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<div xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" type="book" n="1.5" xml:id="ds1.7">
   <head xml:id="ds1.7.1">ÜBERGANG</head>
   <div type="section" n="1.5.1" xml:id="ds1.7.2">
      <head xml:id="ds1.7.2.1">Rückblick: Das Chaos der Elemente</head>
      <p xml:id="ds1.7.2.2">Der mythische Gott, die plastische Welt, der tragische Mensch – wir halten die Teile in der Hand. Wir haben
         wahrhaftig das All zerschlagen. Je tiefer wir in die Nacht des Positiven hinabstiegen, um das Etwas unmittelbar bei seinem
         Ursprung aus dem Nichts zu erhaschen, desto mehr zerbrach uns die Einheit des All. Das Stückwerk des Wissens, das uns jetzt
         umgibt, schaut seltsam fremd zu uns auf. Es sind die Elemente unsrer Welt, aber wir kennen sie so nicht; es ist das, woran wir
         glauben, aber nicht so, wie es uns hier entgegentritt, glauben wir daran. Wir kennen eine lebendige Bewegung, einen Stromkreis,
         in dem diese Elemente schwimmen; nun sind sie herausgerissen aus dem Strom. In der Bahn des Gestirns, das über unserm Leben
         strahlt, sind sie uns vertraut und glaubwürdig in jedem Sinn; herausgelöst, abgezogen zu bloßen Elementen einer rechnerischen
         Bahnkonstruktion, erkennen wir sie nicht wieder. Wie sollten wir sie auch erkennen! Erst die Bahnkurve kann ja das Geheimnis der
         Elemente ins Sichtbare bringen. Erst die Kurve führt aus dem bloß Hypothetischen der Elemente ins Kategorische der anschaulichen
         Wirklichkeit. Ob die Elemente mehr als bloße <q>Hypothesen</q> waren: erst ihre Fähigkeit zum Aufbau der sichtbaren Bahn kann es
         bewähren. </p>
      <div type="subsection" n="1.5.1.1" xml:id="ds1.7.2.3">
         <head xml:id="ds1.7.2.3.1">Das heimliche <q>Wenn</q></head>
         <p xml:id="ds1.7.2.3.2">Das Hypothetische – das ist das Wort, das uns jenes fremde Aussehen der Stücke des All erklärt. Keines
            dieser Stücke hat einen sicheren, unverrückbaren Ort; über jedem steht ein heimliches Wenn geschrieben. Siehe da: Gott ist und
            ist seiendes Leben; siehe da: die Welt ist und ist begeistete Gestalt; siehe da: der Mensch ist und ist einsames Selbst; –
            aber fragst du, wie denn eines zum andern sich finde, wie denn der Mensch in seiner Einsamkeit nun Platz nehme in der
            geistbewegten Welt, wie <pb break="yes" n="92"/> denn der Gott in seiner Schrankenlosigkeit es aushalte neben einer in sich
            geschlossenen Welt, einem in sich einsamen Menschen, wie denn diese Welt in ihrer ruhigen Gestalthaftigkeit noch Raum lasse
            für unendliches Leben Gottes, ein eigenes Sein des Menschen, fragst du solche Fragen, so stürzt ein ganzer Schwarm von Wenns
            als Antwort auf dich ein. In ruhiger Festigkeit mögen, ehe du fragst, die drei Elemente nebeneinander zu liegen scheinen,
            jedes in einem gegen außen blinden Ein- und Allgefühl des eigenen Daseins. Hierin sind sie alle drei untereinander gleich.
