Alfred Lord Tennyson Enoch Arden (Enoch Arden) In langen Klippenreih'n blieb eine Schlucht, Und in der Schlucht sind Schaum und gelber Sand; Jenseits viel' rote Dächer, um ein Werft Geschart; dann ein verwittert' Kirchlein; höher Zieht eine lange Straße sich hinan Zur einzigen Mühle hochgetürmtem Bau; Und fern dahinter eine graue Düne Mit Hünengräbern; und ein Haselholz, Im Herbst von Kindern gern geplündert, grünt In einer muldenförmigen Schlucht der Düne. Vor hundert Jahren spielten hier am Strand Drei Kinder dreier Häuser – Annie Lee, Das schmuckste kleine Mädchen in dem Dorf, Und Philipp Ray, des Müllers einz'ger Sohn, Und Enoch Arden, eines Seemanns Kind, Verwaist durch einen Winterschiffbruch; – spielten Unterm Gerümpel und Gerät des Ufers: Gewundnem Tauwerk, schwarzen Fischernetzen, Geteerten Böten, Ankern, braun von Rost; Und bauten Schlösser sich von lockerm Sand, Die bald die Flut entführte, oder folgten Der Brandungswelle nach, und flohn vor ihr Und prägten täglich in den weichen Sand Die kleine Fußspur, täglich fortgespült. In einer engen Höhlung unterm Dach Der Klippe spielten Haushalt oft die Kinder. Den Tag war Enoch, diesen Philipp Herr, Und Annie stets die Hausfrau; doch zuweilen Wollt' Enoch Herr für eine Woche sein: »Dies ist mein Haus, dies meine kleine Frau.« »Auch meine«, sagte Philipp, »Eins ums Andre.« Wenn sie sich zankten, siegte Enoch meist, Weil er der Stärkre war; dann füllten sich Die blauen Augen Philipps mit den Tränen Hilflosen Zorns, und bebend rief er aus: »Enoch, ich hasse Dich«, und zur Gesellschaft Dann weinte ängstlich mit die kleine Frau, Und bat sie, ihretwillen nicht zu zanken, Sie sei ja gern mit beiden kleine Frau. Doch als der Kindheit Rosendämmrung schwand, Und als der Lebenssonne Glut durchflammte Der beiden Herz, entbrannte beider Herz Für dieses eine Mädchen. Enoch sprach Sein Lieben aus, doch Philipp liebte stumm. Und freundlicher schien Annie gegen Philipp; Allein sie liebte Enoch, ob sie's auch Nicht wußte, und geleugnet haben würde, Wenn man sie drum befragte. Enoch hielt Vor Augen einen Vorsatz immerfort: Zu sparen, was er irgend sparen konnte, Ein eignes Boot zu kaufen, und für Annie Ein Hüttchen zu erbau'n; und also kam's, Daß glücklicher und kühner endlich, und Bedächt'ger in Gefahr, kein Fischer lebte Am meergepeitschten Strande stundenweit, Als Enoch. Auch hatt' er ein Jahr gedient Auf einem Kauffahrteischiff, wo er sich Zum Vollmatrosen aufschwang; dreimal war Es ihm geglückt, aus finsterm Wellengrab Ein Menschenleben an das Licht zu retten; Und alle lobten ihn und sahn ihn gern. Und eh' er einundzwanzig Lenze zählte, Kauft' er sein eignes Boot, und baut' ein Hüttchen, Ein niedlich Nest, für Annie, halb hinan Das Gäßchen, das empor zur Mühle klomm. An einem herbstlich goldnen Abend war's, Da machte Feiertag das junge Volk, Und ging mit Säcken, Körben, groß und klein, Ins Holz zum Nüssepflücken. Philipp folgte – (Krank war sein Vater und bedurfte sein) – Ein Stündchen später; doch als er den Hügel Erstieg, just wo des Haselholzes Saum Zur Schlucht hinab sich neigt, sah er das Paar, Enoch und Annie, sitzen Hand in Hand, Sein graues Aug' und wetterbraunes Antlitz Von einer heil'gen Glut verklärt, die still Wie Altarkerzen brannte. Philipp sah's, Und las sein Urteil klar in ihren Mienen. Als sie sich aneinander schmiegten, stöhnt' er Und schlich hinweg, und wie ein wundes Reh er hinunter in die wald'ge Schlucht; Dort hatt', indes die andern lustig scherzten, Er seine dunkle Stunde ungesehn, Dann stand er auf, und kehrte heim, und trug Der lebenslangen Sehnsucht Weh im Herzen. So wurden jene Zwei vermählt, und fröhlich Erklang der Hochzeitsglocken Schall, und fröhlich Entflohn die Jahre, sieben frohe Jahre, Beglückte Jahre reichlichen Erwerbs, Herzlicher Liebe, ehrenhafter Arbeit. Und Kinder kamen: – erst ein Töchterlein, Und mit des ersten Säuglings Schrei erwachte In seinem Herzen tief der edle Wunsch, Zu sparen, was er irgend sparen konnte, Um bessere Erziehung seinem Kind Zu geben, als sie ihm und ihr beschieden; Ein Wunsch, der stärker noch in ihm erwuchs, Als zwei Jahr später sich ein Knäbchen einfand, Der rosige Abgott ihrer Einsamkeit, Wenn Enoch fern war auf der zorn'gen See, Oder landeinwärts reiste; denn es waren Der Schimmel Enochs und sein Meeresfang In meeresduft'gem Korb und sein Gesicht, Das tausend Winterstürme derb gebräunt, Nicht nur am Marktplatz-Kreuze wohl bekannt, Nein, auch im Heckenweg jenseits der Düne, Bis zu dem Löwen-Steinbild vorm Portal Und bis zum Taxus-Pfau des Edelhofs, Des Freitagsmahlzeit Enoch lieferte. Dann kam ein Wechsel, wie ja alles wechselt. Zehn Meilen nordwärts von der schmalen Bucht Entstand ein größrer Hafen; dorthin ging Jetzt Enoch oft zu Wasser oder Land. Und einstmals, als er einen Schiffsmast dort Erkletterte, erlitt er einen Sturz. Da man ihn aufhob, war ein Bein gebrochen; Und wie er krank dort lag, gebar sein Weib Ihm einen zweiten Sohn, ein schwächlich Kind; Und fremde Hand, die ihm die Kunden wegfing, Nahm ihm der Seinen Brot; und als er so Untätig lag, beschlich ihn Sorg' und Zweifel, Obschon er immer fromm auf Gott vertraut. Nachts, wie ein Alpdruck, quälte ihn ein Traum, Als säh' er seine Kinder ewig führen Ein elend Leben von der Hand zum Mund, Und betteln sein geliebtes Weib. Er flehte: »Was auch mein Los sei, davor schütze sie!