<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<?xml-stylesheet type="text/xsl" href="textgrid:4n14k.2" ?>
<div xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" type="book" n="2.4" xml:id="ds2.6">
               <head xml:id="ds2.6.1">DRITTES BUCH</head>
               <head xml:id="ds2.6.2">ERLÖSUNG ODER DIE EWIGE ZUKUNFT DES REICHS</head>
               <p xml:id="ds2.6.3">Liebe deinen Nächsten. Das ist, so versichern Jud und Christ, der Inbegriff aller Gebote. Mit diesem Gebot verläßt
                  die mündig gesprochene Seele das Vaterhaus der göttlichen Liebe und wandert hinaus in die Welt. Ein Liebesgebot wie jenes Urgebot
                  der Offenbarung, das in allen einzelnen Geboten mittönt und sie erst aus der Starrheit von Gesetzen zu lebendigen Geboten schafft.
                  Jenes Urgebot konnte Liebe gebieten, weil es aus dem Munde des Liebenden, den wiederzulieben es gebot, selber kam, – weil es ein
                  <q>Liebe mich</q> war. Wenn nun der Inbegriff, das worin alle aus jenem Urgebot entsprungenen Gebote schließlich münden, gleichfalls ein
                  Liebesgebot ist, wie vereint sich das damit, daß jenes Urgebot die einzige Liebe gebietet, die geboten werden kann? Die Antwort auf
                  dieses Bedenken könnte leicht in einem kurzen Wort vorweggenommen werden. Statt dessen sei ihr lieber das ganze Schlußbuch dieses
                  Teils gewidmet. Denn sie enthält, so einfach sie ist, alles in sich, was die beiden vorangehenden Bücher noch offen lassen mußten. </p>
               <div type="section" n="2.4.1" xml:id="ds2.6.4">
                  <head xml:id="ds2.6.4.1">Die Liebestat</head>
                  <div type="subsection" n="2.4.1.1" xml:id="ds2.6.4.2">
                     <head xml:id="ds2.6.4.2.1">Der Verschlossene</head>
                     <p xml:id="ds2.6.4.2.2">Die Seele hatte sich in einem unendlichen, einfürallemal gesagten Ja vor Gott hingebreitet. So war sie
                        aus ihrer Verschlossenheit im Selbst herausgetreten. Nicht daß sie das Selbst verleugnet hätte, nein: sie war wirklich nur aus
                        ihm herausgetreten, heraus aus seiner Verschlossenheit ins Freie; nun lag sie breit und geöffnet da. Geöffnet, hingegeben,
                        vertrauend, – aber geöffnet nur nach einer einzigen Richtung, hingegeben nur einem Einzigen, vertrauend nur Ihm. Die Seele hat
                        Augen und
                        Ohren geöffnet, aber nur Eine Gestalt steht vor ihrem Auge, nur Eine Stimme fällt in ihr Ohr. Sie hat ihren Mund aufgetan,
                        aber nur Einem galten ihre Worte. Sie schläft nicht mehr den Starrschlaf des Selbst; aber sie <pb break="yes" n="230"/> ist
                        erweckt nur von dem Einen und für Einen. Und so bleibt sie eigentlich auch jetzt noch taub-blind wie das Selbst, taub-blind
                        nämlich für alles, was nicht der Eine ist. Ja das geht noch weiter. Wie nämlich Gott, solange er bloß Schöpfer schien,
                        eigentlich gestaltloser geworden war, als er zuvor im Heidentum gewesen, und immer in Gefahr zurückzusinken in die Nacht eines
                        verborgenen Gottes, so ist jetzt die Seele, solange sie bloß geliebte Seele ist, gleichfalls noch unsichtbar und ohne Gestalt,
                        mehr ohne Gestalt als einst das Selbst. Denn das Selbst war zwar ohne jeden Weg und Trieb nach außen, <q>nicht sehn, nicht
                        hören</q> war ihm, wie der Marmorgestalt Michelangelos, einziger Wunsch; aber wenigstens wurde es als tragischer Held doch selber
                        sichtbar und in der Vernehmlichkeit seines Schweigens hörbar. Die Seele aber ist nun zwar aufgetan zu Blick und Wort, aber nur
                        zu Gott hin; nach allen andern Seiten ist sie noch genau so verschlossen wie zuvor das Selbst, und dazu hat sie nun auch jene
                        Sicht- und Hörbarkeit, jene gestalthafte, wenn auch tragisch starre Lebendigkeit verloren, die das Selbst besaß. Das bloß
                        hingegebene Selbst ist in der Seligkeit seiner Gottgeliebtheit für die Welt, nein überhaupt für alles außer Gott, erstorben.
                        Wie der bloße Schöpfer stets in Gefahr ist, zurück ins Verborgene zu sinken, so die bloße Seligkeit der in Gottes Liebesblick
                        versenkten Seele zurück ins Verschlossene. Der verschlossene Mensch, er ists, der ähnlich wie der verborgene Gott an der
                        Grenze der Offenbarung steht und sie von der
                        Vor-welt
                        scheidet.</p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="2.4.1.2" xml:id="ds2.6.4.3">
                     <head xml:id="ds2.6.4.3.1">Antike Tragödie</head>
                     <p xml:id="ds2.6.4.3.2">Denn zwar war der heidnische Mensch, das Selbst, in sich eingeschlossen; aber deswegen war er doch nicht
                        verschlossen; er war sichtbar; er fand zwar keinen Zugang zur Welt, aber die Welt fand ihren Zugang zu ihm, und obwohl er
                        stumm war, konnte er doch angesprochen werden. Nichts andres ist ja der Chor in der antiken Tragödie als dies Heranwallen der
                        Außenwelt an den Helden, dies Angesprochenwerden der marmorstummen Gestalt. Auf der Bühne dargestellt mußte das werden; es
                        genügte nicht, es dem Empfinden des Zuschauers zu überlassen; denn an sich wäre es allerdings sehr natürlich, wenn dem stummen
                        Helden gegenüber der Beschauer sich verstummen, dem blinden gegenüber auch er sich erblinden fühlte. Aber das soll eben nicht
                        sein; der Held soll sichtbare Gestalt sein, in der Welt stehen, auch wenn er es selbst <pb break="yes" n="231"/> weder weiß
                        noch wahrhaben will; und eben dies Gefühl, daß es so ist, zwingt dem Beschauer der Chor auf, der den Helden ansieht, anhört,
                        anredet. In sich eingeschlossen also war das Selbst wohl, aber nicht
                        ver-schlossen
                        vor den Blicken der Welt. Der stumme Held stand trotz seiner Stummheit in der Welt. Weil er das tat, nur deswegen war
                        überhaupt irgendeine Welt im Heidentum möglich, trotzdem der Held da war. Denn er stand zwar wie ein Block in ihr da, aber er
                        war ihren Wirkungen nicht schlechtweg entzogen; Tarnkappe und Gygesring sind deshalb so unheimlich und letzthin
                        unheilbringend, weil sie jeden Zusammenhang der Welt sprengen. </p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="2.4.1.3" xml:id="ds2.6.4.4">
                     <head xml:id="ds2.6.4.4.1">Der Mystiker</head>
                     <p xml:id="ds2.6.4.4.2">Tarnkappe und Gygesring aber scheint nun das Selbst zu tragen, wenn man es allein als den gottseligen
                        Empfänger der Offenbarung betrachtet; so wie die in ihrer Götterburg geborgenen, hier aber voll lebendigen und sichtbaren
                        Göttergestalten des Heidentums von der Schöpfung allein her gesehen sich zum verborgenen Gott verdunkelten. Der nur
                        gottgeliebte Mensch ist vor aller Welt verschlossen und verschließt sich selber. Das ist das jedem natürlichen Gefühl
                        Unheimliche und auch objektiv Unheilbringende aller Mystik, daß sie dem Mystiker eine solche Tarnkappe wird. Seine Seele
                        öffnet sich Gott, aber weil sie sich nur Gott öffnet, so ist sie aller Welt unsichtbar und ihr verschlossen. Der Mystiker
                        dreht in hochmütigem Vertrauen den Zauberring an seinem Finger, und sofort ist er mit <q>seinem</q> Gott allein, und für die Welt
                        nicht mehr zu sprechen. Möglich wird ihm das nur dadurch, daß er ganz und gar nichts weiter sein will als Gottes Liebling. Um
                        das zu sein, um also nur das eine Geleis zu sehen, auf dem die Verbindung von ihm zu Gott, von Gott zu ihm läuft, muß er die
                        Welt leugnen, und da sie sich nicht leugnen läßt, so muß er recht eigentlich sie
                        ver-leugnen
                        ; es ist kein Zufall, sondern ganz wesentlich für ihn, daß er sie, da sie nun einmal da ist, behandelt als ob sie nicht
                        wahrhaft <q>existierte</q>, kein
                        Da-sein
                        hätte, kein Schondasein; er muß sie behandeln als ob sie nicht – geschaffen wäre (denn das ist ja ihr
                        Da-sein),
                        als ob sie nicht Gottes Schöpfung wäre, nicht von dem gleichen Gott ihm hingestellt, dessen Liebe er für sich beansprucht; er
                        darf nicht, sondern er muß gradezu sie behandeln, als wäre sie vom Teufel geschaffen; oder da der Begriff <q>schaffen</q> auf ein
                        Tun des Teufels unanwendbar scheint, <pb break="yes" n="232"/> so müßte man wohl sagen: er muß sie behandeln, als wäre sie
                        nicht geschaffen, sondern würde ihm von Augenblick zu Augenblick grade für die zufälligen Bedürfnisse des Augenblicks, wo er
                        ihr einen Blick schenkt, fertig zum Gebrauch hingestellt. Dieses grundunsittliche Verhältnis des reinen Mystikers zur Welt ist
                        ihm also, will er anders sein reines Mystikertum bewähren und bewahren, schlechthin notwendig. Der hochmütigen
                        Verschlossenheit des Menschen muß sich die Welt verschließen. Und der Mensch, den wir schon sich öffnen sahen, wird, statt als
                        redende Gestalt lebendig zu werden, in die Verschlossenheit zurückgeschlungen.</p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="2.4.1.4" xml:id="ds2.6.4.5">
                     <head xml:id="ds2.6.4.5.1">Die Erschließung</head>
                     <p xml:id="ds2.6.4.5.2">Wie mag sich nun diese Verschlossenheit zur Gestalt
                        er-schließen?
                        Denn es muß zu einer solchen Erschließung kommen, wenn der tiefste Grund jenes sich Öffnens der Seele nicht verleugnet werden
                        soll. Jener Grund war ja die Notwendigkeit, daß die geheime Vorwelt der Schöpfung sich ins Wunder des Offenbaren verkehren
                        sollte. Das Selbst mußte aus seiner Stummheit zum redenden Selbst werden. Als geliebte Seele schien es das schon geworden zu
                        sein. Aber nun sank uns die geliebte Seele plötzlich wieder ins Gestaltlose zurück, noch ehe sie recht Gestalt gewonnen hatte.
                        Das ist die schwere Schuld des Mystikers, daß er das Selbst auf seinem Wege zur Gestalt aufhält. Der Held war ein Mensch, wenn
                        auch nur in der
                        Vor-welt.
                        Der Mystiker aber ist kein Mensch, kaum ein halber Mensch; er ist nur Gefäß seiner erlebten Verzückungen. Er spricht wohl,
                        aber was er spricht, ist nur
                        Antwort,
                        nicht Wort, sein Leben nur Warten, nicht Wandeln. Aber nur ein Mensch, dem aus Antwort das Wort, aus dem Warten auf Gott das
                        Wandeln vor Gott erwüchse, nur das wäre ein wirklicher, ein voller Mensch. Erst er könnte dem Helden die Wage halten; denn
                        erst er wäre ebenso sichtbar und Gestalt wie der Held. Wieder wie bei Gott liegt es hier so, daß aus der im Heidentum <q>fertig
                        gewordenen</q> Gestalt in der inneren Umkehr nicht sofort eine neue Gestalt hervorgeht, sondern zunächst entspringt ihr nur ein
                        noch Gestaltloses, ein bloßer eigenschaftlicher Akt, die Schöpfertat Gottes, das Sichöffnen der Seele; ein Gestaltloses, das
                        dann erst, indem es in die Bahn des Weltgestirns hineingerissen wird, weiterhin Gestalt annimmt; erst so werden ja alle
                        Kräfte, die in jener fertigen Gestalt der Vorwelt zusammengeschlossen waren, <pb break="yes" n="233"/> wieder wirksam. Die
                        Gestalt, die der verschlossene Mensch so annimmt, indem er sich in Warten und Wandeln, in Erlebnis der Seele und seelenhafter
                        Tat zum ganz erschlossenen Menschen rundet, ist, um es vorweg zu sagen, die des Heiligen. Der Heilige ist so diesseits der
                        menschlichen Verschlossenheit wie der Held jenseits; es ist das gleiche Verhältnis wie zwischen dem offenbaren Gott der Liebe
                        und dem bloß in sich lebendigen des Mythos, zwischen denen scheidend die Nacht der göttlichen Verborgenheit steht.</p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="2.4.1.5" xml:id="ds2.6.4.6">
                     <head xml:id="ds2.6.4.6.1">Moderne Tragödie</head>
                     <p xml:id="ds2.6.4.6.2">Indem sich der Mensch zum ganzen Menschen erschließt, ist er nun unmittelbar sichtbar und hörbar
                        geworden. Er kann ja jetzt sein Gesehen- und Gehörtwerden erzwingen; er ist nicht mehr starres Marmorbild wie der tragische
                        Held des Altertums; nein, er spricht. Deswegen fällt in der neueren Tragödie der Chor als überflüssig weg. Es braucht dem
                        Zuschauer nicht mehr vor Augen geführt zu werden, daß der Held trotz seiner Blindheit sichtbar, trotz seiner Taubstummheit
                        ansprechbar ist; es braucht ihm nicht vor Augen geführt zu werden, er sieht es selbst. Denn der Held der neueren Tragödie,
                        der, eben gar nicht mehr im alten Sinne <q>Held</q>, ihm gar nicht mehr <q>wie die Antike starr entgegenkömmt</q>, ist mit
                        Empfänglichkeit und Willen ganz in das
                        Hin- und
                        Widerströmen der Welt hineingeworfen, ganz lebendig und voll unverhehlter Scheu vor dem offenen Grab. Diesen Helden, der sehr
                        Mensch ist und an allen Gliedern zittert vor lauter Sterblichkeit aus dieser Erde quillen seine Freuden, und diese Sonne
                        scheinet seinen Leiden –, diesen Helden sieht der Zuschauer zu voller Lebendigkeit erwachen im Dialog; da ist – genau
                        umgekehrt wie im antiken Dialog – alles Wille, alles Wirkung und Gegenwirkung; kein Raum bleibt für eine über den Augenblick
                        sich erhebende Bewußtheit. Der Zuschauer kann gar nicht anders; er muß den Helden, den er wollen und wirken sieht, für
                        lebendig erkennen; er wird selber im Geiste mit auf die Szene gerissen; nicht aber das Selbstgefühl des Helden wird in ihm
                        erweckt und dadurch Furcht und Mitleid, wie beim Zuschauer in der antiken Tragödie, sondern der Mensch auf der Bühne zwingt
                        den Menschen im Parkett in das Gefühl seines Mitunterredners hinein; nicht zu Furcht und Mitleid steigert ihn das Geschehen
                        auf der Bühne, sondern zu Widerspruch und Mitgerissenheit. Auch im <pb break="yes" n="234"/> Beschauer wird der Wille
                        aufgeregt, nicht die wissende Ahnung.</p>
                     <p xml:id="ds2.6.4.6.3">Am deutlichsten wird dieser Unterschied in den Augenblicken, wo der neue Held mit sich selber allein ist.
                        Der antike hatte im Monolog recht eigentlich und am ehesten noch sein Heldentum ausleben können. Hier, mit sich allein, konnte
                        er ganz in sich gesammelter, in sich versenkter Willenstrotz sein, ganz Selbst. Für den neueren sind die Monologe bloße
                        Ruhepunkte, Augenblicke, wo er aus seinem eigentlichen so bewegten wie handelnden Leben, das er in den Dialogen lebt,
                        gewissermaßen ans Ufer tritt und für eine Weile zum Betrachter wird. Selbstbetrachtung, Einordnung der eigenen Existenz in die
                        Welt, Entschlußklärung, Niederschlagung von Zweifeln – immer bedeutet dieser neue Monolog eine Spanne Bewußtsein in der
                        übrigens bewußtseinslosen, in Tat und Leiden ablaufenden tragischen Existenz. Ein Bewußtsein freilich, das obwohl es durchweg
                        von seltsamer, in Wirklichkeit kaum möglicher Klarheit ist, dennoch stets beschränkt bleibt. Es ist stets die Ansicht der Welt
                        und der eigenen Stellung in ihr nur von einem bestimmten Standpunkt, nämlich dem des einzelnen eigenen Ichs. </p>
                     <p xml:id="ds2.6.4.6.4">Und dieser Ichstandpunkte gibt es viele, so viele als Iche. Denn dies ist ein innerster Unterschied der
                        neuen Tragödie von der alten, um dessentwillen man sie mit Recht als Charaktertragödie jener als der Handlungstragödie
                        entgegengestellt hat: ihre Gestalten sind alle untereinander verschieden, verschieden wie es jede Persönlichkeit von der
                        andern ist, weil ja jede Persönlichkeit eine andre <q>Individualität</q> zugrunde liegen hat, einen andren unteilbaren
                        Welt-teil,
                        der ganz von selber also auch einen eigenen Standort der Weltbetrachtung bedeutet. Das war in der antiken Tragödie anders;
                        hier waren nur die Handlungen verschieden, der Held aber war als tragischer Held immer der gleiche, immer das gleiche trotzig
                        in sich vergrabene Selbst. Dem also notwendig beschränkten Bewußtsein des neueren Helden läuft die Forderung, daß er überhaupt
                        wesentlich, nämlich wenn er mit sich allein ist, bewußt sei, zuwider. Bewußtsein will immer klar sein; beschränktes Bewußtsein
                        ist unvollkommenes. So müßte er eigentlich ein vollkommenes Bewußtsein seiner selbst und der Welt haben. Und so treibt die
                        neuere Tragödie nach einem Ziel, das der antiken ganz fremd ist, nach der Tragödie des absoluten Menschen in <pb break="yes" n="235"/> seinem Verhältnis zum absoluten Gegenstand. Die philosophischen Tragödien, die Tragödien, wo der Held gradezu
                        Philosoph ist – ein der Antike ganz abenteuerlicher Gedanke –, gelten uns übereinstimmend als die Höhepunkte der modernen
                        Tragödie überhaupt: Hamlet, Wallenstein, Faust. </p>
                     <p xml:id="ds2.6.4.6.5">Aber selbst in ihnen empfinden wir noch nicht das Eigentliche erreicht. Es stört uns noch, daß hier der
                        Held bloß – Philosoph ist, Mensch also, der zwar dem <q>Absoluten</q> gegenübersteht, aber doch eigentlich nur gegenüber; der
                        absolute Mensch müßte im Absoluten leben. Und so werden nun auf diesen Ossa Faust in immer neuen titanischen Entwürfen neue
                        Pelions gestülpt, um die Höhe der wahrhaft absoluten Tragödie zu erreichen. Jeder Tragiker sucht einmal seinen Faust zu
                        schreiben; im Grunde versuchen sie alle, was einer der ersten versuchte: Faust durch Don Juan zu ergänzen, die
                        Weltanschauungs- zur Lebenstragödie zu steigern. Das kaum gewußte Ziel dabei ist dies: an Stelle der unübersehbaren Vielheit
                        der Charaktere den einen absoluten Charakter zu setzen, einen modernen Helden, der ebenso ein einer und immergleicher ist wie
                        der antike. Dieser Konvergenzpunkt, in dem sich die Linien aller tragischen Charaktere schneiden würden, dieser absolute
                        Mensch, der dem Absoluten nicht nur wissend gegenübersteht, sondern der es erlebt hat und der aus diesem Erlebnis heraus nun
                        in ihm lebt, dieser Charakter, nach welchem die Fausttragödien nur langen, ohne ihn, weil sie immer noch im begrenzten Leben
                        stecken bleiben, zu erreichen, ist kein andrer als der Heilige. </p>
                     <p xml:id="ds2.6.4.6.6">Die Heiligentragödie ist die geheime Sehnsucht des Tragikers, eine vielleicht unstillbare Sehnsucht, denn
                        es könnte wohl sein, daß dieses Ziel in einer der Tragödie undurchmeßbaren Entfernung läge und diese Einheit des tragischen
                        Charakters eine Tragödie, die nun einmal wesentlich Charaktertragödie ist, unmöglich machen würde, so daß also der Heilige zum
                        Helden einer Tragödie nur werden könnte durch den ihm beigemischten Erdenrest der Unheiligkeit. Aber einerlei ob also dies
                        Ziel für den tragischen Dichter noch ein erreichbares Ziel sei oder nicht, jedenfalls ist es, auch wenn für die Tragödie als
                        Kunstwerk unerreichbar, für das moderne Bewußtsein das genaue Gegenstück zum Helden des antiken. Der Heilige ist der
                        vollkommene, nämlich absolut im <pb break="yes" n="236"/> Absoluten lebende und also dem Höchsten erschlossene und zum
                        Höchsten entschlossene Mensch, im Gegensatz zu dem in der einen immergleichen Finsternis des Selbst verschlossenen Helden. An
                        die Stelle, die in der Vorwelt der Freiherr seines Selbst einnahm, tritt in der erneuten und allzeit sich erneuernden Welt der
                        Knecht seines Gottes. </p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="2.4.1.6" xml:id="ds2.6.4.7">
                     <head xml:id="ds2.6.4.7.1">Der Knecht Gottes</head>
                     <p xml:id="ds2.6.4.7.2">Diese Gestaltwerdung der gestaltlos in der göttlichen Liebe vergehenden geliebten Seele aber setzt
                        voraus, daß zu ihrer bloßen Ausgebreitetheit vor Gott, in der sie zu verfließen droht, etwas andres hinzutrete, was sie wieder
                        zusammenreißt. Und zwar muß es eine Kraft sein, die fähig ist, in jedem Augenblick die ganze hingegebene Seele ganz zu
                        ergreifen; und in jedem Augenblick, so daß die Seele keinen Raum mehr hat, um zu <q>vergehen</q>, keine Zeit mehr, um <q>andächtig zu
                        schwärmen</q>. Eine neue Kraft also muß aus der Tiefe der Seele selber hervorsteigen, um ihr in der Inbrunst des Heiligen ihre
                        Festigkeit und Gestalt zu geben, die sie in der mystischen Brunst einzubüßen drohte. Solch Hervorsteigen aber geschieht nur,
                        indem der Zeiger der Weltuhr weiterrückt, wie vorhin bei der Gestaltwerdung Gottes von der Schöpfung zur Offenbarung, so jetzt
                        bei der Gestaltwerdung der Seele von der Offenbarung zur Erlösung. </p>
                     <p xml:id="ds2.6.4.7.3">Wie also bricht nun die Pforte, die den Menschen, auch nachdem er den Ruf Gottes vernommen und in seiner
                        Liebe selig worden ist, noch vor der Welt verschließt? Wir erinnern uns, daß in das Selbst nicht bloß der Trotz, der dann als
                        Treue der geliebten Seele aus vorweltlichem Dunkel ans Licht der Welt trat, eingemündet war, sondern noch ein andres. Dies
                        andre war im Gegensatz zu dem heißen kochenden Trotz ein ruhig stehendes Gewässer, der seiende Charakter, die eigne Art des
                        Menschen. Indem der Trotz immer aufs Neue diese eigne Art behauptete, entstand das starre, abgeschlossene Selbst. Dieser
                        Charakter war es, der, wie er nun einmal angelegt war und wie sich einmal die Elemente in ihm gemischt hatten, den Helden für
                        das antike Gefühl zum tragischen Helden machte; denn nicht daß der Held überhaupt in trotziger Wallung aufschäumte und seinen
                        Charakter festrammte, rechnete ihm das antike Bewußtsein als Schuld zu, sondern daß der Charakter, den er festhielt, ungleich
                        gemischt war und keinen Einklang gab, so daß irgend ein einzelnes Element in <pb break="yes" n="237"/> ihm vorschlug und das
                        schöne Maß störte; nur dieser Anlagefehler war das Hamartema, das den tragischen Untergang des Helden notwendig machte. An
                        sich ist eben, ein Selbst zu sein, Pflicht und Recht jedes Menschen, und tragisch zu werden ist mehr ein in der einmal des
                        Menschen herrgewordenen Anlage bedingtes Unglück als sittliche Schuld, und daher fühlt sich der Zuschauer zum tragischen
                        Mitleid hingerissen. Der Charakter also, der Daimon, von dem der Mensch besessen ist, sucht sich nun seinen Weg ins Freie.
