2. Der Appenzeller Krieg In neun Romanzen Einladung Folget meines Liedes Stimme Nach dem allerstillsten Thal, Sicher vor des Sturmes Grimme, Nicht verbrannt vom Sonnenstral, Ruh' und Kühlung zwischen Hügeln, Matten grün und Himmel hell; Kommt, laßt uns den Schritt beflügeln, Bis wir sind im Appenzell. Kühe weiden, Bienen saugen, Gras und Blume stehn so dicht, Sättigt die vergnügten Augen, Suchet Baum und Rebe nicht! Wenn ihr von den Bergen kommet Fehlt euch Speise nicht und Trank, Milch und Honig – was euch frommet, Harret auf der Ruhebank. Satt und fröhlich sollt ihr werden, Setzt euch vor das kleine Haus; Hütten breiten sich, wie Heerden Auf dem grünen Anger aus. Niedrig und geborgen stehen Sie auf friedevollen Au'n, Wer es siehet, muß gestehen: Hier ist lieblich Hütten bau'n. Hier wohnt Hochmut nicht, noch Schande, Froh ist Alles, Alles gleich; Wer ist König hier im Lande, Macht es in der Armut reich? Wenn ihr nach dem König fraget, Ruft das Volk euch lachend zu: »Hinten sitzt er, wo's mittaget, Herrscht schon lang in guter Ruh'! Dort auf dem granitnen Throne Tausendjährig sitzt der Greis, Trägt von Felsen eine Krone, Schnee färbt seine Scheitel weiß. Der beschirmet unsre Samen, Deckt mit seinem Leib das Land, Ist mit edlem Fürstennamen: Hoher Säntis rings genannt.« Seltsam Volk, deß Hütten Wälle, Dessen Reichtum Schaf und Rind, Schatz und Vorratskammer Ställe, Dessen Fürsten Berge sind! Wer hat dir dein Loos geschaffen, Ohne Wunsch und ohne Harm? Sieh, da heißt es: unsre Waffen! Sieh, da ruft es: unser Arm! Und in's Wort der braunen Hirten Stimmt der Mund der Weiber ein; Die den Wandrer mild bewirten, Wollen nicht vergessen sein: Denn es siegten mit die Frauen, Und wenn's auch ihr Arm nicht that, That's ihr Antlitz, streute Grauen Auf des Feindes flücht'gen Pfad. Nun, bereitet ist die Kunde: Grünes Thal, so sei uns hold! Laß aus deinem dunkeln Grunde Strömen sie, wie flüssig Gold. Lieblich, wie der Wiesen Blume, Sonder Schmuck, wie deine Flur, Glänze sie vom lautern Ruhme Deiner frommen Helden nur! 1. Die Appenzeller tagen Seht! die Gipfel färben sich Mit der ersten Morgenhelle, Drunten noch in Nacht gehüllt Liegt des Abtes feste Zelle, Wo der finstre Vogt ihm hauset, Der den Bauern hält als Knecht; Doch der Herr sitzt in Sankt Gallen Und verschließt sein Ohr dem Recht. Aber von den Bergen steigt Nieder auf den Felsenstegen Rüstig Sennenvolk ins Thal, Aus den Hütten hochgelegen; Und die in der Tiefe wohnen Harren schon auf grünem Plan; So, indem der Dränger schlummert, Bricht der Tag der Freiheit an. Arme Hintersassen sind's, Lassen ihrer doch nicht spotten. Wie sie kommen, Dorf um Dorf, Stellen sie sich auf in Rotten. Ohne Namen und Geschlechter, Ohne Brauch und Obrigkeit, Doch beginnen sie zu tagen, Denn sie lehrt's die schlimme Zeit. Eines Haupt sieht man im Kreis Ueber andre Häupter ragen, Der die grausten Locken hat, Der viel weiß aus alten Tagen, Der die Freiheit jung gesehen Drüben ob und nid dem Wald: – »Ihr sollt die Gemeinde führen« Ruft das Volk, »Herr An der Hald!« Und es nimmt der Greis das Wort: »Wer zu klagen hat, der klage! Wem der Herr ein Leid gethan, Wen ein Vogt gekränkt, er sage! Was wir schuldig sind zu leisten, Geben wir dem Abte gern, Unrecht mögen wir nicht dulden, Nicht vom Diener, noch vom Herrn!« Hundert Stimmen wurden laut, Murrten, wie des Flusses Wellen, Daß der Vogt im Schlafe dacht': Ist die Sitter 1 denn im Schwellen? Doch er schlummert fort im Schlosse, Und zur Stille mahnt der Greis! Der nur soll zum Volke reden, Der gewisse Kunde weiß. Alsbald hebet Einer an Wie dort Abt und Probst es treiben: Gehn auf Fisch- und Vogelfang, Mögen nicht im Kloster bleiben. Und ein Andrer hat's gesehen: Bei den ehrenwerten Frau'n, Läßt der Abt im heil'gen Münster Seiner Kammer Metze schau'n. Anderhalde sprach, der Greis: »Möget ihr ihn drüber richten? Solches sündigt er dem Herrn, Mahn' ihn der an seine Pflichten! Kümmert's uns, wenn hinter'm Berge Einer lebt im wilden Braus? Bleibe rein nur unsre Kammer, Heilig unser Gotteshaus. Darum bringet andres vor: Wem ward Gut und Blut beleidigt? Wer bedarf's, daß gegen Schmach Ihn der Brüder Arm vertheidigt?