Sternenbraut Das bist du Wenn mit Dunkel und mit Schweigen Mutter Nacht dein Bett umhüllt, Lausche, wie mein Zaubergeigen Heimlich dir die Kammer füllt. Lausche, wie dich Wunderglocken Fromm zur heilgen Tiefe locken. In der Tiefe wohnt die Ruh, Und die Tiefe/ das bist du. Frieden ihm, so dir zur Seiten Atmend ruht; er ist dein Schild. Frieden allen Erdenbreiten, Jedem Gottesebenbild! Gib den Hütten dein Erbarmen Und dem Glück ein froh Umarmen. Ohne Güte keine Ruh. Jedes Antlitz/ das bist du. Engel, heitre Lichtgestalten, Steigen aus dem dunkeln Land Und in deine Hände falten Kosend sie die Kinderhand. Sieh doch, deine toten Lieben Sind dir alle treu geblieben; Mutterherz heißt ihre Ruh. Deine Kinder/ das bist du. Spürst du auch, wie auf dein Grüßen Harrt ein treuer Paladin? Aus der Ferne dir zu Füßen Kann ihn deine Sehnsucht ziehn. Gib dein Auge seinem Auge; Eins im andern sauge, sauge Heimatswonne, Heimatsruh. Du bist ich, und ich bin du. Horch, mein Lieb, die Zaubergeigen Singen Hochzeitsmelodein, Und der bunte Sternenreigen Stimmt und funkelt üppig drein. Welten schwärmen dort bei Welten, Wiegen sich in blauen Zelten, Summen uns in selge Ruh ... Ich bin Stern, und Stern bist du. Die beiden Waldfeuer Waldfeuer drüben an der Bergeshalde, Dein Wölkchen Rauch Schwebt einsam nicht; aus meinem Tannenwalde Steigt gleicher Hauch. Ob dort und hier zwei treue Herzen flammen, Getrennt durch Kluft und Strom/ Den Rauch, die beiden Säulen, schmilzt zusammen Ein Himmelsdom. Die Ferne hat ein Minnen uns beschieden, Das nicht genießt, Nur segnend grüßt/ und sanft zu Gottes Frieden Hinüberfließt. Und ob ich ewig dunkel bliebe Wie traurig diese Wälder düstern! Kein Sonnengold tief innen lacht; Das tun die felsengrauen Rüstern, Von Laubgeflechten überdacht. Auch ich so trüb. Der Liebe Gnade Darf strahlen nicht zu meinem Grund. Die Sorg umdüstert meine Pfade, Ich bin ein öder Dickichtschlund. Doch duld ich lächelnd, heilge Sonne, Daß sich dein Brautkuß mir verschließt/ Wenn draußen nur die goldne Wonne Um tausend Sonnenkindlein fließt. Laß lieben dich mit jener Liebe, Die nicht Genuß, nur Andacht will. Und ob ich ewig dunkel bliebe/ Von deinem Leuchten träum ich still. Tristans Heimkehr O Schwester fern im Sternenland! Ich grüße dich mit heißem Weinen; All meine Tiefen sind entbrannt, Mich deinem Lichte fromm zu einen. Du mahnest an den Vatergrund, Der uns einander eingeboren. Ein Sündenwahn zerriß den Bund/ Mein Garten Eden ging verloren. Geschieden aus der Ewigkeit, Trieb ich der Fremde nach vermessen. Fort spülte mich die Woge Zeit/ Und meine Schwester war vergessen. Doch eines Nachts am Felsenstrand, Als dumpf das Lied der Öde toste, Da ward ich heimlich süß gebannt, Weil mich ein Sternenauge koste. Du warst es, und ich sog den Seim Der alten Lieb aus diesem Auge. Nun fühl ich treu, wo ich daheim, Und daß ich noch zur Heimkehr tauge. Nun trag ich treu der Fremde Not Und sehne mich zur Strahlenferne/ Bis alle Fremdheit in mir tot ... O selig Grab im Schwestersterne! Bergsee Es träumt aus düsterm Felsenschacht Ein totenstiller See Zur grenzenlosen Sternenpracht/ O Seligkeit und Weh! Laßt taumeln mich, ihr Himmelshöhn, Versinken ganz in Schau! Mein Funkelstern, so bräutlich schön Wie eine Perle Tau! Und bleibst du, Engel, weltenfern, Streu deinen Silberschein/ Dein Seelengleichnis/ keuscher Stern, In meine Tiefen ein. In meine Tiefen lockt ein Grund/ O find ihn, Sternenbraut/ Wo Erd und Himmel Mund an Mund Zur ewgen Ruh sich traut. Lilien schnein Die Winterwolken tropften, Auf Gräbern lag der Schnee. Zween heiße Herzen klopften, Ihr Scheiden tat so weh. »Und wirst du mir genommen, Du bittersüßer Knabe, Einst sollst du wiederkommen, Daß ich dich ewig habe.« Der Knabe hub die Augen, Vielherbe zuckt sein Mund: »Du hoffest noch, wir taugen Zu einem Erdenbund? Mag sein, es wird gefreiet, Herzallerliebste mein, Wenn's weiße Lilien schneiet, Und regnet Hochzeitswein.« Er schied. Und nur im Traume Kam Trost für ihre Pein: Sie sah beim Gräberbaume Wein regnen, Lilien schnein. Und wie sie dann erwachte, So war es lauter Nichts. Da weinte sie und lachte Ob ihres Wahngesichts: »Laßt mich zum Gräbergarten, Zum kühlen Erdverließ, Das Wunder zu erwarten, So doch mein Schatz verhieß. Sprach er denn nicht: gefreiet Wird, Allerliebste mein, Wenn's weiße Lilien schneiet, Und regnet Hochzeitswein? Ein Dach soll mich bedecken, Wenn endlich Lilien schnein, Ein Hügel mich verstecken, Wenn's regnet Hochzeitswein.« Bald raunten dumpfe Glocken: »Willkommen unterm Dach, Tu Myrten um die Locken Und ruh im Brautgemach!« Nach Jahren kommt gegangen Der Knabe durch das Gras, Erblichen seine Wangen, Die Augen kummernaß. Da hat sein Fuß geholpert, Und übers Totenhaus Ist er dahingestolpert, Der Odem ging ihm aus. Nun horch, es lacht im Grabe: »Erfüllt soll also sein, Dein Spruch, getreuer Knabe: Wein regnet, Lilien schnein! Der Schnee sind deine Wangen, Dein Augentau ist Wein. Nun halten sich umfangen Auf ewig Mein und Dein.« Des Knappen Eifersucht Was spornest du den Rappen? Wohin die blinde Flucht? Es narrt dich tollen Knappen Ein Traum der Eifersucht./ »Als Geier möcht ich steigen, Mein Flug ging' hoch hinaus Und sollte dann sich neigen Zu meiner Gräfin Haus. Ich schlüge mit dem Flügel An ihre Kammertür, Bis aufgesprengt der Riegel, Und bleich sie träte für. Bei ihrem stolzen Nacken Wollt ich die Flechten fest Mit starkem Schnabel packen: Nun komm ins Geiernest! Ich wollt aus scharfen Augen Ihr spähen seelenwärts. Fänd ich den Grund nicht taugen, Zerhackt ich ihr das Herz. Und aber aus den Lüften Ich kreischend niederstieß' Und wollte mich zerklüften Am Wetterfahnenspieß.« Himmlische Minne Es kämmte die Gräfin ihr flutend Haar, Zur Minne täte sie taugen. Da wallte vorbei der junge Scholar Und hub die schmachtenden Augen. Scholar, halt lieber die Augen in Hut, Daß sie zu hoch nicht fliegen! Wer nicht geboren aus Adelsblut, Darf keine Gräfin kriegen./ »Und ist mein Schatz auch hoch und fern, Mein Minnen soll daran hangen, Wie ich liebe des Himmels höchsten Stern; Wer mag ihn zur Erde langen?«/ Scholar, von der Erde gehörst du fort, Hast schon des Himmels Weihen, Bist gar so rein wie die Engel dort, Die lieben, ohne zu freien. Du Keuscher bist höher geboren denn ich, Dein Adel reicht über die Fürsten. O heb mich hinan! Ich fühle mich Nach himmlischer Minne verdürsten. Verschlafenes Glück Und wie ich mich erhub vom Heu, Und wie mein Blick ging staunend um, Da schlug aufs Herze mir die Reu: O weh, du hast verschlafen Den ganzen Sonntag schier/ wie dumm! Und wie mein Blick ging staunend um, Stund dort mein Schatz und sah zurück/ An eines Fremden Arm, wie dumm/ Mein Seelenschatz vom Himmel/ Sein dürstend Auge leer von Glück! Verdürstend sah mein Schatz zurück: »Was schliefest, Närrchen, auch so lang! Verträumt ist unser Liebesglück, Im Sinken schon die Sonne ... Ade! Mir ist wie dir so bang.«/ Was schliefest, Närrchen, auch so lang! Und was nun weiter? Bleib im Traum! Beliebt vielleicht ein Schlendergang, Recht einsam, ohne Hoffen? Vielleicht zu Totenackers Saum? Ja, was nun weiter? Bleib im Traum! Die Welt geht ihren starren Gang, Und Zährenfluten lindern kaum, Wo mädchenschwach ein Schätzchen Mit seinem harten Schicksal rang. Die Welt geht ihren starren Gang. Wohin? Mein armer Kopf ist irr. Mag sein, mir wäre minder bang, So ich noch könnte beten. Ich hab's verlernt, vom Heuduft wirr. Wohin? Mein armer Kopf ist irr. Denk' wohl, ich bette mich aufs neu Zum süßen Duft ins Halmgewirr, Und von verblichnen Blumen Träum ich zu Tode mich im Heu. Ich und Du Wir hielten uns umschlungen; Nachtodem hauchte mild, Der Junimond durchblaute Gebüsch und Grasgefild. Ich staunte in die Landschaft; Die lag so fremd. Doch klang Geheim aus Sternenmeeren Ein heimatlicher Sang. Ich staunte in dein liebes, Mondbleiches Angesicht/ Auf deiner Augen Grunde Erglomm ein fremdes Licht. Und dich auch sah ich staunen; Die Lippen zuckten stumm. So weh war unsre Liebe/ Wir ahnten wohl, warum. So weh/ ob Mund an Munde Auch süßen Taumel trank; So weh/ ob Aug in Auge Auch liebetief versank. Wir fühlten, Herz an Herzen, Wie ewig dich und mich Ein banger Abgrund scheidet/ Wir sind ja du und ich! Wir schluchzten auf/ vor Heimweh! Die Heimat liegt so weit, Dort hinter Sternenmeeren, Weit, in der Ewigkeit. Dort in der Heimat findet Dies bange Schmachten Ruh: Es fließen ineinander/ O selig/ ich und du. Traum von heimlicher Hochzeit So heimlich süß war unsre Hochzeitsfeier: Wir lagen dicht Beisammen, überwallt von einem Schleier; Man sah uns nicht. Wir hörten, wie die Leute nach uns fragten Im gleichen Raum. Wir unterm Flore blieben reglos, wagten Zu atmen kaum. Nur unsre Hände durften sacht sich drücken, Wie küssend fand Sich Hauch zu Hauch, mein Knie war mit Entzücken An deins gebannt. Mein glühend Auge, das im Dunkeln schaute, Versank in deins; Ich war in dir, du warst in mir, uns traute Die heilige Eins. Wohlan, was Edens Glut zusammenglühte, Trennt keine Welt. Hinweg denn, Angst, da uns die Hand der Güte Geborgen hält. Wir ruhn verhüllt; zum Baldachin, zum Himmel Ward unser Flor. Uns singt von Flügelköpfchen ein Gewimmel Den Minnechor. Der frühe Tag Tag mit deinen kalten Blicken, Wie so frühe bist du da! Meinen Traum hast du vertrieben, Ach den lieben Traum, darin ich Liebchen sah. Grämlich bleich wie eine Greisin Blickt in mein Gemach die Welt. Weib, du wirst mit öden Händen Nimmer spenden, Was der Traum mir lieb gesellt. Schließe, Tag, dein kaltes Auge, Schleich ein Weilchen noch zurück! Träume, laßt mein Lieb, mein Leben Mich umschweben! Hab ich doch kein ander Glück. Ruheschrein Ein Bettlein ward mir zugedacht, Wie's keine Mutter sanfter macht. Ich bette mich in seine Ruh, Wann ich den letzten Seufzer tu. Und träume lächelnd: O was hab Ich für ein wundersüßes Grab! Von deiner Liebe eingewiegt Und wie in Gottes Schoß geschmiegt! Nun drücke noch/ als weißen Stein/ Die Hand auf diesen Ruheschrein/ Die Hand aufs Herz dir selber, du! Drin ich so treu geborgen ruh. Ohne Dank Selige Sonne! Du darfst spenden Blumenkindern warmes Licht; Und die Blumen alle wenden Fromm empor ihr Angesicht. Aber ich bin matt und krank, Weil ich liebte ohne Dank; Meine Seele glutenvoll Weiß nicht, wem sie glühen soll. Wie die Schwäne südwärts ziehen, Wann der Winter stürmt zu Feld, Will ich kälteschaudernd fliehen Stumpfer Menschen öde Welt. Auf den Matten blüht mein Trost, Wo die Sonne Blumen kos't, Die ihr dankbar Angesicht Wenden auf zum lieben Licht. Reue Durch silberne Halme Eisiger Scheiben Dämmert zu mir Ins Dunkel der Mond./ Ich bin ein See, Erstarrt zu Eise, Darin sich spiegelt Der traurige Mond; Dürres Schilf Zittert und flüstert ... Ich höre dich weinen Und schluchzen/ wie einst. Einst füllt' ich achtlos Dir Tage mit Leide, Bis daß du weintest Aus schluchzender Brust. Wohl hab ich flehend Geküßt die Tränen, Doch war's geschehen, Daß du geweint. Jetzt ist dein Auge Längst getrocknet ... Doch weinst du ewig In meiner Seele. Und ich muß weinen All deine Tränen, Geliebtes Antlitz/ Und noch viel mehr. Alles um Liebe Vorbei! Die Stunden wandern; Ins Schattenreich entschwebt Der eine Tag zum andern ... O Herz, heißt das gelebt? Noch blüht ihr, letzte Rosen, Vom Abendstrahl umloht; Mit kalter Hand zu kosen, Kommt diese Nacht der Tod. Der Garten wird verschneien .. Dann fragt ein Seufzen schwer: Warum nur blieb im Maien Dies Herz von Liebe leer? Mein Leben geb ich gerne Um Kuß und zärtlich Wort. Und bleibt die Liebe ferne, Ich werf es achtlos fort. Mag Stund auf Stunde rinnen; Was kümmert mich die Zeit! Ein Augenblick voll Minnen Wiegt eine Ewigkeit. Gedenke mein! Gedenke mein, wenn Morgenrot die Tore Zum Throngemach der Sonne leis erschließt; Gedenke