Der Menge Qual Arme Leute Bei düstern Heidekiefern Stehn spärlich magre Ähren, Sie saugen an dürrem Sande, Verzweifelnd, sich zu nähren. Da kauert ein lehmig Häuschen Mit Düngerhaufen und Karren. Kläglich meckert die Ziege, Und struppige Hühnchen scharren. Aus der Türe humpelt ein krummer Kleinbauer, emporzuspähen Zur bleiern schleichenden Wolke, Zu hungrig krächzenden Krähen. Nur karge Mitleidszähren Vermag die Wolke zu schenken; Dann schleicht sie trübe weiter, Ohne Kraft, zu tränken. Selber arm und traurig, Folg ich der weinenden Wolke Und denk an arme Leute Und leide mit meinem Volke. Die Sonnenblume Auf sandiger Heide am Kiefernforst Kauert ein Häuschen gedrückt, An Fenster, Dach und Lehmgewand Verwahrlost und zerstückt. Des bretternen Stalles Türe klafft; Verloren sind Schafe und Ziegen. Im Dünger ein letztes Hühnchen scharrt, Mürrisch brummen die Fliegen. Und in der Stube da quarrt das Kind, Das Weib, das zornige, schilt, Des Häuslers Stimme vom Trunke rauh Lästert dazwischen wild .... Am Fenster die schlanke Sonnenblume Erbebt in heimlichem Leid. Aus Schutt und Unkraut strebt sie scheu Und starrt in die Ferne weit. Dort hinter vergilbtem Kartoffelkraut Und blondem Stoppelhaar Erglänzt der Himmel wie mattes Gold, Wie Feiergesang so klar. Dort loht aus überirdischem Licht Eine andere Blume: die Abendsonne. Sie neigt sich zu Grab. Wer die heilige liebt, Sauge noch einmal einzige Wonne! Und die Sonnenblume, am Glutenball Hängt schwärmerisch starr ihr Angesicht, Ihr gelbumkränztes Träumergesicht, Selig ertrunken im Purpurlicht. So steht sie, bei Nesseln an wüster Mauer, Wie bebende Arme die Blätter gebreitet ... Versunken die Sonne ... Hinterdrein gleitet Ein Schmachten hinunter mit Todesschauer. Entzauberung Dort drüben liegt sie/ riesenbreit erstreckt Und vielgezackt zum Wolkengrau gereckt: Die steinern fahle Stadt/ von hunderttausend Tagwerken murrend und erbrausend. Ein Dunst umhüllt die Dächer, rußig, bleiern: Der Schlote Ausgeburt/ die noch nicht feiern. Und doch schon murmeln von der Vesperstunde Die düstern Türme mit dem Glockenmunde. Wie dort der Häuserwall, der Vorstadt-Rumpf, Aus fünfgezeilten Fenstern stumpf Herüberstarrt zum braunen Ackergrund, Wo, schmutzigrot die Mauern, Zwei qualmende Fabriken kauern. Horch, die Maschine heult das Vesperzeichen. Da rinnt aus dem Fabrikentor Ein langer Zug von Arbeitsvolk Den Ackerweg dahin, zur Stadt. Und sieh, die Häuserstirnen rötet matt Der Abendwolken Widerschein. Auf einmal quillt der Feuerball herein Aus einem Wolkenriß und überflutet Die Landschaft, daß sie golden glutet. O Zaubertat! Die Stadt mit ihrem Dunst Liegt nun verklärt, von Purpurduft umflossen: Ein Hügel, drum in ungestümer Brunst, Aus grauem Dorn, blutrote Rosen sprossen. Und sieh nur, wie die Scheibenzeilen strahlen, Mit rotem Blitz das Sonnenfeuer malen! Wie alle Häuser, alle Fensteraugen, Mit heißem Durst die Purpurquelle saugen Und saugend immer lichter sich verklären/ Als ob sie fluchbeladne Schlösser wären, Die für ein karges Weilchen von der bösen Verwünschung sich erlösen. Und sie betrachtend voller Staunen, Hör ich die Häuser gramvoll raunen: »Verwunschene Schlösser, verfluchte Mauern, Ach wohl, das sind