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            <title>Vor dem Sturm : ELTeC ausgabe</title>
            <author ref="http://d-nb.info/gnd/118534262">Fontane, Theodor (1819-1898)</author>
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               <resp>ELTeC conversion</resp>
               <name>Leonard Konle</name>
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            <measure unit="pages">744</measure>
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<publisher ref="https://distant-reading.net">COST Action "Distant Reading for European Literary History" (CA16204)</publisher>
<distributor ref="https://zenodo.org/communities/eltec/">Zenodo.org</distributor><date when="2021-04-09"/>
<availability><licence target="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/"/></availability>
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<ref type="doi" target="https://doi.org/10.5281/zenodo.4662444">ELTeC release 1.1.0</ref>
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         <sourceDesc><bibl type="digitalSource">
               <title>Vor dem Sturm</title>
               <author>Fontane, Theodor</author>
               <ref target="textgrid:n11c.0"/>
            </bibl><bibl type="printSource"><author>Theodor Fontane</author>: <title>Romane und
                  Erzählungen in acht Bänden</title>. Herausgegeben von
               <respStmt><resp>editor</resp><name>Peter Goldammer</name></respStmt>, <respStmt><resp>editor</resp><name>Gotthard Erler</name></respStmt>, <respStmt><resp>editor</resp><name>Anita
                  Golz</name></respStmt> und <respStmt><resp>editor</resp><name>Jürgen Jahn</name></respStmt>, Band 1, 2. Auflage,
                  <pubPlace>Berlin</pubPlace> und <pubPlace>Weimar</pubPlace>:
                  <publisher>Aufbau</publisher>, <date>1973</date>. Entstanden zwischen 1862 und
               1878,</bibl><bibl type="firstEdition">Erstdruck (gekürzt) in: Daheim (<pubPlace>Leipzig</pubPlace>),
               14. Jg. <date>Januar- September 1878</date> [erste Buchausgabe: Berlin (W.
                  Hertz) 1878.]</bibl></sourceDesc>
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         <p/>
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            <language ident="de">German</language>
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         <div type="group">
            <head>Erster Band</head>
            <div type="chapter">
               <head>Erstes Kapitel</head>
               <head>Heiligabend</head>
               <p>Es war Weihnachten 1812, Heiliger Abend. Einzelne Schneeflocken fielen und legten
                  sich auf die weiße Decke, die schon seit Tagen in den Straßen der Hauptstadt lag.
                  Die Laternen, die an lang ausgespannten Ketten hingen, gaben nur spärliches Licht;
                  in den Häusern aber wurde es von Minute zu Minute heller, und der »Heilige
                  Christ«, der hier und dort schon einzuziehen begann, warf seinen Glanz auch in das
                  draußen liegende Dunkel.</p>
               <p>So war es auch in der Klosterstraße. Die Singuhr der Parochialkirche setzte eben
                  ein, um die ersten Takte ihres Liedes zu spielen, als ein Schlitten aus dem
                  Gasthof »Zum grünen Baum« herausfuhr und gleich darauf schräg gegenüber vor einem
                  zweistöckigen Hause hielt, dessen hohes Dach noch eine Mansardenwohnung trug. Der
                  Kutscher des Schlittens, in einem abgetragenen, aber mit drei Kragen
                  ausstaffierten Mantel, beugte sich vor und sah nach den obersten Fenstern hinauf;
                  als er jedoch wahrnahm, daß alles ruhig blieb, stieg er von seinem Sitz, strängte
                  die Pferde ab und schritt auf das Haus zu, um durch die halb offenstehende Tür in
                  dem dunklen Flur desselben zu verschwinden. Wer ihm dahin gefolgt wäre, hätte
                  notwendig das stufenweise Stapfen und Stoßen hören müssen, mit dem er sich,
                  vorsichtig und ungeschickt, die drei Treppen hinauffühlte.</p>
               <p>Der Schlitten, eine einfache Schleife, auf der ein mit einem sogenannten »Plan«
                  überspannter Korbwagen befestigt war, stand all die Zeit über ruhig auf dem
                  Fahrdamm, hart an der Öffnung einer hier aufgeschütteten Schneemauer. Der <pb/>
                  Korbwagen selbst, mutmaßlich um mehr Wärme und Bequemlichkeit zu geben, war nach
                  hinten zu, bis an die Plandecke hinauf, mit Stroh gefüllt; vorn lag ein
                  Häckselsack, gerade breit genug, um zwei Personen Platz zu gönnen. Alles so
                  primitiv wie möglich. Auch die Pferde waren unscheinbar genug, kleine Ponies, die
                  gerade jetzt in ihrem winterlich rauhen Haar ungeputzt und dadurch ziemlich
                  vernachlässigt aussahen. Aber wie immer auch, die russischen Sielen, dazu das
                  Schellengeläut, das auf rot eingefaßten, breiten Ledergurten über den Rücken der
                  Pferde hing, ließen keinen Zweifel darüber, daß das Fuhrwerk aus einem guten Hause
                  sei.</p>
               <p>So waren fünf Minuten vergangen oder mehr, als es auf dem Flur hell wurde. Eine
                  Alte in einer weißen Nachthaube, das Licht mit der Hand schützend, streckte den
                  Kopf neugierig in die Straße hinaus; dann kam der Kutscher mit Mantelsack und
                  Pappkarton; hinter diesem, den Schluß bildend, ein hochaufgeschossener junger Mann
                  von leichter, vornehmer Haltung. Er trug eine Jagdmütze, kurzen Rock und war in
                  seiner ganzen Oberhälfte unwinterlich gekleidet. Nur seine Füße steckten in hohen
                  Filzstiefeln. »Frohe Feiertage, Frau Hulen«, damit reichte er der Alten die Hand,
                  stieg auf die Deichsel und nahm Platz neben dem Kutscher. »Nun vorwärts, Krist;
                  Mitternacht sind wir in Hohen-Vietz. Das ist recht, daß Papa die Ponies geschickt
                  hat.«</p>
               <p>Die Pferde zogen an und versuchten es, ihrer Natur nach, in einen leichten Trab zu
                  fallen; aber erst als sie die Königsstraße mit ihrem Weihnachtsgedränge und
                  Waldteufelgebrumm im Rücken hatten, ging es in immer rascherem Tempo die
                  Landsberger Straße entlang und endlich unter immer munterer werdendem
                  Schellengeläut zum Frankfurter Tore hinaus.</p>
               <p>Draußen umfing sie Nacht und Stille; der Himmel klärte sich, und die ersten Sterne
                  traten hervor. Ein leiser, aber scharfer Ostwind fuhr über das Schneefeld, und der
                  Held unserer Geschichte, Lewin von Vitzewitz, der seinem väterlichen Gute
                  Hohen-Vietz zufuhr, um die Weihnachtsfeiertage daselbst zu verbringen, wandte sich
                  jetzt, mit einem Anflug von märkischem <pb/> Dialekt, an den neben ihm sitzenden
                  Gefährten. »Nun, Krist, wie wär es? Wir müssen wohl einheizen.« Dabei legte er
                  Daumen und Zeigefinger ans Kinn und paffte mit den Lippen. Dies »wir« war nur eine
                  Vertraulichkeitswendung; Lewin selbst rauchte nicht. Krist aber, der von dem
                  Augenblick an, wo sie die Stadt im Rücken hatten, diese Aufforderung erwartet
                  haben mochte, legte ohne weiteres die Leinen in die Hand seines jungen Herrn und
                  fuhr in die Manteltasche, erst um eine kurze Pfeife mit bleiernem Abguß, dann um
                  ein neues Paket Tabak daraus hervorzuholen. Er nahm beides zwischen die Knie,
                  öffnete das mit braunem Lack gesiegelte Paket, stopfte und begann dann mit
                  derselben langsamen Sorglichkeit nach Stahl und Schwamm zu suchen. Endlich brannte
                  es; er tat, indem er wieder die Leine nahm, die ersten Züge, und während jetzt
                  kleine Funken aus dem Drahtdeckel hervorsprühten, ging es auf Friedrichsfelde zu,
                  dessen Lichter ihnen über das weiße Feld her entgegenschienen.</p>
               <p>Das Dorf lag bald hinter ihnen. Lewin, der sich's inzwischen bequem gemacht und
                  durch festeren Aufbau einiger Strohbündel eine Rückenlehne hergerichtet hatte,
                  schien jetzt in der Stimmung, eine Unterhaltung aufzunehmen. Ehe des Kutschers
                  Pfeife brannte, wär es ohnehin nicht rätlich gewesen.</p>
               <p>»Nichts Neues, Krist?« begann Lewin, indem er sich fester in die Strohpolster
                  drückte. »Was macht Willem, mein Päth?«</p>
               <p>»Dank schön, junger Herr, he is ja nu wedder bi Weg.«</p>
               <p>»Was war ihm denn?«</p>
               <p>»He hett sich verfiert. Un noch dato an sinen Gebortsdag. Et is nu en Wochner
                  drei; ja, up 'n Dag hüt, drei Wochen. Oll Doktor Leist von Lebus hett em aber
                  wedder torecht bracht.«</p>
               <p>»Er hat sich verfiert?«</p>
               <p>»Ja, junger Herr, so glöwen wi all. Et wihr wol so um de fiefte Stunn, as mine Fru
                  seggen däd: ›Willem, geih, un hol uns en paar Äppels, awers von de Renetten up 'n
                  Stroh, dicht bi de Bohnenstakens.‹ Un uns Lütt-Willem ging ooch, un ick hürt em
                  noch flüten un singen un dat Klapsen von sine Pantinen ümmer den Floor lang. Awer
                  dunn hürt ick nix mihr, un as <pb/> he nu an de olle wackelsche Döör käm un in den
                  groten Saal rinn wull, wo uns Äppels liggen und wo de Lüt seggen, dat de oll
                  Matthias spöken deiht, da möt em wat passiert sinn. He käm nich un käm nich; un as
                  ick nu nahjung un sehn wull, wo he bliwen däd, da läg he, glieks achter de
                  Schwell, as dod up de Fliesen.«</p>
               <p>»Das arme Kind! Und Eure Frau...«</p>
               <p>»De käm ooch, un wi drögen em nu torügg in unse Stuv un rewen em in. Mine Fru hätt
                  ümmer en beten Miren-Spiritus to Huus. As he nu wedder to sich käm, biwwerte em de
                  janze lütte Liew, un he seggte man ümmer: ›Ick hebb em sehn.‹«</p>
               <p>Lewin hatte sich zurechtgerückt. »Es geht also wieder besser«, warf er hin, und
                  wie um loszukommen von allerhand Bildern und Gedanken, die des Kutschers Erzählung
                  in ihm angeregt hatte, fuhr er hin und her in Erkundigungen, worauf Krist mit
                  soviel Ausführlichkeit antwortete, wie ihm die Raschheit der Fragen gestattete.
                  Dem Schulzen Kniehase war einer von seinen Braunen gefallen; bei Hoppenmarieken
                  hatte der Schornstein gebrannt; bei Witwe Gräbschen hatte Nachtwächter Pachaly
                  einen mittelgroßen Sarg, mit einem Myrtenkranz darauf, vor der Haustür stehen
                  sehn, »un wihl et man en mittelscher Sarg west wihr, so hedden se all an de
                  Jüngscht, an Hanne Gräbschen, 'dacht. De is man kleen und piept all lang.«</p>
               <p>Die Sterne traten immer zahlreicher hervor. Lewin lupfte die Kappe, um sich die
                  Stirn von der frischen Winterluft anwehen zu lassen, und sah staunend und
                  andächtig in den funkelnden Himmel hinauf. Es war ihm, als fielen alle dunklen
                  Geschicke, das Erbteil seines Hauses, von ihm ab und als zöge es lichter und
                  heller von oben her in seine Seele. Er atmete auf. Zwei, drei Schlitten flogen
                  vorüber, grüßten und sangen, sichtlich Gäste, die im Nebendorf die Bescherung
                  nicht versäumen wollten; dann, ehe fünf Minuten um waren, glitt das Gefährt
                  unserer zwei Freunde unter den Giebelvorbau des Bohlsdorfer Kruges.</p>
               <p>Bohlsdorf war drittel Weg. Niemand kam. An den Fenstern <pb/> zeigte sich kein
                  Licht; die Krügersleute mußten in den Hinterstuben sein und das Vorfahren des
                  Schlittens, trotz seines Schellengeläutes, überhört haben. Krist nahm wenig Notiz
                  davon. Er stieg ab, holte eine der Stehkrippen heran, die beschneit an dem Hofzaun
                  entlang standen, und schüttete den Pferden ihren Hafer ein.</p>
               <p>Auch Lewin war abgestiegen. Er stampfte ein paarmal in den Schnee, wie um das Blut
                  wieder in Umlauf zu bringen, und trat dann in die Gaststube, um sich zu wärmen und
                  einen Imbiß zu nehmen. Drinnen war alles leer und dunkel; hinter dem Schenktisch
                  aber, wo drei Stufen zu einem höher gelegenen Alkoven führten, blitzte der
                  Christbaum von Lichtern und goldenen Ketten. In diesem Weihnachtsbilde, das der
                  enge Türrahmen einfaßte, stand die Krügersfrau in Mieder und rotem Friesrock und
                  hatte einen Blondkopf auf dem Arm, der nach den Lichtern des Baumes langte. Der
                  Krüger selbst stand neben ihr und sah auf das Glück, das ihm das Leben und dieser
                  Tag beschert hatten.</p>
               <p>Lewin war ergriffen von dem Bilde, das fast wie eine Erscheinung auf ihn wirkte.
                  Leiser, als er eingetreten war, zog er sich wieder zurück und trat auf die
                  Dorfstraße. Gegenüber dem Kruge, von einer Feldsteinmauer eingefaßt, lag die
                  Bohlsdorfer Kirche, ein alter Zisterzienserbau aus den Tagen der ersten
                  Kolonisation. Es klang deutlich von drüben her, als würde die Orgel gespielt, und
                  Lewin, während er noch auf horchte, bemerkte zugleich, daß eines der kleinen, in
                  halber Wandhöhe hinlaufenden Rundbogenfenster matt erleuchtet war. Neugierig, ob
                  er sich täuschte oder nicht, stieg er über die niedrige Steinmauer fort und
                  schritt, zwischen den Gräbern hin, auf die Längswand der Kirche zu. Ziemlich
                  inmitten dieser Wand bemerkte er eine Pforte, die nur eingeklinkt, aber nicht
                  geschlossen war. Er öffnete leise und trat ein. Es war, wie er vermutet hatte. Ein
                  alter Mann, mit Samtkäppsel und spärlichem weißen Haar, saß vor der Orgel, während
                  ein Lichtstümpfchen neben ihm eine kümmerliche Beleuchtung gab. In sein Orgelspiel
                  vertieft, bemerkte er nicht, daß jemand eingetreten war, und feierlich, <pb/> aber
                  gedämpften Tones klangen die Weihnachtsmelodien nach wie vor durch die Kirche
                  hin.</p>
               <p>Übte sich der Alte für den kommenden Tag, oder feierte er hier sein Christfest
                  allein für sich mit Psalmen und Choral? Lewin hatte sich die Frage kaum gestellt,
                  als er, der Orgel gegenüber, einen zweiten Lichtschimmer wahrnahm; auf der
                  untersten Stufe des Altars stand eine kleine Hauslaterne. Als er näher trat, sah
                  er, daß Frauenhände hier eben noch beschäftigt gewesen sein mußten. Ein Handfeger
                  lag da, daneben eine kurze Stehleiter, die beiden Seitenhölzer oben mit Tüchern
                  umwunden. Das Licht der Laterne fiel auf zwei Grabsteine, die vor dem Altar in die
                  Fliesen eingelegt waren; der eine zur Linken enthielt nur Namen und Datum, der
                  andere zur Rechten aber zeigte Bild und Spruch. Zwei Lindenbäume neigten ihre
                  Wipfel einander zu, und darunter standen Verse, zehn oder zwölf Zeilen. Nur die
                  Zeilen der zweiten Strophe waren noch deutlich erkennbar und lauteten:</p>


               <l>Sie sieht nun tausend Lichter;</l>
               <l>Der Engel Angesichter</l>
               <l>Ihr treu zu Diensten stehn;</l>
               <l>Sie schwingt die Siegesfahne</l>
               <l>Auf güldnem Himmelsplane</l>
               <l>Und kann auf Sternen gehn.</l>


               <p>Lewin las zwei-, dreimal, bis er die Strophe auswendig wußte; die letzte Zeile
                  namentlich hatte einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht, von dem er sich keine
                  Rechenschaft geben konnte. Dann sah er sich noch einmal in der seltsam
                  erleuchteten Kirche um, deren Pfeiler und Chorstühle ihn schattenhaft umstanden,
                  und kehrte, die Türe leise wieder anlehnend, erst auf den Kirchhof, dann, mit
                  raschem Sprung über die Mauer, auf die Dorfstraße zurück.</p>
               <p>Der Krug hatte indessen ein verändertes Ansehen gewonnen. In der Gaststube war
                  Licht; Krist stand am Schenktisch im eifrigen Gespräch mit dem Krüger, während die
                  Frau, aus der Küche kommend, ein Glas Kirschpunsch auf den Tisch stellte. Sie
                  plauderten<pb/> noch eine Weile auch über den alten Küster drüben, der, seitdem er
                  Witmann geworden, seinen Heiligen Abend mit Orgelspiel zu feiern pflege; dann,
                  unter Händeschütteln und Wünschen für ein frohes Fest, wurde Abschied genommen,
                  und an den stillen Dorfhütten vorbei ging es weiter in die Nacht hinein.</p>
               <p>Lewin sprach von den Krügersleuten; Krist war ihres Lobes voll. Weniger wollt er
                  vom Bohlsdorfer Amtmann wissen, am wenigsten vom Petershagener Müller, an dessen
                  abgebrannter Bockmühle sie eben vorüberfuhren. Aus allem ging hervor, daß Krist,
                  der allwöchentlich dieses Weges kam, den Klatsch der Bierbänke zwischen Berlin und
                  Hohen-Vietz in treuem Gedächtnis trug. Er wußte alles und schwieg erst, als Lewin
                  immer stiller zu werden begann. Nur kurze Ansprachen an die Ponies belebten noch
                  den Weg. Die regelmäßige Wiederkehr dieser Anrufe, das monotone Schellengeläut,
                  das alsbald wie von weit her zu klingen schien, legte sich mehr und mehr mit
                  einschläfernder Gewalt um die Sinne unseres Helden. Allerhand Gestalten zogen an
                  seinem halb geschlossenen Auge vorüber; aber eine dieser Gestalten, die
                  glänzendste, nahm er mit in seinen Traum. Er saß vor ihr auf einem niedrigen
                  Tabouret; sie lachte ihn an und schlug ihn leise mit dem Fächer, als er nach ihrer
                  Hand haschte, um sie zu küssen. Hundert Lichter, die sich in schmalen Spiegeln
                  spiegelten, brannten um sie her, und vor ihnen lag ein großer Teppich, auf dem
                  Göttin Venus in ihrem Taubengespann durch die Lüfte zog. Dann war es plötzlich,
                  als löschten alle diese Lichter aus; nur zwei Stümpfchen brannten noch; es war wie
                  eine schattendurchhuschte Kirche, und an der Stelle, wo der Teppich gelegen hatte,
                  lag ein Grabstein, auf dem die Worte standen:</p>


               <l>Sie schwingt die Siegesfahne</l>
               <l>Auf güldnem Himmelsplane</l>
               <l>Und kann auf Sternen gehn.</l>


               <p>Süß und schmerzlich, wie kurz vorher bei wachen Sinnen ihn diese Worte berührt
                  hatten, berührten sie ihn jetzt im Traum. Er wachte auf.</p>
               <p>
                  <pb/> »Noch eine halbe Meile, junger Herr«, sagte Krist.</p>
               <p>»Dann sind wir in Dolgelin?«</p>
               <p>»Nein, in Hohen-Vietz.«</p>
               <p>»Da hab ich fest geschlafen.«</p>
               <p>»Dritthalb Stunn.«</p>
               <p>Das erste, was Lewin wahrnahm, war die Sorglichkeit, mit der sich der alte
                  Kutscher mittlerweile um ihn bemüht hatte. Der Futtersack war ihm unter die Füße
                  geschoben, die beiden Pferdedecken lagen ausgebreitet über seinen Knien.</p>
               <p>Nicht lange, und der Hohen-Vietzer Kirchturm wurde sichtbar. An oberster Stelle
                  eines Höhenzuges, der nach Osten hin die Landschaft schloß, stand die graue Masse,
                  schattenhaft im funkelnden Nachthimmel.</p>
               <p>Dem Sohne des Hauses schlug das Herz immer höher, sooft er dieses Wahrzeichens
                  seiner Heimat ansichtig wurde. Aber er hatte heute nicht lange Zeit, sich der
                  Eigentümlichkeit des Bildes zu freuen. Die beschneiten Parkbäume traten zwischen
                  ihn und die Kirche, und einige Minuten später schlugen die Hunde an, und zwischen
                  zwei Torpfeilern hindurch beschrieb der Schlitten eine Kurve und hielt vor der
                  portalartigen Glastüre, zu der zwei breite Sandsteinstufen hinaufführten.</p>
               <p>Lewin, der sich schon vorher erhoben hatte, sprang hinaus und schritt auf die
                  Stufen zu. »Guten Abend, junger Herr«, empfing ihn ein alter Diener in Gamaschen
                  und Frackrock, an dem nur die großen blanken Knöpfe verrieten, daß es eine Livree
                  sein sollte.</p>
               <p>»Guten Abend, Jeetze; wie geht es?«</p>
               <p>Aber über diesen Gruß kam Lewin nicht hinaus, denn im selben Augenblick richtete
                  sich ein prächtiger Neufundländer vor ihm auf und überfiel ihn, die Vorderpfoten
                  auf seine Schultern legend, mit den allerstürmischsten Liebkosungen.</p>
               <p>»Hektor, laß gut sein, du bringst mich um.« Damit trat unser Held in die Halle
                  seines väterlichen Hauses. Ein paar Scheite, die im Kamin verglühten, warfen ihr
                  Licht auf die alten Bilder an der Wand gegenüber. Lewin sah sich um, nicht ohne
                  <pb/> einen Anflug freudigen Stolzes, auf der Scholle seiner Väter zu stehen.</p>
               <p>Dann leuchtete ihm der alte Diener die schwere doppelarmige Treppe hinauf, während
                  Hektor folgte.</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Zweites Kapitel</head>
               <head>Hohen-Vietz</head>
               <p>In der Halle schwelen noch einige Brände; schütten wir Tannäpfel auf und plaudern
                  wir, ein paar Sessel an den Kamin rückend, von Hohen-Vietz.</p>
               <p>Hohen-Vietz war ursprünglich ein altes, aus den Tagen der letzten Askanier
                  stammendes Schloß mit Wall und Graben und freiem Blick ostwärts auf die Oder. Es
                  lag auf demselben Höhenzuge wie die Kirche, deren schattenhaftes Bild uns am
                  Schloß des vorigen Kapitels entgegentrat, und beherrschte den breiten Strom wie
                  nicht minder die am linken Flußufer von Frankfurt nach Küstrin führende Straße. Es
                  galt für sehr fest, und jahrhundertelang hatten sie einen Reim im Lebusischen, der
                  lautete:</p>


               <l>De sitt so fest up sinen Sitz</l>
               <l>As de Vitzewitz' up Hohen-Vietz.</l>


               <p>Die Pommern lagen zweimal davor; die Hussiten berannten es, als sie sengend und
                  brennend in Lebus und Barnim vordrangen, aber die Heilige Jungfrau im
                  Kirchenbanner schützte das Schloß, und als der damalige Vitzewitz, über dessen
                  Vornamen die Urkunden verschiedene Angaben bringen, ein griechisches Feuer in das
                  Lager der Hussiten warf, zogen sie ab, nachdem sie alle umhergelegenen Dörfer
                  verwüstet hatten. Die Kunst des griechischen Feuers aber hatte der Schloßherr von
                  Rhodus mit heimgebracht, wo er unter den Rittern an zwei Feldzügen gegen die
                  Türken teilgenommen hatte.</p>
               <p>Das war 1432. Ruhigere Zeiten kamen. Der hohe Ruf von Hohen-Vietz lebte fort, ohne
                  daß er Gelegenheit gehabt hätte, <pb/> sich neu zu bewähren. Erst der
                  Dreißigjährige Krieg brachte neue und schwerere Prüfungen.</p>
               <p>Am 29. März 1631 fast genau zweihundert Jahre nach der Hussitenüberschwemmung,
                  erschienen von Frankfurt aus sechs Compagnien Kaiserlicher vor Hohen-Vietz, das am
                  Tage vorher, den Protesten des Schloßherrn Rochus von Vitzewitz zum Trotz, von den
                  von Stettin und Garz her heranziehenden Schweden besetzt worden war. Oberst
                  Maradas, der die Kaiserlichen führte, forderte die Übergabe des Schlosses. Als
                  diese verweigert wurde, legten die Kaiserlichen, die aus je zwei Compagnien der
                  Regimenter Butler, Lichtenstein und Maradas zusammengesetzt waren, die Leitern an,
                  stürmten das Schloß, brannten es bis auf die nackten Mauern aus und ließen die
                  schwedische Besatzung über die Klinge springen.</p>
               <p>Einen Augenblick stand Rochus von Vitzewitz in Gefahr, das Schicksal der Besatzung
                  zu teilen; seine beiden halberwachsenen Söhne aber, sie mochten siebzehn und
                  sechzehn Jahre zählen, warfen sich dazwischen und retteten ihn durch ihre
                  Geistesgegenwart. Oberst Maradas, an den jungen Leuten Gefallen findend, bot ihnen
                  an, im kaiserlichen Heere Dienst zu nehmen, ein Anerbieten, das von seiten des
                  jüngeren, Matthias, ohne langes Säumen, auch ohne Widerspruch des Vaters
                  angenommen wurde. Es waren nicht Zeiten, um über erfahrene Unbill, wie sie der
                  Lauf des Krieges für Freund und Feind gleichmäßig mit sich brachte, lange zu
                  grübeln. Matthias trat als Cornet in das Regiment Lichtenstein ein, Anselm aber,
                  der ältere, erklärte, bei dem Vater ausharren und demselben bei Wiederaufbau des
                  Schlosses zur Seite stehen zu wollen.</p>
               <p>Dieser Wiederaufbau jedoch verzögerte sich. Als er endlich nach dem Abzug der
                  feindlichen, nunmehr Süddeutschland zum Schauplatz ihrer Kämpfe wählenden Heere
                  beginnen sollte, hatten sich unter den fortwährenden Opfern des Krieges die
                  Verhältnisse derart verschlechtert, daß es an den nötigen Mitteln zu einem
                  Schloßbau gebrach. Rochus entschied sich also, von der Hohen-Vietzer-Höhe, von der
                  aus die Seinen dreihundert Jahre und länger ins Land geblickt hatten,
                  herabzusteigen <pb/> und zu Füßen derselben, am Nordrande des sich hier
                  hinziehenden alten Wendendorfes, ein einfaches Herrenhaus herzurichten. Dies war
                  1634.</p>
               <p>Anselm ging ihm dabei in allen Stücken zur Hand, und schon Sonntag Exaudi, elf
                  Monate nach Beginn des Baues, konnte die neue Heimstätte der Vitzewitze bezogen
                  werden.</p>
               <p>Es war ein Fachwerkhaus, lang, niedrig, mit hohem Dach. In dem Balken aber, der
                  über der Türe hinlief, war ein Spruch eingeschnitten:</p>


               <l>Dies ist der Vitzewitzen Haus,</l>
               <l>Aus dem alten zog es aus;</l>
               <l>Gottes Segen komm herein,</l>
               <l>Wird es wohl geschützet sein.</l>


               <p>Und fast schien es, als ob der Spruch sich erfüllen und inmitten aller
                  Kriegstrübsal, die über dem Lande lag, an dieser neugegründeten Stätte ein neues
                  Glück erblühen solle. Von Matthias, der aus dem Regiment Lichtenstein in das
                  Regiment Tiefenbach übergetreten, bei Nördlingen verwundet und ein halbes Jahr
                  später, erst zwanzig Jahre alt, zum kaiserlichen Hauptmann aufgestiegen war,
                  trafen Nachrichten ein, die des alten Rochus Herz, trotzdem es den Schweden
                  zuneigte, mit Stolz und Freude erfüllten. Anselm, ohne darum nachgesucht zu haben,
                  sah sich an den Hof gezogen und trat in dieselbe Leibtrabantengarde, in der schon
                  seit hundert Jahren alle Vitzewitze ihrem Herrn, dem Kurfürsten, gedient hatten;
                  was aber vor allem zu Dank und Hoffnung stimmte, das waren zwei gesegnete
                  Fruchtjahre, die der Himmel der Hohen-Vietzer Feldmark schenkte, wahre
                  Prachternten, aus deren Erträgen nunmehr die Mittel zur Aufführung eines
                  stattlichen, rechtwinklig an das eigentliche Wohnhaus sich anlehnenden Anbaues
                  entnommen werden konnten. Dieser Anbau, eine einzige mit Emporen, Wappen und
                  Hirschgeweihen geschmückte Halle, richtete das Gemüt des alten Rochus, der eine
                  hohe Vorstellung von den Repräsentationspflichten seines Hauses hatte, wieder auf
                  und gemahnte ihn an alte gastliche Zeiten. Als <pb/> er das erste Mal den
                  Nachbaradel in diesem »Bankettsaal«, wie er die Halle gern nennen hörte,
                  bewirtete, hielt er eine Ansprache an die Versammelten, die der Überzeugung
                  Ausdruck gab, daß das Haus Vitzewitz auch wieder »bergan« ziehen und nicht immer
                  »geduckt unterm Winde« stehen werde. All Ding, so etwa schloß er, habe seine Zeit,
                  auch Krieg und Kriegesnot, und der Tag werde kommen, wo seine lieben Freunde und
                  Nachbaren wieder auf der Höhe bei ihm zu Gaste sein und frei ostwärts mit ihm
                  blicken würden.</p>
               <p>Alles stimmte ein. Aber wenn jemals unprophetische Worte gesprochen wurden, so
                  waren es diese. Der Krieg kam wieder, mit ihm Hunger und Pest, und zerstörte
                  entweder den Wohlstand der Dörfer oder diese selbst. Ganze Gemarkungen wandelten
                  sich in eine Wüste, und die Hälfte der Hohen-Vietzer Hofestellen stand leer, weil
                  ihre Insassen verflogen oder verstorben waren. Inmitten dieses Elendes, ehe noch
                  der Schimmer besserer Zeiten heraufdämmerte, schloß Rochus die müden Augen, und
                  sie trugen ihn bergan in die Gruft unterm Altar und stellten den kupfernen Sarg,
                  mit Beschlägen und Wappentafeln und mit aufgelötetem silbernen Kruzifix, in die
                  lange Reihe der ihm vorangegangenen Ahnen. Nichts fehlte; denn der Zeiten Not
                  hatte dem Vater die Ehren des Begräbnisses nicht kürzen sollen. So wollte es der
                  älteste Sohn: der jüngere, mit seinem Regiment an der fränkischen Saale stehend,
                  hatte der Bestattung nicht beiwohnen können.</p>
               <p>Anselm war nun Herr auf Hohen-Vietz.</p>
               <p>Es war nicht frohen Herzens, daß er das erste Korn in den nur schlecht gepflügten
                  Boden warf: aber siehe da, die Saat ging auf, ohne daß Freund oder Feind – denn
                  zwischen beiden war längst kein Unterschied mehr – die jungen Halme zerstampft
                  hätte: der Krieg, so schien es, hatte sich ausgebrannt wie ein Feuer, das keine
                  Nahrung mehr findet, und ehe das Jahrzehnt schloß, ging die Mär von Mund zu Mund,
                  die Mär, daß Friede sei.</p>
               <p>Und es war Friede. Was niemand mehr mit Augen zu sehen gehofft hatte, es war da.
                  Und als abermals zwei Jahre ins Land <pb/> gezogen waren, ohne daß Schwede oder
                  Kaiserlicher im Lebusischen gelagert und geplündert hätte, und jeder, selbst der
                  Ungläubigste, seiner Zweifel sich entschlagen mußte, da traf ein Brief im
                  Hohen-Vietzer Herrenhause ein, der führte die Aufschrift: »Dem wohledlen,
                  gestrengen und festen Anselm von Vitzewitz, erbsessen auf Hohen-Vietz im Lande
                  Lebus.« Der Brief selbst aber lautete: »Mein insonders vielgeliebter Bruder! Von
                  heut ab in zween Wochen, so Gott seinen Segen zu meinem Plane gibt, bin ich bei
                  Dir in Hohen-Vietz. Ich erwarte nur noch die Permission aus Wien, die mir
                  Kaiserliche Majestät nicht refüsieren wird. Vielleicht, daß uns tempora futura
                  wieder zusammenführen, wie uns die Tage der Kindheit und adolescentia zusammen
                  sahen. Wir Lutherischen – trotzdem sie zu Münster und Osnabrügge den
                  Religionsfrieden mit vollen Backen proklamieret haben – sind wenig gelitten im
                  kaiserlichen Heere, und kein Tag vergeht ohne Andeutung, daß man uns nicht mehr
                  braucht. Ich höre, daß Unser gnädigster Herr Kurfürst, dem ich nie säumig gewesen,
                  als meinen Lehns- und Landesherren zu konsiderieren, eine brandenburgische Armee
                  wirbt, derowegen er aus schwedischem und kaiserlichem Heer Offiziers und Generals
                  im beträchtlichen herübernimmt. Es sollte mir eine rechte Freude sein, so die
                  Reihe auch an mich käme; denn daß ich es sage, es zieht mich wieder heimb in mein
                  liebes Land Lebus. Unsere Vettern und Nachbarn, die Burgsdorffs, die post mortem
                  Schwarzenbergii das A und das O bei Hofe sind, werden doch etwas tun wollen für
                  eine alte Kriegsgurgel, die den Dienst kennt wie den Catechismum Lutheri. Interim
                  bene vale. Der ich bin Dein Bruder Matthias von Vitzewitz, kaiserlicher
                  Oberst.«</p>
               <p>Und Matthias kam wirklich und hielt die angegebene Zeit. Ein Fest sollte seine
                  Anwesenheit feiern. In dem großen Anbau waren drei Tische gedeckt: zwei standen
                  unten und liefen, der Länge des Saales nach, nebeneinander her, der dritte Tisch
                  aber stand quer auf einer mit Wappen und Bannern geschmückten Empore, zu der drei
                  Stufen hinanführten. Die ganze Freundschaft aus Barnim und Lebus war geladen: die
                  Brüder saßen <pb/> einander gegenüber; neben ihnen, an der Quertafel: Adam und
                  Beteke Pfuel von Jahnsfelde, Peter Ihlow von Ringenwalde, Balthasar Wulffen von
                  Tempelberg, Hans und Nikolaus Barfus von Hohen-und Nieder-Predikow, dazu Tamme
                  Strantz, Achim von Kracht, zwei Schapelows, zwei Beerfeldes und fünfe von
                  Burgsdorff. Sie waren alle, schon um Glaubens willen, mehr schwedisch als
                  kaiserlich, besonders Peter Ihlow, der – ein Neffe Feldmarschall Ihlows – einen
                  Groll gegen den Wiener Hof hatte, ihn anklagend, seinen Oheim in Schloß Eger
                  meuchlings gemordet zu haben. Er wiederholte auch heute seine Anklage, wobei es
                  dahingestellt bleiben mag, ob er die Gegenwart des Gastes momentan vergaß oder sie
                  vergessen wollte.</p>
               <p>Matthias von Vitzewitz, als er seinen Kriegsherrn, den Kaiser, in so
                  herausfordernder Weise schmähen hörte, erhob sich und rief:</p>
               <p>»Peter Ihlow, hütet Eure Zunge. Ich bin kaiserlicher Offizier.«</p>
               <p>»Du bist es«, rief jetzt Anselm, aus dem der Wein, aber noch mehr das
                  protestantische Herz sprach, über den Tisch hinüber: »du bist es; aber besser wäre
                  es, du wärest es nie gewesen.«</p>
               <p>»Besser oder nicht, ich bin es. Des Kaisers Ehre ist meine Ehre.«</p>
               <p>»Ein Glück, daß du die Ehre satt hast. Die Fremden sind wenig gelitten im
                  kaiserlichen Heere.«</p>
               <p>Matthias, der sich bis dahin mühsam bezwungen hatte, verlor alle Herrschaft über
                  sich, als er sich, durch Vorhaltung seiner eigenen Briefworte, in so wenig
                  großmütiger Weise besiegt und gefangen sah. Die Augen traten ihm aus der Stirn,
                  und sein Kinn auf den Knauf des Degens stützend, schrie er: »Wer das sagt, der
                  lügt.«</p>
               <p>»Wer es leugnet, der lügt.«</p>
               <p>In diesem Augenblicke zogen beide. Die Zunächstsitzenden sprangen auf, aber ehe
                  noch ein Dazwischenspringen möglich war, hatte des jüngeren Bruders Degen die
                  Brust des älteren durchdrungen. Anselm war tödlich getroffen.</p>
               <p>
                  <pb/> Matthias, außer sich über das Geschehene, wollte sich dem Kurfürsten
                  stellen; nur widerwillig gab er den Vorstellungen derer nach, die auf Flucht
                  drangen. In seine Garnisonstadt Böhmisch-Grätz zurückgekehrt, machte er nach Wien
                  hin Meldung von dem Vorgefallenen; dabei hatte es sein Bewenden. Ihm zu zeigen,
                  wie wenig die Kriegskanzelei den Vorfall beanstande, der ja in Verteidigung
                  kaiserlicher Ehre seine erste Veranlassung hatte, ließ man ihn zum General
                  aufsteigen und gab ihm ein Kommando in Ungarn. Aber diese Gnadenbezeugungen,
                  dankbar, wie er sie entgegennahm, gaben ihm doch die Ruhe nicht wieder, nach der
                  er dürstete, und von Peterwardein aus, wo er im Feldlager lag, schrieb er an den
                  Kurfürsten und rief seine Gnade an, »um dessentwillen, der aller Menschen Heil und
                  Gnade sei«.</p>
               <p>Der Kurfürst schwankte; als aber durch die eidlichen Aussagen von Peter Ihlow,
                  Beteke Pfuel und Ehrenreich von Burgsdorff erwiesen war, daß beide Brüder zu
                  gleicher Zeit gezogen hätten, kam es zu einem Generalpardon, »gleichweis als ob
                  die Geschichte nie geschehen wäre«, und Matthias kehrte nach Hohen-Vietz zurück,
                  das er seit dem Tage, an dem Maradas das Schloß gestürmt hatte, nur einmal, in
                  jener unheilvollen Festesstunde, wiedergesehen hatte.</p>
               <p>Er kam und brachte, wie die Hohen-Vietzer noch lange erzählten, »eine Tonne Goldes
                  mit sich«; denn Dotationen und Landerwerbungen, wie sie damals herkömmlich waren,
                  hatten ihn reich gemacht. Der Kurfürst empfing ihn in ausgezeichneter Weise und
                  setzte ihn, unter Innehaltung herkömmlicher Formen, in den Vollbesitz des
                  verfallenen Gutes ein. Unmittelbar darauf schritt der Neubelehnte zur Aufführung
                  eines schloßartigen, mit breiter Treppe und hohen Stuckzimmern reich
                  ausgestatteten Renaissanceneubaues, der, mit dem ärmlichen Fachwerkhaus parallel
                  laufend, einen hufeisenförmigen Gebäudekomplex herstellte, in dem die
                  »Banketthalle«, der mehrgenannte Saalanbau des alten Rochus, die verbindende Linie
                  war. Diesen Saalanbau selbst aber, eingedenk dessen, was hier geschah, schuf
                  Matthias von Vitzewitz in eine Kapelle <pb/> um. Über dem Altar stiftete er ein
                  Bild, dessen Inhalt der Erzählung vom verlorenen Sohn entnommen war; daneben hing
                  er die Klinge auf, mit der er den Bruder erstochen hatte. Er betrat die Kapelle
                  nie anders als in der Dämmerstunde, er liebte nicht, daß man es wußte oder gar
                  davon sprach, aber wer auf dem anstoßenden Fliesenflur des alten Fachwerkhauses zu
                  tun hatte oder müßig lauschte, der hörte seine lauten Gebete.</p>
               <p>Seine Buße währte sein Leben lang, und sein Leben kam zu hohen Jahren. Noch spät
                  hatte er sich vermählt. Im Herbste desselben Jahres, das seinen Herrn den
                  Kurfürsten hinscheiden sah, schied auch er aus dieser Zeitlichkeit, und die
                  Hohen-Vietzer, an ihrer Spitze der achtzehnjährige Sohn des Hauses, trugen ihn bis
                  zur alten Hügelkirche hinauf und setzten ihn in die Gruft neben den Kupfersarg des
                  Vaters derart, daß Anselm zur Rechten, Matthias aber zur Linken stand.</p>
               <p>Er war in der Zuversicht gestorben, daß Gott seine Buße angenommen habe; auch die,
                  die nach ihm kamen, waren dieses Glaubens voll. Aber dieser Glaube, wie festen
                  Lebensgrund er ihnen gab, konnte ihnen doch den Frohsinn des Lebens nicht
                  wiedergeben. Sie blickten ernst um sich her. Und dieser Zug begann sich
                  fortzuerben. Der Familiencharakter, der in alten Zeiten ein joviales Aufbrausen
                  gewesen war, wich einem Grübeln und Brüten, und ihr Hang zu Festen und Gelagen
                  schlug in einen Hang zur Selbstpein und Askese um. Auch sahen sie sich durch
                  manchen Vorgang, durch Spuk und Wirklichkeit, in diesem Hange genährt und
                  gefestigt. In dem zur Kapelle umgeschaffenen Saalanbau, der, verstaubend und
                  verfallend, längst wieder den Kapellencharakter abgestreift hatte und zu einem
                  Vorratsraum für die kleinen Leute des Hauses geworden war, ging der alte Matthias
                  um wie zu Lebzeiten und kniete vor dem Altar, den er gestiftet. Niemand im Hause
                  zweifelte daran. Aber wenn auch ein einzelner den Spuk verneint und, sei es aus
                  Glauben oder Unglauben, die Erscheinung als ein abergläubisch Gebilde verworfen
                  hätte, so hätten doch andere Zeichen zu ihm gesprochen. Seit anderthalbhundert
                  <pb/> Jahren stand das Geschlecht auf zwei Augen; es sah darin einen Finger
                  Gottes; zwei Brüder sollten nicht wieder in Waffen gegeneinander stehen.</p>
               <p>Die Dorfbewohner, wie kaum versichert zu werden braucht, hegten dies alles wie
                  einen Schatz, und in den Spinnstuben wurde nichts eifriger verhandelt als die
                  Frage, ob der alte Matthias gesehen worden sei oder nicht. Es war eine Art
                  Ehrensache, ihn gesehen zu haben. Man scherzte über ihn und fürchtete sich. Die
                  Bauern selbst waren nicht anders wie ihre Mägde. Auf dem Höhenzuge, dicht neben
                  der Kirche, stand eine alte Buche, die teilte sich halbmannshoch über der Wurzel
                  und wuchs in zwei Stämmen nach rechts und links. Das paßte den Hohen-Vietzern, und
                  die Sage ging, daß beide Brüder, als sie noch Kinder waren, diesen Baum
                  gemeinschaftlich gepflanzt hätten. Als aber Anselm von der Hand des jüngern
                  gefallen sei, da habe sich der Stamm geteilt. Und noch andere wußten, daß
                  Matthias, wenn er unten in der Kapelle gebetet, die große Nußbaumallee bis zur
                  Kirche hinaufsteige und den Buchenstamm da, wo er sich teilt, zu umfassen und
                  zusammenzupressen suche. Aber umsonst. Er sitze dann zu Füßen des Baumes und klage
                  laut.</p>
               <p>Aber wenn sich das nach dem Spukhaften und Schauerlichen drängende romantische
                  Bedürfnis in diesen trüben Bildern mit Vorliebe aussprach, so drängte doch auch
                  ein anderer Zug in den Herzen der Hohen-Vietzer ebenso entschieden auf endliche
                  Versöhnung hin, und einen Reimspruch kannte jung und alt, der dieser Hoffnung auf
                  Versöhnung Ausdruck gab. Auch im Herrenhause kannten sie ihn sehr wohl, und der
                  Reimspruch lautete:</p>


               <l>Und eine Prinzessin kommt ins Haus,</l>
               <l>Da löscht ein Feuer den Blutfleck aus,</l>
               <l>Der auseinander getane Stamm</l>
               <l>Wird wieder eins, wächst wieder zusamm',</l>
               <l>Und wieder von seinem alten Sitz</l>
               <l>Blickt in den Morgen Haus Vitzewitz.</l>