mein, wenn dir im Sternenflore Die feierstille Nacht vorüberfließt; Wenn bei der Freude Ruf die Pulse rascher fliegen, Wenn Abendschatten dich in sanfte Träume wiegen. O geh hinaus, zu lauschen, Was Wälder heimlich rauschen: Gedenke mein! Gedenke mein, wenn das Gebot der Sterne Aus diesem Arm dich unerbittlich wand; Wenn mich das Heimweh in der kalten Ferne Nach dir verzehrt, du einzig Heimatland. Denk an mein Lebewohl, an unsre Zährenfluten; Nicht Meere zwischen uns ersticken treue Gluten, Und meines Herzens Schlagen Soll zuckend noch dir sagen: Gedenke mein! Gedenke mein, wenn in der Erdenkühle Ich träumend ruh, und eine Blume sprießt Einsam und zärtlich aus dem Rasenpfühle; Du ahnest, was die Knospe keusch umschließt. Dein Auge sieht mich nicht, doch soll geheimes Leben, Ein treuer Schwestergeist, dem Blumenkelch entschweben Und horch, in Nacht und Schweigen Zu dir sich seufzend neigen: Gedenke mein! Die Tote mahnt Wenn die unsichtbare Hand Dich aus meinen Armen wand, Fragt dein Grübeln wohl beklommen, Wie ins Öde du gekommen ... Weißt du, Liebster? Weißt du wohl? Wenn ums Schloß der Nachtwind rauscht, Seufzend deine Sehnsucht lauscht/ Horch, ein Riegel geht verstohlen, Und es schleicht auf scheuen Sohlen ... Weißt du, Liebster? Weißt du wohl? Wenn die Traufe wimmernd tropft, Und das Herz zum Springen klopft, Wenn vom Schluchzen hingerissen Sich dein Antlitz birgt im Kissen/ Weißt du, Liebster? Weißt du wohl? Wenn im Regensturm der See Wogend raunt, wie alles Weh Wiegeselig dir entschliefe In der todeskühlen Tiefe ... Weißt du, Liebster? Weißt du wohl? Wenn dann blüht aus Wolkendunkel Trostgesang und Sterngefunkel/ Weißt du, was so zärtlich zittert Und wie Odem dich umwittert? Weißt du, Liebster? Weißt du wohl? Sie starb an Liebe Tief im Zypressenhaine Fand ich ein Totenhaus. Auf eingesunknem Steine Lag dürr ein Rosenstrauß. Es raunten scheu die Zweige: »Hier schlummert eine Maid. Sie starb an Liebe. Neige Dich vor dem heilgen Leid!« Da weint ich vor Erbarmen: Gibt es kein Avalun, Wo in geliebten Armen Auf Rosen Bräute ruhn? O Herz, das im Geloder Der Liebe fromm verglüht/ Dein Avalun ist Moder, Wo keine Rose blüht. Ihr Tränen, seid dem Staube Der wüsten Gruft ein Born/ Vielleicht daß eine Laube Sich wölbt von Rosendorn ... Naturseelen Der verlorene Bruder Wie ein gezäumtes Wildroß Mit weiten Nüstern lauscht, Wenn frei durch Grases Wogen Der Brüder Herde rauscht: So horcht mein Haupt und taucht Vom Fenster in die Nacht, Wenn draußen freier Lüfte Stürmender Drang erwacht. Da neigen sich und flüstern Willkommen Baum und Strauch, Die heiße Stirn umschmeichelt Des Regens kühler Hauch. Und aus des Laubes Rauschen, Aus Sturmes wogendem Laut Tönt rührend eine Stimme, Geschwisterlich vertraut. Da ist mir, als erwach ich Aus langem schweren Traum/ Ich bin ja euer Bruder, Sturm, Regen, Fels und Baum! Weh, daß ich mich verirrte Von euch in fremdes Land, Wo mich ein Fluch in banges Gemäuer hält gebannt! Nun steh ich hier und breite Die Arme schmachtend aus, Und lausch', in Weh verloren, Dem lockenden Gebraus. O könnt ich zaubern lernen/ Ich spräch ein kräftig Wort, Entrollte stolz den Mantel Und flög im Sturme fort. Pflanzenkind Die Winterwolke flieht verdrossen Den Himmel schmückt ein sanftes Blau. Da lächeln goldig übergossen Gehügel, Garten, See und Au. An die entzückte Erde schmiegt Liebkosend sich die junge Sonne; Die zarten Glieder dehnt und biegt Das Pflanzenkind in stiller Wonne. Es schaut empor, sein Lächeln schmeichelt Erquickend wie ein klarer Quell; Und wie von Kinderhand gestreichelt Wird mir die düstre Stirne hell. Wurzelgenossen Tief in der Öde Träumt eine Klause, Umwogt von ewigem Föhrengebrause. Des Waldes Bäume Sind treue Seelen, Die kein Geheimnis Dem Klausner hehlen. Er lauscht versunken In frommes Staunen, Wenn Wunderstimmen Aus Wipfeln raunen: »O Klausner, wir alle Sind Wurzelgenossen, Dem einen heiligen Busen entsprossen. O Bruder Klausner, Finde dich heim, Wo uns alle vereint Der selige Reim! Ja reimt euch Seelen/ Bis jauchzend schallt, Eine Riesenorgel, Der Weltenwald!« Der Klausner lauscht/ Und lallt die Weise Zur Geige nach, Inbrünstig leise ... O süße Öde! Träumende Klause, Umwogt von ewigem Föhrengebrause! Wandergänse in der Märznacht Wie stumm der Föhrenforst! Aus Wolkenflor Lugt scheu der Vollmond. Schwarze Klumpen kauern In Moos und nebelgrauem Erlenmoor: Wacholderbüsche. Wie versteinert lauern Und brüten sie zum trüben Licht empor. Ihr Düstern! Seid ihr noch von Winterschauern Verstört und lahm? Hat Scheintot euch erstarrt, Daß ihr nun bang des Auferweckers harrt? Horch! Weint hier jemand? Wimmern ferne Eulen? Wo bin ich? Schwarze Stämme. Sind es Säulen? Sie wölben sich zum schauervollen Saal; Und an der Decke schwelt die Ampel fahl. Ach wohl, ich spür's, ich bin in einer Gruft! Es haucht mich an mit kaltem Moderduft Und ängstigt mir die Brust wie Todesqual: Der Seufzer stockt ... Da horch! Aus hoher Luft Verworrner Ruf, geheimnisvoll Geraune. Ist Rettung nah? Und wie ich aufwärts staune, Da sieh/ am dämmerhaften Himmelsbogen Kommt schattenhaft Gewimmel hergezogen, Zum Keil gereiht/ Wildgänse, Wanderheere/ Ein Schlachtgeschwader, vorgestreckt die Speere. Das stürmt so ungestüm, das ringt so hart, Das rudert und das keucht, das gellt und schnarrt. Nun saust ihr Fittich über mir und surrt ... Vorbei! Und noch ein Keil, und noch ein Keil! Wie Wogen rauscht es. Lauter Wikinghorden! Sieg, Helden! Sieg! Der kühnen Sehnsucht Heil! Der starken Unrast Heil, die heim gen Norden Euch treibt, zum trauten Nest an Felsenborden/ Wo nun das Moos erblüht, und schollenfrei Im Sonnengold die Welle tanzt mit Rauschen ... O Frühling, Heil! Fahrt wohl! Vorbei/ vorbei! Wie Traumgestammel noch ein wirrer Schrei/ Verschlungen von der Öde ... Starres Lauschen ... Seelenlos Sie sagen, du hast keine Seele, Arm bleiche Birkenmaid. Du kauerst starr und stumm Auf düster struppiger Heid. Du kauerst in der Öde, Ein ausgestoßen Kind. Dein Haargezweige zaust Der rauhe Märzenwind. Sein mürrisch Brausen wogt Durch Heidekraut und Ginster. Ins weite Nebelgrau Pilgern Wolken finster. Eine Krähe treibt im Sturm Taumelig vorbei; Heiser und erstickt Ihr grimmer Klageschrei ... Kein Bettelkind, o Birke, Ist also arm und bloß; Es hat eine Seele, zu weinen/ Dich heißen sie seelenlos. Und doch, in tiefer Öde Spürst du die hohe Trauer Als Seelenfrösteln süß, Wollüstig kühlen Schauer. Du kauerst starr und stumm Auf düster struppiger Heid. Sie sagen, du hast keine Seele, Arm bleiche Birkenmaid. Blutbrüderschaft Hier bei der Eichengruppe war's. Der greisen Bäume knorrige Reckenglieder Umsproß das bronzegelbe Frühlingslaub Wie Kinderlocken zart. Die schwarze Drossel schlüpfte durch die Äste, Dem Liebchen flötend und ihr Nestlein planend. Ein holdes Wunder, sprang aus violettem Schlehdorn der mandelduftige Blütenschnee, Und weich wie Mädchenkosen schmiegte sich Der Rasen, mit Ranunkelgold verbrämt, Um Torfmoor, dürres Schilf und Sumpfgelände. Dort, wo noch jüngst der Öde Schauer hausten, Erscholl der Fröschlein breites Lenzbehagen. Und sieh, gespreizten Fittichs, nahte lüstern Der erste Storch. Vom Horizonte hob sich ein Gebirg Aus Wetterdunst, im veilchendunkeln Schoß Ein Tropfenmeer bereitend. Und wie ein Jauchzen brach die Abendsonne Hervor, purpuren das Gewölk benetzend, Und schaute einmal noch mit Feuerblick Tief ihren Frühling an ... Da war's, da rührte mich der selige Tod: Aus diesen Adern blutete die Seele, Und rann erschauernd Durch Eiche, Wolke, Wiese, Sumpf und Sonne. Aus diesen Adern blutete die Seele, Blutbrüderschaft zu schließen mit dem All ... Und alles war nun mein/ und ich war sein/ Heimlich gehegt, ein süßer Herzensschatz. Einsamer Baum Zersplissen ist mein Haupt Vom schwarzen Wolkenwetter; Herbstwind und Regen raubt Die letzten toten Blätter. So rag ich ganz allein Aus ödem Heidekraut Und träume von dem Hain, Der weit verloren blaut. Es packt mit grimmer Wucht Mich wohl ein nächtlich Brausen; Ich raffe dann mit Grausen Zusammen mich zur Flucht/ Doch halten zähe Schollen Mich an den Wurzeln fest./ Da steh ich nun mit Grollen Und schüttle mein Geäst. Es will Abend werden Säulengleich an des Hügels Saum Träumt ein düstrer Wacholderbaum. Drunten umflort sich die Kiefernheide Schon mit blauendem Dämmerkleide. Droben der Himmel leuchtet noch matt, Grünlichgrau wie ein See und glatt. Keusch wie Wasserrosenschnee Blüht ein Stern im Himmelssee. Sturmgewölke kommen geflogen, Finster hüllend den Himmelsbogen .. Säulengleich in Sturm und Dunkel Träumt der Wacholder vom Sterngefunkel. Stimme der Mutter Lag ich als Kind Schlaflos ängstlich, Sang die Mutter Mit sanfter Stimme, Bis der Schlummer Träumende Augen Leise mir schloß. Längst verklangen Die Wiegenlieder; Wuchs der Mutter Über den Kopf ... Wer singt heut mir Tröstliche Lieder? Das bist du, Hehre Stimme Im Gebrause Des Frühlingssturmes Und im Flüstern Fallenden Regens. Lauschen will ich und liegen Wie ein Wiegekind/ Singe, treue Mutter, Schläfre dein banges Kind! Die hohe Föhre Der drängenden Horde zwergiger Föhren Vergißt die Gewaltige anzugehören. Sie hebt das Haupt zur stürmenden Wolke/ Verloren über dem Nadelvolke, Das nimmer den heiligen Sturm erlauscht, Der einsam erhabene Stirnen umrauscht. Sie aber sinnt/ und nickt/ und schaut Ins Weite, wo dämmrig der Forst verblaut. Zerrissenen Wolkengebirgen entrollt Der sinkenden Sonne rotes Gold. Das Föhrenhaupt erglüht verzückt/ Ins lodernde Feuermeer entrückt. Föhren glühen Im frostigen Herbstgebrause, Von Nebelregen umgraut, Düster träumte die Föhre/ Wie eine verlassene Braut. Auf einmal spaltet die Sonne Blaugraue Wolkenfetzen, Mit goldiger Abendflamme Das Föhrenhaupt zu netzen. Da rinnt durch starre Adern Ein Hauch von Jugendglut; Zum Antlitz wallt es zärtlich, Stürmisch schmachtendes Blut. Der Stamm und alle Zweige Erglühen purpurrot, Als weihe träumend sich die Braut Dem Liebesflammentod. Nun lischt der hehre Feuerball, In Wolkenklüfte versunken ... Die Föhre starrt dem Liebsten nach Verzückt und flammentrunken. Es war nur ein flüchtig Umfangen, Ein Flackern; doch war's einmal Und lohnt die Seufzer alle In grauer Lebensqual. So komm denn, Nacht und Öde, Umhülle den Föhrenbaum/ Er trägt an seligem Herzen Gestillter Liebe Traum. Die Silberpappel Pappel, in deren Schattenrevier Still geborgen ich ländlich wohne, Breitgewipfelte Silberkrone, Endlich wieder daheim bei dir! Segne die schmachtende Stirne mir, Die in schwatzender Menge Gewühl Staubig ward und taumlig schwül/ Segne sie mit dem Kusse des Friedens! Holde Rast, wo gastlich die frischen Blätterschatten auf Gräsern sich kräuseln/ Wo in wogendes Wipfelsäuseln Hurtige Schwalben ihr jauchzendes Zischen, Ähren ihr sanftes Gelispel mischen/ Während die Sonne hinunterrollt Und verklärend mit Purpurgold Zärtlich die Wolke von Laub umkost ... Heimische Pappel, Freundin, mein Trost! Wenn in stummer heißer Nacht, Ganz verloren in Gram und Grimme, Meine Seele weint und wacht: Hebt erlösend vor dem Fenster Sich der treuen Pappel Stimme Und verscheucht die Gramgespenster. O du heimlich süßes Lauschen, Ruhevolles Wipfelrauschen! Dies Gewoge und Gewühle, Aufgeregt vom hauchenden Wetter! Dies Geplätscher derber Blätter/ Gleich dem Waldbach an der Mühle ... O du Labetrunk voll Kühle! Wenn aus Wolken Blitze lohen, Reckt sich die Pappel ob Garten und Haus Schirmend empor und spät hinaus Weithin über die nebelgrauen Wellenschlagenden Roggenauen, Wo die flammende Wolke regnet/ Wie ein Patriarch Seine schlafenden Völker segnet. Im Sommerwinde Es wogt die laue Sommerluft. Wacholderbüsche, Brombeerranken Und Adlerfarren nicken, wanken. Die struppigen Kiefernhäupter schwanken; Rehbraune Äste knarren. Von ihren