Mailieder 1. Frühlingslied Der Frühling lacht von grünen Höh'n, Es steht vor ihm die Welt so schön, Als seien eines Dichters Träume Getreten sichtbar in die Räume. Wann schöpferisch aus Morgenduft Der Sonne Strahl die Wesen ruft, Kehrt jedes Herz sich, jede Blume Empor zum lichten Heiligtume. Wann Abendrot den Purpur webt, Darin die Sonne sich begräbt, Schließt sich befriedigt jede Blüte, Und Sehnsucht schlummert im Gemüte. Vom Morgen bis zur Nacht entlang Ist all ein Kampf der Sonne Gang; Ein Kampf, die Schöpfung zu gestalten, Durch Licht zur Schönheit zu entfalten. Die Sonn' ist Gottes ew'ger Held, Mit goldner Wehr im blauen Feld, Und zu dem lichten Heldenwerke Erneut der Frühling ihr die Stärke. Die Sonn' am Tag, der Mond bei Nacht, Sie ringen all' mit Wechselmacht, Die Sonne, Rosen rot zu strahlen, Und Lilien weiß der Mond zu malen. Der Himmel ein saphyrnes Dach Der Flur smaragdnem Brautgemach, Wo sich im Spiegel von Kristallen Schaut Rose Braut mit Wohlgefallen. Die Morgenröte wirkt ihr Kleid, Der Morgentau reicht ihr Geschmeid, Der Morgenwind, ihr kecker Freier, Küßt sie errötend unterm Schleier. Der Frühling gibt im Garten Tanz, Und alle Blumen nahn im Glanz, Wo Mädchen vorzustellen haben Die Rosen und Jasmine Knaben. Das Veilchen birgt in Duft sich still, Weil aufgesucht es werden will; Die Rose glühend zeigt sich offen, Wie könnte sie Verbergung hoffen? Des Paradieses Pforten sind Nun aufgethan im Morgenwind, Und auf die Erde strömt vom Osten Der Duft, den sonst die Sel'gen kosten. Die Lauben Edens werden leer, Zur Erd' hernieder zog ihr Heer, Wo nun die Engel schöner wohnen In Rosenzelt und Lilienkronen. Nun lebt, berührt vom Liebeshauch, Das Leben neu, und Totes auch; Der starre Fels vor Sehnsucht bebet, Bis auch ein Epheu ihn umwebet. O Frühlingsodem, Liebeslust, O Glück der felsentreuen Brust, Die ein Geliebtes an sich drücket, Das dankbar sie mit Kränzen schmücket. In dieser Stille der Natur, Wo Liebe spricht und Friede nur, Sei fern den schweigenden Gedanken Des Menschenlebens lautes Zanken. Wie sie die Sinne sich verwirrt Und wie in Wüsten sich verirrt, Wie sie die Freude sich verkümmert Und wie das Dasein sich zertrümmert. Und wie die Welt, so ist ihr Lohn. Es reut mich jeder Liedeston, Der aufs verworrene Getriebe Der Zeit sich wandt' und nicht auf Liebe. Die Liebe ist der Dichtung Stern, Die Liebe ist des Lebens Kern; Und wer die Lieb' hat ausgesungen, Der hat die Ewigkeit errungen. Weg Thorentand und Flitterpracht! Im Himmel gilt nicht ird'sche Macht. Erob'rer, Helden, Weltvernichter, Geht, sucht euch einen andern Dichter. Du Freimund laß den eitlen Schwall, Sing' Lieb' als wie die Nachtigall, O trachte, still in deinen Tönen Dein eignes Dasein zu versöhnen. 2. Traurige Frühlingsherrschaft Ihr Vögel, wenn ihr warten wollt mit Singen, Bis meine Lieder hell wie sonst erklangen! Ihr Blumen, wenn ihr eh'r nicht wollt entspringen, Bis Freude blühn ihr seht auf meinen Wangen! O laßt von mir euch keine Störung bringen, Euch aufzuhalten ist nicht mein Verlangen; Singt nur und blüht an aller Ströme Borden Und wartet nicht, bis Frühling mir geworden! Da wollten dennoch säumen Die Blüten an den Bäumen, Die Vöglein tief in Träumen; Kann man dem Dichter so viel Recht einräumen? Ihr Vögel, da ihr doch nicht wollet singen, Bis mit Gesang ich euch vorangegangen; Ihr Blumen, da ihr doch nicht wollet springen, Bis auch die Keim' in meiner Brust entsprangen! Mein Zaudern soll euch keine Störung bringen, Und euer Losungswort sollt ihr empfangen: Auf! singt und blüht an aller Ströme Borden! Habt Frühling! Frühling ist mir selbst geworden. Da durften nicht mehr säumen Die Blüten an den Bäumen, Die Vöglein auch nicht träumen, Und Frühling blüht' und tönt' in allen Räumen. Ihr Vögel, nun ihr einmal seid am Singen, Weil euer Sänger euch vorangegangen! Ihr Blumen, die ihr nun müßt vorwärts dringen, Von Stuf' auf Stufe, bis zum höchsten Prangen! Ich kann euch fürder keine Störung bringen, Fortfahren müßt ihr, wie ihr angefangen; Singt denn und blüht an aller Ströme Borden Und wißt, daß Frühling doch mir nicht geworden. Da konnten nicht mehr säumen Die Blüten an den Bäumen, Die Vöglein auch nicht träumen; Lust floß der Welt, mir sollte Trauer schäumen. 