            Auch Gott, auch die Welt, nicht der Mensch allein, sind jedes ein einsames Selbst, das in sich starrend von keinem Draußen
            weiß; auch Mensch und Welt, nicht Gott nur, leben in der innerlichen Lebendigkeit ihrer eigenen Natur; ohne eines Seins außer
            dem eigenen zu bedürfen; auch Mensch und Gott, nicht bloß die Welt, sind in sich geschlossene Gestalt und eignen Geists
            begeistet.</p>
      </div>
      <div type="subsection" n="1.5.1.2" xml:id="ds1.7.2.4">
         <head xml:id="ds1.7.2.4.1">Das offenkundige <q>Vielleicht</q></head>
         <p xml:id="ds1.7.2.4.2">So scheinen alle Grenzen und Unterschiede zu verschwimmen; jedes Teil setzt sich monistisch als das
            Ganze. Aber es sind eben doch drei Monismen, drei Ein- und Allbewußtseine, die hier nebeneinander aufschießen; drei Ganze
            waren wohl möglich, drei Alls sind undenkbar. Und so muß die Frage nach den Verhältnissen denn doch gefragt werden. Aber eben
            sie steigert die Verwirrung aufs höchste. Denn es gibt kein Verhältnis, das hier ausgeschlossen wäre. Es gibt keine feste
            Ordnung zwischen den drei Punkten Gott, Welt, Mensch; es gibt kein Oben und Unten, kein Rechts und Links. Zu keiner Ordnung
            der dreie sagt das heidnische Bewußtsein entschlossen Ja oder Nein. Jede wird durchprobiert. Aus den Wenns springen die
            Vielleichts. Ist Gott der Schöpfer der Welt, der sich selbst dem Menschen offenbarend Mitteilende? Vielleicht; Platon lehrt
            die Schöpfung und mancher Mythologe Europas und Vorderasiens mit ihm; in Hunderten Orakelstätten, auf Tausenden Altären, im
            zuckenden Eingeweide des Opfers, im Flug der Vögel, im stillen Wandel der Sterne – überall spricht der Mund der Götter zum
            Menschen, überall steigt der Gott hernieder und tut seinen Willen kund. Aber siehe da: vielleicht ists auch anders. Sind nicht
            die Götter Teile und Ausgeburten der ewigen Welt? Aristoteles lehrt es und zahlreiche Theogonien allerorten mit ihm. Und
            offenbart nicht der alten Erde Mund dem Menschen alles, was ihm zu wissen <pb break="yes" n="93"/> frommt? der Kampf zwischen
            Gäa und den Himmlischen um das Recht der Orakel, das ganze Heidentum kämpft ihn nicht aus. Und Götter selber steigen hernieder
            und holen sich Rats aus der Erde Mund und erfragen ihr göttliches Geschick aus dem Spruche des voraussinnenden, weisen Sohns
            der alten Mutter. Und der – wer weiß denn, ob er nicht selber, er das Maß aller Dinge, der wahre Schöpfer ist und alles so,
            wie seine Satzung es fügte, beschaffen. Sind nicht Menschen durch Menschenspruch in die Sterne versetzt? Götter geworden? Ja,
            wären vielleicht alle, die man als Götter heute verehrt, gestorbene Menschen von einst, Könige und Helden der Vorzeit? Und
            alles Göttliche nichts als erhöhtes menschliches Selbst? Aber nein – in erdgebundner, götterscheuer Schwäche kriecht das
            menschliche Leben dahin, mit demütigem Gebet versuchend, den Willen der Himmlischen zu wenden, dem Zwang des Äußern mit
            zauberkräftigem Gegenzwang begegnend, doch nimmer fähig, die Grenzen des Menschlichen zu überschreiten; der Erde dunkle Macht
            und des unbegreiflichen Verhängnisses drücken ihm den stolzen Nacken nieder – wie sollte er sich vermessen, der Erde und des
            Schicksals Herr zu sein?</p>
         <p xml:id="ds1.7.2.4.3">Vielleicht, vielleicht, – ein Wirbelwind der Widersprüche, in den wir geraten sind: bald scheints, als ob
            Gott der Schöpfer und Offenbarer oben thronte, Welt und Mensch ihm zu Füßen, bald wieder als ob die Welt auf dem
            Herrscherstuhl säße, Gott und Mensch ihre Ausgeburten, bald wieder als ob der Mensch zu oberst stünde und Welt und Göttern das
            Gesetz seiner Art zuwöge, er aller Dinge Maß. Es ist ja kein Drang in den dreien, zu einander zu kommen; jedes ist nur als