« Und zween Männer traten klagend Vor das Volk, in bittrem Leid; Blut'ge Wunden trug der Eine, Und der Andr' ein Trauerkleid. »Meint ihr,« schrie der Erste laut, »Daß ich trage Schwertes Wunde? Vor dem Helfenberger Schloß Hetzt' auf mich der Probst die Hunde! Jagen fand er mich im Walde, Rief erbost: Die Birsch' ist mein, Und der Bauer soll mir frohnen, Soll nicht selber Jäger sein. Und der Edelleute Troß, Die ihn trotziglich umringen, Pfeifen seinen Doggen bald, Daß sie mich zu Boden zwingen. In der Nacht bin ich geflohen, Wie ein scheues Wild gejagt; Macht er uns zum Thier des Waldes? Das sei Gott und euch geklagt!« Der im Trauerkleide sprach: »Rettet mir des Hauses Ehre! Wer da lebt, der wehret sich, Tote nur sind ohne Wehre. Nicht mehr sicher in der Erde Sind sie vor der Vögte Wut; Meines Vaters Leiche rufet Laut, wie dieses Mannes Blut.« Als im kühlen Boden wir Gestern ihn mit Leid begraben: Kömmt der Vogt von Schwendi her, Will des Alten Leibrock haben. Ihm gebühret, spricht er trotzig, Jedes Toten bestes Kleid. – »Herr! wir haben ihn im Sarge Mit geschmückt, es ist uns leid! Und der Grimme geht an's Grab, In dem Herzen hegt er Arges, Läßt den Boden wühlen auf, Zerrt am Deckel seines Sarges, Oeffnet, zwingt den starren Vater Noch einmal ans Tageslicht. Zieht dem Leichnam ab die Hülle Vor der Kinder Angesicht!« Mit Entsetzen horcht das Volk, Aber eh' den Spruch es waget, Theilt ein Weib der Männer Kreis: »Hört mich,« schreit sie, »weil ihr taget! Wär' ein Bote mir geblieben, Hätt' ich gern euch den gesandt; Doch es liegt mein Mann ermordet, Und mein Söhnlein ist verbrannt! Frisch und fröhlich war der Mann, Mocht' ein keckes Wörtlein sagen: Sieh! von Bußnang kommt der Probst Grimm zu Roß, läßt ihn erschlagen; Heißt mich aus der Hütte treiben, Hinter mir liegt Haus und Kind. Jetzt erst wirft er drein die Flamme, Daß die Asche fliegt im Wind! Gott des Zorns, gieb Manneskraft Meinem Arm zu meinen Schmerzen, Oder gieb, barmherz'ger Gott, Diesen Männern Mutterherzen! Daß die Väter in dem Lande Mögen sprechen frei und warm, Daß die Mütter können lächeln, Ihre Kinder auf dem Arm!« Als das arme Weib so sprach, Huben sie den Arm, den straffen; Und errötend rief der Greis: »Männer, sagt, wo habt ihr Waffen?« »Seid getrost, Herr Anderhalde! Haus und Stall sind voll davon: Bickelhauben, Hellebarden, Panzer harren lange schon!« Und er sprach: »So komm' hervor, Steige hinter unsern Bergen, Die du Mord und Brand geschaut, Und den Gräuel an den Särgen, Zeuge für uns, Gottes Sonne, Daß der Krieg nicht unsre Schuld, Denn die wilden Frevel rissen Aus der Seele die Geduld!« Bald sind's keine Hirten mehr, Blanker Harnisch glänzt an allen, Und der Greis eilt durch den Wald Zu den Freunden in Sankt Gallen: Die gen Bußnang, die zur Zelle, Scharen klimmen hier und dort, Morgen vor dem Helfenberge Sagen sie dem Probst ein Wort. Fußnoten 1 Das Hauptflüßchen Appenzells. 2. Wie der Probst gestraft wird Auf dem Helfenberger Schlosse, In des Thurgau's fettem Thal, Sitzt der Probst mit edlen Herren, Hält beim roten Wein das Mahl. Aber röter als der Wein Fängt der Himmel an zu stralen, In den klaren Teichen sehn Sie die dunkle Glut sich malen. Bußnang steht in düstern Flammen, Keßwyl's alter Thurm, er raucht, Enn' und Bürglen glühn zusammen, Eins vom andern angehaucht. Qualm erfüllt das grüne Thal, Immer steigt die Flamme heller, Und im Fliehen ruft ein Knecht: »Herr, ach Herr, die Appenzeller!« Und es hebt der Vogt von Schwendi Blaß und zitternd sich vom Mahl, Und der Vogt der Abteszelle Stürzet flüchtig in den Saal. Aus dem Schlaf ward er gejagt Mit dem ersten Morgenschimmer, Und der Hirte hinter ihm Riß die Burg in Schutt und Trümmer. Oede wird es an den Tischen, Zu den Waffen ruft der Probst, Doch ihn warnt ein frommer Ritter: »Herr! umsonst ist's, daß du tobst. Als du Vater schlugst und Kind, Und auf Menschen hetztest Hunde, Brannten deine Burgen schon, War gekommen deine Stunde! Lege gütlich dich zum Ziele; Was du thatst im Zornesmut, Büße mit gelinden Worten, Kluge Reu' macht vieles gut!« Zag und trotzig spricht der Probst: »Seht Ihr Bürger von Sankt Gallen? Mit den Bauren handl' ich nicht; Bürger lass' ich mir gefallen.