war einmal ein König, der wollte eine Reise machen und fragte seine drei Töchter, was er ihnen mitbringen solle. Die älteste sprach: »Bring mir ein goldenes Salzfaß mit;« die zweite sagte: »Mir, Vater, einen goldenen Haspel;« und die jüngste: »Mir bring das mit, was Dich auf dem Wege an den Kopf stößt.« Darnach reiste der König ab. Als er seine Reise fast vollendet hatte, ging er in eine Stadt und kaufte hier seinen beiden ältesten Töchtern das goldene Salzfaß und den goldenen Haspel, an den Kopf aber hatte ihn noch nichts gestoßen, und er dachte: was wird nun mein jüngstes Kind sagen, wenn ich ihm nichts mitbringe? Ehe der König jedoch nach seinem Schlosse kam, führte ihn sein Weg noch durch einen großen Wald. Als er mitten darin war, stieß ihn ein Tannenzweig an den Kopf. Den brach er ab und dachte: ich will ihn meiner jüngsten Tochter mitnehmen. Da stand auf einmal ein Löwe neben ihm und sprach: »Gib mir Deine jüngste Tochter.« »Nein, die gebe ich Dir nicht,« sagte der König. »So mußt Du sterben,« entgegnete der Löwe. Da versprach der König dem Löwen seine jüngste Tochter, und der sprach: »Setze Dich auf meinen Schwanz.« Da setzte sich der König auf den Schwanz des Löwen und so jagte der wie im Fluge dem Schlosse zu. Aber der König war nun sehr betrübt über das Geschick seiner jüngsten Tochter, sann hin und her und ließ endlich des Kuhhirten Tochter holen, zog ihr schöne Kleider an und gab sie dem Löwen und sprach: »Hier, Löwe, hast Du meine jüngste Tochter.« Da mußte sich das Mädchen auf den Schwanz des Löwen setzen und so jagten sie fort. Als sie im Walde waren, sagte der Löwe: »Steig ab.« Nach einer Weile fragte der Löwe: »Nun sage mir, was es an der Zeit ist.« Das Mädchen sprach: »Es ist nun die Zeit, da mein Vater mit den Kühen in der Ruhe liegt.« Da merkte der Löwe, daß er betrogen war und sagte: »Du bist die Rechte nicht, setze Dich auf meinen Schwanz.« Da setzte sich das Mädchen wieder auf den Schwanz des Löwen und jagte nach dem Schlosse. Er klopfte höflich an die Thür im Schlosse und sagte zum Könige: »Gib mir das rechte Kind.« Da schickte der König hin und ließ des Schweinehirten Tochter holen, zog ihr noch viele schöne Kleider an und sagte zum Löwen: »Nun hast Du die Rechte.« »Setze Dich auf meinen Schwanz,« sprach der Löwe zu ihr, und lief so dem Walde zu. Im Walde sagte er: »Steig ab,« und nach einer Weile sprach er: »Sage mir, wie es an der Zeit ist.« Das Mädchen sprach: »Es ist nun die Zeit, daß mein Vater mit den Schweinen in der Ruhe liegt.« Da merkte der Löwe, daß er abermals betrogen war und sprach: »Mein Kind, Du bist die Rechte nicht, setze Dich auf meinen Schwanz.« Da setzte sich das Mädchen auf und der Löwe rannte davon. Im Schloßhofe brüllte er so fürchterlich, daß Alles zitterte. Der König aber kam ängstlich herbei und fragte: »Was fehlt Dir denn, lieber Löwe?« Der sagte: »Du hast mich wieder betrogen und die Rechte nicht hergegeben, gibst Du mir nun nicht das rechte Kind, so mußt Du sterben.« Da wurde der König bange und holte seine jüngste Tochter herbei, und gab sie dem Löwen. Das Mädchen mußte sich auf den Schwanz des Löwen setzen und so rannte er fort. Im Walde sagte der Löwe: »Steig ab,« und nach einer Weile fragte er, wie es an der Zeit sei. Da sprach das Mädchen: »Es ist nun die Zeit, daß mein Vater und meine Mutter am Tische sitzen und essen mit goldenen Messern und Gabeln.« Da freute sich der Löwe, daß er die Rechte hatte, und sagte: »Nun steig auf, mein Kind.« Das Mädchen stieg wieder auf und der Löwe lief mit ihr weit, weit hin. Endlich kamen sie vor ein Schloß, das stand schon lange, lange leer, da gingen sie hinein. In dem Schlosse hingen viele Säbel und andere Waffen, davon nahm der Löwe einen Säbel und gab ihn dem Mädchen in die Hand und sagte: »Hau mir den Kopf ab.« »Nein,« sagte das Mädchen, »das thue ich nicht.« »So mußt Du sterben,« sprach der Löwe. Da hieb ihm das Mädchen den Kopf ab. Auf einmal war die Gestalt des Löwen verschwunden und statt dessen stand ein junger schöner Prinz vor ihr und warb um ihre Hand. Sie gab sie ihm und dann reisten sie beide zu des Mädchens Vater. Der gab ihnen seinen Segen und nun ging der junge Prinz mit seiner Frau nach seinem Schlosse. Da lebten sie lange und glücklich. 5. Die Goldtochter und die Hörnertochter. Einem Manne starb seine Frau und hinterließ ihm eine vierzehnjährige Tochter. Seinem Hause gegenüber aber wohnte eine Wittwe, die hatte auch eine vierzehnjährige Tochter und die beiden Mädchen waren Gespielinnen. Wenn nun des Mannes Tochter in ihrem Hause war, dann sprach sie immer zu ihr: »Sage Deinem Vater doch, daß er mich heirathet, dann sollst Du es gut haben.« Und wiewohl die Frau so häßlich war, daß sie sich täglich mit süßer Milch wusch, damit ihr Gesicht schöner aussah, so ließ der Mann sich von seinem unschuldigen Töchterlein doch bereden und freite sie. Diese erhielt von der Zeit an mehr Schläge als Brod und das Frühstück gab ihr die Frau jeden Morgen mit einer Haselruthe, ihrer rechten Tochter aber setzte sie vor vom Schönsten und Besten. Eines Nachts träumte das arme Mädchen, daß sie sich aufmachen und über sieben Berge gehen solle. Das sagte sie am Morgen ihrem Vater und er sprach, daß sie thun solle, wie ihr der Traum geheißen, wenn ihr derselbe Traum noch zweimal käme. Als sie das Gebot noch zweimal im Traume erhalten hatte, bekam sie von ihren Eltern einen halben Käse und ein Stück Brod, machte sich auf, und wie sie schon über mehrere Berge gegangen war, kam sie am Abende vor ein Haus, da guckte eine alte Frau heraus, die fragte das Mädchen, ob es dort nicht übernachten könne. Die Alte weigerte das anfangs, nahm aber endlich das Mädchen ins Haus, das eine Riesenwohnung gewesen ist, ließ sich von ihr in der Wirthschaft helfen, und versteckte es unter eine Tonne. Eine Zeit darauf kam der erste Riese nach Haus und sagte, er rieche Menschenblut; die Alte aber sagte, es sei Niemand da. Die Frau beruhigte auch den zweiten Riesen, als er kam, und so fort, bis der siebente, der heimkehrte, das Mädchen unter der Tonne fand. Da lobte aber die Alte das Mädchen und sagte, daß es ihr geholfen hätte in der Wirthschaft, und da gaben ihr die Riesen einen Zettel und sagten, wenn auf ihrer Reise ihr Jemand etwas zu leide thun wolle, so möge sie nur den Zettel vorzeigen. Als das Mädchen wieder einen Tag gewandert und über mehrere Berge gegangen war, kam es wieder vor ein Haus, da schaute eine Alte heraus, der half sie wieder in der Wirthschaft, ward unter eine Tonne versteckt und darunter vom siebenten Riesen, der in das Haus zurückkehrte, aufgespürt. Allein die Alte bezeugte ihr wieder, daß sie fleißig in der Wirthschaft geholfen habe, und da sagten ihr die Riesen: wenn sie noch einen Tag gegangen wäre, so käme sie abermals vor ein Haus, das sei ein Zwergenhaus, bei dem sei ein Brunnen und neben dem Brunnen läge ein zerbrochener Topf, den solle sie wieder heil machen und dann solle sie den Zwergen die sieben Bettlein bereiten. Also that sie auch, ging über die letzten von den sieben Bergen, kam vor das Zwergenhaus, machte den Topf am Brunnen heil und als sie auch die sieben Bettlein gemacht hatte, legte sie sich in das letzte hinein, und da kamen die sieben Zwerge heim und riefen: Wer ist in unserm Haus gewesen? Was wäre der wohl werth? Und darauf antworteten sie alle: Der müßte goldne Haare haben. Da hat das Mädchen auch alsogleich goldne Haare gehabt, mußte aus dem Bett steigen und mit den Zwergen essen. Nach der Mahlzeit füllte es Wasser ein in einen Krug, den ihm die Zwerge reichten, wünschte sich mit dem Krüglein nach Hause, und da ist es auch gleich zu Hause gewesen. Als die alten Leute sahen, daß ihre eine Tochter mit goldnen Haaren heimkehrte, gaben sie der andern Tochter auch Käse und Brod und schickten sie auch über die sieben Berge zu den sieben Zwergen. Es kam auch am Abende des ersten Tages vor das erste Riesenhaus, wurde von der Alten unter der Tonne versteckt, weil es ihr aber nicht geholfen hatte in der Wirthschaft, so jagten es die Riesen am andern Morgen ohne den Zettel aus dem Hause, und hätten es getödtet, wenn nicht die Alte für sie gebeten hätte. Doch fand es am zweiten Abende in der zweiten Riesenwohnung Aufnahme, und es begab sich Alles wie zuvor. Weil es aber der Alten nicht in der Wirthschaft geholfen hatte, so sagten ihm die Riesen am andern Morgen: wenn es in das Zwergenhaus käme, so solle es den Topf an dem Brunnen zerschmeißen und die Bettlein über und drüber werfen. So that das böse Mädchen auch, warf den Topf am Brunnen entzwei und die Bettlein der Zwerge über und drüber, daß die Federn weit umherflogen. Als da die sieben Zwerge heimkamen, fragten sie: Wer ist in unserm Haus gewesen? Was wäre der wohl werth? Und da antworteten sie: Daß er den Kopf voll Läuse hätte. Da hatte das Mädchen auch gleich den Kopf voll Läuse, bekam auch kein Krüglein von den sieben Zwergen, darein es Wasser einfüllen konnte, und weil es kein Krüglein mit Wasser gefüllt in der Hand trug, so mußte es zu Fuß heimgehn über die sieben Berge, das ward ihm gar sauer. Die Riesen aber sahen selbst zum Fenster heraus und ließen es an den beiden Abenden nicht in ihre Häuser ein, da mußte es die Nächte im Walde schlafen, auch brachte es nichts von dem köstlichen Wasser heim. Das verdroß die böse Frau und nach einer Weile wollte sie ihre Stieftochter in Gefahr schicken und zeigen, daß sie doch nicht mehr könne und nicht besser sei als ihre rechte Tochter. Darum stellte sie sich krank und sagte: sie habe Lust Erdbeeren zu essen, die solle ihre Stieftochter aus dem Walde holen; es ist aber mitten im Winter gewesen. Dennoch ging das gute Mädchen getrost in den Wald und sah darin bald von Ferne drei Männer sitzen, die sich ein Feuer angezündet hatten und sich daran wärmten. Das Mädchen ging auf die Drei zu und fragte sie recht artig, ob sie sich nicht auch an dem Feuer ein wenig wärmen dürfe. Das erlaubten sie ihr und machten ihr einen Platz zurecht, worauf sie sich hinsetzen sollte. Als sie nun so beisammen saßen, zog sie ihr Frühstück heraus, theilte es unaufgefordert mit den Dreien, ward aber doch satt von den wenigen Bissen, die sie übrig behielt. Die drei aber waren: Gott, Christus und der heilige Geist. Als sie nun alle gegessen und sich gewärmt hatten, da ging Christus hin und pflückte ihr mitten im Schnee einen Korb voll schöner dicker Erdbeeren, Gott aber wünschte ihr, daß sie von Ansehn und Gestalt noch viel schöner würde, als sie in ihren goldnen Haaren schon war, und daß bei jedem Worte, das sie spräche, ein Goldklümpchen aus ihrem Munde fallen sollte. Danach ging sie mit den Erdbeeren heim. Zu Hause freute sich die böse Stiefmutter wohl über die Erdbeeren und verzehrte sie mit Begier, las auch, wie Du Dir wohl denken kannst, gar fleißig mit ihrem Manne die Goldklümpchen auf, welche der guten Tochter bei jedem Worte aus dem Munde fielen, ärgerte sich aber doch, daß diese noch schöner geworden war. Darum reinigte sie ihre rechte Tochter von Ungeziefer und sprach: »Nun gehe hin, und hole mir auch ein Körbchen voll Erdbeeren, vielleicht wirst auch Du dabei so köstliche Gaben gewinnen.« Das Mädchen ging in den Wald, kam zu den dreien am Feuer, aber sie machten ihr kein Plätzchen zum hinsetzen zurecht, das verdroß sie gar sehr und sie bot ihnen nichts von der Speise, die sie mitgebracht hatte. Nachdem sie allein davon gegessen und noch etwas übrig behalten hatte, bat sie, daß sie ihr auch Erdbeeren geben möchten; die drei sagten aber: wie sie denn das könnten? es sei ja mitten im Winter. Da ging sie selbst hin und suchte und suchte, fand aber nicht Eine Erdbeere. Klagend kam sie wieder zu den dreien am Feuer, wärmte sich abermals, aß ihre Speisen vollends auf, gab ihnen aber wieder nichts ab. Da sie nun aufbrach und nach Haus wollte, da bestimmte Gott dem bösen Mädchen zur Strafe, daß sie Hörner vor den Kopf bekäme und daß bei jedem Worte, welches sie spräche, sich das Haus drehen sollte. Darauf ging sie zu ihrer Mutter, die war ungehalten, daß sie keine Erdbeeren brächte und ärgerte sich über die Hörner, welche sie vor dem Kopfe trug. Eines Tages stand das Mädchen mit goldnen Haaren am Wasser und wusch. Da kam ein Graf vorbei geritten, forschte wie der Weg ginge und verwunderte sich dabei gar sehr über ihre Schönheit. Sie beschied ihn auch, er aber bat, daß sie ihn doch eine Strecke weit führen möchte. Das that sie, und als sie zurückgehen wollte, bot er ihr die Hand, hielt sie dann fest, zog die Goldtochter auf sein Pferd, nahm sie mit auf sein Schloß und heirathete sie. Als sie ein Kind bekommen hatte, schrieb sie an ihren Vater, daß sie des Grafen Gemahlin sei und lud ihn zum Besuch ein. Weil aber ihr Vater gerade in den Wald gegangen war, so las die böse Stiefmutter den Brief und ging mit der Hörnertochter hin und besuchte die Gräfin, als der Graf nicht daheim war. Diese nahm sie freundlich auf und führte sie im ganzen Schlosse und Allem, was dazu gehörte, umher. Als sie ihnen dabei auch das Fischloch zeigte und selbst Fische herausnehmen und sie für ihre Mutter und ihre Schwester braten wollte, stürzte die böse Alte sie hinein, lief mit der Hörnertochter schnell davon und hieß diese sich an des Kindes Seite legen. Da nun der Graf nach Haus kam, begrüßte er seine Gemahlin, erschrak gar sehr über ihre Hörner, ahnte aber nicht, was vorgefallen war, und wollte vor Schmerz über die Verunstaltung seiner Gemahlin fast sterben. So verging der Tag; in der Nacht aber kam eine holde Gestalt mit einer Kette auf den Hof, rief den Pudelhund, den sie dort hatten, bei Namen und befahl ihm das Kind zu holen. Der Hund brachte es, die holde Gestalt sah es an, wusch es ab und sprach: Schlafen sie denn alle so sehr, Und mein Kind das weint so viel; Dreimal erschein' ich, Einmal bin ich schon dagewesen; Werd' ich dann nicht mit einem goldnen Schwert erlöst, So muß ich in diesem kalten Wasser ertrinken. Bei jedem dieser Worte aber fiel der Gräfin ein Goldklümpchen aus dem Munde, die las sich der Splitterjunge auf, der das allein hörte, und erzählte am andern Tage Alles dem Grafen. Da beschloß der Graf, in der zweiten Nacht mit ihm zu wachen und da kam die Gräfin mit der Kette wieder und bei jedem Wort fielen ihr wie zuvor die Goldklümpchen aus dem Munde und sie sprach: Schlafen sie denn alle so sehr, Und mein Kind das weint so viel; Dreimal erschein' ich, Zweimal bin ich schon dagewesen; Werd' ich dann nicht mit einem goldnen Schwert erlöst, So muß ich in diesem kalten Wasser ertrinken. Auch diesmal aber rief sie dem Pudelhund, ließ sich von ihm ihr Kind bringen, wusch es ab und dann trug es der Hund wieder zu der Hörnertochter. Der Graf las aber diesmal selbst die Goldklümpchen auf, die ihr aus dem Munde gefallen waren, trug sie am Tage zum Goldschmied und ließ sich ein güldnes Schwert davon schmieden. In der dritten Nacht kam die holde Gestalt wieder, und wie sie ihr Kind wusch, sprach sie: Schlafen sie denn alle so sehr, Und mein Kind das weint so viel; Dreimal erschein' ich, Dreimal bin ich schon dagewesen; Werd' ich nun nicht mit einem goldnen Schwert erlöst, So muß ich in diesem kalten Wasser ertrinken. Da sprang der Graf hinzu, schlug die Kette, welche die Gräfin an sich trug, von einander und dadurch war sie erlöst und ward von Neuem sein holdes Weib. Am andern Tage ließ der Graf die böse Stiefmutter mit der Hörnertochter verbrennen und den alten Vater der Gräfin nahmen sie zu sich, der hatte es gut bei ihnen bis an's Ende. 6. Die Zwergmännchen. Ein Schweinhirt hatte viele Söhne, von denen trieb der älteste mit den Ferken aus. Draußen aber machte er sich eine Pfeife und lehrte seinen sechs Ferken das Tanzen nach der Pfeife. Als sie es gelernt hatten und herangewachsen waren, zog er damit nach der Stadt und ließ sie vor dem Königsschlosse tanzen. Da schaute die Frau Königin zum Fenster aus und freute sich über die tanzenden Schweine, ließ auch dem Schweinejungen Zucker und Rosinen reichen und hieß ihrem Säckelmeister mit ihm um eins der Schweine handeln. Allein der Schweinejunge sagte: »Darüber ist kein andrer Handel, als wenn ich die Frau Königin für das erste Schwein einmal ein wenig ins Ohr kneifen darf.« Das erlaubte ihm die Frau Königin, er aber gab ein Schwein hin und zog mit den übrigen Schweinen nach Hause. Als er nach Hause kam und sein Vater sah, daß ein Schwein fehlte, wollte er das Geld dafür sehen. Der Schweinejunge erzählte, wie er die Königin dafür ein wenig ins Ohr gekniffen hätte, und bekam zur Strafe, weil er kein Geld mitgebracht, von seinem Vater Schläge. Nach einer Weile trieb er mit den übrigen fünf Ferken wieder vor das Königsschloß und ließ sie nach seiner Pfeife tanzen. Frau Königin schaute wieder zum Fenster heraus, ließ ihm Zucker und Rosinen zu essen geben und schickte ihren Seckelmeister, eins von den fünf Schweinen zu kaufen. Da sagte er wieder, daß er es nur hingäbe, wenn er die Frau Königin dafür ein wenig in's Ohrläppchen kneifen könne. Die Frau Königin aber kam lächelnd herbei und ließ sich von ihm am Ohr zausen und bekam eins von den fünf Schweinen dafür. Als er seinem Vater wieder kein Geld brachte, bekam er noch mehr Peitschenschläge, als zuvor. So ging es fort bis das letzte Schwein an die Frau Königin verhandelt war, wonach sein Vater ihn am ganzen Leibe blutig schlug. Als die Frau Königin die sechs Ferken zusammen hatte, spitzte sie das Mäulchen und pfiff, daß sie danach tanzen sollten; allein vergebens, denn die sechs Schweine rührten sich nicht. Darauf bot sie ihr ganzes Musikcorps auf, aber die Schweine erhoben sich nicht und fingen nicht zu tanzen an. Da gab sie ihren Dienern Befehl, daß sie den Schweinejungen mit der Pfeife herbringen sollten, und sie dachte ihm die Pfeife nun auch noch abzukaufen. Die Diener aber spürten ihn auf und fanden ihn krank von den Schlägen auf dem Lager liegen in seines Vaters Hause. Doch folgte er ihnen mit seiner Pfeife, bekam auch wieder Zucker und Rosinen und die sechs Schweine machten zu seiner Musik die allerlustigsten Sprünge. Als nun die Frau Königin diesmal selber den Handel mit ihm abschließen wollte, bemerkte sie, daß sein Körper blutrünstig war, und fragte ihn nach der Ursache, und er sagte, daß sein Vater ihn immer mit der Peitsche geschlagen, wenn er kein Geld für die Schweine heimgebracht. Darüber lachte die Frau Königin, wandte sich aber um und sagte: »Ich könnte es nicht verantworten, wenn der arme Narr noch einmal so von seinem Vater gemißhandelt würde. Mein Seckelmeister soll ihm mit Gewalt die Taschen voll Geld stecken, dafür aber sollen ihm meine Diener die Pfeife wegnehmen und ihn dann vom Königshofe hinweg führen.« So geschah es auch und bald stand der Schweinejunge mit gefüllten Taschen draußen allein im Walde, die Frau Königin aber blies mit vollen Backen auf seiner Pfeife und die sechs Schweine tanzten lustig danach und war dazumal großer Jubel und viele Lustbarkeit auf dem Königshofe. Der Schweinejunge war traurig, zürnte der Königin und wollte mit dem vielen Gelde, das er nicht achtete, zu seinem Vater zurückkehren; da kam ein Zwergmännchen daher, klagte sehr über die schlechten Zeiten, sagte auch, daß es in Noth sei, und bat um einen Zehrpfennig. »Nach Pfennigen greife ich jetzt nicht mehr in die Tasche,« sagte der Schweinejunge, und gab ihm einen Ducaten. Nach einer Weile kam wieder ein Zwergmännchen, klagte auch über die schlechten Zeiten und bat wieder um einen Zehrpfennig. Da gab er wieder einen Ducaten hin, und so kamen noch viele Zwergmännchen an und jedes erhielt seinen Ducaten. Der letzte Zwerg aber sagte: »Die Ducaten, die Du uns gabst, sollen Glücksducaten für Dich werden; wenn Du in Noth bist, so magst Du uns nur rufen.« Der Schweinejunge hatte nun nur noch zehn Ducaten, und als er damit weiter ging, begegnete ihm der Böse mit einem hübschen Pferde. Der Junge kannte aber den Bösen noch nicht und fragte, was das Pferd kosten solle. »Weil Du es bist,« sagte der Böse, »so lasse ich Dir's für zehn Ducaten, es ist aber unter Brüdern hundert werth. Die übrigen achtzig Ducaten will ich Dir schenken und Du kannst Dich gleich aufsetzen, unter dem Beding, daß Du zuerst mit nach meinem Schlosse reitest.« Das war der Schweinejunge wohl zufrieden, denn der Teufel erschien ihm wie ein feiner und liebreicher Herr. Als sie aber in das Schloß des Teufels kamen, sprach der: »Jetzt bist Du in meiner Gewalt. Wisse also, daß ich der Teufel bin, und weil ich Dir achtzig Ducaten an dem Pferde geschenkt habe und Du das angenommen hast, so will ich Dir den Hals umdrehen, wenn Du mir nicht drei Aufgaben lösen kannst.« Es war aber die erste Aufgabe des Teufels, daß er aus einer Kuh ein Pferd machen müsse; die zweite: um sein Teufelsschloß müsse er eine zehn Fuß hohe und zwei Fuß dicke Mauer ziehen, die Steine dazu waren schon vorhanden. Die dritte Aufgabe war: der Teufel hätte zwischen seinen Jungfern im Schloß eine Prinzessin, die sollte er zwischen den übrigen Jungfern heraussuchen, müsse aber beim ersten Griff sogleich die Prinzessin herausfinden. Als dem Jungen solches eröffnet war, ging er in den Stall, darin die Kuh stand und der Teufel schloß ihn bei. Er aber wußte nicht, was er thun solle. Da fielen ihm die Zwerge ein und er rief also: »Zwergmännichen ich rufe Euch, Kommt her, ich bin in Noth; Ich weiß es, Ihr könnt helfen mir, Ich gab Euch Geld zu Brod.« Da erschien sogleich eine Schaar Zwerge, fraßen die Kuh bei Stumpf und Stiel auf, darauf zogen sie ein Pferdchen aus der Tasche so groß wie ein Spielpferd, dasselbe wurde immer größer und hatte zuletzt die Größe eines gewöhnlichen Reitpferdes. Als der Teufel kam, war schon alles fix und fertig, und er fand statt der schlechten Kuh das beste Pferd. Nun ging es aber an die Maurerarbeit, da sagte der Schweinejunge wieder sein Sprüchlein und die Zwerge kamen in großen Schaaren herbei. Sie konnten sich aber unsichtbar machen, so daß sie der Teufel nicht sah, und es waren der Zwerge so viele, daß auf jeden Zwerg kaum fünf Steine kamen, die er legen mußte an der ganzen großen Mauer. So stand denn diese alsbald fertig da, gar hoch und breit, und nun gings an die dritte Arbeit. Als der Junge sein Sprüchlein gesagt hatte, kam der letzte von den Zwergen allein an und gab ihm eine Ruthe, die sollte er krumm biegen und damit auf die Jungfern zielen, die alle ganz gleich aussähen, ganz schwarz wären und alle auf einem großen Saale aufgestellt würden; er sagte auch, diejenige, welche die losgelassene Ruthe berührte, wäre die Prinzessin. Der Schweinejunge aber traf richtig mit der Ruthe die Prinzessin und hatte diese jetzt erlöst, deshalb rief eine Stimme: Prinzessin! bring dem Höchsten Dank! Du bist befreit vom Höllenbrand. Als der Böse das hörte, sprach er: »Jetzt gehört Dir die Prinzessin und die beiden Pferde von Rechtswegen.« So setzte der Schweinejunge sich selbst auf das Pferd, das er für zehn Ducaten gekauft, nachdem er zuvor die Prinzessin auf das andere Pferd gehoben, das er von den Zwergen erhalten hatte. Darauf zogen beide hin zu dem Vater der Prinzessin, der ein mächtiger König war, und sogleich wurde seine Hochzeit veranstaltet. Auf der Hochzeit aber war auch die Frau Königin eingeladen, welcher der Schweinejunge immer die Ohren gezaust hatte, und sie tanzte mit dem alten Schweinhirten, der seinen Sohn immer geprügelt hatte, den Ehrentanz. Die Frau Königin aber hatte ihre Pfeife und ihre sechs Schweine mitgebracht, und wenn die andern müde waren zu tanzen, so mußten die sechs Schweine nach der Pfeife der Frau Königin tanzen, und sie tanzten noch schöner als alle die Hochzeitgäste. 7. Bienchens Haus. Es arbeitete ein Mann in einem Walde und seine älteste Tochter sollte ihm das Essen dahintragen. Als sie aber in den Wald kam, trat sie auf einen Draht, deren dort viele gelegt waren, und sogleich gings: Klingelingling! denn an den Drähten waren Glocken, die hingen in einer Höhle, und da sprang auch sogleich ein graues Männchen hervor und brachte das Mädchen in seine Höhle. Das Mädchen mußte bei ihm bleiben und er sagte, daß er sie freien wollte, ritt auch endlich zu Pferde gar lustig von dannen und sprach, daß er die Hochzeitgäste bitten wolle, wie des Brauchs ist. Vorher aber gab er dem Mädchen alle Schlüssel, daß sie die Hochzeit zurüsten solle, und verbot ihr nur die Thür Eines Zimmers zu öffnen. Allein das Mädchen ward neugierig und besah auch dieses Zimmer. Während dessen kam das graue Männchen zurück und tödtete sie, weil sie seinem Befehl nicht gehorcht hatte. Nun sollte einst die zweite Tochter des Mannes ihrem Vater das Essen in den Wald tragen, die trat wieder auf den Draht und es begab sich alles wie zuvor. Als das graue Männchen gar lustig ausgeritten war, die Hochzeitgäste zu bitten, fand es auf der verbotnen Kammer die Leiche ihrer Schwester und er schrak darüber so, daß sie vergaß die Thür zu schließen, da sie hinausging. Daran erkannte das graue Männchen, daß sein Gebot übertreten war, und tödtete sie. Einstmals sollte die dritte Tochter ihrem Vater das Essen in den Wald tragen, da begab sich Alles wie zuvor, denn es sah die Leichen seiner beiden ältern Schwestern auf der Kammer und wurde gleich ihnen getödtet. Auch die vierte Tochter des Mannes kam mit ihrer Speise in den Wald, trat auf den Draht, daß es ging: Klingelingling! und das graue Männchen sprang herbei und führte es in die Höhle. Bald stieg das graue Männchen zu Pferde, jubelte und ritt aus, die Hochzeitgäste zu bitten; hieß ihm aber wieder die Hochzeit zurüsten und verbot ihm die Thür. Allein das Mädchen war nicht minder neugierig als seine Schwestern, und fand auf der verbotnen Kammer die Leichen der vier andern. Weil es aber klüger war und wohl merkte, daß sein Ungehorsam dem grauen Männchen nicht verborgen bleiben würde, so wollte sie entfliehen. Darum legte sie ihre Kleider ab, tauchte sich in eine Tonne mit Honig, die auf die Hochzeit dastand, und wälzte sich nachher in einem Haufen bunter Federn von allerlei Gevögel, daß sie gar lustig anzusehen war wie ein bunter Fledervogel. Dann nahm es seine älteste Schwester, gab ihr einen Besen in die Hand und stellte sie hinter die Hausthür, als ob sie den Hausflur ausfegte. Danach setzte sie die zweite Schwester mit einem Scheuerwisch in die Stube, als ob sie niedergekniet wäre und scheuerte. Die dritte Schwester stellte sie an ein Feuer bei den Reisbrei und die vierte an ein ander Feuer bei den Braten. Nun hüpfte sie als ein schöner Fledervogel davon, und es dauerte nicht lange, da sah sie das graue Männchen gar lustig daher traben. Da stieg das Mädchen auf einen Baum, und als es vorbeikam, rief es den schönen Vogel an und sprach: Antwortete das Mädchen: Fragte das Graumännchen weiter: Antwortete das Mädchen: »Sie kocht die Schwein', sie macht die Brat', Weil der junge Herr Hochzeit hat.« Da lachte dem Graumännchen vor Freuden das Herz und es trabte weiter, das Mädchen aber eilte nach seines Vaters Hause zu. Als Graumännchen in die Höhle kam, stand da die älteste Schwester mit dem Besen in der Hand, und er meinte, das sei die Braut, und sprach zu ihr: »Ei, Du schöne junge Braut, wie wohl erfüllst Du meine Gebote! Nun warte nur, bald kommen die Hochzeitgäste!« Es war aber die Höhle sehr groß und hatte viele Gemächer, und das Graumännchen ging von einem in's andere, und wie er einmal in die Stube kam, kniete da die zweite Schwester mit dem Scheuerwisch in der Hand am Boden, da meinte er wieder, das sei die Braut und spracht: »Ei du schöne junge Braut, wie wohl erfüllst Du mein Gebot und wie bist Du so flink! Meinte ich nicht eben noch, Du fegtest draußen das Haus?« Und wie er einmal bei das Feuer kam, worauf der Reisbrei stand, war da die dritte Schwester mit der Kelle, da sprach er wieder: »Ei, Du schöne junge Braut, wie wohl erfüllst Du mein Gebot und wie bist du so flink! Meinte ich nicht eben noch, Du scheuertest die Stube?« Nach einer Weile kam er bei dem andern Feuer vorbei, das schlug hohe Flammen und die vierte Schwester stand davor und hielt den Bratspieß. »Ei,« sprach er da, »Du schöne junge Braut, wie bist Du doch so flink! Meinte ich nicht eben noch, Du kochtest den Reisbrei und nun stehst Du schon wieder hier und hältst den Bratspieß?« So ging das graue Männchen noch lange voller Freuden in seiner Höhle herum. Weil es aber endlich einmal in die verbotene Kammer ging und sah, daß die vier todten Schwestern nicht mehr darin waren, so merkte es, daß es betrogen worden und daß der Fledervogel seine rechte Braut gewesen war. Da stieg es wieder zu Pferde und jagte hinter dem Mädchen drein. Das hatte aber unterdessen, daß er so vergnügt in seinem Hause herum gegangen war, einen weiten Vorsprung erhalten. Als es eben in seines Vaters Haus trat, hatte er's zu Pferde fast erreicht und warf sein großes scharfes Messer nach ihm. Das Mädchen aber schlug eben schon die Thür hinter sich zu, da fuhr das Messer in die Thür und des Mannes jüngste Tochter war gerettet und er freute sich, daß er seiner Kinder eins wieder bei sich hatte. 8. Von der Stadt Sedelfia und dem Vogel Fabian. Ein Mann von geringem Stande hatte bereits sechs Kinder, und als seine Frau das siebente zur Welt brachte, mußte er eine Reise antreten und befahl ihr, den ersten Besten zu Gevatter zu bitten. Nach einiger Zeit kam ein Bettler des Weges, den rief sie an und bat ihn zu Gevatter. Der Bettler aber sagte: »Soll ich Gevatter stehen, so muß der König auch mit Gevatter stehen, denn ich habe ja gar nichts einzubinden und unbeschenkt darf das Kindlein nicht bleiben.« Damit eilte er zum König und erhielt von ihm das Versprechen, daß er mit Gevatter stehen wolle. Als am andern Tage nach der Taufe der Bettler mit dem König und dem Knaben aus der Kirche kam und sah, wie viel der König seinem Pathen zum Pathengeschenk eingebunden hatte, trat er an die Wiege und sagte: »Mein Kind, ich habe Dir nichts einbinden können, aber ich wünsche Dir, daß Du König wirst.« Das fiel dem König schwer auf's Herz, denn er meinte, wenn der Knabe König würde, so möchte er ihn und sein Geschlecht vom Throne stoßen. Darum bat er die Frau um den schönen Knaben und versprach, für ihn zu sorgen; er meinte es aber nicht so, sondern ließ eine große Schachtel machen, steckte den Knaben hinein und warf sie in's Wasser. Ein alter Müller, Namens Heinrich, fing die Schachtel am Wasser auf und warf sie abermals hinein, aber sie schwamm ihm zum zweitenmale vor's Gefäll. Aergerlich fing er sie zum zweitenmale auf und öffnete sie. Da fand er einen lieblichen Knaben darin und brachte ihn seiner Frau, die war kinderlos, deshalb ward sie über den Knaben von großer Freude erfüllt und fütterte ihn auf. Als er etwas herangewachsen war, hielt der König einst eine große Jagd in dieser Gegend. Er war nicht weit von der Mühle, da brach die Nacht herein und er übernachtete mit seinem Gefolge bei dem Müller Heinrich. Da er den Knaben sah, entsetzte er sich, denn er erkannte ihn gleich wieder. Er dang aber den Knaben, daß er einen Brief zur Königin trüge und schrieb in den Brief, daß er sogleich verbrannt werden solle. Der machte sich wohlgemuth auf und es begab sich, daß er an einem Sonntage durch ein Städtchen kam. Weil er nun sehr gottesfürchtig erzogen war, trat er in die Kirche, setzte sich nieder und schlief vor Müdigkeit ein. Als die Kirche aus war, achteten die Leute seiner nicht und ließen ihn sitzen. Der Küster aber bemerkte ihn beim Zuschließen, sah, daß ihm ein Brief aus der Tasche guckte, zog ihn heraus, las ihn und schrieb einen andern Brief dafür, worin geschrieben stand, die Königin solle einen Priester herbeiholen und den Knaben mit seiner Tochter trauen lassen. Darauf weckte er ihn und der Knabe setzte seine Reise fort. So wie die Königin aber den Brief gelesen hatte, ließ sie sogleich einen Priester kommen und ihn mit ihrer Tochter trauen. Als der König zurückkehrte, wurde der Findling schon für einen König geachtet, darum erklärte er: bevor die Heirath gelten und er ihn als seinen Schwiegersohn anerkennen könne, müsse er erst Nach der Stadt Sedelfia, Nach dem Vogel Fabian Und drei güldne Federn holen. Da machte der Findling sich auf und kam an einem großen Schlosse vorbei, da guckte ein König heraus und sprach: »Mein Sohn, wo willst Du hin?« Er antwortete: »Nach der Stadt Sedelfia, Nach dem Vogel Fabian, Und drei güldne Federn holen.« Der König sprach: »O, wie wird's Dir armem Sünder ergehen! Sollte es Dir aber doch gelingen, so bring mir Nachricht, warum der Apfelbaum in meinem Garten jetzt keine güldnen Aepfel mehr trägt, wie er doch sonst gethan.« Da wanderte der Findling fort, kam nach einer Weile abermal vor ein Schloß, da guckte der König heraus und fragte, wo er hin wolle. Er antwortete: »Nach der Stadt Sedelfia, Nach dem Vogel Fabian, Und drei güldne Federn holen.« »O, wie wird's Dir armem Sünder ergehen!« rief der König aus. »Sollte es Dir aber doch gelingen, so bring mir Kunde, warum der Brunnen auf meinem Hofe jetzt keine Perlen mehr ausspeit, wie er doch sonst gethan.« Darauf ging der Findling weiter und kam zum drittenmale an einem Schlosse vorbei, da guckte ein König heraus und fragte, wo er hin wolle. Er aber antwortete: »Nach der Stadt Sedelfia, Nach dem Vogel Fabian, Und drei güldne Federn holen.« »O,« rief der König, »wie wird's Dir armem Sünder ergehen! Sollte es Dir aber doch gelingen, so frag einmal, woran es liegt, daß meine Tochter, die früher so schön war, jetzt so häßlich ist, als wäre ihr Gesicht mit einem Lorkfell überzogen.« Der Findling ging weiter und kam vor ein Wasser, davor stand ein Fährmann, der setzte ihn über und fragte, wo er hin wolle. Er antwortete: »Nach der Stadt Sedelfia, Nach dem Vogel Fabian, Und drei güldne Federn holen.« »O, Du armer Sünder,« rief der Fährmann, »wie wird's Dir ergehen! Solltest Du aber glücklich davon kommen, so erforsche doch, woran es liegt, daß ich so lange an diesem See Schildwache stehen muß und daß Niemand mich ablöst.« Danach gelangte der Findling zur Stadt Sedelfia und in das Haus des Vogel Fabian. Dieser war ausgeflogen und der Findling erzählte der Haushälterin, weshalb er käme. Sie versteckte ihn unter dem Bett und versprach ihm die Federn auszuziehen, wenn er schliefe. Darauf kam der Vogel Fabian angeflogen und sagte: »Es riecht nach Menschenfleisch.« Sie aber antwortete: »Es sind die Armensünderknochen, welche Dir die andern Vögel, Deine Diener, zum Schornsteine hereingebracht haben.« Dadurch wurde der Vogel Fabian beruhigt und schlief ein, da zog ihm die Haushälterin eine Feder aus und warf sie unter's Bett. Sogleich fuhr der Vogel Fabian aus dem Schlafe auf, die Haushälterin aber sagte, sie hätte ihm nur im Schlafe weh gethan, denn sie hätte einen sonderbaren Traum gehabt, der habe sie erschreckt. »Was für einen Traum?« fragte der Vogel Fabian. Die Haushälterin antwortete: »Mir träumte, ein König hätte einen Apfelbaum, der hätte güldne Aepfel getragen, aber jetzt trüge er keine mehr.« Da antwortete der Vogel Fabian: »Es hat ein fremdes Weibsbild ein Kind unter dem Apfelbaume verscharrt, das muß aufgerodet werden, dann trägt der Apfelbaum wieder güldne Äpfel.« Damit schlief der Vogel Fabian wieder ein und als er wieder eine Weile geschlafen hatte, riß ihm seine Haushälterin die zweite Feder aus. Der Vogel Fabian aber fuhr heftiger denn zuvor aus dem Schlafe und die Haushälterin sagte, sich zu entschuldigen, es habe sie ein Traum erschreckt. »Was für ein Traum?« fragte der Vogel Fabian. Die Haushälterin antwortete: »Mir hat geträumt, ein König hätte einen Brunnen auf seinem Hofe, der hätte früher die schönsten Perlen ausgespien und jetzt thäte er es nicht mehr.« »Der Narr!« rief der Vogel Fabian weiter schlafend, »seine Tochter warf heimlich ein Kind in den Brunnen, das muß herausgezogen und auf dem Kirchhofe begraben werden, dann wirft der Brunnen wieder Perlen aus.« Nach einer Weile riß ihm die Haushälterin wieder eine Feder aus und warf sie dem Findling unter's Bett. »Was thust Du?« rief der Vogel Fabian. »O,« antwortete die Haushälterin, »ich hatte einen Traum, der mich so erschreckte, daß ich recht zusammenschauerte.« »So laß doch hören, was träumtest Du denn?« sprach der Vogel Fabian. »O,« antwortete die Haushälterin, »mir hat geträumt, daß eine Königstochter sei, die war einst so schön und jetzt ist sie so häßlich, daß ihr Gesicht aussieht, als wäre es mit einem Lorkfell überzogen.« »Als sie zum Nachtmahle gegangen ist, sagte der Vogel Fabian, hat sie die Oblate ausgespien, die hat ein Lork gefressen, der muß aus seiner Mauerritze hinter'm Altar hervorgerodet und zu Pulver verbrannt werden, davon wird die Prinzessin schöner denn zuvor.« Da der Vogel Fabian wieder eine Weile geschlafen hatte, zog ihm seine Haushälterin noch eine Feder aus und warf sie unter's Bett. Der Vogel Fabian wurde jetzt sehr böse, die Haushälterin aber sagte: »Ich hatte einen Traum, der hat mich so erschreckt.« »Was träumtest Du denn?« fragte der Vogel Fabian. »Mir träumte,« antwortete die Haushälterin,»daß ein Fährmann schon so lange am Wasser Schildwache stehen müsse und wird doch nicht abgelöst.« »Der Narr!« rief der Vogel Fabian aus, »er sollte nur dem ersten Besten, der überfährt, das Seil umwerfen, woran er den Kahn hinüberzieht, dann muß dieser Fährmann spielen, er selbst aber kann gehen, wohin er will.« Sogleich verfiel er wieder in einen tiefen Schlaf, der Findling aber kroch unter dem Bett hervor und trat den Rückweg an. Der Fährmann verwunderte sich gar sehr, als er ihn wiedersah, er aber ließ sich erst von ihm übersetzen und dann gab er ihm den Rath, das Seil dem ersten Besten überzuwerfen, damit er frei davon gehen könne. Als er zu dem Könige kam, den er zuletzt verlassen hatte, wurde der Lork hinter dem Altare hervorgerodet und zu Pulver verbrannt. Davon wurde die Königstochter schöner denn zuvor und er erhielt so vielerlei Schätze, als zwei Esel tragen konnten und trieb mit den beiden Eseln davon. »Nun bin ich doch neugierig,« rief ihm der König entgegen, zu dem er jetzt gelangte, »warum mein Brunnen keine Perlen mehr auswirft?« Da entdeckte er es ihm; der König aber ließ die Knöchelchen des Kindes aus dem Brunnen hervorsuchen, strafte seine Tochter für ihre Missethat und der Brunnen warf Perlen aus mehr denn zuvor. Am Brunnen hieß ihn der König vier Esel mit Maulthieren beladen und so trieb er mit seinen sechs belasteten Eseln davon. »Nun, warum trägt mein Apfelbaum keine güldnen Äpfel mehr?« rief ihm der König entgegen, zu dem er jetzt gelangte. Der Findling entdeckte ihm die Ursache, die Knochen wurden unter dem Apfelbaume hervorgegraben und sogleich grünte der Baum herrlicher denn je zuvor, hing auch zugleich voll der herrlichsten güldenen Früchte. Da hieß ihn der König acht Esel mit güldenen Äpfeln beladen und der Findling trieb alle die belasteten Esel nach dem Schlosse seines Schwiegervaters zu. Da war große Freude bei seiner jungen Gemahlin und der ganzen Dienerschaft, als er zurückkam und dem alten König die vier güldnen Federn vom Vogel Fabian brachte. Der aber wollte bersten vor Neid bei dem Anblick der vielen Schätze, machte sich auch heimlich auf nach dem Land Sedelfia und meinte gleichermaßen so viele Schätze heimzutragen. Da er aber an die Fähre kam und sich übersetzen lassen wollte, warf ihm der Fährmann rasch das Seil über und ging davon. Jetzt muß er zur Strafe seiner Sünden die Fremden übersetzen und wenn Du einmal nach dem Land Sedelfia reist, sag, ich laß ihn grüßen. 9. Von dem Schaaf, das eine Königstochter trug. Ein König war alt und schwach, aber seine Töchter waren jung und schön und blüthen nicht anders als drei rothe Rosen. Der alte König wurde von den Drachen zum Kampfe gefordert, da sagte seine älteste Tochter: »Ich bin jung und stark, Vater, laß mich für Dich in den Kampf ziehen.« Also geschah es auch, sie legte Königskleider an und zog aus. Unterwegs aber kam die älteste Prinzessin an eine Brücke, davor stand ein altes Weib, die hatte ein Schaaf in den Graben fallen lassen und bat, daß sie ihr helfen möge, es heraus ziehen. »Ich habe keine Zeit,« antwortete sie, »denn in einer Stunde schon muß ich die Drachen getödtet haben.« So zog sie weiter, aber die Drachen sagten sogleich: »Du bist mit nichten ein König, sondern ein Mädchen, und mit Weibern kämpfen wir nicht.« So mußte die Prinzessin unverrichteter Sache zurückkehren; die zweite Königstochter aber legte Königskleider an und sprach: »Ihr werdet sehen, daß ich besser mit den Drachen fertig werde.« Bei der Brücke traf sie wieder das alte Weib, welches das Schaaf aus dem Graben ziehen wollte und bat, daß sie ihr helfen möge. Sie aber weigerte sich deß, weil sie in einer Stunde schon die Drachen getödtet haben müsse, und die erkannten sogleich, daß sie ein Mädchen sei und weigerten ihr den Kampf. Da legte die dritte Königstochter Königskleidung an, kam zu der Brücke, wo die Alte sich noch immer mühte, das Schaaf aus dem Graben zu heben, griff unaufgefordert mit an und half, bis das Schaaf aus dem Wasser war. Da sprach die Alte: »Dir kann ich helfen, denn Du bist mir gefällig gewesen. Nimm diesen Schlüssel und diesen Kasten, setze Dich auf das Schaaf und reite fort. Legst Du dem Schaaf den Schlüssel in's Ohr, so gibt es Dir Rath.« Das Mädchen ritt eine Strecke weit, legte dem Schaaf den Schlüssel in's Ohr und sogleich sprach es: »O Königstochter-jüngste, schließe mit dem Schlüssel den Kasten auf, darin sind so prächtige Königskleider, daß die Drachen, wenn Du sie angelegt hast, nicht anders meinen werden, als Du seiest ein König und mit nichten ein Mägdelein.« Da schloß das Mädchen den Kasten auf und zog gar herrliche Königskleider hervor, wie vor Alters die Könige trugen und viel prächtiger, als sie jetzt ein sterblich Auge sieht, legte sie an und ritt auf dem Schaafe zu den Drachen. Da sie also gezogen kam, sprachen sie: das ist gewiß und wahrhaftig der König selbst und mit nichten ein Mägdelein, und ward ihnen angst und setzten den Kampf auf eine spätere Zeit fest. Die Königstochter blieb allda im Reiche und ritt täglich als ein mächtiger König auf dem Schaafe umher. Als aber die Drachen fort und fort Aufschub des Kampfes verlangten, legte es wieder dem Schaafe den Schlüssel in's Ohr und das Schaaf sprach: »Ich will den Teich aussaufen, zu dem die Drachen jeden Mittag kommen und saufen. Alsdann streue Gift auf seinen Grund und alsbald wird der Regen den Teich wieder füllen.« Also geschah es auch und als die Drachen das nächstemal kamen und aus dem Teich soffen, fielen sie todt nieder. Da ging die Prinzessin hin, schnitt dem Drachenkönig den mittelsten Kopf aus und da sie auf ihrem Schaafe hinreiten wollte, kam der König des Landes, in dem die Drachen gewohnt hatten, und trug ihr aus Dankbarkeit sein Reich an. Da lachte ihr das Herz, denn der König war jung und sie nahm das Königreich an, gab sich zu erkennen und der König mußte König bleiben, sie aber wurde die Frau Königin. 