2. Verwehte Blätter Erstes Buch 1. Ihr Lerchen, schüttelt den Tau von der Brust! Fliegt auf aus Furche und grünender Saat, Hoch über der höchsten Berge Grat Schwingt euch empor in jubelnder Lust Und jauchzt es in alle Lande hinein: Sie ist mein! Flammt auf, ihr Alpen, golden und rot! Von Zacke zu Zacke und Felsenrand Laßt schießen die Strahlen, bis hoch der Brand Von Gletschern und Eisaltären loht, Und leuchtet's in alle Lande hinein: Sie ist mein! 2. Lang verschollne Wonnen kehren, Oedes Herz, in dich zurück; Aber wird's dich nicht verzehren, Dieses neue Liebesglück? Selig lodernd, wie getroffen Von des Himmels Wetterstrahl, In Verzagen und in Hoffen Brennst du, und in süßer Qual. Dieses jubelnde Vergehen, Wenn das Ich ins Du versinkt Und in heißem Atemwehen Tödliches Entzücken trinkt, Bangen Zweifels muß ich fragen, Ob es Segen oder Fluch; O, um alles das zu tragen, Bist du, Herz, auch stark genug? 3. Süß sind die Laute all, in denen Die Liebe traute Zwiesprach hält. Süß ist das Wort, das zwischen Thränen Und Lächeln flüchtig ihr entfällt, Und süß der Schwur auch, der gleich Zweigen Zwei Leben ineinander flicht; Doch süßer noch der Lippen Schweigen, Wenn Seele nur mit Seele spricht. 4. Schön sind, doch kalt die Himmelssterne, Die Gaben karg, die sie verleihn; Für einen deiner Blicke gerne Hin geb' ich ihren goldnen Schein! Getrennt, so daß wir ewig darben, Nur führen sie im Jahreslauf Den Herbst mit seinen Aehrengarben, Des Frühlings Blütenpracht herauf. Doch deine Augen – o, der Segen Des ganzen Jahrs quillt überreich Aus ihnen stets als milder Regen, Die Blüte und die Frucht zugleich! 5. Wie sollten wir geheim sie halten, Die Seligkeit, die uns erfüllt? Nein, bis in seine tiefsten Falten Sei allen unser Herz enthüllt! Wenn zwei in Liebe sich gefunden, Geht Jubel hin durch die Natur, In längern wonnevollen Stunden Legt sich der Tag auf Wald und Flur. Selbst aus der Eiche morschem Stamme, Die ein Jahrtausend überlebt, Steigt neu des Wipfels grüne Flamme Und rauscht, von Jugendlust durchbebt. Zu höherm Glanz und Dufte brechen Die Knospen auf beim Glück der zwei, Und süßer rauscht es in den Bächen, Und reicher blüht und glänzt der Mai. 6. In deines Auges klare Quelle Taucht sich mein Geist wie in ein Bad; Die Welt strahlt ihm in reinrer Helle, Wenn er in ihr vom Staub geklärt sich hat. Er schwebt dahin mit lichter Schwinge, Als ob erstanden aus dem Grab; Durchsichtig werden ihm die Dinge; Bis auf den tiefsten Grund schaut er hinab. Was vor Jahrtausenden gewesen, Wie was in Zukunft unser harrt, Kann er in einem Blicke lesen, Und alles doch ist holde Gegenwart! 7. Dein Aug' ist schwarz wie die Sturmesnacht, Wenn Wolken den Himmel durchjagen; Ich blick' hinein in die wilde Pracht Und fühl' ein schwindelndes Zagen; Dann wieder wie aus der Unendlichkeit quillt Ein Glanz hervor, der das Bangen stillt. Dein Aug' ist schwarz, ist schwarz wie der Tod; Oft nur mit heimlichem Grauen, Das mich in die Tiefe zu reißen droht, Vermag ich hinein zu schauen; Und Wonnen doch schauern aus ihm mich an, Die nie ich geahnt, noch fassen kann. 8. Schon an den Holunderhecken Wagen aus den Tagverstecken Sich die Dämmerfalter vor, Flattern scheu noch und verstohlen Um der Lilien, der