Das Märchen vom ersten April. 1755. Zueignungsschrift. Liebe Amme! Ich erinnere mich der langen Abende noch immer mit Vergnügen, an denen ich als ein junger Knabe auf Deinem Schoße saß und meinen zitternden Arm ängstlich um Deinen Hals schlang, wenn Du uns das fürchterliche Märchen vom Seehunde, das traurige Märchen vom verwünschten Prinzen ohne Kopf oder das fromme Märchen vom lahmen Esel erzähltest. Damals konnte ich mir noch nicht vorstellen, daß der Nutzen hiervon und die Lust zu Märchen, die mir durch dergleichen Erzählungen beigebracht ward, einen so wichtigen Einfluß auf mein Glück und auf mein ganzes Leben haben sollten. Nur Dir habe ich es zu danken, meine liebe Amme, daß ich in männlichen Jahren alle Märchen von den Verdiensten gewisser Gelehrten, von neuen tiefsinnigen Wahrheiten und von der Einsicht einiger Privatpersonen in die Kabinette der Prinzen mit eben dem Vergnügen habe lesen und anhören können, wie Dein Märchen vom redenden Affen. Ich bin an Höfen gewesen, und man hat mich liebgewonnen, da ich auf ihre Märchen von Gnadenversicherungen, von Freundschaft, von Verdiensten um das Vaterland ebenso aufmerksam war, als ich auf Dich hörte, wenn Du uns das lustige Märchen vom bezauberten Schlosse in der Luft erzähltest. Du siehst wohl, liebe Amme, daß Dein Säugling sich aller Deiner Wohlthaten mit Vergnügen erinnert. Damit Du aber auch sehen sollst, daß ich nicht unerkenntlich bin, so schenke ich Dir hier ein Märchen vom ersten April, welches ich bei meinem letzten Aufenthalt in Batavia von einem Brahminen bekommen habe. Nimm es an und lies es und behalte mich lieb. Lebe wohl! – * * * Sit mihi fas audita loqui. Virgil. Es war einmal ein alter König auf der mächtigen Insel Chiekock, welchen die Götter und seine Unterthanen liebten, weil er fromm und gerecht war. Juokamosamma hieß sein wahrer Name, ob ihn schon einige Chroniken ohne Grund Kamosamma nennen. Zur Belohnung seiner Tugenden ließ ihn der Himmel alle Glückseligkeiten eines Fürsten genießen. Die Nachbarn suchten seine Freundschaft und überließen ihre Streitigkeiten seinen billigen und uneigennützigen Aussprüchen. Seine Feinde unterstanden sich nicht, ihn zu beleidigen; denn sie würden dadurch den Zorn aller benachbarten Prinzen wider sich erregt haben. Er hatte viele getreue Diener an seinem Hofe und nicht einen einzigen Schmeichler. Er gab nur wenige Gesetze, weil sein Exempel das Land tugendhaft machte; und wenn er ein Gesetz gab, so war es noch in zwanzig Jahren ebenso unverbrüchlich und ebenso heilig, als es in der ersten Woche gewesen. Die Unterthanen waren in ihrer Arbeit freudig und unermüdet, weil sie wußten, daß sie für sich und ihre Kinder arbeiteten. In seinem ganzen Lande war kein Bettler: denn niemand ging müßig, niemand verschwendete, und ein jeder war genügsam; sogar die Priester seiner Götter waren es. Er strafte selten; denn sein Volk war tugendhaft, nicht aus Furcht vor der Strafe, sondern aus Furcht, seinem Fürsten zu mißfallen. Mit einem Wort: ein jeder Unterthan war sein Freund. So glücklich war der alte Juokamosamma. Aber er hatte keine Erben; und auch damit war er zufrieden, weil er mit allem zufrieden war, was er für den Willen der Götter hielt. Desto untröstlicher war seine Gemahlin. Sie kniete Tag und Nacht vor dem Bilde der Fekula-Pussa und bat um einen Sohn. Sie that sieben Wallfahrten auf den Gipfel des Fusinogamma. Der König war mit dieser ungestümen Andacht wenig zufrieden; aber er schwieg stille, sobald sie ihm vorstellte, das Wohl der Unterthanen erfordere einen Thronerben. Ihre Unfruchtbarkeit war eine Folge der Bosheit des alten Zauberers Ciongock, den ihr Großvater beleidigt hatte. Endlich erbarmte sich die Göttin Pussa über sie und gab ihr von ihren schwarzen Kirschen aus Japan zu essen; sogleich hörte die Bezauberung auf, und sie ward schwanger. Ciongock geriet darüber in Wut; er schwor den Untergang der Mutter und das Unglück des Sohnes. Die guten Feen, welche allerseits Freundinnen der tugendhaften Königin waren, hörten den Schwur und erzitterten, denn sie kannten die Gewalt des Zauberers, welcher verwegen genug war, den Göttern und Feen zu trotzen. Ihre Freundschaft verband sie, auf Mittel zu denken, wie sie den traurigen Folgen dieses Schwurs vorbeugen könnten. Sie versammelten sich bei der Niederkunft der Königin. Zoimane, die ansehnlichste unter den Feen, nahm den neugeborenen Prinzen auf ihren Schoß; sie küßte ihn dreimal auf das Herz und sprach: Sei ein Freund der Götter ! Asaide, eine gütige Fee und große Freundin der Menschen, nahm ihn in die Arme und sprach: Regiere wie dein Vater ! Zunzime, welcher Name eine einsame und wohlthuende Fee bedeutet, berührte siebenmal mit ihrem Daumen seine Zunge und seine Hand und sprach: Sei weise und reich ! Alcimedore, eine junge und lebhafte Fee, küßte ihm die Augen und den Mund und sprach: Sei liebenswürdig ! Da dieses geschehen war, legten sie das Kind an die Brust seiner Mutter, welche vor Freuden außer sich und eben im Begriff war, ihnen die aufrichtigsten Versicherungen ihrer Dankbarkeit zu geben, als der Zauberer Ciongock in einer flüstern Wolke über ihrem Sofa erschien, das Kind mit einem grausamen Lächeln ansah und mit fürchterlicher Stimme herabrief: Ich aber will dein Feind sein ! Sobald er dieses gesagt hatte, hüllte er sich in einen schwarzen Dampf und zog langsam und brausend über die Gefilde von