« Und den Feinden vor der Veste Thut sich auf das alte Thor; Würd'ge Bürger von Sankt Gallen Bringen ihr Begehren vor. Freundlich von dem roten Wein Schenkt der Probst den ernsten Gästen; Ihnen, nur den Hirten nicht, Uebergiebt er seine Vesten. Doch die schlichten Appenzeller Trauen ihrem Feinde nicht, Es gelüstet sie, zu schauen Ihres Gegners Angesicht. Der so vielen Leids gethan, Selber wollen sie ihn hören; Kam aus seinem Mund der Eid, Wollen sie ihm Frieden schwören. Als sie zornig dieß bedeutet, Thut sich auf das alte Thor, Und auf seines Schlosses Brücke Tritt der stolze Probst hervor. Zitternd unter seinem Schritt Schwankt das Brett und bebet lange, So, den Abgrund unter sich, Steht der Herr und schwöret bange. Und die Schar betrübter Ritter Ziehet stille mit ihm aus. Auch der Hirte schwur ihm redlich, Wandelt ohne Groll nach Haus. Einsam, aufrecht steht die Burg Zwischen den verheerten Auen, Darf, geschirmt von Männereid, Hoch auf Trümmer niederschauen. 3. Wie die Schwabenstädte Abt Kuno Hilfe senden Wandrer mögen gerne spähen Von dem Vögliseck in's Land, Sich den blauen See besehen Und die Städte längs dem Strand: Bregenz unter düstern Fichten, Helles Lindau, Inselstadt, Mörsburg zwischen Wein und Früchten, Kostnitz, das den Rheinstrom hat; Aber das ist nicht, was heute Sieht der Appenzeller Hirt, Dessen Blick die offne Weite, Finstrer Sorgen voll, durchirrt: Er zählt nur die Männerscharen, Die aus Schwabens Städten ziehn, Er sieht nur die Schiffe fahren, Alle her und keine hin. Wie von giftigen Gewürmen Wimmelt das Gestade schon, Fröhlich von Sankt Gallens Thürmen Lädt sie ein der Glocken Ton. Und ein Wiehern steigt von Pferden Aus dem tiefen Thal herauf; Nach der Heimat mit den Heerden Eilt der Hirt in schnellem Lauf. Drunten meldet er die Kunde; Und, die Panzer angethan, Fängt in seinem Wiesengrunde Appenzell zu tagen an. Doch wer soll dir Kundschaft bringen Aus der feindevollen Stadt, Völklein, das zu solchen Dingen Wenig Witz und Gabe hat? Greif' nur mutig zu den Wehren, Küre deinen Landshauptmann; Wirst du doch die Welt bald lehren, Was die kluge Unschuld kann: Deine Töchter werden Boten, Ziehen zu dem Feind mit Lust; In den Miedern bebt, den roten, Mutig eine treue Brust! Durch die Thore von Sankt Gallen, Wo der Wächter stehn genug, Läßt man doch die Mägde wallen Mit der Milch im schmucken Krug. Denn die Städter in dem Saale Mit des See's bejahrtem Most Tränkt der Abt, doch zu dem Mahle Taugt der Alpen fette Kost. Und die Jungfraun stehen drinnen Zierlich in des Klosters Flur, Spähn mit klugen Weibersinnen, Kommen vielem auf die Spur: Wo Herr Kuno mit den Schwaben Hält beim Becher lauten Rat; Wenn sie g'nug erlauschet haben, Gehn sie heim auf steilem Pfad. – Jene tagten auf der Wiese, Bis die Schar der Töchter kam, Und zum Vater eilet diese, Die zum rüst'gen Bräutigam: »Männer! weiter nicht gesäumet, Auf, gen Speicher diese Nacht! Wenn sie meinen, daß ihr träumet, Haltet vor dem Lande Wacht!« Und zweihundert sind gerüstet, Eh' der Mond am Himmel scheint, Die nach kühnem Kampf gelüstet Gegen zehnmal stärkern Feind. Einen klugen Scharenmeister Hat das treue Schwyz gesandt; Stille ziehen sie wie Geister, Nächtlich auf des Berges Rand. Ueber ihren Häuptern gehet Trüb und rot ein seltner Stern, Wie den Scheitel Haar umwehet, Wallt ein Schweif um seinen Kern. Wohl ist er ein finster Zeichen, Wo er scheint, da fließet Blut; Fließ' es denn von unsern Streichen! Denken sie im hohen Mut. 4. Die Schlacht am Speicher In dem grünen Speicherwald, Drunter schmucke Häuser liegen, Werden freie Männer bald Fröhlich sterben oder siegen. Von dem Sternenhimmel sieht Gott auf sie, der Herr der Schlachten, Wo das fromme Häuflein kniet, Betend hier zu übernachten. »Wenn es sein mag,« flehen sie, »Laß, o Herr! uns hier genesen! Oder sei der Boden hie Uns zum Kirchhof auserlesen Wer sich fliehend umgewandt, Werd' auf fremder Erd' erschlagen, Nicht das freie Vaterland Soll im Schoose solchen tragen!« Und der erste Sonnenstral Lächelt, wie sie sprechen Amen, Als die Feinde von dem Thal Nach den Höhn gestiegen kamen; Vorn die Edeln, hoch zu Roß, Die im Sattel stählern sitzen, Ihnen folgt ein kecker Troß Leichtbewehrter Bogenschützen. Doch sie sind die letzten nicht, Die bergan behende laufen: Hinten erst im Sonnenlicht Glänzen die gewalt'gen Haufen: Dicht, wie Blumen in dem Lenz, Funkeln Helme, winken Hüte; Constanz, Ravenspurg, Bregenz Sendet seiner Männer Blüte. Und die Kirche schickt den Bann Fluchend in des Hirten Ohren, Pfaffe, Bürger, Edelmann Haben Schmach ihm heut geschworen. »Will der Bauer,« sprechen sie, »Gegen uns sein Haupt erheben? Nieder muß er auf das Knie, Muß erst betteln um sein Leben!