Lieder des Römischen Carnevals Erstes Lied Und warum nicht, heitere Muse, Lied und Lob dem Carnevale? Bienen konntest du besingen, Konntest schöne Frauen ehren, Selbst den Duft der Blumen preisen – Und warum nicht all die Schwärme Lust'ger, honigsüßer Feen, Rom in Kränzen und in Blumen? Nein, dem trunknen Taumel geb' ich Ungescheut mich hin, und singe, Singe meiner Lieder Weise; Wenn sie auch im Vaterlande Drob mich einen Thoren schelten, Dennoch sing' ich, denn sie kennen Solche Lust und solch ein Fest Nur im Land der ew'gen Freude. Doch, was wünsch' ich mir zum Liede? Der Bacchantin Glut, des Gottes Brennend allbegeisternd Feuer? Oder deine Götterschalkheit, Aristophanes, ein wenig Nur vom Geiste deiner Maske? Wünsch' ich, Grazien, eure Huld, Eure Schönheit, holde Veilchen? Und begreift ihr's nicht, und wolltet Ihr dem trunknen Sänger zürnen, O ihr sah't von Samnesertes Obeliskus bis zum Grunde Zu des Kapitoles Stufen, Sah't noch nicht die goldgestickten Bunten Purpurteppiche Von Balkon und Fenster wehen. Schweiget still, ich bin im Süden; Weiße Flocken stäuben nieder, Aber welch ein Schnee? o schweiget! Ja, es ist ein wilder Hagel, Doch von Zucker, und die Erde Deckt er weiß, von Frauenhänden Träuft und stürmt er süß herab, Und bedeutet Frühlingstage. Blumen fliegen auf und nieder; Ist es nicht, als strömten junge Neckisch kecke Liebesgötter Einen Regen hier von Rosen, Dort von Veilchen in die Straße; Nicht, als schleuderten sie lachend Im Triumph auf Tausende Zart verwundende Geschosse? Hat vielleicht die Abendsonne Schön're Farben, oder fänd' ich Bunter noch die Mädchenreihen, So unübersehbar schimmernd, Wie sie sind? Der Sel'gen Jubel In Elysium, er klänge Wohl harmonischer als dies Tausendstimmige Geschrille? Wo die Wirklichkeit zu finden, Das Gewöhnliche? Verzaubert Ist die Welt; der Mensch, er wandelt Wunderbar in seine Träume, Seine Wünsche, seine Sehnsucht, Seine Phantasie verkleidet, Wie er ist, er will sich nicht, Wie er möchte sein, nur zeigen. Nur ein flüchtiger Bewohner Dieser Welt, zum Scherz geboren, Zum Moment, will er sein Dasein, Gleich dem Schmetterling genießen, Und dem dumpfen Haus der Puppe In vollendeter Entfaltung Nun entnommen, flattert er Buhlend unter seinen Blumen. Jene mächtigen Paläste, Nur zur Lust des Augenblickes Scheinen sie gebaut, es gibt ja Kein Bedürfniß mehr, und Alles Dient dem Schwärmer nur zur Feier Seines Daseins, Noth und Sorgen Kannte ja die Puppe nur, Nicht der schmucke Sommervogel. Und des eignen Lebens denk' ich, Jenes schnell zerfloßnen Zaubers Meiner Kindheit, da die Erde, Da der Mensch mit seinen Räthseln Noch so farbenreich und magisch Dem befang'nen Sinn erschienen, Der Genuß der Gegenwart Mir das ganze Leben dünkte. Zweites Lied Siehe doch die Stadt der Gräber In bacchantischer Entzückung! Rom verjüngt sich, Kindertage Lebt es wieder, und ich folgte Nicht dem Strome dieser Freude, Die in allen Straßen wüthet, Würfe keinen Feuerbrand In die allgemeine Flamme? Einsam stehn die alten Tempel Um den Palatin, verlassen Von dem mächtigen Geschlechte, Das sie einst verehrt, verlassen Von der Mitwelt selbst; dem Corso Wälzt aus dem Vulkan der Freude Sich die wilde Strömung zu, Schwellend