zarten, schlanken, Lichtgrünen Schossen stäubt Der harzige Duft, Und die weiche Luft Wallt hin wie betäubt. Auf einmal tut sich lächelnd auf Die freie sonnige Welt: Weithin blendendes Himmelblau; Weithin heitre Wolken zu Hauf; Weithin wogendes Ährenfeld Und grüne grüne Auen ... Hier an Kiefernwaldes Saum Will ich weilen, will ich schauen/ Unter zartem Akazienbaum, Der vom muntern Wind gerüttelt Süße Blütentrauben schüttelt. O Roggenhalme hin und her gebogen! Wie sanft sie flüstern, wie sie endlos wogen Zu blau verschwommenen Fernen! Schon neigen sich und kernen Viel Häupter silbergrün. Andre blühn, Duftend wie frisches Brot. Dazwischen glühn Mohnblumen flammenrot Bei dunkelblauen Cyanen ... Und droben wallen Durch lichtes Blau Wolkenballen, Gebirgen gleich, Halb golden und halb grau. Frau Sonne spreitet Den Strahlenfächer von Silberseide Zur Erde nieder; Dann taucht sie wieder Aus schneeigem Wolkenkleide Blendende Glieder Und blitzt und sprüht Verklärend Goldgefunkel Auf Auen, wo lachend blüht Vergißmeinnicht und gelbe Ranunkel Und Sauerampfer ziegelrot ... O du sausender brausender Wogewind! Wie Freiheitsjubel, wie Orgelchor Umrauschest du mein durstig Ohr; Du kühlst mein Haupt, umspülst die Gewandung, Wie den Küstenfelsen die schäumende Brandung/ O du sausender brausender Wogewind! Nun ebbest du, so weich, so lind/ Ein Säuseln, Lispeln, Fächeln. Bestrickte dich ein Sonnenlächeln? Auch dein Gesäusel stirbt; Dann/ lauschige Stille. Nur noch die Grille Dengelt und zirpt Im Erlengebüsch, wo das Wässerlein träumt, Von Lilien gelb umsäumt. Ins Blaue weltverloren girrt Inbrünstig die Lerche/ schwirrt Taumlig vor Wonne Zu Wolken und Sonne Und girrt und girrt. Da wird mir leicht, so federleicht; Die dumpfig alte Beklemmung weicht. All meine Unrast, alle wirren Gedanken sind im Lerchengirren, Im süßen Jubelmeer ertrunken. Versunken Die Stadt mit Staub und wüstem Schwindel; Versunken Das Menschengesindel; Begraben der Unrat, tief versenkt Hinter blauendem Hügel, Dort wo hurtige Flügel Die emsige Mühle schwenkt ... Friede, Friede Im Lerchenliede, In Windeswogen, In Ährenwogen! Unendliche Ruhe Am umfassenden Himmelsbogen! Weißt du, sinnende Seele, Was selig macht? Unendliche Ruhe! Nun bist du aufgewacht Zu heitrer Weisheit. Gestern durchwühlte dein Herz ein Wurm, Und heute lacht Das freie Herz in den Sommersturm ... Friede, Friede Im Lerchenliede, In Windeswogen, In Ährenwogen! Unendliche Ruhe Am umfassenden Himmelsbogen! Sonnenwende Nun hat die Sonne glühend schwül Des Himmels steilste Höh erklommen. Johanniskraft, ein grau Gewühl Von Wetterdunst, kommt hergeschwommen. Schon dunkel grünt der Strauch und satt; Vergilbt die Rasenspitzen hangen. Noch einmal ruft der Kuckuck matt, Dann ist ihm alle Lust vergangen ... O weh, der junge Frühling ist gestorben. Blaugrüne Motten ruhn erschöpft Vom Liebesrausch auf Skabiosen; Der Löwenzahn hat sich beköpft Mit silbergrauen Flockenrosen; Die Kiefern stäuben schweren Duft; Im Espenwipfel zirpt die Meise; Darüber zieht durch trübe Luft Ein Habicht drohend seine Kreise ... Ein unsichtbarer Schnitter wetzt die Sense. Und horch, nun zischt und zischt der Schnitt Und rafft die Halme, rafft die schmucken/ Und trifft und trifft mein Herze mit; Bei jedem Takte muß es zucken. Auch meine Wende kam! Ade, Lichtgrüne Zeit, da ich gestiegen! Nun geht's bergab! Es tut gar weh, Wenn welk der Jugend Schwaden liegen ... Und doch/ im Heuduft träumt es sich so süß! Herbstliche Eiche Es nebelt. Knorriger Eichenheld, Schon wird dein Lockenhaupt herbstlich bleich, Und raschelnd die braune Eichel fällt. Doch blüht dir heimlich ein Königreich. Laß nebeln, dunkeln! Schlaf! Es ist spät! Im Wintertraum küßt dich die Sonnenmaid, Und aus den Keimen, die du gesät, Sprießt tausendfach deine Jugendzeit. Novemberlaub Auf stöhnender Föhre fidelt der Sturm Heulende düstre Balladen; Es schnaubt sein Odem, nebelfeucht Von nordischen Seegestaden. So trübe der Himmel, als wär's schon spät. Die Wolken pilgern traurig. Im Strudel taumelt verkommenes Laub Um Baumgerippe so schaurig. Ein letztes Blättchen am Dornenstrauch Fröstelt in starrem Weh ... O mach ein Ende, Novembersturm! Deck zu, du wogender Schnee! Regenflüstern Trüber Tag; die Traufe wimmert, Tropfen rasseln an die Scheiben. Brausend im Novemberwinde Wanken dunkle Eiben. Regensatte Wege formen Wasserspiegel, drin die grauen Wolken ihr verweintes Antlitz Zittrig trübe schauen. Über welkem Laub im Garten, Krank gezaust das Köpfchen, trauert Eine späte bleiche Rose, Schmerzlich süß durchschauert. Schmerzlich süß, vom Regenflüstern Eingelullt, im schaurig herben Sturme, eine stumme Blume, Einsam, vornehm sterben. Novemberabend Novemberabend kühlt und feuchtet. Die Ferne stirbt in Dämmerduft. Mit mattem Blinzeln nur durchleuchtet Ein Stern die nebeltrübe Luft. Gedämpfte Glockenlaute beben Weich summend über Stoppelfeld. Aus Wiesenniederungen heben Sich dunkle Massen in die Welt. Ein alter Pflüger mit dem Pferde Zieht müde heim; die Pfeife glimmt. Vom Schäferhund umtummelt, schwimmt Mit Blöken dorfwärts eine Herde. Mit qualmigdunkler Röte säumt Der Himmel sich. Großleuchtend taucht Der Mond empor ... Die Landschaft träumt/ Von Ruhesehnsucht überhaucht. Der Träumer Ich war ein Kind/ mit großen Kinderaugen, Die nur zu träumerischem Schauen, Nicht zum Berechnen und zum schlauen Erwerben taugen; In dumpfen Stuben bangte mir, ich scheute Gespräche nüchtern kluger Leute Und stahl mich fort mit stiller Wonne Zu Blumen, Gras und Sonne. Da sog ich Luft wie ein Befreiter, lauschte Den Bienen, Grillen, schwankendem Gesträuch, Das wogengleich im weichen Winde rauschte; Mit Staunen und Entzücken schaute Mein Aug empor/ zu ihm, Der tief und weithin blaute; Und der betörte Träumersinn Schwamm mit dem wunderbaren, Wie Schneegebirge klaren Gewölke sanft dahin. So wuchs ich auf. Und allezeit getreu Blieb meinem Aug das träumerische Schauen. Doch ich bedachte nie: der Schatz der Auen Sind nicht die bunten Blumen, sondern Heu; Was blau und rot im Ährenfelde blüht, Ist nicht dem Bauch des Erntesackes hold; Und eines Dichters träumereich Gemüt Trägt wenig Körnchen irdisch Gold. Nun stehn die Äcker braun und stopplig nackt, Geschorne Wiesen werden bleich und bleicher, Und mir zum Spotte tanzt im fremden Speicher Der plumpe Flegel trocknen Erntetakt. Am Dornstrauch sitz ich, trübe wie der Himmel; Verwelkte Blätter zerrt ein rauher Wind, Scheucht mürrisch fort das raschelnde Gewimmel; Und träumend starr ich nach/ ich dummes großes Kind! Der Winter kommt. Ich werde frieren, darben Und wie die arme Maus im Stoppelwald Mich nähren von dem Abfall fremder Garben; Vielleicht auch sterb ich bald ... Mag sein! Doch schließ ich ohne Reue Und segne dankbar meinen Träumerblick. Er ließ mich lieben Flur und Himmelsbläue; Und diese Liebe war mein Lebensglück. Bergeinsamkeit Die Ferne Zur Fernesucht geboren, Wird nie der Pilgram froh. Seine Heimat ging verloren, Er weiß nicht wo. Ihn rührt ein stummes Mahnen Von blauer Berge Wand. Darf er dahinter ahnen Sein Wunderland? Im Tale Bauden winken, Zum Dorfe traut gereiht. Er aber muß versinken In Einsamkeit. Er haust auf Bergesklippen In dumpfer Schwermut Bann, Umstarrt von Knieholz-Rippen Und wüstem Tann. Verworren träumt im Grunde Des Mühlenrads Gesumm. Er lauscht mit zuckendem Munde, Sein Lied bleibt stumm. Er schmachtet, wie im Staube Ein welkes Blumenhaupt. Doch ward sein frommer Glaube Ihm nicht geraubt. O Pilgram, du mußt lernen In Demut abseits stahn, Du darfst den blauen Fernen Nie täppisch nahn. Wenn ungestüme Minne Dich riß zum Götterweib, Umarmten deine Sinne Nur Menschenleib. So bleib dem Wunderlande In keuscher Andacht hold. Dann spülst du aus dem Sande Das ewige Gold. Es sammelt alle Zähren Die treue Ewigkeit. Sie sollen sich verklären Zum Krongeschmeid. O sieh, ein Fenster glühet Im roten Abendglast! Das Baudenhaus erblühet Zum Goldpalast. Die Felsenschatten dehnen Sich weit ins Talgefild. So wird wohl manches Sehnen Noch spät gestillt. Erst wenn im großen Dunkel Versank die wirre Welt, Erblüht das Trostgefunkel Am Sternenzelt. Und birgt sich in der Erden Ratlos dein Angesicht, Tief innen soll es werden Auf einmal Licht. Wandrers Abendburg Die Sonne neigt sich abe Zum blauen Hügelgrabe. So leb denn wohl, du rotes Liebesfeuer! Ich stehe ganz allein Auf ödem Berggestein. Wohl heime möcht ich gahn Und weiß doch nicht, wo Herberg han ... Schon dräun die Wolken schwarz wie Ungeheuer. Da mahnt die Sonn im Sinken: Sieh dort die Zinnen winken! Den irren Wandrer laden sie, zu hausen. Des Burgherrn Trostlicht wacht Getreu die ganze Nacht. Entzünde dran dein Herze Als eine fromme Klausenkerze! Ums Fenstergitter laß Unholde sausen! Wolke Vom Riesenfelsen, Wolke, niederzieh! Schlag dein Gewand Um mich her und flieh! Zu rauhen Höhen Trage mich empor, Wohin des Menschen Wort sich nie verlor. Wie scheut die wunde Seele diesen Laut! Wie rollt mein Auge, Wenn es Menschen schaut! Doch Fels und Wolke Sind mein stummer Trost; Erhabne Lieder Hör ich sturmumtost. Beruhigt lieg ich, Wo der Gießbach rauscht; Ein Seelenkranker So dem Freunde lauscht. Von grüner Matte Zeigt das goldne Licht Des fernen Landes Lächelnd Angesicht. Der Sagenstein Aus Bergen schleicht der Abendhauch, ein Raunen Im wüsten Hain. Das Tannenvolk umringt mit scheuem Staunen Den Sagenstein. Hier stund ein Schloß; sein Glitzern machte trunken Wie Abendstrahl. Verwunschen wards. Und wo die Pracht versunken, Bezeugt dies Mal. Verdüstert hockt der Stein/ wie seinen Sorgen Ein Bettler grollt. Verkappter Fürst! Im Grunde dir geborgen Ruht Perl und Gold. Kein Gräber drang noch durch die Felsenrinde Zum güldnen Schacht. Ein Glimmen winkt nur dem Johanniskinde In Zaubernacht. Sein Träumeraug erschaut in Höhlenwildnis Den Perlenschrein, Auch marmorweiß ein Königinnen-Bildnis Im Dom von Stein./ Ich kenne sie, die heilgen Heimlichkeiten Der Innenschau. Verwunschen sank auch mir ins Grab der Zeiten Mein Königsbau. Doch was dereinst an Seligkeit erblühte, Ist nimmer tot; Es bleibt mein Schatz, versunken im Gemüte, Der magisch loht. Ich selber bin das Schloß mit güldner Tiefe, Der Sagenstein. Und ob ich ganz der Oberwelt entschliefe, Der Traum ist mein. Die Königin ward diesen heißen Sinnen Hinweggebannt. Verklärt zum Engel weiht sie nun mein Minnen Dem Geisterland. Als Dom von Tropfgestein soll mich umflechten Die Innenwelt. Braut meiner Jugend, throne mir zur Rechten Im Höhlenzelt! Die Sonne kommt Willkommen, Ritter Morgen! Vor deinem güldnen Haupt Entfliehn die Wölfe Sorgen, Die mir den Schlaf geraubt. Der Fels vor meiner Klause Starrt feierlich mich an. Die Wipfel mit Gebrause Wiegt unter mir der Tann. Steingraue Wolkenwogen Verhüllen noch das Tal. Darob der Himmelsbogen Matt leuchtender Opal. Und aus dem Dunstmeer ragen Die Riesenberge steil. Ihr Stirnenglanz will sagen: Ganz oben thront das Heil! Nun blüht von Purpursonne Das Nebelmeer wie Klee; Und auch mein Gram ward Wonne, Weil ich darüber steh. Als Lerche schwebt mein Schauen Hoch ob dem Erdennest Durch selig freie Auen ... O Himmel, halt mich fest! Aufstieg Über Felsen, windumflattert, Klimm ich hoch hinan zum Freien. Droben will ich mich entladen Dieser Qual, im Sturme baden, Neugeboren meine Seele weihen. Berg, vor deinem Riesenantlitz Kann ja Kleinmut nicht bestehen. Sturm, im Brausen deiner Kraft, Die den Forst zusammenrafft, Muß mein Seufzer wie ein Staub verwehen. Innere Heimat Droben kreist ein Königsaar. Auf zu ihm ins Blau der Lüfte, Über Tann und Höhlengrüfte! Himmlische Ferne Lockt und lächelt mir wolkenlos klar. Bist du droben, Heimatland? Sturm und Woge rauscht hienieden, Und ein Pilgram seufzt um Frieden, Weil er die Heimat Immer nur ahnt und nirgends fand. Nur im Traume wird sie mein. Bette, Fels, dies müde Haupt, Das enttäuscht noch immer glaubt. Kehre nun, Seele, Zu den Gefilden tief innen ein! Werde Hauch und Melodie! Wie des Mondes Duft auf Auen Laß dein Schmachten niedertauen! Bräutliche Blumen Wecken im Kusse des Schauens Magie. Schau in alle Kreatur! Lausche! Und mit frommen Tönen Rühre dich das Allversöhnen! Suchender Jünger, Folge des Lichtes heiliger Spur/ Bis das Heiligtum enthüllt, Wo aus Zährenflut sich Wonnen Läutern und aus Sündern Sonnen. Wölbungen blauen; Liebende Sehnsucht wird endlos erfüllt. Droben kreist ein Königsaar Über Tann und Höhlengrüfte ... Und es lächeln mild die Lüfte: »Träumender Pilgram, Dein ist die Heimat! Du träumest wahr!