Chiekock. Die Feen erblaßten, und die unglückliche Mutter überlebte diese schreckliche Erscheinung nur wenige Minuten. Zoimane übernahm die Erziehung des Prinzen. Zwar wußte sie wohl, daß ein Zauberer zu unvermögend sei, die Geschenke der Feen zu zernichten; und um deswillen waren sie überzeugt, daß der junge Prinz, der den Namen T'Siamma bekommen hatte, ein Freund der Götter und ein gütiger Regent, liebenswürdig, weise und reich werden würde; aber sie kannte auch die Gewalt des schrecklichen Ciongock und wußte, daß dieser tausend Wege finden würde, den Ruhm und die Vorteile zu verhindern, welche der Prinz von diesen Geschenken der Feen erwarten konnte. Um deswillen wandte sie bei der Erziehung alle Sorgfalt an, ihn zur Standhaftigkeit und Gelassenheit zu gewöhnen. Sie wiederholte ihm diese Vermahnungen bis in sein achtzehntes Jahr, da er nach den Gesetzen des Landes die Regierung übernehmen konnte. Sie führte ihn selbst zu dem erledigten Throne, übergab ihn dem Beistand der versammelte Räte, umarmte ihn noch einmal mit einer mütterlichen Zärtlichkeit und sprach: Prinz! sei deines Vaters würdig und vergiß nicht, daß die Tugend ihre Freunde belohnt, wenn sie auch von der ganzen Welt verkannt wird! Hier schwieg sie, sah ihn zum letztenmal liebreich und mitleidig an und schwang sich auf einer blauen Wolke in die Höhe, um nach ihren glücklichen Wohnungen zurück zu kehren oder in einem andern Lande die Erziehung eines jungen Prinzen zu übernehmen, welches sie als eine Freundin der Menschen ihre einzige und liebste Beschäftigung sein ließ, da sie wußte, daß durch die tugendhafte Erziehung eines einzigen Prinzen Millionen Menschen glücklich werden. – Ciongock saß eben an dem Eingang seiner traurigen Höhle und sann auf Verderben, als er die Zoimane in der Luft erblickte. Er verbarg sich, denn der verruchteste Bösewicht erschrickt bei dem unvermuteten Anblick eines Tugendhaften. Nunmehr wußte er, daß T'Siamma den Thron bestiegen hatte und weiter nicht unter dem Schutz der Fee war. Er brüllte vor Freuden und rüstete sich, sein Vorhaben auszuführen. »Ja, T'Siamma, dein Feind will ich sein, wie ich der Feind deiner Eltern gewesen bin. Sei immerhin ein Freund der Götter, sei tugendhaft, sei weise und gerecht; alle diese Geschenke der Feen sollen dir unnütz sein. Ich will mich der Herzen der Unterthanen und deiner Nachbarn bemächtigen. Deine Frömmigkeit sollen sie für Heuchelei halten. Du wirst regieren wie dein Vater, und doch wird sich das Volk wider dich auflehnen. Sei immerhin liebenswürdig und weise, man wird dich doch verachten. Du sollst nach Schatten greifen; deine größten Unternehmungen sollen sich endigen, wie ein lächerlicher Traum verschwindet.« Das sagte der drohende Ciongock mit einer rauhen Stimme. Er lachte dreimal, und dreimal seufzte die Natur. Er setzte sich auf seinen Wagen, welchen vier graue Drachen zogen, und eilte nach der Insel Chiekock, sein Vorhaben auszuführen. Die Dichter erzählen, daß die Blätter unter ihm verwelkt und die Vögel verstummt sind, da er durch die Lüfte fuhr. Inzwischen hatte das Volk erfahren, daß T'Siamma den väterlichen Thron bestiegen habe. Es versammelte sich vor den Thoren des Palastes und verlangte, seinen neuen König zu sehen. Der Ruhm von seiner Weisheit und Güte hatte sich schon seit vielen Jahren im Lande ausgebreitet. Das Volk betete ihn um deswillen an. Und hätte er auch diese großen Gaben nicht besessen, so würde es ihn doch geliebt haben, weil er der Sohn ihres Juokamosamma war. T'Siamma wollte sich diese Gelegenheit zu nutze machen und sowohl die Ehrfurcht als die Liebe seiner Unterthanen gewinnen, wenn er sich in der Majestät des Königs und zugleich in der Freundlichkeit eines liebreichen Vaters zeigte. Die Könige in Chiekock redeten – wider die Gewohnheit der morgenländischen Könige – öffentlich zu ihren Unterthanen. T'Siamma, dessen Zunge die göttliche Fee siebenmal berührt hatte, nahm sich vor, seinen Unterthanen bei dieser feierlichen Gelegenheit zu sagen, wie er sie liebe. Er freute sich als ein guter König, daß er ihnen dieses sagen konnte. Die Thüren des Palastes wurden geöffnet, und der König erhob sich vom Thron zu seinem Volke. In eben diesem Augenblick langte der Zauberer über der königlichen Burg an. Er sah die freudige Ungeduld des Volks und knirschte mit den Zähnen. Er murmelte drei schreckliche Worte; sogleich kehrte sich das bezauberte Volk um und lief nach einer andern Seite des Schlosses, eine Bande chinesischer Gaukler zu sehen, die der Zauberer dahin gestellt hatte, den Pöbel zu belustigen. Man urteile einmal von der Bestürzung, des T'Siamma, welcher bei dem Austritt aus dem Zimmer keinen von seinen Unterthanen fand, und welcher erfahren mußte, daß sie ihn verlassen hatten, um einer Bande Gaukler nachzulaufen. Er betrübte sich darüber; aber er gab sich auch alle Mühe, die Leichtsinnigkeit des Volks zu entschuldigen. Er wartete lange Zeit vergebens auf die Zurückkunft des Volks und kehrte endlich bekümmert in sein Schloß zurück. Das Volk versammelte sich von neuem und ward ungeduldig, daß es so lange auf seinen König warten sollte. Man hinterbrachte dem König diese Ungeduld des Volks, welches ihn zu sehen verlangte. T'Siamma war ein zu gütiger Fürst, als daß er vermögend gewesen wäre, seinen Unterthanen eine Bitte abzuschlagen, welche ein Beweis ihrer Ehrfurcht und Liebe war. Er ging etlichemale in