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<div xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" type="book" n="3.5" xml:id="ds3.7">
   <head xml:id="ds3.7.1">TOR</head>
   <div type="section" n="3.5.1" xml:id="ds3.7.2">
      <head xml:id="ds3.7.2.1">Rückblick: Das Gesicht der Gestalt</head>
      <p xml:id="ds3.7.2.2">Das Ewige war Gestalt worden in der Wahrheit. Und die Wahrheit ist nichts andres als das Antlitz dieser
         Gestalt. Die Wahrheit allein ist ihr Antlitz. Und hütet euch sehr um eurer Seele willen: Gestalt habt ihr keine gesehn, Sprache
         allein vernahmet ihr, – so heißt es in der Mit- und Umwelt der Offenbarung. Aber in der Nach- und Überwelt, der erlösten, die der
         zur rechten Zeit und am rechten Ort gesprochene Segen, höherer Kräfte voll, herbeizwingt, schweigt das Wort. Von ihr der
         vollendet-befriedeten heißt es: Er lasse dir leuchten sein Antlitz. </p>
      <div type="subsection" n="3.5.1.1" xml:id="ds3.7.2.3">
         <head xml:id="ds3.7.2.3.1">Gottes Antlitz</head>
         <p xml:id="ds3.7.2.3.2">Dies Leuchten des göttlichen Angesichts allein ist die Wahrheit. Sie ist keine für sich frei schwebende
            Gestalt, sondern allein das aufleuchtende Antlitz Gottes. Wem er aber sein Angesicht leuchten läßt, dem wendet er es auch zu.
            Wie er uns sein Angesicht zuwendet, so mögen wir ihn erkennen. Und dies Erkennen erkennt nicht uneigentlich. Sondern es
            erkennt die Wahrheit, wie sie ist, nämlich wie sie in Gott ist: als sein Antlitz und Teil. Sie wird nicht etwa zur
            uneigentlichen Wahrheit, dadurch daß dies Antlitz uns zugewandt, Gottes Teil uns zuteil wird; denn auch als eigentliche und
            eigentlichste Wahrheit wäre sie nichts andres als – Teil und Antlitz. Im Stern der Erlösung, in dem wir die göttliche Wahrheit
            Gestalt werden sahen, leuchtet so nichts andres auf als das Antlitz, das Gott uns leuchtend zuwandte. Ja den Stern der
            Erlösung selber, wie er uns nun endlich als Gestalt aufging, werden wir nun wiedererkennen im göttlichen Angesicht. Und erst
            in dieser Wiedererkenntnis vollendet sich seine Erkenntnis. </p>
      </div>
      <div type="subsection" n="3.5.1.2" xml:id="ds3.7.2.4">
         <head xml:id="ds3.7.2.4.1">Gottes Tag</head>
         <p xml:id="ds3.7.2.4.2">Denn solange wir nur seine Bahn kannten, ohne schon seine Gestalt zu schauen, solange war die Ordnung der
            ursprünglichen Elemente noch nicht fest. Wohl zwar sank längst kraftlos dahin das unbeschränkt hin und her flatternde
            Vielleicht; Gott Welt <pb break="yes" n="466"/> Mensch hatten sich untereinander zur sicheren Ordnung gefügt; in der Bahn kam
            ihnen ihre Ordnung; durch die Folge der drei Stunden des Gottestags ward den Elementen des All ihr unverrückbares Verhältnis
            zueinander gewiesen; so ward die Bahn als die Bahn des Gestirns erkannt, dem jene Bahnelemente angehörten. Aber indem so der
            Stern erblickt wurde, schien er sich noch um sich selber drehen zu können, also daß innerhalb des schon fest gewordenen
            Ablaufs der drei Zeiten des Gottestags nun dennoch Welt und Mensch ihren eigenen Tag zu erleben schienen, der mit jenem nicht
            einfach zusammenfiel. Nur für Gott war die Erlösung wirklich das Letzte. Aber für den Menschen bedeutete schon seine
