William Shakespeare Timon von Athen Personen Timon, ein edler Athenienser Lucius, Lucullus, Sempronius, Ventidius, seine Freunde Apemantus, Philosoph Alcibiades, Feldherr Flavius, Timons Haushofmeister Flaminius, Lucilius, Timons Diener Servilius, Caphis, Philotus, Titus, Lucius, Hortensius, Diener von Timons Gläubigern Zwei Diener des Varrus Ein Diener des Isidor Cupido und andre Masken. Zwei Fremde Ein Dichter, ein Maler, ein Kaufmann und ein Juwelier Ein alter Athenienser, ein Page, ein Narr Phrynia, Timandra, Kurtisanen Senatoren, Hauptleute, Krieger, Diebe, Gefolge Die Szene ist in Athen und dem nahen Walds Erster Aufzug Erste Szene Erste Szene Athen. Vorsaal in Timons Hause. Der Dichter und der Maler treten auf. Guten Tag! Mich freut's, Euch wohl zu sehn. Ich sah Euch lange nicht. Wie geht die Welt? Sie trägt sich ab im Lauf. Das ist bekannt. Doch welch besonder Seltnes, Fremdes, das Vielfach Erzählen noch nicht kennt? – Doch seht – Der Kaufmann, der Juwelier und mehrere andre treten auf. Magie des Reichtums! Diese Geister alle Beschwor dein Zauber her zum Dienst. Ich kenne Den Kaufmann. Ich beide; jener ist ein Juwelier. Höchst würdig ist der Lord. Jenseit des Zweifels. Ein Mann, höchst unvergleichbar, sozusagen Geschult zu unermüdlich steter Güte: Ein Musterbild. Hier hab' ich ein Juwel. O bitte, zeigt: für den Lord Timon wohl? Traut er der Schätzung – doch was das betrifft – rezitierend. Wenn wir um Lohn den Schändlichen gepriesen, Dämpft es den Glanz des wohlgelungnen Reimes, Des Kunst den Edeln singt. den Stein betrachtend. Ha! schön geschnitten! Und reich; das ist ein Wasser, seht nur selbst! Ihr seid verzückt. Ein Werk, wohl eine Huld'gung Dem großen Lord? Ein Ding, mir leicht entschlüpft. Wie ein Gewand ist unsre Poesie, Heilsam, wo man es hegt; das Feu'r im Stein Glänzt nur, schlägt man's heraus; von selbst erregt Sich unsre edle Flamm', flieht, gleich dem Strom, Zurück, von jeder Hemmung. – Was ist das? Ein Bild, Herr. Wann tritt Euer Buch hervor? Es folgt der Überreichung auf dem Fuß. Zeigt mir das Stück! Es ist ein gutes Stück. Gewiß, dies hebt sich trefflich, herrlich ab. So ziemlich. Unvergleichlich! Wie die Grazie Sich durch sich selbst ausspricht! Wie geist'ge Kraft Aus diesem Auge blitzt! Wie Phantasie Sich auf der Lippe regt! stumme Gebärdung, Die jeder möcht' in Worten deuten. Wohl leidlich hübsch das Leben nachgeäfft; Hier ist ein Zug, der spricht! Ich möchte sagen, Er meistert die Natur: kunstreiches Streben Lebt in der Farb' lebend'ger als das Leben. Einige Senatoren treten ein und gehn nach den innern Gemächern. Wie viele Freunde hat der Edle! Athen'sche Senatoren! – Die Beglückten! Schaut, mehr noch! Seht den Zusammenfluß, den Schwall der Freunde! – In diesem rohen Werk zeichn' ich 'nen Mann, Den diese ird'sche Welt umfängt und hegt Mit reichster Gunst; mein freier Zug wird nirgend Gehemmt durch einzelnes, nein, segelt fort In weiter, klarer See: kein boshaft Zielen Vergiftet eine Silbe meiner Fahrt; Sie fliegt den Adlerflug, kühn, stets gradaus, Kein Wölkchen hinter sich. Wie soll ich Euch verstehn? Ich will es Euch entriegeln. Ihr seht, wie alle Ständ' und alle Menschen, Sowohl von leicht geschmeid'gem Sinn, als auch Von strenger, ernster Art, dem Timon weihn In Demut ihren Dienst. Sein großer Reichtum, Umkleidend seinen adlig güt'gen Sinn, Bezwingt und kauft für seine Lieb' und Herrschaft Ein jeglich Herz. Ja, von des Schmeichlers Spiegelantlitz, Zu Apemantus selbst, der nichts so liebt, Als er sich selber haßt: auch er beugt ihm Sein Knie, und kehrt in Frieden heim, bereichert Vom Nicken Timons. Ich sah's, er sprach mit ihm. Ich stelle dar auf lieblich grünem Hügel Fortuna thronend: an dem Fuß des Berges Gedrängte Reih'n von jedem Stand und Wesen, Die auf der Wölbung dieser Sphäre streben, Ihr Glück zu steigern; unter allen diesen, Die auf die Königin den Blick geheftet, Stell' ich den einen dar in Timons Bildung, Den zu sich winkt Fortunas elfne Hand; Die volle Gunst verkehrt in Sklaven völlig, Die eben Mitbewerber waren. Herrlich! Fortuna und der Thron und Hügel, dünkt mich, Der ein', herauf gewinkt von allen unten, Sein Haupt geneigt zum steilen Berg hinan, Sein Glück erklimmend, wär' ein schöner Vorwurf Für unsre Kunst. Nein, hört nur weiter, Freund: All jene (die noch eben ihm Kam'raden, Ja, manch' ihm vorzuziehn), von dem Moment Folgend nur seinem Pfad; Vorplatz und Hof Mit Dienst belagernd; Vergötternd Flüstern gießend in sein Ohr, Selbst seinen Bügel heil'gend, trinken sie Die freie Luft durch ihn. Nun, und was weiter? Wenn nun Fortun', in Laun' und Wankelmut, Herab stößt ihren Günstling: all sein Troß, Der hinter ihm den Berg hinauf sich mühte, Auf Knie'n und Händen selbst, läßt hin ihn stürzen; Nicht einer, der ihm folgt in seinem Fall. Das ist gewöhnlich. Ich kann der Art Euch tausend Bilder weisen, Die auch des Glückes schnellen Wandel malen, Lebend'ger als das Wort. Doch tut Ihr wohl, Zeigt Ihr Lord Timon, daß geringe Augen Den Fuß schon höher als das Haupt gesehn. Timon tritt auf mit Begleitung, ein Diener des Ventidius spricht mit ihm. Verhaftet ist er, sagst du? Ja, Herr, und fünf Talent' ist seine Schuld, Kleinsein Vermögen, seine Gläub'ger hart; Eu'r edles Fürwort spricht er an, bei denen, Die ihn gefangen setzten; fehlt ihm dies, So stirbt sein Trost. Edler Ventidius! Gut! Nicht meine Weis' ist's, abzuschütteln Freunde, Wenn meiner sie bedürfen. Weiß ich doch, Sein edler Sinn ist solcher Hülfe wert: Die wird ihm: denn ich zahl', und er sei frei. Euer Gnaden wird auf ewig ihn verbinden. Empfiehl mich ihm! Gleich send' ich seine Lösung; Nachdem er frei, bitt' ihn, zu mir zu kommen: – Denn nicht genug, dem Schwachen aufzuhelfen, Auch stützen muß man ihn. – So fahre wohl! Sei alles Glück mit meinem gnäd'gen Herrn! Diener geht ab. Ein alter Athenienser tritt auf. Lord Timon, hör' mich an! Sprich, guter Alter Du hast 'nen Diener, der Lucilius heißt? So ist's: Was soll er? Höchst edler Timon, lass' ihn vor dich kommen! Ist er hier im Gefolge? – He, Lucilius! vortretend. Hier, zu Euer Gnaden Dienst! Der Mensch hier, edler Timon, er, dein Knecht, Kommt abends oft zu mir. Ich bin ein Mann, Der von früh auf was vor sich bringen wollte, Und etwas höher sucht mein Gut den Erben, Als der mit Tellern läuft. Nun gut, was weiter? Ich hab' nur eine Tochter, nichts Verwandtes, Und ihr will ich mein ganzes Gut vermachen. Schön ist das Mädchen, alt genug zur Braut, Und ihr Erziehen hat mich viel gekostet, Kein Lehrer war zu teuer. Er, dein Diener, Geht ihr in Liebe nach: nun, edler Lord, Weis' ihn mit mir aus meinem Hause fort; Was ich sprach, war umsonst. Der Mann ist redlich. So wird er's hier beweisen, würd'ger Timon; Es wird sein redlich Tun sich selbst belohnen, Es muß nicht meine Tochter just gewinnen. Und liebt sie ihn? Jung ist sie, leicht gereizt; Uns lehrt der Irrtum unsrer eignen Jugend, Wie unbedacht sie sei. Liebst du das Mädchen? Ja, teurer Herr, und mir ward Gegenliebe. Fehlt meine Zustimmung bei dieser Ehe, Die Götter sei'n mir Zeugen, so erwähl' ich Mir aus den Straßenbettlern einen Erben, Und nehm' ihr alles. Was bestimmst du ihr, Wird sie vermählt dem Gatten gleichen Standes? Nun, drei Talente jetzt; in Zukunft alles. Der gut erzogne Jüngling dient mir lange; Sein Glück zu baun tu' ich ein übriges, Denn das ist Menschenpflicht. Schenk' ihm dein Kind: Was du ihr gibst, soll er von mir erhalten, Und so nicht leichter wiegen. Edler Lord, Zum Pfande deine Ehr', und sie ist sein. Schlag' ein, ich halte Wort, bei meiner Ehre! In Demut dank' ich Euch, mein gnäd'ger Lord; Und nimmer mög' ich Glück und Gut genießen, Das Euch nicht angehört! Lucilius und der alte Athenienser gehn ab. Nehmt huldreich auf dies Werk: lebt lang' und glücklich! Ich dank' Euch sehr; bald sollt Ihr von mir hören; Entfernt Euch nicht! – Was habt Ihr da, mein Freund? Ein kleines Bild: geruh', mein Gnäd'ger, nicht Es zu verschmähn! Erfreulich ist ein Bild. Das Bildwerk ist beinah' der wahre Mensch; Denn seit Ehrlosigkeit mit Menschheit schachert, Ist er nur Außenseite: diese Färbung Ist, was sie vorgibt. Mir gefällt dies Werk; Und du erfährst, wie mir's gefällt: komm wieder Zur Aufwartung, und du wirst von mir hören. Der Himmel schütz' Euch! Lebt wohl, ihr Freunde! Gebt mir eure Hand, Wir speisen heut zusammen. – Euer Stein Litt unter seiner Schätzung. Wie, Herr, so wär' er unterschätzt Nein, Überfülle allerhöchsten Lobes. Bezahlt' ich ihn, so wie er angepriesen, Würd' es mich ganz entkleiden. Seine Schätzung Ist, wie Verkäufer zahlen würden: doch Ein Ding, von gleichem Wert, den Eigner tauschend, Wird, wie Ihr wißt, nach seinem Herrn geschätzt; Daß Ihr ihn tragt, erhöht den Wert des Steins. Ein guter Spott! Nein, edler Herr, er spricht gemeine Rede, Die jeder spricht gleich ihm. Seht, wer hier kommt: Wollt ihr euch schelten lassen? Apemantus tritt auf. Wir teilen mit Eu'r Gnaden. Er schont keinen. Sei mir willkommen, edler Apemantus! Spar', bis ich edel werde, deinen Willkomm, Dann bist du Timons Hund, die Schuft' hier ehrlich. Was nennst du Schufte sie? Du kennst sie nicht. Sind sie keine Athener? Ja. So widerruf ich nicht. Ihr kennt mich, Apemantus. Du weißt, ich tu's; ich nannte dich bei Namen. Du bist stolz, Apemantus. Auf nichts so sehr, als daß ich nicht wie Timon bin. Wohin gehst du? Einem ehrlichen Athener das Gehirn auszuschlagen. Das ist eine Tat, für die du sterben mußt. Ja, wenn Nichtstun den Tod durch das Gesetz verdient. Wie gefällt dir dies Gemälde, Apemantus? Gut, weil es nichts Böses tut. Richtete der nicht viel aus, der es malte? Der noch mehr, der den Maler hervorbrachte; und doch ist der selbst nur ein schmutziges Stück. Du bist ein Hund. Deine Mutter ist von meinem Stamm; was ist sie, wenn ich ein Hund bin? Willst du mit mir zu Mittag speisen, Apemantus? Nein, ich esse keine große Herren. Tätest du das, so würdest du die Frauen erzürnen. Oh, die essen große Herren, und dadurch nehmen sie zu. Das ist eine unanständige Andeutung. Wenn du sie deutest, nimm sie für deine Mühe! Wie gefällt dir dieser Edelstein, Apemantus? Nicht so gut als Aufrichtigkeit, die doch keinem Menschen einen Heller kostet. Wie viel denkst du, daß er wert sei? Nicht meines Denkens wert. – Wie steht's Poet? Wie steht's, Philosoph? Du lügst. Bist du keiner? Ja. So lüg' ich nicht. Bist du nicht ein Poet? Ja. So lügst du: sieh nur in dein neuestes Werk, wo du ersinnst, er sei ein würd'ger Mensch. Das ist nicht ersonnen, er ist es wirklich. Ja, er ist deiner wert, um dich für deine Arbeit zu bezahlen: wer die Schmeichelei liebt, ist des Schmeichlers würdig. Himmel, wäre ich doch ein Lord! Was wolltest du dann tun, Apemantus? Dasselbe, was Apemantus jetzt tut, einen Lord von Herzen hassen. Wie, dich selbst? Ja. Weshalb? Daß mir aller grimmige Witz fehlte, um Lord zu bleiben. – Bist du nicht ein Kaufmann? Ja, Apemantus. Der Handel richte dich zugrunde, wenn es die Götter nicht tun! Wenn es der Handel tut, so tun es die Götter. Der Handel ist dein Gott, und dein Gott richte dich zugrunde! Trompeten. Es tritt ein Diener auf. Was für Trompeten? Alcibiades, Mit zwanzig Rittern, seinen Kriegsgefährten. Geht, führt sie ein, geleitet sie zu uns! Einige aus dem Gefolge gehn ab. Ihr müßt heut mit mir speisen: – geht nicht fort, Bis ich Euch dankte; nach der Mahlzeit dann Zeigt uns das Bild! – Erfreut, Euch hier zu sehn! Alcibiades und seine Gefährten treten auf. Willkommen, Freund! Sie begrüßen sich. So, so, nun geht es los! – Gicht lähm' und dörr' euch die geschmeid'gen Glieder! – Von Liebe nichts in all den süßen Schuften, Und lauter Höflichkeit! Die Menschenbrut Renkt sich in Aff und Pavian noch hinein. Ihr stilltet meine Sehnsucht, und ich schweige In Gier an Eurem Anblick. Sehr willkommen! Und eh' wir scheiden, eint uns manche Stunde In Freud' und Lust. Ich bitte, tretet ein! Alle gehn ab, außer Apemantus. Zwei Lords treten auf. Was ist die Zeit am Tage, Apemantus? Zeit, daß man ehrlich ist. Die Zeit ist immer. Um so verruchter du, sie nie zu nutzen. Gehst zu Lord Timons Fest? Ja, um zu sehn, wie Schurken Speise nährt Und Narren Wein erhitzt. Leb wohl, leb wohl! Du bist ein Narr, daß du mir's zweimal sagst. Warum, Apemantus? Du hättest das eine für dich behalten sollen, denn ich denke dir keines zu geben. Geh, häng' dich auf! Nein, ich tue nichts auf deinen Befehl: bring' deine Gesuche bei deinem Freunde an! Fort, du zänkischer Hund, oder ich stoße dich mit dem Fuß hinaus. Ich will, wie der Hund, die Hufen des Esels fliehen. Apemantus geht ab. Er ist ein Widerspiel der Menschheit. Kommt hinein, Laßt Timons Güt' uns kosten, sie ist reicher Als selbst das Herz der Milde. Er strömt sie aus; Plutus, der Gott des Goldes, Ist sein Verwalter nur: wer ihn beschenkt, Wird siebenfach belohnt; und keine Gabe, Die nicht Vergeltung ihrem Geber bringt, Weit über alles Maß. Das edelste Gemüt hat er, das je im Menschen herrschte. Er lebe lang' und glücklich! Woll'n wir gehn! Ja, ich begleite Euch. Sie gehn ab. Zweite Szene Zweite Szene Prunksaal in Timons Hause. Hoboen, laute Musik. Ein großes Bankett wird angerichtet. Flavius und andre Diener. Dann treten auf: Timon, Alcibiades, Lucius Sempronius, Lucullus, Ventidius und andre Senatoren und Gefolge. Zuletzt Apemantus. Erlauchter Timon, Götterratschluß sandte Zur langen Ruh' den greisen Vater hin. Er schied beglückt und hinterließ mich reich: Drum, wie mich Lieb' und Dankbarkeit verpflichten, Erstatt' ich deiner Großmut die Talente, Zugleich dir dienstergeben, der durch sie Mir Freiheit schuf. O nimmermehr, Ventidius! Rechtschaffner