« Hättet ihr geschauet ihn, Ei, wie würdet ihr ihn loben, Denn er lag schon auf den Knie'n, Jetzt erst hat er sich erhoben. Ja, vor Gott hat er gekniet, Doch vor euch denkt er zu stehen, Ob er schon zurück sich zieht, Klug verborgen auf den Höhen. Einsam trifft der Feind den Wald, Ein Verhau von wenig Stämmen Macht ihm keinen Aufenthalt, Kann den raschen Zug nicht hemmen. Aus der Städter rüst'gen Reih'n Treten vor die Zimmerleute, Stoßen ihn mit Lachen ein: »Appenzell, bist unsre Beute!« Sieh da! von den höchsten Höh'n Rasselt es mit Steinen nieder, Wie im Sturme Schlossen weh'n, Und zersprengt die vordern Glieder. Und die Rosse bäumen sich, Drängen an's Gehölz den Reiter, Und wenn vornen Einer wich, Weichen hinten zehen Streiter. Dann in den verwirrten Zug Schießt der Pfeil und fährt die Lanze, Jetzt herunter erst im Flug Stürmt der Hirt vom Bergeskranze; Auf die dichten Haufen ein Haut er mit dem starken Arme, Und vergebens muß es sein, Wehrt sich einer aus dem Schwarme. Denn es fliegt der Alpenhirt Hüpfend auf die Felsenstücke, Daß kein Streich, kein Schuß verirrt Unter seinem sichern Blicke, Bis des Klosters Knechte fliehn, Die zuerst, wie feige Weiber, Stürzen auf die Andern hin, Wie auf's scheue Vieh die Treiber. Hunderte, sie möchten's gern, Kommen drunten nicht zum Schlagen, Und die Hirten stehn von fern, Schnelle Gemsen gilt's zu jagen. Hier und dort, als edles Wild, Hält ein Häuflein noch von Rittern, Dem die Brust von Grimme schwillt, Daß die Andern feige zittern. Doch erliegen sie dem Streit, Oder fliehen mit dem Heere, Da zerreißt sein Wappenkleid, Wem noch lieb ist Ritterehre. »Neben Pfaffen kämpfen wir, Neben Söldnern schnöder Städte! Weiche von uns Stammeszier! Fall' zu Boden, goldne Kette!« Endlich steht nur Einer noch Als des Ahnenruhms Bewahrer, Stolz, von Wuchse riesig hoch, Vom Geschlecht der edlen Blarer. Ein dreifältig Panzerhemd Deckt ihn wider alle Streiche: Seinen Rücken angestemmt, Ficht er unter einer Eiche. Den besieht vom Berge sich Doch zuletzt ein Hirtenjunge: »Hilft mir Gott, so fäll' ich dich!« Hebt die Schleuder dann zum Schwunge Einen spitzen Stein er schießt Ihm so flink durch's Helmesgitter, Daß das Blut sich draus ergießt, Und zu Boden stürzt der Ritter. Drauf herab hat sich die Flucht In Sankt Gallens Thal gezogen, Zwanzig Hirten in die Schlucht Sind ihr kühnlich nachgeflogen; Werfen einen Feuerbrand Vor den Thoren in die Mühle, Und gemach aus Feindesland Ziehn sie in der Morgenkühle. Und kein Schwert, kein Schild mehr klirrt; Auf dem Speicher weidet wieder Still der Appenzeller Hirt, Schaut in beide Thäler nieder; Höret aus dem Appenzell Freien Volkes Jubel schallen, Und ein Totenglöcklein hell Tönt herüber aus Sankt Gallen. 5. Appenzell kommt in der Freunde Hand Von des Säntis eis'gen Klüften Bricht ein frischer Südwind aus, Weht mit ungebundnen Lüften Durch das leere Gotteshaus; Schwingt sich über Feld und Hügel An des Bodensees Strand, Leiht den Schiffen seine Flügel, Jagt sie heim in's Schwabenland. In die halbverbrannten Vesten Kehrt zurück der Edelmann, Bauet an den schwarzen Resten, Daß er sicher wohnen kann. Aus der falschen Stadt Sankt Gallen Flieht ins feste Wyl der Abt, Weil des Klosters offne Hallen Schon der kühne Hirt umtrabt. Appenzell ist los des Feindes, Und sein Volk, der Bande frei, Lehnt sich auf den Arm des Freundes, Der ihm in der Not stand bei. Löri kommt, der Hirtenbube, Aus dem Schwyzerland heran, Das im Feld und Rathausstube Hilfe schickt, sechshundert Mann. Und die Männer mögen's leiden, Daß der Löri für sie kürt, Folgen willig und bescheiden, Wenn er ihre Rotten führt. Ihres Gleichen ist der Knabe, Der ins Thal herunter stieg Schlicht, an seinem Hirtenstabe, Mitzukämpfen heil'gen Krieg. Aber, der da kam zu Fuße Schwinget bald sich auf ein Roß, Steuer schreibt er, fordert Buße, Hält sich grober Knechte Troß. In des Volkes Rat erschien er Nicht wie andre Hirten mehr, Denn es trägt ihm nach der Diener, Wie dem Edelmann, den Speer. Auf dem Speicher, wo im Streite Freier Männer Stirne trof, Zehrt er von der Siegesbeute, Hält wie große Herren Hof. Schickt den Hirten auf die Höhen: Wildpret liebt er auf dem Tisch! Aus des Säntis tiefen Seen Fängt man ihm den besten Fisch; Denn er glaubt, vom Wein bethöret, Ihrer aller Herr zu sein: »Was dem Gotteshaus gehöret,« Schreit er, »Leut' und Land sind mein!