Violen, Der Syringen Blütenflor. Fern beginnt es zu gewittern; Durch die Lüfte geht ein Zittern, Eh herein der Sturmwind bricht, Und vor deiner Thüre lange Wart' ich schon im Myrtengange; Doch die Klinke regt sich nicht. O! was lässest du mich harren? Mädchen, rührt dir nichts den starren, Kalt in sich verschloss'nen Sinn? An den Lilien, den Syringen Flattert mit den Schmetterlingen Angstvoll meine Seele hin. 9. Während des Spätrots Strahlen blaß Hinter dem Walde verglimmen, Welch ein Rauschen und Regen rings! In den Blättern des Laubgeschlings Auf den Wiesen, von Tau schon naß, Hörst du die flüsternden Stimmen? In den Lüften wie Lispeln weht's, Stammelt und raunt in den Bächen, Murmelt im Strom empor aus der Kluft; Alle die Blätter, die Wellen, die Luft, Etwas, aber vergebens stets, Ringen sie auszusprechen. Nimm die Laute! Was jene nur Matt und gebrochen lallen, Leih ihm aus deiner Seele das Wort, Und mit deiner im vollen Accord Laß die Stimmen von Wald und Flur Aus den Saiten erschallen. 10. Duftendes Geißblatt, steige Höher empor, daß Ast mit Ast, Ranke mit Ranke sich dicht verzweige Zu der Liebe Sommerpalast! Süß ist's, wie wir zusammen Ruhen unter dem wogenden Grün Und des Laubes smaragdene Flammen Uns zur Seite, zu Häupten sprühn. Aber dichter und dichter Schließ um uns sich das Blättergerank, Immer noch spielen zitternde Lichter Zu uns herab auf die Rasenbank. Zeugen der Wonne dürfen, Wenn in der Laube wir nachts zu zwein Mund von Munde den Odem uns schlürfen, Selbst die schweigenden Sterne nicht sein! 11. In deinem Blick sich ewig sonnen, Wohl wär' es Himmelsseligkeit; Allein auch mit dem Mindern schon Zufrieden sei der Erdensohn! Denn in der Liebe großen Wonnen Wird Glück sogar das Trennungsleid! Glück nenn' ich's, wenn im Abschiedsharme Die Stimme flüstert: noch einmal! Und aneinander wiederum Die Lippen zittern freudestumm, Bis langsam sich der Arm dem Arme Entwindet in des Scheidens Qual; Und Glück dann, wenn ein teurer Name, Der Rose gleich, die einsam blüht, Mit Duft des Fernseins Oede füllt, Bis sich das Weh in Seufzern stillt Und heißer nach dem Trennungsgrame Der Kuß des Wiedersehens glüht. 12. Auf schwankem Kahn ins Ungewisse Irrt' ich durchs wildempörte Meer, Da glomm durch Wetterwolkenrisse Ein blauer Schein von oben her. Und nach und nach zerrann in hellen Lichtglanz das Dunkel über mir; Ans Ufer trugen mich die Wellen In leisem Windeshauch zu dir. Mag deiner Augen sel'ger Himmel, Der rettend mich dem Sturmesgraun Entrissen hat, dem Weltgetümmel, Nun ewig mir zu Häupten blaun! 13. All die Gedanken und Gefühle, Die sich im Herzen mir gehäuft, Wenn nach des Julitages Schwüle Der erste Tau herabgeträuft Und zu mir aus dem Lindengange Der Duft herstob im Abendwehn, Im Herzen wahrt' ich still sie lange, Allein ich wußte nicht, für wen. Was ich empfand, wenn mir zu Häupten Der große Sternenhimmel hing, Und übern Mund der schlafbetäubten Natur nur leises Murmeln ging, Was bei der Lerchen Frühgesängen, Wenn rein die Frühlingslüfte blaun: Es wollte mir den Busen sprengen, Doch keinem mocht' ich es vertraun. Seit ich dich fand – o Heil dem Tage! – Erst steigt aus meines Herzens Gruft Der Mitternächte stumme Klage Mit der begrabnen Lenze Duft; Und all der Sommermorgen Wonnen, Der goldnen Abendstunden Lust, Noch glüh'nd im Strahl versunkner Sonnen, Ausström' ich nun in deine Brust! 