Ernst Schulze Psyche, ein griechisches Märchen in sieben Büchern Angefangen im Sommer 1807 Erstes Buch Auf Tempe's holder Flur, in einem Hain von Myrten, Durch den sich der Penëus schlängelnd wand, Entblühte still und unbekannt Ein holdes Kind im Kreise frommer Hirten. Sie hieß Psycharion; und keiner fand Ringsum auf Tempe's weiten Auen Ein Mädchen, das ihr glich an Reizen und Verstand. Sie schien mit Göttern mehr als Sterblichen verwandt. Auch sagte mancher Hirt dem Nachbar im Vertrauen, Daß eine Huldgöttin in süßer Schwärmerey, In Paphos Hain, auf einem Rosenbette, Mit einem jungen Gott sich einst vergessen hätte, Und Psyche kurz darauf im Hain gefunden sey. Doch, was man nun auch von ihr glaubte, Das wußten alle, daß ihr Blick Dem, den er traf, im Augenblick Das Herz aus seinem Busen raubte. So schön und noch so jung? Dann wehe ihrem Geist Und ihrem Herzen! wird der strenge Eifrer sagen. Verzeihe, lieber Freund; in jenen gold'nen Tagen Hielt man den gold'nen Spruch, den Salomo beweis't, »Auf dieser Welt ist alles eitel« Für wahr, und handelte danach. Und wenn man auch vom Fuße bis zum Scheitel So schön war wie der junge Tag, Je nun, man grämte sich nicht drüber; Doch, daß man so, wie jetzt, im eitlen Hochmuthsfieber Sich aufgebläht, und manchen armen Tropf Und manchen Biedermann, nachdem man ihm den Kopf Verdreht, mit Hohn zurückgewiesen hätte, Davon erzählt mein Mährchen nicht. Man kannte damals noch der Treue süße Pflicht; In keinem Wörterbuch stand schon das Wort: Kokette; Und wenn man's drin gesehn, ich wette, Es wäre Närrin übersetzt. Zwar war Psycharion schon jetzt Geschmückt mit all den dreißig Gaben, Die Coringer zum Schönheitskanon macht; Doch hatte sie noch nie gedacht, Nur eine einzige zu haben. Sie war erst vierzehn Sommer alt, Und Amors reizende Gewalt Hielt noch ihr Herzchen nicht gefangen. Sie ahnete noch nicht das schmachtende Verlangen, Das in der Jahre Lenz die trunkne Seele füllt, Und das nur heiße Liebe stillt. Zwar war zuweilen schon im Traum ein holdes Bild Vor ihrem Blick vorbeigegangen, Und hatte mit verschämtem Bangen Ihr argwohnloses Herz gefüllt; Doch kaum vergingen wenig Stunden, War es aus ihrem Geist schon wiederum entschwunden. Wohl mancher Hirt, der mehr für sie empfand Als Freundschaft, sprach von Gluth und süßem Triebe, Und von den Tändeleyn, worin in Cypris Land Im stillen Blüthenhain sich Amors Jünger üben; Doch nie vermochte sie zu lieben, Da sie noch nie ein Herz dem ihren gleich gekannt. Nein, wie man Schwestern oder Brüder, Wie Freunde man und Aeltern liebt, So liebte sie die Hirten wieder; Doch was der Liebe erst die schönsten Reize giebt, Dies holde, schmachtende Verlangen, Nur Einem Wesen anzuhangen, Den leisen Händedruck, den halbverstohlnen Blick, Dies gab sie ihnen nicht zurück. So floh im süßen Rausch der holden Jugendspiele Ihr noch ein froh durchträumtes Jahr, Und nach und nach nahm sie veränderte Gefühle, Die sie noch nie gekannt, in ihrem Herzen wahr. Sie fühlte, daß sie jenen lieber Als diesen sah, und wenn beym Pfänderspiel Auf sie das Loos, den Kuß zu geben, fiel, So stahl sich unvermerkt ihr Blick zu dem hinüber, Der ihr vor andern mehr gefiel. Einst ging sie bei der Sonne Sinken Im Myrtenwald, der ihre Hütt' umzog, Den düftevollen Hauch der Kühlung einzutrinken. Wo der Peneus sich im dichtsten Haine bog, Sah sie, vom Fluß geformt, ein rundes Becken blinken, Das eine Rosenwand im halben Kreis' umzog. Der Ort war rings so heimlich und so stille, Die Wellen plätscherten so sanft durch's Ufer hin, Und durch der Blätter grüne Hülle Sang leis' und schwermuthsvoll der Haine Königin. Der Nachtviolen Kelch ergoß die süßen Düfte; Der Abendsonne letzter Strahl Sah matt und zitternd noch ins dämmerliche Thal, Und kosend flüsterten durchs zarte Laub die Lüfte. Der Schönen schien der Ort zum Baden recht gemacht; Ringsum des Waldes dunkle Nacht, Und dann der kleine Teich, so glänzend wie ein Spiegel, Vor jedem Lauscherblick versteckt Durch rankendes Gebüsch und waldbewachs'ne Hügel. Sie sieht sich sorgsam um, und als sie nichts entdeckt, Beginnt sie scheu, mit sanften Herzensschlägen, Das luftige Gewand erröthend abzulegen. Schon sank der zartgewebte Flor, Des holden Busens keusche Hülle, Und in der reinsten Jugendfülle Stieg sanftbewegt die Brust, der Fesseln frey, empor. Jetzt fiel der letzte dünne Schleyer; Und wie zu Cypris sanfter Feyer Stand unverhüllt die schöne Jungfrau da, So hold, wie einst Idalia Der königliche Hirt auf Ida's Gipfel sah. Sie steigt in's Bad und plätschert in den Wellen Vergnügt umher und scherzend, und erschrickt, Wenn an die Brust, vom Weste sanft gedrückt, Die kleinen Wogen rauschend schnellen. Der Schönheit Zauber schien die Dämmrung zu erhellen; Von ihrem Anblick war rings die Natur entzückt. Die Weste, die in Blüthenbüschen Sanftflüsternd gaukelten, verließen ihre Lust, Und, sie mit Kühlung zu erfrischen, Unflatterten sie Psyche's Brust. Der Vögel Chor erwachte auf den Zweigen, Und sang mit doppelt süßem Laut. Ein jeder Blumenkelch, mit Perlennaß bethaut, Schien sich vor ihrem Blick zu neigen, Und durch das Dunkel strahlt' ein rosenfarbnes Licht. Zwar diese Huldigung merkt unsre Schöne nicht, Denn Keiner hatte noch ein Mädchen so bescheiden Und Keiner noch so argwohnlos gesehn. Indeß begann der Mond am Himmel aufzugehn, Und Psyche trat an's Land, sich wieder anzukleiden. Schon hüllte faltig das Gewand Sich um die schön geformten Glieder, Und züchtig barg der Flor den holden Busen wieder. Zwar manches Zephyrs lose Hand Versucht', um noch einmal die Lüsternheit zu stillen, Den dünnen Flor verräth'risch zu enthüllen; Allein vergebne Müh, zu fest hielt ihn das Band. Ihr glaubt nun, diese Badescene Mit allen Wundern sey allein von der Natur Aus Liebe gegen unsre Schöne Bewirkt. Da irrt ihr sehr. Was uns auch Epicur Von ihrer Kraft und Allmacht dichtet, Glaubt mir's, die gute Mutter regt Nicht Hand, nicht Fuß, wenn sie ein Stärkrer nicht bewegt. Drum hört, wie mir das Mährchen es berichtet. Ob's wahr sey oder nicht, das pflegt Hier einerley zu seyn. Matt von der Liebe Siegen Flog Amor nach Idalia zurück. Hoch aus den Lüften sah sein Blick Peneus holde Ufer liegen, Den steten Aufenthalt von ländlichen Vergnügen Und von dem reinsten Erdenglück. Der holde Ort reizt ihn, herab zu fliegen; Und als er sich der Erde naht, Sieht er Psycharion sich baden. Süßlächelnd steht sie da. Erst eben hat Sie sich der letzten Hüll' entladen, Und zitternd tritt ihr Fuß in's sanftbewegte Bad. Wie anmuthsvoll ihr Wuchs! So blühten Selbst nie die lächelnden Chariten, So reizend war Cythere selber nicht. Voll Unschuld war ihr Blick, die holden Wangen glühten Von süßer, keuscher Scham. Ihr reizendes Gesicht Sah fröhlich in der Wellen Wiederscheine Sein holdes Bild, das sich im Glanz der Wogen bricht, Der rings die Thäler und die Haine Mit halber Dämmerung bestreut und halbem Licht. Des Gottes Herz zerschmilzt in zärtliches Entzücken. So wünscht er ewig sie voll Sehnsucht anzublicken. Er strebt nicht mehr, die Menschen zu berücken; Er denkt an seine Macht, an seine Pfeile nicht; Kurz, er, der kleine Bösewicht, Sonst nur bereit, der Menschen Ruh zu morden, War schnell zu Platons Amor jetzt geworden. Ist das denn jener Amor nicht, Der uns so oft um unser Herz betrüget, Nachdem er den Verstand in süßen Schlaf gewieget Und dann so schnell entfliehet? spricht Hier manches schöne Kind. Nein, jener ist es nicht; Doch hütet euch, daß euch sein redliches Gesicht Nicht, wie schon oft geschehn, betrüget. Wenn jener unser Herz durch seinen Pfeil gewinnt, Fängt dieser es durch List. Er ist ein sanftes Kind, Das demuthsvoll zu unsern Füßen lieget, An unserm Anschaun nur sein zärtlich Herz vergnüget, Deß Seele schwärmend sich an unsre Seele schmieget Und ganz in Eins mit ihr zusammenrinnt. Doch soll er oft, wenn Ort und Stunde günstig sind, Wenn er in einem dunklen Haine, Wo Luna's Licht mit zauberischem Scheine Durch dunkle Myrtenlauben blitzt, An unsre Brust geschmieget sitzt, Dann soll er oft sich schnell verwandeln Und ganz so wie sein loser Bruder handeln: Drum fliehet Amorn, welcher es auch sey; Sie sind am Ende einerley. Bald weiß er so, bald so sich einzudrängen. Er war es, der im Doctorkleide sich In Heloisens Kammer schlich, Und dort in feinen Uebergängen Von mönchischer Filosophie Und trockener Theologie Zur Liebe endlich kam. Daß Platons Amor nie Auf unsrer Erdenwelt gewandelt haben sollte, Das sag' ich nicht; allein, wer mit ihm tändeln wollte, Dem müßten Grazien den zarten Sinn Und Sokrates die strenge Tugend schenken. Doch ruhig! Wo gerath' ich hin? Laßt zu Psycharion zurück uns wieder lenken, Die Amor unterdeß, versteckt und ungesehen, Begleitete. Rings blühn an den Gesträuchen Jasmin und Rosen auf, und von des Aethers Höhn Entschweben Töne, die so sanft in's Herz sich schleichen. Die Schöne bleibt verwundert stehn, Und blickt umher, den Zauberer zu sehn, Der solche Wunder schafft. Wie? soll sie vorwärts gehn? Soll sie es nicht? Sie geht, und kömmt an einen Rasen, Wo, gleich Rubinen und Topasen, Ein duftend Heer von bunten Blumen glänzt. Rings bilden üppige Jasminen, Mit Rosen hie und da bekränzt, Ein Obdach, werth, zum Sitz dem Liebesgott zu dienen, Und in des Kreises Mitte steht Ein Wagen aus geflocht'nen Myrten, Von Rosenzweigen überweht, Vor dem vier weiße Tauben girrten. Wo bin ich? ruft die Schön' und bebt, In staunendes Entzücken ganz verloren. Hat diesen Ort ein Gott zum Wohnsitz sich erkohren? Hat Cypris dies Gebüsch zu stiller Lust gewebt? Und horch, aus hohen Lüften schwebt Ein süßes Lied zu ihren Ohren, Der Aeolsharfe gleich, wenn sie der West belebt: Zittre nicht, du Holde! Laß kein Beben Sich in deiner keuschen Brust erheben! Du bist eines Gottes süße Braut. Auf, besteige seinen Blumenwagen! Laß dich hin in seine Reiche tragen, Wo die Liebe dir Altäre baut. Dort sollst du in aller Herzen thronen, Sollst in köstlichen Pallästen wohnen, Rings umstrahlt von nie geseh'ner Pracht. Strebe nicht, dein Schicksal zu ergründen; Luftig wird das Glück dir sonst entschwinden, Wie ein Traum der kurzen Sommernacht. Die Schöne steht verzückt im Hören und im Schauen. Was soll sie thun? Soll sie den Worten trauen? Soll sie es nicht? Doch ach! der Stimme Flehn, Es klingt zu süß; sie kann nicht widerstehn. Mit Beben steigt sie in den Wagen, Und, durch die Wolken fortgetragen, Strebt er durch weite Räume hin. Sanft