« Noch betet' er, da kam der Kapitän Des Schiffs, auf welchem Enoch einst gedient, Und der von seinem Mißgeschick vernommen, Zu ihm – er kannt' ihn und er schätzte ihn – Und sagte, daß sein Schiff nach China segle, Und ein Hochbootsmanns-Platz noch offen sei. Ob er den wolle? Viele Wochen noch Sei's bis zur Abfahrt. Ob den Platz er wolle? Und Enoch sagte ohne Zögern Ja, Und freute sich, daß sein Gebet erhört. So schien des Mißgeschickes Schatten jetzt Nicht ernster, als wenn eine flücht'ge Wolke Der Sonne glanzerhellte Bahn verdeckt, Und ihren Schatten als ein Inselchen Von Licht aufs Wasser wirft: – doch, wenn er ging, Was sollte dann aus Weib und Kindern werden? Lang dachte Enoch seinen Plänen nach. Das Boot verkaufen? – ach, er liebt' es so! Wie manchem Sturm hatt' er in ihm getrotzt! Er kannt' es, wie der Reiter kennt sein Roß – Und dennoch wollt' er's tun, und mit dem Geld Für Annie Waren kaufen, daß sie handle Mit allem, was der Schiffersmann bedarf – So hielte sie, indes er fern, wohl Haus. Konnt' er nicht handeln auch im fremden Land? Die Reise mehrmals machen? zweimal, dreimal – So oft wie nötig – reich dann heimgekehrt, Zuletzt ein größres Fahrzeug sich erstehn, Mit mehr Gewinn ein leichtres Leben führen. Die schmucken Kleinen gut erzogen sehn, Und friedlich hier beenden seine Tage? Also beschloß er alles bei sich selbst; Dann zu der bleichen Annie kehrt' er heim, Die noch ihr kränkelnd Kind, ihr jüngstes, nährte. Sie sprang mit einem Jubelruf empor Und legt' ihm in den Arm das schwache Kind; Und Enoch nahm's, befühlt' ihm Arm' und Beine, Taxierte sein Gewicht, und herzt' es warm, Doch fand er nicht den Mut, von seinem Plan Mit ihr zu reden, eh' am andern Tag. Zum erstenmal, seit Enochs Ring sie trug, Bekämpfte Annie seinen Willen jetzt, Doch nicht mit trotzig keifendem Widerspruch, Sondern mit mancher Träne, manchem Flehn Und manch betrübtem Kuß bei Tag und Nacht (Denn jedes Unheil sah sie draus entspringen) Beschwor sie ihn, wenn lieb ihm sei ihr Wohl Und seiner Kinder Wohl, nicht fortzugehn. Doch da er nicht an sich, nur an die Kinder Und sie gedachte, frommte Nichts ihr Bitten; Fest blieb er, trotz des Grams, und setzt' es durch. Sein liebes altes Boot schlug Enoch los, Und kaufte Waren ein, und mühte sich, Das kleine Stübchen, das zur Straße blickte, Zum Laden umzuwandeln, mit Gesims, Regal und Fächerbord an allen Wänden. So schaffte Enoch bis zum letzten Tag, Und ließ durchs Hüttchen Axt und Hammer schallen Und Säg' und Bohrer kreischen, während Annie Vermeinte, daß man ihr Schafott erbaue, Bis alles fertig war, und seine Hand – Der Raum war enge – alles fast so hübsch Und dicht geordnet, wie Natur ihr Kraut Und Blümchen eingeschachtelt; und der Gute, Der bis zum letzten Augenblicke gern Für Annie tätig war, schlich müd hinauf Ins Bett, um bis zum Morgen fest zu schlafen. Und Enoch blickte diesem Abschiedsmorgen Ins Auge kühn und heiter. Annies Furcht Verlacht' er, ob auch leid ihr Schmerz ihm tat. Doch als ein braver, gottesfürcht'ger Mann Beugt' er sein Knie, und in der hehren Stimmung, Wo Gott im Menschen und der Mensch in Gott ist, Erfleht' er Segen für sein Weib und Kind, Was auch sein Los sei, und dann sagt' er froh: »Annie, durch Gottes Huld wird diese Fahrt Uns allen heitres Wetter noch bescheren. Halt rein den Herd, das Feuer hell für mich, Denn eh' du's denkst, mein Kind, kehr ich zurück.« Dann, leis' des Säuglings Wiege schaukelnd, sprach er: »Und dieser hübsche, kleine, schwache Knirps, – Ich lieb' ihn eben darum ja noch mehr – Gott segn' ihn! auf dem Knie soll er mir sitzen, Ich will erzählen ihm von fremdem Land, Froh soll er lachen, wenn ich wiederkehre. Komm, Annie, schau' zum Abschied mutig drein!« Sie hört' ihn reden also hoffnungsvoll, Und hoffte selbst beinah; doch als er nun Den Redestrom auf ernstre Dinge lenkte, In derber Schifferweise predigend Von Gottvertraun und Vorsicht, hörte sie, Und hört' ihn nicht; dem Mädchen gleich im Dorf, Das ihren Krug am Brunnen niedersetzt, Und, dessen denkend, der ihn einst ihr füllte, Hört und nicht hört, derweil er überfließt. Doch endlich sprach sie: »Enoch, du bist klug, Allein trotz aller deiner Klugheit weiß ich, Daß ich dein Antlitz nimmer wiederseh.« »Hm«, scherzte Enoch, »deines werd' ich sehn, Annie, mein Schiff wird hier vorüberfahren An dem und dem Tag; leih' ein Fernrohr dir, Such' mein Gesicht, und lache deiner Furcht.« Doch als der letzte Augenblick erschien, Sprach er: »Mein Weib, sei mutig und getrost, Sieh nach den Kleinen, und bis heim ich kehre, Halt alles wohl in Stand, denn ich muß fort. Sorg' nicht um mich mehr, oder wenn du sorgst, Wirf' deine Sorg' auf Gott; der Anker hält. Ist Er nicht dort in jenem fernsten Teil Des Ostens? Wenn ich dorthin auch entfliehe, Enteil' ich jemals Ihm? Das Meer ist Sein, Das Meer ist Sein – Er schuf's.