Aprilreise 1822 1. Ausmarsch Angelegt den Sommerrock, Auf, ergriffen Hut und Stock, Himmel steht im blausten Kleide, Erd' in ihrer grünsten Seide. Ei wie lacht des Wandrers Herz Heut' am letzten Tag im März, Wann ist wo ein Mai erschienen Mit so hellen, heitern Mienen? Luft und Licht, und Farb' und Glut! In den Adern schwillt das Blut, Heißt uns ferne Reisen wagen In so wunderbaren Tagen. Morgen grüßet mich April, Was doch der erst bringen will? Ringsum tausend Knospen träumen, Morgen blühn sie von den Bäumen! 2. Am andern Morgen Ueber Nacht das Thal beschneit, Ueber Nacht ward's Winterszeit! Schneeweiß blühn alle Bäume, Das sind mir Blütenträume! 3. Auf dem Bussenberge Weithin, weithin wollt' ich streifen Auf des freien Hügels Rand, Der den Blick läßt ferne schweifen In der Schneegebirge Land. Dort im Grünen und im Blauen, Auf dem alten Mauerstein Durch das Fernrohr spähend schauen, Welche Wonne wird es sein! Solchen Wunsch in meinem Herzen Hört der launigte April, Fängt mit Flocken an zu scherzen, Zaubert her mir, was ich will. Meine Röhre kann ich drücken Ruhig in das Futteral, Darf mich nicht zur Ferne bücken: Schneegebirg' ist überall! 4. Hayingen auf der Asp Sei mir willkommen, Städtchen In dieser schlimmen Zeit! Hat dich Aprilgestöber Auf das Gebirg verschneit? So finster und so enge Mag wohl kein andres sein, Es nimmt der Straßen Länge Dein kleines Rathhaus ein. Und niest einmal die Schildwacht An deinem obern Thor, Gleich schallt ein helles Prosit Vom untersten empor! Doch bin ich armer Wandrer An deinem Obdach froh, So durstig ist kein Andrer, Und müde keiner so. In einer grauen Stube Reichst du mir Speis' und Trank; Dir thaun die Phantasieen Des Dichters auf zum Dank. Die Thore will ich zimmern Aus ew'gem Cedernholz, Ein goldnes Dach soll schimmern Auf Thurm und Kirche, stolz. Ich pflanze Bäum' und Reben Auf deiner kahlen Au, Und über alles wölb' ich Des Sommerhimmels Blau. Dann zahl' ich meine Zeche; Leb' wohl, du sel'ger Ort! Ich muß durch Berg und Fläche In Schnee und Regen fort! 5. Im Bergwirthshaus Braunes Bier und saure Gesichter! Saures Bier, brauner Augen Lichter, Hell und freundlich, treu und gut: – Wirtin, mir wird wohl zu Mut! 6. Liedsinger politische Zeitung Wahrlich, auch die Zeitungsblätter Haben heut' Aprilenwetter, Gestern blies noch gar zu lind, Gar zu lau darin der Wind. Selig hießen die Monarchen, Daß die Kriegesfurien schnarchen; Heut' in dieser Sturmesnacht Plötzlich sind sie aufgewacht. Mahmud sitzt im Kaisersaale, Ali's Kopf steckt auf dem Pfahle, Und aus finstrer Wolke Sitz Stürmt der Hagel, schießt der Blitz. Auf zum Kampf, ihr Erdengötter! Doch ist nur Aprilenwetter, Und im Osten führt der Mai Goldnes Morgenrot herbei. 7. Auf der Bergheide Laß dich den Schnee durchdringen, Laß dich den Sturm durchwehn: Denn, kann die Lerche singen, So kannst du wohl noch gehn! 8. Im Lauterthal Was lachen mich die Männer, Die schmucken Mägdlein aus, Daß ich so eifrig schaue Nach dem zerfallnen Haus? Daß ich so sehnlich folge Des Flusses krummem Lauf, Daß ich so rüstig steige Den hohen Berg hinauf? Sie mögen es nicht glauben, Daß mir durch Thal und Höhn Die Lust den Schritt beflügelt Bei dieser Stürme Wehn; Sie loben Stadt und Ebne Und schielen halb mit Neid Auf meine weichen Hände Und auf mein städtisch Kleid. Ihr Männer des Gebirges! Es thut mir herzlich weh, Daß ihr die Nahrung kärglich Abzwinget eurem Schnee; Daß euren schlanken Töchtern Die Last den Rücken beugt, Und euer Berg dem Durste Kein Tröpfchen Weins erzeugt. Doch däucht mir noch viel bittrer Als euer Durst und Schweiß, Daß euer Geist vom Schönen, Von Gottes Bild nichts weiß. Die Noth, an der ihr zehret, Der euer Leib sich bückt, Hat euch ins Herz gefressen, Hat euch den Sinn erdrückt! In Seiner Leidenswoche Durchwandl' ich dieses Thal: Er kennet jeden Kummer, Er heilet jede Qual! Geb' Er dem Jahre Segen, Daß es euch tränkt und speist, Und löse dann die Binde Von dem verhüllten Geist! 9. Abschied vom Gebirge Schnee und Blüte hängt am Baum, Doch gewinnt die Blüte Raum, Lacht sich von den Flocken An der Sonne trocken. Das Gebirg liegt hinter mir, Ferne winkt der Ebne Zier, Mai hat sie durchwoben; Du, April, bleib' droben! Drunten blüht es ohne Schnee, Drunten thut kein Frost mir weh, Wehn die Lüfte linder, Blühn mir Weib und Kinder! Flügle, Wandrer, deinen Schritt, Nimm die leichten Lieder mit, Die in solchen Mühen Dennoch mochten blühen. Ist ein Ton auch halb verweht, Irgendwo ein Reim verdreht, Was April gedichtet, Wird nicht streng gerichtet!