                        Wieder muß er sich innerlich verkehren, aus einem einfürallemal <q>Bejahten</q> zum in allzeit neuer Selbstverneinung seines
                        Ursprungs, des verschlossenen Selbst, sich Hervorringenden werden. Was aber ist das für ein Charakter, der jeden Augenblick
                        erlischt und jeden Augenblick wieder frisch hervorbricht? Wir hatten etwas ganz Ähnliches schon im vorigen Buch bei dem sich
                        offenbarenden Gott gesehen. Hier war es das Wesen, das innergöttliche Schicksal gewesen, das in jenem sich Offenbaren die
                        Gestalt einer jeden Augenblick erneuerten und doch immer schicksalhaft gewaltigen Leidenschaft annahm. Diese göttliche Liebe,
                        sollten wir hier ihr menschliches Gegenstück gefunden haben? </p>
                     <p xml:id="ds2.6.4.7.4">Ja und nein! Nämlich allerdings kein Gegenstück. Gegenstück, ja mehr als Gegenstück, unmittelbares
                        Gleichnis war die Liebe des menschlich-irdisch Liebenden dem göttlichen Lieben. Aber was wir hier
                        fanden,
                        ähnelt dem göttlichen Lieben nur in seiner Augenblicksverhaftetheit, seiner immer neuen Gegenwärtigkeit, also eigentlich nur
                        in dem, was schon bedingt war durch sein Hervortreten unter dem Zeichen des Nein. Aber was das göttliche und das menschliche
                        Lieben darüber hinaus unmittelbar gleichmachte, die schicksalhafte Gewalt, mit der es hervorbrach, das ist in dem Hervorbruch,
                        den wir jetzt betrachten, gar nicht wirksam. Kein Schicksal steht hinter ihm, sondern ein Charakter. Kein wesenhaftes Muß
                        also, sondern ein gleichfalls wesenhaftes Dämonisches. Was war denn der Daimon, der Charakter, im Unterschied von der
                        Persönlichkeit? Die Persönlichkeit war Geburtsanlage, der Charakter etwas, was plötzlich über den Menschen herfiel, keine
                        Anlage also, sondern gegenüber der breiten Mannigfaltigkeit der Anlagen eine Scheidung, besser: eine Richtung. Der Mensch, der
                        einmal von seinem Daimon besessen ist, hat für sein <pb break="yes" n="238"/> ganzes Leben <q>Richtung</q> bekommen. In dieser ihn
                        einfürallemal richtenden Richtung ist sein Wille nun bestimmt zu laufen; indem er Richtung erhalten hat, ist er in Wahrheit
                        schon gerichtet. Denn das, was im Menschen dem Gericht unterliegt, der wesenhafte Wille, ist in seiner Richtung schon
                        einfürallemal festgelegt. </p>
                     <p xml:id="ds2.6.4.7.5">Festgelegt nämlich, wenn nicht das einzige geschieht, was dieses Einfürallemal wieder unterbrechen und
                        das Gericht mitsamt der Richtung entkräften kann: die innere Umkehr. Und eben die geschieht dem Menschen, wie sie Gott und
                        Welt geschieht, indem sie aus ihrer vor- und unterweltlichen Verschlossenheit ins Licht der Offenbarung steigen. Jetzt bleibt
                        die Willensrichtung Willensrichtung; aber sie ist nun nicht mehr einfürallemal festgelegt, sondern in jedem Augenblick stirbt
                        sie und wird erneut. Dieser allzeit erneuerungsfähige und wirklich sich erneuernde Wille, der aber nichts von kurzlebiger
                        Willkür hat, sondern in jedem einzelnen seiner Akte die ganze Kraft des in ihm eingemündeten festgerichteten Charakters
                        auswirkt, dieser Wille – wie sollen wir ihn nennen? Der schicksalhaften göttlichen Liebe, dem, daß Gott gar nicht anders kann
                        als lieben, wenn auch mit einer Liebe, die als echte Liebe ganz in den Augenblick versenkt ist und weder von Vergangenheit
                        noch von Zukunft unmittelbar
                        etwas
                        weiß, dieser göttlichen Liebe entspricht also jene Kraft, die wir aus dem Menschen hervorbrechen sahen, mit nichten. Denn sie
                        kommt gar nicht wie mit schicksalhafter Übermacht über den Menschen, sondern scheint ihm in jedem Augenblick neu und in jedem
                        Augenblick ganz und gar aus seinem eigenen Innern mit der ganzen Wucht des gerichteten Willens hervorzubrechen. Wie also
                        sollen wir diese aus den Tiefen der eigenen Seele immer neu ins Außen brechende nicht schicksalhafte, sondern willensgetragene
                        Kraft nennen? </p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="2.4.1.7" xml:id="ds2.6.4.8">
                     <head xml:id="ds2.6.4.8.1">Die Liebe zum Nächsten</head>
                     <p xml:id="ds2.6.4.8.2">Die Antwort kann nicht schwer fallen, wenn wir uns erinnern, daß diese Kraft die in dem Gebot der Liebe
                        zu Gott geforderte Hingegebenheit ergänzen soll. Es kann nichts anderes sein als die Liebe zum Nächsten. Die Liebe zum
                        Nächsten ist das, was jene bloße Hingegebenheit in jedem Augenblick überwindet und dennoch stets voraussetzt. Denn ohne diese
                        Voraussetzung könnte sie nicht sein, was sie ihrem Wesen nach sein muß: notwendig, trotzdem – ja trotzdem! – sie sich jeden
                        Augenblick erneuert. Sie wäre <pb break="yes" n="239"/> bloß <q>Freiheit</q>; denn ihr Ursprung läge allein im Willen. Es ist ganz
                        richtig: er liegt allein im Willen; aber der Mensch kann sich in der Liebestat erst äußern, nachdem er zuvor von Gott
                        wachgerufene Seele geworden ist. Nur die Gottgeliebtheit der Seele macht ihre Liebestat zu mehr als einer bloßen Tat, nämlich
                        zur Erfüllung eines – Liebesgebots.</p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="2.4.1.8" xml:id="ds2.6.4.9">
                     <head xml:id="ds2.6.4.9.1">Gebot und Freiheit</head>
                     <p xml:id="ds2.6.4.9.2">Hier kommen wir auf die anfangs angeregte Frage zurück. Indem die Liebe zum Menschen von Gott geboten
                        wird, wird sie, weil Liebe nicht geboten werden kann außer von dem Liebenden selber, unmittelbar auf die Liebe zu Gott
                        zurückgeführt. Die Liebe zu Gott soll sich äußern in der Liebe zum Nächsten. Deshalb kann die Nächstenliebe geboten werden und
                        muß geboten werden. Nur durch die Form des Gebots wird hinter ihrem Ursprung, den sie im Geheimnis des gerichteten Willens
                        nahm, die Voraussetzung des Gottgeliebtseins sichtbar, durch die sie sich von allen moralischen Taten unterscheidet. Die
                        moralischen Gesetze wollen in der Freiheit nicht bloß wurzeln – das will auch die Liebe zum Nächsten –, sondern keine andre
                        Voraussetzung anerkennen als die Freiheit. Das ist die berühmte Forderung der <q>Autonomie</q>. Die natürliche Folge dieser
                        Forderung ist, daß die Gesetze, die diese Tat bestimmen sollen, allen Inhalt verlieren; denn jeder Inhalt würde eine Macht
                        ausüben, durch welche die Autonomie gestört würde; man kann nicht <q>etwas</q> wollen und trotzdem nur <q>überhaupt</q> wollen; und die
                        Forderung der Autonomie fordert, daß der Mensch nur schlechthin, nur überhaupt will. Und weil so das Gesetz zu keinem Inhalt
                        kommt, so kommt infolgedessen auch die einzelne Tat zu keiner Sicherheit. Im Moralischen ist alles ungewiß, alles kann
                        schließlich moralisch sein, aber nichts ist mit Gewißheit moralisch. Im Gegensatz zum notwendigerweise rein formalen und daher
                        inhaltlich nicht bloß zwei-, nein unbegrenzt vieldeutigen moralischen Gesetz braucht das inhaltlich klare und eindeutige Gebot
                        der Nächstenliebe, die aus der gerichteten Freiheit des Charakters entspringt, eine Voraussetzung jenseits der Freiheit: fac
                        quod jubes et jube quod vis – dem daß Gott <q>befiehlt, was er will</q>, muß, weil der Inhalt des Befehls hier der ist, zu lieben,
                        das göttliche <q>schon Getansein</q> dessen, was er befiehlt, vorangehen. Die gottgeliebte Seele allein kann das Gebot der
                        Nächstenliebe zur Erfüllung empfangen. Gott muß sich erst <pb break="yes" n="240"/> zum Menschen gekehrt haben, ehe der Mensch
                        sich zu Gottes Willen bekehren kann.</p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="2.4.1.9" xml:id="ds2.6.4.10">
                     <head xml:id="ds2.6.4.10.1">Die Liebe in der Welt</head>
                     <p xml:id="ds2.6.4.10.2">Diese Erfüllung von Gottes Gebot in der Welt ist ja nun nicht ein einzelner Akt, sondern eine ganze
                        Reihe von Akten; die Liebe des Nächsten bricht immer neu hervor; sie ist ein Immer wieder von vorn beginnen; sie läßt sich
                        durch keine <q>Enttäuschungen</q> beirren; ja im Gegenteil: sie bedarf der Enttäuschungen, damit sie nicht einrostet, nicht zur
                        schematischen organisierten Tat erstarre, sondern immer frisch hervorquelle. Sie darf keine Vergangenheit haben und in sich
                        selbst auch keinen Willen zu einer Zukunft, keinen <q>Zweck</q>; sie muß ganz in den Augenblick verlorene Tat der Liebe sein. Dazu
                        hilft ihr allein die Enttäuschung, die sie vor der natürlichen Erwartung eines Erfolgs, der nach Analogie vergangener Erfolge
                        erwartet werden kann, immer wieder
                        ent-täuscht.
                        Die Enttäuschung erhält die Liebe bei Kräften. Wäre es anders, wäre die Tat die Ausgeburt einer einmal vorhandenen
                        Willensrichtung, aus der heraus sie nun mit klarem Ziel sich frei in dem unbegrenzten Stoff der Wirklichkeit erginge, träte
                        sie also hervor als unendliche Bejahung, so wäre sie nicht Liebestat, sondern Zwecktat, und ihr Verhältnis zu ihrem Ursprung
                        in der Willensrichtung des Charakters wäre nicht das augenblickhaft frische Hervortreten, sondern einfürallemal beschlossener
                        und entschlossener Gehorsam. Mit andern Worten: sie wäre nicht die Liebestat des Glaubens, sondern – der Weg Allahs. </p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="2.4.1.10" xml:id="ds2.6.4.11">
                     <head xml:id="ds2.6.4.11.1">Der Islam: Die Religion der Pflicht</head>
                     <p xml:id="ds2.6.4.11.2">Der Begriff des Wegs Allahs ist ganz etwas andres als Gottes Wege. Gottes Wege sind ein Walten
                        göttlichen Ratschlusses hoch über dem menschlichen Geschehen. Das Wandeln auf dem Weg Allahs aber bedeutet im engsten Sinne
                        die Ausbreitung des Islam durch den Glaubenskrieg. In dem gehorsamen Beschreiten dieses Wegs, dem Aufsichnehmen der damit
                        verbundenen Gefahren, dem Befolgen der dafür vorgeschriebenen Gesetze findet die Frömmigkeit des Moslim ihren Weg in die Welt.
                        Der Weg Allahs ist nicht erhaben über den Weg des Menschen, soweit der Himmel über der Erde ist, sondern der Weg Allahs
                        bedeutet unmittelbar den Weg seiner Gläubigen. </p>
                     <p xml:id="ds2.6.4.11.3">Es ist ein Weg des Gehorsams. Das unterscheidet ihn, mehr als sein Inhalt, von der Liebe des Nächsten.
                        Der Glaubenskrieg kann <pb break="yes" n="241"/> und soll durchaus <q>human</q> geführt werden; die Vorschriften Muhameds sowie
                        das, was sich auf Grund dieser Vorschriften an Kriegs- und Eroberungsrecht ausgebildet hat, übertreffen in dieser Hinsicht bei
                        weitem den zeitgenössischen, auch den christlichen Kriegsbrauch; <q>Toleranz</q> hat der Islam in gewisser Beziehung gefordert und
                        geübt, längst ehe das christliche Europa diesen Begriff entdeckte. Und andrerseits konnte die Nächstenliebe, nicht in
                        Ausartungen, sondern in legitimer Entwicklung, zu Folgen führen, die in ihre oberflächliche Auffassung ganz und gar nicht
                        hineinpassen wollen, wie Glaubenskrieg und Ketzergericht. Im Inhalt liegt also der Unterschied nicht. Er liegt einzig in der
                        inneren Form, die auf dem Weg Allahs der Gehorsam des Willens gegen die einfürallemal gegründete Vorschrift ist, in der Liebe
                        des Nächsten das immer neue Zerbrechen der Dauerform des Charakters durch das immer überraschende Hervorbrechen der Liebestat.
                        Worin diese Tat im einzelnen bestehe, das läßt sich eben deshalb nicht im voraus sagen; sie muß überraschend sein; wäre sie im
                        voraus anzugeben, so wäre sie nicht Liebestat. </p>
                     <p xml:id="ds2.6.4.11.4">Der Islam hat solch ein genaues positives Bild vor Augen, wie die Welt durch das Beschreiten des Wegs
                        Allahs umgeformt werden soll; eben darin erweist sich seine Welttat als reiner Gehorsam gegen ein einfürallemal dem Willen
                        auferlegtes Gesetz. Die Gebote Gottes, soweit sie zur <q>zweiten Tafel</q> gehören, welche die Liebe des Nächsten spezifiziert,
                        stehen durchweg in der Form des <q>Du sollst nicht</q>. Nur als Verbote, nur in der Absteckung von Grenzen dessen, was keinesfalls
                        mit der Liebe zum Nächsten vereinbar ist, können sie Gesetzeskleid anziehen; ihr Positives, ihr <q>Du sollst</q> geht einzig in die
                        Form des einen und allgemeinen Gebots der Liebe ein. Die ins Gewand positiver Gesetze gekleideten Gebote sind überwiegend
                        Gesetze des Kults, der Gebärdensprache der Liebe zu Gott, Ausführungen also der <q>ersten Tafel</q>. Die Welttat also, und grade
                        die höchste Tat am meisten, ist ganz freie unberechenbare Liebe, im Islam hingegen Gehorsam gegen das einmal erlassene Gesetz.
                        Wie denn auch das islamische Recht überall auf unmittelbare Aussprüche des Stifters zurückzugehn sucht und so gradezu eine
                        streng historische Methode ausbildet, während sowohl das talmudische wie das kanonische Recht nicht auf dem Wege historischer
                        Feststellung, sondern auf dem <pb break="yes" n="242"/> logischer Ableitung seine Sätze zu gewinnen sucht. Die Ableitung macht
                        eben das Gegenwärtige mächtig über das Vergangene; denn sie wird unbewußt bestimmt von dem Punkt aus, nach dem hin die
                        Ableitung geschieht, und das ist die Gegenwart, während die Feststellung umgekehrt die Gegenwart abhängig macht vom
                        Vergangenen. So ist selbst in dieser scheinbar reinen Rechtswelt noch der Unterschied von Liebesgebot und Gesetzesgehorsam
                        erkennbar. </p>
                     <p xml:id="ds2.6.4.11.5">Indem aber die Welttat im Islam Ausübung des Gehorsams ist, wird nun sein Menschbegriff erst ganz
                        deutlich. Die Voraussetzung der gehorsamen Welttat ist hier der <q>Islam</q>, das immer neue, immer gewaltsam-schwere Sichergeben
                        der Seele in Gottes Willen. Hier, in diesem Sichergeben, das eine, ja das die einzige Tat der Freiheit ist, die der Islam
                        kennt, weshalb er mit Recht von dieser Tat seinen Namen nimmt, liegt zwar nicht der Ursprung der Welttat – der liegt auch hier
                        im Charakter, in dem zum Gehorsam entschlossenen Charakter. Nicht der Ursprung der Welttat liegt hier, aber ihre
                        Voraussetzung. Die Verhältnisse also zu Gott und zur Welt, aus denen sich das Gesamtbild des Menschen ergibt, haben im Islam
                        genau die umgekehrten Vorzeichen wie im wahren Glauben; und so ist auch jenes Ergebnis entgegengesetzt. Im Islam folgt der
                        freien, immer wieder neu zu erkämpfenden Hingabe der Seele an Gott der schlichte Gehorsam der Tat in der Welt. Im Kreis der
                        Offenbarung folgt dem einfürallemal geschehenen demütig-stolzen Eingegangensein der Seele in den Frieden der göttlichen Liebe
                        die immer plötzliche, immer überraschende freie Tat der Liebe. So steht an Stelle des Heiligen und der paradoxen, alle
                        Erwartung trügenden und übertreffenden, aller Nachahmung spottenden Form seiner Frömmigkeit das schlicht vorbildliche Leben
                        des Frommen im Islam. Jede Heiligengestalt hat ihre ganz eigenen Züge: zur Heiligengestalt gehört die Heiligenlegende. Vom
                        Heiligen im Islam erzählt man nichts; man ehrt sein Andenken, aber dies Andenken ist inhaltlos, es ist nur das Andenken einer
                        Frömmigkeit überhaupt. Und wieder findet diese auf dem Grunde einer freien, mühsam immer neu gewonnenen Selbstverleugnung
                        schlicht gehorsame Frömmigkeit merkwürdigerweise ihre genaue Entsprechung in der Weltfrömmigkeit des freien Sicheinfügens in
                        das allgemeine Gesetz, wie sie die neuere Zeit etwa <pb break="yes" n="243"/> in der Ethik Kants und seiner Nachfolger sowie
                        überhaupt im allgemeinen Bewußtsein gegenüber dem unheimlich unberechenbaren Überschwang des Heiligen für sich auszubilden
                        gesucht hat. </p>
                  </div>
               </div>
               <div type="section" n="2.4.2" xml:id="ds2.6.5">
                  <head xml:id="ds2.6.5.1">Das Reich</head>
                  <div type="subsection" n="2.4.2.1" xml:id="ds2.6.5.2">
                     <head xml:id="ds2.6.5.2.1">Der Nächste</head>
                     <p xml:id="ds2.6.5.2.2">Auf die Welt also ist die Tat gerichtet; die Welt ist der andre Pol, nach welchem die Nächstenliebe
                        hinstrebt. So wie in dem Gedanken, daß Gott schafft oder daß er sich offenbart, schon der Hinweis auf etwas
                        andres
                        liegt, das er schafft, dem er sich offenbart, so hier der Hinweis auf ein Etwas, das der Mensch liebt. Dieses Etwas wird im
                        Gebot bezeichnet als der Nächste, und zwar bedeutet das Wort sowohl in der heiligen Sprache wie im Griechischen den jeweils,
                        den grade in dem Augenblick des Liebens Nächsten, der, einerlei was er vor diesem Augenblick der Liebe war und nachher sein
                        wird, jedenfalls in diesem Augenblick mir nur der Nächste ist. Der Nächste ist also nur Repräsentant; er wird nicht um seiner
                        selbst willen geliebt, nicht seiner schönen Augen wegen, sondern nur weil er grade da steht, weil er grade mein Nächster ist.