Mann, da kränkt Ihr meine Liebe; Ich gab sie weg auf immer. Wer zurücknimmt, Kann nicht mit Recht behaupten, daß er gibt: Wenn so der Große tut, nicht ziemt uns, nachzuspielen, Weil an den Reichen stets die Fehler selbst gefielen. Sie stehn alle mit Ehrfurcht um Timon her. Welch edler Geist! Nein, Lords, die Zeremonie Ward nur erfunden, einen Glanz zu leihn Verstellter Freundlichkeit und hohlem Gruß, Guttun vernichtend, um nicht zu gewähren; Doch wahre Freundschaft kann sie ganz entbehren. Setzt euch; ihr seid willkommner meinem Glück, Als mir mein Reichtum ist. Sie setzen sich. Mylord, das war stets unser Eingeständnis. Ho! Eingeständnis? Folgt nicht Hängen drauf? Oh, Apemantus! – Sei willkommen! Nein, Ich will nicht, daß du mich willkommen heißest: Ich kam, damit du aus der Tür mich werfest. Pfui, du bist rauh, und einer Laune eigen, Dem Menschen ungeziemend, tadelnswürdig; Sonst sagt man: ira furor brevis est, Doch jener Mann ist immerfort ergrimmt. Du da, bereit' ihm seinen eignen Tisch, Denn er sucht weder die Gesellschaft auf, Noch paßt er für sie irgend. Auf dein' Gefahr bleib' ich denn, Timon, hier: Ich kam, um aufzumerken; sei gewarnt! Das kümmert mich nicht; du bist ein Athener und mir deshalb willkommen; ich möchte hier nichts zu befehlen haben: bitte, laß mein Mahl dich zum Schweigen bringen! Dein Mahl verschmäh' ich; es erwürgt mich, denn Nie würd' ich schmeicheln. – Götter! welche Schar Verzehrt den Timon, und er sieht sie nicht! Mich quält es, daß so viel' ihr Brot eintauchen In eines Mannes Blut; und größre Tollheit, Er muntert sie noch auf. Mich wundert, wie doch Mensch dem Menschen traut: Sie sollten nur sich laden ohne Messer; Gut für das Mahl, und für das Leben besser: Das zeigt sich oft; der Bursche ihm zunächst, Der mit ihm Brot bricht, ihm Gesundheit bringt, Mit seinem Atem im geteilten Trunk, Er ist der nächst', ihn zu ermorden. So Geschah's schon oft; wär' ich ein großer Herr, Ich wagte bei der Mahlzeit nicht zu trinken, Sonst könnte man erspähn der Kehle Schwächen; Nur halsgepanzert sollten Große zechen. Von Herzen, Herr; und rundum geh' es weiter! Laß ihn von dieser Seite wandeln, edler Lord! Von dieser Seite! Ein herz'ger Mensch! – Das Wandeln ist sein Handwerk. O Timon! du und dein Besitz Wird krank von dem Gesundheitstrinken noch. Hier hab' ich, was zu schwach ist, um zu sünd'gen, Ehrliches Wasser, was noch keinen hinwarf: Dies mag mit meiner Kost sich gut vertragen; Schmaus ist zu stolz, den Göttern Dank zu sagen. (Des Apemantus Gratias) Ihr Götter, nicht um Geld bitt' ich, Für niemand bet' ich, als für mich; Gebt, daß ich nie so töricht sei, Zutraun der Menschen Schwur und Treu'; Noch der Dirne, wenn sie weint, Noch dem Hund, der schlafend scheint, Noch dem Schließer im Gefängnis, Noch dem Freunde in Bedrängnis, Amen! So greife zu: Der Reiche sündigt. Wurzeln speise du! Er ißt und trinkt. Und wohl bekomm' es deinem guten Herzen, Apemantus! General Alcibiades, Euer Herz ist in diesem Augenblick im Felde. Mein Herz ist immer zu Euren Diensten, Mylord Ihr wäret lieber bei einem Frühstück von Feinden, als bei einem Mittagessen von Freunden. Wenn sie frischblutend sind, so kommt kein schmaus ihnen gleich, und ich möchte meinem besten Freund ein solches Fest wünschen. So wollt' ich, alle diese Schmeichler wären deine Feinde, damit du sie alle töten könntest und mich dann darauf einladen. Würde uns nur das Glück zu teil, edler Lord, daß Ihr einst unsrer Liebe bedürftet, damit wir Euch einigermaßen unsern Eifer zeigen könnten: dann würden wir uns, auf immer für beglückt halten. Oh, zweifelt nicht, meine teuern Freunde, die Götter selbst haben gewiß dafür gesorgt, daß ihr mir noch dereinst sehr nützlich werden könnt: wie wäret ihr auch sonst meine Freunde? Weshalb führtet ihr vor tausend andern diesen liebevollen Namen, wenn ihr meinem Herzen nicht die Nächsten wäret? Ich habe mir selbst mehr von euch gesagt, als ihr mit Bescheidenheit zu eurem Besten sagen könnt, und das steht fest bei mir. Oh, ihr Götter, denk' ich, was bedürfen wir irgend der Freunde, wenn wir ihrer niemals bedürften? Sie wären ja die unnützesten Geschöpfe auf der Welt, wenn wir sie nie gebrauchten, und glichen lieblichen Instrumenten, die in ihren Kasten an der Wand hängen und ihre Töne für sich selbst behalten. Wahrlich, ich habe oft gewünscht, ärmer zu sein, um euch näher zu stehn. Wir sind dazu geboren, wohltätig zu sein, und was können wir wohl mit besserm Anspruch unser eigen nennen, als den Reichtum unsrer Freunde? Oh, welch ein tröstlicher Gedanke ist es, daß so viele, Brüdern gleich, einer über des andern Vermögen gebieten kann! O Freude, die schon stirbt, ehe sie geboren wird! Meine Augen können die Tränen nicht zurück halten: um ihren Fehl vergessen zu machen, trinke ich euch zu. Du weinst, daß sie trinken mögen, Timon. So ward die Freud' auch uns im Aug' empfangen, Und sprang sogleich als weinend Kind hervor, Ich lache, daß es wohl ein Bastard war. Wahrlich, Mylord, Ihr habt mich ganz erschüttert, Gans! Trompeten hinter der Szene. Was bedeutet die Trompete? – he? Ein Diener tritt auf. Mit Eurer Genehmigung, Mylord, es sind einige Damen da, die sehnlich den Einlaß wünschen. Damen? was begehren sie? Sie haben einen Vorläufer bei sich, Mylord, der den Auftrag hat, ihren Willen kund zu tun. Wohl, so laß sie ein! Cupido tritt auf. Dem würd'gen Timon Heil und all den andern, Die seiner Huld genießen! – Die fünf Sinne Erkennen dich als ihren Herrn und nahn Glückwünschend deinem edlen Haus: Geschmack, Gefühl fand hier an deinem Tisch Erquicken; Sie kommen nur, dein Auge zu entzücken. Sie sind alle willkommen; man empfange sie freundlich: Musik, heiße sie willkommen! Cupido geht ab. Ihr seht, wie Ihr von allen seid geliebt. Musik. Cupido tritt wieder auf, Maskerade von Damen als Amazonen verkleidet; sie haben Lauten und tanzen und spielen. Heisa, ein Schwarm von Eitelkeit bricht ein! Sie tanzen, ha! Wahnsinn'ge Weiber sind's. Ganz solcher Wahnsinn ist die Pracht des Lebens, Wie dieser Pomp sich zeigt bei dieser Wurzel. Selbst machen wir zu Narr'n uns, uns zu freun; Vergeuden Schmeicheln, aufzutrinken Menschen, Auf deren Alter wir es wieder speien, Mit Haß und Hohn vergiftet. Wer lebt, der nicht Gekränkt ist oder kränkt? Wer stirbt, und nimmt Nicht eine Wund' ins Grab von Freundeshand? Die vor mir tanzen jetzt, ich würde fürchten, Sie stampfen einst auf mich: es kam schon vor; Man schließt beim Sonnenuntergang das Tor. Die Lords stehn vom Tisch auf, indem sie dem Timon die größte Ehrfurcht beweisen; und, um ihm ihre Liebe zu zeigen, wählt jeder eine Amazone zum Tanz; nach einer heitern Musik schließt der Tanz. Ihr schönen Frau'n lieht Anmut unsrer Lust Und schmücktet unser Fest mit schönerm Glanz, Das halb so reich und hold vorher nicht strahlte; Ihr gabt ihm höhern Wert und freundlich Schimmern, Und unterhieltet mich, wie ich's ersann: Noch bleib' ich Dank euch schuldig. Ihr nehmt uns, Mylord, von der besten Seite. Wahrlich, denn die schlimmste ist schmutzig, und würde wohl kaum das Nehmen vertragen, denk' ich. Ihr Frauen, dort findet ihr ein leicht Bankett: So gütig seid, euch selber zu bedienen! Euch höchst ergebnen Dank, Mylord. Cupido und die Damen gehn ab. Flavius, – Mylord? Bring' mir das kleine Kästchen! Sogleich, Mylord. – Beiseit. Noch immer mehr Juwelen! Man darf ihn nicht in seiner Laune kreuzen; Sonst würd' ich – Gut – wenn alles ist geschwunden, Wünscht er, er hätte sich gekreuzt gefunden. O Jammer! möchte Milde rückwärts sehn, Daß nicht an Großmut Edle untergehn! Er geht ab und kommt mit dem Kästchen wieder. Sind unsre Leute da? Euch zu Befehl, Mylord. Die Pferde vor! Ihr Freunde, noch ein Wort Erlaubt mir: – Seht, mein guter Lord, ich muß Euch bitten, daß Ihr mir die Ehr' erweist, Hier dies Juwel zu adeln: Empfangt und tragt es, güt'ger Herr! Doch bin ich schon so sehr in Eurer Schuld – Das sind wir alle. Ein Diener tritt auf. Mylord, es steigen ein'ge Senatoren Vom Pferde eben, um Euch zu besuchen. Höchlich willkommen. Ich ersuch' Eu'r Gnaden, Erlaubt ein Wort mir: es betrifft Euch nah. Mich selbst? So hör' ich dich ein andermal: Ich bitte, laß uns wohl bereitet sein, Sie ziemend aufzunehmen. beiseit. Kaum noch weiß ich, wie. Ein Diener tritt auf. Erlaubt mir, gnäd'ger Herr, Lord Lucius sendet Aus freier Liebe als Geschenk Euch vier Milchweiße Rosse, aufgeschirrt mit Silber. Ich nehme sie mit Dank; sorgt, daß die Gabe Würdig erwidert wird. – Wie nun, was gibt's? Ein Diener tritt auf. Mit Euer Gnaden Erlaubnis, der edle Lord Lucullus wünscht Eure Gesellschaft, um morgen mit ihm zu jagen, und sendet Euer Gnaden zwei Kuppel Windhunde. Ich sage zu. – Laß in Empfang sie nehmen, Nicht ohne reichen Lohn! beiseit. Was soll draus werden? Bewirten sollen wir und reich beschenken, Und alles das aus einem leeren Kasten: Er rechnet nimmer nach und heißt mich immer schweigen, Wenn ich sein Herz als Bettler ihm will zeigen, Da seine Macht nicht seinem Wunsch genügt; Ihn überfliegt so sehr, was er verspricht, Daß, was er redet, Schuld ist: ja verpflichtet Für jedes Wort, ist er so mild, daß Zins Er dafür zahlt. All seine Güter stehn In ihren Büchern. – Wär ich nur freundlich meines Dienstes los, Bevor ich ihn gewaltsam lassen muß! Viel besser freundlos, keinem Speise bieten, Als vielen, die mehr noch als Feinde wüten. Es blutet mir das Herz um meinen Herrn. Er geht ab. Ihr tut Euch selbst groß Unrecht, Schätzt Ihr so wenig Euren eignen Wert: – Hier, nehmt die kleine Gabe meiner Liebe! Ich nehm's, mit nicht gemeiner Dankbarkeit. Ja wohl ist er der Großmut wahre Seele! Und jetzt entsinn' ich mich, Mylord, Ihr gabt Jüngst schönes Lob dem Braunen, den ich ritt: Er ist der Eure, da er Euch gefällt. Ich bitt' Euch, edler Herr, entschuldigt mich! Glaubt meinem Wort, mein Freund, ich weiß, man kann Für nach Verdienst das loben, was man liebt: Der Freunde Neigung wäg' ich nach der eignen; Ich spreche aus der Seel'. Ich such' Euch auf. Wer wäre so willkommen! Besuch der Freund', und eurer insbesondre, Ist mir so wert, ich kann genug nicht geben; Den Freunden möcht' ich Königreiche schenken, Und nie ermüden. – Alcibiades, Du bist ein Krieger, darum selten reich, Du brauchst es wohl; dein Lebensunterhalt Ist bei den Toten, deine Ländereien Das Schlachtfeld. Unfruchtbares Land, Mylord! Wir sind unendlich Euch verpflichtet. – Und So bin ich Euch. Auf ewig ganz ergeben. Nicht minder ich. – He, Lichter, noch mehr Lichter! Das höchste Glück, Reichtum und Ehre bleib' Euch, edler Timon! Zum Dienst der Freunde. Alcibiades und die Lords gehn ab. Welch ein Lärm ist das! Grinsend Gesicht, den Steiß heraus gekehrt! Ob wohl die Beine jene Summen wert, Die sie gekostet? Freundschaft ist voll Kahmen: Der Falschheit Knochen sollten immer lahmen. Kniebeugen macht treuherz'gen Narr'n bankrut. Nun, Apemantus, wärst du nicht so mürrisch, Wollt' ich dir Gutes tun. Nein, ich will nichts: Würd' ich bestochen auch, so bliebe keiner, Auf dich zu schmähn; dann sündigt'st du noch schneller. Du gibst so viel, Timon, daß, wie ich fürchte, Du in Papier dich bald hinweggeschenkt: Wozu die Schmäus' und Aufzüg', eitles Großtun? Nein, wenn du selbst Geselligkeit willst schmähen, So will ich wahrlich deiner gar nicht achten. Fahr' wohl und komm in beßrer Stimmung. Timon, geht ab. So; – Du willst nicht hören, – sollst auch nicht; – verschlossen Sei dir dies Glück! O Mensch, wie so betört! Taub ist das Ohr dem Rat, das Schmeichler hört. Geht ab. Zweiter Aufzug Erste Szene Erste Szene Zimmer in dem Hause eines Senators. Der Senator tritt auf mit Papieren in der Hand. Fünftausend kürzlich erst dem Varro; Isidor Ist er neuntausend schuldig; meins dazu, Macht fünfundzwanzig. – Immer rascher taumelt Verschwendung so? Es kann, es wird nicht dauern. Fehlt's mir an Geld, stehl' ich 'nes Bettlers Hund Und geb' ihn Timon; gut, der Hund münzt Geld. Will ich statt meines Pferdes zwanzig kaufen, Und beßre: nun, mein Pferd schenk' ich dem Timon, Nicht fodernd geb' ich's ihm, gleich fohlt mir's Rosse, Und treffliche: kein Pförtner steht am Tor, Nein, einer nur, der lächelnd alles ladet, Was dort vorbei geht. Dauern kann es nicht; Kein Sinn kann seinen Zustand sicher finden. He, Caphis! Caphis, sag' ich. Caphis tritt auf. Was befehlt Ihr? Den Mantel um, und zu Lord Timon gleich; Sei dringend um mein Geld, und nicht begütigt Durch leichte Ausflucht; schweig' nicht, wenn es heißt: »Empfiehl mich deinem Herrn« – man mit der Kappe Spielt in der rechten Hand, so: – Nein, sag ihm, Man drängt mich selbst, und ich muß sie beschwicht'gen Aus meinen Mitteln. Seine Frist ist um, Und mein Kredit, da er nicht Stundung hielt, Ist schon beschmitzt: ich lieb' ihn und verehr' ihn; Doch wag' ich nicht den Hals für seinen Finger; Ich brauch' es augenblicks, und was mich rettet, Muß nicht unsichre, schwanke Rede sein, Nur schleunigste Befried'gung. Mach' dich auf: Nimm auch höchst ungestümes Wesen an, Ein Angesicht des Mahners; denn ich fürchte, Steckt jede Feder in der rechten Schwinge, Bleibt Timon als ein nackter Gauch zurück, Der jetzt als Phönix leuchtet. Mach' dich fort! Ich gehe, Herr. »Ich gehe, Herr?