seinem Zimmer auf und ab, um sich von der vorigen Bestürzung zu erholen und zu überlegen, wie er in wenigen Worten seine Unterthanen am nachdrücklichsten an ihre Pflicht erinnern und sie zugleich von der liebreichen Fürsorge, mit welcher er ihr König sein werde, versichern könne. Er eilte nunmehr, seinem Volke sich vorzustellen, welches ihn mit einem jauchzenden Zuruf und allgemeinem Händeklatschen empfing. Einem gütigen König kann nichts angenehmer sein als die Freude seiner Unterthanen. Er wartete, bis das Geräusch des Volks sich würde gelegt haben, um mit ihm zu reden. Das Jauchzen verdoppelte sich, und T'Siamma brannte vor Begierde, ihnen die Worte zu sagen, von denen er hoffte, daß sie bei der Freude seines Volks einen noch einmal so starken Eindruck haben müßten. Da das Volk nicht aufhören wollte zu jauchzen, so gab er ihnen das gewöhnliche Zeichen, daß er reden wolle, und erwartete ein ehrerbietiges Schweigen; aber das Lärmen verdoppelte sich. Nunmehr war es kein Jauchzen oder Händeklatschen mehr; es war ein wildes und wüstes Geschrei eines trunkenen Pöbels. Sie würden es für einen Aufruhr gehalten haben, aber sie sahen, daß das Volk sich ruhig verhielt und nur bei unaufhörlichem Jauchzen und Händeklatschen zu rasen schien. Mit einem Wort, es war dem König nicht möglich, zu seinem Volk zu reden. Er kehrte zurück und überdachte sein Schicksal mit der Traurigkeit eines liebreichen Vaters, welcher nicht mehr weiß, wie er seinen Kindern helfen soll, die nicht auf ihn hören wollen. Alles dieses war ein Werk des Zauberers, welcher die Freude seiner Unterthanen in einen ausschweifenden Unsinn verwandelt hatte, damit sie wie die Trunkenen nicht wissen sollten, was sie sähen oder was sie hörten. T'Siamma merkte wohl, daß ihm eine mächtigere Hand widerstand. Er erinnerte sich der weisen Vermahnungen seiner gütigen Zoimane, welche ihn beständig aufgemuntert hatte, standhaft, und gelassen zu sein, wenn er auch unglücklich wäre. Sie hatte ihn merken lassen, daß er einen mächtigen Feind habe; aber daß dieser Feind ein Zauberer und zwar der grausame Ciongock sei, das hatte sie ihm niemals sagen wollen, damit er den Mut nicht gänzlich fallen lassen und nicht müde werden möchte, seinem Unglücke zu widerstehen. Ciongock freute sich, wie sich ein Bösewicht freut. Er sann auf neue Mittel, wie er den tugendhaften T'Siamma kränken könne. Und da er einer von den gefährlichsten und grausamsten Zauberern war, so nahm er sich vor, die Frömmigkeit und Weisheit des gütigsten Königs seinen Unterthanen und Nachbarn lächerlich zu machen. Die Gesetze des Reichs erforderten, daß der neue König in den ersten dreißig Sonnen seiner Regierung eine Wallfahrt zu dem Haine des großen Namu-Amida thun sollte. T'Siamma unterwarf sich diesem Gesetze mit Vergnügen, da es ihn zu einer heiligen Handlung verband, und da er den meisten Teil seiner Unterthanen beisammen sehen sollte. Er zog fort in Begleitung der Ältesten seines Reichs und hatte die ansehnlichsten Geschenke auf einen weißen Elefanten geladen, um sie seinem, Gott zu heiligen. Ciongock sah wohl, daß er alles verlieren würde, wenn er es geschehen ließe, daß die Unterthanen ein öffentliches Zeugnis seiner Frömmigkeit und Andacht sähen, aber daß er desto mehr gewinnen würde, wenn er dem Volke diese Frömmigkeit verdächtig machen könnte. Er that es. Der König näherte sich dem Haine und legte sich dreimal auf sein Angesicht nieder, um sich zu dem Anschauen des Namu-Amida zu heiligen. Seine Unterthanen, die ihn in unzähliger Menge am Haine erwarteten, freuten sich über ihren König und fielen dreimal mit ihm nieder und beteten für ihn, denn das fromme Beispiel eines Königs macht fromme Unterthanen, und die Frömmigkeit macht treue Bürger. Nun zog er mit seinem Gefolge nach dem Tempel. Die Priester tanzten ihm in langen weißen Kleidern und mit Kränzen in den Händen entgegen, um ihn zu segnen und seine Geschenke unter sich zu teilen. Sie ließen ihn ihre Kränze küssen und fragten ihn im Namen ihres großen Gottes nach den Geschenken. Er befahl, daß man den Elefanten herbeiführen sollte; aber wie bestürzt war er, und wie wütend waren die Priester, als man anstatt des aufgeputzten Elefanten einen grauen Esel brachte, der zwei Körbe mit Reis und Bohnen trug! Sie warfen den Staub gegen den Himmel, hörten die Entschuldigungen des Königs nicht und riefen dem Volke zu, sie sollten die Beschimpfung ihres Gottes rächen und den ungläubigen T'Siamma erwürgen. Das Volk fing schon an zu murren. Der unglückliche König flüchtete sich in sein Schloß, wo er drei Tage lang verschlossen blieb und auf seinen Knien rohe Bohnen aß, um den Zorn des schrecklichen Namu-Amida zu versöhnen, denn er glaubte, daß dieser auf ihn erzürnt sei und aus Zorn seine Geschenke in so verächtliche Sachen verwandelt habe. Am vierten Tage versammelte er den großen Rat. Es ward beschlossen, der König solle durch einen seiner verschwiegensten Knechte den Priestern Geschenke senden und solche verdoppeln. Er that es. Die Priester ließen sich endlich großmütig bewegen, die Geschenke anzunehmen, und ihr Gott ward versöhnt. Seit diesem Zufall blieb der König immer traurig. Denn die Gnade der Götter und die Liebe seiner Unterthanen verloren zu haben, das waren diesem guten Könige zwei schreckliche Sachen. Die Räte merkten seine Schwermut, welche weder die Geschäfte seiner Regierung noch die öfteren