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               <head xml:id="ds1.6.1">DRITTES BUCH</head>
               <head xml:id="ds1.6.2">DER MENSCH UND SEIN SELBST ODER METAETHIK</head>
               <div type="section" n="1.4.1" xml:id="ds1.6.3">
                  <head xml:id="ds1.6.3.1">Negative Psychologie</head>
                  <p xml:id="ds1.6.3.2">Vom Menschen – sollten wir auch von ihm nichts wissen? Das Wissen des Selbst von sich selber, das
                     Selbstbewußtsein, steht in dem Rufe, das bestgesicherte alles Wissens zu sein. Und der gesunde Menschenverstand sträubt sich fast
                     noch heftiger als das wissenschaftliche Bewußtsein, wenn ihm die wahrhaft und wörtlich
                     selbst-verständliche
                     Grundlage des Wissens unter den Füßen fortgezogen werden soll. Dennoch ist es geschehen, freilich erst spät. Es bleibt eine der
                     erstaunlichsten Leistungen Kants, daß er dies Selbstverständlichste, das Ich, recht eigentlich zum Problem, zum
                     Allerfragwürdigsten, gemacht hat. Vom erkennenden Ich lehrt er, daß es nur in der Beziehung auf das Erkennen, an seinen Früchten
                     also, nicht <q>an sich selbst</q>, zu erkennen ist. Und gar vom wollenden weiß er, daß die eigentliche Moralität, Verdienst und
                     Schuld, der Handlungen, selbst unsrer eigenen, uns stets verborgen bleibt. Damit erstellt er eine negative Psychologie, die einem
                     ganzen Jahrhundert, dem Jahrhundert einer Psychologie ohne Seele, zu denken gegeben hat. Wir brauchen kaum zu betonen, daß auch
                     hier uns das Nichts nicht für ein Ergebnis, sondern für den Ausgangspunkt des Denkens gilt. Es mußte wohl einmal das Absurde
                     gedacht werden. Denn es ist der tiefe Sinn des vielmißbrauchten Credo quia absurdum, daß aller Glaube zu seiner Voraussetzung ein
                     Absurdum des Wissens braucht. Damit also der Inhalt des Glaubens selbstverständlich werde, ist es nötig, daß das anscheinend
                     Selbstverständliche vom Wissen zu einem Absurden gestempelt sei. Das ist der Reihe nach mit den drei Elementen dieses Inhalts,
                     mit Gott, der Welt und dem Menschen, geschehen: mit Gott schon in den Anfängen des Mittelalters, mit der Welt zu Beginn der
                     Neuzeit, mit dem Menschen zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Erst nachdem so das Wissen nichts mehr einfach und klar ließ, erst
                     seitdem kann der Glaube das vom Wis<pb break="no" n="68"/>sen ausgestoßene Einfache in seine Hut nehmen und dadurch selber ganz
                     einfach werden.</p>
                  <div type="subsection" n="1.4.1.1" xml:id="ds1.6.3.3">
                     <head xml:id="ds1.6.3.3.1">Zur Methode</head>
                     <p xml:id="ds1.6.3.3.2">Der Mensch ist unbeweisbar, so gut wie die Welt und wie Gott. Sucht das Wissen gleichwohl eins von diesen
                        dreien zu beweisen, so verliert es sich mit Notwendigkeit ins Nichts. Diesen Koordinaten, zwischen denen jeder Schritt, jede
                        Bewegung, die es tut, sich abzeichnet, kann es nicht entweichen – und nähme es Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten
                        Meer; denn aus der Bahn, die von jenen drei Elementen bestimmt wird, kann es nicht herausspringen. So ist das Nichts des
                        beweisenden Wissens hier immer nur ein Nichts des Wissens und genauer ein Nichts des Beweisens, dem gegenüber die Tatsache,
                        die den Raum mitgründet, worin das Wissen selber lebt und webt und ist, in ihrer ganzen schlechthinnigen Tatsächlichkeit
                        ungerührt stehen bleibt. Und das Wissen kann deshalb hier nichts weiter als den Weg von dem Unbeweisbaren, dem Nichts des
                        Wissens, hin zur Tatsächlichkeit der Tatsache nachgehn – eben das, was wir hier zweimal schon getan haben und nun ein drittes
                        Mal tun.</p>
                  </div>
               </div>
               <div type="section" n="1.4.2" xml:id="ds1.6.4">
                  <head ana="koscher" xml:id="ds1.6.4.1">Menschliche Eigenheit</head>
                  <p ana="koscher" xml:id="ds1.6.4.2">Auch vom Menschen also wissen wir nichts. Und auch dieses Nichts ist nur ein Anfang, ja nur der
                     Anfang eines Anfangs. Auch in ihm erwachen die Urworte, das schaffende Ja, das zeugende Nein, das gestaltende Und. Und das Ja
                     schafft auch hier im unendlichen Nichtnichts das wahre Sein, das <q>Wesen</q>.</p>
                  <p ana="koscher" xml:id="ds1.6.4.3">Was ist dies wahre Sein des Menschen? Das Sein Gottes war schlechthinniges Sein, Sein jenseits
                     des Wissens. Das Sein der Welt war im Wissen, gewußtes, allgemeines Sein. Was ist gegenüber Gott und Welt das Wesen des Menschen?
                     Goethe lehrt es uns: <q>Was unterscheidet Götter von Menschen? daß viele Wellen vor jenen wandeln – uns hebt die Welle, verschlingt
                     die Welle, und wir versinken</q>. Und der Prediger lehrt es uns: <q>Geschlecht geht, Geschlecht kommt, doch die Erde steht ewiglich</q>.
                     Vergänglichkeit, die Gott und Göttern fremde, der Welt das bestürzende Erlebnis ihrer eigenen, sich allzeit erneuernden Kraft,
                     ist dem Menschen die immerwährende Atmosphäre, die ihn umgibt, die er mit jedem Zug seines Atems einsaugt und ausstößt. Der
                     Mensch ist vergänglich, Vergänglichsein ist sein Wesen, wie es das Wesen Gottes ist, unsterblich und unbedingt, das Wesen der <pb break="yes" n="69"/> Welt, allgemein und notwendig zu sein. Gottes Sein ist Sein in Unbedingten, der Welt Sein Sein im
                     Allgemeinen, des Menschen Sein ist: Sein im Besonderen. Das Wissen liegt nicht unter ihm wie für Gott, nicht um ihn und in ihm
                     wie für die Welt, sondern über ihm; er ist nicht jenseits der Allgemeingültigkeit und Notwendigkeit des Wissens, sondern
                     diesseits; er ist nicht, wenn das Wissen aufhört, sondern ehe es anfängt; und nur weil er vor dem Wissen ist, kommt es, daß er
                     auch nachher noch ist und allem Wissen, mag es ihn noch so vollständig in die Gefäße seiner Allgemeingültigkeit und Notwendigkeit
                     aufgefangen zu haben wähnen, immer wieder sein sieghaftes <q>Ich bin noch da</q> zuruft. Sein Wesen ist eben, daß er sich nicht auf
                     Flaschen ziehen läßt, daß er immer <q>noch da</q> ist, daß er in seiner Besonderheit stets gegen den Machtspruch des Allgemeinen
                     auftrumpft, daß ihm die eigene Besonderheit nicht, wie es ihm die Welt wohl zugestehen möchte, Ereignis ist, sondern gerade sein
                     Selbstverständliches, – sein Wesen. Sein erstes Wort, sein Urja, bejaht sein Eigensein. Im grenzenlosen Nicht seines Nichts
                     gründet diese Bejahung sein Besonderes, sein Eigenes als sein Wesen. Ein Einzelnes also, aber kein Einzelnes wie das Einzelne der
                     Welt, das momenthaft in einer unaufhörlichen Reihe von Einzelnen aufschießt, sondern ein Einzelnes im grenzenlosen leeren Raum,
                     ein Einzelnes also, das von andern Einzelnen neben ihm nichts weiß, das überhaupt von einem <q>neben ihm</q> nichts weiß, weil es
                     <q>überall</q> ist, ein Einzelnes nicht als Tat, nicht als Ereignis, sondern als immerwährendes Wesen.</p>
                  <p ana="koscher" xml:id="ds1.6.4.4">Diese Eigenheit des Menschen ist also etwas anderes als die Individualität, die er als einzelne
                     Erscheinung innerhalb der Welt annimmt. Sie ist keine Individualität, die sich gegen andre Individualitäten abscheidet, sie ist
                     kein Teil – und das Individuum bekennt, grade indem es auf seine Unteilbarkeit pocht, daß es selber Teil ist. Sie ist eben zwar
                     nicht selbst unendlich, aber <q>im</q> Unendlichen; sie ist Einzelnes und dennoch Alles. Um sie herum liegt die unendliche Stille des
                     menschlichen Nicht-nichts; sie selber ist der Ton, der in diese Stille tönt, ein Endliches und doch Grenzenloses.</p>
                  <div type="subsection" n="1.4.2.1" xml:id="ds1.6.4.5">
                     <head ana="koscher" xml:id="ds1.6.4.5.1">Urwort</head>
                     <p ana="koscher" xml:id="ds1.6.4.5.2">Unsre Symbolsprache hat hier klare Bahn. Die ursprüngliche Bejahung, die stets die rechte
                        Seite unsrer Gleichungen setzt, das <pb break="yes" n="70"/> ursprüngliche <q>So</q>, hatte in der Physis Gottes ihre
                        Schlechthinnigkeit, im Logos der Welt ihre Allgemeingültigkeit ausgewirkt; im ersten Fall also war die Kraft wirksam geworden,