trugen ihn die lauen Lüfte Und hauchten um die Herrscherin Der Blumen schönste Nektardüfte. Allmählich senkte sich der Wagen nun herab, Und ließ Psycharion ein holdes Land erblicken, Wie nie Armidens und Alcinens Zauberstab Ein ähnliches erschuf, um Helden zu bestricken. Rings schien die gütige Natur Mit vollen Händen alle Gaben, Die sie besaß, auf diese Flur Mit Liebe ausgestreut zu haben. Ein weites grünes Thal, von sanften Höhn begränzt, Das tausend Quellen rings durchirrten, Erschien dem frohen Blick. Dort zog von duft'gen Myrten Sich eine Wiese hin, und vom Gebüsch umkränzt, Wallt heimlich dort ein See und küßt mit sanften Wellen Des Ufers blühend Grün. In wilden Wasserfällen Stürzt hier ein Bach sich schäumend durch's Gefild, Doch leise fließt er bald und mild, Und Blumen wölben sich ob seinen klaren Fluthen. Dort schützet vor des Mittags Gluthen Den Wanderer ein stiller Felsengrund, Vom hohen Wald umweht, wo bunt Und duftend Ros' und Nelk' und Veilchen und Jasminen Sich um den Preis zu streiten schienen. Hier lockt ein dichter, dunkler Wald, Wo Früchte sich an Früchte drängen; Und Feld und Thal und Hain erschallt Von wunderlieblichen Gesängen. Doch, ach! umsonst versuch' ich, euch Die holde Gegend zu beschreiben. Die Schilderey kömmt nie dem wahren Urbild gleich, Wie immer auf der Welt; denn alles Thun und Treiben Des Menschen, der sich fühlt, ist schwaches Streben nur, Das Ideal, das die Natur Zum Ziel ihm stellte, zu erreichen. Stets wandelt er auf seiner Spur; Glaubt er es schon erreicht, sieht er es schnell entweichen, Es winkt an einem rauhern Pfad; Zwar Blumen schmücken stets den Weg, den es uns führet, Doch dem sind Götter hold, der ihm so weit genaht, Daß er des Kleides Saum ihm leise nur berühret. Zweytes Buch Die Schöne übersah mit wonnevollen Blicke Das holde Thal, wohin die Macht Des Gottes sie im schnellen Flug gebracht. Wo bin ich? ruft sie voll Entzücken, Wer wohnt auf dieser Zauberflur? Wer herrscht hier über die Natur, Mit Himmelsreiz dies Thal zu schmücken? Ist dies der Huldgöttinnen Thron? Hat den Adonis einst Cythere hier gefunden? Sind Lunen hier der Dämmrung holde Stunden Einst mit Endymion im süßen Rausch entflohn? Und sanft und lieblich, gleich wie in Olympus Hallen Der Grazien und Musen Lieder schallen, Entbebt den Aetherhöhn ein wonniglicher Ton: Kalter Reif umzog hier einst die Wälder; Ew'ger Schnee bedeckte rauh die Felder; Oed' und traurig war hier die Natur. Dir zu Lieb' ist Schnee und Eis entschwunden, Eine Gottheit, die du überwunden, Formte dir zur Wohnung diese Flur. So sprach die Stimm' und schwieg. Der zephyrleichte Wagen Ward itzt zu einem Schloß getragen, Das Kunst und Reichthum schwesterlich Zu einem wahren Göttersitze Geformt. Doch hoffet nicht, daß ich Hier die Gelegenheit benütze, Wie Scudery im Alarich, Ein Schloß euch zu erbaun, dem nie ein andres glich. Die Kunst der Perraults und Vitruve Ist meine Sache nicht. Darum zurück, damit Mir die Kritik nicht in die Ohren rufe: Steig nur, so hoch du kannst, und höher keinen Schritt. Solch ein Pallast hier in des Waldes Mitte? Denkt Psyche und erstaunt. In diesem holden Thal Erwartete sie wohl nur eine Schäferhütte, Bey der ein klarer Wasserfall. Hernieder rieselte, wo die bemoosten Wände Des Weines grüne Reb' umwände, Und wo der müde Gast beym ländlich frohen Mahl Die Sitten Tempe's wiederfände. Doch zürnte Psyche nicht, betrogen sich zu sehn; Denn so getäuscht zu seyn, ist wahrlich immer schön. Indessen hoben unsichtbare Hände Vom Wagen sie, und sanft, von Zephyrs Arm umfaßt, Schwebt sie bey lieblichem Gesang in den Pallast: Komm herein in deines Schlosses Hallen, Komm herein, du süße Königin! Laß dir unsre Dienste wohlgefallen, Blicke mild auf unser Streben hin! Früh, wenn sich Apollons Rosse heben, Spät, wenn Hesperus die Flur bethaut, Ewig wollen wir dich treu umschweben, Komm herein, des Gottes süße Braut! Mit der Liebe sehnendem Verlangen Harret zärtlich der Geliebte dein. Komm herein, ihn wonnig zu umfangen, Seine holde Königin zu seyn. Hörst du nicht die Myrten-Kränze wehen? Hörst du nicht der Harfen süßen Laut? Komm herein, die Feyer zu begehen! Komm herein, des Gottes süße Braut! So sang's. Und Harfentön' und Flöten um die Wette Begleiteten das wollustvolle Lied. Die Thüren öffnen sich, und Psyche sieht In einem Saale sich, wo selbst ein Sybarit Sein höchstes Gut gefunden hätte. Dort bot ein sanftes Kanapee, So weich, wie neu entkeimter Klee, Mit koischem Geweb' umhüllet, Den Schooß der süßen Ruhe dar. Dort lockt' ein goldner Tisch, mit Speisen angefüllet. Und winkte sie, so eilte unsichtbar Ein Heer von kleinen, weichen Händen, Das Köstlichste, das Schönste ihr zu spenden. Rings wallt ein süßer Nektarduft; Begleitet von der Laute holden Tönen, Floß ein Gesang sanft schwellend durch die Luft, Und wiegt' ihr Herz in namenloses Sehnen. Daß jetzt Psycharion, nachdem sie etwas sich Von ihrer Fahrt erholt, des Schlosses weite Zimmer Durchirrt, und daß ringsum hier alles königlich Von Gold und Edelstein gestrahlt, so daß vom Schimmer Die Augen übergehn, das wißt ihr ohne mich. Doch jetzt verlaßt mit mir des Reichthums todte Schätze, Und folgt mir in die lebende Natur. Dort trifft man häufiger der Musen holde Spur, Und Amor spannet dort die unsichtbaren Netze. Schon öffnet sich des Gartens Lustrevier, Und auch mit uns ist Psyche hier. Durch Rosen und Jasminengänge Durchirrte sie den Feenaufenthalt. Bald führt sie schlangengleich und enge Der Pfad durch einen dunklen Wald; Bald schwindet das Gesträuch, und bange Steht sie an einem Felsenhange, Der in ein holdes Thal sich scharf hernieder streckt, Wo mancher See, umkränzt von blühenden Gehegen, Und mancher Bach, vom Laube halb versteckt, Das Auge lockt. Auf rauhen Wegen Klimmt sie herab. Ein wilder Wasserfall Ergießt sich neben ihr in schäumenden Kaskaden Und schlängelt hüpfend sich in blumigen Gestaden Durch's holde Thal, wo manche Nachtigall, Im duftigen Gesträuch verhüllet, Mit sanfter Zärtlichkeit der Schönen Herz erfüllet. Mit blassem Dämmerlicht sah Luna auf die Flur, Und träufelte, voll süßer Milde, Des Schlummers Zauber auf's Gefilde, Und jeder leise Laut erstarb in der Natur. Und sieh, es hebt aus dem Gebüsche, Das bunt und zauberisch des Mondes Licht beglänzt, Ein Tempel sich empor, von Rosen rings umkränzt. Die Holde tritt hinein. In einer Marmornische Steht lächelnd Cytheräens Bild, Ein Bild, wie Miron einst und Polyklet es schufen. Der Stein schien von der Kunst zum Leben aufgerufen; Zu reden schien der Mund. Die Augen lachten mild. Ein banger leiser Seufzer quillt Aus Psychens Brust. Ein süßes Ahnen füllt Ihr sanft das Herz. Ihr Auge schwimmt in Thränen. Sie scheint sich anders itzt, als sie noch eben war. Wie ist mir? ruft sie aus. Was bebt so wunderbar Mir durch dies Herz? Wer schafft dies süße Sehnen? Wer singt vom ew'gen Glück in leisen Zaubertönen Mir in die Brust den ach, so holden Wahn? Hast du dies Wunder, Göttliche, gethan? O sey dem Opfer hold, das Freud' und Dank dir spenden. Sie eilt hinaus, nimmt von des Tempels Wänden Der Kränze schönsten, naht mit schüchternem Gesicht Der Göttin sich, legt ihn mit bangen Händen Auf den Altar, sinkt auf die Knie, und spricht: O nimm sie an, die kleine Gabe! Ich opf're sie mit reinem Sinn, Ich opf're alles, was ich habe, Und gebe mich dir ganz dahin. Du hast mein Wesen umgestaltet, Des Lebens holder May beginnt. Nimm an, du, die so gütig waltet, Des jungen Lenzes schönstes Kind. Kaum war der Kranz geweiht, so werden rings die Hallen Mit lieblichem Gedüft erfüllt. Ein schönrer Glanz umfließt der Göttin holdes Bild, Und Harfentön' und süße Lieder schallen: Das erste Opfer hast du jetzt gebracht, Du hast dich ganz Cytheren hingegeben. O folge stets der süßen Triebe Macht! Geliebtseyn nur und Lieben sey dein Leben! So sang's. Und sanft, wie wenn ein leiser West Ein Rosenblatt, das von des Sommers Schwüle Schon halb vertrocknet war, ergreift, und in die Kühle Des klaren Quells es fallen läßt, Um neues Leben ihm zu spenden, So ward Psycharion von kleinen weichen Händen Zu Amors Heiligthum gebracht. Die schönste Grotte war's, wo eine kleine Quelle Dem Marmorkrug entsprang. Rings herrschte dunkle Nacht; Nur stahl zuweilen sich des Mondes sanfte Helle Durch's duftende Gebüsch. Ein Lager, sanft und kühl, Zwar nur von Myrtenlaub, doch von den Amoretten So weich gestreut, wie Eiderbetten, Empfing die holde Braut. Ein seliges Gefühl, Wie in Elysiums Blumengründen Die frommen Seelen es empfinden, Durchzuckte sie. Ein süßes Ahnungswehen Flog durch ihr Herz, das hier zu finden, Was sie bisher in Träumen nur gesehn. Und plötzlich, horch! ein leises Säuseln Schlich durch der Grotte Dunkelheit, So wie sich sanft des Baches Wellen kräuseln, Wenn in des Haines Einsamkeit Sich eine Huldgöttin in kühle Fluthen tauchet. Es nahet sich, und leise hauchet Ein unsichtbarer Mund, gleich einer Melodie, Die bald sich schwellend hebt, bald sanft in Luft verhallet, So süße Worte aus, wie selbst Cythere nie Zu ihrem Liebling sprach. Der Schönen Busen wallet Von süßer Angst, von nie empfund'ner Lust. Was schadet es, ihm zuzuhören? Zu grausam wär' es doch, das Reden ihm zu wehren. Doch halt, das ist zu kühn! Von ihrer holden Brust Sucht eine weiche Hand den Schleyer wegzuziehen, Und tausend heiße Küsse glühen Auf Busen, Mund und Hand. Sie hebt Sich schnell vom Lager auf, um zu entfliehen; Doch eine Stimme, die ihr Inneres durchbebt, Hält sie zurück: Du willst entfliehen? O du, für die allein nur meine Seele lebt? Verweile noch! bey jenen Zauberstrahlen, Womit Selenens Blick zur Erde niederschaut, Bey jenem Rosenkelch, von Perlennaß bethaut, Bey jenen Blumen, die im klaren Quell sich malen, Beschwör' ich dich, verweile, süße Braut! Wer hätt' es Psychen nicht verziehen, Daß sie gefesselt ward durch dieses Schwurs Gewicht? Und dennoch mußte sie entfliehen, Ruft manche Prüde hier. O laßt zu streng uns nicht, Nein, laßt uns Menschen menschlich richten. Setzt euch nur selbst in Psychens Fall hinein. Denkt in die Grotte euch, vom dichten Gebüsche rings versteckt, von Luna's Zauberschein Mit jener Dämmerung umgossen, Die, ach! so leicht das Herz zur Zärtlichkeit bewegt; Denkt eure Sinnlichkeit von Wundern aufgeregt, Von Götterduft berauscht, euch an die Brust geschlossen Von einem Wesen, das so süße Worte spricht, Und dann, versteckt die Wahrheit nicht, Sprecht, hättet ihr euch