« Als er das im Rausch gesprochen, Flogen Steine nach dem Wicht, Doch die Schwyzer, losgebrochen, Lassen von dem Führer nicht. Und die Ritter in dem Thale, Und der Abt im Schloß zu Wyl, Freuen wieder sich beim Mahle, Halbgewonnen ist ihr Spiel: »Sagt, ist das nicht Gottes Rache, Daß es dazu kam so schnell, Daß ein Bub' führt solche Sprache, Und regiert im Appenzell?« Regt sich in dem Land kein Rächer? Hebet seinen Arm kein Held? Ach, der Schwyzer ist ihr Sprecher, Und der Schwyzer führt im Feld! So verstreut sind ihre Rotten, So getheilt ist ihre Macht, Daß die Fremden ihrer spotten, Und der Nachbar sie verlacht. Doch des Volkes Seufzen wendet Nicht umsonst sich himmelwärts: Löri's Auge wird verblendet, Und verhärtet wird sein Herz. Wie die Städte friedlich sprechen Auf dem Tag zu Winterthur, Denkt den Frieden er zu brechen, Sinnt auf Raub und Beute nur. Hastig führt er seine Scharen Auf das Dörflein Zuckenried, Fromme Hirten bei ihm waren, Sangen ihm kein gutes Lied. Dennoch bundsvergessen fährt er In das Dorf mit Brand und Mord, Rings das schöne Feld verheert er, Zieht beladen wieder fort. Hinter ihm die Bauern fluchen, Höret er's nicht, hört's doch Gott! An der Mühle dunkeln Buchen Hallt's wie wilder Reiter Trott: Die von Constanz sind's, die Städter, Rächen grimm den Friedensbruch, Auf ihn nieder, wie im Wetter, Fährt und trifft des Himmels Fluch. Zwar die Hirten all', die treuen, Kämpfen für den falschen Freund; Appenzell! – laß dich's nicht reuen – Dir zum Glücke siegt der Feind! Laß nur fliehen deine Scharen; Deinem Hauptmann ist ein Pfeil In die falsche Brust gefahren, Jetzt erblüht dir wieder Heil. Seht, die wackern Männer tragen Fromm den Wunden aus der Schlacht. »Sei, weil ihn der Herr geschlagen, Seiner Sünde nicht gedacht!« Sprechen sie, – und auf dem Speicher Pflegen sie mit Sorgen sein, Aber immer wird er bleicher, Stirbt zuletzt in Reu' und Pein. Seiner Seele halten Messen Sie im frommen Appenzell, Haben nicht des Leibs vergessen, Laden ihn zu Rosse schnell, Führen ihn durch Berg und Thale Gen Einsiedeln in sein Grab; Wieder blickt mit heitrem Strale Gottes Sonn' ins Land herab. 6. Anderhalde's Traum Mit gekrümmtem Rücken sitzt In dem Stuhl Herr Anderhalde, Sah von ferne, wie es blitzt', Hirtenschwert im Speicherwalde; Labt sein Haupt im Sonnenschein An der Freiheit goldnem Morgen, Kann er nicht mehr mit befrei'n, Denken kann er doch und sorgen. Und es pflücken oft im Traum Hochbejahrte Greise wieder Von der Jugend grünem Baum Ahnungsbilder, Wunderlieder; Was sie da gehört, geschaut, Jüngre wird es unterweisen; So auch neiget sich ergraut Jetzt zum Traum das Haupt des Greisen. Ein Gesicht führt ihn empor, Wo mit seinem grünen Rücken In die Berge der Kamor 1 Und ins Thal zugleich darf blicken. In des Alpsteins Riesenkluft Schaut er, kann das Rheinthal grüßen. Thur- und Hegäu winkt im Duft, Appenzell zu seinen Füßen. Und ihm dünket menschenleer Seiner Heimat Thalgelände, Keine Hütten hin und her Sind gebaut durch kluge Hände. Der Bewohner harrt es stumm, Sitter nur und Urnäsch 2 brausen, Schauernd sieht der Greis sich um: Wer wird kommen, hier zu hausen? Luft und Erde jetzt erschallt Als von Flügelschlag und Tritten, Und es wimmelt aus dem Wald, Kommt mit Fittichen und Schritten; Thiere sind's in bunter Schar, Wollen Herrn des Landes werden, Und ein schwarzer, stolzer Aar Schlägt den Fittich vor den Heerden. Drüben kommen sie vom Stoß 3 , Falken, Schwäne, Greifen, Drachen; Brüllend, wiehernd, Stier und Roß, Wölfe mit dem blut'gen Rachen; Eber wühlen mit dem Zahn, Mit dem Rüssel Elephanten, Stürzen auf den grünen Plan Nieder von des Berges Kanten. Bange schaut der Greis zu Grund: Läßt das Land sich die gefallen? Alsobald im Alpenschlund Murrt es, daß die Felsen hallen. Staunend blickt er um sich her: Denn hervor aus sieben Thälern Stürzt der Alpen Herr, der Bär, Läßt das Hausrecht sich nicht