                        An seiner Stelle – eben an dieser mir nächsten Stelle – könnte ebensogut ein andrer stehen; der Nächste ist der Andre, der
                        <q>plesios</q> der Septuaginta, der homerische <q>plesios allos</q>. Der Nächste ist also wie gesagt nur Platzhalter; die Liebe geht,
                        indem sie vertretungsweise auf den ihr in dem flüchtigen Augenblick ihrer Gegenwärtigkeit jeweils Nächsten geht, in Wahrheit
                        auf den Inbegriff Aller – Menschen und Dinge –, die ihr jemals diesen Platz des ihr Nächsten einnehmen könnten, sie geht
                        letzthin auf alles, auf die Welt. Wie, das lassen wir hier noch außer Betracht. Wir wenden uns lieber vorerst zu jenem andern
                        Pol, eben zur Welt. </p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="2.4.2.2" xml:id="ds2.6.5.3">
                     <head xml:id="ds2.6.5.3.1">Die unfertige Welt</head>
                     <p xml:id="ds2.6.5.3.2">Hier stellt sich uns nun eine höchst auffallende Schwierigkeit in den Weg, eine Schwierigkeit, deren
                        Lösung jedoch ein Licht über den ganzen bisher zurückgelegten Weg werfen wird. Während nämlich sowohl bei Gott wie beim
                        Menschen das Hervortreten des <q>Ja</q> dem Hervortreten des <q>Nein</q> weltzeitlich voranging, Gott also <q>zuerst</q> schuf und <q>dann</q>
                        sich offenbarte, der Mensch <q>zuerst</q> die Offenbarung empfing und <q>alsdann</q> sich zur Welttat anschickte, jedesmal also das
                        einfürallemal Geschehene dem augenblickshaft Geschehenden voranging, liegt dies Zeitverhältnis für die Welt umgekehrt. Die
                        Welt macht sich zuerst, nämlich in <pb break="yes" n="244"/> der Schöpfung, zu dem jeden Augenblick im Ganzen Erneuerten; sie
                        macht sich selbst zur <q>Kreatur</q>, den Schöpfer zur Vorsehung. So bleibt ihr für die Erlösung – denn die Offenbarung geschieht
                        unmittelbar nicht ihr, sondern ist ein Ereignis zwischen Gott und Mensch nur das <q>Ja</q>. Was bei Gott und beim Menschen
                        voranging, die breite Erstellung des eigenen Seins, das dann durch die eigne Tat nur noch innerlich zusammengefaßt und zur
                        Gestalt geeinigt wurde, das muß bei der Welt erst folgen. Die selbstverleugnende Tat, in der sich ihre Augenblicklichkeit, ihr
                        Ganzsein in jedem Augenblick, offenbart, ist hier das erste; die Ganzheit ihres Seins aber in der vollen Länge der erfüllten
                        Zeit muß erst noch entstehen. Paradox gesprochen: ihrem in der Schöpfung geschehenen Sich-selbst-<q>offenbaren</q> als Kreatur kann
                        erst in der Erlösung ihr <q>Geschaffen</q>-sein sich unterbauen. Oder vielleicht deutlicher: während bei Gott und Mensch das Wesen
                        älter ist als das Erscheinen, ist die Welt als Erscheinung geschaffen, längst ehe sie zu ihrem Wesen erlöst wird. </p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="2.4.2.3" xml:id="ds2.6.5.4">
                     <head xml:id="ds2.6.5.4.1">Die werdende Welt</head>
                     <p xml:id="ds2.6.5.4.2">Der Grund dieser Sonderstellung der Welt liegt nun in dem, was wir schon beim Übergang vom ersten zum
                        zweiten Teil ausführten: der Mensch wie Gott sind schon, die Welt wird. Die Welt ist noch nicht fertig. Es ist noch Lachen und
                        Weinen in ihr. Noch ist die Träne nicht weggewischt von jeglichem Angesicht. Dieser Zustand des Werdens, der Unfertigkeit,
                        läßt sich nun nur fassen durch eine Umdrehung des objektiven Zeitverhältnisses. Während nämlich das Vergangene, das schon
                        Fertige daliegt von seinem Anfang bis zu seinem Ende und daher
                        er-zählt
                        werden kann – und alles Zählen hebt vom Anfang der Reihe an –, ist das Zukünftige als das was es ist, nämlich als Zukünftiges,
                        nur zu
                        fassen
                        durch das Mittel der Vorwegnahme. Wollte man auch das Zukünftige
                        er-zählen,
                        so würde man es unabwendbar zum starren Vergangenen machen. Das Zukünftige will vorausgesagt werden. Die Zukunft wird erlebt
                        nur in der Erwartung. Das Letzte muß hier in Gedanken das Erste sein. So muß in der Welt als dem noch Werdenden die natürliche
                        Reihenfolge der Selbstgestaltung, der Weg von innen nach außen, vom Wesen zur Erscheinung, von der Schöpfung zur Offenbarung,
                        sich umdrehen; die Gestaltung muß hier bei der sich selbst verleugnenden Erscheinung anheben und beim schlicht und ganz
                        bejahten Wesen enden. Das Werden der <pb break="yes" n="245"/> Welt ist nicht wie Gottes und der Seele Werden ein Werden von
                        innen nach außen, sondern die Welt ist von Anfang an ganz Selbstoffenbarung und doch noch ganz unwesenhaft; wie ihr Gerüste,
                        die <q>Natur</q>, ist sie ganz am lichten Tag und doch geheimnisvoll am lichten Tag – geheimnisvoll, weil sie sich offenbart ehe
                        ihr Wesen da ist. So ist sie jeden Zoll ein Kommendes, nein: ein Kommen. Sie ist das was kommen soll. Sie ist das Reich. </p>
                     <p xml:id="ds2.6.5.4.3">Im Reich erst wäre die Welt so sichtbare Gestalt, wie es die plastische Welt, der Kosmos, des Heidentums
                        gewesen war. Es ist der gleiche Gegensatz wie wir ihn für Gott im mythischen und offenbaren Gott, für den Menschen im Helden
                        und Heiligen erkannten. Denn auch die Kreatur ist mitnichten schon Gestalt, die dem Kosmos Widerpart halten könnte. Es geht
                        der bloßen Kreatur ähnlich, wenn auch nicht ganz gleich, wie zuvor der gottgeliebten Seele, dem schöpfungsmächtigen Gott: sie
                        ist in Gefahr, zu vergehen. Freilich, ihrem besonderen Vorzeichen Nein gemäß, in anderer
                        Richtung
                        als jene beiden. Denn während etwa die Schöpfermacht sich hinter der Schöpfung, nach dem Wort des großen Schillerschen
                        Freidenkers, <q>bescheiden</q> wieder zu verbergen drohte und während die Inbrunst der gottgeliebten Seele immer in Versuchung war,
                        sich wieder hochmütig in sich zu verschließen, ist die Kreatur nicht etwa davon bedroht, wieder in jene verlassene
                        vorweltliche Welt zurückzusinken. Jener plastische Kosmos erscheint, von der in den Augenblick ihres Daseins geballten
                        Abhängigkeit der Kreatur her rückwärts gesehen, als ein ungeheuer Starres, in sich Ruhendes, Unbedürftiges. Nicht verborgen
                        wie Gott von der Schöpfung her, nicht verschlossen wie der Mensch von der Offenbarung her rückwarts gesehn, ist dieser Kosmos;
                        er ist weder unsichtbar wie der verborgene Gott, noch unnahbar wie der verschlossene Mensch, aber er ist ungreifbar: er ist
                        eine verzauberte Welt. </p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="2.4.2.4" xml:id="ds2.6.5.5">
                     <head xml:id="ds2.6.5.5.1">Verzauberte Welt</head>
                     <p xml:id="ds2.6.5.5.2">Vor dem war jene Welt in sich durchaus
                        be-greifbar
                        gewesen; das war, solange alles Leben in ihr enthalten war; nun hat ein neues Leben begonnen; sie ist in vor- und
                        unterweltlichen Schatten zurückgetreten und scheint, so begreifbar sie vorher war, nun sich jedem Zugriff und Begriff von dem
                        neuen Leben aus zu entziehen. Das antike Weltbild selbst war ja gar nicht magisch gewesen, sondern durchaus
                        selbstverständlich; denn man war in dieser <pb break="yes" n="246"/> Welt heimisch, und nur in ihr, und fühlte sich also
                        durchaus heimelig. Aber nachdem man nun in die Welt der Offenbarung eingetreten war, wurde dies gleiche zuvor heimelige Bild
                        der alten Welt, dieser platonisch-aristotelische Kosmos, plötzlich eine unheimelige, unheimliche Welt. Der plastische Kosmos
                        erschien nun denen, die nicht mehr in ihm lebten, als eine zauberische, eine verzauberte Welt; gleich wie auch der mythische
                        Gott erst von dem Offenbarungsbegriff der Schöpfung her gesehen ein verborgener Gott, der tragische Mensch erst von der
                        Offenbarung her gesehen der verschlossene Mensch geworden war. In dieser verzauberten Welt nun – vorher, solange sie noch
                        selbstverständlicher Kosmos war, nicht – ist erst die Magie wirklich Zauber geworden. </p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="2.4.2.5" xml:id="ds2.6.5.6">
                     <head xml:id="ds2.6.5.6.1">Entzauberung</head>
                     <p xml:id="ds2.6.5.6.2">Magie und Astrologie waren der Antike Künste, die ihr so wenig unheimlich waren wie der heutigen Welt die
                        Künste der Technik. Sie wurden es erst, als jenem antiken Weltbegriff ein andrer entgegenzutreten begann und man in diesem
                        neuen Begriff lebte und doch gleichzeitig noch die Elemente einer untergegangenen Welt – denn das war sie nun – am Leben zu
                        erhalten suchte. Erst der Begriff der Welt als Kreatur hat jene Künste in das fahle Licht der Sünde gerückt. Denn Gottes
                        Vorsehung allerdings duldete keine magisch gewaltsamen Eingriffe, keine künstlich mittelbare Erforschung. Indem nun die neue
                        Weltwissenschaft sich seit dem siebzehnten Jahrhundert von dem antiken Weltbild abzuwenden begann, verschwand zwar die
                        verzauberte Welt mehr und mehr aus dem Gesichtskreis; aber da man nun die Welt einseitig als Dasein und nur als Dasein, als
                        momenthaftes, durch den ganzen Raum hindurch in der korrelativierenden Formel zusammengefaßtes Dasein faßte – denn Korrelation
                        ist die eigentlich weltanschauungsbegründende Kategorie der neuen Wissenschaft; Substanz und Kausalität sind nur
                        Hilfskategorien zur Verarbeitung des Stoffes –, rückte man nun den bloßen Gedanken der Kreatur an Stelle des runden
                        gestaltenreichen Kosmos. Und dieser Gedanke des Daseins schloß zwar einen Rückfall in die Vorstellung der verzauberten Welt
                        aus, aber er gab der Welt entfernt nicht den Halt, die Eigenständigkeit, wie sie der antike Kosmos besaß. Das Dasein war so
                        sehr entzaubert, daß es stets drohte in bloße Vorstellung zu vergehen. Die Entzauberung ist hier eine ähnliche Gefahr, wie für
                        Gott das sich wieder Verbergen, für den Menschen <pb break="yes" n="247"/> das sich wieder Verschließen. Daß es Ent-, nicht
                        Ver-zauberung
                        ist, hängt damit zusammen, daß die Kreatur unterm Zeichen des Nein, der Schöpfer wie die geliebte Seele sich unterm Zeichen
                        des Ja offenbart. Kreatur allein ist also recht eigentlich das <q>arme Geschöpf</q>, das, sowie es sich, wie es das als Natur und
                        überhaupt im Weltbegriff der modernen Wissenschaft tut, aus dem starken Schutz der göttlichen Vorsehung herauswagt, stets,
                        weil in sich selbst wesenlos und also bestandlos, ins Nichts wegsinkt. Damit sie Gestalt werde, Reich und nicht bloß
                        augenblicksgebunden erscheinendes Dasein, muß sie Wesen kriegen, zu ihrer Augenblicklichkeit Dauerhaftigkeit, zu ihrem Dasein
                        – ja was wohl? </p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="2.4.2.6" xml:id="ds2.6.5.7">
                     <head xml:id="ds2.6.5.7.1">Verwesentlichung</head>
                     <p xml:id="ds2.6.5.7.2">In den plastischen Kosmos der Vorwelt waren geistiges Sein und Fülle der Erscheinung, letzthin Gattung
                        und Individuum eingemündet. Sie traten, wie wir zuvor aus dem hier herrschenden Begriff der Zukunft erklärten, in der
                        umgekehrten Reihenfolge hervor, in der es nach dem Vorgang von Gott und Mensch erwartet werden mußte, nämlich in der gleichen
                        Reihenfolge ihres Einmündens, die also grade eine Verkehrung bedeutet. In der Kreatur war die Gattung, das Allgemeine also,
                        herausgetreten, aber unter dem Zeichen des Nein, also in steter Selbstverneinung von Augenblick zu Augenblick: jeder
                        Augenblick enthält den ganzen Reichtum der Kreatur, aber nur für diesen Augenblick. Die Welt hat
                        Da-sein; da
                        wo sie ist, ist sie, aber nirgends anders. Nun muß jenes andre hervortreten, die Fülle, das Individuum; und wenn es als
                        Augenblickhaftes in der ungeheuren Überraschung der Geburt in die plastische Welt eingetreten war, so muß es nun als
                        Dauerndes, Beständiges wieder hervortreten. Was also ist das? eine Fülle, die dauerhaft ist, eine Individualität, die in sich
                        etwas hat, was nicht vergeht, sondern, einmal da, bestehen bleibt? Gibt es in der Welt Individualität, die es nicht bloß ist
                        in der Abgrenzung gegen andre Individualität und also schon deswegen grundsätzlich vergänglich ist, weil sie den Grund ihrer
                        Gestalt nicht in sich hat, sondern außer sich, oder mit anderen Worten: weil sie sich nicht selber begrenzt? Gibt es
                        Individualität, die sich selber begrenzt, ihre Größe und Gestalt aus sich selber bestimmt und von andern nur gehemmt, nicht
                        bestimmt werden kann? Es gibt solche Individualität inmitten der Welt, verstreut und nicht überall und streng abzusondern,
                        aber es gibt sie, und <pb break="yes" n="248"/> ihre ersten Anfänge sind so alt wie die Schöpfung selbst, – ihr Name ist:
                        Leben. </p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="2.4.2.7" xml:id="ds2.6.5.8">
                     <head xml:id="ds2.6.5.8.1">Das Lebendige</head>
                     <p xml:id="ds2.6.5.8.2">Das organische Leben in der Natur ist dies irgendwie von uran vorhandene, jedenfalls aus dem bloßen
                        Dasein, der bloßen – idealistisch gesprochen – Gegenständlichkeit der Welt Unableitbare. Es ist nur das sichtbare Zeichen
                        eines Begriffs von Leben, der seinen Machtbereich weit über die Grenzen der organischen Natur hinausdehnt. Nicht bloß
                        Lebewesen, sondern auch Institutionen, Gemeinschaften, Gefühle, Dinge, Werke – alles, ja wirklich Alles kann lebendig sein.