10. Das Rauhthier. Ein armes, schönes Mädchen suchte eine Herrschaft, dabei kam es vor eine Räuberhöhle und des Räubers Mutter nahm sie in Dienst. Sie bekam aber ein Kleid von Büffelochsenfell, das mußte sie anlegen, wenn sie ausging und Speise und Trank in die Räuberhöhle holte. Dann meinten alle Leute, das Mädchen sei ein wildes Thier, und gingen ihr nicht nach, wenn sie in den Wald zurück ging, zu dem Krämer aber hatte der Räuber gesagt, daß er Alles bezahlen würde, was das wilde Thier von ihm holte. So lebte das Mädchen lange Zeit in der Räuberhöhle und hatte einen Eid thun müssen, daß es zu Niemand reden wolle, wurde aber immer schöner und schöner und es gelüstete den Räuber, sie zu freien. Das verkündigte ihr die Alte und gab ihr zwei schöne Kleider, ein silbernes und ein goldnes, und sagte, davon solle sie eins wählen und als Hochzeitskleid anlegen, sagte auch, daß alsbald eine Hexenkutsche ankommen und sie mit ihrem Bräutigam zur Kirche fahren würde, davor wären keine Pferde und wenn man sage: Jö! so ginge die Kutsche von selbst fort, wenn man aber sage: Halt! so stände sie still. Da erschrak das Mädchen gar sehr, daß sie den Räuber heirathen sollte und ging auf ihre Kammer, den Brautschmuck anzulegen. Während dem ward die Kuh im Stalle krank und die Alte vergaß mit ihrem Sohn darüber die ganze Hochzeit, denn sie wollten ihr Hülfe leisten, sahen auch nicht, wie die Hexenkutsche vor das Haus vorfuhr. Da zog das Mädchen über die goldene Kleidung, die es angelegt hatte, geschwind noch die silberne und warf auch noch sein Büffelochsenfell über, das ganz rauh war und es vom Kopf bis zu den Füßen bedeckte. So sprang es in den Wagen, rief: Jö! und sogleich fuhr die Hexenkutsche davon. Als sie schon weit fort war von der Räuberhöhle, rief sie: Halt! und stieg aus. Dann rief sie wieder: Jö! und die Hexenkutsche flog davon. Das Mädchen aber legte sich in seinem Büffelochsenfell unter einen Baum und schlief ein. Am andern Morgen kam ein Jagdhund gesprungen, biß aber das Mädchen, das unter dem Baume lag, nicht und bellte es blos an. Danach kam der Jäger und als er das Mädchen sah, meinte er, es wäre etwan ein Reh, legte an und wollte darauf schießen. Aber die Büchse versagte ihm und das Thierlein kam auf allen Vieren gesprungen, schnupperte an seiner Hand und that so freundlich mit ihm. Da warf er ihm eine Schlinge um den Hals und führte es mit sich nach Haus, da warf er ihm Heu vor und tränkte es aus einer Krippe. Der Jäger meinte aber, daß das Rauhthier von dem Heu fräße und freute sich, wenn er's auf der Weide vor seinem Hause erblickte, wo so hohes Gras und so schöne Blumen waren. Und das Mädchen war immer als ein Thier, wenn der Jäger zu Haus war; wenn er aber fortgegangen war, half es seiner Mutter in der Wirthschaft, wusch aus und fegte das ganze Haus so freudig und munter, denn es liebte den jungen Jäger und schaffte gern für ihn. Einstmals ging der Jägersmann zur Hochzeit und als er fort war, was meint ihr wohl, daß das Rauhthier that? Es warf sein Büffelochsenfell ab und lief in dem silbernen Kleid so schnell als ein Vogel fliegt durch Dornen und Gestrüpp nach der Hochzeit. Da tanzte der Jägersmann den ganzen Abend mit ihr, plötzlich aber war die schöne Tänzerin verschwunden. Als er nach Haus kam, wartete ihm das Rauhthier, wie es zu thun pflegte, in seinem Büffelochsenfell schon wieder auf und schlief dann die Nacht unter seinem Bett. Den andern Abend ging der Jäger noch einmal zur Hochzeit, denn sie dauerte zwei Tage lang. Da kam das Rauhthierchen in seinem goldnen Kleid und der Jäger tanzte wieder den ganzen Abend mit ihr und dann lief's wieder durch Dornen und Gestrüpp auf dem nächsten Wege heim. Als der Jäger nach Haus kam, kroch es schon wieder auf allen Vieren in der Stube herum in seinem Büffelochsenfell, brachte ihm die Pantoffeln und zog ihm die Stiefel aus. Dabei that es einen Fehltritt, und weil es in der Eile heute das Büffelochsenfell noch nicht ordentlich befestigt hatte, so fiel ihm das vom Leibe und das Mägdlein lag in der goldnen Kleidung da. Da hieß der Jäger es aufstehen, als einer schönen Jungfrau geziemt, und nicht mehr auf Vieren gehen, und lud am andern Tage alle die Hochzeitsgäste zu sich und freite sie. 11. Wache, Wache, Ronde raus! Ein König hatte viele schmucke Soldaten, die marschirten um das Schloß her in Reih und Glied und achteten auf jeden Wink, aber die Königstochter lag im Schlosse auf ihrem Lager und war krank und elend, und das that dem König gar weh, denn sie war sein einziges Kind. Sie sagte aber zu ihrem Vater: »Wenn ich zwölf Jahr alt bin, dann muß ich sterben, dann laß mich aber nicht begraben, sondern den Sarg laß in die Kirche hinter den Altar bringen und eine Wache daneben stellen.« Es geschah auch, wie sie voraus gesagt hatte, das Mägdlein starb, als es zwölf Jahr alt war, der König aber ließ einen kostbaren Sarg fertigen, legte seine Tochter hinein und stellte ihn in die Kirche hinter den Altar. Neben den Sarg der todten Königstochter ward aber ein schmucker junger Soldat gestellt. Als der nun in der Nacht so dastand, stieg die todte Königstochter aus ihrem Sarge und sprach mit dumpfer Stimme: Wache, Wache, Ronde raus! Wache, Wache, Ronde raus! Da trat die Wache voll Ehrerbietung vor und rief: Hier! Weil er aber gesprochen hatte, so mußte die todte Königstochter ihm den Hals umdrehen, denn also lautete der Zauber, den eine böse Frau über das Mägdlein ausgesprochen hatte. Am andern Abend ward wieder ein schmucker junger Soldat neben den kostbaren Sarg der Königstochter gestellt und wiederum erschien sie in der Nacht und rief mit dumpfer Stimme: Wache, Wache, Ronde raus! Wache, Wache, Ronde raus! Sogleich trat der Soldat vor und rief ehrerbietig: Hier! Da mußte die Königstochter ihm den Hals umdrehen. Und so geschah es auch in der dritten Nacht, daß die Königstochter aus dem Sarge stieg und rief: Wache, Wache, Ronde raus! Wache, Wache, Ronde raus! Als darauf der dritte Soldat vortrat und antwortete, mußte sie ihm abermals den Hals umdrehen. In der vierten Nacht ward ein schmucker, blutjunger Rekrut neben den Sarg der Königstochter gestellt. Als der eine Zeit dagestanden hatte, fing ihn an zu grauen und er lief mit Sack und Pack davon. »Wohin?« redete ihn eine Frau auf dem Kirchhofe an, die auch eine Zauberin war, er aber erzählte ihr, was mit den drei Soldaten geschehen sei und daß heute Nacht die Königstochter ihm selbst den Hals umdrehen würde. Die Frau aber sprach: »Bleib Du nur hier, mein Sohn, Dir soll Niemand ein Leid zufügen, wenn Du thust, was ich Dir heiße. Diese Nacht setze Dich in den ersten Frauenstand vor dem Altare; die zweite Nacht hinter die Orgel; die dritte stelle Dich vor den Altar; die vierte lege Dich in den Sarg der Königstochter; wenn sie heraussteigt, dann aber mag kommen und fragen wer da will, so darfst Du nicht antworten, sonst mußt auch Du Dein Leben lassen und bist doch noch so jung, so jung.« Der Rekrut befolgte den Rath der Zauberin und setzte sich während der ersten Nacht in den Frauenstand. Als er eine Weile gesessen hatte, kam die Königstochter aus ihrem kostbaren Sarge, stellte sich vor dem Rekruten hin und rief: Wache, Wache, Ronde raus! Wache, Wache, Ronde raus! Der Rekrut aber antwortete nicht, darum fand das Mägdlein keine Macht über ihn und mußte sich wieder in ihren Sarg legen. In der zweiten Nacht setzte der Soldat sich hinter die Orgel. Da kam die Königstochter wieder und rief: Wache, Wache, Ronde raus! Wache, Wache, Ronde raus! Allein der Rekrut blieb sitzen und antwortete nicht, darum hatte das Mägdlein keine Macht über ihn. Und eben so stellte sie sich auch in der dritten Nacht vor den Rekruten hin und rief: Wache, Wache, Ronde raus! Wache, Wache, Ronde raus! aber der Rekrut blieb ruhig vor dem Altare stehen und antwortete nicht. Kaum war die Königstochter in der vierten Nacht aus dem kostbaren Sarge aufgestanden, als sich der Rekrut auch schon an ihre Stelle legte. Da rief die Königstochter eine ganze Stunde lang mit dumpfer Stimme: Wache, Wache, Ronde raus! Wache, Wache, Ronde raus! und dabei wandelte sie mit langsamem Geisterschritt durch die Kirche. Aber der Rekrut ließ sich durch ihren Ruf nicht verleiten, aus dem kostbaren Sarge heraus zu steigen oder zu antworten. Als es nun zwölf schlug und die Stunde herum war, kam sie vor ihren kostbaren Sarg und rief: »Laß mich in meinen Sarg! Laß mich in meinen Sarg!« Der Rekrut antwortete nicht. Immer flehentlicher bat die Königstochter: »Laß mich in meinen Sarg! Laß mich in meinen Sarg!« aber der Rekrut ließ sich nicht zum Reden verleiten. Endlich sprach die Königstochter zum Rekruten: »Wenn Du mich in meinen Sarg läßt, so sollst Du mein Gemahl werden!« Als sie das gesagt hatte, stand der Rekrut auf, küßte die Königstochter und von Stund an war sie wieder lebendig und frisch und gesund. Sie führte aber den Rekruten zu ihrem Vater und der stellte auch sogleich die Hochzeit an. 12. Der Husar und der Hirschwagen. Ein Husar, welcher ausgedient hatte, kam nach Hause, begann daheim wieder auf dem Felde zu ackern und fand beim Pflügen einen blanken Stein. Weil er nun wohl merkte, daß der gar kostbar war, so trug er ihn zu einem alten Juden in die Stadt, der aber war ein ehrlicher Mann und sagte: Den Stein könne Niemand mit Gelde bezahlen, auch Kaiser und König nicht, darum solle er ihn dem Kaiser zum Geschenk machen und von dem Gegengeschenk des Kaisers werde er gewiß sein Leben lang Brod haben. Der Husar that wie ihm geheißen war, der Kaiser aber hatte gerade eine Herzogsstelle offen, die gab er ihm zur Belohnung, doch stellte er die Bedingung, daß der Herzog nie mit sechs Pferden fahren und daß seine Rosse auch niemals an ledernen Riemen, sondern nur an Stricken ziehen dürften, denn daß er mit Sechsen an ledernen Riemen fuhr, wollte er selbst sich allein vorbehalten. Was hatte der Husar, der nun ein mächtiger Herzog geworden war, zu thun? Er ließ sich zwölf Stück lebendiger Hirsche fangen und spannte sie vor seinen Wagen, fuhr also von Stund an mit Zwölfen, aber nicht mit Rossen, sondern mit Hirschen, und nicht an Stricken, sondern an ledernen Riemen. Da bot der Kaiser all seine Häscher auf, sie sollten den Herzog auf frischer That ertappen und den Hirschwagen fangen, allein wo sie ihn erblickten, war er ihnen auch schon aus den Augen gestoben wie der Wind. Da sann der König, was zu thun sei und bot die Bauern zu einem großen Treibjagen auf und sollten alles Wild aus dem ganzen Lande zusammentreiben vor das Königsschloß, und wenn es dort vorüberkäme, sollten seine Jäger es erschießen. Er meinte aber, daß auch der Wagen mit den zwölf Hirschen da vorbeifliegen würde und daß die Hirsche dort todtgeschossen werden sollten. Der Herzog kannte des Königs Anschlag gar wohl und füllte deshalb seinen Wagen hinten mit unzähligen Hasen. Dann fuhr er wohlgemuth, wie er zu thun pflegte, mit seinen zwölf Hirschen aus. Bald kamen die Banden an und hetzten ihre Hunde nach seinem Gespann. Da stoben die zwölf Hirsche davon wie der Wind und die Treiber und Hunde, die überall ihnen den Weg versperrten, jagten sie gerade auf das Königsschloß los. Dort standen die Jäger des Königs und in dem Augenblicke, da sie die zwölf vorbeieilenden Hirsche niederschießen wollten, öffnete der Husar eine Klappe unten in seinem Wagen und da sprangen auf einmal unzählige Hasen über den Boden hin. Da schossen alle Jäger nach den Hasen, denn sie konnten sich im Augenblicke nicht besinnen, und der Wagen mit den zwölf Hirschen flog davon. Auf den Abend ließ ihn der Kaiser zu sich bescheiden und sprach: »Dich kann ich als Herzog nicht mehr gebrauchen, denn Du befolgst meine Gebote nicht und bist schon der Strafe verfallen. Gehe hin zum babylonischen Thurm und bringe mir den Ring, den Halsschmuck und die Ohrlocke der Prinzessin, die dort verzaubert ist. Nur wenn Dir das gelingt, magst Du Dein Herzogthum behalten.« Der König meinte aber nicht anders, als daß die Schlangen, die unten im babylonischen Thurm saßen, ihn zerreißen würden. Der Husar machte sich auf, kam zum babylonischen Thurm und fand darin die Prinzessin. Die war gar liebreich gegen ihn, hieß ihn sich niedersetzen an ihrer Seite und sprach, daß sie beide zwei Becher köstlichen Weins mit einander leeren wollten. Sie stellte auch zwei Becher Weins auf den Tisch, aber ehe sie sich niedergesetzt, hatte der Husar schon in's geheim die zwei Becher verwechselt. Es war aber ein Schlaftrunk in den Becher gethan, der vor ihm stand, und wenn er eingeschlafen wäre, so hätten ihn die Schlangen zerrissen. Nun aber schlief die Prinzessin ein, ehe sie den Becher vollends geleert hatte, und da zog er ihr den Ring vom Finger, löste ihren Halsschmuck und schnitt ihr die Ohrlocke ab. Danach erwachte die Prinzessin und sprach: »Gehe hin und bringe das dem König, das Du von mir genommen hast, dann aber komm wieder, denn Du hast mich erlöst und zu Deinem Herzogthum ein mächtiges Königreich gewonnen.« Also that der Husar, heirathete danach die Prinzessin und lebte lange Zeit mit ihr in Freude und Glückseligkeit, fuhr aber alle Tage mit Zwölfen. 13. Der lustige Zaunigel. Zwei Leute hatten lange Zeit glücklich gelebt, doch geriethen sie mit einander einmal in Streit, und dabei wünschte der Mann der Frau einen Zaunigel, das ist ein Stachelschwein. Nach einiger Zeit bekam die Frau wirklich einen Zaunigel und sie pflegte ihn lange und sah ihn an wie ein Kind. Wie der Zaunigel aber größer wurde, ward er gegen seine Eltern unartig, und die brachten ihn zur Strafe bei das Sauschwein, welches eben sechsunddreißig Ferken geworfen hatte, und dachten, das Schwein werde ihn aus Hunger auffressen. Das that aber das Schwein nicht, sondern machte mit dem Zaunigel Brüderschaft und gab ihm zu fressen von dem, was man ihm selber gebracht hatte. Am andern Morgen, als die Mutter des Zaunigels das Schweinsfutter brachte, rückte der vor und verlangte sein Erbtheil. Die Mutter fragte ihn, was er haben wolle, und er verlangte die Sau mit den Ferken, die ihm auch gegeben ward. Nun zog er mit seiner Compagnie in ein dickes fettes Holz, und hütete da die Ferken jeden Tag in der Eichelmast, so daß sie in kurzer Zeit fett wurden. In diesem Holze aber haben drei Könige gewohnt, und hat jeder König eine stattliche Tochter gehabt. Eines Tages ging der eine König in dem Holze spazieren und kam an eine grüne Laube, die der Zaunigel geflochten hatte, setzte sich hinein und frühstückte; als er aber aufstand, sah er, daß er sich verloren hatte und den rechten Weg nicht wieder finden konnte. Da kam er an die Schweine und rief immer fort: Wo mag denn wohl der Hirte sein, wo mag denn wohl der Hirte sein? »Das bin ich! das bin ich!« schrie der Zaunigel. »Du?« sagte der König, »wie kannst denn Du der Hirte sein, da Du ein Zaunigel bist?« Er klagte aber dem Zaunigel doch, daß er sich verloren und der sprach: »Ich will Eure königliche Majestät auf den rechten Weg bringen, aber ich muß Dero Tochter haben.« Da gelobte der König seine Tochter an, der Zaunigel wies ihn zurecht und der König ging nach Haus. Den andern Tag kam der zweite König an, frühstückte auch in der Laube und wußte nachher den Weg nicht wieder zu finden. Da kam er an die Schweinetrift und rief auch: Wo mag denn wohl der Hirte sein? Da schrie der Zaunigel: »Das bin ich! das bin ich!« Der zweite König sagte auch zu dem Zaunigel, daß er nicht der Hirt sein könne, klagte ihm aber doch, daß er sich verloren habe und sich nicht wieder zurecht finden könne. Der Zaunigel brachte den König auf den Weg, ließ sich aber vorher auch seine Tochter angeloben. Den andern Tag ging der dritte König in die Laube, frühstückte in ihr, und verlor sich, kam auch an die Schweinetrift und rief: Wo mag denn wohl der Hirte sein? Da sprang der Zaunigel auch hervor und rief: »Das bin ich! das bin ich!« Auch dieser König stritt mit dem Zaunigel, weil er nicht der Hirt sein könne, ließ sich aber doch zuletzt von ihm auf den Weg bringen und versprach ihm auch die Tochter. Nun trieb der Zaunigel seine Heerde heim und überlieferte sie seinen Eltern wieder. Da mußte die Mutter die Heerde Schweine verkaufen und des Oberamtmanns großen Puter dafür einhandeln, sie sollte aber dabei um Gotteswillen nicht feilschen, sondern geben, was der Oberamtmann haben wollte. Das that die Mutter auch, trieb die Trift Schweine zu Markte, kaufte den großen Puter des Oberamtmanns ohne zu handeln, kaufte dann noch eine Pistole und überlieferte den Puter mit der Pistole dem Zaunigel und darauf haben sie von dem übrigen Gelde sich alle zusammen recht lustig gemacht, denn es ist bei den Eltern große Freude gewesen über das gelöste Geld, und darum ist an diesem Abende ein süßer, süßer Kaffee gekocht. Am andern Morgen sattelte der Zaunigel den Puter, steckte die geladene Pistole in den Sattel und ritt zum ersten König, um die Tochter abzuholen. Der König hatte aber Wache vor dem Schlosse stehen und da ihn diese nicht gutwillig hereinließ, so mußte er sie todt schießen. Auf diese Weise drang er vor zum König. Der aber war redlich und konnte deshalb auch dem Zaunigel die Tochter nicht weigern, sondern gab sie ihm hin mit vielen Schätzen. Ehe sie nun zu seinen Eltern kamen, gelangten sie an eine Bettelmannsherberge, da mußte die Königstochter mit dem Zaunigel ein wenig hereintreten. Als sie drinnen waren, sprach er zu ihr: »Jetzt, mein Kind, sollst Du die freie Wahl haben, ob Du noch ferner mit mir ziehen oder dort in jener Kammer Deine kostbaren Kleider ausziehen und dafür Bettelkleidung anlegen und einen Bettelsack aufhucken willst.« Da wählte sie das letzte, überließ dem Zaunigel ihre Kleider und Kostbarkeiten und ging mit dem Bettelsack nach Haus. Als nun der Zaunigel mit all den Kostbarkeiten ankam, war große Freude, und seine Mutter sagte: Nun solle er sich auch eine Frau holen. Darauf setzte sich der Zaunigel wieder auf seinen Puter, zog zum zweiten König, schoß die Wache todt und drang vor; der König gab ihm auch seine Tochter hin mit vielen Schätzen. Als er nun mit dieser fast bei seinen Eltern war, gelangten sie wieder an die Bettelmannsherberge und traten da ein wenig hinein, weil kein ander Wirthshaus da war. Als sie drinnen waren, stellte der Zaunigel der Königstochter wieder die Wahl, ob sie ihm ihre Kleider und Kostbarkeiten lassen und mit dem Bettelsack nach Haus gehen, oder ob sie noch ferner mit ihm ziehen wollte. Sie ergriff lieber den Bettelsack, er aber nahm ihre Gewänder, Ringe und Ohrringe und ließ sie ruhig nach Hause gehen. Als der Zaunigel zu Haus ankam, schalt seine Mutter, daß er sich die vielen todten Schätze sammele und keine Frau in's Haus bringe. Den andern Tag zog er auf dem Puter zu dem dritten König und wollte seine Tochter haben, die aber sprang sogleich hervor, umarmte ihn und war froh, daß sie den Zaunigel zum Manne bekam. Der Hofkanzler mußte sogleich die beiden copuliren und darauf zogen sie in die Stadt, wie sie aber an die Stelle kamen wo die andern Mädchen ihm Alles überliefert hatten, erklärte die Prinzessin, daß sie bei ihm bleiben wolle und zog mit ihm zu seinen Eltern. Da war große Freude, daß der Zaunigel so eine hübsche Frau bekommen hatte. Einstmals war der Zaunigel eingeschlafen und seine Frau saß neben ihm auf dem Sopha. Da kam der Engel der Liebe geflogen und drückte der Prinzessin ein goldenes Schwert in die Hand, legte sich über den Zaunigel und that, als wolle er ihn tödten. Da wollte die Prinzessin ihren Mann aus Liebe vertheidigen, und war doch nur ein schlechter Zaunigel, hieb mit dem goldenen Schwerte zu, und weil der Engel sich zurücklehnte, so traf sie den Kopf des Zaunigels und hackte ihn ab, da sprang aus dem Zaunigel ein hübscher Jüngling hervor und das Banner der Verwünschung war gelöst zum Lohn für die Treue der Prinzessin. Am andern Tage gingen die beiden, der ehemalige Zaunigel mit der Prinzessin und die Eltern des Jünglings nach dem Königsschlosse, da übergab sein Schwiegervater ihm das Reich und es wurde jetzt erst die Hochzeit recht lustig gefeiert. Desselben Tages aber stürzten sich die andern beiden Prinzessinnen aus Ärger, so wunderschön war der Jüngling, zum Schlosse herunter und brachen den Hals. Weil nun der junge König sich gut hielt und die andern Könige keine Erben hatten, so vermachten diese ihm ihre Länder, worin er auch viele Jahre glücklich regierte. Mit dem Schwert vom Engel der Liebe und dem Zaunigelfell hat der junge König aber viel im Kriege gethan. Denn so oft er an einem Haar auf dem Zaunigelfelle rupfte, so oft standen tausend Mann Soldaten bereit, und das Schwert ist auch ein Zauberschwert gewesen. 14. Der alte Dudelsackspfeifer. Es war einmal ein alter Dudelpfeifer, der spielte nur immer die Eine Weise von der lahmen Ziege und war wohl bekannt auf allen Kindtaufen und Hochzeiten. Er hatte aber einen Sohn, der wollte gern freien, und weil er eines Dudelpfeifers Sohn war, sagten doch alle Mädchen im Dorfe, daß sie ihn nicht möchten. Darüber kränkte er sich gar sehr, doch auf einmal verliebte sich des Schulzen Tochter in ihn, die das schönste und reichste Mädchen im Dorfe gewesen ist. Als nun die beiden sich schon versprochen hatten, hielt ein reicher Freier bei dem Schulzen um sie an, und die ließ sich bewegen, daß sie dem Sohne des Dudelpfeifers den Laufpaß gab. Da ward der bis zu Tode betrübt, der alte Dudelpfeifer aber sagte, er solle sich darüber nicht kränken, er wolle ihm einen guten Rath geben. Er selbst würde bald sterben, und dann solle er ihm die Dudelpfeife mit in seinen Sarg legen, dann werde sich das Übrige schon finden. Wirklich legte sich der Vater schon den andern Tag hin und starb, da steckte der Sohn ihm die Dudelpfeife in den Sarg und sie wurde mit dem Vater begraben. Seit dem ist jede Nacht der Alte gekommen und hat mit der Pfeife gepfiffen, und wo er vor einem Hause gepfiffen hat, da ist auch ein junges Mädchen gestorben. Damit hat er beim ersten Hause im Dorfe angefangen und das Mädchen, welches gestorben, ist die andere Nacht mit ihm gegangen und hat das Lied von der lahmen Ziege gesungen: Hast Du unsern Vetter seine Ziege nicht gesehn? Sie hinket, sie stinket, sie hat ein lahm Bein. Der alte Dudelpfeifer hat die Weise geblasen, die dazu gehört. Zuletzt hatte er wohl funfzig verstorbener Mädchenseelen hinter sich, und damit ist er endlich vor des Schulzen Haus gegangen. Da fing der Sackpfeifer auch an zu spielen und die funfzig Mädchen sangen dazu: Hast Du unsern Vetter seine Ziege nicht gesehn? Sie hinket, sie stinket, sie hat ein lahm Bein. Als sie ausgesungen hatten, fragte der Alte des Schulzen Tochter, ob sie nun seinen Sohn freien wollte, wo nicht, so erginge es ihr wie den andern Mädchen im Dorfe, und sie müsse auch sterben und zu seiner Dudelpfeife das Lied singen. Da gelobte sie es an, seinen Sohn zu heirathen und der Sackpfeifer zog ab. Am andern Tage ging sein Sohn, der jede Nacht aufgepaßt hatte, was der Alte anstellte, hin zu des Schulzen Haus, aber da war der reiche Bräutigam schon wieder bei dem Mädchen und ihm selbst machte sie Vorwürfe, weil sein Vater ein Hexenmeister sei. Am Abend kam der Sackpfeifer wieder und fing sein Lied an zu spielen, so wie er aber diesmal spielte, legte sich das Mädchen nieder, ward immer kränker und kränker und lag endlich in den letzten Zügen. Da gelobte sie wieder an, sie wolle des Sackpfeifers Sohn heirathen und ward wieder gesund. Am andern Tage kam des Sackpfeifers Sohn wieder und bat um ihre Hand, da überhäufte sie ihn abermals mit Vorwürfen. In der nächsten Nacht pfiff der Sackpfeifer die Schulzentochter wieder krank, sie aber gelobte zum drittenmal an, daß sie seinen Sohn heirathen wollte und ward sogleich wieder besser. Als am andern Tage des Pfeifers Sohn hinkam, war schon Alles bereit zur Hochzeit, und der Reiche hat abziehen müssen, und den andern Sonntag haben sie geheirathet. Da ist aber der Sackpfeifer noch einmal gekommen und hat sich überzeugt, daß nun Alles in Ordnung sei, und sein Sohn hat die Pfeife aus dem Sarge nehmen müssen, sonst hätte der alte Sackpfeifer noch immer keine Ruhe gehabt. 15. Der bunte Bauer. Es war einmal ein Bauer mit Namen Hick, der wurde aber gemeinlich nur der bunte Bauer genannt. Er war ganz arm, hatte acht Söhne und nichts für sie zu leben. Auch seine Frau kam um vor lauter Hunger und Elend, da hockte er seine todte Lisbeth auf, ging nach der Stadt auf den Markt und spazierte mit ihr an der Stelle umher, da die Käseweiber saßen, er hatte seine Lisbeth aber auf dem Markte ordentlich unter den Arm gefaßt, als ob er recht liebreich mit ihr lustwandelte und dabei matschte er immer mit den Händen in dem Käse der Käseweiber herum. Als nun diese deshalb nach ihm schlagen wollten, bog er sich zur Seite und sie trafen seine alte Lisbeth, die ließ der bunte Bauer sogleich zu Boden fallen und beschuldigte die Käseweiber, daß sie ihm seine Frau todtgeschlagen hätten. Da gaben sie ihm all ihren Käse, auf daß er sie nur nicht verklagte, kauften ihm auch noch viele Brode dazu. Das trug der bunte Bauer hocherfreut zu seinen Söhnen heim und lebte mit ihnen lange Zeit an dem Käs und dem Brod in Herrlichkeit und in Freuden. Als Alles aufgezehrt war, hungerte er mit seinen acht Söhnen wieder gar sehr und sprach zu ihnen: »Lasset uns eine Kuh von Holz machen und zusehn, ob wir damit nicht eine Kuh von Fleisch und Bein gewinnen. Denn eine Kuh muß doch jeder Bauer haben und sie nährt uns wohl allesammt mit ihrer süßen Milch.« Da verfertigte Hick mit seinem ältesten Sohn eine hölzerne Kuh und machte ihr Rollen unter die Füße. Als sie fertig war, sprach er zum Hirten: »Gevatter, es ist nicht recht und billig, daß ich Jahr aus Jahr ein hier im Dorfe die Weidesteuer bezahlen muß und habe doch keine Kuh; drum so hab' ich mir eine Kuh vom Markte geholt und will sie heute mit austreiben. Sie wird aber heute den Weg noch nicht wissen, drum will ich selbst mitgehn und sie auf die Weide treiben. Sorgt mir nur, daß sie Euch nicht davon läuft und auf den Abend ordentlich mit heimkehrt.« Da lief der bunte Bauer mit der Peitsche hinter seiner Kuh her und karbatschte sie, schob sie aber dabei auf Rollen mitten hinter der Heerde immer vor sich her, daß der Hirt sich verwunderte, wie munter die Kuh des armen Bauern war. Weil er aber sah, daß sie auf der Weide immerfort an einer schönen blumigen Stelle stand, so fürchtete er nicht, daß sie ihm davonlaufen möchte und kümmerte sich nicht mehr um sie, vergaß sie auch als er mit seiner Heerde heimtrieb und ließ sie an der blumigen Stelle stehen. Aber im Walde, der neben der Weide war, lagen die Söhne des bunten Bauern schon auf der Lauer, und wie der Hirt mit seiner Heerde fort war, schoben sie die hölzerne Kuh in den Wald und versteckten sie. Als nun der Hirt in's Dorf kam, stand auch der bunte Bauer schon da und fragte, wo seine Kuh wäre. »Wo wird sie sein,« antwortete der Hirt, »als auf der Weide, die Kräuter und Blumen haben ihr ja gar zu wohl behagt.« Da gingen sie gleich mit einander hin, als aber die hölzerne Kuh von der Weide verschwunden war, mußte der Hirt dem bunten Bauer eine lebendige Kuh dafür geben. So lebte nun der bunte Bauer mit seinen acht Söhnen und lagen des Nachts mit einander im Moos und bekam jeder auf den neunten Tag die Milch von der Kuh, das war ihre ganze Nahrung. Der jüngste Sohn des Bauern aber fror immer gar sehr, darum hießen die andern ihn sich in die Mitte legen, und weil ihn immer gar sehr hungerte und weil er dabei auch noch etwas eigensinnig war, so trat ihm der älteste Bruder jeden neunten Tag seine Milch ab und hungerte für ihn. So lebte Hick mit seinen acht Söhnen noch immer in großer Trübsal, da beschlossen sie zuletzt die Kuh zu schlachten und das Fleisch zu verzehren. Als es aufgezehrt war, hing der alte Hick das Kuhfell um, so daß die Haare inwendig waren und die Fleischseite auswendig und wollt' es zum Lohgerber tragen. Da setzte sich ein Rabe auf die Haut, der war noch hungriger als Hicks Söhne und wollte ein Stückchen Fleisch abhacken, das diese hatten sitzen lassen. Hick fing den Raben und hielt ihn fest, kam in des Lohgerbers Haus, fand ihn aber nicht daheim und ward unvermerkt gewahr, wie seine böse Frau Wein unter die Treppe und im Bett versteckte, ihn heimlich auszutrinken. Endlich kam der Lohgerber nach Haus, da sagte Hick zu ihm: Was er für eine Kuhhaut und für einen Raben bezahle, der wahr sagen könne? »So laß doch zuerst hören, ob er seine Sache versteht,« antwortete der Lohgerber. Da rief der Rabe: Ga! und der Bauer sprach: »Er sagt aus, daß vierzig Flaschen Wein unter der Treppe versteckt wären.« »Ei, das wäre!« rief der Lohgerber aus, eilte schnell zur Stelle und fand die vierzig Flaschen Wein. Da rief der Rabe: kra! »Was hat er gesagt?« fragte der Lohgerber neugierig, denn ihn lüsterte noch mehr Wein zu finden. »Je nun,« antwortete Hick, »er meint, daß im Bettstroh noch zwanzig Flaschen verborgen wären.« »Ei, der tausend!« rief der Lohgerber, eilte schnell hin und zog die zwanzig Flaschen aus dem Bettstroh, zahlte auch nachher für den Raben einen hohen Preis und gab für die Kuhhaut was recht war. Als Hick nach Haus kam, waren die Bauern gar sehr verwundert über das viele Geld, das er mitbrachte. Da sagte er: Ich habe meine Kuh geschlachtet und die Häute sind dies Jahr hoch im Preise. Da schlachteten alle Bauern ihre Kühe, trugen die Häute zum Lohgerber und bekamen nur wenig Geld dafür. Weil sie nun merkten, daß Hick sie betrogen hatte, ließen sie eine Tonne machen, setzten Hick hinein und wollten ihn in ein Wasser werfen. Unterwegs aber machten sie vor einem Wirthshause Halt, ließen die Tonne mit dem Bauer draußen stehen und gingen hinein und wollten ein Glas Wein auf die Lampe gießen. Während dem trieb ein Schäfer mit seiner Heerde vorbei, dem log Hick vor, daß er nicht Schultheiß werden wolle und daß er darum in's Wasser gewälzt werden solle. »So will ich für Dich in die Tonne steigen und wenn wir am Wasser sind, so will ich rufen: jetzt hab' ich mich besonnen und will Schultheiß werden.« Gesagt, gethan. Der Schäfer half Hick aus der Tonne und stieg selbst hinein, Hick spundete das Faß gut zu, auf daß die Bauern den Betrug nicht gleich merkten und trieb die Heerde des Schäfers davon. Danach traten die Bauern berauscht aus der Schenke, hörten aber nicht auf das Geschrei des Schäfers, daß er Schultheiß werden wolle und wälzten die Tonne in's Wasser. Die Bauern waren kaum daheim, da kam Hick mit den Schaafen auch an, denn er hatte sie auf Umwegen nach dem Dorfe geführt. Da fragten die Bauern verwundert, wie er aus dem Wasser gekommen wäre und wie er die Schaafe bekommen hätte. »Ei,« antwortete der bunte Bauer, »es ist nichts leichter, als wieder aus dem Wasser zu kommen, die Schaafe aber hab' ich aus dem Wasser mitgebracht, woher sollt' ich sie sonst bekommen haben?« Die Bauern riefen sogleich: »Wenn Du uns jetzt die Schaafe nicht im Wasser zeigst, so werfen wir Dich abermals hinein.« »Gut,« sagte Hick, »vergönnet mir ein wenig Ruhe und morgen, wenn der Tag graut und ich meine Schaafe austreibe, so geht mit mir, daß ich euch bei Gelegenheit die andern Schaafe im See zeige.« Als Hick am andern Morgen auf die Weide treiben wollte, waren die Bauern schon um sein Haus versammelt. So trieb er seine Schaafe nach dem Wasser zu und alle Bauern folgten ihm nach. Er ließ aber die Schaafe einzeln an dem hohen Felsenufer des Gewässers hingehen und da spiegelten sie sich alle drunten in der Fluth. »Seht ihr sie?« fragte Hick, und wies in's Wasser. Da waren die Bauern hoch erfreut und Hick sagte: »Einer von euch muß nun hinab und die Schaafe fangen und heraufreichen. Wenn er aber beide Hände herausstreckt, so hat er einen recht schweren Hammel und kann ihn nur nicht heben.« Da sprang einer der Bauern in's Wasser, und weil er nicht schwimmen konnte, fuhr er eine Zeit lang erst mit den Händen unter dem Wasser herum, da meinten alle Bauern, daß er sich das fetteste Schaaf aussuchte. Danach aber streckte er beide Hände aus dem Wasser in die Höhe und sogleich sprangen mehr Bauern ihm nach, um ihm zu helfen, die Schaafe einzufangen und herauszuheben. Als sie in's Wasser kamen, ging es: Plonsch! Da verstanden die andern Bauern, daß sie riefen: kommt! und sprangen alle auf einmal hinterdrein. Die nachher sich an's Ufer retten und an den Felsen emporklimmen wollten, schlug Hick mit dem Schäferhaken auf den Kopf, daß sie wider niederplumpten. So kamen alle Bauern im Wasser elendiglich um und Hick wurde von Stund' an Herr über das ganze Dorf. Hick weidete nun mit seinen acht Söhnen die Heerden, die er von dem Schäfer genommen und von den Bauern geerbt hatte; aber der jüngste Sohn war ein Thor und verthat durch seine Thorheit wieder alles Gut, das Hick durch seine Klugheit erworben hatte. Hatte Hick für sich und seine Söhne Klöße mit Milch gekocht, so nahm der jüngste Sohn vor dem Mittagsmahle die Klöße und steckte sie in die Löcher, welche die Schaafe im Wege getreten hatten und meinte, daß sonst die Schaafe die Beine abbrächen, wenn sie wieder auf der Trift daher kämen. Oftmals, wenn er die Schaafe hütete, starrten sie ihn alle an und fraßen nicht. Dann sprach er zu den Schaafen: »Freßt ihr nicht, so schneid' ich euch den Hals ab.« Und weil die Schaafe ihn nicht verstanden, so glotzten sie ihn noch mehr an und fraßen doch nicht und dann schnitt er ihnen den Hals ab. Und wenn dann der alte Hick seinen Sohn strafen wollte, so war der älteste Bruder mitleidig und wollte es nicht leiden und bald war Hick mit seinen Söhnen durch die Thorheit des Jüngsten wieder so arm wie zuvor. Und liegen nun wieder alle neun im Moos und haben nichts behalten als eine Kuh, davon bekommt jeder den neunten Tag die Milch und wünschen tausendmal Gotteslohn, wenn ihnen einer ein Stück Brod hinträgt, und könnten doch schöne Heerden haben von Schaafen und Ziegen und Rindern und könnten Milch und Butter und Käs haben vollauf und Alles, was das Herz sich wünschen kann und brauchten nicht im Moos zu liegen. 16. Böse werden. Es war einmal ein Bauer, der war mit seiner Frau sehr reich und geizig und hatte doch nicht einmal ein Kind. Weil es ihn nun immer gereute, seinem Knecht das Lohn zu geben, so sprach er zu seinem armen Bruder: »Laß einen von Deinen drei Söhnen bei mir dienen und wer zuerst böse wird, sei es nun der Herr oder der Knecht, der soll die Zeche bezahlen. Werde ich zuerst böse mit dem Knecht, so soll der den ganzen Hof hinnehmen und mir noch dazu die Ohren abschneiden. Wird aber der Knecht zuerst böse, so schneide ich ihm die Ohren ab und er bekommt auch keinen Lohn. Es ist mir nur darum, daß ich mit Deinen Kindern in Friede und Freundschaft bleibe und mich nicht mit ihnen erzürne.« Im Herzen aber dachte er nur seines Bruders Söhne also um den Lohn zu betrügen. Der älteste der drei Brüder, der Hans hieß, gab sich zuerst bei seinem Oheim in Dienst, bekam aber Tag für Tag nur schmale Kost und hatte große Noth, sich nicht darüber zu erzürnen. Als das Jahr fast herum war, wollte ihn der reiche Bauer noch um den Lohn prellen und sprach: »Treibe einmal die Kühe auf die Weide, meine Frau soll Dir zu Mittag das Essen bringen.« Hans that wie ihm geheißen war, aber das Essen kam diesmal gar nicht, denn der Bauer meinte, daß er darüber zornig nach Hause kommen sollte. Als nun die Mittagszeit vorüber und Knecht Hans sehr hungrig war, rief er einen vorübergehenden Fleischer an, verkaufte ihm die Kühe, schnitt ihnen aber die Schwänze ab und steckte sie in einen nahen Bruch und Moor. Darauf lief Knecht Hans zum reichen Bauern und sprach: »Geschwind, Vetter, kommt mit auf die Weide, eure Kühe sind im Morast versunken und stehen nur die Schwänze noch heraus.« Da ging der Bauer mit ihm, faßte an einen Kuhschwanz nach dem anderen und wollte die Kühe herausziehen. Aber wie er am ersten Kuhschwanz zog, fiel er schon rücklings auf die Erde und die andern zog er ganz kleinlaut heraus, denn er merkte wohl, daß Hans die Kühe verkauft hatte, wurde aber darum nur desto freundlicher gegen den, weil er wußte, daß er den Hof noch obendrein verlieren würde, wenn er sich erzürnte. So gingen sie denn mit einander nach Hause, da brachte die Bauersfrau ihrem Manne zu essen, dem Knecht Hans aber gaben sie noch immer nichts. Darüber ward der Knecht Hans doch zornig, denn wiewohl es schon Abend war, hatte er noch keinen Bissen genossen und konnte sich doch nicht hungrig zu Bett legen. Deshalb beschimpfte er den Bauern und die Bäurin, der Bauer aber schnitt ihm sogleich die Ohren ab. Da ging der Knecht Hans mit dem Gelde, das er für die Kühe erhalten hatte, aber ohne seinen Lohn, nach Hause und am andern Morgen kam der zweite Bruder und meldete sich als Knecht bei dem reichen Bauern. Der Geizhals nahm ihn freundlich auf, hielt ihn sehr knapp und als fast das Jahr herum war, wollte er ihn wieder um den Lohn betrügen und sprach: »Nimm Pferde und Wagen und fahre in den Wald, mir Holz zu holen. Die Stelle, wo Du es aufladest, ist weit im Walde drinnen und vor Abend wirst Du nicht zurück sein, darum werde ich Dir das Mittagsessen selbst bringen.« Als nun der Mittag längst vorüber war und der Bauer das Essen nicht gebracht hatte, dachte der Knecht: Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil, rief einen vorübergehenden Mann an, verkaufte ihm Pferde und Wagen und sprach daheim zu seinem Oheim: Ein Löwe sei gekommen und hätte die Pferde sammt dem Wagen aufgefressen. Der Bauer that, als glaubte er's, denn ihm war angst, daß er sich erzürnen und Haus und Hof darüber verlieren möchte. Als ihm aber seine Frau das Abendessen brachte und dem Knecht nicht, wollte dieser zornig dem Bauer die Schüssel wegnehmen, denn er war ganz verhungert. Da holte der Bauer gelassen das Messer herbei, schnitt auch dem zweiten Bruder die Ohren ab und der mußte wieder ohne Lohn mit dem Geld, das er für Pferde und Wagen gelöst hatte, abziehen. Am andern Morgen meldete sich der jüngste Bruder, der ein Dummling war, als Knecht bei dem Bauer. Weil es nun seine Schwestern seiner Jugend halben jammerte, daß er auch hungern sollte, so brachten sie ihm täglich, so oft er im Feld, Wald oder Wiesen arbeitete, zu essen. Der reiche Bauer verwunderte sich sehr, daß sein Knecht immer so freundlich aussah, wie karg die Kost ihm auch geboten wurde, hielt ihn auch deshalb für gar klug und fürchtete, daß der jüngste Bruder ihn durch einen klugen Anschlag gewiß noch erzürnen würde, ehe das Jahr herum sei. Deshalb sprach er zu seiner Frau: »Verkleide Dich als Kukuk, geh in den Wald und rufe dreimal Kukuk, dann wird unser Knecht glauben, sein Dienstjahr sei herum, wird seinen Lohn nehmen und aus dem Dienst gehen.« Zu dem Knecht aber sprach er: »Höre einmal, Gesell, wenn der Kukuk dreimal gerufen hat, ist Dein Dienstjahr um, denn Du weißt, daß eben der Kukuk rief, als Du kamest.« Da war der Knecht hoch erfreut, denn er hatte nicht die Schelmenstreiche seiner Brüder im Kopfe und wollte nichts als ehrlich seinen Lohn verdienen, bat derhalben auch, daß sein Vetter ihm sein Gewehr leihen möchte, damit er einen Freudenschuß thun könnte, sobald der Kukuk zum erstenmale gerufen hätte. Das that der geizige Bauer gern, weil noch ein alter Schuß in seinem Gewehr steckte, der heraus mußte. Es war aber erst Winter und lag hoher Schnee, da schleppte der Knecht schon überall das Gewehr mit umher, daß er nur den Freudenschuß nicht versäumte. Eines Tages wälzte sich die Bauersfrau in Syrup und dann in Federn, und als der Knecht im Walde arbeitete, sprang sie in einem Tannenbaum herum, daß der Schnee von den Ästen zu Boden fiel, und dabei rief die Frau: Kukuk! Kaum hatte sie aber zum erstenmal gerufen, da griff der Knecht schon nach seinem Gewehr, that einen Freudenschuß, traf aus Versehen den Kukuk im Baum und der fiel todt zu Boden. Da sprang der Bauer auch herzu, denn er hatte sich in der Nähe gehalten und zürnte und schalt auf seinen Knecht. »Vetter, seid Ihr böse?« fragte der Knecht. Der Bauer antwortete schnell: »Da sollte der Teufel nicht böse sein, wenn Du meine Frau todt schießt!« Da erhielt der dritte Knecht Haus und Hof und durfte dem reichen Bauern noch dazu die Ohren abschneiden. 17. Das Ohrläppchen. Ein armer Bauersmann hatte Weib und Kind und nichts mehr in seinem Vermögen, als einige Gänse. Diese verkaufte er in der Stadt, erhielt sie gut bezahlt, ließ für sich und seine Familie von dem Gelde eine gute Mahlzeit bereiten und behielt noch etwas übrig, wovon er sich in der Noth helfen konnte. Das bemerkte sein reicher Bruder, der ihm nichts gönnte und forschte ihn aus, woher er das Geld erhalten habe. »Ich habe meiner Frau das Ohrläppchen abgeschnitten und es zum Apotheker getragen,« antwortete der Arme. »Wär's noch warm gewesen, so hätt' ich es noch besser bezahlt erhalten, denn dann thut es Wunderdienste in der Medicin und man erhält dann Schätze dafür, die man auf einem vierspännigen Wagen nach Haus fahren muß.« Als der reiche Geizhals das hörte, schirrte er seine vier schönen Rosse vor den Wagen, schnitt seiner Frau das Ohrläppchen ab und jagte mit Pferd und Wagen davon, es noch warm in die Stadt zu bringen. Zwei der schönen Rosse stürzten vor der Apotheke nieder, denn er hatte sie zu Tode gejagt, der Apotheker aber lachte anfangs, als er ihm das Ohrläppchen anbot, dann verwies er ihm, daß er gegen seine Frau so grausam gewesen und der reiche Bauer zog beschämt mit seinen übrigen zwei Rossen nach Hause. 