wir! Müssen ja trauern In düstrer Öde jahraus jahrein, Hilfloses Grauen im lahmen Gebein. Durch Kerkerräume Gespenster poltern, Viel arme Menschenseelen zu foltern, Mit teuflischen Zangen, mit Dürsten und Fasten, Mit knechtischen Ketten, unmenschlichen Lasten. Auf faulem Stroh die Armut kauert, Verzehrt von Fieber und frostdurchschauert; Das Auge irrt, Es ringen die Hände. Doch fledermausig Die Sorge schwirrt Um unsere grausig Verdammten Wände ... Fluch und kein Ende! Nur manchmal naht die Gnadenstunde, Wo die purpurne Sonne mit küssendem Munde Die Stirn uns rührt und an jenen gemahnt, Den unsere Seele erschauernd ahnt: Den Strahlenbräutigam wundervoll, Den starken Helden, der kommen soll, Aus gespenstischer Not, aus Nacht und Ketten Auf ewig uns zum Lichte zu retten.« So klagten die Verfluchten. Und der Scheiben Rot Ward düster und erstarb in matten Funken. In Stumpfheit lag die Stadt zurückgesunken: Ein Schlackenhaufen, Schwarz/ und kalt/ und tot. Die kommende Sonne Es brennt in meinem Hirn Ein Traum mit gärender Glut, Wie hinter Vesuvius' Felsenstirn Der Erde fieberndes Feuerblut. Ich träume die kommende Sonne. Und wie des Meeres Flut empor Zum lockenden Monde schwillt, Wallt meine Seele schmachtend Dem angebeteten Traumgebild Entgegen, der kommenden Sonne. In stummer Nacht, dem weichen Arm Der trägen Ruh entwunden, Wälz ich mich mit heißem Sehnen, Fülle mit Grübeln zögernde Stunden; Ich harre der kommenden Sonne. Vom Lager fahr ich wild empor, Wissende Bücher aufzuschlagen. Ihr starren Züge, laßt mich lesen: Wann wird umnachteten Völkern tagen Die selig machende Sonne? Es treibt mich auf die Gassen hinaus; Da atmen die Gassen Moderluft; Ein steinerner Sarg jedwedes Haus, Die Stadt eine riesige Gruft. Erbarme dich, kommende Sonne! Und schaudernd durch das Tor der Gruft Flücht ich hinaus auf offenes Feld Und spähe, ob die finstre Luft Nicht endlich Morgengrau erhellt. Ich ahne die kommende Sonne. Und sieh, des Lichtes Halme schießen Empor vom fernen, dunkeln Lande, Wie hinter schwarzem Schildesrande Blutige Speere sprießen. Das sind die Speere der Sonne! Da weicht der Drache der Verwesung Von seinem Nest, der Völkergruft; Er faltet die zackigen Flügel Und kriecht entsetzt in seine Schluft. Preis dir, siegende Sonne! Nun taucht aus rosenbesätem Gewölk Empor der rollende Feuerball. Da zittert die Erde, da bersten Die Riesensärge mit Donnerschall. Preis dir, erlösende Sonne! Die toten Völker stehen auf Und baden im goldig strömenden Licht; Die Leiber blühen schön und stark, Und geistig strahlt das Angesicht. Preis dir, erweckende Sonne! Die Erde schimmert wie eine Braut Im Schmuck der Blumen und Seen; Hinter üppig grünenden Hainen Marmorhäuser erstehen. Preis dir, verklärende Sonne! Und aus den Toren der Marmorstadt Wallt des Volkes festliche Schar, Bringt Fahnen, selige Lieder, Trunkene Blicke zum Opfer dar Der entzückenden Göttin Sonne. So brennt in meinem Hirn Der Traum mit gärender Glut, Wie hinter Vesuvius' Felsenstirn Der Erde fieberndes Feuerblut. Ich träume die kommende Sonne. Die Wolkenstadt Über rußbestaubten Dächerwogen, Straßendunst und dumpfem Werkgetose, Über all dem bang beladnen Volke Schwebt die Wolke Blendend weiß/ wie eine Riesenwasserrose Über schwarzem Moderkolke. Und hernieder blickt die Reine In den düstern Hof, wo zwischen Mauern, Ungeliebt vom Sonnenscheine, Ein gebeugtes Weib die Jugend muß vertrauern Bei der Nadel fieberhaftem Rasseln. Blasses Weib, erhebe dein Gesicht Zu der Wolke hehrem Licht! Und ihr Werkelmänner arbeitsheiß, Laßt das Hämmern, laßt des Schwungrads Treiben! Tretet an die trüben Werkstattscheiben, Trocknet von der Stirn den Schweiß, Andachtsvoll den Blick erhoben Zu der weißen Wolke droben! Alle, die durch graue Gassen Grübelnd hasten und einander hassen Um ein karges, hartes Brot/ Die um armen Leibes Not In das Morgen schaun mit Bangen/ Die gebrochen und verlassen Hüsteln mit gehöhlten Wangen/ Die den Tod verzweifelnd suchen, Oder hinter Eisenstangen Schmachtend fluchen/ All die Fensteraugen jener langen Häuserzeilen sollen aufwärts schauen Zur verklärten Wolke. Ruhevoll im wasserblauen Himmel schwimmt das selige Eiland, Blendend weiß Wie ein Alpenberg mit keuschem Eis; In den Tälern Hyazinthenfelder, An den Hängen Apfelblütenwälder; Alabasterne Paläste Schimmern durch die rosa Äste; Und auf sanften Taubenschwingen Schwebt ein Klang wie Kindersingen. Doch wo weilen sie, die auf den Himmelsthronen Frei wie Götter wohnen? Dort an weißer Hügel Rändern Stehen sie in wallenden Gewändern Engeln gleich. Und sieh, die Einen Hüllen ihr Gesicht und weinen, Andre schauen starr und trauernd Oft zusammenschauernd, Wie entsetzt, hernieder Auf der Weltstadt wüste Riesenglieder, Die in Staub und Sünde angstvoll keucht. Und in liebendem Erbarmen Möchten sie die Stadt umarmen: »Arme trübe Schwester, hebe Deinen Blick zu uns und schwebe Sehnsuchtsvoll empor/ Wie ein frisch erblühter Silberfalter Sonnetrunken aufwärts fliegt, Während grau und leer sein alter Puppenschrein im Staube liegt.« Straße An düster ragenden Häuserwällen Durch flammenbesäte steinerne Schlucht Branden die rasselnden Wagen, die Menschen/ Wie Wellen in klippiger Meeresbucht. Der rote Vollmond taucht empor. Die Menge wühlt und drängt und stößt; Jedweden kümmert nur seine Not/ Wie auf dem Deck des lecken Schiffes, Das in den Tod zu sinken droht. Der rote Mond schaut düster drein. Auf glattem Bürgersteige kauert/ Gleichwie am Felsenriff das Wrack/ Ein Mann mit vorgesunknem Kopfe, Zur Seite einen Lumpensack. Der Vollmond blickt mit düstrer Glut. Die Leute auf dem Bürgersteige Treiben vorbei und blicken kalt; Die Straßenbahn beglotzt im Rollen Mit grünem Auge die Gestalt. Der rote Mond schaut düster drein. Dort drüben lockt die blutige Flamme Dem Schnapswirt manchen Gast ins Haus; Und öffnet sich die Schänke dunstig, Dringt Schelten und Gejohl heraus. Der Vollmond blickt mit düstrer Glut. Des Handelshauses Fensterreihe Ist noch vom Gaslicht grell erhellt; Papier und Pult und blasse Schreiber; Der Chef durchzählt des Tages Geld. Der Vollmond blickt mit düstrer Glut. Nun heult vom Hofe die Maschine Zur Vesper; da entläßt das Tor Viel arbeitsmatte Blusenmänner; Nur der Fabrikschlot stößt empor Zum roten Monde schwarzen Rauch. Ein würdiger Bürger kommt geschritten, Den Lump am Steige trifft sein Blick; Entrüstet mit dem Kopfe schüttelnd Geht er zu Bier und Politik/ Und zornrot