Lustbarkeiten zerstreuen konnten. Sie rieten ihm an, er solle sich vermählen. Es vergingen dreißig Monde, ehe er sich entschließen konnte. Endlich stellten sie ihm vor, das Wohl seines Landes erfordere dieses, und sogleich entschloß er sich. Man schickte Gesandte an den König der benachbarten Insel Saykock, die um seine Enkelin werben sollten – eine Prinzessin, welche so tugendhaft, so weise und so schön war, daß man ihr den schmeichelhaften Namen Zizizi beigelegt hatte. Der König freute sich über die Gelegenheit, die man ihm gab, sich mit dem Sohn seines alten und besten Freundes auf eine so genaue Art zu verbinden. Er gab seine Einwilligung zur Vermählung; er bat aber zugleich, daß T'Siamma selbst zu ihm kommen und die Prinzessin von seiner Hand annehmen sollte, damit sie sich mündlich unterreden könnten, wie das gute Vernehmen zwischen beiden Reichen und das Wohl ihrer beiderseitigen Unterthanen am sichersten zu befestigen sei. Eine einzige von diesen Ursachen wäre schon vermögend gewesen, den T'Siamma zu dieser Reise zu bewegen. Er segelte also mit einem prächtigen Gefolge von hundert Schiffen ab. Zur Überfahrt nach Saykock brauchte man nur wenige Zeit. T'Siamma sah schon den Hafen. Er näherte sich ihm, ungeduldig vor Liebe, Freundschaft und Begierde, seine Unterthanen glücklich zu machen. Der alte König von Saykock stand mit seinen Dienern und seinem Volk am Ufer, seinen Freund zu erwarten, als ein jählinger Sturm die Flotte ergriff, aus dem Hafen zurückwarf und mit solcher Heftigkeit um die ganze Insel Saykock herumtrieb, daß er mit der dritten Sonne schon wieder vor dem Hafen war. Die Einwohner entdeckten seine Flotte, die Freude breitete sich durch die ganze Stadt aus, und der König eilte mit seinem Hofe nach dem Hafen, seinen Freund und Sohn zu empfangen, den er schon verloren gegeben hatte. Sie sahen sich, sie winkten einander, um ihr Vergnügen über diese unvermutete Zusammenkunft auszudrücken. Das Ufer und die Flotte ertönten von dem Jauchzen des freudigen Volkes. Aber eine schreckliche Nacht umhüllte die Flotte. Es war nicht möglich, weiter zu kommen. Man zog die Segel an, damit die Schiffe nicht an einander scheiterten. In dieser ängstlichen Unbewegsamkeit blieb die Flotte liegen. Der Nebel verzog sich; aber wie erschrak T'Siamma, da er sah, daß er nicht mehr vor dem Hafen (von Saykock), sondern an den Ufern von Chiekock, nicht weit von seiner Burg war. Er warf sich auf dem Verdeck seines Schiffes nieder, betete zu seinen Göttern und befahl, die Segel von neuem aufzuspannen. Er flog zum drittenmal nach der Insel Saykock seinen Wünschen entgegen. Zum drittenmal kam er in den Hafen und fand den König mit seinem Volke wieder versammelt, welche eine außerordentliche Freude über diese dritte Ankunft empfanden. Der alte König stand am Ufer, er reichte seinem Freunde die Hand, welcher eben im Begriff stand, aus dem Schiffe zu steigen, als das Volk auf dem Schiffe und dem Lande Verräterei! Verräterei ! rief. T'Siamma sprang ins Schiff zurück und suchte sein Volk zu besänftigen. Der alte König riß seinen Unterthanen die Waffen aus den Händen. Er rief ihnen zu. Aber niemand hörte auf ihn. Das Geschrei auf dem Lande und auf den Schiffen war wie das Geschrei zweier feindlichen Heere, die sich erwürgen. Die Flotte des T'Siamma kehrte zurück und floh, und keiner von seinem Gefolge hatte den Mut, sich umzusehen; bis sie in dem Hafen von Chiekock angelangt waren. Hier versammelten sich die zerstreuten Schiffe. T'Siamma, welcher wohl merkte, daß ihn eine mächtigere Hand hinderte, trat traurig ans Land. Sein Gefolge erwachte wie von einem unruhigen Traume, und sie wußten nicht, was ihnen widerfahren war oder warum sie geflohen waren. Sie schämten sich vor ihren Weibern, sie schlugen die Augen vor ihrem König nieder; aber dieser gute König erkannte wohl, daß es nicht ihre Schuld sei. Er richtete sie auf und unterwarf sich dem Willen der Götter, welcher ihm unbegreiflich war. Ciongock freute sich grimmig, denn er sah die Angst des Königs, welche dieser vor seinem Volk zu verbergen suchte. Seine Verbindung mit der tugendhaften, weisen und schönen Zizizi war ein zu großes Glück für den T'Siamma, als daß ihm dieser wütende Zauberer solches ungestört hätte überlassen sollen. Denn er war es, welcher den Sturm erregte, welcher die Nacht über die Schiffe verbreitete, und welcher Wut und Mord unter das Volk hauchte. Der alte König von Saykock war fromm, aber nicht abergläubisch. Dieser dreifache Zufall hielt ihn nicht ab, die Unterhandlung von neuem anzufangen. Das sah er wohl, daß diese Hinderungen kein Werk der Götter waren. Er kannte seine Götter und wußte, daß diese das Vergnügen zweier tugendhaften Personen und das Glück zweier mächtigen Reiche nicht hinderten. Er hielt also alles, was ihm begegnet war, für einen ungefähren Zufall und wollte, daß die Vermählung vollzogen werden sollte. Nur das wollte er nicht zulassen, daß T'Siamma zum viertenmal zu ihm käme. Um deswillen setzte er sich selbst mit einem kleinen Gefolge in ein Schiff und landete in Chiekock an, ohne daß sich T'Siamma dessen versah. Man meldete ihm die Ankunft des alten Königs. Er erstaunte und eilte ihm mit offenen Armen entgegen, den Freund seines Vaters und seine göttliche Zizizi zu umarmen. Er küßte dem Alten den Bart. Und als ihn der Alte gesegnet hatte, so übergab er ihm die Prinzessin, welche sich zu den