« Ausblick auf die See Seekönigs Krone Des Eilands felsige Reckenbrust Umtobte der Sturm mit rüttelnden Schlägen. Da irrt ich, berauscht von Pilgerlust, Wie suchend durch Heide und Nebelregen. Ich suchte/ ein Flüchtling, dem Fuß und Hand Noch immer die Kette gefesselt hält; Er schlägt sie und schlägt an die Felsenwand, Bis ein wütender Fluch das Eisen zerschellt. Ich suchte/ und fand! O seliger Trost! Wo die Heide zu trotziger Klippe sich hügelt, Und schauerlich süß die Brandung tost, Von Wolkendunkel und Möven umflügelt. Geheimnisvoll winkte das Hünengrab, Wo oft im Sande der struppigen Heide Der Schäfer gewühlt mit dem Hirtenstab Nach Wikingerkönigs verscharrtem Geschmeide. Da hab ich, was nimmer der Täppische fand, Das gleißende Gold in der Höhlung erschaut. Frei legte die Krone sich mir in die Hand, Wie eine vor Zeiten verlobte Braut. Ich klomm auf den Malstein. Da hub sich das Meer Ein Wasserwall um mein einsam Eiland. Ja banne hinweg, du wogende Wehr, Das Land, das ich floh, und den Gram von weiland! Das Land, das ich floh/ verächtliche Sklaven, Barbaren und Krämer/ wie lagen sie weit, Im Flutengehügel begraben, entschlafen ... Ich stand in köstlicher Einsamkeit. Ich stand erhaben auf steinernem Throne, Die Hand gebieterisch ausgestreckt. Drauf hat Seekönigs heilige Krone Mein sturmgesalbtes Haupt bedeckt. Und die Wogen, die üppigen Brauser und Schäumer, Rollten zur Huldigung jauchzend herbei, Hymnen donnernd dem großen Träumer, Der mit Träumen sich krönte, in Träumen frei. Vom Berge bis über die See Es baute der Ritter ein ragendes Haus Vom Berge bis über die See. Sein Liebchen schaute zum Söller hinaus, Die schöne Dorothee. Im Winde wehte die Lockenflut Vom Berge bis über die See. Da sang sie hinaus ihren Übermut, Die schöne Dorothee. »Ade, graubärtiger Wassermann, Vom Berge bis über die See! Dein stürmisch Werben reicht nimmer hinan Zur schönen Dorothee. Laß springen die Wogen und brüllen so wild, Vom Berge bis über die See. Sie prallen zurück vom Felsenschild Der schönen Dorothee. Ich schlage die Harfe und lache laut Vom Berge bis über die See, Ich bin ja des stattlichen Ritters Braut, Die schöne Dorothee!« Da ward so weiß wie die Kreidewand, Vom Berge bis über die See, Des Wassermanns Angesicht und verschwand Der schönen Dorothee. Doch einst in schauriger Regennacht, Vom Berge bis über die See, Wie Nebel schlich es zur Kammer sacht Der schönen Dorothee. Es hauchte und drückte und würgte sie tot/ Vom Berge bis über die See. Nun lag erblichen im Morgenrot Die schöne Dorothee. Eine Seele entführte der Wassermann Vom Berge bis über die See, Zu salzigem Schaume die Seele zerrann Der schönen Dorothee. Sturm und Fels In öder Nacht am Meeresstrand Ein Fels gen Himmel dunkelt. Er starrt ins lockende Wunderland, Wo ein Stern, sein Engel, ihm funkelt. Da kommt der Sturm dahergebraust, Begrüßt von murmelnder Welle, Und packt den Felsen mit rüttelnder Faust: »Wach auf, verträumter Geselle! Hast lange genug emporgeschaut Mit ungetröstetem Harme. Nun reiße vom Himmel die spröde Braut In deine trotzigen Arme! Schau her, wie man mit Bräuten tut, Das tolle Sehnen zu stillen! Hoiho, mein Lieb, du salzige Flut! Ich pfeife, sei mir zu Willen!« Und er stürzt der See an die wogende Brust Und hält sie tanzend umfangen; Sie windet die Glieder in jauchzender Lust Wie rasende Riesenschlangen. Die Wirbelnde schlägt ihr nasses Gewand An den Felsen mit frechem Spotte, Und ach, der Stern, sein Engel, entschwand Vor der wüsten Wolkenrotte. Nun spüre, mein Fels, vom Taumel umtost, Wie ein frommes Lied dich durchschauert: »Halt aus! Es keimt ein heimlicher Trost, Wo Treue in Trennung trauert. Der heiligen Keuschheit bleibe geweiht Die Liebe zur himmlischen Ferne! Dann tragen dich Schwingen der Ewigkeit Zum angebeteten Sterne.« Stern der Meere Ach Liebe, daß du wankest auf den Wogen, Ein morscher Kahn, Zerfetzt das Segel, steuerlos gezogen Auf Nebelbahn. Des Tages Herz ist blutig hingesunken In düstre See. Wo bist du, armer Kahn? Zerschellt, ertrunken? Ach Lieb, ade! Nun will auch ich hintaumeln und versinken In feuchte Gruft. Doch warnt ein Stern, der Meere Stern, mit Winken Aus blauem Duft: »Nur Unrast wirf hinab, die eiteln Sorgen Der wüsten Welt! Dein Lieben gib empor! Es sei geborgen Im Sternenzelt! Was in der Zeiten Brandung ging verloren, Muß nichtig sein. Ein Herz allein, dir liebend eingeboren, Bleibt ewig dein. Und schlüg es auch am deinen nur für Stunden, Doch Reim bei Reim Seid ihr dem Chor der Seligkeit verbunden Und seid daheim.« Das Heimatland, das alte Weh Mit lauen Nebeln hüllt der Sommerabend Des dunkeln Meeres Bucht. Im Hafen träumt Ein Kahnkoloß. Die Welle tätschelt leise Geteerte Planken. Ankerketten rasseln. Verhüllte Stimmen. An des Kahnes Bug Glühn zwei Laternen, rot und grün, sie senken Zwei Feuersäulen, zitternd, rot und grün, Durch schwarze Flut herüber. Und es summen Matrosen eine schläfrig weiche Weise. Der Rundreim lautet, wenn ich recht versteh: »Das Heimatland, das alte Weh Versenke du in tiefe See!« Du Loderfackel, roter Mars dort oben! Was winkst du so geheimnisvoll aus Nebeln? Bist du nicht jener Stern, von dem man sagt, Ein menschengleich Geschlecht bewohne ihn? Nur älter, weiser, glücklicher als wir/ Wir armen, mangelhaften Erdenkinder ... »Das Heimatland, das alte Weh Versenke du in tiefe See!« Der Menge Qual Arme Leute Bei düstern Heidekiefern Stehn spärlich magre Ähren, Sie saugen an dürrem Sande, Verzweifelnd, sich zu nähren. Da kauert ein lehmig Häuschen Mit Düngerhaufen und Karren. Kläglich meckert die Ziege, Und struppige Hühnchen scharren. Aus der Türe humpelt ein krummer Kleinbauer, emporzuspähen Zur bleiern schleichenden Wolke, Zu hungrig krächzenden Krähen. Nur karge Mitleidszähren Vermag die Wolke zu schenken; Dann schleicht sie trübe weiter, Ohne Kraft, zu tränken. Selber arm und traurig, Folg ich der weinenden Wolke Und denk an arme Leute Und leide mit meinem Volke. Die Sonnenblume Auf sandiger Heide am Kiefernforst Kauert ein Häuschen gedrückt, An Fenster, Dach und Lehmgewand Verwahrlost und zerstückt. Des bretternen Stalles Türe klafft; Verloren sind Schafe und Ziegen. Im Dünger ein letztes Hühnchen scharrt, Mürrisch brummen die Fliegen. Und in der Stube da quarrt das Kind, Das Weib, das zornige, schilt, Des Häuslers Stimme vom Trunke rauh Lästert dazwischen wild .... Am Fenster die schlanke Sonnenblume Erbebt in heimlichem Leid. Aus Schutt und Unkraut strebt sie scheu Und starrt in die Ferne weit. Dort hinter vergilbtem Kartoffelkraut Und blondem Stoppelhaar Erglänzt der Himmel wie mattes Gold, Wie Feiergesang so klar. Dort loht aus überirdischem Licht Eine andere Blume: die Abendsonne. Sie neigt sich zu Grab. Wer die heilige liebt, Sauge noch einmal einzige Wonne! Und die Sonnenblume, am Glutenball Hängt schwärmerisch starr ihr Angesicht, Ihr gelbumkränztes Träumergesicht, Selig ertrunken im Purpurlicht. So steht sie, bei Nesseln an wüster Mauer, Wie bebende Arme die Blätter gebreitet ... Versunken die Sonne ... Hinterdrein gleitet Ein Schmachten hinunter mit Todesschauer. Entzauberung Dort drüben liegt sie/ riesenbreit erstreckt Und vielgezackt zum Wolkengrau gereckt: Die steinern fahle Stadt/ von hunderttausend Tagwerken murrend und erbrausend. Ein Dunst umhüllt die Dächer, rußig, bleiern: Der Schlote Ausgeburt/ die noch nicht feiern. Und doch schon murmeln von der Vesperstunde Die düstern Türme mit dem Glockenmunde. Wie dort der Häuserwall, der Vorstadt-Rumpf, Aus fünfgezeilten Fenstern stumpf Herüberstarrt zum braunen Ackergrund, Wo, schmutzigrot die Mauern, Zwei qualmende Fabriken kauern. Horch, die Maschine heult das Vesperzeichen. Da rinnt aus dem Fabrikentor Ein langer Zug von Arbeitsvolk Den Ackerweg dahin, zur Stadt. Und sieh, die Häuserstirnen rötet matt Der Abendwolken Widerschein. Auf einmal quillt der Feuerball herein Aus einem Wolkenriß und überflutet Die Landschaft, daß sie golden glutet. O Zaubertat! Die Stadt mit ihrem Dunst Liegt nun verklärt, von Purpurduft umflossen: Ein Hügel, drum in ungestümer Brunst, Aus grauem Dorn, blutrote Rosen sprossen. Und sieh nur, wie die Scheibenzeilen strahlen, Mit rotem Blitz das Sonnenfeuer malen! Wie alle Häuser, alle Fensteraugen, Mit heißem Durst die Purpurquelle saugen Und saugend immer lichter sich verklären/ Als ob sie fluchbeladne Schlösser wären, Die für ein karges Weilchen von der bösen Verwünschung sich erlösen. Und sie betrachtend voller Staunen, Hör ich die Häuser gramvoll raunen: »Verwunschene Schlösser, verfluchte Mauern, Ach wohl, das sind wir! Müssen ja trauern In düstrer Öde jahraus jahrein, Hilfloses Grauen im lahmen Gebein. Durch Kerkerräume Gespenster poltern, Viel arme Menschenseelen zu foltern, Mit teuflischen Zangen, mit Dürsten und Fasten, Mit knechtischen Ketten, unmenschlichen Lasten. Auf faulem Stroh die Armut kauert, Verzehrt von Fieber und frostdurchschauert; Das Auge irrt, Es ringen die Hände. Doch fledermausig Die Sorge schwirrt Um unsere grausig Verdammten Wände ... Fluch und kein Ende! Nur manchmal naht die Gnadenstunde, Wo die purpurne Sonne mit küssendem Munde Die Stirn uns rührt und an jenen gemahnt, Den unsere Seele erschauernd ahnt: Den Strahlenbräutigam wundervoll, Den starken Helden, der kommen soll, Aus gespenstischer Not, aus Nacht und Ketten Auf ewig uns zum Lichte zu retten.