            Ergebnis entstanden, als Abschluß; abgeschlossen in sich, die Augen ins eigene Innere gerichtet, jedes sich selber ein All. Da
            kann nur die Willkür, nur das Vielleicht Beziehungen behaupten; nein nicht behaupten, vermuten höchstens, und eine Beziehung,
            eine Ordnung so gut wie die andre. Vielleicht, vielleicht – es gibt keine Gewißheit, es gibt nur ein kreisendes Rad der
            Möglichkeiten. Wenn steigt über Wenn, Vielleicht sinkt unter Vielleicht.</p>
         <p xml:id="ds1.7.2.4.4">Und selbst im Innern der dreie herrscht das Vielleicht. Ungewiß bleibt hier nichts Geringeres als Zahl
            und Ordnung. Wenn jedes sich selber ein All ist, so trägt es in sich die Möglichkeit zur Ein<pb break="no" n="94"/>heit so gut
            wie zur Vielheit. Im bloßen Sein ist alles möglich und alles nur möglich. Und was wir bisher fanden, war lauter Sein, lauter
            <q>Tatsächlichkeit</q>, etwas Großes gegenüber der reinen Ungewißheit des Zweifels: die Tatsächlichkeit des Göttlichen,
            Menschlichen, Weltlichen; etwas Geringes für das Verlangen des Glaubens. Den Glauben kann die bloße Tatsächlichkeit des Seins
            nicht befriedigen; er verlangt hinaus über dies Sein, in welchem innerhalb der einen Voraussetzung des Seins noch alles
            möglich ist; er verlangt nach eindeutiger Gewißheit. Die aber vermag das Sein nicht mehr zu geben. Erst die Beziehung, die als
            Wirklichkeit zwischen den Tatsachen des Seins vermittelt, erst sie begründet eindeutige Zahl, eindeutige Ordnung. Das gilt
            schon in den einfachsten Verhältnissen. Ob etwa die Zahl 3 Einheit oder Vielheit ist, das wird erst bestimmt durch die
            Gleichung, in der sie auf andre Zahlen bezogen wird; erst die Gleichung bestimmt sie etwa als = 1 x 3 zur Einheit oder als = 3
            x 1 zur Vielheit; vor der Gleichung ist sie bloßes Sein und als solches Integral, Allheit, Allmöglichkeit, zu bestimmen nur
            durch das absolut unbestimmte, alle Möglichkeiten in sich enthaltende Produkt aus ∞ und 0. Wie die Zahl, so die Ordnung. Ob
            das einzelne Sein, etwa der Punkt x₁, y₁, z₁  Element einer Geraden, einer Kurve, einer Fläche, eines Körpers, welcher Geraden,
            welcher Kurve, welcher Fläche, welches Körpers sei, all das bestimmt sich erst durch die Gleichung, die ihn zu x₂, y₂, z₂  in
            differentiale Beziehung bringt. Vorher ist der Punkt Allmöglichkeit, gerade weil er als feste <q>Tatsächlichkeit</q> im Raum Sein
            hat. So können auch die drei Elemente des Alls ein jedes in seiner inneren Mächtigkeit und Struktur, in seiner Zahl und
            Ordnung erst erkannt werden, wenn sie miteinander in eindeutige, dem Wirbel der Möglichkeiten entrückte, wirkliche Beziehung
            treten.</p>
      </div>
      <div type="subsection" n="1.5.1.3" xml:id="ds1.7.2.5">
         <head xml:id="ds1.7.2.5.1">Das herrschende <q>Wer weiß</q></head>
         <p xml:id="ds1.7.2.5.2">Weil also das Altertum zwar die Tatsächlichkeit von Mensch, Welt, Gott lebendig besaß, aber ihre
            wechselseitigen Beziehungen nicht aus dem gestaltenschwangeren Nebel des Vielleicht heraus in helle eindeutig beleuchtete
            Wirklichkeit holte, deshalb konnte es nicht zur Klarheit kommen in allen Fragen, die über die bloße Tatsächlichkeit
            hinausführen. Ein Gott? viele Götter? ein Reich von Göttern? mehrere Reiche? die mit einander streiten? gegeneinander
            verbündet sind? die einander in der Folge der Zeiten <pb break="yes" n="95"/> ablösen? Wer weiß, wer weiß, wer weiß – –. Eine
            Welt? viele Welten? nebeneinander? übereinander aufsteigend? einander folgend? in geradliniger Folge? kreishaft ineinander
            laufend in ewiger Wiederkehr? Wer weiß, wer weiß, wer weiß – –. Ein Menschheitsselbst in allen eins? viele Selbste?