                        die dem einzelnen Wort einen Sinn überhaupt, im zweiten die, welche ihm die Gleichheit seiner Bedeutung sichert. Hier tritt
                        die Richtung des Urja in Kraft, die dem einzelnen Wort nicht bloß einen und immer den gleichen, sondern seinen besonderen Sinn
                        begründet, im Unterschied also auch von der Besonderheit, die der einzelne Fall der Anwendung stets neu bestimmt, die
                        Besonderheit, die das Wort schon vor aller Anwendung hat. Die Besonderheit nicht als Überraschung des Augenblicks und
                        Augen-Blicks, sondern als daseiender Charakter findet ihre Stätte im persönlichen Ethos des Menschen – <q>nur allein der Mensch
                        vermag das Unmögliche, er kann dem Augenblick Dauer verleihn</q>; er kann es, eben weil er selbst gerade das, was den Augenblick
                        <q>in schwankender Erscheinung schweben</q> läßt, die Besonderheit, als sein dauerndes Wesen in sich trägt. Ihm allein wird die
                        Besonderheit nicht zur teilhaften <q>Individualität</q>, sondern zur unbegrenzten Eigenheit des <q>Charakters</q>.</p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="1.4.2.2" xml:id="ds1.6.4.6">
                     <head ana="koscher" xml:id="ds1.6.4.6.1">Zeichen</head>
                     <p ana="koscher" xml:id="ds1.6.4.6.2">Als Besonderes kann die Eigenheit nur durch B bezeichnet werden. Eine Richtung haben wir
                        nicht darin feststellen können. Sie ist ebenso richtungslos, so jenseits von aktiv und passiv, ja in ihrer Endlichkeit ebenso
                        schlechthin seiend, wie das unendliche Sein Gottes; seinem einfachen, vorzeichenlosen A tritt sie als ein ebenso einfaches
                        vorzeichenloses B entgegen. Sein steht hier gegen Sein. Dem erfüllungsbedürftigen, unendlich formalen Sein der Welt gegenüber
                        aber ist das unbedürftige, grenzenlos besondere Sein des Menschen nicht gegensätzlich, sondern ganz geschieden. Zwischen =A
                        und B gilt gar keine Beziehung. Käme es bloß auf das Wesen an, so wäre zwischen Gott und Mensch Feindschaft gesetzt; Welt und
                        Mensch aber lägen auf verschiedenen Ebenen und nicht einmal Feindschaft wäre zwischen ihnen möglich. Es kommt nicht bloß auf
                        das Wesen an, aber etwas bleibt von diesem Verhältnis der Elemente auch noch in der schließlichen Gestalt der Gleichung; da
                        wird freilich dann auch wirksam, daß gerade zwischen Welt und Mensch doch andrerseits auch eine besonders enge Beziehung
                        besteht, nämlich das gleichmäßige Vorkommen der richtungslosen schlechthinnigen Besonderheit, B, bei der Welt <pb break="yes" n="71"/> freilich als <q>Nein</q>, beim Menschen als <q>Ja</q>, dort als immer neues Wunder der Individualität, hier als das dauernde
                        Sein des Charakters. Aber es ist immerhin das erste und wie wir sehen werden das einzige Mal, daß in unsern Gleichungen ein
                        Glied mehr als ein Mal auftritt. Die Bedeutung dieses Umstandes kann erst später erkannt werden.</p>
                  </div>
               </div>
               <div type="section" n="1.4.3" xml:id="ds1.6.5">
                  <head ana="koscher" xml:id="ds1.6.5.1">Menschlicher Wille</head>
                  <p ana="koscher" xml:id="ds1.6.5.2">Auch vom Menschen also wissen wir nichts. Und auch bei dem So des Charakters hat es nicht sein
                     Bewenden, sowenig wie bei einem früheren So. Auch an des Menschen Nichts, nachdem es sich im Charakter als ein Nichts, aus dem
                     Bejahung hervorgehen konnte, erwiesen hat, darf sich nun die Kraft des Nein erproben. Wieder gilt es, das Nichts im Nahkampf der
                     Endlichkeit niederzuringen, wieder aus diesem tauben Felsen einen Brunnen lebendigen Wassers fließen zu lassen. Das Nichts der
                     Welt kapitulierte vor dem sieghaften Nein in der sprudelnden Fülle der Erscheinung. Gottes Nichts zerbrach vor seinem Nein zur
                     immer neuen göttlichen Freiheit der Tat. Dem Menschen erschließt sich sein Nichts in der Verneinung gleichfalls zu einer
                     Freiheit, seiner Freiheit, einer sehr andern zwar als der göttlichen. Denn Gottes Freiheit war infolge ihres unendlichen und ganz
                     passiven Gegenstandes, des göttlichen Wesens, ohne weiteres unendliche Macht, das heißt Freiheit zur Tat. Die Freiheit des
                     Menschen aber wird auf ein Endliches, wenn auch Unbegrenztes, nämlich Unbedingtes, stoßen; so wird sie selber schon in ihrem
                     Ursprung ein Endliches sein. Nicht bloß, wie ja auch Gottes Freiheit, endlich in der stets erneuerten Augenblickshaftigkeit ihres
                     Hervorschießens; das wäre die Endlichkeit, die schon gefordert ist durch das unmittelbare Hervorspringen aus dem verneinten
                     Nichts; denn alle Verneinung, soweit sie nicht nur die in der Form der Verneinung geschehende unendliche Bejahung ist, setzt ein
                     Bestimmtes, Endliches. Nicht bloß also eine solche Endlichkeit, wie sie auch Gottes Freiheit hat, sondern eine ihr selber
                     abgesehen von ihrem Hervorgang innewohnende Endlichkeit ist die Endlichkeit der menschlichen Freiheit. Die menschliche Freiheit
                     ist endliche, aber infolge ihres unmittelbaren Ursprungs aus dem verneinten Nichts unbedingte, unbedingte, Nichts und nur Nichts
                     und keinerlei Ding voraussetzende Freiheit. Sie ist also nicht, wie die Gottes, Frei <pb break="no" n="72"/> heit zur Tat,
                     sondern Freiheit zum Willen; nicht freie Macht, sondern freier Wille. Das Können ist ihr, im Gegensatz zur göttlichen Freiheit,
                     schon in ihrem Ursprung versagt, aber ihr Wollen ist so unbedingt, so grenzenlos wie das Können Gottes.</p>
                  <div type="subsection" n="1.4.3.1" xml:id="ds1.6.5.3">
                     <head ana="koscher" xml:id="ds1.6.5.3.1">Zeichen</head>
                     <p ana="koscher" xml:id="ds1.6.5.3.2">Dieser freie Wille ist endlich und augenblickshaft in seinen Äußerungen, wie es die
                        weltliche Erscheinungsfülle ist. Aber im Gegensatz zu dieser begnügt er sich nicht einfach mit seinem Dasein und kennt ein
                        andres Gesetz als das der eigenen Schwere; er stürzt nicht, er hat Richtung. Sein Symbol ist also wie bei der
                        Erscheinungsfülle ein B auf der linken Seite der Gleichung, aber zum Unterschied kein einfaches B, sondern ein <q>B=</q>. Das
                        Symbol hat also dieselbe Form wie das Symbol der göttlichen Freiheit, <q>A=</q>, aber den entgegengesetzten Inhalt, – der freie
                        Wille ist so frei wie die freie göttliche Tat; aber Gott hat keinen freien Willen, der Mensch kein freies Können; <q>gut sein</q>
                        bedeutet beim Gott: das Gute tun, beim Menschen: das Gute wollen. Und das Symbol hat die entgegengesetzte Form, aber den
                        gleichen Inhalt, wie das Symbol der weltlichen Erscheinung: die Freiheit erscheint in der Erscheinungswelt als ein Inhalt
                        unter andern, aber sie ist das <q>Wunder</q> in ihr; sie ist unterschieden von allen andern Inhalten.</p>
                  </div>
               </div>
               <div type="section" n="1.4.4" xml:id="ds1.6.6">
                  <head xml:id="ds1.6.6.1">Unabhängigkeit des Menschen</head>
                  <p xml:id="ds1.6.6.2">Kant, den wir ja eben zitierten, hat also mit unleugbar großartiger Intuition das Wesen der Freiheit
                     sichergestellt. Auch die weitere Entwicklung wird uns hier immer wieder in seine Nähe führen, wenn auch immer wieder in die Nähe
                     nur seiner Intuitionen. Wir gehen jetzt zunächst wieder den Weg nach, der vom freien Willen zur Eigenheit führt und auf dem der
                     Mensch, der als freier Wille und als Eigenheit noch eine bloße Abstraktion war, erst Selbst gewinnt. Denn was ist der freie
                     Wille, solange er bloß Richtung, aber noch keinen Inhalt hat? Und was ist die Eigenheit, solange sie bloß – ist? Wir suchen den
                     lebendigen Menschen, das Selbst. Das Selbst ist mehr als Wille, mehr als Sein. Wie wird es dieses Mehr, dies Und? Was geschieht
                     dem menschlichen Willen, wenn er seiner inneren Richtung folgend den Weg zum menschlichen Sein einschlägt?</p>
                  <p xml:id="ds1.6.6.3">Er ist von vornherein endlich, und da er Richtung hat, so ist er es mit Bewußtsein; er will gar nichts andres
                     als das, was er ist; er will, wie Gottes Freiheit, sein eigenes Wesen; aber dies eigene <pb break="yes" n="73"/> Wesen, das er