« – Nimm die Verschreibung mit Und merke die Verfallzeit! Gut. So geh! Gehn ab. Zweite Szene Zweite Szene Vorhalle in Timons Hause. Flavius tritt auf mit vielen Rechnungen in der Hand. Nachdenken, Einhalt nicht! Wirtschaft ganz sinnlos, Daß er sie weder so kann weiter führen, Noch die Verschwendung hemmt: sich nicht drum kümmert Wo alles hin geht, noch ein Mittel sucht, Woraus es fortzuführen; nie verband Sich so viel Milde solchem Unverstand! Was wird noch draus? Er hört nicht, bis er fühlt; Ich schenk' ihm reinen Wein, kommt er vom Jagen. Pfui, pfui! Caphis tritt auf und die Diener des Isidor und Varro. Ei, Varro, guten Abend: Kommst du nach Geld? Ist's nicht auch dein Geschäft? So ist's; – und deins auch, Isidor? Jawohl. Wär'n wir nur alle schon bezahlt! Hm, schwerlich. Hier kommt der gnäd'ge Herr. Es treten auf Timon, Alcibiades und Lords. Gleich nach der Mahlzeit gehn wir wieder dran, Mein Alcibiades. – Zu mir? Was gibt's? Hier, diese Schuldverschreibung, edler Herr – Schuld? Woher bist du? Gnäd'ger, aus Athen. Zu meinem Hausverwalter geh! Verzeiht mir, gnäd'ger Herr, seit einem Monat Verweist er mich von einem Tag zum andern; Mein Herr, jetzt selbst in Not und hart bedrängt, Muß mahnen an die Schuld, und fleht in Demut, Daß Ihr, mit Euerm edlen Tun im Einklang, Sein Recht ihm tut. Mein guter Freund, ich bitte, Komm wieder zu mir morgen früh! Nein, edler Herr. Vergiß dich nicht, mein Guter. Des Varro Diener, Lord – Von Isidor; In Demut bittet er um schnelle Zahlung. Wär' Euch bekannt, wie sehr mein Herr es braucht – Schon vor sechs Wochen fällig, Herr, und drüber. Mylord, Eu'r Hausverwalter weist mich ab, Ausdrücklich schickt man mich zu Euer Gnaden. Nur kleine Ruh'! – Ich bitt' euch, edle Lords, geht mir voran; Alcibiades und die Lords gehn ab. Ich folg' euch augenblicks. – Zu Flavius. Komm her, und sprich: Wie, um die Welt, daß man mich so umdrängt Mit Mahngeschrei um Schuld, verfallnen Scheinen Und rückgehaltnen Summen, zahlbar längst. Zum Nachteil meiner Ehre? Hört, ihr Herrn, Die Zeit ist für Geschäfte nicht geeignet: Stillt euren Ungestüm bis nach der Mahlzeit, Auf daß ich Seiner Gnaden sagen möge, Weshalb ihr nicht bezahlt seid. Tut das, Freunde! Und laß sie gut bewirten! Timon geht ab. Bitte, kommt! Flavius geht ab. Apemantus und ein Narr treten auf. Wartet, hier kommt Apemantus mit dem Narren: wir wollen noch etwas Spaß mit ihnen treiben. An den Galgen mit ihm, er wird uns schlecht begegnen. Die Pest über den Hund! Was machst du, Narr? Führst du Gespräch mit deinem Schatten? Ich spreche nicht mit dir. Nein, mit dir selbst. – Zum Narren. Komm fort! zu Varros Diener. Da hängt dir der Narr schon am Halse. Nein, du stehst allein und hängst nicht an ihm. Wo ist der Narr nun? Der die letzte Frage tat. – Arme Schufte und Diener von Wucherern! Kuppler zwischen Gold und Mangel! Was sind wir, Apemantus? Esel. Warum? Weil ihr mich fragt, was ihr seid, und euch selbst nicht kennt. – Sprich mit ihnen, Narr! Wie geht's euch, ihr Herren? Großen Dank, Narr! Wie geht es deiner Gebieterin? Sie setzt eben Wasser bei, um solche Küchlein, wie ihr seid, zu brühen. Ich wollte, wir sähen euch in Korinth! Gut! ich danke dir. Ein Page tritt auf. Seht, hier kommt der Page meiner Gebieterin. PAGE zum Narr'n. Nun, wie geht's, Kapitän? Was machst du in dieser weisen Gesellschaft? – Wie geht's dir, Apemantus? Ich wollte, ich hätte eine Rute in meinem Munde, um dir eine heilsame Antwort geben zu können. Ich bitte dich, Apemantus, lies mir die Aufschrift dieser Briefe, ich weiß nicht, an wen jeder ist. Kannst du nicht lesen? Nein. So wird also an dem Tage, wo du gehängt wirst, keine große Gelehrsamkeit sterben. Dieser ist an Lord Timon; dieser an Alcibiades. Geh! du wurdest als Bastard geboren und wirst als Kuppler sterben. Und du wurdest als Hund geworfen, und wirst verhungern, den Tod des Hundes. Antworte nicht, denn ich bin schon fort. Der Page geht ab. Ebenso entfliehst du der Gnade. Narr, ich will mit dir zu Lord Timon gehen. Und willst du mich dort lassen? Wenn Timon zu Hause bleibt. – Ihr drei bedient drei Wucherer. Ja; bedienten sie lieber uns! Das wollte ich auch, – und so gut, wie jeder Henker den Dieb bedient. Seid ihr die Diener von drei Wucherern? Ja, Narr. Ich glaube, es gibt keinen Wucherer, der nicht einen Narren zum Diener hat. Meine Gebieterin ist es auch, und ich bin ihr Narr. Wenn die Leute von euren Herren borgen wollen, so kommen sie traurig und gehen fröhlich wieder weg; aber in das Haus meiner Gebieterin kommen sie fröhlich und gehn traurig wieder weg: die Ursach'? Ich könnte sie nennen. So tu' es denn, damit wir dich als Verbuhlten und Schelm kennen lernen, wofür du nichts desto weniger gelten sollst. Was ist ein Verbuhlter, Narr? Ein Narr in guten Kleidern, und dir etwas ähnlich. Ein Geist ist es, denn zuweilen erscheint er als ein vornehmer Herr, zuweilen als ein Rechtsgelehrter, zuweilen als ein Philosoph, zuweilen gleicht er auch einem Ritter: und, kurz und gut, in allen Gestalten, worin die Menschen von achtzig bis zu dreizehn Jahren umher wandeln, geht dieser Geist um. Du bist nicht ganz ein Narr. Und du nicht ganz ein Weiser; so viel Narrheit als ich besitze, so viel Witz mangelt dir. Dieser Antwort hätte sich Apemantus nicht schämen dürfen. Platz! Platz! hier kommt Lord Timon. Timon und Flavius treten auf. Komm mit mir, Narr, komm! Ich folge nicht immer dem Liebhaber, dem älteste Bruder und der Frau: manchmal dem Philosophen. Apemantus und der Narr gehn ab. Ich bitt' euch, geht; gleich will ich mit euch reden Die Diener gehn alle ab. Du machst mich staunen. Warum früher nicht Hast du mir mein Vermögen klar berechnet, Daß ich vermocht, den Haushalt einzurichten, Wie's mir vergönnt? Ihr wolltet nimmer hören, So oft ich's vorschlug Eurer Muße. Was! Einmal ergriffst du wohl den Augenblick, Wenn üble Laune dich zurück gewiesen: Und die Verstimmung soll nun jetzt dir helfen, Dich zu entschuld'gen. Oh, mein teurer Herr, Oft hab' ich meine Rechnung Euch gebracht, Sie hingelegt; Ihr aber schobt sie weg Und spracht: sie lieg' in meiner Redlichkeit. Befahlt Ihr, für ein klein Geschenk so viel Zu geben, schüttelt' ich den Kopf und weinte; Ja, bat Euch, gegen das Gebot der Sitte, Mehr Eure Hand zu schließen; ich ertrug Nicht seltnen und nicht milden Vorwurf, wagt' ich, An Eures Reichtums Ebbe Euch zu mahnen Und Eurer Schulden Flut. Geliebter Herr, Jetzt hört Ihr mich, – zu spät! – Doch muß ich's sagen, Daß Euer ganz Vermögen halb zu wenig, Die gegenwärt'gen Schulden nur zu tilgen. Laß all mein Land verkaufen! Alles ist Verpfändet; viel verfallen und dahin; Und was noch bleibt, kann kaum den Riß verstopfen Des jetz'gen Drangs: Termin folgt auf Termin: Was nun vertritt die Zwischenzeit? und endlich, Wie steht's um unsre Rechnung? Bis Lacedämon reichten meine Güter. Oh, teurer Herr, die Welt ist nur ein Wort: Und wär' sie Eu'r, wie schnell wär' sie dahin, Wenn sie ein Laut verschenkte! Du hast recht. Mißtraut Ihr meinem Haushalt, meiner Ehre, So laßt mich vor den strengsten Richtern stehn, Zur Rechenschaft! Die Götter sind mir Zeugen: Wenn Vorsaal, Küch' und Keller voll gedrängt Schwelgender Diener, die Gewölbe weinten Vom Weinguß Trunkner, und wenn jeder Saal Von Kerzen flammt' und von Musik erbrauste: Saß ich beim steten Fluß des Brunnens einsam Und ließ mein Auge strömen. Bitte, nichts mehr! Ihr Götter, rief ich, dieser Herr so mild! Wie manchen reichen Bissen Sklaven heut Verschluckten! Wer ist Timon nicht ergeben? Welch Haupt, Herz, Schwert, Gold, Gut gehört nicht ihm, Dem großen, edeln, königlichen Timon? Ach! schwand der Reichtum, der dies Lob gekauft, So schwand der Atem, der dies Lob gebildet: Was Schmaus gewann, verlor das Fasten wieder; Ein Wintertag, und tot sind diese Fliegen. Still, pred'ge mir nicht mehr: – Doch kennt mein Herz kein lasterhaft Verschwenden; Unweis' und nicht unedel gab ich weg. Was weinst du doch? Denkst du, ganz gottlos, denn, Ich werde freundlos sein? Beruh'ge dich: Wollt' ich anzapfen allen Wein der Liebe, Durch Borg der Herzen Inhalt mir erprüfen, Könnt' ich ihr aller Gut so frei gebrauchen, Wie ich dich reden heiße! Es mög' Erfüllung Euren Glauben segnen! Und in gewisser Art freut mich mein Mangel, Daß ich ihn Segen achte; denn durch ihn Prüf ich die Freund': dann siehst du deinen Irrtum, Wie überreich ich in den Freunden bin. He, drinnen da! – Flaminius! Servilius! Flaminius, Servilius und andre Diener treten auf. Mylord, Mylord – Verschicken will ich euch, – dich zu Lord Lucius, Zu Lord Lucullus dich; noch heut jagt' ich Mit ihm; – dich zu Sempronius; Empfehlt mich ihrer Lieb', und ich sei stolz, Daß die Gelegenheit sich fand, um Darlehn An Geld sie anzusprechen; mein Ersuchen: Funfzig Talent. Wie Ihr befehlt, Mylord. beiseit. Lord Lucius und Lucullus? Hm! – zu einem andern Diener. Und du, geh zu den Senatoren flugs, Die schon, weil ich dem Staate Dienst getan, Gewähren mögen, daß sie gleich mir tausend Talente senden. Ich war schon so kühn (Denn dies geschieht ja oft so, wie ich weiß), Dein Petschaft dort und Namen zu gebrauchen; Doch schütteln sie den Kopf, und ich kam wieder, Nicht reicher, als ich ging. Ha! wirklich? kann es sein? Einstimmig sprechen alle – keiner anders – Daß ihre Kassen leer, kein Geld im Schatz, Nicht könnten, wie sie wollten, – täte leid, – Höchst würdig Ihr, – doch wünschten sie, – nicht wüßten – Es konnte manches besser – edler Sinn Kann wanken – wär' nur alles gut – doch schade! Und so, zu andern wicht'gen Dingen schreitend, Mit scheelem Blick und diesen Redebrocken Halb abgezogner Mütz', kalt trocknem Nicken, Vereisten sie das Wort mir auf der Zunge. Gebt's ihnen heim, ihr Götter! – Ich bitte, Mann, blick' froh; den Altgesellen Ist nun der Undank einmal einverleibt; Ihr Blut ist Gallert, kalt, und fließt nur dünn, Es ist nicht frisch und warm, sie fühlen nichts; Und die Natur, der Erd' entgegen wachsend, Ist, wie das Reiseziel, schon dumpf und schwer. – Zu einem Diener. Geh zu Ventidius. Zu Flavius. Bitte, sei nicht traurig: Treu bist du, redlich; frei und offen sag' ich's, Kein Tadel trifft dich. – Zum Diener. Kürzlich erst begrub Ventidius seinen Vater; er ward Erbe Von großen Schätzen: als er arm noch war, Gefangen, und kein Freund ihn anerkannte, Löst' ich ihn aus mit fünf Talenten. Grüß' ihn: Vermuten mög' er, dringliches Bedürfnis Berühre seinen Freund, Erinnerung weckend An jene fünf Talent': – Zu Flavius. Den Burschen gib sie, Die jetzt drauf drängen. Fort mit dem Gedanken, Bei Freunden könne Timons Glück erkranken! Wohl will mein Zweifel mit der Großmut rechten: Die Milde hält für milde auch die Schlechten. Gehn ab. Dritter Aufzug Erste Szene Erste Szene Zimmer in Lucullus' Hause. Flaminius; ein Diener kommt zu ihm. Ich habe dich bei meinem Herrn gemeldet, er wird gleich zu dir herunter kommen. Ich danke dir. Lucullus tritt auf. Hier ist mein Herr. beiseit. Einer von Timons Dienern? Gewiß ein Geschenk. Ha ha, das trifft ein; mir träumte heute nacht von Silberbecken und Kanne. Laut. Flaminius, ehrlicher Flaminius: du bist ganz ausnehmend sehr willkommen. – Zum Diener. Geh, bring' Wein! Diener geht ab. Und was macht der hochachtbare, unübertreffliche, großmütige Ehrenmann Athens, dein höchst gütiger Herr und Gebieter? Seine Gesundheit ist gut, Herr. Das freut mich recht, daß seine Gesundheit gut ist. Und was hast du da unter deinem Mantel, mein artiger Flaminius? Wahrlich, Mylord, nichts als eine leere Büchse, die ich Euer Gnaden für meinen Herrn zu füllen ersuche; er ist in den Fall gekommen, dringend und augenblicklich funfzig Talente zu brauchen, und schickt zu Euer Gnaden, ihm damit auszuhelfen; indem er durchaus nicht an Eurer schnellen Bereitwilligkeit zweifelt. La, la, er zweifelt nicht, sagst du? Ach, der gute? Lord! er ist ein edler Mann, wollte er nur nicht ein so großes Haus machen. Viel und oftmals habe ich bei ihm zu Mittag gespeist und es ihm gesagt; und bin zum Abendessen wieder gekommen, bloß in der Absicht, ihn zur Sparsamkeit zu bewegen: aber er wollte keinen Rat annehmen und sich durch mein wiederholtes Kommen nicht warnen lassen. Jeder Mensch hat seinen Fehler, und Großmut ist der seinige; das habe ich ihm gesagt, aber ich konnte ihn nicht davon zurück bringen. Der Diener kommt mit Wein. Gnädiger Herr, hier ist der Wein. Flaminius, ich habe dich immer für einen klugen Mann gehalten. Ich trinke dir zu. Euer Gnaden beliebt es so zu sagen. Ich habe an dir immer einen raschen, auffassenden Geist bemerkt, – nein, es ist wirklich so –, und du weißt wohl, was vernünftiges Betragen ist; du bist der Zeit willfährig, wenn die Zeit dir willfährig ist: alles gute Eigenschaften. – Mach' dich davon, Mensch! Zum Diener, der abgeht – Tritt näher, ehrlicher Flaminius! Dein Herr ist ein wohlthätiger Mann; aber du bist klug, und weißt recht wohl, ob gleich du zu mir kommst, daß jetzt keine Zeit ist, um Geld auszuleihen; besonders auf bloße Freundschaft, ohne Sicherheit. Hier hast du drei Goldstücke für dich: guter Junge, drück' ein Auge zu, und sage, du habest mich nicht getroffen. Lebe wohl! Ist's möglich? Hat die Welt sich so verwandelt, Und wir dieselben lebend? – Niederträchtige Gemeinheit, bleibe dem, der dich verehrt! Indem er das Geld hinwirft. Ha, ha! Nun sehe ich, du bist ein Narr, und schickst dich gut für deinen Herrn. Lucullus geht ab. Nimm dies zu jenem Gold, das einst dich brennt! Geschmolznes Gold sei dein Verdammungsspruch, Du Krankheit eines Freunds, doch nicht ein Freund! Hat Freundschaft solch ein schwaches Herz von Milch, Das in zwei Nächten umschlägt? Oh, ihr Götter! Ich fühle meines Herren Zorn! Der Sklav' Hat noch in sich zur Stunde Timons Mahl: Wie soll es ihm gedeihn und Nahrung werden, Wenn er sich selbst in Gift verwandelt hat? Oh, möge Krankheit nur sich draus erzeugen! Und, liegt er auf den Tod, der Nahrungsstoff, Für den mein Herr bezahlte, o entart' er, Vermehre Krankheit und die Todesmarter! Geht ab. Zweite Szene Zweite Szene Straße. Lucius kommt