Vergessene Sänge [Es ist das selige Bangen] Es ist das selige Bangen, Es ist das müde Umfangen, Der Schauer im dämmernden Wald, Der Winde schmeichelnd Umschlingen, Wann vom grauen Gezweige das Singen Der kleinen Stimmen erschallt. O dies zarte Zirpen und Girren, Dies junge Gezwitscher und Schwirren, Klingt hold wie Gräser im Wind, Als ob über blanken Kieseln Mit heimlichem Rauschen und Rieseln Das murmelnde Wasser verrinnt. Die Seele, die lebt im Zagen Der leise schlummernden Klagen, Ist es die unsere? sag! Die meine ja und die deine, Die so mit stillem Geweine Verhaucht im scheidenden Tag. [Ich fühle im Murmeln verborgen] Ich fühle im Murmeln verborgen Die zarten, vergangenen Stimmen; Im Scheine der Klänge verschwimmen Blasse Liebe und künftiger Morgen. Und mein Herz, meine Seele erzittern Wie im zweiten Gesichte zu leben, Und bang durch die Dämmerung schweben Die erstorbenen Klänge der Zithern. O den einsamen Tod nun zu sehen – Wie schnell, bange Lieb', sind entschwunden Dieses Lebens schwankende Stunden! Ach! In dieser Schaukel vergehen! [Es weint mein armes Herz] Es weint mein armes Herz, Wie auf die Stadt es regnet, Ach, welch ein banger Schmerz Durchdringt und quält mein Herz? Wie rauscht so sanft der Regen Auf Strasse und auf Dach. Mein müdes Herz zu hegen O, wie singt der Regen! Es weint ohn' allen Grund In meinem blut'gen Herzen. Ward durch Verrat es wund? Mein Leid ist ohne Grund. Das ist das schwerste Leiden, Zu wissen nicht warum. Da Hass und Lieb' mich meiden – Mein Herz muß so viel leiden. [Ins ros'ge Abendgraun wie leises Klagen] Ins ros'ge Abendgraun wie leises Klagen Tönt das Klavier, geküsst von schmaler Hand. Und wie mit schwachem, lindem Flügelschlagen Hält eine alte Weise mich gebannt, Die schmeichlerisch und zaghaft zu mir fand, Im Raum, des Duft von ihr noch schien zu sagen. Wie sanft die Wiege auf und nieder geht, Die mild einlullt mein Herz, das seufzt und leidet! Was willst du, Lied, das spielend mich umweht? Was meinst du, Klang, der schwindet und vergeht, Der nach dem Fenster hin verlöschend scheidet, Das nach dem kleinen Garten offen steht? [Der Bäume Schatten stirbt wie Rauch, wie blasser] Der Bäume Schatten stirbt wie Rauch, wie blasser, Im nebeltrüben Wasser, Wann aus den Lüften tief versteckt im Laube Süss klagt die Turteltaube. Wie sehr gleicht, blasser Wandrer, deinem Bilde Dies bleichende Gefilde. Wie weint in den Gezweigen schwermuttrunken Dein Hoffen, das versunken. [Im trauernden Lande] Im trauernden Lande, Verwischt, ohne Grenzen Sieht Schnee man erglänzen Gleich scheinendem Sande. Die Sterne versinken Im kupfernen Äther. Den Mond sah ich blinken, Nun stirbt und vergeht er. Die wogenden Eichen Im Nebel, im grauen, Wie Wolken zu schauen In nächtlichen Reichen. Die Sterne versinken Im kupfernen Äther. Den Mond sah ich blinken, Nun stirbt und vergeht er. Ihr Wölfe, ihr Krähen, Ihr hungernden Horden! Was bringt euch der Norden Mit eisigem Wehen? In trauerndem Lande, Verwischt, ohne Grenzen, Sieht Schnee man erglänzen Gleich scheinendem Sande. Belgische Landschaften Brüssel I Mattrosig und grün vermischen Die Hügel sich und die Rampen, Im blassen Dämmern der Lampen, Die alle Dinge verwischen. In des Himmels goldenes Träumen Scheint mählich Purpur zu dringen, Auf den wipfellos-kleinen Bäumen Hört schwach einen Vogel man singen. So leise fühl' ich den Schauer Des nahenden Herbstes verfliegen Und wie meine schlummernde Trauer Eintönig die Winde wiegen. II Ohne Ende seh' Weit ich die Allee In dem blassen Schein. Wie so heimlich, ach, Sollt' dies Blätterdach Unsrer Liebe sein. Herrn, die, wie es scheint, Vornehm sind und freund Den Royers-Collards, Hin zum Schlosse gehn, Gern würd' ich mich sehn In der greisen Schar. Weissen Schlosses Wand Trifft mit letztem Brand Spätes Sonnenlicht. Felder fort und fort ... O, was nistet dort Unsre Liebe nicht! Charleroi Kobolde