glüht der volle Mond. Aufruhr der Lüfte An meinem Lager hält die Nacht Schweigend ihre Leichenwacht. Nur draußen über Häuserdächer streift Ein ruheloser Luftgeist/ Wie Trauergewandung Über Sargesdeckel schleift. Unter den Dächern Modert es zahllos/ Wie unter herbstlichen Bäumen Gestorbenes Laub ... Die Völker sind tot! Wohl sickert warmes Blut Durch ihre Adern, Wohl heben sie im Morgengrau Augenlider und Häupter; Doch mürrisch wie Gefangne. Und mürrisch strömt es durch die Straße Zu kerkerhaften Mauern, Wo Menschenleiber sich wandeln Zu Räderwerk und Balken, Zu stumpfen Riesenmaschinen, Die stampfen, schaffen und stampfen, Bis draußen der sonnige Tag Wehmütigen Blicks zur Neige geht. Und wieder auf die Straße strömt es, Auftun sich die dumpfigen Häusersärge, Die Völker strecken sich nieder Und liegen tot. Nur heimlich in den Häupten Keimen Träume/ Wie krankhaft bleiche Keime An Wurzelknollen, die im Keller lagern, Sehnlich tasten Nach lauem Sonnenbade. An meinem Lager hält die Nacht Finster ihre Leichenwacht. Doch draußen ob den Dächern Geht ein Seufzen; Zum Stöhnen wird es, Zu murrender Klage. Zornig stößt ein Wind das Haus, Ein andrer Wind heult auf; Bedrohlich brausend Stürmt es heran, Tobende Aufruhrrotten. Türe schlottert, Fenster rasselt, Luke klappt, Dachsparren knarren, Losgelöste Ziegel scharren Übers Dach und krachen auf das Pflaster. Aus schnarchendem Schlaf, aus trägen Federn Schrickt der Bürger empor. O horch, Wie's im Kamine schaurig heult Und durch den Türspalt zischt: »Herbei, und schlüpft in die Kammer! Blaset den Narren, blaset!« Und wie am Kirchturm droben Die Wetterfahne ängstlich kreischt/ Bis ein wuchtiger Windstoß Von verbogener Stange Die Rostige abbricht; Sie schollert übers Kirchendach Und prasselt auf das Pflaster Vor Pfarrers Fenster. Der Straßenwächter fährt zusammen, Entweicht zur nahen Haustür Und schmiegt sich fröstelnd in die Nische. Drüben an der Anschlagsäule Zerren spöttische Geister Am Papierbefehle Der hohen Obrigkeit Und wirbeln den Fetzen mit Straßenspreu. Hinter der Mauer im Hofe Hebt der einsame Baum Zu den Lüften flehende Arme Und stöhnt und wimmert: »Nehmt mich mit! Reißt mich aus! Fort aus steinerner Wüste, Aus dumpfigen Kerkermauern Hinaus ins himmlische Freie Zu sonnefrohen Geschwistern!« Gefangen Nachtodem braust mit Regen und Schlossen Und haucht herein durch die Kerkersprossen. Drin lehnt ein heißes Haupt an der Mauer; Das kostet die Kühle mit süßem Schauer. Es lauscht dem wilden Rütteln und Dröhnen Des Sturmes, dem langgezogenen Stöhnen. Es lauscht, wie der Regen vom Dache rinselt, Wie die Traufe im Hofe schluchzt und winselt. Es lauscht, wie ferne die Föhren sausen, Und am Seegestade die Wellen erbrausen. Nun horch/ da nahen hurtige Schläge Von Rosses Hufen auf nächtlichem Wege. Vorüber stürmt galoppendes Reiten, Hinaus in geheimnishüllende Weiten ... So lauscht ein heißes Haupt an der Mauer Und kostet die Kühle mit süßem Schauer. Nachtodem braust mit Regen und Schlossen Und haucht herein durch die Kerkersprossen. Vorstadtlerche Stumm lag die Straße, unter schwarzem Laken. Verschlafen blinzten die Laternenflammen; Die öden Pflastersteine schraken Vor meinem Schritt zusammen. Doch