losgewunden? Kurz Psyche blieb. Sie kam, die seligste der Stunden, Der Schönen holdes Auge bricht In süßer Lust. Mit heißen Armen Umfaßt er sie; an ihrer warmen, Hochangeschwellten Brust fühlt sie die seine glühn. Ach, sie versucht nicht mehr zu fliehn; Sie kämpft nur noch mit matten Bitten. Ihr schwindet und ihm mehrt sich stets der Muth; Sie weicht; sie sinkt; es mischt sich Gluth in Gluth, Und die Natur hat ihren Sieg erstritten. Betäubt vom wonnigen Genuß, Sank in des Siegers Arm die Schöne. Ein süßes Schmachten folgt. Nur leise Liebestöne Und mancher sanft geraubte Kuß Verkünden ihre Lust. Wie eine reine Quelle Vom Felsenhang sich schäumend niedergießt, Doch plötzlich wieder sanft durch ihre Ufer fließt Und nur zuweilen noch aufhüpfend mit der Welle Des Randes Blumen netzt, so schmolz der Wonne Glühn In süße Ruh'. O welche Seligkeiten Empfand Psycharion! Ein neues Leben schien Sich reizend vor ihr auszubreiten, Ein schönres Leben, wo ein ew'ges Frühlingsgrün Der Seele lacht, wo in dem Strom der Zeiten Die Jahre wohl, doch nie die Freuden fliehn, Wo nie der heitre Aether trübe Und nie die Flur verödet ist, Wo man so schnell das Leid, doch nie die Lust vergißt, Das Leben der beglückten Liebe. Zwar sah Psycharion im Schooße der Natur Auch manche Freuden schon entsprießen; Doch solche Freuden, die man nur In seinem Innern zu genießen, An fremder Brust nicht zu ergießen Vermag, wie arm sind sie! Zwar schön war Tempe's Flur, Allein das Volk, das sie bewohnte, Glich den Nomaden noch; noch thronte Dort nicht der Sittlichkeit verfeinerte Kultur, Durch die sich Lieb' und Lust zur Göttlichkeit erhöhen. Noch hatte keiner dort den blühenden Apoll Durch Hain und Thal der Heerde folgen sehen; Noch rührte Orpheus nicht, vom Geist der Gottheit voll, Der Rohen Herz durch süßer Töne Wehen; Noch sah man nicht der Huldgöttinnen Spur An des Penëus blumigten Gestaden. Der launenvolle Pan strich einsam durch die Flur, Und Demeter, mit goldner Frucht beladen, Regiert' allein die gütige Natur. Wie können solche Götter bilden? Zwar Ceres schließt der Sterblichen Verein; Doch was gefühlvoll sie und fein Und liebenswürdig macht, was sie mit milden Und holden Sitten schmückt, zu Menschen schafft aus Wilden, Das geben Musen nur und Grazien allein. Psycharion war ein zu feines Wesen, Als daß durch solch ein Volk, so viel Des Schönen wir von ihm auch im Guarini lesen, Ihr Herz befriedigt sey. Jetzt hatte sie das Ziel Von ihrem Wünschen, ihrem Hoffen, Von alle dem, was einst die jugendliche Brust Geahnet und gesucht, getroffen. Wie schmiegte sie sich nicht im süßen Rausch der Lust An ihres Gatten Herz und sprach in Schmeicheltönen Der holden Liebeständeley, Was die entzückte Schwärmerey. Und ihrer Brust erfülltes Sehnen In's Herz ihr gab, doch was, wär' er von den Kamönen Auch selbst erzogen und zum Liebling auserwählt, Kein Dichter wieder euch erzählt. Soll ich nicht dein süßes Bild erkennen? Soll dich nicht bei deinem Namen nennen? Laß die Hülle, die dich mir entzieht! Halb ist nur der Liebenden Entzücken, Wenn nicht wechselnd aus den trunk'nen Blicken Seligkeit durch beyder Seele glüht. So sprach Psycharion, von Sehnsucht hingerissen, Indem sie zärtlich ihn umschlang. Doch plötzlich fühlte sie bei ihrem heißen Küssen Des Gatten Augenpaar von Thränen überfließen. Ein schwerer, leiser Seufzer drang Aus seiner Brust, und sanft sprach er und bang: Forsche nicht! Nur in der Dämm'rung Feyer Oeffnet sich der Nachtviole Schooß; Hebt der Tag den zauberischen Schleyer, Steht sie düfteleer und anmuthlos. Froh sehn wir die Schmetterlinge fliegen, Mit der Farben buntem Glanz geziert, Aber schnell entschwindet das Vergnügen, Wenn ein rauher Finger sie berührt. Psycharion vernahm mit Zagen Das Wort. So schau' ich nie dein lächelndes Gesicht, Nie deiner Züge Reiz, der Augen holdes Licht? Ach, mag ein andres Herz es tragen, Die arme Psyche trägt es nicht! So hallte lange noch von ihren leisen Klagen Die dunkle Nacht, bis endlich sanft und süß Der Schlaf die Flügel ausgebreitet, Und, von der Träume Schaar im frohen Tanz begleitet, Auf ihre Wimpern sich voll Milde niederließ. Drittes Buch Der Morgen kam, die leichtbeschwingten Stunden Eröffneten Aurora's gold'nes Thor, Und rings entschwand der Dämm'rung düstrer Flor. Psycharion, des Schlummers Arm entwunden, Sah hocherröthend rings umher, Den Gatten zu erspähn; doch ach, der Platz war leer, Wo er geruht. So ist er doch entschwunden? So seufzte sie betrübt, und ihres Gatten Wort Fiel drückend ihr auf's Herz. Doch tausend frohe Spiele Verscheuchten bald die düsteren Gefühle, Und jagten schnell den Gram aus ihrem Busen fort. Von Harfen und Flöten begleitet, Reizt bald ein lieblicher Chor Ihr fröhlich lauschendes Ohr. Im bunten Nachen gleitet Sie bald auf silberner Fluth, Wo Myrten und Rosenhecken Sie duftend vor der Gluth Der brennenden Sonne verstecken, Wo sanst, balsamisch und kühl Sich scherzende Zephyretten Auf ihrem Busen betten, Und rings im frohen Gewühl Sich Nymphen und Najaden Im klaren Gewässer baden. Bald tanzt ein fröhlicher Chor Von Faunen und muntern Mänaden Aus nahen Gesträuchen hervor. Sie wirbeln und drehen und winden Sich scherzend im schwebenden Reihn, Bis sie allmählig im Hain Und in die Grotten entschwinden. So floh Psycharion der Tag. Als es nun kühler ward, und ringt die Schatten Der Haine sich verlängert hatten, Ging sie, im Traum versenkt, dem Lauf der Quelle nach. Erst blühten Wiesen rings, doch bald verlor der Bach In düstern Wäldern sich, die nie der Sonne Schimmer Mit heitrer Luft erhellt. Die Schöne tritt hinein. Bald hemmt umranketes Gestein Den wüsten Pfad, bald irrt durch öde Trümmer Der müde Fuß. Und sieh! es gähnet eine Kluft Sie plötzlich an, umgraut von dunklen Thränenweiden. Sie kehrt sich ab, den wilden Ort zu meiden; Doch ein geheimer Zauber ruft Sie unbezwinglich hin. Vergebens wehen Sanft warnend Stimmen aus der Luft Ihr zu: laß ab, hinein zu gehen! Mit eigner Hand störst du dein süßes Glück! Doch ach, umsonst! Ein feindliches Geschick Zwingt die Unglückliche; sie kann nicht widerstehen. Sie tritt hinein. Von düsterm Zwielicht war Die Grott' erfüllt. Es schwebten wunderbar Ringsum unkenntliche Gestalten, Die bald in Nebelhauch verwallten, Bald wieder aus dem trüben Duft Zu neu gebildeten Phantomen sich entfalten. Ein blasses Licht durchschimmerte die Luft, Das rastlos hier und dorthin irrte, Und wechselnd jeden Gegenstand In ein unkenntliches Gemisch dem Blick verwirrte. Im dunkeln Hintergrunde stand, Umkettet rings von bunten Schlangen, Ein weißgeformtes Marmorbild Mit ungewissem Blick und eingefallnen Wangen. Die Haare starrten fürchterlich Mit Nattern untermischt. In seinen Händen strahlte Ein glänzender Kristall, worin dem Blicke sich In steter Wechselung ein wildes Chaos malte, Wo Wahrheit dem Betrug, Betrug der Wahrheit glich Bald zeigte sich in holder Schöne Ein anmuthstrahlendes Gesicht Mit einer Glorie von sanftem Rosenlicht, Doch bald entfloh die milde Scene; Der holde Zauberglanz entschwand, Und schrecklich, hundertköpfig wand Ein Ungeheuer sich durch düstre, leere Räume. So kamen und entflohn, mit sich im ew'gen Streit, Die eitlen Phantasien, wie in der Dunkelheit Der Nacht das Volk der luft'gen Träume Die Sterblichen durch steten Wechsel neckt, Bald durch ein holdes Bild der Sehnsucht Gluth entzündet, Bald mit Phantomen sie und Feuerdrachen schreckt, Bis Beydes schnell in eitle Luft entschwindet. Die düstre Zweifelsucht, von Furien gezeugt, Sie war's, die diese Kluft zum Wohnsitz sich erkohren; Sie, deren giftgem Hauch der Scherz und Frohsinn weicht, Sie, welche Freuden, die das Glück uns kaum geboren, Mit ihren grausen Schwingen scheucht. Sie fürchteten die fernsten Nationen Und huldigten der Göttin Macht; Aus niedern Hütten ward und von erhab'nen Thronen Manch traurig Opfer ihr gebracht. Nicht Freuden schuf sie, nichts als Schmerzen, Denn jedem, der ihr nahte, ließ Sie in den Spiegel schaun, und mit verwelktem Herzen Kehrt' er zurück. Selbst dieses Paradies, Wo Amors mächt'ger Wink regierte, Blieb nicht von ihr verschont, denn von dem Unglücksort, Wohin einmal des Schicksals Macht sie führte, Trieb sie kein Gott, selbst Zeus nicht fort. Zwar hatte Cypris Sohn mit tausend Amorinen Die Kluft umringt. Der Gott, dem süße Träume dienen, Und Himeros und Pothos wachten dort. Doch ach! wie konnten sie der Starken widerstehen, Die den Gebieter selbst der Götterwelt besiegt? Auch Psychen zwang ihr Wink, in den Krystall zu sehen, Und sanft in Träume eingewiegt, Erblickte sie sich ohne Schleyer Auf ihrem Bett; doch ach! an ihrer Seite liegt Ein fürchterliches Ungeheuer, So grausend, als es je der Menschen Furcht erfand. Des Löwen glich sein Haupt; mit Zähnen war der Rachen Dreyfach verzäunt, und hinten wand In schnellen Kreisen sich der Schweif des größten Drachen. Schon naht sein Schlund der holden Schläferin; Die Zunge lechzt, ihr Blut zu trinken; Laut schreyet Psyche auf. Die starren Kniee sinken, Und halb entseelt stürzt sie zu Boden hin. Wie aufgeschreckt aus düstern Phantasien, Fuhr endlich Psyche auf. Das gräßliche Gesicht Schwebt noch vor ihrem Blick. Wohin soll ich entfliehen? Ihr Götter, o verlaßt die arme Psyche nicht! Ruft sie verzweiflungsvoll. Doch nach und nach verfliegen Des Traumes Bilder ihr, und vor der Grotte fand Sie sich auf weichem Rasen liegen. O welch ein Kummer übermannt Die Arme jetzt! Von welchen gold'nen Höhen War sie herabgestürzt! Ein wilder Streit entstand In ihrer wunden Brust. Bald wehen Mitleid'ge Genien ihr Hoffnungsbilder zu; Doch ach, wie leerer Schaum vergehen Sie bald. Unglückliche! so ruft sie, mußtest du Deßhalb der Lieben Kreis, die jugendlichen Freuden, Der Kindheit argwohnslose Ruh, Der Aeltern süße Küsse meiden, Um ohne Grab, von keinem Freund, Von keinen blühenden Gespielinnen beweint, So früh des Orkus Pfad zu gehen! Doch warum folgtest du dem heuchlerischen Flehen, Dem falschen Schein, der ach! so oft betrügt? Unglückliche, du liebtest die Gefühle, Womit ein loser Gott dein schwaches Herz besiegt. Du freutest dich der süßen Liebesspiele, Des holden Traums, der ach! so schnell verfliegt, Und findest jetzt, beym traurigen Erwachen, Den Tod in eines Unholds Rachen. Doch nein, sie sind nicht wahr, die eitlen Luftgebilde; Sie sind Betrug, von Furien erdacht. Er, der in jener süßen Nacht So zärtlich dich umfing, er, der so milde So holde Worte sprach, er sollt' ein