Füßen des T'Siamma niederwerfen wollte. Dieser fing sie in seinen Arme auf und zog ihr zur Versicherung seiner ewigen Treue nach der Gewohnheit des Landes in Gegenwart des Hofs und des ganzen Volks den Schleier vom Gesichte. Man kann wohl glauben, wie heftig sein zärtliches Verlangen war, diejenige zu sehen, welche ganz Morgenland für die schönste Prinzessin hielt. Aber man stelle sich auch den Schrecken vor, der ihn überfiel, als er die unangenehmste und häßlichste Gestalt vor sich erblickte. Ein übelverwachsener Zwerg mit einem kahlen Haupte, einer gerunzelten und mit Haaren bewachsenen Stirne, triefenden und schielenden Augen, herabhängenden welken Backen, einem spitzigen Kinn und hervorragenden Zähnen – das war die Gestalt der göttlichen Zizizi. T'Siamma blieb einige Minuten unbewegt vor ihr stehen. Er sah sie, er sah ihren Vater, er sah das Volk an und warf ihr endlich den Schleier über das Gesicht. Die unglückliche Prinzessin weinte und wußte die Ursachen dieses allgemeinen Erstaunens und traurigen Stillschweigens nicht. Der ehrwürdige Greis verhüllte das graue Haupt in seinen Rock. Unter dem Volke erhob sich ein mißvergnügtes Murren, und hoch in der Luft hörte man ein lautes Lachen, wie das Lachen eines Riesen ist, der in seiner gewölbten Höhle vom Weine taumelt und jauchzet. Der alte König erkannte diese Stimme des Zauberers. Er enthüllte sein Gesicht, warf den Staub gen Himmel und rief dreimal den Namen des mächtigen Namu-Amida. Das Lachen des Zauberers verwandelte sich in ein wildes Heulen, welches sich in den entfernten Wolken verlor. Aber die unglückliche Prinzessin behielt ihre Häßlichkeit, von der sie nichts wußte. Der alte König nahm sie bei der Hand und ging mit ihr und dem T'Siamma in das Zimmer, wo er sie also anredete: Ich sehe nunmehr, meine Kinder, daß die alten Drohungen eines der mächtigsten Zauberer erfüllt sind. Aber zu meiner Beruhigung weiß ich auch dieses, daß ich nur noch wenige Monden lebe und mit meinem Tode die Zauberei sich endigen wird. T'Siamma, sei großmütig und gerecht. Verstoß meine Tochter nicht. Liebe sie und erwarte bald ein besseres Vergnügen. Und du, meine Tochter (hier umarmte er sie), du wirst nicht immer unglücklich bleiben. Ertrage dein Unglück! Tugend und Weisheit hat dir die Hand des mächtigen Zauberers nicht rauben können, nur die vergängliche Schönheit war es, die er auf einige Zeit verstören konnte. – Hier stellte er seine Tochter vor den Spiegel, damit sie die traurige Verwandlung erfahren sollte. Sie sah sich, sie erschrak, sie fiel halb ohnmächtig in die Arme des Vaters zurück und vergoß über den Verlust ihrer Schönheit bittere Thränen, denn sie war ein Frauenzimmer. Die Hand unseres Feindes, sagte sie, hat eine Zerstörung angerichtet, die ich ohnehin einige Jahre später von der Zeit erwarten mußte. Ich werde mich zu beruhigen suchen. Aber du, Prinz, so redete sie den T'Siamma an, du bist von deinem Versprechen befreit. Ich kehre wieder mit meinem Vater zurück. Ich liebe dich zu sehr, als daß ich von dir verlangen sollte, mich zu lieben. Lebe ohne mich vergnügt. T'Siamma, welcher Zeit gehabt hatte, sich von seiner ersten Betäubung zu erholen, ward durch diese Anrede empfindlich gerührt. Er nahm sie bei der Hand, umarmte sie und schwor, sie ewig zu lieben. Die feierliche Vermählung ward vollzogen. T'Siamma bewunderte seine Gemahlin. Aber der Pöbel in Chiekock sang spöttische Lieder von seiner neuen Königin. Sie erfuhr es und lachte, denn ein Weiser lacht mitleidig über den Witz des Pöbels. Sie bemühte sich, ihrem Gemahl zu gefallen, und dieser war so weise und gerecht, daß er ihre Verdienste bald einsah und sie mit Hochachtung liebte. Sie bemühte sich auch, das Volk von ihrer Tugend und ihrem Verstand zu überführen. Diese Mühe blieb vergebens, denn sie war häßlich. Lag sie in dem Tempel vor ihren Göttern, so sagten die starken Geister zu Chiekock, daß sie wie der fromme Pöbel andächtig bete, weil sie nicht vernünftig denken könne. Redete sie wie der weiseste Brahmine von den Göttern, von der Natur und von den heiligsten Pflichten des Menschen, so nannte man sie eine traurige Pedantin. War sie gefällig und freundlich gegen die, mit denen sie sprach, so gab man ihr eine gemeine und niedrige Aufführung schuld. War sie freigebig, so nannte man es eine übel angebrachte Verschwendung. Mit einem Wort: der Pöbel am Hofe und der Pöbel in der Stadt fand nichts als Untugenden und lächerliche Fehler an ihr – denn sie war sehr häßlich. Diese allgemeine Verachtung war ihr sehr empfindlich. Sie wußte die Ursachen derselben. Sie wußte, daß diese Ursachen aufhören würden, sobald ihre Bezauberung aufhörte. Sie wünschte aus Liebe zu ihrem Gemahl, zu ihrem Volke und zu sich selbst, daß sie ihre vorige Gestalt wieder bekommen möchte. Aber mitten in diesem Wunsche hielt sie inne und zitterte, wenn es ihr einfiel, daß dieser Wunsch nicht anders als durch den Tod ihres Großvaters, den sie so sehr liebte, erfüllt werden konnte. Sie wünschte, daß er noch lange leben möchte; und damit dieses desto gewisser geschehe, so verlangte sie, häßlich und ungestaltet zu bleiben. Ihr gemeinschaftlicher Feind, der unversöhnliche Ciongock, wußte wohl, daß diese Zauberei durch den Tod des alten Königs aufhören werde. Er wußte auch, daß dieser Tod in wenigen Monaten erfolgen müsse. Er konnte urteilen, wie sehr T'Siamma und seine Gemahlin sich alsdann