mit drei Fremden. Wer, Lord Timon? Er ist mein sehr guter Freund, und ein ausgezeichneter Ehrenmann. Wir kennen ihn nicht anders, obwohl wir ihm fremd sind. Aber ich kann Euch etwas sagen, Mylord, was ich durch das allgemeine Gerücht gehört habe. Timons glückliche Tage sind vergangen und verschwunden, und sein Besitztum wird ihm ungetreu. Nein, glaubt das nicht; um Geld kann er nie in Verlegenheit sein. Aber glaubt mir dies, gnädiger Herr, daß vor kurzem einer seiner Diener bei Lord Lucullus war, um ich weiß nicht wie viele Talente zu borgen; ja, und noch mehr, sehr in ihn drang, und die Notwendigkeit zeigte, die ihn zu diesem Schritt bewog, und doch abgewiesen ward. Wie? Ich sage Euch, abgewiesen! Wie seltsam ein solches Beginnen! Nun, bei den Göttern, ich muß mich dessen schämen. Den würdigen Mann abzuweisen! darin zeigte er wenig Gefühl für Ehre. Was mich betrifft, ich muß bekennen, ich habe einige kleine Liebeszeichen von ihm erhalten, Geld, Silbergeschirr, Edelsteine und dergleichen Kleinigkeiten, nichts in Vergleich mit je nem; doch, hätte er ihn übergangen und zu mir gesendet, ich hätte seinem Bedürfnis diese Talente nicht geweigert. Servilius tritt auf. Ei sieh, zum guten Glück, da ist ja der edle Lucius; ich habe schwitzen müssen, ihn zu finden. – Verehrter Herr! Servilius! Gut getroffen! Lebe wohl! – Empfiehl mich deinem edlen, tugendhaften Herrn, meinem allerteuersten Freunde! Mit Euer Gnaden Erlaubnis, mein Herr sendet – Was sendet er? Ich bin deinem Herrn schon so sehr verpflichtet; er sendet immer. O sage mir, wie kann ich ihm wohl danken? Und was sendet er mir jetzt? Nur sein augenblickliches Ersuchen sendet er Euch jetzt, mein gnädiger Herr; und bittet Euch, ihm sogleich mit so vielen Talenten auszuhelfen, als hier geschrieben stehen. Ich weiß, der gnäd'ge Lord scherzt nur mit mir; Nicht fünfzig, hundert fehlen ihm Talente. Doch fehlt ihm jetzt die weit geringre Summe. Bedürft' er's nicht zum Äußersten, Mylord, Würd' ich nicht halb so eifrig in Euch dringen. Sprichst du im Ernst, Servilius? Bei meiner Seele, Herr, es ist wahr. Welch ein gottvergessenes Tier war ich, mich eben vor einer so gelegenen Zeit vom Gelde zu entblößen, da ich mich hätte als einen Mann von Ehre zeigen können! Wie unglücklich trifft es sich, daß ich durch einen kleinen Einkauf am Tage zuvor nun einen großen Teil meiner Ehre einbüßen muß! – Servilius, ich rufe die Götter zu Zeugen, ich bin nicht imstande, es zu tun; um so mehr Vieh, sage ich noch einmal! – Ich wollte soeben selbst Timon ansprechen, das können diese Herren bezeugen; aber jetzt möchte ich um alle Schätze von Athen nicht, daß ich es getan hätte. Empfiehl mich angelegentlich deinem liebevollen Gebieter; ich hoffe, sein Edelmut wird das Beste von mir denken, da es nicht in meiner Macht steht, mich ihm freundlich zu bezeigen. – Und sage ihm von mir, ich halte es für einen der größten Unglücksfälle, die mich treffen konnten, daß ich solchem edlen Mann nicht dienen kann. Guter Servilius, willst du mir so viele Liebe erzeigen, meine eigenen Worte gegen ihn zu gebrauchen? Ja, Herr, das werde ich. Ich werde daran denken, dir einen Gefallen zu tun, Servilius. Servilius geht ab. Grad' wie Ihr sagt: mit Timon will sich's neigen; Wem man nicht traut, der kann nie wieder steigen. Lucius geht ab. Bemerkt Ihr dies, Hostilius? Nur zu gut. Dies ist Der Geist der Welt; und grad' aus solchem Tuch Ist jedes Schmeichlers Witz. Ist der noch Freund, Der mit uns in dieselbe Schüssel taucht? Timon, ich weiß, war dieses Mannes Vater, Es rettete sein Beutel ihn vom Fall; Hielt sein Vermögen, ja, mit Timons Geld Bezahlt er seiner Diener Lohn; nie trinkt er, Daß Timons Silber nicht die Lipp' ihm rührt; Und doch (o seht, wie scheußlich ist der Mensch, Wenn er des Undanks Bildung an sich trägt!) Versagt er nun, verglichen dem Empfangnen, Was ein barmherz'ger Mann dem Bettler gibt. Die Fömmigkeit seufzt leidend. Was mich betrifft Ich habe nie von Timon was genossen, Noch teilte mir sich seine Güte mit, Als Freund mich zu bezeichnen; doch beteur' ich, Um seines edlen Sinns erlauchter Tugend Und seines adeligen Wesens halb, – Wenn er in seiner Not mich angegangen, Mein ganz Besitztum hätt' ich hingeopfert, Daß ihm die größte Hälfte wiederkehrte, So lieb' ich sein Gemüt. Doch merk' ich wohl, Man muß mit zartem Sinn zu geben wissen; Denn Klugheit thront noch höher als Gewissen. Sie gehn ab. Dritte Szene Dritte Szene Zimmer in Sempronius' Hause. Sempronius tritt auf mit einem Diener Timons. Bestürmen muß er mich vor allen andern? Den Lucius und Lucullus könnt' er angehn; Und auch Ventidius ist nun reich geworden, Den er vom Kerker losgekauft! Sie alle Verdanken ihren Wohlstand ihm. Mylord, Greprüft sind sie und falsches Gold gefunden; Sie weigerten ihm alle. Weigern ihm? Ventidius und Lucullus weigern ihm? Nun schickt er her zu mir? Und sie? Hm, hm! Das zeigt in ihm nur wenig Lieb' und Urteil. Ich, letzter Trost? Die Freunde sind wie Ärzte Geschenkt, und lassen ihn: Ich soll ihn heilen? Sehr hat er mich gekränkt; ich bin ihm böse, Daß er mich so verkennt: Kein Grund und Sinn, Weshalb er mich zuerst nicht angesprochen, Denn ich, auf mein Gewissen, war der erste, Der Gaben je von ihm empfangen hat: Und stellt er mich nun in den Hintergrund, Daß er zuletzt mir traute? Nein, dies würde Nur Gegenstand des Spotts für all die andern, Ein Tor nur ständ' ich da vor all den Lords. Dreimal die ganze Summe gäb' ich lieber, War ich der erst', nur um mein Zartgefühl: So schwoll mein Herz, ihm Gutes zu erweisen! Zum Nein der andern sei das Wort gesellt: Wer meine Ehre kränkt, sieht nie mein Geld. Geht ab. Ganz unvergleichlich! Euer Gnaden ist ein recht frommer Schurke. Der Teufel wußte nicht, was er tat, als er den Menschen politisch machte; er stand sich selbst im Lichte: und ich kann nichts anders glauben, als daß durch so nichtswürdige Klugheit der Sünder sich noch zum Heiligen disputiert. Wie tugendhaft strebte der Lord, um niederträchtig zu erscheinen? Frommen Vorwand nimmt er, um gottlos zu sein; denen gleich, die mit inbrünstigem Religionseifer ganze Königreiche in Brand stecken möchten. Der Art ist seine überkluge Liebe. Er Timons beste Hoffnung; all' entweichen, Nur die Götter nicht: Die Freunde all' sind Leichen. Die Tür, die niemals ihren Riegel kannte, Durch manch gastfreies Jahr, muß jetzt sich schließen, Um sichern Wahrsam ihrem Herrn zu leihn. So end't der Lauf von all zu freien Jahren; Das Haus bewahrt, wer nicht sein Geld kann wahren. Geht ab. Vierte Szene Vierte Szene Vorhalle in Timons Hause. Es treten auf zwei Diener des Varro und ein Diener des Lucius; Titus, Hortensius und andere Diener von Timons Gläubigern. Recht! Guten Morgen, Titus und Hortensius! Euch gleichfalls, guter Varro! Lucius! Wie, treffen wir uns hier? LUCIUS' DIENER. Und, wie ich glaube, Führt ein Geschäft uns alle her; denn mein's Ist Geld. Und so ist ihrs und unsers. Philotus tritt auf. LUCIUS' DIENER. Ei! Philotus auch! Guten Morgen! LUCIUS' DIENER. Freund, willkommen! Was ist's wohl an der Zeit? Nicht weit von neun. LUCIUS' DIENER. So spät? War Mylord noch nicht sichtbar? LUCIUS' DIENER. Nein. Mich wundert's; schon um sieben strahlt' er sonst. LUCIUS' DIENER. Ja, doch sein Tag ist kürzer jetzt geworden. Seht, Freunde, des Verschwenders Lauf ist gleich Der Sonne; doch erneut sich nicht, wie sie. Ich fürcht', in Timons Beutel ist es Winter; Das heißt, steckt man die Hand auch tief hinein, Man findet wenig. Ja, das fürcht' ich auch. Jetzt merkt' mal auf ein höchst seltsames Ding: Euer Herr schickt Euch nach Geld? Gewiß, das tut er. Und trägt Juwelen, die ihm Timon schenkte, Für die ich Geld erwarte. 's ist gegen mein Gemüt. LUCIUS' DIENER. Ja, wundersam, Timon bezahlt, was niemals er bekam: Als wenn dein Herr, weil er Juwelen trägt, Sich dafür Geld von Timon geben ließe. Ich bin des Auftrags satt, die Götter wissen's: Sehr viel erhielt mein Herr, als Timon reich; Sein Undank macht dies jetzt dem Diebstahl gleich. Meins ist dreitausend Kronen; und das deine? LUCIUS' DIENER. Fünftausend. Das ist sehr viel, und nach der Summe scheint's, Dein Herr war ihm vertrauter als der meine; Sonst wäre sicher auch die Fod'rung gleich. Flaminius tritt auf. Einer von Timons Dienern. LUCIUS' DIENER. Flaminius! auf ein Wort: Ich bitte dich, ist dein Herr bereit, heraus zu kommen? Nein, gewiß nicht. Wir erwarten Seine Gnaden; und ich bitte dich, tu' ihm das zu wissen! Ich habe nicht nötig, es ihm zu sagen; er weiß wohl daß ihr nur zu beflissen seid. Flaminius geht ab. Flavius tritt auf, in einen Mantel verhüllt. LUCIUS' DIENER. Ist der Verhüllte nicht sein Hausverwalter? Er geht in einer Wolke fort. He! ruft ihn! Hört Ihr nicht, Freund? Mit Eurer Erlaubnis, Herr – Was wollt Ihr von mir haben, meine Freunde? Wir warten auf gewisse Gelder. Ja, Wär' Geld so sicher nur als Euer Warten, Wär's euch gewiß. Weshalb nicht brachtet ihr Die Schuldbrief, als die falschen Herren schwelgten An Timons Tisch? Sie kosten, mahnten nicht, Und lächelten, und nahmen noch den Zins In gier'gen Schlund. Ihr tut euch selbst zu nah, Daß ihr mich reizt; laßt ruhig mich von hinnen; Mein Herr kann jetzt nebst mir den Haushalt enden: Ich bin mit Rechnen fertig, er mit Spenden. LUCIUS' DIENER. Ja, doch die Antwort dient nicht. Dient sie nicht, Ist besser sie als ihr; denn ihr dient Schelmen. Flavius geht ab. Was murmelt da der abgedankte gnädige Herr? Das ist einerlei; er ist arm, und das ist Strafe genug für ihn. Wer kann freier sprechen, als der, der kein Haus hat, den Kopf hinein zu tun? Solche Leute dürfen auf große Gebäude schelten. Servilius tritt auf. Hier ist Servilius; nun werden wir wohl irgendein Antwort bekommen. Wenn ich euch bitten darf, ihr guten Herren, So kommt zu einer andern Stunde; sehr Will ich's euch danken: denn, glaubt meinem Wort, Mein Herr ist außerordentlich verstimmt. Sein heitrer Sinn hat gänzlich ihn verlassen; Denn er ist krank und muß sein Zimmer hüten. LUCIUS' DIENER. Das Zimmer hütet mancher, der nicht krank ist; Und, ist er so sehr leidend, sollt' er, mein' ich, Um so viel eher seine Schulden zahlen Und sich den Weg frei machen zu den Göttern. Ihr Götter! Dies können wir für keine Antwort nehmen. drinnen. Servilius! komm und hilf! Mylord, Mylord! Timon tritt auf in einem Anfall von Wut, Flaminius folgt ihm. Was, sperrt die eigne Tür den Durchgang mir? War ich stets frei, und muß mein eigen Haus Mein Feind sein, der mich fesselt, und mein Kerker? Der Platz, der Lust geweiht, zeigt er nun auch, Wie alle Menschen, mir ein eisern Herz? LUCIUS' DIENER. Mach' dich an ihn, Titus! Mylord, hier ist meine Verschreibung. LUCIUS' DIENER. Und meine. Und meine. Und unsre, Herr. Alle unsre Verschreibungen. So haut mich nieder, spaltet mich zum Gürtel! LUCIUS' DIENER. Ach! Herr – Zerteilt mein Herz! Funfzig Talente hier. Nehmt denn mein Blut! LUCIUS' DIENER. Fünftausend Kronen, Herr. Fünftausend Tropfen zahlen die. Und Ihr? Und Ihr? Herr! Herr! Reißt mich in Stück', und töten euch die Götter! Er geht ab. Nun, ich sehe wohl, unsre Herren mögen ihre Mützen nach ihrem Gelde schmeißen: diese Schulden kann man wohl verzweifelte nennen, da ein Rasender sie bezahlen soll. Sie gehn alle ab. Timon kommt zurück mit Flavius. Es nahmen Luft und Atem mir die Sklaven. Gläubiger! – Teufel! – Mein teurer Herr! Und könnt's nicht so geschehn? Mein gnädiger Herr! So soll es sein: – Mein Hausverwalter! Hier, Herr! So schnell? Geh, lade mir die Freunde wieder, Lucius, Lucullus und Sempronius, alle; Ich will die Schufte noch einmal bewirten. O teurer Herr, Das sprecht Ihr nur aus tief zerstörtem Sinn: Es ist nicht so viel übrig, auszurichten Ein mäß'ges Mahl. Still, lade all', befehl' ich: Daß noch einmal herein die Schelmzucht breche; Mein Koch und ich besorgen schon die Zeche. Sie gehn ab. Fünfte Szene Fünfte Szene Das Haus des Senats. Der Senat ist versammelt. Mylord, so stimm' auch ich; die Schuld ist blutig: Er muß notwendig mit dem Tode büßen; Die Sünde wird durch Gnade frecher nur. Sehr wahr; vernichten soll ihn das Gesetz. Alcibiades tritt auf mit Gefolge. Heil sei und Ehr' und Milde dem Senat! Was wollt Ihr, Feldherr? Vor eure Tugend tret' ich als ein Fleh'nder; Denn Mitleid ist die Tugend des Gesetzes, Nur Tyrannei braucht es zur Grausamkeit. Die Laune war's von Zeit und Schicksal, schwer Zu drücken einen Freund, der, heißen Bluts, Schritt ins Vergehn, wo pfadlos dessen Tiefe Für jenen, der hineinstürzt unbedacht. Er ist ein Mann, den Fehl beiseit' gesetzt, Von milden Tugenden; Auch nicht befleckte Feigheit sein Beginnen (Ein Ruhm, der wohl des Fehltritts Schuld bezahlt), Nein, heldenmüt'gen Sinns und edeln Zorns, Da er zum Tod die Ehre sah verletzt, Begegnet' er dem Feind: Und so gemäßigt mit verhaltnem Grimm Hielt er den Zorn bis an das End' in Schranken, Als stritt er mit Beweisen und Gedanken. Du unternimmst zu herben Widerspruch, Willst du die schnöde Tat in Schönheit kleiden. Fast schien dein künstlich Wort dahin zu streben, Den Menschenmord zu adeln, Rauferlaune Vor Tapferkeit zu ehren; die doch, wahrlich, Nur mißerzeugter Mut, zur Welt gekommen, Als Sekten und Partei'n geboren wurden. Nur der zeigt wahren Mut, der weislich duldet Das Schlimmste, was der Gegner spricht; dem Kränkung Gewand nur wird und Hülle, leicht zu tragen; Der Unbill nie läßt bis zum Herzen dringen, Dies zu vergiften. Ist Unheil Schimpf und zwingt uns tot zu schlagen, Wird nur der Tor um Unheil Leben wagen. Mylord, – Durch Euch wird glorreich nicht ein hart Verschulden; Sich rächen ist nicht Tapferkeit, nein, dulden. Dann, mit