18. Von den ungetreuen Wirthstöchtern und von der Prinzessin mit goldnen Haaren. Ein Bauer hackte Holzzacken ab, dabei sah er ein Nest, schlich sich leise herzu und fing darauf einen Vogel. Ei, dachte er, meine Tochter ist so hübsch und ich habe niemals etwas, das ich ihr schenken kann; darum will ich den Vogel mitnehmen und ihr ihn schenken. Der Vogel hüpfte nun vor dem Mädchen in der Stube umher, wo es ging und stand; das war gar lustig anzusehen und das Mädchen hatte seine Freude daran. Es kam aber alle Dienstage und Donnerstage (denn das sind die Glückstage im Handel) ein Handelsmann in's Dorf, mit den Bauern zu handeln, und kehrte auch immer im Hause des Mannes vor, der die schöne Tochter hatte. Eines Tages war der Vogel allein in der Stube, als der Händler hereintrat, und ehe die Dirne wieder kam, hob er den Vogel vom Boden auf, besah ihn von allen Seiten und las, daß unter seinen Fittigen geschrieben stand: Wer des Vogels Fleisch genösse, würde viel Geld haben, wer aber sein Herz genösse, würde König werden. Da setzte der Handelsmann den Vogel wieder hin, that als hätte er nichts gelesen, begann aber alsobald um die Bauerntochter zu werben, erhielt sie auch und verlangte, daß ihm der Vogel mit in die Aussteuer gesetzt würde. Hierüber lachte der Bauer und seine Tochter, doch wurde ihm der Vogel verschrieben. Am Tage nach der Hochzeit sollte die Bauerntochter dem Handelsmanne den Vogel braten und sie briet ihn in Öl. Als er noch in der Pfanne auf dem Heerde stand und die Bauerntochter wieder in die Stube gegangen war, kamen zwei Bettelknaben, gingen in die Küche und meinten, da stände nichts als ein geringes Überbleibsel von der Hochzeit auf dem Tische, denn das Vöglein sah gebraten gar unansehnlich aus. Darum aßen sie es auf und gab der eine Bruder, der etwas größer und stärker war, dem andern das Fleisch, er selbst aber aß nichts als das Herz. Darauf gingen sie fort und der Handelsmann hatte nichts als eine arme Frau geheirathet, konnte aber nun und nimmermehr König werden und hatte auch nicht so viel Geld, als er sich wünschte. Die Knaben aber kamen in die Einsamkeit und gelangten zu einem armen Manne, der allein im Walde wohnte. Er nahm sie freundlich auf und gab ihnen Nachtherberge. Am andern Morgen, als der Alte und der eine Knabe aufstand, war der kleinste Knabe verschwunden, denn er hatte das Bett besudelt und gefürchtet, daß der alte Mann ihn schlüge, darum war er heimlich fortgegangen und hatte sich auch nicht getraut, seinen Bruder zu wecken, auf daß der Alte nicht gleichfalls erwachte. Sie fanden unter seinem Kopfkissen fünfzig Thaler, das rührte von dem gegessenen Vogelleibe her und seitdem lagen jeden Morgen unter dem Kopfkissen des Knaben fünfzig Thaler. Wie sie ihn nun auch suchten im ganzen Walde, – sie fanden ihn nicht mehr, denn er war gar früh ausgegangen und weil er nichts wußte von den fünfzig Thalern, so stand er um die Zeit schon auf dem Markte der nächsten Stadt und bettelte. Da rief ihn eine Wirthin herein und sagte, er könne dableiben, wenn er fleißig arbeiten wolle. Darüber war der Knabe hoch erfreut, mühte sich auch von der Zeit an gar sehr im Dienste der Alten, es lagen aber an jedem Morgen, den Gott werden ließ, fünfzig Thaler unter seinem Kopfkissen, davon wußte er nichts und erhielt auch keinen rothen Pfennig davon, denn die Wirthin und ihre Töchter nahmen das Geld an jedem Morgen selbst hinweg, er aber vergoß Tag für Tag seinen Schweiß in ihrem Dienst. Als nun der Knabe etwas herangewachsen war, sprach er: »Gebet mir den Lohn, den ich sauer verdient habe, denn ich will in die Fremde gehen.« Da ward der geizigen Wirthin und ihren Töchtern bange, daß sie das Geld verlieren sollten, das täglich im Bett des Knaben gefunden ward, darum gingen sie zu einer Zauberin und beredeten sich mit ihr. Sie sprach: »Der Knabe hat des Glücksvogels Fleisch genossen, darum hat er jeden Morgen fünfzig Thaler einzunehmen. Wollt Ihr das Fleisch des Vogels gewinnen, so sprechet zu dem Jüngling, weil er Euch treu gedient, so wolltet Ihr ihm vor seiner Abreise ein großes Gastmahl zurüsten, dabei solle er noch einmal tüchtig essen und trinken. Zu dem Mahle aber schlachtet viele Kühe und Ochsen, lasset auch den Knaben zwischen Eure beiden Töchter sitzen und lasset sie immerfort zu ihm reden: ›Lieber, Du issest nicht! willt Du ungegessen aus unserm Hause hinausgehen? Das wäre uns eine große Schande.‹ Und dabei lasset ihm immerfort von dem Fleisch vorlegen. Auch ladet Eure Nachbarn ein, daß sie immerfort zu ihm reden: ›Lieber, Du trinkest nicht, willt Du ungetrunken die Stadt verlassen? Das wäre eine große Schande für uns alle.‹ Dabei lasset ihm immerfort zu Halben und Ganzen von dem edelsten Wein zutrinken. Davon wird der Knabe krank werden, denn er ist gewohnt gar mäßig zu leben und in der Nacht wird er des Vogels Fleisch ausbrechen. Das waschet schön rein und gebt es Eurer Töchter einer zu essen.« Die Wirthin richtete Alles ein wie die Zauberin befohlen hatte und gab ihre Töchter einer des Vogels Fleisch zu essen. Der Jüngling aber ging am andern Morgen seines Wegs und hatte nichts bei sich als wenig Geld, das er als Lohn erhalten, und eine alte Büchse, die er zubekommen hatte. Da sah er eine Rabe, die rief: Qua, qua, qua. »Verdammtes Thier!« rief er aus, »was spottest Du mein? Rede, oder Dir soll der Dampf um die Nase fliegen!« »Nur gelassen,« antwortete die Rabe. »Schenkst Du mir das Leben, so geb' ich Dir diesen Ring; so oft Du den herum drehst, so oft fallen Ducaten heraus.« »Das läßt sich hören,« sprach der Jüngling, dessen Zorn schon verraucht war. Er nahm den Ring und dachte: jetzt geh' ich wieder in die Stadt zu meiner Frau Wirthin, dort laß ich mir zehn Kasten geben und drehe daran so lange, bis sie alle gefüllt sind. Dann schenk' ich den einen Kasten der Wirthin und jeder von ihren Töchtern einen, und dann schaffe ich mir Kutsche und Pferde an und ziehe mit den andern acht Kasten voll Geld in die Welt, da brauch' ich doch unterwegs nicht so viel zu drehen. In dem Wirthshause ließ der Jüngling sich die zehn Kasten geben, die Wirthin aber und ihre beiden Töchter standen um ihn her, als er anfing den Ring zu drehen und die Ducaten von seinem Finger in die Kasten purzelten. Nach einer Weile redete die Wirthin ihm freundlich zu: »Lieber! halte ein, denn morgen ist wieder ein Tag und Du mühst Dich allzusehr! Wir wollen erst miteinander ein Abendessen zu uns nehmen.« Da hielt der Jüngling ein, denn er war von der Reise und auch von dem Drehen gar müde, und setzte sich wieder zwischen der Wirthin Töchter zu Tisch. Die schenkten ihm fleißig ein und als sie gegessen hatten und noch eine Weile bei Tische saßen, schlief der Jüngling ein. Da mußte ihm die Tochter der Wirthin, die schon des Vogels Fleisch genossen hatte, den Ring vom Finger ziehen. Dann trugen sie ihn vor die Thür, schlossen das Haus zu und wie sehr der Jüngling auch klagte und in der Kälte fror (denn es ist mitten im Winter gewesen), ließen sie ihn nicht ein und er mußte ohne den Ring und ohne das Geld seiner Wege gehen. Wie er am andern Tage so dahin wanderte, kam er in ein Winterland, da stand der schönste Salat auf dem Schnee, und weil ihn hungerte, so aß er davon und sogleich war er in einen Esel verwandelt. »Was fängst Du nun an?« sprach er bei sich, denn zum Glück hatte er seinen menschlichen Verstand behalten. Aber da war kein Rath und wie im Traum ging er als Esel fort. Nach einer halben Stunde kam er an ein Sommerland und weil da wieder viel schöner Salat stand und ihn nun noch mehr hungerte, so wollte er als Esel mit großer Begier davon fressen. Kaum hatte er aber nur ein Blatt davon abgebissen, als er wieder ein Mensch war. »Warte!« dachte er, »jetzt will ich die Wirthin und ihre Töchter strafen.« Schnell ging er zurück in's Winterland und holte sich von dem Eselssalat. Er war aber in dem Winterlande so mit Schnee und Reif bedeckt worden, daß Niemand ihn an dem Tage wieder erkennen konnte, der ihn auch früher noch so gut gekannt hatte. Darum ging er so mit dem Eselssalat in die Stadt und rief: »Wer kauft Salat mitten im Winter? Wer kauft von dem schönen Salat?« Da kam zuerst die Zauberin, von deren Schuld der Jüngling gar nicht einmal etwas wußte, gesprungen, denn sie war am lüsternsten in der ganzen Stadt, und sprach: »So schönen Salat kann ich sogleich roh kosten,« kostete ein Blatt und war in einen Esel verwandelt. Da belud er sie mit dem Salat und trieb weiter bis vor's Wirthshaus. Die eine Wirthstochter hatte an diesem Morgen fünfzig Thaler unter ihrem Kopfkissen gefunden und beide hatten den ganzen Morgen mit ihrer Mutter den Ring gedreht, daß immerfort lauter Ducaten herausfielen. Auch diese drei Frauen kamen gesprungen, kauften von dem schönen Salat, bereiteten ihn und aßen ihn als etwas gar Kostbares, zumal weil es mitten im Winter war. Während der Mahlzeit wurden sie in Esel verwandelt, der Jüngling aber gab sich ihnen zu erkennen, nahm ihre Schätze und belud sie damit, band sie an den andern Esel und trieb mit den vier Eseln davon. Die beiden Alten verlieh er an einen Müller, der ließ sie hungern und prügelte sie dabei so viel, daß sie nach einiger Zeit starben. Als der Jüngling das hörte, jammerte es ihn der beiden Jungfrauen, die er selbst bei sich behalten hatte. Er belud sie aber mit schweren Säcken und sagte: »Jetzt sollt Ihr zum Müller, der wieder ein paar Esel nöthig hat.« Da gingen sie traurig und langsam vor ihm her, er aber trieb sie immerfort an, denn er hatte es gar anders mit ihnen im Sinn, sie gingen auch nicht den Mühlweg, sondern den Weg nach dem Sommerland, und des Jünglings Herz war voll Freude, daß dort die Jungfrauen von dem Menschensalat essen und in ihrer wahren Gestalt vor ihm erscheinen würden. So geschah es auch und sogleich fiel ihm die eine der Jungfrauen um den Hals und sprach: »Lieber, komm in unser Haus, daß wir Dir den Ring übergeben. Auch laß mir ein Brechmittel verschreiben, denn ich habe des Glückvogels Fleisch gegessen und Du sollst es wieder haben.« »Behalt's nur, Du Närrin,« sprach er, »Ihr seid für Eure Treulosigkeit nun genug gestraft und ich will Dich zu meiner Frau machen, da ist's dann einerlei, wer von uns beiden des Glücksvogels Fleisch gegessen hat.« Da heiratheten sich die beiden und lebten lange und glücklich mit einander. Der ältere Knabe blieb bei dem Alten, bis er etwas herangewachsen war, da gab ihm der, was von den fünfzig Thalern noch übrig war und damit zog er wieder in die Welt. Einstmals ging er durch einen großen Wald, da gesellte sich ein Jägerbursche zu ihm und sie sahen drei Schlangenkönige mit einander kämpfen. »Ich will doch sehen,« sprach der Jäger, »ob ich sie wohl tödten kann« und stieg zur Sicherheit auf einen Baum; der andere redete ihm ab, mußte aber doch auch auf den Baum steigen. Er schoß eine goldene Kugel ab, die er hatte, traf aber nicht und die drei Schlangenkönige kämpften weiter. »Diesmal muß ich sie erlegen,« sprach der Jäger und lud eine zweite goldene Kugel ein. Der Knabe bat jetzt, daß er ihnen doch das Leben schenken möchte, der Jäger aber schoß los und fehlte von Neuem. Die Schlangenkönige kämpften weiter, der Jäger lud die dritte goldene Kugel ein; der Jüngling bat von Neuem für sie, er aber schoß los und fehlte abermals. Im selben Augenblick entstand ein furchtbares Geschrei von lauter Schlangen und der Jäger lag in tausend Stücken zerrissen unten am Baume. Danach ringelte sich noch eine der drei Königsschlangen an dem Baume empor, so daß der Jüngling Gott um Hülfe anrief, denn er meinte, jetzt gälte es ihm den Tod. Allein der Schlangenkönig kam immer näher, gab ihm eine Wurzel in den Mund und sogleich konnte er hören, was die Schlange sprach. Sie sagte aber zu ihm: »Steige nur herab, Dir soll nichts zu Leide geschehen, denn Du hast unsern Tod nicht gewollt.« Weil er nun die Wurzel noch im Munde hatte, so hörte er ein Wehklagen, dem ging er nach und kam zu einem Spinngewebe, darin kämpfte eine Fliege mit schwachen Kräften gegen eine Spinne. Sogleich zerstörte er das Netz der Spinne, die Fliege aber setzte sich auf seinen Rock. »Kleines Thier,« fragte er sie, »was willst Du?« »Ich will bei Dir bleiben,« antwortete die Fliege und er wehrte es ihr nicht. Der Jüngling wanderte nach einer Stadt, da begegnete ihm vor den Thoren ein Mann ohne Nase. »Guter Freund,« fragte er ihn, »wie bist Du doch um Deine Nase gekommen?« »Das will ich Dir sagen,« antwortete der Mann. »Ich diente bei einem Herrn, dessen Gedanken sollte ich errathen und ihn danach bedienen. Ich meinte, ich würde ihm Alles an den Augen absehen können und darum lockte mich der gute Lohn, denn ich sollte täglich ein Goldstück erhalten, wenn ich meine Sache gut machte. Aber da kam ich übel an! Gestern war ich in den Dienst gegangen und heute lieg' ich noch in den Federn, da kommt mein Herr schon und schneidet mir ritsch, ratsch die Nase ab, denn er war früher aufgewacht und hatte sich schon den Morgentrunk gewünscht, wie ich noch schlief.« Da stach die Fliege den Jüngling, er aber nahm die Wurzel in den Mund und hörte wie sie sagte: »Das wäre eine Stelle für Dich, denn ich würde Dir schon sagen, was der Herr für Gedanken hat.« Da sprach der Jüngling zu dem Bedienten: »Guter Freund, sag' mir doch, wo Dein Herr wohnt, mich gelüstet nach dieser Stelle.« Kopfschüttelnd gab der ihm Bescheid und der Jüngling wurde von dem strengen Herrn als Diener angenommen. Nachdem sie mit einander eins geworden waren, sprach die Fliege zu dem Jüngling: »Jetzt bohre in alle Thüren, so viele ihrer im Hause sind, Löcher, damit ich jeder Zeit ungehindert aus einem Zimmer in's andere kommen kann. Unterdeß will ich mit Deinem Herrn fliegen, denn er will ausgehen.« Kaum waren die Löcher gebohrt, da kam die Fliege auch schon wieder und sprach: »Wie Dein Herr so dahin spazierte, wünschte er sich, daß seine Pantoffeln vor dem Stuhl bereit lägen und eine Flasche Wein auf dem Tische stände, wenn er nach Haus käme.« Sogleich stellte der Jüngling Alles bereit, wie sein Herr es wünschte und der war nachher sehr zufrieden. Am andern Morgen lag der Jüngling noch und schlief, da kam die Fliege durch das Loch in seiner Kammerthür, er nahm geschwind seine Wurzel in den Mund und hörte wie sie sagte: »Stehe schnell auf, Dein Herr ist schon wach, wünscht den Schimmel gesattelt zu haben und will, daß Du ihm die Stulpenstiefel und die beste Hose bringst.« Sogleich erfüllte er seines Herrn Wünsche, und so ging es fünf Jahre lang fort. Eines Morgens hatte der Jüngling die Sprachwurzel auch im Munde und lauschte auf ein Gespräch, das in der Ferne die alten und die jungen Schwalben führten. Darüber achtete er der Fliege nicht, welche ihm sagte, daß sein Herr sich den Frühtrunk wünsche. Als er ihm endlich diesen brachte, wollte der ihm sogleich die Nase abschneiden. »O Herr,« sprach der Jüngling, »hätte ich gewußt, daß es mir um dieser geringen Versäumniß willen bereits also ergehen sollte, so hätt' ich mich nicht losgerissen von dem Gespräch, an dem meine Ohren hingen und um dessen willen ich in die Versäumniß fiel.« »Was hörtest Du denn?« forschte der strenge Herr. »Ich hörte,« antwortete der Jüngling, »wie die Schwalben sich zankten um die Prinzessin mit goldenen Haaren. Die alten Schwalben holen sich die goldenen Haare, welche die Prinzessin jeden Morgen auskämmt und aus dem Fenster wirft, und bauen ihre Nester damit; nun wollen die jungen Schwalben auch gern goldene Haare von der Prinzessin haben, aber die alten wollen ihnen keine mitbringen und darum sagten sie zu ihnen: wenn sie sich ein Nest von goldenen Haaren machen wollten, so sollten sie sich selber welche holen.« Da sprach der strenge Herr: »Könnte ich die Königstochter mit goldenen Haaren einmal sehen, so wollte ich Dir gern Deine Nase lassen.« Sogleich sprach die Fliege zu dem Jüngling: »Ich will Dich hinführen und es so einrichten, daß Du Deinem strengen Herrn die Königstochter mit goldenen Haaren zeigen und daß Du selbst sie heirathen kannst. Nimm den Lohn, den Du in den fünf Jahren bekommen und im Koffer liegen hast, kleide Dich prächtig davon und reise mit mir nach Sicilien, wo die Königstochter mit goldenen Haaren wohnt.« Da legte der Jüngling auf Befehl des strengen Herrn einen Eid ab, daß er ihm entweder die Königstochter mit goldenen Haaren zeigen oder allein zurückkehren und sich die Nase abschneiden lassen wollte, nahm die vielen Goldstücke, deren er an jedem Tage eins erhalten hatte, und trat mit großem Aufwand, aber immer begleitet von der Fliege, die Reise an. Als er nach Sicilien kam, trug er dort dem König vor, daß er um die Königstochter mit goldenen Haaren freien wolle. Der König sprach: »So mußt Du sie dreimal aus meinen drei Töchtern herausfinden, die sich alle ganz gleich sehen, aber ihre Haare werden verhüllt sein.« »Sei gutes Muths,« sprach die Fliege zu ihm, »ich werde mich der Prinzessin mit goldenen Haaren auf die Nase setzen, daran magst Du sie gar wohl erkennen.« Als der Tag kam, da der Jüngling die Prinzessin mit goldenen Haaren unter den drei gleichen Schwestern auswählen sollte, setze sich die Fliege auf ihre Nase und also auch am zweiten Tage. Am dritten Tage war die Fliege nicht da und die Zeit, die dem Jüngling gesetzt war, verstrich mehr und mehr. Da öffnete der Jüngling im letzten Augenblick das Fenster, betete zu Gott in seiner Noth, und sogleich kam die Fliege herein und setzte sich der Prinzessin mit goldenen Haaren auf die Nase. Daran erkannte er sie zum dritten Male und der König ließ sogleich eine große Hochzeit anstellen. Dann bat er seine Frau, daß sie mit ihm zum Besuch in sein Vaterland reisen möchte und zeigte sie dem strengen Herrn, der war über ihre Schönheit so verwundert, daß er kein Wort hervorbringen konnte. Danach reisten beide wieder nach Sicilien und der Jüngling wurde dort ein mächtiger König, beschloß auch einst den armen Mann im Walde aufzusuchen, der ihm in seinem Heimathlande viel Gutes gethan hatte und reiste dahin mit der Prinzessin mit goldenen Haaren. Bei ihm aber fand er seinen Bruder wieder, der mit seinen Reichthümern und seiner Frau so lange im Walde herumgereist war, bis er zu dem Alten gekommen, wo er Kunde von ihm zu erhalten gehofft hatte. Da nahmen sie aber den alten Mann mit sich und zogen alle mit einander nach dem Königreiche Sicilia. Und wenn sie noch nicht gestorben sind, so leben sie heute noch. 19. Die beiden Oberjägermeister. Es war ein Bauer, der hatte viele Söhne, von denen wollte der eine ein Schäfer werden. Da gab ihm sein Vater drei Schaafe, die trieb er auf die grüne Weide vor dem Walde, denn in den Wald zu treiben hatte er ihm verboten. Am dritten Tage betrat der Schäfer selbst den Hain, darinnen zu lustwandeln, da sah er so schöne Auen voll allerlei Kräuter und Blumen, daß er vermeinte, sein Vater habe ihm darum nur diesen Hain verboten, weil er ihm die schöne Weide nicht gönnte. Er holte also seine Schaafe in den Hain und kaum waren sie darin, da kam eine alte Frau mit drei Hunden, mit Tabackspfeife und Feuerzeug, dafür verlangte sie die drei Schaafe, sagte auch, es solle sein Schaden nicht sein, wenn er sie dafür gäbe, und als er sich dennoch weigerte, drohte sie ihm selbst mit den Hunden. Da mußte er die Schaafe hingeben und zog mit dem, was er dafür erhielt, von dannen. Die drei Hunde führten die Namen: Reiß-alles-nieder, Brich-Stahl-und-Eisen, und Geschwind-wie-der-Wind. Der Jüngling begann mit ihnen zu jagen, jagte aber drei Tage, ohne daß er Wildprät fand und ward darum sehr hungrig. Traurig sah er auf seine treuen Hunde und gedankenlos nannte er einst den Namen des Einen: Geschwind-wie-der-Wind. Rasch verschwand da der Hund, fuhr wie ein Wolf in eine Heerde Schaafe, brachte so geschwind wie der Wind ein Schaaf zu seinem Herrn und da er nun auch gerade zu dem andern Hund sprach: Reiß-alles-nieder, so zerriß der's. Da zündete der Jüngling Feuer an, verzehrte das Schaaf und gab den Hunden die Knochen. Allein der Schäfer klagte den Jüngling an und er ward in's Gefängniß geworfen. Jetzt dachte er an Pfeife, Feuerzeug und Taback, und als er den ersten Zug aus seiner Pfeife that, sprangen sogleich die Hunde herbei, die von ihm getrennt waren. Da gedachte er, wie die Hunde ihn gespeist und ihn dadurch in's Gefängniß gebracht hatten und sprach klagend zu dem Einen: Ach Du mein lieber Hund Geschwind-wie-der-Wind! Sogleich sprang der Hund davon, brachte Schaafe und Wildprät herbei, und wie er zu dem andern Hund sprach: Reiß-alles-nieder, zerriß der es und so reichten sie es auf den Schnauzen zwischen den Kerkerstäben herein. Am andern Morgen kam der Gefangenwärter und schloß auf, da war das ganze Gefängniß voll Blut und darin lagen zerrissene Schaafe und Wildbrät umher. Der Jüngling aber sprach: »Da seht Ihr's, daß ich die Hunde nicht beherrschen kann, bereitet von dem Fleisch eine gute Mahlzeit, geht zum Richter und sagt ihm, daß ich den Hund Reiß-alles-nieder nicht wehren könnte.« Da richtete der Gefangenwärter die Mahlzeit zu, aß und trank mit dem Jüngling und ging zum Richter, ihm zu verkünden, was geschehen war. Allein um den Richter waren schon viele Schäfer und viele Jäger versammelt, welche den Hund »Geschwind-wie-der-Wind« anklagten, darum sprach der Richter zum Gefangenwärter: »Du hast gar übel gethan, daß Du mit dem Jüngling das Fleisch geschmaust hast, denn er muß für seine Hunde haften und diesen Leuten muß ihr Recht werden. Darum befehle ich Dir, ihn jetzt in Ketten zu werfen und ihn mit dem Tode zu bedrohen, wenn der Hund Geschwind-wie-der-Wind wieder ein Schaaf oder ein Wildbrät raubt.« Der Gefangenwärter that, wie ihm geheißen ward. Als der Jüngling an Händen und Füßen gefesselt war, stand der dritte Hund draußen vor dem Kerkergitter und sah ihn so zärtlich an. Da sprach der Jüngling: Ach Du mein lieber Hund Brich-Stahl-und-Eisen! Kaum hatte er's gesagt, als der Hund schon die Eisengitter zerbrach, in das Gefängniß sprang, winselnd nach Hundeart an seinem Herrn in die Höhe fuhr, als wollte er ihm Hände und Füße lecken, und ihm dabei die Schlösser an Händen und Füßen entzwei biß, so daß seine Ketten rasselnd zu Boden fielen; als der Jüngling aber zum Fenster hinaussteigen wollte, mochte es der Hund nicht leiden, und biß auch noch Schloß und Riegel von der Kerkerthür entzwei. Da konnte der Jüngling als ein freier Mann auf demselben Wege, wo er gekommen war, wieder aus dem Gefängniß hinausgehen und durfte ihn Niemand anhalten, denn der Hund Brich-Stahl-und-Eisen ging treulich an seiner Seite. Als er so dahin ging, kam ein kleines weißes Männchen daher und speiste mit ihm, denn der Hund: Geschwind-wie-der-Wind ließ es an Nahrungsmitteln für den Bauernsohn nicht fehlen. Nachdem sie gegessen, gingen sie mit einander weiter und kamen an einen unterirdischen Gang, daran stießen mehrere Zimmer und das Männchen führte ihn in eins, worin eine Wiege stand. Es gab ihm auch eine weiße Kugel und befahl ihm, daß er die Kugel und auch die Hunde bei sich behalten und so ein Vierteljahr lang wiegen, sich aber dabei nicht umsehen solle, sagte auch, daß es ihn in dieser Zeit dreimal besuchen würde. Der Bauernsohn wiegte treulich vier Wochen ohne sich umzusehen, da kam das weiße Männchen. Nachdem er wieder vier Wochen lang gewiegt hatte, kam es abermals und als das Vierteljahr herum war, war es zum drittenmale da, sagte auch, daß er jetzt hier Alles erlöst hätte, nahm ihm die weiße Kugel ab, führte ihn in ein Zimmer, wo schlechte, gute und mittelmäßige Kleidungsstücke hingen. Es sprach auch, daß er sich die besten Kleidungsstücke aussuchen sollte, meinte aber, daß das Schlechteste in diesem Saale wohl das Beste wäre, weil es schon das Meiste mit durchgemacht hätte. Da nahm der Jüngling einen alten grünen Rock, eine alte Bürste, eine alte Flinte, einen alten Hirschfänger, ein altes Büchlein und einen alten Ranzen. Die Wahl gefiel dem weißen Männchen und es sprach: »Wenn Du mit der Bürste Deine Kleidung herunterwärts bürstest, so ist sie neu, bürstest Du sie heraufwärts, so ist sie alt; zu der Flinte gebrauchst Du kein Pulver und wenn Du die Kugel blos vor den Lauf hältst, so trifft sie einen Hasen doch auf tausend Schritt; der Hirschfänger kann Dich schützen und wenn Dir tausend Mann nach dem Leben trachten.« So gab er ihm zu allen diesen Dingen Anweisung, hieß ihn seines Weges gehen und auch die drei Hunde mitnehmen, sagte auch noch: »Du wirst an ein Schloß kommen, da gieb Dich für einen Oberjägermeister aus und warte der Dinge, die da kommen werden.« Der Jüngling kam an das Schloß, welches eine prächtige Residenz gewesen ist, aber sie war ganz verzaubert und war Niemand darin als ein wunderschönes Fräulein, ein alter Oberjägermeister und im Schloß und rings in den Wäldern herum unzähliges Wild. Als der alte Oberjägermeister hörte, daß der Jüngling sich auch für einen Oberjägermeister ausgab, sprach er: »So wollen wir denn sehen, wer von uns Beiden der wahre Oberjägermeister ist, Du oder Ich. Wehe Dir, o Jüngling, wenn Du Dich mit Unrecht einen Oberjägermeister nennest.« Sie zogen mit Pferden und Hunden auf Feld und Haide, da sah der Jüngling auf siebenhundert Schritt einen Hasen im Lager liegen. Als er's dem alten Oberjägermeister sagte, machte der große Augen, konnte den Hasen aber nicht im Lager liegen sehen, geschweige denn ihn treffen. Der Jüngling brauchte blos die Kugel vor die Büchse zu halten, da war der Hase auch schon getroffen. »Halt!« sprach der alte Oberjägermeister, »jetzt werden wir sehen, wer von uns beiden die besten Hunde hat.« Er rief seinem Hund Teckel, der rannte mit seinen krummen Füßen umher, konnte ihn aber nicht einmal auffinden. Da sprach der Jüngling: Geschwind-wie-der-Wind! und im selben Augenblicke brachte der Hund geschwind wie der Wind auch schon den Hasen herbei, der war gerade durch den Kopf geschossen. Darauf sahen sie eine Schaar Schwalben in der Luft schwirren und der alte Oberjägermeister sprach: »Jetzt wollen wir versuchen, wer von uns am besten den Schwalben den Kopf abschießen kann.« »Schwalben sind Gottes Thiere,« sprach der Jüngling, »dort kommt eine Schaar Sperlinge aus dem Kornfeld geflogen, nach denen laß uns schießen. Wer schießt sechs Sperlingen auf Einen Schuß die Köpfe ab?« Der alte Oberjägermeister schoß zuerst, traf aber nur zwei Sperlinge unter die Flügel. Wie die Sperlinge durch den Schuß des Alten schon unruhig waren und eiligst davonflogen, hielt der Jüngling die Kugel vor die Flinte und schoß richtig nicht mehr und nicht weniger als sechs Sperlingen auf einen Schuß den Kopf ab. »Wer schießt die Schnarre 1 , die dort in der dicken Linde so recht im grünen Laub drinsitzt, aber ohne ein Blatt zu berühren?« rief der Jüngling jetzt. Der alte Oberjägermeister schoß, traf aber blos die breiten Blätter des großen und schönen Lindenbaumes und die Schnarre blieb ganz ruhig sitzen. »Diese Frechheit soll Dir übel bekommen!« rief er Jüngling ihr zu, hielt die Kugel vor den Lauf und sogleich fiel die Schnarre aus der Linde heraus und ihr Kopf war abgeschossen. »Du bist ein guter Schütze, Gesell,« sprach der alte Oberjägermeister. »Doch komm tief in den Wald hinein, wo er gar dunkel ist, dort hab' ich unzähliges Wild, auch einen gar flinken Hirsch, den sollst Du schießen. Wenn Du ihn triffst, so magst Du an meiner Stelle hier Oberjägermeister werden.« Nach einiger Zeit kam auch schon der Hirsch gesprungen und der Alte sprach: »Ich will erst sehen, ob ich ihn selbst treffen kann, wiewohl ich schon oft nach ihm gezielt.« Allein der Alte traf auch diesmal den Hirsch nicht und da er geschossen hatte, entstand ein furchtbares Gebrause und kam unzähliges Wild durch den dunkeln Wald. Und in dem Gebrause rief eine Stimme dem Jüngling zu: »Schieß nicht auf den Hirsch! schieß nicht auf den Hirsch!« Als da der Jüngling sich weigerte auf den Hirsch zu schießen, verwunderte der alte Oberjägermeister sich sehr, denn er hatte nicht gehört, daß die Stimme zu dem Jüngling geredet hatte, und sprach: »So wirst Du doch einmal einen Schuß unter das übrige Wildpret thun?« Der Jüngling besann sich einen Augenblick, da ertönte das Brausen wieder und abermals rief eine Stimme: »Schieß nicht! schieß nicht! sonst stirbt das Wild und der alte Oberjägermeister, der mit dem Wild hierher verwünscht ward, ist erlöst. Wenn Du aber den alten Oberjägermeister tödtest, so ist das Wildpret hier erlöst und nimmt seine frühere Gestalt an.« Der Jüngling besann sich was er thun sollte, denn es deuchte ihn Unrecht, den Alten zu tödten. Der aber hatte wiederum nicht gehört, was die Stimme zu dem Jüngling geredet hatte, und drohte ihm den Kopf abzuhauen, wenn er nicht sogleich unter das Wild schösse. Darum entschloß sich der Jüngling den Alten anzugreifen, und als er zum erstenmale auf ihn geschossen hatte, entstand wieder ein furchtbares Gebrause. Er hatte aber den Alten verfehlt und ein ganzer Schwarm Kugeln kam ihm selbst nun entgegen, doch vermochte der ihn gleichfalls nicht zu tödten. Als sie zum zweitenmale auf einander los gingen, schoß der Jüngling dem Alten mit seiner Flinte das Pferd unter dem Leibe todt und tödtete ihn selbst dann beim drittenmale mit seinem Hirschfänger. Da waren alle Hirsche und Rehe ordentliche Menschen, der flinke Hirsch aber war die schöne Jungfrau gewesen, die war jetzt auch mit allen ihren Dienerschaaren erlöst und heirathete den jungen Oberjägermeister, der war von Stund' an ein mächtiger König. Und ich war auch mit auf der Hochzeit, dabei ging alles in gläsernen Pantoffeln, da stieß ich an einen Stein, da ging's: klinglingling! und meine Pantoffeln waren entzwei. Fußnoten 1 Ein großer, eßbarer Vogel 20. Horle-Horle-Wip. Es ist ein junger König gewesen, der reiste in seinem Lande umher und ließ ein Gebot ausgehen: in acht Tagen solle auf jedem Hause ein ordentliches Strohdach sein, und er ließ dabei sagen: in acht Tagen käme er wieder herum, wer dann keines hätte, der solle bestraft werden. Als die acht Tage herum waren, ging der König umher und fand einen alten Mann, der kein Stroh auf dem Dache hatte. Da fragte der König, warum er sein Gebot nicht erfüllt hätte, und der alte Mann antwortete: er könne kein ordentliches Dach haben, denn er hätte eine Tochter, die spönne das Stroh vom Dache und das Moos aus den Wänden. Da fragte der König, ob er die Tochter nicht bekommen könne. Der alte Mann aber antwortete: ja; und der König nahm die Tochter mit nach seinem Hause, wollte aber erst die Probe machen, ob sie auch wirklich eine so flinke Spinnerin sei. Am andern Tage gab er ihr ein Fuder Hede und sagte: in acht Tagen käme er wieder, dann sollte das fertig gesponnen und gehaspelt sein. Als nun der König wieder auf Reisen gegangen war, verfloß ein Tag nach dem andern, ohne daß das Mädchen anfing zu spinnen, denn es hat gar nicht spinnen können. An dem Tage, wo sie den König zurückerwartete, ging sie hinaus auf die Hausschwelle, setzte sich darauf und weinte laut. Da kam eine alte Frau, die fragte, was sie weinte. Das Mädchen aber sagte: ihr Herr und König wäre fortgegangen und hätte ihr ein Fuder Hede gegeben, das sollte in acht Tagen fertig sein und sie könnte gar nicht spinnen. Da fragte die Frau, ob sie einen Knust mit Zwetschenmus haben solle wenn sie freite, dann wollte sie ihr auch die Hede aufspinnen. Das Mädchen sagte: ja, den sollte sie haben. Darauf ging die Frau mit dem Mädchen herein, auf des Mädchens Kammer, nahm den Spinnwocken vor und sagte: Horle, Horle-Horle-Wip, Wie balde spinn' ich dich! Horle-Horle-Wap, Wie balde haspl' ich ab! Und damit war das Fuder Hede gesponnen und gehaspelt. Als nun der König den Abend nach Haus kam und fragte: »Hast Du abgesponnen?« sprach sie: »Ja.« Da sprach der König: »Gut, mein Schäfchen,« und hatte seine Freude, wie Alles so gut gesponnen und gehaspelt war. Bald darauf ging er wieder auf Reisen und gab ihr vorher ein Fuder Flachs zu spinnen auf. Da ging es wie das erstemal und am letzten Tage, als der König jeden Augenblick heimkehren konnte, setzte sich das Mädchen wieder auf die Hausschwelle und weinte. Gleich war die Alte wieder da und fragte, was es weinte. Da sagte die wieder, ihr Herr und König wäre fortgegangen, hätte ihr aber vorher ein Fuder Flachs zu spinnen gegeben und sie könnte gar nicht spinnen. Da fragte die Frau: wenn sie nun einst ein kleines Kind bekäme, ob sie das haben sollte? Das Mädchen antwortete: das sollte sie haben, wenn nur der Flachs aufgesponnen würde. Da ging es wieder: Horle, Horle-Horle-Wip, Wie balde spinn' ich dich! Horle-Horle-Wap, Wie balde haspl' ich ab! Und da war der schöne Flachs auf einmal gesponnen und gehaspelt und hing ein Lob Garn nach dem andern da und sah ein jedes so schön goldgelb aus und lachte die Leute an wie ein Pfund Butter. Als der König das sah, sprach er zu dem Mädchen: »Gut, mein Schätzchen, jetzt sollst Du Königin werden« und bestimmte den Hochzeitstag. Wie sie nun Hochzeit hatten, saß die Königin hinter der Tafel und der König holte das Essen und wartete auf, wie es einem Bräutigam geziemt. Da kam eine alte Frau auf die Hausflur und klopfte an. Der König ging hin und machte auf, da stand eine alte Frau da und sagte: sie wollte ihren Zwetschenknust holen, den ihr die Königin versprochen hätte. Da ging der König hin und sagte zur Königin, es wäre eine Frau da, die wollte den Zwetschenknust holen. Sogleich schnitt die Frau Königin einen Knust vom Brode ab, schmierte Zwetschenmus darauf, das mit auf der Königstafel stand, und reichte es der Frau hin, da bekam die so einen hohen Buckel und damit ging sie fort. Wie die Königin ein klein Kind erhielt, kam die Frau auch an und sagte, sie wolle das Kind holen, was die Königin ihr versprochen hätte. Die Königin aber sagte, sie sollte ihr das Kind doch noch vierzehn Tage lassen. Da sagte die alte Frau, wenn sie in vierzehn Tagen riethe wie sie hieße, dann wäre ihr das Kind geschenkt; wenn sie aber ihren Namen nicht riethe, dann gehörte es ihr, der alten Frau. Wie nun die vierzehn Tage um waren, ging die Alte in's Holz und suchte sich einen grünen Platz aus, darauf zündete sie Feuer an und setzte einen großen Kessel voll Öl darauf und sprang da dreimal herum und sagte: Wenn nur die Königin nicht weiß, Daß ich mit Namen Bekehrin heiß! Frau Wipp, Frau Wipp, dies ist mein Nam'. Da ritt aber der König eben durch den Forst, so daß die Alte ihn nicht sah. Er hörte was sie sprach und erzählte es der Königin. Als die Zeit um war, kam die alte Frau auch sogleich an und sagte, ob sie nun ihren Namen gerathen hätte. Da gab die Königin erst allerlei Namen an und die Frau wollte schon nach dem Kinde greifen, da sagte die Königin endlich, ob sie denn vielleicht Bekehrin hieße? Da mußte die Alte abziehen, ging wieder auf den grünen Platz im Walde und goß ihr Öl weg, darin sie das Kind hat sieden wollen. 21. Grafs-Heinrich. Grafs-Heinrich war eines edeln Grafen Sohn, darum ward er Grafs-Heinrich genannt. Er liebte aber eine Prinzessin, die mochte keinen Burschen leiden, den Grafs-Heinrich aber mochte sie leiden, worob die Königin sich sehr erzürnte, denn sie wollte, daß ihre Tochter einen König freien sollte. Darum beredeten sich die beiden, daß sie mit einander entfliehen wollten, Grafs-Heinrich aber belud drei Rosse mit Geld und die Prinzessin eins, und zogen heimlich davon. Als sie den Tag über mit einander fortgeritten waren, kamen sie Abends auf einen grünen Platz, da ließen sie die Pferde grasen und der Jüngling bereitete der Prinzessin in dem daranstoßenden Wald unter einem Baum ein Mooslager. Er selbst wollte bei den Pferden auf dem grünen Platze bleiben, und ehe die Prinzessin sich auf ihr Mooslager legte, übergab sie ihm zur Aufbewahrung eine kleine Schachtel mit vier goldenen Ringen. Als am andern Morgen die Sonne aufging, öffnete er die Schachtel, sich an ihrem Glanze zu erfreuen, da kam ein Rabe über ein nahes Wasser geflogen, nahm einen der Ringe in den Schnabel und flog mit ihm davon. Grafs-Heinrich verfolgte den Raben sogleich, der aber flog wieder über's Wasser, und als der Jüngling mit Mühe hinübergelangte, war der Rabe schon wieder auf der andern Seite des Wassers, und so ging es eine Weile fort, dabei ließ er den Ring in's Wasser fallen. Das sah Grafs-Heinrich aber nicht, und weil jetzt der Rabe sich aufmachte und immer in gerader Richtung hinflog, so verfolgte er ihn immerfort, um den Ring der Prinzessin wieder zu erhalten. Die Prinzessin war aber eine kleine Langschläferin, darum war der Prinz schon lange über alle Berge als sie erwachte. Sie rief wohl mit trauriger Stimme durch die Einöde: Grafs-Heinrich! Grafs-Heinrich! Aber was half's? Sie mußte sich endlich in ihr Geschick ergeben und baute von den Schätzen, welche die Rosse führten, ein Haus, davor hing sie ein Schild und schrieb daran: Daß hier jedem Kranken, der vorbei käme, unentgeldlich Pflege und Hülfe zu Theil werden solle. Sie dachte ja daran, wie ihr Verlobter jetzt verlassen in der Welt umherzöge, und wie es ihm übel ergehen möchte, wenn er einmal erkrankte. Dieser aber, nachdem er dem Raben schon lange nachgefolgt, war an eine Räuberhöhle gekommen, da verlor er ihn aus dem Gesicht, aus der Höhle aber stürzten die Räuber hervor, nahmen ihn gefangen, fesselten und banden ihn, führten ihn weit, weit hinweg über's Meer in ein Land, wo noch die Sklaverei galt, und weil er stark und gesund aussah, so kaufte ihn der König des Landes. Grafs-Heinrich aß aber sein Brod in dem Sklavenlande mit Thränen, wie auch wir gethan hätten, und in der Nacht stand er schlaflos am Fenster und dachte an die Prinzessin, davon ihn der Rabe entführt hatte. Da sah er einst das Töchterlein des Königs, bei dem er Sklavendienste thun mußte, mit einem alten Sklaven über den Hof ziehn und wie sie lachend und scherzend viel irdenes Geschirr mit sich trugen und vor dem Schlosse zerschmissen. In der nächsten Nacht kamen die beiden wieder, trugen lachend viel silbernes Geschirr und warfen es in den Fluß, und in der dritten Nacht trugen sie viel goldenes Geschirr daher, das sie abermal lachend in den Fluß warfen. So ging es abwechselnd jede Nacht und bald war der ganze Königspalast leer von Geschirr und war schon Alles mehrmals von Neuem angeschafft, zuletzt aber vermochte der König das Geld für das neue Geschirr nicht mehr aufzubringen und rief aus: »Weh mir, ich werde ein Bettler und werde zuletzt nicht einmal mehr irdenes Geschirr haben, davon zu speisen, wenn der Dieb, der das Geschirr nimmt (denn er meinte, daß es ein Dieb sei) nicht entdeckt wird.« Das jammerte den Jüngling, und er ging zu dem König und sprach: »O Herr, nicht ein Dieb raubt Euch all Euer Geschirr, sondern Euer alter Diener ist so kindisch worden, daß er Euer Töchterlein also verleitet und zur Nachtzeit mit ihr das irdene Geschirr lachend zerschmeißt und das silberne und goldene in den Fluß wirft.« Da war der König hocherfreut, daß er das wußte, verwies seinem Töchterlein was es gethan hatte und trug Sorge, daß sein alter Sklave ihm keinen Schaden mehr zufügen konnte. Aus Dankbarkeit aber entließ er den Jüngling, der ihm solches verkündet hatte, und schenkte ihm so viel, daß er zu Schiffe über's Meer wieder nach seinem Vaterlande zufahren konnte. Als Grafs-Heinrich über's Meer gefahren war, wollte er zu seinen Eltern gehen, aber er erkrankte unterwegs. Da las er das Schild, woran geschrieben stand, daß hier Kranke gepflegt würden, und trat hinein. Die Prinzessin erkannte ihn seiner Krankheit halber nicht sogleich wieder, nahm ihn aber bereitwillig auf und heilte ihn selbst, denn sie war nun in der Heilkunst sehr erfahren. Einst brachte sie ihm in seiner Krankheit einen Fisch zu essen, und als er diesen aufschnitt, fiel ihm der Ring der Königstochter in die Hand, den hatte der Rabe in's Wasser fallen lassen und der Fisch verschlungen. Sobald er den Ring in der Hand hielt, erkannte er auch, daß seine Verlobte vor ihm stand. Alsbald wurde er völlig gesund und die Hochzeit ward angestellt, dann aber zogen sie zu der Mutter der Prinzessin, die war voller Freuden, als sie ihre Tochter wiedersah, verzieh ihnen und übergab ihrem Schwiegersohne die Regierung. 22. Der gute und der böse Geist. Es war einmal ein Grafensohn, dessen Eltern waren früh gestorben und hatten ihn arm in der Welt zurückgelassen. Als der heranwuchs, wollte er sehen, ob er nicht nach seinem hohen Stande zu Ehren und Vermögen gelangen könnte und zog darum aus in die Welt. Er gelangte aber in einen Wald, da brach ein starkes Gewitter über ihn herein und er suchte Schutz in einer alten Ruine. Da that es plötzlich einen gar starken Schlag und schlug die eine Mauer auseinander. Als das Gewitter vorbei war, ging der Grafensohn nach dieser Stelle hin und erblickte eine große Kluft, die das Gewitter aufgerissen hatte, von der Kluft aber ging ein Gang aus und hinten in dem Gange sah er ein Licht. Diesem Lichte ging er nach in dem Gange hin, da gelangte er in ein Gewölbe, darin standen zwei Kasten. Da er nun neben den Kasten stand, so sah er jetzt, wie aus dem einen eine weiße Flamme hervorkam, aus dem andern aber kamen zwölf Flammen; auf jedem Kasten brannte noch außerdem ein Licht, wovon das größte ihm den Weg gewiesen hatte. Auch hing über dem einen Kasten eine irdene Glocke, an die schlug er mit seinem Degen, da klappte es nur. Da sah er sich um und erblickte in der Ecke des Gewölbes einen schwarzen und einen weißen Stab. Bei diesem Anblicke dachte der Grafensohn sogleich: ich will den weißen Stab nehmen und damit die Glocke berühren, vielleicht ist es etwas Gutes; er nahm also den weißen Stab und berührte damit die Glocke, da erklang sogleich mit aller Macht das ganze Gewölbe. Wie es ausklang, sprang der Kasten auf, wo die weiße Flamme herausschlug, und es kam eine Gestalt heraus wie ein Mensch und der Geist sprach freundlich zu ihm: er sei sein Erlöser und solle viel Glück dadurch gewinnen, nur möge er sich hüten, daß er nicht auch noch mit dem schwarzen Stabe an die Glocke schlüge, weil sonst Unglück über ihn hereinbräche. Darauf zeigte ihm die Gestalt an einer Stelle im Gewölbe ein Tönnchen Goldes und half ihm behende dasselbe durch den Gang rollen und an's Tageslicht bringen. Als sie draußen waren, gab ihm die freundliche Erscheinung noch eine Schelle und sprach: Wenn er mit der Schelle klingle, würde Hülfe da sein, so viel er bedürfe. Da baute der Grafensohn von dem Tönnchen Goldes neben die Ruine ein Grafenschloß, so schön, als nur Land auf, Land ab ein Schloß blinkt. Dann nahm er in diesem Schlosse seine Wohnung und klingelte oft mit der Schelle und dann war stets Hülfe da, ob er auch in schlimmen Nöthen war; auch wurde er mit Allem versorgt was er gebrauchte, um als ein vornehmer Graf zu leben. Weil aber wenige Leute sind, die das Glück so gut als das Unglück zu ertragen vermögen, so plagte den Grafen in seinem Schlosse gewaltig die Neugier, den Mann zu sehen, der in der zweiten Kiste in dem Gewölbe säße. Er suchte also nach vielen Jahren den unterirdischen Gang wieder auf und als er ihn gefunden, ergriff er den schwarzen Stab und schlug damit an die irdene Glocke. Da sprang der schwarze Kasten auf und eine furchtbare ergrimmte Menschengestalt kam heraus, die überhäufte den Grafen mit Vorwürfen, weil er sie nicht hätte ruhen lassen, und drohte ihn um's Leben zu bringen, wenn er das Gewölbe nicht sogleich verließe. Da mußte der Graf vor seinem Zorne entfliehen, konnte aber von Zeit an in seinem Schlosse nicht mehr ruhen und rasten vor Spuk und Unfug, den die ergrimmte Gestalt ihm darin bereitete. Die Kraft der Schelle war auch erloschen, und bald mußte der Grafensohn das Schloß verlassen und von Neuem arm und hülflos in der Welt umherziehen. 23. Die Uhr, die Flöte, das Rohr und der Hut. Es war einmal ein Bauer, der hatte zwei Söhne, einen dummen und einen klugen. Der Kluge wollte gern freien und konnte keine Frau bekommen, der Dumme aber besuchte Tag für Tag einen Zwerg im Walde und schenkte ihm Brod. Als nun der Zwerg einst krank war und wußte, daß er sterben würde, schenkte er ihm eine Uhr, eine Flöte, ein Rohr und einen Hut. Wenn man den einen Zeiger der Uhr herum schob, so kamen zehntausend Mann Soldaten anmarschirt und waren bereit zum Kampf. Wenn man die Flöte blies, so kamen fünfhundert Musikanten und bliesen sogleich die schönsten Stücke. Wenn man das Ohr an's Rohr hielt, so hörte man jedes Wort und Alles, was in der Welt vorging, und so oft man den Hut herumdrehte, fiel das schiere Gold heraus. Als der Zwerg todt war, drehte der Dumme ein wenig an dem Hut und versah sich mit Geld, dann aber legte er sein Hörrohr an's Ohr und da hörte er sogleich ein armes Mädchen seufzen: »Ach, nun krieg ich keinen Mann!