schmälern. Droben ist er schon am Wald, Fährt den Thieren in die Hüften, Bäumt sich, steht und streitet bald Gegen Schnäbel in den Lüften; Stürzt zurück auf Wolf und Stier, Rachen gähnen gegen Rachen, Bald, umringt, erliegt er schier – Da mußt' Anderhald' erwachen. Und erprobte Männer läßt In das Haus er schleunig bitten, Spricht: »Ihr Brüder, haltet fest, Denn auf's Neue wird gestritten. Vor dem Auge steht mir hell, Wer sich für den Abt wird rüsten: Oestreichs Adler, Appenzell, Will in deinem Horste nisten. Ritter bringt er, kühn und wild, Wie die Thier' auf Helm und Wappen, Alle sah mein Traum im Bild Stolze Herren, freche Knappen, Wolfurt, Schwaneck, Greifenstein, Trautburg mit dem Haupt des Stieres; Ach, es wird kein Ende sein Dieses grimmigen Gethieres! Aber dich, o Völklein, auch Sah ich streitbar abgebildet, Wie nach grauer Väter Brauch Deine Gauen sich beschildet; Deiner Wälder altes Wild Führest du zu deinem Zeichen: Schwarzer Bär im goldnen Schild, Keinem Thiere wirst du weichen! Nur getrost hinauf zum Stoß, Dorthin durft' ich träumend blicken, Stier und Drachen, Greif und Roß, Dorther wird's der Adler schicken. Ja, dein Leben gilt es, Bär! Laß ihn fühlen deine Klauen, Einer nur, du oder er, Wohn' hinfort in diesen Gauen!« Fußnoten 1 Ein Vorberg des Säntis. 2 Flüsse Appenzells. 3 Waldrücken zwischen dem Rheinthal und Appenzell. 7. Wer der Appenzeller Feldhauptmann ward Draußen tagt die Landsgemeine Wieder in dem Wiesenthal, Denn es sammeln sich am Rheine Stolze Ritter ohne Zahl. Kämpfen sollen sie schon morgen, Arm und Waffen sind bereit, Eins nur fragen sie mit Sorgen: Wer soll Führer sein im Streit? Eh' sie den gefunden haben, Sehn die Rotten durch das Feld Einen schlanken Reiter traben, Rüstig wie ein Kriegesheld. Den schmückt herrliches Geschmeide! Männer, hört! das ist kein Hirt, Der in seinem Herrenkleide Sich in unsern Rat verirrt. Ei! das ließ Herr Anderhalde Doch nicht träumen sich im Schlaf! Drüben aus der Burg am Walde Ist's der Werdenberger Graf; Hält und steigt von seinem Pferde, Naht den Hirten ohne Trutz, An der armen Bauern Heerde Sucht der edle Ritter Schutz. Und er sprach: »Mir kam zu Ohren, Daß euch Oesterreich bekriegt, Bin ich euch zu hochgeboren, Nachbarn, daß ihr mir's verschwiegt? Wisset nur, ich bin vertrieben, Bin ein arm und einsam Haupt! Was vom Erbe mir geblieben, Hat der Herzog mir geraubt! Ihr seid frei und reich zu nennen, Ich bin ärmer als ein Knecht, Eure Namen wird man kennen, Ausgeblüht hat mein Geschlecht. Stolze Herren mögt ihr hassen, Ich bin nicht des Hasses wert, Nichts hat mir der Feind gelassen, Als mein Herz und als mein Schwert. Kann ein Ritterschwert euch frommen Und ein Herz von Zorn entbrannt, Nun so heißt auch mich willkommen, Laßt mich schirmen euer Land. Wenn der Streit ist ausgestritten, Gönnt mir eures Thales Rast, Nehmt mich auf in eure Hütten, Pfropft mich auf den wilden Ast!« Spricht's und löst die goldne Scheide Seines Schwertes aus dem Gurt, Reißt den Wappenschild vom Kleide, Vor dem Volk, das freudig murrt. Pflückt den Federschmuck des Hutes, Leget ab, was stolz und fremd, Fodert sich getrosten Mutes Ein gemeines Hirtenhemd. Und der Männer Wohlgefallen Bricht mit lautem Jubel aus, Der in langen Widerhallen Rollt bis an der Felsen Haus. Und dem neuen Bundsgenossen Rufet die Gemeine zu: »Edler Herr, es ist beschlossen, Unser Feldhauptmann bist du.« Rudolph, zu dem Hirtenkleide, Legt er schlichte Rüstung an, Führt sein Volk, dem Feind zum Leide, Weislich auf der Kriegesbahn; Vor den kühnen Scharen reitet Er auf adeligem Roß, Und dem Traume folgend schreitet Rasch das Heer empor zum Stoß. 8. Die Schlacht am Stoß An den Gräbern zu Sankt Gallen Hat er lang sein Schwert gewetzt; Mutig durch die dichte Waldung Dringt empor der Adel jetzt, Haut den Weg sich mit der Axt, Bäum' und Feinde wirft er nieder, Von den lauten Schlägen hallt Dumpf des Rheinthals Kessel wieder. Weh! der Hirten Vorhut weichet, Uli Rotach führt sie an, Ist zu eilig vorgedrungen Auf gewohnter Siegesbahn. Und sein Haufen wankt erdrückt Von dem eisernen Gewichte, Dreißig stürzen rechts und links, Vor des Führers Angesichte. Von den Seinigen verlassen (Viele starben, wenig flohn), Siehet sich umringt der Uli Und zwölf Ritter ihn bedrohn. Eines