durch gedrängte Gassen. Drum hinweg mit Ernst und Trauer, Selbst den ehrbarsten Gedanken Nennt man heut' nur Grille; laßt mich Frisch ins taumelnde Gewimmel, Frisch ins brausende Gewoge; Wie man sonst der Narren lachte, Lacht man heut' mit vollem Recht Eines trockenen Verständ'gen! Fürchte nur, dich zu verlieren; Wie im Meer ein Regentropfen, So vergehst du hier, und keiner Fragt nach deinem Rang und Wissen, Aller Bande der Gewohnheit Ist der Mensch nun los, die Willkür Wird Gesetz, und lüstet dich's, Kannst du auf dem Kopfe gehen. Armuth gibt's nicht mehr und Reichthum. Eine Maske deckt sie beide, Und geduldig nimmst du jeden, Wie er scheint; Gesicht und Hülle, Wort und die Geberde tauschen Die Geschlechter selbst, das Alter Lächelt dich in Locken an, Und die Jugend geht an Krücken. Was die Welt im Ernst getrieben, Und was Geist und Hand beschäftigt, Nur zum Scheine, nur zum Scherze Trägt man Alles dir vor Augen, Hier der Gärtner seine Blumen, Der Gelehrte seine Bücher, Seine Medicin der Arzt, Und der Landmann seine Früchte. Aus der Erde fernsten Strecken Kommen bunte Völkertrachten, Mahomskinder, Mohrenprinzen, Aethiopische Gesichter, Und um ganz dich zu verwirren, Schickt das Reich der Fabel Gnomen; Widerstehe, wenn du kannst, Allerliebsten jungen Feen. Von den fliehenden Gestalten Glückt es keine dir zu fesseln; Diese möchtest du verfolgen, Jene lockt dich an. Vergebens! Wesenlose Schattenbilder, Schwinden sie hinweg, gehören Nur sich selber an, und du Bist allein zurückgeblieben. Und des eignen Lebens denk' ich, Jener Zeit, da ihre Bilder Mir die Welt, und seine Tiefen Das Gemüth, da mir die Menschheit Ihre Thaten aufgeschlossen, Da vom Reiche der Lebend'gen So viel herrliches sich stolz Im Gemüthe mir gesammelt. Da der Mensch und alle Dinge So phantastisch noch im Dufte Mir erschienen, da sie alle Noch sich glichen, da die Masken Mich getäuscht, da ich nach allen Mit vermeßnem Wahn gegriffen, Und von tausenden mir nichts Als mein eignes Selbst geblieben. Drittes Lied Aber was am schönsten wäre, Was am würdigsten, des Sängers Lied ein Gegenstand zu werden, Was es schmückte, wie ein Frühling Mit der wunderreichsten Blüte, Wär' es leicht nicht zu errathen? Roms gepries'ne schöne Frauen, Wer vernahm nicht oft von ihnen? Wen erfreut' ich nicht, mit Feuer Ihr begeisternd Lob beginnend? Wüßt' ich nur, wohin die Augen Und den Klang der Lieder richten, Ob empor zu buntbehang'ner Glänzender Balkone Wunder, Ob zu jener beiden Reih'n Miglienlangem Farbenglanze? Ob in rasselnden Carossen Frauenschönheit ich bewundre? Gar zu reizend däucht mir jene, Mit der Feder Schwanenwallung Einer Königin zu gleichen, Doch zu hoch dem armen Sänger, Der im Volksgewühle treibt, Scheint sie fast auf dem Balkone. Wend' ich meine Blicke lieber Albanesischen Gestalten Trunken zu! Beim Gott der Liebe, Schöner sind sie wohl als jene! Welche Tracht! Der Vorwelt Weiber Sind sie, oder gar der Fabel, Und an solchem Busen nur Konnt' ein groß Geschlecht entstehen. Blumen lächeln aus der Haare Rabendunkel, und des Schleiers Weiße Masse senkt sich üppig Auf ein Schulternpaar, wie Marmor, Und aus hochgeschwelltem Tuche Tritt ein Nacken, dessen Reize Nur des