« So klagten die Verfluchten. Und der Scheiben Rot Ward düster und erstarb in matten Funken. In Stumpfheit lag die Stadt zurückgesunken: Ein Schlackenhaufen, Schwarz/ und kalt/ und tot. Die kommende Sonne Es brennt in meinem Hirn Ein Traum mit gärender Glut, Wie hinter Vesuvius' Felsenstirn Der Erde fieberndes Feuerblut. Ich träume die kommende Sonne. Und wie des Meeres Flut empor Zum lockenden Monde schwillt, Wallt meine Seele schmachtend Dem angebeteten Traumgebild Entgegen, der kommenden Sonne. In stummer Nacht, dem weichen Arm Der trägen Ruh entwunden, Wälz ich mich mit heißem Sehnen, Fülle mit Grübeln zögernde Stunden; Ich harre der kommenden Sonne. Vom Lager fahr ich wild empor, Wissende Bücher aufzuschlagen. Ihr starren Züge, laßt mich lesen: Wann wird umnachteten Völkern tagen Die selig machende Sonne? Es treibt mich auf die Gassen hinaus; Da atmen die Gassen Moderluft; Ein steinerner Sarg jedwedes Haus, Die Stadt eine riesige Gruft. Erbarme dich, kommende Sonne! Und schaudernd durch das Tor der Gruft Flücht ich hinaus auf offenes Feld Und spähe, ob die finstre Luft Nicht endlich Morgengrau erhellt. Ich ahne die kommende Sonne. Und sieh, des Lichtes Halme schießen Empor vom fernen, dunkeln Lande, Wie hinter schwarzem Schildesrande Blutige Speere sprießen. Das sind die Speere der Sonne! Da weicht der Drache der Verwesung Von seinem Nest, der Völkergruft; Er faltet die zackigen Flügel Und kriecht entsetzt in seine Schluft. Preis dir, siegende Sonne! Nun taucht aus rosenbesätem Gewölk Empor der rollende Feuerball. Da zittert die Erde, da bersten Die Riesensärge mit Donnerschall. Preis dir, erlösende Sonne! Die toten Völker stehen auf Und baden im goldig strömenden Licht; Die Leiber blühen schön und stark, Und geistig strahlt das Angesicht. Preis dir, erweckende Sonne! Die Erde schimmert wie eine Braut Im Schmuck der Blumen und Seen; Hinter üppig grünenden Hainen Marmorhäuser erstehen. Preis dir, verklärende Sonne! Und aus den Toren der Marmorstadt Wallt des Volkes festliche Schar, Bringt Fahnen, selige Lieder, Trunkene Blicke zum Opfer dar Der entzückenden Göttin Sonne. So brennt in meinem Hirn Der Traum mit gärender Glut, Wie hinter Vesuvius' Felsenstirn Der Erde fieberndes Feuerblut. Ich träume die kommende Sonne. Die Wolkenstadt Über rußbestaubten Dächerwogen, Straßendunst und dumpfem Werkgetose, Über all dem bang beladnen Volke Schwebt die Wolke Blendend weiß/ wie eine Riesenwasserrose Über schwarzem Moderkolke. Und hernieder blickt die Reine In den düstern Hof, wo zwischen Mauern, Ungeliebt vom Sonnenscheine, Ein gebeugtes Weib die Jugend muß vertrauern Bei der Nadel fieberhaftem Rasseln. Blasses Weib, erhebe dein Gesicht Zu der Wolke hehrem Licht! Und ihr Werkelmänner arbeitsheiß, Laßt das Hämmern, laßt des Schwungrads Treiben! Tretet an die trüben Werkstattscheiben, Trocknet von der Stirn den Schweiß, Andachtsvoll den Blick erhoben Zu der weißen Wolke droben! Alle, die durch graue Gassen Grübelnd hasten und einander hassen Um ein karges, hartes Brot/ Die um armen Leibes Not In das Morgen schaun mit Bangen/ Die gebrochen und verlassen Hüsteln mit gehöhlten Wangen/ Die den Tod verzweifelnd suchen, Oder hinter Eisenstangen Schmachtend fluchen/ All die Fensteraugen jener langen Häuserzeilen sollen aufwärts schauen Zur verklärten Wolke. Ruhevoll im wasserblauen Himmel schwimmt das selige Eiland, Blendend weiß Wie ein Alpenberg mit keuschem Eis; In den Tälern Hyazinthenfelder, An den Hängen Apfelblütenwälder; Alabasterne Paläste Schimmern durch die rosa Äste; Und auf sanften Taubenschwingen Schwebt ein Klang wie Kindersingen. Doch wo weilen sie, die auf den Himmelsthronen Frei wie Götter wohnen? Dort an weißer Hügel Rändern Stehen sie in wallenden Gewändern Engeln gleich. Und sieh, die Einen Hüllen ihr Gesicht und weinen, Andre schauen starr und trauernd Oft zusammenschauernd, Wie entsetzt, hernieder Auf der Weltstadt wüste Riesenglieder, Die in Staub und Sünde angstvoll keucht. Und in liebendem Erbarmen Möchten sie die Stadt umarmen: »Arme trübe Schwester, hebe Deinen Blick zu uns und schwebe Sehnsuchtsvoll empor/ Wie ein frisch erblühter Silberfalter Sonnetrunken aufwärts fliegt, Während grau und leer sein alter Puppenschrein im Staube liegt.« Straße An düster ragenden Häuserwällen Durch flammenbesäte steinerne Schlucht Branden die rasselnden Wagen, die Menschen/ Wie Wellen in klippiger Meeresbucht. Der rote Vollmond taucht empor. Die Menge wühlt und drängt und stößt; Jedweden kümmert nur seine Not/ Wie auf dem Deck des lecken Schiffes, Das in den Tod zu sinken droht. Der rote Mond schaut düster drein. Auf glattem Bürgersteige kauert/ Gleichwie am Felsenriff das Wrack/ Ein Mann mit vorgesunknem Kopfe, Zur Seite einen Lumpensack. Der Vollmond blickt mit düstrer Glut. Die Leute auf dem Bürgersteige Treiben vorbei und blicken kalt; Die Straßenbahn beglotzt im Rollen Mit grünem Auge die Gestalt. Der rote Mond schaut düster drein. Dort drüben lockt die blutige Flamme Dem Schnapswirt manchen Gast ins Haus; Und öffnet sich die Schänke dunstig, Dringt Schelten und Gejohl heraus. Der Vollmond blickt mit düstrer Glut. Des Handelshauses Fensterreihe Ist noch vom Gaslicht grell erhellt; Papier und Pult und blasse Schreiber; Der Chef durchzählt des Tages Geld. Der Vollmond blickt mit düstrer Glut. Nun heult vom Hofe die Maschine Zur Vesper; da entläßt das Tor Viel arbeitsmatte Blusenmänner; Nur der Fabrikschlot stößt empor Zum roten Monde schwarzen Rauch. Ein würdiger Bürger kommt geschritten, Den Lump am Steige trifft sein Blick; Entrüstet mit dem Kopfe schüttelnd Geht er zu Bier und Politik/ Und zornrot glüht der volle Mond. Aufruhr der Lüfte An meinem Lager hält die Nacht Schweigend ihre Leichenwacht. Nur draußen über Häuserdächer streift Ein ruheloser Luftgeist/ Wie Trauergewandung Über Sargesdeckel schleift. Unter den Dächern Modert es zahllos/ Wie unter herbstlichen Bäumen Gestorbenes Laub ... Die Völker sind tot! Wohl sickert warmes Blut Durch ihre Adern, Wohl heben sie im Morgengrau Augenlider und Häupter; Doch mürrisch wie Gefangne. Und mürrisch strömt es durch die Straße Zu kerkerhaften Mauern, Wo Menschenleiber sich wandeln Zu Räderwerk und Balken, Zu stumpfen Riesenmaschinen, Die stampfen, schaffen und stampfen, Bis draußen der sonnige Tag Wehmütigen Blicks zur Neige geht. Und wieder auf die Straße strömt es, Auftun sich die dumpfigen Häusersärge, Die Völker strecken sich nieder Und liegen tot. Nur heimlich in den Häupten Keimen Träume/ Wie krankhaft bleiche Keime An Wurzelknollen, die im Keller lagern, Sehnlich tasten Nach lauem Sonnenbade. An meinem Lager hält die Nacht Finster ihre Leichenwacht. Doch draußen ob den Dächern Geht ein Seufzen; Zum Stöhnen wird es, Zu murrender Klage. Zornig stößt ein Wind das Haus, Ein andrer Wind heult auf; Bedrohlich brausend Stürmt es heran, Tobende Aufruhrrotten. Türe schlottert, Fenster rasselt, Luke klappt, Dachsparren knarren, Losgelöste Ziegel scharren Übers Dach und krachen auf das Pflaster. Aus schnarchendem Schlaf, aus trägen Federn Schrickt der Bürger empor. O horch, Wie's im Kamine schaurig heult Und durch den Türspalt zischt: »Herbei, und schlüpft in die Kammer! Blaset den Narren, blaset!« Und wie am Kirchturm droben Die Wetterfahne ängstlich kreischt/ Bis ein wuchtiger Windstoß Von verbogener Stange Die Rostige abbricht; Sie schollert übers Kirchendach Und prasselt auf das Pflaster Vor Pfarrers Fenster. Der Straßenwächter fährt zusammen, Entweicht zur nahen Haustür Und schmiegt sich fröstelnd in die Nische. Drüben an der Anschlagsäule Zerren spöttische Geister Am Papierbefehle Der hohen Obrigkeit Und wirbeln den Fetzen mit Straßenspreu. Hinter der Mauer im Hofe Hebt der einsame Baum Zu den Lüften flehende Arme Und stöhnt und wimmert: »Nehmt mich mit! Reißt mich aus! Fort aus steinerner Wüste, Aus dumpfigen Kerkermauern Hinaus ins himmlische Freie Zu sonnefrohen Geschwistern!« Gefangen Nachtodem braust mit Regen und Schlossen Und haucht herein durch die Kerkersprossen. Drin lehnt ein heißes Haupt an der Mauer; Das kostet die Kühle mit süßem Schauer. Es lauscht dem wilden Rütteln und Dröhnen Des Sturmes, dem langgezogenen Stöhnen. Es lauscht, wie der Regen vom Dache rinselt, Wie die Traufe im Hofe schluchzt und winselt. Es lauscht, wie ferne die Föhren sausen, Und am Seegestade die Wellen erbrausen. Nun horch/ da nahen hurtige Schläge Von Rosses Hufen auf nächtlichem Wege. Vorüber stürmt galoppendes Reiten, Hinaus in geheimnishüllende Weiten ... So lauscht ein heißes Haupt an der Mauer Und kostet die Kühle mit süßem Schauer. Nachtodem braust mit Regen und Schlossen Und haucht herein durch die Kerkersprossen. Vorstadtlerche Stumm lag die Straße, unter schwarzem Laken. Verschlafen blinzten die Laternenflammen; Die öden Pflastersteine schraken Vor meinem Schritt zusammen. Doch mir im Haupte brandete das Blut, Und üppig blitzten die Gedanken/ Des Hochgespräches kühne Brut, Bei dessen wild erhabener Glut Ich mit den Freunden saß, in feierlicher Nacht ... Und staunend schaut ich die Gedankenpracht Und fühlte staunend meines Herzens Weihe; Und meine Seele wuchs zu hehren Sternen Wie Rauchschwall wirbelnd sich gen Himmel breitet. Und wie ich schlafen sah die dunkle Häuserreihe, Bedünkt ich mich ein Heiland, Der liebewach sein schlummernd Volk durchschreitet. Doch als ich öffnete des Hauses Tor, Da gähnte schwarz das Haus wie eine Gruft. Und als die finstern Treppen ich empor Getastet bis zum Stockwerk unterm Dach, Da hauchte mir das enge Schlafgemach Entgegen drückend schwüle Luft. Beklommen streckt ich mich zu Bett Und suchte Schlaf. Doch heiß war meine Stirn, Und rastlos grübelte das müde Hirn. Dann aus der dunkeln Ecke kam geschlichen Die Angst und kroch mit ekler Gier empor Und drückte meine Brust und würgte mich; Und meine Glieder waren totenstarr. Und eine Stimme raunte mir ins Ohr: »Ohnmächtiger Narr! Der du ein Held, Ein Heiland dich bedünkt, Da liegst du nun gefällt, Von meiner Faust gefaßt/ Wie all dein kummerbleiches Volk, Das hingestürzt von Tageslast Rings unter dumpfen Dächern modert ...« Und wie es zischelnd höhnte, Und wie, bedrückt vom Alb, Ich röchelte und stöhnte, Da brach mein Herz, Da sank' mit hohlem Dröhnen Mein Sarg in schwarze Erde ... Der Deckel preßte meine dumpfe Stirn, Und die Gedanken wurden starr im Hirn. Was zwitschert heimlich in der Ferne So süß und morgenfrisch? Was spür ich wie ein Liebchen schleichen Vom Fenster durch das lauschig stille Zimmer? Bist du es, Frühlicht? Ja, du bist es, Liebchen! Schon grüßen mich mit geisterhaftem Schimmer Der Tisch, das Polster und die Uhr ... Ihr bleichen, Aus Nacht erstandnen Freunde! Ja, es tagt! Wie wonnig meine nachtgequälten Augen Des Lichtes zarte Rieselquelle saugen! Und wie in lichtgetränkten Wolkenräumen Die Lerche trunken taumelt! O laß mich lauschen, laß mich träumen, Zärtlicher Vogel ... Die bange Nacht Verschlief dein Köpfchen, flügelgeborgen, In dunkler Ackerfurche der Vorstadt. Doch als mit hauchendem Kusse der Morgen Dein Flaumkleid rührte, bist du erwacht Und sehnsuchtsvoll auf schlafgestärkten Flügeln Emporgeschwirrt zu frischen Lüften/ Wo zwischen grauen Wolkenhügeln Aus rotbesäumten Schlüften Des Tages Goldflut bricht. Und auf zum jungen Licht Mit nie versiegender Liebeslust Jubelt die schwärmende Sängerbrust: »Wie bist du süß! Wie bist du süß!« O Lerchenlied, du Labequell! Laß Trillerperlen funkelhell Auf dürre Seelenauen Mir niedertauen! Du Flatterpunkt im Blauen Bist stärker als mein Flügelschwung, Der rückwärts sank in Nacht und Grauen. Vom glutverklärten Fenster lauscht Mein trostverschmachtet Ohr Erquickt zu dir empor. Nun trage durch das Morgentor Den Hingegebnen, hilflos Matten Von bangen Straßenschatten Empor, empor/ Du lieber kleiner Heiland/ Zu seligem Ruhe-Eiland. Der Mohnkopf Im herben Wind am Dornenzaun Bei toten, raschelnden Ranken, Verödet muß dies Greisenhaupt Die trüben Tage durchwanken/ Und aschendürr und aschenfahl, Von Gram gebeugt, hinab Zur wüsten Erde starren: Du meiner Hoffnung Grab! Ach wohl, im Sommer, als flammend heiß Im Blauen die Sonne stand, Da war von üppigen Träumen Mein jugendlich Haupt entbrannt. Ich loderte glutig und dünkte mich selbst Solch herrlicher Flammenbronnen Und wollt im Herbste Garten und Flur Besäen mit roten Sonnen. Doch als er kam, der Herbst/ da ward Ich zage wie welkend Laub. Und als ich neigte mein Haupt zur Saat, Da war manch Körnlein taub. Und etliches fiel auf dürr Gestein; Der Vogel hat es gepickt. Und etliches wird, wenn es keimt, zertreten Oder von Dornen erstickt. Und etliches hat der barsche Sturm Geschleudert, weiß nicht wohin; Auch den vermessenen Jugendtraum Gezaust mir aus dem Sinn. Nun steh ich hier am Dornenzaun Bei toten, raschelnden Ranken Und muß mit ödem Greisenhaupt Die trüben Tage durchwanken ... O Jugend, du fliegst kühn und rasch, So wie die Schwalbe schnellt. Doch gleich der Schnecke träge schleicht In Ewigkeit die Welt. Ich will Hoch stand ich auf dem Dach/ und sah Seltsamste Morgenglut: Rings wogte über die Häuser hin Ein Meer von Brand und Blut. Wild brüllte die schwarzrot qualmende Schlacht; Mit zornigem Knattern schossen Behelmte Feinde zu uns empor. Doch es trotzten fest die Genossen, Wie Felsen im schlagenden Hagelsturm. Verheerende Bomben schwangen sie Und manchmal durch das Schlachtgetos Die Marseillaise fangen sie. Ihr wollustgirrendes Mordlied pfiff Eine Kugel an meinem Ohr; Da