                        Was bedeutet denn nun dies Lebendigsein im Gegensatz zum bloßen Dasein? Wirklich nur das, was wir eben schon sagten: die
                        selbsteigene, von innen heraus sich bildende und daher notwendig dauerhafte Gestalt. Tier und Pflanze und so auch jeder
                        <q>Organismus</q> im weiteren übertragenen Sinn sind nicht bloßes Produkt und bloßer Schnittpunkt von Kräften, sondern, einmal
                        vorhanden, ein Etwas, das sich gegen alle Kräfte in seiner Gestalt zu behaupten sucht. Leben leistet
                        Widerstand;
                        es widersteht, nämlich dem Tode. Das unterscheidet es vom bloßen Dasein, das bloß Gegenstand ist, bloß gegenübersteht, nämlich
                        dem Erkennen. Da sieht man schon, was das Leben noch zum Dasein hinzubringt. Es stützt die kreatürliche Schwäche des an sich
                        so reichen, so allumfassenden Daseins durch in sich feste, unverrückbare, gestaltete Wesen; gegen die <q>Erscheinungen</q> des
                        Daseins sind die Lebewesen wirklich <q>Wesen</q>. Während Erkenntnis des Daseins Erkenntnis seiner Veränderungen ist, wäre
                        Erkenntnis des Lebens Erkenntnis seiner Erhaltung.</p>
                     <p xml:id="ds2.6.5.8.3">Indem aber das Leben seine Dauer durch Widerstehen erhält, zeigt sich nun doch, daß es nicht ganz dem
                        entspricht, was wir hier suchen. Wir suchten ja nicht dauernde Punkte, Brennpunkte gewissermaßen des Lebens in einer übrigens
                        unlebendigen Welt, sondern wir suchten die Dauerhaftigkeit der Welt selber, wir
                        suchten
                        eine unendliche Dauer, die sich dem stets augenblicklichen Dasein unterstellen, ihm zugrunde liegen könnte, eine Substanz also
                        der Welt unter den Erscheinungen ihres Daseins. Wir suchten ein frei stehendes Unendliches, wir fanden allerlei Endliches,
                        unbestimmt vieles; wir fanden ein Endliches, das gradezu seinem Wesen nach Endliches war; denn es erhielt seine Dauer im
                        Widerstand gegen andres. </p>
                     <pb break="yes" n="249"/>
                     <p xml:id="ds2.6.5.8.4">Wie löst sich dieser Widerspruch? Wieder wie schon alles, was uns bisher hier abweichend erschien von dem
                        zuvor Behandelten, durch den einfachen Gedanken, daß das, was wir hier suchen, nicht ein schon Vorhandenes ist, sondern etwas,
                        das erst kommt. Wir suchen ein unendliches Leben, wir finden ein endliches. Das endliche, das wir finden, ist also bloß das
                        Nochnichtunendliche. Die Welt muß ganz lebendig werden. Statt bloß einzelner Brennpunkte von Leben wie Rosinen in einem Kuchen
                        muß die Welt ganz lebendig werden. Das Dasein muß an allen seinen Punkten lebendig sein. Daß es das noch nicht ist, bedeutet
                        eben wieder weiter nichts, als daß die Welt noch nicht fertig ist. Und daß diese Unfertigkeit uns erst hier auffällt und nicht
                        schon im Begriff des Daseins, liegt daran, daß das Dasein stets nur augenblicklich ist und also jenseits der Frage <q>fertig</q>
                        oder <q>unfertig</q>; denn der Augenblick kennt nur sich selbst; sowie aber die Suche nach dem Dauernden, dem Einfürallemal,
                        angestellt wird, das jenem Dasein erst Grund und Halt gibt, zeigt sichs, daß das Gesuchte – noch nicht da ist, genauer: da ist
                        als ein noch nicht Daseiendes. Leben und Dasein decken einander – noch nicht. </p>
                     <p xml:id="ds2.6.5.8.5">Die Fülle der Erscheinung, die in den Kosmos hineinprasselte, der unaussprechliche Reichtum der
                        Individualität ist es, was sich im Lebendigen zu einem Dauernden, Gestalteten, Festen macht. Während jene Fülle unter dem
                        Zeichen des Nein entsprang, also vergänglich an sich war, verlangt das Lebendige, wie es nun unterm Zeichen der Bejahung
                        hervortrat, nach Ewigkeit. Es will in seiner Gestalt beharren. Ohne jene bestürzende Fülle des Kosmos nicht die gegründete
                        Tiefe des lebendigen Reichtums. Wäre diese Fülle nur starres <q>Gegebenes</q>, wie es der Idealismus will, so wäre sie nicht der
                        vorweltliche Boden, auf dem die Lebendigkeit des Reichs wachsen könnte; denn alles Hervortreten ins Offenbare muß innere
                        Umkehr sein; aus Starrem könnte also nur Bewegliches, immer sich Verwandelndes wachsen. Nur aus der stets erneuten Fülle
                        wächst die ruhig dauernde, ihre Gestalt aus Vergangenheit in Zukunft überliefernde Lebendigkeit. Nicht die Erzeugung eines
                        toten Seins aus allgemeinem, denkmäßigem Gesetz, nur der plastische Kosmos in seiner ganz bunten Tatsächlichkeit kann sich zum
                        Reich verkehren. Wie der charaktervolle Trotz des Helden allein die Wurzel war, aus der die Treue des <pb break="yes" n="250"/> gotthingegebenen und weltzugewandten Heiligen aufschießen konnte, und der lebendige Gott des Mythos allein der Boden für
                        den liebenden Gott der Offenbarung, so konnte nur im Weltreich des Kaisers Augustus, dieser politischen Verwirklichung des
                        plastischen Weltbildes des Heidentums, das Heraustreten des Reichs Gottes in die Welt beginnen. </p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="2.4.2.8" xml:id="ds2.6.5.9">
                     <head xml:id="ds2.6.5.9.1">Wachstum des Reichs</head>
                     <p xml:id="ds2.6.5.9.2">Zur Lebendigkeit bestimmt ist die Welt schon von Anfang. Wie zum Wahrzeichen dieser Bestimmung verliert
                        sich der Anfang des Organischen im Grau der Vergangenheit und ist selbst auf dem Wege des Schließens nicht zu fassen. Aber was
                        so von uran lebendig ist, sind eben nur Zentren des Lebens. Die Lebendigkeit muß also zunehmen, mit innerer Notwendigkeit muß
                        sie es; auch dieses Muß ist von uran. Zwar nicht fertig ist die Welt im Anfang geschaffen, aber mit der Bestimmung, fertig
                        werden zu sollen. Die Zukunft ihres Fertigwerdens ist mit ihr zugleich geschaffen als Zukunft. Oder, um von dem Anteil der
                        Welt allein zu sprechen, auf den das Fertigwerden gelegt ist – denn das Dasein hat sich nur allzeit zu erneuern, nicht fertig
                        zu werden –: das Reich, die Verlebendigung des Daseins, kommt von Anfang an, es ist immer im Kommen. So ist sein Wachstum
                        notwendig. Es ist immer zukünftig – aber zukünftig ist es immer. Es ist immer ebenso schon da wie zukünftig. Es ist
                        einfürallemal noch nicht da. Es kommt ewig. Ewigkeit ist nicht eine sehr lange Zeit, sondern ein Morgen, das ebensogut Heute
                        sein könnte. Ewigkeit ist eine Zukunft, die, ohne aufzuhören Zukunft zu sein, dennoch gegenwärtig ist. Ewigkeit ist ein Heute,
                        das aber sich bewußt ist, mehr als Heute zu sein. Und wenn also das Reich ewig kommt, so bedeutet das, daß zwar sein Wachsen
                        notwendig ist, aber daß das Zeitmaß dieses Wachstums nicht bestimmt ist, ja genauer: daß das Wachstum gar kein Verhältnis zur
                        Zeit hat. Ein Dasein, das einmal ins Reich eingegangen ist, kann nicht wieder herausfallen, es ist unter das Einfürallemal
                        getreten, es ist ewig geworden. </p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="2.4.2.9" xml:id="ds2.6.5.10">
                     <head xml:id="ds2.6.5.10.1">Unsterblichkeit</head>
                     <p xml:id="ds2.6.5.10.2">Hier aber zeigt es sich, daß das notwendige Wachsen des Reichs doch nicht einfach einerlei ist mit dem
                        Wachstum des Lebens. Denn das Leben will zwar dauern, aber es kämpft einen Kampf mit unsicherem Ausgang; es ist zwar keine
                        Notwendigkeit, daß alles Leben sterben muß, aber doch eine vielumfassende Erfahrung. So ist das Reich, obwohl es sein Wachstum
                        auf das <pb break="yes" n="251"/> Wachstum des Lebens baut, doch noch auf etwas
                        andres
                        angewiesen, das dem Leben erst die Unsterblichkeit sichert, die es für sich selber sucht und die das Reich für es verlangen
                        muß. Erst indem Leben unsterblich wird, ist es ein sicherer Bürge des Reichs. Die Welt also verlangt, um offenbare Gestalt zu
                        werden, noch zu ihrem eigenen inneren Wachstum, dem prekären, weil nie seiner Dauer gewissen, Wachstum des Lebens, eine
                        Wirkung aus einem Außen hinzu. Diese Wirkung durchwirkt ihre Lebendigkeit in der Tat der Erlösung. Wie, das werden wir sehen.
                     </p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="2.4.2.10" xml:id="ds2.6.5.11">
                     <head xml:id="ds2.6.5.11.1">Der Islam: Die Religion des Fortschritts</head>
                     <p xml:id="ds2.6.5.11.2">Hier werfen wir zuvor noch einen letzten vergleichenden Blick auf den Islam. Wieder wird uns dadurch der
                        Begriff des Lebens, wie er dem Gedanken des Reichs zugrundeliegt, noch klarer werden. Der Islam macht gleichfalls die Welt in
                        ihrer Individualität zum Gegenstand der Erlösung. Der Weg Allahs führt den Gläubigen in die wirklichen Völker der wirklichen
                        Epochen hinein. Wie werden nun hier diese Völker und Epochen gedacht? Im Reich treten sie hervor in einem ständigen, dennoch
                        unberechenbaren Wachstum an Leben; es ist nicht mit Bestimmtheit zu sagen, daß ein Volk, eine Epoche, ein Ereignis, ein
                        Mensch, ein Werk, eine Institution wirklich zu unsterblichem Leben kommt; niemand weiß das; aber einen Zuwachs an Leben, wenn
                        auch nicht ewigem Leben, bedeutet selbst die am Ende doch wieder versinkende Gestalt. Denn in der Erinnerung bleibt auch sie
                        und in Wirkungen, die schließlich doch wieder irgendwann einmal und irgendwo ins Reich eingehen. </p>
                     <p xml:id="ds2.6.5.11.3">Im Islam hingegen steht alle weltliche Individualität noch unter ihrem
                        vor-weltlichen
                        Zeichen, dem Nein. Sie ist immer neu, kein allmählich Wachsendes. Hier ist wirklich jedes Zeitalter unmittelbar zu Gott und
                        nicht bloß jedes Zeitalter, sondern überhaupt alles Individuelle. So ist auf dem Boden des Islam seit der Antike wieder das
                        erste wirkliche geschichtliche Interesse im modernen Sinn, ein recht eigentlich wissenschaftliches Interesse ohne
                        <q>geschichtsphilosophischen</q> Hintergrund, aufgekommen. Während in der christlichen Welt das Interesse an jenem Hintergrund
                        vorwaltete und der Wunsch, das Walten Gottes in der Geschichte am Wachstum seines Reichs menschlichen Augen sichtbar zu
                        machen, die Geschichtsdarstellung bestimmte und <pb break="yes" n="252"/> trotz aller Enttäuschungen durch den Gang der
                        Ereignisse, der immer wieder lehrt, daß Gottes Wege unerforschlich sind, dennoch immer wieder bestimmt und bestimmen wird.
                        Jenem mit innerer Notwendigkeit geschehenden Wachstum des Reichs gegenüber bildet der Islam eine höchst bezeichnende Lehre
                        aus, die Lehre von den Imamen. Jedes Zeitalter, jedes <q>Jahrhundert</q> seit Muhamed hat seinen <q>Imam</q>, seinen geistlichen
                        Vorsteher; der wird den Glauben seines Zeitalters auf den rechten Weg leiten. Die Zeitalter untereinander werden also dabei in
                        gar keine Beziehung gesetzt: es ist kein Wachstum von einem zum andern, kein <q>Geist</q>, der durch sie alle hindurchgeht und sie
                        zur Einheit verbindet, und außer dem Rückgriff auf die noch vom Propheten selbst herrührende Erblehre bleibt, wo sie die
                        Zeitbedürfnisse im Stich läßt, diesen nur die Zuflucht zum Consensus der lebenden Gesamtheit – <q>Idschma</q> –; <q>meine Gemeinde
                        wird nie in einem Irrtum übereinstimmen</q>, soll Muhamed verheißen haben. Diese Übereinstimmung ist also wieder etwas rein
                        Gegenwärtiges, gar nicht zu vergleichen oder vielmehr genau entgegengesetzt dem Gedanken der unfehlbaren Kirche, die unfehlbar
                        nur ist als lebendige Hüterin der Erblehre, ebenso entgegengesetzt dem rabbinischen Begriff der mündlichen Lehre, der dem
                        gegenwärtigen, rein logisch ermittelten Entscheid einen unmittelbaren Ursprung in der Sinaioffenbarung selber zuschreibt. Aber
                        deutlich ist hier wie bei der Imamlehre die auffallende Analogie zur spezifisch <q>modernen</q> Auffassung des <q>Fortschritts</q> in
                        der Geschichte und der Stellung des <q>großen Manns</q> darin.</p>
                     <p xml:id="ds2.6.5.11.4">Das Wesentliche dieser Analogie ist nun, daß gegenüber dem notwendigen und dennoch, durch das Mitwirken
                        jenes erwähnten <q>andern</q>, unberechenbaren Wachstum des Reichs hier der Gedanke der Zukunft in der Wurzel vergiftet ist. Denn
                        zur Zukunft gehört vor allem das Vorwegnehmen, dies, daß das Ende jeden Augenblick erwartet werden muß. Erst dadurch wird sie
                        zur Zeit der Ewigkeit. Denn wie sich ja die Zeiten überhaupt in ihrem Verhältnis zur Gegenwart gegeneinander unterscheiden, so
                        erhält erst hier der gegenwärtige Augenblick, der von der Vergangenheit das Geschenk des Immerwährenden, der Dauer, von der
                        Gegenwart selbst das Sein in jeder Zeit empfangen hatte, die Gabe der Ewigkeit. Daß jeder Augenblick der letzte sein kann,
                        macht ihn <pb break="yes" n="253"/> ewig. Und eben daß jeder Augenblick der letzte sein kann, macht ihn zum Ursprung der
                        Zukunft als einer Reihe, von der jedes Glied durch das erste vorweggenommen wird. </p>
                     <p xml:id="ds2.6.5.11.5">Dieser Gedanke der Zukunft nun, dies daß das Reich <q>mitten unter euch</q> ist, daß es <q>heute</q> kommt, diese
                        Verewigung des Augenblicks erlischt in dem islamischen wie im modernen Begriff der Zeitalter. Hier bilden die Zeiten zwar eine
                        unendliche Reihe, aber unendlich ist nicht ewig, unendlich ist nur <q>immerzu</q>. Im islamischen Zeitbegriff, wie er in der
                        Imamlehre und im Idschmabegriff verborgen ist, wird die Folge der Zeiten in die unendliche Gleichgültigkeit einer Abfolge
                        auseinandergezogen, so daß, wenngleich jedes einzelne Glied ganz augenblicklich ist, ihre Summe, wenn man sie bildet, eher
                        einer Vergangenheit als einer Zukunft gliche. Daß jedes Zeitalter gleich unmittelbar zu Gott sei, ist ja eben auch der echte
                        Gedanke des reinen, zum bloßen Werkzeug der Erkenntnis des Gewesenen ausgelöschten Historikers. Und im Gedanken des
                        Fortschritts scheint zwar zunächst wenigstens der Zusammenhang, das Wachstum, die Notwendigkeit genau wie im Gedanken des
                        Reichs Gottes lebendig zu sein. Aber alsbald verrät er sein Inneres durch den Begriff der Unendlichkeit; wenn von <q>ewigem</q>
                        Fortschritt auch geredet wird – in Wahrheit ist immer nur <q>unendlicher</q> Fortschritt gemeint, ein Fortschritt, der so immer
                        weiter fort schreitet und wo jeder Augenblick die verbürgte Gewißheit hat, noch an die Reihe zu kommen, also seines
                        Daseinwerdens so sicher sein darf wie ein vergangener seines Schondaseins. Gegen nichts sträubt sich also dieser echte
                        Fortschrittsgedanke so wie gegen die Möglichkeit, daß das <q>ideale Ziel</q> vielleicht schon im nächsten, ja in diesem Augenblick
                        erreicht werden könnte und müßte. Es ist gradezu das Schiboleth, an dem man den Gläubigen des Reichs, der nur um die
                        Zeitsprache zu sprechen das Wort Fortschritt gebraucht und in Wahrheit das Reich meint, von dem echten Fortschrittsanbeter
                        unterscheiden kann: ob er sich gegen die Aussicht und Pflicht der Vorwegnahme des <q>Zieles</q> im nächsten Augenblick nicht zur
                        Wehr setzt. Ohne diese Vorwegnahme und den inneren Zwang dazu, ohne das <q>Herbeiführenwollen des Messias vor seiner Zeit</q> und
                        die Versuchung, das <q>Himmelreich zu vergewaltigen</q>, ist die Zukunft keine Zukunft, sondern nur eine in unendliche Länge
                        hingezogene, <pb break="yes" n="254"/> nach vorwärts projizierte Vergangenheit. Denn ohne solche Vorwegnahme ist der
                        Augenblick nicht ewig, sondern ein sich immerwährend Weiterschleppendes auf der langen Heerstraße der Zeit. </p>
                  </div>
               </div>
               <div type="section" n="2.4.3" xml:id="ds2.6.6">
                  <head xml:id="ds2.6.6.1">Grammatik des Pathos (Die Sprache der Tat)</head>
                  <div type="subsection" n="2.4.3.1" xml:id="ds2.6.6.2">
                     <head xml:id="ds2.6.6.2.1">Wachsen und Wirken</head>
                     <p xml:id="ds2.6.6.2.2">Von zwei Seiten also wird an das verschlossene Tor der Zukunft gepocht. In dunklem, aller Rechnung
                        entzogenem Wachstum drängt das Leben der Welt heran; in heißem Herzensüberfluß sucht die sich heiligende Seele den Weg zum
                        Nächsten. Beide, Welt wie Seele, pochen an das verschlossene Tor, jene wachsend, diese wirkend. Auch alles Wirken geht ja in
                        die Zukunft, und der Nächste, den die Seele sucht, ist ihr immer
                        bevor-stehend
                        und wird nur in dem grade augenblicklich vor ihr stehenden vorweggenommen. Wachsen wie Wirken werden durch solche Vorwegnahme
                        ewig. Was aber ists, was sie vorwegnehmen? Nichts andres als einander. Das in Tat und Bewußtsein ganz dem augenblicklich
                        Nächsten zugewandte Wirken der Seele nimmt bei diesem Wirken doch im Wollen alle Welt vorweg. Und das Wachsen des Reichs in
                        der Welt, wenn es hoffend das Ende schon für den nächsten Augenblick vorwegnimmt – auf was wohl wartet es für diesen nächsten
                        Augenblick, wenn nicht auf die Tat der Liebe? Dies Warten der Welt ist ja selbst ein Erzwingen jener Tat. Würde das Reich nur
                        mit stummem, stumpfem, treibendem Triebe wachsen und so ins Unendliche der Zeit immer fort, immer fortschreitend, ein Ende vor
                        sich nur in der Unendlichkeit, so wäre die Tat gelähmt, und weil ihr das Fernste unendlich fern wäre, so wäre ihr auch das
                        Nächste und der Nächste unerreichbar. So aber, wo das Reich in der Welt mit unberechenbarem Schritte fortschreitet und jeder
                        Augenblick bereit sein muß, die Fülle der Ewigkeit aufzunehmen, ist das Fernste das in jedem nächsten Augenblick Erwartete,
                        und so wird das Nächste, das ja nur der Platzhalter des Fernsten, des Höchsten, des Ganzen ist, in jedem Augenblick greifbar. </p>
                     <p xml:id="ds2.6.6.2.3">So wirken Mensch und Welt hier in unauflösbarer Wechselwirkung aufeinander und miteinander. Das ist ja
                        das in allem Handeln Unlösbare: daß die Freiheit gebunden ist an den Gegenstand ihrer Tat, daß das Gute nur möglich wäre in
                        einer Welt, die schon gut ist, daß der Einzelne nicht gut sein kann, ohne daß Alle gut sind – und daß doch andrerseits es in
                        der Welt, nach dem <pb break="yes" n="255"/> großen Wort der preußischen Königin, nur gut werden kann durch die Guten. Es ist
                        unlösbar; denn Mensch und Welt sind nicht von einander zu lösen. Das Wirken entbindet die Tat aus dem Menschen, aber bindet
                        die entbundene auch wieder hinein in die Welt. Und das Warten entbindet das Reich aus der Welt; denn wartete sie nicht, so
                        schritte sie <q>fort</q> ins Unendliche und das Reich käme nimmer; aber dies Warten bindet auch wieder das Entbundene an das Wirken
                        des Menschen. Aus dieser wechselweisen Bindung können sie also selber sich nicht lösen; denn indem sie sich selber entbinden,
                        binden sie sich nur fester in- und aneinander. Sie können sich selber nicht von einander lösen, sie können nur miteinander –
                        er-löst
                        werden, erlöst von einem dritten, der eines am andern, eines durch das andere erlöst. Zu Mensch und Welt gibt es nur Einen
                        Dritten, nur Einer kann ihnen Erlöser werden. </p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="2.4.3.2" xml:id="ds2.6.6.3">
                     <head xml:id="ds2.6.6.3.1">Zur Methode</head>
                     <p xml:id="ds2.6.6.3.2">Solch Miteinander gibt es nur hier. Von Gott zur Welt, von Gott zum Menschen – das war jedesmal ein Gang
                        in eindeutiger Richtung. Gott mußte sie schaffen, damit die Welt als entzauberte Kreatur sich unter die Fittiche seiner
                        Vorsehung schmiegen konnte. Gott mußte ihn beim Namen rufen, damit der Mensch als erschlossene Seele den Mund auftat. Hier
                        allein sind die beiden Pole von vornherein aufeinander verwiesen, und alles, was zwischen ihnen vorgeht, geht gleichzeitig in
                        beiden vor. Die Entdeckung des Dings geschah in der Reihe der Worte vom Stammwort der Dinghaftigkeit bis hin zum vollendeten
                        Ding. Die Erweckung der Seele geschah in der Wechselrede, die anhub beim erwachenden Stamm-Ich ihres Erweckers. Aber die
                        Erlösung der Seele an den Dingen, der Dinge durch die Seele geschieht im gleichatmenden Zwiegesang der beiden, im Satz, der
                        aus den Stimmen der beiden Worte zusammenklingt. In der Erlösung schließt das große Und den Bogen des All. </p>
                     <p xml:id="ds2.6.6.3.3">Aus dem Und bricht also kein Stammwort hervor, sowie es selber schon für sich kein Urwort war, sondern
                        schon selber nur die Brücke der beiden Urworte, das Und zwischen Ja und Nein. Das
                        vor-sprachliche
                        Und offenbart sich nicht in einem Stammwort, sondern im Stammsatz, also in einem Satz aus den zwei Stammworten. Das Und ist,
                        wie wir uns wohl noch aus der Rolle <pb break="yes" n="256"/> entsinnen, die es bei den drei Elementen der Vorwelt jeweils
                        spielte, nicht ursprünglich. Es entsteht kein
                        Etwas in
                        ihm, es ist nicht wie Ja und Nein unmittelbar zum Nichts, sondern es ist das Zeichen des Prozesses, der zwischen den im Ja und
                        Nein Entstandenen die fertige Gestalt wachsen läßt. Es ist also etwas ganz andres als die idealistische <q>Synthesis</q>; diese
                        ist, wie man in ihrem historischen Ursprung bei Kant am besten beobachten kann, wirklich schöpferische Synthesis an einem bloß
                        <q>gegebenen</q> toten <q>Material</q>; so wird sie im Verlauf der idealistischen Bewegung schließlich zur Wiederherstellerin der
                        Thesis, also zum eigentlich schöpferischen Prinzip der Dialektik; die Antithesis wird zur bloßen Vermittlung zwischen der
                        Erstellung und der Wiederherstellung der Thesis, und in diesem ständigen Wiederfinden der Thesis vollzieht sich der Gang des
                        Wissens zu immer tieferem Erkennen – eine unendliche Ausführung und zugleich absolut idealistische Wendung des platonischen
                        Grundgedankens vom Erkennen als einem Wiedererkennen, der bei seinem Urheber noch durchaus unidealistisch gemeint war als ein
                        denkmäßiges Nachschaffen des ungeschaffenen Seins. Diese Auffassung der Synthesis schließt also ganz wesentlich eine
                        Mediatisierung der Antithesis ein; die Antithesis wird nur zum Übergang von der Thesis zur Synthesis, sie ist selbst nicht
                        ursprünglich. Das Verhältnis wird sofort anschaulich, wenn man etwa an Hegels Auffassung des Trinitätsdogmas denkt, wo ihm das
                        Wesentliche ist, Gott als Geist zu erkennen, und der Gottmensch nur das Wie dieser Gleichung zwischen Gott und Geist bedeutet.