großen Donn'rers Arm Zu umschlingen würdig scheinet. Und ich staune, wie versteinert Bleib' ich stehn, der Rosse Schnauben Und der tönenden Carossen Und des wirbelnden Gewühles Wenig achtend. Sieh', es fliegen Blumensträuß' ihr zu, und alles Wildgedrängte Volk umher Trifft ein ew'ger Zuckerregen. Doch ich fühle mich ergriffen Und von sanfter Hand geschlagen. Welch ein Schalk du bist, o Amor! Eine Schaar der schönsten Kinder Schäkert um mich her; willkommen! Rufen ihre süßen Stimmen, Und beim Namen nennt man mich, Nicht beim Namen, einen Dichter! Kaum bin ich bei mir, so sind sie Lachend im Gewühl verschwunden, Wer sie sind, was weiß der Sänger? Halb geneckt und halb geschmeichelt Drängt er weiter, läßt sich drängen, Immer Lieblicherm begegnend, Wird er hundert Masken gram, Die das Lieblichste verbergen. Holde, junge Gärtnerinnen Reichen Veilchen aus den Körben, Und die breite Arlecchina Fliegt mit Schellenklang vorüber! Wie das weiße Hemdchen jene, Wie die Busenschärpe kleidet! Bleibe fern! Nimm dich in Acht, Ihre Scheeren sind gefährlich! Wie sie jauchzen, wie sie schrillen, Wie sie schäkern, wie sie rennen, Wie sie grüßen und verschwinden! Wärst du häßlich, o so fliehe, Alle sagen dir's, und Spiegel Halten sie dir vor die Augen, Bist du leidlich und gewandt, Nun so kannst du viel gewinnen. Rasch dein Glück versucht! Die Stunde Kehrt nicht wieder! Sinkt die Maske, Sieht vielleicht ein liebend Auge Hell dich an! Im Scherze bildet Ernstes sich, doch bleibe weise, Denn dem Scherz folgt oft die Trauer; Kränze, die man Bräuten flicht, Ruhen oft auf ihren Särgen. Und wer möchte mir's verübeln, Wenn ich meines Lebens denke, Jener Zeit, da mir im Herzen, Solch ein Liebessehnen glühte, Da in tiefbewegter Seele Mir die künftige Geliebte So unsäglich schön erstand, Als die Herrlichste des Festes! Da so viele mich umschwärmten, Rasch an mir vorüberflohen, Und die eine, die ich träumte, Mir so unerreichbar dünkte, Da ich ungeduldig suchte, Nicht bedenkend, daß die frohen Kränze, die man Bräuten flicht, Oft auf ihren Särgen ruhen. Viertes Lied Einen traurigen Gedanken, Siehe da, das Kind des Nordens! Doch wohlan, mit Pulcinella Lach' ich schon, und der Doctoren Weisheit hör' ich an, die Suada Eines Charlatans begeistert, Puterartig schreitet hier Auch der Graf in der Perrücke. Doch ich werde rasch umfangen, Und mit hohem Federnhute, Schwarzem Antlitz, buntem Röckchen, Arlecchina mir zur Seite! »Sei willkommen, Freund, willkommen, Reiche mir den Arm!« – Wer bist du? – »Wer ich bin? Ei nun, damit Man's nicht wisse, dient die Maske.« Doch verrathen sie der Stimme Volle Nachtigallentöne, Und der Locken schwarze Wallung, Und am purpurnen Barette Der Begleiterin erkenn' ich Deutlich sie; an beide Arme Hängen sie sich hüpfend an, Und ich muß geduldig folgen. Manches art'ge Wörtchen flüstert Arlecchina nun dem Sänger Leis' ins Ohr. Wir bleiben, sagt sie, Unzertrennlich jetzt beisammen! Laß uns durch den Corso wandeln, Bis der Pferdelauf vorüber, Dann wird uns, verstehst du wohl, Nunziata gleich verlassen! Und der Sänger nun am Arme Solcher lieblichen Geschöpfe Fühlt, wer könnt' es ihm verdenken, Saturnalisches Behagen! Hat er doch in all' der Menge Nun