Unhold seyn? So schlau kann sich die Tücke nicht verstecken; Solch eine Gluth kein Ungeheuer wecken. Frag' ich mein Herz, so spricht es zärtlich, Nein! So dachte Psyche. Doch nicht lange Blieb dieser süße Wahn. Gleich einer bösen Schlange, Die, wenn wir schaudernd fliehn, sich schlau in's Gras verbirgt, Und, wenn wir uns dem Untergange Entflohn schon glauben, rasch hervorspringt und uns würgt, So nahte, wenn sich kaum der wonnigliche Glaube Von des Geliebten Treu' in ihren Busen schlich, Des Traums Erinnerung der Seele fürchterlich, Und gab das arme Herz dem düstern Gram zum Raube. Nein! ruft sie rasch, und Muth durchzucket ihren Geist, Ich kann ihn länger nicht ertragen, Den Kampf von Lieb' und Haß, der meine Brust zerreißt. Mit kühnen Händen will ich's wagen, Die wilden Zweifel zu verjagen, Und sterben oder glücklich seyn. Entschlossen eilte sie, als schon des Mondes Schein Am Horizont sich zeigte, durch den Hain Zum Hochzeitlager und versteckte Beym Bett ein Lämpchen, matt genährt; Und kühn, mit einem Dolch bewehrt, Bestieg sie jetzt die sanften Kissen. Und der Geliebte kam. Mit zephyrleichten Füßen Schlich er durch's Dämmerlicht der Nacht. Er fragt mit leisem Ton, ob seine Psyche wacht, Und eh sie reden kann, ist er schon liebetrunken An ihren Busen hingesunken. O süße Macht der Liebenswürdigkeit, Der Huldgöttinnen schönste Gabe, Durch welche Ninon noch, so nah dem späten Grabe, Beglückter Liebe sich gefreut, Mit welcher Macht gebietest du den Herzen! Auch Psyche, bey dem süßen Scherzen Der wonniglichen Zärtlichkeit, Vergaß der Zweifel bange Schmerzen, Und fast schon hatte sie's bereut, Daß sie dem Argwohn Raum gegeben. Doch als der Rausch der Wonne schwand, Und ihr des Athems leises Beben Des Gatten Schlaf verhieß, da fand Des Zweifels düstrer Geist, den sie noch kaum verbannt, In ihrem Busen neues Leben. Halb zagend, halb entschlossen, wand Sie sich aus des Geliebten Armen. Ihr Schutzgeist ruft umsonst: Halt ein! o hab' Erbarmen Mit deinem eignen Glück! Vergebens; ihre Hand Hält schon die Lamp' empor, und von des Lichtes Strahlen Wird rings die dunkle Grott' erfüllt. Du Meister in der Kunst zu malen, Du, dessen Blicken sich die Grazien enthüllt, O Wieland, male jetzt des Liebesgottes Bild! Ein Tröpfchen nur aus jener Feenquelle Der zauberischen Phantasie, Die mild dir die Natur zum Eigenthum verlieh, Nur Einen Ton der süßen Harmonie, Mit der dein Vers, gleich einer sanften Welle, Die leise murmelnd durch das blüh'nde Ufer schlüpft, Im grazienhaften Tanz dem Ohr vorüberhüpft, Nur einen kleinen Theil von diesen Göttergaben Verleihe mir zu Amors Bild. Mein Blick wird hell; die Musen haben Des Herzens heißen Wunsch erfüllt; Der Vorhang reißt, der mir die Götterwelt verhüllt. Ich sah ihn ruhn, nicht jenen losen Knaben, Der seinen Muth so gern an fremden Leiden stillt, Nein, einen Jüngling, hold und mild, Antinous an Kraft und Ganymeden An blüh'nden Reizen gleich, so daß in mancher Nacht Die keusche Luna selbst, die Königin der Spröden, Statt zu Endymion, zu ihm sich hingedacht, Und oft die Küsse nun bereute, Die sie dem ew'gen Schläfer weihte. Wie reizend lag er da! Ein süßes Lächeln floß Um seinen kleinen Mund. Der Wangen Reiz erhöhte Aurorens milde Purpurröthe. Ein weiches Goldgekräusel goß In sanften Wellen sich auf seine Brust hernieder, Und aus den zarten Schultern sproß Ein sammt'nes farbiges Gefieder. Rings schmiegte sich um seine holden Glieder Ein unnennbarer Reiz, aus sanfter Schüchternheit Und kühner Lust gewebt, woraus die Charitinnen Der Liebesgöttin Gürtel spinnen. Wie süß er schläft, wie sanft in sich hineingeschmiegt, Als wär' er zauberisch vom Lied der Nachtigallen In leisen Schlummer eingewiegt! Wie klopft sein Herz! wie seine Pulse wallen, Beschwingt vom schönsten Traum, der seine Stirn umfliegt! Sieh her, Psycharion, ist das das Ungeheuer, Das deine Phantasie so schrecklich dir gemalt? Du schweigst erstaunt? In deinen Blicken strahlt Der heißen Liebe zitternd Feuer. Dein Aug' ist reuevoll zur Erde hingewandt. Du bebst; es zittert in der Hand Die Lampe dir mit Rosenöl getränket. O stör' ihn nicht, den süßen Traum der Lust, Der seinen Geist umschwebt! Umsonst; ein Tropfen senket Sich brennend auf die zarte Brust, Und er erwacht. – Wie einem Menschen ist, den mit den schönsten Träumen Ein Gott beschenkt, wo hold der Liebe Blick ihm lacht, Wo rasch die Freuden fliehn und rascher wieder keimen, Und nie das Uebermaaß die Lust ihn hassen macht, Wie diesem ist, wenn er erwacht, Und jetzt nun in die dürre Wüste Der Wirklichkeit versetzt sich sieht, So ward Psycharion. Der Genius entflieht, Der sonst ihr äußres Glück durch innre Ruh versüßte, Und wenn sie auch die That mit ihrem Leben büßte, Nichts hält den Fliehenden zurück. Mit trübem, kummerschweren Blick, Nicht voll von Zorn, nein, voll von Zähren, Sieht Cypris Sohn sie an. So muß ich dir entfliehn? Ach, sollte denn das Glück nur wenig Stunden währen, Das mir in deinem Arm Aeonen würdig schien? O meine süße Braut! Betrogene Geliebte! So lebe wohl! Das Schicksal ruft – ich muß – So lebe wohl! Nimm diesen letzten Kuß, Und hasse nie den, der dich nie betrübte. So ruft er weinend aus, naht sich mit leisem Flug, Küßt sie auf Stirn und Mund, und sieh, mit leisem Wehen Naht' eine Wolke sich und trug Den Gott empor zu lichten, gold'nen Höhen. Als kaum der Liebesgott entschwand, Verbargen jammervoll die Nymphen und Najaden In düstre Klüfte sich. Hoch braust an den Gestaden Der Bäche Fluth empor und überschwemmt das Land. Schnell flieht der Vögel Chor die duftigen Gesträuche. Es welkt der Wiesen frisches Grün, Und Hain und Flur und Thal verblühn, Und mit der Erde Schmuck entfliehn Die Brüder Amors schnell in Cytheräens Reiche. Viertes Buch Doch jetzt, ihr Freunde, setzt mit mir Euch in den zauberischen Wagen Der Phantasie, und laßt Euch hin nach Cypern tragen. Seht, in die Lüfte schweben wir Schon hoch hinauf. In grauer Tiefe ragen Der alten Troja Thürm' empor. Jetzt flieht das Land. Hört, wie an euer Ohr Der Wogen dumpfe Donner schlagen! O zittert nicht! Seht ihr den holden Götterort? Der Wagen sinkt; wir stehn in Cytheräens Lande. Seht ihr die Göttin, wie sie dort Im losen, flatternden Gewande Auf jenem Throne sitzt? Voll Kummer ist ihr Blick, Und unbekränzt und ordnungslos umfließen Die Locken Hals und Brust. Gebeugt zu ihren Füßen Liegt der Chariten Chor; entflohn ist alles Glück Von Paphos gold'ner Flur; die zarten Amoretten Sehn freudenlos sich an; kein süßes Lied erschallt; Oed' ist es auf der Flur und öd' im duftgen Wald. Gefesselt an des Grames Ketten Liegt alle Lieb' und Lust. Was ist es für ein Schmerz, Der Cypris trauren macht, der Freud' und heitern Scherz Von des Vergnügens Flur verscheuchet? Und alles senkt den Blick, und jede Wang' erbleichet, Und alles ruft: Wir klagen Cypris Sohn! Der Gott der Lieb' ist uns entflohn! Schon mancher Tag war jetzt entschwunden, Seit Amor Cypria verließ. Ach, in der Liebe Paradies, Im süßen Rausch der holden Schäferstunden, Wie konnt' auch ein Gedanke nur. An seines Reiches gold'ne Flur, An seiner Mutter Angst, an der Chariten Schmerzen, In seiner Brust entstehn? Er, der so viele Herzen Mit seinem bittern Pfeil besiegt, Der stolze Gott, er unterliegt Dem eigenen Geschoß, und als sein Glück entfliegt, Als Psyche ihn verräth, kann er den Gram nicht tragen; Er flieht und birgt betrübt sich in die tiefste Kluft Des Kaukasus, und seine lauten Klagen Verhallen fruchtlos in der Luft. Ein Freund der fliehenden Najaden, Der gern, wenn unbesorgt sich holde Nymphen baden, In dichtem Laube sich versteckt, Und lüstern seinen Hals durch die Gebüsche reckt, Ein Faun, der grad' ein Mädchen jagte, Das ihm entfloh, kam in die Einsamkeit, Wo Cypris Sohn, dem Grame nur geweiht, Sein schmerzliches Geschick beklagte Das Faunenvolk lauscht gar zu gern; Drum birgt auch dieser sich nicht fern Vom Orte, wo die Tön' erschallen, In ein Gebüsch, und horchet lauschend zu. Wo bist du hin, du holde Ruh, Rief Amor weinend aus, die in den Myrtenhallen Von Paphos mich beglückt? Wo bist du, heitrer Sinn, Der mich so oft im Hain der Nachtigallen, Wenn ich mit einer Huldgöttin Auf jungen Blumen saß, belebte? Ach Psyche! Süße Braut, mit dir, mit dir entschwebte Mir jede Lust und jedes Glück, Und ehe dich mir das Geschick Nicht wieder giebt, kehr' ich nach Paphos nicht zurück, Und nicht zum Göttersaal. Beym Styr sey es geschworen. Der Satyr wackelt mit den Ohren, Als er das Wort vernimmt. Da ist er ja, der Sohn, Denkt er, den Cypria verloren. Die Nachricht bringet mir ein gutes Botenlohn, Ein Küßchen oder zwey. Nur nicht zu sehr gezaudert! Denn Ohren hat der Wald, und Ohren hat die Flur. Leicht könnt' es seyn, daß, eh' ich Armer nur Cytherens Land erreicht, ein Andrer schon geplaudert. So spricht er und enteilt, und nach zwey Stunden schon, Die Götter reisen schnell, ist er vor Cypris Thron. O Göttin, die du oft, wenn Amor dir entlaufen, So sprach der Faun, die frohe Nachricht dir Von seinem Aufenthalt mit Küssen zu erkaufen Versprochen hast, was giebst du mir Für meine tröstungsvolle Kunde? Zwey Küßchen nur und noch ein drittes in den Kauf Für meiner Füße schnellen Lauf Zur Stärkung von dem Rosenmunde! Du siehst, daß fast der Athem mir gebricht. Was thut die Mutterliebe nicht! Auch Cypris, welcher sonst ein Küßchen zu verdienen Kaum einer schön genug von allen Göttern war, Sie reichte jetzt mit holden Mienen Dem Faun die Rosenlippen dar, Und der erzählt, halb taumelnd vor Entzücken, Was er gehört. Doch wie erstaunt er nicht, Als mit des Unmuths düstern Blicken Die Liebesgöttin zürnend spricht: Deswegen flieht er mich, der stolze, eitle Knabe? Um eine Sterbliche verläßt er Paphos Hain, Verläßt er mich, die ich im Schooß gewiegt ihn habe, Und meiner Huldgöttinnen Reihn? Um eine Sterbliche, die kaum ein Tausendtheilchen Der niedrigsten von meinen Nymphen gleicht? Fällt ihm Cytherens Zorn so leicht? Es ginge noch, wär's nur ein kurzes Weilchen, Doch treu zu seyn! O Amor, schäme dich! Wo ist das Mädchen, welches mich Und meine Nymphen so beleidigt? Wir wollen sie doch sehn. Sucht sie, und bringt sie her! Weh' ihr, wenn sie sich nicht, so wie ich will, vertheidigt! Sie fühle dann, der Götter Zorn sey schwer! Nein, solcher Rachsucht ist Cythere, Die Lächelnde, nicht fähig, spricht Wohl mancher Hörer hier. O traut dem Scheine nicht! Verletzt das sanfteste Geschöpf an seiner Ehre, An seiner