gehen Durchs russ'ge Feld. Ein Weinen schwellt Der Winde Wehen. Welch seltsam Schwirrn? Die Halme pfeifen, Gebüsche streifen Des Wandrers Stirn. Weithin Spelunken, Kein wohnlich Haus. Ins Land hinaus Lohn rote Funken. Was spürst du da? Dumpf dröhnt die Brücke, Erstaunte Blicke: Die Stadt ist nah. Im Qualm verloren Welch dumpfer Klang? Welch Rasseln drang Zu meinen Ohren? Das Land haucht fahl Glühheissen Odem, Ein schweiss'ger Brodem, Gekreisch von Stahl. Kobolde gehen Durchs russ'ge Feld. Ein Weinen schwellt Der Winde Wehen. Mecheln Fernher sucht des Windes Flügel Mit den Wetterfahnen Streit, Auf des Schöffen Schloss, wo weit Schiefer glänzt und rote Ziegel Auf der Wiesen hell Gebreit. Eschen, wie im Märchen, ziehen Tausend Wellen rings durch das Weite Land, so zart und blass. Die Sahara der Prärien Prangt mit Klee und weissem Gras. Die Waggons ziehn leise ihre Bahn durchs Land, das friedlich ruht. Schlaft ihr Kühe, schlummert gut In der Ebne, sanfte Stiere, Mit des Blicks gedämpfter Glut. Lautlos sanft dahingetrieben Wird ein jeglicher Waggon Sacht ein plaudernder Salon, Wo die schöne Flur wir lieben, Wie geschmückt für Fénelon. Aquarelle Green Hier hast du Zweige, Blätter, Früchte, Blumenspenden Und hier mein Herz, es schlägt ja einzig dir allein. Zerreiss' es nicht mit deinen feinen, weissen Händen: Dir Schönen möge lieb die schlichte Gabe sein. Noch ganz bedeckt von klarem Tau will ich dich grüssen, Der meine Stirn erfrischt im kühlen Morgenwind. Lass den Ermatteten ausruhn zu deinen Füssen, Dass seine Müdigkeit in sel'gem Traum zerrinnt. Und lass mein Haupt an deinem jungen Busen liegen, Mein Haupt, das noch von deinen letzten Küssen bebt; Mag nach dem freien Sturm mein Herz in Ruh sich wiegen Und schlummern, da auch dich ein leiser Schlaf umwebt. Spleen Aus dem schwarzen Efeu grüsste Der Rosen leuchtendes Rot, Sobald du dich wendest, Süss'ste, Fasst mein Herz die alte Not. Mir waren die Lüfte, die zarten, Zu licht und die See zu grün. Furcht fasst mich und banges Erwarten, Du möchtest mich grausam fliehn. Mich lockt nicht der Blätter Glänzen Und des Buchsbaums schimmernde Zier, Nicht das weite Land ohne Grenzen, Und nichts mehr, nichts, ausser dir! Streets Tanzt mir den Reigen! Ich liebt' ihr holdes Augenpaar, Das heller als ein Stern mir war, Ich liebt' die Augen spöttisch-klar, Tanzt mir den Reigen! Sie plagte ihren Freund so lieb, Dass sie ihn zur Verzweiflung trieb Und immer doch entzückend blieb. Tanzt mir den Reigen! Doch ist das Süss'ste, was sie bot, Der Kuss von ihrer Lippen Rot, Jetzt, da sie meinem Herzen tot. Tanzt mir den Reigen! Noch denke sehnend ich zurück An ferne Zeit, an Wort und Blick, Und dieses ist mein höchstes Glück. Tanzt mir den Reigen! Paddington Sieh den Fluss die Stadt durchgleiten, Fremd und seltsam längs der breiten, Fünf Fuss hohen Wand von Stein. Wie dort durch die ruhevollen Gassen still die Fluten rollen, Dunkel, aber dennoch rein. In dem breiten Bett wälzt blasser Als ein Leichnam sich das Wasser, Trostlos, weil nur Nebelgrau'n Spiegelt in den trägen Fluten, Leuchten auch des Frührots Gluten Auf der Hütten Gelb und Braun. Child Wife Ach meine Einfalt, armes Kind, du sahst sie nicht, Du hast mich nicht gekannt, Mit flatterhaftem Sinn und zornigem Gesicht Dich fliehend abgewandt. Dein liebes Auge, das nur Süsse spiegeln darf, Mild wie ein blauer See, Ward, jammervolle arme Schwester, falsch und scharf Und tut zu sehn mir weh. Und wild bewegtest du die Arme zart und schwach Im bösen Streit, es schrie Die Stimme grell und laut, die einstens, ach Nichts war als Melodie. Du fürchtetest des Wetters Toben und mein Herz Und bist im Sturm verzagt, Du warst wie ein verlornes Lamm, das voller Schmerz Mit seiner Mutter klagt. Du sahest nicht der Ehre hellen Sonnenblick, Den starke Liebe bot, Freudig im bangen Leid, voll stillem Ernst im Glück Und jung bis in den Tod.