« Da blies er in seine Flöte und fünfhundert Musikanten erschienen. Denen befahl er, das arme Mädchen mit Musik einzuholen, führte es auch selbst unter Musik seinem Bruder zu, stellte sogleich die Hochzeit an, drehte auch an dem Hochzeitstage so oft am Hute, daß er Geld unter die Leute werfen konnte und daß sein Bruder noch für sein ganzes Leben mit seiner Frau genug daran hatte. Einst sah er in einer großen Stadt einen Trupp Menschen zusammenstehen und fragte: »Ihr guten Leute, was gibt's denn hier?« »Ei,« antworteten die, »wir erwarten die neueste Post aus Spanien, denn der König von Spanien hat Krieg.« »Ich will eure Neugier befriedigen, ihr sollt die allerneueste Nachricht haben, noch warm wie eine gebratne Taube,« sagte der Dumme. Er legte sein Hörrohr an und hörte, wie der König von Spanien, der hart bedrängt war, jämmerlich um Hülfe rief, auch dem, der ihn aus seiner Noth erretten würde, seine Tochter versprach. Da vergaß er Alles um sich her, zog seine Uhr aus der Tasche, schob den einen Zeiger herum und sogleich kamen zehntausend Mann Soldaten an, daß die Neugierigen erschreckt auseinander stoben. Da blies er auch noch in die Flöte, daß die fünfhundert Musikanten ankamen, hieß sie einen Marsch anstimmen, führte sein Heer dem König von Spanien zu Hülfe und befreite ihn aus den Krallen seiner Feinde. Da stellte der König von Spanien sogleich die Hochzeit an und der Bauernsohn erbte nach seinem Tode das Reich. 24. Der große Peter. Es waren einmal drei Brüder, ein Tischler, ein Schuhmacher und ein Schneider, die reisten mit einander. Eines Abends sahen sie ein Licht von Ferne schimmern, darauf gingen sie zu und kamen an ein Haus. Darin war Niemand, als sie aber durch drei Zimmer gegangen waren, fanden sie im dritten einen gedeckten Tisch, drei Teller und schöne Speisen. Daneben lagen Messer und Gabel und auf dem Tische standen drei Flaschen Wein, auch waren drei Betten bereit. Der Tischler und der Schuhmacher aßen tüchtig, der Schneider aber war so bang und saß immer unter dem Tische (wohin ein Schneider nach dem Sprichwort gehört) und zitterte. Da aß der Tischler des Schneiders Teller mit leer und trank auch seinen Wein mit aus. Darauf legten der Tischler und der Schuhmacher sich in zwei der Betten. Als sie eine Weile gelegen hatten, kamen drei Bären, die riefen suchend: »Ach, unsre Speise! ach, unser Trank!« Der eine Bär guckte in das eine Bett, da lag der Tischler darin. Der andere Bär sah in's zweite Bett, da lag der Schuhmacher darin. Da sah der dritte in's dritte Bett, und als Niemand darin lag, warf er den Schneider hinein, denn es war gar kalt und die Bären froren sehr und die drei Brüder sollten ihnen die Betten wärmen. Nach einiger Zeit legten sich die Bären noch zu den drei Brüdern in's Bett, und wie der Schneider sich auch fürchtete, so mußten sie doch aushalten die ganze Nacht. Am andern Morgen brachten die drei Bären drei Beutel voll Geld, drei Karten und drei Hüte herbei, davon sollte jeder der drei Brüder etwas wählen. Da nahm der Schuhmacher und der Schneider, welcher jetzt mehr Muth hatte als zuvor, so viel, daß für den Tischler nichts weiter übrig blieb als eine Karte und ein alter dreieckiger Hut, aber kein Beutel mit Geld, denn der Schneider hatte gesagt: »Du hast gestern meine Speise und meinen Wein genossen, dafür mußt Du mir heute Deinen Beutel mit Geld lassen,« und darein willigte der Tischler. Es begab sich aber, daß der Schneider und der Schuhmacher, die mit einander gingen, unter eine Räuberbande fielen. Da wurde ihnen das Geld abgenommen und um nur ihr Leben zu retten, mußten sie selbst unter die Räuberbande treten. Der Tischler ging allein seines Wegs und nahm Arbeit. Eines Tages saß er auf seiner Kammer, zog seine Karte aus der Tasche und sah, daß daran die Worte standen: »Der große Peter ist auch gut zu gebrauchen.« Sobald er diese Worte aber laut gelesen hatte, stand ein großer Mann da und sprach: »Mein Herr, was befehlen Sie?« »Hoho!« rief der Tischler, »das ist mir lieb, daß Du kommst. Vor allen Dingen bring mir einmal gut zu essen und zu trinken.« Sogleich brachte der große Peter zu essen und zu trinken und der Tischler ließ sich's wohl sein. Seit der Zeit hatte der Tischlergesell in Allem ein herrliches Leben. Redete ihn sein Meister einmal hart an, so ging er im ganzen Hause umher, und wie auch der Meister und die Meisterin jammerten, schlug er doch Alles entzwei und lachte und pfiff dabei. Wenn er das eine Weile so getrieben hatte, so las er nur: »Der große Peter ist auch gut zu gebrauchen!« dann kam der an und machte Alles wieder heil. Dem Meister wurde das zuletzt doch zu arg, darum beschwerte er sich über ihn und der Gesell wurde gefangen genommen. Als er nun so im Gefängniß saß und nachdachte, ob der große Peter ihm wohl auch diesmal wieder helfen könnte, rückte er ein wenig an der Ecke seines alten Hütchens, da that es einen Knall und Schuß und stand auch sogleich das ganze Gefängniß in Flammen, die ergriffen auch das Königsschloß, das dem Gefängniß gegenüber lag. So ging er frank und frei an der Hand des großen Peters, den er auch noch gerufen hatte, aus dem Gefängniß. Als der große Peter ihn wieder verlassen hatte, fiel er in Räuberhände, da rief er ihn sogleich wieder und ließ alle Räuber binden. Da erkannte er erst, daß seine Brüder unter den Räubern waren, machte sie ihrer Fesseln wieder ledig, überließ die andern Räuber ihrem Schicksal, zog mit seinen Brüdern davon und lebte von der Zeit an mit ihnen lustig von dem, was der große Peter ihm brachte. 25. Das Kirmes-Mädchen Es war einmal ein Bauernsohn, der hatte sich vorgenommen, in die Welt zu ziehen, und ersparte sich dazu das Geld. Als er nun eine Summe beisammen hatte und bald abziehen wollte, kam der Teufel und wollte das Geld stehlen. Der Bauernsohn sah das aber und streute ihm stillschweigend eine Portion Salz an die Lenden, daß er sein Vorhaben nicht ausführen konnte. Er zog hierauf bald ab, der Teufel aber lag lange krank, bis seine Beine wieder heil waren. Als er wieder gesund war, dachte er seinen Groll an der Schwester des jungen Burschen auszulassen. Deshalb kam er am Abend des ersten Kirmestages in einer Kutsche angefahren, die mit sechs Fröschen bespannt war; da tanzte er immerfort mit der Schwester des Bauernsohns, die aber war voller Freude über den vornehmen Herrn, der so fein und artig gegen sie war. Als nun der Tag zu Ende war und die Bauernmädchen sich auf den Heimweg machen wollten, lud er diese ein, sich in die Kutsche zu setzen, damit er sie nach Hause führen könne. Die Schwester des Burschen setzte sich mit Vergnügen in die Kutsche, um nach Haus zu fahren, und sah gar nicht, daß die sechs Frösche davor gespannt waren. Aber statt das Mädchen heim zu fahren, führte er sie in seine Wohnung; die sechs Frösche aber hüpften immer hin und her und der Wagen flog nur so dahin. Als die Frösche anfingen zu quaken, sagte das Mädchen: »Ei, wie wiehern Eure muthigen Hengste!« Es merkte nichts bis sie eine Stunde weit gefahren waren und der Teufel den Freudengesang anstimmte: Was werden meine Leute sagen Zu dieser schönen, jungen Braut! Sie werden in die Hände schlagen Und lachen übermäßig laut! Als sie in der Hölle waren, mußte das Bauernmädchen immer dem Teufel Holz zureichen, bis einmal ein armer Sünder aus der Hölle lief, da sind die ganzen Teufel hinterdrein geeilt und da hat das Mädchen die Gelegenheit benutzt und ist auch fort gelaufen. Auf dem Wege von der Hölle nach der Erde traf es einen Barbier, der einem andern einen Groschen geliehen hatte und nun den Groschen wieder haben wollte. Der andere gab ihm zwar einen Groschen, aber er wollte den nämlichen Groschen wieder haben, welchen er ihm geliehen hatte, und da er ihm denselben nicht mehr geben konnte, weil er ihn schon lange ausgegeben hatte, so fingen die beiden an sich zu prügeln. Da mischte sich das Kirmes-Mädchen in den Streit, stand dem Rasierer bei und prügelten den andern durch. Als der nun matt war, ging er zum Gericht und verklagte die beiden, da entstand ein großer Prozeß, das Mädchen aber vertheidigte sich selbst und den Barbier auf's Beste, und der Richter hat ihnen Recht gegeben. Da hat der Andere laufen müssen von einem zum andern und hat den Groschen wieder gesucht und seine Prügel hat er dazu gehabt. Weil aber dem Barbier das Mädchen gefallen, so ist er gleich darnach zum Pfarrer gegangen und hat sie geheirathet. Als der Barbier, der in allen Stücken ein Sonderling war, seinen Groschen wieder in der Tasche hatte, sprach er zu seiner Frau: »Jetzt wollen wir zusammen in die weite Welt gehen.« Sie waren aber noch nicht weit gegangen, da begegneten sie dem Bruder der Barbierfrau und setzten ihre Reise gemeinschaftlich fort. Sie kamen an ein Wasser, daran blühete eine hübsche Rose, die bewachte ein großer Hund; da pflückte der Barbier die Rose ab und nahm sie mit. Da ging der Hund mit ihnen weiter und sie fanden einen großen Fisch, und als sie ihn gefunden hatten, wurde die Rose zu Gold und der Hund lief davon. Der Fisch war aber so groß, daß sie alle vier daran trugen. Als sie nun in die Stadt kamen, stand an allen Ecken angeschlagen, daß auf des Königs Schlosse der Geburtstag des Königs gefeiert werden sollte und man dazu gern Fische essen wollte. Da wußten die Leute in der Stadt keinen Rath und konnten keine Fische anschaffen. Der Barbier aber trug seinen Fisch hin, und man bewunderte die Größe desselben. Als nun aber der Fisch ausgenommen war, sprang aus seiner Blase eine holde Königstochter, die vor zehn Jahren verschwunden war, hervor, und da wurden sie alle zu Tafel gezogen und der Schwager des Barbiers ward sogleich mit der Königstochter getraut. Da haben sie mit einander den Fisch gespeist, und von der Zeit an ward an diesem Tage, so oft er wiederkehrte, jedesmal zum Andenken Fisch gegessen. 26. Zauber-Wettkampf. Es war einmal ein armer Mann, der hatte einen Sohn, konnte aber den Knaben nicht ernähren. Da kam ein Zauberer und sagte, daß er ihn mitnehmen wolle, er solle gute Kleidung haben und gut zu essen und nichts thun als auf das Haus zu achten. Da gab der Mann seinen Sohn ihm mit, der aber war immer allein zu Hause und der reiche Zauberer gab ihm Bücher, befahl ihm aber auch unter vielen Drohungen, daß er kein Buch angreifen solle, was er ihm nicht selbst gegeben hätte. Allein das befolgte der Junge nicht, sondern las, so oft der Zauberer fort war, in dessen Zauberbüchern und wußte bald Alles, was darin stand, auswendig. Als der Zauberer merkte, daß der Junge in den Büchern las, mußte er wieder nach Haus. Dort sagte er aber zu seinem Vater, er solle ihn als Hund an einen Riemen vor die Thür binden und wenn die Jäger kämen, so würden sie sprechen: Ei, was ist das für ein schöner Hund! dann solle er ihn aber nicht für weniger als fünf Thaler hingeben, weil er sonst für immer bei den Jägern bleiben müsse. Der Vater that also; die Jäger aber kamen und kauften und gaben dem Manne fünf Thaler. Der Alte löste dem Hunde zuvor den Riemen ab und nun lief der Hund wohl eine Strecke mit den Jägern, weil sie ihn lockten, aber unterwegs verwandelte er sich wieder in den Knaben und eilte nach Haus. Als die fünf Thaler all waren, sagte er zu seinem Vater wieder, er solle ihn in einen Stall an die Krippe binden, er wolle sich in einen Ochsen verwandeln, dann würden die Fleischer kommen und sagen: Ei, was ist das für ein schöner Ochse! und dann solle sein Vater ihn nicht unter hundert Thaler verkaufen. So geschah es auch; unterwegs aber verwandelte sich der Ochse wieder in den Knaben und lief den Fleischern davon, ehe sie nach der Fleischbank kamen. Als die hundert Thaler all waren, sagte der Junge: sein Vater solle ihn im Stalle anbinden wie ein Pferd, dann würden die Roßkämme kommen und sprechen: Ei, was ist das für ein schönes Pferd! Er aber solle es nicht unter zweihundert Thaler hingeben, auch zuvor seinen Halfter ablösen und den nicht mit verkaufen, weil er sonst nicht zu ihm zurückkehren könnte. Da band der Alte seinen Sohn wie ein Pferd an die Krippe, der aber verwandelte sich alsbald in ein stattliches Roß und schnaufte im Hafer. Da kamen auch sogleich die Roßkämme an, wollten das Pferd kaufen und sprachen: Ei, was für ein schönes Roß! Unter den Roßkämmen aber war auch der alte Zauberer, der hatte erfahren, daß der Knabe schon aus seinen Büchern die Zauberei gelernt habe und wollte ihn in seine Gewalt bekommen und darum das Pferd kaufen. Das schöne Roß erbebte ordentlich in den Nüstern, als es den Zauberer erblickte. Die Roßkämme aber begannen auf das Pferd zu bieten und der Zauberer überbot sie alle, da ward mit den Händen gepatscht und der Handel abgeschlossen, als aber der Vater des Knaben den Halfter vom Pferde ablösen wollte, wehrte ihm der Zauberer mit aller Macht, und die Roßkämme bezeugten ihm, daß der Halfter am Pferde verbleiben müsse. So führte der Zauberer das Pferd davon und als es den Huf aufhob und die Roßkämme auf seinen Gang sahen, bemerkten sie, daß kein Eisen daran war und sagten es dem Zauberer an. Der aber sprach: »So lasset uns das Roß zum Hufschmied führen und unterdessen, daß der Meister Schmied das Eisen warm macht, eins mit einander trinken.« Das thaten sie denn auch, und während die Roßkämme in der Schmiede waren und mit einander tranken, und die Schmiedegesellen auf das Hufeisen hämmerten, stand ein Knabe neben dem schönen Pferde und betrachtete es, da sprach es zu ihm: »Geschwind zieh' dein Brodmesser aus der Tasche und schneide meinen Halfter damit durch.« Das that der Knabe auch, da flog das schöne Pferd als Rebhuhn davon, und da kannst Du Dir denken, was die Schmiedegesellen für Augen machten, die so lustig auf das Hufeisen schlugen, und wie sie gleich aufhörten zu hämmern, denn sie dachten sich wohl, daß das Hufeisen nicht dem Rebhuhn an seine Füße passen würde; die Roßkämme aber waren noch mehr erschrocken, denn sie dachten, was da aus dem Pferdehandel werden sollte, wenn ihnen die stattlichen Rosse auch in der Luft davon flögen. Der Zauberer, schnell gefaßt, verwandelte sich in einen großen Raubvogel und verfolgte das Rebhuhn. Das Rebhuhn aber verwandelte sich in einen Ring, fiel einer Königstochter in den Schoos, die steckte ihn an ihren Finger; sogleich verwandelte sich der Zauberer in seine menschliche Gestalt, trat vor die Prinzessin hin und sagte ihr, daß er den Ring ihr bei einem Kunststücklein habe in den Schoos fallen lassen. Da zog sie den Ring vom Finger und wollte ihn dem Zauberer reichen, der Ring aber fiel gleich als ein Gerstenkorn auf die Erde; da verwandelte sich der Zauberer in einen Hahn und wollte das Gerstenkorn aus einer Ritze herauspicken, aber kaum war der Zauberer ein Hahn, da war auch das Gerstenkörnchen schon wieder ein Hund, wie er zu Anfang gewesen war, und biß dem Hahn den Kopf ab und da war der Zauberer todt. Da kamen aber eben wieder die Jäger vorbei, welche den Hund gekauft hatten, die riefen: Seht doch unsern schönen Hund! und lockten ihn. Allein der Hund verwandelte sich geschwind wieder in einen Menschen, trat zu der Prinzessin, und weil die ihn als Ring von ihrem Schoose aufgenommen und an den Finger gesteckt hatte, so nahm sie ihn zum Mann und sie lebten mit einander lange und glücklich. 27. Halt fest. Es war einmal ein alter Soldat, der hatte dem König dreißig Jahre auf dem linken Absatze gedient und bekam zuletzt einen Bettelbrief, damit konnte er betteln, so viel er wollte. So zog er denn vorwärts, tief betrübt, daß er seinen Soldatenrock hatte ablegen müssen, und kam in einen Wald, da begegnete ihm ein graues Männchen, das forschte nach der Ursache seiner Bekümmerniß. Darauf klagte der Invalide ihm seine Noth und weinte, daß er zum Lohn nichts als den Bettelbrief vom König erhalten habe. Da lachte das graue Männchen und sprach: »Alter, das geht nun einmal nicht anders; wenn Ihr aber Lust habt, unter meiner Compagnie Soldat zu werden, so kommt nur mit mir, es soll Euch gewiß nicht gereuen.« Darauf ging der Soldat mit dem grauen Männchen und das führte ihn in eine Höhle, darin standen Betten, Tische, Stühle und Schränke und das graue Männchen bewirthete den Alten drei volle Tage lang auf's Schönste und Beste. Am vierten Tage gab es ihm einen Vogel mit auf die Reise und sprach: »Wenn man diesem Vogel sagt: Halt fest! so muß ein Jeder Alles stehen und liegen lassen und hinterdrein laufen.« Der Vogel setzte sich auf den Rücken des Alten und am Abende kam dieser in's Wirthshaus, erzählte von der Eigenschaft des Vogels und zeigte seine Kunst. Wenn die Leute essen wollten, so rief er: Halt fest! und dann konnte Niemand die Speise zum Munde führen, sondern saß an dem Vogel fest und der Soldat ließ sich unterdessen die Mahlzeit des Andern gut schmecken. Die Wirthstöchter hatten ihren Spaß daran und als der Alte auf seine Kammer gegangen war, wollte die jüngste den Vogel, der in der Wirthsstube geblieben war, holen und verstecken, auf daß sie ihn behalten könnten. Der Alte aber hatte ihr Vorhaben gemerkt und rief mit lauter Stimme von seiner Kammer: Halt fest! Da saß das Mädchen an dem Vogel fest und mußte sich so in ihrer Kammer auf's Bett legen. Als der Invalide am andern Morgen aufgestanden war, sah er die ältere Wirthstochter auf ihrer Schwester Kämmerlein gehen und hörte wie sie sagte: »Du faules Mädchen, so wache doch auf! die Sonne scheint Dir ja schon auf's Bett!« Da rief er rasch: Halt fest! und sogleich saß die ältere Schwester an der jüngern fest. Jetzt machte sich der Soldat auf die Wanderschaft und da zog der Vogel mit den beiden Wirthstöchtern immer mit. Der Wirth, der zuletzt auch aufgestanden war, wollte sie zwar festhalten, aber da der Invalide sprach: Halt fest! so durfte er auch nicht zu Hause bleiben und mußte selber hinterdrein watscheln. Alsbald kam eine wüthende Kuh auf den Wirth, der immer hinterher trippelte, losgerannt, und wollte ihn stoßen, der Alte sprach: Halt fest! und die Kuh zog hinter dem Wirth drein. Das verdroß den Nachbar Bäcker, darum sprang er mit dem Kuchenschieber in der Hand vom Backofen hinweg und wollte auf die Kuh schlagen, daß sie losließe. Sogleich aber mußte er hinter der Kuh herlaufen. Der Hirt hatte Alles voll Verwunderung mit angesehen, als aber jetzt der Alte auch zu dem Ochsen, der auf den Bäcker losrannte, sprach: Halt fest! wollte er zum wenigsten seinen Ochsen wieder haben und legte Hand an ihn, ihn zurück zu halten. Sogleich sprach der Alte wieder: Halt fest! und der Hirt mußte hinter dem Ochsen drein. So zog der alte Soldat mit den Andern immer weiter und weiter, bis sie in ein Land kamen, wo der König bekannt gemacht hatte, daß, wer seine Tochter zum Lachen bringen könne, sie zur Frau haben solle. Das hatte noch Niemand gekonnt, als aber der Invalide mit seinem Gefolge über den Königshof marschirte, lachte sie hell auf, konnte vor Lachen nicht essen und nicht trinken, und der Soldat erhielt sie zur Frau und bekam mit ihr die Krone und das Reich. 28. Der Schraubstock, der Spannstuhl und die Tabackspfeife. Ein Schlossergesell, der auch die Geige gut zu spielen verstand, kam in das Wirthshaus einer Königsstadt und fragte den Wirth, was es Neues gäbe? Der Wirth antwortete nach Gewohnheit: Es gibt wenig; und da der Schlossergesell neugierig fragte: So gibt es doch etwas? entgegnete er: »Ja freilich; es spukt im Königsschlosse, und wer den Spuk aufhebt, bekommt das Reich und die Prinzessin zur Frau.« Sogleich meldete sich der Schlossergesell beim Könige, und als der Abend kam, wurde er mit seiner Geige in's Schloß geführt. Um elf Uhr that sich die Thür auf und eine große weiße Gestalt trat herein. Darüber erschrak er sehr, spielte aber immerfort auf seiner Violine. Da blieb der Geist stehen und fing an zu tanzen, und wie der Schlosser rascher spielte, begann auch der Geist rascher zu tanzen, tanzte eine Glockenstunde lang und war mit dem Schlage zwölf verschwunden. Am andern Tage verwunderte sich der König sehr, daß der Schlossergesell noch am Leben war. Der aber begab sich jeden Abend wieder in das Königsschloß und weil der Geist in den nächsten Nächten nicht wieder kam, so ward ihm die Zeit lang und er legte zum Zeitvertreib einen Schraubenstock an. So vergingen vier Wochen, und eines Nachts wollte der Schlossergesell so eben ein Stück Eisen einspannen, als der Geist hereintrat. Die Violine war nicht dort und als der Geist auf ihn losfuhr, lief er immer um den Schraubenstock herum. Dabei verfolgte ihn der Geist und streckte immerfort die Hände nach ihm aus, war aber so ungeschickt, daß die ausgestreckten Finger seiner rechten Hand zwischen den Schraubenstock geriethen. Als der Schlossergesell das sah, spannte er ihn sogleich fest. Der Geist aber bat, daß er ihm doch eine Stelle im Schlosse anweisen möchte. Da sprach der Schlosser: »Du gehörtest freilich in's rothe Meer, jedoch ich will's gut mit Dir meinen und Dich hier gegenüber in den Schloßgarten bannen.« Da ging der Geist in den Schloßgarten und der Schlossergesell bekam die Prinzessin zur Frau. Lange Zeit mieden sie des Geistes wegen den Schloßgarten und waren schon viele Jahre verheirathet und hatten drei Kinder, da wünschte einst die Prinzessin mit ihrem Manne und ihren Kindern im Schloßgarten spazieren zu fahren. Sogleich wurden vier prächtige braune Hengste vor den Wagen geschirrt und sie stiegen mit einander ein. Alsbald kam der Geist herbei und wollte den, der ihn in den Schloßgarten gebannt hatte, erwürgen. Allein da die vier muthigen Braunen die lange weiße Gestalt erblickten, bäumten sie sich auf den Hinterfüßen empor und streckten die Vorderfüße aus. Als der Geist die ausgestreckten Vorderfüße erblickte, meinte er, die Braunen wären vier Schraubstöcke, die der Schlosser bei sich hätte und darin er sich verwirren und eingeklemmt werden sollte. Da floh er eiligst aus dem Garten und rief: »Nein, Du Schurke, Du hast mich einmal im Schraubstocke gehabt, zum zweiten Male sollst Du mich nicht fangen! In zwölf Jahren soll der Oberste der Teufel selber aus der Hölle kommen und Dich holen!« Als nun das zwölfte Jahr danach herankam, ward dem Manne der Prinzessin doch bange und er ward immer betrübter und grüßte zuletzt Niemand mehr. Da fragte einstmals der alte König, was seinem Schwiegersohne fehle, der aber wollte es nicht sagen. Da wurde auf des Königs Befehl ein Spannstuhl und eine lange Tabackspfeife herbeigeschafft, damit sich der Schlossergesell die Sorgen vertreiben könnte und dabei vergaß er sie auch wirklich. Einstmals saß er auch in dem Spannstuhl und rauchte, da kam der Teufel an und forderte ihn laut auf, mit nach der Hölle zu gehen. »Nur sachte,« sprach der Schwiegersohn des Königs; »wenn meine Frau und meine Kinder hören, daß Du da bist, Gesell, so gibt es ein Geschrei; deshalb denke ich, wir gehen gleich mit einander zur Hinterthür hinaus und durch den Garten, damit Niemand uns wegziehen sieht.« Das war der Teufel zufrieden, der Schlossergesell steckte aber eine Pistole in die Tasche und nahm seine lange Pfeife in die Hand und so zogen sie unbemerkt durch den Garten ab. Als er oben mit dem Teufel ankam, ließ er sich erst von ihm herum führen und sich Alles erklären, was er sah. Da stand aber Jemand, der zeigte immer mit den Fingern hinten in den Mund und der Teufel sagte: »Der hat auf Erden zu viel gelogen, darum muß er hier dursten.« Weiterhin stand Jemand, der maß Korn auf und mußte immerfort abstreichen, und wie viel er auch abstrich, sogleich wuchs das liebe Korn wieder über den Scheffel heraus und war ein unermeßlicher Segen und immer wie ein hoher Berg über dem Rande des Scheffels. Da sagte der Teufel zu dem Schwiegersohne des Königs: »Der hat die Armen beim Kornhandel betrogen und nun ist es seine Strafe, daß er immerfort abstreichen muß, bis er einmal ganz genau gemessen hat. Der liebe Kornsegen wächst ihm aber immer wieder darüber, zum Zeichen, daß Gott gar mildthätig und den Wucherern feind ist.« Als sie Solches mit einander angeschaut hatten, wollte sich aber der Schlosser seine lange Pfeife anstecken, stopfte sie mit Taback und zündete sie am Höllenfeuer an. Da fragte der Teufel, was er da machte? und des Königs Schwiegersohn antwortete, daß das Rauchen unten auf der Erde Sitte sei. Da wollte der Teufel auch rauchen und der andere sprach: »Je nun, hier hab' ich noch eine kurze Pfeife eingesteckt, diese Art von Pfeifen ist nicht so vornehm als die langen, aber für Dich, Gesell, wird sie wohl gut genug sein.« Damit zog er die Pistole aus der Tasche, steckte sie dem Teufel wie eine Pfeife in den Hals und schoß sie ab. »Bu! Bu!« schrie der Teufel, »Dich sammt deinen Pfeifen können wir hier nicht brauchen!« Damit bat er ihn abzuziehn und brachte ihn noch auf den Weg. Von dieser Zeit lebte der Schlossergesell mit seiner Familie glücklich und ungestört und von seinem Schwiegervater hat er das Königreich geerbt. 29. Johannes der Bär. Ein Schmied hatte ein Stück Land im Besitz, das mußte ihm seine arme Frau, die krank und schwach war, bebauen. Einst gebar sie einen Sohn, den band er ihr nach dreien Tagen schon auf dem Rücken fest und trieb sie hinaus auf's Feld, daß sie wieder arbeiten sollte. Die Frau weinte, aber er prügelte sie und so ging sie weinend fort, doch nicht auf das Feld, sondern in einen dichten Wald, um ihrem bösen Manne zu entfliehen. Dort setzte sie den Knaben unter einen Baum und suchte in der Nähe Reisig, um sich ein Feuer anzuzünden. Unterdessen kam eine Bärin, da ward ihr angst und lief davon. Als sie aber sah, daß die Bärin gerade auf den Knaben losging, ihn in die Schnauze nahm und mit ihm fortlief, dachte sie: wo mein Kind bleibt, da will ich auch bleiben, ging der Bärin nach und folgte ihr bis an ein tiefes Loch, und da sie hinein ging, folgte sie ihnen auch in die Höhle nach. Als aber der Knabe schrie und sie meinte, daß sie ihm die Brust geben wollte, legte es die Bärin schon an ihre Zitzen und säugte es mit Bärenmilch. Am andern Tage ging die Bärin aus, legte aber von außen einen dicken Stein auf das Loch, so daß Niemand hinaus konnte. Nach einiger Zeit kam sie zurück und hatte ein großes Stück Fleisch in der Schnauze, das schlug sie immer gegen eine Klippe, bis es schön weich und mürbe ward und gab es dann der Frau, die es verzehrte. Also ernährte die Bärin fünf Jahre lang den Knaben und die Frau mit Bärenmilch und mit Fleisch. Die Mutter aber gab ihrem Knaben den Namen: Johannes der Bär. Als die fünf Jahre um waren, sprach der Junge heimlich zu seiner Mutter: »Jetzt wollen wir noch ein Jahr in diesem Loche bleiben. In der Zeit sollst Du mir entdecken, wer mein Vater ist, und wir wollen zu ihm gehen.« Die Frau fürchtete sich sehr, zu dem Schmied zurückzukehren, und sprach: »O, mein Sohn, Dein Vater ist der liebe Gott, und wie wollen wir zu dem gelangen?« »Nein,« sagte der Knabe, »damit begnüge ich mich nicht, Du mußt mir sagen, wo mein Vater hier auf Erden wohnt, daß ich Dich zu ihm führen kann.« Da erschrak seine Mutter noch mehr, als aber das Jahr um war, offenbarte sie ihm Alles; der Knabe warf den schweren Stein von dem Loche fort und so verließen sie die Höhle, während die Bärin ausgegangen war. Nun gingen sie mit einander nach der Schmiede, da trat der Knabe, der Johannes der Bär geheißen hat, zuerst ein und sprach zu dem Schmied, der an der Esse stand: »Ich kenne Dich wohl, Du bist mein Vater. Versprich mir, daß Du meine Mutter nicht mehr ärgern willst, sonst ergeht es Dir übel von mir.« Da besah der Schmied den Knaben von oben bis unten, lachte, daß ihm der Bauch schütterte, freute sich aber doch, daß er einen so kecken Buben hatte und daß seine Frau wieder bei ihm war. Er führte also Weib und Kind in die Stube, ward menschlich gegen die Frau und ließ Johannes den Bär ordentlich zur Schule gehen. Weil ihn aber die andern Kinder dort immer damit neckten, daß er mit Bärenmilch gesäugt sei, so nahm er eines Tages in jede Hand einen Jungen, die beide mit ihm von gleichem Alter waren, und schlug den einen mit dem andern todt. Von der Zeit an durfte der Schmied seinen Sohn nicht mehr zur Schule schicken und hieß ihn auf dem Acker arbeiten. So wie aber Johannes der Bär die Hacke angriff, ging sogleich von der Kraft, mit der er sie anfaßte, der Stiel los. Am andern Tage bekam er wieder eine neue Hacke, aber auf dem Felde zerbrach ihm wieder der Stiel in der Hand. So erging es alle Tage, der Schmied aber erzürnte darüber sehr, schickte auch seinen Sohn zuletzt gar nicht mehr auf das Feld hinaus, sondern gab ihm in seiner Schmiede die schwerste Arbeit. So arbeitete Johannes der Bär eine Zeit lang bei seinem Vater, da zerbrach er aber immer den Hammer, so wie er ihn nur angriff, und der Alte war froh als Johannes der Bär sagte, daß er in die Fremde ziehen wolle. Da fragte der Sohn, wie viel Eisen er nun auf dem Lager hätte? und er antwortete: Zwei Centner. Das ist genug, antwortete Johannes der Bär, davon will ich mir einen Spazierstock machen. Er nahm also alles Eisen, so viel noch dalag, machte sich einen langen eisernen Stab davon, spazierte ganz zierlich damit in die Fremde und schwenkte seinen Spazierstock immer zwischen den Fingern herum in der Luft. Als er einige Tagereisen mit gegangen war, sprach er bei einem Meister um Arbeit vor und erhielt sie auch. Nun waren in derselbigen Werkstelle zwölf Schmiedegesellen in Arbeit und da arbeitete Johannes der Bär an Einem Tage so viel als die übrigen Schmiedegesellen in einer Woche. Es begab sich aber eines Tages, daß die Meisterin in die Stube ging und ihrer Gewohnheit nach die Teller der dreizehn Gesellen und des Meisters sogleich einmal mit Speisen vollfüllte. Da schlich Johannes der Bär sich vor den Übrigen in die Stube, als die Meisterin wieder herausgegangen war, setzte sich an den Tisch und aß alle vierzehn mit Speisen bis an den Rand gefüllte Teller aus und dann auch noch drei Kümpen, welche zum Nachfüllen voller Speise dastanden. Danach suchte er auf gute Art wieder aus der Stube zu kommen. Er hatte aber die Teller und Kümpen so rein ausgeputzt, daß sie aussahen, als wären sie ausgewaschen. Jetzt rief die Meisterin die Gesellen zum Essen aus der Werkstelle, da ging Johannes der Bär auch wieder mit herein und alle dreizehn Gesellen traten hin und wuschen sich und da kam der Meister auch herein, sah nach dem Tische und wurde gewahr, daß nichts zu essen darauf stand. Darüber schalt er mit seiner Frau, die Gesellen aber überführten Johannes den Bär, daß er vor ihnen in die Stube gegangen war, und er gestand ein, daß er Alles ausgegessen hatte. Darauf sprach der Meister zu Johannes den Bär: »Höre einmal, Gesell, Du bist kein Kraut für mich, denn ich kann das Eisen für all Deine Arbeiten nicht aufbringen und habe auch nicht Absatz genug dafür. Blos als Katze Dich aber im Hause zu behalten zum Topfauslecken, dazu ist Dein Magen mir auch zu groß; Du wärst ja im Stande, einen ganzen Backofen voll frischer Semmeln auszulecken, als ob's ein Tassenkopf mit Rahm wäre. Also zieh nur getrost wieder in die Fremde, denn ich kann Dich nicht länger behalten.« Damit mußte Johannes der Bär abziehen und schwenkte wieder seinen Eisenstab als Spazierstock in der Luft. Als er einige Tagereisen fortspaziert war, traf er einen Riesen, der immerfort Bäume ausriß. »Ei, sieh einmal,« sagte Johannes der Bär zu dem, »Du bist ja recht stark.« »Aber doch lange noch nicht so stark als Johannes der Bär,« antwortete der Riese. »Freilich nicht,« sprach Johannes der Bär, »das bin ich selbst.« »Wie, Du kleiner Knirps wärst Johannes der Bär?« entgegnete der Riese, »das kann ich nimmermehr glauben.« Da riß Johannes der Bär, zum Zeichen, daß er's gewiß und wahrhaftig sei, selber Bäume aus und war dabei so flink und behende, daß der Riese darüber erstaunte und ihm als seinem Herrn und Meister nachfolgte. Als die beiden mit einander eine Zeit lang gereist waren, gelangten sie an eine große Felsenreihe. Da sahen sie einen Menschen, der mit bloßen Händen in einem Steinbruche die Steine losbrach und sie auch mit bloßen Händen auf's Schönste und Sauberste behackte. Der sagte auch, daß er noch lange nicht so stark sei als Johannes der Bär, und zum Zeichen, daß er es sei, behackte dieser mit den Fingern die Steine noch viel behender als der Steinriese selbst. Danach brach er mit der Hand ein ungeheures Felsstück los und sprach zu dem Riesen: »Ich will doch sehen, ob Du das in der Hand zerdrücken kannst.« Es war aber so groß, daß der Riese es aus der Hand fallen ließ. »Ei, ei,« sprach Johannes der Bär, hob es auf, zerdrückte es in der Hand zu Staub und blies den Staub von sich. Daran erkannte ihn auch der zweite Riese und folgte ihm nach. Darauf trafen sie einen dritten Riesen, der lag vor einer Furth und sein Schnurbart reichte über den ganzen Fluß und diente den Leuten zur Brücke. Dem zeigte Johannes der Bär auch, daß er es sei, und darauf folgte er ihm nach. Hierauf gelangten sie zu einem vierten Riesen, der wollte einen Berg in ein Loch tragen. Auch dieser mußte ihnen folgen und so ging es fort, bis Johannes der Bär zuletzt zwölf Riesen als Gefolge mit sich führte. So kamen sie allesammt an eine Köhlerhütte, darin wohnten sie, es war aber sonst Niemand darin und sie schossen Hirschkühe in der Gegend und trugen selbst für ihre Speise Sorge. Am ersten Tage, als die andern auf die Jagd gingen, sollte der erste Riese als Wache bei der Hütte bleiben und kochen. Da kam aber zu ihm eine alte Frau und bat, er solle ihr zu essen geben. Der Riese ließ sich auch erweichen und reichte ihr einen Bissen Brod. So wie sie ihn aber dabei berührte, war der Riese starr und steif und konnte weder sprechen noch sich rühren. Darauf lief die alte Frau fort. So erging es an zwölf Tagen hintereinander allen zwölf Riesen. Zuletzt war Johannes der Bär allein noch übrig, der mußte nun allein für sich jagen, kochen und Holz hauen. Einstmals spaltete er einen Baumstuken, der vor seiner Hütte in der Erde war, da kam die Alte auch an und er sagte, daß sie ihm einmal den Keil einsetzen sollte. Dabei kamen ihre Finger in die Spalte und er keilte sie fest, denn er hatte wohl gemerkt, daß sie die zwölf Riesen verzaubert hatte. Er prügelte sie so lange mit seinem Eisenstabe, bis sie die Zwölfe wieder lebendig machte, ohne daß ihre Hände dabei frei wurden. Als die Riesen aber auch auf sie loskamen und sie prügeln wollten, riß sie sich mit blutenden Fingern los und entfloh. Sie lief eine Strecke weit, bis zu einem Berg im Walde, da stand ein Haspel, an dem ließ sie sich in eine Höhle nieder. Darauf verschwand der Haspel und die Höhle war auch nicht mehr zu sehen. Weil aber Schnee auf dem Boden lag, so ging Johannes der Bär mit den zwölf Riesen den Blutspuren von den Fingern der Alten nach bis an den Berg, da verschwanden sie und war doch kein Eingang zu sehen. Da warf Johannes der Bär seinen Spazierstock in den Boden und wollte versuchen, ob der hohl wäre. Der Spazierstock aber fuhr sogleich einige dreißig Klafter tief in den Boden hinein und sie hörten oben ein furchtbares Gebrüll, das von reißenden Thieren kam, die sich in dieser Höhle befanden und von dem Spazierstocke getroffen waren. Da wollte Johannes der Bär seinen Spazierstock wieder heraufholen und sie zogen alle auf seinen Befehl ihre Hemden aus, banden sie zusammen und ließen ihn daran in das Loch hinein, das der Stab in den Boden gerissen hatte. Als er unten auf dem Grunde angelangt war, sah er die zwei reißenden Thiere, die gebrüllt hatten. Sie waren so eben bemüht, seinen Stab in die Höhe zu heben, vermochten es aber nicht. Sobald er selbst seine Hand an den Stab legte, sahen sie schon, daß seine Kraft größer war. Da er die Eisenstange aber aufhob und eine Strecke weit in der Erde hinschleuderte, so daß ein breiter unterirdischer Gang in den Boden gerissen ward, wurden die Thiere von Ehrerbietung gegen ihn erfüllt und waren ihm dienstbar. Darum kündigten sie ihm an, daß hier nahebei in drei unterirdischen Gemächern drei Prinzessinnen wären, welche er erlösen könne und daß die Prinzessinnen von drei andern wilden Thieren, einem Bären, einem Löwen und einem Lindwurm bewacht würden, die er besiegen müsse. Auch begleiteten sie ihn in dem unterirdischen Gange, den sein Stab in den Boden gerissen hatte, bis vor die Thür der ersten Prinzessin. Vor der Thür aber fand er seinen Spazierstock liegen, den er zum Zeichen seiner Kraft durch die Erde geworfen hatte. Johannes der Bär trat in das Gemach, dort aber leuchtete der Prinzessin ein Stern. Er fand den Bären bei ihr, erschlug ihn mit seiner Eisenstange und erhielt von ihr aus Dankbarkeit eine silberne Kugel. Danach führte er sie bis zu der Stelle, wo er in die Höhle heruntergelassen war und ließ sie von seinen Gefährten heraufziehen. Alsdann kehrte er wieder um, ging in dem Gange fort und kam zu der Höhle der zweiten Prinzessin, darin leuchtete ihr der Mond. Da erschlug er den Löwen, erhielt aus Dankbarkeit eine goldene Kugel und ließ sie von seinen Gefährten heraufziehen. Dann erschlug er in der dritten Höhle, darin die Sonne leuchtete, einen Lindwurm und erhielt von der dritten Prinzessin eine Diamantkugel. Darauf gingen sie beide nach der Stelle, wo die andern Prinzessinnen herausgezogen waren, allein die zwölf Riesen waren oben verschwunden, hatten auch die ersten zwei Prinzessinnen bereits entführt und an den Königshof gebracht. Dort gaben sie sich für ihre Erretter aus und lebten herrlich und in Freuden, die Königstöchter aber durften nichts sagen von Johannes dem Bär, denn die Riesen drohten ihnen, sie sonst zu tödten. Johannes der Bär irrte mit der dritten Prinzessin in den unterirdischen Gängen umher, und sie kamen in das Gemach, wo die Alte saß, deren Finger er in den Baumstamm eingeklemmt hatte. Als sie ihn sah, fürchtete sie sich so sehr, daß sie sich erbot, die beiden an ihrem Haspel aus der Höhle zu winden. Das waren sie zufrieden, auch steckte Johannes der Bär noch ein Horn ein, das in diesem Zimmer an der Wand hing. Die Alte wand die beiden mit dem Haspel heraus, als sie aber draußen eine Strecke weit gegangen waren, verdunkelte sich der Tag und wurde eine große Finsterniß, und der Berg, in dem die Höhle war, fing an zu wachsen und wuchs ein neues Gebirge als Scheidewand auf zwischen Johannes dem Bär und der Prinzessin, das ward immer größer und so wurden sie getrennt. Als wieder Tag wurde, war Johannes der Bär auf der einen Seite des Berges und die Prinzessin war auf der andern nahe bei der Stadt, darin ihres Vaters Königsschloß stand. Da ging sie hinein, Johannes der Bär aber wanderte um das Gebirge herum und kam zuletzt in dieselbige Stadt. In dieser Stadt fragte Johannes der Bär bei einem Schmied an, ob er ihm Arbeit geben könne. Arbeit vollauf, antwortete der Schmied, zumal wenn Du recht geschickt bist, Gesell. Da ließ Johannes der Bär das ganze Haus des Schmieds, welches drei Stockwerk hoch war, ausräumen und einen Ambos in das oberste Stock bringen, der einige hundert Centner schwer war. Seinen Spazierstock gebrauchte er als Hammer und schlug damit so gewaltig auf den Ambos, daß der Hammer bei jedem Schlage durch die erste, zweite und dritte Decke flog und jedesmal noch einige Klafter tief in die Erde hineinfuhr. Danach hatte er ihn aber jedesmal sogleich wieder in der Hand. Als die Leute das hörten, strömten sie in Schaaren herbei und sahen bei der Arbeit zu, bestellten auch viel kunstreiche Dinge. Des Abends aber versuchte Johannes der Bär auf dem Horn zu blasen, das er mitgebracht hatte, und so wie er das erstemal hineinstieß, kamen sogleich viele Zwerge an und fragten was er befehle. Da sprach Johannes der Bär: »Die drei Prinzessinnen sind krank, weil sie den Stern, den Mond und die Sonne nicht haben, die ihnen in ihren Höhlen geleuchtet. Darum holet heute der ersten einmal ihren Stern und hängt ihn in der Nacht ihr vor's Fenster.« Das thaten die Zwerge sogleich und weil er nun des Horns Eigenschaften wußte, rief er sie den andern Tag wieder und ließ sie den Mond vor das Fenster der zweiten Prinzessin und den dritten Tag die Sonne vor das Fenster der dritten Prinzessin hängen. Von Stund' an wurden dann die Prinzessinnen gesund. Einst kamen auch die zwölf Riesen vom Königshofe in die Schmiede, erkannten aber den Johannes der Bär nicht, weil er anders gekleidet war als da sie ihn kannten. Eines Tages verlangten sie von ihm, er solle mit nach dem Königsschlosse kommen und drei kostbare Kugeln schmieden, die eine von Silber, die andere von Gold und die dritte von Diamanten; die Königstöchter hatten aber versprochen, sich drei von ihnen zu Männern auszuwählen, wenn sie ihnen so kostbare Kugeln herbeischafften, als sie früher gehabt hätten. Johannes der Bär versprach die Kugeln zu schmieden, steckte die Kugeln, die er von den Prinzessinnen empfangen hatte, ein und füllte sich außerdem die Taschen mit Haselnüssen. So ging er auf's Königs schloß, begann darin gewaltig zu hämmern, klopfte aber nur die Haselnüsse auf, die er in der Tasche hatte und verzehrte sie. Als er die aufgegessen hatte, hörte er auch auf zu hämmern, und sogleich traten die Riesen in das Gemach, darin er saß. Er aber gab ihnen die drei Kugeln und sie eilten damit zum König und zu den drei Prinzessinnen. Als diese die silberne, die goldene und die diamantene Kugel erblickten, verwunderten sie sich sehr, die dritte Prinzessin aber, der die diamantene Kugel gehörte, sagte dem Könige sogleich, daß die zwölf Riesen nur ihre beiden Schwestern auf Befehl ihres Herrn und Meisters, des Johannes der Bär, aus der Höhle heraufgewunden, dann aber sie selbst und ihren Erretter unter der Erde hätten umkommen lassen wollen. Da ließ der König den Schmied herbeiholen und alle erkannten jetzt, daß es Johannes der Bär war. Dann wurden die zwölf Riesen zur Strafe getödtet, Johannes der Bär aber heirathete die dritte Prinzessin. 30. Sim-sim-seliger Berg. Es war einmal ein reicher Bauer, der hatte viele Spann Pferde, gönnte aber Niemand einen Pfennig und ließ die Armen mit Hunden von seinem Hofe herunter hetzen. Da ward er auf einmal krank mit seiner ganzen Familie und die Krankheit hielt lange an bei allen und machte ihn, sein Weib und seine Kinder zu guten, frommen Menschen, aber als sie wieder gesund wurden, waren Äcker, Pferde und Kühe verkauft und das Haus war verschuldet, und so hartherzig diese Bauersleute früher gewesen waren gegen andere, so hartherzig waren nun Alle gegen sie selbst. Da schickte der Bauer seine Kinder aus, zu suchen, was sie früher nicht gemocht und vor Hartherzigkeit in dem großen Bauernhause hatten umkommen lassen, weil sie es nicht essen konnten und doch Niemand gönnten. Aber sie kehrten heim mit leeren Händen und da schüttelte der Bauer den Kopf, hob auch seine Hand auf gen Himmel und sprach: »Herr, was will aus der Welt denn noch werden, wenn alle die reichen Bauern eben so hartherzig sind als ich einst gewesen bin?