Eitelkeit, schnell wird es zur Megäre, Die Eitelkeit regiert die Welt; Sie macht aus Frommen Bösewichter; Sie schafft Minister, Fürsten, Dichter; Und ehe sie den Busen ihm geschwellt, Ward mancher ernste Sittenrichter Oft als ein Schelm und Dieb am Pranger ausgestellt. Indeß Cythere nun in die entferntsten Lande Verschlagne Boten schickt, die Feindin zu erspähn, Irrt diese in dem dürren Sande Der Wüst' umher. Rings war kein Baum zu sehn, Kein kühler Quell, die Lippen zu erfrischen; Kein Beerchen an den Dornenbüschen Bot sich zur kargen Labung dar. Ach, wie so ganz verschieden war Das Jetzt vom Jüngst, da sie an Göttertischen Ambrosia gespeist, und sanft von zauberischen Gesängen eingelullt, auf Rosenbetten schlief. O arme, arme Psyche! rief Sie weinend aus. So sollst du hier vergehen, Und nie der Heimath trauten Hain, Nie deine Aeltern wiedersehen? O fänd' ich einen Fluß, ich stürzte mich hinein, Doch ach, zu schrecklich ist des Schmachtens lange Pein! Indem sich so ihr Schmerz in lauter Klag' ergießet, Hört sie ein Rieseln, silberrein, Wie wenn durch Klippen und Gestein Ein rascher Quell herniederfließet. Sie eilt dem holden Tone nach, Sie naht, und denkt euch ihr Entzücken, Ein tiefer, wilder Felsenbach Wälzt sich mit rascher Fluth vor ihren frohen Blicken. O süßer Tod! ruft sie erfreut, O süßer Tod, so darf ich dich umarmen! Du schaust mich an, mit Blicken voll Erbarmen; Der Fackel Gluth erlischt, und mit ihr alles Leid! Sie ruft's, und will herab sich stürzen; Doch eine starke Hand hält plötzlich sie zurück. Sie steht erstaunt. Vor ihrem Blick Schmückt blühend sich die Flur, und tausend Düfte würzen Die reine Luft, und aus der Fluthen Grund Hebt eine Nymphe sich, von Götterglanz umschienen. Sie schauet Psychen an mit wundersüßen Mienen, Und wie Gesangeston entbebt aus ihrem Mund: Höre auf zu klagen und zu weinen! Meinen nicht, nur Buße frommet hier. Erst nach langer Prüfung wird mit dir Wiederum dein Gatte sich vereinen. Traue meiner Rede freudig nur. Künft'ges gab ein Gott mir zu verkünden. Willst du deinen Gatten wiederfinden, Gehe hin nach Paphos Blumenflur. Zwar wird dort, nach Cypris strengen Willen, Manches Leiden grausend dich bedrohn. Harre muthig aus! Groß ist dein Lohn, Herrlich wird dein Schicksal sich enthüllen. So spricht der süße Ton. Die holde Nymphe sinkt In die geschwollne Fluth, die steigend sie umringt. Wie wenn auf holde Au'n, wo lang des Sommers Schwüle Heiß und verzehrend rings geweht, Und jeder Baum verdorrt, und welk die Blume steht, Aus Wolken plötzlich sich die lebensvolle Kühle Des milden Regens nieder senkt, Und jeden Baum erfrischt und jede Blume tränkt, So fühlte Psyche schnell mit Tröstung sich erfüllet. Der Schwermuth düstrer Schleyer schwand, Der sie vorher mit grauser Nacht umhüllet. Vor ihrem Geiste lag ein schönres, beßres Land, Voll grüner Au'n und blüh'nder Triften, Durchweht von nektarsüßen Düften, Voll Quellenlaut und Liebesharmonie. Mit welcher Sehnsucht strebte sie Nach diesem Lande hin! Zwar manche rauhe Pfade Sind noch davor und manche steile Höhn; Doch o, wie kühlet nicht am glücklichen Gestade Der Liebe Palmenkranz so schön! Nur Muth, mein Herz! Bald ist der Sieg erstritten; Bald langst du froh im frischen Hafen an. Süß schlummerst du im Arm des Gatten dann, Und fühlst den Gram nicht mehr, den du zuvor erlitten. So ruft Psycharion in süßer Schwärmerey, Und eilt, um Paphos zu erreichen. Verschwunden ist nun sie, die grause Wüsteney; Rings blüht die schönste Flur, besät mit Duftgesträuchen, Benetzt von Quellen, die durch Veilchenthäler schleichen, Begränzt von blüh'nden Höhn. Voll süßer Träumerey, Getrieben von des Herzens Sehnen, Irrt Psyche, nicht gedenk der Thränen, Die sie erwarten, durch die Flur. Bald folgt sie eines Bächleins Spur, Der eine duft'ge Au mit sanfter Fluth bespület, Bald ruhet sie, vom Hauch des Wests gekühlet, Von Duft umweht, im dunklen Myrtenhain, Und hört den Liedern zu, die durch die Zweige schallen; Und wenn der Mond mit Silberschein Die Fluren deckt, schläft sie, umtönt von Nachtigallen, Auf weichen Blumenbetten ein. O holdes Land, wo Göttern nur zu wallen Vergönnt ist, holdes Land der Unschuld und Natur, Fänd' ich doch einst in dir den langersehnten Frieden! O wohnt' ich doch auf einer Feenflur, Durch ferne Meeresfluth vom Sturm der Welt geschieden, Wo, von des eisernen Berufs Geschäften frey, Aus keinem süßen Traum die strenge Pflicht mich schreckte, Wo ewig schön und ewig neu, Der junge Morgen mich zum jungen Leben weckte, Wo ich an der Geliebten Hand, Wie in Endymions Traum, mein Daseyn froh verlebte, Bis es zuletzt in ein noch schönres Land, Wie Aeolsharfenklang langsam verhallend, schwebte! Doch ach, zu schöner Traum, entflieh! Mich setzte das Geschick auf irdische Gefilde, Und deine holden Luftgebilde, Sie herrschen nur im Reich der Phantasie. Zum Loos ist Thätigkeit den Sterblichen beschieden; Drum sey auch Thätigkeit des Menschen höchstes Ziel. Verletzt auch oft das Unglück euren Frieden, So denkt, die Erde hat der Freuden doch so viel. Wie schön ist nicht das lohnende Gefühl Nach der vollbrachten That! Wie süß der Dank für Leiden, Die ihr gemildert! Wenn die Freuden Der Liebe euch beseligen, Wenn Freundesherzen treu an eurem Herzen schlagen, Dann könnt ihr froh und muthig sagen: Auch ich bin in Arkadien! Indeß naht Psyche schon des Meeres hohem Strande, Und ungewiß und zweifelsvoll Steht sie jetzt da und sinnt, wer sie nach Cypris Lande Auf wilder Fluthen Bahn hinüber bringen soll. Indem sie so auf's Meer herniedersieht, erspähet Sie einen Kahn, der wie ein Blatt, das leicht Ein sanfter West durch blaue Lüfte wehet, Dem Ufer naht. Kein Schiffer zeigt Sich drin. So hat ein Gott zu dem, was ich geflehet, Ein gütig Ohr herabgeneigt? Ruft Psyche aus, und muthig steigt Sie in den schmalen Kahn. Ein lauer Zephyr blähet Das Segel auf, und wie beflügelt streicht Das Schifflein durch die Fluth. Von Psyche's Reiz betrogen, Glaubt der Gewässer Volk, Cytheren hier zu sehn. Delphine heben sich aus den getheilten Wogen Und schwärmen um das Schiff, und Nymphen, wunderschön, Umtanzen froh den Bord und singen süße Lieder. Der Schwan mit glänzendem Gefieder Läßt sanfte Töne durch die stillen Lüfte wehn. Froh sitzt Psycharion, umhüpfet Von manchem holden Traumgesicht, Und keine schwarze Ahnung schlüpfet In ihre sichre Brust. Sie denkt der Zukunft nicht, Da mit so holdem Rosenlicht Die Gegenwart sich zeigt. Unglückliche, es eilet Der Kahn so schnell dahin! Das Land Cytherens zeigt sich schon; schon weilet Das Schiff an deiner Leiden Strand. Sie steigt hinaus, und schnell durchdringet Ein tobendes Geräusch ihr Ohr. Scheu und erstaunt blickt sie empor, Und sieht von Faunenvolk und Nymphen sich umringet, Die sie mit schmäh'ndem Spott und Hohn, Zum Chor vereinigt, überschütten. Man fesselt sie; nichts helfen ihre Bitten, Nichts hilft ihr Trotz. Mit wildem Drohn Reißt man sie fort, von blinder Wuth erhitzet, Und bringt sie an den Platz, wo auf erhabnem Thron, Als strenge Richterin, der Liebe Göttin sitzet. Fünftes Buch O Hoffnung, holde Lügnerin, Wie groß ist deine Macht in unsern schwachen Herzen! Bald schaffst du Lust, bald bittre Schmerzen, Und unwillkührlich giebt sich jeder Mensch dir hin. Wohl ihm, wenn deiner Morgenröthe Die Sonne, die ihr folgt, entspricht. Doch weh ihm, wenn dein holdes Licht Sich schnell verhüllt und durch die Blumenbeete Geträumter Seligkeit ein wilder Sturmwind bricht. Weh ihm, dann steht er ganz verlassen Von allem Glück, das ahnend seine Brust Geschwellt, und ach, die bange Lust Der Hoffnung selbst, muß er dann zürnend hassen! Die süßen Träume fliehn, an die er sonst geglaubt; Ein Hafen nur steht noch dem Müden offen, Der letzte, bittre Trost, zu hoffen, Daß bald der Tod ihm Qual und Freude raubt. Auch Psychen täuschten die Gebilde, Die ihr mit so viel Reiz die Hoffnung vorgemalt. Schon glaubte sie in Paphos Lustgefilde Im Arm des Gatten sich, vom Glanz der Lieb' umstrahlt, Als sie so plötzlich jetzt aus ihres Himmels Freuden Zur Erde niedersank. »Ist das die Zauberin, Die Amorn um Verstand und Sinn Gebracht? Nun, sein Geschmack ist wahrlich zu beneiden, Ruft Cypris aus. Welch ein unschuldiges Gesicht! Man möchte wahrlich doch fast glauben, Daß es ihr an Verstand, verliebt zu thun, gebricht. Und solch ein blödes Kind soll meinen Sohn mir rauben? Wie konnte Cypris Sohn wohl so geschmacklos seyn, Sich solch ein Mädchen zu erlesen? Mein gutes Kind, man kann nicht ewig sich erfreun; Du bist jetzt Göttin lange gnug gewesen, Jetzt kannst du auch einmal wohl meine Sklavin seyn Mit sanften, demuthsvollen Mienen Und thränenschweren Blicken spricht Psycharion: O Göttin, kranke nicht Mein armes Herz so sehr; ich will dir ewig dienen. Gehorsam sey jetzt meine Pflicht. Befiehl das Schwerste mir, ich will es gern verrichten. Und wenn's an Kraft dem schwachen Arm gebricht, Mag dann dein Zorn mich ganz vernichten; Allein, mein Herz, o Göttin, kränk' es nicht. Nun wohl, sprach Cypria mit schadenfrohen Blicken, Siehst du die Kränze dort, die meines Tempels Wand, In schöne Reihn geordnet, schmücken? Nur einen hat die Sonnengluth verbrannt; Verwelkt senkt er das Laub, das schwache Weste pflücken. Nimm diesen Kranz und geh in jenen dunkeln Wald, Wo nie der Sonne Licht erwärmend niederschaute; Die finstre Zweifelsucht erbaute Dort einen Tempel sich mit trauriger Gewalt. Umkränz' ihr Bild und ihre Weihaltäre. Zwar schmückt den Kranz kein frisches Grün, Allein, was ist's, das dir nicht möglich wäre, Da Götter selbst vor deinen Reizen knien? Durch deine Zauberkunst muß dieser Kranz entblühn; Wo nicht, so fürchte mich und meines Zornes Schwere. Nicht biegsam wahrlich ist, wenn man sie reizt, Cythere, Nicht leicht wirst du der Mächtigen entsliehn.