Die zweiundsiebzigste Fabel. Vom Kranken und dem Arzt. Es kam ein arzt zu einem kranken, Der tet von großer onmacht hanken: Der arzt an im kein fleiß nicht spart, Wiewol er immer krenker ward Und an der seuche gar verdarb, Biß er zuletst des todes starb. Da sprach der arzt zu der freundschaft: »Diser hat solch krankheit verschafft Durch freßen, saufen, unartig leben, Dazu er sich ganz het ergeben; Wo er den lüsten widerstrebt, So het er freilich lenger glebt.« Hiemit wird geben zu versten, Daß wir nicht wie die säu hin gen In sauferei und vollem fraß, Sondern solln halten rechte maß; In eßen, trinken und andern sachen Solln wirs keins weges übermachen. Es sagt der hoch gelertst Maro Schließlich von Venus und Bacho: »Den durst zu leschen dient der wein, Venus zu zeugen kindlin fein, Das menschlich gschlecht dadurch gemert: Schedlich ist, wenn man drüber fert.«