            Menschheiten einander folgend in Geschlechtern? gruppenhaft gegeneinander geschart? ins Unendliche in Einzelselbste
            zersplittert? oder die Heroen untereinander zusammengefaßt zur heroischen Gemeinschaft? zur einen Walhalls oder Elysions? zum
            Kampf der Achäer und Troer? zum Nacheinander der Vätergeschichte und der rächenden Epigonen? oder der Held einsam in einer
            heldenlosen Welt seine Arbeiten verrichtend und einsam im Flammenstoß zu den Göttern steigend? Wer weiß, wer weiß, wer weiß –
            –</p>
         <p xml:id="ds1.7.2.5.3">Ein schillernder Glanz des Vielleicht liegt über Göttern, Welten und Menschen. Gerade weil es den
            Monismus eines jeden dieser drei Elemente im vollendeten Eins- und Allgefühl ihrer Tatsächlichkeit ganz ausgebaut hat, gerade
            deshalb ist das Heidentum – <q>Polytheismus</q> nicht bloß, sondern <q>Polykosmismus</q>, <q>Polyanthropismus</q> ; gerade deshalb
            zersplittert es das schon in seine Tatsächlichkeiten zerstückelte All noch einmal in die Splitter seiner Möglichkeiten. Die
            vollgewichtige, doch lichtlose Tatsächlichkeit der Elemente zerweht in die gespenstischen Nebel der Möglichkeit. Über dem
            grauen Reich der Mütter feiert das Heidentum den farbenklingenden Geisterreigen seiner klassischen Walpurgisnacht.</p>
      </div>
   </div>
   <div type="section" n="1.5.2" xml:id="ds1.7.3">
      <head xml:id="ds1.7.3.1">Ausblick: Der Welttag des Herrn</head>
      <div type="subsection" n="1.5.2.1" xml:id="ds1.7.3.2">
         <head xml:id="ds1.7.3.2.1">Bewegung</head>
         <p xml:id="ds1.7.3.2.2">Das orgiastische Durcheinander des Möglichen ist so nur die äußerliche sichtbare Erscheinung der
            elementaren inneren Zerstückelung des Wirklichen. Wollen wir Ordnung, Klarheit, Eindeutigkeit, – Wirklichkeit in jenen
            Taumeltanz des Möglichen bringen, so gilt es jene unterirdisch zerstückelten Elemente zusammenzufügen, sie aus ihrer
            gegenseitigen Ausschließlichkeit in einen klaren strömenden Zusammenhang zu bringen und, statt in der Nacht des Positiven zu
            <q>versinken</q>, wo jedes Etwas die Riesenformen des All annehmen möchte, wiederum aufwärts zu <q>steigen</q>. Aufwärts aber, zurück
            ins eine All der Wirklichkeit trägt uns nur der eine Strom der Weltzeit, der jene scheinbar ruhenden Elemente selber mit sich
            führt in rollender Bewegung, <pb break="yes" n="96"/> und der in dieser Bewegung von Weltmorgen über Weltmittag zu Weltabend
            die ins Dunkel des Etwas auseinandergestürzten Elemente des All wieder zusammenführt in dem einen Welttag des Herrn.</p>
         <p xml:id="ds1.7.3.2.3">Aber wie sollen die Elemente ins Strömen kommen? Dürfen wir den Strom ihnen von außen zuführen?
            Nimmermehr, – dann wäre der Strom selber ein Element und die drei Elemente nicht die seinen. Nein, aus den Elementen selber
            muß die Bahn der strömenden Bewegung ihren Ursprung nehmen, und ganz und gar und nur aus den Elementen; sonst wären es nicht
            die Elemente, und unser Glaube an ihre Tatsächlichkeit, den wir bisher mutig zugrundelegten, würde nicht durch das Bild der
            bewegten Wirklichkeit, in der wir leben, bestätigt. Die Elemente selber müssen in sich die Kraft bergen, aus welcher Bewegung
            entspringt, und in sich selbst den Grund ihrer Ordnung, in der sie in den Strom eintreten.</p>
      </div>
      <div type="subsection" n="1.5.2.2" xml:id="ds1.7.3.3">
         <head xml:id="ds1.7.3.3.1">Verwandlung</head>
         <p xml:id="ds1.7.3.3.2">In sich selbst sollen sie die Kraft tragen, aus welcher Bewegung entspringt? Aber wie denn, – gerade in
            ihrer Tatsächlichkeit, in ihrer blinden Insichgekehrtheit haben wir sie gefunden; wie sollen sie ihre Blicke nach außen
            richten? Was bedeutet dies Verlangen? Wie sollen die Ergebnisse Ursprünge werden können? Und doch sollen sie es. Aber wie das?