mir im Haupte brandete das Blut, Und üppig blitzten die Gedanken/ Des Hochgespräches kühne Brut, Bei dessen wild erhabener Glut Ich mit den Freunden saß, in feierlicher Nacht ... Und staunend schaut ich die Gedankenpracht Und fühlte staunend meines Herzens Weihe; Und meine Seele wuchs zu hehren Sternen Wie Rauchschwall wirbelnd sich gen Himmel breitet. Und wie ich schlafen sah die dunkle Häuserreihe, Bedünkt ich mich ein Heiland, Der liebewach sein schlummernd Volk durchschreitet. Doch als ich öffnete des Hauses Tor, Da gähnte schwarz das Haus wie eine Gruft. Und als die finstern Treppen ich empor Getastet bis zum Stockwerk unterm Dach, Da hauchte mir das enge Schlafgemach Entgegen drückend schwüle Luft. Beklommen streckt ich mich zu Bett Und suchte Schlaf. Doch heiß war meine Stirn, Und rastlos grübelte das müde Hirn. Dann aus der dunkeln Ecke kam geschlichen Die Angst und kroch mit ekler Gier empor Und drückte meine Brust und würgte mich; Und meine Glieder waren totenstarr. Und eine Stimme raunte mir ins Ohr: »Ohnmächtiger Narr! Der du ein Held, Ein Heiland dich bedünkt, Da liegst du nun gefällt, Von meiner Faust gefaßt/ Wie all dein kummerbleiches Volk, Das hingestürzt von Tageslast Rings unter dumpfen Dächern modert ...« Und wie es zischelnd höhnte, Und wie, bedrückt vom Alb, Ich röchelte und stöhnte, Da brach mein Herz, Da sank' mit hohlem Dröhnen Mein Sarg in schwarze Erde ... Der Deckel preßte meine dumpfe Stirn, Und die Gedanken wurden starr im Hirn. Was zwitschert heimlich in der Ferne So süß und morgenfrisch? Was spür ich wie ein Liebchen schleichen Vom Fenster durch das lauschig stille Zimmer? Bist du es, Frühlicht? Ja, du bist es, Liebchen! Schon grüßen mich mit geisterhaftem Schimmer Der Tisch, das Polster und die Uhr ... Ihr bleichen, Aus Nacht erstandnen Freunde! Ja, es tagt! Wie wonnig meine nachtgequälten Augen Des Lichtes zarte Rieselquelle saugen! Und wie in lichtgetränkten Wolkenräumen Die Lerche trunken taumelt! O laß mich lauschen, laß mich träumen, Zärtlicher Vogel ... Die bange Nacht Verschlief dein Köpfchen, flügelgeborgen, In dunkler Ackerfurche der Vorstadt. Doch als mit hauchendem Kusse der Morgen Dein Flaumkleid rührte, bist du erwacht Und sehnsuchtsvoll auf schlafgestärkten Flügeln Emporgeschwirrt zu frischen Lüften/ Wo zwischen grauen Wolkenhügeln Aus rotbesäumten Schlüften Des Tages Goldflut bricht. Und auf zum jungen Licht Mit nie versiegender Liebeslust Jubelt die schwärmende Sängerbrust: »Wie bist du süß! Wie bist du süß!« O Lerchenlied, du Labequell! Laß Trillerperlen funkelhell Auf dürre Seelenauen Mir niedertauen! Du Flatterpunkt im Blauen Bist stärker als mein Flügelschwung, Der rückwärts sank in Nacht und Grauen. Vom glutverklärten Fenster lauscht Mein trostverschmachtet Ohr Erquickt zu dir empor. Nun trage durch das Morgentor Den Hingegebnen, hilflos Matten Von bangen Straßenschatten Empor, empor/ Du lieber kleiner Heiland/ Zu seligem Ruhe-Eiland. Der Mohnkopf Im herben Wind am Dornenzaun Bei toten, raschelnden Ranken, Verödet muß dies Greisenhaupt Die trüben Tage durchwanken/ Und aschendürr und aschenfahl, Von Gram gebeugt, hinab Zur wüsten Erde starren: Du meiner Hoffnung Grab! Ach wohl, im