« Er hieß auch seiner Tochter nebenan zum Wirth gehen, der zugleich ein Krämer war, und ein kleines Groschenbrod holen, aber der Krämer wollt' es ihr nicht borgen und der Bauer ging in den Wald, mit einem Haken dürres Holz von den Bäumen zu häkeln, und das zu verkaufen, um für die paar Pfennige Brod einzukaufen. Der Bauer begann die trocknen Zacken von den Bäumen abzureißen, daß ihm der Schweiß von der Stirn auf den Boden tropfte. Wie er nun so unter den Bäumen hinging, kam er an ein Wasser und trank daraus, und es schmeckte gar köstlich. Als er aber in der Eiche, die neben dem Wasser war, wieder Holz abhäkeln wollte, saß darin eine Rabe und rief: »Geh weiter! geh weiter! ich sag' es Dir: geh weiter!« In der nächsten Eiche, wo er häkeln wollte, rief wieder eine Rabe: »Geh weiter! geh weiter! ich sag' es Dir: geh weiter!« und so schickten ihn die Raben weiter bis zur achten Eiche. Da wollte er sich nicht weiter schicken lassen, aber diese Eiche war so hoch gewachsen, daß er gar keinen Zacken mehr abreißen konnte und die Eichen waren hier auch zu Ende, denn es standen nur diese acht schönen Eichen in der Reihe und war neben der achten ein freier Platz im Walde. Als er noch so unter der achten Eiche stand, rief eine Rabe aus ihrer Krone: »Versteck Dich! versteck Dich! Ich sag' es Dir: verstecke Dich!« »Alberne Rabe, wohin?« fragte der Bauer. Da rief der Rabe aus der Eiche, hier sei ein Loch, da solle er hineinkriechen. Der Bauer sah nun auch das Loch, das gerade unter der achten Eiche war, und kroch hinein. Es dauerte auch gar nicht lange, da kamen acht Männer hier und da durch den Wald daher, die trugen leere Säcke und trat jeder unter eine der acht Eichen. Der eine aber, der der Oberste unter ihnen zu sein schien und sich unter die achte Eiche stellte, trat gerade auf den Kopf des Bauern, der in dem Loche war, und stand da wohl fünf Minuten lang. Während dem sprach er zu den andern, daß dies der Tag sei, an dem sie alle Jahr hier versammelt wären, um die Schätze aus der Steinklippe, die unweit der acht Eichen war, herauszuholen, und daß auch diesmal dort im Berge einer von ihnen sterben müßte. Sie wollten aber dessen Sack, den es diesmal träfe zu sterben, in der Berghöhle liegen lassen, weil der sonst spuken gehen müßte, seinen Sack zu suchen. Zuletzt sagte er noch, daß die sieben von ihnen, welche lebend und mit Schätzen beladen wieder aus der Höhle hinausgingen, sich über's Jahr an demselben Tage wieder unter diesen Eichen versammeln sollten. Darauf gingen alle acht mit ihren Säcken auf die Steinklippe zu, und der Bauer hörte, wie der Oberste der acht Männer vor der Klippe sagte: »Sim-sim-seliger Berg, thu Dich auseinander.« Da that sich die Steinklippe auseinander und als alle acht in dem Berge waren, hörte er drinnen rufen: »Sim-sim-seliger Berg, thu Dich zusammen.« Als aber die Verrichtung der Männer vorüber war, rief es drinnen: »Sim-sim- seliger Berg, thu Dich auseinander,« und da kamen sieben Männer mit gefüllten Säcken aus dem Berge wieder heraus; den achten, der unter der ersten Eiche diesseits des Wassers gestanden, hatte das Loos getroffen, daß er drinnen geopfert war. Der Oberste der Männer aber sprach jetzt: »Sim-sim-seliger Berg, thu Dich zusammen« und da that sich die Steinklippe zusammen. Die Rabe sprach jetzt dem Bauer zu, daß er auch in den Berg gehen solle; der aber rief: »Sim-sim-seliger Berg, thu Dich auseinander;« da öffnete sich die Steinklippe, er ging hinein und hieß ihr dann sich hinter ihm schließen. In der Höhle war Alles vom Schönsten und Besten und war Speise und Wein darin, und viel Kupfer, Silber, Gold, auch viel geprägtes Geld und Edelgestein. Der Bauer ergriff den Sack des todten Mannes, warf aber nicht blos Gold und Edelsteine, sondern zuerst Kupfer und Silber in seinen Sack. Als er so schwer war, daß er ihn kaum zu tragen vermochte, hieß er den Berg sich wieder aufthun und ging damit heim. Ehe er zu Hause noch seinen Hunger gestillt hatte, schickte er seine Tochter zum Kaufmann hinüber, um einen Himten zu holen, denn damit wollte er seine Schätze messen. Der Kaufmann sprach, den Himten kann ich euch nicht anvertrauen, ihr würdet ihn gleich an einen Bauern verkaufen, – was wollt ihr auch damit messen, da ihr nicht einmal Brod im Hause habt? »So habt Ihr nicht gesehen,« antwortete das Mädchen, »daß mein Vater mit einem Sack voll Erbsen heimgekommen ist, die wir doch messen möchten?« Da gab ihr der Kaufmann einen ganz alten Himten hin, den er selbst nicht mehr gebrauchen konnte, stellte sich aber während der Zeit in seine Thür und wollte Achtung geben, daß sie ihn nicht verkauften. Bei dem Geldmessen wurde das Herz des Bauern sehr fröhlich und das seiner Kinder nicht minder, denn es waren seiner Schätze sehr viele an Kupfer, Silber, Gold und Edelgestein. Weil nun der Himten schon alt war und ein kleines Loch hatte, schob sich da ein Goldstück hinein und als einer es herausnehmen wollte, riefen Alle vor Übermuth: »Nein, laßt es stecken!« Als das Mädchen den Himten wieder zum Kaufmann trug und diesen noch vor seiner Thür auf der Lauer stehen sah, rief es ihm zu: »O schämt Euch, daß Ihr uns nicht einmal dieses elende Gemäß anvertrauen wolltet, das mein Vater erst flicken mußte, eh' er Erbsen damit messen konnte!« Sogleich sah der Kaufmann nach der Ritze, die in dem Himten war, und staunte, als er ein Goldstück darin fand. »Behaltet es zum Dank,« sagte das Mädchen lächelnd, als sie seine Verwunderung sah, »und hier habt Ihr noch eins, dafür gebt uns Speise und Trank, denn sie warten drüben auf eine gute Mahlzeit.« Das Mädchen kam noch öfter zurück, denn man bedurfte für den Augenblick noch mehrere Kleinigkeiten in dem Bauernhause und jede wurde mit einem Goldstücke bezahlt. Da staunte der Kaufmann immer mehr, wußte sich auch das Vertrauen des Mannes wieder zu erwerben, und als der Tag wieder kam, an dem der Berg geöffnet werden konnte, nahm der ihn mit sich in den Wald und versteckte ihn hinter den ersten Baum im Walde, unter dem der Achte gestanden hatte, der in der Höhle geopfert war. Er selbst aber kroch wieder in das Loch und alsbald kamen die sieben Männer mit ihren Säcken an, stellten sich unter die Eichen, der Hauptmann stand wieder mit dem einen Fuße auf des Bauern Kopfe und der hörte wieder Alles, was er sagte, der Kaufmann aber hinter der achten Eiche verstand ihn nicht und sah auch nicht, was geschah. Darauf gingen die sieben Männer wieder in den Berg und nach einer Weile kehrten ihrer sechs mit gefüllten Säcken zurück und jeder ging seinen eignen Weg durch den Wald, der siebente Mann aber war in der Höhle getödtet und sein Sack dort zurückgeblieben. Jetzt rief der Bauer den Kaufmann, ging mit ihm vor die Steinklippe und sprach: »Sim-sim-seliger Berg, Thu Dich auseinander!« Da öffnete sich der Berg und sie gingen hinein. Als sie hineinkamen, griff der Krämer sogleich nach einer der Weinflaschen, die am Eingange der Höhle standen und that einen guten Zug, aber der Bauer hielt ihn zurück, daß er nicht mehr tränke. Der Krämer, der sich einen großen Sack mitgebracht hatte, griff nun nach den Edelgesteinen, der Bauer aber klopfte ihn auf die Finger und sagte, er solle zuerst einmal von dem Kupfer nehmen. Da schrie der Krämer, er hätte viele Schulden, die müsse er bezahlen, und wollte vom Kupfer nichts wissen; allein der Bauer, der wieder den Sack des getödteten Mannes nahm, zwang ihn mit Gewalt, seinem Beispiele zu folgen und bei dem Kupfer anzufangen, dann aber weniger von dem Silber, noch weniger von dem Gold und am wenigsten von den Edelsteinen zu nehmen. Nach dieser Zeit heirathete der Krämer die Tochter des Bauern und dieser ging noch mehrmals mit ihm an dem bestimmten Tage in den Goldberg, hielt ihn auch jedesmal an, daß er erst von dem Kupfer nehme und in Allem mäßig wäre in der Höhle. Aber der Krämer war so habgierig, daß er einst, als der Tag wieder kam, sogleich früh Morgens allein nach der Steinklippe ging, auf daß er seinen großen Sack einmal mit lauter Edelsteinen füllen und von dem schönen Weine, desgleichen nicht auf Erden war, soviel trinken könnte als er möchte. Als er an den Berg kam, sprach er: »Sim-sim-seliger Berg, Thu Dich auseinander!« Der Berg öffnete sich, der Krämer ging hinein und sprach: »Sim-sim-seliger Berg, Thu Dich zusammen!« und der Berg that sich wieder zu. Da ergriff er die Weinflaschen, die am Eingange standen, und trank all' den köstlichen Wein aus; davon ward der Kopf ihm schwer und er wühlte ordentlich in den Edelgesteinen und füllte seinen ganzen Sack damit an. Mit dem schweren Sacke taumelte er nach dem Eingange der Höhle, hatte aber das Wort vergessen, worauf der Berg sich öffnete und lallte: »Sing-sang, sing-sang, Thu Dich auf!« Darauf öffnete sich aber der Berg nicht und wie viel der Krämer auch dies Verslein sang, er mußte mit dem Sack voll Edelsteinen in der Höhle bleiben, bis die drei Männer ankamen, die noch übrig waren. Weil die beiden in den letzten Jahren aber immer selbander gekommen waren, so hatten sie doch gemerkt, daß noch Jemand in dem Goldberge gewesen war und freuten sich, daß sie ihn fingen, und weil der Krämer den Sack mit Edelsteinen gefüllt hatte, glaubten sie ihm nicht, daß der Bauer auch mit in die Höhle gekommen war, sondern meinten, er hätte Alles allein fortgetragen. Die drei Männer schleppten ihn also aus der Höhle und der Hauptmann, der noch am Leben war, stellte sich wieder unter die achte Eiche und trat mit dem einen Fuße dem Bauer auf den Kopf, der auch diesmal in dem Loche steckte und wartete, bis die Männer mit gefüllten Säcken weggegangen wären. So beriethen die Männer mit einander, wie sie den Krämer, der betrunken vor ihnen lag, strafen wollten und der eine schlug vor, er solle in eine Tonne gesteckt und den Goldberg heruntergerollt, der andere, er solle in's Wasser geworfen werden, der Hauptmann aber sagte, er solle mitten auseinander gehauen und so an die hohe Eiche, unter der er stand, gehängt werden. Also geschah es auch und die beiden Hälften des Kaufmanns wurden an zwei Zacken der hohen Eiche gehängt. Als die drei Männer fort waren, kroch der Bauer aus dem Loche hervor, stieg auf die Eiche, holte die beiden Hälften seines Schwiegersohns herunter und band sie mit dem Leibriemen zusammen. So trug er sie in der Dämmerung nach dem Krämerhause, dort aber ließ seine Tochter den Schuster kommen, gab ihm fünfzig Thaler und der nähte ihren Mann mit einem Stück Pechdraht von zweihundert Ellen wieder zusammen. Darauf zog sie dem Krämer ein Todtenhemd an und so ward er begraben, als wenn er an einer Krankheit gestorben wäre. Allein die drei Männer, die von den Schätzen des Goldberges sehr reich und mächtig geworden waren, hatten alsbald viele Wachen ausgestellt, welche Achtung geben sollten, ob die Leiche des Krämers nicht von der Eiche weggetragen würde, und wiewohl die Wachen zu spät ankamen, um den Bauer anzuhalten, so sahen sie ihn doch noch mit der Leiche des Krämers in das Krämerhaus gehen, nahmen auch Alles in Obacht, was in dem Hause vorging, bis der Krämer begraben war. An demselbigen Abende, da dies geschehen war, kamen drei Frachtwagen nach dem Gasthof gefahren, der zu dem Krämerhause gehörte. Jeder Frachtfuhrmann hatte ein großes Faß geladen und sie fragten den Bauer, der noch zum Begräbniß da war und die Träger bewirthen half, und seine Tochter, ob sie dort übernachten könnten. Das ward ihnen gewährt und sie bestellten so viel Glühwein, als sechs Männer trinken können, und jeder Frachtfuhrmann verlangte zwei Betten und sagte, das sei darum, daß Jeder ein ganzes Bett unter sich und eins auf sich legen könnte, weil sie frören. Während das Alles so bereitet wurde, ging der Bauer einmal auf dem Hofe seiner Tochter umher, und als er an den ersten Wagen kam, rief eine Stimme aus dem großen Fasse: »Ist's Zeit?« und ebenso rief es aus der zweiten und dritten Tonne. Der Bauer aber erkannte sogleich, daß das die Stimmen der drei Goldmänner waren, welche sich zuvor in die drei überflüssigen Betten legen und an dem Glühwein erwärmen wollten, um dann in der Nacht aufzustehen und seine Tochter und, wenn es sein könnte, ihn selbst zu ermorden. Darum antwortete er mit verstellter Stimme: »Ja, freilich ist's Zeit,« half zuerst dem Obersten aus der Tonne und führte ihn im Dunkeln nach der Kammer, dann den zweiten und endlich den dritten. Die Goldmänner glaubten, daß dies die Fuhrleute thäten, aber die saßen noch ruhig drunten in der Wirthsstube. Zuletzt ging einer von ihnen zu den drei Wagen und wollte die Männer aus den Tonnen herauslassen; aber weil er sie nicht mehr darin fand, so meinte er, daß einer der andern Fuhrleute sie schon auf die Kammer geführt hätte. Zuletzt lagen alle sechs Männer in ihren Betten, sprachen aber aus Furcht nicht mit einander, sondern tranken blos Glühwein und schliefen endlich fest ein in der Hoffnung, daß die drei Fuhrleute, welche zu jeder Stunde aufwachten, wie sie es sich vor nahmen, die Goldmänner zur rechten Zeit wecken würden. Als aber alle sechs fest schliefen, trat der Bauer mit seiner Tochter in die Kammer und hatten einen Kessel voll Öl glühend gemacht. Den schütteten sie den sechs Männern der Reihe nach mit Schaumkellen erst in's Gesicht, um sie zu blenden, und als die sechs blinden Männer davon erwachten und schrien, gossen sie es einem nach dem andern in den offenen Mund, ehe sie noch aus den Betten aufspringen konnten, bis sie todt waren. Danach zeigte der Bauer und seine Tochter vor Gericht selbst an, was geschehen war. Da wurden sie beide in's Gefängniß gesetzt, bekamen aber ihr gutes Essen und Trinken darin, und als der Schuster Zeugniß ablegte, daß der Krämer mitten auseinander gehauen war, wurden sie nicht bestraft, weil sie die sechs Männer getödtet hatten, zumal weil auch die Krämersfrau sich erbot, die Hälfte von den Schätzen ihres Mannes an die Armen zu geben. Der Bauer ist aber seit der Zeit an dem Tage nicht mehr in den Goldberg gegangen, er hatte ja der Schätze schon genug und lebte mit den Seinen in Glück und Wohlstand bis an's Ende. 31. Die gebleichte Hand. Ein König hatte drei Töchter und wollte einst verreisen, da mußten seine Töchter loosen, welche von ihnen daheim bleiben und das Haus behüten sollte. Das Loos traf die Jüngste und ihr Vater reiste mit den beiden ältesten Töchtern ab. Ein Hirtenmädchen aber sollte jeden Abend kommen und mit der jüngsten Tochter zusammen schlafen, damit sie sich nicht fürchtete. Eines Abends hatten die Mädchen mit einander das Abendessen verzehrt und gingen dann wieder mit einander schlafen auf einem Saal, der sieben verschlossene Thüren hatte. Die Tochter des Königs entkleidete sich rasch und legte sich in ihr Bett. Das Hirtenmädchen aber, welches das Licht auszublasen pflegte, saß noch auf ihrem Bett, und plauderte so noch eine Weile mit der Königstochter. Dabei wurde sie gewahr, wie unter dem Bette der Prinzessin eine große Gestalt mit geschwärztem Gesichte lag. Sie sagte also, daß sie daheim etwas vergessen habe und noch einmal nach Haus müsse; sie ging aber nur, weil sie sich vor dem Räuber fürchtete, der sich eingeschlichen hatte und hielt sich die Nacht über in ihrem Hirtenhäuschen verborgen. Kaum war sie fort, da kroch der Mann, welcher ein Räuberhauptmann war, unter dem Bett der Königstochter hervor und verlangte, daß sie aufstände, das brennende Licht vom Tische nähme und ihm alle Kostbarkeiten des Schlosses wiese. Das that sie auch, führte ihn auf die Schatzkammer, dort füllte er einen Sack mit Gold und Edelgestein, hockte ihn auf und ging zum Schlosse hinaus, drohte ihr aber mit dem Tode, wenn sie hinter ihm die Thür schlösse. Die Königstochter schloß aber doch hinter ihm die Thür des Schlosses, stellte sich danach an's Fenster und sah viele Männer vor der verschlossenen Hausthür stehen. Sie beriethen sich leise, wie sie nun hineinkämen, und der Räuberhauptmann sprach: »Zum Schornstein müssen wir hinein, damit ich Wort halte, denn ich habe der Dirne den Tod gedroht, wenn sie die Thür schlösse.« Da nahm das Mädchen schnell ein Bund Stroh, das auf der Hausflur lag, eine Laterne und einen Sack, da sie die Laterne hineinsteckte und stellte sich in die Küche unter den Schornstein. Als nun der erste Räuber zur Hälfte herunter war, nahm sie einen Strohwisch, zog die Laterne aus dem Sack, öffnete sie, zündete den Strohwisch an, versteckte die Laterne wieder, hielt ihn in den Schornstein und der Räuber mußte daran ersticken. Da fiel er todt am Heerde nieder. Als die Andern das Gepolter hörten, meinten sie, er sei vollends herabgesprungen und sogleich kroch der zweite Räuber oben in den Schornstein. So erstickte sie sechs Räuber mit brennenden Strohwischen, da rochen die andern sieben, die noch auf dem Dache saßen, den Dampf und der Räuberhauptmann, der unter ihnen war, sprach leise: »Wir müssen hinabsteigen und behutsam eine kleine Wand einbrechen, damit wir in das Schloß einsteigen und unsre Brüder (denn alle dreizehn Räuber waren Brüder) rächen und auch die übrigen Schätze des Königsschlosses gewinnen können.« Allein die Königstochter merkte abermals, was die Räuber vorhatten, nahm ihres Vaters Schwert und stellte sich im Dunkel vor die Öffnung, welche die Räuber in die Wand gebrochen hatten. Als sie da stand, steckte der eine Räuber den Kopf herein und da er sie nicht sah, weil sie ganz im Dunkel stand, ließ sie ihn mit dem halben Leibe hereinkriechen, dann hackte sie ihm den Kopf ab und der Körper fiel von selbst noch auf den Boden. Als sie das Gepolter hörten, meinten sie draußen, jetzt sei's Zeit, daß der zweite nachfolge, und so hackte sie allen sechs Räubern die Köpfe ab. Zuletzt war nur der Räuberhauptmann noch übrig, da haute aber die Prinzessin zu früh zu. Er zog den Kopf mit einer großen Wunde wieder zurück und entfloh. Danach entschlief die Prinzessin ganz ermattet und erwachte nicht eher als bis das Haus und ihr Gemach mit den sieben Thüren am andern Morgen auf Befehl ihres Vaters erbrochen war. Die Leichen der Räuber wurden alle auf des Königs Befehl am Galgen aufgehängt und mußten dort verwesen; von einer der Leichen aber war dort plötzlich mit großer Kühnheit die rechte Hand geraubt. Die Königstochter war nun alle Zeit hochgeehrt wegen ihres Heldenmuthes, zeigte sich aber stets gar finster und weigerte allen Freiern, welche um sie anhielten, das Jawort. Da gab der König einst ein großes Fest und schrieb aus, wer dabei seine Tochter zum Lachen bringen könne, der solle sie zur Gemahlin haben. Viele versuchten es auf dem Feste, die Prinzessin zum Lachen zu reizen, allein es wollte Niemand gelingen. Da kam ein schöner, feingekleideter Herr und bat sie um einen Tanz. Dabei hielt er ihr unter einem Mantel, den er umgeworfen hatte, eine gebleichte Hand hin und als sie zufaßte und seine Hand zum Tanze zu ergreifen meinte, ließ er los und sie hatte eine gebleichte Todtenhand in der Hand. Darüber mußte die Prinzessin lachen und der König freute sich herzlich; Pauken und Trompeten gingen und die Königstochter fiel dem Fremden, der nun ihr Verlobter war, um den Hals. Es war aber der Räuberhauptmann, der die Hand seines einen Bruders gestohlen hatte, die so schön an der Sonne gebleicht war. Als sie eine Zeit lang verlobt gewesen waren, bat der Fremde, daß die Prinzessin einmal mit ihm in sei nem Wagen spazieren fahren dürfte und das gewährte ihm der König. Unterwegs sagte der Bräutigam der Königstochter, daß sie ein wenig aussteigen wollten, denn er sei müde und möchte ein wenig auf dem Rasen schlafen. Während er schlief, saß die Prinzessin neben ihm und wehrte ihm die Fliegen ab. Dabei begann sie bitterlich zu weinen, denn sie wurde eine tiefe Narbe an seinem Haupte gewahr. Kaum hatte sie ihn daran wieder erkannt, so erwachte er, sprang auf, warf ihr den Tod seiner zwölf Brüder vor und tödtete sie. 32. Der Reiter in Seiden. In ein Dorf kam ein reicher Herr geritten, der war angethan mit weißen seidenen Kleidern, zog die Straße auf und ab und sang: Wer so ein seid'nes Kleid an hat, Und einen Beutel voll Edelstein hat, Der komme mit nach meiner Stadt. Der Gesang gefiel den Leuten über die Maßen wohl und ein stattlich Mädchen, das ein weißes seidenes Kleid und einen Beutel voll Edelsteine hatte, schwang sich hinter ihn auf sein Roß und jagte mit ihm davon. Sie waren aber schon eine gute Strecke mit einander geritten, da begann das Mädchen zu hungern und fragte bescheidentlich, ob der Herr ihm nicht bald etwas Speise und Trank darreichen wollte. Da antwortete der Reiter: Dort unter jener Lindelein, Wo die neun Jungfern sein! meinte aber in seinem falschen Herzen nicht, daß er dem Mägdlein dort Speise und Trank bieten, sondern daß er es dort tödten wollte. Allein das Mädchen sah mit seinen hellen Augen, wie die neun Jungfern nicht etwan, wie wohl sonst der Brauch ist, auf dem Rasen einen Tanz um die Linde aufführten, wohin sie der falsche Reiter gleichfalls aus andern Dörfern gelockt hatte, sondern an den Zweigen des Lindenbaums gar traurig aufgehängt waren. Darum fügte sie zu diesem Sprüchlein sogleich hinzu: So soll ich wohl die zehnte sein? zog dabei dem Reiter sein Messer von der Seite und hackte ihm den Kopf ab, nahm auch sein Horn an sich, ließ ihn aber sonst allda liegen und galoppirte mit dem Pferde nach der Stadt. Der Reiter aber war ein Räuberhauptmann gewesen, der noch viele Räuber unter sich hatte und Alles das hatte das kluge Mägdlein wohl gemerkt. Sobald es an dem Abend dunkel geworden war, zog es mit vielen Häschern aus der Stadt nach der Lindelein. Allda schlossen die Häscher einen Kreis, das Mädchen aber trat in seinen seidenen Kleidern in ihre Mitte und stieß in's Horn. Da kamen aus dem Walde viele Räuber gesprungen, jubilirten auch über die Maßen, denn sie meinten nicht anders, als daß der Räuberhauptmann bliese, der wieder ein Mägdelein in weißen seidenen Gewänden unter die Linde verlockt hätte, das sie dort tödten wollten. Das Mägdelein aber stieß immerfort in's Horn und kamen nach einander viele Räuber an, die wurden in der Dunkelheit von den Häschern ergriffen und sind nachher an der Linde aufgeknüpft worden. 33. Die Räuberbraut. Ein reicher Kaufmann hatte drei schöne Töchter, da erschien ein junger hübscher Graf und hielt um die jüngste an. Er bekam sie auch zur Braut und nach einiger Zeit sollte sie ihn auf seinem Schlosse im Walde besuchen und er streute Erbsen auf den Weg, daß sie sich zu ihm finden könnte. Eines Tages ging das Mädchen den Erbsen nach und mußte kreuz und quer gehen durch hohe und niedere Waldungen. Zuletzt kam es auf einen Platz im Tannenwalde, da stand ein großes Gebäude, vor dem Gebäude aber war ein großer Hund, der heulte furchtbar, und im Hausflur hing ein Vogel, der rief: Hübsche Jungfer packe Dich! Dies ist ein Mörderhaus. Sie ging aber doch in's Haus hinein und als sie die Treppe hinauf gestiegen war, hing da wieder ein Vogel und rief wieder: Hübsche Jungfer packe Dich! Dies ist ein Mörderhaus. Sie ging durch mehrere Zimmer, fand aber Niemand und nahm sich vor zu warten, bis ihr Bräutigam käme. Endlich, indem sie durch's Fenster blickte, sah sie ihn daher kommen und noch ein anderer Mann kam mit ihm; beide aber hielten eine schöne Gräfin am Arm, die sie mit Gewalt in's Haus führten. Da gedachte sie daran, was die Vögel gesagt hatten, ward angst und versteckte sich unter's Bett. Die beiden Männer aber traten mit der Gräfin in das nämliche Zimmer hinein, trugen eine Mahlzeit auf und begannen mit ihr zu essen. Beim ersten Gericht fragten sie die Gräfin, wie das Essen schmecke. »Sauer,« antwortete die schöne Gräfin. »So soll Dein Tod auch sauer sein,« antworteten die Männer. Beim zweiten Gerichte fragten sie die schöne Gräfin wieder, wie das Essen schmecke. »Bitter,« antwortete die Gräfin. »So soll Dein Tod auch bitter sein,« sagten die Männer. Nach der Mahlzeit hackten sie der Gräfin zuerst den Ringfinger ab, der aber sprang auf den Schoos der Kaufmannstochter, die unter dem Bett war, und sie steckte ihn zu sich. Dann schnitten sie der Gräfin den Hals ab und darauf sprach der andere Räuber zu dem Bräutigam der Kaufmannstochter: »Nun laß uns den Ringfinger suchen.« »Mit nichten,« sprach der Räuberbräutigam. »Haben wir nicht Gold und Silbers genung und sollten uns nach einem Ringlein bücken?« Da schleppten sie die todte Gräfin in ein anderes Gemach und gingen aus dem Hause. Nach einiger Zeit kroch die Kaufmannstochter unter dem Bett hervor, ging durch alle Gemächer und fand unzählige Tonnen mit Menschenfleisch. Der Vogel im obern Stock aber rief wieder: Hübsche Jungfer packe Dich! Dies ist ein Mörderhaus. Da stieg sie die Treppe hinab und unten rief der Vogel wieder: Hübsche Jungfer packe Dich! Dies ist ein Mörderhaus. Als sie aus dem Hause ging, heulte der Hund furchtbar. Ihren Eltern daheim sagte sie, daß ihr Bräutigam ein Räuber sei. Nicht lange darauf erschien dieser wieder als Graf und fragte, warum seine Braut nicht gekommen wäre. Das Mädchen sagte, noch hätte sie nicht Zeit gehabt ihn zu besuchen, und danach setzten sich alle zu Tische. Nach dem Essen erzählte es dem Räuber allein, es habe einen sonderbaren Traum gehabt. »Was träumte Dir denn, mein Kind?« fragte der Räuber. Sie erzählte nun, wie sie den Erbsen nachgegangen wäre durch das wilde Gebüsch die kreuz und quer, und der Räuber sprach: »Mein Kind, das ist der Weg zu meinem Schlosse nicht.« »Es war ja nur ein Traum,« sprach das Mädchen und erzählte weiter von dem großen Hunde und von dem ersten Vogel, welcher gesprochen hätte: Hübsche Jungfer packe Dich! Dies ist ein Mörderhaus. »Mein Kind, das war in meinem Hause nicht,« sprach der Räuber. »Es war ja nur ein Traum,« sagte das Mädchen, und erzählte weiter von dem zweiten Vogel, und der Räuber sagte wieder, das sei in seinem Hause nicht; das Mädchen aber sagte wieder, es sei ja nur ein Traum und erzählte weiter von der schönen Gräfin, welche gesagt habe, das Essen sei sauer, und der Räuber sprach wieder: »Mein Kind, das war in meinem Hause nicht.« Dann erzählte sie, wie die Gräfin gesagt habe, das Essen sei bitter, und der Räuber sprach wieder: »Mein Kind, das war in meinem Hause nicht.« »Es war ja nur ein Traum,« sprach das Mädchen, und fuhr fort, wie der Ringfinger ihr auf den Schoos geflogen sei und rief dann plötzlich: Der Traum ist wahr! Der Ring ist da! Damit warf sie ihm den abgehackten Finger mit dem Ringe zu und der Räuber wurde der Gerechtigkeit überantwortet und schäumte vor Wuth, daß er einst zu stolz gewesen war, sich nach dem Ringlein zu bücken. 34. Der Scharfrichter und die Handwerksburschen. Ein Schuhmacher, ein Schneider und ein Tischler wanderten mit einander und verirrten sich in einem großen Walde. Da mußte der Schneider als der Flinkste auf den Baum steigen, um sich nach Licht umzusehen, und als er es erblickte, gingen sie darauf zu. Sie kamen aber in ein Wirthshaus und bestellten das Abendbrod. Während es bereitet wurde, ging der Schuhmacher in die Küche, sich eine Pfeife Taback anzustecken, da fand er das Dienstmädchen so traurig und als er sie fragte, warum sie so betrübt wäre, sagte es, daß dies ein Räuberwirthshaus sei und daß sie über Nacht sterben müßten. Sie rieth ihm auch, daß sie das Fenster in der Nacht öffnen und durch einen unterirdischen Gang entfliehen sollten. Also thaten sie auch, fanden den unterirdischen Gang auf und gingen drei Stunden weit darin hin. Als sie an's Tageslicht gekommen waren, sahen sie alsbald einen Mann, der ein Scharfrichter gewesen ist, auf einem Schimmel ihnen entgegenkommen. Weil sie aber ohne Sack und Pack aus dem Fenster gesprungen waren, so fragte der, woher sie kämen, und wiewohl sie versicherten, die Leute in jenem Wirthshause wären kreuzbrave Leute, so mußten sie doch mit dem Scharfrichter, der die Sache untersuchen wollte, wieder dahin zurück. Als die Handwerksburschen mit dem Scharfrichter in das Wirthshaus traten, sprangen aus den Schlupfwinkeln sogleich elf Räuber hervor, der Wirth als Räuberhauptmann war der zwölfte. Sie wollten den Scharfrichter und die Handwerksburschen ergreifen, denn weil sie ihre Tornister im Stiche gelassen hatten und geflohen waren, so wußten die Räuber, daß sie Unrath gemerkt hatten. Allein der Scharfrichter rief ihnen zu: »Gemach! ich wollte freilich diesen dreien wieder zu ihrem Gepäck helfen, allein da Ihr Eurer zwölf seid, so können wir nicht mit Euch darum kämpfen, sondern wollen uns ruhig in unsern Tod ergeben und uns ohne Widerstand von Euch abschlachten lassen. Nur eines begehren wir dafür von Euch, daß Ihr uns noch einmal eine gute reichliche Mahlzeit vor unserm Tode zurichtet. Denn wisset, daß ich eine gefüllte Börse bei mir trage und auch die Handwerksburschen ein paar Pfennige in der Tasche haben. Nach der Mahlzeit soll jeder von uns einem jeden von Euch den zwölften Theil seines Geldes in die Hand zählen und dann mögt Ihr uns getrost niedermetzeln und wird nachher kein Streit um unser Geld bei Euch entstehen.« Das leuchtete den Räubern ein, denn Gott segnet ein so schlechtes Gewerbe wie das Räuberhandwerk nicht und war noch immer unter ihnen Blut geflossen, wenn sie die Schätze der Gemordeten unter sich getheilt hatten. Sie richteten also eine gute Mahlzeit zu, der Scharfrichter aber ließ seinen Reisesack in's Zimmer bringen und setzte sich mit den Handwerksburschen nieder. Während der Mahlzeit sprangen die Räuber als ihre Diener hin und her und brachten köstliche Speisen und herrlichen Wein. Der Scharfrichter aber befahl ihnen im stolzen Tone und hieß sie immer köstlicheren Wein herbeibringen und sie erfüllten alle seine Befehle im Fluge. Nach Tische befahl er dem Räuberhauptmann noch ein Licht zu bringen; weil aber bald die Zeit der Metzelei herbeikam, so brachte der eins was ganz dunkel brannte. Da schalt der Scharfrichter ihn laut, brach es mitten aus einander und zündete es in der Mitte an, daß es lichterloh brannte. Zuletzt hieß er ihm noch einmal Wein bringen und that mit den Handwerksburschen noch einen Trunk. Dann standen sie auf und die zwölf Räuber mußten sich an die Tafel setzen. Da öffnete der Scharfrichter seinen Mantelsack und zählte jedem Räuber seinen Theil an dem Gelde auf den Tisch und jeder Räuber, dem er es hinzählte, verneigte sich vor ihm. Dann zogen auch die drei Handwerksburschen ihr Geld aus der Tasche und der Tischler zählte jedem Räuber drei, der Schuhmacher jedem zwei und der Schneider jedem einen guten Groschen hin und auch vor jedem Handwerksburschen verneigten sich nach einander alle zwölf Räuber. Es hatte aber der Scharfrichter mit ihnen ausgemacht, daß sie nicht eher nach dem Gelde greifen dürften, bis jeder von allen sein Geld zugetheilt erhalten hätte; alsdann wolle er zählen und sobald er drei sage, solle jeder zufassen. Als der Scharfrichter eins sagte, hoben alle zwölf Räuber die Hände auf und als er zwei sagte, krallten sie dieselben begierig zusammen; als er drei sagte, faßte jeder zu, allein da hatte sie in demselben Augenblicke der Scharfrichter alle zwölf an den Tisch festgebannt. Da mußte der flinke Schneider zur Stadt laufen und Soldaten holen. Da wurden die Räuber alle gerädert; die Handwerksburschen aber erhielten das Geld, welches die Räuber gesammelt hatten und waren zeitlebens glücklich. 35. Der Fleischerknecht. Vor einem Walde stand ein Wirthshaus, darin kehrte einst ein Fleischerknecht ein. Er hatte seine Geldkatze umgeschnallt, trug zu seiner Sicherheit ein Schlachtbeil bei sich und wollte über Land, Ochsen einzukaufen. In der Gaststube redete ihn alsobald ein riesenstarker Mann mit einem Schwert an der Seite an, sagte auch, daß in dem Walde viele Räuber seien. Darum gingen sie zuletzt mit einander, denn der Starke sagte, daß er auch des Wegs ziehen wolle. Als sie nun im Walde waren, begehrte der Starke von dem Fleischerknecht die Geldkatze, und da dieser sie ihm nicht geben wollte, so sprach er: »Gut, Gesell, wir sind friedlich mit einander gewandert bis hieher, so laß uns Beil und Schwert bei Seite thun und nur mit den Händen zusammen ringen. Wenn ich dann Dich besiege, so nehme ich Dir die Geldkatze und lasse Dir das Leben, so wie auch Du mit mir thun magst, wenn Du mich besiegen solltest.« Da legten sie Schwert und Axt bei Seite und nachdem der Räuber den Fleischerknecht im Ringen zu Boden geworfen hatte, schnallte er ihm die Geldkatze ab, ließ ihn aber dann wieder aufstehen. Dann nahmen beide Schwert und Axt vom Boden auf. Sogleich riß der Fleischer dem Räuber nun unversehens die Geldkatze wieder aus der Hand und warf sie auf die Erde. Er meinte aber den Räuber mit dem Schlachtbeil, das er bei sich trug, zu tödten, sobald der sich bückte die Geldkatze aufzunehmen, denn er besaß durch sein Handwerk eine große Geschicklichkeit in der Führung desselben. Der Räuber merkte aber seine Absicht wohl und drohte ihm nun noch mit dem Tode, wenn er selbst sich nicht danach bückte, versprach ihm aber das Leben zu lassen, sobald er die Geldkatze aufhebe. Der Fleischer hob also die Geldkatze auf, übergab sie dem Räuber und da dieser von nun an meinte, daß er nichts Böses mehr im Schilde führte, so bat er, daß er ihm doch einen Finger abhacken möchte, damit sein Meister erkennen möchte, daß er wirklich überfallen sei und ihn nicht für einen Betrüger halte, wenn er ohne das Geld und ohne den Mastochsen nach Haus käme. Dazu entschloß sich der Räuber und der Fleischerknecht bat ihn noch, fest zu hacken, damit der Finger auf den ersten Hieb am Boden läge. Als der Räuber aber krumm dastand und eben mit großer Gewalt mit dem Schwert zuhauen wollte, hackte der Fleischergesell, der weit behender war als der Räuber, mit seinem Schlachtbeil nach dem Räuber, tödtete ihn auf einen Hieb und blieb Sieger. 36. Der Edelmannssohn. Ein Edelmann hatte einen Sohn, den er gar sehr liebte. Ihm gab er hundert Thaler und ein schwarzes Pferd, damit sollte er in die Welt ziehen. Nach einiger Zeit kam der an ein Wirthshaus, da fand er einige lustige Gesellen, verjubelte mit ihnen all sein Geld und mußte dem Wirth selbst sein Pferd lassen. Darauf zog er wieder nach Haus und bat, daß sein Vater ihn wieder zur Reise ausrüsten sollte. »Gesell, so war's nicht gemeint,« sprach der Alte, »daß Du das Geld auf diese Weise unter die Leute bringen sollst;« gab ihm aber doch bereitwillig diesmal ein Rothpferd und fünfhundert Thaler. Damit zog der Junker wieder in die Welt, kam wieder in das Wirthshaus, fand andere Gesellen dort und verthat mit ihnen wieder fast all sein Geld bis auf das Rothpferd im Stall, das er mit sich nahm. Darauf ging er in die Stadt und wurde Soldat zu Pferde. Er verstand aber sein Roß nicht selbst zu putzen und mußte Knechte dazu annehmen. Als sein Geld all war, wollten diese auch sein Pferd nicht mehr putzen und gingen davon. Da gab ihm ein gewitzter Kamerad den Rath, an seinen Vater zu schreiben: er sei Lieutenant geworden. Das that er auch. Sein Vater schickte ihm neunhundert Thaler und sogleich waren die Knechte wieder da und putzten und striegelten das Rothpferd. Nach einer Weile war sein Geld all und sogleich verließen die Knechte ihn wieder. Da gab ihm ein gewitzter Kamerad den Rath, an seinen Vater zu schreiben, daß er Rittmeister wäre. Sogleich schickte sein Vater ihm dreizehnhundert Thaler, und die Knechte waren wieder da und putzten und striegelten den Rothfuchs. Als das Geld wieder all war, verschwanden auch sogleich die Knechte und ein gewitzter Kamerad rieth, daß er schreiben solle: er sei Oberst. Da schickte der Edelmann zweitausend Thaler und sogleich waren die Knechte wieder da und striegelten das Rothpferd. Als das Geld all war, waren sie geschwind wieder fort. Da gab ihm ein gewitzter Kamerad den Rath, daß er an seinen Vater schreiben solle: er sei General. Als der Edelmann diesen Brief empfing, sprach er: fürwahr, mein Sohn macht mir Freude, ich werde ihn einmal besuchen und das Geld selbst überbringen. Weil er aber nicht sogleich abreisen konnte, so wurde das Rothpferd lange Zeit nicht gestriegelt und deshalb ward sein Sohn auf die Wache gebracht. Unterdeß langte der Edelmann mit viertausend Thalern an und hörte, daß sein Sohn nicht General, sondern noch ein gemeiner Soldat sei. Da reiste er sogleich wieder ab, nahm das Geld mit sich und ließ seinen Sohn im Gefängniß sitzen. Als dieser losgelassen wurde, hörte er, was vorgefallen war und weil er wußte, daß er nun kein Geld von Haus mehr bekam, um es mit seinen Kameraden zu vertrinken und das Rothpferd dafür striegeln zu lassen, so schloß er sich an sechs andere Soldaten an, die eben desertiren wollten. Da sie nun schon eine Zeitlang über die Grenze sein mochten, kamen sie an einen grünen Platz, darauf ließen sie ihre Pferde grasen. Unterdessen sahen sie, wie eine Klippe sich auseinander that und sieben Hirsche mit goldenen Ringen um die Hörner herauskamen. Da zogen sie sogleich hinein und fanden ein verwünschtes Schloß. Vor den Thoren standen zwei Reihen Soldaten, welches aber Geister waren, und präsentirten, als sie einzogen, das gefiel den desertirten Soldaten gar wohl. Sie zogen ihre Pferde in den Stall, gaben ihnen von dem dastehenden Hafer in die Krippen und gingen dann in die Zimmer des Schlosses. Dort war Alles wüst und leer, als aber einer zum andern sprach: »Bruder, ich bin hungrig,« stand sogleich eine große Schüssel voll Speise auf dem Tische, und daneben standen sieben Teller und sieben Löffel. Nach Tische sprachen sie auch zu einander: hätten wir jetzt doch auch Wein und eine Pfeife Taback; und sogleich waren sieben Flaschen Wein und sieben Pfeifen nebst Taback da. Am Abende kamen auch die sieben Hirsche mit goldenen Ringen um die Hörner wieder herein und die Klippe schloß sich hinter ihnen zu. Danach gingen die sieben Soldaten zu Bett, denn für jeden war eine kostbare Kammer mit einem prächtigen Bett in dem Schlosse. In der Nacht kam einer der Geister, die vor dem Schlosse Wache standen, an des jungen Edelmanns Bett und sprach: »Schläfst Du oder wachst Du?« »Ich schlafe nicht, ich wache,« antwortete er. »So höre denn,« sprach der Geist weiter. »Die sieben Hirsche, welche ihr gesehen habt, sind sieben verwünschte Prinzessinnen. Wenn Ihr sieben Jahre in diesem Schlosse bleiben wollt, so habt Ihr sie erlöst; Jeder bekommt eine Prinzessin zur Frau und alle Schätze des Schlosses sind Euer.« Dies trug er am andern Morgen seinen Kameraden vor, die aber wollten nichts von seinem Vorschlage hören; sie hatten ein Bund Schlüssel gefunden, das die Schatzkammer aufschloß, füllten sich ihre Mantelsäcke mit Gold und gedachten davon in der Welt lustiger zu leben, denn daß sie sieben Jahre in solcher Einsamkeit auf die Erlösung der Prinzessinnen harrten. Traurig mußte der junge Edelmann thun wie seine Kameraden und sich auch den Mantelsack mit Gold füllen. Als sie sahen, daß an diesem Tage die sieben Hirsche wieder auf die Weide gingen, folgten sie ihnen nach durch die offenstehende Klippe; die Geister aber, die am Schloßthore Wache standen, schüttelten verdrießlich ihre bärtigen Köpfe. Die sieben Soldaten kamen in eine Stadt, dort nahmen sie sich Weiber und kauften sich von ihrem Golde prächtige Häuser. Nur der junge Edelmann heirathete noch nicht und zog noch weiter in der Welt umher. Nach einem Jahre kam er wieder durch die Stadt, da hatten seine Kameraden all ihr Geld verthan und sprachen: »Kamerad, jetzt ziehen wir wieder nach dem verwünschten Schlosse und holen uns Gold aus der Schatzkammer.« »Thut wie Ihr wollt,« antwortete der Jüngling, »doch wenn ich mit Euch gehe, so bleibe ich sieben Jahr da und sehe, ob ich nicht die Eine der sieben Prinzessinnen erlösen kann.« Darüber spotteten seine Kameraden, er aber ließ sich nicht irre machen. Als sie auf den grünen Platz vor der Klippe kamen, grasete nur Ein Hirsch mit goldenen Ringen um das Geweih dort und sah die Soldaten traurig an. Die Sieben ritten durch die offenstehende Klippe und durch das Schloßthor; dort standen die Geister noch immer Wache und schauten grimmig auf die sechs Gefährten des jungen Edelmanns. Als sie ihre Pferde in den Stall zogen, fanden sie dort nur für Ein Pferd Hafer und Heu. Da sie in den Speisesaal gingen und sich zu Essen wünschten, kam nur Ein Teller und Ein Löffel, und wenn ein anderer als der junge Edelmann mit dem Löffel essen wollte, schnapp, war er ihm vom Munde verschwunden. Sie wünschten sich Wein, aber es kam nur Eine Flasche, und wenn ein anderer als der Edelmannssohn sich an dem köstlichen Trank erlaben wollte, verschwand ihm das Gefäß vom Munde, er wußte nicht wie. Sie wünschten sich jeder eine Pfeife Taback, aber es kam nur eine Pfeife für den jungen Edelmann. Danach wollten sich die sechs hungrig zu Bett legen, aber da waren auch die sechs Betten verschwunden und nur des jungen Edelmanns Bett stand noch da und kostbarer denn zuvor. Seine Kameraden mußten deshalb auf dem Fußboden schlafen und am andern Morgen standen sie in aller Frühe auf der Lauer, um zu sehen, ob der Hirsch mit goldenen Ringen um das Geweih nicht bald aus der Klippe gehen würde. Als sie aber meinten, es sei Zeit und die Schatzkammer aufschlossen und hineingingen, ihre Mantelsäcke zu füllen, drehten die Geister ihnen den Hals um. Der junge Edelmann blieb in der Einsamkeit und fürchtete sich nicht vor den Geistern im verwünschten Schlosse. Als die sieben Jahre bald um waren, zeigte sich ihm oft die Prinzessin in ihrer menschlichen Gestalt und vermahnte ihn standhaft auszudauern. Das that er auch, und als die Zeit wirklich herum war, war der Hirsch mit goldenen Ringen um's Geweih für immer erlöst und reichte ihm als eine schöne Prinzessin die Hand. Auch alle die Geister aber waren erlöst und lustig exercirten viele Regimenter von Soldaten um das Königsschloß her. Nach einiger Zeit beschloß der junge König einmal in seine Heimath zu reisen und seinem Vater einen unverhofften Besuch zu machen, darum ließ er vier Wagen mit Geld für seinen Vater beladen und nahm fünfzig Mann Soldaten zur Bedeckung mit. Nach drei Tagen kamen sie in einen dichten Wald, verloren sich darin und gelangten endlich mitten im Walde an ein großes schönes Gasthaus. Darin waren hundert junge Gäste, die aßen und tranken und sangen und jubelten, wie auch die Diener und Dienerinnen, und ein altes Mütterchen, welcher die Gastwirtschaft gehörte, war der Räuberhauptmann. Der König und seine Soldaten merkten aber nicht, daß sie in einer Räuberhöhle waren, und hatten ihre Freude daran, wie sie so flink von den verkleideten Räubern bedient wurden und die hundert Gäste so lustige Lieder sangen. Am Abende trat die Alte zu dem jungen König und sagte, daß die Vornehmsten von ihren Gästen jeden Abend in einem kostbaren Gemach Karten zu spielen pflegten und lud ihn ein, daran Theil zu nehmen. Das gefiel dem jungen König gar wohl und in wenigen Stunden hatte er seine vier Wagen mit Geld und zuletzt selbst seine Königskleidung verspielt. Unterdessen hatten die Räuber in den andern Gemächern die Soldaten beim Trunk umgebracht und die Fuhrleute und andern Diener des Königs gefesselt und ihnen angekündigt, daß sie unter ihre Räuberbande treten oder sterben sollten. Den König entkleideten sie auch seiner kostbaren Kleidung und warfen ihn nackt und blos in eine Grube im Walde. Von seinem Hülferuf wurde ein Einsiedler herbeigezogen, der durch den Wald ging; er half ihm aus der Grube und bekleidete ihn mitleidig mit seinem blauen Kittel und seiner alten leinenen Hose. Dafür gab der König ihm einen goldenen Ring, den die Räuber ihm abzuziehen vergessen hatten. So ging der König zu seinem Vater nach Hause, als er aber dort in der leinenen Hose ankam, meinte er, daß er nichts als ein entlaufener gemeiner Soldat sei. Darum mußte der König zur Strafe die Schweine hüten und wenn er Abends heimkehrte, so sperrte ihn sein Vater auch auf den Schweinskoben, brachte ihm auch dahin das Essen und schlug ihn, wenn er auf dem Schweinskoben sein Unglück beklagte und sagte, daß er ein mächtiger König geworden sei und eine schöne und tugendreiche Gemahlin habe. Aber ein guter, freundlicher Stern wachte auch noch über den unglücklichen und in Elend und Schmach lebenden König. Denn als sein holdes Gemahl ersah, daß er nicht zurückkehrte, ward sie gar unruhig, ließ acht Wagen mit Geld beladen, nahm viele Hornisten und hundert Mann Soldaten zur Bedeckung mit sich und machte sich auf die Reise zu ihrem Schwiegervater. Nach dreien Tagen gelangten sie in den dichten Wald, verirrten sich und kamen in das schöne Wirthshaus. Da ward die Königin mit ihrem Gefolge von den verkleideten Räubern gar herrlich aufgenommen und bewirthet. Allein die Diener des Königs, welche hatten müssen unter die Räuberbande treten, sagten ihr heimlich, daß sie in einer Räuberhöhle sei und warnten die Königin, daß sie sich ja nicht zum Spiele niedersetzen sollte. Am Abend kam der Räuberhauptmann, der in die alte Wirthin verkleidet war, und sagte: es wäre ein kostbares Bankett zugerichtet und seien viel reiche junge Herren unter seinen Gästen, die gelüstete es, mit der Königin Karten zu spielen. »Mich aber,« sprach da die Königin, »gelüstet es zuerst mit den Herren einen Tanz aufzuführen und sollen alle die Herren, die hier im Hause sind und alle die Jungfrauen, die in der Küche kochen und braten, hereinkommen und mit meinen Soldaten nach der Musik, welche meine Hornisten machen werden, tanzen.