                     will, ist kein unendliches, in dem die Freiheit sich als Macht erkennen dürfte, sondern ein endliches. Der freie Wille also noch
                     ganz in seinem eigenen Bereich, aber doch schon seinen Gegenstand von ferne sichtend, erkennt sich in seiner Endlichkeit, ohne
                     doch im mindesten etwas von seiner Unbedingtheit preiszugeben. An diesem Punkt seines Wegs, noch ganz unbedingt und doch schon
                     seiner Endlichkeit bewußt, wird er aus dem freien Willen zum trotzigen Willen. Der Trotz, das stolze Dennoch, ist dem Menschen,
                     was dem Gotte die Macht, das erhabene Also, ist. Gleich souverän ist der Anspruch des Trotzes wie das Recht der Macht. Als Trotz
                     nimmt das Abstraktum des freien Willens Gestalt an.</p>
                  <p xml:id="ds1.6.6.4">Als Trotz läuft er nun weiter seine Bahn – wir erinnern uns: es handelt sich nur um innere Bewegungen im
                     Menschen, das Verhältnis zu den Dingen kommt gar nicht in Frage – bis zu dem Punkt, wo die Existenz der Eigenheit sich ihm so
                     fühlbar macht, daß er nicht mehr unverändert weitergehen kann, ohne sie zu beachten. Diesen Punkt, wo die Eigenheit in ihrer
                     stummen daseienden Tatsächlichkeit dem freien Willen in den Weg zu liegen kommt – in den Weg tritt, wäre schon zu viel gesagt –,
                     diesen Punkt bezeichnet ein Name, den wir schon vorhin, etwas vorgreifend, mehrfach zur Erläuterung des Begriffs der Eigenheit
                     gegenüber der <q>Individualität</q> verwendet haben: der Charakter. Der Wille würde an der Eigenheit sich in Nichts auflösen; mit dem
                     Hinweis auf die Eigenheit demütigt ihn Mephistos <q>du bleibst doch immer was du bist</q>. Am Charakter geschieht dem Trotz nicht wie
                     dem Willen an der Eigenheit seine Vernichtung, sondern er bleibt noch durchaus als Trotz erhalten; nicht seine Aufhebung findet
                     er hier, aber seine Bestimmung, seinen Inhalt. Der Trotz bleibt Trotz, er bleibt formell unbedingt, aber er nimmt den Charakter
                     zum Inhalt: der Trotz trotzt auf den Charakter. Das ist die Selbstbewußtheit des Menschen oder kürzer gesagt: das ist das Selbst.
                     Das <q>Selbst</q> ist das, was in diesem Übergriff des freien Willens auf die Eigenheit, als Und von Trotz und Charakter,
                     entsteht.</p>
                  <p xml:id="ds1.6.6.5">Das Selbst ist schlechthin in sich geschlossen. Das verdankt es seiner Verwurzelung im Charakter. Wurzelte es
                     in der Individualität, hätte sich also der Trotz auf die Besonderheit des Menschen <pb break="yes" n="74"/> gegenüber andern, auf
                     seinen unteilbaren Anteil am allgemeinen Menschentum geworfen, so würde nicht das Selbst, das in sich geschlossene, nicht aus
                     sich herausblickende, entstanden sein, sondern die Persönlichkeit. Die Persönlichkeit ist, wie schon der Ursprung des Namens
                     sagt, der Mensch, der seine ihm vom Schicksal her zugewiesene Rolle spielt, eine Rolle neben andern, eine Stimme in der
                     vielstimmigen Symphonie der Menschheit. Sie ist wirklich <q>höchstes Gut der Erdenkinder</q>, – eines jeden von ihnen. Das Selbst hat
                     keine Beziehung zu den Menschenkindern, immer nur zu einem einzigen Menschen, eben dem <q>Selbst</q>.
                     Allenfalls
                     kann auch die Gruppe, wenn sie sich für schlechthin einzig hält, das Volk etwa, dem alle andern Völker <q>Barbaren</q> sind, ein
                     Selbst haben. Vom Selbst gibt es keinen Plural. Die Einzahl <q>Persönlichkeit</q> ist nur eine Abstraktion, die ihr Leben aus dem
                     Plural <q>Persönlichkeiten</q> zieht. Die Persönlichkeit ist immer eine unter andern; sie wird verglichen; das Selbst vergleicht sich
                     nicht und ist unvergleichbar. Das Selbst ist kein Teil, kein Unterfall, auch kein eifersüchtig bewachter Anteil am gemeinsamen
                     Gut, den <q>aufzugeben</q> verdienstlich sein könnte. Das sind alles Gedanken, die nur für die Persönlichkeit gedacht werden können.
                     Das Selbst ist nicht aufgebbar – wem denn? es ist ja niemand für es da, dem es etwas <q>geben</q> könnte; es ist allein; es ist keines
                     von den <q>Menschenkindern</q>; es ist Adam, der Mensch selbst.</p>
                  <div type="subsection" n="1.4.4.1" xml:id="ds1.6.6.6">
                     <head xml:id="ds1.6.6.6.1">Zeichen</head>
                     <p xml:id="ds1.6.6.6.2">Von der Persönlichkeit sind zahlreiche Aussagen möglich, so zahlreiche wie von der Individualität. Sie
                        folgen alle als einzelne Aussagen dem Schema B=A, in welchem alle Aussagen über die Welt und ihre Teile vorgebildet sind; die
                        Persönlichkeit wird stets als einzelne in ihrem Verhältnis zu andern einzelnen und zu einem Allgemeinen definiert. Vom Selbst
                        gibt es keine abgeleiteten Aussagen, nur die eine ursprüngliche, B=B; so wie es von Gott oder der Welt keine Mehrheit von
                        Aussagen gibt, sondern nur die einen ursprünglichen, in den Gleichungen symbolisierten. Obwohl doch der Charakter an sich
                        etwas ebenso Einzelnes ist wie die Individualität und infolgedessen an sich auch durch das gleiche nackte Symbol B bezeichnet
                        wird, so ist er doch dadurch, daß er im Gegensatz zur Individualität auf der rechten Gleichungsseite erscheint, von ihr aufs
                        vollkommenste unterschieden. Die Individualität ist dadurch, daß sie auf der linken Gleichungsseite auf<pb break="no" n="75"/>tritt, als Gegenstand gekennzeichnet. Der Charakter als auf der rechten Seite der Gleichung stehend erweist sich als selber
                        Aussage, Behauptung. Daß er Besonderes ist, darauf wird, wie eben dieser Platz in der Gleichung zeigt, nicht weiter
                        zurückgekommen; denn das Besondere entwickelt seine Besonderheit, indem es, wie alles Besondere in der Welt, einschließlich
                        auch der Individualität, sich zum Gegenstand von Aussagen machen läßt. Ein Besonderes, das selbst auf die Aussageseite der
                        Gleichung tritt, verzichtet darauf, daß von ihm Aussagen gemacht werden; es verzichtet auf die Entwicklung und Darstellung
                        seiner Besonderheit. Es macht sich selbst zum Aussageinhalt für etwas andres. Das tut von allem Besonderen nur dies eine, der
                        Charakter. Der Charakter ist die Aussage, die den freien Willen <q>näher bestimmt</q>. Was will der freie Wille? den eigenen
                        Charakter. So wird der freie Wille zum trotzigen Willen, und Willenstrotz und Charakter verdichten sich zur Gestalt des
                        Selbst.</p>
                     <p xml:id="ds1.6.6.6.3">Das Selbst, in der Gleichung B=B symbolisiert, stellt sich also unmittelbar dem Gott gegenüber. Wir
                        sehen, wie die völlige äußere Gegensätzlichkeit des Inhalts bei ebenso völliger Gleichheit der Form wie in der fertigen
                        Gleichung, so schon in der werdenden sichtbar war. Die fertige Gleichung bezeichnet die reine Insichgeschlossenheit bei ebenso
                        reiner Endlichkeit. Als Selbst, wahrhaftig nicht als Persönlichkeit, ist der Mensch nach Gottes Ebenbild geschaffen. Adam ist
                        wirklich, im Gegensatz zur Welt, genau <q>wie Gott</q>, nur lauter Endlichkeit, wo jener lauter Unendlichkeit ist, – die Schlange
                        wendet sich mit gutem Grund an den Menschen allein in der ganzen Schöpfung. Zur Welt steht der Mensch als fertiges Selbst
                        nicht mehr in dem komplizierten Verhältnis wie die Elemente vor ihrem Zusammentreten im Und, sondern ganz einfach als ein
                        Gleiches, von dem jedoch Entgegengesetztes ausgesagt wird. Das Subjekt B kann entweder A sein oder B. Im ersten Falle, B=A,
                        ist es Welt, im zweiten, B=B, ist es Selbst. Der Mensch kann offenbar, so lehren uns die Gleichungen, beides sein; er ist nach
                        Kants Wort <q>Bürger zweier Welten</q>.</p>
                     <p xml:id="ds1.6.6.6.4">Wobei freilich dieser an sich starke Ausdruck auch schon wieder die ganze Schwäche Kants verrät, über der
                        sein Unvergängliches zunächst in Vergessenheit geriet: in der Gleichsetzung der beiden Sphären als <q>Welten</q>. Welt ist eben nur
                        die eine. Die Sphäre des <pb break="yes" n="76"/> Selbst ist nicht Welt und wird es auch nicht dadurch, daß man sie so nennt.