das Seinige gefunden! Doch er fürchtet im Gewühl Unterm Volk es zu verlieren. In der That, sie ist gar artig, Und wiewohl an seinem Arme, Reißt sie doch sich los und schüttelt Einen Mann, den er nicht kennet; Selbst Confetti soll er haben Und von Nunziata Blumen, Und der Sänger schauet zu, Denn wir sind im Carnevale. Doch im frohen Schellenklange Kehren sie zurück, und lustig Hört im ungestümen Tacte Man das Tamburin erschallen Aus dem nahen Seitengäßchen. Schnell dahin! Die Masken fliegen, Arlecchina will's, und ich Folge hübschen Kindern gerne. Und im enggeschloss'nen Kreise Hüpfen halb zerlumpte Paare Dort im wilden Saltarello! Doch das heiße Blut geduldet Hier sich nicht, sie ziehn mich weiter, Auf und ab, nach allen Seiten, Bald begrüßend, bald begrüßt, In dem lärmenden Getümmel. Und im letzten Scheine glühet In der Straße fernstem Grunde Schon das Capitol! Verschwunden Sind die rasselnden Carossen, Und das Töchterchen der Liebe Führt den Sänger leicht und tänzelnd Unterm fürstlichen Palast Zu bequemem, hohen Sitze. Und man scherzt und duldet Scherze, Sitzt aufs traulichste beisammen, Und begegnende Bekannte Wirft man wohl noch mit Confetti, Bis die Straße schon geräumt ist; Alles wartet, Alles schaut, Bis es braust, und nun im Flug Rosse kommen und verschwinden. Einen Gang noch, Arlecchina, Wenn's auch dämmert, wenn die Sonne Längst vom Capitol gewichen! Unersättlich im Genusse Lernt im Süden man zu werden; Drum geschwärmt, bis uns das Brüllen Des Paino scheucht, und dann Auf den Ball und spät zur Ruhe. Und zuweilen meines Lebens Denk' ich da, der Wonnetage, Da ich endlich sie gefunden, Die ich mir so lang' geträumet, In der Tracht des Ideales Mir die Liebende gefolget, Mir bestimmt, geboren schien, Für die Ewigkeit gegeben. Fünftes Lied Und als allerliebste Bäurin Naht sie mir des andern Tages, Gestern neckte Stab und Glocke, Heut' ein artig Blumenkörbchen, Und im weißen Seidenhemde Hüpft heran die wohl erkannte Lüsterne Begleiterin Mit dem wilden Tamburine. Voller drängt sich's heut als gestern, Und von tausend lust'gen Bächen Jetzt vergrößert, jauchzt und schäumet Nun der Strom des Bacchanals; Ja, der Gott ist im Gefolge Seiner taumelnden Mänaden Selbst gekommen, um dem Volk Ganz die Sinne zu berücken. Seht die schreienden Doctoren, Wie sie ihre Weisheit pred'gen, Einem hübschen Schelmenkinde Hier den zarten Puls befühlen, Mörderische Instrumente, Köstliche Arzneien zeigen, Wie der Apotheker sich Durch des Mörsers Schall verkündet. Hier wird ein Proceß geschlichtet, Dort ein anderer verwickelt; Mit der jungen Ehehälfte Zeigt sich der Papa im Schlafrock, Und der Schalk, der Pulcinella, Ueber seine Schulter guckt er Schon mit einem Horn und setzt Ihm aufs Haupt die Narrenkappe. Wandelnde Museen lassen Ihre Raritäten sehen, Seinen Bündel Maccaroni Speist aus dem geheimen Topfe Der Bajaccio, jener Kutscher Trägt die Windmühl' auf dem Hute; Und am Zopfe flattert dem Gar ein Dutzend Distelfinken. Im zerlumpten Bettlerrocke, Und gewalt'gem Lorbeerkranze Wandelt der Poet. Da ruft es: Platz gemacht! und mit der Brille, Der Perrücke Lockenturme Kommt der Graf einhergeschritten, Und die derbe Römerwurst Guckt ihm aus der Seitentasche. Zu