Übersetzungen 117. Von der Sammlung des Herzens 1. Ich muß die Kreaturen fliehen Und suchen Herzensinnigkeit Soll ich den Geist zu Gotte ziehen, Auf daß er bleib' in Reinigkeit. 2. Ich muß die äußern Sinne zwingen, Soll ich empfahn das höchste Gut, Und stetig nach der Tugend ringen, Soll werden mir der Liebe Glut. 3. Ich muß die schnelle Zunge binden Und was sie krümmt', nun machen schlecht, Soll ich von Gott wahr'n Fried' befinden Und soll mir immer werden recht. (Aus dem Lateinischen I. Taulers) 118. Von dem Leben der Vereinigung 1. Wenn die Seel' versammelt stehet, Ganz entbunden, ganz allein In ihr'n Mittelpunkt eingehet, Von den Sündenflecken rein, Klar und heiter und im Frieden Und von allem abgeschieden, 2. Dann vergisset sie zu merken, Wie und wo der Leib mag sein, Und in dessen Stand und Werken Läßt der Geist sich dann nicht ein; Tür und Fenster sich verschließen, Daß nichts hindre dies Genießen. 3. Dies Gebot gilt allen Sinnen, Daß sie feiern in der Ruh, Daß sie sich versammeln drinnen: Augen, Ohren, schließt euch zu! Euer Sehen, euer Hören Würd' die stille Seele stören. 4. Der Einbildungskraft Geschäfte Muß allda ganz stille sein; Ja, der Seele edle Kräfte Sinken als in Ohnmacht ein. Das Geschaffne bleibt indessen Alles fern und wie vergessen. 5. Die Vernunft nicht diskurieret, Weil man hemmet ihren Lauf; Der Verstand die Ruhe spüret, Sein Verstehen höret auf, Daß die Liebe ganz alleine Wirken möge sanft und reine. 6. Gleichwie Mose dort geschahe, Bleibt sie auf dem Berg allein Ihrem Gott im Geiste nahe, Läßt das Volk dort unten sein; Das Gepöbel fremder Sachen Darf ihr da nicht Unruh machen. 7. Daselbst sie ganz abgeschieden Mit Gott handelt still und stumm, Voll Vergnügen, Freud' und Frieden; Dort im dunkeln Heiligtum Sie genießet ohn' Betrüben Ihres Schönen, ihres Lieben. 8. Er in ihr sich süß ergötzet, Sie in ihn wird transformiert, Er an seinen Tisch sie setzet, Sie wird göttlich da traktiert Mit so manchen Traktamenten Von des Liebsten milden Händen. 9. Sie bleibt als verschlungen stehen Im Bewundern solcher Gnad', Sie kann ihn in allem sehen, Was nur immer Wesen hat; Ja, für alles und in allen Dankt sie ihm mit Wohlgefallen. 10. Sie fühlt hier in ihrem Herzen Wegen Widerwärtigkeit, Wegen Unlust, Last und Schmerzen Keinen Schmerz zu solcher Zeit; Sie will nichts, als was sein Wille, Sie wirkt nur mit ihm ganz stille. 11. Auch kein'n Augenblick noch Stunde Überläßt der Höchste sie Ihres eignen Willens Grunde; Nein, der Bräut'gam will es nie, Daß sich die von ihm soll trennen, Die er liebt und Braut will nennen. 12. Der Braut Wollen ist 'was Reines, Weil's Gott selbst in ihr gewollt, Weil's mit seinem Wollen eines; Eh' sie davon weichen sollt' Einen Blick, sie gäb' sich lieber Tausend Töden willig über. Aus dem Spanischen der Johanna Rodrigues 119. Von dem Kindlein Jesus Zum neuen Jahr 1. Ich seh mein Kind, das jetzt schon leidet, Dein Leben ganz vor lauter Liebe wallt; Hast du dich gleich so schlecht verkleidet, So wirst du doch im Kriege sterben bald. Gar teu'r wirst du bezahlen müssen, Holdselig's Kind, die neue Kleidertracht; Mit deinem Blut mußt du es büßen Jetzt, da du kaum geboren in der Nacht. 2. Du lebest unter bittern Feinden, Sie sind bereit, zu kühlen ihren Mut; Nur weil sie dich zu treffen meinten, Vergießen sie so vieler Kinder Blut. Du, süßes Kindlein, suchst sie alle, Kommst darum nur, daß du sie lösen willt; Du warst nicht lang gebor'n im Stalle, Da du für uns vergießt dein Blut so mild. 3. Heut willst du wie ein Knecht dich zeigen Als dem Gesetz mit andern untertan; Doch darf sich der nicht drunter beugen, Der's selber ist und selber geben kann. Du liebes Kindlein auserkoren, Wie wird es sein, wann du wirst größer sein? Jetzt, da du kaum ein Kind geboren, Machst du uns schon dein zartes Blut gemein. 4. Mein Kind, du wirst ein Bruder heute Von dem Geschlecht, das so unhöflich tut; Wie schändlich handeln dich die Leute! Sie wollen dich verfolgen bis aufs Blut. Du liebes Kindlein auserkoren, Wie wird es gehn, wann du wirst größer sein? Jetzt, da du kaum ein Kind geboren, Machst du uns schon dein zartes Blut gemein. 