bäumte sich meine Seele jäh Gleich wütiger Schlange empor. Den Sprengball zückte die krallende Faust Nach den feindlich stürmenden Massen Und schmiß des Todes reißende Saat Hinunter mit jauchzendem Hassen. Und dumpf ... ...Ein Rollen, ein Peitschengeklatsch Und Getrappel/ goldflirrender Schein; Und sieh, die Morgensonne strahlt Zum offenen Fenster herein. Im Bette lieg ich/ es war ein Traum! Nicht Kugeln, die Schwalben girren Und schießen um mein ländliches Dach. Und droben im Mattblau schwirren Lichtfrohe Lerchen. Durch tauige Flur Trabt munter das Pferd mit dem Wagen; Drauf sitzt der junge Bauer und schmaucht Sein Pfeifchen mit Behagen Und fährt so sicher hinein in die Welt ... Ich aber, ich seufze und schwanke Und bin auf bangem Lager hier Ein zweifelnder Gedanke. Noch hält der Zorn, der glühende Traum Mein Herz in banger Stockung, Und schon umschmeichelt mich so süß Des Lebens liebliche Lockung. Da schwindelt mir; Verwirrung, Scham, Sie überfluten heiß mich; O ich vermessner, armer Tor! Was bin ich? Und was weiß ich? Ich bin nur ein Halm im wogenden Feld Und wähnte, ich sei das Feld; Und ich wanke, schwanke in Lieb und Haß, Und mir däucht, ich bewege die Welt. O ich Irrtum und schwächlicher Widerspruch! Und doch! Was hier erwacht So grimm und kühn, ist Irrtum nicht, Ist Zwietracht nicht, ist Macht. Ich bin die einige Macht, bin Lieb Und Haß mit einem Male, So einig wie Kastanienfrucht und ihre Stachelschale. Und die hassende Liebe, der liebende Haß, So in mir gärt und schafft, Das ist der Menschheit Lebensdrang, Ist die weltbewegende Kraft. Ich will! Und dieser Kraftstrom wird Durch alle Zeiten wallen, Wird Arme breiten sehnsuchtsvoll Und Fäuste drohend ballen. Ich will! Und wenn mein trotziger Mund Auch längst im Tode schwieg, Ich will! Und ewig ist mein Kampf, Und ewig ist mein Sieg! Erlöse dich Sonnenbraut Ein Wandrer tappt in Nacht und Dünsten; Wonach er suchte, wußt er nicht. Da hat verlockt mit Gaukelkünsten Zu Sümpfen ihn ein Flackerlicht. Er taumelte hinein und hielt den Rausch der Sinne Für benedeite Minne. Und falsche Schätze sah er strahlen, War allen Leibeslüsten hold; Vernahm mit Gier der Großen Prahlen Und griff nach Purpur, Lorbeer, Gold. Er rang und raufte drum im wirren Fiebertraum, Doch seine Hand griff Schaum. Wach auf, Genarrter! Herold Morgen Macht alle Nachtgespenster fliehn. Von Bergeseinsamkeit geborgen, Im heilgen Lichtstrom darfst du knien. Gib hin die dumpfe Stirn! Der rote Sonnenmund Küßt dich von Schuld gesund. In Weiheschauern wird nach oben Zur spät gefundnen Sonnenbraut Der Freier auf den Thron gehoben Und Herz dem Herzen angetraut. Ihr Auge gibt den Kelch der Ewigkeit zu trinken. O seliges Versinken! Südenland Horch, durch grüblerische Föhren Woget stöhnendes Verstören Herbstlich rauhes Nachtgebraus. Und die reckenhaften Eichen Toben, weil die Wipfel bleichen, Schaurig trostlos ihren Kummer aus. Droben, wo durch Wolkenhader Bläulich wallt des Mondes Duft, Rudert durch die barsche Luft Wilder Gänse Keilgeschwader. Ihrer Sehnsucht dunkel Raunen Lenkt empor mein stummes Staunen Und erweckt die kühlen Schauer Unvergessner Abschiedstrauer. Dein gedenk ich, armer Freund! Vom vertrauten Heim betrogen, Bist du fröstelnd fortgezogen Mit der Wildgans südenwärts. Draußen suchst du, grambegleitet, Was allein das eigne Herz, Wie der Baum sein Harz, bereitet. Fahret wohl! Ich bleibe hausen, Wo die Föhren mürrisch brausen Mit mir selbst allein; verschweige Meiner Sehnsucht Schrei und neige Zum Gebet mein Haupt: Wohlan, Sei nun stark, Einsiedel! Zeige, Was die eigne Kraft noch kann! Tiefste Andacht weihe dich, Und zur Öde, Zaubrer, sprich Jenes Wort, das Berggestein Spaltet: »Sesam, tue dich auf!«/ Dann hinein, getrost hinein! Hinter rauher Felsenwand Lächelt dir ein Südenland/ Dein ersehntes Friedenland. Das Bett Wenn ich mich schlafen lege, So fällt mir manchmal ein, Wieviel ich dir verdanke, Du treuer Ruheschrein. Du schaust mich an so grübelnd Mit deiner Bretterstirn, Als möchtest du erzählen, Als wäre Holz wie Hirn. Auf deinem breiten Rücken Trugst du mich manche Nacht. Ein halbes Leben hab ich In deiner Hut verbracht. Ich kam aus dunklem Schoße Zum Lichte, zart und klein; Sie legten mich vertraulich In deine Pflege ein. Was ich mit schwerer Zunge Im Schlafe ausgeplauscht Von bunter Träume Wispern, Hast duldsam du belauscht. Wenn mich Gespenster würgten, Wenn ich in Klüfte fiel/ In deinem sanften Pfühle Fand ich mein tröstlich Ziel. Die Seufzer, wenn des Sturmes Gewimmer mich gequält/ Und, weißt du noch? die Küsse/ Du hast sie all gezählt. Du Zeuge voller Andacht, Wenn schaffend ich gewacht, Wenn ich, vom Geiste trunken, Dem Liede nachgedacht. Wenn schlotternd ich getaumelt, Die Schläfe fieberschwül, Hast du mein Haupt gebettet In deine Kissen kühl. Dereinst, wenn ich so liege, Dann kommt der Rudermann, Der deine treuen Planken Zur Barke wölben kann. Du trägst mich leise schaukelnd/ Fahr wohl/ durch schwarze Flut Zum Eiland der Zypressen, Wo sich so selig ruht. Tote trösten O Nacht, wie warst du sonst so heilig schön! Am Erdenbusen lag der Mondenschein; Es war sein Traum ein silberzart Getön; Und Ruheglocken summten aus den Höhn ... O Nacht, und nun? Wie schaurig kannst du sein! Da lieg ich lahm, zerschmettert mein Gebein; Im Abgrund lieg ich, finster, ganz allein. Ich stöhne, zitternd strecken sich die Arme: Ist droben keiner, der sich mein erbarme? Ist ausgeloschen aller Sterne Schimmern? Ich höre nur dein monotones Wimmern, Du Unrastseele, ewger Jude Wind! Stumm sei und stolz mein zuckender Mund! Was mich gestürzt in den schwarzen Schlund, Keinem Atmenden werd es kund! Sie schlafen; oder ihr Schwelgen lacht. Was kümmert sie's, wenn ein Grübler wacht Und sich quält mit der schwarzen Nacht! Nur Toten Sei mein Flehen entboten. Sie lassen sich rufen, sie neigen Dem hilflos Einsamen ihre Huld, Haben für all sein Beichten Geduld Und können wie Grüfte schweigen. Nun denn, mein Vater! komm aus deinem Grabe, Aus meinem Herzen komm und laß dich schaun! Liebernstes Angesicht, sieh her! Dein Knabe, Er ist's, er liegt in Zweifel und in Graun Und möchte schluchzend sich dir anvertraun. Auch du, Großmutter mit den Silberlocken, Du weise Frau, die gütig mich gekos't, Wenn vor der Welt mein Kinderherz erschrocken, Dein großes blaues Auge sei mein Trost! Wohlan, ihr Treuen, laßt euch klagen Und mein Geheimnis sagen ... Doch nein, nicht sagen! nur mit Schweigen spricht Die Seele, wo sie heiß aus Tiefen bricht. Und ihr, dem Schattenreiche eigen, Liebt ja das Stumme und versteht mein Schweigen. Ich spüre eure milden Augensterne; Ihr Schauen dringt ins Tiefste mir und fühlt, Was hier im Busen glüht und zuckt und wühlt. Wie lieg ich unter diesem Blick so gerne, Der mich wie Tau benetzt und meine Wunde kühlt. Bin ich genesen? Wieder heilig schön Dünkt mich die Nacht. Die feierlichen Glocken Ersummen abermals in Himmelshöhn, Als möchten sie mir neues Hoffen locken. Und horch, was zwitschert schüchtern sacht? War's nicht der Lerche Morgenlaut? Ich glaube gar, noch einmal wacht Ein Blütentag mir auf. Es graut, es graut! Die tröstende Nacht O Nacht, du treue Trösterin! Wenn ich auf meinem Lager zage, So schwebst du vor das Fenster hin Und hörst geduldig meine Klage. Und wenn ins Kissen ich mit Stöhnen Mein tränend Angesicht verhülle, Hör ich auf einmal eine Fülle Von Wohllaut mir zu Herzen tönen: »Getrost, getrost! Ich bin ja hier! Will dich nach jedem Tage heilen Und werde kommen einst zu dir, Um immerdar bei dir zu weilen. Dann ruhst du, selig vom Vergessen Durchschauert, fern von Tagesrauschen Und magst dem sanften Liede lauschen, Das Winde harfen in Zypressen.« Sündige Blüte Hinab zur unendlichen Ebene taucht Rotglühend der volle Mond. Des Morgens erster Odem behaucht Mit feuchtem Kusse die silbergrauen Erschauernden Roggenauen. Wie schmacht ich, die schwülen Vergrämten Sünderschläfen Im tauigen Schoße des Feldes zu kühlen! Wenn nur die zischelnden Ähren Nicht herbe Beichtiger wären! Doch zwischen den Ähren, du flatternde bleiche Blüte des Mohnes, üppige, weiche, Zu dir will ich gehen. Sündige Blüte, du wirst mich verstehen. Dein gütig Neigen, Dein sanftes Schweigen, O ich weiß, was es spricht: »Getrost, mein Liebling! Laß dein reuig Mühen Und bette dich her zu mir! Ob es bricht, Das fromme Korn, du scheue die Sünde nicht! Wir sündigen, weil wir blühen. Vergiß die Welt, die uns Unkraut schilt! Versenke die Seele versöhnt und mild In meine barmherzige Blüte! Laß heimlich uns trinken die duldsame Güte Des Mondes/ und rings vom weiten Gefild Unendlich heilige Ruhe!« Aus Rauhreif Aus Rauhreif ragt ein Gartenhaus, Das schaut so schmuck, so sonnig aus. An blanken Giebel schmiegt sich hold Der Wintersonne Abendgold. Eiszapfen, Scheiben in rotem Glanz, Die Fenster umrahmt von Waldmooskranz. Blattgrün, Gelbkrokus, ein rosiger Bube Lächeln aus frühlingswarmer Stube. Kanarienvogel schmettert so hell, Kinderlachen und Hundegebell. Klein Hansemann und Ami spielen Wolfsjagd, sie balgen sich auf den Dielen. Die Mutter ging holen den Weihnachtsmann. Der klopft an die Türe brummend an. Und sieh, vermummt, ein bärtiger Greis, Ein Sack voll Nüsse, ein Tannenreis. »Seid ihr auch artig?« Stumm nicken die Kleinen Und reichen die Patschhand; eins möchte weinen. Da prasseln die Nüsse, das gibt ein Haschen! Der süße Hagel füllt die Taschen ... Fort ist der Mann. Mit Lampenschein Tritt nun die liebe Mutter herein. Gejubel: »Der Weihnachtsmann war da! O, Nüsse hat er gebracht, Mama!« Den großen Tisch umringt ein Schwatzen, Schalenknacken, behaglich Schmatzen. Die Mutter klatscht in die Hände und zieht Die Spieluhr auf: »Nun singt ein Lied!« »Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch all, Zur Krippe her kommet, in Bethlehems Stall!« Fromm tönt's in die frostige Nacht hinaus. Ein Stern steht selig über dem Haus. Es war einmal Es starrt so trüb ein altes Haus In wintergraue Fernen hinaus. In sich versunken, erbebt es bang Von dumpf verschollenem Glockenklang. Auf einmal gleitet zärtliches Licht Ihm tastend über das Angesicht. Die Wintersonne mit mattem Schein Küßt scheidend Giebel und Fensterlein. Wehmütig lächelt ihr zitternder Strahl: »Gedenkst du noch? Es war einmal ...« Dann hüllt sie das Haupt in Schneegewölk ein Und läßt das Haus im Dunkeln, allein. Sei, Seele, du Marie Marie gebenedeite, Mit Kind und Myrtenkrone, Verbleib nicht in der Weite Auf hehrem Sternenthrone! Kehr in die Hütten ein Und mir im Busen wohne! Es hat das Reich der Himmel Hienieden allen Raum. Daß fern im Morgenland Ein Eden blüht, ist Traum. Die wache Seele fand In sich den Lebensbaum. Sei, Seele, du Marie, Die keusche Gottesmaid, Vom Licht aus Vaterschoß Umflutet und umfreit, In Minne makellos Zur Mutterschaft geweiht. Zu Bethlehem die Krippe Ist jedes Herzens Schrein. Soll mich und meine Sippe Der Gottessohn befrein, Er muß aus Menschengrunde, Aus mir geboren sein. Der schwarze Reiter Im Regengeprassel, im Windesrauschen/ Vorüber, vorüber/ Immer dem Einen nur muß ich lauschen: Vorüber! Wie düstere Pilger die Wolken ziehn Vorüber, vorüber. Wirbelnd des Waldbachs Wellen fliehn Vorüber. Aus kahlen Wipfeln hör ich es stöhnen: Vorüber, vorüber! Schaurig ein Echo im Herzen höhnen: Vorüber! Da hab ich gehastet, hoffend geharrt; Vorüber, vorüber! Fiebertraum hat mich gehetzt und genarrt; Vorüber! Wie Wasserwirbel mein Leben zerstieben; Vorüber, vorüber. Treu ist mir nur das Eine geblieben: Vorüber. Hei, meine Geschwister Regen und Wind! Vorüber, vorüber! Bin ja wie ihr des Irrwahns Kind/ Vorüber! Einen Reiter seh ich in Wolken traben; Bist du's, Vorüber? Den hagern Rappen umflattern Raben. Vorüber! Nun, dunkler Ritter? Willkommen, Tröster, Du herbes Vorüber! Mich dünkt, ich werde noch dein Erlöster, Vorüber. Wir stürmen ein Weilchen noch um die Wette, Vorüber, vorüber/ Und trotten zuletzt an ein friedlich Bette. Vorüber! Da wirst du die Morgenfanfare blasen, Mein Heiland, Vorüber: »Träumer, nun ist dein Reiten und Rasen Vorüber. Nur immer ins Weite langte dein Hasten: Vorüber, vorüber! So war dein Leben ein einzig Fasten/ Vorüber. Was du im Weiten nicht fandest, die Ruhe/ Vorüber, vorüber/ Hat Raum genug in der schwarzen Truhe. Vorüber!