Vergunst, ihr edeln Herrn, verzeiht, Red' ich hier als Soldat: – Was wagen in der Schlacht sich dumme Menschen Und dulden nicht das Dräu'n? und schlafen still, In Zuversicht dem Feind die Kehle bietend, Ganz ohne Widerstand? Ist im Ertragen So großer Mut, was machen wir im Feld? Nun also, tapferer sind dann die Frauen Im Hausgeschäft, geht Dulden über alles; Mehr als der Leu ist dann Soldat der Esel; Der Dieb in Ketten weiser als der Richter, Liegt Weisheit nur im Leiden. Senatoren, Groß seid ihr schon, nun seid auch mild und gut: Raschheit verdammt man leicht mit kaltem Blut. Der Mord, ich geb' es zu, ist bös' und schlecht; Doch nennt Verteid'gung Gnade selbst gerecht. Der Zorn gehört wohl zu den größten Sünden; Doch ist kein Mensch, der nie gezürnt, zu finden: Wägt daran seine Schuld! Ihr sprecht umsonst. Umsonst? Und alle Dienste, die er tat, Zu Lacedämon und Byzantium, Sie könnten ihm das Leben wohl erkaufen! Was meint Ihr? Ich sag' Euch, edlen Dienst hat er getan, Und manchen eurer Feind' im Feld getötet; Wie tapfer er noch kämpft' im letzten Treffen, Das künden all die Wunden, die er schlug. Ja, Ihr habt recht, zu viele Wunden schlug er, Ein Schwelger ist er: schon der eine Fehl Ersäuft ihn und raubt seinem Mut Besinnung; Hätt' er nicht andre Feinde, der allein Könnt' ihn besiegen; oft ward er gesehn, Daß er in vieh'scher Wut das Schnöde tat Und mit Empörern hielt. So viel ist wahr, Sein Rausch bringt Schande ihm und uns Gefahr. Er stirbt. O hart Geschick! daß er nicht fiel im Krieg! Nun wohl, wenn nicht um seiner Taten willen (Kann gleich sein rechter Arm die Zeit ihm kaufen Und niemand schuldig bleiben), euch zu rühren, Nehmt meine Taten auch, vereint sie beide: Und, da ich weiß, es lieb' euer würd'ges Alter Die Sicherheit, verpfänd' ich meine Siege, All meinen Ruhm, damit er zahl' und zinse. Verlangt Gesetz für diesen Fehl sein Leben, Nun dann, im Krieg, in tapfern Schlachten sterb' er! Ist Satzung herb, so ist der Krieg noch herber. Wir stehn hier fürs Gesetz: er stirbt; nichts weiter, Bei unserm Zorn! Sei's Bruder, Sohn, Genoß, Des Blut verfiel, der fremdes Blut vergoß. Muß es denn sein? Es muß nicht. Senatoren, Ich bitt' euch sehr, erkennt mich wieder! Wie? Ruft mich zurück in eu'r Gedächtnis! Was? Gewiß, euer Alter hat mich ganz vergessen; Weshalb sonst ständ' ich so verachtet hier Und sah' die kleine Gunst geweigert mir? Das schmerzt die Wunden! Trotzt Ihr unserm Zorn? Er ist an Worten schwach, doch stark im Tun: Drum sei verbannt auf ewig! Ich verbannt? Bannt eure Torheit, euren Wucher bannt, Der den Senat abscheulich macht! Wenn nach zwei Tagen dich Athen noch faßt, Fürcht' unser schwer Gericht. Eh' unser Geist Noch mehr entbrennt, soll jener schleunigst sterben. Die Senatoren gehn ab. So werdet alt und greis; bis ihr nur lebt Noch als, Gebein, verhaßt jedwedem Auge! Ha! mich faßt Raserei: Ich schlug den Feind, Indes ihr Gold sie zählten, ihre Münzen Ausliehn auf hohen Zins; und ich nur reich An tapfern Narben. – Und dafür nun so? Ist Balsam dies, den der Senat, der Wuch'rer, In seines Feldherrn Wunden gießt? Verbannung! Das ist nicht schlimm; willkommen ist Verbannung: So hat mein Zorn und Grimm den guten Grund, Athen zu schlagen. Munter werb' ich jetzt Mein mißvergnügtes Heer, nach Herzen wuchernd: 's ist ehrenvoll, der Güter sich entschlagen; Gleich Göttern soll kein Krieger Schmach ertragen. Er geht ab. Sechste Szene Sechste Szene Timons Prunksaal. Tafeln sind gesetzt, die Diener stehn umher. Timons Freunde kommen von verschiedenen Seiten herein. Ich wünsche Euch einen guten Tag, Freund. Ich Euch gleichfalls. Ich glaube, dieser würdige Mann wollte uns neulich nur auf die Probe stellen. Eben darauf waren meine Gedanken auch gerichtet, indem wir uns begegneten. Ich hoffe, es steht nicht so schlimm mit ihm, als er bei Prüfung seiner Freunde vorgab. Nach dem, was dies neue Gastmahl uns verheißt, kann es wohl nicht sein. Das glaube ich auch; er sandte mir eine dringende Einladung, welche abzulehnen mir ernste Geschäfte nahe genug legten; aber er beschwor mich, auch die wichtigste Rücksicht fallen zu lassen, und so mußte ich denn notwendig erscheinen. Auf gleiche Weise ward ich von sehr bedeutenden Geschäften abgehalten, aber er wollte meine Entschuldigung nicht hören. Es tut mir leid, daß mein Vorrat ganz erschöpft war, als er zu mir schickte, Geld aufzunehmen. An derselben Kränkung leide ich, da ich nun sehe, wie die Sachen stehen. Jedem, der hier ist, geht es so. Wieviel wollt' er Euch abborgen? Tausend Goldstücke. Tausend Goldstücke! Wie viel von Euch? Er schickte zu mir – doch hier kommt er. Timon tritt auf mit Gefolge. Von Herzen gegrüßt, ihr beiden edeln Männer! – Wie geht es euch? Immer sehr gut, wenn ich Euer Gnaden Wohlergehen erfahre. Die Schwalbe folgt dem Sommer nicht freudiger, als wir Euer Gnaden. Und verläßt auch den Winter nicht freudiger; solche Sommervögel sind die Menschen. – Ihr Herren, unser Mahl wird dieses langen Wartens nicht wert sein: weidet eure Ohren indes an der Musik, wenn Trompetenklang ihnen keine zu harte Speise ist. Wir wollen uns gleich setzen. Ich hoffe, Ihr erinnert Euch dessen nicht unfreundlich, mein gnädiger Herr, daß ich Euch einen leeren Boten zurück sandte. Ei, laßt Euch das nicht beunruhigen! Mein edler Lord – All, guter Freund! Kommen die Speisen? Ein Bankett wird hergerichtet. Mein höchst verehrter Herr, ich bin krank vor Scham, daß ich, als Ihr neulich zu mir sandtet, ein so unglücklicher Bettler war. Denkt nicht weiter daran! Hättet Ihr nur zwei Stunden früher geschickt – Stört damit nicht bessere Gedanken! – Kommt, bringt alles zugleich! Lauter verdeckte Schüsseln! Ein königliches Mahl, das glaubt mir! Daran zweifelt nicht, wie nur Geld und die Jahreszeit es liefern kann. Wie geht es Euch? Was gibt es Neues? Alcibiades ist verbannt; habt Ihr davon schon gehört? Alcibiades verbannt? So ist es, zweifelt nicht! Wie denn? wie denn? Ich bitte Euch, aus welchem Grunde? Meine würdigen Freunde, wollt ihr näher treten? Ich will Euch nachher mehr davon erzählen. Hier steht uns ein herrlicher Schmaus bevor. Dieser Mann ist noch der alte. Wird's dauern? wird's dauern? Es wird; doch kommt die Zeit, und dann – Ich verstehe Euch. Ein jeder an seinen Platz, mit der Gier, wie er zu den Lippen seiner Geliebten eilen würde: an allen Plätzen werdet ihr gleich bedient. Macht kein Zeremonien-Gastmahl daraus, daß die Gerichte kalt werden, ehe wir über den ersten Platz einig sind; setzt euch, setzt euch! Die Götter fodern unsern Dank. »O ihr großen Wohltäter! sprengt auf unsre Gesellschaft Dankbarkeit herab! Teilt uns von euren Gaben mit und erwerbt euch Preis; aber behaltet zurück für künftige Gabe, damit eure Gottheiten nicht verachtet werden! Verleiht einem jeden genug, damit keiner vom andern zu leihen braucht denn zwänge die Not eure Gottheit, von den Menschen zu borgen, so würden die Menschen die Götter verlassen. Macht das Gastmahl beliebter als den Mann, der es gibt! Laßt keine Gesellschaft von zwanzig ohne eine Stiege Bösewichter sein, wenn zwölf Frauen an einem Tische sitzen, so laßt ein Dutzend von ihnen sein – wie sie sind! – Den Rest eures Zehntens, o ihr Götter! – die Senatoren von Athen, zusamt der gemeinen Hefe des Pöbels, – was in ihnen noch Hoffnung zuläßt, ihr Götter, macht zum Verderben reif! Was diese meine gegenwärtigen Freunde betrifft, – da sie mir nichts sind, so segnet sie in nichts, und so sind sie mir zu nichts willkommen.« Deckt auf! Nun leckt, ihr Hunde! Die Schüsseln werden aufgedeckt, sie sind alle voll warmen Wassers. Was meint der edle Herr? Ich weiß es nicht. Mögt ihr ein beßres Gastmahl nimmer sehn, Ihr Maulfreundrotte! Dampf und lauwarm Wasser Ist eure Tugend. Dies ist Timons Letztes; Der euch bis jetzt mit Schmeicheleien schminkte, Wäscht so sie ab, euch eigne Bosheit rauchend Ins Antlitz sprüh'nd. Er gießt ihnen Wasser ins Gesicht. Lebt lang' und greuelvoll, Stets lächelnde, abscheuliche Schmarutzer, Höfliche Mörder, sanfte Wölfe, freundliche Bären, Ihr Narr'n des Glücks, Tischfreunde, Tagesfliegen Scharrfuß'ge Sklaven, Wolken, Wetterhähne! Von Mensch und Vieh die unzählbare Krankheit, Sie überschupp' euch ganz! – Was, gehst du fort? Nimm dein' Arznei erst mit, – auch du, und du! Er wirft ihnen die Schüsseln nach und treibt sie hinaus. Bleibt, ich will Geld euch leihn, von euch nicht borgen. – Wie, all' im Lauf? Kein Mahl sei mehr genommen, An dem ein Schurke nicht als Gast willkommen! Verbrenne, Haus; versink', Athen! Verhaßt nun seid Dem Timon Mensch und alle Menschlichkeit! Er geht ab. Die Gäste kommen zurück mit noch andern Lords und Senatoren. Wie nun, ihr Herren? Wißt Ihr was Näheres um Timons Raserei? Still! habt Ihr meine Kappe nicht gesehen? Ich habe meinen Rock verloren. Er ist nichts weiter als ein toller Lord, und nur Laune setzt ihn in Bewegung. Neulich schenkte er mir einen Edelstein, und nun hat er ihn mir vom Hute herunter geschlagen. Habt ihr meinen Edelstein nicht gesehen? Habt ihr meine Kappe nicht gesehen? Hier ist sie. Hier liegt mein Rock. Laßt uns nicht verweilen! Lord Timon rast. Ich fühl's in den Gebeinen. Juwelen schenkt' er gestern uns, heut wirft er uns mit Steinen. Alle ab. Vierter Aufzug Erste Szene Erste Szene Feld. Timon tritt auf. Laß mich noch einmal auf dich schaun, du Mauer. Die diese Wölf umschließt! Tauch' in die Erde, Schütz' nicht Athen! Frau'n, werdet zügellos! Trotzt euren Eltern, Kinder! Sklaven, Narren, Reißt von dem Sitz die würd'gen Senatoren, Und haltet Rat statt ihrer! Jungfrau'nreinheit Verkehre plötzlich sich zu frecher Schande, In Gegenwart der Eltern! Bankrutierer, Halt' fest, gib nichts zurück; heraus das Messer, Für deines Gläub'gers Hals! Stehlt, ihr Leibeignen! Langhänd'ge Räuber sind ja eure Herrn Und plündern durch Gesetz. Magd, in deines Herren Bett! Die Frau ist im Bordell. Sohn, sechzehn alt, Die Krücke reiß' dem lahmen Vater weg, Und schlag' ihm aus das Hirn! Furcht, Frömmigkeit, Scheu vor den Göttern, Friede, Recht und Wahrheit, Zucht, Häuslichkeit, Nachtruh' und Nachbartreue, Belehrung, Sitte, Religion, Gewerbe, Achtung und Brauch, Gesetz und Recht der Stände, Stürzt euch vernichtend in eu'r Gegenteil, Bis zur Vernichtung lebt! – Pest, Menschenwürger, Häuf deine mächt'gen, gifterfüllten Fieber All' auf Athen, zum Falle reif! Du Hüftweh, Die Senatoren krümm', daß ihre Glieder Lahm gleich den Sitten werden! Lust und Frechheit, Schleich' in das Mark und das Gemüt der Jugend, Daß sie, dem Tugendstrom entgegen schwimmend, In Wüstheit sich ertränkt! Mit Schwür' und Beulen Sei ganz Athen besät' und ew'ger Aussatz Die Ernte! Atem stecke Atem an, Daß ihre Näh' gleich ihrer Freundschaft sei: Gift durch und durch! Nichts nehm' ich von dir mit, Als Nacktheit, du, des Abscheus würd'ge Stadt! Nimm auch noch das, mit hundertfachen Flüchen! Timon geht nun zum Wald; das wildste Tier Zeigt Lieb' ihm mehr, als je die Menschen hier. Auf ganz Athen, hört, Götter insgesamt, Auf Stadt und Land zugleich die Blitze flammt! Daß Timons Haß mit den Jahren wachs', ersuch' ich, Und alle Menschen, niedrig, hoch, verfluch' ich! Amen! Geht ab. Zweite Szene Zweite Szene In Timons Hause. Flavius tritt auf und mehrere Diener Timons. Sprecht, Hausverwalter, wo ist unser Herr? Sind wir vernichtet? abgedankt? Bleibt nichts? Gefährten, ach, was soll ich euch doch sagen? Es sei'n mir Zeugen die gerechten Götter, Ich bin so arm wie ihr. Solch Haus gefallen! Solch edler Herr verarmt! Verloren alles! Kein Freund, der bei der Hand sein Schicksal faßt Und mit ihm geht! Wie wir den Rücken wenden Von dem Gefährten, den das Grab verschlang: So schleichen vom begrabnen Glück sich alle Die Freund', hinwerfend ihm die hohlen Schwüre, Gleich leeren Beuteln; und sein armes Selbst, Ein Bettler nur, der Luft anheim gefallen, Mit seiner Krankheit, allvermiedner Armut, Geht nun, wie Schmach, allein. – Noch mehr Gefährten! Es kommen noch andere Diener. Zerbrochenes Geschirr der Hauszerstörung! Und doch trägt unser Herz noch Timons Kleid, Das zeigt eu'r Antlitz; wir sind noch Kam'raden, All' in des Kummers Dienst: leck ist das Fahrzeug; Wir Schiffer stehn auf sinkendem Verdeck Und sehn die Wellen dräun: wir müssen scheiden In diese See der Luft. Ihr guten Freunde, Hier teil' ich unter euch mein letztes Gut. Laßt uns, wo wir uns sehn, um Timons willen, Kam'raden sein, die Häupter schütteln, sagen, Als Grabgeläut' dem Glücke unsers Herrn: »Wir kannten beßre Tage.« Jeder etwas! Er gibt ihnen Geld. Nein, alle reicht die Hand! Und nun kein Wort! So gehn wir arm, doch reich an Kummer, fort. Die Diener gehn ab. Oh, furchtbar Elend, das uns Pracht bereitet! Oh, wer will wohl nach Glanz und Reichtum ringen, Wenn sie uns hin zu Schmach und Armut zwingen? Wer nähme so die Pracht als Hohn? Wer lebte Wohl gern in einem Traum der Freundschaft nur? Ansehn und Pracht und Wohlstand zu besitzen, Gemalt nur, so wie die geschminkten Freunde? Du Redlicher, verarmt durch Herzensgüte, Durch Mild' erwürgt! Wie ist Natur verdreht, Wenn Allzugut als schlimmste Sünde steht; Wer hilft durch Tugenden noch anderer Nöten, Wenn sie nur Götter schaffen, Menschen töten? O teurer Herr, – gesegnet, um verflucht, Reich, elend nur zu sein, – dein groß Vermögen Ist nun dein tiefstes Leid. Ach, güt'ger Herr! Er brach in Wut aus dem hartherz'gen Wohnsitz Der vieh'schen Freunde. Nichts hat er bei sich Zur Fristung und Erleicht'rung seines Lebens. Ich will ihm nach und, wo er ist, erforschen; So gut ich kann, will ich für ihn noch schalten, Was mir an Geld verblieb, für ihn verwalten. Er geht ab. Dritte Szene Dritte Szene Wald. Timon tritt auf. O Lichtgott, Segen zeugend, zieh' hinauf Dunstfäulnis; deiner Schwester Luftbahn sei Vergiftet! Zwillingsbrüder eines Schoßes, – Deren Erzeugung, Wohnung und Geburt Fast ungetrennt, – trifft sie verschiednes Glück, – Der Größre höhnt den Niedern: ja, Natur (Von Wunden rings bedrängt), sie kann groß Glück Ertragen nur, wenn sie Natur verachtet. Heb' diesen Bettler und versag's dem Lord, – Folgt angeerbte Schmach dem Senatoren, Dem Bettler eingeborne Ehre. Besitztum schwellt des Bruders Seiten auf, Der Mantel zeugt den Abfall. Wer, wer darf In reiner Mannheit aufrecht stehn und sagen: »Ein Schmeichler ist der Mensch.