« Den Soldaten war zuvor Bescheid gesagt und als die Räuber meinten, es würde zum Tanz geblasen, bliesen die Hornisten ein ander Signal und die Soldaten ergriffen die dargebotene Hand der Räuber und tödteten sie alle bis auf die frühern Diener des Königs und die alte Wirthin, die sich noch zu rechter Zeit versteckt hatte. Am andern Morgen befahl die Konigin das Haus nach ihr zu durchsuchen und weil sie das gehört hatte, so kam sie freiwillig die Treppe heruntergegangen, übergab der Königin alle Schlüssel des Hauses und bat, daß sie doch einer alten Frau schonen möchte. Da sprach die Königin: »So wahr Du ein alt Weib bist, sollst Du auch leben!« ergriff die Schlüssel zu all den Schätzen, welche dem König und andern Reisenden im Spiel abgenommen waren, und hieß die Alte an einen Baum aufhängen, denn sie hatte schon gehört, daß die alte Wirthin der Räuberhauptmann und keine alte Frau wäre. Danach zog die Königin weiter, kam zu dem Einsiedler und sah des Königs Ring an seinem Finger. Von ihm erfuhr sie, daß ihr Gemahl nicht todt, sondern in schlechter Kleidung zu seinen Eltern gereist sei. Vor Freuden über diese Nachricht und aus Dankbarkeit übergab die Königin dem Einsiedler die Schlüssel des Räuberhauses, hieß ihn von den dort aufgehäuften Schätzen nehmen so viel er möchte und das Übrige an die Armen vertheilen. Als die Königin in das Dorf kam, darin ihr Schwiegervater wohnte, ließ sie alle ihre Soldaten gegen gute Bezahlung bei den Bauern einquartieren, sie selbst aber nahm ihre Wohnung auf dem Edelhofe. Da mußte der König auf Geheiß seines Vaters des Mittags bei Tische aufwarten, durfte aber selbst nicht mitessen. Die Königin erkannte ihren Gemahl wohl, gab ihm aber einen Wink, daß er nicht thun sollte als ob sie seine Gemahlin sei. Auf den Abend wurde der König wieder auf den Schweinskoben gesteckt, allein die Königin war mitleidig, schob den Riegel hinweg, ließ ihn heraus und legte ihm seine Königskleidung an, die sie aus dem Räuberhause mitgebracht hatte, öffnete die Thür mit vielem Geräusch und ließ ihre Hornisten, die auch mit in diesem Bauernhause waren, blasen, als ob sich etwas gar Freudiges ereignet hätte. Da sprang der Edelmann mit seinen Dienern vom Lager auf und alle rieben sich verschlafen die Augen, aber die Königin sprach: »Freuet Euch mit mir! denn mitten in der Nacht ist mein Herr und Gemahl mir nachgekommen!« Der Edelmann und eine Diener schauten ganz geblendet auf den jungen König, den sie nicht erkannten, und machten ohne Unterlaß tiefe Bücklinge vor ihm, dachten auch den ganzen folgenden Morgen nicht daran, den andern aus dem Schweinskoben herauszulassen. Als es bald Mittag war und sie ihn bald herauslassen wollten, daß er bei Tische aufwarten könnte, seufzte der König tief. Da fragte sein Vater, ob denn Könige auch zu seufzen Ursache hätten? und der König sagte: »O ja;« und zum Beweis erzählte er, daß er einen Vater habe, der ihn immer auf den Schweinskoben gesperrt und geschlagen, und daß er jetzt auch glaubte, er säße noch darauf und ihm an diesem Tage nicht einmal sein ärmliches Futter dahin gebracht hätte. Da weinte der alte Edelmann laut mit allen seinen Dienern, denn er erkannte seinen Sohn. Der König aber verzieh seinem Vater und als der Edelmann sprach: »Laß mich mit Dir ziehen, mein Sohn, daß ich all Deine Herrlichkeit mit genieße,« erlaubte der junge König es gern. Allein die Königin sprach: »Nicht anders kann das geschehen, als wenn Ihr Euch einer Strafe dafür unterwerft, daß Ihr meinen Herrn und Gemahl in den Schweinsstall geworfen habt.« Der König wollte freilich nicht dulden, daß sein Vater die Strafe leiden sollte, aber der Edelmann sprach: »Ich ziehe nicht anders mit Euch, es sei denn, daß ich zuerst die Strafe leiden muß.« Darauf vertheilte der junge König die Schätze, welche auf die acht Wagen geladen waren, in dem Dorfe und dann nahmen sie den Edelmann mit sich und zogen zurück nach dem Königsschlosse. Dort bestimmte die Königin, daß der Edelmann sechs Wochen lang die Puter füttern mußte, was dem jüngsten Verwalter zukommt, weshalb auch die, welche die Wirthschaft erlernen, die Puterjungen genannt werden. An dieser Strafe aber ließ die Königin sich genügen, bewirthete und verpflegte auch den alten Edelmann in dieser Zeit schon auf's Schönste und Beste, und als die Strafzeit vorüber war, lebten sie Alle mit einander in Herrlichkeit und in Freuden bis an's Ende. 37. Räuber mahlen. Ein Müller hatte einen gottlosen Mühlknappen, dem er die Mühle nicht gern anvertraute, wenn er des Sonntags mit seiner Familie zur Kirche ging, denn er heiligte den Sonntag nicht und pflegte immer gegen das Gebot der Obrigkeit und seines Meisters am Feiertage zu mahlen. Einst ließ der Müller den Knappen aber doch wieder an einem Sonntage unter der Kirche allein und ging mit den Seinen durch das thauige Feld zur Kirche; da kamen viele Räuber an und krochen in's Mühlrad, denn die Mühle stand still und sie vermeinten, daß sie dort am Sonntag sich verborgen halten, dann aber unversehens in die Mühle gelangen und zur Nachtzeit den Müller berauben könnten. Da ward aber die Sonntagsruhe dem Mühlknappen bald zu still, darum schlug er die Mühle los. Alsbald fiel aus jeder Speiche des Mühlrades ein Räuber in's Wasser, dadurch entstand ein solches Geplätscher, daß die Leute in der nahen Stadt den Müller bei der Obrigkeit verklagten, weil seine Mühle am Sonntag ginge. Die Obrigkeit merkte sogleich, daß wieder der gottlose Mühlknappe daran schuld war, eilte hinaus und fragte ihn barsch, was er am Sonntag zu mahlen hätte? Da sagte der Mühlknappe: »Ratten!« und wollte die Obrigkeit höhnen; aber als die an's Mühlrad kam und eine ganze Räuberbande todt im Wasser fand, wurde er nicht gestraft, weil er den Sonntag entweiht hatte, und auch der fromme Müller freute sich sehr, als er mit Weib und Kind aus der Kirche heimkehrte und dankte Gott, daß sein Hab und Gut so wunderbarlich aus der Hand der Räuber gerettet war. 38. Der Maurerlehrling. Es war einmal ein Maurer, der baute des Königs Schatzkammer und verschmierte den einen Stein nicht mit Kalk. Als nun die Schatzkammer mit den Schätzen des Königs angefüllt war, ging er Nachts immer hin, stellte seinen Lehrjungen als Wache zum Aufpassen hin, hob den Stein aus, holte sich Schätze aus der Schatzkammer und setzte ihn dann wieder ein. Da der König merkte, wie sein Schatz sich verminderte und auch den losen Stein in der Mauer fand, ließ er Fallen und Schlingen vor die Stelle legen, wo der Stein los war, um den Dieb zu fangen. In der nächsten Nacht kam der Maurer wieder und stellte seinen Lehrjungen zur Sicherheit als Wache aus. Sobald er aber in's Loch kroch, hatte er sich in der Schlinge gefangen. Damit er nicht erkannt und nicht Weib und Kind für ihn bestraft würde und die Schätze ausliefern müßte, befahl er seinem Lehrling ein Messer zu holen und ihm damit den Kopf abzuschneiden. Das führte der Lehrling geschickt aus und warf den Kopf in den Fluß. Am andern Morgen kam der König mit seinen Räthen, fand aber nichts als den Rumpf vom Körper des Diebes. Da riethen ihm seine Räthe, diesen Rumpf auf eine Kuhhaut zu legen und so durch die Stadt zu schleifen; das Haus aber, worin dann ein Geschrei entstände, sei das Haus des Diebes. So geschah es auch. Als aber der Rumpf vor des Maurers Hause vorbeigeschleift wurde, erkannten ihn seine Frau und seine Kinder sogleich und huben vor Schreck an laut zu schreien. Rasch hackte sich der Lehrjunge mit dem Beil in den Fuß, und als die Soldaten zusprangen und die Familie des Maurers ergreifen wollten, zeigte er ihnen das Blut, das an seinem Fuße niederlief und sagte aus, daß die Frau und die Kinder darüber geschrien hätten. Darauf zogen die Soldaten ab, führten den Rumpf des Räubers weiter durch die Stadt, aber das Haus des Räubers und die geraubten Schätze wurden nicht gefunden. Danach beschloß der König mit seinen Räthen, den Rumpf des Maurers am Galgen befestigen zu lassen, neben den Galgen aber wurden sechs Mann Wache gestellt, um zu sehen, ob Niemand sich nahte und versuchte den Rumpf zu stehlen. Als der Lehrling das erfuhr, verkleidete er sich in ein altes Weib, kaufte sechs Schäfermäntel und sechs Schäferstäbe und sechs Flaschen Weins, die er mit Schlaftrunk vermischte. Das lud er auf einen alten Karren, vor den ein alter Schimmel gespannt war, und fuhr es in die Nähe des Galgens. Weil er dort die Schäferstäbe und die Schäferröcke auspackte und sagte, daß er das den Schäfern auf dem Felde zu verkaufen gewohnt sei, so mißtrauten die Soldaten ihm nicht und kauften ihm allen seinen Wein ab. Kaum hatten sie ihn getrunken, da versanken sie alle in einen tiefen Schlaf. Sogleich löste der Lehrjunge den Rumpf seines Meisters vom Galgen ab und warf ihn auch in den Fluß. Danach entkleidete er die sechs Soldaten, legte ihnen die Schäfermäntel an, nahm ihnen ihre Waffen und gab ihnen an deren statt die Schäferstäbe in die Hand. Die fünf Soldatenkleidungen hing er am Galgen auf und stellte die Waffen darunter. Nur das Kleid des Einen Soldaten legte er selbst statt seines Weiberrockes an, den er unter dem Galgen liegen ließ, ließ auch den Karren dort stehen und ritt in der Soldatenkleidung und mit der Soldatenwaffe davon. Als der König mit seinen Räthen die sechs Soldaten in Schäferröcken fand, mußten sie gewaltig lachen und weil sie die Weiberkleidung sahen und die ganze List entdeckten, sprach der König also zur Wache: »Die Strafe soll Euch geschenkt sein, wenn Ihr den Schalk erkennet, der das gethan, sofern er morgen zu meinem Königsschlosse geritten kommt.« Da sprachen einige von den Soldaten: »Jetzt sind wir unserer Strafe ledig, denn er wird sich hüten auf das Schloß zu kommen.« Andere aber sagten: »Und wenn er auch käme – sollten wir ihn denn nicht trotz all seiner List erkennen? Habt Ihr denn nicht gesehen, daß er blaue Augenbrauen hatte, daran er vor allen andern Menschen kenntlich ist?« Der König aber ließ bekannt machen: »Wenn Der, welcher den Räuber vom Galgen geraubt und die andern Schelmenstreiche verübt habe, sich ihm selbst anzeige, so solle ihm Alles geschenkt sein und zum Lohn für seine Geschicklichkeit solle er die Prinzessin zur Frau haben.« Am andern Morgen standen die Soldaten vor dem Schlosse auf Wache und war ihnen noch der Befehl ertheilt, daß sie den Schelm, sobald sie ihn fänden, ergreifen und gar nicht mit dem König reden lassen, sondern bevor er sein Bekenntniß abgelegt hätte, an den Galgen hängen sollten. Weil aber der Lehrling die Soldaten des Königs scheute, so färbte er sich an diesem Morgen seine blauen Augenbrauen grün und ritt getrost auf seinem alten Schimmel und in Soldatenkleidung nach dem Königsschlosse. Als die Soldaten seine grünen Augenbrauen sahen, sprachen sie zu einander: »Er ist es nicht!« und mußten danach die Strafe leiden. Der Lehrling aber legte vor dem König ein freimüthiges Bekenntniß ab und erhielt die Prinzessin zur Frau. 39. Das Mondenlicht. In der Landschaft Schnorrwitz sind die Leute zu spät gekommen, als der liebe Gott die Sonne, den Mond und die Sterne vertheilte. Sie dachten: das Beste käme zuletzt, allein sie hatten sich geirrt, denn sie bekamen keinen Mondenschein. Einstmals zogen aus dieser Landschaft vier Handwerksburschen aus und verwunderten sich gar sehr, als sie in ein Land kamen, wo sie, nachdem die Tageshelle vorüber war, an einem hohen Eichbaume ein Licht erblickten, welches so hell schien, daß die Leute dabei auf dem Felde arbeiteten. Sie traten zu einem Bauer, der pflügte, und sprachen: »Lieber Bauer, sage uns, was ist doch das für ein Licht, das dort brennt?« Der Bauer antwortete: »Das ist der Mond, den hat unser Bürgermeister für drei Thaler gekauft und auf die große Eiche gebunden. Alle Woche müssen wir ihm einen Thaler geben, damit er dies Licht nur ordentlich putzt und sorgt, daß es recht hell brennt.« Da sprachen die Handwerksburschen zu einander: »Haben wir nicht auch eine große Eiche in Schnorrwitz, darauf der Mond festgebunden werden kann? So laßt uns von da Wagen und Pferde holen und den Mond stehlen und in unsre Landschaft fahren, auf daß wir daselbst das schöne Geld damit verdienen.« Also thaten sie auch, holten Wagen und Pferde, stiegen auf den Berg, darauf die Eiche stand, bohrten ein Loch in den Mond und ließen ihn an einem Seil herunter. Danach fuhren sie ihn gen Schnorrwitz, indem sie ihn unterwegs auf dem Wagen zugedeckt hatten, befestigten ihn dort auf der hohen Eiche und die Landschaft Schnorrwitz wurde sehr blühend, weil die Leute dort nun Tag und Nacht arbeiten konnten; die vier aber erhielten in jeder Woche für den Mondenschein ihr gewisses Geld ausgezahlt. Das dauerte so lange, bis der erste Handwerksbursche starb. Da aber mußte der Bauermeister eine Scheere nehmen, auf die Eiche steigen und ein Viertel vom Monde herunterschneiden. So hatte es der Sterbende verordnet und das Mondenviertel mußte ihm in's Grab gegeben werden. In Schnorrwitz aber hatten sie seit dieser Zeit abnehmenden Mond. Eine Zeit danach starb der zweite Handwerksbursche, der ließ sich das zweite Viertel mit in's Grab geben, und darauf der dritte das dritte Viertel und endlich der vierte das vierte Viertel. Da war es in Schnorrwitz wieder dunkel bei der Nacht, unter der Erde aber war es hell vom Mondenlicht, und alle die Todten erwachten und klagten, daß sie so lange nichts hätten sehen können, und war große Freude bei allen Todten und gingen wieder zu Tanz und Spiel bei Mondenschein und gingen in die Wirthshäuser vor wie nach, tranken sich voll, gingen mit Knitteln auf einander los und vollführten einen Lärm, wie auf Erden noch nicht gewesen war. Als sie im Himmel das hörten, meinte Petrus, das wäre der Feind, der den himmlischen Heerschaaren das Königreich abtreiben wollte, ließ Lärm blasen und die ganze Himmelsmacht kam zusammen mit Gewehr und Waffen und standen fest wie die Mauern. Als der Feind nicht kam, setzte Petrus sich auf sein Pferd und ritt zum Himmelsthor hinaus; die ganzen Todten ließ er wieder in die Gefangenschaft in ihre Gräber bringen, den Mond aber nahm er ihnen fort und hing ihn oben am Himmel auf. 40. Die Länder Knötchenbach, Kuhreibtsich, Katzenklapperich und Lammfälltsich. In meiner Jugend faßte ich den Entschluß, die Welt zu besehen. Ich bestieg also ein Luftschiff und entdeckte am dritten Tage die Landschaft Knötchenbach. Da gab es eine große Menge Fische, die gingen dort frei auf dem Felde spazieren. Auch ein großer Wallfisch war darunter, der ging aber nicht zu Fuß, sondern kam zu Pferde daher geritten. Er redete mich ganz freundlich an und fragte, was ich für ein Landsmann sei, wurde aber dann zornig und drohte mich zu verschlingen, wenn ich nicht binnen vierundzwanzig Stunden das Land Knötchenbach verließe. Da sprach ich: »ich werde handeln nach Ihrem Befehl, Herr Wallfisch!« denn ich sage Euch, ein Wallfisch zu Wasser ist ein gefährliches Thier, aber einer zu Lande ist noch viel größer. Als ich seinen Befehl zu befolgen bereit war, wollte er mir noch einen goldenen Ring schenken. Ich konnte ihn aber leider nicht tragen, denn er enthielt fünfzig Fuß im Durchmesser und war dreitausend Pfund schwer. Nun lebe wohl, Herr Fisch! Ich setze mich wieder in mein Luftschiff und fahre davon. Nach drei Tagen entdeckte ich die Landschaft Kuhreibtsich, da war allerlei Vieh und darunter ein Ochse, der trug eine goldene Kette, die war mit Karfunkelstein ausgelegt. Da habe ich gesehen, daß die Ochsen auch Eier legen und Nester bauen, denn dieser Ochse hatte ein Nest auf einer Eiche, wenn man diese umgehen wollte, so gebrauchte man drei volle Stunden, und da könnt Ihr Euch denken, wie hoch sie ungefähr gewesen ist. Auf diese Eiche mußte der Ochse dreimal des Tages herauf und herunter; er baute des Jahres dreimal und legte jedesmal seine zwanzig Eier. Über dem Lande Kuhreibtsich aber war eine Fliege, wenn die ihre Fittiche auseinander that, so überschattete sie eine Fläche von hunderttausend Morgen und die ganze Landschaft bekam von ihr den Schatten, dessen sie wegen der großen Sonnenhitze gar sehr bedurfte. Auch viele Ziegen und Böcke waren in dem Lande, die hielten ordentlich Kindtaufe und Hochzeit. Da war nun auch gerade eine Hochzeit und da ging die Frau am Arme ihres Herrn Gemahls auf die Hochzeit. Vorher aber loosten die Thiere, welches von ihnen auf die Hochzeit in die Küche geschlachtet werden solle, und das Loos fiel auf die Kröte. Da kam der Herr Bär an, das war der Schlächter unter den Thieren, brummte ein wenig und stach die Kröte mit dem Spieß hinter's Ohr. Dann wurde sie theils gekocht, theils gebraten und sodann gegessen. Ich bekam auch ein Stück Fleisch davon und es blieb so viel Fleisch übrig, daß noch ein ganzes Dorf davon hätte gesättigt werden können, denn es war eine Kröte vom Mittelschlag, wie da zu Lande die Kröten sind. Sie war sechshundert Fuß lang und achtzig Fuß dick. In dem Lande Kuhreibtsich hat man auch viele Bäume, welche Affenkerne tragen; steckt man die in die Erde, so wachsen nach vierundzwanzig Stunden Affen daraus. Dankend verließ ich die Landschaft Kuhreibtsich, setzte mich in mein Luftschiff und reiste wieder drei Tage lang. Da kam ich nach Katzenklapperich, da war gerade Flohmarkt. Da war ein Floh dabei, den ich noch nie gesehen hatte, aber groß wundern that ich mich gerade nicht darüber. Er hatte zwei Hörner, die waren dreißig Fuß lang, und Beine, die waren zwölf Ellen lang, und zwei Fangzähne, auf jeder Seite einen, die waren zehn Ellen lang, und einen Rachen, wo man eine Viertelquadratmeile hineinschieben konnte. Er trug einen Küraß, der war tausend Pfund schwer und beaufsichtigte die andern Flöhe auf dem Markte. Dabei führte er ein Commando, daß der Erdboden dröhnte. Von Kuhreibtsich gelangte ich in dreien Tagen auf meinem Luftschiffe nach Lammfälltsich, und als ich mich dort recht umsah, da zeigte es sich, daß ich im Paradeisgarten war, wo die Welt am Ende war. Da sagte der alte Adam: »Wer hat Dich doch hierher geführt? Du bist ja meiner Großmutter Sohn und wärest nimmermehr durch's Weltmeer gekommen, wenn meine Frau Eva Dir nicht die Stiefel dazu gemacht hätte.« Nach einigen Tagen Aufenthalt verließ ich das Paradeis schon wieder und ging vom Ende der Welt aus noch drei Tagereisen weiter bis in das Land, wo der Teufel mit seiner Großmutter wohnt. Die lagen beide mit einander in Streit wegen des Mondes, denn der Teufel wollte das halbe Mondenlicht haben und hatte sich schon mehrmals beim Rasiren in den Hals geschnitten. Seine Großmutter aber sprach, so lange sie noch am Leben sei, gäbe sie ihm nichts davon heraus. Er sagte mir, daß er nur darauf warte, bis er sich einmal den Hals ganz abgeschnitten habe, und daß er, sobald das geschehen sei, seine Großmutter und den Mond selber sogleich verklagen würde. Auch versprach er mir viel Geld, wenn ich den Mond anhalten wollte, ihm beim Rasiren zu leuchten. Da schlug ich nach dem Monde und schlug ihm sogleich ein Bein ab, darum hinkt und springt er noch jetzt so auf Einem Bein. Darauf habe ich ihn auch in's Gesicht gehauen, das könnt Ihr auch noch sehen, denn er trägt noch ein Tuch um den Kopf, und manchen Abend kommt er gar nur mit seinem halben Gesicht heraus. Als dies geschehen war, haben sich alle Sterne gegen mich erhoben, und ich mußte eiligst mit meinen Siebenmeilenstiefeln die Flucht ergreifen. Wenn ich aber einmal wieder die Vetternstraße reise über Knötchenbach, Kuhreibtsich und Katzenklapperich, dann wird wieder was zu erzählen sein. 41. Der Bettelmann, der Tod und der Teufel. Was ein rechter Bettelmann ist, so einer dem der Schnee und der Ostwind noch im hohen Alter das Gesicht so roth färbt wie Feuer, von dem heißt es mit Recht: Der Bettelmann Bindet Tod und Teufel an. Ein solcher war einmal in's Holz gegangen, und weil ihm sein Reisigbündel zu schwer wurde, sprach er mehr als einmal: käme doch nur der Tod zu mir armem alten Manne! Siehe, da kam alsbald der Tod an und sprach: »Alter, was ist Dein Begehren?« Da erschrak der Bettelmann vor dem Tode, faßte sich aber schnell und antwortete: »Daß Du mir möchtest ein wenig mein Bündel tragen.« »Nein,« sprach der Tod, »so haben wir nicht gewettet; das hast Du nicht gemeint, und weil Du mich begehrtest, so begehre ich Dich auch.« Damit faßte er ihn an einen Arm und führte ihn fort. Dem Alten graute es so sehr vor dem Tode, daß er wünschte, es möchte ihn lieber der Teufel holen, und kaum hatte er den Teufel angerufen, da war der auch da und sprach: »Was begehrst Du?« Weil aber der Arme noch dem Tode zu entgehen gehofft hatte, so trug er noch immer das Reisigbündel auf der Schulter, das er unter Schweiß und Seufzen zusammengelesen hatte, und als er sich nach dem Anblicke des Teufels ein wenig gefaßt hatte, sprach er auch zu dem: »Ich wünschte, daß Du mir mein Reisigbündel tragen helfen möchtest.« »Nein,« sprach der Teufel mit ruhiger Stimme, »das war nicht Dein Begehren,« faßte den Bettelmann an den andern Arm und Tod und Teufel führten ihn gemeinschaftlich nach der Hölle zu. Nach einer Weile warf der Alte sein Holzbündel ab und sagte: er schäme sich mit dem Teufel zu gehen, weil der so schwarz und rußig sei, und bat um die Erlaubniß, einen Bader aus der Stadt herbeizuholen, der ihn barbieren solle. Er meinte aber, daß der dem Teufel den Hals abschneiden solle. Allein der Teufel sprach: »Ich bin kein Freund von Barbieren, denn sie vertreiben Geister, auch sind sie ja doch mit ihren Scheermessern nur Lumpensammler.« Da mußte der Alte still schweigen. Als er aber nach einiger Zeit von Ferne einen Bauer mit einem langen leeren Holzwagen daherkommen sah, an dem viele Ketten hingen und der sich von weitem gleich andern Holzwagen wie eine große Spinne ansah, stellte er sich krank, und wie der Wagen heran kam, sprach der Teufel: »Bauer, Du mußt sogleich umwenden und uns diesen Bettelmann nach meinem Hause fahren.« Das that der Bauer auch und sie warfen den Alten auf den Wagen. Der Tod ging vor dem Holzwagen her und der Teufel dahinter; der Bauer aber peitschte alsbald seine Pferde an und da setzten sich die beiden auch in Trab, das wurde ihnen herzlich sauer, und bald rief der Teufel: »Herr Kutscher, Halt! Wir kommen ja nicht mit! Siehst Du denn nicht, daß mein Bauch zum Laufen zu dick ist, und daß der Gevatter Tod, das Dürrgebein, vor Hunger nicht fort kann?« Der Bauer that anfangs, als hörte er das Rufen nicht und ließ den Dicken und den Dünnen noch eine Weile dahinspringen, wobei ihre Sätze gar gefährlich anzusehen waren und der Koth weit und breit um sie her sprützte. Dann aber hielt er still und der Alte auf dem Wagen sprach: »Wir wollen Euch an die Wagenketten binden, damit Ihr mitkommen könnt.« Das waren die beiden zufrieden und nachdem sie an den Wagen gebunden waren, fing der Bauer an zu jagen, so schnell die Pferde nur laufen wollten. Alsbald begann der Tod zu stolpern und kam unter die Räder; sogleich sprang der Teufel hinzu, um ihm zu Hülfe zu kommen. Dabei gerieth er mit dem Kopfe in die Speichen eines Rades und wurde nun immer mit herumgeschlagen wie ein Windmühlenflügel. Als er so im Rade steckte, rief er in einem fort: »Herr Kutscher, Halt! Herr Kutscher, Halt! Meinem Kameraden mag es ergehen wie es will! Laß mich nur los, ich will Dich auch dafür in gutem Andenken behalten!« Doch der Bauer kehrte sich nicht an sein Geschrei und hieb noch stärker auf die Rosse denn zuvor. So jagte der Wagen durch eine Stadt hindurch und Du kannst Dir denken, wie die Leute jubelten, als sie diese Fuhre erblickten. Von da aus fuhr der Wagen auf einen hohen Berg, wo Jahr aus Jahr ein Schnee und Eis liegen und wo dem Teufel, der an das Höllenfeuer gewöhnt war, vor Frost die Zähne klapperten und dem dürren Tod vor Hunger der Magen schnurrte. Da oben auf dem Berge aber wurden die eisernen Ketten im Boden befestigt, und wenn die noch nicht durchgefault sind, so liegen Tod und Teufel noch daran. 42. Der Jäger und die drei Brüder. Einst war eine bitterböse Zeit auf dem Harze, die Gruben waren wegen des Wassermangels unbrauchbar und viele Bergleute brodlos. Deshalb stiegen drei Brüder von den Bergen herunter, um mit Musikmachen, was sie nebenbei erlernt hatten, etwas zu verdienen. Sie kamen aber in ein Dorf, da wollte sie Niemand hören, denn im offnen Lande war die Noth auch nicht gering. Trübselig zogen sie dem nächsten Dorfe zu, da erging's ihnen nicht besser. Traurig gingen sie danach in den Wald, da zu übernachten, lagerten sich um ein Feuer und sättigten sich von dem geringen Vorrathe, den sie noch bei sich trugen. Da trat plötzlich ein grüner Jäger zu ihnen, forschte, woher sie wären und erfuhr, daß sie sich vom Musiciren nähren wollten. »Das wird Euch schwerlich etwas helfen,« sagte er zu ihnen, »aber ich will Euch einen andern Vorschlag machen. Verschreibt mir Eure Seelen, so sollt ihr auf Lebenszeit des Geldes genug haben.« Die Brüder beriethen sich wohl mit einander, beschlossen aber den gefährlichen Handel nicht einzugehen, denn die ewige Seligkeit war ihnen lieber als alles Gut der Welt. Am andern Tage erging's ihnen wie am Tage vorher. Ohne etwas verdient zu haben, begaben sie sich am Abende wieder in einen Wald, da erschien ihnen der Jäger wieder und wiederholte seinen Vorschlag. Die Brüder beriethen sich wieder mit einander, wiesen ihn jedoch abermals ab. Am dritten Tage erging es nicht anders. Matt vor Hunger, Anstrengung und Sorge begaben sich die Brüder wieder in einen Wald und lagerten sich um ein Feuer. Der Versucher trat wieder zu ihnen und wurde auch diesmal mit seinem Vorschlage abgewiesen. »Nun,« sprach er, »ich sehe wohl, Ihr seid standhafte Männer. Auch bedarf ich Eurer Seelen nicht, darum will ich Euch einen andern Vorschlag machen. Hier habe ich eine Jagdtasche. Wer hineingreift, zieht jedesmal einen feinen Gulden heraus. Diese Tasche sollt Ihr haben, unter einer Bedingung. Wenn Ihr mit andern Leuten sprecht, so kann der Älteste von euch nichts weiter hervorbringen als: Wir Brüder alle drei; der zweite: Wohl um das Geld; der dritte: Und das war recht. Unter einander könnt Ihr reden was Ihr mögt. Geht Ihr's ein?« »Ja,« sagten die Brüder, »ist's auch gewiß, daß unsere Seele keinen Schaden nimmt?« Der Jäger sicherte es ihnen fest zu und sie gingen den Handel ein. Er übergab ihnen die Tasche und verschwand im Gebüsch. Am andern Morgen waren die drei Brüder sehr hungrig, beschlossen also mit der Tasche einen Versuch zu machen. Sie traten in einen ansehnlichen Gasthof ein und der erste sagte, wie er nicht anders konnte: Wir Brüder alle drei; der zweite that einen Griff in die Tasche und zog einen feinen Gulden heraus und sagte zu dem Wirthe: Wohl um das Geld; der dritte sprach: Und das war recht. Ei, das sind ja närrische Käuze, dachte der Wirth, errieth aber ihren Willen und stellte ein leckeres Mahl vor sie hin. Danach fragte der Wirth, ob sie auch Wein trinken möchten. Gleich ging's: »Wir Brüder alle drei – Wohl um das Geld – Und das war recht.« Und alsobald stand der Wein vor ihnen auf dem Tisch. Am Abend forschte der Wirth, ob sie bei ihm übernachten möchten. »Wir Brüder alle drei – Wohl um das Geld – Und das war recht.« Da brachte sie der Wirth mit einander auf ihre Schlafkammer, hatte sich aber schon wegen der Worte, welche die drei Brüder immerfort im Munde führten und weil er wohl gemerkt, daß sie nichts anderes reden konnten, einen frevelhaften Plan ausgesponnen, sich zu bereichern und die drei Brüder zu verderben. In der Schlafkammer der drei Brüder war eine Thür, die führte in ein Nebenzimmer, und in der Thür war ein Fensterchen, davor hing in dem andern Zimmer ein Vorhang, aber so, daß man doch sehen konnte, was im Nebenzimmer geschah. In dem Nebenzimmer schlief in dieser Nacht ein reicher Kaufmann. Um Mitternacht vernahmen die Brüder ein leises Geräusch an der Hauptthüre des Nebenzimmers und durch das Fensterchen fiel ein Lichtstrahl in ihr Schlafgemach. Leise erhoben sich diese von ihrem Lager und sahen, wie die Wirthin mit einer Lampe vor dem Bette des Kaufmanns stand und daneben der Wirth und sein Sohn, die hatten ihm eine Schlinge um den Hals geworfen und der Kaufmann war eben schon erdrosselt. Danach leerten sie die Geldkatze des Todten aus, schleppten ihn aus dem Zimmer und verscharrten ihn im Garten. Die drei Brüder beriethen untereinander, was sie thun sollten, und da sie nicht vermochten, dem Richter die Frevelthat des Wirthes zu offenbaren, so beschlossen sie, in dem Wirthshause zu bleiben und zu sehen, wie's kommen würde, denn sie vermeinten, daß ein so großer Frevel nicht ungestraft bleiben werde und daß der Verdacht des Mordes auf sie fallen möchte, wenn sie danach sogleich abreisten. Es dauerte auch gar nicht lange, da kam Nachjagd nach dem Kaufmann in dem Wirthshause an, worin er verschwunden war, und seine Leiche wurde an einer Stelle im Garten, wo die Erde locker war, aufgegraben. Sogleich trat der Wirth zu dem Richter und sprach: »Ich habe da drei Gäste, die sind mir verdächtig, gewiß haben sie den Kaufmann ermordet, denn sie schlafen neben seinem Zimmer, haben Geld wie Heu und sind doch eitel arme Bettelmusikanten vom Harz.« So wie der Richter solches hörte, ließ er die drei Brüder in Banden werfen und vor sich führen. »Ihr seid des Mordes angeklagt,« sprach er. »Was sagt Ihr dazu? Beantwortet mir alle meine Fragen nach der Reihe. Habt Ihr die That vollbracht?« »Wir Brüder alle drei,« sagte der Älteste. »So bekennt Ihr Euch schuldig,« sprach der Richter, »daß Ihr die Unthat vollführt? Und warum machtet Ihr Euch einer so großen Missethat schuldig, die vor Gott und den Menschen nicht ungerochen bleiben kann?« »Wohl um das Geld,« sagte der zweite Bruder. »Wehe! wehe!« rief der Richter. »Und bereut Ihr Eure Schuld?« »Und das war recht,« sagte der dritte. »O,« rief der Richter, »daß Dich Gottes Sonne noch bescheint nach solcher teuflischen Rede!« Die drei Brüder vermochten ihm aber nichts anderes zu antworten. Er fragte noch einmal, die Antwort lautete nicht anders. »O unerhörter Frevel!« rief er aus. »Und dieser jüngste Missethäter bekennet es noch für Recht, daß sie um schnödes Geld einen Menschen getödtet haben!« Da wurden sie alle drei zum Tode verurtheilt. In der Nacht vor der Hinrichtung trat plötzlich der grüne Jäger in den Kerker zu den drei Brüdern und hieß sie nur ohne Sorgen sein, denn es werde noch Alles gut werden. Am Nachmittage darauf ward ihnen das Urtheil auf dem Marktplatze noch einmal vorgelesen und gefragt, ob sie die That vollbracht und warum, und ob sie ihr Verbrechen bereuten. Sie antworteten aber noch immer: »Wir Brüder alle drei – Wohl um das Geld – Und das war recht.« Sie wurden vom Marktplatze nach dem Richtplatze gebracht und drei Priester wetteiferten mit einander, sie zur Buße zu bewegen; doch sie blieben bei ihrer Rede. Weil aber die Menge hörte, wie der Jüngste immerfort überlaut rief: »Und das war recht,« so wurde sie gar zornig und hätte die drei Brüder lieber unterwegs schon zerrissen. Da wurde diesen im Herzen doch gar bange, als sie aber oben auf dem Schaffot standen, sprengte plötzlich die Heerstraße entlang ein Reiter auf einem Schimmel nach dem Galgen zu. Die drei Brüder erkannten sogleich, daß es der grüne Jäger war, der aber verkündete allen, die zugegen waren, daß die drei Brüder unschuldig wären und daß der Wirth mit den Seinen den Mord begangen. Die Wirthsleute waren unter den Zuschauern und liefen schnell nach Haus, als sie solche Rede hörten. Daheim schnitt sich der Wirth die Kehle ab, die Frau erhenkte sich und der Sohn stürzte sich in die Sense. Die drei Brüder aber hatten bei der Tasche ihr Leben lang des Geldes genug und auch die völlige menschliche Sprache war ihnen wieder gegeben. 43. Die Sonne bringt es an den Tag. Ein Jude holte auf seinen Reisen einst bei schönem Sonnenschein einen Boten ein, der vor ihm her den Berg heraufstieg und schwer mit Geld beladen war. Er fragte ihn, was er trüge, der aber antwortete: »Was hast Du danach zu fragen?« »Nur nicht so grob!« rief der Jude. Dabei versetzte er ihm von hinten einen Schlag auf den Kopf mit seinem Stocke und der Bote fiel todt zur Erde. Der Jude nahm das Geld und ging fort. »Möcht' es doch die Sonne verrathen!« rief ihm der Bote sterbend nach. Das ist seltsam, sprach der Jude, wie könnte mich die Sonne verrathen? So ging er heim. »Woher das viele Geld?« fragte seine Frau daheim. »Der Handel hat geschlaunt!« antwortete der Jude. Nun war der Jude ein reicher Herr und Niemand wußte, woher sein Reichthum stammte. Nach vielen Jahren lag er eines Morgens lange im Bett und die Sonne beschien sein Lager, und war ihm dabei so recht wohl und er dachte, wie gut es ihm doch erginge, seit er den Boten ermordet. Und wie er die Sonnenstrahlen betrachtete, die sein Bett beschienen, da lachte er. Das sah die Frau, die in der Küche war, durch ein Fenster, das in die Küche ging, kam herein und sprach: »Männchen, was lachst Du?« Es half nichts, er mußte bekennen, warum er gelacht hatte. »Wie thöricht war dieser Bote!« rief er aus. »Die Sonne, die Sonne bringt es nicht an den Tag!« Wiederum vergingen Jahre, da geschah es, daß an einem hellen Sommertage der Jude sich mit seiner Frau erzürnte und ihr einen leichten Schlag gab. »Mörder! Mörder!« rief die Frau sogleich aus. »Meinst Du, Du willst Deine Frau erschlagen wie den Boten, den Du gemordet hast?« Da erschrak der Jude heftig, denn sie waren nicht allein, und rief: »Frau! Frau! was hast Du geredet, was hast Du gethan? Nun bringt es die Sonne, die Sonne bringt es an den Tag!« Und so geschah es auch, denn die Leute waren sogleich zum Gericht geeilt und hatten dem Richter solche Rede verkündigt. So erhielt der Mörder seinen Lohn und des Boten letzter Wunsch ward erfüllet, ja, die Sonne, die Sonne bracht' es an den Tag. 44. Der böse Arzt. Es war einmal ein böser Arzt, der sollte einen braven Mann von einer Krankheit heilen und hätte es auch gekonnt, aber er that es nicht und nahm Alles hin, was in dem Hause des kranken Mannes war und zuletzt hatte der nichts mehr als eine Kuh. Da hörte eines Tages die Magd des Arztes, daß er daheim zu seiner Frau sagte, wie der kranke Mann noch eine Kuh hätte, die wolle er nun auch noch hinnehmen für Kurkosten und wäre ihm doch leicht zu helfen, denn er hätte ein Haar im Magen, davon wäre er krank, und wenn er einen Rettig äße, so würde er von Stund' an gesund. Die Magd aber war mitleidigen Herzens, lief schnell auf den Markt, kaufte dem kranken Manne einen Rettig und brachte ihm den zu essen. Von Stund' an ward er gesund, stand auf und trieb seine Kuh zur Weide, die brüllte so laut und munter, als wollte sie Gott für die Genesung des kranken Mannes danken und klagen über den bösen, bösen Arzt. Die Magd aber ging nicht wieder zu dem bösen Arzte, sondern blieb bei dem armen Manne und heirathete ihn, und die Kuh hat sie genährt mit süßer Milch und gab ihnen alle Jahr ein schönes Kalb und sie lebten glücklich und zufrieden. 45. Die geizige Schwiegertochter. Es war einmal ein Mann und eine Frau, bei denen hatte jeden Sonntag Mittag der alte Vater des Mannes seinen Tisch. Eines Sonntags, wie der alte Mann im Leibröckchen, wie er zu thun pflegte, zu seinen Kindern ging, dachte er: »Diesmal haben sie ein Schwein geschlachtet, da wird es doch einmal etwas Gutes geben« und freute sich unterwegs von Herzen auf den Schweinebraten. Als er aber auf den Hof kam, saß sein Sohn mit der Frau schon zu Tische und die Frau sprach: »Der Schweinebraten ist für den alten Mann zu gut.« Sie setzte also den Schweinebraten unter den Tisch und sagte zu dem alten Manne: »Wir haben heute nichts als kalte Küche« und gab ihm kalte Küche. Als nun der alte Mann die kalte Speise gegessen hatte, nahm er seinen Hut und keiner sagte, daß er noch bleiben solle, und so wie er fort war, nahm sie den Schweinebraten wieder unter dem Tische hervor und wollte mit ihrem Manne fortfahren zu essen. Da saß aber eine Kröte auf dem Schweinebraten, die sprang ihr in's Gesicht und kein Arzt konnte sie vertreiben und sie blieb auf dem Gesicht der Frau sitzen bis an ihren Tod. Und das hat eine Mutter ihren Söhnen erzählt, die wünschen, daß es jeder bösen Schwiegertochter so ergehen möchte, die einem alten Vater keinen warmen Bissen gönnt. 46. Wer todt ist, läßt sein Gucken. Es war einmal ein böser Mann, der hatte eine dumme Frau, welche ihn durch ihre Thorheit und ihre Launen oft noch mehr erboste. Einst wollte sie sehen, ob sie auch von dem bösen Manne einen ordentlichen Sarg bekäme, wenn sie einmal stürbe, darum stellte sie sich todt und wartete, was geschähe. Der böse Mann, der Alles wohl merkte, ging sogleich auf den Hühnerstall und warf dort ein paar beschmutzte Brettchen herab, als wollte er davon den Sarg zimmern. Da die Frau das hörte, streckte sie den Kopf von ihrer Spreu, darauf sie ausgestreckt lag, durch's Kammerfenster und war gar verwundert. Der böse Mann aber warf ihr sogleich seinen Hammer vor den Kopf und rief: »Wer todt ist, läßt sein Gucken!« Davon starb die Frau wirklich, der böse Mann aber ließ ihr nun einen gar prächtigen Sarg machen, daß alle Leute hinterher schauten und staunten, als sie begraben wurde. 47. Das Hündlein Angst. Es war ein Ritter, der freite um eine Nonne aus dem Kloster. Da schrieb ihm einst seine Braut, daß der Vorsteher des Klosters verreist sei und er ritt aus, sie zu besuchen. Als sie von einander schieden, schenkte ihm die Klosterfrau ihr Schooshündchen, sagte ihm aber nicht, wie es hieße. Das Hündlein lief mit dem Ritter und sah ihn immer so trübselig an, der aber konnte es nicht bei Namen rufen und sandte am andern Tage seinen Diener nach dem Kloster, damit er die Klosterfrau frage, wie es hieße. Weil aber der Ritter wußte, daß der Vorsteher des Klosters dabei sein würde, wenn sein Diener mit seiner Braut spräche, so hieß er ihn sagen: Ein Gruß von dem, Sie weiß von wem; Wie heißt denn das –? Sie weiß wohl was. Und so bestellte es auch der Diener; der Vorsteher des Klosters aber war dabei und da antwortete die Klosterfrau: So grüß nun den, Du weißt wohl wen; So wie Dir ist, So ist auch mir; So heißt auch das –, Du weißt wohl was. Also bestellt' es auch der Diener dem Ritter und der fragte: »Wie war Dir denn?« »O Herr, mir war angst, weil der Vorsteher des Klosters dabei stand und aufmerksam zuhörte.« Wie aber der Diener das Wort »angst« gesagt hatte, sprang das Hündchen an den Beiden in die höhe, denn es hat »Angst« geheißen. Da seufzte der Ritter tief und sprach: »Meinem Liebchen ist auch angst, wie es mir sagen läßt.« Das Hündlein Angst aber wich nicht von seiner Seite. 48. Der Hund Lilla. Es war ein Mädchen noch so jung und ward doch schon des Todes schuldig. Das jammerte die Richter und sie sprachen: wenn sie ihnen ein Räthsel aufgäbe, das sie nicht erriethen, so sollte sie frei sein, wenn sie es aber errathen könnten, so müsse sie sterben. Da ging das Mädchen heim, schlachtete ihren Hund Lilla, machte sich aus der Haut ein Paar Schuhe, darauf trat sie am andern Tage gar kecklich vor die Richter und sprach zu ihnen: Auf Lilla geh' ich, Auf Lilla steh' ich, Auf Lilla bau' ich meine Zuversicht. Nun rathet, Ihr Herren, was das wohl ist. Das Räthsel konnten die Richter nicht rathen, darum war der Dirne ihr junges Leben geschenkt und sie tanzte vor Freuden auf Lilla vor den Augen der Richter. 49. Die kluge Hirtentochter. Eines Ziegenhirten Tochter grub auf dem Felde und fand dabei einen goldenen Mörser. Ihr Vater wollte ihn, wie sich's gehörte, an den König abliefern, allein die Tochter wollte ihn daran hindern und sprach: »Wenn der König den Mörser hat, wird er sagen, wo der goldene Mörser sei, müsse auch der goldene Stampfer sein.« Dennoch ging der Ziegenhirt zum König und trug ihm den Mörser hin. Der aber sprach sogleich, wie das Mädchen voraus gesagt hatte, wo der Mörser wäre, müßte auch der Stampfer sein, und verlangte ihn drohend vom Ziegenhirten. Da rief dieser aus: »O, daß ich nicht meiner Tochter gefolgt bin, die mir das vorausgesagt hat!« »Ist Deine Tochter so klug,« sagte der König, »so sollst Du ohne Strafe wegen des Stößers davonkommen, wenn sie zu mir kommt nicht reitend, nicht fahrend und nicht gehend, nicht bekleidet und nicht nackt, nicht bei Tage und nicht bei Nacht.