14. Schon rauscht der Herbst durchs Waldgezweig, Und Eiche, Buche, Linde Streun ihre Blätter, gelb und bleich, In die Oktoberwinde. Doch eine Buche, die sich kühn Hebt aus der andern Kreise, Bleibt seit dem ersten Lenzhauch grün Bis zu des Winters Eise. Als Margaretens Namenszug Ich eingrub ihrem Stamme, So stolz aus ihr zum Himmel schlug Des Wipfels grüne Flamme. Noch lange, wenn, des Herbstes Raub, Der andern Blätter fallen, Bebt von der Elfen Tanz ihr Laub, Dem Lied der Nachtigallen. Und bei der Vögel Melodie, Der Geister frohem Reigen Webt süße Liebesträume sie In immer grünen Zweigen. 15. Wenn unsre Herzen aneinander schlagen, Jedwedem Schicksalssturme biet' ich stand; Doch fern von dir befällt mich banges Zagen, Ein Kleinmut, den ich nie gekannt. Ich denke tieferschreckt: Wenn sie nicht wäre, Wenn auf der Welt verschwunden ihre Spur: Wie trüg' ich nur die grenzenlose Leere, Den großen Riß in der Natur? Dann ist mir, alles Leben säh' ich siechen; Ein Heerrauch, drin das Grün des Frühlings dorrt, Scheint durch den Himmel tötend hinzukriechen; Angstvoll, dich suchend, stürz' ich fort. Da bist du, bist du! Und, wie wilde Ranken Den Baum umklammern, fest mit Herz und Geist Umschling' ich dich, Gefühlen und Gedanken; Ist einer, der dich mir entreißt? 16. O rede fort! Wie Weihgesänge Tönt deine Stimme mir ans Ohr; Was herrlich in der Welt der Klänge, Eint sich in ihr zum vollen Chor; In ihr der Plauderton der Quelle, Der Felsengrotten Wiederhall Mit dem Gebraus der Wasserfälle, Dem Frühlingslied der Nachtigall, In ihr mit mächt'gem Waldesrauschen Der Lenzluft erster Atemzug; – Ihr eine Stunde stumm zu lauschen, Ist für das Leben Glück genug. 17. Diese Ader, die geschlängelt Neben deinen Brauen rinnt, Welch Geheimnis schrieb die Liebe Auf die Schläfe dir, mein Kind? Zeichen sind es einer Sprache, Welche keine Zunge spricht; Und wie viel ich forsch' und spähe, Ihren Sinn doch fass' ich nicht. Wohl in Lauten, die im Traum du Leise flüsterst, unbewußt, Ringt sich halb des Rätsels Lösung Ahnungsvoll aus deiner Brust. Aber erst, wenn Herz an Herz wir, Lippenpaar an Lippenpaar, Fest umschlungen ruhn, wird ganz uns Das Geheimnis offenbar. 18. Breit' über mein Haupt dein schwarzes Haar, Neig' zu mir dein Angesicht! Da strömt in die Seele so hell und klar Mir deiner Augen Licht. Ich will nicht droben der Sonne Pracht, Noch der Sterne leuchtenden Kranz, Ich will nur deiner Locken Nacht Und deiner Blicke Glanz. 19. Wilde Blumen dir zu pflücken, Duftende von frischem Tau, Ueber wilde Bergesrücken Streif' ich seit dem Morgengrau. Tief im Waldesgrund auf feuchten Mooren die Vergißmeinnicht, Die wie Sterne einsam leuchten, Wo kein Strahl durchs Dunkel bricht; Auf der Alpen steilster Spitze Die Genziane, blaugeaugt, Und die Rose, die dem Blitze Seine Flammenglut entsaugt; Und die Blumenglockenranken, Welche bei des Sturms Gebraus Tönend hin und wieder schwanken: Alle wind' ich dir zum Strauß. Dann sie, Teure! dir zu bieten Wieder eil' ich niederwärts; Nimm sie! Aus den wilden Blüten Duftet dir mein wildes Herz. 