               <pb/>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Drittes Kapitel</head>
               <head>Weihnachtsmorgen</head>
               <p>An Lewins Seele waren inzwischen unruhige Träume vorübergegangen. Die Fahrt im
                  Ostwind hatte ihn fiebrig gemacht, und erst gegen Morgen verfiel er in einen
                  festen Schlaf. Eine Stunde später begann es bereits im Hause lebendig zu werden:
                  auf dem langen Korridor, an dessen Nordostecke Lewins Zimmer gelegen war, hallten
                  Schritte auf und ab, schwere Holzkörbe wurden vor die Feuerstellen gesetzt und
                  große Scheite von außen her in den Ofen geschoben. Bald darauf öffnete sich die
                  Tür, und der alte Diener, der am Abend zuvor seinen jungen Herrn empfangen hatte,
                  trat ein, einen Blaker in der Hand. Hektor blieb liegen, reckte sich auf dem
                  Rehfell und wedelte nur, als ob er rapportieren wolle: Alles in Ordnung. Jeetze
                  setzte das Licht, dessen Flamme er bis dahin mit seiner Rechten sorglich gehütet
                  hatte, hinter einen Schirm und begann alles, was an Garderobestücken umherlag,
                  über seinen linken Arm zu packen. Er selbst war noch im Morgenkostüm; zu den
                  Samthosen und Gamaschen, ohne die er nicht wohl zu denken war, trug er einen
                  Arbeitsrock von doppeltem Zwillich. Als er alles beisammen hatte, trat er, leise
                  wie er gekommen war, seinen Rückzug an, dabei nach Art alter Leute unverständliche
                  Worte vor sich her murmelnd. An dem zustimmenden Nicken seines Kopfes aber ließ
                  sich erkennen, daß er zufrieden und guter Laune war.</p>
               <p>Die Türe blieb halb offen, und das erwachende Leben des Hauses drang in immer
                  mahnenderen, aber auch in immer anheimelnderen Klängen in das wieder still
                  gewordene Zimmer. Die großen Scheite Fichtenholz sprangen mit lautem Krach
                  auseinander, von Zeit zu Zeit zischte das Wasser, das aus den naß gewordenen
                  Stücken in kleinen Rinnen ins Feuer lief, und von der Korridornische her hörte man
                  den sichern und regelrechten Strich, mit dem Jeetzes Bürste der Hacheln und
                  Härchen, die nicht loslassen wollten, Herr zu werden suchte.</p>
               <p>
                  <pb/> Alles das war hörbar genug, nur Lewin hörte es nicht. Endlich beschloß
                  Hektor, der Ungeduld Jeetzes und seiner eigenen ein Ende zu machen, richtete sich
                  auf, legte beide Vorderpfoten aufs Deckbett und fuhr mit seiner Zunge über die
                  Stirn des Schlafenden hin, ohne weitere Sorge, ob seine Liebkosungen willkommen
                  seien oder nicht. Lewin wachte auf; die erste Verwirrung wich einem heiteren
                  Lachen. »Kusch dich, Hektor«, damit sprang er aus dem Bett. Der Morgenschlaf hatte
                  ihn frisch gemacht; in wenig Minuten war er angekleidet, ein Vorteil halb
                  soldatischer Erziehung. Er durchschritt ein paarmal das Zimmer, betrachtete
                  lächelnd einen mit vier Nadeln an die Tischdecke festgesteckten Bogen Papier, auf
                  dem in großen Buchstaben stand: »Willkommen in Hohen-Vietz«, ließ seine Augen über
                  ein paar Silhouettenbilder gleiten, die er von Jugend auf kannte und doch immer
                  wieder mit derselben Freudigkeit begrüßte, und trat dann an eines der zugefrorenen
                  Eckfenster. Sein Hauch taute die Eisblumen fort, ein Fleckchen, nicht größer wie
                  eine Glaslinse, wurde frei, und sein erster Blick fiel jetzt auf die eben
                  aufgehende Weihnachtssonne, deren roter Ball hinter dem Turmknopf der
                  Hohen-Vietzer Kirche stand. Zwischen ihm und dieser Kirche erhoben sich die Bäume
                  des hügelansteigenden Parkes, phantastisch bereift, auf einzelnen ein paar Raben,
                  die in die Sonne sahen und mit Gekreisch den Tag begrüßten.</p>
               <p>Lewin freute sich noch des Bildes, als es an die Türe klopfte.</p>
               <p>»Nur herein!«</p>
               <p>Eine schlanke Mädchengestalt trat ein, und mit herzlichem Kuß schlossen sich die
                  Geschwister in die Arme. Daß es Geschwister waren, zeigte der erste Blick: gleiche
                  Figur und Haltung, dieselben ovalen Köpfe, vor allem dieselben Augen, aus denen
                  Phantasie, Klugheit und Treue sprachen.</p>
               <p>»Wie freue ich mich, dich wieder hier zu haben. Du bleibst doch über das Fest? Und
                  wie gut du aussiehst, Lewin! Sie sagen, wir ähnelten uns; es wird mich noch eitel
                  machen.«</p>
               <p>Die Schwester, die bis dahin wie musternd vor dem Bruder gestanden hatte, legte
                  jetzt ihren Arm in den seinen und <pb/> fuhr dann, während beide auf der breiten
                  Strohmatte des Zimmers auf und ab promenierten, in ihrem Geplauder fort.</p>
               <p>»Du glaubst nicht, Lewin, wie öde Tage wir jetzt haben. Seit einer Woche flog uns
                  nichts wie Schneeflocken ins Haus.«</p>
               <p>»Aber du hast doch den Papa...«</p>
               <p>»Ja und nein. Ich hab ihn und hab ihn nicht; jedenfalls ist er nicht mehr, wie er
                  war. Seine kleinen Aufmerksamkeiten bleiben aus; er hat kein Ohr mehr für mich,
                  und wenn er es hat, so zwingt er sich und lächelt. Und an dem allen sind die
                  Zeitungen schuld, die ich freilich auch nicht missen möchte. Kaum daß
                  Hoppenmarieken in den Flur tritt und das Postpaket aus ihrem Kattuntuch wickelt,
                  so ist es mit seiner Ruhe hin. Er geht an mir vorbei, ohne mich zu sehen. Briefe
                  werden geschrieben; die Pferde kommen kaum noch aus dem Geschirr; zu Wagen und zu
                  Schlitten geht es hierhin und dorthin. Oft sind wir tagelang allein. Ein Glück,
                  daß ich Tante Schorlemmer habe, ich ängstigte mich sonst zu Tode.«</p>
               <p>»Tante Schorlemmer! So findet alles seine Zeit.«</p>
               <p>»Oh, sie braucht nicht erst ihre Zeit zu finden, sie hat immer ihre Zeit, das weiß
                  niemand besser als du und ich. Aber freilich, eines ist meiner guten Schorlemmer
                  nicht gegeben, einen öden Tag minder öde zu machen. Möchtest du, eingeschneit,
                  einen Winter lang mit ihr und ihren Sprüchen am Spinnrad sitzen?«</p>
               <p>»Nicht um die Welt. Aber wo bleibt der Pastor? Und wo bleibt Marie? Ist denn alles
                  zerstoben und verflogen?«</p>
               <p>»Nein, nein, sie sind da, und sie kommen auch und sind die alten noch; lieb und
                  gut wie immer. Aber unsere Hohen-Vietzer Tage sind so lang, und am längsten, wenn
                  im Kalender die kürzesten stehen. Marie kommt übrigens heute abend; sie hat eben
                  anfragen lassen.«</p>
               <p>»Und wie geht es unserm Liebling?«</p>
               <p>»In den drei Monaten, daß du nicht hier warst, ist sie voll herangewachsen. Sie
                  ist wie ein Märchen. Wenn morgen eine goldene Kutsche bei Kniehases vorgefahren
                  käme, um sie aus dem Schulzenhause mit zwei schleppentragenden Pagen abzuholen,
                  <pb/> ich würde mich nicht wundern. Und doch ängstigt sie mich. Aber je mehr ich
                  mich um sie sorge, desto mehr liebe ich sie.«</p>
               <p>So weit waren die Geschwister in ihren Plaudereien gekommen, als Jeetze – nunmehr
                  in voller Livree – in der Türe erschien, um seinen jungen Herrschaften
                  anzukündigen, daß es Zeit sei.</p>
               <p>»Wo ist Papa?«</p>
               <p>»Er baut auf. Krist und ich haben zutragen müssen.«</p>
               <p>»Und Tante Schorlemmer?«</p>
               <p>»Ist im Flur. Die Singekinder sind eben gekommen.«</p>
               <p>Lewin und Renate nickten einander zu und traten dann heiteren Gesichts und
                  leichten Ganges, ein jeder stolz auf den andern, in den Korridor hinaus. In
                  demselben Augenblick, wo sie an dem Treppenkopf angelangt waren, klang es
                  weihnachtlich von hellen Kinderstimmen zu ihnen herauf. Und doch war es kein
                  eigentliches Weihnachtslied. Es war das alte »Nun danket alle Gott«, das den
                  märkischen Kehlen am geläufigsten ist und am freiesten aus ihrer Seele kommt. »Wie
                  schön«, sagte Lewin und horchte, bis die erste Strophe zu Ende war.</p>
               <p>Als die Geschwister im Niedersteigen den untersten Treppenabsatz erreicht hatten,
                  hielten sie abermals und überblickten nun das Bild zu ihren Füßen. Die gewölbte
                  Flurhalle, groß und geräumig, trotz der Eichenschränke, die umherstanden, war mit
                  Menschen, jungen und alten, gefüllt; einige Mütterchen hockten auf der Treppe,
                  deren unterste Stufen bis weit in den Flur hinein vorsprangen. Links, nach der
                  Park- und Gartentür zu, standen die Kinder, einige sonntäglich geputzt, die
                  anderen notdürftig gekleidet, hinter ihnen die Armen des Dorfes, auch Sieche und
                  Krüppel; nach rechts hin aber hatte alles, was zum Hause gehörte, seine
                  Aufstellung genommen: der Jäger, der Inspektor, der Meier, Krist und Jeetze, dazu
                  die Mägde, der Mehrzahl nach jung und hübsch, und alle gekleidet in die malerische
                  Tracht dieser Gegenden, den roten Friesrock, das schwarzseidene Kopftuch und den
                  geblümten Manchester-Spenzer. In Front dieser bunten Mädchengruppe gewahrte man
                  <pb/> eine ältliche Dame über fünfzig, grau gekleidet mit weißem Tuch und kleiner
                  Tüllhaube, die Hände gefaltet, den Kopf vorgebeugt, wie um dem Gesange der Kinder
                  mit mehr Andacht folgen zu können. Es war Tante Schorlemmer. Nur als die
                  Geschwister auf dem Treppenabsatz erschienen, unterbrach sie ihre Haltung und
                  erwiderte Lewins Gruß mit einem freundlichen Nicken.</p>
               <p>Nun war auch der zweite Vers gesungen, und die Weihnachtsbescherung an die Armen
                  und Kinder des Dorfes, wie sie in diesem Hause seit alten Zeiten Sitte war, nahm
                  ihren Anfang. Niemand drängte vor; jeder wußte, daß ihm das Seine werden würde.
                  Die Kranken erhielten eine Suppe, die Krüppel ein Almosen, alle einen Festkuchen,
                  an die Kinder aber traten die Mägde heran und schütteten ihnen Äpfel und Nüsse in
                  die mitgebrachten Säcke und Taschen.</p>
               <p>Das Gabenspenden war kaum zu Ende, als die große, vom Flur aus in die Halle
                  führende Flügeltüre von innen her sich öffnete und ein heller Lichtschein in den
                  bis dahin nur halb erleuchteten Flur drang. Damit war das Zeichen gegeben, daß nun
                  dem Hause selber beschert werden solle. Der alte Vitzewitz trat zwischen Türe und
                  Weihnachtsbaum, und Lewins ansichtig werdend, der am Arm der Schwester dem Festzug
                  voraufschritt, rief er ihm zu: »Willkommen, Lewin, in Hohen-Vietz.« Vater und Sohn
                  begrüßten sich herzlich; dann setzten die Geschwister ihren Umgang um die Tafel
                  fort, während draußen im Flur die Kinder wieder anstimmten:</p>


               <l>»Lob, Ehr und Preis sei Gott,</l>
               <l>Dem Vater und dem Sohne,</l>
               <l>Und auch dem Heil'gen Geist</l>
               <l>Im hohen Himmelsthrone.«</l>


               <p>Der Zug löste sich nun auf, und jeder trat an seinen Platz und seine Geschenke.
                  Alles gefiel und erfreute, die Shawls, die Westen, die seidenen Tücher. Da lagerte
                  kein Unmut, keine Enttäuschung auf den Stirnen; jeder wußte, daß schwere Zeiten
                  waren und daß der viel heimgesuchte Herr von Hohen-Vietz <pb/> sich mancher
                  Entbehrung unterziehen mußte, um die gute Sitte des Hauses auch in bösen Tagen
                  aufrechtzuerhalten.</p>
               <p>Zu beiden Seiten des Kamins, über dessen breiter Marmorkonsole das überlebensgroße
                  Bild des alten Matthias aufragte, waren auf kleinen Tischen die Gaben
                  ausgebreitet, die der Vater für Lewin und Renaten gewählt hatte. Lieblingswünsche
                  hatten ihre Erfüllung gefunden, sonst waren sie nicht reichlich. An Lewins Platz
                  lag eine gezogene Doppelbüchse, Suhler Arbeit, sauber, leicht, fest, eine Freude
                  für den Kenner.</p>
               <p>»Das ist für dich, Lewin. Wir leben in wunderbaren Tagen. Und nun komm und laß uns
                  plaudern.«</p>
               <p>Beide traten in das nebenangelegene Zimmer, während in der Halle die
                  Weihnachtslichter niederbrannten.</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Viertes Kapitel</head>
               <head>Berndt von Vitzewitz</head>
               <p>Der Vater Lewins war Berndt von Vitzewitz, ein hoher Fünfziger. Mit dreizehn
                  Jahren bei den zu Landsberg garnisonierenden Knobelsdorff-Dragonern eingetreten,
                  hatte er, nach beinahe dreißigjährigem Dienst, das Kommando des berühmten
                  Regiments eben übernommen, als ihn, im Frühjahr 1795, der Abschluß des Basler
                  Friedens veranlaßte, seinen Abschied zu fordern. Voller Abscheu gegen die Pariser
                  Schreckensmänner sah er in dem »Paktieren mit den Regiciden« ebenso eine Gefahr
                  wie eine Erniedrigung Preußens. Er zog sich verstimmt nach Hohen-Vietz zurück.
                  Vielleicht war es ein Ausdruck seiner Verstimmung, daß er es, wenigstens im
                  geselligen Verkehr, vorzog, seinen militärischen Rang ignoriert und sich lediglich
                  als Herr von Vitzewitz angesprochen zu sehen. Das Gut selbst war ihm schon sieben
                  Jahre früher zugefallen, unmittelbar fast nach seiner Vermählung mit Madeleine von
                  Dumoulin, ältesten Tochter des Generallieutenants von Dumoulin, der bei Zorndorf,
                  als jüngster Offizier in der Schwadron des Rittmeisters von Wakenitz. Wunder der
                  Tapferkeit verrichtet <pb/> und nach zweimaligem Durchbrechen der russischen
                  Carrés den Pour le mérite auf dem Schlachtfelde empfangen hatte.</p>
               <p>Madeleine von Dumoulin, groß, schlank, blond, eine typische deutsche Schönheit,
                  wie so oft die Töchter des altfranzösischen Adels, war der Abgott ihres Gemahls.
                  Und doch sah sie zu ihm hinauf; ohne Prätensionen, fast ohne Laune, beugte sie
                  sich vor der Überlegenheit seines Charakters. Die Geburt eines Sohnes, noch in der
                  Garnisonstadt des Regiments, schuf ein gesteigertes Glück, das aus beider Augen
                  noch lebhafter sprach, als ihnen, bald nach ihrer Übernahme von Hohen-Vietz, auch
                  eine Tochter geboren wurde. Es war im Mai 1795, ein Frühlingsregen sprühte, und
                  das Zeichen des Bundes zwischen Gott und den Menschen, ein Regenbogen, stand
                  verheißungsvoll über dem alten Hause. Aber die Verheißung, wenn sie dem Kinde
                  gelten mochte, galt nicht dem Vater. Ein Allerschmerzlichstes blieb auch ihm, wie
                  so vielen seiner Ahnen, unerspart. Es traf ihn anders, aber nicht minder
                  schwer.</p>
               <p>Der Tag von Jena hatte über das Schicksal Preußens entschieden; elf Tage später
                  hielten bereits angemeldete französische Offiziere vor dem Herrenhause in
                  Hohen-Vietz, zu deren Bewillkommnung, um nicht Anstoß zu geben, auch die kaum von
                  einem hitzigen Fieber wiederhergestellte, noch die Blässe der Krankheit zeigende
                  Dame vom Hause erschienen war. In der Halle war gedeckt. Frau von Vitzewitz blieb
                  und schien ihren Zweck, ein leidliches Einvernehmen zwischen Wirt und Gästen
                  herzustellen, erreichen zu sollen, als sich, während schon der Nachtisch
                  aufgetragen wurde, ein ihr gegenüber sitzender Kapitän, von der spanischen Grenze,
                  olivenfarbig, mit dünnem Spitzbart, erhob und in unziemlichster Huldigung Worte
                  lallte, die der schönen Frau das Blut in die Wangen trieben. Berndt von Vitzewitz
                  fahr auf den Elenden ein, andere Offiziere, dazwischenspringend, trennten die
                  miteinander Ringenden, und Partei ergreifend für den beleidigten Gemahl, steckten
                  sie draußen im Park den Platz ab, wo der Handel auf der Stelle ausgemacht werden
                  sollte. Berndt, ein Meister auf <pb/> den Degen, verwundete seinen Gegner schwer
                  am Kopf, und die Franzosen, in der ihnen eigenen ritterlichen Gesinnung,
                  beglückwünschten ihn, ohne die geringste Verstimmung zu zeigen, zu seinem Triumph.
                  Aber es war ein kurzer Sieg, zum mindesten ein teuer erkaufter. Die heftigen, von
                  solchen Vorgängen unzertrennlichen Erregungen warfen die schöne Frau aufs
                  Krankenbett zurück, am dritten Tag war sie aufgegeben, am neunten trugen sie sie
                  die alte Nußbaumallee hinauf, bis an die Hohen-Vietzer Kirche, und senkten sie
                  unter Innehaltung aller von ihr gegebenen Bestimmungen ein. Nicht in die Gruft,
                  sondern in »Gottes märkische Erde«, wie sie so oft gebeten hatte. Die Glocken
                  klangen den ganzen Tag ins Land, und als der Frühling kam, lag ein Stein auf der
                  Grabesstelle, ohne Namen, ohne Datum, nur tief eingegraben: »Hier ruht mein
                  Glück.«</p>
               <p>Berndts Charakter hatte sich unter diesen Schlägen aus dem Ernsten völlig ins
                  Finstere gewandelt. Die Lage des zerbröckelten, nahezu aus der Reihe der Staaten
                  gestrichenen Vaterlandes war nicht dazu angetan, ihn aufzurichten. Sein eigner
                  Besitz entwertet, die Ernten geraubt, das Gehöft von Räuberhänden halb
                  niedergebrannt – so verfiel er auf Jahr und Tag in brütenden Trübsinn und lebte
                  erst wieder auf, als Sorge und Mißgeschick, die beinahe unausgesetzt auf ihn
                  eindrangen, einen großen Haß in ihm gezeitigt hatten. Er wurde rührig, regsam, er
                  hatte Ziele, er lebte wieder.</p>
               <p>Der Haß, dem er dieses dankte, richtete sich gegen alles, was von jenseit des
                  Rheines kam, aber doch war ein Unterschied in dem, was er gegen den Machthaber und
                  gegen die französische Nation empfand. Für diese letztere, deren Mut, Begeisterung
                  und Opferfähigkeit er so oft gepriesen, so oft vorbildlich hingestellt hatte,
                  hatte er, wie fast alle Märker, im tiefsten Herzen eine nicht zu ertötende
                  Vorliebe, und aller Haß, den er, dieser Liebe zum Trotz, stark und ehrlich zur
                  Schau trug, war viel mehr Absicht und Kalkül als unmittelbare Empfindung,
                  emporgewachsen aus der unablässigen, mit Geflissentlichkeit gehegten Betrachtung,
                  daß – um ihn selber <pb/> sprechen zu lassen – »das undankbarste aller Völker
                  einen guten König geschlachtet habe, um sich vor den Triumphwagen eines
                  freiheitsmörderischen Tyrannen zu spannen«. Ganz anders sein Haß gegen den
                  Bonaparte selbst. Ungemacht und ungekünstelt sprang er wie ein heißer Quell aus
                  seinem Herzen. Schon der Name widerte ihn an. Er war kein Franzos, er war
                  Italiener, Korse, aufgewachsen an jener einzigen Stelle in Europa, wo noch die
                  Blutrache Sitte und Gesetz; und selbst die Größe, die er ihm zugestehen mußte, war
                  ihm staunens-, aber nicht bewundernswert, weil sie alles himmlischen Lichtes
                  entbehrte. Er sah in ihm einen Dämon, nichts weiter; eine Geißel, einen Würger,
                  einen aus Westen kommenden Dschingis-Khan. Als Mitte November bekannt wurde, daß
                  der Kaiser Küstrin passieren werde, um bis an die Weichsel zu gehen führte Berndt
                  seine beiden halberwachsenen Kinder, Renate zählte elf, Lewin eben sechzehn Jahre,
                  nach der alten Oderfestung und nahm Stand an dem Müncheberger Tore, um ihnen den
                  zu zeigen, »den Gott gezeichnet habe«. Und als dieser nun unter dem gewölbten
                  Portal hin in die stille Stadt einritt und das gelbe Wachsgesicht wie ein
                  unheimlicher Lichtpunkt zwischen dem Bug des Pferdes und dem tief in die Stirn
                  gerückten Hute sichtbar wurde, da schob er die Kinder in die vorderste Reihe und
                  rief ihnen vernehmlich zu: »Seht scharf hin, das ist der Böseste auf Erden.«</p>
               <p>Aber wer zu hassen versteht, so es nur der rechte Haß ist, der weiß auch zu
                  lieben, und die leidenschaftliche Zuneigung, die Berndt so viele Jahre lang gegen
                  die zu früh Heimgegangene als sein höchstes irdisches Glück im Herzen getragen
                  hatte, er übertrug sie jetzt auf die Kinder, die als die Ebenbilder der Mutter
                  heranwuchsen. Schlank aufgeschossen, blond und durchsichtig, wichen sie in jedem
                  Zuge von der äußeren Erscheinung des Vaters ab, zu dessen gedrungener Gestalt sich
                  dunkelster Teint und ein schwarzes, kurzgeschnittenes, mit nur wenig Grau erst
                  untermischtes Haar gesellte. Und wie verschieden die Erscheinung, so verschieden
                  auch waren die Charaktere. Leichtbeweglich und leichtgläubig, immer geneigt, zu
                  <pb/> bewundern und zu verzeihen, hatten die Kinder das heitere Licht der Seele,
                  wo der Vater das düstere Feuer hatte. Demütig und trostreich, angelegt, um zu
                  beglücken und glücklich zu sein, leuchtete ihren Wegen die alles verklärende
                  Phantasie. Der Vater freute sich dessen. Er träumte von einer Wandlung, die mit
                  ihnen über das Haus kommen werde.</p>
               <p>Berndt von Vitzewitz, wie alle, die ihr Herz an etwas setzen, machte wenig davon;
                  er hatte das Schamgefühl der Liebe. Aber ebensowenig gefiel er sich darin, eine
                  rauhe Außenseite herauszukehren. Weil er Autorität hatte, durfte er darauf
                  verzichten, sie jeden Augenblick geltend zu machen. Er liebte es, im Gespräch den
                  Unterschied der Jahre zu überspringen, und bespöttelte jene Väter und Mütter, die,
                  aus der Not eine Tugend machend, ihre Gefühls- und Gedankenwelt in zwei Rubriken,
                  in eine für die »Intimen« und in eine andere für die Kinder bestimmte Hälfte, zu
                  teilen pflegen. Er war offen, entgegenkommend gegen Lewin, reich an
                  Aufmerksamkeiten gegen Renate. Nur in den letzten Wochen, wie die Schwester dem
                  Bruder bereits geklagt hatte, war eine Änderung eingetreten; er mied jede
                  Begegnung, sprach wenig und saß halbe Nächte lang, wenn ihn nicht Besuche in die
                  Umgegend führten, an seinem Schreibtisch oder durchschritt im Selbstgespräch das
                  einfensterige Cabinet, das sein Arbeitszimmer bildete.</p>
               <p>Dies Arbeitszimmer war ebenso tief wie schmal, so daß die gelben, von Tabak- und
                  Lampenrauch längst grau gewordenen Wände, bei dem wenigen Licht, das einfiel, noch
                  dunkler erschienen, als sie waren. Von Luxus keine Spur. Nur für Bequemlichkeit
                  war gesorgt, für jenes Alles-zur-Hand-Haben geistig beschäftigter Männer, denen
                  nichts unerträglicher ist, als erst holen, suchen oder gar warten zu müssen. Die
                  beiden Türen des Cabinets, von denen die eine nach der Halle, die andere nach dem
                  Damenzimmer führte, lagen dem Fenster zu, wodurch zwei breite Wandflächen zur
                  Aufstellung eines Schreibtisches und eines Ledersofas, beide von beträchtlicher
                  Länge, gewonnen waren. Ein dazwischen stehender gartenstuhlartiger Holzschemel
                  würde die Kommunikation vollständig <pb/> geschlossen haben, wenn nicht die
                  Tischplatte eine entsprechende Einbuchtung gehabt hätte. Über dem Schreibtisch
                  hing ein schönes Frauenporträt, Brustbild, nachgedunkelt, über dem Sofa ein
                  schmaler, länglicher Spiegel, dessen völlig verblaktes Glas über seine
                  Nutzlosigkeit an dieser Stelle keinen Zweifel ließ. Ein Schlüsselbrett, dazu zwei,
                  drei Hirschgeweihe mit allerhand Mützen und Hüten daran, vollendeten die
                  Einrichtung. In den Ecken standen Stöcke umher, eine Entenflinte und ein
                  Kavalleriedegen, während an den Paneelen der Fensternische mehrere Spezialkarten
                  von Rußland, mit Oblaten und Nägelchen, je nachdem es sich am bequemsten gemacht
                  hatte, befestigt waren. Zahllose rote Punkte und Linien zeigten deutlich, daß mit
                  dem Zeitungsblatt in der Hand zwischen Smolensk und Moskau bereits viel hin und
                  her gereist worden war.</p>
               <p>Dies war das Zimmer, in das, wie am Schlusse des vorigen Kapitels erzählt, Vater
                  und Sohn eintraten. Beide nahmen auf dem Sofa Platz, gegenüber dem Frauenporträt,
                  das jetzt auf sie niedersah. Berndt, der in seinem gewöhnlichen Hauskostüm war:
                  weite Beinkleider von schottischem Stoff, dunkler Samtrock, dazu ein rotseidenes
                  Tuch leicht um den Hals geschlungen, streckte den rechten Fuß auf ein hohes,
                  tabouretartiges Doppelkissen. Lewin, aus Respekt und Gewöhnung, saß gerade
                  aufrecht neben ihm.</p>
               <p>»Nun, was gibt es, Lewin, was bringst du?«</p>
               <p>»Vielleicht eine Neuigkeit. Morgen werden unsere Blätter das Bulletin bringen, das
                  die Vernichtung des Heeres zugesteht. Ladalinskis hatten den französischen Text;
                  Kathinka las uns die Hauptstellen vor. Es hat mich erschüttert.«</p>
               <p>»Auch mich, aber noch mehr hat es mich erhoben.«</p>
               <p>»So kennst du schon den Inhalt? und ich komme wieder zu spät.«</p>
               <p>»Tante Amelie empfing den Zeitungsausschnitt schon gestern; du kennst ihre alten
                  Beziehungen. Graf Drosselstein, der gestern bei ihr war, erbot sich, mir
                  persönlich die Nachricht zu bringen. Wir haben wohl eine Stunde geplaudert. Und
                  glaube <pb/> mir, das Bulletin sagt nicht die Hälfte. Wir haben Briefe aus Minsk
                  und Bialystock; sie sind total vernichtet.«</p>
               <p>»Welch ein Gericht!«</p>
               <p>»Ja, Lewin, du sprichst das Wort. Die große Hand, die beim Gastmahl des Belsazar
                  war, hat wieder ihre Zeichen geschrieben und diesmal keine Rätselzeichen. Jeder
                  kann sie lesen: ›Gezählt, gewogen und hinweggetan.‹ Ein Gottesgericht hat ihn
                  verworfen. Und doch fürchte ich, Lewin, wir haben Neunmalweise am Ruder, die dem
                  zornigen Gott in den Arm fallen wollen. Sie dürfen es nicht. Wagen sie es, so sind
                  sie verloren, sie und wir. – Wie ist die Stimmung?«</p>
               <p>»Gut. Es ist mir, als wäre eine Wandlung über die Gemüter gekommen. Das ganze
                  Fühlen ist ein höheres; wo noch Niedrigkeit der Gesinnung ist, da wagt sie sich
                  nicht hervor. Was fehlt, ist eins: ein leitender Wille, ein entschlußkräftiges
                  Wort.«</p>
               <p>»Das Wort muß gesprochen werden, so oder so. Wenn die Menschen stumm sind, so
                  schreien es die Steine. Gott will es, daß wir seine Zeichen verstehen. Lewin, wir
                  alle sind hier entschlossen. Wir alle stehen hier des Wortes gewärtig; wird es
                  nicht gesprochen, so folgen wir dem lauten Wort, das in uns klingt. Es begräbt
                  sich leicht im Schnee. Nur kein feiges Mitleid. Jetzt oder nie. Nicht viele werden
                  den Njemen überschreiten, über die Oder darf keiner.«</p>
               <p>Lewin schwieg eine Weile; er mied es, dem Blick des Vaters zu begegnen. Dann
                  sprach er halb vor sich hin: »Wir sind die Verbündeten des Kaisers. Wir wollen das
                  Bündnis lösen, Gott gebe es, aber –«</p>
               <p>»So mißbilligst du, was wir vorhaben?«</p>
               <p>»Ich kann nicht anders. Das, was du vorhast und was Tausende der Besten wollen, es
                  ist gegen meine Natur. Ich habe kein Herz für das, was sie jetzt mit Stolz und
                  Bewunderung die spanische Kriegsführung nennen. Alles, was von hintenher sein
                  Opfer faßt, ist mir verhaßt. Ich bin für offenen Kampf, bei hellem Sonnenschein
                  und schmetternden Trompeten. Wie oft habe ich in Entzücken geweint, wenn ich auf
                  der Fußbank neben Mama saß und sie von ihrem Vater erzählte, wie er, <pb/> kaum
                  achtzehnjährig, in die russischen Vierecke einbrach und wie dann Rittmeister von
                  Wakenitz vor der Schwadron ihn küßte und ihm zurief: ›Junker von Dumoulin, lassen
                  Sie uns die Degen tauschen.‹ Ja, ich will Krieg führen, aber deutsch, nicht
                  spanisch, auch nicht slawisch. Du weißt, Papa, ich bin meiner Mutter Sohn.«</p>
               <p>»Das bist du, und ein Glück, daß du es bist. Über deiner Mutter Kindheit haben
                  helle Sterne gestanden, und ich bitte Gott, daß der Segen ihres Hauses über dir
                  und über Renaten sei.«</p>
               <p>Lewin sah wieder vor sich hin. Berndt von Vitzewitz aber fuhr fort: »Ich weiß, was
                  eine Natur zu bedeuten hat; alles An- und Eingeborene, das nicht gegen die Gebote
                  Gottes streitet, ist mir heilig; gehe deinen Weg, Lewin, ich zwinge dich in
                  nichts. Aber ich, in stillen Nächten habe ich mir's geschworen, ich will den
                  meinen gehen!«</p>
               <p>Eine kurze Pause folgte, während welcher Berndt in dem schmalen Zimmer auf und
                  nieder schritt. Dann, ohne des Schweigens zu achten, in dem Lewin verharrte,
                  sprach er weiter: »Ihr in den Städten, und du bist ein Stadtkind geworden, Lewin,
                  ihr wißt es nicht, ihr habt es nicht recht erlebt. Unter den Augen der Machthaber
                  nahm die Unterdrückung Maß und das Ungesetzliche gesetzliche Formen an. Sie rühmen
                  sich dessen sogar und glauben es beinahe selbst, daß sie unsere Ketten gebrochen
                  haben. Aber wir auf dem Lande, wir wissen es besser, und ich sage dir, Lewin, die
                  rote Hand, die Feuer an die Scheunen legte, die die Goldringe von den Fingern
                  unserer Toten zog, sie ist unvergessen hierherum, und eine rötere Hand wird ihr
                  die Antwort geben.«</p>
               <p>Lewin wollte dem Vater antworten; aber dieser, die Heftigkeit seiner Rede
                  plötzlich umstimmend, fuhr mit ersichtlicher Bewegung fort: »Du warst noch ein
                  Knabe, als der böse Feind ins Land kam: der Glanz seiner Taten ging vor ihm her.
                  Was er damals im Übermut seines Glückes unsere Königin zu fragen sich erdreistete:
                  ›Wie mochten Sie's nur wagen, den Kampf gegen mich aufzunehmen?‹, diese Frage ist
                  seitdem von tausend <pb/> Schwachen und Elenden im Lande selber nachgesprochen
                  worden, als ob sie das A und das O aller Weisheit wäre. Und in dieser Vorstellung
                  unserer Ohnmacht bist du herangewachsen, du und Renate. Ihr habt nichts gesehen
                  als unsere Kleinheit, und ihr habt nichts gehört als die Größe unseres Siegers.
                  Aber, Lewin, es war einst anders, und wir Alten, die wir noch das Auge des großen
                  Königs gesehen haben, wir schmecken bitter den Kelch der Niedrigkeit, der jetzt
                  täglich an unseren Lippen ist.«</p>
               <p>»Und ich bin es sicher«, fiel jetzt Lewin ein, »er wird von uns genommen werden.
                  Wir werden einen frohen, einen heiligen Krieg haben. Aber zunächst sind wir
                  unseres Feindes Freund, wir haben mit und neben ihm in Waffen gestanden; er
                  rechnet auf uns, er schleppt sich unserer Türe zu, hoffnungsvoll wie der Schwelle
                  seines eigenen Hauses; das Licht, das er schimmern sieht, bedeutet ihm Rettung,
                  Leben, und an der Schwelle eben dieses Hauses faßt ihn unsere Hand und würgt den
                  Wehrlosen.«</p>
               <p>In diesem Augenblick begannen die Glocken zu klingen, die von dem alten
                  Hohen-Vietzer Turm her zur Kirche riefen. Sie klangen laut und voll in dem klaren
                  Wetter, Berndt horchte auf; dann mit der Hand nach Osten deutend, von wo die
                  Klänge herüberhallten, fuhr er seinerseits fort: »Ich weiß, daß geschrieben steht,
                  ›die Rache ist mein‹, und in menschlicher Gebrechlichkeit, das weiß der, der in
                  die Herzen sieht, bin ich allezeit seinem Wort gefolgt. Ich fürchte nicht, daß ich
                  lästere, wenn ich ausspreche: Es gibt auch eine heilige Rache. So war es, als
                  Simson die Tempelpfosten faßte und sich und seine Feinde unter Trümmern begrub.
                  Vielleicht, daß auch unsere Rache nichts anderes wird als ein gemeinschaftliches
                  Grab. Sei's drum; ich habe abgeschlossen; ich setze mein Leben daran, und, Gott
                  sei Dank, ich darf es. Diese Hand, wenn ich sie aufhebe, so erhebe ich sie nicht,
                  um persönliche Unbill zu rächen, nein, ich erhebe sie gegen den bösen Feind aller
                  Menschheit, und weil ich ihn selber nicht treffen kann, so zerbreche ich seine
                  Waffe, wo ich sie finde. Der große Schuldige reißt viel Unschuldige mit in <pb/>
                  sein Verhängnis; wir können nicht sichten und sondern. Das Netz ist ausgespannt,
                  und je mehr sich darin verfangen, desto besser. Wir sprechen weiter davon, Lewin.
                  Jetzt ist Kirchzeit. Laß uns Gottes Wort nicht versäumen. Wir bedürfen
                  seiner.«</p>
               <p>So trennten sie sich, als die Glocken zum zweiten Mal ihr Geläut begannen.</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Fünftes Kapitel</head>
               <head>In der Kirche</head>
               <p>Das Summen der Glocken war noch in der Luft, als Berndt von Vitzewitz, Renaten am
                  Arm, aus einem in den Schnee gefegten Fußsteig in die große Nußbaumallee einbog,
                  die, leise ansteigend, von der Einfahrt des Herrenhauses her in gerader Linie zur
                  Hügelkirche hinaufführte. Dem voraufschreitenden Paare folgten Lewin und Tante
                  Schorlemmer. Alle waren winterlich gekleidet; die Hände der Damen steckten in
                  schneeweißen Grönlandsmuffen; nur Lewin, alles Pelzwerk verschmähend, trug einen
                  hellgrauen Mantel mit weitem Überfallkragen.</p>
               <p>Die mehrgenannte Hügelkirche, der sie zuschritten, war ein alter Feldsteinbau aus
                  der ersten christlichen Zeit, aus den Kolonisationstagen der Zisterzienser her;
                  dafür sprachen die sauber behauenen Steine, die Chornische und vor allem die
                  kleinen hochgelegenen Rundbogenfenster, die dieser Kirche, wie allen vorgotischen
                  Gotteshäusern der Mark, den Charakter einer Burg gaben. Wenig hatten die
                  Jahrhunderte daran geändert. Einige Fenster waren verbreitert, ein paar
                  Seiteneingänge für den Geistlichen und die Gutsherrschaft hergerichtet worden;
                  sonst, mit Ausnahme des Turmes und eines neuen Gruftanbaues der nördlichen
                  Langwand, stand alles, wie es zu den Mönchszeiten gestanden hatte.</p>
               <p>War nun aber das Äußere der Kirche so gut wie unverändert geblieben, so hatte das
                  Innere derselben alle Wandlungen <pb/> eines halben Jahrtausends durchgemacht. Von
                  den Tagen an, wo die Askanier hier ihre regelmäßig wiederkehrenden Fehden mit den
                  Pommerherzögen ausfochten, bis auf die Tage herab, wo der große König an eben
                  dieser Stelle, bei Zorndorf und Kunersdorf, seine blutigsten Schlachten schlug,
                  war an der Hohen-Vietzer Kirche kein Jahrhundert vorübergegangen, das ihr nicht in
                  ihrer inneren Erscheinung Abbruch oder Vorschub geleistet, ihr nicht das eine oder
                  andere gegeben oder genommen hätte.</p>
               <p>Ein Gleiches, was hier eingeschaltet werden mag, gilt von der Mehrzahl aller alten
                  märkischen Dorfkirchen, die dadurch ihren Reiz und ihre Eigentümlichkeit
                  empfangen. Besonders im Gegensatz zu den weltlichen oder Profanbauten unseres
                  Landes. Überblickt man diese, so nimmt man alsbald wahr, daß die eine Gruppe zwar
                  die Jahre, aber keine Geschichte, die andere Gruppe zwar die Geschichte, aber
                  keine Jahre hat. Burg Soltwedel ist uralt, aber schweigt. Schloß Sanssouci
                  spricht, aber ist jung wie ein Parvenü. Nur unsere Dorfkirchen stellen sich uns
                  vielfach als die Träger unserer ganzen Geschichte dar, und die Berührung der
                  Jahrhunderte untereinander zur Erscheinung bringend, besitzen und äußern sie den
                  Zauber historischer Kontinuität.</p>
               <p>Die Hohen-Vietzer Kirche hatte drei Eingänge, der erste für die Gemeinde von
                  Westen her. Der Turm, durch den dieser Eingang ging, war aus Feldstein roh
                  zusammengemörtelt; es fehlte die Sauberkeit, die den älteren Bau auszeichnete. Von
                  der Decke herab hing ein Seil, an dem die Betglocke geläutet wurde. Rechts an der
                  Wand hin stand ein Grabscheit, eine Totenbahre; auf ihr lagen Leinentücher, um die
                  Särge hinabzulassen. An der Wand gegenüber waren wurmstichige Holzpuppen,
                  Überreste eines Schnitzaltars aus der katholischen Zeit her, zusammengefegt;
                  daneben aufgeschichtetes Knubbenholz, wahrscheinlich um die Sakristei zu heizen.
                  Das eigentliche Schaustück dieser Vorhalle war aber die »Türkenglocke«, berühmt
                  wegen ihres Tones und ihrer Größe, die, nachdem sie lange oben im Turm gehangen
                  und die Oder hinauf und hinabgeklungen <pb/> hatte, jetzt gesprungen aus ihrer
                  Höhe herabgelassen war. Sie war – so wenigstens ging die Sage – aus Geschützen
                  gegossen, die Isaschar von Vitzewitz (des alten Matthias Sohn) aus dem
                  Türkenkriege mit heimgebracht hatte. Inschriften bedeckten den Rand; eine
                  lautete:</p>


               <l>Ruf ich, öffne deinen Sinn,</l>
               <l>Gott zu dienen ist Gewinn.</l>