des Dudelsackes Schnarren Singt hier der Campagnenbauer Wohlerfundne Ritornelle Jenen Damen an dem Fenster; Mit liebäugelndem Gesichte, Schmeichelnden Manieren wandelt Dort ein schönes Kind; doch nein, Ein vermummter hübscher Junge. Sieh doch nur den schlauen Narren, Auf der Kutschentreppe steht er, Jener Brittin einen Spiegel Vor die schlimme Larve haltend, Oder dort den Rechtsgelehrten, Wie er sich zum Advokaten Einem blondgelocktem Schalk In der Liebe Zwist empfiehlet. Auf bekränzten vollen Wägen, Unter schatt'ger Lorbeerlaube Zieht bei Becherklang der Winzer Frohe Schaar an uns vorüber; Und die Tamburine schallen Rauschend zu den Chorgesängen; Unter frischen Burschen sitzt Manches Kind mit vollem Busen. Heute gilt's, die Welt zu narren. Heute gilt's, genarrt zu werden! Alle Thorheit auf der Erde Hat sich schwesterlich versammelt; Der Verstand, er schwingt mit Jauchzen Heut' die Pulcinellenkappe, Und die Weisheit zeigt dem Volk Ohne Scheu die Eselsohren. Und des eignen Lebens denk' ich, Mancher schwergebüßten Irrung, Mancher Thorheit, die ich offen Im Triumph zur Schau getragen. Aber still davon, wir dürfen Heute keinen Narren schelten, Und an eines Mädchens Arm Gibt's ja keine weitern Scrupel. Sechstes Lied Unter Spiel und Scherz und Possen Ist die Nacht herangekommen, Doch im sanften Sternenscheine Läßt es sich nur besser schäkern, Und gespensterhafte Schalkheit Lacht und spukt durch alle Gassen. Erst wenn Phöbus sich entfernt, Wagt sich Momus aus dem Hause. Gib die Hand mir, Kind der Liebe, Sind wir endlich doch alleine! Laß uns schnell nach Hause wandeln, Nimm dir vom Gesicht die Maske; Denn der Nacht, warum nicht könntest, Wer du bist, ihr anvertrauen? Schnell die Maske weg, und dann Wieder auf die vollen Straßen! Folge mir, an allen Ecken Hörst du jetzt den Pulcinella Mit der Narrenglocke läuten, Manche Mandoline klimpert Unter dem erhellten Fenster! Gehn wir eilig! denn mich locket Jener schwarzen Osterie Alterthümliches Gewölbe. Willst du fröhlich sein, so trinke Abends deinen vollen Becher Süßen Frascatanerweines, Und ein Liebchen dir zur Seite Kränz' ihn dir mit seinen Rosen. Ohne Wein und ohne Liebchen Sieht man sich das tolle Volk Nur mit Neid des Lebens freuen. Lauschen wir dem wilden Dichter, Der im Kreis gedrängter Masken Hier mit Liedern aus dem Stegreif Seine Hörerschaft begeistert, Wie das lust'ge blonde Bübchen, Schon Hanswurst dort auf dem Tische, Dem besess'nen Sänger lauscht Und mit seinen Händen klatschet. Doch auch hier will sich die wilde Römerin nicht lang gedulden, Ob wir ins Theater eilen, Ob wir eine Oper hören, Ob uns das Ballet vergnüge, Oder ob uns der Taddei Seltne Kunst belustige, Oder gar Cassandro's Puppe? Doch zum Maskenballe leitet Mich der artige Schalk; ich folge! Keine Beatrice führt mich, Aber eine Bajadere! Nein, wer konnte sie verschmähen! Tausend Frauen sah ich heute Schon verschleiert, aber doch Keine einzige Bestale. Und des heitern Zauberhauses Hellgestirnter Lichterhimmel Oeffnet dem entzückten Auge Seine weite, schöne Wölbung, Und in magischer Beleuchtung Seh' ich unterm wilden Sturme Bacchischer Musik die Welt Eines holden Traumes wogen. Wie in nächtlichen Gesichten Uns