                        Damit die Sphäre des Selbst <q>Welt</q> wird, muß <q>diese Welt vergehn</q>. Der Vergleich, der das Selbst in eine Welt einordnet,
                        verführt schon bei Kant selbst und ganz offen bei seinen Nachfolgern zur Verwechslung dieser <q>Welt</q> des Selbst mit der
                        vorhandenen Welt. Er täuscht hinweg über den Kampf des Unversöhnlichen, über die Härte des Raums und die Zähe der Zeit. Er
                        verwischt das Selbst des Menschen, eben indem er es zu umreißen meint. Unsre Gleichung, welche die formale Verschiedenheit so
                        stark betont – durch die Gleichsetzung zweier Ungleicher im einen, zweier Gleicher im andern Fall –, läuft diese Gefahr nicht;
                        sie kann deshalb den inhaltlichen Parallelismus, daß in beiden Fällen Aussagen über ein Gleiches gemacht werden, wenn auch
                        entgegengesetzte Aussagen, ruhig zur Anschauung bringen.</p>
                  </div>
               </div>
               <div type="section" n="1.4.5" xml:id="ds1.6.7">
                  <head xml:id="ds1.6.7.1">Das heroische Ethos</head>
                  <div type="subsection" n="1.4.5.1" xml:id="ds1.6.7.2">
                     <head xml:id="ds1.6.7.2.1">Linien des Lebens</head>
                     <p xml:id="ds1.6.7.2.2">Das Selbst ist also von außen gesehen nicht von der Persönlichkeit zu unterscheiden. Innerlich aber sind
                        sie genau so verschieden, ja, wie gleich deutlich werden wird, entgegengesetzt, wie – Charakter und Individualität. Wir haben
                        das Wesen der Individualität als einer Welterscheinung verdeutlicht an dem Kreis ihres Laufs durch die Welt. Die natürliche
                        Geburt war auch die Geburt der Individualität; in der Begattung starb sie den Tod in die Gattung zurück. Der natürliche Tod
                        gibt hier nichts mehr hinzu; der Kreislauf ist schon erschöpft; daß das individuelle Leben noch über die Erzeugung des
                        Nachkommen hinaus fortdauert, ist gerade von der Individualität aus unbegreiflich; vollends das Phänomen der Fortdauer des
                        individuellen Lebens
                        sogar über
                        die Jahre der Zeugungskraft hinaus, das Greisentum, ist für eine rein natürliche Ansicht des Lebens ganz unfaßbar. Schon von
                        hier aus also müßten wir auf das Unzulängliche der Gedanken von Individualität und Persönlichkeit zum Begreifen des
                        menschlichen
                        Lebens hingeführt werden.</p>
                     <p xml:id="ds1.6.7.2.3">Hier aber leiten uns die Begriffe von Selbst und Charakter weiter. Der Charakter, und so das Selbst, das
                        auf ihm sich gründet, ist nicht die Begabung, welche die Himmlischen <q>bei der Geburt schon</q> dem jungen Erdenbürger als seinen
                        Anteil am gemeinsamen Menschheitsgut in die Wiege legten. Ganz im Gegenteil: der Tag der natürlichen Geburt, der der große
                           Schick<pb break="no" n="77"/>salstag der Individualität ist, weil bei ihr das Schicksal des Besonderen bestimmt wird durch
                        den Anteil am Allgemeinen, dieser Tag ist für das Selbst mit Dunkel bedeckt. Der Geburtstag des Selbst ist ein andrer als der
                        Geburtstag der Persönlichkeit. Auch das Selbst nämlich, auch der Charakter hat seinen Geburtstag; er ist eines Tages da. Es
                        ist unwahr, daß der Charakter <q>wird</q>, daß er <q>sich bildet</q>. Das Selbst überfällt den Menschen eines Tages wie ein gewappneter
                        Mann und nimmt von allem Gut seines Hauses Besitz. Bis zu diesem Tag – es ist immer ein bestimmter Tag, auch wenn der Mensch
                        ihn nicht mehr weiß – bis zu diesem Tag ist der Mensch ein Stück Welt auch vor seinem eigenen Bewußtsein; die Sachlichkeit des
                        Kindes erreicht kein späteres Lebensalter je wieder. Der Einbruch des Selbst beraubt ihn mit einem Schlage all der Sachen und
                        Güter, die er zu besitzen sich vermaß. Er wird ganz arm, er hat nur sich, kennt nur sich, niemand kennt ihn; denn es ist
                        niemand da außer ihm. Das Selbst ist der einsame Mensch im härtesten Sinn des Worts. Das <q>politische Tier</q> ist die
                        Persönlichkeit.</p>
                     <p xml:id="ds1.6.7.2.4">Das Selbst also wird an einem bestimmten Tag im Menschen geboren. Welcher Tag ist das? Der gleiche, an
                        dem die Persönlichkeit, das Individuum, den Tod in die Gattung stirbt. Eben dieser Augenblick läßt das Selbst geboren werden.
                        Das Selbst, der <q>Daimon</q>, nicht im Sinne von Goethes orphischer Stanze, wo das Wort grade die Persönlichkeit bezeichnet,
                        sondern im Sinn des Heraklitworts <q>Sein Ethos ist dem Menschen Daimon</q>, dieser blinde und stumme, in sich verschlossene Daimon
                        überfällt den Menschen das erste Mal in der Maske des Eros, von da an geleitet er ihn durchs Leben bis zu jenem Augenblick, wo
                        er die Maske ablegt und sich ihm enthüllt als Thanatos. Dies ist der zweite, und wenn man so will der geheimere, Geburtstag
                        des Selbst, wie es der zweite, und wenn man so will erst der offenkundige, Sterbetag der Individualität ist. Der natürliche
                        Tod läßt ja auch dem blödesten Auge offenbar werden, daß die Persönlichkeit sich entpersönlichen, das Individuelle sich
                        re-generieren
                        lassen muß. Der Teil des Menschen, an dem die Gattung sich ihr Recht nicht schon hatte nehmen können, der fällt im Tode dem
                        nackten, dem übergattungsmäßigen Allgemeinen, der Natur selber zur Beute. Aber während so in diesem Augenblick das Individuum
                        den letzten <pb break="yes" n="78"/> Resten seiner Individualität entsagt und heimkehrt, erwacht das Selbst zur letzten
                        Vereinzelung und Einsamkeit. Es gibt keine größere Einsamkeit als in den Augen eines Sterbenden, und es gibt keine trotzigere,
                        hochmütigere Vereinzelung als die, welche sich auf dem erstarrten Antlitz eines Toten malt. Zwischen diesen beiden Geburten
                        des Daimon liegt alles, was uns vom Selbst des Menschen sichtbar wird; was vorher, was nachher? – das sichtbare Dasein dieser
                        Gestalten ist gebunden an den Lebenskreislauf der Individualität und verliert sich ins Unsichtbare, wo es sich in diesem
                        Kreislauf löst. Daß es nur wie an einen Stoff, an dem es sich sichtbar macht, daran gebunden ist, das lehrt schon die
                        entgegengesetzte Richtung, die es in den entscheidenden Punkten dem Kreislauf gegenüber einhält. Das Leben des Selbst ist kein
                        Kreislauf, sondern eine aus Unbekanntem in Unbekanntes führende Grade; das Selbst weiß nicht, woher es kommt noch wohin es
                        geht. Aber daß die zweite Geburt des Daimon, die als Thanatos, kein bloßes Nachspiel ist wie das Sterben der Individualität,
                        das gibt dem Leben über die Grenzen der Gattung, das im Lichte des Persönlichkeitsglaubens eitel und sinnlos ist, seinen
                        eigenen Rang: dem Greisenalter. Der Greis hat keine Persönlichkeit mehr zu eigen; sein Anteil am Gemeinsamen der Menschheit
                        ist zur bloßen Erinnerung verflüchtigt; aber je weniger er noch Individualität ist, um so härter wird er als Charakter, um so
                        mehr wird er Selbst. Das ist die Wesensverwandlung, die Goethe am Faust durchführt: der alle seine reiche Individualität schon
                        zu Beginn des zweiten Teils eingebüßt hat und eben deswegen zuletzt im Schlußakt als Charakter von vollkommenster Härte und
                        höchstem Trotz, eben wahrhaft als Selbst erscheint, – ein treues Bild der Lebensalter.</p>
                     <p xml:id="ds1.6.7.2.5">Das Ethos ist diesem Selbst zwar Inhalt; das Selbst ist der Charakter; aber es wird von diesem seinem
                        Inhalt
                        nicht bestimmt; es ist nicht Selbst dadurch, daß es dieser bestimmte Charakter ist. Sondern Selbst ist es schon dadurch, daß
                        es überhaupt einen, einerlei welchen, Charakter hat. Während also die Persönlichkeit Persönlichkeit ist durch ihren festen
                        Zusammenhang mit der bestimmten Individualität, ist das Selbst Selbst durch sein bloßes Festhalten an seinem Charakter
                        überhaupt. Oder mit andern Worten: das Selbst <q>hat</q> seinen Charakter. Eben die Unwesent<pb break="no" n="79"/>lichkeit des
                        bestimmten Charakters wird ja auch in der allgemeinen Gleichung B=B ausgesprochen. Dieselbe Besonderheit, die in der Gleichung
                        B=A Individualität, Gegenstand aller Aussagen, Zielpunkt alles Interesses ist, muß sich hier begnügen, der in seiner
                        Besonderheit allgemeine Boden zu sein, auf dem sich das stets einzelne und doch immer gleiche Gebäude des einzelnen Selbst
                        erhebt.</p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="1.4.5.2" xml:id="ds1.6.7.3">
                     <head xml:id="ds1.6.7.3.1">Gesetze der Welt</head>
                     <p xml:id="ds1.6.7.3.2">Indem aber das Selbst die Besonderheit der Individualität so zu seiner bloßen <q>besonderen Voraussetzung</q>
                        macht, wird nun gleichzeitig auch die ganze Welt ethischer Allgemeinheit, die an dieser ethischen Besonderheit der
                        Individualität hängt, in diesen bloßen Hintergrund des Selbst geschoben. Mit der Individualität zusammen sinkt also auch die
                        Gattung, sinken Gemeinschaften, Völker, Staaten, sinkt die ganze sittliche Welt zur bloßen Voraussetzung des Selbst herab.