            gottebenbildliche Schöpfung, für die Welt schon der Niederstieg Gottes in der Offenbarung das Erlöstsein zu aller nur
            möglichen Vollendung. Es schienen da die drei Stunden also nur Stunden des Gottestags zu sein, der Tag des Menschen und der
            Tag der Welt wäre ein andrer. </p>
         <p xml:id="ds3.7.2.4.3">Es war die ganze Aufgabe des dritten Teils, der vom Ewigen der erlösten Überwelt handelte, zu zeigen, daß
            es nicht so ist. Jene scheinbare Vertauschungsmöglichkeit ward hier selbst in Gestalten festgebannt, die ihren festen Platz in
            der ewigen Wahrheit des Gottestags angewiesen bekamen. Im ewigen Leben war allerdings der Welt die Erlösung schon in der
            Offenbarung, in der ja alles drin ist, vorweggenommen; in der Offenbarung an das eine Volk war ewiges Leben gepflanzt, es
            selber verändert sich nicht mehr; jenes ewige Leben wird dereinst in der Frucht der Erlösung wiederkehren, so wie es einst
            gepflanzt war; so wird hier in die Welt, die sichtbare Welt, wirklich schon ein Stück Erlösung hineingestellt, und es wird
            wahr, daß von der Welt aus gesehen die Offenbarung eigentlich schon die Erlösung sei. Und andrerseits wird im ewigen Weg
            wirklich wieder bei der anerschaffenen Gottebenbildlichkeit des Menschen begonnen; die Erlösung geschieht hier durch den neuen
            Adam, den sündlosen, nicht gefallenen, und ist in ihm schon da; so wird hier der Mensch, der beseelte Mensch, indem er sich
            diese mit der wunderbaren Geburt des zweiten Adam erneuerte gottebenbildliche Geschaffenheit aneignet, schon Erbe der
            Erlösung, einer Erlöstheit, die ihm von uran, von der Schöpfung her eignet und nur der Aneignung harrt; also daß es wahr wird,
            daß vom Menschen her eigentlich schon die Schöpfung die Erlösung sei. </p>
      </div>
      <pb break="yes" n="467"/>
      <div type="subsection" n="3.5.1.3" xml:id="ds3.7.2.5">
         <head xml:id="ds3.7.2.5.1">Gottes Zeit</head>
         <p xml:id="ds3.7.2.5.2">Und so fügen sich hier auch aufs genaueste die Verhältnisse der Zeiten. Denn der Mensch ward in der
            Offenbarung zum Menschen geschaffen, und in der Erlösung mochte und mußte er sich offenbaren. Und dies einfache und natürliche
            Zeitverhältnis, worin das Geschaffenwerden dem Sichoffenbaren voranging, begründet nun den ganzen Verlauf des ewigen Wegs
            durch die Welt, die eigene Zeitrechnung, das Bewußtsein, das sich in jeder Gegenwart zwischen Vergangenheit und Zukunft und
            auf dem Weg aus jener in diese findet. Hingegen die eigentümliche, uns schon mehrmals aufgefallene Verkehrung der Zeitfolge
            für die Welt erhält jetzt ihre anschauliche Bestätigung. Der Welt geschieht ja in ihrer Schöpfung das Erlebnis des Erwachens
            zum eignen offenbaren Bewußtsein ihrer selbst, nämlich zum Bewußtsein der Kreatur, und in der Erlösung erst wird sie
            eigentlich geschaffen, erst da gewinnt sie jene feste Dauerhaftigkeit, jenes beständige Leben statt des augenblicksgeborenen
            immer neuen Daseins. Diese Verkehrung der Zeitfolge, wo also für die Welt das Erwachen dem Sein vorhergeht, begründet das
            Leben des ewigen Volks. Sein ewiges Leben nämlich nimmt ständig das Ende vorweg und macht es so zum Anfang. In dieser
            Umkehrung verleugnet es die Zeit so entschieden wie nur möglich und stellt sich aus ihr heraus. In der Zeit leben heißt