Sennen Hütte steht Einsam an des Waldes Saume, Bietet seinem Rücken Schutz, Und so ficht er als im Traume: Denn von seiner grimmen Gegner Hochgehobnem, rundem Schild Gähnt ihn an mit offnem Rachen Mannichfaches, grauses Wild; Der von Ramswag hält ihm vor Ein entsetzlich Paar von Löwen, Ein gehörntes Flügelthier Dräut im Schilde des von Höwen. Doch die Löwen und den Drachen Fällt der Appenzeller Bär, Bald auf ihren Schilden liegen Beide Kämpfer stumm und schwer. Zornig mit dem Vogel Greif Drängt sich vor der Greifensteiner; Von der Streitaxt fallen sie, Mann und Vogel, auf steht keiner. Und geschirmt vom Dach der Hütte Beut der Held noch Neunen Trutz, Wolfurt sucht und Ebersberger Hinter Wolf und Eber Schutz. Aber den durchfährt der Speer, Und der Andre stürzt vom Schwerte: Sieben kämpfen aufrecht noch, Fünfe liegen auf der Erde. Sechs umringen Jenen streitend, Einer aber nimmt sich Frist, Facht ein Feuer an im Laube, Sinnt auf eine böse List: Nicht umsonst führt er im Schild Eine feuerspei'nde Schlange, Schleudert seinen Feuerbrand Nach des Daches Ueberhange. Und des Hirten Stirn umwirbelt Tückisch bald der finstre Rauch, Blinzend wehrt er ab die Streiche, Und der Flamme glüh'nden Hauch; Seinen Geist befiehlt er Gott, Denn jetzt stürzt das Dach zusammen! So erliegt der fromme Held Nicht dem Schwerte, nein, den Flammen! Von dem schweren Kampf mit Einem Ruh'n die sieben Ritter aus, Ueber sich hoch auf dem Berge Hören sie der Schlacht Gebraus; Denn es rang der Edlen Heer Siegreich sich empor nach oben, Kämpfend weicht der Hirt zurück, Immer ferner hallt das Toben. Endlich auf dem höchsten Gipfel Mit der neuen Brüder Schar Hält der kluge Werdenberger, Keine Flucht ihr Weichen war; Freilich ist ihr Häuflein dünn, Und der Feinde sind dreitausend, Doch dem Himmel trauen sie – Und am Himmel regt sich's brausend. Auf des schwülen Föhnes Flügel Zieht's vom hohen Säntis her, Wolken schichten sich auf Wolken, Liegen auf dem Walde schwer. Blitzesschein erhellt die Schlacht, Wie auf Rossen fliegt das Wetter, Gottes Feldposaune dröhnt Mit dem hallenden Geschmetter. Und auf ihren Ruf ergießen Sich des Regens Ströme dicht, Zwar den Hirten in den Rücken, Doch den Rittern in's Gesicht. Auf dem Boden glatt und naß Haften nicht der Männer Schritte, Da vom Pferde springt der Graf, Stellt sich in der Hirten Mitte. »Ahmet mir nach,« schreit er, »Brüder! Streifet ab vom Fuß den Schuh! Jetzt geflogen sichern Trittes Auf die schwanken Feinde zu!« Barfuß rennt der Held voran, Zu der Donner lauten Hallen Läßt die Streitaxt er zuerst In die dichten Haufen fallen. Pfeil und Wurfspieß fliegt herunter, Schwerter blitzen kühn darein, Und die kaum verlaßnen Hügel Nimmt der Hirte wieder ein. Sorglich zieht der Feind zurück Seine festgeschloßnen Glieder; Aber links, vom Bergesrand, Was bewegt sich dort hernieder? Hirt und Ritter schaun und zögern: Eine lange, stille Schar, Ziehen blendende Gestalten Längs den Höhen wunderbar. Woher kommt das neue Heer? Grausen faßt das Herz der Ritter: Hat Gespenster ausgespie'n Dieses höllische Gewitter? Auch der Hirte sinnt mit Staunen, Wie ihm Hilfe kommen soll; Plötzlich ruft der Werdenberger Laut und heil'ger Freude voll: »Kämpfen wir nicht heut im Herrn, Brüder, am Frohnleichnamsfeste? Seine Heerschar sendet er, Engel sind es, Himmelsgäste!« Und hernieder von dem Gipfel Wallt der lange, fremde Zug; Weiße, wogende Gewande Flattern in des Windes Flug. Tausend Arme heben sich Halb zu beten, halb zu schlagen, Und darüber rollt und blitzt Gottes glüh'nder Donnerwagen. Ein Entsetzen faßt die Feinde, Rücklings stürzen sie hinab, Und der Fels und feuchter Rasen Und der Rheinstrom wird ihr Grab. Tausende mit edlem Blut Haben Wald und Flur gedünget, Und des Volkes Freiheit steigt Aus der Schlacht empor verjünget. Und verschwunden ist das Wetter, Abendsonne scheinet klar; Droben auf der Höhe wartet Immer noch die weiße Schar. Und der Hirte klimmt empor: Wird er Engel Gottes schauen? – Sieh! da stehn im Sonnenglanz Seine Töchter, seine Frauen! Sollten sie zu Hause sitzen, Von der Männer Geist erfüllt? Nein! in langes Hirtenhemde Haben sie den Leib gehüllt. Nicht vergebens folgten sie Ihres Herzens kühnem Schlage; Und bezahlet ihre Schuld Haben sie dem großen Tage. Fröhlich an der Männer Seite Schauen sie in's grüne Thal: Rebenhügel, blüh'nde Gärten, Burgen glühn im Abendstral; Und dazwischen strömt der Rhein, Wälzt vergoldet seine Wogen; Morgen ins gelobte Land Kommen Hirten eingezogen! »Brüder!