« Psycharion erschrickt. Sie sinket fast zurücke; Ihr Aug' umhüllet düstre Nacht. Mit welcher schadenfrohen Tücke War der Befehl nicht ausgedacht! Er heischt, daß sie das Ungeheuer schmücke, Das von dem höchsten Erdenglücke In's tiefste Elend sie gebracht. Weh dir, Psycharion, kannst du es wagen? Nahst du noch einmal dich der wilden Herrscherin? Wirst du den grausen Anblick tragen? Sinkst du nicht regungslos zu ihren Füßen hin? Ach, wer wird hülfreich dann an deiner Seite stehen? Wer läßt den Kranz entblüh'n mit zauberischer Hand? Umsonst suchst du der Rache zu entgehen; Im Tode nur winkt dir der Ruhe Land. So denkt Psycharion und eilet, Dem Leben zu entfliehn, hin zu des Meeres Strand; Doch eine leise Ahnung weilet Den raschen Fuß. Vielleicht wird deinem Flehn Sein gütig Ohr ein mildes Wesen neigen, Und wenn dann Glaub' und Hoffnung schweigen, Dann wird es von des Himmels Höhn Erbarmend zu dir niedersteigen, Und Muth und Zauberkraft in deine Seele wehn. Ermanne dich, mein Herz; die Göttlichen verlassen Die Liebe nie, der Gram und Kummer dräut; Sie müßten ja ihr eignes Wesen hassen, Denn nichts sind sie als Lieb' und Zärtlichkeit. So ruft sie aus und geht mit festem Schritte Dem fürchterlichen Walde zu. Rings herrschte todte Grabesruh; Dumpf bebt der Grund zurück bey jedem ihrer Tritte. Es traurt der öde Wald; der Blätter welke Last Hängt winterlich um den zernagten Ast, Von keinem West erfrischt, von keinem Thau gekühlet. Kein froher Vögelschwarm durchspielet Die Zweige; Fledermäuse nur Und scheue, unglückschwangre Eulen Durchrauschen das Gebüsch. Rings tönt der Wölfe Heulen, Und gelbes Gift befleckt der Drachen öde Spur. In grausiger Gestalt durchstreifen Schreckfantome Die falbe Dämmerung, bald hoch emporgedrängt, Bald wieder tief zu Boden hingesenkt. In einem halbzerfallnen Dome, Von giftgen Pflanzen rings umrankt, Hebt sich der Göttin Bild. Die bange Psyche wankt, Als sie der Grausen naht. Du, die mein Glück zerstöret, Ruft sie mit leisem Ton, nimm dieses Opfer hin, Und wenn dein Ohr das Flehn der Unschuld höret, So mildre deinen Zorn, du wilde Herrscherin. So steht sie und mit bangen Händen Naht sie dem Bilde sich; doch wie sie es berührt, Fährt sie zurück, laut schreiend, und verliert Den Kranz aus ihrer Hand. Ich muß es doch vollenden, So ruft sie zitternd aus, das kühne Wagestück, Und naht zum zweyten Mal, mit abgewandtem Blick. Von höherm Muth fühlt sie ihr Herz durchdrungen; Schon ist der Kranz um den Altar geschlungen, Und im erzwungnen Schmuck hohnlächelnd prangt das Bild. Jetzt sinkt sie auf die Knie und fleht mit leisen Tönen: O ihr, auf deren Wink die Fluren sich verschönen, Du, Ceres, deren Hand die gold'ne Frucht entquillt, Und du, o Flora, die du mild Die Flur mit Blumen schmückst, Göttinnen, o erfüllt Der Flehenden Gebet! Laßt euren Segen fließen Aus diesen welken Kranz, schmückt ihn mit neuem Grün! Laßt frische Blumen ihm entsprießen, Und in der ersten Pracht ihn schön und herrlich blühn! So betet sie; und horch! mit wundersüßem Klange Hört sanfte Töne sie der stillen Luft entwehn, Und mit sanfttröstendem Gesange Schwebt eine Stimm' herab aus gold'nen Wolkenhöhn: Kein Rosenstrauch wird ohne Dorn gefunden; In ew'ger Ruh liegt keine Seligkeit. Zwiefach erduldet der, der sich vor Unglück scheut; Wer muthig widersteht, der hat es überwunden. So sprach die Stimm' und schwieg. Ein leises Wehen fliegt An Psychens Ohr. Sie blickt dem Ton entgegen, Und sieh, ein Täubchen schwingt mit raschen Flügelschlägen Leicht flatternd sich herab. In seinem Schnabel liegt Ein Rosenblatt, mit Ichor angefüllet, Mit jenem Balsam, der aus Götterwunden quillet, Und alles, was er trifft, mit neuer Kraft belebt. Drey Mal, mit leisem Fittig, schwebt Um Psychens Haupt sie her, und gießet Dann auf den welken Kranz den wunderbaren Saft. Und welch ein Wunder! Plötzlich fließet Durch das verdorrte Grün des Frühlings junge Kraft. Dort keimt der Nelke Pracht; dort sprießen Amaranthen, Hier frische Rosen auf; das blaue Veilchen hebt Sich schüchtern und versteckt, doch prangend aufwärts strebt Der Tulipanen Kelch; Heliotrope wandten Zum Sonnenstrahl ihr duftend Haupt empor. Hier blühten Lilien und würzige Jasminen, Dort hauchten süße Balsaminen Aus dem prunklosen Strauch den schönsten Duft hervor. Psycharion bemerkt mit wonnevollem Zagen Das frohe Wunder; sprachlos biegt Den Göttern sie die Knie, und fliegt, Cytheren des Gebets Erfüllung anzusagen. Schon aus der Ferne ruft mit schadenfrohem Blick Ihr Cypris zu: Ist sie geschehen, Die That? Nicht wahr? Du kehrst als Siegerin zurück? Zu leicht war mein Befehl! »Mein kindlich frommes Flehen Erhörte mild ein Gott; die Schuld ist mir verziehn. Die Göttin steht geschmückt, des Kranzes Blumen blühn,« Spricht Psyche demuthsvoll und beugt sich bis zur Erde. In Cypris feindlicher Gebehrde Versteckt sich kaum der Zorn; doch bald erhält die List Die Ueberhand. »Wenn du so mächtig bist, Daß, dir zu helfen, selbst die Götter sich bemühen, So hab' ich noch ein Werk für dich. Siehst du den Felsen dort, um dessen Gipfel sich Der Wolken graue Nebel ziehen? Zwar ist er nie erklimmt, doch leicht wird ja ein Gott Voll Mitleid zu dir niederschweben, Und zu dem Gipfel dich auf seinen Flügeln heben;« So ruft ihr Cypris zu mit Blicken voller Spott. Durch wildbewachs'ne Klippen fließet Dort in der Höh des ew'gen Lebens Fluth, Die frische Lebenskraft und neu beseelten Muth In den verstorb'nen Busen gießet. Nimm dieß Gefäß und füll' es mit dem Trank, Doch hüte dich, daß deine Lippen Nicht kühn aus jener Quelle nippen, Die nicht für Sterbliche, für Götter nur entsprang. Nun geh, und kannst du dies vollenden, So sey befreyt, und nimm Cytherens Dank. So wie dem Sklaven ist, der, von Korsaren Händen Gefesselt an die Ruderbank, Schon manches Jahr sich härmt und, tief in Schmerz versunken, Umsonst um Tod zum Himmel fleht, So wie ihm ist, wenn er ein heimisch Schiff erspäht, Und dann der Kräfte letzten Funken Versammelt, um dem Bord durch raschen Ruderschlag, Dem freundlichen, zu nahn, so ward auch unsrer Schönen; Sie trocknete des Schmerzes Thränen Von ihren Wangen ab, und flog dem Wege nach, Der zu des Felsens Fuß sie führte. Sie nahte sich. Vergebens spürte Ihr Blick nach einem Pfad. Rings starren rauh und wild Zerstreute Klippenreihn, geschützt durch grause Klüfte, Die ew'ge Nacht in ihren Schleyer hüllt. Gigantisch hebt der Fels in graue Nebeldüfte Sein kahles Haupt; kein Falke schwingt So hoch sich auf. Das schärfste Auge dringt Mit Mühe nur zu der beschneyten Spitze. Den todten Grund umpanzert ew'ges Eis. Hier grünt kein Baum; kein blühend Reis Schmückt karg die schroffe Wand. Aus jeder Felsenritze Zischt eine Schlang' empor, und Drachen, braun gefleckt, Und Vipern, im Gestein versteckt, Bedroh'n die Schaudernde. Mit wundgeritzten Händen Klimmt sie an den zerspaltnen Wänden Voll Todesangst empor. Ihr Götter, hört ihr nicht Die Flehende? Ist dein Gericht So streng, du milder Gott? Willst du nicht Hülfe senden Der einstgeliebten Braut? Umsonst; kein Trost erscheint, Die Thränen, die die Arme weint, Gerinnen schnell zu Eis. Erbarmungslose Lüfte Verwehn der Seufzer klagend Ach! Und schwach nur hallt die Nacht der bodenlosen Klüfte Der Armen laute Klagen nach, Und höher klimmt sie auf. Durch starre Eisgefilde, Die nie der Sonne warme Milde Zersprengte, führt der Weg. Die letzte Kraft entflieht Der Matten jetzt. Ach, wenn sie aufwärts sieht, Wie weit ist noch das Ziel! und wenn sie niederblicket, Welch einen kurzen Raum ist sie erst fortgerücket! Es ist vorbey! ruft sie verzweifelnd; ihr entflieht, Der Hoffnung rosenfarb'ne Träume! Sie sind verwelkt, des Lebens schönste Keime! Es ist vorbey, und wüthend winkt der Tod. So ruft sie aus, und sinkt auf's starre Eis hernieder; Sie schließt die Augen. O entflieh, Du schöne Seele, nicht so früh Der armen Welt! Umsonst! Doch sieh, Dort schwingt mit schattendem Gefieder Der Vogel Jupiters sich auf die Erde nieder. Er nimmt den Kelch aus Psychens Hand, Und schwingt sich auf in finstre Wolkenhöhen. Das Auge sieht ihn nicht, das Ohr nur hört das Wehen Des raschen Flugs. Doch sieh, aus fernem Wolkenland Kehrt er zurück; der Becher ist gefüllet. In silberhellen Perlen quillet Der Geist am Rand empor. Der rasche Adler schwingt Zum Orte sich, wo Psychens Glieder Am Boden leblos ruhn. Ein kleines Tröpfchen sinkt Aus dem Pokal auf ihren Mund hernieder, Und der Viole gleich, die bey des Tages Licht Den festverschloßnen Kelch zur Erde traurend senket, Doch, wenn der Dämmrung Thau die matten Fluren tränket, Die Knospe aus einander bricht, Und durch die stille Nacht verstohlne Düfte hauchet, So blüht auf Psychens Angesicht Das Leben wieder auf. In sanftes Roth getauchet Ist Wang' und Mund; der Lippen Purpur bebt, Und leis' und lieblich wallend hebt Die zarte Brust sich athmend wieder. Es schließen sich die Augenlieder Zum Leben staunend auf. O süßer Augenblick! Die düstern Leiden sind entschwunden, Geheilt des Herzens tiefe Wunden; Ein neues Wesen, kehrt in's Leben sie zurück. Die Hoffnung bietet ihr ein nie getrübtes Glück. Mit Rosen scheint die Zukunft ihr umwunden, Versöhnt das feindliche Geschick. Sie nimmt den Kelch und eilt mit schnellen Füßen Den Pfad zurück. Kein Drache schreckt sie mehr; Entflohn ist Schnee und Eis; am ebnen Wege sprießen Die schönsten Blumen auf, und alles grünt umher. Wie einem Täubchen ist, das arglos in die Schlingen Des schlauen Tägers siel, und jetzt von Angst durchbebt Die Netze zu durchbrechen strebt, Indeß mit Tönen, die das Herz ihr tief durchdringen, Der nahe Tauber lockt; so wie der Armen ist, Wenn eine Masche reißt, durch die sie froh entschlüpfet, Und auf den sichern Ast zu dem Geliebten hüpfet, Und dort mit ihm vereint der kurzen Angst vergißt, So war auch Psychen jetzt. Sie sollt' ihn wiederfinden, Den holden Gott, zu dem ihr Herz sich sehnt! Betrogne, die das Wort Cytherens redlich wähnt! Ein Schwur ist nur ein Hauch, entführt von raschen Winden. Gekränkter Weiberstolz wird nicht so leicht versöhnt. Von fern erblickte jetzt Cythere Die Eilende. Sie sieht den Kelch gefüllt. Ihr Auge rollt, und eine Zähre Des Zorns und nicht des Mitleids quillt Aus ihrem Aug'. Ihr Götter ruft sie wild, Soll diese Sterbliche die Göttin stets besiegen? Soll Paphos Herrscherin sich ohne Rache sehn? Sie senkt den Blick. In ihren Zügen Malt sich der bittre Groll. Doch wie, wenn Windeswehn Des grauen Nebels düstre Wogen, Die des Gebirges Haupt mit dunklem Flor umzogen, Im raschen Fluge scheucht, die waldbekränzten Höhn In bunter Pracht mit Grün bekleidet stehn, So wandeln schnell in Cypris Blicken Des Zornes Gluthen sich in feindliches Entzücken. Ich bin gerächt! ruft sie mit wildem Ton. Verwegne, buhle jetzt nicht mehr um Cypris Sohn. Noch eine That will ich dir übergeben. Allein wirst du auch jetzt das ferne Ziel erstreben, Erweichst du Hades harten Sinn Dann kämpf' ich länger nicht; nimm den Geliebten hin; Dann muß ein Gott in deinem Busen leben. Sechstes Buch O sonderbares Loos des Bürgers dieser Welt! Bald wildem Grame hingegeben, Bald