                        Oder auch an dem obersten Dreitakt seiner Enzyklopädie, wo die Natur nur Brücke ist zwischen Logik und Geist und aller
                        Nachdruck auf der Verkoppelung dieser beiden liegt. </p>
                     <p xml:id="ds2.6.6.3.4">Wie nun bei uns die dem Ja allermindestens gleichwertige Ursprünglichkeit des Nein, die der Schöpfung
                        gleichwertige <q>Tatsächlichkeit</q> der Offenbarung, gradezu die Grundkonzeption ist, so muß demnach auch unsre Synthesis, das
                        Und, eine ganz andre Bedeutung kriegen; sie darf, eben weil Thesis und Antithesis beide an sich <q>schöpferisch</q> sein sollen,
                        selber nicht schöpferisch sein; sie darf nur das Ergebnis ziehen; sie ist wirklich nur das Und, nur der Schlußstein des
                        übrigens auf eigenen Pfeilern errichteten Gewölbes. Sie kann so auch nicht wieder zur Thesis werden, der <pb break="yes" n="257"/> Schlußstein kann sich nicht, wie er das bei Hegel muß, wieder in einen Grundstein verwandeln, es kommt zu keinem
                        dialektischen Prozeß, sondern soweit diese einmalige Reihe der Zeiten des Welttags kategoriale Bedeutung annimmt, gelten diese
                        Kategorien nur für Kategorien im alten Sinn, Maßstäbe, an denen eine Wirklichkeit gemessen und gegliedert wird, nicht innere
                        Kraft, mit der sie sich selber bewegt. Im strengen und unmittelbaren Sinn gibt es nur die eine gar nicht
                        allgemeinbegriffliche, sondern ganz einmalige und besondere Reihe Schöpfung-Offenbarung-Erlösung. Das Ende ist wirklich Ende
                        und hat als solches keine ausgezeichnete Beziehung zu einem der beiden Hervorgänge im Anfang, sondern höchstens zum Anfang
                        selber; die Erlösung steht zur Schöpfung nicht intimer als zur Offenbarung und zur Offenbarung nicht intimer als zur
                        Schöpfung; nur zu dem, von dem Schöpfung wie Offenbarung ausgehen, hat sie ein engeres Verhältnis: zu Gott. Gott ist der
                        Erlöser in viel stärkerem Sinn als er Schöpfer und Offenbarer ist. Denn in der Schöpfung macht er sich zwar zum Schöpfer, aber
                        schafft das Geschöpf, und in der Offenbarung macht er sich zwar zum Offenbarer, aber offenbart sich der Seele, in der Erlösung
                        hingegen ist er nicht bloß Erlöser, sondern, indem das Werk der Schöpfung und die Tat der Offenbarung gewissermaßen hinter ihm
                        liegen und nun selbständig und als ob er nicht da wäre aufeinander wirken, erlöst er, wie wir noch sehen werden, letzthin –
                        sich selbst. </p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="2.4.3.3" xml:id="ds2.6.6.4">
                     <head xml:id="ds2.6.6.4.1">Stammsatz</head>
                     <p xml:id="ds2.6.6.4.2">Doch wir greifen vor. Hier halten wir erst bei der Entstehung der Gestalt, die das unterweltliche Und
                        beim Eintritt in die Oberwelt der Sprache annimmt, beim Stammsatz. Er soll die Stammworte der Schöpfung und der Offenbarung
                        zusammenschließen, jenes Nichts-als-Prädikat, das <q>Gut!</q>, mit jenem Nichts-als-Subjekt, dem göttlichen Ich. Und da es ein Satz
                        werden muß, der von beiden Seiten gleichzeitig – wirklich zweistimmig – gesprochen werden muß, so kann jenes Ich nicht Ich
                        bleiben; Mensch und Welt müssen es gleichen Atems singen können; an Stelle des göttlichen Ichs, das nur Gott selber sprechen
                        konnte, muß der göttliche Name treten, den auch Mensch und Welt im Herzen tragen können, und von ihm muß es heißen: er ist
                        gut. </p>
                  </div>

                  <pb break="yes" n="258"/>
                  <div type="subsection" n="2.4.3.4" xml:id="ds2.6.6.5">
                     <head xml:id="ds2.6.6.5.1">Chorform</head>
                     <p xml:id="ds2.6.6.5.2">Dies ist der Stammsatz der Erlösung, das Dach über dem Hause der Sprache, der an sich wahre Satz, der
                        Satz, der wahr bleibt, einerlei wie er gemeint ist und aus welchem Munde er kommt. Daß zwei mal zwei vier ist, kann unwahr
                        werden, etwa wenn man es einem Papagei gelehrt hat und der es nun <q>spricht</q>; denn was ist dem Papageien die Mathematik? Aber
                        der Satz, daß Gott gut ist, kann selbst in diesem skurrilsten aller möglichen Fälle seines Lautwerdens keine Unwahrheit
                        werden; denn auch den Papageien hat Gott geschaffen, und auch auf ihn geht schließlich seine Liebe. An
                        diesen
                        Satz müssen alle andern Sprachformen anzuknüpfen sein. Und zwar, während dem Stammwort der Schöpfung die Formen folgen in der
                        Reihe einer sachlichen Entwicklung wie die einzelnen Sätze einer Geschichte und während das Stammwort der Offenbarung ein
                        Wechselgespräch eröffnet, müssen hier die Sprachformen alle den Sinn des einen Satzes tragen und erläutern. Es müssen lauter
                        Formen sein, die den Zusammenhang der beiden Satzteile deuten und kräftiger schließen. Durch jede Form muß der Grundbaß des
                        Satzes durchtönen und die Formen selber müssen in steter Steigerung den Satz immer hymnischer heben. Statt als Erzählung, die
                        vom Erzähler zur Sache strebt, statt als Zwiegespräch, das zwischen zweien hin und her geht, tritt die Grammatik diesmal auf
                        als strophisch sich steigernder Gesang. Und Urgesang, der stets
                        Gesang von
                        mehreren ist; der Einzelne singt nicht; erst wenn das Lied als Lied der Vielen entstanden ist, füllt es nachträglich die
                        unsanglichen Formen der Erzählung und des Wechselliedes an und wird zur Ballade des Sängers am Königshofe und zum Lied der
                        Liebe. Aber ursprünglich ist der Gesang vielstimmig gleichen Tons und Atems, und über allem Inhalt des Gesanges steht die Form
                        dieser Gemeinsamkeit. Ja der Inhalt ist selbst weiter gar nichts als die Begründung für diese seine Form. Man singt nicht
                        gemeinsam um eines bestimmten Inhalts willen, sondern man sucht sich einen gemeinsamen Inhalt, damit man gemeinsam singen
                        kann. Der Stammsatz, wenn er Inhalt gemeinsamen Gesanges sein soll, kann nur als eine Begründung solcher Gemeinsamkeit
                        auftreten; das <q>er ist gut</q> muß erscheinen als ein <q>denn er ist gut</q>. </p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="2.4.3.5" xml:id="ds2.6.6.6">
                     <head xml:id="ds2.6.6.6.1">Aufforderung</head>
                     <p xml:id="ds2.6.6.6.2">Was ist nun das erste, was also begründet wird? Es kann nur die Gemeinsamkeit des Gesanges sein, und
                        diese Gemeinsamkeit nicht <pb break="yes" n="259"/> als die vollendete Tatsache, nicht als ein Indikativ, sondern erst als
                        eine grade eben begründete Tatsache. So muß die Stiftung der Gemeinsamkeit dem Inhalt des Gesanges vorangehn, als eine
                        Aufforderung also zum gemeinsamen Singen, Danken, Bekennen, <q>daß Er gut ist</q>, oder vielmehr, wie man in Anbetracht dessen, daß
                        dies Singen, Danken, Bekennen selber die Hauptsache ist und das Besungene, Verdankte, Bekannte nur Begründung dafür, richtig
                        übersetzt: eine Aufforderung zum Singen, Danken, Bekennen <q>weil Er gut ist</q>. Und diese Aufforderung wiederum darf kein
                        Imperativ sein, keine Aufforderung des Auffordernden an einen Aufgeforderten, der der Aufforderung nachzukommen hätte, sondern
                        die Aufforderung muß selbst unter dem Zeichen der Gemeinsamkeit stehen, der Auffordernde muß zugleich selber Aufgeforderter
                        sein, sich selber mit auffordern: die Aufforderung muß im Kohortativ stehen, einerlei ob dieser Unterschied vom Imperativ
                        äußerlich erkennbar ist oder nicht; auch die scheinbare Aufforderung, das <q>Danket</q>, darf nur den Sinn eines <q>Laßt uns danken</q>
                        haben; der Auffordernde dankt selber mit, ja er fordert nur auf, um selber mit danken zu können; der Auffordernde, indem er
                        seine Seele und was in ihm ist, aufruft zu loben, ruft unmittelbar zugleich damit alle Welt auf, Meere und Flüsse und alle
                        Heiden und die welche Gott fürchten: Lobet den Herrn! Schon was in ihm ist, gilt ihm ja, weil es <q>ist</q>, für ein Äußeres, das er
                        erst aufrufen muß, und hinwiederum ist das Entfernteste, alle Welt, ihm kein Äußeres, sondern ein brüderlich mit ihm
                        Einstimmendes in Lob und Dank. </p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="2.4.3.6" xml:id="ds2.6.6.7">
                     <head xml:id="ds2.6.6.7.1">Sammlung</head>
                     <p xml:id="ds2.6.6.7.2">Lob und Dank, die Stimme der zum Einklang mit aller Welt erlösten Seele und der zu Mitsinn und Mitsang
                        mit der Seele erlösten Welt – wie kann die Doppelstimme zur einen zusammenklingen? Wie konnten sich die Getrennten finden,
                        außer in der Einheit dessen, vor dem sie singen, den sie loben, dem sie danken? Was verbindet die eine Stimme des
                        Auffordernden mit aller Welt? Er ist verschieden von aller Welt, zweierlei Subjekte, zweierlei Nominative; und auch was er hat
                        und sieht, ist verschieden von dem, was alle Welt hat und sieht, zweierlei Objekte, zweierlei Akkusative. Nur der, dem er
                        dankt, der nicht Objekt für ihn ist und also an ihn gebunden, sondern ein ihm und allem, was für ihn Objekt werden kann,
                        <q>Jenseitiges</q>, nur das ist der gleiche, dem <pb break="yes" n="260"/> alle Welt dankt; im gegen alles jenseitigen Dativ finden
                        sich die Stimmen der diesseits getrennten Herzen. Der Dativ ist das Bindende, Zusammenfassende; wem
                        etwas
                        gegeben wird, wie hier der Dank, der wird dadurch nicht Eigentum dessen, was ihm gegeben wird; er bleibt jenseits des Gebers,
                        und weil er jenseits des einzelnen Gebers bleibt, so kann er der Punkt sein, wo alle Geber sich vereinigen können; der Dativ
                        als dies wahrhaft Bindende kann das wahrhaft Lösende für alles unwahrhaft, alles unwesentlich Gebundene sein, das
                        Er-lösende,
                        – Gott sei Dank. </p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="2.4.3.7" xml:id="ds2.6.6.8">
                     <head xml:id="ds2.6.6.8.1">Anerkennung</head>
                     <p xml:id="ds2.6.6.8.2">Im Dativ vereinigt sich aller Dank; der Dank dankt für die Gabe; indem Gott Dank gezollt wird, bekennt
                        man ihn als den Geber und erkennt ihn als den Erfüller des Gebets. Das Gebet des Einzelnen, das Stoßgebet, war das Höchste,
                        wozu sich der Einzelne als Einzelner aufschwingen konnte; aber die Erfüllung lag jenseits; nur insofern sie in der Seele des
                        Einzelnen geschah, war das Gebet, als Betenkönnen, schon selber seine eigene Erfüllung. Aber das Reich, nach dessen Kommen
                        alles Gebet, auch das Stoßgebet des Einzelnen, unbewußt schreit, die sichtbare Darstellung des bloß im Allerheiligsten der
                        Seele Erlebten, kommt nicht in der Offenbarung, und so bleibt das Gebet ein Seufzer in Nacht. Jetzt ist die Erfüllung
                        unmittelbar da; in der im Dank geschehenen Vereinigung der Seele mit aller Welt ist das Reich Gottes, das ja eben nichts ist
                        als die wechselweise Vereinigung der Seele mit aller Welt, gekommen und alles jemals mögliche Gebet erfüllt. Der Dank für die
                        Erfüllung jeglichen Gebets geht allem Gebet, das nicht Stoßgebet aus der zweieinsamen Nähe der Seele zu Gott ist, voraus; die
                        allgemeinsame Anerkennung der väterlichen Güte Gottes ist der Grund, auf dem sich alles gemeinsame Beten erhebt. Von diesem
                        gemeinsamen Gebet gilt also, daß es erfüllt ist, nicht wie das Stoßgebet aus der einsamen Tiefe der Not, indem es sich
                        hervorringt, indem die Seele beten kann; sondern es ist erfüllt, ehe es gebetet wird; seine Erfüllung wird in Dank und Lob
                        vorweggenommen; der gemeinsame Dank ist schon die Erfüllung alles dessen, worum gemeinsam gebetet werden kann, und das Kommen
                        dessen, um wessentwillen allein alle einzelnen Bitten mit der zwingenden Macht der Gemeinsamkeit sich vor das Angesicht Gottes
                        wagen dürfen: nämlich des Reichs. Das gemeinsame Bekenntnis und Lob muß allem gemeinsamen Beten vorangehen als seine
                        Erfüllung. </p>
                     <pb break="yes" n="261"/>
                     <p xml:id="ds2.6.6.8.3">Aber freilich diese Erfüllung geht nur voran, sie ist nur vorweggenommen. Wäre es möglich, nur um das
                        Kommen des Reichs und um weiter nichts zu beten, so wäre diese im Dank vorweggenommene Erfüllung nicht vorweggenommen, sondern
                        dann wäre Preis und Dank nicht bloß das erste Gefühl, sondern das einzige; denn dann – wäre das Reich schon da; die Bitte um
                        sein Kommen brauchte nicht gebetet zu werden, das Gebet wäre zu Ende mit seinem ersten Wort, dem Lob. Aber so ist es nicht; es
                        ist noch nicht möglich, der Gemeinschaft und dem Menschen in der Gemeinschaft noch nicht möglich, nur um das Kommen des Reichs
                        zu beten;
                        dies Gebet ist noch verdunkelt und verwirrt von mancherlei andern Bitten, um Vergebung der Sünde, um das Reifen der Erdfrucht,
                        kurz um alles das, was die Rabbinen sehr tief als Bedürfnisse des Einsamen bezeichnen. Ja es sind Bedürfnisse des Einsamen.