               <p>Der schwere Eisenklöppel stand in einer Ecke daneben. Aus dem Turm trat man in den
                  Mittelgang der Kirche; dicht an der Schwelle lag ein granitner Taufstein, ohne Fuß
                  oder Träger, mitten durchgebrochen, noch aus der Zeit der Zisterzienser her.
                  Weiter links, in der Ecke, wo Turm und Kirchenschiff zusammenstießen, war eine
                  Nische in die nördliche Längswand gehauen: an einem Eisenstab hing eine Maria (das
                  Christkind war ihrem Arm entfallen), und ihr zu Häupten stand einfach die
                  Jahreszahl 1431. Das war das Hussitenjahr. Kein Zweifel, daß die Vitzewitze diesen
                  Votivaltar nach Abzug des Feindes gestiftet hatten. Rechts und links vom
                  Mittelgange, bis über die Hälfte der Kirche, liefen die Kirchenstühle hin, alle
                  sauber und verschlossen; nur die Tür des vordersten stand halb offen und hing in
                  den Angeln. Dieser hieß der »Majorsstuhl« seit den Tagen, die der Kunersdorfer
                  Schlacht unmittelbar gefolgt waren. Bis hierher, durch Flucht und Graus, hatten
                  Grenadiere vom Regiment Itzenplitz ihren verwundeten Major getragen, auf diese
                  Bank hatten sie ihn niedergelegt, hier hatte er sich aufgerichtet und die Binden
                  abgerissen. »Kinder, ich will sterben.« Die Bank hatte einen Blutfleck seitdem,
                  und jeder mied die Stelle.</p>
               <p>Einen Hauptschmuck der Hohen-Vietzer Kirche bildeten ihre Grabsteine. Einst hatten
                  sie vom Altar an bis mitten in das Kirchenschiff hinein gelegen; seitdem aber das
                  alte Gewölbe zugeschüttet und die neue Gruft, deren wir schon erwähnten, angebaut
                  worden war, standen sie aufrecht an der Nordwand der Kirche hin. Es waren meist
                  einfache Steine, je nach der Sitte der Zeit mit langen oder kurzen Inschriften
                  versehen, <pb/> die von Malplaquet und Mollwitz erzählten oder auch von stilleren
                  Tagen, in Hohen-Vietz begonnen und beendet.</p>
               <p>An zwei dieser Steine knüpfte die Sage an. Neben der Mariennische stand einer,
                  größer als die andern und dicht beschrieben. Wer die Inschrift las, der wußte, daß
                  Katharina von Gollmitz, eine Freundin des Hauses, einst unter diesem Steine
                  gelegen hatte. Grete von Vitzewitz, der Verstorbenen in besonderer Liebe zugetan,
                  hatte ihr, als sie während eines Besuches in Hohen-Vietz erkrankte und starb,
                  einen Ehrenplatz in der Kirche angewiesen; aber die Freundin im Grabe hatte kein
                  Gefühl für diese Auszeichnung und sehnte sich nach Haus. Immer wenn Grete
                  Vitzewitz über den Grabstein hinschritt, hörte sie eine Stimme: »Grete, mach auf!«
                  Da machten sie endlich auf und brachten den Sarg nach Jargelin, wo Katharina von
                  Gollmitz ihre Heimat hatte. Nun wurde es still. Den Grabstein aber mauerten sie in
                  die Wand.</p>
               <p>Ein anderer Stein, dessen Inschrift längst weggetreten war, lag noch dicht vor dem
                  Altar. Er war der einzige, den man an alter Stelle belassen hatte, vielleicht weil
                  er zerbrochen war. Er weigerte sich hartnäckig, mit den neben ihm liegenden
                  Fliesen gleiche Linie zu halten, und bildete nach und nach eine Mulde. Wie oft
                  auch seine zwei Hälften aufgenommen und Sand und Gerölle in die Vertiefung
                  hineingestampft wurden, der Stein sank immer wieder. Das Volk sagte: »Da liegt der
                  alte Matthias; der geht immer tiefer.«</p>
               <p>Dies war nun freilich ein Irrtum, der alte Matthias lag an anderer Stelle, wohl
                  aber gehörte ihm das große Grabmonument an, das, nach der künstlerischen Seite
                  hin, den Hauptschmuck der Hohen-Vietzer Kirche bildete. Es war ein Marmordenkmal,
                  überladen, rokokohaft, dabei jedoch von großer Meisterschaft der Arbeit. Dem
                  Gegenstande nach zeigte es eine gewisse Verwandtschaft mit dem Altarbilde des
                  Saalanbaues. Matthias von Vitzewitz und seine Gemahlin kniend, dabei voll Andacht
                  zu einer Kreuzigung Christi emporblickend. Alles Basrelief, nur die Knienden fast
                  in losgelöster Figur. Darunter ihre Namen und die Daten ihres Lebens und Sterbens.
                  Ein niederländischer <pb/> Meister hatte das Werk gefertigt und es persönlich zu
                  Schiff bis in die Oder hinauf gebracht.</p>
               <p>Als die Bewohner des Herrenhauses die Kirche betraten, begann eben der Gesang der
                  Gemeinde. Eine schmale Treppe, an einem der kleinen Seiteneingänge ausmündend,
                  führte zu dem herrschaftlichen Stuhle hinauf. Dieser, ein auf Pfeilern ruhender,
                  sehr einfacher Holzbau, war ursprünglich durch hohe Schiebefenster geschlossen
                  gewesen, längst aber waren diese beseitigt, und nur noch zwei schmale Bretter, die
                  von der Brüstung bis zur vollen Höhe der Decke aufstiegen, teilten den Raum in
                  drei große Rahmen ab. Vorn an der Wandung war das Vitzewitzsche Wappen angebracht,
                  ein Andreaskreuz, weiß auf rotem Grunde.</p>
               <p>In Front dieses herrschaftlichen Stuhles, hart an der Brüstung hin, nahmen die
                  Eintretenden geräuschlos Platz: erst Berndt von Vitzewitz, links neben ihm Renate,
                  dann Tante Schorlemmer. Lewin stellte seinen Stuhl in die zweite Reihe. So
                  vernachlässigt alles war, so war es doch nicht ohne einen gewissen Reiz. Gleich
                  zur Rechten Altar und Kanzel; in Front des Altars das Taufbecken, eine silberne,
                  mit allegorischen Figuren und unentzifferbaren Inschriften reich ausgeschmückte
                  Schüssel, die nur mit großer Mühe vor den Händen des Feindes gerettet worden war.
                  An der Wand gegenüber das vorerwähnte Marmordenkmal des alten Matthias und seiner
                  Gemahlin. Das Beste aber, was dieser unscheinbaren Stelle eigen war, war doch das
                  große, fast einen Halbkreis bildende Fenster, das einen Blick auf den Kirchhof und
                  weiter hügelabwärts auf einzelne zerstreute, wie Vorposten ausgestellte Hütten und
                  Häuser des Dorfes gestattete. Neben diesem Fenster, hart an der Kirchwand, stand
                  ein Eibenbaum, der von der Seite her die längsten seiner Zweige vorschob und
                  regelmäßig an die Scheiben klopfte, wenn Pastor Seidentopf seine dreigeteilte
                  Predigt den Hohen-Vietzern ans Herz legte. Lewin setzte sich immer so, daß er
                  einen Blick auf das Fenster frei hatte. Er stand wohl fest auf dem Catechismo
                  Lutheri, wie alle Vitzewitze, seitdem die gereinigte Lehre ins Land gekommen war,
                  <pb/> aber da war doch ein anderes in ihm, das ihn von Zeit zu Zeit trieb, mehr
                  auf den Eibenbaum draußen als auf die Stimme von der Kanzel her zu achten, wäre
                  diese Stimme auch mächtiger gewesen als die seines alten Lehrers und Freundes, dem
                  die sonntägliche Erbauung oblag.</p>
               <p>Die Sonne schien hell, und ein einfallendes Streiflicht erleuchtete in plötzlichem
                  Glanz die halbe Nordwand, vor allem das große Grabdenkmal dem herrschaftlichen
                  Chorstuhl gegenüber. Die lebensgroßen Figuren waren wie von rosigem Leben
                  angehaucht. Lewin hatte die Schönheit dieses Bildwerkes nie so voll empfunden; er
                  las die langen Inschriften, wie er sich gestand, zum ersten Mal.</p>
               <p>Der Gesang schwieg; schon während des letzten Verses war Prediger Seidentopf auf
                  die Kanzel getreten, ein Sechziger, mit spärlichem weißen Haar, von würdiger
                  Haltung und mild im Ausdruck seiner Züge. Lewin hing an der wohltuenden
                  Erscheinung, senkte dann den Blick und folgte in andächtiger Betrachtung dem
                  stillen Gebet. Die Gemeinde tat ein Gleiches, neigte sich und schaute voll
                  herzlichem Verlangen zu ihrem Geistlichen auf, als dieser sein Gebet beendet und
                  sein Haupt wiederum erhoben hatte. Denn die Gemüter waren damals offen für Trost
                  und Zuspruch von der Kanzel her und rechneten nicht nach, ob die Worte lutherisch
                  oder kalvinistisch klangen, so sie nur aus einem preußischen Herzen kamen. Das
                  wußte Seidentopf, der in gewöhnlichen Zeiten manche Widersacher unter den
                  strenggläubigen Konventiklern seines Dorfes zu bekämpfen hatte, und ein heller
                  Glanz, wie ihn ihm die innere Freude gab, umleuchtete seine Stirn, als er nach
                  Lesung des Evangeliums die Textesworte zu erklären begann. Er sprach von dem Engel
                  des Herrn, der den Hirten erschien, um ihnen die Geburt eines neuen Heiles zu
                  verkünden. Solche Engel, so fuhr er fort, sende Gott zu allen Zeiten, vor allem
                  dann, wenn die Nacht der Trübsal auf den Völkern läge. Und eine Nacht der Trübsal
                  sei auch über dem Vaterlande; aber ehe wir es dächten, würde inmitten unseres
                  Bangens der Engel erscheinen und uns zurufen: »Fürchtet euch nicht, siehe, ich
                  verkündige<pb/> euch große Freude.« Denn das Gericht des Herrn habe unsere Feinde
                  getroffen, und wie damals die Wasser zusammenschlugen und »bedeckten Wagen und
                  Reiter und alle Macht des Pharao, daß nicht einer aus ihnen übrigblieb«, so sei es
                  wiederum geschehen.</p>
               <p>An dieser Stelle, auf das Weihnachtsevangelium kurz zurückgreifend, hätte Pastor
                  Seidentopf schließen sollen; aber unter der Wucht der Vorstellung, daß eine
                  richtige Predigt auch eine richtige Länge haben müsse, begann er jetzt, den
                  Vergleich zwischen dem alten und dem neuen Pharao bis in die kleinsten Züge hinein
                  durchzuführen. Und dieser Aufgabe war er nicht gewachsen. Dazu gebrach es ihm an
                  Schwung der Phantasie, an Kraft des Ausdrucks und Charakters. Schemenhaft zogen
                  die Ägypterscharen vorüber. Die Aufmerksamkeit der Gemeinde wich einem toten
                  Horchen, und Lewin, der bis dahin kein Wort verloren hatte, sah von der Kanzel
                  fort und begann seine Aufmerksamkeit dem Fenster zuzuwenden, vor dem jetzt ein
                  Rotkehlchen auf der beschneiten Eibe saß und in leichtem Schaukeln den Zweig des
                  Baumes bewegte.</p>
               <p>Nur Berndt folgte in Frische und Freudigkeit der Rede seines Pastors. Seine eigene
                  Energie half nach; wo die Konturen nicht ausreichten, zog er seine scharfen Linien
                  in die unsicher schwankenden hinein. Was als Schatten kam, wurde zu Leben und
                  Gestalt. Er sah die Ägypter. Bataillone mit goldenen Adlern, Reitergeschwader,
                  über deren weiße Mäntel die schwarzen Roßschweife fielen, so stiegen sie in endlos
                  langem Zuge vor ihm auf, und über all ihrer Herrlichkeit schlossen sich die Wellen
                  des Meeres. Nur über einem schlossen sie sich nicht; er gewann das Ufer, ein
                  nördliches Eisgestade, und siehe da, über glitzernde Felder hin flog jetzt ein
                  Schlitten, und zwei dunkle, tiefliegende Augen starrten in den aufstäubenden
                  Schnee. Pastor Seidentopf hatte keinen besseren Zuhörer als den Patron seiner
                  Kirche, der – und nicht heute bloß – die freundlich schöne Kunst des Ergänzens zu
                  üben verstand. Aus der Skizze schuf er ein Bild und glaubte doch dies Bild von
                  außen her, aus der Hand seines Freundes, empfangen zu haben.</p>
               <p>
                  <pb/> Nun war der Sand durch die Uhr gelaufen, die Predigt selbst geschlossen. Da
                  trat der Pastor noch einmal an den Rand der Kanzel, und mit eindringlicher Stimme,
                  der sofort alle Herzen wieder zufielen, hob er an: »Mit Christi Geburt, die wir
                  heute feiern, beginnt das christliche neue Jahr. Ein neues Jahr; was wird es uns
                  bringen? Es wissen zu wollen wäre Torheit; aber zu hoffen ist unserem Herzen
                  erlaubt. Gott hat ein Zeichen gegeben; mögen wir es zum Rechten deuten, wenn wir
                  es deuten: er will uns wieder aufrichten, unsere Buße ist angenommen, unsere
                  Gebete sind erhört. Die Geißel, die nach seinem Willen sechs lange Jahre über uns
                  war, er hat sie zerbrochen; er hat sich unserer Knechtschaft erbarmt, und die
                  Weihnachtssonne, die uns umscheint, sie will uns verkündigen, daß wieder hellere
                  Tage unserer harren. Ob sie kommen werden mit Palmen oder ob sie kommen werden mit
                  Schwerterklang, wer sagt es? Wohl mischt sich ein Bangen in unsere Hoffnung, daß
                  der Sieg nicht einziehen wird ohne letzte Opfer an Gut und Blut. Und so laßt uns
                  denn beten, meine Freunde, und die Gnade des Herrn noch einmal anrufen, daß er uns
                  die rechte Kraft leihen möge in der Stunde der Entscheidung. Das Wort des Judas
                  Makkabäus sei unser Wort: ›Das sei ferne, daß wir fliehen sollten. Ist unsere Zeit
                  kommen, so wollen wir ritterlich sterben um unserer Brüder willen und unsere Ehre
                  nicht lassen zuschanden werden.‹ Gott will kein Weltenvolk, Gott will keinen
                  Babelturm, der in den Himmel ragt, und wir stehen ein für seine ewigen Ordnungen,
                  wenn wir einstehen für uns selbst. Unser Herd, unser Land sind Heiligtümer nach
                  dem Willen Gottes. Und seine Treue wird uns nicht lassen, wenn wir getreu sind bis
                  in den Tod. Handeln wir, wenn die Stunde da ist, aber bis dahin harren wir in
                  Geduld.«</p>
               <p>Er neigte sich jetzt, um in Stille das Vaterunser zu sprechen; die Orgel fiel mit
                  feierlichen Klängen ein; die Gemeinde, sichtlich erbaut durch die Schlußworte,
                  verließ langsam die Kirche. Auf den verschiedenen Schlängelwegen, die von der
                  Kirche ins Dorf herniederführten, schritten die Bauern und Halbbauern ihren
                  halbverschneiten Höfen zu. Die Frauen und <pb/> Mädchen folgten. Wer von der
                  Dorfstraße aus diesem Herabsteigen zusah, dem erschloß sich ein anmutiges Bild:
                  der Schnee, die wendischen Trachten und die funkelnde Sonne darüber.</p>
               <p>Die Gutsherrschaft nahm wieder ihren Weg durch die Nußbaumallee. Als sie,
                  einbiegend, an die Hoftür kamen, stand Krist an der untersten Steinstufe und zog
                  seinen Hut. Die silberne Borte daran war längst schwarz, die Kokarde verbogen.
                  Berndt, als er seines Kutschers ansichtig wurde, trat an ihn heran und sagte
                  kurz:</p>
               <p>»Fünf Uhr vorfahren! Den kleinen Wagen.«</p>
               <p>»Die Braunen, gnädiger Herr?«</p>
               <p>»Nein, die Ponies.«</p>
               <p>»Zu Befehl!« Mit diesen Worten traten unsere Freunde ins Haus zurück.</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Sechstes Kapitel</head>
               <head>Am Kamin</head>
               <p>Punkt fünf Uhr war Krist vorgefahren; Berndt liebte nicht zu warten. Von den
                  Kindern hatte er kurzen Abschied genommen, um seiner Schwester auf Schloß Guse,
                  oder der »Tante Amelie«, wie sie im Hohen-Vietzer Hause hieß, einen nachbarlichen
                  Besuch zu machen. Daß er noch am selben Abend zurückkehren werde, war nicht
                  anzunehmen; er hatte vielmehr angedeutet, daß aus der kurzen Ausfahrt eine Reise
                  nach der Hauptstadt werden könne. Die Unruhe seiner Empfindung trieb ihn hinaus.
                  Den Weihnachtsaufbau, wie seit Jahren, hatte er sich auch heute nicht nehmen
                  lassen wollen, aber kaum frei, im Gefühl erfüllter Pflicht, schlugen seine
                  Gedanken die alte Richtung ein. Es drängte ihn nach Aktion oder doch nach Einblick
                  in die Welthändel; ein Bedürfnis, das ihm die Enge seines Hauses nicht befriedigen
                  konnte. In der Unterhaltung, das hatte Lewin bei Tische empfunden, tat er sich
                  Zwang an, und das Gefühl davon nahm auch dem Gespräch der Kinder jede freie
                  Bewegung. Eine gewisse Befangenheit griff Platz.</p>
               <p>
                  <pb/> So kam es, daß man die Abwesenheit des Vaters, bei aufrichtigster Liebe zu
                  ihm, fast wie eine Befreiung empfand; Herz und Zunge konnten ihren Weg gehen, wie
                  sie wollten. Unsere Hohen-Vietzer Geschwister empfanden übrigens, wie kaum erst
                  versichert zu werden braucht, nicht kleiner oder selbstsüchtiger als andere im
                  Lande; sie wollten nur nicht gezwungen sein, über den »Bösesten der Menschen«
                  immer wieder und wieder zu sprechen, als wäre nichts Sprechenswertes in der Welt
                  als dieser eine.</p>
               <p>Sie hatten sich samt Tante Schorlemmer im Wohnzimmer eingefunden und saßen jetzt,
                  es mochte die siebente Stunde sein, um den hohen altmodischen Kamin. Mit ihnen war
                  Marie, die Freundin Renatens, des reichen Kniehase dunkeläugige Tochter, deren
                  Besuch für diesen Abend angekündigt war. Jede der drei Damen war nach ihrer Weise
                  beschäftigt. Renate, dem Kamin zunächst sitzend, hielt einen Palmenfächer in der
                  Rechten, mit dem sie die Flamme bald anzufachen, bald sich gegen dieselbe zu
                  schützen suchte; Tante Schorlemmer strickte mit vier großen Holznadeln an einem
                  Shawl, der wie ein Vlies neben ihrem Lehnstuhl niederfiel; Marie blätterte
                  neugierig in einer grönländischen Reisebeschreibung, die ihr Tante Schorlemmer zum
                  Heiligen Christ beschert und mit einem Widmungsverse aus Zinzendorf ausgestattet
                  hatte. Zwischen Marie und Lewin, aber keineswegs als eine Scheidewand, stand der
                  Weihnachtsbaum, den Jeetze von der Halle her hereingetragen hatte. Das Plündern,
                  das Sache Lewins war, nahm eben seinen Anfang. Jede goldene Nuß, die er pflückte,
                  warf er in hohem Bogen über die Spitze des Baumes fort, an dessen
                  entgegengesetzter Seite Marie mit glücklicher Handbewegung danach haschte. Im
                  Werfen und Fangen jedes gleich geschickt.</p>
               <p>Lewin freute sich dieses Spieles; zudem war er von alters her nie besserer Laune,
                  als wenn er sich den Süßigkeiten des Weihnachtsbaumes gegenübersah. Das Naschen
                  war sonst nicht seine Sache, aber die Pfennigreiter, die Nonnen, die Fische
                  machten ihn kritiklos und ließen ihn einmal über das andere <pb/> versichern, »daß
                  in dem plattgedrücktesten Pfefferkuchenbild immer noch ein Tropfen vom himmlischen
                  Manna sei«.</p>
               <p>Die gute Laune Lewins steigerte sich bald bis zu Neckerei, unter der niemand mehr
                  zu leiden hatte als Tante Schorlemmer. »Du sollst den Feiertag heiligen«, rief er
                  ihr zu und wies dabei auf die vier hölzernen Stricknadeln, die, wie sich von
                  selbst versteht, nach dieser scherzhaften Reprimande nur um so eifriger zu
                  klappern begannen. Endlich wurde es ihr zuviel. Sie verfärbte sich und resolvierte
                  kurz: »Meine Grönländer können nicht warten.«</p>
               <p>Da wir nun im langen Verlauf unserer Erzählung nirgends einen Punkt entdecken
                  können, der Raum böte für eine biographische Skizze unter dem Titel »Tante
                  Schorlemmer«, so halten wir hier den Augenblick für gekommen, uns unseres Pflicht
                  gegen diese treffliche Dame zu entledigen. Denn Tante Schorlemmer ist keine
                  Nebenfigur in diesem Buche, und da wir ihr, nach flüchtiger Bekanntschaft in Flur
                  und Kirche, an dieser Stelle bereits zum dritten Male begegnen, so hat der Leser
                  ein gutes Recht, Aufschluß darüber zu verlangen, wer Tante Schorlemmer denn
                  eigentlich ist.</p>
               <p>Tante Schorlemmer war eine Herrnhuterin. Eines Tages, das lag nun dreißig Jahre
                  zurück, war ihr, der damaligen Schwester Brigitte, Mitteilung gemacht worden, daß
                  Bruder Jonathan Schorlemmer, zur Zeit in Grönland, eine eheliche Gefährtin
                  wünsche, bereit, ihm in seinem schweren Werke zur Seite zu stehen. Sie hatte
                  diesem Rufe gehorsamt, ihre Wäsche gezeichnet und war mit dem nächsten dänischen
                  Schiff von Hamburg aus gen Norden gefahren. An einem Tage, der keine Nacht hatte,
                  war sie in Grönland gelandet, Bruder Schorlemmer hatte sie empfangen und ihren
                  Bund persönlich eingesegnet. Die Ehe blieb kinderlos, dessen sich jedoch beide in
                  christlicher Ergebung getrösteten. So vergingen ihnen zehn glückliche Jahre. Zu
                  Beginn des elften starb Jonathan Schorlemmer an einem Lungenkatarrh und wurde in
                  einem mit Seehundsfell beschlagenen Sarge begraben. Seine Witwe aber, nachdem sie
                  die Bevölkerung mit allem, was sie hatte, beschenkt und jedem einzelnen <pb/>
                  versichert hatte, ihn nie vergessen zu wollen, kehrte mit dem Grönlandschiff
                  zunächst nach Kopenhagen und von dort aus in die deutsche Heimat zurück.</p>
               <p>In die deutsche Heimat, aber nicht nach Herrnhut. Auf der weiten Rückreise Berlin
                  berührend, wo ihr einige Anverwandte lebten, beschloß sie, im Kreise derselben zu
                  verbleiben, und bezog in jenem Stadtteile, der fünfzig Jahre früher den
                  einwandernden Böhmischen Brüdern und Herrnhutern als Wohnplatz angewiesen worden
                  war, ein bescheidenes Quartier. In diesen kleinen Häusern der Wilhelmsstraße würde
                  sie ihr stilles und treues Leben sehr wahrscheinlich beschlossen haben, wenn ihr
                  nicht eines Tages ein Blatt ins Haus geflogen wäre, auf dem sie das Folgende las:
                  »Eine ältere Frau, am liebsten Witwe, wird zur Führung eines Haushaltes auf dem
                  Lande gesucht. Eine Tochter von zwölf Jahren soll ihrer besonderen Obhut
                  anvertraut werden. Bedingungen: Verträglichkeit und Christlichkeit. Anfragen sind
                  zu richten an: B.v.V., poste restante Küstrin.« Tante Schorlemmer schrieb; alles
                  Geschäftliche erledigte sich schnell. Um Weihnachten 1806 traf sie in Hohen-Vietz
                  ein, in dessen Herrenhause gerade damals ein trübes Christfest gefeiert wurde. Man
                  trat sich gegenseitig vertrauungsvoll entgegen, und nach wenig Wochen schon begann
                  der Einfluß unserer Freundin sich geltend zu machen. Nicht das Glück, aber Ruhe
                  und Friede waren in ihrem Geleit. Renate hing ihr an, Lewin verehrte ihre
                  Fürsorge, Berndt von Vitzewitz hatte einen tiefen Respekt vor ihrem
                  Herrnhutertume.</p>
               <p>Und darin unterschied er sich freilich von seinen Kindern. Diese beugten sich wohl
                  vor der Aufrichtigkeit, aber nicht vor der Tiefe von Tante Schorlemmers
                  christlichem Gefühl. Ihre Leidenschaftslosigkeit, die dem Vater so wohl tat,
                  erschien den Geschwistern einfach als Schwäche. Nach Ansicht beider gebrauchte sie
                  ihr Christentum wie eine Hausapotheke; und darin lag etwas Wahres. Für alle mehr
                  gewöhnlichen Fälle hatte sie das Sal sedativum einer frommen Alltagsbetrachtung,
                  wie »Rechte Treu kennt keine Scheu« oder »So dunkel ist keine <pb/> Nacht, daß
                  Gottes Auge nicht drüber wacht«; für ernstere Fälle jedoch griff sie nach dem
                  starken und nervenerfrischenden Sal volatile irgendeines Kraftspruches: »Was will
                  Satan und seine List, wenn mein Herr Jesus mit mir ist.« Das unterscheidende
                  Merkmal zwischen den schwachen und starken Mitteln bestand im wesentlichen darin,
                  daß in den letzteren jedesmal der Böse herausgefordert und ihm die Nutzlosigkeit
                  seiner Anstrengungen entgegengehalten wurde. Alle diese Sprüche aber, ob schwach
                  oder stark, wurden ebensosehr im festen Glauben an ihre innewohnende Kraft wie mit
                  der äußersten Seelenruhe vorgetragen. Und da steckte die Schuld oder doch das, was
                  den Geschwistern als Schuld erschien. Diese Seelenruhe, die sich neben dem Maß
                  geforderter Teilnahme oft wie Teilnahmlosigkeit ausnahm, reizte die jungen Gemüter
                  und stellte ihre Geduld auf manche harte Probe. Berndt verstand dies stille
                  Christentum besser und hatte an sich selbst erfahren, daß der Trost aus dem Worte
                  Gottes mehr war als der Wortetrost der Menschen.</p>
               <p>So war Tante Schorlemmer. – Das Scherzen über ihre vorgeblich freie Stellung zum
                  dritten Gebot hatte sie einen Augenblick ernstlich verdrossen; Lewin aber, ohne
                  dessen zu achten, fuhr in seinen Neckereien fort: »Unsere Freundin scheint
                  übrigens keine Ahnung zu haben, welch hoher Besuch inzwischen vor dem Herrnhuter
                  Gemeindehaus gehalten hat.«</p>
               <p>»Wer?« riefen die beiden Mädchen.</p>
               <p>»Niemand Geringeres als Napoleon selbst. In der Nacht vom elften zum zwölften. Und
                  die Herrnhuter haben wieder versäumt, sich heroisch in die Weltgeschichte
                  einzuführen. Sie haben den Kaiser angegafft, soweit es bei Nacht und Schneetreiben
                  möglich war, und haben ihn weiterfahren lassen. Das macht, weil der herrnhutische
                  Mut im Auslande lebt, in China, in Grönland, in Hohen-Vietz. Überall ist er, nur
                  nicht daheim. Tante Schorlemmer, dessen bin ich gewiß, hätte ihn verhaften und als
                  Weltfriedensbrecher vor Gericht stellen lassen.«</p>
               <p>Die Angeredete drohte mit einer ihrer großen Nadeln zu <pb/> Lewin hinüber, dem es
                  übrigens nahe bevorstand, sich aus dem Angriff in die Verteidigung gedrängt zu
                  sehen. Der »Empereur« war nicht umsonst zitiert worden; einmal in das Gespräch
                  hineingezogen, gleichviel ob im Ernst oder Scherz, begann er seine Macht zu üben,
                  und Lewin, wenigstens momentan des neckischen Tones vergessend, begann ein Bild
                  jener fluchtartigen Reise zu geben, die den zum ersten Mal von seinem Glück
                  verlassenen Kaiser in vierzehntägiger Fahrt von Smolensk bis in seine Hauptstadt
                  zurückgeführt hatte. Er gab Altes und Neues, bei einzelnen Punkten länger
                  verweilend, als vielleicht nötig gewesen wäre.</p>
               <p>Tante Schorlemmer und Marie waren der Erzählung aufmerksam gefolgt; Renate aber
                  warf hin: »Vorzüglich, und wie belehrend! Ein wahrer Generalbericht über
                  russisch-deutsche Poststationen. Oh, ihr großstädtischen Herren, wie seid ihr doch
                  so schlechte Erzähler, und je schlechter, je klüger ihr seid. Immer Vortrag, nie
                  Geplauder!«</p>
               <p>»Sei's drum, Renate; ich will nicht widersprechen. Aber wenn wir schlechte
                  Erzähler sind, so seid ihr Frauen noch schlechtere Hörer. Ihr habt keine Geduld,
                  und die Wahrnehmung davon verwirrt uns, läßt uns den Faden verlieren und fahrt
                  uns, links und rechts tappend, in die Breite. Ihr wollt Guckkastenbilder: Brand
                  von Moskau, Rostoptschin, Kreml, Übergang über die Beresina, alles in drei
                  Minuten. Die Erzählung, die euch und euer Interesse tragen soll, soll bequem wie
                  eine gepolsterte Staatsbarke, aber doch auch handlich wie eine Nußschale sein. Ich
                  weiß wohl, wo die Wurzel des Übels steckt: der Zusammenhang ist euch gleichgiltig;
                  ihr seid Springer.«</p>
               <p>Renate lachte. »Ja, das sind wir; aber wenn wir zuviel springen, so springt ihr
                  zuwenig. Eure Gründlichkeit ist beleidigend. Immer glaubt ihr, daß wir in der
                  Weltgeschichte weit zurück seien, und wir wissen doch auch, daß der Kaiser in
                  Paris angekommen ist. Oh, ich könnte Bulletins von Hohen-Vietz aus datieren. Aber
                  lassen wir unsere Fehde, Lewin. Was ist es mit den roten Scheiben im Schloßhof von
                  Berlin? <pb/> In der Zeitung war eine Andeutung; Kathinka schrieb ausführlicher
                  davon.«</p>
               <p>»Was schrieb sie?«</p>
               <p>»Wie du nur bist. Nun kümmert dich wieder, was Kathinka schrieb. Daß ich so
                  töricht war, den Namen zu nennen.«</p>
               <p>Lewin suchte seine flüchtige Verlegenheit zu verbergen. »Du irrst, ich schweife
                  nicht ab; mich hat das Phänomen lebhaft beschäftigt. Es kam dreimal; am dritten
                  Tage habe ich es gesehen.«</p>
               <p>»Und was war es?«</p>
               <p>»An allen drei Tagen, etwa eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang, erglühten
                  plötzlich die oberen Fenster des alten Schloßhofes. Die Wachen meldeten es. Da die
                  Sonne längst unter war, so dachte man an Feuer. Aber es fand sich nichts. Auf dem
                  neuen Schloßhof blieben die Fenster dunkel. Die Leute sagen, es bedeute
                  Krieg.«</p>
               <p>»Ein leichtes Prophezeien«, bemerkte Tante Schorlemmer ruhig. »Wir hatten Krieg in
                  diesem Jahre und werden ihn mit in das neue hinübernehmen.«</p>
               <p>»Ich glaube«, fuhr Lewin fort, »der ganze Vorgang wäre schnell vergessen worden,
                  wenn nicht eines unserer Blätter, das euch nicht zu Händen kommt, am
                  zweitfolgenden Tage schon eine Geschichte gebracht hätte, die bei allem Dunklen
                  ersichtlich darauf berechnet war, der Erscheinung im Schloß eine tiefere Bedeutung
                  zu geben, so etwas wie Zeichen und Wunder.«</p>
               <p>»O erzähle!«</p>
               <p>»Ja. Aber du darfst nicht ungeduldig werden.«</p>
               <p>»Bist du empfindlich?«</p>
               <p>»Wohlan denn. Es ist eine Geschichte aus dem Schwedischen. Die Überschrift, die
                  das Blatt ihr gab, war: ›Karl XI. und die Erscheinung im Reichssaale zu
                  Stockholm‹. Ich bürge nicht dafür, daß ich alles genauso wiedergebe, wie's in dem
                  Blatte stand, aber in den Hauptstücken bin ich meiner Sache gewiß. Was man gern
                  hat, behält man. ›Gedächtnis ist Liebe‹, sagte Tubal noch gestern, und selbst
                  Kathinka stimmte bei.«</p>
               <p>Bei dem Namen Tubal kam das Erröten an Renate. Lewin <pb/> aber, als ob er es
                  nicht bemerkt habe, fuhr fort: »Karl XI. war krank. Er lag schlaflos zu später
                  Stunde in seinem Zimmer und sah nach der anderen Seite des Schloßhofes hinüber,
                  auf die Fenster des Reichssaales. Bei ihm war niemand als der Reichsdrost Bjelke.
                  Da schien es dem König, daß die Fenster des Reichssaales zu glühen anfingen, und
                  darauf hindeutend, fragte er den Reichsdrosten: ›Was ist das für ein Schein?‹ Der
                  Reichsdrost antwortete: ›Es ist der Schein des Mondes, der gegen die Fenster
                  glitzert.‹ In demselben Augenblick trat der Reichsrat Oxenstierna herein, um sich
                  nach dem Befinden des Königs zu erkundigen, und der König, wieder auf die
                  glühenden Scheiben deutend, fragte den Reichsrat: ›Was ist das für ein Schein? Ich
                  glaube, das ist Feuer.‹ Auch der Reichsrat antwortete: ›Nein, gottlob, das ist es
                  nicht; es ist der Schein des Mondes, der gegen die Fenster glitzert.‹ Die Unruhe
                  des Königs wuchs aber, und er sagte zuletzt: ›Gute Herren, da geht es nicht
                  richtig zu; ich will hingehen und erfahren, was es sein kann.‹ Sie gingen darauf
                  einen Korridor entlang, der an den Zimmern Gustav Erichsons vorüberführte, bis daß
                  sie vor der großen Türe des Reichssaales standen. Der König forderte den
                  Reichsdrosten auf, die Tür zu öffnen, und als dieser bat, in dieser Nacht die Tür
                  geschlossen zu lassen, nahm der König selbst den Schlüssel und öffnete. Als er den
                  Fuß auf die Schwelle setzte, trat er hastig zurück und sagte: ›Gute Herren, wollt
                  ihr mir folgen, so werden wir sehen, wie es sich hier verhält; vielleicht daß der
                  gnädige Gott uns etwas offenbaren will.‹ Sie antworteten: ›Ja.‹«</p>
               <p>Hier wurde Lewin unterbrochen. Jeetze trat ein, um eine Schale mit Obst auf den
                  Tisch zu stellen, Erdbeeräpfel und Gravensteiner, die in Hohen-Vietz vorzüglich
                  gediehen. Tante Schorlemmer benutzte die Unterbrechung, um einige wirtschaftliche
                  Ordres zu geben, Renate aber bemerkte: »Ich vermisse die Beziehungen; aber
                  freilich, je geheimnisvoller, desto anregender für die Phantasie.«</p>
               <p>Lewin nickte zustimmend. »Dieser Eindruck wird sich bei dir steigern.« Dann fuhr
                  er fort: »Als König Karl und die <pb/> beiden Räte eingetreten waren, wurden sie
                  eines langen Tisches gewahr, an dem eine Anzahl ehrwürdiger Männer saßen, in ihrer
                  Mitte ein junger Fürst; als solchen bezeichnete ihn der Thron, der, mit
                  Wappenschildern und roten Teppichen behangen, unmittelbar in seinem Rücken
                  aufgerichtet war. Es war ersichtlich, man saß zu Gericht. Am unteren Ende des
                  Tisches stand ein Richtblock, und um den Block her, in weitem Halbkreis, standen
                  Angeklagte, reich gekleidet, aber nicht in der Tracht, die damals in Schweden
                  getragen wurde. Die zu Gericht sitzenden Männer zeigten auf die Bücher, die sie in
                  Händen hielten; sie wollten dem jungen Fürsten nicht zu Willen sein, der aber
                  schüttelte hochmütig den Kopf und wies an das untere Ende des Tisches, wo jetzt
                  Haupt um Haupt fiel, bis das Blut längs dem Fußboden fortzuströmen begann. König
                  Karl und seine Begleiter wandten sich voll Entsetzen von dieser Szene ab; als sie
                  wieder hinblickten, war der Thron zusammengebrochen. Der König aber, indem er des
                  Reichsdrosten Bjelke Hand ergriff, rief laut und bittend: ›Welche ist des Herren
                  Stimme, die ich hören soll? Gott, wann soll das alles geschehen?‹</p>
               <p>Und als er Gott zum dritten Male angerufen hatte, klang ihm die Antwort: ›Nicht
                  soll dies geschehen in deiner Zeit, wohl aber in der Zeit des sechsten Herrschers
                  nach dir. Es wird ein Blutbad sein, wie nie dergleichen im schwedischen Lande
                  gewesen. Dann aber wird ein großer König kommen und mit ihm Frieden und eine neue
                  Zeit.‹ Und als dies gesprochen war, schwand die Erscheinung. König Karl hielt sich
                  mühsam. Dann, über denselben Korridor, kehrte er in sein Schlafgemach zurück. Die
                  beiden Räte folgten.«</p>
               <p>Lewin schwieg. Im Wohnzimmer war es still geworden; der Fächer ruhte, selbst die
                  Stricknadeln ruhten; jeder blickte vor sich hin. Nach einer Pause fragte Renate:
                  »Wer war der sechste Herrscher in Schweden?«</p>
               <p>»Gustav IV.; sein Thron ist zusammengebrochen«.</p>
               <p>»So hältst du das Ganze für echt und ehrlich, für eine wirkliche Vision?«</p>
               <p>
                  <pb/> »Ich sage nicht ja und nicht nein. Das Schriftstück, das über diesen Hergang
                  berichtet, liegt im Stockholmer Archiv. Es ist von des Königs Hand in selbiger
                  Nacht geschrieben; seine beiden Begleiter haben es mit unterzeichnet. Die
                  Handschriften sind beglaubigt. Ich habe weder das Recht noch den Mut, solchen
                  Erscheinungen die Möglichkeit abzusprechen. Laß mich sagen, Renate, wir haben
                  nicht das Recht.«</p>
               <p>Lewin betonte das »wir«. Dann aber wandte er sich, einen scherzhaften Ton wieder
                  aufnehmend, an Tante Schorlemmer und Marie und drang in sie, ihren Glauben oder
                  Unglauben solchen Erscheinungen gegenüber auszusprechen.</p>
               <p>Marie stand auf. Jeder sah erst jetzt, welchen tiefen Eindruck die Erzählung auf
                  sie gemacht. Sie drückte die Tannenzweige, die sie mittlerweile, ohne zu wissen
                  warum, zerpflückt hatte, zu einem Knäuel zusammen und warf alles in die halb
                  niedergebrannte Glut. Der rasch aufflackernden Flamme folgte eine Rauchwolke, in
                  der sie nun, einen Augenblick lang, selbst wie eine Erscheinung stand, nur die
                  Umrisse sichtbar und die roten Bänder, die ihr über Haar und Nacken fielen. Es
                  bedurfte ihrerseits keines weiteren Bekenntnisses; sie selber war die Antwort auf
                  die Frage Lewins.</p>
               <p>Tante Schorlemmer aber, die Stricknadeln wieder aufnehmend, schüttelte unmutig den
                  Kopf und zitierte dann, als ob sie ein Gespenster beschwörendes Vaterunser vor
                  sich hin bete, mit rascher und deutlicher Stimme:</p>


               <l>»Unter Gottes Schirmen</l>
               <l>Bin ich vor den Stürmen</l>
               <l>Alles Bösen frei.</l>
               <l>Laß den Satan wittern.</l>
               <l>Laß den Feind erbittern,</l>
               <l>Mir steht Jesus bei.«</l>