durch sein innres Glück den Göttern beygesellt, Dreht sich im wilden Kampf sein unruhvolles Leben. Ein jedes Wesen flieht den Feind; Mit wilden Löwen wird das Lamm sich nie verbinden; Nur in des Menschen Busen finden Sich Schmerz und Freude eng vereint. Wer ist's, der von sich rühmen möchte, Daß nie der Gram sein Inneres durchwühlt? Und wen verfolgte so des Schicksals starke Rechte, Daß er den Sonnenschein des Glückes nie gefühlt? Doch sollen wir uns mit dem Glück entzweyen, Weil es so wunderbar das Feindliche gepaart, Daß wir nach herbem Schmerz der Wonn' uns süßer freuen, Und daß durch Lust die Unlust milder ward? Darum getrost! Wenn auch, verscheucht von tausend Qualen, Sich Glaub' und Hoffnung schon verlor, So steigen endlich doch des Glückes heitre Strahlen An unserm Horizont empor. Froh müssen wir uns in das Loos ergeben, Das wandelbar uns aus der Urne siel; Wir sind nicht bloß des Schicksals blindes Spiel, Ein höh'res Wesen lenkt mit weiser Hand das Leben; Kein Unmuth fruchtet hier, kein eitles Widerstreben; Es führt uns dunkel oft, doch sicher stets an's Ziel. Mit Blicken, voll von Hoffnung und von Freude, Mit Wangen, die der Liebe Purpur malt, Naht Psyche jetzt dem Thron. Sie wähnt die Schuld bezahlt, Die Gläubige, sie traut Cytherens Eide, Und hält die Schadenlust, die Cypris Blick entstrahlt, Für der Verzeihung Pfand. Doch wehe, wie erschrocken Bebt sie zurück, wie plötzlich stocken Die Pulse ihr, als so die Göttin spricht: Du hast die That vollbracht, die ich dir aufgetragen. Allein durch eigne Kraft? Ich glaub' es wahrlich nicht. Verdient es der, daß er die Palme bricht, Dem ohne Müh ein Gott mit schnellerm Flug den Wagen Beschwingt, für den ein Gott mit starker Rechte sicht? Drum hoffe nicht, daß dir Verzeihung werde, Bevor du nicht noch Eins vollbracht. Geh hin, wo tief, im dunkeln Schooß der Erde, Der finstre Hades wohnt, in nie erhellter Nacht. Und wenn du dann des Styr Gewässer überschritten, Wenn du den Cerberus in Schlummer eingesenkt, Befehl' ich dir, Persefone zu bitten, Daß sie ein Teilchen mir von ihren Reizen schenkt. Schwer ist die That, doch hast du sie vollzogen, Ich schwör' es bey den heil'gen Wogen Des Tartarus, dann sey mein Zorn gedämpft! Dann hast du meine Gunst und meinen Sohn erkämpft. Dem Wandrer gleich, der in der Wüste Sande Von Durst zu Boden fast gedrückt, Jetzt an des Horizontes Rande Ein schimmerndes Gedüft, dem Wasser gleich, erblickt, Entzückt dem Scheine folgt, der immer mehr entschwindet, Und ach! zuletzt nur Nebelstreifen findet, Ihm gleich verzweifelte jetzt Psychens armes Herz. Getäuschter Hoffnung herbe Qualen Sind bitterer, als hoffnungsloser Schmerz. Erträumtes Glück ist nie mit Golde zu bezahlen, Mit keinem Königreich, nicht mit der ganzen Welt. Wo ist der Fürst, dem nie der Schmerz den Busen schwellt? Allein der Hoffnung Traum, er gleicht den heitern Strahlen Des Diamant's, den nie der kleinste Fleck entstellt. Dem Maler gleich, der aus verschiednen Auen Die schönsten Theile wählt; dort einen stillen Hain, Hier einen See und dort umranketes Gestein, Dort ein Gebirg, um das der Wolken Nebel grauen, Und so der Landschaft reizend Bild Mit allem, was sein Blick nur Schönes sah, erfüllt: So sucht die Hoffnung auch zu ihren Schildereyen Die schönsten Farben nur hervor, Und alle Gruppen, die das holde Bild entweihen, Verhüllt sie uns mit ihrem Zauberflor. Was glich dem Schmerze nur, der Psychens Brust durchbebte, Als jetzt der milde Schleyer schwand, Und, statt der grünen Flur, sie öden tiefen Sand Und wildes Moor, um das ein gift'ger Nebel schwebte, Statt klarer Silberquellen fand. Wie fern war noch das Ziel, zu dem sie sehnend strebte, Wie rauh die Wüste nicht, durch die der Pfad sich wand! Ach, durch der Schatten düstres Land Ging jetzt der Weg zu ihrem Glücke! Und welches Gottes starke Hand Führt sie aus jener Kluft zurücke, Die von des Tages Licht auf ewig uns verbannt? Doch warum zögr' ich noch? Was frommt das öde Leben? So ruft Psycharion. Im Tode flieht das Leid; Wo keine Sorgen mehr den Busen stürmisch heben; Da nur ist Ruh, da nur ist Seligkeit! Hinab, hinab, die Palme zu erstreben, Die mir nach bangem Kampf die süße Ruhe beut! So ruft sie aus und eilt durch Wald und Thal zum Strande. Dort steht ein Kahn, das Segel hoch geschwellt, Sie tritt hinein, und rasch vom Ufer fort geschnellt, Entflieht er pfeilgeschwind dem Lande. Rasch eilt das Schiff. Schon zeigt kein Land sich mehr; Der Blick sieht nichts als bunte Luftgefilde, Und ringsum braust hoch auf das ungeheure Meer. Nur schaun zuweilen noch, wie zarte Duftgefilde, Zerstreute Inselgruppen her. Jetzt fliehn erst Asiens, dann Kreta's holde Auen Dem Blick vorbey, und bald zeigt Griechenland, Das, dem Gewölke gleich, des Morgens Düft' umgrauen, Am Horizont des Meers den segenreichen Strand. Schon sind umschifft Cythera's duft'ge Wälder; Messeniens fruchtbare Felder Entziehn dem Meere schon den flachen Uferrand; Jetzt thürmen Elis steile Höhen Sich am Gestad' empor; Achaja's Spitze blickt Ein Weilchen jetzt daher, und rasche Winde wehen Das Schiff von Samos Strand, mit holdem Grün geschmückt; Nun läßt sich schon das Felseneiland schauen, Wo einst die göttliche der Frauen Der Freyer Uebermuth mit frommer List bestrickt. An Akarnaniens Gestad mit Windesschnelle Flieht jetzt das Schiff vorbey, Epirus Ufer nahn, Und rasch hinweggewälzt von hoher Meereswelle, Naht sich dem Hafen jetzt der leichtbeschwingte Kahn. In eine Felsenbucht, vom hohen Wald umsäuselt, Wo außerhalb das Meer sich thürmt, hoch am Gestein, Doch innen friedlich sich die stille Welle kräuselt, Führt jetzt der Kahn Psycharion hinein. Sie steigt an's Land. Ein dunkler Fichtenhain Empfängt gastfreundlich sie in seine kühlen Schatten, Und sanftes Moos, vom klaren Quell erfrischt, Mit Majoran und Weilchen untermischt, Schenkt die gesehnte Ruh der Matten. Ein süßer Schlaf, aus gold'nen Höhn gesandt, Senkt sich, mit freundlichem Gefieder Auf ihre müden Augenlider Und leitet ihren Geist in holder Träume Land. Sie wähnt, es steh', umhüllt von bunten Regenbogen, Der Liebe Gott vor ihrem Blick. Voll Scham und süßer Angst bebt sie erstaunt zurück, Doch, mächtig von ihm angezogen, Naht sie sich wiederum. Sein Blick ist sanft und mild, Kein Vorwurf schaut aus seinen Zügen; Nur zarte Schwermuthswölkchen fliegen Um seine Stirn. Mit Thränen füllt Sein Auge sich, als er die Hold' erblicket. Psycharion, so ruft er wehmuthsvoll, Unglückliche, erkennst du mich noch wohl? Er ist dahin, mein Traum, der einst mein Herz beglücket, Schon lange blüht die Freude mir nicht mehr; Und ach, doch fällt es stets so schwer, Dem zu entfliehn, was einst das Herz entzücket! Rauh ist der Prüfung Pfad, zu der dich Cypris schicket, Drum komm' ich dir zu helfen her. Nimm diesen Ring. Mit zaubrischem Gesange Hat Hekate ihn einst geweiht, Und jeder Sterbliche ist unsichtbar, so lange Er ihn am Finger hegt mit strenger Sorgsamkeit. Nimm ihn und geh, das Große zu vollführen, Und wohl uns, wenn dein Flehn den untern Zeus bewegt; Dann kann ich, holde Braut, dich nimmer mehr verlieren; Dann fesselt ewig uns der holden Liebe Band. So rief der Liebesgott und schwand. Dem Wanderer, dem auf verirrten Wegen, Wenn über ihm ein wilder Sturm erwacht, Am Horizont ein blaues Wölkchen lacht, Das ihn schon fröhlich hoffen macht, Das Wetter werde bald sich legen, Doch schnell entschwindet es, und fürchterlicher kracht Des Donners Wuth mit zehnfach stärkern Schlägen, Und schmetternd rauscht der winterliche Regen Herab durch die gespensterschwangre Nacht, Ihm glich Psycharion, als sie vom Schlaf erwacht. So hat mich nur ein süßer Wahn betrogen? Rief sie bekümmert aus, als sie allein sich fand. Ach wallt' ich ewig doch an holder Träume Hand! Des Lebens Aether ist mit Wolken stets umzogen, Und nur im Traume blüht der Wonne Vaterland. Sie senkt den trüben Blick; doch schnell mit neuem Leben Schaut sie empor, sie glaubt ihr Auge trügt, Denn sieh, an ihren Finger schmiegt Das gold'ne Kleinod sich, das Amor ihr gegeben. O Wonne! ruft sie aus, so war es denn kein Wahn? So ist mein Bild noch nicht aus seiner Brust entschwunden? Er liebt mich noch? O seligste der Stunden! Jetzt wandl' ich ruhig fort die fürchterliche Bahn. Bald werd' ich schön verklärt an seiner Seite schweben, Bald froh mit ihm der Götterwelt mich nahn. Euch Schatten segn' ich jetzt, die bald mich trüb' umfahn, Denn aus des Todes Schooß entkeimt mein schönres Leben. So ruft sie aus, und wandelt kühn Den unbetretnen Pfad. Bald hemmet eine Klippe, Bald eines Stromes Lauf, bald dornigtes Gestrippe Die matten Füße, bald umziehn Die öden Felder steile Höhen; Nichts schreckt sie ab. Doch jetzt entschwindet alles Grün Der durst'gen Au; nichts ist als Sand zu sehen, Und schwüle, gift'ge Lüfte wehen Verderben auf die Flur. Die Haine stehn verbrannt, Fremd scheint der Himmel hier, roth glimmt der Sonne Feuer Und Acherons umschilfter Weiher Wirft seine schwarze Fluth lauttönend an den Strand. Am Bord des Sees erhebt hochauf in finstre Lüfte Ein kahler Fels sein ungeheures Haupt. Kein Eppig, keine Rank' umlaubt Mit kargem Schmuck den Schlund der schaudervollen Klüfte, Die gähnend ihn umziehn. Dem Land des Todes nah, Scheint ihm das Leben fremd. In eine hohe Pforte, Von ew'ger Nacht bewohnt, stürzt sich des Sees Fluth Hinab zu jenem dunklen Orte, Wo alle Freude schweigt und aller Kummer ruht. Psycharion betritt mit fürchterlichem Zagen Den schmalen Pfad, an dem der Strom sich nieder rollt. So soll sie jetzt dem süßen Licht entsagen? Zwar viel hat sie im Leben schon ertragen, Und ach, doch lächelt ihr das Leben noch so hold! Doch nur getrost! Was sollte der nicht wagen, Der nichts mehr zu verlieren hat? Hinab, hinab den fürchterlichen Pfad! Giebt Amor dir nicht freundlich das Geleite? Schwebt Lieb' und Hoffnung dir nicht lächelnd an der Seite? Reißt deine Sehnsucht dich nicht hin zur raschen That? Der Kämpfer strebt nach Sieg und Ruhm im Streite, Doch nie ward Sieg und Ruhm noch ohne Schweiß erreicht; Doch wenn der Liebe Hand das Schwert des Helden weihte, Wie wird ihm dann der Sieg und wie der Tod nicht leicht? Die Liebe überschifft des Meeres tiefe Gründe, Die Liebe trotzt der Elemente Macht, Sie kämpft und siegt in wilder Männerschlacht, Sie bahnt sich einen Weg durch nie betretne Schlünde, Und taucht sich froh in's enge Reich der Nacht. So ruft sie aus, und geht, halb muthig, halb mit Zittern, Dem