            zwischen Anfang und Ende leben. Wer außerhalb der Zeit leben wollte – und das muß, wer in der Zeit nicht das Zeitliche,
            sondern ein ewiges Leben will – wer also das will, der muß jenes <q>zwischen</q> verleugnen. Ein solches Verleugnen aber müßte
            tätig sein, damit nicht bloß ein Nicht-in-der-Zeit-Leben herauskäme, sondern ein positives Ewig-Leben. Und die tätige
            Verleugnung geschähe einzig in der Umkehr. Ein Zwischen umkehren heißt sein Hernach zum Zuvor, sein Zuvor zum Hernach, das
            Ende zum Anfang, den Anfang zum Ende machen. Und das tut das ewige Volk. Es lebt für sich schon so, als ob es alle Welt und
            die Welt fertig wäre; es feiert in seinen Sabbaten die sabbatliche Vollendung der Welt und macht sie zur Grundlage und zum
            Ausgangspunkt seines Daseins. Was aber zeitlich nur Ausgangspunkt wäre, das Gesetz, das setzt es sich zum Ziel. So erlebt es
            das Zwischen nicht, obwohl es doch natürlich, wirklich natürlich, darin lebt. Es erlebt grade die Umkehrung des Zwischen, und
            also leugnet es die Allmacht des Zwischen und verleugnet so die Zeit, dieselbe Zeit, die auf dem ewigen Weg erlebt wird. </p>
      </div>
      <pb break="yes" n="468"/>
      <div type="subsection" n="3.5.1.4" xml:id="ds3.7.2.6">
         <head xml:id="ds3.7.2.6.1">Die ewigen Götter</head>
         <p xml:id="ds3.7.2.6.2">So verfestigen sich also unter den Zeichen des ewigen Lebens und des ewigen Wegs die beiden <q>Ansichten</q>
            aus dem <q>Gesichtspunkt</q> der Welt oder des Menschen zu selber sichtbaren Gestalten und treten unter das eine Zeichen der ewigen
            Wahrheit. Und damit vereinfacht sich nun die Frage, welche Ordnung der drei Stunden für die ewige Wahrheit selber erfordert
            wird. Denn da die ewige Wahrheit erkannt wurde als die Wahrheit, die am Ende sein wird und von Gott am
            Anfang
            urspringt, so zeigt sichs, daß nur die Ordnung, wie sie sich von Gott aus darstellt und in der die Erlösung wirklich das
            Letzte ist, der letzten Wahrheit gerecht wird. Und eben in dieser Ordnung von Gott aus finden selbst die scheinbar neben ihr
            immerhin noch möglichen Ordnungen von der Welt oder vom Menschen aus ihre Wohnstatt, wo sie als notwendige und sichtbare
            Gestalten unter der Herrschaft der ewigen Wahrheit sicher hausen und ihr Wahrlich sagen dürfen. Jene ewigen Götter des
            Heidentums, in denen es fortleben wird bis zum ewigen Ende, der Staat und die Kunst, jener das Götzenbild der Sachlichen,
            diese das der Persönlichen, werden da von dem wahren Gott in Ketten geschlagen. Mag doch der Staat für die Welt den obersten
            Platz im All beanspruchen und die Kunst für den Menschen, und mag jener den Strom der Zeit an den Epochen der Weltgeschichte
            aufzustauen, diese ihn in das unendliche Kanalsystem der Erlebnisse abzuleiten suchen – mögen sie doch! der im Himmel sitzt,
            spottet ihrer; er hält ihrer schon einander widerstreitenden Geschäftigkeit das stille Wirken der geschaffenen Natur entgegen,
            in deren Wahrheit die vergötterte Welt begrenzt und gestaltet ist zu ewigem Leben, der vergötterte Mensch gebeugt und entboten
            zu ewigem Weg, und also beide, Welt und Mensch, gemeinsam Gottes Herrschaft untergetan sind. Denn selbst der Kampf um die