« Enoch stand auf, Schlang seinen Arm um sein gebeugtes Weib Und küßte seine wirr erstaunten Kinder. Allein das dritte, kränkliche, schlief jetzt Nach einer fieberhaft durchwachten Nacht; Als Annie dies aufnehmen wollte, sprach er: »Still, laß es schlummern! nie erinnert doch Das Kind sich dran!« und küßt' es in der Wiege. Und Annie schnitt von ihres Säuglings Stirn Ein Löckchen ab, und gab's ihm! Dies bewahrt' er Für alle Zeit; doch hastig nahm er jetzt Sein Bündel, winkt' Ade, und schritt' von dannen. Sie lieh am Tag, den Enoch ihr genannt, Ein Fernrohr, doch vergebens war ihr Spähn; Vielleicht verstand sie nicht das Glas zu stellen; Vielleicht war trüb' ihr Aug', zittrig die Hand: Sie sah ihn nicht, und während auf dem Deck Er stand und winkte, fuhr das Schiff vorbei. Sie sah dem Segel nach, bis es vertauchte Am Horizont, und kehrte weinend heim. Dann, ob sie gleich wie einen Toten ihn Betrauerte, bemühte sie sich trüb, Nach seinem Willen Jegliches zu tun; Allein ihr Handel wollte nicht gedeihn, Sie wußte nicht zu feilschen, und ersetzte Den Mangel nicht durch Schlauheit, sie verstand Sich nicht aufs Lügen, konnte unverschämt Nicht fordern, um dann billiger abzulassen. Und allzeit fragend: »Was wird Enoch sagen?« Verkaufte mehr als einmal sie zur Zeit Der Not und der Bedrängnis ihre Waren Für weniger, als sie dafür bezahlt. Mit Sorg' und Trauer nahm sie's wahr, und so, Der Nachricht harrend stets, die nimmer kam, Erwarb ein dürftig Brot sie ihren Kindern, Und lebt' ein Leben stiller Schwermut hin. Das dritte Kind, das kränkliche, ward kränker Von Tag zu Tag, obschon die Mutter es Mit Muttersorgfalt pflegte; mocht' es sein, Daß ihr Geschäft sie oftmals von ihm abrief, Daß ihr gebrach, was ihm am nötigsten, Und daß sie nicht des besten Arztes Rat Bezahlen konnte: – wie dem immer sei, Nach kurzem Zögern, fast eh' sie es bemerkte, Entflog die kleine Seele himmelwärts, Wie jäh ein Vöglein aus dem Käfig fliegt. In jener Woche, als sie es begrub, Schlug Philipps treues Herz, das nur bedacht Auf ihren Frieden war – (er hatte sie, Seit Enoch fortgegangen, nicht gesehn) – In Reue, daß so lang er fern sich hielt. »Jetzt,« meinte Philipp, »wär's ein kleiner Trost Vielleicht, wenn sie mich sähe«; und er ging. Er schritt zuerst durchs öde Vorgemach, Blieb drinnen vor der Tür ein Weilchen stehn, Und trat, nachdem er dreimal angeklopft, Und keiner ihm geöffnet, still hinein; Doch Annie, die von ihres Kleinen Grab Soeben erst zurück, in Trauer saß, Mocht' keines Menschen Antlitz schaun, und kehrte Der Wand das ihre zu, und weinte laut. Da nahte Philipp sich und stammelte: »Annie, ich kam, um eine Gunst zu bitten.« Die Leidenschaft der Antwort, die sie stöhnte: »Pah! Gunst von einem so verlaßnen Ding!« Verschüchterte ihn halb; doch ungebeten, Indes sich Lieb' und Schüchternheit in ihm Bekämpften, setzt' er sich zu ihr und sprach: »Ich kam, von Enochs, deines Gatten, Wunsch Mit dir zu reden; immer sagt' ich schon, Daß du den besten, einen starken Mann Gewählt; denn was im Herzen er beschloß, Griff seine Hand auch an und setzt' es durch. Und weshalb unternahm er diese Fahrt, Und ließ dich einsam? Nicht, die Welt zu sehn, Nicht zum Vergnügen – nein! um bessere Erziehung seinen Kindern zu verschaffen, Als du und er gehabt – Das war sein Wunsch. Und kehrt er heim, so wird es ihn betrüben, Wenn ungenützt ihr Lebensmorgen schwand. Ja, ihn betrüben würd' es noch im Grab, Wüßt' er, daß seine Kleinen wild umher Wie junge Füllen sprängen. Darum, Annie, – Haben wir uns von klein auf nicht gekannt? – Beschwör' ich bei der Liebe dich zu ihm Und seinen Kindern, mir nicht Nein zu sagen – Denn, so du willst, wenn Enoch wiederkehrt, Mag er's zurückerstatten – so du willst, Annie – denn ich bin reich und gut gestellt. Laß Knab' und Mädchen mich zur Schule senden, Das ist die Gunst, die ich erbitten kam.« Annie erwiderte, die Stirn zur Wand Gekehrt: »Ich kann dir nicht ins Antlitz sehn; Ich seh' so töricht und gebrochen aus. Der Kummer warf mich nieder, als du kamst; Jetzt, glaub' ich, wirft mich deine Güte nieder. Doch Enoch lebt, das kündet mir mein Herz – Er wird's erstatten: Geld läßt sich erstatten, Doch deine Güte nicht.« Und Philipp frug: »Annie, so darf ich's tun?« Sie wandte sich, Stand auf, und ließ die tränenvollen Augen Auf seinem freundlich milden Antlitz ruhn; Dann rief sie Segen auf sein Haupt herab, Und drückte leidenschaftlich ihm die Hand, Und schritt hinaus ins kleine Hintergärtchen. Also gehobnen Mutes ging er fort. Zur Schule sandte Philipp drauf die Kleinen, Kauft' ihnen Bücher, und wie Einer für Die eignen Kinder sorgt, sorgt' er für sie In jeder Art. Wenn er auch, Annies willen Sich fürchtend vor dem müß'gen Dorfgeklätsch, Des Herzens liebsten Wunsch sich oft versagte, Und selten über ihre Schwelle schritt, Sandt' er doch durch die Kinder Obst und Kraut, Die erst' und letzten Rosen seines Gartens, Kaninchen von der Düne, und mitunter – Besondrer Feinheit wegen, sagt' er dann, Daß sein Geschenk sie nicht verletze – Mehl Aus seiner Mühle hohem Klapperwerk. Ein Rätsel blieb für Philipp Annies Sinn; Kaum überwand sie sich, wenn er erschien, Aus überströmend dankerfülltem Herzen Zu stammeln ein verhauchend Dankeswort. Doch