3. Verschließung Es rührt mich an der Frühlingslüfte Schauern, Sie kommen sanft ans Herz herangeglitten Und wollen draus vertreiben dumpfes Trauern, Das drinnen wohnet wie in Winters Mitten. Ihr Lüftchen, eure Müh' muß ich bedauern, Sie besser anzuwenden, laßt euch bitten. Wo stille Knospen an den Zweigen lauern, Da kehrt euch hin, da seid ihr wohlgelitten; Da weckt mit euerm Odem junge Rosen, Die gern mit euch von Lieb' und Hoffnung kosen, Und laßt unangerührt mich Hoffnungslosen. 4. An den Lenz Schmücke doch, du Hand des Lenzen, Schmücke diese Fluren doch, Daß ich sie zuletzt erglänzen Seh' in vollem Glanze noch. Daß, wenn ich einst einsam weine, Aus der Ferne dein Gefild' Tröstlich lächelnd mir erscheine, Nicht ein starrend Winterbild. 5. Die Eintagsfliege am Johannistag Mit dem ersten Strahl der Sonne Bist du weislich aufgestanden, Daß von deines Tages Wonne Dir kein Teilchen komm' abhanden, Flüchtigste vom Stamm der Fliegen, Leichtbeschwingtes Eintagskind! Aus des Morgens Duft gestiegen Und verweht vom Abendwind. Weil bestimmt zu deinem Leben Vom Geschick ein Tag dir war, Hat es milde dir gegeben Diesen längsten Tag im Jahr. Sei der Tag dir still und helle, Weil du keinen zweiten hast; Unversiegt des Taues Quelle, Wind und Sonne nicht zur Last! Keine Schwalb' im Flug dich hasche! Stelle dir kein Netz die Spinne! Geh, im Duft der Blüten nasche Und am Abend drein zerrinne! 6. Ein Schreibtäfelchen im Busen Ging ich in den Frühlingswald; Euch, mir lang' entwöhnte Musen, Sucht' ich auf und fand euch bald. In die Tafel auf den Knieen Schrieb ich, was mir gab ein Hauch; Und ich wähnt' es mir verliehen Von dem nahen Blütenstrauch. Doch aus meiner Tafel wittert Mich ein andrer Odem an, Welke Blumen, halbzerknittert, Die ich jüngst dort eingethan, Als zu meiner Kindheit Fluren Mich der vor'ge Herbst geführt, Wo ich den verwehten Spuren Frühen Glückes nachgespürt. Ja, so bist du nun gealtet! Nicht der Frühling, der nun blüht, Nur ein längst verblühter waltet Dir nachduftend im Gemüt. 7. Einen klassischen Dichter in den Händen, Den romantischen Frühlingshain durchirrend, Konnt' ich lesend und wandelnd nicht vereinen Jene Klassicität und die Romantik. Wenn ich blickt' in das Buch, erschien mir's farblos Vor dem schwellenden Knospendrang des Lebens; Wenn ich schaut' in den grünen Wald, erschien er Wirrvoll gegen die wohlgebauten Strophen, Schlecht geordnet die Schatten und die Lichter. So mißfiel mir das eine durch das andre, Wechselnd richtete Buch und Welt zu Grund' sich. Müde setzt' ich mich endlich auf den Stein hin, Wo zum Quellengeriesel Schatten rauschten, Weiter lesend und blickend aus dazwischen. Immer lauschender blickt' ich, immer stiller Las ich, immer versenkter und versunkner; Ob ich las, ob ich blickte, wußt' ich selbst nicht. Immer lieblicher, leiser flossen, rannen, Immer inniger, tiefer schmolzen, schwammen Ineinander der Frühling und der Dichter. Verse rieseln in Wellen, und symmetrisch Bauen blühende Lauben sich zu Stanzen. Staunend fühl' ich von einem Geist mich wiegen, Der des Lebens und Todes Widerspruch löst – Von dem Geiste des Schlummers und des Traumes, Die im Schatten mich überschlichen hatten, Ohne daß ich es merkte, bis, vom Odem Einer stürmischen Luft entküßt, ein Baumblatt Auf das Buch, und das Buch mir aus der Hand fiel. Schlaf, Vermähler des Himmels mit der Erde! Traum, Vermittler des Diesseits mit dem Jenseits! Allvereinende, stets vereinte Brüder! Kommt noch öfter auf meinen Frühlingsgängen Mir entgegen und helfet mir studieren! Kein Ausleger vermag doch auszulegen Seinen Dichter, wie ihr, aus der Natur, und Einzulegen die Schöpfung in den Dichter. 