Sommer, als flammend heiß Im Blauen die Sonne stand, Da war von üppigen Träumen Mein jugendlich Haupt entbrannt. Ich loderte glutig und dünkte mich selbst Solch herrlicher Flammenbronnen Und wollt im Herbste Garten und Flur Besäen mit roten Sonnen. Doch als er kam, der Herbst/ da ward Ich zage wie welkend Laub. Und als ich neigte mein Haupt zur Saat, Da war manch Körnlein taub. Und etliches fiel auf dürr Gestein; Der Vogel hat es gepickt. Und etliches wird, wenn es keimt, zertreten Oder von Dornen erstickt. Und etliches hat der barsche Sturm Geschleudert, weiß nicht wohin; Auch den vermessenen Jugendtraum Gezaust mir aus dem Sinn. Nun steh ich hier am Dornenzaun Bei toten, raschelnden Ranken Und muß mit ödem Greisenhaupt Die trüben Tage durchwanken ... O Jugend, du fliegst kühn und rasch, So wie die Schwalbe schnellt. Doch gleich der Schnecke träge schleicht In Ewigkeit die Welt. Ich will Hoch stand ich auf dem Dach/ und sah Seltsamste Morgenglut: Rings wogte über die Häuser hin Ein Meer von Brand und Blut. Wild brüllte die schwarzrot qualmende Schlacht; Mit zornigem Knattern schossen Behelmte Feinde zu uns empor. Doch es trotzten fest die Genossen, Wie Felsen im schlagenden Hagelsturm. Verheerende Bomben schwangen sie Und manchmal durch das Schlachtgetos Die Marseillaise fangen sie. Ihr wollustgirrendes Mordlied pfiff Eine Kugel an meinem Ohr; Da bäumte sich meine Seele jäh Gleich wütiger Schlange empor. Den Sprengball zückte die krallende Faust Nach den feindlich stürmenden Massen Und schmiß des Todes reißende Saat Hinunter mit jauchzendem Hassen. Und dumpf ... ...Ein Rollen, ein Peitschengeklatsch Und Getrappel/ goldflirrender Schein; Und sieh, die Morgensonne strahlt Zum offenen Fenster herein. Im Bette lieg ich/ es war ein Traum! Nicht Kugeln, die Schwalben girren Und schießen um mein ländliches Dach. Und droben im Mattblau schwirren Lichtfrohe Lerchen. Durch tauige Flur Trabt munter das Pferd mit dem Wagen; Drauf sitzt der junge Bauer und schmaucht Sein Pfeifchen mit Behagen Und fährt so sicher hinein in die Welt ... Ich aber, ich seufze und schwanke Und bin auf bangem Lager hier Ein zweifelnder Gedanke. Noch hält der Zorn, der glühende Traum Mein Herz in banger Stockung, Und schon umschmeichelt mich so süß Des Lebens liebliche Lockung. Da schwindelt mir; Verwirrung, Scham, Sie überfluten heiß mich; O ich vermessner, armer Tor! Was bin ich? Und was weiß ich? Ich bin nur ein Halm im wogenden Feld Und wähnte, ich sei das Feld; Und ich wanke, schwanke in Lieb und Haß, Und mir däucht, ich bewege die Welt. O ich Irrtum und schwächlicher Widerspruch! Und doch! Was hier erwacht So grimm und kühn, ist Irrtum nicht, Ist Zwietracht nicht, ist Macht. Ich bin die einige Macht, bin Lieb Und Haß mit einem Male, So einig wie Kastanienfrucht und ihre Stachelschale. Und die hassende Liebe, der liebende Haß, So in mir gärt und schafft, Das ist der Menschheit Lebensdrang, Ist die weltbewegende Kraft. Ich will! Und dieser Kraftstrom wird Durch alle Zeiten wallen, Wird Arme breiten sehnsuchtsvoll Und Fäuste drohend ballen. Ich will! Und wenn mein trotziger Mund Auch längst im Tode schwieg, Ich will! Und ewig ist mein Kampf, Und ewig ist mein Sieg!