5. Drum bist du mein Geliebter süße; Nimm mich denn an, daß ich durch Liebe mög' Abwischen deine Kinderfüße, Denn sie bedürfen wohl der Liebespfleg'. Du liebes Kindlein auserkoren, Wie wird es gehn, wann du wirst größer sein? Jetzt, da du kaum ein Kind geboren, Machst du uns schon dein zartes Blut gemein. Aus dem Spanischen der Anna Garçias 120. Warnung wider die Leichtsinnigkeit im Christentum Mel.: Wie schön leuchtet der Morgenstern ... 1. Das arm', verwirrte Christentum Dient Gott und weiß selbst nicht warum Als nur zum eignen Nutze; Zwar sucht's, doch find't's den Heiland nicht, Weil's ihn nur sucht, daß im Gericht Er sei sein Schirm und Schutze. Doch kam Das Lamm, Sündenschaden Aufzuladen Und im Wesen Durch Verleugnung zu genesen. 2. Verleugnen man als bitter scheut, Man träumt von einer Seligkeit, Durch Jesus dort erworben; Dich aber lieben, welches, Herr, In Lust und Kreuz der Himmel wär', Die Lehr' ist jetzt gestorben, Obschon Dein Sohn Dies mit Worten Allerorten Angepriesen Und im Vorbild klar gewiesen. 3. Daß unser Heil ist, eignen Will'n, Gemüts- und Sinnentriebe still'n Und Lustbegierden hassen, Daß sein-selbst-Heil in sein-selbst-Haß Und Gotteslieb' bestehet, das Kann nunmehr keiner fassen. Man wühlt, Man zielt, Trieb und Willen Zu erfüllen, Sucht alleine, Auch im Gottesdienst, das Seine. Nach Jodokus v. Lodenstein 121. Die Einsamkeit mit Gott Mel.: Sieh, hier bin ich, Ehrenkönig ... 1. Gott der Frommen, Darf ich kommen, Darf ich nahen ohne Scheu? – Lass' denn sinken Auf dein Winken Kreatur und Phantasei. Heilig einsam, Gott gemeinsam Wandeln stets, allein und frei! 2. All mein Stöhnen, Warten, Sehnen, Geht nach dir, mein Gott, allein; Denn die helle Segensquelle Quillt aus dir ins Herz nur ein. Selig einsam, Gott gemeinsam! Wär' ich recht mit dir gemein! 3. Sel'ge Wüste, Da das Süß'ste Und das Schönste all's verschwind't, Da zerrinnen Meine Sinnen, Ohrn und Augen müßig sind! Selig einsam, Gott gemeinsam, Da man nichts als Gottheit find't! 4. Welt, dein Achten Und Verachten Wird in dieser Wüste klein; Vom Ergötzen, Lust und Schätzen Scheid' ich willig ohne Pein. Selig einsam, Gott gemeinsam! Da gibt's Himmelbrot und Wein. 5. Wie beschwerlich, Wie gefährlich Wird man's bei der Welt gewahr, Die mit Worten Uns ermorden Und mit Gift ersticken gar! Selig einsam, Gott gemeinsam, Hätt' ich's hundert-hundert Jahr! 6. Was hier gleißet, Herrlich heißet, Fürstenfreundschaft auch, ist Wind; Was hier funkelt, Bald verdunkelt, Pracht und Staat im Hui verschwind't. Selig einsam, Gott gemeinsam, Da ich Himmelsfreundschaft find! 7. Nein, es kommen Nicht Unfrommen Auch nicht Fromme mit hinzu, Groß' noch Kleine, Einem Eine, Ich, dein Kind, und Jesu, Du. Selig einsam, Gott gemeinsam! Da ist Wohlsein, da ist Ruh. 8. Mit dir leb' ich, Mit dir schweb' ich, Süßer Freund, durch Lieb' und Leid; Mit dir sterb' ich, Mit dir erb' ich, Was bei dir für mich bereit. Selig einsam, Gott gemeinsam, Da mein Jesus mich begleit't! 9. Im Gerichte, Da mitnichte Angesehn wird groß noch klein, Wo die größten Freund' nicht trösten, Da bleibt Jesus Freund allein. Selig einsam, Gott gemeinsam Ich auch vor Gericht erschein'. Nach Jodokus v. Lodenstein 122. Der Wandel in Gottes Gegenwart Mel.: Sieh, hier bin ich, Ehrenkönig ... 1. Ich will einsam Und gemeinsam Mit dem ein'gen Gott umgehn Und die Sinnen Halten innen, Was nicht Gott ist, lassen stehn, Das Getümmel Und Gewimmel Außer mir nicht mehr ansehn. 2. O du süße, Stille Wüste, Da all das Geschöpfe schweigt, Da das Herze Ohne Schmerze Sich zum großen Schöpfer neigt Und der Wille In der Stille Sich ganz unter ihn hinbeugt. 3. Mir hier stinket, Was da blinket Nach der eiteln Herrlichkeit, Weil ich einsam Und gemeinsam Handle mit der Ewigkeit. Mit Gott leb' ich, An Gott kleb' ich In und außer aller Zeit. 4. Nach der Stille Ohn' Gewühle Hat mein Heiland selbst getracht't Und im Hause Und nicht drauße Dreißig Jahre zugebracht, Da er fleißig, Ja, das weiß ich, Hat vor seinem Gott gewacht. 5. Himmlisch Wesen, Laß genesen Mich in deiner Gegenwart Und hingegen Ganz ablegen Esaus weltgesinnte Art, Die das Brausen Liebet draußen Und sich nicht vorm Feind bewahrt! Nach Jodokus v. Lodenstein