Strome nach, der gleich entfernten Ungewittern Dumpfmurmelnd braust und lacht. Ein jeder leise Tritt Scheint den benetzten Grund elektrisch zu erschüttern, Und ringsum bebt die Fluth, die Wände beben mit. Umhüllt von dicht gewebten Schatten, Hört sie nur noch der Wogen dumpf Gebraus. Doch plötzlich dehnet sich ein weiter Himmel aus, An dem sich Nacht und Tag, in sich verfließend, gatten. Ein Dunkel herrschet hier, kein Licht. Der schauerlichen Dämmrung Schleyer Durchglimmert ein bewegtes Feuer, Dem es an Glanz und Helligkeit gebricht. Psycharion erbebt. So bist du denn im Lande, Das Keinem je die Wiederkehr vergönnt, Wo der Vernichtung Hand des Lebens schönste Bande Zerreißt und Herz vom Herzen trennt; Wo ohne Gram und ohne Klage In langen Schlaf der müde Pilger sinkt, Indeß mit nassem Blick am düstern Sarkophage Um den entflohnen Freund der Freund die Hände ringt. So bist du denn in diesen öden Weiten, Wo Schatten nur die Dämmerung durchgleiten, Die einzig Lebende! Gedanke voller Graus! Hier schlägt kein Herz dir liebevoll entgegen, Die bleichen Wesen fliehn auf nachtumhüllten Wegen, Und keines hält den Blick des Lebens aus. So denket sie, und unbegränztes Bangen Ergreift die Zögernde. Doch schnell ermannt sie sich, Sie schreitet fort. Schon rennen fürchterlich Mit blassen, eingefallnen Wangen, Die faltenreiche Stirn umzischt von gelben Schlangen, Und das zerstörte Kleid mit schwarzem Blut befleckt, Die Furien heran. Rings grinsen Ungeheuer, Und Natternbrut, im Orkus ausgeheckt, Versperret jeden Pfad. Bewehrt mit regem Feuer, Streift dort Chimera her und, tief im Sumpf versteckt, Zischt Lerna's Drache dort, von jedem Fuß gemieden. Harpyen flattern hier, dort grause Stymphaliden, Dort ruht das Ungethüm, das Perseus hingestreckt. Doch seht, schon naht sie sich den Wogen Des schwarzen Styr. Der graue Fährmann weilt Am Strand, auf's Ruder hingebogen, Bis sich der Nachen füllt. Mit leisen Schritten eilt Psycharion herzu und, jedem Blick verschleyert, Betritt sie kühn das Schiff. Schon flieht das Land zurück, Und langsam jetzt und schwer durchsteuert Das morsche Boot die Fluth. Noch einen nassen Blick Wirft Psyche wehmuthsvoll zum fliehnden Uferrande, Und schauet stumm und starr dann auf die Fluth hinab. Du siehst das Leben fliehn und eilest in dein Grab! Raunt ihr die Furcht in's Ohr; doch schnell zum süßen Pfande, Das Amor ihr geschenkt, blickt sie ermuntert hin, Und Rosen blüh'n im düstern Schattenlande, Und heitrer wird der tiefgebeugte Sinn. Jetzt naht der Kahn des Orkus düsterm Strande, Und leise, wie ein West um junge Blumen hüpft, Die seinen Ruß kaum fühlen, schlüpft Psycharion heraus. Mit grimmiger Gebehrde, Das Schlangenhaar gesträubt, die Zähne scharf gewetzt, Springt Cerberus hervor. Wild peitscht sein Schweif die Erde. Die weiten Rachen sind mit schwarzem Blut benetzt. Laut brüllt er auf. Beym schrecklichen Geheule Erbebt der Grund, und lang' hallt Echo es zurück. Psycharion erblaßt, sie wendet ihren Blick Hinweg, und flieht in rascher Eile Dem Ungethüm vorbey. Und sieh, aus Marmor hebt Sich jetzt ein Dom hoch in die schwarzen Lüfte, Von keiner Kunst geschmückt, von keinem Reiz belebt. Einfach und groß, so wie Aegyptens Königsgrüfte, Ragt er empor. Ein ew'ges Schweigen schwebt, Die Flügel weit gespannt, um seine düstern Zinnen, Und jeder Ton, der hier dem Mund entbebt, Scheint lautlos und gedämpft zum Flüstern zu zerrinnen. Zwey Sphynre sind dem Thor als Hüter zugesellt; Sie ruhn bewegungslos; nur ihrer Augen Blitze Sind ihres Lebens Pfand. Den Busen bang geschwellt, Naht Psyche jetzt des Hades ödem Sitze. Sie tritt hinein, und auf erhabnem Thron Sitzt hier an seiner Gattin Seite Der Gott, den nie der Schmerz, nie süße Lust erfreute, Saturnus ew'ger ernster Sohn. Wild ist des Gottes Blick. Auf seinen Augenbraunen Ruht sinnend düstre Majestät. Die Schöne beugt die Knie und dreht Den Ring vom Finger ab und Staunen Ergreift des Gottes Herz. Wer bist du, ruft er aus, (Und wie entfernter Donner tönet Der Stimme Laut) die bis in Hades düstres Haus, Zu dem noch niemals sich ein Sterblicher gesehnet, Dich unsichtbar genaht? O Gott, Erhabner, spricht Psycharion, nicht frevlendes Gelüste, Nein, eine stärkre Macht und eine höh're Pflicht Zwang mich herab zu des Kocytus Küste. Drum zürne, Mächtiger, der armen Psyche nicht. An deine Gattin hat Cythere mich gesendet. O wenn dein Herz das süße Mitleid kennt, So sprich ihr zu, daß sie zu reden mir vergönnt, Daß sich ihr Blick nicht zornig von mir wendet, Von mir, die Glück und Leben von ihr fleht! So ruft sie zitternd aus, und geht Gebeugt hinzu, und wirft sich nieder, Küßt demuthsvoll des Herrschers hohen Thron, Hebt schmachtend dann die holden Augen wieder, Und flüstert, flehnden Blicks, mit sanftgedämpftem Ton: Persephone, vom Schicksal herbeschieden, Erschein' ich scheu vor dir mit demuthsvollem Blick. In deiner Hand ruht meines Herzens Frieden, Ruht mein Verderben und mein Glück. Nicht wagt' ich es, vor deinen Thron zu treten, Wenn höh're Macht mich nicht zum Orkus hergeschickt. Darum erhöre mich! Mit schüchternen Gebeten Liegt Amors Braut vor dir im Staube hergebückt. Ach einst erblickt' ich schönre, beßre Tage, Mit Rosen kränzte sie der Liebe Zauberhand; Doch jetzt verdammt zum Gram, verdammt zu ew'ger Klage, Such' ich nach Trost im düstern Schattenland. Du kannst ihn mir verleihn! O rette, Göttin, wehre Dem wilden Gram, der nie in meinem Busen schweigt. Zwar Großes ist's, was ich von dir begehre, Doch milden Herzen wird das größte Opfer leicht. Von deinen Reizen wünscht Cythere Ein Theilchen sich; wenn sie den Wunsch erreicht, Dann ruh' ich froh, umfaßt vom Arm des holden Gatten. Allein gewährst du mir die bange Bitte nicht, Dann kehr' ich nimmer heim, im Reich der düstern Schatten Bleib' ich zurück, auf ewig fern vom Licht. O hast du je der Liebe Glück empfunden, Hat je ihr süßer Hauch im Busen dir geweht, Sind jemals dir die rosenfarb'nen Stunden Schnell wie ein Morgentraum im süßen Rausch entschwunden, So horche mild auf mein Gebet. Und hast du je die Qual der Trennung fühlen müssen, Hast du umsonst nach Rettung je gespäht, Sind jemals unter süßen Küssen Der Gatte, der Geliebte, dir entrissen, So horche mild auf mein Gebet. Bey Luna's gold'ner Flur, bey deiner Mutter Schmerzen, Bey den Gespielen, die das Haar dir einst bekränzt, Bey deinem Thron, bey deines Gatten Herzen, Bey jenem Strome, der dein düstres Reich begränzt, Beschwör' ich dich, erfülle mild mein Flehen! Laß mich nicht rettungslos von deinen Füßen gehen! So spricht Psycharion, und schaut empor, und schweigt. Die Göttin fühlt ihr Herz von Mitleid sanft erschüttert, Und selbst die harte Brust des Gatten wird erweicht. O Wunder, eine Thräne zittert In seinem Aug', und huldvoll neigt Den Scepter er herab. Die hehre Göttin reicht Bedauernd ihre Hand der Armen Und spricht: Ermuntre dich, des Schicksals Zorn entweicht. Den sinstern Hades selbst ergreift Erbarmen, Drum sey auch mir Cytherens Bitte leicht. So ruft sie tröstend aus und steigt Vom Thron herab und füllet eine Flasche Mit ihrem Reiz und giebt sie Psychen hin. Geh, sag' deine Herrscherin, Wenn sie ihr Angesicht mit diesem Balsam wasche, Dann sey sie doppelt schön. Doch, daß dein kühner Sinn Von diesem Zaubertrank nicht selbst zu kosten suche! Denn schnell, wenn deine Hand das heil'ge Siegel bricht, Stirbst du dahin, erreicht von Proserpinens Fluche; Schaust nie den Gatten dann, und nie das süße Licht. So wie dem Schiffer ist, dem wilder Stürme Wehen Den Kahn zerschmetterte, und der ein Brett erreicht, Auf dem er hofft dem Tode zu entgehen; Schon kann sein Blick das ferne Ufer sehen, Schon naht er sich, doch plötzlich steigt Ein Wogenberg empor; er kömmt mit Pfeilesschnelle; Schon sieht der Zagende sich an des Todes Schwelle; Verzweifelnd läßt er schon das Brett, das er umspannt; Jetzt naht sie sich, sie packt ihn wild, die Welle; Hoch hebt sie ihn empor und schleudert ihn an's – Land; So war der Holden jetzt. Vergessen und vergeben Ist alle Schuld. Im lichten Morgenglanz Sieht sie die Zukunft jetzt vor ihren Blicken schweben. Sie fühlt in ihrer Brust ein ätherreines Leben, Und reizend winkt der Liebe Myrtenkranz. Sie fühlt ihr Herz von Wehmuth überfließen, Küßt sprachlos und gerührt Persephonens Gewand, Wirft demuthsvoll dem Herrscher sich zu Füßen, Und schnell enteilet sie dem düstern Schattenland. Doch wer beschreibt der Seligen Entzücken, Als ihr zuerst das Licht der Sonne wieder strahlt! Sie irrt umher mit trunknen Blicken, Und alles scheint ihr neu. Mit reinerm Purpur malt Die Rose sich, gelinder wehn die Weste, Mit frischerm Laub kränzt sich der grüne Hain, Ein weichrer Teppich scheint die Quellen zu umziehn, Und ringsum die Natur, wie aufgeschmückt zum Feste, In schönrer Lebenskraft zu blühn. Sie lagert sich in dunkle Schatten, Und athmet tief mit süßer Lust Der Lüfte milden Hauch in ihre warme Brust. Sie denkt an's Wiedersehn, denkt an den holden Gatten. Allein ein Zweifel zuckt ihr plötzlich durch den Sinn. Wird Amor immer auch mir seine Liebe schenken, Mir, die ich nur ein Erden-Mädchen bin? Ach könnt' er noch einmal durch seine Flucht mich kränken, Ich trüg' es nicht; dem Tode sänk' ich hin. Wie schwach ist doch mein Reiz, mit jenem Reiz verglichen, Der eine Ewigkeit aus Götterwangen blüht! Bald ist das Braun des weichen Haars verblichen, Bald hat dies Auge ausgeglüht; Doch jene strahlen fort in immer frischem Glanze, Umwunden von der ew'gen Jugend Kranze, Ist keine, die den Schnee des fernen Alters sieht. Doch wie? hab' ich den Balsam nicht in Händen, Der ewig jung und ewig reizend schafft? Ein Tröpfchen nur braucht' ich der Flasche zu entwenden, Nie würd' ich alt und nie vom Tode hingerafft. Doch hat Persephone es mir nicht streng verboten? Droht mir ihr Fluch beym Ungehorsam nicht? Ach, jene herrscht im fernen Reich der Todten. Wer sieht's, wenn meine Hand das schwache Siegel bricht? So schwankt sie zwischen Lieb' und Pflicht. Doch ach! in solchem Kampf, wann siegt die Liebe nicht? Sie zweifelt, bebt; doch schnell, mit festem Willen, Bricht frevelnd sie das Siegel jetzt. Ach schon bereut sie es, daß sie es kühn verletzt; Die Flasche raucht, und schwarze Düfte füllen Die reine Luft ringsum, sie hüllen In gift'gen Dampf die arme Frevlerin; Und ach! so nah dem schwererkämpften Ziele, Sinkt Psyche, halb erstickt, im ängstenden Gefühle; Bewußtlos auf den Boden hin.