                        Dies alles ist dem Selbst nur etwas, was es hat; es lebt nicht darin wie die Persönlichkeit; es ist ihm nicht die Luft seines
                        Daseins, in der es atmet; Atmosphäre des Daseins ist ihm nur – es selbst. Die ganze Welt, und insbesondere die ganze sittliche
                        Welt, liegt in seinem Rücken; es ist <q>darüber hinaus</q>, – nicht als ob es sie nicht brauchte, aber in dem Sinn, daß es ihre
                        Gesetze nicht als seine Gesetze anerkennt, sondern als bloße Voraussetzungen, die ihm gehören, ohne daß es hinwiederum ihnen
                        gehorchen müßte. Die Welt des Ethischen ist dem Selbst bloß <q>sein</q> Ethos; weiter ist nichts von ihr geblieben. Das Selbst lebt
                        in keiner sittlichen Welt, es hat sein Ethos. Das Selbst ist meta-ethisch.</p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="1.4.5.3" xml:id="ds1.6.7.4">
                     <head xml:id="ds1.6.7.4.1">Der antike Mensch</head>
                     <p xml:id="ds1.6.7.4.2">Das Selbst in seiner gebirgshaft <q>edel-stummen</q> Einsamkeit, in seiner Gelöstheit von allen Beziehungen
                        des Lebens, seiner erhabenen Beschränktheit in sich selbst – woher ist es uns bekannt, wo haben wir es schon mit Augen
                        gesehen? Die Antwort wird leicht, wenn wir uns erinnern, wo wir den metaphysischen Gott, die metalogische Welt als Gestalten
                        des Lebens erblickt haben. Auch der metaethische Mensch ist in der Antike, und vornehmlich wieder in der wahrhaft klassischen
                        Antike der Griechen, lebendige Gestalt gewesen. Gerade dort, wo die persönlichkeitenverzehrende Kraft der Gattung sich in der
                        Erscheinung der Polis, uneingeschränkt durch Gegenkräfte, Gestalt gab, gerade dort nahm auch die aller Rechte der Gattung sich
                        überhebende Gestalt des Selbst <pb break="yes" n="80"/> in stolzer Vereinzelung ihren Thronsitz ein, wohl auch in den
                        Ansprüchen der sophistischen Theorien, die das Selbst zum Maß der Dinge machten, vornehmlich aber, mit der Wucht der
                        Sichtbarkeit, in den großen Gleichzeitern jener Theorien, den Helden der attischen Tragödie.</p>
                  </div>
               </div>
               <div type="section" n="1.4.6" xml:id="ds1.6.8">
                  <head xml:id="ds1.6.8.1">Asien: Der untragische Mensch</head>
                  <div type="subsection" n="1.4.6.1" xml:id="ds1.6.8.2">
                     <head xml:id="ds1.6.8.2.1">Indien</head>
                     <p xml:id="ds1.6.8.2.2">Der antike tragische Held ist nichts andres als das metaethische Selbst. Deswegen ist das Tragische nur
                        dort lebendig geworden, wo das Altertum den ganzen Weg bis zur Erstellung dieses Menschenbildes ausgeschritten ist. Indien und
                        China, die auf dem Wege vor erreichtem Ziel Halt machten, haben das Tragische weder im dramatischen Kunstwerk noch in der
                        Vorform der volkstümlichen Erzählung erreicht. Indien ist nie bis zur trotzigen Gleichheit des Selbst in allen Charakteren
                        gekommen; der indische Mensch bleibt im Charakter stecken; es gibt keine charakterstarrere Welt als die der indischen
                        Dichtung; es gibt auch kein Menschheitsideal, das so allen Gliederungen des natürlichen Charakters eng verhaftet bleibt wie
                        das indische; nicht den Geschlechtern etwa oder den Kasten nur gilt ein besonderes Lebensgesetz, sondern sogar den
                        Lebensaltern; dies ist das Höchste, daß der Mensch diesem Gesetz seiner Besonderheit gehorcht; nicht jeder hat das Recht oder
                        gar die Pflicht, etwa Heiliger zu sein; ganz im Gegenteil ist es dem Manne, der noch keine Familie gegründet hat, gradezu
                        verwehrt; auch Heiligkeit ist hier eine Besonderheit unter anderen, während das Heroische das allgemeine und gleiche innere
                        Lebensmuß eines jeden ist. Wieder greift erst die in Buddha aufgipfelnde Askese hinter diese Besonderheit des Charakters
                        zurück. Der Vollendete ist von allem erlöst, nur von seiner eigenen Vollendetheit nicht. Alle Bedingungen des Charakters sind
                        fortgefallen, es gilt hier weder Alter noch Kaste noch Geschlecht; aber geblieben ist der eine unbedingte nämlich von aller
                        Bedingung erlöste Charakter, eben der des Erlösten. Auch das ist ja noch Charakter; der Erlöste ist geschieden vom Unerlösten;
                        aber die Scheidung ist eine ganz andre als die, welche sonst Charakter von Charakter scheidet; sie liegt hinter
                        diesen
                        bedingten Scheidungen als die eine unbedingte. So ist der Erlöste der Charakter im Augenblick seines Hervorgehens aus – oder
                        richtiger: seines Eingehens in das Nichts. Zwischen <pb break="yes" n="81"/> dem Erlösten und dem Nichts liegt wirklich nichts
                        weiter mehr als der Beisatz von Individualität, mit dem der Charakter infolge der Weltteilhaftigkeit alles Lebendigen, solange
                        es lebt, versetzt ist. Der Tod, der dies Stück Individualität in die Welt zurückfluten läßt, räumt diese letzte Scheidewand,
                        die den Erlösten vom Nichts scheidet, weg und entkleidet ihn sogar des Charakters der Erlöstheit.</p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="1.4.6.2" xml:id="ds1.6.8.3">
                     <head xml:id="ds1.6.8.3.1">China</head>
                     <p xml:id="ds1.6.8.3.2">Was Indien dem Charakter und der Besonderheit zu viel gibt, das tut China zu wenig. Während die Welt hier
                        reich und überreich an Individualität ist, ist der Mensch, soweit er nicht als Weltteil gewissermaßen von außen gesehen wird,
                        der innere Mensch also, gradezu charakterlos; der Begriff des Weisen, wie ihn klassisch wieder Kongfutse verkörpert, wischt
                        über alle mögliche Besonderheit des Charakters hinweg; er ist der wahrhaft charakterlose, nämlich der Durchschnittsmensch. Es
                        mag zur Ehre des Menschengeschlechts gesagt sein, daß wohl nirgends als nur hier in China ein so langweiliger Mensch wie
                        Kongfutse zum klassischen Musterbild des Menschlichen hat werden können. Etwas ganz andres als Charakter ist es, was den
                        chinesischen Menschen auszeichnet: eine ganz elementare Reinheit des Gefühls. Das chinesische Gefühl ist ohne jede Beziehung
                        zum Charakter, gewissermaßen ohne jede Beziehung zu seinem eigenen Träger, etwas rein Gegenständliches; es ist, in dem
                        Augenblick wo es gefühlt wird, und ist, weil es gefühlt wird. Keine Lyrik irgend eines Volks ist so reiner Spiegel der
                        sichtbaren Welt und des unpersönlichen, aus dem Ich des Dichters entlassenen, ja gradezu aus ihm abgetropften Gefühls. Es gibt
                        Verse des großen Litaipe, die kein Übersetzer ohne das Wort Ich wiederzugeben wagt und die gleichwohl im Urtext, wie es die
                        Eigenart der chinesischen Sprache erlaubt, ohne jede Andeutung irgendwelcher Personalität, gewissermaßen also rein in der
                        Es-Form, gehalten sind. Die Reinheit des doch ganz augenblicklichen Gefühls – was ist das anders als der Wille, dem es nicht
                        beschieden ward, sich an einem Charakter zu verkörpern, die Wallung, die nur Wallung bleibt ohne irgend ein Substrat. Hinter
                        diese Reinheit und Unverstelltheit des Gefühls langt nun wieder der große Weise, der in China selber China überwand, Laotse.