war er Eins und Alles ihren Kindern; Aus fernstem Winkel eilten sie herbei, Sein herzlich Grüßen herzlich zu erwidern. Sie waren Herrn bei ihm in Haus und Mühle; Ermüdeten sein Ohr mit kleinen Leiden Und Freuden, spielten mit ihm, kos'ten ihn, Und »Vater Philipp« hieß er. Philipp kam Zu gut, was Enochs fernes Bild verlor; Denn unbestimmt schien Enoch wie ein Traum, Ein Schattenbild, das man im Morgengraun Am Ende einer Baumallee erblickt, Und das entschwebt, der Himmel weiß, wohin. Zehn Jahre flossen so ins Meer der Zeit, Seit Enoch Herd und Vaterland verließ, Und keine Nachricht kam von ihm nach Haus. Ins Holz zum Nüssepflücken wollten einst Mit andern Kindern Annies Kinder gehn, Und Annie ging mit ihnen; da begehrten Sie die Gesellschaft Vater Philipps auch. Sie fanden ihn, der Arbeitsbiene gleich, Bestaubt von weißem Mehl, und als sie sprachen: »Komm mit uns, Vater Philipp,« schlug er's ab; Doch als die Kinder ihn am Ärmel zupften, Lacht' er, und fügte gern sich ihrem Wunsch, – War Annie nicht bei ihnen? – und ging mit. Doch als sie halb die steile Dün' erstiegen, Just wo des Haselholzes Saum zur Schlucht Hinab sich neigt, verließ die Kraft sie ganz, Und seufzend sagte sie: »Laß hier mich ausruhn.« Zufrieden ruhte Philipp neben ihr, Indes die Jüngern all' mit Jubelruf Fortstürmten von den Ältern, und sich lärmend Durchs helle Hasellaub hinunter stürzten Zur Schlucht, und sich zerstreuten, das Gezweig, Das widerstrebend schlanke, niederbeugend, Die bräunlichen Büschel abzureißen, laut Sich hier und dort ausrufend im Gehölz. Als Philipp so an ihrer Seite saß, Vergaß er ihrer Gegenwart, und dachte An jene dunkle Stunde hier im Holz, Da wie ein wundes Reh er in die Schlucht Hinab gekrochen war; und endlich sagt' er, Sein biedres Haupt erhebend: »Annie, horch, Wie lustig sind sie drunten im Gehölz! – Du bist wohl müde?« denn sie sprach kein Wort. »Recht müd'?« sie barg ihr Antlitz in die Hand. Da fuhr er fort, halb ärgerlichen Tons: »Verunglückt ist das Schiff, für immer hin! Nichts mehr davon! Wenn du ins Grab dich härmst, So sind sie ganz verwaist.« Und Annie sprach: »Ich dachte daran nicht, doch – seltsam ist's – So einsam fühl' ich mich bei ihrem Jubel.« Philipp, ein wenig näher rückend, sprach: »Annie, es liegt mir etwas auf dem Herzen, Und auf dem Herzen lag mir's schon so lang, Daß endlich es heraus muß, wenn ich auch Nicht weiß, seit wann es mich gedrückt. O Annie, Es ist nicht möglich, nicht zu hoffen mehr, Daß er, der fern zehn lange Jahre blieb, Am Leben noch; wohlan denn! laß mich reden: Es schmerzt mich, arm und hilfsbedürftig dich Zu sehn, und helfen kann ich nicht nach Wunsch, Wenn du nicht – Frauen, sagt man, fassen schnell – Vielleicht verstehst du schon, was ich begehre – Ich wünsche dich zur Frau. Ich wäre gern Ein Vater deinen Kindern; lieben sie Mich nicht wie einen Vater? weiß ich doch, Daß ich sie liebe wie mein eignes Blut! Und sieh, ich glaube, wärst du erst mein Weib, Dann könnten wir nach all' den trüben Jahren Der Ungewißheit noch so glücklich sein, Wie Gott den Seinen es vergönnt. Bedenk' es! Vermögend bin ich, unabhängig, frei Von Sorgen, außer der um dein Geschick; Wir haben uns von klein auf ja gekannt, Und länger liebt' ich dich, als du es weißt.« Annie erwiderte mit sanftem Ton: »Du warst ein Engel Gottes unserm Haus, Gott segne, Gott belohne dich dafür Mit einem Wesen, glücklicher als ich. Vermag ein Mensch zum zweitenmal zu lieben? Kann ich dich lieben, wie ich ihn geliebt? Was ist's, das du begehrst?« – »Ich bin zufrieden,« Versetzte Philipp, »wenn nach Enoch nur Du mich ein wenig liebst.« – »Oh,« rief sie aus Voll Bangen, »lieber Philipp, wart ein Weilchen! Wenn Enoch kommt – doch Enoch kommt wohl nie – Ach, wart ein Jahr, ein Jahr ist nicht so lang, In einem Jahr werd' ich verständ'ger sein; O, wart ein Weilchen!« Philipp sagte trüb: »Annie, da ich mein Leben lang gewartet, Kann ich's auch länger noch.« – »Nein,« rief sie aus, »Du hast mein Wort, es sei – in einem Jahr! Willst du nicht dein Jahr tragen, wie ich meins?« Und Philipp sprach: »Ich will mein Jahr ertragen.« Dann schwiegen sie, bis Philipp, aufwärts blickend, Des hingeschiednen Tags erloschnen Strahl Hinter dem Hünengrab verschwinden sah. Den Tau für Annie fürchtend, stand er auf Und rief mit lauter Stimm' ins Holz hinab. Die Kinder kamen her mit ihrer Beute; Dann schritten sie hinab zum Dorf, und dort Vor Annies Tür gab er ihr sanft die Hand, Und sagte: »Annie, als ich zu dir sprach, War's deine schwache Stunde. Unrecht tat ich. Ich bin dein eigen stets, doch du bist frei.« Und Annie weint' und sprach: »Du hast mein Wort.« Sie sprach's; und wie in einem Augenblick, Indes sie nach wie vor ihr Haus bestellte, Und noch sein letztes Wort im Ohr ihr klang, Daß er sie länger liebe, als sie's wisse, Verwandelte der Herbst sich wieder schon Zum Herbst, und wieder trat er vor sie hin, An ihr Versprechen mahnend. »Ist's ein Jahr?« Frug sie. »Ja, wenn die Nüsse wieder reif sind, Komm und sieh nach.