20. Kommt, Libellen, Schmetterlinge! Goldig, rot und blau von Schwinge, Wiegt euch in der Sommerluft, Hin von Kelch zu Kelche gaukelt, Windgeschaukelt, Um mich her im Blütenduft. Seid die Seelen ihr von Stunden, Die mir süß dahingeschwunden? Wie ihr aus der Gruft euch hebt, Alle kenn' ich sie, die holden, Welche golden Mich in sel'ger Zeit umschwebt. Stunden, in geliebten Armen Einst verträumt, indes von warmen Lippen mich der Hauch umquoll, Und zu mir wie Himmelslieder Sanft hernieder Eine süße Stimme scholl. Wie ihr leicht, ihr flügelschnellen Schmetterlinge und Libellen, Um mich schwebt im Morgenschein, Selber aus des Grabes Banden Schon erstanden, Glaub' ich, so wie ihr, zu sein. 21. Auf den Wellen wiegt sich das Boot, Die zum Schlummer sich legen Und im verglimmenden Abendrot Leis' und leiser sich regen. In der Fluten krystallenem Schoß Zwischen Korallengeäste Dämmert Gemäuer, umrankt von Moos, Langversunkner Paläste, Und, wie sie, mag unter uns weit Leben und Erde versinken, Während wir lange Seligkeit Lippe von Lippe trinken, Glitzernde Wellen nah und fern, Flüsternd im Traum und lachend, Oben der Liebe heiliger Stern, Unsere Wonne bewachend! 22. Noch träumt' ich von den Alpenwanderungen, Wo ich mit den Lawinen Zwiesprach hielt, Von Rosen, die hoch ob dem Thale Der Morgen grüßt mit erstem Strahle, Und von der Ceder, sturmgeschwungen, Die tändelnd mit dem Blitze spielt. Doch nun von Ceder wie von Alpenrose, Verstummen muß in meinem Lied der Preis, Seit ich im Thale dich, das zarte Märzveilchen, holderblüht, gewahrte, Das still sich birgt im niedern Moose Und nichts vom eignen Dufte weiß. 23. Seitdem dein Aug' in meines schaute Und Liebe, wie vom Himmel her, Aus ihm auf mich herniedertaute, Was böte mir die Erde mehr? Ihr Bestes hat sie mir gegeben, Und von des Herzens stillem Glück Ward übervoll mein ganzes Leben Durch jenen einen Augenblick. 24. Schleich, Gesang, mit leisen Tritten, Schleich an der Geliebten Pfühl! Dir vertrau' ich, keinem dritten, All mein innerstes Gefühl. Meine Lieder all, auf denen Frisch noch liegt des Herzens Tau, Blinkend von der Liebe Thränen, Bringe hin der teuren Frau! Trag zu ihr, was mir an Früchten In der Seele je gedieh; Goldnen Aepfeln gleich, am lichten Weihnachtsbaum umleucht' es sie! Auf der Lautentöne Wellen, Die sich suchen, die sich fliehn, Glitzernd laß dahin den hellen Schein durch ihre Träume ziehn, Bis dem Schimmer und dem Klange Ihre Seele Antwort giebt Und ein Rot auf ihrer Wange Mir verrät, daß sie mich liebt. 25. Ich kenne dich in jedem Pochen Des Herzens, das an meines schlug, In jedem Wort, das du gesprochen, In jedem Blick, in jedem Zug. Die Stirn, der Hals, drum leichten Falles Sich schlingt das schwarze Lockenhaar, Allgegenwärtig lebt das alles Vor meiner Seele immerdar. Und doch bei jedem Wiedersehen Befällt mich wunderbare Scheu; Ich kann nicht fassen, nicht verstehen, Daß du so fremd mir scheinst, so neu. Durch Züge, die ich sonst nicht schaute, Durch Töne, nie gehört vom Ohr, Wird mählich dann das Altvertraute Mir lieblicher noch als zuvor. So bringt der Frühling seine Lieder Und Blüten uns erst nach und nach, Und schöner jeden Morgen wieder Sehn wir ihn als am frühern Tag. 26. Früh auf deinem Angesichte Ruht mein Auge, kaum erwacht; Lang noch aus dem Abendlichte Strömt es Glanz in meine Nacht. Ist ein höhres Glück? Ich gleite, Wie in sanftbewegtem Kahn, Nun dahin an deiner Seite Auf des Lebens Wogenbahn. Und am Steuer leicht den Nachen Leitend durch den Wellenschaum, Führst du mich vom Traum ins Wachen Und vom Wachen in den Traum. 