               <pb/>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Siebentes Kapitel</head>
               <head>Im Kruge</head>
               <p>Dorf Hohen-Vietz (es hatte auch »ausgebaute Lose«) beschränkte sich in seinem
                  Innenteil auf eine einzige langgestreckte Straße, die, dem Fuße des Hügels
                  folgend, nach Norden hin mit dem Vitzewitzeschen Rittergute, nach Süden hin mit
                  einem großen Mühlengehöft abschloß.</p>
               <p>Das Rittergut, soweit seine Baulichkeiten in Betracht kommen, bestand aus zwei
                  hufeisenförmigen Hälften, von denen die eine sich aus den drei Flügeln des
                  Herrenhauses, die andere aus Ställen und Scheunen des gutsherrlichen Gehöftes
                  zusammensetzte. Die offenen Seiten beider Hufeisen waren einander zugekehrt,
                  zwischen beiden lief ein zugleich als Auffahrt dienender Steindamm, der in seiner
                  Verlängerung hügelansteigend in die mehrgenannte Nußbaumallee überging.</p>
               <p>Freundlicher noch als das Rittergut lag die Mühle, die eine Öl- und Schneidemühle
                  war. Ein Wasser, das mit starkem Gefälle am Dorf vorüberfloß, trieb beide Werke.
                  Jetzt war der Bach gefroren. Schnee und Eis aber, die in phantastischen Formen an
                  den großen Triebrädern hingen, steigerten, wenn nicht den idyllischen, so doch den
                  malerischen Reiz des weitschichtigen, aus Häusern, Schuppen und Lagerräumen bunt
                  zusammengewürfelten Gehöftes.</p>
               <p>Rittergut und Mühle die Flügelpunkte; dazwischen die Straße, die ihre dreißig
                  Häuser oder mehr ziemlich unregelmäßig auf beide Seiten verteilt hatte. Die linke
                  Seite, die östliche, war die bevorzugte. Hier lagen die Pfarre, die Schule, der
                  Schulzenhof, während die rechte Seite, die fast ausschließlich von Büdnern und
                  Tagelöhnern bewohnt wurde, nur ein einziges stattliches Gebäude aufwies: den
                  Krug.</p>
               <p>In diesen treten wir jetzt ein. Er hatte nicht das Ansehen wie sonst wohl
                  Dorfkrüge, dazu fehlte ihm der auf Holzsäulen ruhende, jedem vorfahrenden Wagen
                  als Wetterdach dienende Giebelbau, vielmehr sprang eine doppelarmige, aus
                  Backsteinen aufgemauerte Treppe vor, die fast ein Dritteil der <pb/> unteren
                  Hausfront ausfüllte. Auch das Geländer war von Stein. Dieser äußeren Erscheinung,
                  die mehr Städtisches als Dörfisches hatte, paßte sich auch die innere Einrichtung
                  an. Von den zwei Gastzimmern, die durch den fliesenbedeckten Flur getrennt waren,
                  zeigte das eine mit seinen blankgescheuerten Tischen und hochlehnigen
                  Schemelstühlen, in die ein Herz geschnitten war, allerdings noch den
                  Krugcharakter, das andere aber mit Mullgardinen und eingerahmten Kupferstichen,
                  darunter Schill und der Erzherzog Karl, glich fast in allem einer
                  Bürgerressourcenstube und hatte sogar einen Lesetisch, auf dem, neben dem »Lebuser
                  Amtsblatt«, der »Beobachter an der Spree« und die »Berlinischen Nachrichten von
                  Staats und gelehrten Sachen« ausgebreitet lagen. Alles verriet Behagen und
                  Wohlhabenheit und durfte es auch, denn über beides verfügten die Hohen-Vietzer
                  Bauern, die hier ihr Solo spielten, in ausgiebigster Weise. Ihre Hörigkeit, wenn
                  sie je vorhanden gewesen war, hatte in diesen Gegenden, wo dem herrenlosen Bruch-
                  und Sumpflande immer neue Strecken fruchtbaren Ackers abgewonnen wurden, seit
                  lange glücklicheren Verhältnissen Platz gemacht, und Berndt von Vitzewitz, weil er
                  selbst frei fühlte, freute sich nicht nur dieser wachsenden Selbständigkeit,
                  sondern kam ihr überall entgegen. Ein Ereignis aus seinen jüngeren Jahren her
                  hatte dazu beigetragen. Kurz vor dem zweiundneunziger Feldzug, als er – noch von
                  seiner Garnison aus – einen Besuch in der Salzwedler Gegend machte, hatte ein
                  Schloß-Tylsener Knesebeck, ein ehemaliger Regimentskamerad, ihn vom Schloß aus ins
                  Dorf geführt und dabei die Worte zu ihm gesprochen: »Seht, Vitzewitz, hier werdet
                  Ihr etwas kennenlernen, was Ihr Euer Lebtag noch nicht gesehen habt: freie
                  Bauern.« Und diese Worte, dazu die Bauern selbst, hatten eines tiefen Eindrucks
                  auf ihn nicht verfehlt. Das lag nun zwanzig Jahre zurück, war aber unvergessen
                  geblieben und den Hohen-Vietzern mehr als einmal zugute gekommen.</p>
               <p>Auch heute, am Weihnachtstage 1812, hatten sich einige bäuerliche Honoratioren,
                  alles Männer von Mitte Fünfzig und <pb/> darüber, in der Gaststube versammelt. Es
                  waren ihrer vier: Ganzbauer Kümmeritz, Anderthalbbauer Kallies, Ganzbauer Reetzke
                  und Ganzbauer Krull, lauter echte Hohen-Vietzer, die, seit unvordenklichen Zeiten
                  an dieser Stelle sässig, mit den Vitzewitzen das alte Höhendorf bewohnt und
                  verlassen, dazu auch gemeinschaftlich mit ihnen die guten und schlechten Zeiten
                  durchgemacht hatten. Alle waren festtäglich gekleidet, trugen lange, dunkelfarbige
                  Röcke und saßen, mit Ausnahme eines von ihnen, grade aufrecht in den breiten,
                  gartenstuhlartigen Holzsesseln, die zu acht oder zehn um einen großen, rotbraun
                  gestrichenen Rundtisch herum standen.</p>
               <p>Als fünfter hatte sich ihnen der Wirt selber, der Krüger Scharwenka, zugesellt,
                  der durch Erbschaft von Frauensseite her ein Doppelbauer und überhaupt der
                  reichste Mann im Dorfe war, nichtsdestoweniger aber, trotz seiner sechshundert
                  Morgen Bruchacker unterm Pflug, nicht für voll und ebenbürtig angesehen wurde. Das
                  hatte zwei gute Bauerngründe. Der eine lief darauf hinaus, daß erst sein
                  Großvater, bei Urbarmachung des Oderbruchs, mit andern böhmischen Kolonisten ins
                  Dorf gekommen war; der andere wog schwerer und gipfelte darin, daß er, allem
                  Abmahnen zum Trotz, von dem wenig angesehenen Geschäft des »Krügerns« nicht lassen
                  wollte. Scharwenka, sooft dieser heikle Punkt zur Sprache kam, pflegte sich auf
                  seinen Großvater selig zu berufen, der ihm von Kindesbeinen an beigebracht habe:
                  Dukaten seien nie despektierlich. Der eigentliche Grund aber, warum er den
                  Bierschank und das »Knechte Bedienen« nicht aufgeben wollte, lag keineswegs bei
                  den Dukaten. Es war dem reichen Doppelbauer viel weniger um den hübschen
                  Krugverdienst als um die tagtägliche Berührung mit immer neuen Menschen zu tun;
                  das Plaudern, vor allem das Horchen, das Bescheidwissen in anderer Leute Taschen,
                  das war es, was ihn bei der Gastwirtschaft festhielt. Er setzte seinen Stolz
                  darin, die Nachricht von einer bäuerlichen, durch die Verhältnisse notwendig
                  gewordenen Mesalliance vierundzwanzig Stunden früher zu haben als jeder andere.
                  Subhastationen konnte er voraus berechnen wie die<pb/> Kalendermacher das Wetter;
                  seine eigentliche Spezialität aber waren die der Feuerlegung verdächtigen
                  Windmüller. Die Liste, die er darüber führte, umfaßte so ziemlich das ganze
                  Gewerk.</p>
               <p>So Krüger Scharwenka.</p>
               <p>Seinen Platz hatte er gerade der Türe gegenüber genommen, um jeden Eintretenden
                  sehen und begrüßen zu können. Unmittelbar neben ihm saßen Reetzke und Krull, die
                  schon seit einer Stunde rauchten und schwiegen, ganz im Gegensatz zu Kümmeritz und
                  Kallies, die beide von den Gesprächigen waren. Auch von ihnen ein Wort.</p>
               <p>Ganzbauer Kümmeritz, trotz seiner Fünfzig, hatte durchaus die Haltung und das
                  Ansehen eines alten Soldaten. Und beides kam ihm zu. Er war erst Grenadier, dann
                  Gefreiter im Regiment Möllendorf gewesen, hatte die Rheinkampagne mitgemacht und
                  zweimal die Weißenburger Linien mit erstiegen. War dann bei Kaiserslautern
                  verwundet worden und hatte den Abschied genommen. Er vertrat in diesem Kreise,
                  neben dem Schulzen Kniehase, der heute zufällig ausgeblieben war, die Traditionen
                  der preußischen Armee, kontrollierte den Kaiser Napoleon, malte seine Schlachten
                  auf den Tisch und hielt die Ansicht aufrecht, daß Jena, »wo wir den Sieg ja schon
                  in Händen hatten«, nur durch einen Schabernack verlorengegangen sei.</p>
               <p>Das volle Gegenteil von Kümmeritz war Anderthalbbauer Kallies, ein
                  schmalschultriger, langaufgeschossener Mann. Geistig regsam, aber schwach und
                  widerstandslos von Charakter, mußte er es sich gefallen lassen, geneckt und
                  gehänselt zu werden, wozu schon, alles andere unerwogen, sein Beiname
                  herauszufordern schien. Er war nämlich, als er kaum laufen konnte, in eine große
                  Rahmbutte oder Sahnenschüssel gefallen und hieß seitdem in sehr bezeichnender
                  Weise »Sahnepott«. Denn es war ihm sein lebelang etwas Milchernes geblieben.</p>
               <p>Alle fünf dampften jetzt aus langen holländischen Pfeifen; neben jedem lag ein
                  Zündspan. Kallies hatte das Wort. Aus allem ging hervor, daß eben ein anderer
                  Gast, ein Reisender, <pb/> ein Kaufmann, wie es schien, das Zimmer verlassen haben
                  mußte.</p>
               <p>»Immer, wenn ich ihn so stehen sehe«, sagte Kallies mit Wichtigkeit, »fällt mir
                  sein Vater, der alte Tiegel-Schultze, ein; der stand auch immer so da, mit beiden
                  Händen in den Hosentaschen, und war auch so ein schnackscher Kerl und sah aus, als
                  hätt er den Gottseibeiuns beim Dreikart betrogen. Scharwenka, du mußt ja den alten
                  Tiegel-Schultze auch noch gekannt haben.«</p>
               <p>Scharwenka nickte; Kümmeritz aber, der eben eine neugestopfte Pfeife anrauchte,
                  sprach in kurzen Pausen vor sich hin: »Tiegel-Schultze? Soll mich das Wetter, wenn
                  ich den Namen all mein Lebtag gehört habe. Und bin doch auch ein Hohen-Vietzer
                  Kind.«</p>
               <p>»Das war, als du bei den Soldaten warst, Kümmeritz. So um die achtziger Jahre.
                  Nachher war Tiegel-Schultze tot, wenn er überhaupt gestorben ist.«</p>
               <p>Kümmeritz, der wenigstens einen Teil seines wendischen Aberglaubens bei den
                  Soldaten gelassen hatte, schmunzelte vor sich hin und sagte dann: »Sahnepott,
                  keine Dummheiten. Immer räsonabel. Wer tot ist, ist tot. Spuken kann er; aber
                  sterben muß er. Warum hieß er Tiegel-Schultze?«</p>
               <p>»Er hieß Schultze. Aber alle Welt nannt ihn Tiegel-Schultze. Ich bin oft bei ihm
                  gewesen, wenn ich ihm den Rübsen brachte. Immer bar Geld. Die Schwedter sagten:
                  ›Der hat gut bezahlen.‹ Er stand dann hinterm Tisch, immer die Hände in den Hosen,
                  und sah einen so verflixt an, daß man ganz irre wurde. Aber nie kein Handel.
                  Scharwenka, das mußt du ja wissen.«</p>
               <p>Scharwenka nickte wieder. Sahnepott fuhr fort: »Die Comptoirstube sah aus wie ein
                  Gefängnis, hoch, weiß und Eisenstangen am Fenster. Nichts war drin als drei
                  Wandbretter, und auf den Brettern standen viele hundert Tiegel, große und kleine,
                  irdene und tönerne, darum hieß er Tiegel-Schultze. Ein paar sahen schwarz aus und
                  waren aus Kohle geschnitten.«</p>
               <p>
                  <pb/> »War er denn ein Schmelzer, ein Goldmacher?«</p>
               <p>»Das war er, und für den Schwedter Markgrafen hat er manchen blanken Klumpen
                  ausgeschmolzen. Als aber der Markgraf dachte, er könnt es nun selber und hätte
                  Schultzen alles abgesehen, da wollt er ihn beiseite schaffen, lud ihn aufs Schloß,
                  suchte Streit mit ihm und feuerte die beiden Läufe seines Suhler Doppelgewehrs auf
                  ihn ab, die mit zwei goldenen Zwickeln geladen waren. Es waren solche, wie die
                  pohlschen Edelleute an ihren Röcken tragen. Tiegel- Schultze aber lachte, fing die
                  beiden Zwickel mit seiner Linken auf, denn er war eine Linkepoot, zeigte sie dem
                  Markgrafen und sagte: ›Die trag ich nun zum Andenken an meinen gnädigen
                  Herrn.‹«</p>
               <p>Es war ersichtlich, daß Kallies, der jetzt volles Fahrwasser unterm Kiel hatte,
                  den Zeitpunkt für gekommen hielt, sich über das Geschlecht der Tiegel-Schultzen,
                  über Raps, Goldmachen und die Undankbarkeit des Schwedter Markgrafen des weiteren
                  verbreiten zu dürfen. Aber ehe es geschehen konnte, trat ein neuer Gast ein, der
                  nun der Unterhaltung eine andere Wendung gab.</p>
               <p>Der Neueintretende war der Müller Miekley, dem die Öl- und Schneidemühle am
                  Südende des Dorfes zugehörte. Er war unter Mittelstatur, trug einen hellgrauen
                  Rock und hatte in seinem Gesicht jenen eigentümlichen Ausdruck, den man bei fast
                  allen Landleuten findet, die innerhalb der religiösen Kontroverse stehen,
                  Sektierer sind oder es werden wollen. Wo geistige Arbeit von Jugend auf ihre Züge
                  in das Antlitz schreibt, da ist der Sektiererzug nur ein Zug unter anderen Zügen,
                  einer unter vielen, in deren Gesamtheit er wie verlorengehen oder doch übersehen
                  werden kann; bei Landleuten aber tritt er ganz unverkennbar hervor, und um so
                  mehr, je weniger er die Herrschaft zu teilen hat. Dieser Sektiererzug, in dem sich
                  Sinnlichkeit und Entsagung, Hochmut und Demut mischen, lag auch in Müller Miekley
                  ausgesprochen, der im übrigen ein gewissenhafter Mann war, auf Hausehre hielt und
                  sich der besonderen Protektion Tante Schorlemmers zu erfreuen hatte. Es konnte
                  dies geschehen, ohne nach irgendeiner Seite hin Anstoß zu<pb/> geben, da Miekley
                  nicht eigentlich aus der Landeskirche ausgetreten war, vielmehr regelmäßig die
                  Predigten Seidentopfs hörte und nur alle Vierteljahr einmal aus dem »tieferen
                  Quell« des Kandidaten Uhlenhorst schöpfte, wenn dieser, das Bruch und die Neumark
                  bereisend, in Hohen-Sathen alle Konventikler von diesseits und jenseits der Oder
                  um sich versammelte. Das war denn freilich ein Fest- und Ehrentag. Alles ruhte,
                  das beste Gespann kam aus dem Stall, und wenn die Wege grundlos gewesen wären,
                  unser altlutherischer Müller hätte sich's zur ewigen Sünde gerechnet, das Manna
                  versäumt zu haben.</p>
               <p>Miekley setzte sich links neben Kümmeritz. Dieser, wohl wissend, daß jetzt ein
                  geistlicher Diskurs unvermeidlich geworden sei, kam ihm zuvor und fragte: »Nun,
                  Miekley, wie hat Euch heute die Predigt gefallen?«</p>
               <p>»Gut, Kümmeritz, von Herzen gut, trotzdem er nichts davon gesagt hat, daß uns an
                  diesem Tage zu Bethlehem im judäischen Lande das Heil geboren wurde. Noch weniger
                  hat er von dem ›eingeborenen Sohne Gottes‹ gesprochen. Uhlenhorst würde den Kopf
                  geschüttelt haben. Aber er hat gesprochen wie ein braver Mann. Ich kenn ihn wohl,
                  er hat ein preußisches Herz.«</p>
               <p>»Und ein christliches dazu«, riefen die anderen alle wie aus einem Munde.</p>
               <p>»Er zetert nicht«, nahm Kallies das Wort, »er verdammt nicht; er ist kein
                  Pharisäer. Er hat die Demut, Miekley, und das ist die Hauptsache.«</p>
               <p>»Sahnepott hat recht«, bekräftigte Kümmeritz. »Da ist kein zweiter hier herum, der
                  sich mit unserm Seidentopf messen könnte. Er hat nur einen Fehler, er ist zu gut
                  und zu leichtgläubig und sieht alles, wie er es wünscht. Über der Ägypter Heer, so
                  sagte er, seien die großen Wasser zusammengeschlagen. Aber König Pharao sitzt
                  wieder in seiner Hauptstadt und spinnt die alten Fäden. Noch sind wir im Bündnis
                  mit ihm, und der Himmel mag wissen, ob wir gnädig von ihm loskommen. Geb uns Gott
                  einen ehrlichen Krieg.«</p>
               <p>»Den wirst du haben, Kümmeritz«, warf hier Miekley ein, <pb/> der sich trotz
                  seines Luthertums einen starken Glauben an Spuk- und Gespenstergeschichten bewahrt
                  hatte, »den wirst du haben und wir alle mit dir. Die Alt-Landsberger Mäher haben
                  wieder gemäht, und jeder von euch weiß, was das bedeutet. Sie haben sieben Tage
                  gemäht, ehe der Alte Fritz in den Krieg zog, und die Stoppeln waren damals so rot,
                  als ob es Blut geregnet hätte. In diesem November haben sie wieder gemäht auf
                  kahlem Felde.«</p>
               <p>»Und von Sonnenuntergang her«, rief Scharwenka dazwischen, »das will sagen, daß
                  der Feind von Westen kommt. Wir werden die Franzosen wieder im Lande haben, neues,
                  frisches Volk, mit all seinen alten Kniffen und Pfiffen, und wer eine Tochter im
                  Hause hat, der mag sich vorsehen. Sie haben eine freche Art, und die Weiber laufen
                  ihnen nach.«</p>
               <p>»Das sollen sie nicht«, versicherte Miekley, »und wo sie's tun, da falle die
                  Schande auf uns. Wo böse Lust über Nacht in die Halme schießt, da lag von Anfang
                  an eine schlechte Saat in den Herzen; wo aber Zucht ist und Sitte und Gebet, da
                  hat der Böse keine Macht, auch wenn er sich in einen schlechten Franzosen
                  verkleidet.«</p>
               <p>Alle nickten zustimmend. »Aber«, fuhr Müller Miekley fort, »sie sind doch ein
                  Greuel, nicht weil sie leichtfertig sind, nein, weil sie ein unheiliges Volk sind.
                  Sie haben sich vermessen, den ewigen Gott des Himmels und der Erde von Thron und
                  Herrschaft abzusetzen, und beinahe schlimmer noch sie haben sich vermessen, ihn
                  wieder einzusetzen. Nun haben sie wieder einen Gott, aber er ist auch danach; es
                  ist kein rechter Christengott, es ist bloß ein französischer Gott, ein ab- und
                  eingesetzter. Sie kennen nur den Götzendienst ihres Kaisers, aber keinen
                  Gottesdienst, und sooft ich all die Jahre über einen Franzosen in unseren Kirchen
                  gesehen habe, so war es nur, um Unheil anzurichten.«</p>
               <p>»Sie haben die Fransen von der Altardecke getrennt, sie haben die goldenen
                  Stickereien ausgeschnitten; sie haben die Leuchter eingeschmolzen«, riefen mehrere
                  dazwischen.</p>
               <p>»Oh, sie haben Schlimmeres getan, nicht hier, aber in unserer <pb/> Nachbarschaft.
                  Den Görlsdorfer Pastor, der das Kirchen gut versteckt hatte, haben sie bis unter
                  die Achselhöhlen eingegraben und sind erst in sich gegangen, als er sie bat, ihn
                  totzuschlagen, anstatt ihn zu martern. In Hohen-Finow haben sie den Abendmahlswein
                  getrunken und schlechte Lieder gesungen; dann haben sie den Altartisch aus der
                  Kirche auf der Kirchhof getragen, haben ihre Teufelsknöchel in den Abendmahlskelch
                  getan und haben gewürfelt. In die Gruft sind sie hinabgestiegen und haben der
                  jungverstorbenen Frau die seidenen Kleider abgerissen.«</p>
               <p>»Das haben sie getan«, fiel jetzt Sahnepott mit Wichtigkeit ein, der wie alle
                  schwachen Naturen eine Neigung zum Übertrumpfen hatte, »aber in Haselberg haben
                  sie es büßen müssen, wenigstens einer. Die Haselberger Gruft ist, was sie eine
                  Mumiengruft nennen, es soll ihrer mehrere auf dem Hohen-Barnim geben. Die
                  Franzosen nun, als sie die Särge aufbrachen, da sahen sie, daß die Toten unverwest
                  waren. Das gab ein Lachen. Da trugen sie den einen Sarg aus der Gruft in die
                  Kirche, nahmen den Toten heraus, und da seine Arme beweglich waren, beschlossen
                  sie, ihn zu kreuzigen. Sie stellten ihn an die Altarwand und schlugen zwei Nägel
                  durch seine Hände. Die eine Hand aber löste sich wieder ab und gab im Niederfallen
                  dem einen der Missetäter einen Backenstreich. Das entsetzte ihn, daß er tot zu
                  Boden stürzte.«</p>
               <p>»Den hat Gott gerichtet«, rief Miekley. »Und solch Schlag wird sie alle treffen,
                  und müßten die Toten auferstehen.«</p>
               <p>»Ehe aber Gott seine Wunder tut«, so schloß Kümmeritz das Gespräch, »sollen wir
                  uns seiner Wunder würdig machen. Nicht wahr, Miekley? Wir sollen die Hände nicht
                  in den Schoß legen. Die Alt-Landsberger Mäher haben gemäht; wenn der König ruft,
                  wer von uns noch Kraft hat zu mähen, der mähe mit. Ich bin's entschlossen. Das
                  Letzte für Preußen und den König.«</p>
               <p>Die Bauern standen auf und gingen nach entgegengesetzten Richtungen die Dorfgasse
                  entlang. Nach Norden hin glühte ein roter Schein am Himmel auf.</p>
               <p>
                  <pb/> »Ist das Feuer?« fragte Krull.</p>
               <p>»Nein«, sagte Miekley, »es ist ein Nordlicht, der Himmel gibt seine Zeichen.«</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Achtes Kapitel</head>
               <head>Hoppenmarieken</head>
               <p>Hoppenmarieken wohnte auf dem »Forstacker«, an dessen Rande sich, seit hundert
                  Jahren und länger, eine aus bloßen Lehmkaten bestehende Straße gebildet hatte.
                  Diese Straße, von den Hohen-Vietzern immer als etwas Fremdes angesehen, stand
                  rechtwinklig zu dem eigentlichen Dorf, nahm hundert Schritt hinter dem
                  Mühlengehöft ihren Anfang und stieg hügelan, in Parallellinie mit der
                  mehrerwähnten, die Auffahrt zum Herrenhause fortsetzenden Nußbaumallee. Es war das
                  Armenviertel von Hohen-Vietz, zugleich die Unterkunftsstätte für alle Verkommenen
                  und Ausgestoßenen, eine Art stabil gewordenes Zigeunerlager, das Abgang und Zugang
                  erfuhr, ohne daß sich die Dorfobrigkeit im einzelnen darum gekümmert hätte. Der
                  »Forstacker war immer so«. So ließ man es gehen und griff nur ein, wenn grober
                  Unfug eine Bestrafung durchaus erforderte.</p>
               <p>Wie der moralische Stand des Forstackers, so war auch seine Erscheinung. Die
                  Hütten seiner Bewohner unterschieden sich von den in Front und Rücken derselben
                  stehenden Kofen in nichts als in dem Herdrauch, der aus ihren Dächern aufwirbelte.
                  Der Schnee, der jetzt alles überdeckte, stellte vollends eine Gleichheit her.</p>
               <p>In der letzten, schon auf halber Höhe des Hügels gelegenen Lehmkate wohnte, womit
                  wir unser Kapitel begannen, Hoppenmarieken. Die Kofen fehlten; statt dessen faßte
                  ein Heckenzaun das Häuschen ein, welches letztere nach vornhin eine Tür und ein
                  Fenster, sonst aber nirgends einen Eingang oder eine Lichtöffnung hatte. Ein
                  Würfel mit bloß zwei Augen. Das Innere bestand aus wenig Räumen. Der Flur, der
                  nach hinten <pb/> zu zugleich die Kochgelegenheit hatte, war ebenso schmal wie
                  tief, dazu völlig dunkel; in Sommerszeit aber erhielt er Licht durch die
                  offenstehende Tür, während im Winter das auf dem Herd brennende Feuer aushelfen
                  mußte. Neben dem Flur lag die Stube; hinter dieser der Alkoven.</p>
               <p>So war Hoppenmariekens Haus. Wer aber war Hoppenmarieken?</p>
               <p>Hoppenmarieken war eine Zwergin. Wo sie eigentlich herstammte, wußte niemand mit
                  Bestimmtheit zu sagen. Die älteren Hohen-Vietzer erzählten, daß sie vor etwa
                  dreißig Jahren ins Dorf gekommen und als eine halbe Landstreicherin, wie manche
                  andere vor ihr und nach ihr, mit wenig günstigen Augen angesehen worden sei. Der
                  damals lebende Gutsherr aber, Berndt von Vitzewitz Vater, habe Mitleid mit ihr
                  gehabt und die entgegenstehenden Bedenken mit der halb scherzhaften Bemerkung
                  niedergeschlagen: »Dafür haben wir den Forstacker.« Schon damals, so hieß es, habe
                  sie so ausgesehen wie jetzt, ebenso alt, ebenso häßlich, habe dieselben hohen
                  Wasserstiefel, dasselbe Kopftuch getragen und sei, damals wie heute, schon auf
                  weithin kennbar gewesen durch den roten Friesrock, die Kiepe auf ihrem Rücken und
                  den mannshohen, krummstabartigen Stock in ihrer Hand.</p>
               <p>Hoppenmarieken, soviel stand fest, hatte sich seitdem auf dem Forstacker
                  eingebürgert und war in der ganzen Südhälfte des Oderbruchs die allergekannteste
                  Person. Dafür sorgte neben ihrer Erscheinung auch ihr Geschäft. Sie hatte deren
                  mehrere. Zunächst war sie Botenläuferin. Dreimal die Woche, wie immer auch Weg und
                  Wetter sein mochte, brach sie, je nach dem Postengange, früh morgens oder spät
                  abends auf, empfing Briefe, Zeitungen, Pakete und kehrte zwölf Stunden später, sei
                  es von Frankfurt oder von Küstrin, nach Hohen-Vietz zurück. Und dieser
                  Botendienst, wie er sie überall bekannt gemacht hatte, machte sie schließlich,
                  trotz allem, was dann und wann gegen sie laut wurde, auch wohlgelitten. Jedes
                  freute sich, Hoppenmarieken über den Hof kommen und durch eine eigentümliche
                  Bewegung ihres Stockes, die etwas Tambourmajorhaftes <pb/> hatte, angedeutet zu
                  sehen: »Ich bringe Neuigkeiten.« Alle Landposten sind wohlgelitten.</p>
               <p>Diese Botendienste bildeten aber nur die Basis ihrer Existenz; wichtiger für sie
                  oder doch wenigstens einträglicher war das Kommissionsgeschäft, das sie nebenbei
                  betrieb. Der Eierhandel aller Dörfer anderthalb Meilen um Hohen-Vietz herum lag
                  eigentlich in ihrer Hand, wobei sie sich doppelter Provisionen zu versichern
                  wußte. Dies ermöglichte sich dadurch, daß das ganze Geschäft auf Tausch beruhte.
                  Eine Bauerfrau in Zechin oder Wuschewier, die sich ein neues Kopftuch wünschte,
                  setzte sich, wenn Hoppenmarieken des Weges kam, mit dieser in Verbindung, packte
                  ihr einen bereitgehaltenen Hahn samt ein paar Stiegen Eier in die Kiepe und
                  überließ es nun ebenso ihrem Genius wie ihrer Diskretion, das Kopftuch zu
                  beschaffen. Es kam vor, daß in diesem oder jenem Artikel Hoppenmarieken den ganzen
                  Markt bestimmte. Man sah in diesen Vorteilen, die ihr zufielen, einen ehrlichen
                  Verdienst und hatte recht darin. Aber nicht all ihr Verdienst war so ehrlicher
                  Natur. Auf dem Forstacker wohnten Leute, die, selbst übel beleumdet, ihr böse
                  Dinge nachsagten. Aber auch im Dorfe selbst wußte man davon zu erzählen. Die
                  liederlichen Dirnen schlichen sich abends in ihr Haus; sie wahrsagte, sie legte
                  Karten. Sonntags war sie immer in der Kirche und sang mit ihrer rauhen Stimme die
                  Gesangbuchlieder mit, von denen sie die bekanntesten auswendig wußte; aber niemand
                  glaubte, daß sie eine ehrliche Christin sei. Man hielt sie für einen Mischling von
                  Zwerg und Hexe. Selbst im Herrenhause, wo man ihr als einer Dorfkuriosität, zum
                  Teil aber auch um ihrer Brauchbarkeit willen manches nachsah, dachte man im ganzen
                  genommen wenig günstiger über sie. Nur Lewin stand ihr mit einer gewissen
                  poetischen Zuneigung zur Seite. Er liebte scherzhaft über sie zu phantasieren. Ihr
                  Alter sei unbestimmbar, sie sei ein geheimnisvolles Überbleibsel der alten
                  wendischen Welt, ein Bodenprodukt dieser Gegenden, wie die Krüppelkiefern, deren
                  einige noch auf dem Höhenrücken ständen. Bei anderen Gelegenheiten wieder, wenn
                  ihm vorgehalten wurde, daß die <pb/> Wenden sehr wahrscheinlich schöne Leute
                  gewesen seien, begnügte er sich, sie als ein Götzenbild auszugeben, das, als der
                  letzte Czernebogtempel fiel, plötzlich lebendig geworden sei und nun die früher
                  beherrschten Gebiete durchschreite. Er fügte auch wohl hinzu: Hoppenmarieken werde
                  nie sterben, denn sie lebe nicht. Sie sei nur ein Spuk. Darin versah er es nun
                  aber ganz und gar; sie lebte nicht nur, sie lebte auch gern und gut und dabei ganz
                  mit jener sinnlichen Lust, wie sie den Zwergen immer und den Geizigen in der Regel
                  eigen ist. Und sie war beides, zwergig und geizig.</p>
               <p>Die Bauern hatten sich nach ihrem Diskurs im Scharwenkaschen Kruge kaum getrennt,
                  als Hoppenmarieken in dem schweren Schritt ihrer Wasserstiefel die Dorfgasse
                  heraufkam. Sie ging rasch wie immer, nüsterte und sprach unverständliche Worte vor
                  sich hin. Ihr langer Hakenstock bewegte sich dabei taktmäßig auf und ab, und ihr
                  roter Friesrock leuchtete.</p>
               <p>Als sie das Mühlengehöft passiert hatte, schwenkte sie links und schritt nun die
                  verschneite Lehmkaten-und Kofenstraße hinauf auf ihr Häuschen zu. Die Tür
                  desselben war nur eingeklinkt, und mit Recht, denn alles, was sich drinnen befand,
                  stand im Schutze seiner eigenen Unheimlichkeit. Völliges Dunkel empfing sie; sie
                  tappte, sich mit dem Stocke fühlend, bis in die Mitte des Flurs, stellte hier
                  Stock und Kiepe beiseite und fuhr dann mit ihrer Hand, die eine Hornhaut hatte, in
                  der Herdasche umher, bis ein paar glühende Kohlen zum Vorschein kamen. Sie blies
                  nun, nahm einen Schwefelfaden und zündete mit Hilfe desselben eine Blechlampe an,
                  ohne übrigens von dem bescheidenen Lichte, das dieselbe gab, zunächst Gebrauch zu
                  machen. Sie kroch vielmehr in ein großes, unmittelbar neben dem Herd befindliches
                  Ofenloch hinein, rührte auch hier mit einem langen, halb verkohlten Scheit in der
                  tief nach hinten liegenden Glut, warf Reisig, Tannenäpfel und ein paar Stücke
                  steinharten Torfes auf und trat nun erst in die Stube.</p>
               <p>Diese war geräumig. Hoppenmarieken leuchtete darin umher, sah in alle Winkel, tat
                  einen Blick in den nach hinten zu gelegenen Alkoven und drückte zuletzt, beständig
                  vor sich <pb/> hin sprechend, ihre Zufriedenheit mit dem Sachbefunde aus. Die
                  Lampe gab gerade Licht genug, um alles in der Stube Befindliche erkennen zu
                  können. Neben dem Fenster, dicht an die Ecke geschoben, stand ein Wandschapp mit
                  Tassen und Tellern; der eichene Tisch war blank gescheuert; an der Alkoventür hing
                  ein großer, mitten durchgeborstener Rundspiegel, von dem es zweifelhaft bleiben
                  mochte, ob er um Eitelkeits oder Geschäfts willen an dieser Stelle hing. Denn er
                  sah aus, als ob er beim Wahrsagen und Kartenschlagen notwendig eine Rolle spielen
                  müsse. Im übrigen war eine gewisse weihnachtsfestliche Herrichtung, für die
                  Hoppenmarieken selber am Tage vorher gesorgt zu haben schien, unverkennbar. Das
                  Himmelbett hatte frische Vorhänge, die Dielen waren mit Tannenzweigen bestreut,
                  und an dem Deckenhaken hing ein Ebereschenzweig, dessen Beeren, trotz
                  vorgeschrittener Winterzeit, noch ihre schöne rote Farbe zeigten. Alles dies hätte
                  fast einen gemütlichen Eindruck machen müssen, wenn nicht dreierlei gewesen wäre:
                  erstens Hoppenmarieken in Person, dann ihre Vogelkäfige und drittens und letztens
                  der Alkoven. Hoppenmarieken selbst kennen wir; aber von den beiden anderen noch
                  ein Wort.</p>
               <p>An allen vier Wänden hin, dicht unter der Decke, lief eine Reihe von
                  Vogelgebauern. Wohl zwanzig an der Zahl. Nur wo Bett und Ofen standen, war die
                  Reihe unterbrochen. Was eigentlich in den Bauern drinsteckte, war nicht klar zu
                  erkennen gewesen, als Hoppenmarieken mit der Lampe daran hingeleuchtet hatte. Nur
                  allerhand dunkle Vogelaugen hatten groß und schläfrig in das Licht gestarrt. Es
                  mußte sich einem aufdrängen, das seien wohl die Augen, die bei Abwesenheit der
                  Herrin hier Wache hielten.</p>
               <p>Dieser seltsame Fries von Vogelbauern, in denen bloß schweigsames Volk zu Hause zu
                  sein schien, war unheimlich genug, aber unheimlicher war der Alkoven. Schon der
                  Rundspiegel, der an der Türe hing, bedeutete nichts Gutes. Drinnen war alles leer:
                  Nur Kräuterbüschel zogen sich hier in ähnlicher Weise um die Wände herum wie
                  nebenan die Vogelkäfige.</p>
               <p>
                  <pb/> Es waren gute und schlechte Kräuter: Melisse, Schafgarbe, Wohlverleih, aber
                  auch Allermannsharnisch, Sumpfporst und Klosterwacholder. Dazwischen Bündel von
                  Roggenhalmen, deren gesunde Körner längst ausgefallen waren, während das giftige
                  blaue Mutterkorn noch an den Ähren haftete; der Geruch im ganzen war betäubend.
                  Was einem schärferen Beobachter vielleicht mehr als alles andere aufgefallen wäre,
                  war, daß sämtliches Kräuterwerk, statt an einfachen Nägeln, an dicken Holzpflöcken
                  hing, deren mehrere Zoll betragender Durchmesser in gar keinem Verhältnis zu der
                  winzigen, von ihnen zu tragenden Last stand.</p>
               <p>Hoppenmarieken, die es sich mittlerweile bequem gemacht und die hohen
                  Wasserstiefel mit ein Paar aus Filztuch genähten Schuhen vertauscht hatte, holte
                  jetzt die Kiepe vom Flur herein und schien, ihrem ganzen Hantieren nach, gewillt,
                  einen Schmaus für sich selber vorzubereiten. Sie wählte behaglich in ihrer Kiepe,
                  bis sie die Gegenstände, die sie suchte, gefunden hatte. Was zuerst aus der Tiefe
                  heraufstieg, war eine blaue Spitztüte, dann kamen zwei Eier, die sie prüfend gegen
                  das Licht hielt, zuletzt ein altes bedrucktes Sacktuch, in das aber etwas
                  Wichtigeres eingeschlagen war. Wenigstens hielt sie das Paket mit beiden Händen
                  ans Ohr und schüttelte. Der Ton, den es gab, beruhigte sie. Sie legte nun alles
                  auf den Tisch, eines neben das andere, und holte vom Schapp her einen alten
                  Fayencetopf mit abgebrochenem Henkel, dazu einen Quirl und einen Blechlöffel.
                  Jetzt war alles beisammen. Sie tat aus der blauen Tüte einen Löffel Zucker in den
                  Topf, schlug die beiden Eier hinein, wickelte aus dem Sacktuch eine Rumflasche
                  heraus, liebäugelte mit ihr, goß ein und quirlte. Nur etwas fehlte noch: das
                  siedende Wasser. Aber auch dafür war gesorgt. Sie trat in den Flur, kroch abermals
                  in das Ofenloch und kam mit einem rußigen Teekessel zurück, dessen Inhalt zischend
                  und sprudelnd in dem großen Fayencetopf verschwand.</p>
               <p>Hiermit waren die Vorbereitungen als geschlossen anzusehen. Das eigentliche Fest
                  konnte beginnen. Sie machte den Tisch wieder klar, baute sich einen großen,
                  braunen Napfkuchen <pb/> auf und sah, während sie den Kopf in beide Arme stützte,
                  mit sinnlicher Zufriedenheit auf das hergerichtete Mahl. Auch jetzt noch war sie
                  beflissen, nichts zu übereilen. War es nun, daß sie in der Hinausschiebung des
                  Genusses eine Steigerung sah, oder hatte sie so ihre eigenen Hoppenmariekeschen
                  Vorstellungen davon, wie nun einmal ein erster Weihnachtstag gefeiert werden
                  müsse, gleichviel, sie begnügte sich vorläufig damit, den aufsteigenden Dampf von
                  der Seite her einzusaugen, und zog dabei den Tischkasten weit auf, in dem, durch
                  eine Scheidewand getrennt, links das Gesangbuch, rechts die Karten lagen. Sie nahm
                  das Gesangbuch, schlug das Christlied auf: »Vom Himmel hoch, da komm ich her«, las
                  in rezitativischer Weise, die sie selber für Gesang halten mochte, die drei
                  ersten, dann die letzte Strophe, klappte wieder zu und tat einen ersten tüchtigen
                  Zug. Gleich darauf ging sie zu einem allerenergischsten Angriff auf den Napfkuchen
                  über, der nun innerhalb zehn Minuten von der Tischfläche verschwunden war. Sie
                  strich die Krümel in ihre linke Handfläche zusammen und schüttete alles sorgfältig
                  in den Mund.</p>
               <p>Jetzt, wo der Fayencetopf keinen Nebenbuhler mehr hatte, war sie erst in der Lage,
                  ihm zu zeigen, was er ihr war. Sie legte streichelnd und patschelnd ihre Hände um
                  ihn herum, untersuchte mit den Knöcheln alle Stellen, die einen kleinen Sprung
                  hatten, bog sich über ihn und nippte, schlürfte und tat dann wieder volle Züge.
                  Nachdem sie so den ganzen Kursus des Behagens durchschmarutzt hatte, zog sie den
                  Schuhkasten zum zweiten Male auf, nahm jetzt aber, statt des Gesangbuches, das
                  Kartenspiel heraus. Es waren deutsche Karten: Schippen, Herzen, Eichel; sie lagen
                  in Form einer Mulde fest aufeinander, was jedoch für Hoppenmariekens Hände keine
                  Schwierigkeiten bot. Als sie wohl eine halbe Stunde lang aufgelegt, gemischt und
                  wieder aufgelegt hatte, ohne daß die Karten kommen wollten, wie sie sollten, stieg
                  ihr das Blut zu Kopf.</p>
               <p>Der Schippenbube wich ihr nicht von der Seite. Das mißfiel ihr; sie wußte ganz
                  genau, wer der Schippenbube war. Was?</p>
               <p>
                  <pb/> Da lag er wieder neben ihr. Sie stand unruhig auf, nahm die Lampe, leuchtete
                  hinter den Ofen, sah zwei-, dreimal in den Alkoven hinein und setzte sich dann
                  wieder. Aber die Beklemmung wollte nicht weichen. Sie schnürte deshalb das
                  großgeblumte Kattunmieder auf, das sie trug, nestelte, zerrte, zupfte und fühlte
                  nach einem Täschchen, das sie an einem Lederstreifen auf der Brust trug. Es war
                  da. Sie nahm es ab, zählte seinen Inhalt und fand alles, wie es sein mußte.</p>
               <p>Dies gab ihr ihre Ruhe wieder. Sie wollte es noch einmal versuchen und begann
                  abermals die Karten zu legen. Diesmal traf es; der Schippenbube lag weitab. Ein
                  häßliches Lachen zog über ihr Gesicht; dann tat sie den letzten Zug, schob einen
                  großen Holzriegel vor die Türe und löschte das Licht.</p>
               <p>Als eine Stunde später der Mond ins Fenster schien, schien er auch auf das
                  verwitterte Antlitz der Zwergin, das jetzt, wo sich das schwarze Kopftuch
                  verschoben und die weißen Haarsträhnen bloßgelegt hatte, noch häßlicher war als
                  zuvor. Der Mond zog vorüber; das Bild gefiel ihm nicht. Hoppenmarieken selbst aber
                  träumte, daß Schippenbube sie am Halse gepackt habe und an dem Lederriemen zerre,
                  um ihr die Tasche abzureißen. Sie rang mit ihm; der Angstschweiß trat ihr auf die
                  Stirn; dabei aber rief sie: »Wart, ich sag's: Diebe! Diebe!«</p>
               <p>Durch das öde Haus hin klangen diese Rufe. Die Vögel stiegen langsam von ihren
                  Sprossen und starrten durch ihre Gitter auf das Bett, von wo die Rufe kamen.</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Neuntes Kapitel</head>
               <head>Schulze Kniehase</head>
               <p>Dem Kruge gegenüber lag der Schulzenhof. Er bestand aus einem Ziegeldachhaus, an
                  das sich nach rückwärts zwei lange, schmale Stallgebäude anlehnten, die durch eine
                  Scheune miteinander verbunden waren. Ein hinter dieser Scheune gelegenes, mit
                  Obstbäumen und Himbeersträuchern besetztes Ackerstück<pb/> streckte wieder zwei
                  schmale Blumenstreifen bis dicht an die Dorfstraße vor, so daß in Sommerszeit,
                  wenn man vom Kirchhügel aus auf das Schulzengehöft herniedersah, alles einem
                  großen Garten glich, der Haus und Hof wie zwischen zwei ausgebreiteten Armen
                  hielt. Selbst Miekleys Mühle war dann nicht freundlicher. Bis unter das Dach
                  blühten die Malven, die Bienen summten um den Stock, die Trauben hingen am
                  Spalier, während sich von dem alten, rechts an der Hoftür wachestehenden Birnbaum
                  von Zeit zu Zeit die schweren Früchte lösten und mit Geklatsch auf die
                  Schwellsteine niederfielen. Von den Insassen des Hauses achtete niemand dieses
                  Tones; nur ein Mädchen, das auf der vorgebauten Steintreppe des Hauses unter einem
                  Gerank von Flieder und Geißblatt saß, sah einen Augenblick horchend auf, ehe es
                  fortfuhr, das Garn zu wickeln oder die Naht zu säumen.</p>
               <p>So war es im Spätsommer. Aber auch im Winter bot der Schulzenhof ein freundliches
                  Bild, auch heute am zweiten Weihnachtsfeiertage. Auf dem Hofe war der Schnee
                  zusammengeschippt, so daß er eine Mauer bildete; die Stalltüren standen auf, aus
                  denen die warme Luft wie ein Nebel ins Freie zog. An der Schwelle saßen Sperlinge
                  und pickten einzelne Körner auf. Sonst alles still; auch der Hofhund feierte. In
                  einer der Ecken zwischen Stall und Scheune stand seine Hütte; etwas von seinem
                  Lagerstroh hatte er vor die Öffnung geschoben, und auf diesem Kissen lag nun sein
                  spitzer Wolfskopf und sah behaglich in den Morgen hinein.</p>
               <p>Und still und festtäglich wie draußen auf dem Hofe, so war auch das Haus. Schon
                  seine Treppe war mit Sand bestreut; in den Ecken der Vordiele standen junge
                  Kiefern und füllten die Luft mit ihrem Harzgeruch; an einem Haken in der Mitte des
                  Flurs aber hing ein Mistelbusch. Die Wohnstuben waren schon geheizt und die
                  Kamintüren geschlossen; nur zur Rechten, wo das große Besuchszimmer lag, knisterte
                  noch ein Feuer und warf seinen Schein. Eine Katze strich ihre Flanken an den
                  warmen Ecken, schnurrend mit gekrümmtem Rücken, zum Zeichen ihres besonderen
                  Behagens.</p>
               <p>
                  <pb/> In dem vordersten Wohnzimmer, um einen schweren Eichentisch herum, befanden
                  sich drei Personen. Dem Fenster zunächst, und diesem den Rücken zukehrend, saß ein
                  breitschultriger Mann, ein Fünfziger. Sein Gesicht drückte Kraft, Festigkeit und
                  Wohlwollen aus. Spärliches blondes Haar legte sich an seine Scheitel, er war
                  sonntäglich gekleidet und trug einen langen, schwarzbraunen Rock. Die Frau zu
                  seiner Linken, trotz ihrer Vierzig, war noch hübsch, von dunklem Teint und
                  wendisch gekleidet. Ein breiter Kragen fiel über ihr Mieder von schwarzem Tuch,
                  und der kurze Friesrock war in hundert Falten gelegt. Unter der engen Tüllmütze
                  versteckte sich nur halb das glänzend schwarze Haar. Aller Schmuck war silbern. Um
                  den Hals schlang sich eine starke, vorn auf der Brust durch einen Schieber
                  zusammengehaltene Kette; die Ohrgehänge glichen großen, silbernen Tropfen.</p>
               <p>Dies war das Schulze Kniehasesche Paar. Dem Alten gegenüber, im vollen
                  Fensterlicht, saß die Tochter des Hauses, Maria, ebenso aufrecht wie Tages zuvor
                  am Kamin des Herrenhauses. Sie trug dasselbe Taftkleid, dasselbe rote Band im
                  Haar; und mit derselben Aufmerksamkeit, mit der sie gestern den Erzählungen Lewins
                  gefolgt war, folgte sie heute der Vorlesung ihres Vaters, der zuerst das
                  Weihnachtsevangelium, dann das achte Kapitel aus dem Propheten Daniel las. Der
                  alte Kniehase hatte dies Kapitel mit gutem Vorbedachte gewählt. Mariens Hände
                  lagen still in ihrem Schoß. Und als die Stelle kam: »Und nach diesem wird
                  aufkommen ein frecher und tückischer König, der wird mächtig sein, doch nicht
                  durch seine Kraft, und nur durch seine List wird ihm der Betrug geraten, und er
                  wird sich auflehnen wider den Fürsten aller Fürsten; aber er wird ohne Hand
                  zerbrochen werden« – da wurden ihre Augen größer, wie sie es bei der Erzählung von
                  dem Feuerschein im Schlosse zu Stockholm geworden waren, denn erregbaren Sinnes,
                  nahm jegliches, wovon sie hörte, lebendige Gestalt an. Sonst blieb alles in
                  gleichem Schlag. Das Rotkehlchen, mit leisem Gezirp, hüpfte aus dem Ring auf die
                  Sprossen und wieder von den Sprossen in den Ring; in gleichmäßigem <pb/> Takt ging
                  der Pendel der Gehäuseuhr. Und so ging auch des Schulzen Kniehase Herz.</p>
               <p>Kniehase war ein »Pfälzer«. Wie kam er in dieses Wendendorf? Und wie war er der
                  Schulze dieses Dorfes geworden?</p>
               <p>Um dieselbe Zeit, als die Scharwenkas mit anderen tschechischen Familien von
                  Böhmen her übersiedelten, wanderten die Kniehases mit rheinischen Familien ein.
                  Das war um 1750, als Friedrich der Große zur Trockenlegung der Sumpfstrecken des
                  Oderbruches und zu ihrer Kolonisierung schritt. Die tschechischen Familien, weil
                  ihrer nur wenig waren, fanden in den altwendischen Dörfern ein Unterkommen, und so
                  kamen die Scharwenkas nach Hohen-Vietz. Die rheinischen Kolonistenfamilien aber,
                  die, ohne Rücksicht darauf, ob sie aus dem Cleveschen oder Siegenschen, aus Nassau
                  oder der Pfalz stammten, sämtlich »Pfälzer« genannt wurden (etwa wie in Irland
                  alle Herübergekommenen »Sachsen« heißen), gründeten eigene Dörfer, unter denen
                  Neu-Barnim das größte war. In diesem Dorfe wurde unser Kniehase geboren, und zwar
                  am Tage des Hubertusburger Friedens. Der Vater schloß daraus, daß der Sohn ein
                  Prediger werden müsse, und ließ ihn nach den bescheidenen Mitteln, die sich
                  darboten, etwas Tüchtiges lernen. Aber der junge Kniehase war weitab davon, ein
                  Mann des Friedens werden zu wollen; nur das Soldatische hatte Reiz für ihn, und
                  mit zwanzig Jahren schon, nachdem er den Widerstand des Vaters unschwer besiegt,
                  trat er in die Grenadiercompagnie des Regiments Möllendorf ein, das damals zu
                  Berlin in Garnison stand. Der Dienst, trotz aller Strenge, gefiel ihm wohl, und
                  schon 1792, bei Ausbruch der Rheinkampagne, war er unter den Fahnenunteroffizieren
                  des Regiments. Bei Valmy erhielt er ein Ehrenzeichen, bei Kaiserslautern ein
                  zweites. Das kam so. Die Compagnie von Thadden sah sich gezwungen, eine
                  Hügelstellung zu räumen, auf der sie sich seit Beginn des Kampfes behauptet hatte;
                  feindliche Artillerie fuhr auf und beherrschte jetzt das abgeschrägte, wohl 1500
                  Schritt breite Terrain, auf dem die zurückgehende Compagnie, zum Teil in bloße
                  Trupps aufgelöst, ihren Rückzug bewerkstelligte. <pb/> In Mittelhöhe des Abhanges
                  lag ein durch einen Schenkelschuß verwundeter Gefreiter und beschwor seine
                  Kameraden, ihn nicht liegen zu lassen. Einige hielten inne; aber das
                  Kartätschenfeuer brach wieder den guten Willen; auch den Tapfersten versagte der
                  Mut. Da sprang Unteroffizier Kniehase vor, lief eine Strecke zurück, lud den
                  Verwundeten auf die Schulter und trug ihn aus dem Feuer. Stabskapitän von Thadden,
                  als die Compagnie sich wieder sammelte, trat an Kniehase heran und schüttelte ihm
                  die Hand; die Grenadiere aber brachen in Jubel aus und nahmen eine halbe Stunde
                  später die verlorengegangene Höhenstellung wieder.</p>
               <p>Dieser Tag führte unseren Kniehase, wenn nicht gleich, so doch im regelrechten
                  Lauf der Ereignisse, nach dem alten Wendendorfe, dessen Obrigkeit er jetzt
                  bildete. Denn der Gefreite, den er so mutig aus dem feindlichen Feuer getragen
                  hatte, war niemand anderes als unser Freund aus dem Hohen-Vietzer Kruge her: Peter
                  Kümmeritz. Invalide geworden, erhielt er seinen Abschied; zwei Jahre später aber
                  kam der Frieden, und die ganze Rheinarmee kehrte in ihre Garnisonen zurück. Mit
                  ihr das Regiment Möllendorf.</p>
               <p>Es war nach der Ernte, Anno 95; die Sommerfäden flogen schon durch die Luft, als
                  an einem jener klaren Tage, wie sie der September bringt, an Miekleys Mühle
                  vorbei, ein breitschultriger Mann in seines Königs Rock in die Hohen-Vietzer
                  Dorfstraße einbog. Auf seiner Brust blitzten ein paar Medaillen, und wer sich auf
                  Litzen und Rabatten verstand, der sah, daß es ein Chargierter vom Regiment
                  Möllendorf war. Es war aber kein anderer als unser Unteroffizier Kniehase. Als er,
                  gefolgt von der halben Dorfjugend, die scheubeflissen auf seine Fragen Antwort
                  gab, in das Gehöft seines ehemaligen Gefreiten eintreten wollte, trat ihm an der
                  Schwelle des Hauses nicht Peter Kümmeritz in Person, wohl aber Trude Kümmeritz,
                  seine Schwester, entgegen. Nach allem, was folgte, muß angenommen werden, daß
                  diese Stellvertretung den Wünschen unseres Kniehase nicht zuwiderlief, denn ehe er
                  nach Wochenfrist den gastlichen Kümmeritzschen Hof verließ, um zu seinem Regiment
                  <pb/> zu retournieren, hatte er nicht nur mit Peter die Kriegskameradschaft
                  erneuert, sondern auch mit Trude sich zu ehelicher Kameradschaft versprochen. Er
                  ging überhaupt nur in seine Garnison zurück, um aus dem Urlaub einen Abschied zu
                  machen, demnächst aber einen Neu-Barnimschen Hof zu kaufen und seine Trude aus dem
                  Wendendorf in das Pfälzerdorf hinüberzuziehen. Es kam aber umgekehrt. Eine
                  Hohen-Vietzer Stelle wurde unerwartet frei, die Truhen der Häuser Kümmeritz und
                  Kniehase steuerten zusammen, und als im Sommer 96 der Raps blühte und sein Duft
                  auf allen Feldern lag, da stieg ein Hochzeitszug den Kirchenhügel hinan, die
                  Glocken läuteten, und die Musikanten bliesen, bis das Brautpaar über die Schwelle
                  war. Kniehase trug seine Uniform, Trude die reiche wendische Tracht, und alt und
                  jung waren einig, daß Hohen-Vietz ein solches Brautpaar seit Menschengedenken
                  nicht gesehen habe. Seit Menschengedenken kein stattlicheres, aber auch kein
                  glücklicheres Paar. Vor allen Dingen kein besseres. Neid und üble Nachrede
                  schwiegen, und wenn anfangs dieser und jener klagte, »daß nun ein Pfälzer ins Dorf
                  gekommen sei«, so verstummte diese Klage doch bald, als sie den Pfälzer
                  kennenlernten. Wo es einen Rat galt, da war er da, und wo es eine Tat galt, da war
                  er zweimal da. Er verstand sich aufs Schreiben und Eingabenmachen, aufs Rechnen
                  und Registrieren, und als Anno 1800 der alte Schulze Wendelin Pyterke starb, der
                  seit dem Siebenjährigen Krieg volle vierundzwanzig Jahre im Amte und nach der
                  Kunersdorfer Schlacht, als die Russen kamen, die Rettung des Dorfes gewesen war,
                  da wählten sie den Kniehase zu ihrem Schulzen, ohne sich ums Herkommen zu kümmern,
                  das nur zwei oder drei unter ihnen gewahrt wissen wollten. Berndt von Vitzewitz
                  aber sagte: »Meine Bauern waren immer gescheit, doch für so gescheit hab ich sie
                  all mein Lebtag nicht gehalten.«</p>
               <p>Kniehase hatte keinen Feind; selbst die Forstackersleute sprachen gut von ihm. Im
                  Herrenhause hieß es: »Er ist ein tüchtiger Mann«, in der Mühle hieß es: »Er ist
                  ein frommer Mann«, Peter Kümmeritz aber mit immer wachsendem Respekt sah zu <pb/>
                  seinem Schwager auf, als ob er den Tag von Kaiserslautern durch eigenes Eingreifen
                  entschieden habe. Er schloß dann wohl ab: »Ich schulde ihm mein Leben, und meine
                  Schwester schuldet ihm ihr Glück.«</p>
               <p>Die Kniehases waren ein glückliches Paar; aber kein Glück ist vollkommen: sie
                  blieben kinderlos. Da traf es sich, daß auch eine Tochter ins Haus kam, kein
                  eigenes Kind und doch geliebt wie ein solches.</p>
               <p>Es war um Weihnachten 1804, zwei Jahre früher, als die Frau von Vitzewitz starb,
                  da kam ein »starker Mann« ins Dorf, einer von jenen fahrenden Künstlern, die
                  zunächst in rotem Trikot mit fünf großen Kugeln spielen und hinterher ein
                  Taubenpaar aus einem Schubfach auffliegen lassen, in das sie vorher eine Uhr oder
                  ein Taschentuch gelegt haben. Der starke Mann schien bessere Tage gesehen zu
                  haben; seine ganze Haltung deutete darauf hin, daß er nicht immer in einem
                  Planwagen von Dorf zu Dorf gefahren war. Er hielt jetzt vor dem Scharwenkaschen
                  Kruge, führte das magere Pferd in den Stall, und am Abend war Vorstellung. Ein
                  kleines Mädchen, das zehn Jahre sein mochte, wechselte mit ihm ab, sang Lieder und
                  deklamierte; zuletzt erschien sie in einem kurzen Gazekleid, das mit Sternchen von
                  Goldpapier besetzt war, und führte den Shawltanz auf. Die Hohen-Vietzer Bauern,
                  ganz besonders die alten, waren wie benommen und streichelten das Kind mit ihren
                  großen Händen. Es sollte ihnen bald Gelegenheit werden, ihr gutes Herz noch weiter
                  zu zeigen.</p>
               <p>Der »starke Mann« war längst kein starker Mann mehr; er war siech und krank. Er
                  legte sich, und es ging rasch bergab. Pastor Seidentopf saß an seinem Bett und
                  sprach ihm Trost zu: der Sterbende aber, der wohl wußte, wie es mit ihm stand,
                  schüttelte den Kopf, zog den Pastor näher an sich heran und sagte fest: »Ich bin
                  froh, daß es zu Ende geht.« Dann wies er mit einer leisen Seitwärtsbewegung des
                  Kopfes auf die Kleine, die am Fenster saß, preßte beide Hände aufs Herz und setzte
                  mit halberstickter Stimme hinzu: »Wenn nur das Kind nicht <pb/> wäre.« Dabei brach
                  er, alle Kraft über sich verlierend, in ein krampfhaftes Schluchzen aus. Die
                  Kleine, als sie das Weinen hörte, kam herzugesprungen und küßte in
                  leidenschaftlicher Liebe die Hand des Sterbenden. Dieser streichelte ihr das Haar,
                  sah sie an und lächelte. Es war, als ob er in eine lichte Zukunft geblickt hätte.
                  So starb er. Auf dem Tische neben ihm stand die kleine Zauberkommode, aus der
                  immer die Tauben aufflogen. Pastor Seidentopf war tief erschüttert.</p>
               <p>An die Hohen-Vietzer aber traten jetzt zwei Fragen heran, von denen es schwer zu
                  sagen, welche die Gemüter mehr beschäftigte. Die erste Frage war: »Was machen wir
                  mit dem Toten?«</p>
               <p>Die alten Wendenbauern waren gutmütig, aber sie dachten doch ernst in solchen
                  Sachen. Den starken Mann bloß einzuscharren erschien ihnen als untunliche Härte,
                  ihn aber auf ihrem christlichen Kirchhofe zu begraben, als noch untunlichere
                  Entweihung. War er überhaupt ein Christ? Die Mehrzahl zweifelte. Da fand Pastor
                  Seidentopf unter dem Kopfkissen des Toten eine Tasche mit allerhand Papieren, auch
                  Tauf-und Trauschein. Die Briefe gaben weiteren Aufschluß. Es zeigte sich, daß er
                  Schauspieler gewesen war, daß er eine Tochter aus gutem Hause wider den Willen der
                  Eltern geheiratet hatte und daß die Frau schließlich hingestorben war in Gram und
                  Elend, aber ohne Vorwurf und ohne Reue. Die letzten Briefe, viel durchlesene,
                  waren aus einem schlesischen Klosterspitale datiert. Ein gescheitertes Leben
                  sprach aus allen, aber kein unglückliches, denn was sie zusammengeführt, hatte Not
                  und Tod überdauert.</p>
               <p>Pastor Seidentopf, als er die Briefe gelesen, trat wieder unter seine Bauern, die
                  unten im Krug seiner harrten, und am dritten Tage hatte der starke Mann ein
                  christliches Begräbnis, als ob er ein Kümmeritz oder ein Miekley gewesen wäre. Die
                  Schulkinder sangen ihn hügelan, trotzdem ein großes Schneetreiben war, Frau von
                  Vitzewitz, gütig wie immer, stand mit am Grabe und warf dem Toten die erste
                  Handvoll Erde nach, Berndt von Vitzewitz aber ließ ihm ein Kreuz errichten, darauf
                  folgender, <pb/> vom alten Küster Jeserich Kubalke gedichteter Spruch zu lesen
                  war:</p>