« Doch sie vertröstet' ihn – So viel sei zu besorgen – solch ein Wechsel! – Vier Wochen noch – mehr fordere sie nicht – Er hab' ihr Wort – vier Wochen, und nicht mehr. Und Philipp sprach, indes im Aug' ihm trüb Die lebenslange Sehnsucht glomm, und leis Die Stimme bebte wie des Trunknen Hand: »Wähl' deine Zeit, Annie, wähl' deine Zeit.« Vor Mitleid weinte Annie fast um ihn. Und dennoch hielt sie stets ihn zögernd hin Mit mancher kaum glaubwürdigen Entschuld'gung, Versuchend seine Treue und Geduld, Bis abermals ein halbes Jahr entschwand. Nachgrad begann das müßige Dorfgeklätsch, Das stets empört ist, wenn es sich verrechnet, Zu zürnen, als sei Unrecht ihm geschehn. Die einen dachten, Philipp spiele nur Mit ihr; die andern, wenn sie spröde tue, So sei's, um sichrer ihn ins Garn zu locken; Und andre lachten sie und Philipp aus, Als wüßten beide selbst nicht, was sie wollten; Und Einer, dem im Hirn wie Schlangenbrut Gift'ge Gedanken zischten, munkelte Von Schlimmerm gar. Ihr eigner Sohn schwieg still, Obschon sein Blick oft seinen Wunsch verriet; Doch ihre Tochter drängt' und drängte sie, Den Mann zu frei'n, der ihnen allen lieb, Und von der Armut Joch ihr Haus zu retten. Und Philipps Rosenwangen wurden fahl Und bleich; und wie ein schwerer Vorwurf drückte Dies alles sie. Als sie in einer Nacht Nicht schlafen konnte, betete sie brünstig: »Herr, gib ein Zeichen mir! Ist Enoch tot?« Dann, eingeengt vom dunkeln Wall der Nacht, Ertrug sie nicht der Ungewißheit Graus, Sprang auf vom Bett und machte Licht sich an, Ergriff verzweiflungsvoll das heil'ge Buch, Schlug rasch es auf, ein Zeichen drin zu finden, Und las das Wort, auf das ihr Finger traf: »An einem Palmbaum.« Das war Nichts für sie, Kein Sinn darin; sie schloß das Buch und schlief. Und sieh! ihr Enoch saß auf einem Hügel, An einem Palmbaum, über ihm die Sonne. »Tot ist er,« dachte sie, »und selig singt er Hosianna in der Höhe; dorten scheint Die Sonne der Gerechtigkeit, und dies Sind wohl die Palmen, die das frohe Volk Einstmals hernieder streute mit dem Ruf: Hosianna in der Höhe!« Sie erwachte, Entschlossen sandte sie zu ihm, und rief: »Es steht der Hochzeit nichts im Wege mehr.« »Gottlob!« versetzt' er, »dein- und meinetwillen, Wenn du mich freien willst, laß es gleich geschehn.« So wurden diese Zwei vermählt, und fröhlich Erklang der Hochzeitsglocken Schall darein. Doch fröhlich nimmerdar schlug Annies Herz. Ein Schritt schien neben ihrem Pfad zu wallen, Sie wußte nicht, woher; ein Flüstern hauchte Ihr in das Ohr, sie wußte nimmer, was; Auch blieb sie niemals gern allein zu Haus, Und wagt' alleine niemals auszugehn. Was fehlt' ihr doch, daß, eh' sie eintrat, oft Die Hand so zögernd auf dem Türgriff weilte? So angstvoll? Philipp glaubt' es zu verstehn: Ihr Zustand ließ erklären solche Angst, Sie war in Hoffnung. Doch als sie geboren, War mit dem neuen Kind sie selbst erneut, Die neue Mutter zog ihr in das Herz, Ihr guter Philipp war ihr alles nun, Und jene rätselhafte Ahnung starb. – Und wo war Enoch? Glücklich fuhr dahin Das Schiff »Fortuna«, ob auch in der Buch Biscayas rauhe Winde, ostwärts stürmend, Es schwer bedrohten; aber ungeschädigt Glitt durch den Sommer es der Welt hinab, Und dann nach einer langen Fahrt ums Kap Bei häufigem Wechsel gut' und schlechter Winde Durchfurcht' es noch einmal die Sommerwelt, Allwo des Himmels Odem stetig blies, Und sanft es trieb durchs goldne Inselmeer, Bis es den Hafen fern im Ost erreichte. Für eigne Rechnung kaufte Enoch dort Seltsame Mißgestalten, wie der Markt Zu jener Zeit sie gut bezahlte, auch Für seine Kinder einen goldnen Drachen. Glückloser war die Heimfahrt. Anfangs zwar Erhob das busenüppige Schiffsbild sich, Kaum schaukelnd, Tag für Tag, in stiller See Über des Buges federkrausem Schaum; Dann kam Windstille, wechselnde Winde dann, Dann lange Zeit ganz widrige; und zuletzt Ein Sturm, der sie in schwarzer Nacht verschlug, Bis mit dem Angstruf: »Brandung!« fast zugleich Ein Krach erscholl, und alle, bis auf Enoch Und zwei Gefährten, in das Meer versanken. Die halbe Nacht an schwimmendem Takelwerk Und Balken fest sich klammernd, trieben sie Gen Morgen hin zu einer reichen Insel, Die einsam lag in einsam ödem Meer. An Lebensunterhalt gebrach es nicht, An saftigen Früchten, großen Nüssen, Wurzeln; Und schier so zahm vor Wildheit war das Wild, Daß hilflos fast es sich ergreifen ließ. In einer seewärts blickenden Bergesschlucht Erbauten dort sie eine Hütte sich, Und deckten sie mit breiten Palmenblättern Halb Hütte, Höhle halb. So weilten sie In diesem Eden alles Überflusses, Bei ewigem Sommer, schweren Herzens doch. Denn einer, fast ein Knabe noch, der Jüngste, Der in der Nacht des Schiffbruchs sich verletzt, Starb hin, drei Jahre lang lebend'gen Tod. Sie pflegten ihn. Nach seinem Heimgang fanden Die andern einen sturmgefällten Stamm, Und Enochs Kamerad, der unvorsichtig Nach Indianerart mit Feuer ihn Aushöhlte, sank, vom Sonnenstich ereilt, Ins Grab, und Enoch blieb allein jetzt übrig. In diesen beiden Todesfällen las Er Gottes Mahnung: »Harre deiner Stunde!