            Erinnern wir uns, wie sie uns zu Ergebnissen wurden. Vom Nichts des
            Wissens
            aus ließen wir sie, geleitet vom Glauben an ihre Tatsächlichkeit, <q>entstehen</q>. Dies Entstehen ist kein Entstehen in der
            Wirklichkeit, sondern es ist ein Gang in dem Raum vor aller Wirklichkeit. Nicht an Wirkliches grenzt die Wirklichkeit der drei
            Ergebnisse, nicht aus Wirklichem sind sie uns entstanden, sondern sie sind Anrainer des Nichts, und das Nichts des Wissens ist
            ihr Ursprung. So sind die Kräfte, die in dem Ergebnis zuletzt zusammenfließen, Machttat und Schicksalsmuß in Gott, Geburt und
            Gattung in der Welt, Willenstrotz und Eigenart im Menschen, – so sind diese Kräfte nicht Kräfte der sichtbaren Wirklichkeit,
            sondern entweder bloße Haltepunkte auf unserm, der Erkennenden, Weg vom Nichts unsres Wissens zum
            Etwas des
            Wissens oder, wenn denn, wie wir wohl zugeben müssen, dem Nichts unsres Wissens ein <q>wirkliches Nichts</q> entspricht, geheime
            Kräfte jenseits aller je uns sichtbaren Wirklichkeit, dunkle Mächte, die im Innern von Gott, Welt, <pb break="yes" n="97"/>
            Mensch am Werke sind, ehe daß Gott, Welt, Mensch – offenbar werden. Aber ihr Offenbarwerden rückt dann all jene geheimen
            Bildekräfte ins Vergangene und macht das, was uns bisher Ergebnis schien, selber zum Anfang. Und ebenso auch, wenn wir denn
            doch lieber, vorsichtig am Drahtseil des Erkenntnisbewußtseins entlang kletternd, das Nichts nur als Nichts des
            Wissens
            ansehen wollten, auch dann beginnt erst beim fertigen Ergebnis dem Wirklichen gegenüber der Anfang. Was wir aber für sei es
            geheime Bildekräfte vor der Geburt ins Offenbare, sei es für letzte Etappen auf der Straße der erkennenden Konstruktion
            nahmen, das wird dann, wenn die Ergebnisse sich in Ursprünge umkehren, als erste Offenbarung ihres Inneren aus ihnen
            hervorsteigen. So wird das, was jenseits der Wirklichkeit in ihnen zusammenfließend sie verwirklichte, als erstes Zeugnis
            ihrer Wendung zur Wirksamkeit von ihnen ins Diesseits der Wirklichkeit hinausfließen. Eine
            Wendung
            ist es, eine Umkehr. Was als Ja einmündete, wird als Nein ausstrahlen, was als Nein einging, ausgehn als Ja. Denn das
            Offenbarwerden ist die Umkehr des Werdens. Das Werden nur ist geheim. Das Offenbarwerden aber ist – offenbar.</p>
      </div>
      <div type="subsection" n="1.5.2.3" xml:id="ds1.7.3.4">
         <head xml:id="ds1.7.3.4.1">Ordnung</head>
         <p xml:id="ds1.7.3.4.2">So verwandelt sich das reine Tatsächliche in den
            Ursprung
            der wirklichen Bewegung. Aus fertigen Ringen werden Glieder einer Kette. Aber wie ordnen sich die Glieder? Zeigt sich trotz
            ihrer blinden Insichgekehrtheit in den Elementen selber vielleicht doch schon eine Andeutung wenigstens ihrer Reihe und
            Ordnung zur Kette der Bahn? Gleich wie trotz ihrer Insichgekehrtheit in ihnen selber schon die Vorbedingung ihrer Umkehr ins
            Offenbare lag. Sehen wir zu. Wir hatten Gott, Welt, Mensch in den Gestalten gefunden, in denen das reife Heidentum sie
            glaubte, den Gott als den lebendigen des Mythos, die Welt als die plastische der Kunst, den Menschen als den heldischen der
            Tragödie. Aber zugleich hatten wir diese lebendigen Wirklichkeiten der geschichtlichen Antike als Gegenwart des Gedankens
            dargestellt, indem wir im Metaphysischen, Metalogischen, Metaethischen den Grundcharakter der Wissenschaften von Gott, Welt,
            Mensch behaupteten, ja in der vorausgeschickten Einleitung diese Grundcharaktere der Wissenschaft als die spezifisch modernen
            und gegenwärtigen zu erweisen suchten. Ein scheinbarer Widerspruch <pb break="yes" n="98"/> – oder wollen wir mit dieser
            Modernität der metaphysischen, metalogischen, metaethischen Ansicht etwa unmittelbar das Heidentum erneuern? Schieben wir die