27. Dein Mund, vollatmend heiß an meinem Munde – Dein Herz mit hohem Schlag an meins gepreßt, Wie weihst du jede flüchtige Sekunde Des Tages mir zum Liebesfest! Und dann die heil'gen, wonnemüden Nächte, Das Schwelgen Arm in Arm und Brust an Brust! Mißgönnen nicht dem sterblichen Geschlechte Die Götter solche Himmelslust? Ja, denk' ich alles, was du mir gegeben Und noch mir giebst, so fürcht' ich ihren Neid; Leicht zuckt ihr Blitzstrahl nieder auf ein Leben, Das allzu voll von Seligkeit. 28. Dich ahnte meine Seele lange, Bevor mein Auge dich gesehn, Und selig-süße Schauer bange Fühlt' ich durch all mein Wesen gehn. Ich sog von unbekannten Blüten Den Duft, der mir entgegenquoll, Und nie erblickte Sterne glühten Zu Häupten mir geheimnisvoll. Doch immer sah ich deinen Schatten Nur trübe wie durch Nebelflor; Dein Antlitz schien daraus in matten, Gebrochnen Zügen nur hervor. Und als der Schleier nun gesunken, Der dich vor mir verhüllt – vergieb, Wenn lang ich sprachlos und wie trunken, Betäubt von all dem Glücke blieb! 29. Längst schwand ihr Wagen in die Weite, Doch jedem Worte, das sie sprach, Wie dem Gesang die Harfensaite, Noch zittert meine Seele nach. Die Blüten zwischen Myrtenhecken, Des Springquells süße Melodie, Der plätschernd fällt ins Marmorbecken, Von ihr nur duften, klingen sie. Und durch die Nachtluft dringt das Wallen Von Atemzügen her zu mir; Am Brunnen ruht beim Tropfenfallen Der Liebesgott und träumt von ihr. 30. Stumm liegt die träumende Natur; Wozu die große Stille brechen? Das Herz laß mit dem Herzen nur, Das Auge mit dem Auge sprechen! Spricht Blüte so mit Blüte nicht An des Jasminstrauchs duft'gen Zweigen? So Stern zu Stern mit goldnem Licht Nicht in der Sommernächte Schweigen? Das ist die Sprache, weltenalt, Die lang die Liebe schon gesprochen, Eh sie den ersten Laut gelallt; In Worten spricht sie nur gebrochen. 31. Fliegt, durch die zitternden Reben Ins Stübchen, ihr Töne, fliegt, Wo hinter den Gitterstäben Die Kleine schlummernd liegt! Schon beim Klange der Saiten Regt sich die Schläferin; Liebliche Träume gleiten Fühlt sie durch Seele und Sinn! Web aus tönenden Maschen, Webe ein Netz, mein Lied, Im Schlummer ihr Herz zu haschen, Das wachend scheu vor mir flieht. Länger mit Lachen und Necken Höhnen mich soll es nicht mehr; Wo es sich mag verstecken, Fang es und bring's mir her. Nicht zürnen wird sie dem Diebe, Der es geraubt über Nacht, Wenn aus Träumen der Liebe Beim Morgenrot sie erwacht. 32. Wenn mich dein Arm umschlungen hält, An deinen meine Lippen hängen, Dringt fernher nur der Lärm der Welt Noch an mein Ohr mit matten Klängen. Herab aus deinen Augen taut Ein Glanz, den meine kaum ertragen, Tiefklar, wie wenn der Himmel blaut An wolkenlosen Junitagen. Die Wimpern senk' ich vor dem Licht; Erst nach und nach in ganzer Fülle, Wie es kein Erdenschatten bricht, Kann ich es schauen, ohne Hülle. Doch zweifelnd frag' ich: muß mein Blick Nicht für die niedre Welt erblinden? O werd' ich noch den Pfad zurück In das verlass'ne Leben finden? 