« Den bis zum Gipfel waldbewachs'nen Berg, Die Lichtungen, die hoch empor sich wanden Gleich Pfaden, die zum Himmel aufwärts ziehn, Der schlanken Palme hängenden Federbusch, Des Käfers und des Vogels Strahlenschein, Der langen Trichterwinden Farbenpracht, Die um der mächt'gen Stämme Schaft sich rankten Und bis zum Waldsaum liefen, all das Glänzen Und Glühn des breiten Gürtelrings der Welt Sah er; doch was er gern gesehen hätte, Das sah er nie: ein freundlich Menschenantlitz, Und statt der Menschenstimme liebem Ton Vernahm er nur der Wasservögel Schrei, Der Brandung Donneranprall an das Riff, Das Rauschen riesiger Bäume, deren Laub Und Blüten hoch im Blau verschwanden, oder Das Brausen eines Waldbachs in das Meer, Wenn er am Ufer hinschritt, oder taglang Oft in der seewärts blickenden Bergschlucht saß, Nach einem Segel spähend übers Meer. Kein Segel Tag für Tag, doch jeden Tag Des Sonnenaufgangs scharlachrote Pfeile Zwischen den Palmen, Farn und Klippenreihn; Das Glanzmeer auf den Wassern fern im Ost; Das Glanzmeer auf der Insel ihm zu Häupten; Das Glanzmeer auf den Wassern fern im West; Die großen Sterne dann am Himmelsdom, Das hohler brütende Meer, und wiederum Des Sonnenaufgangs Pfeile – doch kein Segel! Oft lag er dort so still auf seiner Wacht, Daß Rast auf ihm die goldne Eidechs hielt. Ein Traumbild, das gewebt aus vielen Träumen, Stieg spukhaft vor ihm auf; oft auch beschwor Er selbst gespenstig Leute, Stätten, Dinge, Die er auf einer dunklern Insel einst Gekannt, die fern jenseits der Linie lag: Die Kinder, Annie und das kleine Haus, Das Mühlengäßchen und den Heckenweg, Den Taxus-Pfau, den alten Edelhof, Den Schimmel und das Boot, das er verkauft, Die finstre Düne, grauer Nebel Flor, Sprühregen, den Geruch von welkem Laub, Und leisen Klageton bleifarbner Flut. Einst hört' er auch in seine Ohren klingen, Zwar leis, doch lustig – weit, ach, weit entfernt – Den Schall der Kirchenglocken seines Dorfs; Da sprang er auf, er wußte nicht warum, Ihn schauderte, und als sein Blick die schöne Verhaßte Insel wieder vor sich sah: O, wenn sein armes Herz sich nicht zu Dem Gewendet, der allgegenwärtig ist, Und keinen ganz verläßt, der zu ihm spricht, Gestorben wär' er da vor Einsamkeit. So über Enochs früh ergrauend Haupt Zog Jahr für Jahr die Sonn'- und Regenzeit Wechselnd dahin. Sein Hoffen, einst noch wieder Die Seinen und die Heimatsflur zu sehn, War noch nicht tot, als sein verlass'nes Los Ein plötzlich Ende nahm. Ein andres Schiff, Das Wassermangel litt, von seinem Kurs, Wie die »Fortuna« einst, durch Sturm verschlagen, Warf Anker bei dem fremden Eiland aus; Denn da der Steuermann bein Tagesdämmern Durch eine Lücke in dem Nebelflor Den Waldbach still bergunter fließen sah, So fuhr ein Boot mit einigen Mann zum Strand, Die Wasser suchend mit Geschrei das Ufer Erfüllten. Von der Bergschlucht niederstieg Der Eremit mit langem Haar und Bart, Braun, kaum ein Menschenbild, seltsam gekleidet, Mummelnd und murmelnd wie im Blödsinn fast, Mit unartikulierter Hast, durch Zeichen Bedeutend, niemand wußte, was; doch wies er Den Weg zu Strömen süßen Wassers bald; Und als er zu den Leuten sich gesellt Und ihren Reden horchte, ward gelöst ihm Die lang gebundne Zunge, bis er endlich Verständlich sich dem Schiffervolk gemacht. Sie nahmen, als die Fässer sie gefüllt, Ihn mit an Bord, und dort erzählt' er ihnen In abgebrochnen Worten sein Geschick. Unglaublich schien's zuerst, doch mehr und mehr Horchten sie auf, verwundert und gerührt, Und gaben Kleidung ihm und freie Fahrt. Doch half er oft den andern, um die Last Der Ungeselligkeit hinwegzuscheuchen. Keiner von allen war aus seiner Gegend Und konnt' auf seine Fragen Rede stehn, Wenn er nach etwas frug, woran ihm lag. Langweilig war die Fahrt und endlos fast, Das Schiff seetüchtig kaum; doch immer flog Sein heimkehrdurft'ger Geist dem trägen Wind Voraus, bis er in trübumwölkter Luft Wie ein Verliebter tief ins Herz hinab Einsog den tauigen Wiesen-Frührauch Englands, Der von dem bleichen Strande hergeweht; Und alles Schiffsvolk legt' an jenem Tag Sich selber eine Mitleidssteuer auf Für den verlaßnen Mann und gab sie ihm; Dann setzten sie im selben Hafen ihn Ans Land, von wo er einstmals ausgefahren. Kein Wort sprach Enoch dort zu irgendwem; Heimwärts – zu welchem Heim? hatt' er ein Heim? – Schritt er durchs Land. Schön war der Nachmittag, Sonnig, doch kühl; dann wälzte von der See Ein Nebel, durch die Schluchten angelockt, An denen jene beiden Häfen lagen, Sich auf, und hüllte ein die Welt in Grau, Schnitt ab des Heerwegs Ende seinem Blick, Und ließ ihn rechts und links nur schmale Streifen Von Ackerland, Gehölz und Weide sehn. Schwermütig pfiff auf blätterlosem Baum Der Fink, und durch des Nebels feuchten Schwall Sank raschelnd niederwärts das welke Laub. Dicht troff der Nebel, schwärzer ward die Nacht; Doch endlich schien ihm durch des Nebels Flor Ein Licht zu blicken, und er war am Ort. Die lange Straße dann hinunter schleichend, Von Unheilsahnung trüb bewegt, den Blick Gesenkt aufs Pflaster, kam er an das Haus, Wo Annie einst gelebt und ihn geliebt, Und wo in jenen sieben frohen Jahren Sie ihm die lieben Kinderchen geschenkt; Doch als er alles still und dunkel fand (Ein Anschlagzettel sagte, zum Verkauf Sei ausgestellt das Hüttchen), schlich er weiter, Und murmelte: »Tot, oder tot für mich!