                        Das Gefühl, so elementar und so charakterentblößt es war, hatte noch Inhalt; so war es noch sichtbar, aussprechbar, – be<pb break="no" n="82"/>nennbar. Von Laotse aber heißt es: er wollte namenlos bleiben. Diese <q>Verborgenheit des Selbst</q> ist es,
                        die er auch seinem Vollkommenen vorschreibt: Unmerkbarkeit, Unbezeugtheit, ein Gehenlassen der Dinge; wie der Urgrund selber
                        so muß auch der Mensch jenseits sein von Tun und Nichttun; er schaut nicht zum Fenster heraus und deshalb sieht er den Himmel;
                        er hilft, indem er selber das Nichttun tut, allen Wesen zu ihrem Tun; seine Liebe ist namenlos und verborgen wie er
                        selbst.</p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="1.4.6.3" xml:id="ds1.6.8.4">
                     <head xml:id="ds1.6.8.4.1">Primitiver Idealismus</head>
                     <p xml:id="ds1.6.8.4.2">Zwiefach wie die vollkommene Gottesleugnung und die vollkommene Weltverneinung ist so auch die
                        vollkommene Selbstauflösung in Buddhas Selbstüberwindung, in Laotses Selbstverhehlung. Zwiefach müssen sie alle sein, denn die
                        lebendigen Götter lassen sich nicht leugnen, die gestaltete Welt läßt sich nicht verneinen, das trotzige Selbst läßt sich
                        nicht auslöschen. Nur über die bloßen Elemente, die Hälften, die noch nicht zur Einheit der Gestalt zusammengewachsen sind,
                        haben die Mächte der Vernichtung und Entwesung Gewalt. Im Selbstüberwinden also und Selbstverhehlen geschieht allezeit die
                        Auslöschung des Selbst, die einzige, die hart an das völlige Nichts des Selbst heranführt, ohne doch darin zu verschwinden;
                        denn im Überwinden wie im Verhehlen ist doch immerhin noch der Mensch es, der überwindet und verhehlt. Neben die Gottesangst
                        und den Weltwahn tritt die letzte der elementaren Mächte der Urzeit: der Menschendünkel des Magiers, der sich dem nur über das
                        Selbst gewaltigen Schicksal durch Kraft oder List zu entziehen weiß und so sich den Trotz des Helden erspart. Wieder haben
                        Indien wie China da für immer die beiden einzigen Wege gezeigt, auf die der Mensch allezeit vor seinem Selbst ausweichen kann,
                        wenn er den Mut tragisch zu werden nicht aufbringt. Mag das streng erst für jene beiden letzten Steigerungen dieses
                        urmenschlichen Dünkels, den buddhistischen Erlösten und den Vollkommenen des Laotse gelten, – geschichtlich erzeugt Indiens
                        wie Chinas Boden überhaupt das Gewächs des Tragischen nicht. Die Bedingtheit der Charakterbesonderung dort, die
                        Unpersönlichkeit des Gefühls hier, und die Trennung der beiden von einander – dies alles läßt das Tragische nicht aufkommen;
                        denn das setzt zu seinem Aufkommen die Ineinandergewachsenheit eines Willens und Wesens zur seßhaften Einheit des Trotzes
                        voraus. Statt zum <pb break="yes" n="83"/> tragischen Heros kommt es auf jenem Boden höchstens zur rührenden Situation. Im
                        Rührenden erstickt das Selbst in seinem Unglück. Im Tragischen verliert das Unglück alle selbständige Macht und Bedeutung; es
                        gehört zu den Elementen der Besonderheit, auf die das Selbst das Siegel seines Trotzes drückt, dies immer gleiche Siegel – si
                        fractus illabatur orbis: Sterbe meine Seele mit den Philistern!</p>
                  </div>
               </div>
               <div type="section" n="1.4.7" xml:id="ds1.6.9">
                  <head xml:id="ds1.6.9.1">Der tragische Heros</head>
                  <div type="subsection" n="1.4.7.1" xml:id="ds1.6.9.2">
                     <head xml:id="ds1.6.9.2.1">Gilgamesch</head>
                     <p xml:id="ds1.6.9.2.2">Noch vor Simsons und Sauls tragischem Trotz hat das älteste Vorderasien in jener Gestalt, die an der
                        Grenze des Göttlichen und Menschlichen steht, in Gilgamesch, den Urtyp des tragischen Helden aufgestellt. Gilgameschs
                        Lebenskurve führt durch die drei festen Punkte: der Anfang ist das Erwachen des menschlichen Selbst in der Begegnung mit Eros;
                        es folgt die gerade Linie der tatenreichen Fahrt, die jäh abbricht in dem letzten und entscheidenden Ereignis, der Begegnung
                        mit Thanatos. Diese ist hier gewaltig vergegenständlicht, indem es zunächst nicht unmittelbar der eigene Tod ist, der dem
                        Helden entgegentritt, sondern der Tod des Freundes; aber er erfährt an ihm die Furcht des Todes überhaupt. Die Zunge versagt
                        ihm in dieser Begegnung den Dienst; er <q>kann nicht schreien, kann nicht schweigen</q>, aber er unterwirft sich auch nicht; sein
                        ganzes Dasein wird zum Bestehen dieser einen Begegnung; sein Leben bekommt den Tod, den eigenen Tod, den er im Tode des
                        Freunds erblickt hat, zum einzigen Inhalt. Es ist gleichgültig, daß ihn zuletzt der Tod auch noch selber holt; das Eigentliche
                        liegt da schon hinter ihm; der Tod, der eigne Tod ist beherrschendes Ereignis seines Lebens geworden; er selbst ist in die
                        Sphäre getreten, wo die Welt mit ihrem Wechsel von Schreien und Schweigen den Menschen anfremdet, in die Sphäre der reinen
                        erhabenen Stummheit, des Selbst.</p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="1.4.7.2" xml:id="ds1.6.9.3">
                     <head xml:id="ds1.6.9.3.1">Die attische Tragödie</head>
                     <p xml:id="ds1.6.9.3.2">Denn das ist das Merkzeichen des Selbst, das Siegel seiner Größe wie auch das Mal seiner Schwäche: es
                        schweigt. Der tragische Held hat nur eine Sprache, die ihm vollkommen entspricht: eben das Schweigen. So ist es von Anfang an.