« Wenn's einer ist, So sind es all'; denn jeder höhern Staffel Des Glücks schmiegt sich die untre: goldnem Dummkopf Duckt der gelehrte Schädel: schief ist alles; Nichts grad' in unsrer fluchbeladnen Menschheit, Als Bosheit ungekrümmt. Drum seid verabscheut, Gelage all', Gesellschaft, Menschendrang! Denn Timon haßt die Gleichgeschaffnen, ja sich selbst. Zernichtung dem Geschlecht der Menschen! – Erde, Gib Wurzeln mir! Er gräbt. Wer Beßres in dir sucht, dem würz' den Gaumen Mit deinem schärfsten Gift! Was find' ich hier? Gold? kostbar, flimmernd, rotes Gold? Nein, Götter! Nicht eitel fleht' ich. Wurzeln, reiner Himmel! So viel hievon macht schwarz weiß, häßlich schön, Schlecht gut, alt jung, feig tapfer, niedrig edel. Ihr Götter! warum dies? warum dies, Götter? Ha! dies lockt euch den Priester vom Altar, Reißt Halbgenes'nen weg das Schlummerkissen. Ja, dieser rote Sklave löst und bindet Geweihte Bande; segnet den Verfluchten. Er macht den Aussatz lieblich, ehrt den Dieb Und gibt ihm Rang, gebeugtes Knie und Einfluß Im Rat der Senatoren; dieser führt Der überjähr'gen Witwe Freier zu; Sie, von Spital und Wunden giftig eiternd, Mit Ekel fortgeschickt, verjüngt balsamisch Zu Maienjugend dies. Verdammt Metall, Gemeine Hure du der Menschen, die Die Völker tört! Komm, sei das, was du bist! Man hört von weitem einen Marsch. Ha! eine Trommel? Lebendig bist du, doch begrab' ich dich. Ja, laufen wirst du noch, du starker Dieb, Wenn dein gichtkranker Wärter nicht kann stehn – Doch so viel bleib' als Handgeld. Er behält einiges Gold zurück. Alcibiades tritt auf mit Trommeln und Pfeifen, auf kriegerische Weise. Phrynia und Timandra. Wer bist du dorten? Sprich! Ein Vieh wie du. Mög' doch dein Herz verfaulen, Weil du mir wieder Menschenantlitz zeigst! Wie nennst du dich? Ist Mensch dir so verhaßt, Und bist doch selbst ein Mensch? Misanthropos bin ich, und hasse Menschheit. Wärst du doch, besser dran zu sein, ein Hund, So liebt' ich etwas dich. Ich kenne dich; Doch unbekannt und fremd ist mir dein Schicksal. Dich kenn' ich auch; mehr wünsch' ich nicht zu wissen, Als daß du mir bekannt. Folg' deiner Trommel, Bemal' mit Menschenblut den Grund, rot, rot; Göttlich Gebot, menschlich Gesetz ist grausam: Was soll der Krieg denn sein? Hier deine Dirne Trägt mehr Zerstörung in sich als dein Schwert, Trotz ihrem Engelsblick. Daß dir die Lippen faulen! Nicht küssen will ich dich: so bleibt Verwesung Dir an den Lippen hangen. Wie ward der edle Timon so verwandelt? So wie der Mond, wenn Licht ihm fehlt zu geben; Doch konnt' ich nicht mich, wie der Mond, erneuen; Mir borgte keine Sonne. Edler Timon, Kann ich dir Freundschaft zeigen? Eine nur, Bestärke meinen Glauben! Welchen, Timon? Versprich mir Freundschaft, aber halte nichts! Versprichst du nicht, so strafen dich die Götter, Denn du bist Mensch! Und hältst du, so vernichten Die Götter dich, denn du bist Mensch! Von deinem Elend hörte ich schon reden. Du sahst es damals, als das Glück mir lachte. Ich seh' es jetzt; damals war Freudenzeit. Wie deine jetzt: zwei Huren stützen sie. Ist dies die Zier Athens, von dem die Welt So schön und rühmlich sprach? Bist du Timandra? Ja. Bleib' Hure stets! Dich liebt nicht, wer dich braucht; Gib Krankheit dem, der seine Lust dir läßt! Brauch' deine würz'gen Stunden: deine Sklaven Verkrüpple für das Bad; zur Hungerkur Den blüh'nden Jüngling! An den Galgen, Scheusal! Verzeih' ihm, hold Geschöpf, denn sein Verstand Ertrank und ging in seinem Elend unter. – Nur wenig Goldbesitz' ich, wackrer Timon, Und dieser Mangel bringt zum Aufstand täglich Mein darbend Heer. Mit Leid vernahm ich, wie Athen verrucht hat deines Werts vergessen Und deines tapfern Streits, als Nachbarstaaten, Wenn nicht dein glücklich Schwert war, es bewältigt. Ich bitte, schlag' die Trommel, mach' dich fort! Ich bin dein Freund, beklag' dich, teurer Timon. Wie kannst du den beklagen, den du plagst? Ich wäre gern allein. Nun, so leb wohl! Nimm dieses Gold! Behalt', ich kann's nicht essen. Wenn ich Athen, das stolze, umgestürzt – Bekriegst Athen? Ja, Timon, und mit Recht. Die Götter mögen all' durch dich hinwürgen, Und dich nachher, wenn du sie all' erwürgt! Weshalb mich, Timon? Weil, die Schurken tötend, Du wardst erwählt, mein Vaterland zu tilgen. Nimm hin dein Gold; – geh, hier ist Gold, – geh fort! Sei wie Planetenpest, wenn Jupiter In kranker Luft, auf hochverruchte Städte, Sein Gift ausstreut; dein Schwert verschone keinen: Nicht um sein Silberhaar den würd'gen Greis, Ein Wuch'rer ist's; hau' die Matrone nieder, Sie heuchelt, ihre Kleider nur sind sittsam, Sie kuppelt frech; laß nicht der Jungfrau Wange Stumpfen dein schneidend Schwert, denn diese Milchbrust, Die durch die Fenster kirrt der Männer Augen, Steh' auf des Mitleids Liste nicht geschrieben, Nein, zeichne sie als scheußliche Verrät'rin; Auch nicht des Säuglings schone, Des Wangengrübchen Narr'n zum Weinen lächelt; Denk', 's ist ein Bastard, den Orakelspruch Mit dunklem Wort als deinen Mörder nennt; Zerstück' ihn mitleidslos: schwör' Tod dem Leben; Leg' erzne Rüstung dir auf Ohr und Auge, So hart, daß Schrei von Mutter, Säugling, Jungfrau, Des Priesters selbst, in heil'gen Kleidern blutend, Dir nichts sei. Hier ist Gold für deine Krieger: Sä,' aus Vernichtung; ist dein Grimm erschöpft, So sei vernichtet selbst! Sprich nichts und geh! Hast du noch Gold? So nehm' ich dein Geschenk, Nicht deinen Rat. Tu's oder tu' es nicht, vom Himmel sei verflucht! Gold, guter Timon, gib uns; hast du mehr? Genug, daß Huren ihren Stand verschwören, Die Kupplerin nicht Huren feilscht. Weit auf Die Schürzen, Nickel: – ihr seid nicht eidesfähig – Obwohl ich weiß, ihr würdet furchtbar schwören, Daß, hörend euren Schwur, die ew'gen Götter In Fieberschauern bebten, – spart die Eide, Ich trau' eurer Natur: bleibt Huren stets, Und ihm, des frommes Wort euch will bekehren, Ihm zeigt euch stark, verführt ihn, brennt ihn nieder, Besiegt mit eurem Feuer seinen Rauch, Abtrünnig nie! Seid dann sechs Mond' in Mühn, Dem ganz entgegen: schindelt armes Dach Euch mit der Leichen Raub: – auch von Gehängten, Was tut's? – Tragt sie, betrügt mit ihnen, buhlt; Schminkt, bis ein Pferd euch im Gesicht bleibt stecken: Schad' was um Runzeln! Gut, mehr Gold: – was weiter? Glaub' nur, wir tun für Gold, was du verlangst. Auszehrung sä't In hohl Gebein des Manns; lähmt Schenkelknochen, Des Reiters Kraft zerbrecht; des Anwalts Stimme, Daß er nie mehr den falschen Spruch vertrete, Und Unrecht kreische laut. Umschuppt mit Aussatz Den Priester, der, auf Sinnenschwachheit lästernd, Sich selbst nicht glaubt: fort mit der Nase, fort, Glatt weg damit! Vernichtet ganz die Brücke Ihm, der, sich eigne Jagd erschnüffelnd, nicht Für alle spürt: krausköpf'ge Raufer, macht sie kahl; Dem unbenarbten Kriegesprahler gebt Gehör'ge Qual von euch: verpestet alles, Und eure Tätigkeit erstick' und dörre Die Quelle aller Zeugung! – Nehmt mehr Gold! – Verderbt die andern, und verderb' euch dies, Und Schlamm begrab' euch alle! – Mehr Rat mit noch mehr Geld, freigeb'ger Timon! Mehr Hur', mehr Unheil erst: dies ist nur Handgeld! Nun, Trommeln, nach Athen hin! Leb wohl, Timon! Geht's, wie ich hoffe, seh' ich bald dich wieder. Geht's, wie ich wünsche, seh' ich nie dich mehr. Nichts Böses tat ich dir. Ja, du sprachst gut von mir. Nennst du das böse? Erfahrung lehrt es täglich. Geh, mach' dich fort, und deine Meute auch! Wir sind ihm nur zur Last. – Schlagt, Trommeln: fort! Trommeln. Alcibiades, Phrynia und Timandra gehn ab. Mußt du, Natur, krank in der Menschheit Abfall, Noch hungern! – Er gräbt. Allgemeine Mutter du, Dein Schoß unmeßbar, deine Brust unendlich, Gebiert, nährt all'; derselbe Stoff, aus dem Dein stolzes Kind, der freche Mensch, aufquillt, Erzeugt die schwarze Kröt' und blaue Natter, Die goldne Eidechs' und die gift'ge Schlange Und jeglich Scheusal unterm Himmelsbogen, Auf das Hyperions Lebensfeuer strahlt; Gib ihm, der deine Menschenkinder haßt, Aus deinem güt'gen Schoß nur eine Wurzel! Vertrockne deine fruchtbar ew'ge Kraft, Daß ihr kein undankbarer Mensch entspringe! Gebier nur Tiger, Drachen, Wölf und Bären; Wirf neue Unhold', die dein obrer Rand Der hohen Marmorwölbung nie gezeigt! – Oh, eine Wurzel, – inn'gen Dank dafür! Vertrockne, Mark des Weinbergs, Fett der Äcker, Woraus der undankbare Mensch mit süßem Trank Und Leckerbiß den reinen Sinn verschlemmt, Daß ab ihm gleitet jegliche Betrachtung. Apemantus tritt auf. Ein Mensch schon wieder? Ha, verflucht! Hieher ward ich gewiesen; man berichtet, Daß du mein Leben nachahmst und mein Tun. So ist es nur, weil keinen Hund du hältst, Dem ich nachahmen möchte: dir die Pest! Dies ist in dir nur angenommne Weise, Unmännlich, arme Schwermut, die dem Wechsel Des Glücks entsprang. Was soll der Platz, der Spaten? Dies Sklavenkleid und dieser Traueranblick? Noch liegt dein Schmeichler weich, trinkt Wein, trägt Seide, Umarmt den kranken Wohlgeruch, vergessend, Daß je ein Timon war. Schmäh' nicht den Wald, Daß du den bitter Höhnenden hier spielst! Sei du ein Schmeichler jetzt, such' zu gedeihn Durch das, was dich gestürzt hat: beug' dein Knie, Der Atem schon des, dem dein Auge dient, Blas' dir die Mütze ab; sein Laster preise Und nenn' es Tugend: so erging's auch dir. Du nicktest, wie ein Bierzapf, jedem Grüßer, Schelmen, und wer es war: nun ist's gerecht, Daß du ein Schuft wirst; hätt'st du Geld genug, So gäbst du's Schuften. Nimm nicht an mein Wesen! Wär' ich dir gleich, so wollt' ich fort mich schleudern. Du warfst dich weg, da du dir selber glichest; So lang' ein Toller, nun ein Narr! Wie, denkst du, Die rauhe Luft, dein stürm'scher Kammerdiener, Wärmt dir dein Hemd? Folgt altbemooster Baum, Der Adler überlebt, hier deinen Fersen, Und springt fort jedem Wink? Reicht kalter Bach Mit Eisesrand den würz'gen Morgentrunk, Der Nacht Erschöpfung stärkend? Ruf die Wesen, – Die nackt und bloß den kalten Sturm ausdauern Der rauhen Luft; die unbehauste Schöpfung, Dem Kampf der Elemente hingegeben, Treu der Natur, – befiehl, daß sie dir schmeicheln, So find'st du – Daß ein Narr du bist: hinweg! Du bist mir lieber jetzt als ehemals. Verhaßter du! Weshalb? Dem Elend schmeichelst du. Ich schmeichle nicht, ich sag', du bist ein Lump. Doch weshalb suchst du mich? Um dich zu quälen. Stets eines Narren oder Schuftes Amt. Gefällst du dir drin? Ja. Wie! Schurk' auch noch? Legt'st du dies bittre, kalte Wesen an, Um deinen Stolz zu zücht'gen, wär' es gut: Doch nur gezwungen tust du's: würdest Höfling, Wenn du kein Bettler wärst. Freiwillig Elend Krönt selbst sich, überlebt unsichre Pracht; Die füllt sich selber an und wird nie voll; Doch jenes g'nügt sich selbst: der höchste Stand Ist, unzufrieden, kläglich und voll Jammer, Noch schlimmer als der schlimmste, der zufrieden. Du sollt'st zu sterben wünschen, da du elend. Nicht, weil du's sagst, der weit elender ist. Du bist ein Sklav', den nie der Liebesarm Des Glücks umfing: ein Hund wardst du geboren. Hätt'st du, gleich uns, vom Säugling her, erstiegen Die süße Folg', die schnell die Welt dem bietet, Der frei darf winken jedem Reiz, der ihm Gehorcht, du hättest dich gestürzt in Schwelgen, Ganz ohne Maß; die Jugend schmelzen lassen In manchem Bett der Lust, und nie gehört Der Mahnung eisig Wort; du jagtest nach Dem süßen Wild vor dir. Dagegen ich, Der ich als Lustgelag die Welt besaß: Mund, Zungen, Augen, Herzen aller Menschen Im Dienst, mehr als ich Arbeit für sie wußte, Die zahllos an mir hingen, so wie Blätter Am Eichbaum, sind durch einen Winterfrost Vom Zweig gelöset; – offen steh' ich, bar Für jeden Sturm, der bläst; – ich, dies zu tragen, Der nur das Beßre kannte, ist fast schwer: Dein Leben fing mit Leiden an, gehärtet Hat dich die Zeit. Was sollt'st du Menschen hassen? Sie schmeichelten dir nie: was gabst du ihnen? Willst fluchen du, – so fluche deinem Vater, Dem armen Lump, der, in Verzweiflung, Stoff Gab irgendeiner Bettlerin, dich formte, Armseligkeit von Ahnen her. Hinweg! – Wärst du der Menschheit Wegwurf nicht geboren, Du würd'st ein Schurke und ein Schmeichler sein. Bist du noch stolz? Ja, daß ich du nicht bin. Ich, weil ich kein Verschwender war. Und ich, Weil ich es jetzt noch bin. Wär' all mein Reichtum in dir eingeschlossen, So gäb' ich dir Erlaubnis, dich zu hängen. Fort! – Wär' alles Leben von Athen in diesem, So äß' ich's. Er ißt eine Wurzel. Hier, ich will dein Mahl verbessern. Er bietet ihm etwas an. Erst beßre meinen Umgang, schaff dich fort! So beßr' ich meinen eignen, wenn du fehlst. Gebessert wär' er nicht, nein, nur geflickt; Wo nicht, wollt' ich's. Was wünschest du Athen? Dich, durch den Wirbelwind, dahin! Und willst du, So sage dort, ich habe Gold: sieh hier! Hier kann kein Gold was nutzen. Ja, am meisten; Hier schläft's und läßt zum Unheil sich nicht dingen. Wo liegst die Nacht du, Timon? Unter dem, Was mich bedeckt. Wo fütterst du am Tage? Wo mein Hunger Nahrung findet, oder