« Er kam hinab zur kleinen Werft am Wasser, Und sucht' ein Wirtshaus, das er einst gekannt, Altmodisch aufgezimmert von Gebälk, So wurmzernagt, baufällig, rings gestützt, Daß er es kaum zu finden mehr verhoffte; Doch nur gestorben war der Mann, der einst Es hielt; und seine Witwe, Miriam Lane, Führt' es mit täglich kärgerem Gewinn; Einst lärmten hier Matrosen, jetzt war's still, Und bot nur dann und wann ein Bett dem Wandrer. Hier weilte Enoch schweigend manchen Tag. Doch Miriam Lane war gut und schwatzte gern, Sie setzte oft sich zu ihm, und erzählte Ihm mit dem andern, was im Dorf geschehn, Harmlos – denn Enoch war so braun, gebeugt Und alt – die ganze Chronik seines Hauses: Des Säuglings Tod, wie Annie bald verarmt, Wie Philipp ihre Kinder jahrelang Zur Schule sandte, wie er um sie warb, Wie sie ihn lange hinhielt, ihre Heirat, Und wie dann Philipps Kind geboren ward; Und über Enochs Züge glitt kein Schatten Und keine Regung; wer ihn so gesehn, Der hätte wohl geglaubt, daß minder ihn, Als die Erzählerin, ihr Wort berühre; Nur als sie, Enochs denkend, endete: »Der Arme war verschollen und verloren«, Schüttelt' er feierlich sein graues Haupt, Und murmelte: »Verschollen und verloren!« »Verloren!« klang's ihm tief im Herzen nach. Doch Enoch drängt's, ihr Angesicht zu sehn. »Säh' ich ihr liebes Antlitz wieder nur, Und wüßte, daß sie glücklich!« Der Gedanke Verfolgt' und quälte ihn, und trieb ihn fort, Am Abend, als der herbstlich trübe Tag Zu trübrer Dämmrung ward, hinan den Hügel. Dort setzt' er sich, und blickte still hinab; Dort stürmten tausend Bilder auf ihn ein, Traurig, unsäglich traurig. Mählich lockte Der trübe Schein behaglich trauter Glut, Die fern aus Philipps Hinterhause glomm, Ihn an, so wie die Leuchtturmflamme anlockt Den Wandervogel, bis er toll drauf losstürzt Und sein ermattet Leben dran zerschellt. Denn Philipps Wohnung lag der Straße zu, Das letzte Haus landeinwärts; doch dahinter Zog sich, mit einer Heckentür ins Feld, Ein Gartenviereck, sorgsam eingezäunt, Und drinnen stand ein alter Eibenbaum Mit immergrünem Laub, und ringsum lief Ein Kiesweg, den ein Fußpfad quer durchschnitt. Doch Enoch mied den Mittelsteig, und stahl sich Den Zaun entlang bis an den Eibenbaum; Und sah von dort aus, was er besser wohl Gemieden hätte, wenn ein solches Weh, Wie seins, ein »schlimmer« oder »besser« hat. Denn auf dem blanken Tisch erglänzten Tassen Und Silberzeug; so traulich war der Herd; Und rechts vom Herde sah er Philipp sitzen, Den einst verschmähten Freier seiner Frau, Stramm, rosig, seinen Säugling auf dem Knie; Und zu dem zweiten Vater beugte sich Ein Mädchen nieder, eine jüngere, Doch schlankre Annie Lee, mit blondem Haar Und groß; es baumelte von ihrer Hand An einer langen Schnur ein Ring herab, Nach dem der Kleine mit den runden Ärmchen Beständig griff, und doch ihn nimmer fing, Und alle lachten; – links vom Herde sah er Die Mutter, oft zum Kleinen hingekehrt, Doch manchmal auch mit ihrem Sohne redend, Der groß und stark an ihrer Seite stand Und froh zu ihren Worten schmunzelte. Als jetzt der auferstandne Tote sah Sein Weib, nicht mehr sein Weib, und ihren Säugling, Der nicht sein Kind war, auf des Vaters Knie, Und all die Herzlichkeit, das Glück, den Frieden, Und seine eignen Kinder, groß und schön, Und jenen andern, der an seiner Statt Sein Recht besaß und seiner Kinder Liebe, – Da fühlt' er, ob auch alles Miriam Lane Ihm schon erzählt, daß mächtiger der Anblick Herzbrechender Dinge ist, als ihr Bericht, Und taumelnd hielt er sich am Ast, aus Furcht, Daß ihm entsetzensvoll ein Schrei entfahre, Der wie der Donner des Gerichts im Nu In Trümmer alles Glück des Hauses schmettre. Er wandte drum sich leise wie ein Dieb, Daß nicht der harte Kies verrät'risch knirsche, Und längs des Zaunes sich hintastend, daß Man nicht in Ohnmacht hingestürzt ihn finde, Schlich er zum Heck, und öffnete und schloß, So leise wie in einem Krankenzimmer, Die Tür, und schritt hinaus ins freie Feld. Dort wollt' er niederknien, doch seine Knie Versagten ihm, und vorwärts stürzend grub er Die Finger in das feuchte Erdreich ein Und betete. »Es ist schwer zu tragen! Was haben sie von dort mich weggeführt? Allmächt'ger Gott und Heiland, der du mich Auf meiner öden Insel aufrecht hieltest, Halt aufrecht mich in meiner Einsamkeit Ein Weilchen länger! Hilf mir, gib mir Kraft, Ihr's nicht zu sagen, daß sie's nie erfahre. Hilf mir, daß heilig mir ihr Friede sei. Doch meine Kinder! Darf ich auch mit ihnen Nicht reden? Keins von ihnen kennt mich ja. Nein dennoch, nein! denn ich verriete mich. Kein Vaterkuß dem Mädchen, das der Mutter So gleich ist, noch dem Knaben, meinem Sohn!« Und Sprache, Denken und Gefühl entwich, Als hielt' ein Zauberschlaf ihn festgebannt. Doch als er sich erhob und heimwärts ging Nach seiner öden Wohnung, tief hinab Die lange, schmale Straße, prägt' er es Dem müden Hirn im Fürbaßwandern ein, Als sei es der Refrain von einem Lied, »Ihr's nicht zu sagen, daß sie's nie erfahre.