               <l>Ein Stärkrer zwang den starken Mann,</l>
               <l>Nimm ihn Gott in Gnaden an.</l>


               <p>So erledigte sich die erste Frage. – Die zweite Frage war: »Was machen wir mit dem
                  Kinde?« Pastor Seidentopf erwog die Frage hin und her; hundert Pläne gingen ihm
                  durch den Kopf, aber keiner wollte passen. Die Bauern waren scheu und schwierig.
                  Da trat Schulze Kniehase dazwischen, und das weinende Kind vom Krug aus in sein
                  Haus hinüberführend, sagte er: »Mutter, die schickt uns Gott.«</p>
               <p>Und am anderen Tage, weil es dicht vor dem Christfest war, begann er ihr einen
                  Baum zu putzen und nannte sie seine Weihnachtspuppe und sein Zauberkind.</p>
               <p>Die Bauern sahen anfangs ängstlich zu; »sie wird ihm wegfliegen«, meinten die
                  einen, »und das wäre noch das beste«, versicherten die anderen. Aber sie flog
                  nicht fort, und Pastor Seidentopf sagte: »Sie wird ihm Segen bringen, wie die
                  Schwalben am Sims.«</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Zehntes Kapitel</head>
               <head>Marie</head>
               <p>»Sie wird dem Hause Segen bringen, wie die Schwalben am Sims«, so hatte Prediger
                  Seidentopf gesprochen, und seine Worte sollten in Erfüllung gehen. Das
                  Kopfschütteln der Bauern nahm bald ein Ende. Es geschah das, was unter ähnlichen
                  Verhältnissen immer geschieht: dunkle Geburt, seltsame Lebenswege, wie sie den
                  Argwohn wecken, wecken auch das Mitgefühl, und ein schöner Trieb kommt über die
                  Menschen, ein unverschuldetes Schicksal auszugleichen. Der Zauber des
                  Geheimnisvollen unterstützt die wachgewordene Teilnahme.</p>
               <p>Das erfuhr auch Marie. Ehe noch der erste Winter um war, war sie der Liebling des
                  Dorfes; keiner spöttelte mehr über <pb/> das Gazekleid mit den
                  Goldpapiersternchen, in dem sie zuerst vor ihnen aufgetreten war. Vielmehr
                  erschien ihnen jetzt dieser bloße Hauch einer Kleidung als ihr natürliches Kostüm,
                  und wenn Schulze Kniehase, der das Kind von Anfang an über die Maßen liebte,
                  drüben im Kruge saß und halb ernsthaft, halb scherzhaft versicherte, »sie sei ein
                  Feenkind«, so widerredete niemand, weil er nur aussprach, was alle längst schon an
                  sich selbst erfahren hatten. Daß sie fortfliegen würde, daran glaubte freilich
                  niemand mehr, mit alleiniger Ausnahme der Mädchen in den Spinnstuben, die voll
                  Spuk- und Gespensterbedürfnis immer Neues und Wunderbares von ihr zu erzählen
                  wußten. Und nicht alles war Erfindung. So hatte sie wirklich eine unbezwingbare
                  Vorliebe für den Schnee. Wenn die Flocken still vom Himmel fielen oder tanzten und
                  stöberten, als würden Betten ausgeschüttet, dann entfernte sie sich aus dem
                  Vorderhause, kletterte die lange Schrägleiter hinauf, die bis auf den First des
                  Scheunendaches führte, und stand dort oben schneeumwirbelt. Die Mädchen
                  versicherten auch, sie hätten sie singen hören. Es bedarf keiner Ausführung,
                  welche phantastisch weitgehenden Schlüsse daraus gezogen wurden.</p>
               <p>So war es im Winter. Als der Sommer kam, der eine freiere Bewegung gönnte, gewann
                  sie vollends alle Herzen. Sie besuchte nicht nur die einzelnen Bauerhöfe, sondern
                  auch die ausgebauten Lose, die weiter ins Bruch hinein lagen, spielte mit den
                  Kindern und erzählte Geschichten. Das Fremde und Geheimnisvolle, das sie von
                  Anfang an gehabt hatte, blieb ihr, aber niemand wunderte sich mehr darüber. Auch
                  die Dorfmädchen nicht. Einmal verirrte sie sich; im Kniehaseschen Hause war große
                  Aufregung; alles lief und suchte bis an die Oder hin. Endlich fand man sie, keine
                  tausend Schritt vom Dorfe. Sie lag schlafend im Korn, ein paar Mohnblumen in der
                  Hand; ein kleiner Vogel saß ihr zu Füßen. Niemand kannte den Vogel, als er aufflog
                  und aller Augen ihn verfolgten. »Der hat sie beschützt!« sagten die
                  Hohen-Vietzer.</p>
               <p>In der Regel spielte sie auf dem Abhange zwischen der Kirche und dem Dorfe, am
                  liebsten auf dem Kirchhofe selbst.</p>
               <p>
                  <pb/> Sie las die Inschriften, umarmte den Rasen von ihres Vaters Grabe, kletterte
                  auf die hohe Feldsteinmauer und sah auf die Segel der Oderkähne nieder, die,
                  angeglüht von der sich neigenden Sonne, unten auf dem Strome vorüberzogen. Kam
                  dann des alten Küsters Kubalke Magd, um zu Abend zu läuten, so folgte sie dieser,
                  zog ein paarmal mit an dem Glockenstrang und huschte dann in die schon halbdunkle
                  Kirche hinein. Hier setzte sie sich mit halbem Körper auf das äußerste Ende der
                  Frontbank, auf der am Tage nach der Kunersdorfer Schlacht der Major vom Regiment
                  Itzenplitz verblutet war, blickte seitwärts scheu nach dem dunkeln Fleck, den
                  alles Putzen nicht hatte wegschaffen können, und sah dann, um das selbstgewollte
                  Grauen wieder von sich zu bannen, nach dem großen Vitzewitzschen Marmorbilde
                  hinüber, das die Inschrift trug: »So du bei mir bist, wer will wider mich sein«.
                  So blieb sie, bis der Glockenton verklang. Dann trat sie wieder auf den Kirchhof
                  hinaus, sah der Magd nach, die den Schlängelpfad ins Dorf hernieder stieg, und
                  umkreiste bang, aber immer enger und enger die alte Buche, deren zweigeteilter
                  Stamm, der Sage nach, an den Bruderzwist der Vitzewitze gemahnte. Fiel dann ein
                  Blatt oder flog ein Vogel auf, so fuhr sie zusammen.</p>
               <p>Es waren schöne Tage, dieser erste Sommer in Hohen-Vietz; aber diese schönen Tage
                  konnten nicht dauern. Die Schulzenleute, Mann wie Frau, hatten längst ihre Sorge
                  darüber. All dies Umherstreifen währte schon zu lange; Arbeit, Ordnung, Schule
                  mußten an seine Stelle treten. Aber wie? Beide Kniehases waren weitab davon, ein
                  Prinzeßchen aus ihrem Pflegekind machen zu wollen, aber ebenso bestimmt fühlten
                  sie auch, daß die Dorfschule kein Platz für sie sei. Sie paßte nicht unter die
                  Holzpantoffelkinder, ganz abgesehen davon, daß sie, ohne je eine Schulstunde
                  gehabt zu haben, um ein beträchtliches besser lesen konnte als der alte Jeserich
                  Kubalke, zumal wenn er seine Hornbrille vergessen hatte.</p>
               <p>In dieser Not half die gute Frau von Vitzewitz. Sie hatte längst daran gedacht,
                  das sonderbare Kind, von dessen phantastischem Wesen sie so manches gehört hatte,
                  als Spiel- und <pb/> Schulgenossin Renatens in ihr Haus zu ziehen, allerhand
                  Erwägungen aber, die dagegen sprachen, hatten es damals nicht dazu kommen lassen.
                  Der Kniehasesche Pflegling, so gewinnend er sein mochte, war doch immer eines
                  Taschenspielers, im günstigsten Falle eines verarmten Schauspielers Kind, und
                  sowenig sie persönlich einen Anstoß daran nahm, so glaubte sie dennoch in
                  Erziehungsfragen weniger ihr eigenes, durchaus freies und vornehmes Empfinden als
                  vielmehr allgemeine, aus Pflicht und Erfahrung hergeleitete Anschauungen zu Rate
                  ziehen zu müssen. So zerschlug es sich denn wieder. Pastor Seidentopf hätte es
                  freilich wohl schon damals in der Hand gehabt, einen andern Ausgang
                  herbeizuführen; er wollte jedoch, in einer so verantwortungsvollen Angelegenheit,
                  nicht ungefragt eingreifen und zog es vor, sich die Dinge selber machen zu
                  lassen.</p>
               <p>Und sie machten sich auch, und zwar in sehr eigentümlicher Weise. Am Rande des
                  Vitzewitzschen Parks, schon in einiger Erhöhung, stand eine Florastatue und sah
                  einen breiten Kiesweg hinunter auf die Gartenfront des Herrenhauses. Zu Füßen der
                  Statue waren fünf dreieckige Blumenbeete angelegt, die in ihrer Gesamtheit einen
                  einfassenden Halbkreis bildeten. An dieser Stelle hatte Marie, bei ihren täglichen
                  Streifereien, häufig ein paar Blumen gepflückt, Balsaminen oder Reseda, und war
                  dabei niemals einem Verbot begegnet. Im Gegenteil. Der Gärtner, des zierlichen und
                  fremdartigen Kindes sich freuend, hatte ihr zugenickt und einmal sogar ihr ein
                  paar Fuchsia-Knospen über das linke Ohr gehängt. Nun war es September geworden;
                  die roten Verbenen blühten, und dazwischen, aus eingegrabenen Töpfen, wuchsen ein
                  paar unscheinbare Blumen auf, die dem spielenden Kinde als dunkle Vergißmeinnicht
                  erschienen. Sie pflückte sie ab. Es war aber Heliotrop, damals noch etwas
                  Seltenes, und Frau von Vitzewitz wollte wissen, wer ihr das angetan und sie um den
                  Anblick ihrer Lieblingsblume gebracht habe. Als Marie davon hörte, faßte sie rasch
                  einen Entschluß. Sie setzte sich auf eine Bank, in unmittelbarer Nähe der Statue,
                  und als Frau von Vitzewitz <pb/> auf ihrem Spaziergang den breiten Kiesweg
                  hinaufschritt, sprang sie auf, eilte der Herankommenden entgegen, küßte ihr die
                  Hand und sagte: »Ich habe es getan.« Sie war dabei hochrot und zitterte, aber sie
                  weinte nicht. Von diesem Augenblick an war die Freundschaft geschlossen. Frau von
                  Vitzewitz streichelte ihr das Haar und sah sie fest und freundlich an; dann führte
                  sie sie zu der Bank zurück, von der sie aufgestanden war, stellte Fragen und ließ
                  sich erzählen. Alles bestätigte ihr den ersten Eindruck. So trennten sie sich.
                  Noch am selben Nachmittage aber sagte Frau von Vitzewitz zu Seidentopf: »Das ist
                  ein seltenes Kind«, und ehe acht Tage um waren, war sie die Spiel- und
                  Schulgenossin Renatens.</p>
               <p>Sie war anfangs zurück; alles, was sie konnte, war eben Lesen und Deklamieren.
                  Aber ihre schnelle Fassungsgabe, durch Gedächtnis und glühenden Eifer unterstützt,
                  gestattete ihr, das Versäumte wie im Fluge nachzuholen, und ehe noch ein halbes
                  Jahr um war, war sie in den meisten Disziplinen Renaten gleich. Und wie sie den
                  von Frau von Vitzewitz an ihre Fähigkeiten geknüpften Erwartungen entsprach, so
                  auch denen, die sich auf ihren Charakter bezogen. Sie war ohne Laune und
                  Eigensinn; etwas Heftiges, das sie hatte, wich jedem freundlichen Wort. Die beiden
                  Mädchen liebten sich wie Schwestern.</p>
               <p>Nichts war mißglückt, über Erwarten hinaus hatten sich die Wünsche der Frau von
                  Vitzewitz erfüllt, dennoch stellten sich immer wieder Bedenken bei ihr ein, die
                  freilich jetzt nicht mehr das Glück Renatens, sondern umgekehrt das Glück Mariens
                  betrafen. Es galt, nicht nur den Augenblick, sondern auch die Zukunft befragen.
                  Wie sollte sich diese gestalten? War es recht, dem Schulzenkinde die Erziehung
                  eines adeligen Hauses zu geben? Wurde Marie nicht in einen Widerspruch gestellt,
                  an dem ihr Leben scheitern konnte? Sie teilte diese Bedenken ihrem Gatten mit,
                  der, von Anfang an dieselben Skrupel hegend, sofort entschlossen war, mit Schulze
                  Kniehase, zu dessen Verständigkeit er ein hohes Vertrauen hatte, die Sache
                  durchzusprechen.</p>
               <p>Berndt ging in den Schulzenhof, traf Kniehase mitten in <pb/>
                  Rechnungsabschlüssen, die das nach Küstrin hin gelieferte Stroh- und Haferquantum
                  betrafen, rückte mit ihm in die Fensternische und stellte ihm alles vor, wie er es
                  mit der Frau von Vitzewitz besprochen hatte.</p>
               <p>Schulze Kniehase hörte aufmerksam zu, dann sagte er, als sein Gutsherr schwieg: er
                  habe sich's, als von der Sache zuerst gesprochen wurde, auch überlegt, ob er dem
                  Kinde nicht die Ruhe nehme, die doch mehr sei als alles Lernen und Wissen. All
                  sein Überlegen aber habe doch immer wieder dahin geführt, daß es das Beste sein
                  würde, die gnädige Frau, die es so gut meine, ruhig gewähren zu lassen. So sei es
                  ein halbes Jahr gegangen. Es jetzt nun nach der entgegengesetzten Seite hin zu
                  ändern, sei nur ratsam, wenn es der ausgesprochene Wille der gnädigen Frau sei.
                  Sein eigener Wunsch und Wille sei es schon seit Monaten nicht mehr; die Bedenken,
                  die er anfangs gehabt, seien mehr und mehr von ihm abgefallen. Er wisse auch wohl
                  warum. Das Kind, das ihm die Hand Gottes fast auf die Schwelle seines Hauses
                  gelegt habe, sei kein bäuerlich Kind; es sei nicht bäuerlich von Geburt und nicht
                  bäuerlich von Erscheinung. Er säße so mitunter in der Dämmerstunde und mache sich
                  Bilder, wie auch wohl andere Leute täten, aber wie vielerlei auch an ihm
                  vorüberzöge, nie sähe er seine Marie mit geschürztem Rock und zwei Milcheimern,
                  unter dem Zurufe lachender Knechte, über den Hof gehen. Er liebe das Kind, als ob
                  es sein eigen wäre; aber er betrachte es doch als ein fremdes, das eines Tages ihm
                  wieder abgefordert werden würde. Nicht von den Menschen, wohl aber von der Natur.
                  Es wird so sein wie mit den Enten im Hühnerhof, die eines Tages fortschwimmen,
                  während die Henne am Ufer steht.</p>
               <p>Als Kniehase so gesprochen, hatte ihm Berndt von Vitzewitz die Hand gereicht, und
                  im Herrenhause schwiegen von jenem Tage an alle Bedenken.</p>
               <p>Auch der Tod der Frau von Vitzewitz, schmerzlich wie er von Marie empfunden wurde,
                  änderte nichts in ihrem Verhältnis zu den Zurückgebliebenen. Tante Schorlemmer kam
                  ins <pb/> Haus, und frei von jener Liebedienerei, die sich in Bevorzugung Renatens
                  hätte gefallen können, betrachtete sie vielmehr beide Mädchen wie Geschwister und
                  umfaßte sie mit gleicher Herzlichkeit.</p>
               <p>Nach der Einsegnung hörten die Unterrichtsstunden auf, aber die beiden Mädchen
                  waren zu innig aneinander gekettet, als daß der Wegfall dieses äußerlichen Bandes
                  das geringste an ihrer Verkehrs- und Lebensweise hätte ändern können. Der Geburts-
                  und Standesunterschied wurde von Renate nicht geltend gemacht, von Marie nicht
                  empfunden. Sie sah in die Welt wie in einen Traum und schritt selber traumhaft
                  darin umher. Ohne sich Rechenschaft davon zu geben, stellten sich ihr die hohen
                  und niederen Gesellschaftsgrade als bloße Rollen dar, die wohl dem Namen nach
                  verschieden, ihrem Wesen nach aber gleichwertig waren. Es war im Zusammenhange
                  damit, daß unter allen Bildern, die sich im Vitzewitzeschen Hause befanden, eine
                  Nachbildung des »Lübecker Totentanzes«, bei allem Erschütternden, doch zugleich
                  den erhebendsten Eindruck auf sie gemacht hatte. Die Predigt von einer letzten
                  Gleichheit aller irdischen Dinge sprach das aus, was dunkel in ihr selber lebte.
                  Dabei war sie ohne Anspruch und ohne Begehr. Alles Schöne zog sie an; aber es
                  drängte sie nur, daran teilzunehmen, nicht, es zu besitzen. Es war ihr wie der
                  Sternenhimmel; sie freute sich seines Glanzes, aber sie streckte nicht die Hände
                  danach aus.</p>
               <p>Diese Unbegehrlichkeit hatte sich auch an ihrem sechzehnten Geburtstage gezeigt.
                  Bei dieser Gelegenheit erhielt sie als großes Geschenk des Tages ihr eigenes
                  Zimmer. Beide Kniehases führten sie, mit einer gewissen Feierlichkeit, in die
                  nördliche Giebelstube, die geradeaus den Blick auf den Park, nach rechts hin auf
                  die Kirche hatte, und sagten: »Marie, das ist nun dein; schalte und walte hier;
                  erfülle dir jeden kleinen Wunsch; uns soll es eine Freude sein.«</p>
               <p>Marie, im ersten Sturm des Glückes, hatte ein Hin-und Herschieben mit Schrank und
                  Nähtisch, mit Bücherbord und Kleidertruhe begonnen, aber dabei war es geblieben.
                  Es kam ihr <pb/> nicht in den Sinn, ihrem alten, ihr liebgewordenen Besitz etwas
                  Neues hinzuzufügen. Was sie hatte, freute sie, was sie nicht hatte, entbehrte sie
                  nicht.</p>
               <p>»Sie hat Mut, und sie ist demütig«, hatte nach jener ersten Begegnung im Park Frau
                  von Vitzewitz zu Pastor Seidentopf gesagt. Sie hätte hinzusetzen dürfen: »Vor
                  allem ist sie wahr.« Jenes Wunder, das Gott oft in seiner Gnade tut, es hatte sich
                  auch hier vollzogen: innerhalb einer Welt des Scheins war ein Menschenherz
                  erblüht, über das die Lüge nie Macht gewonnen hatte. Noch weniger das Unlautere.
                  Tante Schorlemmer sagte: »Unsere Marie sieht nur, was ihr frommt, für das, was
                  schädigt, ist sie blind.« Und so war es. Phantasie und Leidenschaft, weil sie sie
                  ganz erfüllten, schützten sie auch. Weil sie stark fühlte, fühlte sie rein.</p>
               <p>Im Hohen-Vietzer Herrenhause – es war im Winter vor Beginn unserer Erzählung –
                  sang Renate ein Lied, dessen Refrain lautete:</p>


               <l>Sie ist am Wege geboren,</l>
               <l>Am Weg, wo die Rosen blühn...</l>