33. Wozu noch, Mädchen, soll es frommen, Daß du vor mir Verstellung übst? Heiß froh das neue Glück willkommen Und sag es offen, daß du liebst! An deines Busens höherm Schwellen, Dem Wangenrot, das kommt und geht, Ward dein Geheimnis von den Quellen, Den Blumengeistern längst erspäht. Die Wogen murmeln's in den Grotten, Es flüstert's leis der Abendwind; Wo du vorbeigehst, hörst du's spotten: Wir wissen es seit lange, Kind! 34. Ihr fragt, was ewig aufs neue Zu ihr zurück mich zieht: Ist's ihres Auges Bläue? Der Lippe Zauberlied? Fragt, wer dem Schmetterlinge Den Weg um die Rose weist, Daß er mit flatternder Schwinge Den duftenden Kelch umkreist! Fragt, wer die brandende Welle Den Meerpfad kennen lehrt, Daß stets zu der Uferstelle, Der teuren, sie wiederkehrt! Wie's in den Sternen geschrieben, Werden sie unbewußt Zur Rose, zur Küste getrieben, Und ich an ihre Brust. 35. Komm, daß wir diese Stunde Arm in Arme Zur seligsten des Lebens weihn! Vergessen soll die Welt mit ihrem Harme Im Vollgenuß der Liebe sein! Fernab ist die Vergangenheit versunken; Und, ob ein Tag dereinst uns trennt, Nicht denk' ich's, während meine Seele trunken Im Kuß auf deinem Munde brennt. Verwehn, in der Gefühle Sturm gebrochen, Mag auf den Lippen uns das Wort, Die Pulse doch, die aneinander pochen, Die beiden Herzen reden fort. Und wird das finstre Thor vor uns erschlossen: Wie scheuten wir den letzten Pfad, Die wir in einer Stunde so genossen, Was Herrlichstes das Leben hat? 36. Ein Zauber ist dein: in den Wasserfall, Adele, ihn hast du gelegt, Daß aus der Wogen stürzendem Schwall Von deiner Stimme den Wiederhall Der Wind entgegen mir trägt. Rings ahn' ich dich, in der Felsenkluft, Auf den sonnigen Halden am Meer; Dein Odem, vermengt mit der Myrten Duft, Umweht im Hauche der Sommerluft Die Stirne mir wonneschwer. Die plätschernden Wellen am Ufersaum Im dämmernden Mondenschein, Die Blätter des Waldes, die hörbar kaum Sich regen im mitternächtlichen Traum, Sie sprechen von dir allein. 37. Wie über starren, winterkahlen Gefilden, die noch Schnee bedeckt, Der Frühling hängt mit milden Strahlen, Bis er sie neu zum Leben weckt: Gebrütet über meiner Seele Hat deine so mit Schöpfungsmacht; Nun neu entgegen dir, Adele, Ringt sie sich aus der Todesnacht. Ich fühle, wie ein leises Tauen In ihr die Winterbande sprengt, Wie knospend sie sich auf zum blauen Lichthimmel deiner Augen drängt; Bald blüht sie auf durch Eis und Flocken, Noch vor der ersten Lerche Sang, Und alle ihre Maienglocken Begrüßen dich mit Duft und Klang. 38. Wenn müd' du von der Liebe Wonnen, Und sanft dich Schlummer überfließt, Entzückt fühl' ich dein warmes Leben An meins in jedem Tropfen beben, Der, durch die Adern hingeronnen, In leichter Wallung sich ergießt! Des Auges blaue Strahlenkreise Verbirgt die Wimper meinem Blick; Doch dämmernd durch die zarte Hülle Wie Mondglanz quillt des Lichtes Fülle, Und deine Lippen murmeln leise Im Traume noch von unserm Glück. 