                        Das Tragische hat sich gerade deshalb die Kunstform des Dramas geschaffen, um das Schweigen darstellen zu können. In der
                        erzählenden Dichtung ist das Schweigen die Regel, die dramatische kennt im Gegenteil nur das Reden, und dadurch erst wird das
                        Schweigen hier beredt. <pb break="yes" n="84"/> Indem der Held schweigt, bricht er die Brücken, die ihn mit Gott und Welt
                        verbinden, ab und erhebt sich aus den Gefilden der Persönlichkeit, die sich redend gegen andre abgrenzt und individualisiert,
                        in die eisige Einsamkeit des Selbst. Das Selbst weiß ja von nichts außer sich, es ist einsam schlechthin. Wie soll es diese
                        seine Einsamkeit, dieses starre Trotzen in sich selbst, anders betätigen als eben indem es schweigt? Und so tut es in der
                        äschyleischen Tragödie, wie schon den Zeitgenossen auffiel. Das Heroische ist stumm. Wenn die großen aktlangen Schweigen der
                        äschyleischen Personen bei den Späteren sich nicht finden, so wird dieser Gewinn an <q>Natürlichkeit</q> durch einen größeren
                        Verlust an tragischer Kraft erkauft. Denn es ist mitnichten etwa so, daß die stummen Helden des Äschylos bei Sophokles und
                        Euripides Sprache, die Sprache ihres tragischen Selbst, gewönnen. Sie lernen nicht sprechen, sie lernen bloß debattieren. Hier
                        überwuchert jene uns heute verzweifelt frostig anhauchende Disputierkunst des dramatischen Zwiegesprächs, das in endlosen
                        Hin- und Herwendungen den Inhalt der tragischen Situation verstandesmäßig auseinanderlegt und dadurch das eigentlich Tragische,
                        das jenseits aller Situationen trotzende Selbst, dem Blick solange entzieht, bis einer jener lyrischen Monologe, zu denen das
                        Dasein des Chors immer wieder den Anlaß gibt, dann doch wieder das Tragische in die Mitte rückt. Die ungeheure Wichtigkeit
                        dieser lyrisch-musikalischen Partien in der Ökonomie des dramatischen Ganzen beruht eben darauf, daß die Attiker im eigentlich
                        Dramatischen, im Dialog, nicht die Form fanden, das Heroisch-Tragische zum Ausdruck zu bringen. Denn das Heroische ist Wille,
                        und der attische Dialog ist, um den Ausdruck des ältesten Theoretikers, des Aristoteles selber, zu gebrauchen, <q>dianoetisch</q>,
                        – verstandesmäßige Auseinandersetzung.</p>
                     <p xml:id="ds1.6.9.3.3">Diese Grenze des attischen Dramas ist nun freilich keine bloß technische. Das Selbst kann eben nur
                        schweigen. Allenfalls kann es noch sich lyrisch-monologisch zu äußern suchen, obwohl ihm schon diese Äußerung, eben als
                        Äußerung, nicht mehr ganz angemessen ist; das Selbst äußert sich nicht, es ist vergraben in sich. Aber sowie es ins Gespräch
                        tritt, hört es auf, Selbst zu sein; Selbst ist es nur, solang es allein ist. So büßt es im Dialog selbst den Anlauf zu einer
                        Sprache ein, den es im Monolog schon genommen <pb break="yes" n="85"/> hatte. Der Dialog bringt keine Beziehung zwischen zwei
                        Willen zustande, weil jeder dieser Willen nur seine Vereinzelung wollen kann. So kommt es, daß das attische Drama das
                        technische Glanzstück des modernen, die Überredungsszene, wo ein Wille einen andern Willen bricht und lenkt, die Szene etwa,
                        wo <q>in solcher Laun' ein Weib gefreit</q> wird, nicht kennt. Auch die vielbemerkte Tatsache, daß der antiken Dramatik die
                        Liebesszene fremd ist, findet hier ihre letzte, zugleich technische und geistige Erklärung; die Liebe kann höchstens
                        monologisch als unerfülltes Verlangen erscheinen; Phädras Unglück des erwiderungslosen Gefühls ist antik bühnenmöglich, Julias
                        Glück des wechselweis gesteigerten Gebens und Habens nicht. Vom Willen des tragischen Selbst führt keine Brücke nach irgend
                        einem Außen, und sei dies Außen auch ein andrer Wille. Sein Wille sammelt als auf den eigenen Charakter gerichteter Trotz alle
                        Wucht nach innen.</p>
                     <p xml:id="ds1.6.9.3.4">Dies Fehlen aller Brücken und Verbindungen, dies nur nach innen Gekehrtsein des Selbst ist es auch, was
                        jene eigentümliche Dunkelheit über Göttliches und Weltliches ausgießt, in der sich der tragische Held bewegt. Er versteht
                        nicht, was ihm widerfährt, und er ist sich bewußt, es nicht verstehen zu können; er versucht gar nicht, in das rätselhafte
                        Walten der Götter einzudringen. Die Hiobsfragen nach Schuld und Schicksal mögen von den Dichtern gestellt werden; die Helden
                        selber, anders als Hiob, kommen gar nicht auf den Gedanken, sie zu stellen. Täten sie es, so müßten sie ihr Schweigen brechen.
                        Das bedeutete aber ein Heraustreten aus den Mauern ihres Selbst, und ehe sie das tun, dulden sie lieber stumm und steigen die
                        Stufen der inneren Erhöhung des Selbst hinan wie Ödipus, dessen Tod das Rätsel seines Lebens ganz ungelöst läßt und dennoch,
                        gerade weil er es gar nicht berührt, den Helden in seinem Selbst ganz einschließt und befestigt.</p>
                     <p xml:id="ds1.6.9.3.5">Überhaupt ist dies der Sinn des Untergangs des Helden. In der Tragödie wird leicht der Anschein erweckt,
                        als müßte der Untergang des Einzelnen irgend ein gestörtes Gleichgewicht der Dinge wiederherstellen. Aber dieser Anschein
                        beruht nur auf dem Widerspruch zwischen dem tragischen Charakter und der dramatischen Fabel; das Drama als Kunstwerk braucht
                        beide Hälften dieses Widerspruchs, um zu bestehen; aber das eigentlich Tragische wird <pb break="yes" n="86"/> dadurch
                        verwischt. Der Held als solcher muß nur untergehen, weil der Untergang ihm die höchste Verheldung, nämlich die geschlossenste
                        Verselbstung seines Selbst ermöglicht. Er verlangt nach der Einsamkeit des Untergangs, weil es keine größere Einsamkeit gibt
                        als diese. Deshalb stirbt der Held eigentlich auch nicht. Der Tod sperrt ihm gewissermaßen nur die Temporalien der
                        Individualität. Der zum heldischen Selbst geronnene Charakter ist unsterblich. Die Ewigkeit ist ihm gerade gut genug, sein
                        Schweigen wiederzutönen.</p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="1.4.7.3" xml:id="ds1.6.9.4">
                     <head xml:id="ds1.6.9.4.1">Psyche</head>
                     <p xml:id="ds1.6.9.4.2">Unsterblichkeit – damit haben wir ein letztes Verlangen des Selbst berührt. Nicht die Persönlichkeit,
                        aber das Selbst fordert für sich Ewigkeit. Die Persönlichkeit begnügt sich an der Ewigkeit der Beziehungen, in die sie
                        ein- und
                        aufgeht; das Selbst hat keine Beziehungen, es kann keine eingehen, es bleibt immer es selbst. So ist es sich bewußt, ewig zu
                        sein; seine Unsterblichkeit ist Nichtsterbenkönnen. Alle antike Unsterblichkeitslehre kommt auf dies Nichtsterbenkönnen des
                        losgelösten Selbst hinaus; die Schwierigkeit besteht theoretisch nur darin, diesem Nichtsterbenkönnen einen natürlichen
                        Träger, ein <q>etwas</q>, das nicht sterben kann, ausfindig zu machen. So kommt die antike Psychologie zustande. Die Psyche soll
                        das natürliche Etwas sein, das schon von Natur wegen todesunfähig ist. So wird sie vom Leib theoretisch getrennt und Träger
                        des Selbst. Aber diese Verkettung des Selbst mit einem letzthin eben doch nur natürlichen Träger, eben der <q>Seele</q>, macht die
                        Unsterblichkeit zu einem höchst prekären Besitz. Die Seele, wird behauptet, kann nicht sterben; aber da sie in die Natur
                        verflochten ist, so wird das Nichtsterbenkönnen zur unermüdlichen Verwandlungsfähigkeit; die Seele stirbt nicht, aber sie
                        wandert durch die Leiber. So wird dem Selbst in der Unsterblichkeit das Danaergeschenk der Seelenwanderung mitgegeben und
                        damit die Unsterblichkeit gerade für das Selbst entwertet. Denn das Selbst, wenn es denn im Trotz auf die Unbeschränktheit
                        seines vergänglichen Wesens Unsterblichkeit verlangt, verlangt eine Unsterblichkeit ohne Wandel und Wanderung; es verlangt
                        Selbst-Erhaltung. Indem es aber mit der <q>Seele</q> verkettet wird, der <q>Seele</q> nach dem antiken Sinn des Worts, der ausdrücklich
                        nicht das Ganze des Menschen, sondern nur einen <q>Teil</q>, den nichtsterbenkönnenden, bezeichnet, wird dem Selbst sein <pb break="yes" n="87"/> Verlangen nur wie zum Hohne erfüllt. Das Selbst bleibt es selbst, aber es geht durch die
                        unkenntlichsten Gestalten, denn keine jener Gestalten wird sein Besitz; aber es behält auch sein Eigenes, den Charakter, die