                        Wäre der Einzelne schon wirklich vereinigt mit aller Welt, wie er es in Preis und Dank vorwegnimmt, so würden all diese
                        Bedürfnisse von ihm abgefallen sein. Sie sind das Zeichen, daß er das
                        Er-löstsein
                        von den Banden des Bedürfnisses in der allgemeinen
                        Ver-bindung
                        seiner Seele mit aller Welt in Preis und Dank nur vorwegnimmt und daß also die Erlösung ganz und gar ein noch Kommendes,
                        Zukunft ist. </p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="2.4.3.8" xml:id="ds2.6.6.9">
                     <head xml:id="ds2.6.6.9.1">Vorwegnahme</head>
                     <p xml:id="ds2.6.6.9.2">Die Zukunft also hat hier die Bedeutung, die für die Offenbarung die Gegenwart, für die Schöpfung die
                        Vergangenheit hat. Aber während die Gegenwart für die Offenbarung ein Grundbegriff ist und also ganz zu Beginn der
                        <q>Wechselrede</q> erschien, und die Vergangenheit für die Schöpfung der abschließende Begriff war und also das Ziel der ganzen
                        <q>Erzählung</q>, taucht die Zukunft für die Erlösung nur so mitteninne und fast nebenbei auf. Es ist eben für die Zukunft
                        entscheidend, daß sie vorweggenommen werden kann und muß. Diese Vorwegnahme, dies Heute, diese Ewigkeit des Danks für Gottes
                        Liebe – denn sie <q>währet ewiglich</q> –, Ewigkeit, wie wir es erklärten, nicht <q>sehr lange</q>, sondern <q>heute schon</q>: das ist der
                        eigentliche melodische Inhalt der Strophe des gemeinsamen Gesangs, in der die Zukunft nur wie eine regelmäßig die Melodie
                        umspielende Begleitfigur auftrat.</p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="2.4.3.9" xml:id="ds2.6.6.10">
                     <head xml:id="ds2.6.6.10.1">Der Nächste</head>
                     <p xml:id="ds2.6.6.10.2">Wenn nun ein Nochnicht über aller erlösenden Vereinigung geschrieben steht, so kann das nur dazu führen,
                        daß für das Ende zunächst der grade gegenwärtige Augenblick, für das Allgemeine <pb break="yes" n="262"/> und Höchste
                        zu-nächst
                        das jeweils Nächste eintritt. Das Band der vollendeten und
                        er-lösenden
                        Verbindung von Mensch und Welt ist zunächst der Nächste und immer wieder nur der Nächste, das
                        zu-nächst
                        Nächste. In den Gesang Aller fügt sich hier also eine Strophe, die nur von zwei einzelnen Stimmen gesungen wird, – von meiner
                        und meines Nächsten. Statt des Plural, der die Dinge als einzelne Vertreter ihrer Art enthält, und statt des Singular, in
                        welchem die Seele ihre Geburt erlebt, herrscht also hier der Dual, jene Form, die in den Sprachen nicht von Dauer ist, sondern
                        im Laufe der Entwicklung vom Plural aufgesogen wird; denn freilich haftet sie nirgends fest außer höchstens an den wenigen
                        Dingen, die an sich paarweise auftreten; sonst gleitet sie von einem Träger zum andern, nächsten weiter, von einem Nächsten
                        zum nächsten Nächsten, und hat keine Ruhe, ehe sie nicht den ganzen Kreis der Schöpfung ausschritt. Aber nur scheinbar gibt
                        sie so ihre Herrschaft an den Plural ab; in Wahrheit hinterläßt sie bei dieser Wanderung überall ihre Spuren, indem sie in dem
                        Plural der Dinge allenthalben das Zeichen der Singularität setzt; wo einmal der Dual gehaftet hat, wo einer oder etwas zum
                        Nächsten einer Seele geworden ist, da ist ein Stück Welt geworden, was er vorher nicht war: Seele. </p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="2.4.3.10" xml:id="ds2.6.6.11">
                     <head xml:id="ds2.6.6.11.1">Die Tat</head>
                     <p xml:id="ds2.6.6.11.2">Aber welche Reihenfolge in dieser Weltwanderung eingehalten wird, das ist ganz unbestimmt. Immer
                        antwortet dem Weckruf die nächste Stimme; welche das ist, das steht nicht in der Wahl des Weckers; er sieht immer nur das
                        Nächste, nur den Nächsten. Ja eigentlich sieht er kaum den Nächsten; er fühlt nur in sich den überquellenden Drang zur
                        Liebestat; welches und ein wie beeigenschaftetes Etwas aus der Fülle des Etwas sich ihm bieten mag, das ist ihm gleichgültig;
                        genug, er weiß, daß jedes Etwas ihm in seiner Eigenschaftlichkeit und Eigenartigkeit durch die Kraft seiner ihm selber
                        entquellenden Tat zum Einzigartigen, Subjektiven, Substantivischen werden wird. Das Verbum erst, indem es als selber
                        unbestimmte Kopula den Satz zusammenbindet, gibt der adjektivischen Allgemeinheit des Prädikats substantivische Festigkeit und
                        Einzigartigkeit und macht das Substantiv zum Subjekt. Wie es denn auch, wenn es als Tatwort selber inhaltliche Bestimmung
                        angenommen hat, immer noch wahllos vom Subjekt aus auf jedes ihm vorgelegte Objekt sich richtet, aber gleichwohl <pb break="yes" n="263"/> in dieser Wahllosigkeit das Objekt aus seiner passivischen Starrheit zur Bewegung, das Subjekt aus
                        seiner Insichverschlossenheit zur Tat erlöst. </p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="2.4.3.11" xml:id="ds2.6.6.12">
                     <head xml:id="ds2.6.6.12.1">Die Verwirklichung</head>
                     <p xml:id="ds2.6.6.12.2">Unbestimmtheit also ist das Zeichen, unter dem die Tat der Liebe sich ihren Gegenstand zum Nächsten
                        schafft. In der Schöpfung wurde das Bestimmte auf dem Hintergrunde seines Unbestimmten im Zusammenwirken der beiden Artikel
                        geschaffen; in der Offenbarung wird das ganz und nur Bestimmte, der Eigenname des Einzelnen, der einzig in seiner Art, in
                        seiner eigenen und nur ihm eigenen Art ist, angerufen. Jetzt erscheint das Unbestimmte, das Irgendeiner, als solches, ohne
                        sich wie in der Schöpfung auf ein ihm zugeordnetes Bestimmtes, sein Besonderes, zu beziehen. Dennoch gilt auch für es eine
                        Beziehung auf ein Bestimmtes. Aber dies Bestimmte ist ihm nicht unter-, sondern übergeordnet. Das vollkommen Unbestimmte des
                        <q>Irgendeiner</q> bezieht sich auf ein ebenso vollkommen Bestimmtes, wie es selbst vollkommen Unbestimmtes ist. Vollkommen
                        bestimmt aber ist nichts Einzelnes, sondern nur das Ganze alles Bestimmten, das All. Aus diesem Zusammengehören des
                        <q>Irgendeiner</q> und des <q>Alle Welt</q>, wie es durch die Liebe zum <q>Nächsten</q> getätigt wird, entspringt für die Welt der Erlösung
                        eine Tatsächlichkeit, die durchaus der im Zusammenwirken des beschränkt Allgemeinen und beschränkt für die Schöpfung bewirkten
                        Wirklichkeit entspricht. Die absolute Tatsächlichkeit, die für die Welt der Erlösung daraus hervorwächst, daß hier jeder grade
                        mir Nächste mir vollgültig alle Welt vertritt, gerinnt nun in der Schlußstrophe des Gesanges, in sich die zu Anfang einzeln
                        wechselseitig jede die andern zum Danken auffordernden Stimmen zum mächtigen Unisono des einigen. </p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="2.4.3.12" xml:id="ds2.6.6.13">
                     <head xml:id="ds2.6.6.13.1">Das Ziel</head>
                     <p xml:id="ds2.6.6.13.2">Das Wir ist stets <q>Wir alle</q>. Jedenfalls: <q>Wir alle, die wir hier beisammen sind</q>. Das Wort Wir ist ja
                        daher nicht ohne Gebärde zu verstehen. Wenn einer Er sagt, so weiß ich, daß einer gemeint ist, und das gleiche weiß ich auch
                        im Dunkeln, wenn ich eine Stimme Ich oder Du sagen höre. Aber wenn einer Wir sagt, so weiß ich, auch wenn ich ihn sehe, nicht,
                        wen er meint, ob sich und mich, sich und mich und irgendwelche andern, sich und irgendwelche andere ohne mich, schließlich
                        welche andern. An sich bezieht das Wir stets den allerweitesten noch denkbaren <pb break="yes" n="264"/> Kreis ein und erst
                        die sprechende Gebärde oder der Zusatz – wir Deutsche, wir Philologen – schränkt diesen größten Kreis von Fall zu Fall auf
                        einen kleineren Ausschnitt ein. Wir ist kein Plural; der Plural entsteht in der dritten Person des Singular, die nicht
                        zufällig die Geschlechtergliederung zeigt; in den Geschlechtern wird ja in mythischer Vereinfachung die erste begriffliche
                        Ordnung in die Welt der Dinge gebracht und dadurch die Mehrheit als solche sichtbar gemacht. Das Wir hingegen ist die aus dem
                        Dual entwickelte Allheit, die – anders als die nur erweiterbare Singularität des Ichs und seines Gefährten, des Du, – nicht zu
                        erweitern, nur zu verengern ist. Im Wir also hebt die Schlußstrophe des Gesangs der Erlösung an; im Kohortativ hatte er mit
                        dem Aufruf der Einzelnen, die aus dem Chor hervortraten, und den Responsen des Chors darauf begonnen; im Dual ging es in einem
                        zweistimmigen Fugato, an dem sich immer neue Instrumente beteiligten, fort; im Wir endlich sammelt sich alles zum choralmäßig
                        gleichen Takt des vielstimmigen Schlußgesangs. Alle Stimmen sind hier selbständig geworden, jede singt die Worte nach der
                        eigenen Weise ihrer Seele, doch alle Weisen fügen sich dem gleichen Rhythmus und binden sich zur einen Harmonie. </p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="2.4.3.13" xml:id="ds2.6.6.14">
                     <head xml:id="ds2.6.6.14.1">Die Grenze</head>
                     <p xml:id="ds2.6.6.14.2">Doch immer noch sind es Worte, ist es Wort, auf was sich die Stimmen der beseelten Welt einen. Das Wort,
                        das sie singen, ist Wir. Als Gesang wäre es ein letztes, ein voller Schlußakkord. Aber als Wort kann es so wenig wie irgend
                        ein Wort letztes sein. Das Wort ist nie letztes, ist nie bloß Gesprochenes, sondern immer ist es auch Sprechendes. Das ist ja
                        das eigentliche Geheimnis der Sprache, dieses ihr eigenes Leben: das Wort spricht. Und so spricht aus dem gesungenen Wir das
                        gesprochene Wort und spricht: Ihr. Das Wir umfaßt alles, was es ergreifen und erreichen, ja noch was es sichten kann. Aber was
                        es nicht mehr erreichen und auch nicht mehr sichten kann, das muß es um seiner eigenen Geschlossenheit und Einigkeit willen
                        aus seinem hellen, tönenden Kreise hinaus ins kalte Grauen des Nichts stoßen, indem es zu ihm spricht: Ihr. </p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="2.4.3.14" xml:id="ds2.6.6.15">
                     <head xml:id="ds2.6.6.15.1">Die Entscheidung</head>
                     <p xml:id="ds2.6.6.15.2">Ja, das Ihr ist grauenhaft. Es ist das Gericht. Das Wir kann nicht vermeiden, dies Gericht zu halten;
                        denn nur in diesem Gericht gibt es der Allheit seines Wir bestimmten Inhalt, der doch kein besonderer Inhalt ist, ihm nichts
                        von seiner Allheit nimmt; denn <pb break="yes" n="265"/> das Gericht sondert ihm gegenüber keinen besonderen Inhalt ab, –
                        keinen andern Inhalt als das Nichts; so daß das Wir alles, was nicht Nichts ist, zum Inhalt gewinnt, alles Wirkliche, alles
                        – Tatsächliche. So muß das Wir Ihr sagen, und je stärker es anschwillt, um so stärker dröhnt aus seinem Munde auch das Ihr. Das
                        Wir muß es sagen, obwohl es doch nur vorwegnehmend es sagen kann, und letzte Bestätigung aus anderm, letztem Munde erwarten
                        muß. Das ist die entscheidende Vorwegnahme, dieses scheidende Gericht, worin das kommende Reich als kommendes wirklich und
                        dadurch die Ewigkeit Tatsache ist. Der Heilige des Herrn muß das Gericht Gottes vorwegnehmen; er muß seine Feinde für die
                        Feinde Gottes erkennen. Es ist furchtbar für ihn selbst; denn indem er es tut, unterstellt er sich selbst dem Gericht Gottes:
                        Herr, richte mich, sieh zu – du erforschest mich und kennest mich –, so prüfe mich und erfahre, wie ichs meine, und sieh, ob
                        Falsch in meiner Seele sei. </p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="2.4.3.15" xml:id="ds2.6.6.16">
                     <head xml:id="ds2.6.6.16.1">Das Ende</head>
                     <p xml:id="ds2.6.6.16.2">Gott selbst muß das letzte Wort sprechen – es darf kein Wort mehr sein. Denn es muß Ende sein und nicht
                        Vorwegnahme mehr. Und alles Wort wäre noch Vorwegnahme des nächsten Worts. Für Gott sind die Wir wie die Ihr – Sie. Aber er
                        spricht kein Sie, sondern er vollbringts. Er tuts. Er ist der Erlöser. In seinem Sie sinken das Wir und das Ihr zurück in ein
                        eines blendendes Licht. Aller Name schwindet. Das letzte, in aller Ewigkeit vorwegnehmende Gericht tilgt die Scheidung,
                        nachdem und indem es sie bestätigt, und löscht die Feuer der Hölle. Im letzten Gericht, das Gott selber in seinem eignen Namen
                        richtet, geht alles All ein in Seine Allheit, aller Name in Sein namenloses Eins. Die Erlösung läßt den Welttag jenseits der
                        Schöpfung wie der Offenbarung enden in den gleichen mitternächtigen Glockenschlag, der ihn begonnen, – aber von dieser zweiten
                        Mitternacht gilt, was geschrieben steht, daß die Nacht Licht ist bei Ihm. Der Welttag offenbart sich in seinem letzten
                        Augenblick als das, was er in seinem ersten war: als Gottestag, als Tag des Herrn. </p>
                  </div>
               </div>
               <pb break="yes" n="266"/>
               <div type="section" n="2.4.4" xml:id="ds2.6.7">
                  <head xml:id="ds2.6.7.1">Logik der Erlösung</head>
                  <div type="subsection" n="2.4.4.1" xml:id="ds2.6.7.2">
                     <head xml:id="ds2.6.7.2.1">Der Eine und das All</head>
                     <p xml:id="ds2.6.7.2.2">Die Erlösung hat also zu ihrem letzten Ergebnis
                        etwas, was
                        sie über den Vergleich mit Schöpfung und Offenbarung hinaushebt, nämlich Gott selbst. Er ist – wir sagten es schon – Erlöser in
                        viel schwererem Sinn als er Schöpfer und Offenbarer ist; denn er ist es nicht bloß, der erlöst, sondern auch der erlöst wird.
                        Gott erlöst in der Erlösung, der Welt durch den Menschen des Menschen an der Welt, sich selber. Mensch und Welt verschwinden
                        in der Erlösung, Gott aber vollendet sich. Gott wird erst in der Erlösung das, was der Leichtsinn menschlichen Denkens von je
                        überall gesucht, überall behauptet und doch nirgends gefunden hat, weil es eben noch nirgends zu finden war, denn es war noch
                        nicht: All und Eines. Das All der Philosophen, das wir bewußt zerstückelt hatten, hier in der blendenden Mitternachtssonne der
                        vollendeten Erlösung ist es endlich, ja wahrhaft
                        end-lich,
                        zum Einen zusammengewachsen. </p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="2.4.4.2" xml:id="ds2.6.7.3">
                     <head xml:id="ds2.6.7.3.1">Reich Gottes und Reich der Welt</head>
                     <p xml:id="ds2.6.7.3.2">So wird es auch klar, daß das Reich Gottes und das Reich der Welt nicht (wie der Schöpfungsbegriff des
                        Glaubens und der Erzeugungsbegriff des Idealismus) miteinander rivalisieren, obwohl doch die Erlösung anders als die
                        Offenbarung, die nur dem Menschen wird, an der Welt geschieht gleich wie die Schöpfung. Aber sie geschieht eben genau so gut
                        dem Menschen, und so ist das Reich durchaus kein bißchen mehr weltlich als menschlich, nicht mehr äußerlich als innerlich; so
                        wird schon dadurch ein Vergleich zwischen beiden Reichen ausgeschlossen. Sie stehen nie nebeneinander. Das Reich Gottes setzt
                        sich durch in der Welt, indem es die Welt durchsetzt. Von der Welt aus ist ohnehin, wie zum Zeichen dieser Unvergleichbarkeit,
                        nur ein Teil des kommenden Gottesreichs überhaupt wahrnehmbar, nämlich nur der Mittelteil, der <q>Dual</q> der Nächstenliebe. Für
                        den Anfangsteil, das <q>Danket</q>, ist der Welt das mithörende Ohr nicht geöffnet, für den Schluß, das <q>Wir</q>, nicht das
                        vorschauende Auge. So sieht sie nur die Tat der Liebe und vergleicht sie ihrer eigenen Tat. Und hier sieht und hört sie zwar,
                        aber mit blinden
                        Augen und
                        mit tauben Ohren. Denn was da geschieht, die Durchseelung des wachsenden Lebens der Welt, das ist von der Welt her unsichtbar,
                        weil sie zwar, anders als beim <q>Danket</q> und beim <q>Wir</q>, hier wohl sieht, daß etwas geschieht, aber nicht was. So sieht sie nur
                        Anarchie, Unordnung, Störung ihres ruhig wachsenden Lebens. Denn um auch das Was <pb break="yes" n="267"/> zu sehen, müßte sie
                        den Ausgangspunkt dieses Geschehens der Beseelung erblicken können, die Seele des Menschen. Und das kann sie nicht; denn der
                        Mensch, in welchem die Seele erwacht, gehört ihr nicht an, ehedenn sie selber beseelte Welt wird – in der Erlösung. </p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="2.4.4.3" xml:id="ds2.6.7.4">
                     <head xml:id="ds2.6.7.4.1">Der Nächste und das Selbst</head>
                     <p xml:id="ds2.6.7.4.2">Die Liebestat des Menschen ist ja nur scheinbar Tat. Es ist ihm von Gott nicht gesagt, seinem Nächsten zu
                        tun, was er sich selbst getan haben möchte. Diese praktische Form des Gebots der Nächstenliebe zum Gebrauch als Regel des
                        Handelns bezeichnet in Wahrheit nur die untere negative Grenze, die es im Handeln zu überschreiten verbietet, und wird deshalb
                        auch besser schon äußerlich in negativer Form auszusprechen sein. Sondern der Mensch soll seinen Nächsten lieben wie sich
                        selbst. Wie sich selbst. Dein Nächster ist <q>wie du</q>. Der Mensch soll sich nicht verleugnen. Sein Selbst wird eben hier im
                        Gebot der Nächstenliebe erst endgültig an seiner Stätte
                        be-stätigt.
                        Die Welt wird ihm nicht als ein unendliches Gemeng vor die Augen gerückt, und mit dem hinweisenden Finger auf dies ganze
                        Gemeng ihm gesagt: das bist du. Das bist du – höre also auf, dich davon zu unterscheiden, gehe in es ein in ihm auf, verliere
                        dich daran. Nein, sondern ganz anders: aus dem unendlichen Chaos der Welt wird ihm ein Nächstes, sein Nächster, vor die Seele
                        gestellt, und von diesem und
                        zu-nächst
                        nur von diesem ihm gesagt: er ist wie du. <q>Wie du</q>, also nicht <q>du</q>. Du bleibst Du und sollst es bleiben. Aber er soll dir
                        nicht ein Er bleiben und also für dein Du bloß ein Es, sondern er ist wie Du, dein Du, ein Du wie Du, ein Ich, – Seele. </p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="2.4.4.4" xml:id="ds2.6.7.5">
                     <head xml:id="ds2.6.7.5.1">Seele und Welt</head>
                     <p xml:id="ds2.6.7.5.2">So macht Liebe die Welt zur beseelten, nicht eigentlich durch das, was sie tut, sondern weil sie es aus
                        Liebe tut.
                        Daß dabei doch etwas geschieht, ein Getanwerden also ohne daß ein eigentliches Tun dabei wäre, das kommt nicht mehr auf
                        Rechnung des Menschen, sondern der Welt, denn sie bewegt sich der Liebestat entgegen. Es ist ein Gesetz wirksam in der
                        Reihenfolge, in der sich die Dinge so der Liebestat des Menschen zubewegen. Nur vom Menschen aus ist dies Gesetz nicht
                        sichtbar. Ihm muß jedes Nächste, was ihm vorkommt, <q>irgend</q> eines sein, Vertreter jedes andern, aller andern; er darf nicht
                        fragen, nicht unterscheiden, es ist ihm sein Nächstes. Aber von der Welt aus gesehen, ist umgekehrt grade die Liebestat des
                        Menschen das Ungeahnte, Unver<pb break="no" n="268"/>hoffte, die große Überraschung. In sich selbst trägt die Welt das Gesetz
                        ihres wachsenden Lebens. Aber wie dies Leben, das ihr zuwächst und in jedem neu sich gliedernden Glied Dauer beansprucht,
                        wirklich zu Dauer kommen soll, ob ihm Unsterblichkeit beschieden sein wird: das ist von der Welt her dunkel. Die Welt weiß
                        nur, oder glaubt zu wissen, daß alles Lebendige sterben muß. Und wenn sie Ewigkeit beansprucht, so tut sie es in Erwartung
                        einer Einwirkung von draußen, die dem Leben Unsterblichkeit verleiht. Sie selber treibt ihre Äste, Zweige, Blätter, Blüten und
                        Früchte des Lebens in gesetzmäßigem Wachstum aus ihrem uralten Stamme hervor, dessen Wurzeln täglich neu aus dem immer
                        frischen Brunnen des Daseins bewässert werden. Erst wenn und wo die Glieder dieses wachsenden Lebewesens von dem beseelenden
                        Hauch der
                        Liebe zum
                        Nächsten angeweht werden, erst da gewinnen sie zu ihrem Leben, was ihnen das Leben selber nicht geben konnte: Beseelung,
                        Ewigkeit. </p>
                     <p xml:id="ds2.6.7.5.3">Die Tat der Liebe wirkt sich also nur scheinbar am Chaos eines <q>Irgend</q> aus. In Wahrheit setzt sie ohne
                        es zu wissen voraus, daß die Welt, alle Welt mit der sie zu tun hat, wachsendes Leben sei. Daß sie kreatürliches Dasein habe,
                        genügt ihr mit nichten; sie verlangt mehr von ihr: gesetzmäßige Dauer, Zusammenhang, Gliederung, Wachstum, – kurz all das, was
                        sie selbst in der anarchischen Freiheit, Unmittelbarkeit, Augenblicklichkeit ihrer Tat zu verleugnen scheint. Grade weil sie
                        es bewußt verleugnet, setzt sie es unbewußt voraus. Die Seele verlangt als Gegenstand ihrer Beseelung ein gegliedertes Leben;
                        an ihm übt sie dann ihre Freiheit aus und beseelt es in all seinen einzelnen Gliedern und sät in diesen Boden der lebendigen
                        Gestalt überall Keime aus von Name, seelenhaftem Eigensein, Unsterblichkeit. </p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="2.4.4.5" xml:id="ds2.6.7.6">
                     <head xml:id="ds2.6.7.6.1">Institution und Revolution </head>
                     <p xml:id="ds2.6.7.6.2">So sind alle menschlichen Beziehungen, schlechthin alle, Blutsverwandtschaft, Brüderschaft, Volkstum,
                        Ehe, alle begründet in der Schöpfung; es ist da nichts, was in seinen Wurzeln nicht von uran ist und schon im Tierreich
                        vorgebildet, und alle werden durch die Neugeburt der Seele aus der Offenbarung dann doch in der Erlösung erst beseelt. Sie
                        alle wurzeln in der Blutsgemeinschaft, die unter ihnen wieder das Schöpfungsnächste ist, und beseelt in der Erlösung streben
                        sie alle, zu arten nach dem großen Gleichnis der Ehe, die unter ihnen das Erlösungsnächste ist: ganz allsicht <pb break="no" n="269"/> bar daseiende Gestalt gewordnes Geheimnis der Seele, ganz mit Seele erfülltes gegliedertes Leben. Deswegen war
                        es, daß die Seele auf dem Gipfel der Liebe nach der geschaffnen Blutsgemeinschaft sich hinübersehnte; erst in der
                        schicksalshaften, nein gottgegebenen Vereinigung jener und dieser, in der Ehe, findet sie ihre Erlösung. Und über die
                        gleichzeitigen Verhältnisse der Menschen untereinander hinaus: das Reich der Welt, das in sich gegliederte, in sich wachsende
                        nach eigenem Gesetz, der Weltgeschichte in sich selber weitertreibender Gang, der Völker Leben und der diesem Leben umgelegte
                        harte Panzer von Recht und staatlicher Ordnung – das alles ist Schöpfungsgrund, den die Erlösung zum Reich Gottes braucht. Die
                        Liebe greift, erschütternd scheinbar, ein in diesen Gliederbau und löst bald hier und dort ein Glied zu eignem Leben, das den
                        Zusammenhalt des Ganzen zu zersprengen droht. In Wahrheit aber ist es nicht bloß nicht in ihr Belieben gestellt, welches Glied
                        sie so mit ihrer Macht ergreift und aus dem Zusammenhang des Lebens zu seiner Ewigkeit
                        er-löst.