viel mehr, wo ich sie verzehre. Ich wollte, Gift gehorchte mir, und wüßte meine Meinung. Wohin wolltest du es senden? Dein Mahl zu würzen. Den Mittelweg der Menschheit kanntest du nie, sondern nur die beiden äußersten Enden. Als du in Gold und Wohlgeruch lebtest, wurdest du wegen zu gesuchter Feinheit verspottet; in deinen Lumpen kennst du sie gar nicht mehr, und wirst, um ihres Gegenteils willen, verabscheut. Hier hast du eine Mispel, iß sie! Ich esse nicht, was ich hasse. Hassest du Mispeln? Ja, wenn sie dir auch gleich sehen. Hättest du die diesen Mispeln ähnlichen faulen Zwischenträger früher gehaßt, so würdest du dich jetzt mehr lieben. Kanntest du je einen Verschwender, der noch geliebt ward, wenn seine Mittel dahin waren? Wen, ohne diese Mittel, von denen du sprichst, sahest du je geliebt? Mich selbst. Ich verstehe dich; du hattest einmal so viel, daß du dir einen Hund halten konntest. Was auf der ganzen Welt kannst du am besten mit deinen Schmeichlern vergleichen? Die Frauen; aber die Männer, die Männer sind das Ding selbst. Was würdest du mit der Welt machen, Apemantus, wenn sie dir gehörte? Ich würde sie dem Vieh geben, um der Menschen los zu werden. Wolltest du denn mit den übrigen Menschen zugrunde gehen und ein Vieh unter dem Vieh bleiben? Ja, Timon. Ein viehischer Wunsch, den ich die Götter bitte zu gewähren! Wärest du der Löwe, so würde der Fuchs dich betrügen; wärest du das Lamm, so würde der Fuchs dich fressen; wärest du der Fuchs, so würdest du dem Löwen verdächtig werden, wenn dich der Esel vielleicht verklagte; wärest du der Esel, so würde deine Dummheit dich plagen, und du lebtest doch nur als ein Frühstück für den Wolf; wärest du der Wolf, so würde deine Gefräßigkeit dich quälen, und du müßtest dein Leben oft wegen deines Mittagsessens wagen; wärest du das Einhorn, so würde Stolz und Wut dich zugrunde richten, und du würdest die Beute deines eigenen Grimmes; wärest du der Bär, so tötete dich das Pferd; wärest du das Pferd, so ergriffe dich der Leopard; wärest du der Leopard, so wärest du des Löwen Bruder, und deine eigenen Flecken würden sich gegen dein Leben verschwören; deine ganze Sicherheit wäre, versteckt sein, und deine Verteidigung Abwesenheit. Welch Vieh könntest du sein, das nicht einem andern Vieh unterworfen wäre? und welch ein Vieh bist du schon, daß du nicht einsiehst, wie viel du in der Verwandlung verlörest? Könntest du mir durch Reden gefallen, so hättest du es hiemit getroffen: der Staat von Athen ist ein Wald von Vieh geworden. Wie ist der Esel durch die Mauern gebrochen, daß du außer der Stadt bist? Dort kommt ein Dichter und ein Maler: die Pest der Gesellschaft treffe dich! Aus Furcht, angesteckt zu werden, gehe ich fort. Wenn ich einmal nicht weiß, was ich sonst tun soll, will ich dich wieder besuchen. Wenn es außer dir nichts Lebendiges mehr gibt, sollst du willkommen sein. Ich möchte lieber eines Bettlers Hund als Apemantus sein. Du bist das Haupt der Narr'n der ganzen Welt. Wärst du doch rein genug, dich anzuspein! Verwünscht bist du, zu schlecht, um dir zu fluchen! Mit dir gepaart ist jeder Schuft ein Edler. Nicht andern Aussatz gibt's, als was du sprichst. Ja, nenn' ich dich. – Ich schlug' dich, doch das würde Die Hände mir vergiften. Oh, könnte doch mein Mund sie faulen machen! Hinweg! du Sprößling eines räud'gen Hundes! Die Wut erstickt mich, daß du Leben hast; Mir schwindelt, seh' ich dich! Oh, mögst du bersten! Fort, läst'ger Schuft! Mich dauert's, einen Stein An dich zu wenden! Er wirft einen Stein nach ihm. Tier! Sklav'! Kröte! Schelm! Apemantus zieht sich zurück, als ob er gehn wollte. Mir ekelt ob der falschen Welt, und lieben Will ich von ihr die kahle Notdurft nur. Drum, Timon, grabe dir alsbald dein Grab, Lieg', wo der Seeschaum täglich schlagen mag Den Stein; dein Epitaph schreib' in der Grotte, Daß Tod in mir des Lebens andrer spotte. Er betrachtet das Gold. Du süßer Königsmörder, edle Scheidung Des Sohns und Vaters! glänzender Besudler Von Hymens reinstem Lager! tapfrer Mars! Du ewig blüh'nder, zartgeliebter Freier, Des roter Schein den heil'gen Schnee zerschmelz' Auf Dianas reinem Schoß! sichtbare Gottheit, Die du Unmöglichkeiten eng verbrüderst, Zum Kuß sie zwingst! du sprichst in jeder Sprache, Zu jedem Zweck! O du, der Herzen Prüfstein! Denk', es empört dein Sklave sich, der Mensch; Vernichte deine Kraft sie all' verwirrend, Daß Tieren wird die Herrschaft dieser Welt! O wär' es so! – Doch wenn ich tot bin. – Daß du Gold hast, sag' ich: Bald drängt sieh alles zu dir. Zu mir? Ja. Den Rücken zeig'! Dein Elend lieb' und lebe! So lebe lang' und stirb so! – Wir sind quitt. – Apemantus geht ab. Mehr Menschengleiches? – Iß und hasse sie! Es kommen mehrere Banditen. Woher sollte er Gold haben? So ein armer Rest, ein kleines Korn vom Geretteten; nur der Mangel an Gold und der Abfall seiner Freunde brachten ihn in diese Schwermut. Das Gerücht geht, er habe einen großen Schatz. Wir wollen uns an ihn machen: wenn er nichts danach fragt, so gibt er es uns gleich; wenn er es aber geizig hütet, wie sollen wir es kriegen? Ja, denn er trägt es nicht bei sich, es ist vergraben. Ist er das nicht? Wo? Nach der Beschreibung ist er's. Ja, ich kenne ihn. Guten Tag, Timon! Was, Diebe? Krieger, nicht Diebe. Beides, und von Weibern geboren. Wir sind nicht Diebe, Menschen nur im Mangel. Eu'r größter Mangel ist, euch mangelt Speise. Weshalb der Mangel? Wurzeln hat die Erde; In Meilenumfang springen hundert Quellen, Der Baum trägt Eicheln, Sträuche rote Beeren; Natur, die güt'ge Hausfrau, breitet aus Auf jedem Busch ein volles Mahl. Was Mangel? Wir können nicht von Kräutern, Beeren, Wasser, Wie wildes Tier, wie Fisch und Vogel leben. Noch von den Tieren, Fischen, Vögeln selbst; Auch Menschen müßt ihr zehren. Danken muß ich, Daß ihr seid offne Dieb' und waltet nicht In heil'germ Schein; unendlich ist der Raub, Den jeder Stand mit Ehren treibt. Hier, Schufte, Nehmt Gold: geht, saugt das zarte Blut der Traube, Bis siedend heiß das Blut vom Fieber schäumt Und euch das Hängen spart! Traut keinem Arzt: Sein Gegengift ist Gift, und er erschlägt, Schlimmer als ihr: raubt Gold zusamt dem Leben; Übt Büberei, ihr übt sie im Beruf, Als zünftig. Alles, hört, treibt Dieberei: Die Sonn' ist Dieb, beraubt durch zieh'nde Kraft Die weite See; ein Erzdieb ist der Mond, Da er wegschnappt sein blasses Licht der Sonne; Das Meer ist Dieb, des nasse Wogen auflöst Der Mond in salz'ge Tränen: Erd' ist Dieb, Sie zehrt und zeugt aus Schlamm nur, weggestohlen Von allgemeinem Auswurf: Dieb ist alles. Gesetz, euch Peitsch' und Zaum, stiehlt trotzig selbst Und ungestraft. Fort, liebt einander nicht, Beraubt einander selbst! Hier, noch mehr Gold! Die Kehlen schneidet: was ihr seht, sind Diebe. Fort, nach Athen, und brecht die Läden auf: Ihr stehlt nichts, was ihr nicht dem Dieb entreißt; Stehlt minder nicht, weil ich euch dies geschenkt, Und Gold verderb' euch jedenfalls! Amen! Timon zieht sich in seine Höhle zurück. Er hat mich fast von meinem Gewerbe wegbeschworen, indem er mich dazu antrieb. Es ist nur aus Bosheit gegen das menschlich Geschlecht, daß er uns diesen Rat gibt, nicht, damit wir in unserm Beruf glücklich sein sollen. Ich will ihm, als einem Feinde, glauben, und mein Handwerk aufgeben. Laßt uns erst Athen wieder in Frieden sehen: keine Zeit ist so schlimm, wo man nicht ehrlich sein könnte. Die Banditen gehn ab. Flavius tritt auf. O Götter ihr! Ist jener Schmachvolle und verfallne Mann mein Herr? So abgezehrt, in Lumpen? O du Denkmal Und Wunderwerk von Guttat, schlecht vergolten! Welch Gegenbild von Ehr' und Pracht hat hier Verzweiflungsvoller Mangel aufgestellt! Gibt's Niedrers auf der Welt, als Freunde schändlich, Die edlen Sinn in Schmach so stürzen endlich? Oh, wohl ziemt das Gebot für unsre Zeit, Das auch den Feind zu lieben uns gebeut! Ihm, der mich haßt, sei Liebe eh'r geschenkt, Als dem, der Liebe heuchelt, Böses denkt! Er faßte mich ins Äug' – ich will ihm zeigen Den tiefen Gram, und ihm, als meinem Herrn, Solang' ich lebe, dienen. – Teurer Herr! Timon kommt aus seiner Höhle. Wer bist du? Fort! Herr, habt Ihr mich vergessen? Was fragst du? Ich vergaß die ganze Menschheit; Und bist du Mensch, so hab' ich dich vergessen. Ich bin Eu'r redlicher und armer Diener. So kenn' ich dich nicht, denn ein Redlicher War nie bei mir; all meine Diener Schurken, Die Schufte nur bei Tisch bedienten. Götter, Bezeugt es, wie nie treuern Gram empfand Ein Hausverwalter um des Herren Sturz, Als ich um Euch! Wie, weinst du? – Komm heran; so lieb' ich dich, Weil du ein Weib bist und dich los hier sagst Vom Mannsgeschlecht, des Auge nimmer tropft Als nur in Lachenslust. Mitleid rührt keinen: Im Lachen weinen, seltsam! nicht im Weinen! Ich fleh', mein guter Lord, verkennt mich nicht, Weist meinen Gram nicht ab, nehmt als Verwalter Mich an, solang' die kleine Summe währt! Hatt' ich 'nen Diener, so gerecht, so treu, Und nun so trostreich? Ha! das bringt zum Rasen Mein wild Gemüt. Laß mich dein Antlitz sehn! – Gewiß, vom Weib ist dieser Mann geboren. – Verzeiht den raschen, allgemeinen Fluch, Ihr ewig mäß'gen Götter! Ich bekenn' es, Ein Mensch ist redlich, – hört mich recht! – nur einer; Nicht mehr, versteht! – und der ist Hausverwalter. – Wie gern möcht' ich die ganze Menschheit hassen! Du kaufst dich los; außer dir, trifft alle Mein wiederholter Fluch. Doch dünkt mich, bist du redlich mehr als klug; Denn wenn du mich verrietst und hintergingst, So hättest du leicht neuen Dienst gefunden; Denn mancher findet so den zweiten Herrn, Der auf den ersten tritt. Doch sprich mir wahr (Ich zweifle noch, bin ich gleich überzeugt), Ist deine Freundlichkeit nicht Habsucht, List, Des Wuch'rers Liebe? Wie ein Reicher schenkt, Und hofft, daß zwanzig er für eins empfange? Nein, teurer, liebster Herr, in dessen Brust Argwohn und Zweifel, ach, zu spät nun wohnen: Hätt'st du im Glück die falsche Zeit erkannt! Entspringt nur Argwohn, wo das Glück verschwand? Beim Himmel! was ich zeig', ist lautre Liebe, Daß meine Treu', Euer edles Herz erkennend, Für Eure Nahrung sorgen will; und glaubt, Mein höchst verehrter Herr, Daß ich das allerhöchste Glück nicht tausche, Das jetzt mir oder künftig winken könnte, – Für diesen Wunsch: es ständ' in Eurer Macht, Durch Euer eignes Glück mich zu belohnen! Nun sieh, so ist's! – Du einz'ger Redlicher, Hier, nimm: – aus meinem Elend senden dir Die Götter diesen Schatz. Sei reich und glücklich! Doch nur mit dem Beding: zieh' fern von Menschen; Fluch' allen, keinen laß Erbarmen finden, Das Fleisch vor Hunger am Gebein verschwinden, Eh' du dem Bettler hilfst! Gib Hunden, was Du Menschen weigerst; Kerker schling' sie ein, Laß Schulden sie zu nichts verschrumpfen, Verdorren sie, wie Frost die Wälder trifft, Und zehr' ihr falsches Blut des Fiebers Gift! Und so: fahr' wohl, sei glücklich! Laßt mich bleiben, Zum Trost Euch, liebster Herr! Liebst du nicht Flüche, So mach' dich fort: gesegnet, jetzt zu gehn: Die Menschen flieh', laß dich mich nimmer sehn! Sie gehn nach verschiednen Seiten ab. Fünfter Aufzug Erste Szene Erste Szene Vor Timons Höhle. Es treten auf der Dichter und Maler, Timon im Hintergrund. So wie ich mir den Ort habe beschreiben lassen, kann sein Aufenthalt nicht weit mehr sein. Was soll man von ihm denken? Bestätigt sich das Gerücht, daß er so viel Gold hat? Gewiß! Alcibiades sagt es; Phrynia und Timandra bekamen Gold von ihm; er bereicherte auch arme, umherstreifende Soldaten mit einer großen Spende, und man sagt, daß er seinem Haushofmeister eine beträchtliche Summe gab. Also war sein Bankrut nur eine Prüfung seiner Freunde. Weiter nichts: Ihr werdet ihn wieder als einen Palmbaum in Athen erblicken, blühend bis zum Gipfel. Darum ist es nicht übel getan, wenn wir ihm jetzt, in seinem vermeinten Unglück, unsre Liebe bezeigen: es erscheint in uns als Rechtlichkeit; und wahrscheinlich erhält unser Vorsatz, was er erstrebt, wenn das Gerücht, das seinen Reichtum verkündet, wahr ist. Was habt Ihr ihm denn jetzt zu bringen? Für den Augenblick nichts als meinen Besuch; ich will ihm aber ein herrliches Stück versprechen. Ich muß ihn auf dieselbe Art bedienen, ihm von einem Entwurf erzählen, der sich auf ihn bezieht. Vortrefflich! Versprechen ist die Sitte der Zeit, es öffnet die Augen der Erwartung: Vollziehen erscheint um so dummer, wenn es eintritt; und, die einfältigen, geringen Leute ausgenommen, ist die Betätigung des Wortes völlig aus der Mode. Versprechen ist sehr hofmännisch und guter Ton. Vollziehen ist eine Art von Testament, das von gefährlicher Krankheit des Verstandes bei dem zeugt, der es macht. Trefflicher Künstler! du kannst einen Menschen nicht so schlecht malen, als du selbst bist. Ich denke darüber nach, was ich vorgeben will, das ich für ihn angefangen habe; es muß eine Darstellung von im selbst sein: eine Satire gegen die Weichlichkeit des Wohlstandes; eine Enthüllung der unbegrenzten Schmeichelei, die der Jugend und dem Überfluß folgt. Mußt du denn durchaus als Bösewicht in deinem eignen Werk darstehn? Willst du deine Laster in andern Menschen geißeln? Tu's, ich habe Gold für dich. Kommt, suchen wir ihn auf, Daß unser Zögern sich nicht schwer vergeht, Winkt uns Gewinn und kämen wir zu spät. Sehr wahr; Am heitern Tag erspähe, was dir fehlt, Eh' es die Nacht im dunkeln Schoß verhehlt. So kommt! Entgegen tret' ich euch. Oh, welch ein Gott Ist Gold, das man ihm dient im schlechtern Tempel, Als wo das Schwein haust! Du bist's, der das Schiff Auftakelt und den Schaum des Meers durchpflügt; Machst, daß dem Knecht mit Ehrfurcht