            Zeit, in dem sich Staat und Kunst gegenseitig aufreiben müßten, weil der Staat ihren Fluß bannen, die Kunst in ihm treiben
            will, selbst dieser Kampf ist in der gottbeherrschten Natur geschlichtet; in der Ewigkeit des Lebens und der Ewigkeit des Wegs
            finden Welt und Mensch nebeneinander Platz; da sind sie vergöttlicht, ohne daß sie vergöttert würden. </p>
      </div>
      <div type="subsection" n="3.5.1.5" xml:id="ds3.7.2.7">
         <head xml:id="ds3.7.2.7.1">Der Gott der Götter</head>
         <p xml:id="ds3.7.2.7.2">Erst vor der Wahrheit also sinkt der Taumel allen Heidentums in sich zusammen. Seinem trunken blinden
            Sich- und
            Nursichsehenwollen, <pb break="yes" n="469"/> wie es im ewigen Kampf von Staat und Kunst aufgipfelt, tritt die überlegen
            ruhige Macht der göttlichen Wahrheit entgegen. Sie, weil sie alles als eine einzige große Natur zu ihren Füßen liegen hat, mag
            einem jeden seinen Anteil zuweisen und so das All ordnen. Solange Staat und Kunst sich beide, jedes sich, für allmächtig
            halten dürfen, solange nehmen sie auch jedes, und mit Recht, die ganze Natur für sich in Anspruch. Sie kennen beide die Natur
            nur als ihren <q>Stoff</q>. Erst die Wahrheit konnte, indem sie den Staat wie die Kunst, jenen am ewigen Leben, diese am ewigen
            Weg, begrenzte, die Natur von dieser doppelten Sklaverei befreien und sie wieder zur einen machen, in der nun Staat und Kunst
            sich ihren Anteil nehmen mögen, doch nicht mehr. Und die Wahrheit – von wo sonst zöge sie ihre das All der Natur tragende
            Pfeilerkraft als von dem Gott, der sich in ihr und nur in ihr Gestalt gibt. Es gilt letzthin vor dem Blick der Wahrheit nicht
            bloß kein Vielleicht – das entschwand längst –, sondern auch kein Möglich mehr. Der Stern der Erlösung, in dem die Wahrheit
            Gestalt gewinnt, kreist nicht. Was oben steht, steht oben und bleibt oben stehn. Standpunkte, Welt- und Lebensanschauungen,
            Ismen jeglicher Art – das wagt sich alles unter diesem letzten einfachen Blick der Wahrheit nicht mehr hervor. Die Standpunkte
            versinken vor der einen beständigen Schau. Welt- und Lebensanschauungen vergehen in die eine Anschauung Gottes. Die Ismen
            verziehen sich vor dem aufgehenden Gestirn der Erlösung, die, einerlei ob man an sie glaubt oder nicht, jedenfalls als eine
            Tatsache gemeint ist und kein Ismus. Es gibt also ein Oben und Unten, unvertauschbar, unverdrehbar. Auch der Erkennende darf
            nicht Wenn sagen. Auch ihn beherrscht das So, das So-und-nicht-anders. Und eben deswegen, weil es in der Wahrheit Oben und
            Unten gibt, deshalb dürfen nicht bloß, sondern müssen wir sie das Antlitz Gottes heißen. Wir sprechen in Bildern. Aber die
            Bilder sind nicht willkürlich. Es gibt notwendige und zufällige Bilder. Die Unverkehrbarkeit der Wahrheit läßt sich nur in dem
            Bilde eines Lebendigen aussprechen. Denn im Lebendigen allein ist schon von Natur und vor aller Setzung und Satzung ein Oben
            und Unten ausgezeichnet. Und im Lebendigen wieder dort, wo ein Selbstbewußtsein dieses Auszeichnens wach ist: im Menschen. Der
            Mensch hat oben und unten an seiner eignen Leiblichkeit. <pb break="yes" n="470"/> Und wie die Wahrheit, die sich im Stern
