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            <title>Warum gabst du uns die tiefen Blicke</title>
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         <publicationStmt>
            <idno type="handle">hdl:11858/00-1734-0000-0006-6128-1</idno><idno type="TextGridUri">textgrid:11dsf.0</idno><availability>
               
               <p> Der annotierte Datenbestand der Digitalen Bibliothek inklusive Metadaten sowie
                                   davon einzeln zugängliche Teile sind eine Abwandlung des Datenbestandes von
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               <p>
                  <ref target="http://creativecommons.org/licenses/by/3.0/de/legalcode">Lizenzvertrag</ref>
               </p>
               <p>
                  <ref target="http://creativecommons.org/licenses/by/3.0/de/"> Eine vereinfachte
                                   Zusammenfassung des rechtsverbindlichen Lizenzvertrages in
                                   allgemeinverständlicher Sprache </ref>
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                  <ref target="http://www.textgrid.de/Digitale-Bibliothek">Hinweise zur Lizenz und zur Digitalen Bibliothek</ref>
               </p>
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         <notesStmt>
            <note>• An Charlotte von Stein
                                 
                                    Entstanden 1776, Erstdruck 1848.
                                 </note>
         </notesStmt>
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            <biblFull>
               <titleStmt>
                  <title>Johann Wolfgang von Goethe: Berliner Ausgabe. Herausgegeben von Siegfried Seidel: Poetische Werke [Band 1–16]; Kunsttheoretische Schriften und Übersetzungen [Band 17–22], Berlin: Aufbau, 1960 ff.</title>
                  <author>Goethe, Johann Wolfgang</author>
               </titleStmt>
               <extent>75-</extent>
               <publicationStmt>
                  <date when="1960"/>
                  <pubPlace>Berlin</pubPlace>
               </publicationStmt>
            </biblFull>
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               <term>verse</term>
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                                    <pb type="start" n="210" xml:id="tg696.3.1.2"/>An Charlotte von Stein</head>

                                 <lg>
                                    <l xml:id="tg696.3.2">Warum gabst du uns die tiefen Blicke,</l>
                                    <l xml:id="tg696.3.3">Unsre Zukunft ahndungsvoll zu schaun,</l>
                                    <l xml:id="tg696.3.4">Unsrer Liebe, unserm Erdenglücke</l>
                                    <l xml:id="tg696.3.5">Wähnend selig nimmer hinzutraun?</l>
                                    <l xml:id="tg696.3.6">Warum gabst uns, Schicksal, die Gefühle,</l>
                                    <l xml:id="tg696.3.7">Uns einander in das Herz zu sehn,</l>
                                    <l xml:id="tg696.3.8">Um durch all die seltenen Gewühle</l>
                                    <l xml:id="tg696.3.9">Unser wahr Verhältnis auszuspähn?</l>
                                 </lg>
                                 <lg>
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                                    <l xml:id="tg696.3.11">Ach, so viele tausend Menschen kennen,</l>
                                    <l xml:id="tg696.3.12">Dumpf sich treibend, kaum ihr eigen Herz,</l>
                                    <l xml:id="tg696.3.13">Schweben zwecklos hin und her und rennen</l>
                                    <l xml:id="tg696.3.14">Hoffungslos in unversehnem Schmerz;</l>
                                    <l xml:id="tg696.3.15">Jauchzen wieder, wenn der schnellen Freuden</l>
                                    <l xml:id="tg696.3.16">Unerwart'te Morgenröte tagt.</l>
                                    <l xml:id="tg696.3.17">Nur uns armen liebevollen beiden</l>
                                    <l xml:id="tg696.3.18">Ist das wechselseit'ge Glück versagt,</l>
                                    <l xml:id="tg696.3.19">Uns zu lieben, ohn uns zu verstehen,</l>
                                    <l xml:id="tg696.3.20">In dem andern sehn, was er nie war,</l>
                                    <l xml:id="tg696.3.21">Immer frisch auf Traumglück auszugehen</l>
                                    <l xml:id="tg696.3.22">Und zu schwanken auch in Traumgefahr.</l>
                                 </lg>
                                 <lg>
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                                    <l xml:id="tg696.3.24">Glücklich, den ein leerer Traum beschäftigt!</l>
                                    <l xml:id="tg696.3.25">Glücklich, dem die Ahndung eitel wär!</l>
                                    <l xml:id="tg696.3.26">Jede Gegenwart und jeder Blick bekräftigt</l>
                                    <l xml:id="tg696.3.27">Traum und Ahndung leider uns noch mehr.</l>
                                    <l xml:id="tg696.3.28">Sag, was will das Schicksal uns bereiten?</l>
                                    <l xml:id="tg696.3.29">Sag, wie band es uns so rein genau?</l>
                                    <l xml:id="tg696.3.30">Ach, du warst in abgelebten Zeiten</l>
                                    <l xml:id="tg696.3.31">Meine Schwester oder meine Frau.</l>
                                 </lg>
                                 <lg>
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                                    <l xml:id="tg696.3.33">Kanntest jeden Zug in meinem Wesen,</l>
                                    <l xml:id="tg696.3.34">Spähtest, wie die reinste Nerve klingt,</l>
                                    <l xml:id="tg696.3.35">Konntest mich mit <hi rend="italic" xml:id="tg696.3.35.1">einem</hi> Blicke lesen,</l>
                                    <l xml:id="tg696.3.36">Den so schwer ein sterblich Aug durchdringt;</l>
                                    <pb n="210" xml:id="tg696.3.37"/>
                                    <l xml:id="tg696.3.38">Tropftest Mäßigung dem heißen Blute,</l>
                                    <l xml:id="tg696.3.39">Richtetest den wilden irren Lauf,</l>
                                    <l xml:id="tg696.3.40">Und in deinen Engelsarmen ruhte</l>
                                    <l xml:id="tg696.3.41">Die zerstörte Brust sich wieder auf;</l>
                                    <l xml:id="tg696.3.42">Hieltest zauberleicht ihn angebunden</l>
                                    <l xml:id="tg696.3.43">Und vergaukeltest ihm manchen Tag.</l>
                                    <l xml:id="tg696.3.44">Welche Seligkeit glich jenen Wonnestunden,</l>
                                    <l xml:id="tg696.3.45">Da er dankbar dir zu Füßen lag,</l>
                                    <l xml:id="tg696.3.46">Fühlt' sein Herz an deinem Herzen schwellen,</l>
                                    <l xml:id="tg696.3.47">Fühlte sich in deinem Auge gut,</l>
                                    <l xml:id="tg696.3.48">Alle seine Sinnen sich erhellen</l>
                                    <l xml:id="tg696.3.49">Und beruhigen sein brausend Blut!</l>
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                                    <l xml:id="tg696.3.51">Und von allem dem schwebt ein Erinnern</l>
                                    <l xml:id="tg696.3.52">Nur noch um das ungewisse Herz,</l>
                                    <l xml:id="tg696.3.53">Fühlt die alte Wahrheit ewig gleich im Innern,</l>
                                    <l xml:id="tg696.3.54">Und der neue Zustand wird ihm Schmerz.</l>
                                    <l xml:id="tg696.3.55">Und wir scheinen uns nur halb beseelet,</l>
                                    <l xml:id="tg696.3.56">Dämmernd ist um uns der hellste Tag.</l>
                                    <l xml:id="tg696.3.57">Glücklich, daß das Schicksal, das uns quälet,</l>
                                    <l xml:id="tg696.3.58">Uns doch nicht verändern mag!</l>
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