« Er war nicht ganz unglücklich. Sein Entschluß Und fester Glaube stärkt' ihn, und Gebet, Das aus lebend'ger Willenskraft entfloß Und durch die Bitternis der Welt emporquoll, Wie Quellen süßen Wassers in der See, Hielt ihn am Leben. »Diese Müllersfrau, Von der Ihr spracht,« so frug er Miriam – »fürchtet Sie niemals, daß ihr erster Mann noch lebt?« »Ach ja, die arme Seele, nur zu sehr!« Versetzte Miriam; »sicher wär' es ihr Ein Trost, wenn Ihr vielleicht ihr sagen könntet, Daß Ihr ihn tot gesehn.« Und Enoch dachte: »Erfahren soll sie's, wenn der Herr mich rief, Ich harre Seines Rufs;« und er begann, Da er Almosen nicht erbetteln wollte, Nach Arbeit sich am Hafen umzusehn. Zu jedem Handwerk fast war er geschickt. Er war ein Böttcher und ein Zimmermann, Flocht Fischern Netze, oder half den Schiffern Beim Laden und Entlöschen ihrer Bark, In der zum Strand sie Kaufmannswaren brachten. Und so verdient' er sich ein karges Brot. Doch da er hoffnungslos für sich allein Nur schaffte, gab die mühevolle Arbeit Ihm keine Lebenskraft; und als das Jahr Vollendet seinen Kreislauf seit dem Tag, An welchem Enoch heimgekehrt, befiel Ihn eine schleichende Krankheit, die allmählich Ihn schwächte und der Arbeit überhob, Ans Haus, den Stuhl, und dann ans Bett ihn fesselnd. Und Enoch trug sein Los mit heiterm Mut; Denn froher sieht der Schiffer, der gestrandet Auf ödem Riff, am Horizonte nicht Das Boot, das rettungbringende, erscheinen Durch Sturm und Brandungsschaum, als er den Tod Ihm winken sah, das Ende alles Leids. Denn eine Hoffnung dämmert' in ihm auf: »Wenn ich hinüber ging, mag sie erfahren, Daß ich bis an mein Ende sie geliebt.« Laut rief er Miriam Lane, und sagte: »Frau, Es drückt mich ein Geheimnis – aber schwört, Bevor ich's künde – schwört aufs heil'ge Buch, Es zu bewahren, bis der Tod mich rief.« »Tod!« rief die gute Alte, »töricht Reden! Ich sag' Euch, Mann, wir bringen Euch noch durch.« »Schwört,« herrschte Enoch streng, »aufs heil'ge Buch!« Und halb erschreckt schwor Miriam auf das Buch. Dann sprach er, und sein graues Auge ruhte Auf ihr: »Habt Enoch Arden Ihr gekannt?« »Gekannt?« versetzte sie; »ja, doch entfernt. Er kam die Straße manches Mal herab, Erhobnen Haupts und scherte sich um keinen.« Enoch versetzte trüb: »Nun ist sein Haupt Gebeugt, und keiner schiert sich mehr um ihn. Ich hab' wohl kaum drei Tage noch zu leben; Ich bin der Mann.« Bei diesen Worten schrie, Ungläubig halb, halb ängstlich, Miriam auf: »Ihr Arden! – nein, um mehr als einen Fuß War Arden größer.« Enoch sagte drauf: »Mein Gott hat also mich herabgebeugt; Die Einsamkeit, der Kummer brachen mich; Und dennoch bin ich der, der sie gefreit – Doch zweimal hat den Namen sie vertauscht –. Ich freite sie, die Philipp Ray gefreit. Hört zu!« Und dann erzählt' er seine Fahrt, Den Schiffbruch, sein vereinsamt Los, die Heimkehr, Wie er von fern auf Annie hingeschaut, Was er bei sich beschloß, und wie er's hielt. Und als die Frau vernommen seine Mär, Entstürzte reichlich ihrer Tränen Strom. Indes im Herzen ihr die Sehnsucht nagte, Umher zu rennen in dem kleinen Dorf Und Enoch Ardens Leiden auszuschrein; Doch ihres Schwures scheu gedenkend, sagte Sie nur: »Seht Eure Kinder vor dem Tod! Laßt mich sie holen, Arden«, und sprang auf, Sie herzubringen stracks, denn Enoch schien Unschlüssig einen Augenblick, dann sprach er: »Frau, stört mich nicht, so nahe meinem Tod, Laßt bis zuletzt mich meinen Vorsatz halten. Setzt Euch, und merket auf und hört mich an, So lang mir Kraft zum Sprechen bleibt. Ich bitt' Euch, Wenn Ihr sie seht, so sagt ihr, daß ich starb, Sie segnend, für sie betend und sie liebend Ja, von der Schranke abgesehn, die sich Gebildet zwischen uns, so treu sie liebend, Wie damals, als wir ruhten Haupt an Haupt. Und meiner Tochter Annie, die so ganz Der Mutter ähnlich ist, sagt ihr, daß ich Mit meinem letzten Hauch sie segnete. Bringt meinen Segen gleichfalls meinem Sohn; Und Philipp sagt, daß ich auch ihn gesegnet, Denn immer hat er's gut mit uns gemeint. Wenn meine Kinder, die mich lebend kaum Gekannt, mich gern als Toten sehen möchten, So laßt sie kommen, denn ich bin ihr Vater. Sie aber darf nicht kommen, daß sie nicht Mein Totenangesicht in Zukunft störe. Ach, einer nur von meinem Fleisch und Blut Wird mich umarmen dort in jener Welt; Dies Haar ist sein; sie schnitt es ab und gab mir's, Und all' die Jahre trug ich's auf der Brust, Und dacht' es mitzunehmen in das Grab; Doch anders denk' ich jetzt, ich werd' ihn sehn Als sel'gen Engel; darum, wenn ich heimging, Gebt's ihr zurück, es mag ein Trost ihr sein, Und als ein Zeichen wird's zugleich ihr gelten, Daß ich es bin.« Er schwieg; und Miriam Lane Versprach mit so geläufiger Zunge alles, Daß er noch einmal strengen Blicks sie ansah, Und alles wiederholte, und noch einmal Gelobte sie's. Die dritte Nacht darauf, Als Enoch bleich und reglos schlummerte Und Miriam, bei ihm wachend, eingenickt, Erscholl ein also laut Gebrüll vom Meer, Daß alle Häuser rings am Strand erbebten. Erwachend streckt' er seine Arme aus, Und rief mit lauter Stimm': »Ein Schiff! ein Schiff! Ich bin gerettet!« und mit diesem Wort Sank er aufs Bett zurück und sprach nicht mehr. So schied die starke, heldenmüt'ge Seele, Und selten sah ein stattlicher Begräbnis Das kleine Dorf, als da man ihn begrub.