               <p>Sie begleitete den Text am Klavier.</p>
               <p>»Weißt du, an wen ich denken muß, sooft ich diese Strophen singe«, fragte Renate
                  den hinter ihrem Stuhl stehenden Lewin.</p>
               <p>»Ja«, antwortete dieser, »du gibst keine schweren Rätsel auf.«</p>
               <p>»Nun?«</p>
               <p>»An Marie.«</p>
               <p>Renate nickte und schloß das Klavier.</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Elftes Kapitel</head>
               <head>Prediger Seidentopf</head>
               <p>In der Mitte des Dorfes, neben dem Schulzenhof, lag die Pfarre, ein über hundert
                  Jahre altes, etwas zurückgebautes Giebelhaus, das an Stattlichkeit weit hinter den
                  meisten Bauerhöfen <pb/> zurückblieb. Es war das einzige größere Haus im Dorfe,
                  das noch ein Strohdach hatte. Zu verschiedenen Malen war davon die Rede gewesen,
                  dieses der Dorfgemeinde sowohl um ihres Pastors wie um ihrer selbst willen
                  despektierlich erscheinende Strohdach durch ein Ziegeldach zu ersetzen: unser
                  Freund Seidentopf aber, der in diesem Punkte wenigstens ein gewisses Stilgefühl
                  hatte, hatte beständig gegen solche Modernisierung protestiert. »Es sei gut so,
                  wie es sei.« Und darin hatte er vollkommen recht. Es war eben ein Dorfidyll, das
                  durch jede Änderung nur verlieren konnte. Der Giebel des Hauses stand nach vorn;
                  dicht unter dem Strohdach hin lief eine Reihe kleiner, überaus freundlich
                  blickender Fenster, während die Fachwerkwände bis hoch hinauf mit Brettern
                  bekleidet und den ganzen Sommer über mit Wein, Pfeifenkraut und Spalierobst
                  überdeckt waren. Neben der Haustüre stand ein Rosenbaum, der, bis an den First
                  hinaufwachsend, im ganzen Oderbruche berühmt war wegen seines Alters und seiner
                  Schönheit. Auch das winterliche Bild, das die Pfarre bot, war nicht ohne Reiz.
                  Eine mächtige Schneehaube saß auf seinem Dache, während die niedergelegten, mit
                  Stroh umwundenen Weinranken, dazu die Matten, die sich schützend über dem
                  Spalierobst ausbreiteten, dem Ganzen ein sorgliches und in seiner Sorglichkeit
                  wohnlich anheimelndes Ansehen gaben.</p>
               <p>Dem entsprach auch das Innere. Die Haustür, wie oft in den märkischen
                  Pfarrhäusern, hatte eine Klingel, keine von den großen, lärmenden, die den
                  Bewohnern zurufen: »Rettet euch, es kommt wer«, sondern eine von den kleinen,
                  stillgestimmten, die dem Eintretenden zu sagen scheinen: »Bitte schön, ich habe
                  Sie schon gemeldet.« Der Tür gegenüber, an der entgegengesetzten Seite des langen,
                  fast durch das ganze Haus hinlaufenden Flurs, befand sich die Küche, deren
                  aufstehende Türe immer einen Blick auf blanke Kessel und flackerndes Herdfeuer
                  gönnte. Die Zimmer lagen nach rechts hin. An der linken Flurwand, die zugleich die
                  Wetterwand des Hauses war, standen allerhand Schränke, breite und schmale, alte
                  und neue, deren Simse mit zerbrochenen Urnen garniert waren; dazwischen <pb/> in
                  den zahlreichen Ecken hatten ausgegrabene Pfähle von versteinertem Holz,
                  Walfischrippen und halbverwitterte Grabsteine ihren Platz gefunden, während an den
                  Querbalken des Flurs verschiedene ausgestopfte Tiere hingen, darunter ein junger
                  Alligator mit bemerkenswertem Gebiß, der, sooft der Wind auf die Haustür stand,
                  immer unheimlich zu schaukeln begann, als flöge er durch die Luft. Alles in allem
                  eine Ausstaffierung, die keinen Zweifel darüber lassen konnte, daß das
                  Hohen-Vietzer Predigerhaus zugleich auch das Haus eines leidenschaftlichen
                  Sammlers sei.</p>
               <p>Machte schon der Flur diesen Eindruck, so steigerte sich derselbe beim Eintritt in
                  das nächstgelegene Zimmer, das einem Antikencabinet ungleich ähnlicher sah als
                  einer christlichen Predigerstube. Zwar war der Bewohner desselben ersichtlich
                  bemüht gewesen, Amt und Neigung in ein gewisses Gleichgewicht zu bringen, war aber
                  damit gescheitert. Es sei gestattet, einen Augenblick bei diesem Punkte zu
                  verweilen.</p>
               <p>Die Studierstube besaß zwei nach dem Garten hinaussehende Fenster, zwischen denen
                  unser Freund eine bis in die Mitte des Zimmers gehende Scheidewand gezogen hatte.
                  So waren zwei große, fast cabinetartige Fensternischen gewonnen, von denen die
                  eine dem Prediger Seidentopf, die andere dem Sammler und Altertumsforscher
                  gleichen Namens angehörte. Innerhalb dieser Nischen war das Balanciersystem, das
                  sich schon in ihrer äußeren Anlage zu erkennen gab, ebenfalls festgehalten, indem
                  auf dem Arbeitstische in der Camera archaeologica »Bekmanns historische
                  Beschreibung der Kurmark Brandenburg, Berlin 1751 bis 53«, auf dem Arbeitstisch in
                  der Camera theologica »Dr. Martin Luthers Bibelübersetzung, Augsburg 1613«,
                  aufgeschlagen lag. Beides Prachtbücher, wie sie nur ein Sammler hat, groß, dick,
                  in festem Leder, mit hundert Bildern. Über eine Äußerung des Kandidaten
                  Uhlenhorst, der auf einer Versammlung in Hohen-Sathen gesagt haben sollte:
                  »Prediger Seidentopf greife mitunter fehl und schlage in Bekmann statt in der
                  Bibel nach«, gehen wir wie billig an dieser Stelle hin.</p>
               <p>
                  <pb/> Es war dies ein rechter Uhlenhorstscher Sarkasmus, wie ihn die Konventikler
                  wohl zu haben pflegen; aber darin hatten sie recht, daß nicht nur der in der
                  archäologischen Abteilung stehende Lehnstuhl viel tiefer eingesessen, sondern daß
                  auch der ganze, diesseits der Fensternischen verbliebene Rest des Zimmers ein
                  heidnisches Museum, eine bloße Fortsetzung alles dessen war, was schon der Flor
                  geboten hatte. Nur die Walfischrippe und der Alligator fehlten. Zwei mächtige,
                  rechts und links neben der Tür stehende, über den Sims hin durch einen Mittelbau
                  verbundene Glasschränke bildeten eine Art Arcus triumphalis, durch den man in die
                  Studierstube eintrat; und alles, von dem Steinmesser und dem Aschenkrug an, was
                  die märkische Erde nur je an Altertumsfunden herausgegeben hat, das fand sich hier
                  zusammen. Daneben konnte freilich die theologische Bibliothek des Zimmers nicht
                  bestehen, die, ihrer äußersten Verstaubung ganz zu geschweigen, auf einem
                  schmalen, zweibrettrigen Real zwischen Wandvorsprung und Ofen ihre Unterkunft
                  gefunden hatte.</p>
               <p>Unser Seidentopf war ein archäologischer Enthusiast trotz einem und ausgerüstet
                  mit all den Schwächen, die von diesem Enthusiasmus so unzertrennlich sind wie die
                  Eifersucht von der Liebe. Er phantasierte, er ließ sich hinters Licht führen; aber
                  in einem unterschied er sich von der großen Armee seiner Genossen: er sammelte
                  nicht, um zu sammeln, sondern um einer Idee willen. Er war Tendenzsammler.</p>
               <p>Innerhalb der Kirche, wie Uhlenhorst sagte, ein Halber, ein Lauwarmer, hatte er,
                  sobald es sich um Urnen und Totentöpfe handelte, die Dogmenstrenge eines
                  Großinquisitors. Er duldete keine Kompromisse, und als erstes und letztes Resultat
                  aller seiner Forschungen stand für ihn unwandelbar fest, daß die Mark Brandenburg
                  nicht nur von Uranfang an ein deutsches Land gewesen, sondern auch durch alle
                  Jahrhunderte hin geblieben sei. Die wendische Invasion habe nur den Charakter
                  einer Sturzwelle gehabt, durch die oberflächlich das eine oder andere geändert,
                  dieser oder jener Name slawisiert worden sei. Aber nichts weiter. In der
                  Bevölkerung, wie durch die Sagen von <pb/> Fricke und Wotan bewiesen werde, habe
                  deutsche Sitte und Sage fortgelebt, am wenigsten seien die Wenden, wie so oft
                  behauptet werde, in die Tiefen der Erde eingedrungen. Ihre sogenannten
                  »Wendenkirchhöfe«, ihre Totentöpfe niedrigeren Grades, wolle er ihnen zugestehen,
                  alles andere aber, was sich, mit instinktiver Vermeidung des Oberflächlichen,
                  eingebohrt und eingegraben habe, alles, was zugleich Kultur und Kultus ausdrücke,
                  sei so gewiß germanisch, wie Teut selber ein Deutscher gewesen sei. Um diese Sätze
                  drehte sich für ihn jede Debatte von Bedeutung. Er war sich bewußt, in seinem
                  archäologischen Museum durchaus unanfechtbare Belege für sein System in Händen zu
                  haben, unterschied aber doch zwischen einem kleinen und einem großen Beweis. Der
                  kleine war ihm persönlich der liebere, weil er der feinere war; er kannte jedoch
                  die Welt genugsam, um dem blöden Sinn der Masse gegenüber je nach einem andern als
                  nach dem großen Beweis zu greifen. Die Stücke, die diesen bildeten, befanden sich
                  sämtlich in den zwei großen Glasschränken des Arcus triumphalis, waren jedoch
                  selbst wieder in unwiderlegliche und ganz unwiderlegliche geteilt, von denen nur
                  die letzteren die Inschrift führten: »Ultima ratio Semnonum«. Es waren zehn oder
                  zwölf Sachen, alle numeriert, zugleich mit Zetteln beklebt, die Zitate aus Tacitus
                  enthielten. Gleich Nr. 1 war ein Hauptstück, ein bronzenes Wildschweinsbild, auf
                  dessen Zettel die Worte standen: Insigne superstitionis formas aprorum gestant,
                  »ihren Götzenbildern gaben sie (die alten Germanen) die Gestalt wilder Schweine«.
                  Die anderen Nummern wiesen Spangen, Ringe, Brustnadeln, Schwerter auf, woran sich
                  als die Sanspareils und eigentlichen Prachtbeweisstücke der Sammlung drei Münzen
                  aus der Kaiserzeit schlossen, mit den Bildnissen von Nero, Titus und Trajan. Die
                  Trajansmünze trug um das lorbeergekrönte Haupt die Umschrift: »Imp. Caes. Trajano
                  Optimo«, auf dem danebenliegenden Zettel aber hieß es: »Gefunden zu Reitwein, Land
                  Lebus, in einem Totentopf.« Das »in einem Totentopf« war dick unterstrichen. Und
                  vom Standpunkte unseres Freundes aus mit vollkommenem Recht. Denn es <pb/> führte
                  den Beweis, oder sollte ihn wenigstens führen, daß nicht alle Totentöpfe wendisch,
                  vielmehr die »Totentöpfe höherer Ordnung« ebenfalls deutsch-semnonischen Ursprungs
                  seien.</p>
               <p>Auflehnung gegen so beredte Zeugen erschien unserem Seidentopf unmöglich, und
                  dennoch hatte er sie zu befahren, wobei es sich so glücklich oder so unglücklich
                  traf, daß sein heftigster Angreifer und sein ältester Freund ein und dieselbe
                  Person waren. Es sprach für beide, daß ihre Freundschaft unter diesen Kämpfen
                  nicht nur nicht litt, sondern immer wurzelfester wurde; allerdings weniger ein
                  Verdienst unseres Pastors als seines gutgelaunten Antagonisten, der, weltmännisch
                  über der Sache stehend, nicht gewillt war, die Semnonen- und Lutizenfrage unter
                  Drangebung vieljähriger herzlicher Beziehungen durchzufechten. In Wahrheit
                  interessierte ihn die »Urne« erst dann, wenn sie anfing, die moderne Gestalt einer
                  Bowle anzunehmen.</p>
               <p>Dieser alte Freund und Gegner war der Justizrat Turgany aus Frankfurt a. O., der,
                  ein Feind aller Prozeßverhandlungen bei trockenem Munde, speziell in dem Prozeß
                  »Lutizii contra Semnones« manche liebe Flasche ausgestochen hatte, gelegentlich im
                  Pfarrhause zu Hohen-Vietz, am liebsten aber im eigenen Hause, nach dem Grundsatze,
                  daß er über seinen eigenen Weinkeller am unterrichtetsten sei. Schon die
                  Studentenzeit hatte beide Freunde, Mitte der siebziger Jahre, in Göttingen
                  zusammengeführt, wo sie unter der »deutschen Eiche« Schwüre getauscht und,
                  Klopstocksche Bardengesänge rezitierend, sich dem Vaterlande Hermanns und
                  Thusneldas auf ewig geweiht hatten. Seidentopf war seinem Schwure treu geblieben.
                  Wie damals in den Tagen jugendlicher Begeisterung erschien ihm auch heute noch der
                  Rest der Welt als bloßer Rohstoff für die Durchführung germanisch-sittlicher
                  Mission; Turgany aber hatte seine bei Punsch und Klopstock geleisteten Schwüre
                  längst vergessen, schob alles auf den ersteren und gefiel sich darin, wenigstens
                  scheinbar, den Apostel des Panslawismus zu machen. Die Möglichkeit europäischer
                  Regeneration lag ihm <pb/> zwischen Don und Dnjepr und noch weiter ostwärts.
                  »Immer«, so hatte er bei seiner letzten Anwesenheit in Hohen-Vietz versichert,
                  »kam die Verjüngung von den Ufern der Wolga, und wieder stehen wir vor solchem
                  Auffrischungsprozeß«; halb scherz-, halb ernsthaft vorgetragene Paradoxien, die
                  von Seidentopf einfach als politische Ketzereien seines Freundes bezeichnet
                  wurden.</p>
               <p>Aber dieser Freund war nicht halb so schwarz, wie er sich selber malte. Er
                  debattierte nur nach dem Prinzip von Stahl und Stein; hart gegen hart; das gab
                  dann die Funken, die ihm wichtiger waren als die Sache selbst. Zudem wußte der
                  panslawistische Justizrat, daß Streit und immer wieder in Frage gestellter Sieg
                  längst ein Lebensbedürfnis Seidentopfs geworden waren, und gefiel sich deshalb in
                  seiner Oppositionsrolle mehr noch aus Rücksicht gegen diesen als aus Rücksicht
                  gegen sich selbst.</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Zwölftes Kapitel</head>
               <head>Besuch in der Pfarre</head>
               <p>Und es war der Justizrat Turgany, der heute, am zweiten Weihnachtsfeiertage 1812
                  in der Hohen-Vietzer Pfarre erwartet wurde; auch Lewin und Renate hatten zugesagt,
                  mit ihnen Tante Schorlemmer und Marie.</p>
               <p>Vier Uhr war vorüber; es dunkelte schon, der Besuch konnte jeden Augenblick
                  kommen. In den Zimmern war alles festlich vorbereitet. Wo noch ein Stäubchen lag,
                  fuhr unser Freund mit einem Federwedel darüber hin; dann wieder zog er das
                  Taschentuch und polierte an den Scheiben seiner geliebten Schränke. Wer auf Waffen
                  hält, der sorgt auch, daß sie blank sind. Nur an das theologische Bücherbrett, wo
                  der Staub zu dicht lag, vermied er es heranzutreten. Ein Zwischenfall ließ ihn
                  einen Augenblick aufsehen von seiner Arbeit. An ihm vorbei, als wäre eine Welt
                  versäumt, drang in ziemlich herrischer Weise eine Frau mit rotem Gesicht und
                  weißer Haube in das Studierzimmer ein, goß auf ein vorgehaltenes Schippenblech
                  eine Räucheressenz, <pb/> wie sie damals Mode war, fuhr ein paarmal durch die Luft
                  und schoß dann in das Nebenzimmer weiter, um ihre Bewegungen, die zwischen
                  Stoffechten und Weihrauchfaßschwenken eine gute Mitte hielten, in den
                  dahintergelegenen Räumen fortzusetzen. Pastor Seidentopf lächelte, als er ihr
                  nachsah, ein scherzhaftes Wort schien ihm eben auf die Lippe zu treten, aber ehe
                  es laut werden konnte, klingelte die Haustür, und das Aufstampfen auf Dielen und
                  Strohdecke, um den Schnee und die Kälte abzuschütteln, verriet deutlich, daß der
                  Besuch gekommen sei.</p>
               <p>Aber nicht der Frankfurter Justizrat. Es waren zunächst die Freunde aus dem
                  Herrenhause. Lewin führte Tante Schorlemmer, Renate und Marie folgten. Man
                  begrüßte sich herzlich. Renate, die es warm fand, nahm ihr Shawltuch ab und stand
                  einen Augenblick mit der Broschnadel in der Hand, wie in Verlegenheit, wo sie
                  dieselbe hintun solle. Dann öffnete sie den Glasschrank und legte die Nadel in
                  eine der zerbrochenen Urnen. Sie war wie Kind im Hause. Alles lachte; Seidentopf
                  stimmte mit ein.</p>
               <p>»Sehen Sie, teuerster Prediger«, hob Renate an, »wenn das nun ein Aschenregen
                  wäre, was jetzt in Flocken vom Himmel fällt, welche Hypothesen gäbe das bei den
                  Seidentopfs der Zukunft, diese Gemmenbrosche in einem wendischen Totentopf!«</p>
               <p>»Nicht wendisch, ganz und gar nicht. Aber meine schöne Renate lockt mich nicht
                  heraus«, erwiderte Seidentopf gut gelaunt. »Ich erwarte Turgany noch und darf
                  meine Kräfte nicht an Plänkeleien setzen, auch nicht an die verlockendsten. Aber
                  wo nehmen wir unseren Kaffee?«</p>
               <p>»Hier, hier, im Studier- und Rauchzimmer«, riefen die Stimmen durcheinander, mit
                  besonderer Betonung des letzten Worts. Seidentopf lehnte ab. Renate aber bestand
                  darauf. »Wir wollen keine Opfer.«</p>
               <p>»Und wenn es ein solches wäre, je mehr Opfer, je mehr Glück.«</p>
               <p>»O wie verbindlich! Ganz die gute alte Zeit. Und da bilden sich unsere Residenzler
                  ein« (ein schelmischer Blick Renatens <pb/> streifte dabei Lewin), »uns feine
                  Sitte lehren zu wollen; hier ist ihr Lehrstuhl, hier im Pfarrhause zu
                  Hohen-Vietz.«</p>
               <p>Stühle wurden gestellt; man nahm Platz an einem Rundtisch, der in die Camera
                  archaeologica gerückt worden war, und die schon erwähnte Frau erschien, um den
                  Kaffeetisch zu servieren. Sie wurde sofort und in einer Weise von allen Anwesenden
                  begrüßt, die über ihre Wichtigkeit innerhalb der Hohen-Vietzer Pfarre keinen
                  Zweifel ließ. Ihrer Geburt und Haltung nach hätte sie freilich noch den Friesrock
                  und das schwarzseidene Kopftuch tragen müssen; alle Haushälterinnen aber wachsen
                  schließlich über sich hinaus, und die Hohen-Vietzer machte keine Ausnahme.</p>
               <p>Sie nahm allerhand kleine Huldigungen in Anspruch und erwartete beispielsweise von
                  seiten der Gäste ein auszeichnendes Entgegenkommen, später von seiten ihres
                  Pastors die Aufforderung, an der festlichen Tafel teilzunehmen. Aber hiermit war
                  ihrem Selbstgefühl Genüge getan. Sie lehnte regelmäßig ab und war befriedigt, daß
                  die Aufforderung überhaupt stattgefunden hatte.</p>
               <p>Sie legte jetzt die Kaffeeserviette, stellte zwei doppelarmige Leuchter, zugleich
                  auch eine Zuckerdose mit kleinen Löwenfüßen in die Mitte des Tisches und
                  flankierte diese stattliche Zentrumsposition mit zwei silbernen Körben, von denen
                  der eine allerhand Krausgebackenes, der andere eine Pyramide von Kaffeekuchen
                  enthielt; zuletzt kam die Meißner Kanne selbst, auf deren Deckel Gott Amor sich
                  schelmisch auf seinen Bogen lehnte. Der Pastor hatte nie Anstoß daran genommen,
                  vielleicht es nie bemerkt.</p>
               <p>Renate machte die Wirtin, verteilte den Zucker sogleich in die Tassen (die großen
                  Blockstücke waren noch nicht Mode) und handhabte dabei die Zuckerzange mit jener
                  Grazie, die allein aussöhnen kann mit diesem Werkzeuge der Unbequemlichkeit. Die
                  Unterhaltung nach den ersten kecken Plänkeleien lenkte sehr bald wieder ins
                  Regelrechte ein und begann mit dem Wetter. Das hatte im Jahre 1812 noch eine ganz
                  besondere Bedeutung. Man könnte sagen, vom Wetter sprechen war damals <pb/>
                  patriotisch. Schnee und Kälte waren die großen russischen Bundesgenossen.</p>
               <p>Der Schnee, der anfangs in kleinen Federchen umhergestäubt war, wirbelte
                  allmählich dichter an den Fenstern vorbei, und aus der Geborgenheit von Pastor
                  Seidentopfs Studierstube doppelt geborgen, nachdem sie auch zum Kaffeezimmer
                  geworden war – sahen jetzt Wirt und Gäste in den Wirbeltanz hinaus.</p>
               <p>Es entstand eine Pause. »Immer mehr Schnee«, begann Lewin, der den Platz zunächst
                  dem Fenster hatte, »es ist doch, als ob Gott selber sie alle begraben wolle. Die
                  Vernichtung kommt über sie; sie fällt in leisen Flocken vom Himmel. Und dazwischen
                  höre ich eine Stimme, die uns zuruft: ›Drängt euch nicht ein, wollt nicht mehr
                  tun, als ich selber tue; ich vollbringe es allein.‹ Ich weiß es wohl, teuerster
                  Pastor, die Stimme, die ich höre, ist nur die Stimme meines Mitleids. Muß ich mich
                  ihr verschließen? Ist dieses Mitleid Schwäche? Muß ich es abtun?«</p>
               <p>»Nein, Lewin, dein Herz hat den rechten Zug wie immer. Wenn es etwas gibt, dem zu
                  folgen uns nicht reuen darf, so ist es das Mitleid. Zudem, unsere Feinde sind
                  unsere Verbündete. Und so lehren uns denn diese Tage treu sein, treu auch gegen
                  den Feind, wie diese Jahre uns gelehrt haben, demütig zu sein. Harren wir. Es
                  werden Zeiten kommen, wo uns sein wird, als lege Gott selber sein Schwert in
                  unsere Hände. Aber dieser Tag, der vielleicht nahe ist, ist noch nicht da. Eins
                  aber gilt heute und immerdar: Offen sei unser Tun. Das ist deutsch.«</p>
               <p>Lewin wollte antworten, aber Peitschenknall und Schellengeläut, das eben die
                  Dorfgasse heraufkam, unterbrach die Unterhaltung, und Seidentopf rief: »Da sind
                  sie.«</p>
               <p>Es waren drei Herren, von denen zwei, in grauen Mänteln und schwarzen Tuchmützen,
                  den Polsterstuhl des Schlittens innehatten, während der dritte, in Pelzrock und
                  Filzkappe, auf der Pritsche saß. Dieser sprang zuerst von seinem Holzbock
                  herunter, reichte dem herbeigekommenen Pfarrknecht die Leinen und war dann den
                  beiden anderen, viel jüngeren, aber<pb/> schwerfälligeren Herren behilflich, aus
                  ihren Fußsäcken heraus und glücklich ans Land zu kommen.</p>
               <p>Alles das verfolgten unsere Freunde, soweit die fallenden Schneeflocken es
                  zuließen, vom Fenster aus mit jenem ungeheuchelten Interesse, das nur der kennt,
                  der die Winterstille der Dörfer an sich selber erfahren hat.</p>
               <p>»Wer sind nur die beiden Fremden, die Turgany sich aufgeladen hat?« fragte Lewin;
                  »in seinem eleganten Nerzpelz paßt unser justizrätlicher Freund schlecht zum
                  Kämmerer dieser Graumäntel.«</p>
               <p>»Es sind Amtsbrüder von mir«, erwiderte Seidentopf, dem errötenden Lewin die
                  kleine Verlegenheit gönnend, »ein halber und ein ganzer. Der ganze, den du kennen
                  solltest, ist unser Nachbar, der Dolgelinsche Pastor; der halbe konrektort
                  vorläufig noch, rückt aber nächstens in die Heilige-Geist-Pfarre ein. Konrektor
                  Othegraven, ein besonderer Freund Turganys.«</p>
               <p>Die neuen Gäste hatten inzwischen aus Pelz und Mänteln sich ausgewickelt, und auf
                  dem Flur erklang die Stimme des Justizrats mit jener Deutlichkeit, die immer auf
                  ein halbes Zuhausesein deutet. Dann öffnete sich die Tür, und alle drei traten
                  ein. Nach vorgängiger Begrüßung rückte man dichter zusammen, schob rechtwinkelig
                  einen zweiten Tisch heran und war sofort im Fahrwasser einer lebhaften
                  Unterhaltung. Turgany, wie er selber mit Stolz zu versichern liebte, duldete keine
                  Pausen.</p>
               <p>Er hatte sich mit jenem Feldherrnblick, der ihn in solchen Dingen auszeichnete,
                  den besten Platz gewählt und saß nicht bloß unter einem Urnenreal seines Freundes,
                  worauf er schließlich verzichtet haben würde, sondern auch zwischen Renate und
                  Marie, was er durch geschickte Beseitigung von Tante Schorlemmer – ihr
                  zuflüsternd, daß sein Freund Othegraven glücklich sein würde, sich mit ihr über
                  grönländische Mission unterhalten zu können – herbeizuführen gewußt hatte.
                  »Othegraven habe selber Missionar werden wollen.« In den durch diese Kriegslist
                  eroberten Platz war er ohne weiteres eingerückt und unterhielt nun die beiden
                  Damen von den eben überstandenen<pb/> Abenteuern. Er verfuhr dabei nicht mit
                  sonderlicher Diskretion, die überhaupt nicht seine starke Seite war, und nahm
                  nicht den geringsten Anstand, den durch seine Gesamterscheinung freilich dazu
                  herausfordernden Dolgeliner Pastor zum komischen Helden seiner Erzählung zu
                  machen. Ein Windstoß habe seines Reisegefährten Kopfbedeckung querfeldein geführt,
                  und eine Art Mützentreiben sei natürlich die Folge davon gewesen. Er werde dieses
                  Anblicks nie vergessen. Der Wind, in den hochgeklappten Doppelkragen sich setzend,
                  habe den unter Segel genommenen Pastor, als ob er in gerader Linie vom Doktor
                  Faust abstamme, immer weiter und weiter getragen, bis endlich das phantastische
                  Bild in den Tiefen eines Oderbruchgrabens verschwunden sei. In diesen sei nämlich
                  der Pastor hineingefallen. Aber die Auserwählten fielen immer nur, um ihr Glück zu
                  finden. So auch hier. In eben diesem Graben habe die Mütze gelegen.</p>
               <p>Der Dolgeliner Pastor war inzwischen in einer Kornpreisunterhaltung mit Lewin
                  begriffen; Tante Schorlemmer und der Konrektor ergingen sich in Parallelen
                  zwischen Nordpol- und Südpolmission, während Turgany eben einen improvisierten
                  Kinderball zu schildern begann, den er am Heiligabend mitgemacht hatte. Er ließ
                  die kleinen Mädchen in ihrer Sprache sprechen und ahmte mit einem gewissen
                  Darstellungstalent, das er hatte, die Wichtigkeit ihrer Mienen und ihrer Haltung
                  nach. So ging die Unterhaltung. Des Justizrats Ideal war erreicht: keine
                  Pausen.</p>
               <p>Turgany, um sein Bild um ein paar Striche weiter auszuführen, war ein starker
                  Fünfziger und wußte sich etwas auf die Jugendlichkeit seiner Erscheinung.
                  Abwehrend gegen alle Schmeichelei, duldete er doch die eine, die ihn nach dem
                  Siebenjährigen Kriege geboren sein ließ. Es ergab dies für ihn einen Reingewinn
                  von zehn Jahren. Er hielt sich gerade, trug eine goldene Brille und ein Toupet von
                  flachsblonden Locken. Diese Locken hatten einst um andere Schläfen gespielt, und
                  unser Freund, wenn ihn die Laune anwandelte, spöttelte selbst über diese blonde
                  Fülle, die den echten Flachs seiner Jugend weit <pb/> aus dem Felde schlug: er
                  scherzte darüber, aber liebte es keineswegs, wenn andere seinem Beispiel folgten.
                  Sein frisch erhaltenes Gesicht wäre regelmäßig zu nennen gewesen, wenn nicht sein
                  linker Nasenflügel, der ihm abgehauen und von einem Paukdoktor schlecht angenäht
                  worden war, eine Art Portal gebildet hätte, gerade groß genug, um einen
                  gewöhnlichen Nasenflügel darunterzustellen. Das Kecke, das sein Wesen hatte, wuchs
                  dadurch und paßte zu dem Zug übermütiger Laune, der um seine Mundwinkel
                  spielte.</p>
               <p>Die beiden Geistlichen waren von sehr anderem Gepräge und ebenso verschieden
                  untereinander wie von ihrem Freunde, dem Justizrat. Sie hatten nichts gemeinsam
                  als den schwarzen Rock und das weiße Halstuch. Der Konrektor gehörte einer
                  Richtung an, wie sie damals in märkischen Landen nur selten betroffen wurde:
                  Strenggläubigkeit bei Freudigkeit des Glaubens. Ein mehrjähriger Aufenthalt im
                  Holsteinschen, wo er den Wandsbecker Boten und später auch Claus Harms auf seiner
                  dithmarsischen Pfarre kennengelernt hatte, war nicht ohne Einfluß auf ihn
                  geblieben. Er sprach wenig über Christentum und Glaubensfragen, aber auch dem
                  Profanen gab er eine Weihe durch die Art, wie er es behandelte. Er sah alle Dinge
                  in ihrer Beziehung zu Gott; das gab ihm Klarheit und Ruhe. Wenn er sprach, war
                  etwas Helles um ihn her, das mit seinem sonst steifen und pedantischen Äußeren
                  versöhnen konnte.</p>
               <p>Der Dolgeliner Pfarrer entbehrte vieler Gaben, aber was er am gewissesten
                  entbehrte, das war die Leuchtekraft des Glaubens. Er war für praktische Seelsorge,
                  worunter er verstand, daß er den Bauern ihre Prozesse führte, und mußte sich's
                  gefallen lassen, von Turgany abwechselnd als »Kollege«, Dolgeliner Orakel und
                  Lebuser Markt- und Kurszettel bezeichnet zu werden. Er war weder Orthodoxer noch
                  Rationalist, sondern bekannte sich einfach zu der alten Landpastorenrichtung von
                  Whist à trois. Und nicht immer mit der nötigen Vorsicht. Einmal, so wenigstens
                  erzählte Turgany, hatte er einer älteren unverheirateten Dame geklagt, daß er in
                  Dolgelin keine »Partie« finden könne, was zu den ergötzlichsten Mißverständnissen
                  <pb/> Veranlassung gegeben hatte. Im übrigen war er ebenso brav wie beschränkt und
                  wohlgelitten. Es fehlte nur der Respekt.</p>
               <p>Solcher Art waren die neuen Ankömmlinge. Der Justizrat erhob sich eben, um vor
                  Renate und Marie den kleinen verwachsenen Musikenthusiasten zu kopieren, der an
                  jenem Frankfurter Kinderballabend drei Stunden lang das Violoncell gespielt hatte,
                  als Tante Schorlemmer, einen der Doppelleuchter ergreifend, das Zeichen gab, die
                  Studierstube von den Verpflichtungen gesellschaftlicher Repräsentation frei zu
                  machen. Die alte Dame selbst schritt erst dem angrenzenden, dann einem zweiten
                  dahintergelegenen Zimmer zu; alle jüngeren Elemente der Gesellschaft folgten,
                  Othegraven und selbst Pastor Zabel nicht ausgeschlossen.</p>
               <p>Nur Turgany und Seidentopf, die alten Freunde und Gegner, blieben in der
                  Studierstube zurück.</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Dreizehntes Kapitel</head>
               <head>Der Wagen Odins</head>
               <p>Die Stunde vor Tische – nach einem alten Herkommen, von dem übrigens Turgany heute
                  nicht ungern abgegangen wäre gehörte dem wissenschaftlichen Austausch, will sagen,
                  der Kriegsführung. In dieser kurzen Spanne Zeit wurden jene Schlachten geschlagen,
                  denen der Justizrat mit heiterer Entschlossenheit, der Pastor, bei allem Verlangen
                  danach, doch zugleich mit immer erneutem Bangen entgegensah. Denn so laut er auch
                  die Unerschütterlichkeit seines Systems proklamieren mochte, gerade hinter seinen
                  bestimmtesten Versicherungen barg sich der quälendste Zweifel. Alle Systeme sind
                  gefallen, sagte er zu sich selbst, und vor jeder neuen Debatte beschlich ihn die
                  Vorstellung: wenn nun jetzt dein Bau zusammenstürzte!</p>
               <p>Diese Vorstellung kam ihm auch heute, und das entsprechende Bangen wuchs einen
                  Augenblick, als Turgany, der inzwischen eine kleine Kiste vom Flur hereingeholt
                  hatte, diese <pb/> mit einer gewissen Feierlichkeit auf den Tisch stellte und
                  einfach die Worte sprach: »Dies ist nun für dich, Seidentopf. Nimm es, so
                  unchristlich sein Inhalt ist, als eine Christbescherung von mir an. Ob du in dir
                  und außer dir einen Platz dafür finden wirst, steht freilich dahin. Wenn es in
                  dein System paßt, so schmiede Waffen daraus gegen mich; es soll dann mein Stolz
                  sein, dir selbst zum Siege verholfen zu haben. Entgegengesetzten Falls aber habe
                  den Mut eines offenen Bekenntnisses. Und nun öffne.«</p>
               <p>Seidentopf zog den Deckel und nahm aus der Kiste einen kleinen Bronzewagen heraus,
                  der auf drei Rädern lief und eine kurze Gabeldeichsel hatte, auf der, dicht an der
                  Achse, sechs ebenfalls bronzene Vögel saßen, alle von einer Haltung, als ob sie
                  eben auffliegen wollten. Das Ganze, quadratisch gemessen, wenig über handgroß,
                  verriet ebensosehr technisches Geschick wie Sinn für Formenschönheit.</p>
               <p>Der Pastor war geblendet; auf einen Augenblick ging alles, was kritisch oder
                  systematisch an und in ihm war, in der naiven Freude des Sammlers unter, und die
                  Hand des Justizrats ergreifend, sagte er: »Das ist ein Unikum; das wird die Zierde
                  meiner Sammlung.«</p>
               <p>Dann ließ er den Wagen über den Tisch rollen mit einem Gefühl und einem
                  Gesichtsausdruck, als ob er um fünfzig Jahre jünger gewesen wäre.</p>
               <p>Turgany freute sich des Glückes, das er geschaffen; aber rasch wieder von seinem
                  alten Widersachergeist erfaßt, riß er unseren Seidentopf durch ein kurzes »Und
                  nun?« aus seiner Unbefangenheit.</p>
               <p>Der Pastor, zunächst noch in jener weichen Stimmung, wie sie Freude und Dank
                  hervorrufen, versuchte dem inquisitorischen »Und nun?« durch allerhand
                  Zwischenfragen über Erwerb und Fundort auszuweichen. Aber vergeblich. Die letztere
                  Frage griff schon in das kritische Gebiet hinüber, und Turgany bemerkte deshalb
                  mit nachdrücklicher Betonung einzelner Worte: »Er ist von jenseit der Oder;
                  Wegearbeiter fanden ihn zwischen Reppen und Drossen; er steckte im Mergel; <pb/>
                  Drossen ist wendisch und heißt: ›Stadt am Wege‹. Die Oder war immer
                  Grenzfluß.«</p>
               <p>»Das ist ohne Bedeutung«, bemerkte Seidentopf ruhig. »Du weißt, es gab eine Zeit,
                  wo diesseits und jenseits des Flusses Deutsche wohnten; nur die Stämme waren
                  verschieden. Welche Stämme hüben und drüben, darüber mag gestritten werden; ich
                  betone nur das Germanische überhaupt.«</p>
               <p>Turgany lächelte. »So glaubst du wirklich, daß deine Semnonen oder ihresgleichen,
                  die nachweisbar unter Fichten und Eichen wohnten und sich in Tierfelle kleideten,
                  der Schöpfung solcher Kunstwerke fähig gewesen wären?« Er wies dabei auf den
                  Wagen. »Wie ich dir oft gesagt habe, sie sind hingegangen wie das Laub an ihren
                  Bäumen, wie der Ur, der mit ihnen gemeinschaftlich die Wälder bewohnte. Es ist
                  möglich, daß der Welt die Überraschung vorbehalten ist, hier oder dort, in Moor
                  oder Mergel, einmal einem durch Erdsalze petrifizierten Semnonen zu begegnen; ich
                  würde mich freuen, solchen Fund noch zu erleben, er würde jedoch nach der Seite
                  hin, die hier in Frage kommt, nicht das geringste beweisen. Es gab Semnonen,
                  gewiß, aber sie schufen nichts. Sie pflanzten sich fort, das war alles. Ein
                  Schaffen im Sinne der Kunst, der Erfindung kannten sie nicht. Dieser Wagen ist
                  Produkt höherer Kultur. Wer brachte die Kultur in diese Gegenden? so stellt sich
                  die Frage. Du kennst meine Antwort.«</p>
               <p>Seidentopf schwieg.</p>
               <p>»Ich habe dir so oft gesagt«, fuhr Turgany fort, »und ich muß es wiederholen, es
                  zählt bei mir zu den Unbegreiflichkeiten, daß ein Mann von deinem
                  wissenschaftlichen Ernst, der sich in hundert anderen Stücken durch
                  Vorurteilslosigkeit auszeichnet, die Kultur der slawischen Vorlande bestreiten
                  kann. Dein System ist eine Anhäufung von Sophistereien. Von unserer alten
                  Priegnitz an, in der wir geboren wurden, bis zu diesem Lande Lebus, in dem wir
                  jetzt beide wohnen, tragen sowohl die Landesteile selbst wie ihre Städte und
                  Dörfer, zum ewigen Zeichen dessen, daß sie aus wendischen Händen hervorgingen,
                  gutslawische Namen; in erster Reihe dies alte <pb/> Hohen-Vietz, dessen Bewohner,
                  neben ihren vielen anderen Tugenden, auch die der Langmut in Stammes- und
                  Rassefragen üben. Ich meinerseits kann ihnen darin nicht folgen. Es bleibt, wie es
                  ist. Die Deutschen dieser Gegenden waren Wilde; sie hatten Menschenopfer, sie
                  schlitzten ihren Feinden die Bäuche mit Feuersteinen auf. Sie aber, die gesitteten
                  Wenden, die du verleugnest, sie hatten Tempel, trugen feine Gespinste und
                  schmückten sich und ihre Götter mit goldenen Spangen. Was hat dein ganzes
                  Semnonentum aufzuweisen, das heranreichte an die sagenhafte Pracht Vinetas, an die
                  phantastische Tempelgröße Rethras und Oregungas?«</p>
               <p>»Sagenhafte Pracht«, wiederholte Seidentopf, »mir könnte das Zugeständnis, das in
                  diesem Beiwort liegt, genügen; indessen ich verzichte gern auf den Gebrauch von
                  Waffen, die mir, verzeihe, eine Unachtsamkeit meines Gegners in die Hand gibt. Und
                  so gedenke ich nicht an der Kultur von Rethra und Julin herumzudeuteln. Aber
                  dieses spätere, unter den Anregungen unserer germanischen Welt über sich selbst
                  hinauswachsende Wendentum ist ein Wendentum dieses Jahrtausends, während dieser
                  bronzene Wagen augenscheinlich bis in die ersten Säkula unserer Zeitrechnung
                  zurückdatiert. Ich setze ihn drittes Jahrhundert, vielleicht noch früher.«</p>
               <p>»Gut. Und wofür hältst du ihn? Was ist er? Was bedeutet er?«</p>
               <p>»Ich hätte es gewünscht, diesen Streit gerade heute, wo ich mich dir so tief
                  verpflichtet fühle, vermieden zu sehen. Da sich dies nicht tun läßt, so nehme ich
                  nicht Anstand, ihn, mit jedem erdenklichen Grade von Bestimmtheit, als ein Symbol
                  des altgermanischen Kultus zu bezeichnen. Er versinnbildlicht nichts anderes als
                  den Wagen Odins.«</p>
               <p>»Du greifst etwas hoch«, setzte jetzt Turgany mit schärfer werdender Stimme ein.
                  »Wie es in den Wald hineinschallt, so schallt es wieder heraus. Und so nehme ich
                  denn nicht Anstand, auch meinerseits mit jedem erdenklichen Grade von Bestimmtheit
                  zu behaupten, daß dies ein Odinswagen etwa mit demselben Rechte ist, wie ein in
                  irgendeinem Mergellager aufgefundenes Wiegenpferd eine sinnbildliche Darstellung
                  der <pb/> wendischen Sonnenrosse sein würde. Du darfst den Bogen nicht
                  überspannen. Dieser Wagen ist einfach das Kinderspielzeug eines lutizischen oder
                  obotritischen Fürstensohnes, irgendeines jugendlichen Pribislaw oder
                  Mistiwoi.«</p>
               <p>Seidentopf wollte antworten, aber Turgany fuhr fort: »Ein Bild heiteren
                  Familienlebens tut sich vor meinen Blicken auf. Holzsäulen mit reichgeschnitzten
                  Kapitälen tragen die phantastisch gezierte Decke, und an den Tischen entlang, bei
                  Würfel und Wein, sitzen die wendischen Schwertmänner, zuoberst der Fürst. Er
                  trinkt auf das Wohl seines einzigen Sohnes, zu dessen Geburtstagsfeier heute die
                  Gäste so zahlreich erschienen sind. Durch die Halle hin, nach rechts und links
                  sich verneigend, schreitet Pribislawa, die Fürstin, und bei jeder grüßenden
                  Bewegung blitzen die goldenen Franzen ihres weißen Gewandes. An ihrer Rechten
                  führt sie den Knaben, dessen Locken unter seiner Otterfellmütze hervorquellen,
                  während hinter ihm her das reiche Spielzeug rollt und rasselt, das dieser
                  Glückstag ihm bescherte. Und dieses Spielzeug ist hier.« Damit hob Turgany den
                  vorgeblichen Odinswagen auf und setzte ihn wieder auf den Tisch.</p>
               <p>Der Pastor lächelte. Auch Turgany, dem im Anschauen seines durch ihn selbst
                  heraufbeschworenen Bildes heiterer ums Herz geworden war, sah wieder ruhiger drein
                  und sagte in versöhnlichem Tone:</p>
               <p>»Seidentopf, ich habe Trumpf gegen Trumpf gesetzt. Du hast mich herausgefordert.
                  Wenn ich, dir folgend, von jedem erdenklichen Grade von Bestimmtheit sprach, so
                  wirst du wissen, was ich damit gemeint habe. Es fehlt uns beiden nur eine
                  Kleinigkeit: ›der Beweis‹.«</p>
               <p>»Ich kann ihn geben.«</p>
               <p>»Wohlan, so gib ihn.«</p>
               <p>»Du gibst zunächst die Bronze zu?«</p>
               <p>Der Justizrat nickte.</p>
               <p>»Du gibst ferner zu, daß die Bronze der germanischen Zeit mit derselben
                  Ausschließlichkeit angehört wie das Eisen der wendischen?«</p>
               <pb/>
               <p>Turgany nickte wieder, aber unter Zeichen wachsender Ungeduld.</p>
               <p>»Gut. Dies von deiner Seite zugegeben«, fuhr Seidentopf fort, »scheint mir unser
                  Streit durch dein eigenes Entgegenkommen geschlichtet. Ich danke dir für diesen
                  Akt der Unparteilichkeit und Selbstbeherrschung. Dieser Wagen ist bronzen; und
                  weil er bronzen ist, ist er germanisch. Das ist der Punkt, auf den es ankommt. Was
                  er innerhalb der germanischen Welt war, das ist erst von zweiter Bedeutung. Doch
                  muß ich dabei bleiben, daß auch darüber nicht wohl ein Zweifel sein kann. Hier
                  diese Vögel auf Achse und Gabeldeichsel führen den Beweis. Es sind die Raben
                  Odins. Sie fliegen vor ihm her; wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf, sie
                  ziehen das rätselvolle Gefährt.«</p>
               <p>»Du hältst dies also für Raben?«</p>
               <p>»Der Augenschein überhebt mich jeder weiteren Ausführung«, erwiderte der
                  Pastor.</p>
               <p>»Nun, so erlaube mir die Bemerkung, daß nach meiner ornithologischen Kenntnis, die
                  wenigstens auf dem ganzen zwischen Fasan und Bekassine liegenden Gebiete der
                  deinigen überlegen ist, diese sogenannten Raben Odins nicht mehr und nicht weniger
                  als alles sein können, was je mit Flügeln schlug, vom Storch und Schwan an bis zum
                  Kernbeißer und Kreuzschnabel. Und so ruf ich dir denn zu: ›Heil diesem Isis- und
                  Osiriswagen, denn sechs Ibis sitzen auf seiner Deichsel, Heil diesem Jupiterwagen,
                  denn sechs Adler fliegen vor ihm her.‹«</p>
               <p>Während dieser Kontroverse hatte die Haushälterin nebenan mit Tellern und Tassen
                  geklappert und die Beine des Ausziehtisches mit jener rücksichtslosen Lautheit
                  eingeschraubt, die seit alter Zeit her das Vorrecht des von seiner Wichtigkeit
                  überzeugten Küchendepartements bildet. Trotz dieses Lärmens indes waren die
                  scharfen Töne Turganys bis in das dahintergelegene Gesellschaftszimmer gedrungen
                  und veranlaßten hier um so rascher einen allgemeinen Aufbruch, als das immer gern
                  gehörte »Zu Tisch« ohnehin jeden Augenblick gesprochen werden konnte. Renate und
                  Marie, die den Zug führten, erschienen <pb/> auf der Schwelle des Studierzimmers,
                  als der Justizrat eben seine letzten spöttischen Trümpfe ausspielte.</p>
               <p>»Willkommen!« rief Turgany. »Unsere jungen Freundinnen, die Vertreter heiterer
                  Unbefangenheit in diesem Kreise, sollen einen Gerichtshof bilden und zwischen dir
                  und mir entscheiden. Cour d'amour, Sängerstreit; Seidentopf und Turgany in den
                  Schranken.«</p>
               <p>Seidentopf war es zufrieden. Alles versammelte sich um den Tisch, und Renate, den
                  Vorsitz nehmend, forderte die streitenden Parteien auf, ihre Sache zu führen.
                  Turgany sprach zuerst; dann schloß Seidentopf: »Und so spitzt sich denn die Frage
                  einfach dahin zu: ist dieser Wagen ein Gegenstand des Kultus, oder ist es ein
                  bloßer Tand? Wurde andächtig zu ihm aufgeschaut, oder wurde mit ihm gespielt? Und
                  nun, ihr Raben Odins, zieht eure Kreise und kündet das rechte Wort.«</p>
               <p>Renate warf einen Blick auf die Streitenden, dann sagte sie: »Welche Blindheit,
                  ihr Freunde, daß ihr den Wald vor Bäumen nicht seht! War je eine Frage leichter zu
                  entscheiden? Wozu das Suchen in dunkler Ferne? Dieser Wagen, von allerdings
                  symbolischer Bedeutung, ist nichts anderes als ein Streitwagen, das zwischen
                  Drossen und Reppen aufgefundene Bild eurer eigenen urewigen Fehde.«</p>
               <p>Alles stimmte heiter zu, und die gemeinschaftlich Verurteilten reichten sich die
                  Hand. Renate aber, den Winken der im Hintergrunde beschäftigten Alten endlich die
                  gebührende Aufmerksamkeit schenkend, nahm jetzt den Arm Seidentopfs und schritt
                  dem Nebenzimmer zu, darin auf gastlich hergerichteter Tafel das Linnen glänzte und
                  die Lichter brannten.</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Vierzehntes Kapitel</head>
               <head>»Alles, was fliegen kann, fliege hoch«</head>
               <p>Das Nebenzimmer war das Eßzimmer, das von dem Vorrecht aller Speiseräume, kahl und
                  schmucklos sein zu dürfen, den ausgiebigsten Gebrauch machte. Nur zweierlei
                  unterbrach <pb/> die vorherrschende Nüchternheit: über der nach dem Korridor
                  hinausführenden Tür hing eine große, stark nachgedunkelte, von irgendeinem
                  Niederländer aus der Rubensschule her rührende Bärenhatz, während am
                  Spiegelpfeiler der gegenüber gelegenen Schmalwand eine hohe Nußbaumetagere stand,
                  auf deren oberstem Brett ein durchbrochener Korb mit bemaltem Alabasterobst,
                  Birnen, Orangen und Weintrauben, paradierte. Die »Bärenhatz« hatte sich, vor mehr
                  als fünfzig Jahren, bei Renovierung des Vitzewitzeschen Speisesaales, aus dem
                  Herrenhause nach dem Predigerhause verirrt, in dem damals ein lebelustiger
                  Amtsvorgänger Seidentopfs, soweit ihn nicht Fuchs- und Hasenjagd in Anspruch
                  nahmen, der Hohen-Vietzer Seelsorge oblag.</p>
               <p>So kahl und nüchtern das Zimmer war, einen so entgegengesetzten Eindruck machte es
                  von dem Augenblick an, wo die Seidentopfschen Gäste dasselbe zu füllen und zu
                  beleben begannen. Die Armleuchter, die grünen und weißen Gläser, vor allem ein die
                  Mitte der Tafel einnehmender, in der Fülle seiner langen und braunen Zacken eine
                  Hohen-Vietzer Pfarrspezialität bildender Baumkuchen gaben ein überaus heiteres
                  Bild, das aus seiner wunderlich komponierten Umrahmung: kahle Wände,
                  nachgedunkelter Rubens und Alabasterobst, eher Vorteil als Nachteil zog.</p>
               <p>Turgany, der sich wieder des Platzes zwischen den beiden jungen Damen zu
                  versichern gewußt hatte, flüsterte, nachdem eine Tasse Tee glücklich an ihm
                  vorübergegangen war, der in Person aufwartenden Alten einige Worte ins Ohr, die
                  von dieser, wie es schien, verständnisvoll aufgenommen und mit Kopfnicken erwidert
                  wurden.</p>
               <p>»Neue Anschläge im Werke?« fragte Renate.</p>
               <p>»Vielleicht«, bemerkte Turgany. »Aber doch nur solche, die die Neugier meiner
                  schönen Nachbarin nicht lange auf die Probe stellen werden. In jedem Falle
                  Überraschungen von allgemeinerem Interesse als ›der Wagen Odins‹.«</p>
               <p>Während dies Gespräch noch geführt wurde, erschien die Haushälterin wieder zu
                  Häupten der Tafel, eine flache Schüssel <pb/> herumreichend, deren
                  schwarzkörniger, mit Zitronenschnitten reich garnierter Inhalt über die Art der
                  Überraschung nicht länger einen Zweifel lassen konnte.</p>
               <p>»Aber Turgany«, murmelte Seidentopf mit liebevollem Vorwurf.</p>
               <p>»Keinen vorzeitigen Dank«, nahm der Justizrat das Wort. »Du ahnst nicht, Freund,
                  die geheime Tücke, die hinter diesen schwarzen Körnern lauert. Allen
                  Tafelparagraphen zum Trotz, die schon jede lebhafte Debatte von den Freuden des
                  Mahles ausgeschlossen wissen wollen, trage ich den alten Turgany-Seidentopf-Streit
                  an diesen deinen gastlichen Tisch und entnehme neue Waffen gegen dich diesem
                  Überraschungsgericht, das ich mir, im Vertrauen auf deine Nachsicht, einzuschieben
                  erlaubt habe. Ja, Freund, hier ist das Salz der Erde, das einzige, das noch nicht
                  dumpf geworden. Diese schwarzen Körner, was sind sie anders als ein Vortrab aus
                  dem Osten, als eine Avantgarde der großen slawischen Welt. Sendboten von der Wolga
                  her: Astrachan rückt ein in dieses alte Land Lebus. Ein tiefsinniges Symbol dieses
                  alles! Schon folgen die Steppenreiter, die dieselbe Heimat haben; erwarten wir
                  sie, bereiten wir unsere Herzen. Es lebe das Salz der neuen Zeit; es lebe die
                  große Slawa, die Urmutter unserer wendischen Welt, es lebe Rußland!«</p>
               <p>Seidentopf, viel zu liebenswürdig, um nicht für Neckereien wie diese ein
                  bereitwilliges Verständnis zu haben, erhob sich sofort. »Ich bitte die Gläser zu
                  füllen«, begann er, »versteht sich, die grünen. Unser Freund hat das Salz unserer
                  Zeit, hat Rußland, hat die astrachanische Prärie leben lassen. Ich könnte
                  hervorheben, daß optische Täuschungen, riesenmäßige Vergrößerungen zu den
                  charakteristischen Zügen jener Steppengegenden gehören, von denen uns
                  beispielsweise Reisende berichten, daß einfache Heidekrautbüschel das Ansehen
                  stattlicher Bäume gewönnen; aber ich verzichte auf Bemerkungen, die unseren Streit
                  nur schüren könnten. Ich dürste nicht nach Fehde, sondern nach Versöhnung. Gut
                  denn, es lebe das Wolgasalz, das erfrischt, aber zugleich durchglühe uns dieser
                  deutsche <pb/> Wein, der erheitert und erhebt. Zu dem Herben geselle sich das
                  Feuer, zu der Kraft die Begeisterung. So vermähle sich die slawische und
                  germanische Welt. Es ist ein alter Wein noch, der in unseren Gläsern perlt, und
                  die Gelände waren unser, die ihn trugen und reiften. Sie sollen es wieder sein.
                  Möge der Most des nächsten Jahres in deutschen Keltern stehen.«</p>
               <p>Die Gläser klangen zusammen, auch die Turganys und Seidentopfs. Beide Gegner
                  umarmten sich, alles schüttelte sich die Hände, und das Gefühl patriotischer
                  Erhebung wuchs, als, unter Zugrundlegung des neunundzwanzigsten Bulletins, die
                  Tischunterhaltung in das Gebiet der Konjekturalpolitik hinüber glitt.</p>
               <p>Erst der Schluß der Tafel machte dem Gespräch ein Ende, an dem sich auch die Damen
                  um so lieber beteiligt hatten, als die Abwesenheit eigentlich zuverlässigen
                  Materials es sowohl je dem reichlich eingestreuten »On dit« wie nicht minder dem
                  Fluge der Einbildungskraft erlaubte, alles Fehlende aus eigenen Mitteln zu
                  ersetzen. Und auf derartig schwachen Fundamenten aufgeführte Unterhaltungen
                  pflegen meist mehr zu befriedigen als solche, die durch oft unbequeme Tatsachen in
                  ihrem Gange bestimmt werden.</p>
               <p>Die Gesellschaft begab sich jetzt aus dem Eßzimmer in die die Zimmerreihe
                  abschließende Putzstube, die im wesentlichen noch die Einrichtung zeigte, die ihr
                  die vor zehn Jahren, beinahe unmittelbar nach der Feier ihrer silbernen Hochzeit,
                  aus der Zeitlichkeit geschiedene Frau Pastorin Seidentopf gegeben hatte. An der
                  einen Längswand standen ein Sofa und ein Birkenmaser-Klavier, jenes hochlehnig,
                  mit fünf harten, großblümig überzogenen Seegraskissen, dieses auf schmalen,
                  ellenartigen Beinen, deren Dünne nur noch von der seines Tones übertroffen wurde.
                  Dem Sofa gegenüber befand sich der »Jubiläumsschrank«, in dem alles ein
                  Unterkommen gesucht und gefunden hatte, was bei Gelegenheit der mit seiner
                  silbernen Hochzeit zusammenfallenden fünfundzwanzigjährigen Amtsführung unserem
                  Seidentopf an Geschenken und Huldigungen dargebracht worden war. Außer dem Kranz
                  und dem <pb/> Ehrenpokal standen hier: zwei Blumenvasen mit Zittergras, ein
                  Fidibusbecher, ein Album, eine Briefmappe, mit zwei großen Perlenarbeiten
                  geschmückt, von denen die eine die Hohen-Vietzer Kirche, die andere das
                  Landsberger Korrektionshaus darstellte, an dem unser Seidentopf einige Jahre lang
                  amtiert hatte. Aus eben dieser Zeit her stammte auch ein kleines, aus Brotkrume
                  geformtes Kruzifix, das, unscheinbar an sich selbst, in ebenso unscheinbarer
                  Umrahmung hart über der Sofalehne hing. Es war die Arbeit eines in Ketten
                  geschlossenen, auf Lebenszeit verurteilten Sträflings, der, einfach um
                  Beschäftigung willen beginnend, unter dem Tun seiner Hände sich zum gläubigen
                  Christen herangebildet hatte. Turgany pflegte die Bemerkung daran zu knüpfen, daß
                  es ein neuer Beweis sei, wie sich jeder seinen Gott und seinen Glauben schaffe;
                  Seidentopf aber, weil hier sein Innerstes mitspielte, ließ sich in seinen
                  entgegenstehenden Anschauungen nicht beirren, war vielmehr fest überzeugt, daß
                  auch diesem Schächer das Wort erklungen sei: »Noch heute wirst du mit mir im
                  Paradiese sein«, und pries sich glücklich, dies Brotkrumenkruzifix aus den Händen
                  eines gläubig Sterbenden empfangen zu haben. Er sah es für nichts Geringeres als
                  einen Talisman oder, um christlicher zu sprechen, als einen segenspendenden Hort
                  seines Hauses an.</p>
               <p>So war das Zimmer. Tante Schorlemmer nahm Platz auf dem Sofa, die beiden jungen
                  Damen neben ihr, während die Herren um den Tisch herum den Kreis schlossen.</p>
               <p>»Was spielen wir?« fragte Renate. »Wir haben die Wahl zwischen Tellerdrehn,
                  Talerwandern und Tuchzuwerfen.«</p>
               <p>»Also doch jedenfalls ein Pfänderspiel«, fragte Pastor Zabel, dem etwas bange
                  werden mochte.</p>
               <p>»Gewiß«, antwortete Turgany.</p>
               <p>»Dann bin ich«, entschied Renate, »alles in allem erwogen, für Lewins
                  Lieblingsunterhaltung: Alles, was fliegen kann, fliege hoch! Er hält dies nämlich
                  für das Spiel aller Spiele.«</p>
               <p>»Da wäre ich doch neugierig«, bemerkte Turgany.</p>
               <p>»Ich bekenne mich«, nahm Lewin jetzt das Wort, »allerdings zu dem Geschmack, den
                  mir Renate zugeschrieben. Es <pb/> ist, wie sie sagt. Alle Spiele sind gut, wenn
                  man sie richtig ansieht, aber mein Lieblingsspiel ist doch der besten eines. Es
                  hat zunächst eine natürliche Komik, die sich freilich dem nur auftut, der ein
                  bescheidenes Maß von Phantasie und plastischem Sinne mitbringt. Wem die Tiere,
                  groß und klein, die genannt werden, nur Worte, nur naturhistorische Rubrik sind,
                  wem sozusagen erst nachträglich als Resultat seiner Kenntnis und Überlegung
                  beifällt, daß die Leoparden nicht fliegen, dem bleibt der Zauber dieses Spiels
                  verschlossen. Wer aber in demselben Augenblick, in dem der Finger zur Unzeit
                  gehoben wurde, inmitten von Kolibris und Kanarienvögeln einen Siamelefanten
                  wirklich fliegen sieht, dem wird dieses Spiel, um seiner grotesken Bilder willen,
                  zu einer andauernden Quelle der Erheiterung.«</p>
               <p>»Sehr gut, sehr gut«, sagte Turgany, sichtlich angeregt durch diese
                  Betrachtung.</p>
               <p>»Und doch ist diese Seite des Spiels«, fuhr Lewin fort, »nur eine nebensächliche.
                  Viel wichtiger ist eine andere. Es diszipliniert nämlich unseren Geist und lehrt
                  uns eine rasche und straffe Zügelführung. In körperlichen wie in geistigen Dingen
                  herrscht dasselbe Gesetz der Trägheit. Aus Trägheit rollt die Kugel weiter. So
                  genau auch hier. Siebenmal, in wachsender Geschwindigkeit, haben wir den Finger
                  gehoben, er ist in eine rotierende Bewegung geraten, er fliegt beinahe selbst; da
                  drängt sich das schwerfällig Kompakteste in die Gesellschaft uns leicht und
                  zierlich umschwirrender Vögel ein, und siehe da, unser Finger tut das, was er
                  nicht sollte, und fliegt weiter. Da liegt es! Diese dem Gesetz der Trägheit
                  entstammende Bewegung, unter dem Eindruck eines rasch entstehenden Bildes, mit
                  gleich rascher Willenskraft zu hemmen, das ist die geistige Schulung, die wir aus
                  diesem Spiel gewinnen. Ich kann mir denken, daß wir durch Übungen wie diese
                  unserer Charakterbildung zu Hilfe kommen.«</p>
               <p>Der Konrektor lächelte. Er schien die pädagogische Seite des Spiels doch etwas
                  geringer zu veranschlagen. Nur Turgany wiederholte seine Zustimmung. Das Spiel
                  begann und nahm <pb/> seinen Gang, dabei seine alte Anziehungskraft bewährend. Der
                  alte Streit, ob Drachen fliegen können oder nicht, wurde den Mitspielenden nicht
                  geschenkt. Als man abbrach, lag eine ganze Zahl von Pfändern in einem flachen
                  Arbeitskorb, den Marie herbeigeholt hatte.</p>
               <p>»Unser Freund Lewin«, nahm jetzt Turgany das Wort, »hat von dem Spiel der Spiele
                  gesprochen, dabei seinen Gegenstand vom künstlerischen, vom pädagogischen und
                  moralischen Standpunkte, also von drei Seiten her beleuchtend, wie es sich in
                  einem Predigerhause geziemt. Ich kann der Versuchung nicht widerstehen, mich über
                  ein verwandtes Thema in ähnlich eindringlicher Weise zu verbreiten. Wollen Sie es
                  glauben, meine Damen, daß sich die tiefsten Geheimnisse der Natur in der Abgabe
                  der Pfänder offenbaren.«</p>
               <p>»Das wäre!« bemerkte der Dolgeliner Pastor, der nach dieser Seite hin kein ganz
                  reines Gewissen haben mochte.</p>
               <p>»Etwas dezent Indifferentes wählen«, fuhr Turgany fort, »ohne dabei der
                  Trivialität zu verfallen, das ist die Kunst. Ein Batisttuch, ein Notizbuch, ein
                  Flakon, eine Broche dürfen als wahre Musterstücke gelten. Sie sind nur selten zu
                  übertreffen. Ich kannte freilich eine fremdländische, aus dem Süden her an unser
                  Oderufer verschlagene Dame, die lächelnd eine große Perlennadel aus ihrem
                  schwarzen Haare nahm und diese Nadel dann überreichte. Ich hätte die Hand küssen
                  mögen. Das war ein Ausnahmefall nach der glänzenden Seite hin. Desto leichter ist
                  es, hinter der goldenen Mitte des Flakons und der Broche zurückzubleiben. Ich
                  entsinne mich einer im Embonpointalter stehenden Professorenfrau, die Mal auf Mal
                  ihren Trauring als Pfand vom Finger zog. Erlassen Sie mir, Ihnen das eheliche
                  Glück des Hauses zu schildern. In derselben Gesellschaft befand sich ein Herr, der
                  nicht müde wurde, sein englisches Taschenmesser, zehn Klingen mit Korkzieher und
                  Feuerstahl, in den Schoß der Damen zu deponieren, bis das Klingenmonstrum, nach
                  Zerreißung mehrerer Seidenkleider, endlich vor dem allgemeinen Entrüstungsschrei
                  verschwand.«</p>
               <p>Der Justizrat hatte diesen Vortrag halten dürfen, ohne <pb/> Furcht, dadurch
                  anzustoßen. Er war nämlich der Abgabe der Pfänder mit besonderer Aufmerksamkeit
                  gefolgt und kannte genau die Resultate. Selbst Pastor Zabel hatte nichts
                  Schlimmeres eingeliefert als einen großen Karneoluhrschlüssel, den er nicht an der
                  Uhr, sondern selbständig, wie eine Art Sackpistole, in einer seiner großen Taschen
                  trug.</p>
               <p>Man schritt nun zur Einlösung.</p>
               <p>Lewin, der am meisten verschuldet war, hatte »Steine zu karren«, mußte »Brücke
                  baun« und »Kette machen«, während es dem Dolgelinischen Pfarrer zufiel, als
                  »polnischer Bettelmann« sein Glück zu versuchen.</p>
               <p>Endlich hieß es: »Was soll der tun, dem dies Pfand gehört?«</p>
               <p>»Schinken schneiden!«</p>
               <p>Es war ein Knüpftuch Maries. Diese erhob sich, trat in die Mitte des Zimmers und
                  begann: »Schneide, schneide Schinken, wen ich liebhab, werd ich winken.«</p>
               <p>Dabei winkte sie dem Frankfurter Konrektor und bot ihm in voller Unbefangenheit
                  ihren Mund. Othegraven, der sonst Gewalt über sich hatte, fühlte sein Blut bis in
                  die Schläfe steigen. Er küßte ihr die Stirn: dann kehrten beide auf ihre Plätze
                  zurück.</p>
               <p>Außer Renaten hatte nur Turgany die flüchtige Verlegenheit Othegravens
                  bemerkt.</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Fünfzehntes Kapitel</head>
               <head>Schmidt von Werneuchen</head>
               <p>Das letzte einzulösende Pfand, ein Notizbuch, gehörte Renaten, die nunmehr
                  aufgefordert wurde, ein Lied zu singen. Sie war dazu bereit, aber wie immer
                  entstand die Frage: was? Zum Glück lagen auf dem kleinen Birkenmaser-Klavier
                  allerhand Noten aufgeschichtet, unter denen Renate zu suchen begann. Es waren
                  Liederkompositionen, die, soweit der Text in Betracht kam, mit einer Art von
                  gesellschaftlicher Diplomatie beiden Dichterschulen entnommen waren, die damals in
                  beinahe unmittelbarer <pb/> Nähe von Hohen-Vietz ihre Geburts-, jedenfalls ihre
                  Pflegestätte hatten. Die eine Schule, vom Lokalstandpunkt aus angesehen, war die
                  Nieder-Barnimsche, die andere die Lebusische, jene, die derb-realistische, durch
                  Pastor Schmidt von Werneuchen, diese, die aristokratisch-romantische, durch Ludwig
                  Tieck und den in Ziebingen ansässigen Mäzenatenkreis der Burgsdorffs und ihrer
                  Freunde vertreten. Zwischen beiden Schulen suchte der Hohen-Vietzer Pfarrherr, der
                  es überhaupt mit Ausnahme der Semnonen zu keiner entschiedenen Parteinahme bringen
                  konnte, nach Möglichkeit zu vermitteln, hatte abwechselnd Worte der Anerkennung
                  für Werneuchen, Worte der Bewunderung für Ziebingen und gab dieser seiner
                  Halbheit, die, sobald es sich um kirchliche Fragen handelte, den Spott Miekleys
                  und Uhlenhorsts herausforderte, auch auf literarischem Gebiete durch Anschaffung
                  heute des Schmidtschen »Kalenders der Musen und Grazien«, morgen des Tieckschen
                  »Zerbino« oder »Phantasus« Ausdruck. Übrigens stammten die Klaviernoten meist noch
                  aus der Zeit der verstorbenen Frau her, die, selbst auf dem Barnim gebürtig,
                  zugleich auch minder abwägend als ihr Eheherr, den Werneuchener Poeten um ein
                  weniges bevorzugt hatte.</p>
               <p>Renate, nachdem sie hin und her geblättert, wählte schließlich, um dem Suchen ein
                  Ende zu machen, einige Pastor Schmidtsche Strophen, die sich an den Freund aller
                  unglücklich Liebenden richteten, »an den Mond«. Der Überschrift war die
                  Klammerbemerkung hinzugefügt: »Abends elf Uhr am Fenster«.</p>