            Gestalt gibt, innerhalb des Sterns als ganze Wahrheit wiederum zu Gott und nicht zur Welt oder zum Menschen zugeordnet ist, so
            muß sich auch der Stern noch einmal spiegeln in dem, was innerhalb der Leiblichkeit wieder das Obere ist: das Antlitz. Es ist
            deshalb kein Menschenwahn, wenn die Schrift von Gottes Antlitz und selbst seinen einzelnen Teilen redet. Die Wahrheit läßt
            sich gar nicht anders aussprechen. Erst indem wir den Stern als Antlitz schauen, sind wir ganz über alle Möglichkeit von
            Möglichkeiten hinweg und schauen einfach. </p>
      </div>
      <div type="subsection" n="3.5.1.6" xml:id="ds3.7.2.8">
         <head xml:id="ds3.7.2.8.1">Das Menschengesicht</head>
         <p xml:id="ds3.7.2.8.2">Gleich wie der Stern in den zwei übereinandergelegten Dreiecken seine Elemente und die Zusammenfassung
            der Elemente zur einen Bahn spiegelt, so verteilen sich auch die Organe des Antlitzes in zwei Schichten. Denn die Lebenspunkte
            des Antlitzes sind ja die, wo es mit der Umwelt in Verbindung tritt, seis in empfangende, seis in wirkende. Nach den
            aufnehmenden Organen ist die Grundschicht geordnet, die Bausteine gewissermaßen, aus denen sich das Gesicht, die Maske,
            zusammensetzt: Stirn und Wangen. Den
            Wangen
            gehören die Ohren, der Stirn die Nase zu. Ohren und Nase sind die Organe des reinen Aufnehmens. Die Nase gehört zur Stirn, sie
            tritt in der heiligen Sprache gradezu für das Gesicht im ganzen ein. Der Duft der Opfer wendet sich an sie wie das Regen der
            Lippen an die Ohren. Über dieses erste elementare Dreieck, wie es gebildet wird von dem Mittelpunkt der Stirn als dem
            beherrschenden Punkt des ganzen Gesichts und den Mittelpunkten der Wangen, legt sich nun ein zweites Dreieck, das sich aus den
            Organen zusammenfügt, deren Spiel die starre Maske des ersten belebt: Augen und Mund. Die Augen sind unter sich nicht etwa
            mimisch gleichwertig, sondern während das linke mehr empfänglich und gleichmäßig schaut, blickt das rechte scharf auf einen
            Punkt eingestellt; nur das rechte <q>blitzt</q>, – eine Arbeitsteilung, die ihre Spuren schließlich bei Greisenköpfen häufig auch
            in die weiche Umgebung der Augenhöhle eingräbt, so daß dann jene ungleichmäßige Gesichtbildung auch von vorn wahrnehmbar wird,
            die sonst allgemein nur an der bekannten Verschiedenheit der beiden Profile auffällt. Wie von der Stirn der Bau des Gesichts
            beherrscht wird, so sammelt endlich sein Leben, alles was um die Augen zieht und aus den Augen strahlt, sich im Mund. Der Mund
            <pb break="yes" n="471"/> ist der Vollender und Vollbringer allen Ausdrucks, dessen das Antlitz fähig ist, so in der Rede
            wie zuletzt im Schweigen, hinter dem die Rede zurücksank: im Kuß. Die Augen sinds, in denen das ewige Antlitz dem Menschen
            leuchtet, der Mund, von dessen Worten der Mensch lebt; aber unserm Lehrer Mose, der das Land der Sehnsucht lebend nur schauen,
            nicht betreten durfte, versiegelte er dies abgeschlossene Leben mit einem Kusse seines Mundes. So siegelt Gott und so siegelt
            der Mensch auch. </p>
      </div>
   </div>
   <div type="section" n="3.5.2" xml:id="ds3.7.3">
      <head xml:id="ds3.7.3.1">Ausblick: Der Alltag des Lebens</head>