« Sternlose Nacht Gewölk hat umgebracht Den letzten Sternenfunken; In rabenschwarze Nacht Ist Fels und Tann versunken. Ich bin ein Erlenstumpf, Dran bleicher Moder glimmert, Ein gärend fauler Sumpf, Wo scheu das Irrlicht flimmert. Unheimlich düstre Welt, Du Tummelplatz für Toren! Bin gänzlich unbestellt In dich hineingeboren. Sag an, was hast du für Mit deinem bangen Kinde? Und hast du keine Tür, Wo ich den Ausgang finde? Gewölk hat umgebracht Den letzten Sternenfunken; In rabenschwarze Nacht Ist Fels und Tann versunken. Mein Leben schäumend rann, Ein Sturzbach zwischen Steinen. Was ich dabei gewann? O bitter möcht ich weinen! Einst ward ich schmuck und neu Als Menschlein eingekleidet. Doch alles Fleisch ist Heu, Und horch, die Sense schneidet. Ach wohl, die Jugend reicht Den süßen Taumelbecher. Doch Rausch und Minne weicht, Und Reue weckt den Zecher. Um jeden Bissen Brot Muß hart der Froner schanzen; Sonst hockt die hagre Not Auf seinem leeren Ranzen. Mach dich nicht gar zu breit, Du Herr im güldnen Hause! Ohn End ist Ewigkeit, Und schmal die letzte Klause. Poch nicht auf Ehr und Zier! Fortuna hat's geliehen. Der Hobler wird auch dir Ein Linnenkleid anziehen, Zum Pfühle untern Kopf Zwei Handvoll Spähne schieben ... Nun denke nach, du Tropf, Wie närrisch du's getrieben! Gewölk hat umgebracht Den letzten Sternenfunken; In rabenschwarze Nacht Ist Fels und Tann versunken. Und wie ich ratlos bang Ins dunkle Rätsel staune, Horch, sanfter Wiegensang, Ein wogend Waldgeraune: »Nur stille, Menschenkind! Was helfen deine Sorgen? Die Augen schließe lind! Derweilen wächst das Morgen.« Die Nacht hat ihren Tau, Auf daß der Maien blühe, Und aus dem Wolkengrau Entsprießt die Purpurfrühe. Soll nicht der Sagenstein, Wo wüste Tannen dunkeln, Ein Königspalas sein Und einst entzaubert funkeln? Zuvor im Puppenkleid, Will diese trübe Erden Am Glanz der Ewigkeit Ein Himmelsfalter werden. Und ob die Wolke hüllt Den letzten Sternenfunken, Dein Traum wird noch erfüllt: Du schaust/ von Sternen trunken. Herbstfäden In Fieberröte träumt der Baum Den letzten goldnen Sonnentraum. Der blaue Himmel lächelt Wie sanftes Leid. Horch, seltsam schnarrende Weisen! Die Wandergänse reisen, Zum Keil gereiht. Am Webestuhl die Spinne lauscht, Wie droben das Geschwader rauscht. Ihr wird so fernesüchtig, So bang zu Sinn. »O hätt ich schwirrende Flügel! Weit über blaue Hügel Flög ich dahin.« Und wie sie grübelt, wird ihr klar Ein Flugmaschinchen wunderbar. »Mein Werk soll mich erlösen! Drum frisch gewebt, Bis ob der braunen Heide Ein Segel aus weißer Seide Im Lufthauch schwebt!« Da segelt nun das kleine Ding, Wie Faust am Zaubermantel hing. So fand dein Spintisieren Nun doch den Pfad! Dich trägt, was du gesponnen, Zu Gärten neuer Wonnen. Heil deiner Tat! Heimweh nach der Ewigkeit Heilige Hochzeit O schwüler Traum von Lust und Minne! Ich wallte suchend durch das Land, Da hat die schöne Teufelinne Mit Schlangenblicken mich gebannt. Ein Irrwisch, hat sie mich verblendet Und hingeschleppt durch Nacht und Sumpf, Bis ich verzweifelt, halb verendet Zusammenbrach am Erlenstumpf. Ich fühl's, mein Leben ist verloren. Nur blinzelt noch das Augenlicht. Auf einmal blüht aus Wolkenfloren Der Sonne Rosenangesicht. Und meine Seele will gesunden; Vergessen ist der morsche Leib. So hab ich endlich dich gefunden, Ersehnte Braut, mein Sonnenweib! Der Gram entflieht; ein letztes Sorgen Umschleicht mich: daß ich wüst geträumt Und diesen hochzeitlichen Morgen Im Jugendwahne lang versäumt! Doch still! Ein Trost ist mir geblieben: Im Tod zu minnen, ward mein Loos! Ein Augenblick, erfüllt mit Lieben, Ist wie der Himmel tief und groß. Komm, Sonnenmund, du Hochzeitsbecher, Zum Abendmahle mir geweiht! Im Kusse sterbend saugt der Zecher Das Feuerblut der Ewigkeit. Laß trinken, trinken deinen Gatten/ Bis ihm die Seele feierstill, Ein Himmel ohne Wolkenschatten, Ein Sonntag, so nicht enden will. Selig sterben Wie drückend schwül der Sterbepfühl! Es muß geschieden sein ... O Sommernacht, ach flüstre nicht So lockend süß herein! Ihr Düfte blühender Linden, Wie muß ich bitter empfinden, Was ich versäumt! Weh mir! Auf meiner Wiese Viel tausend Blumen lohten, Die alle heimlich schmachtend mir Den Kelch der Liebe boten. Ich hab ihn nicht genossen! Ich wähnte, streng verschlossen Sei jeder Kelch. Und in mir glomm es jugendstark; Hätt ich vertraut der Glut, Die Sterne konnt ich keltern Und zechen ihr heilig Blut. Doch zwischen öden Wänden Hielt ich in darbenden Händen Das bleiche Haupt. Ich wühlte tief nach einem Schatz. Da tappte meine Hacke Vorbei an Goldes Adern Und biß sich fest in Schlacke. Am Ende bin ich worden Vom Eremitenorden Ein trüber Gast. O Sehnsucht, die in junger Brust Ich Tor ließ ungestillt, Wie loderst du im siechen Geblüte nun so wild! Wohlan, du magst im Sterben Um Liebeslust noch werben Mit heißem Kuß. Hinaus zum Garten! Schüchtern lock Der Haubenlerche Schlag. Mit rosa Knospen tastet Aus Wolkengrau der Tag. Ein Wollustschauer wittert Um Busch und Baum/ und zittert Durch meinen Leib. Und feierlich vom Leibe Streif ich das düstre Kleid. O kühles Bett im Blumenklee, Wo Perlentau mich weiht! Voll Inbrunst beug ich Rosen Vom Hag herab zum Rosen An mein Gesicht. Horch, Harfenjubel! Strahlend wallt Die Sonnenkönigin Zum Blumenbett/ und neigt sich Umfangend zu mir hin. An ihren Busen flutet Mein Sehnen und verblutet Im Hochzeitskuß ... Ja sauge meinen Odem In deinen Flammenschwall! Laß mich, ein Tropfen Sonnenblut, Wild pulsen durch das All! Heil mir! In alle Wonnen Versäumter Jugendbronnen Mein Schwelgen taucht. Klausners Trost Von Purpursonnenblitzen Des Forstes Lücken sprühn; Der Abendwolken Spitzen Wie Gletscherstirnen glühn In klaren Himmelsräumen Des Klausners Augen träumen, Vor Wehmut feucht. Da sitz ich nun gefangen/ Mein Kerker ist die Welt/ Und möcht emporgelangen Zum freien Lichtgezelt. Doch harte Fenstersprossen Behalten abgeschlossen Mich bis zum Tod. Wohl bin mit blonden Haaren Ich wie ein Frühlingswind Viel Wonnen nachgefahren/ O weh, ich töricht Kind! Spät unter Trauerweiden Lernt ich mich still bescheiden Und ward bekehrt. Mir kam von seligen Auen Die eine Gabe nur: Inbrünstig aufzuschauen Zur sternbesäten Flur. Aus trüben Kerkerschachten Zum Born des Lichtes schmachten Ist all mein Trost. Nun sei mir hochwillkommen Zur Andacht, lauschige Nacht! Verheißend ist entglommen Des Sterngewimmels Pracht: Endlose Weltenscharen Sollst, Seele, du befahren; Drum rüste dich! Einst wird dir aufgeschlossen Der Gitterzelle Tür; Du wandelst weißumflossen An Pförtners Hand herfür. Die Segelschwingen breite Und such in Ätherweite Die neue Welt. Der ewige Abc-Schütz Auf den Rücken geschnallt die nagelneue Mappe, Fibel und Schiefertafel unter der großen Klappe, Schwamm und Schieferstift bammelnd an Fädchen Trollt ich mit kleinen Knaben und Mädchen Zur Schule nach Abc -Schützen-Art/ Und war doch ein Greis, Mit Haaren schlohweiß Und wallendem Bart. Bald hockt ich auf niedriger Klassenbank Zwischen Ofen und Klassenschrank; Der Herr Lehrer saß auf dem Katheder. Laut und deutlich mußte nun jeder Aus der Fibel buchstabieren, Artikulieren, deklamieren. Vom plärrenden Chorus hallte das Zimmer: »I, m: Im! Im/ mer. Ni, m: Nim! Nim/ mer!« Ich stammelte mit, zerstreut, verlegen, Wagte kein Auge vom Buch zu bewegen, Wußte vor Scham mich nicht zu lassen. Was tat ich nur hier? Ich konnt es nicht fassen. Das Abc hatt ich längst kapiert, Hatte Bibliotheken durchstudiert, War Bücherverfasser, ein Denker, ein Dichter ... Was tat ich hier zwischen dem Fibelgelichter? Urplötzlich sah ich zu meinem Schrecken Des Herren Lehrers hochwürdigen Bauch Vor meinen Platz sich pflanzen und recken. »Nun, Brunochen«, sprach er, »sag du's auch! Ein kleines Blauveilchen ...?« Ich erhob mich verblüfft, mit Zittern und Zagen; Was sollt ich sagen? Ein kleines Blauveilchen? Auf einmal erwachte, Zeile für Zeilchen, Die Fabel aus meinen Kindertagen, Und ich konnte mechanisch sagen: »Ein/ klei/ nes/ Blau/ veil/ chen Stand eben erst ein Weilchen Unten im Tal am Bach.« Da dacht es nach und sprach: »Daß ich hier unten blüh, Lohnt sich kaum der Müh; Muß mich überall bücken Und drücken; Bin so ins Niedre gestellt; Sehe gar nichts von der Welt. Drum wär es ganz gescheit getan, Ich stieg ein bißchen höher hinan.« Und wie gesagt, so getan; Aus dem Wiesenland Mit eigener Hand Zieht es ein Beinchen nach dem andern Und begibt sich aufs Wandern. »Drüben der Hügel wär mir schon recht! Wenn ich den erreichen möcht, Könnt ich ein Stückchen weiter sehn; Dahin will ich gehn ... Dahin will ich gehn ... Will ich gehn ... '« »Ja«, sprach der Herr Lehrer, »da hapert's noch sehr. Gib künftig hübsch acht und lerne mehr!« Da stand ich alter Esel blamiert/ Und wär am liebsten retiriert In den Boden hinein ... Zu meiner Erlösung begann zu schrein Gellend die Glocke durchs Haus, Und/ die Schule war aus! Janhagel sprang mit Jubel und Tanzen Über die Bänke, griff Mütze und Ranzen Und lärmte in hundertfüßigem Trab Holterdipolter die Treppe hinab. Auf dem Hofe harrten voller Verlangen Mütter und Tanten ihrer Rangen. »Ich bin versetzt!« schrie ein kleiner Junge Triumphierend aus voller Lunge./ Versetzt? Wie ein Pistolenschuß Fuhr es mir freudig durch den Kopf: Heut ist ja Semesterschluß! Dann bin ich armer alter Tropf Wohl endlich versetzt zur höheren Klasse! Daß ich Träumer solche Eröffnung verpasse! Zu einem Klassengenossen trat ich, Klopfenden Herzens um Auskunft bat ich. Der aber höhnte mit Geträtsch: »Nee/ du bist sitzen geblieben/ ätsch!« Entsetzen durchschlotterte meine Glieder. Sitzen geblieben! Schon wieder/ schon wieder! Da wandte der Bengel sich lachend um: »Ist der aber dumm! Ist schon längst in der obersten Klasse Und will noch versetzt werden! Wie kannst du versetzt werden? Es gibt ja keine höhere Klasse!« Gibt keine höhere Klasse? Das Unbegreifliche, grob wie ein Sparren, Ließ alle Gedanken und Sinne erstarren. Gibt keine! Auf dem Schulhof stand ich in wirrem Traum, Schließlich allein mit dem Kästenbaum, Der im Herbstwind brauste und stöhnte, Sich dörrender Blätter entkrönte. Ich blickte hinan, durch Gittergezweige: »Sonne, wo bist du? Enthülle dich! Zeige Den Höhenpfad für mein Aufwärtstrachten! Den Quell, dahin meine Geister schmachten/ Aus dessen überirdischem Rauschen Sie unerhörte Kunst erlauschen; Zeige die höhere Klasse mir!« Ich schaute mich um und/ sah die Mauern/ Und mußte schluchzend zusammenschauern, Schüttelnd das Haupt/ wie König Lear: »Es gibt ja keine!