« Als die Tochter des Ziegenhirten das hörte, hüllte sie sich in Borke, da war sie nicht nackend und nicht bekleidet; dann spannte sie einen Ziegenbock vor einen zweirädrigen Karren, trat mit einem Fuße auf den Wagen, mit dem andern auf den Schwanz des Ziegenbockes, da ist sie nicht gefahren, nicht geritten und nicht gegangen. So hielt sie am andern Morgen bei Anbruch des Tages, als der Bediente des Königs eben das Thor öffnete, vor dem Schlosse, und das war nicht bei Tage und nicht bei Nacht. Da der König sie erblickte, freute er sich gar sehr über ihre Klugheit, ließ sie königlich kleiden und machte sie zu seiner Gemahlin, stellte ihr aber die Bedingung, daß sie sich niemals in die Regierungssachen mischen und daß sie sogleich wieder nach Hause zurückkehren solle, wenn sie es dennoch thäte. Lange Zeit hatten sie glücklich mit einander gelebt, da begab es sich eines Tages, daß mehrere Bauernwagen auf dem Hofe hielten, davon der eine mit Pferden und der andere mit Rindvieh bespannt war. Mit den Pferden aber war ein Fohlen auf den Hof gelaufen, das sprang unter den Wagen, der mit Rindvieh bespannt war, und sogleich band der Bauer, der diesen Wagen auf den Hof gefahren hatte, es an seinem Wagen fest und sagte, daß es zu seinem Gespann gehöre. Darüber entstand ein Streit und der König sprach das Fohlen dem Bauer mit dem Rindviehgespann zu. Der andere ging zur Königin und klagte ihr, was geschehen war; sie aber sagte: »Steige morgen auf jenen hohen Berg, nimm ein Netz, zieh es über die Steine hin, die dort liegen, und thu als ob Du fischtest.« Der Bauer that wie ihm geheißen war, die Königin aber ging am andern Tage am Fuße des Berges mit dem König spazieren. Er bemerkte den Bauer und verwunderte sich, daß er dort oben auf dem Berge und nicht drunten im Thale am Flusse fischte. Allein die Königin sprach: »Warum sollen dort keine Fische sein? Hast Du, mein König und Herr, doch erst gestern einem Bauer, der mit einem Rindviehgespann auf unsern Hof fuhr, das Fohlen zugesprochen und es dem Bauer genommen, der die Pferde vor dem Wagen hatte.« »Du hast Recht,« antwortete der König, »ich habe falsch geurtheilt und will meine Diener aussenden, daß der Bauer sein Fohlen wieder erhält. Weil Du Dich aber in meine Angelegenheiten gemischt hast, so wollen wir noch mit einander eine Mahlzeit halten und dann sollst Du heimkehren zu Deinem Vater, dem Ziegenhirten.« Während der Mahlzeit bat die kluge Frau den König, daß er ihr gestatten möge, sich das Beste aus dem Schlosse mit nach Hause zu nehmen. Das gewährte ihr der König, dann aber reichte sie ihm seinen Becher und mischte einen Schlaftrunk in seinen Wein. Als der König auf seinem Sitze eingeschlafen war, befahl sie dem Kutscher, die Pferde an den Wagen zu schirren und den König mußten vier starke Männer in den Wagen tragen. Dann mußten zwei von ihnen hinten auf springen und »Kutscher fahr zu!« rief die kluge Frau, die sich neben den schlafenden König gesetzt hatte. Vor des Ziegenhirten Hause hielt der Wagen still, die starken Männer sprangen ab und trugen den schlafenden König mit Hülfe des Ziegenhirten in dessen Hütte. Als der König dort erwachte und an den Wänden das Spinngewebe erblickte, schlug er vor Verwunderung die Hände zusammen, die Tochter des Ziegenhirten aber sagte ihm, daß er jetzt in ihres Vaters Hütte sei und daß sie ihn als das Beste in seinem Schlosse mitgenommen habe. Das freute den König nun doch, da er aber nicht in der Wohnung des Ziegenhirten bleiben mochte und seine kluge Frau sagte, daß er nicht fortdürfe, so nahm er sie selbst wieder mit auf's Schloß und sie lebten in Glückseligkeit und Einigkeit bis an's Ende. 50. Die Massachte. Es war einmal ein Mann, der reiste zur Messe, da sagte seine Frau, er solle ihr eine Massachte mitbringen, wußte aber selbst nicht, was das war, meinte nur, das müßte etwas außerordentlich Schönes und Kostbares sein. Der Mann antwortete, wenn er eine finden könne, wolle er sie mitbringen. Er ging nun wohl auf der ganzen Messe herum, fand aber keine Massachte. Auf der Heimreise begegnete er dem Fellschlächter oder Schinder, der hatte eine Kuhhaut auf der Schinderkarre und zu ihm sagte er: die Kuhhaut fiele ja fast von der Karre herab, wie es denn auch der Fall war, denn sie schleppte schon ganz auf der Erde. » Das mag sachte, « sagte der Schinder, der nicht auf die Haut geachtet hatte. Er meinte damit: das mag wohl sein, und wollte sie wieder ordentlich hinlegen. Da antwortete der Mann, der das unrecht verstanden hatte: »So ist's ein Massachte? Laßt mir die.« Es wurde also ein Handel geschlossen über die abgezogene Kuhhaut und der Mann erhielt sie für dreißig Thaler. Er wickelte sie zusammen und ging damit nach Haus. Die Frau kam ihm schon vor dem Hause entgegen und sagte, ob er ihr denn wohl eine Massachte mitgebracht habe. Das bejate er und gab ihr die Kuhhaut. Weil die Frau so hoffärtig war und sich vorgenommen hatte, nicht ohne Massachte zur Kirche zu gehen, so war sie schon lange nicht in der Kirche gewesen und wußte nun gar nicht mehr, wie es dort herging. Den nächsten Sonntag aber hing sie ihre Kuhhaut um und die Hörner standen ihr am Gesichte empor. So ging sie zur Kirche. Der Gottesdienst hatte bereits angefangen und die Leute standen eben, weil der Pfarrer vor dem Altar war, zu beiden Seiten auf. Da meinte die Frau, sie ständen vor ihr auf und sagte: sie möchten nur sitzen bleiben, sie sei selbst lange genug eine geringe Frau gewesen und ihr Mann hätte ihr die Massachte erst von der Messe mitgebracht. Dabei sah sie sich stolz und hochmüthig nach beiden Seiten um, wie sie durch die Reihen ging, und setzte sich auf ihren Platz. Die Leute in der Kirche aber wunderten sich höchlich über die Frau, und wenn sie seit der Zeit eine recht hochmüthige Frau über die Straße gehen sahen, so hieß es: »Die hat eine Massachte um.« 51. Piep, piep. Es war einmal ein König, der hatte einen Ziehbrunnen, der war gerade vor seiner Schlafkammer, und wenn in den Morgenstunden die Knechte und Diener kamen, Wasser zu schöpfen, so piepte die Pumpe immer so schön – piep, piep! – und der König schlief so süß, wenn er's im Schlafe vernahm. Eines Tages aber sprachen die Diener zu einander: »Gewiß stört die Pumpe unsern Herrn im Schlaf, wenn sie piept – piep, piep! – wir wollen sie ausbessern, daß sie nicht mehr piepen kann.« Das thaten sie auch und da piepte die Pumpe nicht mehr. Als nun die Zeit kam am andern Morgen, wo die Knechte die Pferde des Königs tränkten, lauschte der schon aus dem Schlaf in seinem Bett, ob die Pumpe nicht bald ginge: piep, piep, denn das Piepen war ihm lieber als wenn einer drei schöne neue Lieder vor seinem Kammerfenster gesungen hätte. Aber die Pumpe piepte nicht mehr und seit der Zeit konnte der König nicht mehr ordentlich schlafen und ward krank und elend. Wohl kamen die kleinen Waldvögelein jeden Morgen herbei und sangen vor des Königs Fenster ihre schönsten Lieder – piep, piep – aber was half's? der König wollte die Pumpe piepen hören und sie piepte nicht mehr, ob auch seine Diener sie wieder in den alten Stand setzen wollten, darum ward er kränker und kränker. Als es nun zuletzt zu sterben ging, kamen viel Könige herbei, den kranken König noch einmal zu sehen, und auch des Königs Schwiegersohn, der König von Mohrenland, kam, und weil die Diener wußten, daß er ein gar kluger und weiser Herr war, so liefen sie ihm schon entgegen und weinten und riefen: »O Herr, unser König stirbt, denn unsre Pumpe piept nicht mehr – piep, piep! O Herr, die Finken und andere Vögel können doch auch piepen, aber unser König will's nicht hören, er lauscht nur, daß das Holz am Brunnen piept – piep, piep!« Der König von Mohrenland untersuchte die Pumpe, aber es half nichts, sie wollte nicht mehr piepen, und wenn auch statt hundert Rossen nun alle die tausend Rosse aus dem Brunnen getränkt wurden, welche der König von Mohrenland und die andern Könige mit sich führten und die Pumpe sich viel munterer bewegte denn zuvor. »Ei! ei!« sprach der König von Mohrenland, »was ist da zu thun, daß der Brunnen wieder piept – piep, piep?« Er sann eine Weile nach und dann ließ er ein eignes Piepwerk von Gold erbauen und als Knauf oben auf den Brunnen setzen. Am andern Morgen lag der kranke König im Bett und als die Knechte kamen für die vielen Rosse das Wasser zu schöpfen und er hörte, wie das Wasser von den Seiten des Eimers wieder in den Brunnen niederplätscherte, da seufzte er und sprach: »Ach, wenn doch nur die Pumpe noch piepte – piep, piep!« Aber horch, da piepte das Piepwerk auf dem Brunnen – piep, piep! – da kam der Sandmann und streute dem König Schlaf in die Augen – piep, piep! – und als er aufwachte, war er so gesund, wie wenn er als ein Fisch in dem kühlen Brunnen herumgeschwommen wäre. Der Brunnen aber ging nun jeden Morgen wieder piep, piep! und das Märchen ist aus, ihr Kinder schlaft ein, piep, piep! 52. Der Altgesell und der Schneiderlehrling. Ein junger Bursche hatte die Schneiderprofession erlernt und Lust in die Fremde zu gehen. Da gaben ihn seine Eltern einem Altgesellen mit auf die Wanderschaft. Als sie eine Strecke weit gegangen waren, kamen sie an einen steilen Berg. Das Bergsteigen wurde dem Burschen gar sauer und er fragte: »Altgesell, ist denn die Welt auch wohl zu Ende, wenn wir oben auf dem Berge sind?« Der Altgesell, der schon viel umhergezogen war, schwieg still bis sie oben waren, und da wies er ihm, wie die Welt so weit sei, wie Berg an Berg und Thal an Thal sich reihte und Ein Strom sich in den andern ergoß. Und wenn der Bursche meinte, an einer Stelle der Welt Ende zu sehen, so wies ihm der Altgesell wieder einen Schlupfwinkel, wo es noch weiter ging und die Ströme hindurchrannen in neue Gegenden und neue Thäler sich bildeten. Dabei ward der Altgesell so freudig, weil die Welt so groß und weit ist, der Bursche aber sprach: »Altgesell, wenn's so ist wie Du sagst, so ist mir die Welt viel zu weit und ich kehre wieder um.« Da wollte ihn der Altgesell zwar überreden, daß er weiter mitzöge und erzählte ihm, wie jede Stadt ihr eigen Wahrzeichen hätte und wie die Wahrzeichen der Städte so schön seien. Allein der Bursche kehrte doch wieder um und zog nach Haus. Dort aber schämte er sich vor den andern jungen Leuten im Dorf und versteckte sich lange Zeit in einer Kammer. Eines Tages gingen seine Eltern aus und ließen ihn allein. Da sah er, wie seine Jugendgespielen kamen, auf seines Vaters Zwetschenbäume stiegen und sie abaßen. Es standen aber wohl zwanzig Zwetschenbäume da und kamen immer mehr junge Leute und der Bursche auf seiner Kammer hätte bersten mögen, daß er sie nicht verjagen konnte. Endlich rief er aus: »Wenn ich nur nicht in der Fremde wäre, so sollte Euch das übel bekommen!« Da lachten seine Kameraden, sprangen von den Bäumen herab und liefen davon, aber die Zwetschenbäume waren leer. 53. Der beschämte Bäckermeister. Ein Bäcker backte zweierlei Achterbrode, große und kleine, und den Leuten, welche stets von ihm kauften, gab er die großen, den andern aber die kleinen. Eines Tages kam die Obrigkeit zu ihm und wollte sein Weißgut wiegen; da gab er die großen Brode zum Wiegen hin und die Obrigkeit fand Alles in der Ordnung. Der Bäcker hatte aber einen redenden Vogel im Käfig hängen, der sprach zur Obrigkeit, es seien noch andere Achterbrode im kleinen Schranke, die sollten auch gewogen werden. Da fand die Obrigkeit auch die kleinen Achterbrode, wog sie und befand sie zu leicht, der Bäcker aber mußte fünf Thaler Strafe zahlen, wurde zornig, ergriff den Käfig des Vogels und warf ihn vor's Haus in den Koth. Als nun am Abend die Schweine heimkehrten, die sich den ganzen Tag über im Morast gewälzt hatten, rief der Vogel aus dem Koth ihnen zu: »O, wie schmutzig seid Ihr Schweine! Saget mir, habt Ihr etwa auch die Wahrheit geredet und den Betrug unsres Herrn verkündigt, daß er Euch in den Koth geworfen und beschmutzt hat?« Als der Bäckermeister das hörte, schämte er sich, nahm den Käfig des Vogels auf und hing ihn wieder an seine Stelle, that auch nicht wieder solch Unrecht als zuvor. 54. Es ist schon gut. Ein Bauer hatte eine Kuh und eine Ziege; es wurde ihm aber die Fütterung zu schwach und er sagte zu seiner Frau: »Wir wollen die Kuh verkaufen, ich bringe sie auf den Markt.« Er nahm also die Kuh und zog mit ihr ab. Bald aber kamen drei Studenten, die sprachen: »Bauer, wo willst Du mit der Ziege hin?« Ach, sagte er, ob sie denn nicht gescheit wären, seine Ziege sei ja zu Hause, er hätte die Kuh am Stricke. Ei, sagten die Studenten, da hätte er sich vergriffen und die Ziege genommen. Damit gingen sie fort, machten einen kleinen Umweg, kamen dann wieder und sagten: »Bauer, wo willst Du mit der verdammten Ziege hin?« Ach, sagte er wieder, ob sie denn nicht gescheit wären, es wären ihm da schon drei Studenten begegnet, die hätten auch so gesprochen; es wäre aber keine Ziege, es wäre seine Kuh. »Lieber Mann,« sagten die Studenten, »da hat Er sich vergriffen und die Ziege genommen; wenn Er ein andermal seine Kuh verkaufen will, so seh' er besser zu.« Jetzt gingen die drei Studenten durch ein Holz, machten einen Umweg und begegneten dem Bauer zum drittenmal. »Bauer,« sagten sie, »wo willst Du mit der Ziege hin?« Nun, sagte der Bauer, es seien ihm nun schon zweimal Studenten begegnet, die hätten auch so gesprochen; es wäre ja aber seine Kuh, – er müßte sich denn vergriffen und die Ziege für die Kuh genommen haben. Ei, sagten sie, das sähe er doch wohl, daß es eine Ziege wäre, gewiß stände die Kuh daheim im Stalle; ob er denn die Ziege nicht verkaufen wolle? Ei nun, sagte er, wenn er sich vergriffen und die Ziege genommen hätte, so wollte er sie auch verkaufen. Was sie denn dafür geben wollten? Sie wollten ihm fünf Thaler geben, sagten sie. Das gefiel dem Bauer ganz wohl und der Handel ward geschlossen. Die Studenten gaben ihm fünf Thaler, nahmen die Kuh und zogen ab. Der Bauer ging heim und sagte zu seiner Frau: »Da hab' ich die verdammte Ziege verkauft.« Ach, sagte die Frau, die Ziege stände ja im Stalle, er hätte die Kuh geführt. Ei, sagte er, ob sie denn nicht bei Verstande sei? Dreimal seien drei Studenten bei ihm gewesen und hätten gefragt, wo er mit der Ziege hinwolle. Die Frau aber führte ihn in den Stall zu der Ziege und nun sagte er: »Dann sind das immer die nämlichen Studenten gewesen, ich werde ihnen aber auch schon wieder eine Nase drehen.« Nun machte der Bauer seinen Plan und ein guter Freund mußte ihm auf sein Grundstück hundert und funfzig Thaler leihen. Dann setzte er einen runden Hut auf und ging fort in die Stadt, kehrte in dem Wirthshause ein, wo die meisten Studenten sich aufhielten und gab dem Wirth funfzig Thaler, ging nach dem andern Wirthshause, händigte auch dort dem Wirth funfzig Thaler ein und ebenso im dritten Wirthshause. Dafür machte er mit den Wirthen aus, daß sie an Speisen und Getränken so viel auftragen sollten, als er verlangte, und daß sie antworten sollten: »Es ist schon gut,« wenn er nach der Zeche frage. Am andern Tage setzte der Bauer sich in's erste Wirthshaus und ließ sich Essen und Trinken bringen, daß die Haide wackelte, wie man zu sagen pflegt. Bald kamen auch die drei Studenten aus dem Collegienhause gegenüber, kannten aber den Bauer in seinem Sonntagsstaate und in dem Hütchen nicht wieder. Der nöthigte sie zum Essen und Trinken und der Wirth trug immerfort auf. Endlich fragte der Bauer nach der Schuldigkeit und griff dabei so ein bischen an sein Hütchen. Da sagte der Wirth: »Es ist schon gut.« Die drei Studenten sahen einander an, der Bauer aber stand auf, als wär' es ganz in der Ordnung, daß ihm der Wirth diese Antwort gegeben hätte und ging seiner Wege. Am andern Morgen sah man den Bauer schon wie der in seiner Sonntagskleidung durch's Dorf nach der Stadt zugehen, wie eben erst der Tag graute. Der Thorwärter hatte das Thor noch nicht lange aufgeschlossen und sah noch ganz verschlafen aus, als er dort einzog. Er ging heute in's zweite Wirthshaus, da war er schon früh auf seinem Posten, und als es gegen Mittag war, ließ er sich wieder auftragen vom Schönsten und Besten. Es dauerte nicht lange, so kamen die drei Studenten; der Bauer lud sie wieder ein mit ihm zu speisen und zu trinken und bewirthete sie noch viel schöner als am ersten Tage in dem Collegienwirthshause. Wie's an's bezahlen ging, griff der Bauer an sein Hütchen und fragte nach der Zeche. Der Wirth sagte wieder: »Es ist schon gut,« und damit stand er auf und ging seiner Wege. Die Studenten aber beredeten sich später ordentlich und sprachen: »Das muß ein Wünschhütchen sein, was der Bauer trägt, denn so wie er daran dreht, ist die Zeche bezahlt. Wir müssen sehen, daß wir's ihm abkaufen. Denn wenn wir Alles, was wir essen und trinken, das ganze Jahr hindurch bezahlen sollen, so reicht unser Geld lange nicht aus, jetzt aber haben wir noch Mutterpfennige, da können wir das Hütchen wohl bezahlen.« Der Bauer aber war am andern Tage wieder mit dem Haushahn heraus und auf dem Wege nach der Stadt. Er ging wieder in ein anderes Wirthshaus und auch da traf er des Mittags die Studenten. Das Essen und Trinken in dem zweiten Wirthshause war noch nichts gewesen gegen das Leben in dem dritten. Als sie aber gegessen und getrunken hatten, fragte der Bauer wieder: »Was ist die Zeche?« und drehte dabei an seinem Hute. Da sprach der Wirth: »Es ist schon gut.« Nun, sagten die Studenten, ob denn der Hut nicht zu verkaufen sei? Der Bauer aber antwortete: Nein, der sei ihm lieber, als viel Geld. Wenn er im Wirthshause noch so viel äße und tränke, so sei doch Alles immer gleich bezahlt, und sobald er an das Hütchen griffe, sei reine Rechnung, und das sei viel werth. Sie hätten es ja selbst erfahren, was das Hütchen Alles bezahlen könne, Wildschweinsbraten, Gänsebraten, Schellfisch und alle Weine, die es nur gäbe. Durch diese Rede sind aber die Studenten noch viel begieriger nach dem Wünschhütchen geworden und sie boten ihm jetzt als erstes Angebot fünfhundert Thaler dafür. »Ei, wie wird mir das Hütchen für fünfhundert Thaler feil sein?« erwiederte der Bauer. Die Studenten boten ihm endlich achthundert Thaler. Als der Bauer dies Gebot hörte, antwortete er: »Nun, so mag es darum sein,« gab es hin, steckte seine achthundert Thaler ein, ging heim und sagte zu seiner Frau: »Erst haben mir die Studenten die Kuh abgekauft als Ziege und nun haben sie auch noch mein altes Hütchen dazu genommen für achthundert Thaler.« Der Bauer war mit den Handelsgeschäften, die er seit acht Tagen gemacht hatte, ganz zufrieden, aber die Studenten? Sie nahmen das Hütchen und gingen in das Wirthshaus, wo sie zum erstenmal den Bauer getroffen hatten. Der Wirth mußte zu essen und zu trinken bringen und sie ließen es sich alle drei gar wohl sein im Wein und andern Herrlichkeiten. Der älteste Student hatte das Hütchen aufgesetzt und als sie gegessen und getrunken hatten, fragte er so recht verwegen: »Herr Wirth, was ist die Zeche?« Da kam der Wirth mit der Kreide und rechnete und rechnete, und sie mußten Alles bezahlen. Am andern Tage setzte der zweite Student das Hütchen auf, denn sie meinten, der Älteste wisse keinen rechten Bescheid, verstehe mit dem Hütchen nicht umzugehen und könne es nicht ordentlich drehen. So gingen sie in das Wirthshaus, wo sie am zweiten Tage mit dem Bauer gewesen. Als aber der zweite Student nun fragte: »Herr Wirth, was ist die Zeche?« da kam auch der herbei mit der Kreide und machte ihnen die Rechnung. Der jüngste Student behauptete steif und fest, die andern Beiden wüßten das Hütchen nur nicht zu drehen. Er setzte also am dritten Tage das Hütchen auf und sie gingen in's dritte Wirthshaus. Als sie gegessen und getrunken hatten, drehte er das Hütchen auf seinem Kopfe beinahe in Stücken und dabei fragte er nach der Zeche. Aber da kam er bei dem Wirth schön an! der machte die Zeche nach der Schwierigkeit und schenkte ihnen nicht einen Heller. Damit war die Geschichte aus, – die Studenten hoffen aber trotzdem noch immer einmal an ein Hütchen zu kommen, das die Wirthsrechnungen für sie bezahlen kann. 55. Hans-stich-den-Bock. Es geht doch nirgends wunderlicher zu als in der Welt. So waren denn auch einmal drei arme Reisende, ein Fleischergesell und ein Schneidergesell, zu denen hatte sich noch ein Jude gesellt. Wie denen das Geld ausging, da machten sie eine große Zeche bei einem Wirth, und in der Nacht standen sie in ihrer Kammer auf, stiegen zum Fenster heraus und gingen in den Stall des Wirthes, ausgenommen den Juden, der hielt an der Stallthür Wache. Da wetzte der Fleischer sein Messer, der Schneider hielt den Bock fest und der Fleischer schlachtete ihn, zertheilte das Fleisch ordentlich und dann stopften sie das Fell mit Stroh aus und der Schneider nähte es wieder zusammen. So stellten sie den Bock vor die Raufe und steckten ihm Heu in's Maul, daß er aussah wie ein ordentlicher Bock, der sich's wohl sein läßt an einem Bund Heu. Am andern Morgen ging der Schneider in den Stall und meckerte ordentlich wie ein lebendiger Bock und ging dann wieder hinaus. Nach einer Weile kam der Wirth, der den Bock hatte meckern hören, und sah in den Stall. Wie er aber sah, daß er noch einen Zopf Heu im Maul hatte, meinte er, bei dem sei das Füttern noch nicht wieder nöthig und ging gleich wieder in die Wirthsstube. Nun ging's an's Bezahlen und da sagte der Jude: sie hätten Bocksfleisch in ihren Ränzeln, wenn er ihnen noch drei Thaler darauf herausgeben wolle, so könne er's für die Zeche annehmen. Das that denn der Wirth auch und bat zuletzt, daß doch die drei Reisenden ihre Namen mit Kreide an die Stubenthür schreiben möchten. Da schrieb der Schneider den Namen an: Hans-halt-den-Bock. Der Fleischer: Hans-stich-den-Bock. Und der Jude: Bezahl-den-Wirth-mit-seinem-Gut. Dann gingen die drei Reisenden ihres Wegs. Als aber der Wirth nach einer Stunde den Betrug merkte, da verfolgte er sie und fragte überall nach dem Hans-halt-den-Bock, Hans-stich-den-Bock und dem Bezahl-den-Wirth-mit-seinem-Gut, und dabei rief er: das seien die bösesten Kerle auf Gottes Erdboden. Die Leute aber lachten, wie sie hörten, daß der Bezahl-den-Wirth-mit-seinem-Gut die Wirthsrechnung mit Bocksfleisch bezahlt hatte, und keiner konnte ihm sagen, wo der Hans-halt-den-Bock, der Hans-stich-den-Bock und der Bezahl-den-Wirth-mit-seinem-Gut eingekehrt sei und so war der Wirth seinen Bock los. 56. Die gesottenen Eier. Es war ein Mann, der ging über Land, hatte wenig Geld bei sich und als er auf dem Heimwege noch einmal im Wirthshause einkehrte und fünf gesottene Eier aß, mußte er die Zeche schuldig bleiben. Nach fünf Jahren kam er wieder in das nämliche Wirthshaus und wollte jetzt auch seine alte Schuld bezahlen. Da rechnete die Wirthin und rechnete, machte ihm eine Zeche von fünfzig Thalern und sagte: so viel hätte sie jetzt an Hühnern und Eiern verdient, wenn die fünf Eier, die er damals gegessen hätte, von der Glucke ordentlich ausgebrütet und Hühner geworden wären, die wieder Eier gelegt hätten und diese Eier wären wieder ausgebrütet und so immer weiter. Als der Mann das hörte, weigerte er sich zu bezahlen und ging fort. Die Frau aber ging am andern Tage zum Richter, zu dessen Untergebenen auch der Mann gehörte, und trug ihre Rechnung vor. Der Richter befand sie ganz richtig, schickte den Gerichtsdiener zu dem Manne und bestellte ihn auf den nächsten Tag um zehn Uhr Morgens vor Gericht, ihm anzukündigen, daß er die fünfzig Thaler bezahlen solle. Der Mann machte sich also früh auf, um zu rechter Zeit vor Gericht zu erscheinen. Unterwegs traf er einen Bauer bei seiner Feldarbeit, und als der ihn so traurig daherkommen sah, hielt er inne und fragte, was er für einen Gang vorhabe. Er erzählte ihm Alles, der Bauer aber sprach: »Leget Euch dort unter jene Eiche am Feldrain, ich will mich bei dem Richter für Euch ausgeben und Eure Sache wohl in Ordnung bringen. Aber zuerst muß ich hier meinen Acker fertig bestellen, so lange mag der Richter warten.« Der Mann legte sich unter die Eiche und überließ dem Bauer seine Sache, sah aber mit großer Unruhe, daß der sich gar nicht eilte. Schon war es zwölf Uhr vorbei, als er zum Richter ging und dieser wollte eben zu Tische gehn, da er anlangte, deshalb fuhr er ihn hart an und fragte, weshalb er nicht früher gekommen wäre. »Ei,« sagte der Bauer, »ich bin ein Bauersmann wie Ihr seht, und einem Bauer wird das Leben jetzt sauer gemacht. Ich mußte heut' Erbsen säen, stand gar früh auf und gedachte zu rechter Zeit mit dem Säen fertig zu sein, so daß ich um zehn Uhr vor Gericht erscheinen könnte. Aber jetzt ist Alles so weitläufig und die Erbsen wollten vor dem Säen erst gekocht sein.« »Gekocht,« fragte der Richter, »und dann noch gesät? Wie soll ich das verstehen?« »Ja,« sagte der Bauer, »das ist jetzt die neuste Mode, seit die Wirthinnen sich von gesottenen Eiern einen ganzen Hühnerhof bezahlen lassen. Früher freilich' gab nur ein rohes Ei ein junges Huhn und damals brauchte man auch die Erbsen nicht zu kochen, wenn man sie säen wollte. Aber Alles schreitet jetzt fort und macht große Ansprüche, darum wollen die Erbsen nicht aufgehen, wenn sie nicht erst gekocht sind.« Da lachte der Richter, bestimmte, daß nur wenige Pfennige für die gesottenen Eier bezahlt werden sollten und ging zu Tische. 57. Ich diente dem Bauer wohl ein Jahr. Ich diente dem Bauer wohl ein Jahr, Da gab er mir ein Huhn; Da fragten mich alle Leute, Wie ich mein Huhn wollte heißen. »Kükelhahn heißt mein Huhn.« Ich diente dem Bauer wohl zwei Jahr, Da gab er mir eine Gans; Da fragten mich alle Leute, Wie ich meine Gans wollte heißen. »Langhals heißt meine Gans, Kükelhahn heißt mein Huhn.« Ich diente dem Bauer wohl drei Jahr, Da gab er mir ein Schaaf; Da fragten mich alle Leute, Wie ich mein Schaaf wollte heißen. »Trippeltrappel heißt mein Schaaf, Langhals heißt meine Gans, Kükelhahn heißt mein Huhn.« Ich diente dem Bauer wohl vier Jahr, Da gab er mir ein Schwein; Da fragten mich alle Leute, Wie ich mein Schwein wollte heißen. »Jägerlein heißt mein Schwein, Trippeltrappel heißt mein Schaaf, Langhals heißt meine Gans, Kükelhahn heißt mein Huhn.« Ich diente dem Bauer wohl fünf Jahr, Da gab er mir eine Kuh; Da fragten mich alle Leute, Wie ich meine Kuh wollte heißen. »Ruhruh heißt meine Kuh, Jägerlein heißt mein Schwein, Trippeltrappel heißt mein Schaaf, Langhals heißt meine Gans, Kükelhahn heißt mein Huhn.« Ich diente dem Bauer wohl sechs Jahr, Da gab er mir ein Pferd; Da fragten mich alle Leute, Wie ich mein Pferd wollte heißen. »Hinundher heißt mein Pferd, Ruhruh heißt meine Kuh, Jägerlein heißt mein Schwein, Trippeltrappel heißt mein Schaaf, Langhals heißt meine Gans, Kükelhahn heißt mein Huhn.« Ich diente dem Bauer wohl sieben Jahr, Da gab er mir ein Weib; Da fragten mich alle Leute, Wie ich mein Weib wollte heißen. »Zeitvertreib heißt mein Weib, Hinundher heißt mein Pferd, Ruhruh heißt meine Kuh, Jägerlein heißt mein Schwein, Trippeltrappel heißt mein Schaaf, Langhals heißt meine Gans, Kükelhahn heißt mein Huhn.« Ich diente dem Bauer wohl acht Jahr, Da gab er mir ein Kind; Da fragten mich alle Leute, Wie ich mein Kind wollte heißen. »Schütteling heißt mein Kind, Zeitvertreib heißt mein Weib, Hinundher heißt mein Pferd, Ruhruh heißt meine Kuh, Jägerlein heißt mein Schwein, Trippeltrappel heißt mein Schaaf, Langhals heißt meine Gans, Kükelhahn heißt mein Huhn.« Ich diente dem Bauer wohl neun Jahr, Da gab er mir einen Knecht; Da fragten mich alle Leute, Wie ich meinen Knecht wollte heißen. »Haberecht heißt mein Knecht, Schütteling heißt mein Kind, Zeitvertreib heißt mein Weib, Hinundher heißt mein Pferd, Ruhruh heißt meine Kuh, Jägerlein heißt mein Schwein, Trippeltrappel heißt mein Schaaf, Langhals heißt meine Gans, Kükelhahn heißt mein Huhn.« Ich diente dem Bauer wohl zehn Jahr, Da gab er mir eine Magd; Da fragten mich alle Leute, Wie ich meine Magd wollte heißen. »Unverzagt heißt meine Magd, Haberecht heißt mein Knecht, Schütteling heißt mein Kind, Zeitvertreib heißt mein Weib, Hinundher heißt mein Pferd, Ruhruh heißt meine Kuh, Jägerlein heißt mein Schwein, Trippeltrappel heißt mein Schaaf, Langhals heißt meine Gans, Kükelhahn heißt mein Huhn.« 58. Der Nußbaum. An einem Flusse stand ein Nußbaum und ließ einen Zweig in's Wasser hängen. Da glaubten die Leute im Dorfe, das sei der Schnabel des Nußbaums und der Nußbaum wolle trinken; sie banden also einen Strick an den Baum und ein Mann setzte sich darauf, um den Zweig ordentlich in's Wasser niederzudrücken, damit der Baum trinken könnte. Allein dabei riß der Strick, den die andern Leute unten an dem Zweige befestigt hatten, der Zweig aber fuhr zurück und schlug dem Manne den Kopf ab. Da fiel der Kopf in's Wasser, die Leute aber sahen es nicht und erblickten den Mann ohne Kopf auf dem Baume. Also dachten sie, er hätte keinen Kopf gehabt, gingen zu seiner Frau und fragten die, ob denn ihr Mann einen Kopf gehabt hätte. Diese antwortete: Jawohl, vor ein paar Wochen hätte er noch einen Kopf gehabt, seitdem hätte sie nicht darauf geachtet; dort hänge aber der Hut ihres Mannes an der Wand und sie möchten einmal zusehen, ob er darin vielleicht steckte. Darin steckte der Kopf aber nicht und da waren alle der Meinung, daß der Mann keinen Kopf gehabt hätte. 59. Der Bief auf dem Eichbaum. Es war einmal ein Förster, der litt große Noth mit Weib und Kind, und so manchen Tag schien die liebe Sonne ihm in's Haus hinein und war doch kein Stücklein Brod darin. Darum schrieb er einen Brief an unsern Herrgott und setzte hinein, dem Herrn Förster erginge es gar übel, er könne mit seiner Einnahme nicht auskommen. Darauf kletterte er mit dem Briefe auf eine Eiche und legte ihn dort oben auf dem Gipfel des Baumes nieder. Er meinte aber, wenn unser Herrgott den Brief oben auf dem Eichbaum fände, so würde er glauben, den hätten die Holzhauer geschrieben, weil sie der Förster erbarme, und würde ihm eine Unterstützung zukommen lassen. Nun ging aber am andern Morgen der Edelmann im Walde auf die Jagd. Als der unter die Eiche kam, so wehte ihm gerade der Morgenwind den Brief des Försters von der Krone des Baumes her vor die Füße. Da glaubte er nicht anders, als daß dies ein Brief sei, den unser Herrgott an ihn geschrieben hätte. Da er nun darin las wie schlecht es seinem Förster erging, meinte er, es sei Gottes Wille, daß er ihm helfen solle, füllte also mit seiner Frau ein Säckchen voll Waizenmehl und trug das in der Nacht vor des Försters Thür. Darauf füllten sie noch ein kleineres Säckchen voll mit Geld und das trug er auch noch hin und setzte es daneben. Als der Förster am andern Morgen auf die Jagd gehen wollte, fand er das Säckchen mit Geld und auch das Säckchen voll schönen Waizenmehls. Da backte seine Frau den schönsten Kuchen und sie dankten Gott, weil er ihm in der Nacht die beiden Säckchen vor die Thür gesetzt und den Förster erhört hätte. 60. Den Wind vergessen. Einst war ein Mann, der war nimmer zufrieden, weder mit seinem Schicksal, noch mit den Menschen, noch selbst mit dem lieben Gott. Bald tadelte er diese, bald jene Einrichtung seiner Weltregierung, vor Allem aber das Wetter, das ihm heute zu warm, morgen zu kühl war; der Regen dauerte ihm heute zu lange, morgen ging er zu rasch vorüber; heute schien die Sonne ihm zu feucht, morgen zu trocken. Kurz, er hatte am Wetter beständig etwas auszusetzen und einst in den heiligen zwölf Nächten sagte er: »Könnte ich selbst nur das Wetter machen, wie ich wollte, so sollten die Saaten bald anders stehen.« Und siehe da, als er das gesagt hatte, trat ein Mann zu ihm, der war mit einem hellen Schein umgeben und sprach: »Dein Wunsch, das Wetter zu machen, sei Dir gewährt. Von heute an soll Deinen Feldern nur die Witterung zu Theil werden, die Du wünschest und für die beste hältst.« Damit verschwand die Erscheinung. Der Tadler war jetzt hocherfreut, daß sein Wunsch erhört war. Und da es noch nicht geschneit hatte, so wünschte er seinen Feldern zuerst eine tüchtige Schneedecke. Und siehe, als er auf's Feld kam, schneite es lustig auf seine Äcker herab. Den Schnee ließ er bis zum ersten März liegen, bestellte hierauf trockene Witterung, dann abwechselnd Sonnenschein und warmen Regen, mitunter auch Gewitter und dachte Alles weise und gut eingerichtet zu haben. Seine Saaten zeichneten sich auch vor allen übrigen des Feldes aus, wuchsen und blüthen, daß es eine Lust war und der Mann ging daher gar stolz umher und that als wäre er der liebe Gott. Da aber die Zeit der Ernte kam, fuhr er wohl große Wagen voll auf seinen Hof, aber nichts als Stroh und kein Körnlein Frucht: denn der überkluge Mann hatte den Wind vergessen. 61. Den Segen vergessen. Eine Frau, die fleißig zur Kirche ging, wollte wissen, wie viel Mal sie in Einem Jahre im Gotteshause gewesen sei. Weil sie nicht schreiben konnte, so bezeichnete sie jeden Kirchenbesuch dadurch, daß sie einen Pfennig in ein Sparbüchslein steckte und solches in ihren Koffer verschloß. Da nun das Jahr um war und sie vermeinte, das Büchslein voller Pfennige zu finden, öffnete sie es und sah nur drei Pfennige darin liegen. Es waren die Sonntage, da sie zum heiligen Nachtmahl gewesen war und deshalb den Segen abgewartet hatte. An allen übrigen Sonn- und Festtagen war sie gleich nach der Predigt, also ohne den Segen, aus der Kirche gegangen. 62. Josef, wandere aus! Eine Wittwe hatte einen einzigen Sohn, dessen Vater schon zehn Jahre todt war, da kam ein Freier und heirathete sie. Der Stiefvater war ein rauher Mann, deshalb behandelte er seinen Stiefsohn gar übel, und bald galt auch das Sprichwort: Wo ein Stiefvater ist, da wird auch eine Stiefmutter. Denn als ihr noch ein Sohn geboren wurde, wandte sich ihr Herz ganz zu ihrem Neugebornen und wurde hart und kalt gegen den älteren Sohn. Der aber ging jeden Morgen hinaus auf einen grünen Platz und sprach Gott um Hülfe an. Als er sich auch eines Morgens so verlassen fühlte, betete er dort: »Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen, doch nicht wie ich will, sondern wie Du, mein Vater.« Im selben Augenblick ertönte eine Stimme, die rief: »Josef, wandere aus!« Da ging der Knabe zu seiner Mutter und bat sie um einen Reisepfennig, den weigerte sie ihm und mit einem Bissen Brod, den ihm gute Leute gaben, ging er in die Fremde. Er war noch nicht weit gegangen, da stand ein Hund da und bellte vor Hunger immer fort. Dem gab der Knabe das Brod und nun lief der Hund immer mit ihm und wich und wankte nicht von seiner Seite. Einst zogen sie an einer Räuberhöhle vorbei, da stürzten zwölf Räuber heraus, meinten, der arme Knabe trüge Reisegeld bei sich und wollten ihn berauben. Aber der Hund zerriß alle zwölf Räuber und darauf drangen sie in die Höhle ein, fanden auch darin eine Glocke, vieles Gold und Silber, Altardecken mit kostbaren Tressen und andere werthvolle Dinge, welche die Räuber in der vergangenen Nacht aus einem nahen Kloster geraubt hatten, und außerdem noch vieles Geld. Da er nun leicht erkannte, woher diese Dinge genommen waren, überlieferte er Alles wieder dem Kloster und die erfreuten Klosterleute schenkten ihm all das gefundene Geld. Er wanderte mit seinem Hunde weiter und einst kamen sie an einem großen Loche vorbei, da sprang der Hund hinein und fuhr unter eine Bande von fünfzig Falschmünzern, die dort bei einander hockten und falsch Geld machten. Der Hund biß alle fünfzig Falschmünzer nieder und als Josef das viele falsche Geld der Obrigkeit überlieferte, beschenkte auch sie ihn reichlich dafür. Mit dem vielen Gelde, das er nun erworben hatte, lebte er bereits sehr glücklich; da gelangte er einst mit seinem Hunde auch noch an eine Drachenhöhle, worin drei zwölfköpfige Drachen saßen. Der Hund biß die sechsunddreißig Drachenköpfe ab und ließ es sich mit seinem Herrn in der Drachenhöhle behagen. Sie fanden einen Keller, davor war eine dicke eiserne Thür, und sobald diese geöffnet war, rief eine zarte Stimme: »Da kommt mein Erlöser!« Es war aber dies eine Prinzessin und der Jüngling ging mit ihr zu ihrem Vater, der ihm das Königreich übergab und sogleich die Hochzeit zurichtete, auch zugleich das Wappen des Landes verändern und einen Hund und sechsunddreißig Drachenköpfe hineinsetzen ließ. Als das geschehen war, begann der Hund sogleich zu reden, ermahnte den jungen König zur guten Regierung und lief davon. Nach einiger Zeit kam die Klage vor den jungen König, daß ein kleiner Knabe seine Mutter, deren einziges Söhnchen er sei und die eine arme Wittwe wäre, ganz blutig geschlagen habe und deshalb gefesselt in den Königshof geführt sei. Sogleich hieß er das Kind in den Kerker werfen und es jammerte diese That ihn gar sehr, machte sich daher auf und ließ sich zu der Frau weisen, sie zu trösten. Da gelangte er auch an den grünen Platz, wo er einst gebetet und wo die Stimme vom Himmel gerufen hatte: »Josef, wandere aus!« und auf dem Platze sah er eine blutig geschlagene Frau liegen und beten. Es war aber seine Mutter, deren zweiter Mann auch wieder gestorben war, und sie betete still für sich, daß Gott ihr vergeben möge, was sie an ihrem ältesten Sohn gethan, denn sie meinte, daß Gott sie durch die Missethat des jüngsten Söhnchens, das sie in Allem auf den Händen getragen hatte, habe strafen wollen. »Seid Ihr die Frau, die von ihrem einzigen Söhnchen blutig geschlagen ist?« rief er sie an, denn sie war so sehr mit Blut bedeckt, daß er seine Mutter nicht sogleich erkannte. »Ach nein, nein!« rief sie da aus, »mein einziger Sohn war es nicht, der mich schlug – aber gegen den andern verlor ich die Liebe bei der Geburt dieses Söhnchens, das jetzt seine Mutter gemißhandelt hat, dafür strafte mich Gott.« Da erkannte sie der junge König und fragte: »So denkt Ihr noch an Euren erstgeborenen Sohn?« Da sagte die Frau: »Ich betete eben, daß Gott mir meine Sünde an ihm vergeben und ihn mir wieder schenken möchte.« Da war der junge König hoch erfreut, fiel seiner Mutter um den Hals, küßte sie und gab sich ihr zu erkennen. Da ließ der junge König auch das Söhnchen aus dem Kerker holen, verwies ihm sein Unrecht, wandte das Geld, das ihm noch übrig war von den Geschenken, die er erhalten hatte, weil sein Hund die Räuber und die Falschmünzer zerrissen, dazu an, eine schöne Kirche zu bauen und ließ seinen kleinen Bruder sorgfältig erziehen, daß er gebessert würde. 63. Barrabas. Es war einst ein Bettler, der bekam viele Kinder, und wählte immer dreißig Gevattern zur Taufe, auf daß sie ihn beschenkten, und von dem Gelde lebte er dann eine Zeit lang mit seiner Frau herrlich und in Freuden, Zuletzt aber brachte seine Frau noch einen Sohn zur Welt, und weil schon alle Leute in der Hütte des Bettlers Gevatter gestanden hatten, so wußte er für dies Kind keinen Pathen mehr als seine armen Verwandten, die ihm nichts schenken konnten. Als nun der Knabe in der Kirche getauft wurde, trat daheim der Teufel zu dem Bettler, ihn zu versuchen, und erinnerte ihn, wie er früher so lustig Kindtaufe gehalten und noch lange Zeit von den Geschenken der dreißig Taufzeugen gelebt hatte, und da verschrieb er dem Teufel den Knaben und bekam von ihm mehr Geld, als er sonst an einer Kindtaufe gehabt hatte. Er hielt nun mit seiner Frau und seinen ältern Kindern noch die allerlustbarste Kindtaufe. Es kam aber die Zeit heran, da der Knabe zwanzig Jahr alt war und dem Teufel übergeben werden mußte. Da versammelten sich der Pfarrer, der Lehrer und der Superintendent in der Kirche, schlossen einen Kreis und nahmen den Knaben mitten hinein, schlugen auch einen Gesang auf und legten das aufgeschlagene Gesangbuch dem Jungen auf den Kopf. Sogleich erschien der Teufel und forderte den Jungen, da sagte der Superintendent: Nur wenn er jetzt die Macht hätte, ihn aus dem Kreise herauszunehmen, solle er ihn haben. Diese Macht hatte der Teufel nicht und sagte, der Junge solle nach der Hölle kommen und die Verschreibung zurückholen. Da verschwand der Teufel; der Knabe aber machte sich auf, und kam auf einen großen schönen Weg, der wurde immer breiter und breiter und führte zuletzt in die Hölle. Da standen Unglückliche, denen Pech im Halse brannte, und ein Bett stand da, das brannte lichterloh, und der Teufel gab ihm die Verschreibung zurück, erzählte auch, daß in dieses Bett der Räuber Barrabas sollte, welcher schon neunundneunzig Menschen todtgeschlagen hätte, wenn er aber den hundertsten todtschlüge, so würde er sofort in die Hölle kommen, wo er in dem brennenden Bett schlafen solle. Dann ging der Junge mit der empfangenen Bescheinigung wieder fort und es begegnete ihm ein Riese, der trug einen Stab in der Hand und fragte, wo er herkäme, und der Knabe sagte: »Aus der Hölle!« und erzählte von dem Bette des Räuber Barrabas. Da steckte der Riese den Stab in die Erde und sprach: »Dieser Barrabas bin ich, mein Sohn! neunundneunzig habe ich schon getödtet, und Du, hättest Du mir nicht solches berichtet, wärst der hundertste gewesen.« Da gab der Riese dem Jüngling alles Geld, was er geraubt hatte, und der war fortan ein reicher Herr und zog mit einer großen Dienerschaar in der Welt umher und that wohl von dem Gelde des Riesen allen Kranken und Elenden. Eines Tages kam er wieder in die Nähe der Stelle, wo er dem Riesen Barrabas begegnet war, da sah er einen schönen Apfelbaum mit rothen Äpfeln stehen, die lachten ihn an, und er hieß seiner Diener Einem ihm einen Apfel von dem Baume brechen. Als aber der Diener nach dem Apfel greifen wollte, hoben sich die Zweige in die Höhe und sprachen: Du hast mir die Frucht nicht gegeben, Kannst sie mir auch nicht nehmen. Da aber der Jüngling selbst hinkam zu dem Apfelbaum, neigten sich die Zweige und sprachen: Du hast uns die Frucht gegeben, Kannst sie uns auch nehmen. Es war aber dies derselbige Stab, den der Riese Barrabas in die Erde gesteckt hatte. Weil der Riese Barrabas Buße that, hatte der Stab begonnen zu blühen und Früchte zu tragen und da hatte der Riese gerufen: So viel rothe Äpfel auf diesem Baume seien, so viel blutrothe Mordthaten hätte er auf seinem Gewissen, und da hatte Gott ihn in seinen Himmel aufgenommen und wenn die Engel die Gnade und Langmuth Gottes loben, so übertönt der Gesang des Riesen Barrabas die Gesänge aller der himmlischen Heerschaaren. Der Jüngling aber brach die Äpfel alle vom Baume und sie wurden in seinen Händen alle zu Gold und wurden ein Segen und eine Erquickung für alle Armen und Kranken. 