      <div type="subsection" n="3.5.2.1" xml:id="ds3.7.3.2">
         <head xml:id="ds3.7.3.2.1">Das Letzte</head>
         <p xml:id="ds3.7.3.2.2">Im innersten Heiligtum der göttlichen Wahrheit, wo ihm seiner Erwartung nach alle Welt und er selber sich zum
            Gleichnis herabsinken müßte für das, was er dort erblicken wird, erblickt so der Mensch nichts andres als ein Antlitz gleich dem
            eigenen. Der Stern der Erlösung ist Antlitz worden, das auf mich blickt und aus dem ich blicke. Nicht Gott, aber Gottes Wahrheit
            ward mir zum Spiegel. Gott, der der Letzte ist und der Erste, er schloß mir die Pforten des Heiligtums auf, das in der innersten
            Mitte erbaut ist. Er ließ sich schauen. Er führte mich an jene Grenze des Lebens, wo die Schau verstattet ist. Denn kein Mensch
            bleibt im Leben, der ihn schaut. So mußte jenes Heiligtum, darin er mir sich zu schauen verstattete, in der Welt selber ein Stück
            Überwelt, ein Leben Jenseits des Lebens sein. Aber was er mir in diesem jenseits des Lebens zu schauen gab, das ist – nichts
            andres als was ich schon in der Mitte des Lebens vernehmen durfte; nur daß ich es schaue, nicht mehr bloß höre, ist der
            Unterschied. Denn die Schau auf der Höhe der erlösten Überwelt zeigt mir nichts andres, als was mich schon das Wort der
            Offenbarung mitten im Leben hieß; und im Lichte des göttlichen Antlitzes zu wandeln, wird nur dem, der den Worten des göttlichen
            Mundes folgt. Denn – <q>er hat dir gesagt, o Mensch, was gut ist, und was verlangt der Ewige dein Gott von dir als Recht tun und
            von Herzen gut sein und einfältig wandeln mit deinem Gott</q>. </p>
      </div>      
      <div type="subsection" n="3.5.2.2" xml:id="ds3.7.3.3">
         <head xml:id="ds3.7.3.3.1">Das Erste</head>
         <p xml:id="ds3.7.3.3.2">Und dies Letzte ist nichts Letztes, sondern ein allzeit Nahes, das Nächste; nicht das Letzte also,
            sondern das Erste. Wie schwer ist solch Erstes! Wie schwer ist aller Anfang! Recht tun und von Herzen gut sein – das sieht noch
            aus wie Ziel. Vor jedem Ziel kann der Wille noch erst ein wenig verschnaufen zu müssen behaupten. Aber einfältig wandeln mit
            deinem Gott – das ist kein Ziel mehr, <pb break="yes" n="472"/> das ist so unbedingt, so frei von jeder Bedingung, von jedem
            Erst noch und Übermorgen, so ganz Heute und also ganz ewig wie Leben und Weg, und darum so unmittelbar der ewigen Wahrheit
            teilhaft wie Leben und Weg. Einfältig wandeln mit deinem Gott – nichts weiter wird da gefordert als ein ganz gegenwärtiges
            Vertrauen. Aber Vertrauen ist ein großes Wort. Es ist der Same, daraus Glaube, Hoffnung und Liebe wachsen, und die Frucht, die
            aus ihnen reift. Es ist das Allereinfachste und grade darum das Schwerste. Es wagt jeden Augenblick zur Wahrheit Wahrlich zu
            sagen. Einfältig wandeln mit deinem Gott – die Worte stehen über dem<lb break="yes"/> Tor, dem Tor, das aus dem
            geheimnisvoll-wunder<lb break="no"/>baren Leuchten des göttlichen Heiligtums,<lb break="yes"/> darin kein Mensch leben
            bleiben kann,<lb break="yes"/> herausführt. Wohinaus aber öffnen<lb break="yes"/> sich die Flügel des Tors?<lb break="yes"/>
            Du weißt es nicht?<lb break="yes"/> INS LEBEN. </p>
      </div>
   </div>
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