               <l>So manchen Abend traur ich hier</l>
               <l>In stummer Liebe Leid;</l>
               <l>In meiner Schwermut blickst du dann</l>
               <l>Mich freundlich durch die Weiden an,</l>
               <l>Daß mich's im Herzen freut.</l>



               <l>Wenn doch, wie du, mein Mädchen mild,</l>
               <l>Wie du so freundlich wär!</l>
               <pb/>
               <l>O such sie, lieber Mondenschein,</l>
               <l>Und schau ihr ernst ins Aug hinein</l>
               <l>Und mach das Herz ihr schwer.</l>


               <p>Renate, die das Lied in Text und Komposition zu kennen schien, sang es mit großer
                  Sicherheit, aber zugleich auch mit jenem übertriebenen Aufwand von Stimme und
                  Gefühl, wodurch der Vortragende auszudrücken wünscht, daß er über der Sache
                  stehe.</p>
               <p>Dies war den Zuhörern nicht entgangen, von denen die Mehrzahl dieser ironischen
                  Behandlung des Liedes zuzustimmen schien. Nur Seidentopf trat an das Klavier und
                  sagte: »Unser Barnimer Freund scheint vor unserem Lebusischen Fräulein keine Gnade
                  zu finden.«</p>
               <p>»Wie kann er auch«, nahm Renate das Wort; »wie bescheiden er sich stellen mag, er
                  hat die Prätension, ein Poet zu sein, und er ist keiner. Es ist sinnig, sich den
                  Dichter auf einem geflügelten Pferde zu denken, weil es die erste Aufgabe aller
                  Poesie ist, das platt Alltägliche hinter sich zu lassen; und nun frag ich Sie,
                  teuerster Pastor, auf welchem Pferde, geflügelt oder nicht, sind Sie imstande sich
                  unsern Schmidt von Werneuchen vorzustellen? Ist es vielleicht</p>


               <l>der weiße königliche Zelter,</l>
               <l>Mit Federbüschen bunt im Winde flatternd,</l>
               <l>Die Brust, wie Schnee, mit blauem Schleier schmückend?«</l>


               <p>»Nein, liebe Renate«, antwortete Seidentopf, »dieser weiße königliche Zelter ist
                  es sicherlich nicht. Die Kreuzzugs-Jahrhunderte, die drüben bei den Ziebinger
                  Freunden fast nur noch Geltung haben, sind nicht das Zeitalter unseres einfachen
                  und, wie nicht bestritten werden soll, an Haus und Hof gebundenen Schmidt: er ist
                  ganz Gegenwart, ganz Genre, ganz Mark. Er ist so unromantisch wie möglich, aber er
                  ist doch ein Dichter.«</p>
               <p>»Das ist er«, fiel jetzt der Dolgeliner Pastor ein, zu dessen kleinen Eitelkeiten
                  es gehörte, seine Bekanntschaft mit dem Werneuchener Amtsbruder ins rechte Licht
                  zu stellen. Außerdem <pb/> hatte er den Wunsch, doch endlich auch seinerseits in
                  den Gang der Unterhaltung einzugreifen, und der rechte Augenblick dafür schien ihm
                  gekommen. »Unser viel angefochtener Freund«, fuhr er fort, »ist ein Poet trotz
                  einem; aber ich sehe wohl, unser Fräulein Renate hat zuviel da drüben nach
                  Frankfurt hin verkehrt und ist aus der Barnimer Schule, die so recht eigentlich
                  eine brandenburgische Schule ist, in die neue Lebuser übergegangen, wo sie nur
                  noch spanische Stücke lesen und mit dem Herrn Tieck einen Götzendienst treiben,
                  als hätt es vor seiner ›mondbeglänzten Zaubernacht‹ noch gar keine Dichtung und
                  noch gar keinen rechten Mond gegeben. Und dieser Hochmut reizt mich, und wiewohlen
                  Dolgelin ein alt-lebusisches Dorf ist, so steh ich doch in dieser Dichterfehde
                  ganz auf seiten von Nieder-Barnim, und wenn sie mir sagen wollen, daß noch nie so
                  Schönes gedichtet worden ist wie:</p>


               <l>Ihr kleinen goldnen Sterne,</l>
               <l>Ihr bleibt mir ewig ferne,</l>


               <p>was sie jetzt auf allen Leiern spielen, so sag ich: nein, ihr Herren, euer
                  Geschmack ist nicht mein Geschmack, und es fällt mir ganz anders auf die Sinne,
                  wenn unser Werneuchner Freund in seiner drallen Dichterweise anhebt:</p>


               <l>Auf seinem Waldhorn bläst des Dorfes Hägereiter,</l>
               <l>Die Paare treten an, die Augen werden heiter,</l>
               <l>Des Amtmanns Schreiber kommt, die Bauern rufen: Tusch,</l>
               <l>Fort mit den Tischen, itzt beginnt der Kiekebusch!</l>


               <p>Das nenn ich Sprache. Ich sehe den Bräutigam mit der rotkalmankenen Weste und
                  höre, wie sie mit den Hacken zusammenschlagen. Da ist echtes Gold drin, gegen das
                  sich die ›kleinen goldnen Sterne‹ verstecken können.«</p>
               <p>Turgany lachte herzlich. Im übrigen trat eine kleine Verlegenheitspause ein, die
                  Seidentopf endlich – mit geflissentlicher Umgebung des ganzen Intermezzos, als
                  welches die Dolgeliner Verteidigungsrede anzusehen war – unterbrach, indem er sich
                  an seine schöne Widersacherin wendete: »Sie unterschätzen <pb/> ihn, liebe Renate,
                  wie so viele mit Ihnen tun. Vielleicht, daß ich meinerseits in den
                  entgegengesetzten Fehler verfalle, weil ich die Vorzüge seines Herzens auch in
                  seinen Dichtungen wiederfinde. Man muß ihn eben kennen.«</p>
               <p>»Nun, so lassen Sie uns an Ihrer Kenntnis teilnehmen, erzählen Sie von ihm.«</p>
               <p>»Das muß Turgany tun«, fuhr der Pastor fort, »er hat die Gabe eindringlicher
                  Schilderung, er kennt ihn, er schätzt ihn auch, wenn ich mich früherer Gespräche
                  recht entsinne.«</p>
               <p>Turgany machte zunächst eine ablehnende Handbewegung und setzte dann erklärend
                  hinzu: »Lieber Seidentopf, es muß eine Verwechselung vorliegen, vielleicht mit
                  deinem Amtsbruder Pastor Zabel, den wir soeben in dankbarer Erinnerung an die
                  rotkalmankene Weste sich enthusiasmieren sahen. An ihn wäre dein Appell in der
                  Ordnung gewesen.«</p>
               <p>Aber diese Ablehnung, wie vorauszusehen, war umsonst; alles drang in Turgany, der
                  endlich, wohl oder übel, dem allgemeinen Wunsche nachgeben mußte. Vielleicht nicht
                  ungern. Denn er tat nichts lieber als medisieren. »Nun denn«, so hob er an, »Sie
                  wissen alle, daß unser Werneuchener Freund ein Prediger und Dichter ist, aber was
                  Sie vielleicht nicht wissen und was so recht eigentlich den Schlüssel zum
                  Verständnis seiner Dichtungen bildet, das ist das, daß er auch Gatte und Vater
                  ist. Die Kanzel steht ihm nahe, aber die Wiege steht ihm näher. Sein Haus ist eine
                  Kinderstube oder, wie es hierlandes heißt: mehr Quarre als Pfarre. Versteht sich,
                  ist er kreuzbrav. Er züchtet Bienen und Blumen und lädt seine Gäste statt in Prosa
                  in Versen, meist in Sonetten, ein. Er ist bescheiden und selbstbewußt, nachgiebig
                  und eigensinnig, harmlos und schlau, in summa ein Märker. Nicht zufrieden damit,
                  für sein eigen Teil der Pastor Schmidt von Werneuchen zu sein, ist sein bester
                  Freund auch noch der Pastor Schultze von Döbritz. Nomen et omen. Er raucht aus
                  langer Pfeife und trägt Käppsel und Schlafrock, und wenn er den letztern
                  ausnahmsweise nicht trägt, so macht er den Eindruck, als trüge er zwei. Unter
                  seinen Dichtungen hat mir die kleine Gruppe, die die Überschrift aufweist: <pb/>
                  ›Lieder für Landmädchen, abends beim Melken zu singen‹, immer den größten Eindruck
                  gemacht. In einer angefügten Notiz findet sich nämlich die Bemerkung, daß er sie
                  gedichtet habe, um verschlafene Milchmädchen beim Melken wach zu erhalten. Ich
                  bezweifle, daß er seinen Zweck erreicht hat.«</p>
               <p>Seidentopf mühte sich, einen kleinen Unwillen zu zeigen. »Das führt uns nicht
                  weiter, Turgany: du selbst wirst nicht behaupten wollen, in deiner Schilderung
                  auch nur einigermaßen Gerechtigkeit geübt zu haben.«</p>
               <p>»Ich weiß doch nicht«, fiel Lewin hier ein. »Wir kennen alle den lebhaften
                  Farbenauftrag unsers justizrätlichen Freundes, aber einer gewissen drastischen
                  Ausdrucksweise entkleidet, hat er nichts gesagt, was ich nicht von ganzem Herzen
                  unterschreiben möchte. Diese Werneuchener Poesie hat in der Tat kein anderes Ideal
                  als den bekäppselten Familienvater, und die Abfertigung, die ihr von Weimar her
                  zuteil wurde, war wohlverdient. Es ist wahr, manches glückt ihm. Wie hübsch klingt
                  es:</p>


               <l>Was lieb sich hat mit Treuen,</l>
               <l>Das sucht ein einsam Örtchen gern,</l>
               <l>Wo's heimlich sich kann freuen,</l>
               <l>Von Lärm und Lauschern fern.</l>



               <l>Da hat sich's lieb im stillen,</l>
               <l>So inniglich, so minniglich,</l>
               <l>Da hat es seinen Willen,</l>
               <l>Sein Wesen ganz für sich.</l>


               <p>Das ist sinnig: aber daneben liegen Abgründe. Er hat eine gefällige Gabe für den
                  Reim und ein Auge für die Natur. Das ist alles. Seine Schilderungen mögen
                  gelegentlich als Oasen gelten, seine Gedanken sind die Wüste. Sand und wieder
                  Sand. Aber wie denkt nur Marie über ihn? Ich glaube mich zu entsinnen, daß sie
                  seine Lieder mehr als einmal gelesen, auch zu Renate darüber gesprochen hat.«</p>
               <p>Die Angeredete wurde rot bis an die Schläfe. Es konnte <pb/> nicht wohl anders
                  sein. Lewin, der von manchem Plauderabend her die Schärfe ihres Urteils kannte,
                  übersah, daß es ein größerer Kreis war, vor dem zu sprechen er sie so plötzlich
                  aufgefordert hatte. Sie sammelte sich aber schnell und sagte dann fest und
                  schüchtern zugleich: »Ich gehe ganz mit Renaten; er ist kein Dichter, weil er
                  nichts als die Wirklichkeit kennt.«</p>
               <p>»Und seine Gabe der Schilderung?« unterbrach Seidentopf.</p>
               <p>»Auch sie erquickt mich nicht. Sie ist das Beste an ihm, gewiß, aber les ich dann
                  ›bis auf am Himmelsbogen die goldnen Sterne zogen‹, so fühle ich plötzlich den
                  unendlichen Unterschied zwischen diesen Sternen und den Alltags-Sternen unseres
                  Schmidt. Freilich ich zweifle, ob ich diesen Unterschied werde aussprechen
                  können.«</p>
               <p>»Du wirst es können; beginne nur«, riefen ihr Lewin und Renate zu.</p>
               <p>»Ich will es versuchen. Der Dichter soll ein Spiegel aller Dinge sein. Schmidt
                  aber spiegelt nichts; er gibt nur die Natur selber.«</p>
               <p>»Gut, gut«, fiel Turgany ein, »ich habe mehr als eine Untersuchung gelesen, die
                  zurückbleibt hinter diesem kritischen Debut. Der Schmidtsche Spiegel, wenn ich
                  recht verstanden, ist gar kein Spiegel, sondern nur ein Spiegelrahmen, und die
                  Bilder, die er gibt, sind nichts anderes als eingefaßte Stücke leibhaftiger Natur.
                  Natur, wie wir sie vor uns haben, wenn wir, zurücktretend, sauf drei Schritt
                  Entfernung durch ein offenstehendes Fenster sehen. Sehr gut.«</p>
               <p>Seidentopf, immer unruhiger werdend, wollte antworten; Turgany aber, als merke er
                  nichts von der Verstimmung seines Freundes, fuhr jetzt in der ihm eigenen Weise
                  fort: »Wir haben nun unser Verdikt abgegeben, und Inkulpat, trotz der günstigen,
                  aber als durchaus parteiisch anzusehenden Aussagen seiner Amtsbrüder von
                  Hohen-Vietz und Dolgelin, ist als schuldig befunden worden. Othegravens
                  zustimmendes Kopfnicken, als die ›goldenen Sterne‹ der Bürgerschen ›Lenore‹
                  heraufzogen, hab ich, hoffentlich nicht mit Unrecht, im Sinne der
                  Anti-Schmidt-Partei gedeutet. Ausständig ist nur noch eine gewichtige <pb/>
                  Stimme. Ich erhebe hiermit die bestimmte Frage: ›Wie stellt sich Herrnhut zu
                  Werneuchen?‹«</p>
               <p>Tante Schorlemmer schüttelte den Kopf hin und her und klapperte lebhafter denn
                  zuvor mit ihrem Strickzeug, das sie, nach Auslösung der Pfänder, wieder zur Hand
                  genommen hatte. Sie schien auch jetzt noch jede Antwort verweigern zu wollen.</p>
               <p>Turgany aber, uneingeschüchtert, fuhr in Nachahmung richterlicher Würde fort: »So
                  müssen wir denn zu den stärksten Mitteln greifen. Im Namen Zinzendorfs ...«</p>
               <p>Die so feierlich Beschworene, eine der eben abgestrickten Nadeln erhebend, drohte
                  bei dieser Formel scherzhaft zu dem Justizrat hinüber und sagte dann: »Renate und
                  Marie haben recht; er ist garstig.«</p>
               <p>»Er ist garstig«, wiederholte Turgany. »Mit Hilfe dieser verspäteten
                  Zeugenaussage, in der ich beiläufig einen Saxonismus zu erkennen glaube, tritt
                  unsere Verhandlung in eine neue Phase ein. Es scheint sich der ästhetischen
                  Anklage, wenn auch nur leise, ein moralisches Element beigesellen zu sollen.«</p>
               <p>»Das nicht«, fuhr jetzt Tante Schorlemmer mit Entschiedenheit fort, »aber er
                  mißfällt mir ganz und gar. Er mißfällt mir, weil er sein geistlich Kleid ohne
                  geistliche Würde trägt. Der Justizrat hat es getroffen: die Wiege steht ihm näher
                  als die Kanzel. Selbst das heilige Weihnachtsfest ist ihm kein Fest des Kindes
                  Gottes, es ist ihm nur ein Fest seiner eigenen Kinder. Er scheut selbst vor
                  Anstößigkeiten nicht zurück, und ich schäme mich dann in seine Pastors-Seele
                  hinein. Nein, nein, das ist nichts für ein herrnhutisch Herz, dem noch die
                  Weihnachtslieder der eigenen Kindheit im Ohre klingen.«</p>
               <p>Turgany schwieg. Renate trat an Tante Schorlemmer heran und sagte: »Gib uns das
                  Lied, das du den ersten Weihnachten sangst, als du zu uns gekommen warst. Ich lieb
                  es so. Bitte, ich sing auch mit.«</p>
               <p>Tante Schorlemmer strickte eifrig weiter. Dann sagte sie: »Gut, ich will es; sind
                  wir doch hier in einem christlichen Predigerhause.« Damit stand sie auf und setzte
                  sich an das Klavier.</p>
               <p>
                  <pb/> Mit zitternder Stimme hob sie an, bis die schöne Altstimme Renatens wie eine
                  Glocke einfiel. Leise begleitend klang das Klavier. So sangen sie beide:</p>


               <l>»Holder Knabe</l>
               <l>Mit dem Stabe,</l>
               <l>Der die Löwen weiden kann,</l>
               <l>Denk der kleinen</l>
               <l>Armen deinen,</l>
               <l>Der du Jüngling warst und Mann.</l>



               <l>Laß sie weiden</l>
               <l>In den Freuden</l>
               <l>Deiner Kindheit, Jesu Christ!</l>
               <l>Lehr sie stündlich,</l>
               <l>Treu und kindlich</l>
               <l>Sein, wie du gewesen bist.«</l>



               <l>Und damit schloß der zweite Weihnachtstag im Pfarrhause zu Hohen-Vietz.</l>

            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Sechzehntes Kapitel</head>
               <head>Ein Zwiegespräch</head>
               <p>Es mochte halb elf sein, als halblauter Peitschenknall und ein jedesmal
                  plötzliches Erklingen des Schellengeläutes, wenn die beiden Braunen ungeduldig
                  ihre Hälse zur Seite warfen, die Frankfurter Gäste des Pfarrhauses daran gemahnte,
                  daß der Schlitten vorgefahren sei.</p>
               <p>Nicht lange, so ward es auf dem Flur lebendig, und das Lachen Turganys – der, aus
                  dem zweiten Zimmer tretend, eben an den Alligator gestoßen und das Ungetüm in eine
                  unheimlich schwankende Bewegung gesetzt hatte – klang bis auf die Straße hinaus,
                  wo der Pfarrknecht, auf und ab stampfend, die Fahrleine hielt und durch Hauchen
                  und Blasen seine halbverklammten <pb/> Finger vor dem völligen Starrwerden zu
                  schützen suchte. Gleich darauf öffnete sich die Tür, sofort den dünnen Ton ihrer
                  Klingel mit dem Schellengeläute des draußen harrenden Schlittens mischend, auf
                  dessen niedriger Polsterbank Turgany und der Konrektor sich nunmehr rasch
                  zurechtrückten. Ein Gruß noch nach dem Flur hin, ein Schlag mit der Leine auf den
                  Rücken der Pferde, und fort ging es auf verschneiter Straße dem Ausgange des
                  Dorfes zu. Der Dolgeliner Pastor, der noch Geschäftliches mit Seidentopf zu
                  erledigen hatte, war bei seinem Amtsbruder zurückgeblieben.</p>
               <p>Hohen-Vietz schlief schon. Alle Gehöfte lagen im Dunkel; nur bei Müller Miekley
                  war noch Licht, und ein heller Schimmer fiel auf einen würfelförmigen, wohl seit
                  hundert Jahren an dieser Stelle liegenden Stein, von dem aus der Fußweg nach dem
                  Forstacker hin abzweigte.</p>
               <p>»Der Müller hat noch Licht«, sagte Turgany, »wahrscheinlich ein Konventikel,
                  Uhlenhorst in Person.«</p>
               <p>In demselben Augenblick aber scheuten die Pferde und bogen prustend nach rechts
                  hin aus, so daß es einiger Anstrengung bedurfte, die Stelle zu passieren. Als sie
                  glücklich vorüber waren, sah sich der Justizrat neugierig um und erkannte nun erst
                  Hoppenmarieken, die auf dem Stein gesessen und beim Ansichtigwerden des
                  Schlittens, sehr zur Unzeit, mit ihrem Hakenstock salutiert hatte.</p>
               <p>»Wer ist der Kobold?« fragte Othegraven.</p>
               <p>»Hoppenmarieken«, antwortete Turgany, »ihres Zeichens Hohen-Vietzer Botenfrau,
                  auch wohl sonst noch allerlei. Man munkelt dies und das, aber die Beweise fehlen.
                  Sie geht oft nachts und ist am andern Morgen wieder da.«</p>
               <p>»Ein unheimliches Wesen.«</p>
               <p>»Das ist sie. Aber auch ein Original, und das kommt ihr zustatten. Der alte
                  Vitzewitz sieht ihr manches durch die Finger. Ihr eigentlicher Anwalt aber ist
                  Lewin.«</p>
               <p>Turganys Schlitten flog rasch dahin, bei jeder Seitwärtsbewegung den Schnee
                  fußhoch zusammenschaufelnd. Gekröpfte Weiden, abwechselnd mit hohen Pappeln,
                  faßten von rechts <pb/> und links her den Weg ein und bezeichneten die Richtung,
                  in der sich die Fahrt, im übrigen auf gut Glück hin, vorzubewegen hatte. Dann und
                  wann flog eine Krähe auf, stumm, verschlafen, um sich auf dem nächsten Baumwipfel
                  wieder niederzulassen. Darüber stand der Sternenhimmel, funkelnd in aller
                  winterlichen Pracht. Ein träumerischer Zustand überkam die beiden Reisenden. Es
                  war ihnen, als erstürbe das Schellengeläut ihres Schlittens, während der leise
                  Widerhall von weit, weit her immer lauter, immer brausender zu werden schien. Die
                  Nähe verlor ihre Macht über das Ohr; nur das Ferne, das kaum Hörbare läutete wie
                  Glocken.</p>
               <p>Turgany gewann es zuerst über sich, diesen lähmenden Halbtraum abzuschütteln.</p>
               <p>»Eine herrliche Nacht!« hob er an.</p>
               <p>»Der schöne Abschluß eines schönen Tages«, antwortete Othegraven, der nun auch,
                  als ob das Befreiungswort gesprochen sei, aus dem Banne heraus war. »Welch eine
                  liebenswürdige Natur, Ihr Freund Seidentopf! Welche Frische, welche Teilnahme an
                  jedem Kleinen und Allerkleinsten, und wenn es ein Pfänderspiel wäre.«</p>
               <p>Dem Justizrat konnte nichts lieber kommen als diese Wendung des Gesprächs.
                  »Seidentopf«, so nahm er jetzt das Wort, »ist ein Mann wie ein Kind. Ich habe ihn
                  nun ein Leben lang bewährt gefunden. Vierzig Jahre immer derselbe. Dieselbe Treue.
                  Aber warum zählen Sie Pfänderspiele zum ›Allerkleinsten‹? Da haben Sie unrecht;
                  Pfänderspiele sind eine große Sache.«</p>
               <p>Othegraven sah, soweit seine Mantelverpackung es zuließ, den Justizrat fragend
                  an.</p>
               <p>Dieser legte seinen linken Pelzarm auf des Konrektors Schulter und fuhr dann mit
                  einer Herzlichkeit, die sonst nicht zu seinen Eigenheiten gehörte, fort: »Ich
                  hätte die Frage nicht tun sollen, oder doch nicht in dieser Form. Die Sache
                  verbietet's und Ihre Person. So denn rundheraus, Othegraven: Sie lieben
                  Marie.«</p>
               <p>Othegraven schwieg einen Augenblick und sagte dann mit <pb/> fester Stimme, in der
                  auch kein leisester Ton von Verlegenheit mitklang: »Ja, von Herzen.«</p>
               <p>So weit waren Frage und Antwort gediehen, als die Fortsetzung des Gesprächs beider
                  Freunde durch ihre Einfahrt in das nächstgelegene Dorf unterbrochen wurde. Schon
                  bei den ersten Häusern hörten sie Baß und Klarinette vom Kruge her, unter dessen
                  Erkervorbau, ja bis auf den Fahrdamm hinaus, einzelne Paare trotz bitterer Kälte
                  standen. Die Mädchen kurzärmelig. Ein verzeihlicher Leichtsinn, denn aus der
                  Tanzstube, deren Fenster ausgehoben waren, quoll eine dicke Wolke von Qualm und
                  Rauch. »Da drinnen sind sie beim ›Kiekebusch‹«, sagte Turgany, »schade, daß wir
                  unsern Dolgeliner Pastor nicht mit uns haben.«</p>
               <p>Derweilen war der Schlitten an dem Kruge vorbei; der Lärm verhallte, und das weite
                  Schneefeld lag wieder vor ihnen. Turgany, auch bei Othegraven voraussetzend, daß
                  er mit seinen Gedanken an alter Stelle haftengeblieben sei, fuhr, als ob überhaupt
                  keine Unterbrechung stattgefunden hätte, ohne weiteres fort: »Und wie gut sie
                  sprach. Jedes Wort ein Treffer.«</p>
               <p>»Sie wird immer das Richtige treffen.«</p>
               <p>»Ei, Konrektor, schon so tief in Bewunderung! Aber kennen Sie denn die
                  Vorgeschichte dieses Kindes? Sie wissen doch, sie ist eine Waise.«</p>
               <p>»Ich weiß alles«, erwiderte der Konrektor. »Ich war vor drei Wochen auf dem
                  Schulzenhofe, und das Kniehasesche Paar hat mir ohne Rückhalt von seinem Pflegling
                  erzählt. Ich weiß, daß sie getanzt und deklamiert hat und daß sie mit einem
                  Tellerchen herumgegangen ist, um die Münzen einzusammeln. Ich bekenne, daß ich
                  keinen Anstoß daran nehme. Es steigert nur meine Teilnahme.«</p>
               <p>»Auch die meinige«, sagte Turgany. »Aber, lieber Othegraven, wir sind sehr
                  verschiedene Leute. Ich bin ein Lebemann, nicht viel besser als ein Heide. Sie
                  sind ein Geistlicher, vorläufig noch in der Konrektorverpuppung, aber der
                  Schmetterling kann jeden Augenblick ausfliegen.«</p>
               <p>Othegraven schwieg einen Augenblick. Dann nahm er das <pb/> Wort: »Lassen Sie mich
                  offen sein, lieber Freund: es drängt mich dazu, und ich finde, es spricht sich gut
                  unter diesen Sternen. Sie nennen sich einen Heiden; ich habe meine Zweifel daran.
                  Aber wie immer auch, Sie irren, wenn Sie das Christentum, zumal nach dieser Seite
                  hin, als eng und befangen ansehen. Im Gegenteil, es ist frei. Und daß es diese
                  Freiheit üben kann, ist im Zusammenhang mit dem tiefsten Punkte unseres
                  Glaubens.«</p>
               <p>Der Justizrat schien antworten zu wollen. Othegraven aber fuhr fort: »Wir sind
                  alle in Sünde geboren, und was uns hält, ist nicht die eigene Kraft, sondern eine
                  Kraft außer uns, rundheraus die Barmherzigkeit Gottes. Sie kennen unsere schöne
                  Schildhornsage? Nun, wie mit dem Wendenfürsten Jaczko, so ist es mit uns allen:
                  wir sinken unter in der schweren Rüstung unseres eiteln Ichs, unseres selbstischen
                  Trotzes, wenn uns der Finger Gottes nicht nach oben zieht.«</p>
               <p>Turgany nickte. »Sie werden mich nicht in Verdacht haben, Othegraven, für die
                  Selbstgerechtigkeit der Menschen und für das Unkraut von Vorurteilen, das aus ihr
                  sprießt, eine Lanze brechen zu wollen. Ich weiß seit lange, wie wenig es mit dem
                  Stolz unserer Tugend auf sich hat, und wenn ich irgendeines Bibelwortes gedenke,
                  so ist es das: ›der hebe den ersten Stein auf sie‹. Es würde gerade mir schlecht
                  anstehen, die Lebensläufe meiner Mitmenschen durch ein Examen rigorosum gehen zu
                  lassen. Und nun gar die Vergangenheit dieses liebenswürdigen Kindes! Alles, was
                  ich mit meiner Frage sagen wollte, ist etwa das: ›Es ist ein Glück, aus einem
                  guten Hause zu sein.‹ Und an der einfachen Wahrheit dieses Satzes ist nicht wohl
                  zu rütteln. Kniehases Haus ist ein gutes Haus. Das Haus des ›starken Mannes‹ aber,
                  der oben auf dem Hohen-Vietzer Kirchhof unter dem Holzkreuz liegt, ist schwerlich
                  ein solches Haus gewesen.«</p>
               <p>»Es fragt sich«, bemerkte Othegraven. »Ich möchte fast das Gegenteil glauben. Es
                  war ein Haus schwerer Prüfungen, wachsender Demütigung; aber wo soviel Liebe,
                  soviel schöner Eifer waltete, von einem jungen Leben den drohenden Makel <pb/> der
                  Geburt, jeden Verdacht des Ungesetzlichen fernzuhalten, das kann kein Haus der
                  Unsitte gewesen sein. Ich habe die Geschichte von dem ›starken Mann‹ nicht ohne
                  Rührung gehört. Unglück, nicht Unsegen; Heimsuchung, nicht Fluch.«</p>
               <p>»Sie überraschen mich«, nahm der Justizrat wieder das Wort. »Ich bin Ihnen
                  dogmatisch nicht gewachsen; aber würden Sie, auch ohne Neigung zu Marie, zwischen
                  Unglück und Unsegen immer so scharf unterscheiden wie in diesem Augenblick? Würden
                  Sie nicht geneigt sein, die Heimsuchung als eine Folge der Verschuldung, als
                  Strafe, als Verwerfung anzusehen? Irr ich darin, wenn ich annehme, daß gerade
                  Männer Ihrer Richtung Gewicht legen auf Patriarchalität?«</p>
               <p>»Nein, darin irren Sie nicht«, erwiderte Othegraven. »Gewiß ist ein Unterschied
                  zwischen dem Hause des Lot und dem Hause von Sodom, und diesen Unterschied, ohne
                  ein klarsprechendes Zeichen, mißachten zu wollen wäre Auflehnung gegen Sitte und
                  Gebot. Aber was entscheidet, ist doch immer die Gnade Gottes. Und diese Gnade
                  Gottes, sie geht ihre eigenen Wege. Es bindet sie keine Regel, sie ist sich selber
                  Gesetz. Sie baut wie die Schwalben an allerlei Häusern, an guten und schlechten,
                  und wenn sie an den schlechten Häusern baut, so sind es keine schlechten Häuser
                  mehr. Ein neues Leben hat Einzug gehalten. Die Patriarchalität ist viel, aber die
                  Erwähltheit ist alles.«</p>
               <p>»Und diese finden Sie in Marie?«</p>
               <p>»Ich brauche diese Frage gerade Ihnen, teuerster Freund, nicht erst zu
                  beantworten, denn wir empfinden gleich, jeder von uns auf seine Weise. Und wenn
                  die Vergangenheit dieses Kindes dunkler und verworrener wäre, als sie ist, ich
                  würde diese Verworrenheit nicht achten. Es gibt eben Naturen, über die das
                  Unlautere keine Gewalt hat; das macht die reine Flamme, die innen brennt. Ich habe
                  Marie nie gesehen, ohne mit einer Art von freudiger Gewißheit die Empfindung zu
                  haben: sie wird beglücken und wird glücklich sein.«</p>
               <p>Turgany drückte dem Freunde die Hand. »Othegraven, ich <pb/> habe immer große
                  Stücke von Ihnen gehalten, von heute ab lasse ich Sie nicht wieder los.«</p>
               <p>So ging die Unterhaltung; das Schlittengeläute klang über die Schneefelder hin; in
                  den Dörfern war alles still; kein Licht als die glitzernden Sterne.</p>
               <p>Dieselben Sterne schienen auch in ein Giebelfenster von Schulze Kniehases Haus.
                  Marie schlief; die Bilder des letzten Abends, wie sie Leben und Dichtung geboten
                  hatten, zogen in einem phantastischen Zuge an ihr vorüber: vorauf der Dolgeliner
                  Pastor mit dem Schmidt von Werneuchenschen Hägereiter, der jetzt sein Waldhorn,
                  statt es zu blasen, über der Schulter trug; dann der »Wagen Odins«, riesig
                  vergrößert, auf dessen Achse Prediger Seidentopf stand. Den Schluß aber machte
                  »der Knabe mit dem Stabe«, und das Weihnachtslied, das Tante Schorlemmer und
                  Renate gesungen hatten, klang im Traume nach.</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Siebzehntes Kapitel</head>
               <head>Tubal an Lewin</head>
               <p>Der dritte Feiertag fiel auf einen Sonntag. Es war ein klarer Morgen. Die
                  Scheiben, nach der Parkseite hinaus, standen im goldenen Schein der eben über den
                  Kirchhügel steigenden Sonne, überall aber, selbst wo sonst Schatten lag, leuchtete
                  der am Abend vorher frisch gefallene Schnee.</p>
               <p>Es mochte neun Uhr sein. In dem großen Wohnzimmer, in das wir unsere Leser schon
                  in einem früheren Kapitel führten, saßen Lewin und Renate, aber nicht um den Kamin
                  herum, wie am Abend des ersten Weihnachtstages, sondern in der Nähe des eine tiefe
                  Nische bildenden Eckfensters. Sie hatten hier nicht nur das beste Licht, sondern
                  vermochten auch mit Hilfe der mehrgenannten breiten Auffahrt auf die Dorfstraße zu
                  blicken, deren Treiben in der Einsamkeit des ländlichen Lebens immer eine
                  Zerstreuung und oft den einzigen Stoff der Unterhaltung bietet.</p>
               <p>
                  <pb/> Das Frühstück schien beendet; die Tassen waren zurückgeschoben, und Lewin
                  legte eben ein elegant gebundenes Buch aus der Hand. »Ich fürchte, Renate, wir
                  haben ihm doch unrecht getan. Aber diese unglückliche Begeisterung des Dolgeliner
                  Pastors! Da reißt einem die Geduld. Und doch ist viel Sinniges darin. Nun hinke
                  ich mit meiner Ehrenerklärung nach; amende honorable retardée oder ›moutarde après
                  le diner‹, wie Tante Amelie mit Vorliebe sagen würde.«</p>
               <p>Renate nickte.</p>
               <p>»Apropos die Tante«, fahr Lewin fort, »ich habe den kleinen Schlitten bestellt,
                  zwei Uhr; in einer Stunde sind wir drüben, ich fahre selbst. – Und Marie war noch
                  immer nicht in Guse?« fügte er nach einer kurzen Pause hinzu.</p>
               <p>»Nein«, erwiderte Renate.</p>
               <p>»Du schriebst aber doch, sie habe einen guten Eindruck auf die Tante gemacht. Wenn
                  die ›Gräfin Pudagla‹ nicht Anstand nahm, unserem Liebling in diesem Zimmer zu
                  begegnen, so sollte ich meinen, das Eis müßte gebrochen sein.«</p>
               <p>»Die Begegnung war unabsichtlich; Marie, die mir ein Buch unseres Seidentopf
                  brachte, trat unerwartet ein. Im übrigen solltest du nicht immer wieder vergessen,
                  daß die Tante alt ist und einer anderen Zeit als der unserigen angehört. Warum
                  willst du Standesvorurteile nicht gelten lassen?«</p>
               <p>»Die lasse ich gelten, vielleicht mehr, als recht ist. Aber was ich nicht gelten
                  lasse, das sind die Halbheiten. Tante Amelie – die Vitzewitze mögen mir diese
                  Bemerkung verzeihen – ist durch ihr Hineinheiraten in die Pudaglafamilie in
                  gewissem Sinne über uns selbst hinausgewachsen, sie ist eine vornehme Dame, und
                  wenn es ihre gräfliche Gewohnheit wäre, fächernd und ein Bologneserhündchen im
                  Arm, über das Zweimenschensystem geheimnisvolle Unterhaltungen zu führen, so würde
                  ich ihr respektvollst die Hand küssen und am allerwenigsten eine Widerlegung
                  versuchen. Ich wiederhole dir, ich kann all das würdigen, wenn meine eigenen
                  Empfindungen auch andere Wege gehen. Aber Tante Amelie gehört nicht zu diesen
                  Gräfinnen aus der alten Schule. Sie hält sich für aufgeklärt, für <pb/>
                  freisinnig. Da vergeht kein Tag, keine Stunde, wo nicht aus Montesquieu, aus
                  Rousseau zitiert, wo nicht freiheitlich-erhaben von der ›vaine fumée‹ gesprochen
                  wird, ›que le vulgaire appelle gloire et grandeur, mais dont le sage connait le
                  néant‹, und wenn nun nach all dieser Philosophenherrlichkeit die Probe auf das
                  Exempel gemacht werden soll, so erweist sich alles als leere, pomphafte
                  Redewendung, als bloße Maske, hinter der sich der alte Dünkel birgt.«</p>
               <p>Die Schwester wollte antworten, Lewin aber fuhr fort: »Nein, nein, Renate, suche
                  davon nichts abzudingen; ich kenne sie, so sind sie samt und sonders, diese
                  Rheinsberger Komtessen, denen die französischen Bücher und Prince Henri die Köpfe
                  verdreht haben. Humanitätstiraden und dahinter die alte eingeborene Natur. Es ist
                  mit ihnen, wenn du das prätentiöse Bild verzeihen willst, wie mit den Palimpsesten
                  in unseren Bibliotheken, alte Pergamente, darauf ursprünglich heidnische Verse
                  standen, bis die frommen Mönche ihre Sprüche darüber schrieben. Aber die
                  Liebesseufzer an Chloe und Lalage kommen immer wieder zum Vorschein. Rundheraus:
                  das Vorurteilsvolle lasse ich gelten; nur das Unwahre verdrießt mich.«</p>
               <p>»Daß ich dir's nur bekenne«, nahm jetzt Renate das Wort, »ich hatte ein Gespräch
                  mit der Tante über eben diesen Gegenstand. Sie hat sich zu dem Widerspruchsvollen,
                  das in ihrer Haltung liegt, bekannt, und dies Bekenntnis, das sie sehr
                  liebenswürdig gab, wird dich schließlich auch entwaffnen müssen. Ich müßte dich
                  nicht kennen.«</p>
               <p>Lewin lächelte. »Wo war es, hier oder in Guse drüben?«</p>
               <p>»Hier. Es war bei Gelegenheit derselben Begegnung, von der du aus meinem Briefe
                  weißt; nur über das Gespräch, das folgte, ging ich kurz hinweg. Wir waren zu
                  dreien, Papa, die Tante und ich. Unsere gute Schorlemmer fehlte wie gewöhnlich;
                  die ›beiden Tanten‹, wie du weißt, stimmen nicht gut zusammen. Marie trat ein und
                  stutzte einen Augenblick. Sie ist zu klug, als daß sie nicht lange schon empfunden
                  hätte, wie die Tante zu ihr steht. Rasch faßte sie sich aber, verneigte sich,
                  richtete des Pastors Auftrag an mich aus und entfernte sich wieder unter <pb/>
                  einer freimütigen Entschuldigung, unser Beisammensein gestört zu haben.«</p>
               <p>»Und die Tante?«</p>
               <p>»Sie schwieg, wiewohl ihre scharfen Augen jede Bewegung gemustert hatten. Erst als
                  Papa fort war, sagte sie, ohne daß ich es gewagt hätte, eine Frage an sie zu
                  richten: ›Die Kleine ist charmante, eine Beauté aus dem Märchen, welche Wimpern!‹
                  – ›Wir lieben sie sehr‹, wagte ich schüchtern zu bemerken, worauf die Tante nicht
                  ohne Herzlichkeit, zugleich in ihrem allerfranzösischsten Stil, den ich dir
                  erspare, fortfuhr: ›Ich weiß, ich weiß, und jetzt, wo ich sie gesehen habe,
                  begreife ich, was ich bisher für eine Laune hielt. Bei Lewin hielt ich es für
                  mehr. Kann sein, daß ich mich irre‹, setzte sie hinzu, als sie bemerkte, daß ich
                  den Kopf schüttelte. Eine kurze Pause folgte, in der die Tabatière ein paarmal
                  auf- und zugemacht wurde; dann sagte sie lebhaft: ›Ich habe mir's diese Minuten
                  überlegt, ob ich euch auffordern sollte, die Kleine mit nach Guse
                  hinüberzubringen; es fehlt uns dergleichen, und sosehr ich alte Damen hasse, so
                  sehr liebe ich junges Volk. Aber Renate, ma chère, es geht nicht. Ich nehme wahr,
                  daß gewisse Vorstellungen und Geschmacksrichtungen in mir stärker sind als meine
                  Grundsätze. Es bestätigt sich: On renonce plus aisément à ses principes qu'à son
                  goût. Wohl entsinne ich mich des Tages, wo uns Prince Henri durch ein ähnliches
                  Geständnis überraschte. Der Prinz und der Philosoph lagen immer in Fehde. Nun
                  sieh, dieses Kind hat einen Zauber; aber ich fühle doch, daß, wenn sie selbst im
                  längsten Kleide käme, ich mich des Gedankens nicht erwehren könnte, jetzt verkürzt
                  sich die Robe, und sie beginnt den Shawltanz zu tanzen. Ich will dem Kinde durch
                  solche Gedanken nicht wehe tun, ich denke also, wir lassen's beim alten.‹«</p>
               <p>Lewin, der aufmerksam gefolgt war, war eben im Begriff, im allerversöhnlichsten
                  Sinne zu antworten, als das Erscheinen Hoppenmariekens, die von der Dorfstraße her
                  in den Hof einbog, die Unterredung unterbrach. In ihrer herkömmlichen Ausrüstung
                  kurzen Friesrock und hohe Stiefeln, Kiepe und <pb/> Hakenstock, kam sie geraden
                  Weges auf das Herrenhaus zu, salutierte die jungen Herrschaften, die sie gleich
                  hinter dem Eckfenster erkannte, und in der nächsten Minute lagen Briefe und
                  Zeitungen ausgebreitet auf dem Tisch.</p>
               <p>Die Zeitungen, so wichtig ihr Inhalt war, enthielten nichts, was Lewin nicht schon
                  gewußt hätte; von den Briefen war einer vom Papa, der in aller Kürze anzeigte, daß
                  er am Abend in Schloß Guse zu sein hoffe, der andere vom Vetter Ladalinski, dem
                  Studiengenossen und Herzensfreunde Lewins. Dieser strahlte, als sein Auge auf die
                  engbeschriebenen zwei Bogen fiel; Renate errötete leise und sagte: »Nun lies.«</p>
               <p>Und Lewin las.</p>