die Phantasie zuweilen Tief in eines Berges Gründe Durch den Schacht der Erde führet, Und bei wundersamen Lichtern Uns phantastische Gestalten Und die allerschönsten Frau'n Um die trunknen Sinne gaukeln: Also dünk' ich mir zu träumen; Zwar es spukt die keckste Freude, Scherz und Witz in hundert Masken, Zwar es athmet allenthalben, Schön und glühend, sinnlich Leben, Mancher Nacken, mancher Busen Mahnt an höchste Erdenlust Uns berauschte, schwache Thoren. Doch zu viel der süßen Reize Schweben, schwellen uns entgegen, Und in heißer Wollust möchte Das gefang'ne Herz verschmachten. Solchem Leben zu begegnen, Müßt' allein in unsern Adern So viel Lebensfeuer glühn, Als die tausende durchwallet. Sieh bei raschgeschwungnem Tacte Wie vom Wahnsinn hingerissen Bunte Maskenpaare hüpfen! Das ist erst der Schritt der Freude, Hier und dort, und auf und nieder, Wie vom lauten Sturm getrieben, Der im Zauberhause braust Unter der Trompete Schmettern. Weiße freudentrunkne Mädchen, Arlecchine und Doctoren, Gärtnerinnen und Bajacci, Und der plumpe Pulcinella, Leichte Schäfer, farb'ge Türken, Schwarzvermummte, schlanke Feen, Alles in Mänadenwuth, Saturnalischem Vergnügen. Und des eignen Lebens denk' ich, Da voll frischer Kraft und Seele Meiner Jugend Feuerströme So gewaltig in mir rauschten, Da sie alle kühn und muthig In bacchantischer Bewegung Schäumend sich hinabgestürzt In den Ocean der Liebe. Siebentes Lied Nicht ermüden und ermatten, Auch wenn kaum ein Stündchen Schlummer Gegen Morgen dich erquicket! So die lustige Gefährtin, Heut' am letzten Freudentage Mir als trefflicher Paino, Fein in schwarzem Kleid und Hut Und im Busenstrich erscheinend. Heut' am allerletzten Tage Sollte man nicht ausgelassen, Gleich dem Faune, gleich dem Satyr, Eine tolle Nymph' im Arme, Jubelnd seinen Thyrsus schwingen? Und warum nicht? Rennt mit Hörnern, Pferdefuß, in schwarz und roth Lucifer nicht im Gedränge? Wie man von dem Liebchen scheidend, Noch in Einem langen Kusse Wonn' und Lust auf ewig trinken, Trost für immer saugen möchte, Wie dem Vaterland entwandernd, Wo man Kind war, wo man liebte, Man des Lebewohls Moment Gerne noch verlängern möchte: So das wilde Rom, man taumelt Unter Taumelnden; es regnet Heut' zum letzten Male Blumen Auf ein glücklich Volk, und Zucker. Goldne Tage des Saturnus Lebt man noch; es wäre Fabel, Und so viele tausend Frau'n Predigen die holde Wahrheit? Doch es neigt sich schon die Sonne, Schon erbraust es in der Menge, Meilenweit vom Obeliskus Bis zum Capitol – sie kommen – Nein! sie fliegen – kaum vernimmst du Ihren Hufschlag – Alles jubelt Barberi – du schaust und sieh, Längst sind alle schon verschwunden. Wie ersehnt steigt jetzt die Dämm'rung Von den mächtigen Palästen Nieder in die tiefe Straße. Noch ein Stündchen, Kind der Liebe, Doch das köstlichste der Erde! Nimm' dir einen Sitz, ein Lichtchen, Denn dem Weibe ziemt ein Licht, Und dem Manne ziemt's zu löschen. Und schon flammet nah' und ferne Von Balkonen und von Fenstern, Aus Carossen, von den Sitzen In unzählbar vielen Händen Durch den Nachtduft ein beweglich Muntres Heer von kleinen Feuern, Und ein neuer Zaubertag Hebt nun an, dem Fest zu leuchten. Welch ein übersinnlich Märchen, Wie