8. Ich sah den Himmel seltsam geteilt In Trübes und in Klares; Alles Dunkle zusammengeeilt Und alles Helle war es. Die ganze nordische Hälfte war Mit grauem Gewölk umzogen, Die ganze südliche Hälfte klar Von Lichtblau angeflogen. Die Sonne stand an dem Scheiderand Des Blauen und des Grauen, Unsichtbar halb in der Wolkenwand Und halb im Hellen zu schauen. Wird sie treten ins Blaue ganz, Ins Graue ganz verschwinden? Oder wird sie mit ihrem Glanz Selbst das Grau überwinden? 9. Himmelschlüssel Himmelschlüsselchen ist genannt ein goldnes Feingebildetes Blümchen auf der Wiese, Weil den Himmel auf Erden sieht die Unschuld Aufgeschlossen im Frühling unter Blumen. »Himmelschlüsselchen nenn' ich«, sprach ein Jüngling, »Dich mit eigenem Rechte, weil ein Himmel Mir auf Erden, ein Herz, sich aufgeschlossen, Ein geliebtes, im Frühling, als zum ersten Kranz ich schüchtern dich wand mit andern Blumen. Himmelschlüsselchen! den mir aufgeschlossnen Himmel schließe mir jeder Frühling neu auf, Still verschließ' ihn vor jedem Blick des Neides! Jedem anderen aber sei ein andrer Himmel offen, den ich nicht ihm beneide.« 10. Waldandacht Orgeltöne brausen Durch der Tannen Haar, Und mit stillem Grausen Knie' ich am Altar, Den in Waldeshallen Mir der Frühling baut, Und des Herzens Wallen Wird im Liede laut. Seinen Sabbat feiert, Schöpfung, der dich schuf, Und die Seel' umschleiert Seines Friedens Ruf. Wenn du Vaterstrafen, Kind, nicht fürchten mußt, Kannst du ruhig schlafen An der Mutter Brust. 11. Frühlingsanfang (Nach dem Anfang einer Kaside von Saadi.) Morgens weckte mich ein Hauch: Frühling hat begonnen, Auf und bade nun dich auch Wie die Welt in Wonnen. Ging ich übers Feld im Kreis Blühender Gestalten: Eine sprach: »Du bist ein Greis, Sitze bei den Alten!« Doch ich sagte. »Liebes Kind, Sieh den Berg, den hohen, Über dessen Scheitel sind Jahre viel geflohen. Aber aus dem Wintertraum Hat er sich gerüttelt, Hat von seines Kleides Saum Frost und Reif geschüttelt. Nimmt fürs graue Pelzgewand Sommergrüne Decken, Um an kühler Bäche Rand Sanft sich hinzustrecken. Alle Blumen ladet er, Ihm zu nahn mit Düften, Und mit Wonne badet er In den lauen Lüften. Also laßt mich zwischen euch Ruhn und mit Behagen Träumen unter Lenzgesträuch Von vergangnen Tagen.« 12. Heiland Frühling Heiland Frühling ist ins Land gekommen; Bring' er Heil und Heilung allem, allen! Heile von Beklemmung, was beklommen, Heile vom Verfalle, was verfallen, Von der Überfrömmigkeit die Frommen, Fromme Tauben von des Geiers Krallen. Alles Unvollkommne sei vollkommen, Und auf Erden Gottes Wohlgefallen! 13. Was thut nicht eine Frühlingsnacht? Eingeschlafen im Abendhauch War der knospende Rosenstrauch, Und staunend, als er früh erwacht', Stand er in voller Blütenpracht, Was thut nicht eine Frühlingsnacht An Menschenblumenknospen auch! 14. Zwischen Welt und Einsamkeit Zwischen Welt und Einsamkeit Ist das rechte Leben, Nicht zu nah' und nicht zu weit Will ich mich begeben. In der Straßen lautem Drang Find' ich mich zu blöde, Aber einen Schauer bang Fühl' ich in der Öde. Lieblich ist es, wo ich seh' Ferne Hütten rauchen, Ins Gefühl der Gottesnäh' Schweigend mich zu tauchen.