« So bin ich erwacht. Ich zittre und weine. Es war nur ein Traum! Doch/ gibt es denn eine? Sternenfriede Auf allen Forsten, Wiesengründen/ Auf meines Grames Heimat/ lagert Nacht. Nur droben, droben jene Fernen Verklären sich, entzünden Die wundervollste Silberpracht Von Funkelsternen. O Sternenhimmel/ Du Weltengewimmel! Ihr dunkelblauen Lichtbesäten Auen Der Ewigkeit! Euch tief zu schauen Ist Seligkeit, Ist kühler Trost Für diese brennenden Wunden/ Die mir, erbost Gleich kläffenden Hunden, Die Menschenmeute schlug, um nun Mit sattem Hasse auszuruhn ... O Sternenhimmel/ Du Weltengewimmel! Milchstraße, ungeheuer, breit, Vielbuchtig wie ein ausgetretener Strom Durchquerst du die Unendlichkeit/ Welle an Welle, Nebel an Nebel/ Jede Welle ein Lichtermeer, Jeder Nebel ein Weltenheer. An des Lichtstroms Ufern blühn Große Sterne, schwefelflammenblau. Manche funkeln rot und grün Wie besonnter Blumentau. Sternschnuppen sprühn/ Leuchtkäfer auf dunkler Flur. Göttergleich auf hehren Thronen, Blitzen mit den Kronen Jupiter, Sirius, Arktur. Zum Polarstern, seit Äonen, Zielt der Wagen wie gebannt. Von Demant Flammt Orions Gürtelbild. Gemma, reizend, mädchenmild, Regenbogenbunt sich malend, Winkt dem Mars/ der fackelrot, Schlachten sinnend loht. Alle Schwestern überstrahlend Taucht der Liebe Stern mit Schneegefunkel Aus des Forstes ernstem Dunkel. Und wie feierliche, leise Hingehauchte Harfenweise Hör ich nun die Sterne klingen/ Mich im Auge/ sinnen, singen: »Sei still und lausche/ lauschend gleite Zum kühlen Rasen/ breit', breite Die Arme andachtsvoll empor! In Dunkelblau, in Silberschauer Laß taumlig deine Augen sinken Und dieser Kränkung letzte Trauer In unserm Ruhemeer ertrinken! Von Menschentorheit wund gesteinigt, Im Strahlenquell gesund gereinigt, Sollst du ein Heil der Erden, Ein stiller Weiser werden. Sei nur getreu der Sehnsucht, Die um den Frieden freit! Wer treulich schmachtend aufwärts schaut, Dem wird das Höchste angetraut In Ewigkeit, in Ewigkeit. Und Ewigkeiten sind nicht weit, Wenn fern entrückt ob Welt und Zeit Im Sternenliede Dein Sinn verschwimmt ... Der Sternenfriede, Der tiefste Friede sei mit dir!« Der verlorene Sohn Ein Mysterium Es sprach die Ewigkeit: »Nur still, ihr Kindlein, ruht! Bewahrt vor allem Streit, Bleibt Gottes Fleisch und Blut.« Doch ein Geschrei erwacht: »Laß uns geboren werden!«/ So wurden Tag und Nacht, Luft, Wasser, Himmel, Erden. Das Menschenkindlein sog Mit Auge, Mund und Ohr. Die Sondergier betrog, Daß es sein Herz verlor. Von Habsucht ausgefüllt, Denkt es der Herkunft kaum; Die Heimat liegt verhüllt, Vergessen wie ein Traum. Und wenn es rückwärts lauscht, Grüßt keine Mutter mehr; Und nur ein Garten rauscht, Ein wogend Wipfelheer. Mit lichtem Schwerte droht Ein Wächter vor der Pforte. Wie Blitz sein Auge loht; Wie Donner seine Worte: »Im Heim der Ewigkeit War einer bei dem andern. Die unrastvolle Zeit Läßt euch entfremdet wandern. O Wüste Einsamkeit, Wo jeder einzeln irrt! Die Völker sind entzweit, Die Sprachen sind verwirrt. Und weil um Rache schreit Vergossnes Bruderblut, Nun denn, ihr Mörder, seid Einander Höllenglut!« So grollt der Rachegeist. Doch horch, der Garten Eden, Er säuselt und verheißt: »Herbei! Ich heile jeden! Erlösung wird beschert, Wenn ihr, der Wüste leid, Euch reuevoll bekehrt Zur treuen Ewigkeit. Herbei, ihr Zagen! Kommt An meine Gartenmauer! Zu eurem Troste frommt Der ahnungsvolle Schauer. Wenn meine Wipfel raunen Und Nachtigallen singen, Will euch vor süßem Staunen Das volle Herz zerspringen. Und so sich zwei vereinen In Lieben und Erbarmen, Da halten sie mit Weinen Ihr Eden in den Armen.« Hahnenschrei Hahnenschrei. Wie sachter Nebelregen Rieselt Morgendämmern bleich vom Himmel; Baum und Giebel grau und geisterhaft ... Hahnenschrei im Dorfe hin und wieder/ Flüchtig Lallen einer Tagesahnung, Die den Schlaf der Allnatur durchschauert. Horch, Einsiedler! Deine schwere Wacht Geht zu Ende. Von der übernächtig Müden Stirne streife starre Sorgen, Streife deiner Sehnsucht rastlos Grübeln. Nur getrost! Die große Frühlingskraft, Die geheimnisvoll der Erde Busen, Wurzel, Knospentrieb und Menschenherzen Schöpferisch durchbebt/ sie pulset weiter, Braucht dein Sorgen nicht. Sie pulset weiter, Wenn dein Wächteraug auch bricht, und dunkle Todesflut den morschen Leib umspült. Ruhst du ewig doch im Mutterschoße; Da wird Todesflut zum Jugendborn. Hahnenschrei. Nun auf, Einsiedler! Lisch Endlich kummervoller Menschenliebe Fackel/ die so düster dir zu Häupten Schwelte diese lange, bange Nacht. Laß an sanfter Ruhe treuen Busen Deine aufgelösten Sinne sinken! Kühl und duftig um dein Lager wallen Fliederzweige ... Matter Hahnenschrei/ Letzter Scheidegruß von jenem dunkeln Ufer, das die Seele, wie ertrinkend, Doch so gern, verlor ... Ade, ade! Einmal taucht sie noch empor; und zwischen Schlaf und Wachen träumend, hört sie leises Lerchenzwitschern ... Vöglein, lieber Herold, Spürst du droben frischen Lebensodem, Neugebornes Licht, das aus der Nacht Rosenüppig blüht? Ja, Todesflut Ward zum Jugendborn! Und gläubig lächelnd Sinkt die Seele zum ersehnten Sterben In die dunkle Flut ... Wie süß, wie süß! Ich bleibe Durch die Nacht mit dumpfem Rauschen Treibt vorbei des Stromes Wut; Und mit träumerischem Lauschen Starr ich auf die dunkle Flut. Schattenhafte Kähne wallen Mir vorbei, in Nacht hinein; Liebe Stimmen, sie verhallen, Und die Strömung tönt allein. Ödes Schweigen, banges Dunkel! Schmerzlich irrt mein Blick empor. Da erblüht mit Trostgefunkel Ein Gestirn dem Wolkenflor. »Sieh, ich bleibe!« winkt sein Auge/ Und die bange Seele zieht Auf zu diesem treuen Auge, Wie ein Kind zur Mutter flieht. Wenn dereinst des Todes Grauen Dieses Herz umspült und bricht, Laß noch einmal dich erschauen Über Wassern, süßes Licht! Bis den letzten Liebesfunken, Der aus meinem Auge scheint, Deine Blicke aufgetrunken Und dem Sternenglanz vereint. Im Sarge Aus schwarzem Sarge starrt, Von Morgengrau erhellt, Ein Toter bleich und ernsthaft In die verlassne Welt. Ein müdes Schluchzen irrt Umher im Beigemach; Im starren Totenantlitz Wird keine Rührung wach. In Wonne bricht der Morgen Herein mit roter Glut, Begrüßt von Vogelzwitschern; Tief ernst der Tote ruht. Er starrt empor und grübelt, Wie es nur möglich war, Daß er von Lust und Leide Gebebt so manches Jahr. An eines Knaben Bahre Waldhäusers Lied Lebe wohl, verklärte Seele, Bis uns lacht ein Wiedersehn, Wann auch ich aus Staubes Höhle Darf zur Sternenheimat gehn. Liebreich ruft ein Hirt: »Willkommen Auf besonnter Blumenweid'; Lämmlein, bist mir angenommen In der Unschuld weißem Kleid.« Gnade uns, wir könnten alle Gleich so erdenledig sein, Daß wir zum Schalmeienschalle In den Frieden gingen ein. Träumen laßt mich, Funkelsterne, Hebt mich über Gräber weit! Ach ich traue dir so gerne, Heimweh nach der Ewigkeit! Flackerseelchen Am offenen Fenster Ein Flämmchen wacht, Es flirrt und flackert In wehender Nacht. Ein Windstoß würgt es; Da beugt es sich müd, Als ob ein blaues Blümchen verblüht. Aus lischt sein Auge; Ein letzter Strahl Hinan zum heiligen Sternensaal./ Arm Flackerseelchen, Du Bettelkind, Gern wärst du worden, Was Sterne sind. Mußt nun versprühen In Nacht und Tod. Jedoch getrost: Der Lichtborn loht! Dein Lichtborn droben, Die glühenden Sonnen, Dran heilige Sehnsucht Dir ist entbronnen. Und was du liebtest In armer Zeit, Dein Reichtum ist es In Ewigkeit. Der Sternenliebe Ergib dich ganz! So wirst du selber Zu Sternenglanz. Herbstwanderung Spürst du es herbsten, Wacholder? Tiefdunkel grünen die Erlen/ Doch Sonne küßt immer holder. Schwebt dorten nicht weiß Gespinnst? Ach, Silberhaar, schweifende Wehmut Ist all meines Sommers Gewinnst. Wacholder, dir bleiben die Nadeln. Laubherzlein mögen welken, Uns beide soll Winterleid adeln. Geistender Nebel auf Mooren. Du Welt hast heimliche Schlüfte; Wohin ging Jugend verloren? Muß Moder denn alles beerben? Hin rieseln die Augenblicke; Ach, alles Leben ein Sterben. Der Himmel mattrotes Gold. O bliebe doch eine Treue Dem Begrabenen ewig hold! Abendfunken verglimmen. Wie Flötenseufzer will endlos Mein Sehnen ins Weite schwimmen. Horch, säuseln nicht Friedhofs Cypressen? Ich weiß eine Seele der Seelen, Die kann kein Stäubchen vergessen. Wandervögel Wandergänse eilen/ Schnatterhaft Gewimmel Huscht in Schattenkeilen Über Mondscheinhimmel. Weicher Seelenlaut Bebt aus hartem Schnarren. Süßer Trost, zu lauschen Und emporzustarren! Treue Sonnensehnsucht, Die um Mitternacht Bei des Mondes Dämmern Rastlos suchend wacht! Was ich stumm verschlossen Hielt in meiner Klause, Raunen Gramgenossen In das Herbstgebrause. Weil ihr Heimatland Nebeltrübe worden, Flüchten sie mit greller Klage aus dem Norden. Doch in lichten Träumen Glaubt ihr fromm Gemüt An ein Südenland, Wo die Sonne blüht. Von der Sehnsucht Schrei Wie bezaubert, schwanken Raschelnd vor dem Fenster Wilden Weines Ranken. Auch das arme Laub Träumt von einem andern, Milden Land und möchte Mit den Vögeln wandern. Durch die Adern schauert Zehrende Fieberglut; Und in Schwärmerwahn Lodert es wie Blut. Fliegen will's und/ taumelt Todesmatt hinab ... Ach, sein Südenland Ist ein Modergrab. Warum bangst du, Herz? Hast du nun erkannt, Daß mit Laub und Vogel Schmachtend du verwandt? Kommen wird ein Herbsttag, Wo du glühst wie Laub Und mit deiner Sehnsucht Taumelst in den Staub. Doch vor lauter Treue Stirbt die Sehnsucht nicht; Aus gesunknem Laube Flattert sie zum Licht, Flattert jauchzend/ wie ein Vogel, der zum Land Seiner Sonnenträume Nun die Richtung fand. Pilgerfahrt Durch dunkle Grabzypressen haucht Geheimnisvolles Raunen; Aus weißen Fliederdolden taucht Der Mond mit scheuem Staunen. Und sieh, vom frischen Grabe Hebt sich der Marmelstein, Die Höhlung klafft/ ein bleicher Mann Ersteht im Silberschein. An seine wirre Stirne greift Der Tote schlummertrunken; Und wie sein Blick die Tafel streift, Da stutzt er, bohrt versunken Das Aug in seine Grabschrift Und starrt/ bis an sein Ohr Ein Hahnenschrei vom Dorfe gellt; Da fährt er jäh empor. Zum Dörflein heimwärts will er gehn/ Wie ehedem/ und zaudert Und bleibt am Friedhofzaune stehn, Von fremder Scheu durchschaudert: »O Pilger, laß, was drüben liegt, Wo sattsam du gegangen! Auf neuen Pfaden weide Geläutertes Verlangen!« Bei Büschen, Hügeln, Dorf und Au Verweilt sein Aug mit Grüßen, Ade! und schwimmt in Tränentau. Und wie er nun dem süßen Trostliede lauscht der Nachtigall, Da sucht er eine Gruft Und küßt von weißer Rose Erinnerungsvollen Duft. »Zur Rüste, Pilger! Was so schwer Dir lastet auf dem Herzen, Tu ab von dir! und schürfe leer Dein Herz von Schutt und Erzen! Was du gelebet/ Schutt und Erz/ Sei nun gerecht gerichtet Und hier auf deiner Tafel, Zwei Hüglein, aufgeschichtet!« Er wiegt das Haupt in stummem Weh/ Das gilt dem Schlackenhügel. Doch aus dem andern, rein wie Schnee, Formt er zwei Schwanenflügel; Die fügt er an die Schultern Und spannt sie breit und hehr, Ein kühner Weltensucher/ Hinaus zum Sternenmeer. Bruno Wille Der heilige Hain Nachwort des Verfassers Neben bisher ungedruckten Gedichten enthält »Der heilige Hain« eine Auslese aus meinen Büchern »Einsiedler und Genosse« (Verlag von S. Fischer, Berlin), »Einsiedelkunst aus der Kiefernheide« (Schuster und Löffler, Berlin), »Offenbarungen des Wacholderbaums, Roman eines Allsehers« (E. Diederichs, Jena). Die Lieder der »Abendburg« klingen in der Mundart des dreißigjährigen Krieges und im Sinne eines Suchenden, der sich von Schatzgräberei und Alchymie zum Bereiten des innerlichen Goldes bekehrt. Die Zusammenstellung meiner Gedichte soll nicht bloß des Verfassers Persönlichkeit kennzeichnen, sondern unserm Zeitalter etwas von dem bieten, was der Titel andeutet. Der heutigen »Kultur«, die im Wesentlichen eine äußerliche ist, auf Bewältigung und Ausbeutung der Materie gerichtet, möchte ich eine innerliche Bildung gegenüberstellen. Aus den wüsten Steinhaufen unserer Städte, aus Unnatur und Unwahrheit, aus erschöpfender Frohn und Hast, aus Sinnentaumel und Zerstreuung kann uns die Sehnsucht retten in den Hain, wo Genußsucht und Ichsorge durch Andacht und Liebe abgelöst werden, wo Baum und Fels, Wellen und Wolken unsere Geschwister sind, wo wir kindlich vertrauen dem gemeinsamen Urquell und sei nem Schöpfersinn, und wo der Schönheit Gesichte Kraft spenden, der Menge Qual zu lindern und den Erlöser in uns zu wecken. Möchte der Hain mit seinem Rauschen manche Menschenseele locken, die nach Trost und Heil verlangt! Bruno Wille Friedrichshagen b. Berlin, November 1908