lieben würden, da nicht einmal ihre Häßlichkeit diese Liebe hatte hindern können. Ein solches Glück gönnte der Grausame seinem Feinde nicht. Er merkte wohl, daß T'Siamma, so großmütig er auch war, doch mit Ungeduld auf die Zeit ihrer Verwandlung wartete. Er als ein Zauberer war allein vermögend, die stillen Wünsche der Königin zu entdecken, die sie nach ihrer Schönheit that, so oft ihr die Verachtung des Volks unerträglich ward. Alles dieses sah er und spottete ihrer Wünsche, denn er hatte einen grausamen Einfall, den König durch die Schönheit seiner Gemahlin noch weit unglücklicher zu machen, als er ihn durch ihre Häßlichkeit gemacht hatte. Es war an einem Morgen, als die Königin mit Aufgang der Sonne in ihrem Zimmer vor dem Bilde des Gottes Ysum lag und für die Seele des sterbenden Großvaters betete, dessen gefährliche Krankheit man ihr gemeldet hatte. Sie war eben im Begriff, vom Gebete aufzustehen, als sie von einem Schlag, wie der Schlag eines starken Donners ist, niedergeworfen ward. T'Siamma hörte es, er eilte nach ihrem Zimmer und fand sie ohnmächtig auf der Erde liegen, aber mit einer Schönheit, die ihn blendete, so schrecklich ihm sonst dieser Anblick war. Er nahm sie in seine Arme und sie kam in wenigen Augenblicken wieder zu sich selbst. Der König war in großer Unruhe, wie er ihr diese glückliche Verwandlung entdecken sollte, da er es nicht anders thun konnte, als ihr zugleich die Nachricht von dem Tode ihres Großvaters, den sie so zärtlich liebte, zu entdecken. Sie saß noch auf seinen Knien und zitterte vor Schwachheit. Sie sah ihren Gemahl und die Umstehenden mit einer wilden Unordnung an, wie ein Kranker, der von einem schweren Traum erwacht. Endlich erblickte sie ihre eigene Gestalt in einem Spiegel. Sie riß sich aus den Armen ihres Gemahls, drängte sich durch die Bedienten des Hofs und blieb einige Minuten unbeweglich vor diesem Spiegel stehen. Ja, ich bin es, rief sie mit einer ungemäßigten Freude. Sie setzte sich vor dem Spiegel nieder, zog ihre schwarzen Haarlocken durch die weiße Hand und bewunderte die Schönheit von beiden. Von ungefähr lächelte sie, und sie fand dieses Lächeln schön. Sie wiederholte es und gab sich Mühe, auf verschiedene Art zu lächeln, um zu versuchen, welches Lächeln eigentlich ihrem Munde und ihren Zähnen am vorteilhaftesten sei. Sie war nicht müde, ihre Augen zu betrachten. In einer einzigen Minute machte sie die Blicke einer Zärtlichen, einer Spröden, einer Gebieterin, einer Schmachtenden, einer Traurigen und tausend Blicke, in welchen sich der Leichtsinn eines europäischen Frauenzimmers vor dem Spiegel übt. Mit einem Wort, sie buhlte mit sich selbst und fand endlich, daß die Blicke der Gebieterin ihren schwarzen Augen am anständigsten wären. Mit dieser Miene wandte sie sich um, und erwartete die Anbetung derer, die um sie waren. Ihr Gemahl, welcher mit Erstaunen alle diese ungewohnten Bewegungen an ihr wahrgenommen hatte, stand ganz betrübt neben ihr, ohne von ihr gesehen zu werden. Er nahm sie bei der Hand, aber sie zog ihre Hand kaltsinnig zurück und sah ihn an. Endlich schien sie sich zu erinnern, daß er ihr Gemahl sei. Sie überließ ihm die Hand nachläßig, ohne auf die Zärtlichkeit acht zu haben, mit welcher er sie küßte. Er wagte es endlich, sie an den Tod ihres Großvaters zu erinnern. Der Wille der Götter, sagte er mit einer ängstlichen Miene zu ihr, seine Weisheit, seine Tugend, das Glück der Toten, das schwächliche Alter deines Großvaters ... Ist er tot? unterbrach sie ihn ganz gelassen. – T'Siamma sah traurig auf die Erde. Also ist er tot! wiederholte sie nochmals und zuckte mit den Achseln; aber er war alt, und verdrießlich; sein ... Indem sie dieses sagen wollte, so entdeckte sie im Spiegel unter ihrem linken Auge ein kleines, fast unmerkliches Blätterchen. Aber, große Götter! schrie sie, was ist dieses? Sie ward unruhig, sie verlangte die Ärzte und sank, kraftlos auf einem Sofa nieder. T'Siamma stand vor ihr wie ein Träumender. Er sah seine Gemahlin als die schönste Person des Morgenlandes vor sich, aber ohne Zärtlichkeit, ohne Empfindung der Tugenden, die ihr sonst eigen waren. Er sah einen schön gemalten Körper, welcher nur mit sich selbst beschäftigt war, nur sich liebte und die Hochachtung der Menschen erwartete, ohne sie verdienen zu wollen. Er schlug an seine Stirne und bat die Götter, sie möchten ihm diese Schönheit wieder nehmen, welche so viele Tugenden verdrängt hätte. Aber die Götter wollten ihn noch nicht hören, und der Zauberer freute sich über seine Verwüstung. Bei dem Pöbel hatte diese Verwandlung eine ganz andre Wirkung. Er betete ihre Schönheit an. Ehe sie nur die Lippen öffnete, so ward sie bewundert, noch ehe sie redete. Sie redete mit ihrem Papagei, und was sie mit ihm redete, war Weisheit. Unter diesem Pöbel waren viele Dichter, sie besangen ihre Schönheit, und die Königin spendete Reis unter sie aus. An gewissen feierlichen Tagen teilte sie ein sparsames Almosen unter die Armen der Stadt, um dem Volke ihre weißen Hände zu zeigen. Man nannte diesen eitlen Hochmut wohlthätige Tugend, denn ihre Hände waren rund und wohl gemacht. Mit einem Worte: Der Pöbel in Chickock, der die tugendhafteste Königin verachtet hatte, weil sie häßlich war, vergötterte nunmehr ihre Schönheit und hielt ihre Thorheiten für Tugend. Der unglückliche Gemahl ward durch diese Schönheit nicht verblendet; er liebte