wird gehuldigt. Anbetung dir! Den Heiligen zum Lohne, Die dir allein gedient, die Pest als Krone! Schnell tret' ich auf sie zu. Er kommt vor. Heil, würd'ger Timon! Einst unser edler Herr! Erleb' ich's doch noch, Zwei Redliche zu sehn? Wir hörten, die wir oft dein Wohltun fühlten, Du seist vereinsamt, abgewandt die Freunde, Die, undankbaren Sinns – oh, Scheusal' ihr! Nicht scharf genug sind alle Himmelsgeißeln – Wie! dich! des sternengleiche Großmut Leben Und Nahrung ihrem ganzen Wesen gab! Es macht mich toll, und nicht kann ich bekleiden Die riesengroße Masse dieses Undanks Mit noch so großen Worten. So geh' er nackt, man sieht ihn klarer dann. Ihr Redlichen zeigt so, durch euer Wesen, Die andern um so schlechter. Er und ich, Wir wandelten im Regen deiner Gaben, Der uns erquickend traf. Ja, ihr seid ehrlich. Wir kommen her, dir unsern Dienst zu bieten. Ihr Redlichen! ei, wie vergelt' ich's euch? Nun, könnt ihr Wurzeln essen, Wasser trinken? Was wir nur können, tun wir, dir zu dienen. Ihr Redlichen vernahmt, ich habe Gold; Gewiß, ihr habt: sprecht wahr, denn ihr seid redlich! Man sagt es, edler Lord; doch deshalb nicht Kam ich zu Euch, so wenig als mein Freund. Ehrliche Männer ihr: – du malst Gemälde, Der Best' in ganz Athen bist du, fürwahr! Malst nach dem Leben. Lieber Herr, so so! Ganz wie ich sagte, ist's. Zum Dichter. Und deine Dichtung! Ha, fließt dein Vers nicht hin so glatt und zart, Daß deine Kunst natürlich wieder wird! – Bei alle dem, ihr wohlgesinnten Freunde, Ich sag' es frei, habt ihr 'nen kleinen Fehler: Freilich, nicht groß ist er an euch, noch wünsch' ich, Daß ihn zu bessern ihr euch müht. Geruht, Ihn uns zu nennen! Doch ihr nehmt es übel. Wir nehmen's dankbar an. Wollt ihr das wirklich? Nicht zweifelt, edler Lord! Ein jeder von euch beiden traut 'nem Schurken, Der tüchtig euch betrügt. Herr, tun wir das? Ja, und ihr hört ihn lügen, seht ihn heucheln, Ihr kennt sein grobes Flickwerk, liebt ihn, nährt ihn, Tragt ihn im Herzen: aber seid gewiß, Er ist ein ausgemachter Schuft. Ich kenne keinen solchen, Herr. Noch ich. Seht ihr, ich lieb' euch, ich will Gold euch geben, Verbannt die Schufte nur aus eurer Nähe; Hängt, stecht sie nieder, werft sie ins Kloak, Vernichtet sie, wie's geht, und kommt zu mir, Ich geb' euch Gold genug! Nennt sie, verehrter Herr, macht sie uns kenntlich. Du hier, du dort hin, doch sind zwei beisammen: – Steht jeder auch für sich, einsam, allein, Ist doch ein Erzschuft stets mit ihm verbunden, Wenn, wo du stehst, zwei Schufte nicht sein sollen, Komm ihm nicht nah! – Wenn du nicht hausen willst, Als wo ein Schuft nur ist, so meide ihn! Fort! hier ist Gold; ihr kamt nach Gold, ihr Sklaven: Für eure Arbeit nehmt Bezahlung: fort! Du bist ein Alchimist, mach' daraus Gold! Fort, Lumpenhunde! Er schlägt sie und geht ab, indem er sie vor sich hertreibt. Zweite Szene Zweite Szene Vor Timons Höhle. Es treten auf Flavius und zwei Senatoren. Vergeblich, daß ihr Timon sprechen wollt; Denn in sich selbst ist er so ganz versunken, Daß außer ihm nichts, was dem Menschen gleicht, Freund mit ihm ist. Führ' uns zu seiner Höhle! Wir sind gesandt, versprachen den Athenern, Mit ihm zu reden. Nicht in allen Zeiten Ist stets der Mensch sich gleich. Zeit und sein Gram Schuf so ihn um; wenn Zeit, mit mildrer Hand, Der vor'gen Tage Glück ihm wieder beut, Macht sie zum vor'gen Mann ihn. Führt uns zu ihm, Dann geh' es, wie es kann! Hier ist die Höhle. – Sei Fried' und Wohlsein hier! Timon! Gebieter! Schaut her und sprecht mit Freunden: die Athener Begrüßen Euch durch würd'ge Senatoren. Oh, edler Timon, sprecht mit ihnen! Timon tritt auf. Du Sonne, heilsame, verbrenne! – Sprecht Und seid gehängt! Für jedes wahre Wort Euch Blasen auf der Zung', und jedes falsche Fress' als ein Krebs sie mit der Wurzel weg, Im Sprechen sie vernichtend! Würd'ger Timon, – Nur solcher wert als Ihr, wie Ihr des Timon. Timon, es grüßt dich der Senat Athens. Ich dank' ihm; schickt' ihm gern die Pest zurück, Könnt' ich für ihn sie greifen. Oh, vergiß, Was für uns selbst wir deinethalb betrauern! Die Senatoren mit einstimm'ger Liebe Ersuchen dich, heim nach Athen zu kehren; Dir hohe Würden bietend, welche offen Daliegen, daß du dich mit ihnen schmückst. Und sie gestehn, Zu gröblich war's, wie alle dich vergaßen. Jetzt hat nun der gesamte Staat – der selten Nur widerruft – gefühlt, wie sehr die Hülfe Ihm Timons fehlt, zu deutlich nur empfindend, Daß selbst er stürzt, dem Timon Hülfe weigernd; Er sendet uns, als Ausdruck seines Kummers, Zugleich mit der Belohnung, die ergieb'ger Als die Verletzung, noch so scharf gewogen; So aufgehäufte Summen, Lieb' und Gold, Daß sie auslöschen ganz des Staates Schuld, Und dir einschreiben ihrer Liebe Zahlen, Daß du sie stets als deine kannst berechnen. Wie ihr mich bezaubert, Mich überrascht, daß fast die Träne rinnt: Leiht mir des Toren Herz, des Weibes Auge, Bei eurem Trost zu weinen, Senatoren! Laß dir's gefallen, kehre heim mit uns; Nimm über unser, dein Athen, die Herrschaft Als Oberhaupt, und Dank soll dich belohnen, Vollkommne Macht dich krönen, und dein Name Im Ruhm erblühn, – wenn wir zurück getrieben Das freche Nahn des Alcibiades, Der, wildem Eber gleich, aufwühlt den Frieden! Des Vaterlands. Und der die Türm' Athens Mit seinem Schwert bedrängt. Timon, darum – Gut, Herr, ich will; drum will ich, Freund; und so – Fällt meine Landsleut' Alcibiades, Laßt Alcibiades von Timon wissen, Daß Timon Nichts danach fragt! Schleift er die edle Stadt, Und zupft die frommen Greis' an ihren Bärten, Gibt unsre heil'gen Jungfrau'n preis der Schmach Des tierisch wilden, frech vermeßnen Krieges: Dann laßt ihn wissen, – sagt ihm, Timon sprach's: Aus Mitleid für den Greis und Jüngling, muß ich Ihm melden, ja – ich frage nichts danach, Und zürn' er drob; nichts fragt sein feindlich Messer, Solang' ihr Kehlen habt: von mir sag' ich, Daß ich den schlechtsten Kneif im rohen Lager Im Herzen höher stell', als aus Athen Die hochschätzbarste Gurgel. So verbleibt Dem Schutz der segensreichen Götter, wie Der Dieb dem Schließer! Geht, es ist umsonst! So eben schrieb ich hier mein Epitaph, Man sieht es morgen. Nun beginnt zu heilen Mein langes Lebens- und Gesundheits-Leid, Und Nichts bringt Alles mir. Geht, lebt nur weiter; Sei Alcibiades euch Qual, ihr ihm, Und lange währ's! Wir sprechen nur vergeblich. Doch lieb' ich noch mein Vaterland, und nicht Erfreut der allgemeine Schiffbruch mich, Wie das Gerücht es sagt. So sprichst du gut. Empfehlt mich meinen teuren Landsgenossen – Dies Wort ziert deinen Mund, indem er's spricht. Zieht in das Ohr, dem Triumphator gleich, Im Jubelschall des Tors. Empfehlt mich ihnen, Und sagt, um ihren Kummer zu erleichtern, Die Furcht vor Feindesschlag, Verlust und Schmerz, Der Liebe Qual und mannigfaches Weh, Die der Natur zerbrechlich Fahrzeug trägt Auf schwankem Lebensweg, will ich sie trösten, Der Wut des Alcibiades entraffen. Dies dünkt mich gut, er kehrt gewiß zurück. Mir wächst ein Baum, hier nah bei meiner Höhle: Mein eigner Nutzen treibt mich, ihn zu fällen, Ich haue bald ihn um: sagt meinen Freunden, Sagt ganz Athen, dem Adel wie dem Volk, Vom Höchsten zum Geringsten; – wem's gefalle, Zu enden seine Not, der möge eilen, Hieher, eh' noch mein Baum die Axt gefühlt, Und sich dran hängen: – bitte, grüßt sie alle! Stört ihn nicht mehr: so findet ihr ihn stets. Kommt nicht mehr zu mir, sondern sagt Athen, Timon hat hier sein ew'ges Haus gebaut Auf dem bespülten Strand der salz'gen Flut, Das einmal Tags mit ihrem schwell'nden Schaum Die Wogen überfluten; dahin kommt, Laßt meinen Grabstein euch Orakel sein! – Laßt, Lippen, bittre Wort', und ende, Laut; Des Schlimmen Beßrung sei der Pest vertraut! Kein Menschenwerk, als Gräber; Tod ihr Lohn! Birg, Sonne dich! Vollbracht hat Timon schon. Er geht ab. Sein zorn'ger Sinn ist fest und unzertrennlich Von seinem Wesen. In ihm starb unsre Hoffnung. Kehrt zurück Und denkt, welch andre Rettung uns noch bleibt In dieser großen Not. Wir müssen eilen. Sie gehn ab. Dritte Szene Dritte Szene In Athen. Es treten auf zwei Senatoren und ein Bote. Mit Sorgfalt forschtest du; sind seine Scharen So zahlreich, wie du sagst? Das Mind'ste nannt' ich: Dabei erweist sein Eilen, daß er gleich Sich zeigen wird. Kommt Timon nicht, so sind wir sehr gefährdet. Ich traf, als Boten, einen alten Freund; – Mit dem, obwohl jetzt durch Partei'n getrennt, Die alte Lieb' ihr vor'ges Recht bewahrte, Und uns als Freunde sprechen ließ: er ging Vom Alcibiades zu Timons Höhle Und bracht' ihm Briefe, die ihn dringend baten, Mit ihm den Krieg auf eure Stadt zu führen, Da seinethalb, zum Teil, er ihn begann. Die Senatoren, welche von Timon zurück kommen. Seht, unsre Brüder kommen. Sprecht nicht von Timon, nichts von ihm erwartet Des Feindes Trommel tönt, der große Zug Erfüllt die Luft mit Staub: Zu den Waffen alle! Es legt der Feind für unsern Fuß die Falle. Sie gehn alle ab. Vierte Szene Vierte Szene Vor Timons Höhle; man sieht einen Grabstein. Ein Soldat tritt auf. Nach der Beschreibung wäre dies der Platz, Wer da? He, keine Antwort! – Was ist das? Timon ist tot, er zahlte der Natur; Dies les' ein Tier! von Menschen keine Spur. Ja, tot gewiß: und dies hier ist sein Grab. – Was auf dem Grabmal steht, kann ich nicht lesen; So drück' ich in dies Wachs die Zeichen ab. Der Feldherr ist in Kenntnis jeder Schrift Ein alter Forscher, obwohl jung an Jahren. Athen, die stolze Stadt, bedroht er eben: Ihr Fall ist seiner Ehrsucht höchstes Streben. Er geht ab. Fünfte Szene Fünfte Szene Vor den Toren von Athen. Trompeten. Alcibiades tritt auf mit seinem Heer. Blast dieser feigen, schwelgerischen Stadt Ins Ohr mein schrecklich Nahn! Trompeten. Die Senatoren erscheinen auf den Mauern. Bis jetzt gelang es euch, die Zeit zu widmen Mit Maß der Willkür; Satzung war allein, Was gut euch dünkte; ich und andre schliefen Im Schatten eurer Macht, und wanderten, Kreuzweis die Arm', und seufzten unser Leid Vergeblich nur. Nun ist die Zeit erwachsen, Das Lasttier darf im Dienst sich kräftig fühlen Und schreit von selbst: »Nicht mehr!« In Polsterstühlen Wird jetzt bequem geschmähte Kränkung ruhn, Und der goldschwere Übermut wird keuchen, In Furcht und grauser Flucht. O edler Jüngling, Als deine erste Kränkung noch Gedanke, Eh' du 'Gewalt hatt'st und wir Grund, zu fürchten, Kam Botschaft dir, mit Balsam deine Wut, Mit Liebe unsern Undank auszutilgen, Mehr zahlend als die Schuld. Auch luden wir Zu unsrer Stadt den umgeschaffnen Timon, Demütig flehend, liebevoll versprechend. Nicht alle fehlten, drum verdienen alle Des Krieges Geißel nicht. Hier diese Mauern, Sie wurden nicht durch deren Hand gebaut, Die dich gekränkt; noch ist so groß die Kränkung, Daß diese Türm' und Tempel fallen sollten Um Schuld der einzelnen. Auch sind sie tot, Die Ursach' waren, daß du dich schied'st von hier: Scham über ihren Fehl, in Übermaß, Zerbrach ihr Herz. So zieh' denn, edler Feldherr, Mit fliegendem Panier in unsre Stadt: Laß, durch das Los bestimmt, den Zehnten sterben; Hungert dein Rachgefühl nach dieser Speise, Vor der Natur ergraut, nimm du den Zehnten; Wie, durch Geschick, des Würfels Flecken fallen, So falle der Befleckte! Alle fehlten nicht; Nicht billig ist's, für die Verstorbnen Rache An Lebenden zu nehmen: Sünde erbt Sich nicht, wie Land und Gut. Drum, teurer Landsmann, Führ' ein dein Heer, doch laß die Wut da draußen: Schon' deiner Wieg', Athens, verwandten Bluts, Das deines Zornes Sturm vergießen würde Mit dem der Schuldigen: gleich einem Schäfer Nah' deiner Hürd', und sondre das Erkrankte, Doch nicht erwürge alles! Was du foderst, Wirst du mit deinem Lächeln eh' erzwingen, Als mit dem Schwert erhaun, Setz' nur den Fuß An dies bollwerkte Tor, so springt es auf, Hast du dein mildes Herz voraus gesandt Als Freundesboten. Wirf den Handschuh her; Gib jedes andre Unterpfand der Ehre, Daß du zur Herstellung den Krieg nur nutzest Und nicht zu unserm Sturz, – so nimmt dein Heer Wohnung in unsrer Stadt, bis wir bewilligt Dein vollestes Begehr. Hier ist mein Handschuh: Tut auf das unbewehrte Tor, steigt nieder! Die, welche Timons Feind' und meine sind, Und die ihr selbst zur Strafe ziehen sollt, Die einzig fallen: eure Furcht soll tilgen Mein Ehrenwort, daß nicht ein Mann verläßt Sein Standquartier, den Strom auch keiner trübe Des hergebrachten Rechts in eurer Stadt: Geschieht's, so zieh' ihn eure eigne Satzung Zur strengen Rechenschaft! Ein edles Wort! So steigt herab und haltet das Versprechen! Die Senatoren steigen herab und öffnen die Tore. Ein, Soldat tritt auf. Mein edler Feldherr, Timon ist gestorben Und an des Meeres ödem Strand begraben. Auf seinem Grabstein fand ich diese Schrift; Ich prägte sie in Wachs, des sanfte Form Dir deute, was ich selbst nicht lesen kann. liest. »Hier liegt der traurige Leib, dem der traur'ge Geist entschwebt; Forscht meinen Namen nicht: Fluch allem, was da lebt! Hier lieg' ich, Timon: da ich lebt', haßt' ich, was Leben hegt: Geh, fluch' von Herzen, aber mach', daß fort dein Fuß dich trägt!« Wohl drückt dies aus, was du zuletzt gefühlt: Hast unser menschlich Leid du auch verachtet, Die Tränenflut, die Tropfen, welche karg Die Rührung fallen läßt: doch lehrte dich Dein reicher Witz, Neptunus selbst zu zwingen, Daß er nun ewig weint gesühnte Fehler Auf deinem niedern Grab. Gestorben ist Der edle Timon; künftig mehr von ihm! Führt mich in eure Stadt, und mit dem Schwert Bring' ich den Ölzweig: Krieg erzeuge Frieden, Und Frieden hemme Krieg; jeder erteile Dem andern Rat, daß eins das andre heile! – Rührt eure Trommeln! Alle gehn ab.