            Antwort auf die letzte Frage lieber noch für später auf; der scheinbare Widerspruch wird sich schon ohne sie lösen.</p>
      </div>
      <div type="subsection" n="1.5.2.4" xml:id="ds1.7.3.5">
         <head xml:id="ds1.7.3.5.1">Folge</head>
         <p xml:id="ds1.7.3.5.2">Es war nämlich in den drei Fällen nicht allemal das gleiche Verhältnis, in das unsre Darstellung die
            moderne Wissenschaft zu ihrer jeweiligen Verwirklichung in der Geschichte setzte. Beim mythischen Gott war der Ort der
            geschichtlichen Wirklichkeit die geglaubte Gottesvorstellung der Antike, beim tragischen Menschen ihr lebendiges
            Selbstbewußtsein, bei der plastischen Welt ihre erzeugte Weltanschauung. Der Unterschied scheint nicht tief zu greifen; in
            Wahrheit reicht er sogar tiefer als uns in diesen bloß überleitenden Bemerkungen darzustellen erlaubt ist. Denn in der
            geglaubten Gottesvorstellung finden wir die Erbschaft, die aus einer unvordenklichen Vergangenheit der Antike überkommen war;
            im lebendigen Selbstbewußtsein sehen wir die Luft, die sie atmete, in der erzeugten Weltanschauung das Erbe, das sie den
            Kommenden übermachte. So erscheint die Antike in dreierlei zeitlicher Gestalt: einem ihr selber in der Vergangenheit liegenden
            Vorleben, einer mit ihr selbst gekommenen und vergangenen Gegenwart und einem über sie hinaus führenden Nachleben. Das erste
            ist ihre Theologie, das zweite ihre Psychologie, das dritte ihre Kosmologie. In allen dreien haben wir nur
            Elementarwissenschaften zu sehen gelernt – denn auch in ihrer Modernität gelten sie uns nur als Lehre von den <q>Elementen</q>.
            Elementarwissenschaften, d.h. gewissermaßen Wissenschaften von den Vorgeschichte, von den dunkeln Gründen des Entstehens; die
            antike Theologie, Psychologie, Kosmologie gilt uns also sozusagen für Theogonie, Psychogonie, Kosmogonie. Und nun haben wir
            den bedeutsamen Unterschied festgestellt, und zwar festgestellt, ohne besonders darauf auszugehn, bloß in der Durchführung
            unsrer allgemeinen Aufgabe, den Unterschied, daß die Theogonie, die Geburtsgeschichte Gottes, schon der Antike eine
            Vergangenheit bedeutete, die Psychogonie, die Geburtsgeschichte der Seele, ein gegenwärtiges Leben, die Kosmogonie endlich,
            die Geburtsgeschichte der Welt, eine Zukunft. Das hieße also, daß Gottes Geburt vor dem Ursprung der Antike läge, die Geburt
            der Seele in <pb break="yes" n="99"/> der Antike geschehe und die Geburt der Welt erst nach Untergang der Antike sich
            vollende. Und damit wäre uns in diesen drei Geburten aus dem dunkeln Grund, diesen drei – wenn wir das Wort einmal wagen
            wollen – Schöpfungen, eine Verteilung der <q>Elemente</q> angedeutet über den großen Welttag, den Himmel, an dem die von ihnen
            gebildete Bahn sich abzeichnen wird. Formulieren wir es kurz und überlassen die breitere Ausführung ruhig dem weiteren
            Verlauf: Gott war von uran, der Mensch ward, die Welt wird. Wie wir diese drei Geburten aus den Gründen, diese drei
            Schöpfungen, auch weiterhin noch unterscheiden mögen, dies erste, ihre weltzeitliche Abfolge, konnten wir schon hier erkennen.
            Denn was wir bisher vom All erkannt haben, indem wir die immer währenden Elemente erkannten, war nichts andres als das
            Geheimnis seiner immerwährenden Geburt. Ein Geheimnis: denn es ist<lb break="yes"/> uns noch nicht offenbar und kann uns nicht
            offenbar<lb break="yes"/> sein, daß diese immerwährende Geburt aus dem <lb break="yes"/> Grunde – Schöpfung ist. Dieses
            Offenbar<lb break="no"/> werden des immerwährenden Geheim<lb break="no"/> nisses der Schöpfung ist das allzeit<lb break="no"/> erneute Wunder der Offenba<lb break="no"/> rung. Wir stehen an dem Übergang, – dem Über<lb break="no"/> gang
            des Geheim<lb break="no"/> nisses in das<lb break="yes"/> Wunder. </p>
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