sie noch. Aber weit zärtlicher liebte er sie damals, als sie zwar häßlich, aber noch tugendhaft war. Er brachte die Stunden in ihrer Gesellschaft sehr mißvergnügt zu. Denn gegen alle war sie freundlich, gefällig und aufgeräumt, nur gegen ihren Gemahl nicht. Gegen seine Liebkosungen war sie immer unempfindlich und kalt. Wollte er sie küssen, so klagte sie über Schmerzen am Haupte. Verlangte er, daß sie mit an seiner Tafel speisen sollte, so wendete sie eine Andacht vor und fastete. Redete er mit ihr und sagte ihr die zärtlichsten Schmeicheleien, so spielte sie mit ihrem kleinen Drachen. Redete er nicht mit ihr, so warf sie ihm seine Unempfindlichkeit vor. Was ihm gefiel, tadelte sie. War er aufgeräumt, so vergoß sie Thränen, daß er bei ihrem Kummer noch scherzen könne. In den traurigen Stunden, wenn er seinen Schmerz weiter nicht bergen konnte, machte sie ihm bittere Vorwürfe und klagte, daß er sie nicht mehr liebe, daß er allemal aufgeräumt und nur in ihrer Gegenwart immer traurig sei. Das Exempel der Königin breitete sich durch die ganze Stadt aus. Die Weiber der Vornehmen ahmten ihr nach. Die Ärzte hielten es für eine Krankheit, aber sie wußten kein Mittel dawider. Sie gaben dieser Krankheit einen gelehrten Namen und nannten sie Ongasauwara-Sinano. Das war alles, was sie thun konnten. Unerachtet dieses gelehrten Namens blieben die Männer bei dem mißvergnügten und sich widersprechenden Eigensinn ihrer Weiber unglücklich. T'Siamma sah die Zerrüttung mit Betrübnis, welche dadurch in den ansehnlichsten Familien verursacht ward. Er gewöhnte sich, gegen seine Gemahlin gelassen, nachsehend und immer gefällig zu sein. Die Großen im Reiche ahmten ihm hierin nach. Sie machten dadurch ihren Ehestand erträglich, aber ihre Weiber nicht vernünftiger. Die Chronikenschreiber von Chiekock wollen behaupten, daß um diese Zeit die Herrschaft der Weiber angefangen habe; aber der gelehrte T'Sintsia macht diese Gewohnheit noch etliche tausend Jahre älter. In diesen bekümmerten Umständen lebte T'Siamma etliche Jahre lang und war endlich so glücklich, sein Elend gewohnt und ruhig zu ertragen. Aber auch diese traurige Ruhe gönnte ihm der Zauberer nicht. Es breitete sich ein Gerücht in Chiekock aus, daß zwei mächtige Prinzen in Siam mit einander in Krieg verwickelt wären. Der schwächste von ihnen war ein Freund und Bundesgenosse des T'Siamma. Dieser brach mit seiner Armee auf, um ihm beizustehen. Er landete glücklich an, schiffte seine Truppen aus und fand, daß das ganze Land in Ruhe war. Sein Freund hielt dieses für einen feindlichen Einfall und ward entrüstet. Er verband sich in Eile mit andern benachbarten Fürsten und überfiel die Völker des T'Siamma, welcher nicht im stande war, der Macht zu widerstehen, und mit vieler Not den Rest seiner Truppen auf die Schiffe flüchten konnte. Dieser unglückliche Zufall schlug seinen Mut gänzlich nieder. Es war ihm unerträglich, daß er ein Spott der benachbarten Fürsten sein und für einen bundbrüchigen Freund angesehen werden sollte. Er eilte nach seinem Lande zurück, um sich vor den Augen der Welt und seiner Unterthanen zu verbergen. Er kam an den Hafen. Aber er fand seine Unterthanen in den Waffen, welche ihm und den Seinigen den Eingang verwehrten. Der Zauberer, welcher wußte, daß die Götter ihm nur wenige Zeit noch seine Bosheiten ungestraft zulassen würden, hatte sich vorgenommen, den letzten und empfindlichsten Streich wider den T'Siamma auszuführen. Er hatte, als dieser abwesend war, seine Gestalt angenommen und das Volk in Waffen gebracht, da er aussprengte, daß eine feindliche Macht sein Reich überfallen wollte. Das war die Ursache des Widerstandes, welchen T'Siamma fand. Aber sein Mut und seine gerechte Sache überwanden auch diese Hindernisse. Er trat an das Land. Das Volk sah ihn und erstaunte, denn es sah auch den Zauberer in der Gestalt des T'Siamma. Der Zauberer hatte die Priester durch Geschenke gewonnen. Die unglückliche Zizizi hielt ihn für ihren Gemahl und liebte ihn seit einiger Zeit wirklich, weil er ihr tausend kindische Schmeicheleien vorsagte und ihr alle Stunden neue Gelegenheit gab, ihre Eitelkeit zu beruhigen. Die Weiber der Großen im Reiche hatten gar zu viel Ursache, auf ihrer Seite zu sein. Sie bedienten sich also der Gewalt über ihre Männer und nötigten sie, die Partei der Königin zu nehmen. Der Pöbel war ohnedem schon auf ihrer Seite. Also blieben nur noch wenige Tugendhafte und Getreue übrig, welche dem wahren T'Siamma anhingen. Er verlangte in Gegenwart seiner Gemahlin und des Volks, seinen Feind zu sehen und mit ihm um sein Recht zu kämpfen. Der Zauberer ging es ein, da er seiner Macht gewiß genug zu sein glaubte. Sie begegneten beide einander in einer fruchtbaren Ebene vor der Stadt. Der Zauberer führte die Königin an der Hand und ward von einer unzähligen Menge Volks begleitet. T'Siamma erstaunte nunmehr selbst über die Ähnlichkeit seines Feindes. Er war wütend, daß er seine Gemahlin an der Hand dieses Räubers sehen sollte. Er zog sein Schwert und rief: Göttliche Zoimane! stärke meinen Mut und diesen Arm! Sobald er dieses gesagt hatte, sprang er auf den Zauberer los, welcher ihn aber, ohne aus seiner Gelassenheit zu kommen, zu Boden warf und erwürgen wollte. In diesem Augenblicke stürzte die göttliche Zoimane, die Freundin und Beschützerin ihres T'Siamma, in einer Wolke von Feuer auf den Zauberer herab. In ihrer