man's oft von leichten Sylphen, Gnomen und von Salamandern, Nächtlich einem Kind erzählet! Welche Welt von schönen Mädchen, Welche Schaaren kecker Schalken, Wie das holde Farbenreich Aus dem Dunkel sich entfaltet. Wie die Lichter wehn und flattern, Und gewandte schnelle Springer Nach dem hast'gen Flämmchen haschen; Wie sie hüpfen, wie sie schlagen, Wie manch bunte Feengruppe Plötzlich in die Nacht versinket, Und ein Schelm, des Sieges froh, Im Gewimmel sich verlieret! Wie sie auf die Wagen klettern, Und von oben her geschwinde Wie der Wind ein Licht verlöschen; Wie sie schleichen, wie sie lauschen, Durchs Gedränge schalkhaft schlüpfen, Geistern oder Dieben ähnlich, Erst nur still, dann mit Geschrei Und mit Hohngelächter necken! Wie der Tod des Carnevales Mit einstimmigem Gebrülle Sinnbetäubend aus den Kehlen Eines Volkes sich verkündet, Unterm dumpfen Klaggesange Dieser Moccoli Erlöschen Aller Freuden Ende schon Und die Trauerzeit bedeutet. Noch erglüht und flammt und zittert In der farbigen Bewegung Im phantastischzarten Spiele Roms erneute Pracht, da löschen Sich allmählich alle Lichter, Und die Zauberwelt verschwindet, Die gestaltenlose Nacht Folget, wie der Tod dem Leben. Und des eignen Daseins denk' ich Mehr als je, da mir so frühe Das Verhängniß meiner Jugend, Meiner Liebe, meiner Hoffnung Süße Märchenwelt zerstörte, So viel Schönes und Geliebtes, So viel Flammen, so viel Lust In den Ernst der Nacht versunken. Achtes Lied Noch umflattern mich die frohen Saturnalischen Gestalten, Noch von jenem Rosenscheine Fühl' ich selig mich umwittert, Noch von kindisch muntrer Schalkheit Bald geschmeichelt, bald gefährdet, Noch vom Lebenssturm umrauscht, Der zum wilden Tanz begeistert. Doch die Täuschung nur der Sinne, Die Erinn'rung des Genusses Ist es nur! Von keinem Fenster Und Balkone weht ein Teppich, Keine Veilchensträuße fliegen Mehr zu schöngeschmückten Frauen, Und der kurzen Zier beraubt, Trauert Rom in seiner Stille. Trübte sich das Lied des Sängers, Bei der eigenen Enttäuschung, Bei den langen Trauertagen Mit gerechtem Schmerz verweilend? Klagt' es um der Liebe Freuden, Um die Freunde, die Gespielen, Um des Ruhmes goldnen Wahn, Unersetzliche Verluste? Könnt' es aller Lust entsagen, Und das Haupt, für Myrtenkränze Bacchuslaub und sanfte Rosen, Und vielleicht bestimmt für Lorbeer, Sollte Todtenasche decken? Nein, auch dies ist schon vorüber, Und ein neues Leben scheint Sich dem Sänger zu entfalten. Denn der Frühling naht in seiner Lieblichkeit, in süßer Wärme Wacht er auf, und frohe Vögel Singen in des Mandels Blüte; Schwindet ja im holden Süden Nie der Lenz, der schöne Jüngling, Ganz hinweg – er schlummert nur Kurze Zeit im Lorbeerschatten. Und es regte nicht dem Sänger Frühlingslust den frischen Busen? Wenn die Mandelbäume blühen, Keimte nichts in seinem Herzen? Wenn die milden Lüfte jubeln Vom Gesang der Vögel, griffe Nicht zur Leier seine Hand, Um ein heitres Lied zu singen? Nein! Wer könnte solcher Allmacht, Solcher Lockung widerstehen! Neues fühlt er in sich werden, Manche Hoffnung sich erfüllen, Eine Zukunft, leicht und selig, Sieht er fern herüberschweben, Sei's auch, daß er hier sie nicht, Im Elysium doch erreiche!