« spricht der Werdenberger, »Vorher gilt's noch einen Strauß, Denn es horstet noch der Adler Drüben in Sankt Gallens Haus! Erst den Herzog fortgejagt! Erst den Abt in Wyl gefangen!« – »Nein,« jauchzt ihm der Hirte zu, »Erst gen Werdenberg gegangen!« 9. Der Abt gefangen Auf der Burg zu Werdenberg Lebt es wieder in den Mauern, Und der Herr im Hirtenhemd Sitzt, ein Bauer, zwischen Bauern. Leert den Becher an der Seite Seiner Retter oft und gern, Und die Hirten grüßen willig Grafen ihn und gnäd'gen Herrn. In Sankt Gallen auf der Flucht Ist der Herzog angekommen, Hat umsonst den Häuptlisberg Mit der edlen Schar erklommen; Wie ein Dieb muß er entweichen, Denn die Bürger zornig drohn, Treibt mit wenig wunden Rittern Auf des Sees Wellen schon. Und vor Wyl 1 steht jetzt der Hirt Mit den Widdern, mit den Böcken; Weithin höret man durch's Thal Seine schlimme Heerde blöcken; Denn die Köpfe sind von Eisen, Rütteln an den Mauern laut, Daß Herrn Kuno drinn, dem Abte, Vor den wilden Stößen graut. Auch die Leiter steht, zum Sturm Und das Pech, zum Brand gerichtet, Bange wird der Söldnerschar, Die dem Herrn sich hat verpflichtet: Denn es tobt der Feind von außen, Und der Bürger drinnen murrt, Holt die Axt sich aus der Kammer, Um den Leib schnallt er den Gurt. Vor der Stadt erschallt das Horn; Doch da füllen sich die Gassen, Söldner sind ein feiges Volk, Haben ihren Herrn verlassen, Wallen mit dem Bürger friedlich Vor der Stadt gewölbtes Thor, Stehn geschäftig an dem Graben, Schieben selbst die Brücke vor. Durch die Straßen zieht der Hirt, Seine hellen Fahnen fliegen, Rechts und links nicht schaut er um, Eilet zu des Schlosses Stiegen, Seinen alten Feind zu fahen, Der ihm so viel Leides that, Und auf freier Männer Nacken Mit dem stolzen Fuße trat. In dem Saale sitzt der Abt Einsam in dem großen Schlosse, Höret seiner Feinde Ruf Und das Wiehern ihrer Rosse; Aber seinen Willen beugen Lehret die Gefahr ihn nicht; In dem Stuhle bleibt er sitzen, Läßt sie nahen, zürnt und spricht: »Kommet immer, fasset mich, Hirten, weiland meine Knechte! Taucht in des Gesalbten Blut Eure mörderische Rechte! Doch ein Gott im Himmel waltet, Meines frommen Klosters Schild, Und ein Kaiser herrscht auf Erden, Der die Missethat vergilt! In den Kerker, in das Grab Magst du, freches Volk, mich legen; Dich ereilet doch mein Fluch, Was du thust, bringt keinen Segen: Schlagen wird dich Gottes Winter Vor Bregenz, das du bekriegst, Und am See sitzt König Ruprecht, Und zertritt dich, wenn du liegst!« Vöglischerz, der muntre Hirt, Der der Brüder Scharen führet, Rede stehet er dem Abt, Sittsamlich, wie sich gebühret: »Wäre Gott mit Euch, nicht läge, Herr, auf Euch sein Arm so schwer! Schelten lassen wir uns gerne, Schaden mögt ihr uns nicht mehr! Was die Zukunft Böses bringt, Sorget nicht, wir werden's tragen: Ruprecht ist ein alter Mann, Wird uns nicht zu Boden schlagen: Leichtlich schließen sich zwei Augen, Wenn sie noch so zornig glühn, Doch ein freies Volk stirbt nimmer, Wird in ew'ger Jugend blühn! Aber jetzt, wenn's Euch geliebt, Folgt uns, Herr! und steigt zu Pferde!« Und sie hoben ihn auf's Roß, Zogen mit ihm ohne Fährde. Schweigend thut er ihren Willen, Sieht sie an mit scheuem Blick – Doch in's Kloster von Sankt Gallen Führen sie ihn fromm zurück. Lassen in der offnen Pfalz Ihn die Hand zum Schwure heben: In des freien Volkes Schutz Woll' er still und friedlich leben. Als sie das von ihm erlanget, Ziehn die guten Männer ab, Legen Schwert und Helm zur Seite, Greifen zu dem Hirtenstab. Und in's tiefe, stille Thal Steigt die alte Ruhe nieder, Nur der Heerden froh Gebrüll Hallt vom hohen Säntis wider. Nimmer wird die grüne Matte Mit der Hirten Blut getränkt, In der freien Volksgemeinde Tagt der Landmann ungekränkt. Und ein Kirchlein auf dem Stoß Läßt die Glocke jährlich schallen; Das erzählt dem Pilger laut, Von der Fehde mit Sankt Gallen: Dort, im dichten Waldgebüsche Steht es, wo der Frauen Schar, Wie ein Heer von Sigesengeln Leuchtend einst erschienen war. Fußnoten 1 Stadt im Thurgau.