linken Hand hielt sie einen Talismann, der eingegrabene Name des Namu-Amida machte ihn den Gottlosen schrecklich. Der Zauberer erblickte diesen Namen und zitterte. Er wollte fliehen, aber er sank zur Erde nieder. Er verwandelte sich in einen schrecklichen Riesen und war so verwegen, wider die Fee zu kämpfen. Diese hielt ihm den Talismann vor, und er stürzte zum zweitenmal wie ein Kind zur Erde. Er verwandelte sich in einen hohen Felsen, um gegen die Kraft des Talismans unempfindlich zu sein, aber er schmolz wie Schnee zusammen. Noch zum drittenmal versuchte er zu entkommen, verwandelte sich in einen Strom und riß den unglücklichen T'Siamma, welcher ohnmächtig auf der Erde lag. mit sich fort. Die Fee merkte dieses zu spät. Sie warf sich in den Strom, den T'Siamma zu retten. Durch die Gewalt des Talismans vertrocknete der Strom, und es blieb nichts übrig als ein faules stehendes Wasser. Aber mitten in demselben lag der T'Siamma ohne Empfindung ausgestreckt und blieb tot. Das war das Ende des grausamen Zauberers, welcher noch in dem letzten Augenblick seiner Wut den tugendhaften T'Siamma zugleich mit in sein Verderben hinriß. Nur die weisen Götter wußten, warum sie dieses geschehen ließen. Die Fee netzte den Leichnam mit ihren Thränen. Sie wollte der Nachwelt ein Andenken seines großen Muts und seiner standhaften Tugend hinterlassen. Sie hielt also den Talisman an seine Stirne, und es erhob sich mitten aus diesem toten See ein Fels von weißem Marmor, welcher den Leichnam des T'Siamma in sich verschloß. Unter diesem schrecklichen Kampfe der Fee und des Zauberers war das Volk geflohen. Die Königin lag ohnmächtig an dem Fuße eines Baumes und wußte von allen diesen traurigen Veränderungen nichts. Sie ermunterte sich durch ein Wort der Fee, welche ihr das Schicksal ihres Gemahls, die Bosheit des Zauberers und die Rache der Götter erzählte. Sie legte ihr den Talisman auf die Brust, und in demselben Augenblicke verschwand alle Eitelkeit und Thorheit, welche durch die Zauberei des Ciongock zeither ihren Verstand umnebelt hatte. Sie war vor Bekümmernis außer sich. Sie wollte mit den Göttern zanken. Aber die Fee erinnerte sie an ihre Gottesfurcht, an ihre Tugend und an ihre Weisheit. Sie ward ruhig, sie küßte den Namen des mächtigen Namu-Amida und beweinte ihren Gemahl, ohne ungeduldig zu murren. Die Fee verließ sie. Zizizi bauete ihrem Gemahl einen prächtigen Tempel auf dem Marmorfelsen, welcher seinen Leichnam verschlossen hielt. In diesem Tempel war sie die oberste Priesterin bis an ihren Tod. Das Volk betete sie an. Er (T'Siamma) ward der Gott der Unglücklichen, welche ihren Wünschen immer nahe sind, ohne sie jemals zu erlangen, und welche, solange sie leben, vergebens hoffen. Sein Tod geschah (nach der Zeitrechnung der Einwohner zu Chiekock) am siebenten Tag des Monden Ni-ada, welcher nach dem europäischen Kalender der erste April ist. Dieser Tag war dem Volke besonders heilig. Sie gingen hinaus in die Ebene nach dem Tempel ihres Gottes T'Siamma und stellten sich, als wenn sie ihn ängstlich suchten. Sie riefen ihn, und wenn sie ihn nicht fanden, so warfen sie Steine in den faulen See Ciongock, um das Andenken des Zauberers zu verfluchen. Die Eltern sagten an diesem feierlichen Tage zu ihren Kindern: Geht hinaus und sucht den T'Siamma! er wird euch etwas schenken. Die Kinder gingen und warfen Steine in den See, wenn sie ihn nicht fanden. Das Weib sagte zu ihrem Manne: Geh hinaus und suche den T'Siamma! er wird dir sagen, ob ich dich mehr liebe als andere Männer. Der Mann ging und rächte sich an dem See, wenn er ihn nicht fand. Die Mutter sagte zu ihrer Tochter: Geh hinaus und suche den T'Siamma! er wird dir den Mann nennen, durch dessen Liebe du glücklich werden sollst. Die Tochter ging und kehrte traurig zurück, weil sie diesen Mann nicht erfuhr. Der Weltweise sagte zu seinen Schülern: Gehet hinaus und suchet den T'Siamma! er wird euch eine Weisheit lehren, gegen welche die meinige nur Thorheit ist. Sie gingen hin und suchten ihn und klagten es ihrem Lehrer, daß sie keine Weisheit gefunden hätten. Dieses war die Art, mit welcher die Einwohner das Andenken ihres unvergeßlichen T'Siamma feierten. Sie fasteten an diesem Tage, und das ganze Land war traurig. Nach tausend Jahren war die Religion in Chiekock verächtlich, da das Land einen König bekam, der sich der Religion seiner Väter schämte. Die Großen des Volks waren starke Geister, und nur der arme Pöbel betete noch. Um diese Zeit fiel auch die Hochachtung, die man für das Andenken des T'Siamma hatte. Sein Gottesdienst verkehrte sich in Völlerei und pöbelhafte Ausschweifungen. Sie sandten einander noch immer zu dem T'Siamma, aber nicht, um tugendhaft, nicht um weise zu werden – nein, nur um ihren Mutwillen zu kitzeln. Und fanden sie noch einen, welcher fromm und treuherzig genug war, sich zu dem T'Siamma schicken zu lassen, den hielten sie für einen Narren. Dem Pöbel gefiel endlich dieser Scherz auch, und für den Pöbel gehörte er eigentlich. Er bemächtigte sich dieses Witzes und behielt ihn bei, nachdem die Vornehmen des Landes anfingen, sich desselben zu schämen. Diese Gewohnheit breitete sich durch Siam in Japan aus und ist endlich zu uns Europäern herüber gebracht worden. Nunmehr ist der siebente Tag des Monats Ni-ada ein Fest der Narren in Chiekock. Und der europäische Pöbel feiert es zu gleicher Zeit am ersten April.