39. Dir in das Auge nur zu blicken, Adele, hatt' ich lang gezagt; Auf deine Hand die Lippe drücken, Das Kühnste war's, was ich gewagt. Da goß die gottgesandte Stunde Vom Himmel her ins Herz mir Mut, Daß heiß mein Mund auf deinem Munde Im ersten heil'gen Kuß geruht. Gebrochen war das Reich des Truges, Wie Seele in die Seele sank Und langen, vollen Atemzuges Vom Strom des ew'gen Lebens trank. Und als die Blicke wir erhoben, O! strahlend, wie wir nie sie sahn, Zog da durchs tiefe Nachtblau droben Welt neben Welt die lichte Bahn. 40. Laß uns fliehn, die rings Bewachten, Vor des Lichtes frechem Schein! Deiner Lippen süßes Schmachten Ist für mich, nur mich allein. Selbst der Sterne dreisten Strahlen Hab' ich oft gegrollt bei Nacht, Wie sie halb das Glück mir stahlen, Das du ganz mir zugedacht. In das Dickicht komm, wo Eiche Sich mit Eiche dicht verschlingt, Und des Lichtes letzte bleiche Helle kaum durchs Laubwerk dringt. In der Wasserstürze Brausen, Die geschwellt der Wetterguß, In der Wipfel dunklem Sausen – Dort verhalle unser Kuß! 41. Oft, wenn wir ruhen Mund an Mund Und meine Adern an die deinen pochen, Nach innen lausch' ich plötzlich still; Ich fühle, wie aus unsrer Seele Grund Ein Wort, noch nie auf Erden ausgesprochen, Empor sich ringen will. O! der Natur Geheimnis ruht Und alles Lebens in dem Wort beschlossen, Doch matt bisher noch ist's verhallt. Höher aufflammen laß der Küsse Glut, Daß es zuletzt, in vollen Klang ergossen, Von unsern Lippen wallt! 42. Zu ihr! Das Segel, ihr Winde, bauscht Und laßt es ans Ufer fliegen! Schon hat sie, ich weiß, an den Thüren gelauscht, Ob alle im Schlummer liegen. Sie tritt aus der Pforte, und Blütenrauch Weht ihr von den Beeten entgegen; Die Nachtigall auf dem Granatenstrauch Begrüßt sie mit schmetternden Schlägen. Hinab in den Garten nun! Ringsum Ist das Licht an den Fenstern verglommen, Und sie späht in die Ferne erwartungsstumm; Ihr Blick nur fragt: wird er kommen? Er kommt, er kommt! – Schon zünden zum Fest Leuchtkäfer die blinkenden Kerzen; Ans Ufer führt mich behende der West, Und es klopft das Herz am Herzen. 43. Spätherbst war's; mit bunten Farben, In der Sonne mattem Strahl Schmückten um mich, eh sie starben, Sich die Blätter noch einmal. Und Novemberstürme wehten Sie herab von Baum und Strauch; Von den wüsten Gartenbeeten Quoll's empor wie Moderhauch. Alles schien um mich im Altern, Welk wie ich und siech zu sein, Und ich spann mich mit den Faltern Schon zum Winterschlummer ein. Da heran zu mir geschritten, Wie ich saß in meinem Gram, Plötzlich kam's mit leisen Tritten, Die das Herz entzückt vernahm. Und ein Wehn begann, das lauen Fittichs mir die Stirne schlug, Und ich fühlte, Frau der Frauen, Deiner Seele Atemzug. Ueber mir in leichte Flocken Löste sich das Nebelgrau, Und ich sah dir süß-erschrocken In der Augen Himmelblau. Sieh! Nun frühlingsgrüne Lauben Wölbt die Liebe für uns zwei! Konnt' ich's ahnen, konnt' ich's glauben, Nach dem Herbste solch ein Mai? 44. Fern auseinander reißt uns beide Des Sturmes ungestümes Wehn; Wohl sag' ich mir, indem ich scheide, Es ist für uns kein Wiedersehn. Doch einmal noch in deines flute Mein ganzes Sein in heißem Kuß; Schwer sei die schwindende Minute Uns von der Liebe Vollgenuß! Und grollen laß uns nicht dem Lose, Daß eilend unser Glück entflieht! Nur darum duftet so die Rose, Weil sie dem Tod entgegenblüht.