                        Sondern das Gesetz des Wachstums, das ebenso vom Schöpfer her der Welt eingesetzt ist, wie ihr selbst vom Offenbarer her der
                        überfließende Drang ihrer Liebe, dies Gesetz bestimmt, dem Menschen selber unbewußt, der Liebe ihren Weg und ihren Gegenstand.
                        Der blühende Baum des Lebens streckt der beseelenden Liebe immer nur die aufgegangenen Knospen entgegen. Von Gott also nimmt
                        die Erlösung ihren Ursprung, und der Mensch weiß weder Tag noch Stunde. Er weiß nur, daß er lieben soll und stets das Nächste
                        und den Nächsten; und die Welt, sie wächst in sich nach scheinbar eignem Gesetz; und ob sich Welt und Mensch nun heute finden
                        oder morgen oder wann die Zeiten sind unberechenbar, sie weiß nicht Mensch noch Welt; die Stunde weiß allein Er, der das Heute
                        jeden Augenblick erlöst zur Ewigkeit. </p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="2.4.4.6" xml:id="ds2.6.7.7">
                     <head xml:id="ds2.6.7.7.1">Ende und Anfang</head>
                     <p xml:id="ds2.6.7.7.2">Die Erlösung ist also Ende, vor dem alles Angefangene in seinen Anfang zurücksinkt. Nur dadurch ist sie
                        Voll-endung.
                        Alles was noch unmittelbar an seinem Anfang hängt, ist noch nicht im vollen Sinne tatsächlich; denn der Anfang, aus dem es
                        entsprang, kann es auch immer wieder in sich zurücksaugen. Das gilt für die als ja des Nichtnichts entstandene Sache wie für
                        die als Nein des Nichts entstandene Tat. Wahre Dauerhaftigkeit ist stets Dauer in die Zukunft hinein und auf die Zukunft zu.
                        Nicht was immer war, <pb break="yes" n="270"/> ist dauerhaft: die Welt war immer; auch nicht was allzeit erneuert wird: das
                        Erlebnis wird allzeit erneuert; einzig was ewig kommt: das Reich. Nicht die Sache, nicht die Tat, erst die Tatsache ist sicher
                        vor dem Rückfall ins Nichts. </p>
                  </div>
               </div>
               <div type="section" n="2.4.5" xml:id="ds2.6.8">
                  <head xml:id="ds2.6.8.1">Theorie der Kunst (Schluß)</head>
                  <p xml:id="ds2.6.8.2">Diese gestaltgründende, vertatsächlichende Macht des Und ist uns ja wohlbekannt aus der Bedeutung, die es im
                     ersten Teil für die Fertigstellung der <q>Elemente</q> hatte: Wir brauchen es jetzt sowenig mehr ausdrücklich zu sagen, wie wir es
                     damals, auch wenn wir wollten, hätten sagen können, daß schon dort gewissermaßen vor- oder
                     unter-weltlich
                     eine innere Selbstschöpfung, Selbstoffenbarung, Selbsterlösung jedes einzelnen Elements, Gott, Welt, Mensch, in sich selber
                     geschah. So war, was wir dort am Und beobachteten, das gleiche, was wir jetzt für die Erlösung feststellen: daß erst in ihr das
                     Fertigwerden geschieht. Noch deutlicher wird dies Verhältnis, wenn wir uns nun auch in diesem Buch wieder der Welt zuwenden, in
                     der unsre Grundbegriffe bloß kategoriale Geltung haben, der Kunst. </p>
                  <div type="subsection" n="2.4.5.1" xml:id="ds2.6.8.3">
                     <head xml:id="ds2.6.8.3.1">Erlösung als ästhetische Kategorie</head>
                     <p xml:id="ds2.6.8.3.2">Auch in der Kunst begreift die Erlösungskategorie das Fertigwerden. Die Schöpfungskategorien hatten
                        durchweg den breiten Grund gelegt, indem sie den
                        Bogen
                        schlugen von einem irgendwie vorausgesetzten Ganzen zu einer der Kunstwelt angehörigen Menge von Einzelheiten. Die
                        Offenbarungskategorien schlugen dann von dem gleichen vorausgesetzten Ganzen einen neuen Bogen, diesmal zur einzelnen
                        Einzelheit, die dadurch gehaltvoll wurde. Von diesem gehaltvollen beseelten Einzelnen zum breiten Ganzen aller Einzelheit
                        wölben nun die Erlösungskategorien den dritten Bogen, indem nun ein gehaltvoller beseelter Zusammenhang und dadurch ein im
                        ästhetischen Sinn Fertiges, Abschließendes zustande kommt. </p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="2.4.5.2" xml:id="ds2.6.8.4">
                     <head xml:id="ds2.6.8.4.1">Das Publikum in der Kunst</head>
                     <p xml:id="ds2.6.8.4.2">Das Werk steht da in seiner Einmaligkeit, seiner Losgerissenheit vom Urheber, seiner unheimlichen
                        lebensvollen und doch lebensfremden Lebendigkeit. Ja, es ist wirklich
                        un-heimlich;
                        es hat kein Heim kein Zuhause; es weiß kein Dach einer Gattung, wo es unterkriechen könnte; es steht ganz für sich, – seine
                        eigene Art, seine eigene Gattung; keinem anderen Ding, auch keinem anderen Kunstwerk verschwistert. Auch der Urheber gibt ihm
                        keine <pb break="yes" n="271"/> Unterkunft mehr bei sich; er hat sich zu andern Werken gewandt; er ist ja mehr als alle seine
                        Werke, ist die ganze Breite, aus der Werke hervorgehen können; das einzelne Werk ist sein, solange er sich damit trug; es ist
                        für ihn erledigt, wenn er sich seiner entledigt hat. Kaum zum Genießen des eigenen Werkes ist er mehr fähig; an eigenen Kohlen
                        wärmt er sich kaum je; eine Übersetzung etwa kann dem Dichter den Abstand zum eigenen Werk geben, der ihm den Genuß möglich
                        macht. Wer also schlägt nun die Brücke vom Werk zum Urheber? Denn daß in beiden die Welt der Kunst erst anfängt, das weist am
                        Werk der Umstand, daß es nur einzelnes Werk, am Urheber der, daß er nur möglicher Urheber ist. Wer schlägt also die Brücke,
                        auf der das Werk aus seiner
                        un-heimlichen
                        Vereinsamkeit einzieht in ein geräumiges menschliches Zuhause, aus dem es nicht mehr herausgerissen werden kann und wo es sich
                        zusammenfindet mit vielen seinesgleichen, die hier gemeinsam und dauernd miteinander leben? Dieser Ort, wo die Werke ein
                        breites, lebendiges, dauerndes Dasein im Schönen gründen und wo die Beseeltheit der einzelnen Werke selber nach und nach ein
                        reiches Ganzes von menschlichem Leben ästhetisch beseelt, ist der Betrachter. </p>
                     <p xml:id="ds2.6.8.4.3">Im Betrachter ist die leere Menschlichkeit des Urhebers und die gehaltreiche, seelenvolle Unheimlichkeit
                        des Werks zusammengewachsen. Ohne den Betrachter wäre das Werk, da es ja zum Urheber nicht <q>spricht</q> und Pygmalion vergebens
                        sich den selbstgebildeten Marmor zu beleben sucht, stumm, nur Gesprochenes, nicht Sprache; erst zum Betrachter <q>spricht</q> es.
                        Und ohne den Betrachter wäre es ohne alle dauernde Auswirkung in die Wirklichkeit. In der Herstellung bemalter Leinwände,
                        behauener Steine, beschriebener Blätter geht die Kunst ja wahrhaftig nicht ins wirkliche Leben über. <q>Vandalen</q> haben noch
                        immer nur Totes getötet. Sondern um in die Wirklichkeit überzugehen, muß die Kunst Menschen umschaffen. Die Künstler, diese
                        paar Unmenschen, die einzeln verstreut unter der Menge leben, sind das aber durchaus nicht. Schon weil ihre Urheberschaft
                        ähnlich wie das kreatürliche Dasein der Welt immer nur in dem Augenblick der Schöpfung des einzelnen Werks wirklich ist; woher
                        es ja auch kommt, daß zwischen den einzelnen Werken dies Künstlertum des Künstlers wie erloschen zu sein scheint, bis es in
                        einem neuen <pb break="yes" n="272"/> Werk zeigt, daß es immer noch da ist. In den Künstlern, den Bohemevierteln der
                        Großstädte, den Künstlerkolonien auf dem Lande manifestiert sich also die Kunst genau so wenig wie in den Sammlungen und
                        Aufführungen der Werke. Wirklichkeit wird sie erst, indem sie sich Menschen zu Betrachtern erzieht und sich ein dauerndes
                        <q>Publikum</q> schafft. Nicht Bayreuth bezeugt die Lebendigkeit Wagners und seines Werks, sondern die Tatsache, daß die Namen Elsa
                        und Eva Modenamen wurden und daß der Gedanke des Weibs als Erlöserin die Form männlicher Erotik in
                        Deutschland
                        jahrzehntelang stark gefärbt hat. Erst einmal Publikum geworden, ist die Kunst nicht mehr aus der Welt auszuschalten; solange
                        sie bloß Werk und bloß Künstler ist, lebt sie nur ein höchst prekäres Leben von einem Tag zum andern.</p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="2.4.5.3" xml:id="ds2.6.8.5">
                     <head xml:id="ds2.6.8.5.1">Der Mensch im Künstler</head>
                     <p xml:id="ds2.6.8.5.2">Greifen wir nun noch einmal auf den Urheber zurück. Wir hatten ihn als Schöpfer und Künstler erkannt.
                        Wiederum sind beide einer ohne den andern nicht lebensfähig. Die Bedeutsamkeit, die der Inhalt des einzelnen Augenblicks in
                        der bewußten Arbeit des <q>Künstlers</q> gewinnt, muß sich über den ganzen Bereich der schöpferischen Phantasie des <q>Dichters</q>
                        verbreiten. Erst wenn so der Schöpfer nicht mehr dem blind speienden Feuerberg gleicht, dem wahllos Bild um Bild entschießt,
                        sondern ihm seine Inhalte alle erfüllt sind mit symbolischem Gewicht, erst dann ist er mehr als bewußter Künstler, mehr als
                        blinder Schöpfer; erst dann ist er – wenn auch immer in den Grenzen, welche die Kunst nun einmal dem Menschen zieht, ein
                        Mensch. Nur zur Verdeutlichung sei etwa beigefügt, daß also beispielsweise Shakespeare, wie ihn die Stürmer und Dränger sahen,
                        nur Schöpfer gewesen wäre; Shakespeare, wie ihn die Hamburgische Dramaturgie nahm, nur Künstler; aber Shakespeare, wie ihn
                        Brandes darstellte – in der Lebenseinheit von Phantasie und bewußter Kunst, so daß jene in der Entwicklung des inneren Lebens
                        dieser entgegenwuchs, diese nach Auswirkung am Stoffe jener drängte – ein Mensch. </p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="2.4.5.4" xml:id="ds2.6.8.6">
                     <head xml:id="ds2.6.8.6.1">Das <q>Dramatische</q> im Werk</head>
                     <p xml:id="ds2.6.8.6.2">Für jedes Werk hatten wir grundsätzlich die Begriffe des <q>Epischen</q> und <q>Lyrischen</q> aufgestellt, unter
                        jenem die stofflichen, von der Einheit der Form umschlossenen, unter diesem die seelischen, die Einheit der Form sprengenden
                        Qualitäten des Kunstwerks verstanden. Schon dies gegensätzliche Verhältnis zur Form <pb break="yes" n="273"/> weist darauf
                        hin, daß sie beide Halt erst gewinnen, wenn noch ein Drittes über ihnen sich hebt, worin das <q>Epische</q> der breiten Stoffülle
                        und das <q>Lyrische</q> der unmittelbar zündend überspringenden Gegenwärtigkeit sich verbindet, indem alle Punkte der epischen
                        Breite zu solcher Unmittelbarkeit belebt werden. Wenn wir dies Dritte das <q>Dramatische</q> nennen, so bedarf das Wort, das also
                        ebenso gut das <q>Dramatische</q> einer Symphonie, eines Gemäldes, einer Tragödie, eines Liedes bezeichnen soll, wohl keiner
                        weiteren Erklärung. </p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="2.4.5.5" xml:id="ds2.6.8.7">
                     <head xml:id="ds2.6.8.7.1">Die Dichtung unter den Künsten</head>
                     <p xml:id="ds2.6.8.7.2">Immerhin steht die Poesie ihrem Wesen nach in einer engeren Beziehung zu dieser Qualität des
                        <q>Dramatischen</q> als bildende Kunst und Musik. Das hängt damit zusammen, daß jene, weil im Elemente des Raums, ganz von selbst
                        in die <q>Breite</q> ging, also zum <q>Epischen</q> neigte, diese, weil in der Zeit, zur <q>lyrischen</q> Unterstreichung und erfühlenden
                        Erfüllung des einzelnen Augenblicks; während die Poesie unmittelbar weder im Raum noch in der Zeit zu Hause ist, sondern dort,
                        wo Raum wie Zeit beide ihren inneren Ursprung nehmen, im vorstellenden Denken. Die Poesie ist nicht etwa Gedankenkunst, aber
                        das Denken ist ihr Element, so wie der Raum das der bildenden Kunst, die Zeit das der Musik; und vom Denken her macht sie sich
                        durch die Vorstellung dann auch die Welt der äußeren und inneren Anschauung, Raum und Zeit, <q>episch</q> extensive Breite wie
                        <q>lyrisch</q> intensive Tiefe, dienstbar. So kommt es, daß sie die eigentlich lebendige Kunst ist. Wie denn auch zum großen
                        Dichter noch unbedingter eine gewisse menschliche Reife gehört als zum Maler oder Musiker und selbst schon das Verständnis von
                        Dichtung stark bedingt ist durch einen gewissen Reichtum an Erlebnis. Bildende Kunst und Musik haben immer noch etwas
                        Abstraktes; jene scheint gewissermaßen stumm, diese blind zu sein, so daß jener die sprachliche Offenbarung von Moses ab,
                        dieser das gestaltbefriedigte Heidentum von Platon ab nie ganz ohne Mißtrauen gegenübersteht. Der Dichtung gilt solches
                        Mißtrauen nicht; in ihrer Ausübung begegnen sich der Dichter des neunzigsten Psalms und des Epigramms auf Aster. Denn die
                        Dichtung gibt Gestalt wie Rede, weil sie mehr als beides gibt: das vorstellende Denken, in dem beides in einem lebendig ist.
                        Die Dichtung ist darum, weil die lebendigste, die unentbehrlichste Kunst; und während es nicht nötig ist, daß <pb break="yes" n="274"/> jeder Mensch Sinn für Musik oder Malerei hat oder in einer dieser beiden reproduktiv oder produktiv dilettiert,
                        muß jeder volle Mensch Sinn für Poesie haben, ja eigentlich ist es sogar notwendig, daß er in ihr dilettiert; das mindeste
                        ist, daß er einmal gedichtet hat; denn wenn einer allenfalls ein Mensch sein kann ohne zu dichten, ein Mensch werden kann er
                        nur, wenn er einmal eine Zeit lang gedichtet hat. </p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="2.4.5.6" xml:id="ds2.6.8.8">
                     <head xml:id="ds2.6.8.8.1">Die Gestalt in der bildenden Kunst</head>
                     <p xml:id="ds2.6.8.8.2">Für die bildende Kunst ist es ohne weiteres klar, daß weder Vision noch Form für sich allein schon das
                        Kunstwerk machen. Jene ist bloß die unsichtbare Untermalung des schließlich dem Beschauer sichtbaren Werks im Geist des
                        Künstlers, diese ist die stets nur einer bestimmten Einzelheit zugewandte Ausführung in ihrem Verhältnis zur Natur. Erst wenn
                        diese liebevolle Ausführung die ganze Breite des geistig Geschauten durchmessen hat, an dem allein doch ihr ins Einzelne
                        versenktes <q>Gefühl</q> Gesetz und Richtung gewinnen kann, erst dann ist die sichtbare Gestalt des Kunstwerks da. Wo ein Überschuß
                        von Vision über den Willen zur Formung ist, droht die Gestalt im Ornamentalen stecken zu bleiben. Wo andrerseits der naturnahe
                        Wille zur Formung des Einzelnen überwiegt und die Vision schwach ist, da bleibt die Gestalt im Modell stecken; das Werk <q>geht
                        nicht zusammen</q>. </p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="2.4.5.7" xml:id="ds2.6.8.9">
                     <head xml:id="ds2.6.8.9.1">Das Melos in der Musik</head>
                     <p xml:id="ds2.6.8.9.2">Ganz ähnlich hebt sich in der Musik über die stumme das Ganze durchziehende Bewegung des Rhythmus und die
                        tönend das einzelne beseelende Harmonie die so bewegte wie tönende Linie des Melos. Die Melodie ist das Lebendige an der
                        Musik. Von einem Musikstück mehr als den <q>Charakter</q> – meist der Rhythmus – und die <q>Stimmung</q> – meist die Harmonie – behalten,
                        heißt den Gang seines Melos behalten. Die Melodie ist so sehr das Wesentliche, daß wir mit Recht Anlehnungen an fremde
                        Rhythmen, Aufnahme fremder Harmonien bei einer Komposition nicht als unzulässiges Plagiat empfinden, sondern einfach als
                        <q>Verwandtschaft</q>, während wir die geringste Entlehnung einer Melodie sofort als Diebstahl zu brandmarken geneigt sind. </p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="2.4.5.8" xml:id="ds2.6.8.10">
                     <head xml:id="ds2.6.8.10.1">Der Klang des Gedichts</head>
                     <p xml:id="ds2.6.8.10.2">Die Poesie hat zu ihrer Grundlage etwas, was man wohl als Metrum bezeichnen dürfte, wenn dies Wort nicht
                        eine zu enge Bedeutung hätte. Es fehlt in der Theorie der Dichtung eine Unterscheidung, wie sie die Musik zwischen Rhythmus
                        und Takt setzt; wo Rhythmus ist, da ist auch Takt, aber nicht umgekehrt. <pb break="yes" n="275"/> So ist das Metrum nur eine
                        äußerlich meßbare Teilerscheinung von dem, was wir als Ganzes Klang nennen möchten. Der Klang ist das, was als die das Ganze
                        in seiner ganzen Breite umfassende Urkonzeption dem poetischen Werk zugrunde liegt, der Klang sowohl in rhythmischer wie in
                        koloristischer Beziehung, also sowohl die Bewegung, die durch das Ganze hindurchgeht, wie das Verhältnis, in welchem
                        Vokalklänge sowie auch Konsonantengeräusche untereinander stehen. Es handelt sich dabei um die nur wenig ins Bewußtsein
                        tretende eben wirklich zugrunde liegende Eigenart des einzelnen Werks, die es als Ganzes von allen andern Werken schon vor
                        aller weiteren Bestimmung unterscheidet. Es muß einem feinen Ohr möglich sein, an inhaltlich ganz unbezeichnenden Sätzen rein
                        auf Grund des <q>Klanges</q> zu unterscheiden, ob sie bei Schiller oder bei Kleist, ja ob sie im Don Carlos oder im Wallenstein
                        stehen. Oder noch deutlicher: ein guter Schauspieler müßte den Satz <q>die Pferde sind gesattelt</q> ganz anders sprechen, wenn er
                        in der Penthesilea als wenn er in der Natürlichen Tochter vorkäme. </p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="2.4.5.9" xml:id="ds2.6.8.11">
                     <head xml:id="ds2.6.8.11.1">Die Sprache des Dichters</head>
                     <p xml:id="ds2.6.8.11.2">Zu diesem Charakter des Ganzen, den der Klang bestimmt, tritt nun die Versenkung ins Einzelne, die in
                        der Wortwahl geschieht. Dies ist das, was man als die individuelle <q>Sprache</q> des einzelnen Dichters bezeichnet, etwas
                        äußerlich infolge unserer Schriftgewohntheit leichter zu Fassendes und deshalb auch schon viel länger Beobachtetes als der
                        ebenso individuelle <q>Klang</q>, den eben nur hört, wer sich des Dichters Mahnung <q>Nur nicht lesen, immer singen!</q> zu Herzen
                        nimmt. </p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="2.4.5.10" xml:id="ds2.6.8.12">
                     <head xml:id="ds2.6.8.12.1">Die Idee in der Dichtung</head>
                     <p xml:id="ds2.6.8.12.2">Aber beides für sich allein wäre noch nicht das Gedicht. Schöner Klang allein wäre bloßer Ohrenschmaus,
                        schöne Sprache allein bloße Phrase. Erst die <q>Idee</q> gibt der Dichtung Leben. Die Dichtung hat wirklich eine <q>Idee</q>. Bloß die
                        Anwendung dieses Ausdrucks auf Musik und Malerei hat ihn mit Recht verdächtig gemacht. Denn freilich die einzige <q>Idee</q> des
                        bildenden Kunstwerks wäre die Gestalt, die einzige des Musikwerks sein Melos. Denn die Idee gilt uns nicht für etwas, was
                        hinter dem Werk steckt, sondern im Gegenteil grade für das ästhetisch-sinnlich Wahrnehmbare, das eigentlich Wirkliche und
                        Wirkende des Werks. Und das ist für die Poesie, für die eben das Denken die gleiche Bedeutung hat wie das Auge für die
                        bildende Kunst, das <pb break="yes" n="276"/> Ohr für die Musik, wirklich nichts andres als die Idee. Die Idee ist das, was
                        aus der Dichtung zum Beschauer <q>spricht</q>, wie die Melodie aus dem Musikwerk, die bildhafte Gestalt aus dem Werk der
                        Augenkunst. Sie steht nicht irgendwo hinter der Dichtung, sondern darinnen. Auch hier ist die Dichtung wieder unter den
                        Künsten die, welche mitten auf den Markt des Lebens hinaustritt, ohne ihre Würde ängstlich wahren zu müssen. Das Element, in
                        welchem sie existiert, ist eben das gleiche, worin auch das Leben selber zumeist sich verweilt; denn auch das Leben spricht
                        mehr die Prosasprache des Denkens als die erhöhte des Gesangs und bildhafter Gebärde.</p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="2.4.5.11" xml:id="ds2.6.8.13">
                     <head xml:id="ds2.6.8.13.1">Der Kunstgehalt des Lebens</head>
                     <p xml:id="ds2.6.8.13.2">Diese Umlenkung ins Leben, wie wir sie ja überall unter der Kategorie der Erlösung in der Kunstlehre
                        wahrnahmen und wie sie uns erst späterhin in ihrem Sinn ganz aufgehen wird, geschah für die Kunst überhaupt im Publikum, im
                        Betrachter. In ihm wird noch einmal alles an- und aufgeregt, was in das Kunstwerk hineingesenkt war, und indem es in ihm
                        aufgeregt wird, fließt es ins Leben hinüber. Der Grund der Seele des Betrachters wird in seiner ganzen Weite ausgefüllt mit
                        der Summe der Vorstellungen, welche die Kunst in ihm erregt hat. Er ist, wie das Schöpferische im Urheber, <q>innerlich voller
                        Figur</q>. Indem er sich nun der einzelnen Einzelheit zuwendet, wird er an dieser zum Kenner, gewinnt Bewußtheit. Auch hier
                        entwickelt sich im Betrachter etwas Entsprechendes wie beim Urheber die Bewußtheit des Künstlertums. Und so wenig wie dort
                        Schöpfer und Künstler für sich allein bestehen konnten, so wenig jetzt Phantasie und Bewußtheit. Die ungeordnete Breite des
                        Besitzes an künstlerischen Vorstellungen muß ganz von Bewußtsein durchmessen werden, damit die Kunst dem Betrachter nicht ein
                        lästiger oder gleichgültiger Besitz von zufällig erworbenen Vorstellungen ist, sondern der köstliche, in langem Leben
                        aufgesammelte und liebevoll geordnete innere Besitz und Schatz der Seele. So geht die Türe auf vom Eigenreich der Kunst und es
                        öffnet sich der Weg ins Leben.</p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="2.4.5.12" xml:id="ds2.6.8.14">
                     <head xml:id="ds2.6.8.14.1">Zusammenfassung</head>
                     <p xml:id="ds2.6.8.14.2">So war es ja durchweg gewesen: Immer fiel unter die Kategorie der Schöpfung eine gewissermaßen
                        naturhafte Grundlage, immer unter die Kategorie der Offenbarung das Fachmäßige, Schwierige, mit Müh und Fleiß zu erwerbende,
                        das spezifisch <q>Ästhetische</q>, <pb break="yes" n="277"/> und immer unter die der Erlösung das Eigentliche, das Sichtbare, das
                        was schließlich <q>herauskommen</q> muß und um wessentwillen allein alles andere vorangehen mußte. Der Urheber, das Genie, muß da
                        sein, man kann es nicht erzwingen, und im Genie ist wiederum das Schöpferische, die Phantasie, so wenig zu kommandieren wie
                        die aufnehmende Phantasie des Betrachters, gegen die auch, wenn sie einmal sich nicht auftun will, schlechthin nichts zu
                        machen ist. Innerhalb des Werks wiederum ist das <q>Epische</q> des Stoffes das Gegebene, und unter den Künsten ist die bildende
                        wohl in der Geschichte der Menschheit wie in der Entwicklung des Einzelnen die älteste. Und wiederum sind Vision, Rhythmus,
                        Klang die eigentlichen Inhalte des Augenblicks der Konzeption und einfürallemal gegeben, so daß nichts daran zu ändern ist.