                        Eigenart, nur dem Namen nach; in Wahrheit bleibt ihm bei seinem Gang durch die Gestalten nichts Erkennbares davon übrig. Es
                        bleibt Selbst nur in seiner vollkommenen Stummheit und Beziehungslosigkeit; die behält es auch bei seiner Verwandlung; es
                        bleibt immer das einzelne, einsame, sprachlose Selbst. Eben auf diese Sprachlosigkeit müßte es Verzicht tun, es müßte aus dem
                        einsamen Selbst zur sprechenden Seele werden, – Seele aber hier in einem andern Sinn, wo das Wort ein Ganzes des Menschen
                        jenseits des Gegensatzes von <q>Leib und Seele</q> meint. Würde das Selbst zur Seele in diesem Sinn, dann wäre ihm auch
                        Unsterblichkeit in einem neuen Sinn gewiß, und der gespenstische Gedanke der Seelenwanderung verlöre seine Kraft. Aber wie das
                        geschehen sollte, wie dem Selbst die Zunge gelöst, das Ohr erschlossen werden sollte, das ist vom Selbst aus, wie wir es bis
                        jetzt kennen, gar nicht vorzustellen. Vom in sich versenkten <q>B=B</q> führt kein Weg hinaus ins tönende Freie, alle Wege nur
                        tiefer ins Schweigen des Innern hinein.</p>
                  </div>
               </div>
               <div type="section" n="1.4.8" xml:id="ds1.6.10">
                  <head xml:id="ds1.6.10.1">Ästhetische Grundbegriffe: Gehalt</head>
                  <p xml:id="ds1.6.10.2">Und dennoch, eine Welt gibt es, wo dies Schweigen selber schon Sprache ist, nicht freilich Sprache der Seele,
                     aber dennoch Sprache, eine Sprache vor der Sprache, Sprache des Unausgesprochenen, Unaussprechlichen. Wie das Mythische der
                     metaphysischen Theologie in der ausschließenden Abgeschlossenheit der äußeren Form das Reich des Schönen, wie das Plastische der
                     metalogischen Kosmologie in der Insichgeschlossenheit der inneren Form das Kunstwerk, das schöne Ding, gründete, so legt das
                     Tragische der metaethischen Psychologie in dem beredten Schweigen des Selbst den Grund des wortlosen Verstehens, auf dem die
                     Kunst erst eine Wirklichkeit werden kann. Der Gehalt ist es, der hier entsteht. Der Gehalt ist das, was zwischen dem Künstler und
                     dem Betrachter, ja zwischen dem Künstler als lebendigen Menschen und dem Künstler, der über seine Lebendigkeit hinaus das Werk in
                     die Welt setzt, die Brücke schlägt. Und dieser Gehalt ist nicht die Welt, denn die ist zwar allen gemeinsam, aber so, daß jeder
                     seinen individuellen Anteil, seinen besonderen Standpunkt in ihr hat.</p>
                  <pb break="yes" n="88"/>
                  <p xml:id="ds1.6.10.3">Der Gehalt muß etwas unmittelbar Gleiches sein,
                     etwas, was
                     die Menschen nicht untereinander teilen wie die gemeinsame Welt, sondern etwas, was in allen gleich ist. Und das ist nur das
                     Menschliche schlechthin, das Selbst. Das Selbst ist das, was im Menschen zum Schweigen verurteilt ist und dennoch überall sofort
                     verstanden wird. Es braucht bloß sichtbar gemacht, bloß <q>dargestellt</q> zu werden, um in jedem andern gleichfalls das Selbst zu
                     erwecken. Es selber verspürt dabei nichts, es bleibt gebannt in die tragische Lautlosigkeit, es starrt unverwandt in sein
                     Inneres; wer es aber sieht, in dem erwachen, wie es wiederum schon Aristoteles voll ahnenden Tiefsinns formulierte, <q>Furcht und
                     Mitleid</q>. Im Beschauer werden sie wach und richten sich sofort in sein eigenes Inneres, machen ihn zum Selbst. Würden sie im
                     Helden selber wach, so hörte er auf, stummes Selbst zu sein; <q>Phobos</q> und <q>Eleos</q> würden sich als <q>Ehrfurcht und Liebe</q>
                     enthüllen, die Seele Sprache gewinnen und das neugeschenkte Wort von Seele zu Seele ziehen. Nichts von solchem Zueinanderkommen
                     hier. Alles bleibt stumm. Der Held, der Furcht und Mitleid in andern erweckt, bleibt selber unbewegtes starres Selbst. Im
                     Beschauer wiederum schlagen sie sofort nach innen, machen auch ihn zum in sich selber eingeschlossenen Selbst. Jeder bleibt für
                     sich, jeder bleibt Selbst. Es entsteht keine Gemeinschaft. Und dennoch entsteht ein gemeinsamer Gehalt. Die Selbste kommen nicht
                     zueinander, und dennoch klingt in allen der gleiche Ton, das Gefühl des eigenen Selbst. Diese wortlose Übertragung des Gleichen
                     geschieht, obwohl noch keine Brücke führt von Mensch zu Mensch. Sie geschieht nicht von Seele zu Seele – es gibt noch kein Reich
                     der Seelen; sie geschieht von Selbst zu Selbst, von einem Schweigen zum andern Schweigen.</p>
                  <p xml:id="ds1.6.10.4">Das ist die Welt der Kunst. Eine Welt stummen Einverständnisses, die keine Welt ist, kein wirklicher, hin und
                     her lebendiger Zusammenhang der hin und wider ziehenden Rede, und dennoch an jedem Punkt fähig, auf Augenblicke belebt zu werden.
                     Kein Laut durchbricht dies Schweigen, und dennoch kann in jedem Augenblick ein jeder das Innerste des andern in sich selber
                     spüren. Es ist die Gleichheit des Menschlichen, die hier als Gehalt des Kunstwerks wirksam wird, vor aller wirklichen Einheit des
                     Menschlichen. Noch vor aller wirklichen Menschensprache schafft <pb break="yes" n="89"/> die Kunst als Sprache des
                     Unaussprechlichen die erste und für alle Zeit unter und neben der eigentlichen Sprache unentbehrliche stumme Verständigung. Das
                     Schweigen des tragischen Helden schweigt in aller Kunst und wird in aller Kunst verstanden ohne alle Worte. Das Selbst spricht
                     nicht und wird doch vernommen. Das Selbst wird gesehen. Das reine stumme Schauen vollzieht in jedem Beschauer die Wendung hinein
                     ins eigene Innere. Die Kunst ist keine wirkliche Welt; denn die Fäden, die in ihr von Mensch zu Mensch gezogen werden, laufen nur
                     für Augenblicke, nur für die kurzen Augenblicke des unmittelbaren Schauens und nur am Ort des Schauens. Das Selbst wird nicht
                     lebendig, indem es vernommen wird. Das Leben, das im Betrachter erweckt wird, erweckt nicht das Betrachtete zum Leben; es wendet
                     sich im Betrachter selber sogleich nach innen. Das Reich der Kunst gibt den Boden, wo überall das Selbst erwachsen kann; aber
                     jedes Selbst ist wieder ein ganz einsames, einzelnes Selbst; die Kunst schafft nirgends eine wirkliche Mehrheit von Selbsten,
                     obwohl sie überall die Möglichkeit zum Erwachen von Selbsten herstellt: das Selbst, das erwacht, weiß dennoch nur von sich
                     selbst. Mit andern Worten: das Selbst bleibt in der Scheinwelt der Kunst stets Selbst, wird nicht – Seele.</p>
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                  <head xml:id="ds1.6.11.1">Der einsame Mensch</head>
                  <p xml:id="ds1.6.11.2">Und wie sollte es Seele werden? Seele, das hieße heraustreten aus der in sich gekehrten Verschlossenheit;
                     aber wie sollte das Selbst heraustreten? wer sollte es rufen – es ist taub; was sollte es hinauslocken – es ist blind; was sollte
                     es draußen anfangen – es ist stumm. Es lebt ganz nach innen. Die Zauberflöte der Kunst allein konnte das Wunder vollbringen, den
                     Gleichklang des menschlichen Gehalts in den Getrennten erklingen zu lassen. Und wie begrenzt war noch diese Magie! Wie blieb es
                     eine Scheinwelt, eine Welt der bloßen Möglichkeiten, die hier entstand. Der gleiche Klang ertönte und wurde doch überall nur im
                     eigenen Innern vernommen; keiner spürte das Menschliche als das Menschliche in andern, jeder nur unmittelbar im eigenen Selbst.
                     Das Selbst blieb ohne Blick über seine Mauern, alle Welt blieb draußen. Hatte es sie in sich, so nicht als Welt, sondern nur als
                     seinen eigenen Besitz. Die Menschheit, von der es wußte, war allein die in seinen eigenen vier Wänden. Es selbst blieb sich der
                     einzige andre, den es sah, <pb break="yes" n="90"/> und jeder andre, der von ihm gesehen werden wollte, mußte in diesen seinen
                     Sehraum hineingehn und darauf verzichten, als andrer gesehen zu werden. Die ethischen Ordnungen der Welt verloren so in diesem
                     Sehraum des eigensinnigen Selbst allen eigenen Sinn; sie wurden zum bloßen Inhalt seiner Selbstschau. So mußte es wohl bleiben,
                     was es war, das über alle Welt weggehobene, mit starrem Trotz ins eigene Innere starrende und alles Fremde allein dort im Eignen
                     und also nur als Eignes zu erblicken fähige, – alle ethische Ordnung eingeheimst zum eignen Ethos: so war und blieb das Selbst
                     der Freiherr seines Ethos – das Metaethische.</p>
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