64. Von dem Hirsch, dem Fisch und dem Schwan, die auf Gottes Wort horchen sollten. Unser Herr Jesus wollte einmal sehen, ob schon wieder eine Sündfluth nöthig wäre, darum begab er sich mit Petrus auf Reisen. Sie kamen in ein Dorf und baten die reichen Bauern um Speise, aber die sagten: Wenn sie dreschen helfen wollten, so sollten sie zu essen haben, anders nicht. Das schrieb sich der Herr Christus in sein Tagebuch und schickte das nächste Jahr den Bauern Mißwachs dafür und die reichen Bauern hatten jetzt für sich selbst nichts zu dreschen. Als aber Jesus und Petrus von den Bauern abgewiesen waren, kamen sie an eine niedere Schindelhütte im Walde, darin saß ein alter Holzhauer und aß mit seinem Sohne das Mittagsbrod. Bei dem baten sie nur um einen Trunk Wasser, aber der Holzhauer gab ihnen von seiner magern Brodsuppe hin, behielt sie auch über Nacht und verpflegte unsern Herrn Jesus sammt Petro auf's Schönste und Beste. Weil aber der Herr Jesus prüfen wollte, ob diese Gutmüthigkeit beharrlich sei, so blieben sie volle acht Tage bei dem Holzhauer und jeden Mittag wartete der unserm Heiland und Petro auf's Beste mit der Brodsuppe auf, woran sie sich recht labten. Als die acht Tage um waren, sagte Jesus dem Holzhauer Lebewohl und nahm dessen Knaben mit sich. Unterwegs fragte Jesus und Petrus den Jungen, ob er noch nichts von Gott gehört habe. Da sagte er: »Nein;« denn der arme Holzhauer hatte es über seiner vielen Arbeit vergessen, seinem Sohne von Gott zu sagen. Darauf sagte Jesus: Dann müsse er sieben Jahre als Hirsch mit goldenen Hörnern dienen. Nach sieben Jahren solle er auf der Stelle, wo sie wären, sich wieder einstellen und sagen, ob er noch immer nichts von Gottes Wort gehört habe. Wie nun Jesus das ausgesprochen hatte, lief der Knabe als Hirsch mit goldenen Hörnern davon in den tiefen stillen Wald hinein und horchte auf Gottes Wort, aber er hörte es nicht. Als die sieben Jahre um waren, erschien Jesus und Petrus wieder auf der Stelle im Walde und riefen den Hirsch mit goldenen Hörnern, der auch sogleich erschien. Da ihn nun Jesus fragte, ob er im Walde noch nichts von Gottes Wort gehört habe, sagte der Hirsch mit goldenen Hörnern: »Nein,« und Jesus bestimmte über ihn, daß er sieben Jahre im Wasser als Fisch mit goldenen Schuppen auf Gottes Wort horchen müßte. Und so wie Jesus das ausgesprochen hatte, schwamm der Hirsch mit goldenen Hörnern als Fisch mit goldenen Schuppen im Wasser und horchte auf Gottes Wort. Die sieben Jahre waren auch bald wieder um und Jesus erschien nach Verlauf derselben abermals und fragte den Fisch mit goldenen Schuppen, ob er auch in der Tiefe des Wassers nichts von Gottes Wort gehört habe, worauf der Fisch wieder »Nein« sagte. Da verwandelte Jesus den Fisch mit goldenen Schuppen in einen Schwan mit goldenen Flügeln, und nun mußte der Fisch mit goldenen Schuppen als Vogel in der Höhe auf Gottes Wort hören, aber beinah sieben Jahre vergingen auch, ehe der Schwan mit goldenen Federn etwas von Gottes Wort hörte. Am letzten Tage, welcher an dem siebenten Jahre fehlte, flog der Schwan mit goldenen Federn auf ein Dach und setzte sich auf einen Schornstein und hörte da, wie ein altes Mütterchen ihrem Sohne, welcher in die Welt gehen wollte, die Worte mit auf den Weg gab: »Fürchte Gott und halte seine Gebote.« Als nun Jesus mit Petro wieder auf die Stelle kam, riefen sie den Schwan mit goldenen Federn. Sogleich erschien der Schwan und sagte freudig ehe ihn Jesus fragte: »Ja, ja ich habe Gottes Wort gelernt, es heißet: Fürchte Gott und halte seine Gebote.« Da wurde der Schwan wieder in einen Menschen verwandelt, war glücklich und was er im Sinne hatte, gelang ihm; behielt auch die Macht, sich, wie er nur mochte, in einen Hirsch, einen Fisch und einen Schwan zu verwandeln. Jesus aber schickte ihn zum Thore hinaus und sagte ihm, er solle den Schinder um eine Kuhhaut ansprechen, der würde sie ihm sogleich geben, davon solle er sich eine prächtige Splitterjungen-Hose (das ist eine Hose, wie ein Knabe sie trägt, der Holz splittern muß) machen lassen. Dies that das Glückskind und Alles traf ein, wie Jesus gesagt hatte. Das Fell gab eine hübsche Hose. Als diese fertig war, schickte ihn Jesus zum König und sagte, er solle Splitterjunge werden, und der König würde ihn gern aufnehmen. Er ging zum König und bot seine Dienste als Splitterjunge an, der König nahm ihn gerne auf. Einige Zeit nachher starb der Kutscher und weil der Splitterjunge sich gut gehalten hatte, so machte ihn der König zu seinem Leibkutscher. Späterhin brach Krieg aus und der Kutscher mußte seinen Herrn in den Krieg fahren. Unterwegs fiel dem König ein, daß er sein Schwert vergessen habe und er rief aus: daß derjenige, welcher sein Schwert in einer Viertelstunde holen könnte, seine Tochter zur Gemahlin haben solle. Da gedachte der Kutscher, daß er sich in einen Schwan mit goldenen Federn verwandeln könnte, nahm Urlaub und ging eine Strecke weit hin und flog da als Schwan mit goldenen Federn auf. Als er vor dem Fenster der Prinzessin war, machte die es geschwind auf und ließ den hübschen Vogel ein. Der Vogel aber verwandelte sich in einen Menschen und sagte zu der Prinzessin: Wer des Königs Schwert bringe, der solle sie heirathen; erzählte auch, wie er vom Herrn Christus die Macht habe, sich zu verwandeln. Dann erhielt der Kutscher das Schwert und verwandelte sich in einen Hirsch mit goldenen Hörnern und die Prinzessin brach einen kleinen Ast aus den goldenen Hörnern, den sie zum Andenken aufhob; dann verwandelte er sich in einen Fisch mit goldenen Schuppen und die Prinzessin nahm eine Schuppe von ihm zum Andenken; danach verwandelte sich der Fisch in einen Schwan mit goldenen Flügeln und da zog ihm die Prinzessin eine goldene Flügelfeder aus. Als Schwan mit goldenen Federn flog der Kutscher wieder davon. Da er aber vor das Haus kam, worin der König war, verwandelte er sich wieder in einen Menschen und wartete, bis einer von den Leuten des Königs käme. Es währte nicht lange, so kam ein Minister, riß ihm das Schwert aus der Hand und hieb ihm den Kopf ab und warf ihn in eine Mistpfütze. Vor dem Könige aber that sich der Minister groß und gab vor, er hätte das Schwert in der Viertelstunde herbeigeholt. Der König lobte den Minister und als der Krieg zu Ende war, veranstaltete er die Hochzeit. Aber die Prinzessin sagte, daß derjenige, der sich nicht in einen Hirsch mit goldenen Hörnern, in einen Fisch mit goldenen Schuppen und einen Schwan mit goldenen Flügeln verwandeln könne, nicht ihr Verlobter sei, und einen andern wolle sie nun und nimmermehr freien. Von allen diesen Künsten, die der Kutscher gekonnt hatte, wußte der Minister nichts. Weil aber die Prinzessin sich dem Gelübde des Königs widersetzte und ihr Vater meinte, ihr Verlangen sei ganz unbillig und ihr Vorgeben von ihrem Verlobten mit goldenen Gaben sei erlogen, so sollte sie verwandelt werden und es wurden zu dem Zwecke drei Scheiterhaufen aufgestellt. Da sie vor dem ersten gefragt wurde, ob sie den Minister nicht wolle, sagte sie: Nein; dann wurde sie weiter gefahren und beim zweiten Scheiterhaufen auch gefragt, aber sie antwortete wieder »Nein.« Zu derselbigen Zeit kam Jesus an der Mistpfütze vorbei und rief: »Mensch mit goldenen Gaben wache auf!« Und der todte Kutscher stand vor Jesus. Da erzählte ihm Jesus das Unglück seiner Braut und befahl ihm sich als Schwan mit goldenen Federn zu verwandeln und seine Braut zu erlösen. Da flog der Schwan mit goldenen Federn davon und war in kurzer Zeit bei dem dritten Scheiterhaufen. Vor demselben stand schon seine Braut und er verwandelte sich vor aller Augen in einen Hirsch mit goldenem Geweih, in einen Fisch mit goldenen Schuppen und in einen Schwan mit goldenen Federn und dann in einen Kutscher. Er erzählte auch den Betrug des Ministers, da wurde der auf dem dritten Scheiterhaufen verbrannt. Der Jüngling aber heirathete die Prinzessin, erbte später das Königreich und regierte viele Jahre lang nach dem Rechte. Anhang. A. Über den ethischen Gehalt der Märchen, mit besonderer Rücksicht auf die vorliegende Sammlung. 1 Eine Abhandlung für Freunde der Jugend. Wie alle Menschen gern glücklich sein möchten, so spiegelt auch das Märchen vor Allem das Streben nach Glückseligkeit und Vollkommenheit, und es gewährt sie dem Menschen in der naiven Weise, die dem Märchen eigen ist, in weit unbeschränkterem Maße, als dies jemals einer Kunstdichtung, z.B. einem Roman, in den Sinn kommen kann, und fast stets durch raschen Glückswechsel. »Des Gluckes Rat muß umme gan,« sagt der junge Mann zum alten Mann in einem wunderschönen alten Gedichte, und das scheint auch der Grundsatz des Märchens. Bei diesem märchenhaften Glückswechsel gewinnt der Gute stets, und nur der Böse verliert. Die auf diesem ganzen Gebiete herrschende Naivität erlaubt jedoch nicht, daß in einem einzelnen Märchen die sittliche Weltanschauung in allen einzelnen Zügen, wie dies in einer vollendeten Kunstdichtung der Fall sein kann, vollständig zur Erscheinung kommt. Das Märchen faßt z.B. einen einzelnen Fehler, wie den Geiz, in's Auge und verfolgt ihn mit allen nur erdenkbaren Mitteln. Dabei ist ihm dann Alles erlaubt, denn es kommt ihm für jetzt nur auf diese Einzelnheit an. Werden Mord und Todtschlag begangen, um einen Fehler, der viel geringer ist als sie, zu strafen und bei der Wurzel auszurotten, so ist dies wegen des burlesken Charakters, den das Ganze gewinnt, hier eben so unverfänglich als im Puppenspiel. Rühmenswerth und des höchsten Lobes würdig ist jene Keuschheit des Volksmärchens, welches (wie es denn den ganzen Umfang des menschlichen Lebens kennt und deshalb für den kindlichen Geist außerordentlich bildend ist) auch alle Geheimnisse, alles Böse, alles menschliche Gebrechen weiß, aber das Schlimmste schamhaft verhüllt und alle die Abgründe nicht mit Blumen, aber mit Moos und Laub bedeckt, in denen die moderne Phantasie mit Wollust herumwühlen würde und die denn auch, wie wir bei den Orientalen und Italienern sehen, fast durch jede novellistische Verarbeitung des Märchens, schamlos entblößt sind. Unter den Märchen dieser Sammlung, wiewohl sie sonst nicht nach ihrem Werthe geordnet sind, steht doch gewiß mit Recht voran unter Nr. 1: Dank ist der Welt Lohn. Eins der schönsten Märchen, die überhaupt vorhanden sind: denn ein idealer Gedanke, der dem gewöhnlichen Leben gegenüber sogar als paradox erscheint, wird wahrhaft großartig und auf eine nicht gemeine Weise siegreich durchgeführt. Aber nur der wahrhaft Reine, der sich ganz dem Idealen hingibt, machte die Erfahrung, welche die Überschrift ausspricht. Der Fuchs im folgenden Märchen, der den gleichen Satz aufstellt, macht, als er sich durch einen klugen Einfall Dank verdient hat und dies nun mit der ganzen Lüsternheit seiner Fuchsnatur ausbeuten will, doch die Erfahrung (Nr. 2): Undank ist der Welt Lohn. Der bunte Bauer (Nr. 15), Böse werden (Nr. 16) und Das Ohrläppchen (Nr. 17) weiß Geschichten von armen und ganz verachteten Bauern zu erzählen, die, von den Schlägen des Schicksals mehr aufgerüttelt und aufgestachelt als daniedergeschlagen, mit gutem, wenn auch mitunter unfreiwilligem Humor noch den Stolz des reichen Nachbars und Vetters bestrafen, der hochmüthig auf sie herabsieht, womit dann auch wohl ein Wechsel des Geschickes verbunden ist. Allerliebst ist in dem eben erwähnten Märchen: Böse werden (Nr. 16) der Gedanke, daß eine Wette gemacht wird, in der derjenige verliert, der zuerst auf den andern böse wird und daß der Eine Theil, der aus Geiz die ärgsten Mißhandlungen des andern ruhig er tragen hat, sich dann ganz treuherzig für böse und besiegt erklärt, als ihm die Frau todtgeschossen wird. In dem Märchen Nr. 18: Von den ungetreuen Wirthstöchtern und von der Prinzessin mit goldenen Haaren, wird, aller Berechnung zum Trotz, das höchste Glück nicht dem zu Theil, der es listig erworben zu haben meint, sondern dieser wird wieder darum betrogen durch die Schuldlosen und Reinen, welche den Raub, den sie begehen, nicht ahnen. Unter den dann folgenden Märchen zeigt Nr. 22: Der gute und der böse Geist, wie schwer es dem Menschen ist, das Glück zu ertragen, selbst wenn er das Unglück ertrug; es ist dies gleichfalls ein schon bekanntes und beliebtes Märchenthema, welches aber diesmal nicht wie sonst scherzhaft, sondern ernst und gemessen durchgeführt wird. Mit dem Stücke Nr. 30: Sim-sim-seliger Berg beginnt eine Reihe von Räubermärchen. Wenn man dieselben mit neuern Räuber- und andern Criminalgeschichten vergleicht, so kann man sich nicht genug wundern, wie fein und sinnig die in den Märchen waltende Phantasie unserer Altvordern diesen spröden Stoff zu behandeln und wie mannigfach sie ihn zu variiren verstand, ohne unästhetisch zu werden. Grundzug ist dabei, daß die Räuber nie durch physische Übermacht, sondern durch Geistesgegenwart, überlegenen Verstand und List bewältigt werden, was oft zum Schlusse noch zu einer hübschen wahrhaft plastischen Gruppe führt, besonders in Nr. 32: Der Reiter in Seiden, wo ein Mädchen die Räuber überlistet hat und das auch schon durch die zierlich-geheimnißvolle Erscheinung des Räubers sehr hübsch wird; nicht minder in Nr. 34: Der Scharfrichter und die Handwerksburschen, wo zu der List freilich noch hinzukommt, daß die malerische Gruppe der Räuber festgebannt wird. In Nr. 31: Die gebleichte Hand, ist die Verbindung des bekannten Märchenzuges, daß eine Königstochter, die nicht lachen kann, zum Lachen gebracht werden soll, mit einem Räubermärchen, so wie der mehr zum »Gruseln« als zum Lachen auffordernde Spaß, wodurch dies dem Räuber gelingt, von großer Kühnheit und auch von unlängbarer Wirkung. Das Märchen Nr. 35: Der Fleischerknecht, führt ein kleines, sehr gut ausgeführtes Fechterspiel an unsern Augen vorüber. In Nr. 37: Räuber mahlen, vernichtet die Natur (durch das Wasser) selbst die Räuber; der gottlose Mühlknappe und daß das Ganze während der Kirche geschieht, wo die Mühle still stehen sollte, steigert noch den Eindruck, der fromme heimkehrende Müller tritt versöhnend zwischen das Grausen. Das Märchen Nr. 33: Die Räuberbraut, fesselt durch seinen träumerischen Anstrich. Wie es öfter in Märchen vorkommt, so sagt auch die Räuberbraut nicht nur: »Es war ja nur ein Traum,« sondern was sie erlebt hatte, ward auch wirklich wie ein Traum an uns vorübergeführt. Besonders schön ist dabei das gewaltsame Ende der hohen Dame, dessen näherer Zusammenhang mit Recht nicht aufgehellt wird, während für die Dame selbst durch die traurige Mahlzeit, so wie durch die dabei stattfindende Unterredung, doch unser Mitleid auf eine nicht gemeine Weise erregt wird. In Nr. 36: Der Edelmannssohn, bildet das Räuberhaus und was darin vorgeht, nur eine Episode. Bei der Bewältigung der Räuber kommt wiederum Frauenlist und die malerische Gruppe in's Spiel; da hier eine Königin die Siegerin ist, so wird nur Alles viel prächtiger und glänzender ausgeführt als sonst. Im Übrigen ist das Grundthema, das auch sonst dem Märchen lieb ist, der leichtsinnige Sohn, der, als ihn sein Vater aufgegeben hat, in die Welt zieht, dann vom Glücke hoch erhoben zurückkehrt und nun noch im Vaterhause, umgekehrt wie der mit offenen Armen empfangene verlorne Sohn der Bibel, durch Verkennung und weil Niemand ihm seinen fürstlichen Rang glauben kann, durch gemeine Arbeit, Schläge und Einsperren den früheren Leichtsinn büßt, um dann gleichsam gereinigt und voller Hoheit dazustehen. Von den bisherigen unterscheidet sich das Märchen Nr. 38: Der Maurerlehrling, dadurch, daß der Räuber hier nicht förmlich besiegt wird. Wenn auch nicht der Räuber selbst, so ist doch sein Helfershelfer der Held, und gewinnt, indem er uns durch die Anhänglichkeit an seinen Meister und dessen Familie der etwaigen moralischen Bedenken überhebt durch scharf berechnenden Verstand und gutmüthigen Humor die Königstochter. Unter den späteren Märchen mag dem im Wesentlichen schon durch andere Aufzeichnungen bekannten Nr. 43: Die Sonne bringt es an den Tag, »die uralte Idee von der göttlichen Natur der Sonne, die Alles durchschaut und die Menschen erspäht, wie es im Indischen heißt« zu Grunde liegen. In Nr. 48: Der Hund Lilla, rettet ein Mädchen sich dadurch, daß es den Richtern ein Räthsel vorlegt, welches sie nicht errathen können. Über ihr Vergehen erfahren wir wohlweislich nichts; ihr naives Benehmen vor Gericht und ihr herzliches Vertrauen auf den treuen Hund, der ihr so seltsam dienen muß, versöhnt uns unter allen Umständen mit ihr. Nr. 49: Die kluge Bauerntochter, verherrlicht den Mutterwitz, dessen der Höchste und Mächtigste am wenigsten entbehren solle. Wie unsere Altvordern ihn besonders vor Gericht hochhielten, zeigt auch weiter unten die gesottenen Eier; aus: die kluge Hirtentochter, und: der Hund Lilla, weht uns die ganze sinnliche Naturfrische des alten Rechts an. Die kluge Bauerntochter enthält aber noch einen Nebengedanken, sie zeigt das wahrhaft Weibliche in dem sogenannten Mutterwitz auf, verherrlicht also den weiblichen Verstand und will demselben auf eine eben so feine als schalkhafte Weise seinen Einfluß auch außerhalb der ihm zunächst gesteckten Grenzen sichern. Einige Märchen von religiösem Inhalt machen den Beschluß. Besonders schön ist darunter Nr. 63: Barrabas. Das Märchen Nr. 64: Von dem Hirsch, dem Fisch und dem Schwan, die auf Gottes Wort horchen sollten, beklagt in sehr sinniger Art, daß Gottes Gebote in der Welt zu wenig geachtet würden, ja, das von seltner Naturfrische angewehte Märchen stellt sie als vergessen dar und läßt sie vor unsern Augen im Schooße der Natur wieder geboren werden, um ihre beglückende Wirkung zu üben auf die Unschuldigen und Reinen, welche für sie empfänglich sind. Diese Bemerkungen, welche nachdenkenden Freunden der Jugend wohl angeben werden, was sie in ihrer Weise weiter auszuführen haben, und in denen manche der schönsten Märchen der vorliegenden Sammlung gar noch nicht berührt sind, ließen sich leicht noch vermehren, doch wozu, da sie ja doch immer nur an einzelnen Beispielen den ethischen Gehalt des deutschen Volksmärchens, seinen Reichthum an Belehrung und Lebensweisheit zeigen könnten? Für Eltern, Lehrer und Erzieher, welche nach dem Wunsche des Herausgebers diese Erläuterungen ihren Unterredungen mit der Jugend zu Grunde legen möchten, sei noch bemerkt, daß dieselben für die Stufe von mindestens 12 Jahren gehören, nicht aber für das frühere Lebensalter, welches sich zu dem Märchen noch völlig naiv verhält. Fußnoten 1 Von dem, was ich in meinen »Kinder- und Volksmärchen,« Vorwort S. IX, zur Literatur des deutschen Volksmärchens angab, nehmen die Grimm'schen Vorreden und der Aufsatz in den Grenzboten auch auf die ethische Seite des Märchens Bezug. Herder's Betrachtungen über Märchen und Romane etc. (zur schönen Literatur und Kunst, 17. Theil, S. 89-123) müssen unvergessen sein und betrachten das Märchen natürlich eher vom ethischen und poetischen als vom mythologischen Gesichtspuncte. Mein eigner Aufsatz: »Über das Märchen und die Sage und ihre Benutzung in einigen deutschen Dichtungen, insbesondere Gottfried August Bürgers« in der Allgemeinen Monatschrift von 1854, Juliheft, gehört, soweit er sich mit dem Märchen beschäftigt, ganz und gar hieher. B. Literarische und mythologische Anmerkungen zu den Märchen der vorliegenden Sammlung. Die Heimath der hier vorliegenden Märchen, unter welche solche, die den Märchen in meinen »Kinder-und Volksmärchen« (Leipzig, Avenarius und Mendelssohn 1853) entsprechen, nicht aufgenommen sind, ist die weite Strecke zwischen Hamburg und dem Kyffhäuser, jedoch vorzugsweise sind sie nieder gesammelt auf dem westlichen Harze. Viele der Märchenstoffe sind mir aufgeschrieben mitgetheilt vom Lehrer Th. Stender in Lonau und von W. Bernack aus Osterode a.H., auch zwei von Beyer, dem »Rothenburger Einsiedler« in Kelbra; die Quellenangabe über Nr. 42. s. in der betreffenden Anmerkung. Den betreffenden Herren spreche ich meinen aufrichtigen Dank aus. – Nur ein Märchen dagegen wurde nach gedruckter Quelle gearbeitet: das Märchen »Piep, piep«, nach einem Gedicht von Robert Prutz (der es in der Jugend zu Stettin hörte) in dessen deutschem Museum von 1853, Nr. 18. Von dem, was ich mir zur Literaturvergleichung für die einzelnen hier folgenden Märchen anmerkte, theile ich nur das Wichtigste in den Anmerkungen mit. Wenigstens im Allgemeinen muß angegeben werden, daß sehr häufig, aber immer auf möglichst kritische Weise, Varianten von einer und derselben Erzählung benutzt sind, namentlich aber, daß zwei Stücke je aus zwei nicht ursprünglich zusammengehörigen Märchen zusammengesetzt wurden, nämlich Nr. 6.: Die Zwergmännchen (das zweite begann hier da, wo der Junge durch den Wald geht und den Zwergen Geld gibt), und Nr. 15.: Der bunte Bauer (nach zwei, in gewisser Hinsicht freilich doch nahe verwandten Erzählungen von Hick, dessen Inhalt ich schon im Voraus in den »Harzsagen« S. 273. beleuchtet habe, und vom bunten Bauer). – Ein alphabetisches Sachregister für den wissenschaftlichen Gebrauch beizugeben, würde einer Sammlung von Kindermärchen nicht gut anstehen. Da indessen die Recension der »Harzsagen« in J.W. Wolf's Zeitschrift für Mythologie und Sittenkunde II., S. 119. u. 120., in jenen wesentlich oberharzischen Sagen das Sachregister vermißt, so bin ich nicht abgeneigt, der noch fehlenden Sammlung der Sagen des Unterharzes ein gemeinsames Register über alle meine bis dahin erschienenen mythologischen Sammlungen, welches also auch die vorliegende Märchensammlung umfassen soll, beizugeben. Nr. 1. Dank ist der Welt Lohn. Weniger schön und vollständig, jedoch am Meisten noch entsprechend ist im Pentameron des Basile IV., 2., die zwei Brüder (im Auszuge in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, III., S. 336 u. 337). In Gerle's Volksmärchen der Böhmen findet sich ein K.u.H.-M., III., S. 429. u. 430 im Auszuge mitgetheiltes: »St. Walburgis Nachttraum oder die drei Gesellen;« von ihnen hat Einer große Schätze erbeutet und wird deshalb von den andern im Schlaf geblendet und beraubt. Dieser hört dann in der »Walburgisnacht,« was sich Hexen berichten, wird dadurch von Neuem glücklich und zeigt sich barmherzig gegen die beiden Andern. – Vergl. auch in Zingerle's Märchen aus Tyrol Nr. 20, die zwei Jäger. Nr. 2. Undank ist der Welt Lohn. Dies Märchen ist wenig abweichend auch in Ungarn bekannt. Vergl. den Auszug aus v. Gaal's Märchen der Magyaren, 1822, K.u.H.-M., III., S. 434. – Zu dem bald darauf folgenden schönen Märchen: die Goldtochter und die Hörnertochter vergl. die Erörterung in dem oben angeführten Aufsatze der Allgem. Monatsschrift S. 533. u. 534. Nr. 5. Die Goldtochter und die Hörnertochter. Vergl. die vorläufige Erörterung dieses Märchens in dem oben angeführten Aufsatze der Allgem. Monatssch., und zwar dort S. 534. u. 535. In mythologischer Hinsicht ist nachzutragen, daß schon die Kette, mit der die Erscheinung kommt, sie als Schwanenjungfrau ausweist und dem suanerinc gleichkommt. Vergl. W. Grimm, Heldensage S. 388. Nr. 8. Von der Stadt Sedelfia und dem Vogel Fabian. Über Aussetzung der Kinder s.J. Grimm, Rechtsalterthümer S. 455-460. Nr. 18. Von den ungetreuen Wirthstöchtern und von der Prinzessin mit goldenen Haaren. »In Blut und Herzen ruht die höhere Macht [zunächst eines Drachen], deshalb ist Reigin lüstern danach, und Sigurd, indem er davon genießt, empfängt geheime Kenntnisse, namentlich das Verständniß der Vogelsprache. « Nach der Vilk. Sage versteht Siegfried, was zwei Vögel sagen, nachdem er Brühe vom Fleisch eines Drachen genossen hat. Wilhelm Grimm, deutsche Heldensage, 1829, S. 390. u. 75. Schon durch den Genuß des Vogelherzens würde sich in unserm Märchen das Verständniß der Sprache der Schwalben und auch wohl der Raben erklären. – Nach der Völsungasaga schnitt Sigurd dem Wurme das Herz aus, Reigin aber trank Fafnirs Blut und bat Sigurd ihm das Herz zu braten. Dieser briet es. Als der Saft heraustroff, tippte er mit dem Finger daran, um zu kosten, ob es gar wäre. Sobald aber das Herzblut des Wurmes auf seine Zunge kam, verstand er die Sprache der Vögel; einer derselben verhieß ihm Weisheit, wenn er selbst das Herz äße; der andere sagte, Reigin suche ihn zu hintergehen u.s.w. – Nach dem Volksbuche vom gehörnten Sigfrid nimmt dieser die Tochter des Königs von Sicilien zum Weibe. Nr. 26. Der Zauber-Wettkampf. 1695 sagte ein munterer und mit einem aufgeweckten Verstand begabter Junge von 17 Jahren in dem Kloster Wolmirstedt freiwillig gegen andere seines gleichen aus und wiederholte nachher gerichtlich, daß er pacta mit dem Teufel gemacht, sammt seinem gewesenen Herrn, einem Arzt, sich respective in einen Vogel und Esel verwandelt, und solcher Gestalt vielen Menschen Schaden gethan. (Ernsthafte, aber doch Muntere und Vernünftige Thomasische Gedanken und Erinnerungen über allerhand auserlesene Juristische Händel. 1. Theil. 2. Aufl. Halle im Magdeburgischen 1723. S. 205.) Nr. 29. Johannes der Bär. Ich hätte gewünscht, von den verschiedenen Erzählungen dieser Geschichte, die mir bekannt geworden sind, die mythologisch-wichtigste, wenn auch nicht an sich gerade interessanteste, rein im Text geben und daneben alle Varianten selbständig mittheilen zu können. Da ein solches Verfahren aber ein kleines Buch für sich verlangt hätte, so mögen folgende Andeutungen genügen. Der Held wurde bald Johannes der Bär, bald Martis Bär (in einer der wichtigsten Erzählungen, welche mit der von Johannes der Bär hier zu Grunde gelegt ist) genannt, in den unbedeutendern Varianten führte er gar keinen bestimmten Namen. Johannes der Bär der Sohn eines Schmieds, der im Vaterhause sogleich mit Anfertigung des »Spazierstockes« beginnt. Martis Bär, der mit der Bärenmilch genährt wird, wie im Text, dann die Schule besucht und den Ackerbau betreibt, greift erst zum Schmiedehandwerk, weil ihm bis dahin Alles unter den Händen zerbricht. Das Begegnen mit den Starken kommt in beiden Hauptberichten vor, die Züge sind daher hier aus beiden genommen; in dem, worin der Held Johannes heißt, heißt auch jeder der Starken Johannes, was an die zwölf Johannes von Königsberg erinnert, welche den Teufel nöthigen wollten, ihnen Schätze zu überliefern, weil er ihnen ihres Namens wegen nichts anhaben könnte. Die Riesen sagten daher eigentlich nicht, daß sie nicht so stark seien als Johannes der Bär, sondern (im andern Hauptbericht) als Martis Bär. Zu Johannes der Bär kommt ein Männchen, dessen Blutspuren nachher zu der Höhle führen. Daß den Prinzessinnen Sterne, Mond und Sonne leuchten, ist mit dem daraus Folgenden aus einem untergeordneten Bericht entnommen. Johannes der Bär schmiedet nachher im Königsschlosse wirklich, Martis Bär nur zum Schein. Daß er dort mit dem »Spazierstocke« schmiedet, sagte der Erzähler nicht. – Folgender Bericht möge hier Platz finden, welcher den übrigen ferner stand und deshalb im Texte nicht benutzt werden konnte. Ein Ritter kommt mit drei Gefährten in den Wald und lebt dort mit ihnen in einer Höhle; die drei Gefährten werden von den Zwergen in Todesschlaf gezaubert, darauf keilt der erste Ritter listig die Zwerge, indem er sie auffordert, ihm bei einer Waldarbeit zu helfen, an den Bäumen bei den Händen fest. Danach geloben sie ihm ein Schwert und Salbe, mit der er sich schmieren müsse, um das Schwert regieren zu können; ferner einen Ring, wenn er daran drehe, so wären sie bei ihm, und einen Hut, wenn er diesen aufsetze, so könne ihn Niemand sehen; auch machen sie seine drei Gefährten wieder lebendig und führen ihn in eine andere Höhle, wo er mit seinem Schwert drei Prinzessinnen von drei siebenköpfigen Drachen erlösen soll. Er beschmiert sich mit seiner Salbe, tödtet alle drei Drachen und bekommt von jeder Prinzessin noch einen Ring mit ihrem Namen. Seine Gefährten winden zuerst die drei Prinzessinnen aus der Höhle und dann füllt er, als sie ihn selbst herauswinden wollen, von den Zwergen gewarnt, einen Kasten mit Steinen; als dieser halb herausgezogen ist, lassen sie ihn wieder fallen und eilen mit den Prinzessinnen davon. Jetzt dreht er am Zwergringe, den er am Daumen hat, und die Zwerge winden ihn heraus. Aus dem Wirthshause in der Königstadt schickt er der ältesten Prinzessin, die er zuerst erlöst hat, den Ring mit ihrem Namen, worauf diese ihrem Vater bekennt, daß sie mit ihren Schwestern nicht durch die Gefährten des Ritters, welche sich für ihre Erretter ausgegeben haben, erlöst sei. Der König läßt nun den Mann suchen, der die Ringe der andern beiden Prinzessinnen hat, und des Ritters falsche Kameraden sprechen sich selbst das Urtheil, wonach z.B. des einen Kopf in einen Mühlstein gesteckt und er so vom Berge in einen Teich gerollt wird. – Der große Werth aller dieser Überlieferungen und Varianten, von denen unten noch mehrere, gleichfalls unter den vielen dem Texte zu Grunde gelegten noch nicht benutzten, mitgetheilt werden sollen, liegt auf der Hand. Wie der Held unsres Märchens, so ist auch Siegfried in der Heldensage wegen seines Übermuths und seiner Überkraft weder zu Haus, noch bei dem Schmied Mimer zu gebrauchen. Wie unser Held später in einer Köhlerhütte wohnt, so zündet Siegfried, von seinem Meister in den Wald geschickt, bevor der Drache kommt, einen Kohlenmeiler an. (Vergl. dazu auch meine Kinder- und Volksmärchen, S. 25.) Die Salbe (das Drachenfett) erhält unser Held in der eben mitgetheilten Variante von den Zwergen. Ferner nöthigt er sie in derselben Variante, ihm das Schwert (den Spazierstock) und den Hut, die Tarnkappe, zu geben. Am Hofe der Burgunder zeigt dann Siegfried seine Körperstärke, indem er mit einem Bären ringt. Auch die nach einem unsrer Berichte von den Zwergen dem Helden später geleistete Hülfe und daß er auch statt der Kugeln Ringe erhält, sind Züge, die an Siegfried erinnern. Vergl. auch die Anmerk. im 3. Bande der Grimm'schen Märchen zu »dat Erdmänneken«, wo S. 170. bereits ein Zusammenhang solcher Zwerggeschichten mit der Erlösung der Griemhild vom Drachenstein erkannt wird. – Nach der Vilkinasaga war Sigurd, als er neun Winter alt war, schon so groß und stark, daß niemand seines gleichen sah, zugleich aber so wild und unbändig, daß er Mimers Gesellen schlug und stieß und sie bei ihm kaum aushalten konnten. Nach einem Streit mit dem stärksten Gesellen, der ihm verwiesen wurde, sollte er vor dem Meister schmieden. Er schmiedete aber so, daß der Stein des Amboses zersprang, dieser ganz in den Klotz versank, das Eisen umherflog, die Zange zerbrach und der Schlägel weit vom Schafte niederfiel. Deshalb wurde er zum Schmiedehandwerke nicht tauglich gefunden. – Im Sigfridsliede will Sigfrid Niemand unterthänig sein, verläßt seinen Vater, tritt bei einem Schmied in Dienst, schlägt das Eisen entzwei, den Ambos in die Erde und mißhandelt Meister und Knechte. Folgende Variante wurde mir in Thale am Fuße der Roßtrappe erzählt, was bemerkenswerth ist, da die Roßtrappsage zahlreiche Anknüpfungen an die Sage von Dietrich von Bern zeigt und an ihrem Fuße sogar das Dorf Bärensdorf gelegen haben soll, worüber das Nähere in meinen unterharzischen Sagen. Drei Prinzessinnen gehen gegen den Willen ihres Vaters in den Wald und werden von drei Riesen gestohlen. Sie sitzen in einer Grube und von einem Gemeinen und zwei Officieren, welche sie erlösen sollen (hier geht also das Märchen in das von den desertirten Soldaten über, das wir in »der Edelmannssohn« geben), wird der Gemeine an Tüchern in die Grube gelassen. Die Prinzessinnen werden vor ihm herausgezogen; die drei Officiere eilen mit ihnen dem König zu und lassen ihn darin; er findet aber zuletzt die Kronen der Prinzessinnen noch in der Grube (Übergang in die Sage von der Roßtrappe) und dann auch, wie in einer der andern Fassungen, ein Horn. Als er in dieses bläst, erscheint ein Mönch und bahnt, zur Hülfe aufgefordert, immer den schönsten Weg vor ihm her. Nachher sollen die Officiere, ehe sie sich mit den Prinzessinnen verheirathen können, erst drei Kronen liefern. Der Gemeine verspricht, unerkannt, sie ihnen zu schmieden, schiebt aber die ursprünglichen Kronen unter. Dann stößt er noch in's Horn und der Mönch liefert ihm ein Heer, dem der König ein anderes Heer entgegenstellt. Zuletzt versöhnen sich beide so, daß der Gemeine eine der Königstöchter bekommt; die Officiere werden getödtet. – Ein Gänsehirt aus dem Thale und der Roßtrappe sehr nahen Elbingerode erzählte das Märchen auf folgende Art. Drei Königstöchter wurden von den Riesen gestohlen und seine Diener, darunter der Hans-fürchte-dich-nicht, zogen aus, sie wieder zu suchen. Sie kamen in eine Hütte im Walde, darin sagte ihnen eine Einsiedlerin, daß sie im selben Walde einen Zwerg treffen würden, der sie weiter zeigen würde. Auf einem grünen Platze trafen sie den Zwerg, der sagte ihnen, daß sie in einen Schacht hinein » in die Unterwelt « steigen müßten. Sie kämen zuerst in die furchtbare Hitze, dann in die furchtbare Kälte, beides veranlaßt dann wirklich zwei Diener, sich wieder aus dem Schacht heraufwinden zu lassen; nur Hans gelangt glücklich in die »Unterwelt.« Er kommt gerade auf eine Chaussee zu stehen, diese führt nach einem Schlosse, worin die eine Prinzessin sich befindet. Sie labt ihn, versteckt ihn, der Riese aber wittert den Menschen und will ihn zerdrücken »wie warm Blut.« Hans springt von selbst hervor, der Riese will ihn mit seinem eisernen Stabe »durchschießen,« der fährt forbei und tief in die Erde, Hans haut den Riesen dabei durch Geschicklichkeit den Kopf ab und erhält zum Lohn eine goldene Krone mit dem Namen des Riesen, und mit Band, wie es »auf dieser Welt gar nicht zu finden ist.« Darauf führt ihn die Straße an das Schloß mit der zweiten Prinzessin, da will ihn der Riese »wie eine warme Semmel« zerdrücken und wirft nach ihm mit einer noch schwerern Stange; Hans tödtet ihn und erhält Krone und Band, ganz wie zuvor. Bei dem dritten Riesen, dem ältesten und mächtigsten, ist gleichfalls Alles wie bei dem ersten. Er will Hans zerdrücken »wie eine Mücke,« heißt mit einem aus dem Volksbuche bekanntem Namen der Riese Wolf-Grambär (von welchem in Elbingerode auch erzählt wird, daß er sich mit dem Zwergkönig Echwaldus befehde, wobei Echwaldus ihm immer plötzlich durch seine Nebelkappe verschwunden sei), gibt Hans Anweisung, ihn, nachdem er ihn schon verwundet, plötzlich zu heilen, indem er ihn mit Salbe aus einem dastehenden Krüglein beschmiert, wirft aber, kaum geheilt, doch wieder mit der Stange nach ihm, und wird nun doch getödtet. Auf den auch hier beim Herauswinden beabsichtigten Verrath der übrigen Diener wird Hans durch das graue Männchen aufmerksam gemacht, welches ihn später auf andere Weise aus der Unterwelt wieder heraufschickt. Er verdingt sich bei dem ärmsten Goldschmied. Ehe die Prinzessinnen die falschen Diener heirathen, verlangen sie von ihnen solche Kronen, wie sie in der Unterwelt gehabt haben. Alle Goldarbeiter erklären, daß diesen Ansprüchen in der Oberwelt nicht genügt werden könne, nur der Gesell des ärmsten verspricht sie in drei Nächten zu machen und schiebt dann jedesmal die in der Unterwelt empfangene Riesenkrone unter. Darauf findet die festliche Verlöbniß statt, der Gesell ist als Zuschauer zugegen und muß mit speisen. Dabei verlangen die Prinzessinnen eine nach der andern noch nach dem Band an ihren Kronen. Der Gesell zieht es aus der Tasche und die übrigen Diener werden mit vier Kühen zerrissen. Die ungewöhnliche Verbreitung dieser Märchen am Ober-und Unterharz ist wohl zu beachten, sie gibt denselben zugleich den Werth von Lokalsagen und es lassen sich Schlüsse für die Lokalmythologie daraus ziehen. – Nach vielen Zügen liegt auch der Zusammenhang mit Mythen vom Thor auf der Hand. Die Eisenstange oder der »Spazierstock« ist zunächst Thors Hammer und kehrt wie dieser von selbst in die Hand zurück, ein Zug, welchen auch Ernst Meier in einem schwäbischen Volksmärchen hat. Die gewaltige Eßlust des Helden und die Naturthätigkeit der Riesen, so wie daß der Held diesen seine größere Stärke zeigt, sind Züge, die auf Thor und die zu ihm in eigenthümlichem Verhältniß stehenden Riesen ein interessantes Licht werfen. – Den Zusammenhang unseres Märchens mit Sagen von dem durch Finn Magnusen bereits zu Thor in Beziehung gesetzten heiligen Christoph zeigt ein Blick auf meine Kinder- und Volksmärchen, S. XIX u. XX. – Ein schwacher Abglanz unseres Märchens steht nach einem gedruckten Bericht aus der Oberlausitz in Bechstein's Märchenbuch (die Nonne, der Bergmann und der Schmied). Ungleich mehr entspricht schon ein ziemlich ausführliches Märchen bei Müllenhoff, Sagen, Märchen und Lieder aus Schleswig-Holstein und Lauenburg, S. 437 u.f., Hans mit de yserne Stange. Nr. 30. Sim-sim-seliger Berg. Die »Geschichte des Aly Baba und der vierzig Räuber« in 1001 Nacht enthält angedeutet das Märchen vom Berg Sesam (hier Sim-sim-seliger Berg, sonst auch Simeliberg, und Berg Simson) und dann auch noch die von dem kühnen Mädchen, das die Räuber allein tödtet, die das Haus bedrohen (vergl. unser folgendes Märchen: Die gebleichte Hand, und in den »Harzsagen« S. 108 und 109: Das Mädchen auf der Wegsmühle, wo das Märchen im Wesentlichen zur Ortssage geworden ist, wie auch in Östreich), endlich noch eine Andeutung von dem Gastmahl ohne Salz, welches in Ernst Meier's schwäbischen Märchen sich findet. Nr. 32. Der Reiter in Seiden. Dürfte Bruchstück eines Volksliedes sein. Nr. 38. Der Maurerlehrling. In der Ausgabe von 1592 von Gödelmann's Zauberern, Hexen vnd Vnholden heißt es I, S. 45: »Es hatten etliche Münche im Closter N. einen Schatz auß der Kirche verlohrn, als sie aber den Dieb nirgendts erforschen vnd erkündigen können, rathfragten sie einen Wahrsager, der gab Antwort, daß derselbigt Kirchenräuber sey seiner Gattung ein Schwartzkünstler, es erscheine wol sein Cörper, Strumpf, den Kopf aber möge er nicht sehen können. Also schertzte ein Teuffel mit dem andern.« – Der Zug vom Kopfabschneiden kommt schon bei Herodot vor. Nr. 39. Das Mondenlicht. Vergl. den oben angeführten Aufsatz in der Allgemeinen Monatsschrift, S. 534 u. 535. Nr. 42. Der Jäger und die drei Brüder. Mitgetheilt von Georg Schulze, Pfarrer in Altenau, dem bekannten Sprachforscher des Oberharzes. Dieser hat den grünen Jäger (für den man auch vergl. meine Kinder- und Volksmärchen, Vorwort S. XXXIV, und Wolf's Zeitschrift, II. Band, S. 64, wo er einen grünen Hut hat) schon mit dem wilden Jäger zusammengestellt und auf Wuotan gedeutet, wobei er sich wohl nicht mit Unrecht (s. meine Kinder- und Volksmärchen Nr. 28, auch daselbst Vorwort S. XXXV) auf die verschenkte Tasche zu stützen scheint. Wie, wenn das Schaffot ursprünglich ein Galgen wäre, da in der etwas verwandten Harzsage »Mer soll de Teifel net porren« (Harzsagen S. 80-84) der Galgen den Mittelpunkt des Ganzen bildet. Durch einen bekannten Mythus steht Odhinn gerade zum Galgen in Beziehung und auch was Harzsagen S. 304 u. 305 aus einem mir erzählten, seiner Unvollständigkeit wegen in die vorliegende Sammlung nun nicht aufgenommenen Märchen angeführt ist in der Anmerkung zu der beachtenswerthen Sage der nordhäuser Gegend: »Der Galgen auf dem Kohnstein«, ist hier zu vergleichen. Meine Vermuthung, daß vorliegendes Märchen und ähnliche Überlieferungen mit diesem nordischen Mythus zusammenhängen, dürfte dadurch zur Gewißheit erhoben werden, daß der grüne Jäger auf dem Schimmel, wenn auch nicht nach dem Galgen, der Odhinn's Roß heißt, doch nach dem Schaffot zugeritten kommt, was bedeutsamer erscheint als die Art, wie der Teufel in dem entsprechenden Märchen bei den Brüdern Grimm (Nr. 112) auf der Richtstätte erscheint. Nach Schulze's Bericht erhielten die Brüder einfach auf der Richtstätte ihre Sprache wieder, um selbst den Wirth beschuldigen zu können. Die Heimath des Märchens ist aber der sagenreiche Brocken, und nach den Berichten, die ich hier mündlich davon hörte, wurde das Reiten des Jägers nach dem Schaffot auf dem Schimmel eingefügt. Hier wird berichtet, daß drei Handwerksburschen, ein Schmied, ein Schneider und ein Leinweber von Braunlage nach Schierke gegangen wären und daß der Jäger ihnen im Walde zwischen Braunlage und Elend mit einer Doppelbüchse begegnet sei. Der Mord habe sich dann in einem jetzt sehr stattlich aussehenden Gasthofe zu Elend begeben, der gegenwärtig im Besitze der Spormann'schen Familie und gleich dieser Familie auch anderweitig in die Harzsage verwebt ist. In die »Gegend von Schierke und Elend« hat bekanntlich Göthe die Hexenscenen des Faust verlegt. Nr. 48. Der Hund Lilla. Vergl. den mehrerwähnten Aufsatz und zwar a.a.O. Nr. 52. Der Altgesell und der Schneiderlehrling. Dieser Schwank ist abweichend auch in einem hübschen, aber ziemlich neu scheinenden Liede erzählt, das sich in der im Vorwort meiner etwa gleichzeitig mit dieser Märchensammlung erscheinenden Sammlung weltlicher und geistlicher Volkslieder bibliographisch näher bezeichneten, in meinem Besitz befindlichen Bande fliegender Blätter, unter Nr. 128 findet und aus 7 Strophen besteht. Die drei ersten lauten: »Ein Schneiderlein das reisen soll, Weint laut und jammert sehr: Ach Mutter, lebet ewig wohl! Ich seh Euch nimmermehr! Die Mutter weint entsetzlich: Das laß ich nicht geschehn! Du sollst mir nicht so plötzlich Aus Deiner Heimath gehn. Meckmeckmeck dideldumdei, Der Schneider ist noch funkelneu. Ach Mutter, ich muß fort von hier! Ist das nicht jämmerlich? Mein Söhnchen, ich weiß Rath dafür! Verbergen will ich Dich. In meinem Taubenschlage Verberg ich Dich, mein Kind, Bis Deine Wandertage Gesund vorüber sind. Meckmeckmeck dideldumdei, Der Schneider ist noch funkelneu. Mein guter Schneider merkt sich dies Und that als ging er fort, Nahm täglich Abschied und verließ Sich auf der Mutter Wort. Des Abends nach dem Glockenschlag Stellt er sich wieder ein, Und ritt auf einem Geisenbock Zum Taubenschlag hinein. Meckmeckmeck dideldumdei, Der Schneider ist noch funkelneu.« u.s.w. Nr. 53. Der beschämte Bäckermeister. Klingt an eine orientalische Erzählung, in 1001 Nacht, an. Nr. 63. Barrabas. Folgende schöne Variante wurde mir noch so eben am Fuße des Brockens bekannt. Ein Frachtfuhrmann bricht ein Rad, ein schwarzes Männchen hilft ihm. Dafür soll er ihm sei nen Sohn, als der 14 Jahr alt ist, auf die nämliche Stelle bringen. Der Knabe sucht Hülfe bei Priestern, die schicken ihn zu Bischöfen, die Bischöfe zum Papst, der Papst sendet ihn zu einem Einsiedler, dem täglich drei Engel beistehen, der – noch 70 Meilen weiter zu seinem Bruder, einem Räuber, und meint in der Stille, der Räuber werde ihn tödten, ehe er dem schwarzen Männchen, dem Teufel, verfalle. Als der Knabe indessen den Räuber von seinem frommen Bruder grüßte, der ihn noch niemals hatte grüßen lassen, beschloß derselbe gerührt ihm zu helfen. Er beschied den Satan vor sich und dieser war gezwungen, den Knaben mit sich zu nehmen, um ihm die Handschrift zurückzugeben, die ihm sein Vater ausgestellt hatte. Dabei sah er einen neuen Topf einmauern und erfuhr, daß der Räuber darin gekocht werden solle. Der aber hatte sich unterdessen zu Gott bekehrt. Der Knabe muß ihm Hände und Füße binden und ihn dann mit seinem eignen Schwerte in Kochstücken hauen. Nachdem dies alles in drei Tagen geschehen, ist gerade die Zeit da, wo der Knabe dem schwarzen Männchen verfallen gewesen wäre. In diesen drei Tagen aber war der Einsiedler von seinen drei Engeln verlassen und als sie wieder erscheinen, erfährt er, daß sie unterdessen seines Bruders Seele in Abrahams Schoos getragen haben. Erzürnt, daß sein sündiger Bruder noch eher in den Himmel gekommen ist, als er, wird er ein Räuber und – so schloß mein Erzähler, der Sattler Kolbaum in Hasserode – der Satan hatte doch einen Braten. – Professor Meier gab das Märchen in seiner Sammlung unter Nr. 16 in noch anderer Fassung. So wie wir es im Texte lieferten, stellen sich Beziehungen zu Donar und den Riesen als sein wesentlicher Gehalt heraus. Vorzüglich merkwürdig ist, daß hier der Stab, der, wie öfter in Sagen geschieht, in die Erde gesteckt sogleich Früchte trägt, ein Riesenstab ist.