                        Und andrerseits ist das Werk das, woran die Welt der Kunst sofort nach außen erkennbar wird; es ist ihr Merkmal mehr als der
                        Urheber und der Betrachter – Genie wie Publikum gibt es auch außerhalb der Kunst. Im Urheber wiederum wie im Betrachter ist
                        die Bewußtheit, des Künstlertums dort, der Kennerschaft hier das was er nicht hat, sondern sich erwerben muß. Und unter den
                        Qualitäten des Kunstwerks ist die <q>lyrische</q> die innerlichste, unter den Künsten die Musik die, welche in dem Ruf steht, die
                        schwierigste zu sein, weil sie die höchstentwickelte und gesichertste und infolgedessen lehrbarste Theorie besitzt. Und Form,
                        Harmonie und Sprache sind das, was in den Künsten nur der <q>gelernte</q> Künstler beherrscht und anzuwenden weiß, während die
                        innere optische Vision, das rhythmische Motiv, der klangliche Ur-Einfall eines Gedichts wohl auch einmal dem gewöhnlichen
                        Menschen kommen mag und wirklich kommt. Und endlich: wie im Betrachter und seinem Lebenstiefgang die Kunst überhaupt, wie in
                        seiner Menschhaftigkeit das Genie, in seinem <q>Dramatischen</q> das Kunstwerk überhaupt, in der Poesie die Künste, in Gestalt,
                        Melos, Idee die Kunstarten wieder im Leben enden, im gleichen Augenblick, wo sie sich zu völliger Sichtbarkeit
                        voll-enden,
                        also in echter
                        Voll-endung
                        das haben wir gesehen. </p>
                  </div>
                  <div type="subsection" n="2.4.5.13" xml:id="ds2.6.8.15">
                     <head xml:id="ds2.6.8.15.1">Ausblick</head>
                     <p xml:id="ds2.6.8.15.2">Hier aber treten wir heraus aus dieser Episode, in die wir in diesem Teil immer wieder, nur um sie als
                        bloße Episode zu erweisen, hatten hineinsteigen müssen. Wenn uns die Kunst nun noch einmal begegnet, dann nicht wieder als
                        Episode. Denn es war selbst <pb break="yes" n="278"/> der Episode letzte Weisheit, daß sie nicht Episode bleiben dürfe. Das
                        Schattenreich der Kunst, das den Idealismus über die Leblosigkeit seiner eigenen Welt hatte hinwegtäuschen müssen, – es
                        verlangt selber nach Leben. Pygmalion selbst kann seinem Werk kein Leben einbilden, so sehr er sich müht; erst wenn er den
                        Meißel des Bildners weglegt und, ein armer Mensch, auf seine Kniee sinkt, erst dann neigt sich die Göttin ihm hernieder.</p>
                  </div>
               </div>
               <div type="section" n="2.4.6" xml:id="ds2.6.9">
                  <head xml:id="ds2.6.9.1">Das Wort Gottes</head>
                  <p xml:id="ds2.6.9.2">Wie die Schöpfung uns in diesem Teil nicht mehr
                     Vor-welt war,
                     sondern Inhalt der Offenbarung, so war uns auch die Erlösung noch nicht
                     Über-welt,
                     sondern wir nahmen sie gleichfalls nur als Offenbarungsinhalt. So wie die Schöpfung als Inhalt der Offenbarung uns aus einer Welt
                     zu einem Geschehen, einem Schon-geschehen-sein wurde, so die Erlösung ebenfalls aus einer Überwelt zu einem Geschehen, einem
                     Noch-geschehen-werden. Die Offenbarung sammelt so alles in ihre Gegenwärtigkeit hinein, sie weiß nicht bloß von sich selbst,
                     nein: es ist <q>alles in ihr</q>. Sie selber ist sich unmittelbar gegenwärtiger lyrischer
                     Monolog
                     zwischen Zweien. Die Schöpfung wird in ihrem Mund Erzählung. Und die Erlösung? Nicht etwa Weissagung. Die Weissagung ist das
                     Band, das diese ganze Mit- und Umwelt des Wunders, als die wir die Offenbarung ansprachen und zu der auch Schöpfung und Erlösung
                     als wunderbare Inhalte der Offenbarung gehörten, in ihrer lebendigen Tatsächlichkeit mit der Vor- und Unterwelt der stumpfen,
                     stückwerklichen Tatsächlichkeit verknüpft. Auch die Erlösung ist, insofern sie ein notwendiger Inhalt der Offenbarung ist, mit
                     der Vor-welt
                     der Schöpfung verbunden, als Deutung der in dieser
                     Vor-welt
                     verborgenen Zeichen; hebt doch die Erlösung nur in den Anblick alles Lebendigen, was in der eigentlichen Offenbarung als
                     unsichtbares Erlebnis in der eigenen Seele
                     vor-gegangen
                     war. </p>
                  <div type="subsection" n="2.4.6.1" xml:id="ds2.6.9.3">
                     <head xml:id="ds2.6.9.3.1">Die Sprache der Psalmen</head>
                     <p xml:id="ds2.6.9.3.2">Nicht die Prophezeiung also ist die besondere Form, in der die Erlösung Inhalt der Offenbarung sein kann,
                        sondern es muß eine Form sein, die der Erlösung ganz eigen ist, die also das Nochnicht-geschehen-sein und
                        Doch-noch-einst-geschehen-werden ausdrückt. Das ist aber die Form des gemeinsamen Gesangs der Gemeinde. Die Gemeinde ist
                        nicht, noch nicht, Alle; ihr Wir ist noch beschränkt, es ist noch verbunden mit einem gleichzeitigen Ihr; <pb break="yes" n="279"/> aber sie beansprucht, Alle zu sein – dennoch. Dies Dennoch ist das Wort der Psalmen. Es macht die Psalmen zum
                        Gemeindegesangbuch, obwohl die meisten in der Ichform sprechen. Denn das Ich der Psalmen ist, obwohl ganz wirkliches einzelnes
                        Ich und in allen Nöten eines einsamen Herzens verstrickt, in alle Engen einer armen Seele gefesselt, dennoch, ja dennoch ein
                        Glied, nein mehr als Glied, der Gemeinde: <q>Israel hat dennoch Gott zum Trost</q> ist der Leitspruch des Psalms, der für den
                        individuellsten gilt. Das Ich kann nur deswegen ganz Ich sein, ganz in die Tiefen seiner Einsamen - so nennt der Psalmist
                        seine Seele – hinabsteigen, weil es sich erkühnt, als Ich, das es ist, aus dem Mund der Gemeinde zu sprechen. Seine Feinde
                        Gottes Feinde, seine Not unsre Not, seine Rettung unser Heil. Diese Steigerung der eigenen Seele zur Seele Aller gibt erst der
                        eigenen Seele die Kühnheit, ihre eigene Not auszusprechen – weil es eben mehr ist als bloß die eigne. In der Offenbarung wird
                        die Seele stille; sie gibt ihre Eigenheit preis, auf daß sie ihr vergeben werde; der von Gottes Liebe Erwählte verliert seinen
                        eignen Willen, Freundschaft, Haus und Heimat, indem er Gottes Befehl vernimmt, das Joch der Sendung auf seine Schultern
                        auflädt und hinausgeht in ein Land, das Er ihm zeigen wird. Indem er aber damit aus dem Zauberkreis der Offenbarung in das
                        Reich der Erlösung eintritt und sein unter der Offenbarung aufgegebenes Ich zum Wir Alle erweitert, erst da kehrt ihm all sein
                        Eignes wieder, aber nun nicht mehr als sein Eignes, nicht mehr als seine Heimat, Freundschaft und Verwandtschaft, sondern als
                        das Eigne der neuen Gemeinschaft, die Gott ihm zeigt und deren Nöte seine Nöte, deren Wille sein Wille, deren Wir sein Ich,
                        deren – Nochnicht sein Dennoch wird. </p>
                     <p xml:id="ds2.6.9.3.3">So ist es in dem Buch der Psalmen die Gruppe der reinen Wir-Psalmen, in denen der tiefste Sinn des Psalms
                        ganz licht und offenkundig wird, jene Gruppe vom hundertelften bis zum hundertachtzehnten, das große Lobsingen, dessen
                        Kehrreim wir schon als den Stammsatz der Erlösung kennen lernten. Das Wort Psalm selbst heißt ja in der heiligen Sprache
                        nichts andres als <q>Lobgesang</q>, ein Wort von der gleichen Wurzel wie jenes <q>Lobsingen</q>. Und in dieser Gruppe ist es wieder das
                        mittelste Stück, der hundertundfünfzehnte. </p>
                  </div>
                  <pb break="yes" n="280"/>
                  <div type="subsection" n="2.4.6.2" xml:id="ds2.6.9.4">
                     <head xml:id="ds2.6.9.4.1">Grammatische Analyse des 115. Psalms</head>
                     <p xml:id="ds2.6.9.4.2">Er beginnt und schließt als einziger unter allen Psalmen überhaupt mit einem gewaltigen betonten Wir. Und
                        von diesen beiden Wir steht das erste im Dativ, im Dativ schlechtweg, nämlich unmittelbar abhängig von dem Wort <q>Geben</q>. Es
                        wird um das Kommen des Reichs gebetet; denn die Wir setzen sich und die Ehre, die sichtbare Herrlichkeit, die sie für sich
                        erbeten, gleich mit der Ehre des göttlichen Namens; sie tun es in der einzig zulässigen Form: indem sie die Gleichsetzung
                        zugleich ausdrücklich verneinen: Nicht uns, o Herr, nicht uns, sondern deinem Namen gib Ehre! So wird das Wir in einem Atemzug
                        in die Vollendung der unmittelbaren Nähe zu dem göttlichen Namen gerückt und von diesem Ende wieder in das Nochnicht der
                        Gegenwart – <q>nicht uns, sondern</q> – zurückgezogen. Diese Nähe aber, dieses bei Gott Sein des Wir ist ganz objektiv gemeint, ganz
                        sichtbar: nicht bloß <q>um seiner Liebe willen</q> soll Gott das Gebet erfüllen; in der vertrauten Zweisamkeit seiner Liebe
                        stiftete ja schon die Offenbarung solche Nähe; sondern <q>um seiner Wahrheit willen</q>; die Wahrheit ist offenkundig, sichtbar vor
                        den Augen alles Lebendigen; es ist eine Forderung an die göttliche Wahrheit, daß den Wir dereinst Ehre gegeben wird. </p>
                     <p xml:id="ds2.6.9.4.3">Aber weil sie ihnen in der Zeit noch nicht selber gegeben werden darf, weil also die Wir noch nicht Wir
                        alle sind, so scheiden sie aus sich aus die Ihr. Und weil der Psalm das bei Gott sein der Wir vorwegnimmt, so sieht er die Ihr
                        unwillkürlich mit Gottes Auge an und sie werden zu Sie. Es ist dies der einzige Zusammenhang, in welchem die Psalmen den bei
                        den Propheten vielfach wiederkehrenden Spott gegen die Götzenbilder übernehmen, in denen das Leben der göttlichen Liebe zur
                        taub-blinden Tat- und Sprachlosigkeit erstarre; aber die Kampfstimmung, welche die Gegenüberstellung der toten Götzen einer
                        <q>gleich also</q> toten Welt und des lebendigen Schöpfers Himmels und der Erde anfangs noch beherrscht, erlischt mitsamt dem Spott
                        in dem mächtigen Triumph des Vertrauens. Hoffendes Vertrauen ist das Grundwort, worin die Vorwegnahme der Zukunft in die
                        Ewigkeit des Augenblicks geschieht. Gegen das betrogene Vertrauen der Ihr erhebt sich in drei Stufen das Vertrauen der Wir auf
                        den Gott, der auf jeder der drei <q>Hülfe und Schild</q> ist: Israel traut, die Gemeinde der Wir, wie sie als Gottes erstgeborener
                        Sohn unterm Herzen seiner Liebe <pb break="yes" n="281"/> ruhte; es traut Aarons Haus, die Gemeinde, wie sie sich priesterlich
                        verfaßt für den Weg durch Welt und Zeit der Ihr; und es trauen – der feststehende Name für die Proselyten: – die den Ewigen
                        fürchten, die einstige messianische Gemeinde der Menschheit, der Wir Alle. Aus dem Triumph des Vertrauens, das die künftige
                        Erfüllung vorwegnimmt, steigt nun in genau entsprechendem Aufbau das Gebet, das sie erbetet, wieder Israel, Aarons Haus, die
                        Ehrfürchtigen Alle – <q>Klein und Groß</q>. </p>
                     <p xml:id="ds2.6.9.4.4">Und nun singt der Chor das Wir dieser Erfüllung: das Wachstum des Segens Schritt für Schritt, <q>je mehr
                        und mehr</q>, von einem zum nächsten, von einem Geschlecht zum nächsten: er mehre, füge zu, euch, euch und euren Kindern. Denn
                        wohl gegründet ist dies lebendige Wachstum des Segens von uran im Geheimnis der Schöpfung: gesegnet seid ihr dem Herrn, der
                        Himmel und Erde geschaffen. Aber frei gegen dieses stille, selbsttätige Wachstum der Schöpfung bleibt das Liebeswerk des
                        Menschen auf der Erde; er wirke es, als ob es keinen Schöpfer gäbe, keine Schöpfung ihm entgegenwachse: Die Himmel sind des
                        Ewigen Himmel, aber die Erde gab er den Menschenkindern. Den Menschenkindern – nicht der Gemeinde Israels; in der Geliebtheit
                        und im Vertrauen weiß sie sich allein, in der Tat der Liebe weiß sie sich nur als Menschenkinder schlechtweg, kennt sie nur
                        den Irgendjemand, den andern schlechtweg, den – Nächsten. </p>
                     <p xml:id="ds2.6.9.4.5">Und so kommt die weltfreie Liebestat über die lebendig wachsende Schöpfungswelt. Aber dies Leben ist ja
                        von der Schöpfung her dem Tod als seinem Vollender verfallen. Und wie denn? Nimmermehr stimmt doch das gestorbene Leben noch
                        ein in den Lobgesang der Erlösung! Das gestorbene nimmermehr. Aber und nun in diesem Aber steigert sich der Chor zum
                        ungeheuren Unisono des allstimmigen, alle künftige Ewigkeit ins gegenwärtige Nun des Augenblicks kohortativ hineinreißenden
                        Wir: Nicht die Toten, wahrhaftig nicht – <q>aber Wir, wir loben Gott von nun an bis in Ewigkeit</q>. Dies siegende Aber – <q>Aber Wir
                        sind ewig</q> hat unser großer Meister als seiner Weisheit letzten Schluß ausgerufen, als er das letzte Mal vor Vielen über das
                        Verhältnis seines Wir zu seiner Welt sprach. Die Wir sind ewig; vor diesem Triumphgeschrei der Ewigkeit stürzt der Tod ins
                        Nichts. Das Leben wird unsterblich im ewigen Lobgesang der Erlösung. </p>
                  </div>
                  <pb break="yes" n="282"/>
                  <div type="subsection" n="2.4.6.3" xml:id="ds2.6.9.5">
                     <head xml:id="ds2.6.9.5.1">Die Verewigung des Wunders</head>
                     <p xml:id="ds2.6.9.5.2">Dies ist die Ewigkeit im Augenblick. Ja im Augen-Blick. Dies ist das Schauen des Lichts, davon es heißt:
                        in deinem Lichte schaun wir Licht. Das sei, so lehren die Alten, im Begriff der Erlösung Schöpfung und Offenbarung tiefsinnig
                        verknüpfend, das Licht, das Gott ausschied in der Schöpfung, wo es heißt: Gott schied; damals habe er es ausgeschieden und
                        aufgespart für seine Frommen zum Genuß in der künftigen Welt. Denn also allein wagen die Alten die ewige Seligkeit des
                        künftigen Reichs zu beschreiben, die eine andre ist als der allzeit erneuerte Friede, den die einsame Seele in der göttlichen
                        Liebe fand: es sitzen die Frommen, Kronen auf den Häuptern, und schaun in den Lichtglanz der offenbarwordenen Gottheit. </p>
                  </div>
               </div>
            </div>