               <p>»Lieber Lewin! Vielverwöhnter, der Du bist, werden diese Zeilen, die in sich
                  selber schon eine Huldigung bedeuten, Deiner Eitelkeit keinen unerheblichen
                  Vorschub leisten. Aber ich habe eine rechte Plauderlust und empfinde stündlich,
                  daß Du mir fehlst. Bist Du doch der wenigen einer, die das Talent des Zuhörens
                  haben, doppelt selten bei denen, die selber zu sprechen verstehen.</p>
               <p>Wir haben einen prächtigen Weihnachtsheiligabend gehabt, und um dieses Abends
                  willen schreibe ich. Du wirst nun zunächst denken, daß der Christbaum, wie es ja
                  auch sein sollte, uns so recht hell ins Herz hineingeschienen hätte; aber so war
                  es nicht. In einem Hause, in dem die Kinder fehlen, wird das Christkind immer
                  einen schweren Stand haben, so nicht etwa der Kindersinn den Erwachsenen
                  verblieben ist. Und Kathinka, die so vieles hat (vielleicht weil sie so vieles
                  hat), hat diesen Sinn nicht. Was mich angeht, so bin ich von der Segenshand, die
                  diese Gabe leiht, wenigstens leise berührt worden. Gerade genug, um eine Sehnsucht
                  darnach zu fühlen.</p>
               <p>Wir waren allerengster Kreis: Papa, Kathinka, eine neue Freundin von ihr, die Du
                  noch nicht kennst, und ich. Als die Türen eben geöffnet wurden, kam Graf Bninski.
                  Er hatte Aufmerksamkeiten für uns alle, zu weitgehende für mein Gefühl; aber
                  Kathinka schien es nicht zu empfinden. Der erleuchtete <pb/> Saal, der flimmernde
                  Baum lachten mir ins Auge, aber, wie ich Dir wiederholen muß, es drang nicht
                  weiter. Es hatte alles den Charakter einer reichen Dekoration. Selbst der
                  Spitzenüberwurf à la Reine Hortense (Notiz für Renate), den Papa von Paris her
                  bezogen hatte, konnte an diesem Eindruck nichts ändern. Die Unterhaltung, nach den
                  ersten Auswechslungen gegenseitigen Dankes, war nicht frei. Der Graf kannte den
                  Inhalt des Bulletins; wir vermieden ein Gespräch darüber, um ihn nicht zu
                  verletzen.</p>
               <p>Unter diesen Umständen war es fast wie Erlösung, als ein lose zusammengeschürzter
                  Zettel an mich abgegeben wurde, der in der lapidaren Schreibweise unseres Jürgaß
                  lautete: ›Heute, Donnerstag, den 24., Weihnachtsbowle. Mundts Weinkeller,
                  Königsbrücke 3. Neun Uhr; besser spät als gar nicht. Gäste willkommen. v. J.‹ Ich
                  reichte dem Grafen, der erst tags vorher den Wunsch geäußert hatte, unseren Klub
                  kennenzulernen, den Zettel hin, wies auf die beiden Schlußworte und fragte ihn, ob
                  es ihm genehm sein würde, mich zu begleiten. Er sagte zu, fast zu meiner
                  Überraschung, da seine Stimmung wenig gesellig schien. Übrigens hatte ich später
                  keine Ursache, seine Zusage zu bedauern.</p>
               <p>Bald nach neun Uhr waren wir am Rendezvous, das nicht glücklicher gewählt sein
                  konnte. In solchen Sachen kann man sich auf Jürgaß verlassen. Du entsinnst Dich,
                  daß die Flußufer der Königsbrücke zu beiden Seiten einen hohen Quai bilden, auf
                  dem die Giebel und Seitenflügel einzelner alter Gebäude stehen. So auch das
                  Mundtsche Haus. Wir stiegen, von der Straße her, in den Weinkeller hinunter,
                  tappten uns in einem dunklen Gange vorwärts und traten endlich in einen großen,
                  aber niedrigen und holzgetäfelten Salon, der, alte Bilder in mir weckend, mich
                  lebhaft an die Kajüten englischer Kriegsschiffe erinnerte. Einige Freunde waren
                  schon versammelt: v. Schach, Bummcke, Dr. Saßnitz und Buchhändler Rabatzki. Jürgaß
                  fehlte noch. Ich stellte Bninski vor; dann nahmen wir Platz. Ich hatte nun erst
                  den vollen Eindruck von dem Anheimelnden des Lokales, eine gute Beleuchtung, ein
                  Feuer im Ofen, ein <pb/> langer, weißgedeckter Tisch, dessen Plätze so gelegt
                  waren, daß sie den Gästen einen freien Blick auf die Spree gönnten.</p>
               <p>An den Fenstern vorbei, die fast die ganze Höhe des Zimmers hatten und bis auf den
                  Fußboden niedergingen, bewegte sich ein bunter Weihnachtsverkehr, eine Art
                  Newamesse. Schlittschuhläufer mit Stocklaternen, Waldteufeljungen, kleine Mädchen
                  mit Wachsengeln, alles zog wie eine Erscheinung, mal hell, mal dunkel, an unseren
                  Fenstern vorüber, und von der Königsbrücke her klang das Schellengeläute der
                  Schlitten und der gedämpfte Lärm der Stadt.</p>
               <p>Endlich kam Jürgaß; in der Hand hielt er eine große blaue Tüte. ›Hier bring ich
                  Weihnachten; die Hauptsache aber, die ich meinen Gästen bringe – denn ich bitte,
                  Sie heut als solche betrachten zu dürfen –, ist selber ein Gast. Versteht sich,
                  ein Poet.‹ Damit wies er auf einen Herrn, der mit ihm zugleich eingetreten war.
                  Ehe ich noch Zeit hatte, Bninski und Jürgaß miteinander bekannt zu machen, fuhr
                  dieser fort: ›Ich habe die Ehre, Ihnen hier Herrn Grell oder, mit seinem vollen
                  Rang und Namen, den Theologie-Kandidaten Herrn Detleff Hansen-Grell vorzustellen,
                  eine Art Hintersassen von mir, einen Hörigen derer von Jürgaß auf Gantzer.
                  Genealogisches über die Grells, beziehungsweise über die Hansen-Grells, behalte
                  ich mir vor.‹ Alles sah lachend, wenn auch einigermaßen überrascht, auf Jürgaß,
                  der, ohne eine Antwort abzuwarten, in demselben Tone fortfuhr: ›Unsere Kastalia
                  vertrocknet; es fehlt ihr frisches Blut. Man könnte die Herren Poeten unseres
                  Kreises in Verdacht haben, sie scheuten die Rivalität neu auftretender Kräfte.
                  Wenn ich nicht wäre und Bummcke und hier unser Freund Rabatzki, der, um die letzte
                  Spalte seines Sonntagsblatts zu füllen, dann und wann einen jungen Lyriker
                  einfängt, so wär es mit dem Sprudeln unseres Musenquells, trotz seines
                  hochtönenden Namens, bald vorbei. Ist es nicht unerhört, daß ich, um die
                  drohendste Gefahr abzuwenden, von meines Vaters Gütern einen lyrischen Sukkurs
                  verschreiben muß?‹</p>
               <p>Das Eintreten eines Küfers, in vorschriftsmäßiger Lederschürze, <pb/> unterbrach
                  die Rede. Er trug eine Bowle auf, und die große Weihnachtstüte begann zu
                  kursieren, die, neben rheinischen Walnüssen, einige Pakete französischer
                  Pfefferkuchen enthielt. Jürgaß hatte den Vorsitz. ›Ich heiße Sie willkommen‹, nahm
                  er abermals das Wort. ›Hinsichtlich der Tüte empfehl ich weise Sparsamkeit; ihr
                  Inhalt ist momentan unersetzlich. Aber die Bowle hat einen Zuschuß zu gewärtigen,
                  eventuell mehrere.‹</p>
               <p>Die Gläser klangen zur Begrüßung zusammen. Ich hatte gleich bei unserem Eintritt
                  an einer der Schmalseiten des Tisches Platz genommen; Bninski mir gegenüber.
                  Dieser Platz gestattete mir, den ›lyrischen Sukkurs‹, der unserer ›Kastalia‹
                  wieder aufhelfen sollte, ohne Auffälligkeit zu beobachten. Er war, trotz eines
                  guten Profils, eher häßlich als hübsch. Das Haar strohern, die blassen Augen
                  vorstehend, und wenig Wimpern. Dabei die Lider leicht gerötet und etwas
                  Stoppelbart. Sein Schlimmstes war der Teint. Gesamteindruck: alltäglich.</p>
               <p>Mein Auge glitt zu Bninski hinüber, der ihn auch gemustert haben mochte. Ich
                  erriet seine Gedanken.</p>
               <p>Wir hatten leichte Konversation. Bummcke beklagte lebhaft, daß Du fehltest;
                  außerdem wurde Kandidat Himmerlich am meisten vermißt; aus welchem Grunde, konnt
                  ich nicht erraten. Vielleicht glaubte man, daß einem Kandidaten der Theologie wie
                  Grell nichts Besseres vorgesetzt werden könne als seinesgleichen. Ich bezweifle
                  aber, daß dieser Satz richtig ist.</p>
               <p>Es war wohl elf Uhr, und das Schellengeläute von Brücke und Straße her schwieg
                  bereits ganz, als Jürgaß anhob: ›Ich denke, wir improvisieren eine
                  Kastalia-Sitzung. Herr Hansen-Grell wird die Güte haben, uns einiges
                  vorzulesen.‹</p>
               <p>Diese Mitteilung wurde mit bemerkenswerter, aber freilich auch verzeihlicher Kühle
                  aufgenommen. Der Gast sah so unpoetisch wie möglich aus, und die Empfehlung unsers
                  Jürgaß, wie Du nachempfinden wirst, war nicht eben dazu angetan, ihm Vorschub zu
                  leisten. Er zog nun ein Manuskript von bedenklichem Umfang aus der Tasche; ich
                  glaube, daß ein Bangen durch alle Herzen ging.</p>
               <p>
                  <pb/> Aber wir sollten bald anderen Sinnes werden. Er bat unbefangen um die
                  Erlaubnis, uns eine Ballade: die einen norwegischen Sagen- oder Märchenstoff
                  behandle, vorlesen zu dürfen: ›Hakon Borkenbart‹. Du mußt nämlich wissen, er hat
                  eine Zeitlang in Kopenhagen gelebt. Wie das so gekommen, das erfährst Du, neben
                  manchem anderen, zu anderer Zeit. Er hob nun an und las ausdrucksvoll, fest, mit
                  wohltönender Stimme und wachsendem Feuer. Es waren wohl an zwanzig Strophen.
                  Gleich die erste, die bei der Debatte wiederholt wurde, ist mir im Gedächtnis
                  geblieben:</p>


               <l>Der König Hakon Borkenbart</l>
               <l>Hat Roß und Ruhm, hat Waff' und Wehr,</l>
               <l>Und hat allzeit zu Krieg und Fahrt</l>
               <l>Viel hohe Schiff auf hohem Meer,</l>
               <l>Es prangt sein Feld in Garben,</l>
               <l>Er aber prangt in Narben,</l>
               <l>In Narben von den Dänen her.</l>


               <p>In der zweiten Strophe zieht Hakon aus, um, trotz seiner fünfzig Jahre, um
                  Schön-Ingeborg zu freien. Ich mühe mich vergeblich, die Reime zusammenzufinden,
                  aber mit der dritten Strophe, die mir besonders zusagte, wird es mir wieder
                  gelingen. Wenigstens ungefähr.</p>


               <l>Schon grüßt ihn fern so Turm wie Schloß,</l>
               <l>Und stolz und lächelnd blickt er drein;</l>
               <l>Er spricht herab von seinem Roß:</l>
               <l>›Und bin ich alt, so mag ich's sein!</l>
               <l>Und wär ich alt zum Sterben,</l>
               <l>Auch Ruhm und Narben werben,</l>
               <l>Und werben gut wie Jugendschein.‹</l>


               <p>An dieser Stelle, wie Du Dir denken kannst, brach unser alter Bummcke in lautes
                  Entzücken aus. Ich bin ganz sicher, daß er sich in dem Augenblicke als Hakon
                  Borkenbart fühlte. Das Gedicht verläuft nun so, daß die schöne Ingeborg ihn
                  abweist, wofür er Rache gelobt. Er verkleidet sich als Bettler und <pb/> setzt
                  sich mit einer goldenen Spindel vor Ingeborgs Schloß. Sie begehrt die Spindel; er
                  verweigert sie ihr. Ihre Begierde entbrennt so heftig, daß sie sich dem Bettler
                  hingibt, um die Spindel zu besitzen. Nun kommen die bekannten Konflikte; der Vater
                  in Zorn; Verstoßung. Zuletzt entpuppt sich der Bettler als Hakon Borkenbart, und
                  alles gelangt zu einem glücklichen Schluß.</p>
               <p>Es war mir ein Genuß gewesen, dem Gedicht zu folgen, und ich darf sagen, uns
                  allen. Neben dem Dichter selbst interessierte mich Bninski am meisten. Er wurde
                  immer ernster. ›Seltsam‹, so las ich auf seiner Stirn, ›welche Prosa der
                  Erscheinung und dahinter welch heiliges Feuer!‹</p>
               <p>Dies Feuer war nun in der Tat der Zauber des Gedichts und des Vortrags. Sonst bot
                  es angreifbare Punkte die Menge. Doktor Saßnitz, auch an diesem Abend der
                  Avantgardenführer unserer Kritik, nahm zuerst das Wort. Er hob mit Recht hervor,
                  daß unser verehrter Gast sein großes Darstellungsvermögen an einen Gegenstand
                  gesetzt habe, dem mit einem geringeren Kraftaufwand mehr gedient gewesen wäre. Das
                  Ganze sei, wie er selber bemerkt habe, ein Märchenstoff. Ein solcher aber müsse in
                  der Schlichtheit, die seinen Reiz bilde, nicht durch Pracht des Ausdrucks gestört
                  werden. Das Gedicht, bei unbestreitbaren Vorzügen, sei zu lang und namentlich zu
                  schwer.</p>
               <p>Hätte unser Gast in unser aller Augen noch gewinnen können, so wär es durch die
                  Art gewesen, wie er den Tadel aufnahm. Er nickte zustimmend und sagte dann zu
                  Saßnitz: ›Ich danke Ihnen sehr; Ihre Ausstellungen haben es getroffen. Ich wußte
                  nicht, woran es lag, daß mich die eigene Arbeit nicht befriedigte; nun weiß ich
                  es.‹</p>
               <p>Das Gespräch setzte sich fort. Bald danach war die Bowle geleert, und Jürgaß, der
                  wenigstens des Ausharrens von Bummcke sicher war, befahl eine zweite. Bninski und
                  ich aber warteten ihr Erscheinen nicht ab; Mitternacht war ohnehin bald heran. Als
                  wir auf den stillen Platz hinaustraten, lag der Sternenschein fast wie Tageslicht
                  auf den Straßen. Ich sah hin <pb/> auf; mir war zu Sinn, als stiege das Christkind
                  aus diesem Sternenglanz in mein armes Herz hernieder. Bninski begleitete mich; wir
                  sprachen kein Wort. Beim Abschied sagte er mit einem Ton, den ich bis dahin nicht
                  an ihm gekannt hatte: ›Ich danke Ihnen, Tubal, für diesen Abend; es würde mich
                  freuen, Ihre Freunde öfter zu sehen.‹</p>
               <p>Da hast Du die jüngste Sitzung der Kastalia, noch dazu eine improvisierte.</p>
               <p>Und nun lebe wohl. Renate sei mit Dir. Die Form dieses Glückwunsches wiegt
                  hoffentlich tausend Grüße an meine schöne Cousine auf. Dein</p>
               <!--milestone hi_start-->
               <p> Tubal </p>
               <!--milestone hi_end-->

               <p>Nachschrift. Eben ist Dein Papa bei dem meinigen. Sie politisieren viel,
                  vielleicht zu viel. Er grüßt und hofft, wie er Dir schon geschrieben habe, morgen
                  abend auf Schloß Guse zu sein. Einen Platz in seinem Wagen, den er mir angeboten,
                  habe ich abgelehnt. Es ist mir zuviel ›Freundschaft‹ um Tante Amelie versammelt.
                  Aber ich sehne mich nach Hohen-Vietz und seiner Stille. Kann ich Kathinka
                  bestimmen, mich zu begleiten, so dürft Ihr uns ehestens erwarten.</p>
               <p>Dein T.«<pb/>
               </p>
            </div>
         </div>
         <div type="group">
            <head>Zweiter Band</head>
            <div type="chapter">
               <head>Erstes Kapitel</head>
               <head>Schloß Guse</head>
               <p>Der Lauf unserer Erzählung führt uns während der nächsten Kapitel von Hohen-Vietz
                  und dem östlichen Teile des Oderbruchs an den westlicher Höhenzug desselben, zu
                  dessen Füßen, heute wie damals, die historischen Dörfer dieser Gegenden gelegen
                  sind, altadelige Güter, deren meist wendische Namen sich schon in unseren ältesten
                  Urkunden finden. Hier saßen, um Wrietzen und Freienwalde herum, die Sparrs und
                  Uchtenhagens, von denen noch jetzt die Lieder und Sagen erzählen, hier hatten zur
                  Reformations- und Schwedenzeit die Barfus, die Pfuels, die Ihlows ihre Sitze, und
                  hier, in den Tagen, die dem Siebenjährigen Kriege unmittelbar folgten, lebten die
                  Lestwitz und Prittwitz freundnachbarlich beieinander; Prittwitz, der bei
                  Kunersdorf den König, Lestwitz, der bei Torgau das Vaterland gerettet hatte. Oder
                  wie es damals in einem Kurrentausdruck des wenigstens sprachlich französierten
                  Hofes hieß: »Prittwitz a sauvé le roi, Lestwitz a sauvé l'état.«</p>
               <p>Alle diese Güter begannen bald nach der Trockenlegung des Oderbruchs, also etwa
                  dreißig Jahre vor Beginn unserer Erzählung, zu ihren sonstigen Vorzügen auch noch
                  den landschaftlicher Schönheit zu gesellen. Wer hier um die Pfingstzeit seines
                  Weges kam, wenn die Rapsfelder in Blüte standen und ihr Gold und ihren Duft über
                  das Bruchland ausstreuten, der mußte sich, weit aus der Mark fort, in ferne,
                  beglücktere Reichtumländer versetzt fühlen. Die Triebkraft des jungfräulichen
                  Bodens berührte hier das Herz mit einer dankgestimmten Freude, wie sie die
                  Patriarchen empfinden mochten, wenn sie, inmitten menschenleerer Gegenden, den
                  gottgeschenkten Segen <pb/> ihres Hauses und ihrer Herden zählten. Denn nur da, wo
                  die Hand des Menschen in harter, nie rastender Arbeit der ärmlichen Scholle ein
                  paar ärmliche Halme abgewinnt, kann die Vorstellung Platz greifen, daß er es sei,
                  der diesen armen Segen geschaffen habe; wo aber die Erde hundertfältige Frucht
                  treibt und aus jedem eingestreuten Korn einen Reichtum schafft, da fühlt sich das
                  Menschenherz der Gnade Gottes unmittelbar gegenüber und begibt sich aller
                  Selbstgenügsamkeit. Es war an diesem westlichen Höhenrande des Bruches, daß der
                  große König, über die goldenen Felder hinblickend, die Worte sprach: »Hier habe
                  ich in Frieden eine Provinz gewonnen.«</p>
               <p>Ein Bild, das diesen Ausruf gerechtfertigt hätte, bot die Niederung am dritten
                  Weihnachtstage 1812 freilich nicht. Alles lag begraben im Schnee. Aber auch heute
                  noch war ein Blick von der das Bruch beherrschenden »Seelower Höhe« aus nicht ohne
                  Reiz; über den zahlreichen ausgebauten Höfen und Weilern zog ein Rauch, die Stelle
                  menschlicher Wohnstätten verkündend, während auf Meilen hin die nur
                  halbverschneiten Kirchtürme der größeren Dörfer im hellen Sonnenschein
                  blitzten.</p>
               <p>Einer dieser Kirchtürme, der nächste, zeigte sich in kaum Büchsenschußentfernung
                  von der ebengenannten Höhe, und eine Allee alter Eichen, deren braunes Laub, wo
                  der Wind den Schnee abgeschüttelt hatte, klar zu erkennen war, lief in gerader
                  Richtung auf die Kirche zu. Neben dieser, weit über den Wetterhahn der Turmspitze
                  hinaus, erhoben sich mächtige, zum Teil fremdartig aussehende Bäume, allem
                  Anscheine nach einem großen Parke zugehörig, der von links her das Dorf
                  umfaßte.</p>
               <p>Dieses Dorf war Guse.</p>
               <p>Wie sein Name bekundet, wendischen Ursprungs, führten es doch erst begleitende
                  Vorgänge des Dreißigjährigen Krieges, um welche Zeit die Schaplows hier ansässig
                  waren, in unsere Landesgeschichte ein. Zwei Jahre vor Abschluß des Osnabrücker
                  Friedens vermählte sich Georg von Derfflinger, damals noch General in schwedischen
                  Diensten, mit Margarethe Tugendreich von Schaplow und übernahm das Gut. Nicht
                  <pb/> als Frauenerbe, sondern gegen Kauf; die verschuldeten Minorennen konnten es
                  nicht halten.</p>
               <p>Zunächst war die Erstehung des Gutes wenig mehr als eine Kapitalsanlage,
                  vielleicht auch ein Versuch, sich im Brandenburgischen territorial und politisch
                  festzusetzen; aber schon in den sechziger Jahren, lange bevor der Tag von
                  Fehrbellin, der pommersche und der ostpreußische Feldzug den Ruhm Derfflingers auf
                  seine Höhe gehoben hatten, sehen wir den Alten beflissen, hier nicht nur die
                  Schäden vieljähriger Verwahrlosung auszugleichen, sondern auch durch Bauten und
                  Anlagen – in allem dem Beispiele seines kurfürstlichen Herren folgend – eine
                  Musterwirtschaft herzustellen. Abzugsgräben wurden gezogen, Dämme und Wege durch
                  den Sumpf gelegt, das Schloß entstand; die Kirche, zunächst erweitert, erhielt
                  eine Gruft, und ein Kasernenbau, bis diesen Tag erkennbar, nahm die
                  Dragonerabteilung auf, die zu täglichem Dienst bei ihrem Chef und General aus dem
                  benachbarten Garnisonsort nach Guse hinbeordert war. Das eigentlichste Augenmerk
                  des Alten war aber der Park, der ihn bald glücklicher machte als der Ruhm seiner
                  Taten. Ein guter Wirt und Haushalter, wie fast alle diejenigen, die das Schwert
                  mit der Pflugschar vertauschen, war er doch freigebig, wenn es die Beschaffung
                  schöner Bäume galt. Zypressen und Magnolien wurden unter großen Kosten
                  herbeigeschafft, und noch jetzt führt ein Zedernhain des Parkes den Namen
                  »Neulibanon«.</p>
               <p>In Zurückgezogenheit zu leben und sich seiner Anlagen zu freuen wurde mehr und
                  mehr das einzige Verlangen des nun achtzigjährigen Feldmarschalls, der, wie er
                  sich selber ausdrückte, bei Hofe »viel Saures und Süßes« gekostet hatte, »aber des
                  Sauren mehr«. Die Zeiten, wo er seinem Freunde, dem Grafen Baudissin, ins
                  Stammbuch schreiben konnte:</p>


               <l>Wind und Regen</l>
               <l>Sind mir oft entgegen;</l>
               <l> Ich ducke mich, laß es vorübergahn,</l>
               <l>Das Wetter will seinen Willen han,</l>


               <p>
                  <pb/> diese Tage beinahe heiterer Resignation lagen für ihn weit zurück, und er
                  war versteift, eckig und reizbar geworden. Endlich gab der Kurfürst, der ihn trotz
                  seiner hohen Jahre im Dienste festhalten wollte, nach, und der Alte hatte nun
                  seinen Willen und seine Freiheit; er gab die Stadt auf und ging nach Guse. Hier,
                  eine kleine Weile noch, sah er auf alles, was er geschaffen, und freute sich des
                  Segens in Feld und Haus. Aber er war müde, müde auch seines Glückes. Noch vor
                  Ablauf des Jahrhunderts schloß sich sein reiches Leben. Er wurde, wie er es
                  angeordnet, ohne Gepränge beigesetzt, in der Gruft, die er selbst gebaut hatte.
                  Auch der Geistliche mußte sich auf den Nachruf beschränken »Gott habe den
                  Entschlafenen innerhalb des Kriegsdienstes von der niedersten bis zur höchsten
                  Stufe gelangen lassen«. Der Alte hatte Ruhmes genug im Leben erfahren, um den
                  Klang desselben im Tode entbehren zu können.</p>
               <p>Sein einziger überlebender Sohn, Friedrich von Derfflinger, trat die reiche
                  Erbschaft an, die außer Dorf und Schloß Guse noch fünf andere Oderbruchgüter
                  umfaßte. Er war Reiterführer und Chef eines Dragonerregiments wie sein Vater; aber
                  nur in Rang und äußerer Stellung ihm verwandt, besaß er wenig von dem
                  kriegerischen Sinn und der feldherrlichen Einsicht, die den Vater zu so hohen
                  Ehren gebracht hatten.</p>
               <p>Der Wechsel der Zeiten konnte nicht wohl die Ursache davon sein, denn das neue
                  Jahrhundert, nach einer kurzen Epoche des Friedens, begann mit einem der
                  schlachtenreichsten Kriege, und bei Turin und Malplaquet lagen die Brandenburger
                  gehäuft unter den Toten. Aber wenn die Kriegsannalen nicht von ihm sprechen, so
                  doch Guse, wo er nicht nur die Schöpfungen seines Vaters fortzusetzen, sondern
                  auch diesen Vater selbst zu ehren vom ersten Augenblick an beflissen war. Er
                  erweiterte den Park, er verschönte das Schloß, vor allem aber ließ er dem Toten
                  ein Monument errichten. Die besten Kräfte, wie sie das Berlin der Schlüterzeit
                  aufwies, waren bei Ausführung dieses Denkmals tätig. Über einem offenen
                  Steinsarkophag, in den die Hand des Sohnes den Feldmarschallstab <pb/> legte,
                  wurde die Büste des Vaters aufgestellt, eine Fama blies in die Posaune, und zwei
                  Derfflingerstandarten mit blauseidenen Fahnentüchern und der Inschrift »agere aut
                  pati fortiora« kreuzten sich zu einer Waffentrophäe. Bis diesen Tag ist der Guser
                  Kirche dieses Denkmal erhalten geblieben.</p>
               <p>Drei Jahrzehnte nach dem Tode des Vaters starb auch Friedrich von Derfflinger, und
                  mit ihm erlosch der berühmte Name, der kaum länger als ein halbes Jahrhundert
                  geglänzt hatte, aber während dieser kurzen Dauer hell genug, um auch den Namen
                  Dorf Guses für immer der Dunkelheit zu entreißen. Das alte Derfflingererbe ging
                  durch verschiedene Hände, bis es in Besitz des Grafen von Pudagla kam. Der Graf
                  ließ es zunächst verwalten, und um diese Zeit, wo sich zuerst wieder das Nationale
                  zu regen begann, war es auch, daß die Wallfahrten nach der Derfflingergruft ihren
                  Anfang nahmen. Nicht zum Vorteil dessen, der in ihr ruhte. Jeder, nach einem
                  Andenken lüstern und seine Pietätslosigkeit mit der Vorgabe historischen
                  Interesses deckend, vergriff sich an der Kleidung des Toten, so daß dieser, vor
                  Ablauf eines Jahrzehntes, wie ein nackt Ausgeplünderter in seinem Sarge lag, nur
                  noch mit dem angeschnallten Brustharnisch und seinen hohen Reiterstiefeln
                  bekleidet.</p>
               <p>So kam das Jahr 1790. Graf Pudagla starb, und seine Witwe, das Gut übernehmend,
                  machte dem Unfug ein Ende.</p>
               <p>Diese Witwe war Tante Amelie.</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Zweites Kapitel</head>
               <head>Tante Amelie</head>
               <p>Tante Amelie war die ältere Schwester Berndts von Vitzewitz. Um die Mitte des
                  Jahrhunderts, also zu einer Zeit geboren, wo der Einfluß des Friderizianischen
                  Hofes sich bereits in den Adelskreisen geltend zu machen begann, empfing sie eine
                  französische Erziehung und konnte lange Passagen der »Henriade« auswendig, ehe sie
                  wußte, daß eine »Messiade« <pb/> überhaupt existiere. Übrigens würde schon der
                  Name ihres Verfassers sie an der Kenntnisnahme des Inhalts gehindert haben.</p>
               <p>Sie war ein sehr schönes Kind, früh reif, der Schrecken aller nachbarlichen, in
                  Wichtigkeit und Unbildung aufgebauschten Damen und erfüllte mit zwanzig Jahren die
                  auf eine glänzende Partie gerichteten Hoffnungen beider Eltern: im Herbst 1770
                  wurde sie Gräfin Pudagla.</p>
               <p>Graf Pudagla, ein Vierziger, hatte die Feldzüge mitgemacht, am Tage von Leuthen
                  sich ausgezeichnet und stand bei Schluß des Krieges als Rittmeister im
                  Dragonerregiment Anspach und Bayreuth. Eine glänzende militärische Laufbahn schien
                  ihm gesichert. Bei der zweitfolgenden Revue aber sah er sich vom König, der einen
                  groben Fehler wahrgenommen zu haben glaubte, mit harten Worten überhäuft, in Folge
                  dessen der Graf den Abschied nahm. Er zog sich auf seine reichen, die halbe Insel
                  Usedom einnehmenden Besitzungen zurück, besuchte während mehrerer Jahre die
                  westeuropäischen Hauptstädte und gab bei seiner Rückkehr, durch Annahme eines
                  Prinz Heinrichschen Kammerherrntitels, seiner Unzufriedenheit einen offenen
                  Ausdruck. Er wollte zu den »Frondeurs« gezählt sein, die der Prinz bekanntermaßen
                  um sich versammelte. Einige Wochen später vermählte er sich mit der schönen Amelie
                  von Vitzewitz, woran sich nach einem kurzen Aufenthalt auf den pommerschen Gütern
                  die Übersiedelung nach Rheinsberg schloß.</p>
               <p>Die Vorteile, die der kleine Hof aus der Anwesenheit des Grafen zog, waren, soweit
                  seine eigene Person in Betracht kam, gering. Er hatte, wie seine Gemahlin ihm
                  gelegentlich vorwarf, »au fond du cœur« eine Abneigung gegen den Prinzen, nahm
                  Anstoß an den Sitten, an dem Schmeichelkultus und der hochmütigen Kritik, die hier
                  ihre Stätte hatten, und war jedesmal froh, wenn er nach Wochen kurzen Dienstes
                  wieder auf seine heimatliche Insel zurückkehren, der paterna rura sich erfreuen
                  und in die englischen Parlamentskämpfe sich vertiefen konnte. Denn er liebte
                  England und sah in seinem Volk <pb/> seiner Freiheit, seiner Gesetzlichkeit das
                  einzige Staatenvorbild, dem nachzueifern sei.</p>
               <p>Aber soviel an Anregung und Huldigung der Graf versäumen mochte, die Gräfin glich
                  diese Versäumnisse mehr als aus. Sie war in kürzester Frist die Seele der
                  Gesellschaft und beherrschte wie den Hof, so auch die Spitze desselben, den
                  Prinzen, eine Erscheinung, die nur diejenigen überraschen konnte, die den
                  gefeierten Bruder des großen Königs einseitiger und äußerlicher nahmen, als er zu
                  nehmen war. Denn während er die Frauen haßte, fühlte er sich doch ebenso zu ihnen
                  hingezogen. Voll Abneigung gegen das Geschlecht als solches, sobald es allerhand
                  ihm unbequeme Forderungen stellte, war er doch ästhetisch geschult und feinsinnig
                  genug, um die eigentümlichen Vorzüge des weiblichen Geistes: Unmittelbarkeit, Witz
                  und gute Laune, Schärfe und Treffendheit des Ausdruckes, herauszufühlen. So
                  vollzog sich das Widerspruchsvolle, daß an einem Hofe, der die Frauen als Frauen
                  negierte, eben diese Frauen doch herrschten, und zwar herrschten, ohne auch nur
                  einen Augenblick auf ihre allerweiblichsten Eigenarten und Unarten verzichten zu
                  müssen. Der Prinz hatte nur das Bedürfnis persönlichen Verschontbleibens; im
                  übrigen tolerierte er alle den Sittenpunkt nicht ängstlich wägenden Lebens- und
                  Umgangsformen, die ihm, weil einen unerschöpflichen Stoff für seine sarkastische
                  Laune, eben deshalb einen bevorzugten Gegenstand der Unterhaltung boten. Die
                  Liebesintrige stand in Blüte; an unsere junge Gräfin aber knüpfte ihn neben
                  manchem anderen auch die Wahrnehmung, daß sie, an Kühnheit der Anschauungen mit
                  ihm wetteifernd, auf die Betätigung dieser Anschauungen verzichtete und keinen
                  Augenblick dem Verdachte Nahrung gab, ihre Grundsätze nach ihrer
                  Lebensbequemlichkeit gemodelt zu haben. Denn wie alle außerhalb des sittlichen
                  Herkommens Stehende barg auch der Prinz, hinter dem Unglauben an einen reinen
                  Wandel, doch schließlich nur den im tiefsten ruhenden Respekt vor demselben.
                  Unerschüttert in seinen Allgemeinanschauungen, sah er in der Gräfin »den
                  Ausnahmefall, der ihm die Regel bestätigte«, <pb/> und beglückwünschte sich, weit
                  über landläufig-kleine Verhältnisse hinaus, intimste Beziehungen zu einer Frau
                  unterhalten zu dürfen, die, mit allen Vorzügen der weiblichen Natur ausgestattet,
                  zugleich frei von allen Schwächen derselben war. Eine Spezialfreude gewährte ihm
                  die Gräfin noch dadurch, daß sie für ihren Gemahl dieselbe heitere Kühle hatte wie
                  für alle andern Mitglieder des Rheinsberger Hofes und die Frage nach der Fortdauer
                  des Hauses Pudagla mit nie gestörter Gleichgiltigkeit behandelte.</p>
               <p>Einer ihrer hervorstechendsten Züge war die Offenheit. Sie wußte, daß sie mehr
                  sagen durfte als andere, und sie bediente sich dieses Vorrechts. Eine Mischung von
                  Pikanterie und Grazie, über die sie Verfügung hatte, gestattete ihr Gewagtheiten,
                  die vielleicht keinem anderen Mitgliede des Hofes mit gleicher Bereitwilligkeit
                  verziehen worden wären; das eigentliche Geheimnis ihrer andauernden Gunst aber
                  war, daß sie die verschiedenen Gebiete der Unterhaltung auch verschieden zu
                  behandeln und genau zu unterscheiden wußte, wo Gewagtheiten allenfalls noch am
                  Platze waren und wo nicht. Wenn ihre Offenheit groß war, so war ihre Klugheit doch
                  noch größer. Das philosophische Gebiet, die Kirche, die Moral bildeten einen
                  weiten, nirgends durch Schnurleinen eingeengten Tummelplatz, während die Politik
                  bereits einzelne, das militärische Gebiet aber, weil mit den Eitelkeiten des
                  Prinzen zusammenhängend, eine ganze Anzahl von mit »Défendu« bezeichnete Partien
                  hatte. Dieser Unterschiede war sich die Gräfin jederzeit bewußt, und während sie
                  vielleicht eben noch in Beurteilung einer voltairisch aufgefaßten Jeanne d'Arc bis
                  an die Grenze des Möglichen gegangen war, unterließ sie doch nicht, bei
                  diskursiver Behandlung irgendeiner prinzlichen Schlachtengroßtat sofort den Ton zu
                  wechseln und an die Stelle unerschrockenster Behauptungen die allerloyalsten
                  Huldigungen treten zu lassen. Im Darbringen solcher Huldigungen – sei es von
                  ungefähr im Gespräch oder sei es vorbereitet in großen Festlichkeiten – war sie
                  unerschöpflich, und wenn sich der Prinz selbst nach eben dieser Seite hin eines
                  wohlverdienten <pb/> Rufes erfreute, so zeigte sie sich mindestens als seine
                  gelehrige Schülerin. Ihre vollkommene Gleichgiltigkeit gegen militärische
                  Schaustellungen und kriegerische Aktionen besaß sie Kraft genug hinter einem
                  erheuchelten und deshalb um so lebhafter sich gebärdenden Interesse zu verbergen.
                  Sie wußte, daß, wer den Zweck wollte, auch die Mittel wollen mußte, und so waren
                  denn die Prinzenschlachten ihrem Gedächtnisse bald sicherer eingeprägt als die
                  Feste des christlichen Kalenders. Nie verging der sechste Mai, der Jahrestag der
                  Prager Affaire, ohne irgendeine solenne Bezugnahme darauf. Da gab es immer neue
                  Überraschungen: gestickte Teppiche mit dem Hradschin und der Moldaubrücke, samt
                  vier Grenadiermützen in den Ecken; Tableaux vivants, in denen Mars und Minerva,
                  sich überholt fühlend, vor der höheren Rheinsberger Gottheit ihr Knie beugt;
                  Dialoge, ganze Stücke, mit Griechen- und Römerhelden, mit Myrmidonen und Legionen,
                  die sich dann schließlich immer als Prinz Heinrich und das die Prager Höhen
                  erstürmende Regiment Itzenplitz entpuppten.</p>
               <p>Sprach sich in diesem allen eine Kunst der Erfindung aus, so war die Kunst des
                  Schweigens, des Unterdrückens und Verleugnens, die beständig geübt werden mußte,
                  kaum geringer. »Schwerins mit der Fahne« durfte nie gedacht werden; ein Hinweis
                  auf diesen großen Prager Rivalen würde nur zu den ernstesten Verstimmungen geführt
                  haben, und der Prinz, von dem Wunsche erfüllt, einen solchen störenden
                  Zwischenfall von vornherein ausgeschlossen zu sehen, hatte nicht Anstand genommen,
                  »den auf allen Jahrmärkten besungenen Heldentod« einfach als eine »Bêtise« zu
                  bezeichnen.</p>
               <p>All diesen Eigenarten, auch wo sie sich bis zur Laune und Ungerechtigkeit
                  steigerten, wußte sich die Gräfin zu bequemen, und ihrer Mühen Lohn war eine
                  sechzehnjährige Herrschaft. Erst das Jahr 1786, ohne diese Herrschaft zu
                  beseitigen, schuf doch einen Wandel der Verhältnisse überhaupt. Der große König
                  starb, und sein Hinscheiden ermangelte nicht, auch das Rheinsberger Leben
                  empfindlich zu berühren. Der kleine Hof wurde wie auseinandergesprengt; alle
                  freieren Elemente desselben, <pb/> die großenteils mehr aus Opposition gegen den
                  König als aus Liebe zum Prinzen sich um diesen geschart hatten, schlossen wieder
                  ihren Frieden mit der Staatsautorität und waren froh, aus einem engen und
                  aussichtslosen Kreis in den öffentlichen Dienst zurücktreten zu können. Unter
                  diesen war auch Graf Pudagla. Er ging in demselben Herbst noch nach England, wozu
                  ihn, neben seiner Vertrautheit mit Politik und Sprache, seine freundschaftlichen
                  Beziehungen zu mehreren einflußreichen Familien befähigten. Als ihm diese
                  auszeichnende Mission angetragen wurde, stellte er, besserer Repräsentation
                  halber, an die Gräfin das Ansinnen, ihn zu begleiten. Sie lehnte jedoch ab, zum
                  Teil aus wirklicher Anhänglichkeit an den Prinzen, mehr noch aus einer ihr
                  angeborenen Abneigung gegen England.</p>
               <p>Sie blieb also, blieb und huldigte, ohne ihres Bleibens und ihrer Huldigungen noch
                  recht froh zu werden. Die glücklichen Tage lagen eben zurück. Alles war verändert,
                  nicht nur der Hof, auch der Prinz. Seine Mißstimmungen wuchsen. Die staatlichen
                  Interessen, so viele Jahre zurückgedrängt, traten wieder in den Vordergrund und
                  beunruhigten ihn. Namentlich von dem Augenblick an, wo sich in Paris erkennbar die
                  Gewitter zusammenzogen. Vor seinem großen, nun heimgegangenen Bruder, sowenig er
                  ihn geliebt, soviel er ihn bekrittelt hatte, hatte er doch schließlich allem
                  Besserwissen zum Trotz einen tiefgehenden, ganz ungeheuchelten Respekt empfunden;
                  nichts davon flößten ihm die neuen Verhältnisse ein, noch weniger die Personen.
                  Die Weiberherrschaft, weil alles Feinen und Geistigen entkleidet, war ihm ein
                  Greuel, und unserer Gräfin huldvoll die Hand küssend, sagte er, als der Name der
                  Madame Rietz in seiner Gegenwart genannt wurde: »Je la déteste de tout mon cœur;
                  mes attentions, comme vous savez bien, appartiennent aux dames, mais jamais aux
                  femmes.«</p>
               <p>Dies waren Äußerungen besonderen Vertrauens: nichtsdestoweniger überkam die Gräfin
                  das Gefühl, daß ihre Rheinsberger Tage gezählt seien. Sie sehnte sich nicht fort,
                  aber sie bereitete sich in ihrem Herzen darauf vor. Und der Augenblick <pb/> kam
                  eher, als sie erwartet. Anno 1789 war der Graf auf kurzen Urlaub zurück. Er
                  erkrankte, von einem Schlaganfall getroffen, im Vorzimmer des Königs; am anderen
                  Tage war er tot. Die Nachricht davon erschütterte die Witwe mehr, als diejenigen,
                  die ihre Ehe kannten, erwartet hatten; sie wurde sich jetzt bewußt, in Hochmut und
                  Caprice nicht seine Liebe, aber den Wert seiner edelmännischen Gesinnung
                  unterschätzt zu haben. Sein Testament, das aufs neue ein vollkommener Ausdruck
                  dieser Gesinnung war, konnte die Vorstellung ihres Unrechts, so frei sie ihrer
                  ganzen Natur nach von sentimentaler Reue blieb, nur steigern. Schloß Guse, das,
                  aus freier Hand erstanden, nicht zu den Familiengütern zählte, war der Gräfin samt
                  einem bedeutenden Barvermögen zugeschrieben worden. Sie beschloß, ihr Erbe
                  anzutreten und die Verwaltung des Gutes selbst in die Hand zu nehmen. Nur noch den
                  Winter über wollte sie am Rheinsberger Hofe verweilen; bei Ablauf desselben schied
                  sie nicht ohne Bewegung von dem Prinzen, der ihr neben andern Souvenirs ein eigens
                  gedichtetes Akrostichon überreicht hatte.</p>
               <p>Am Osterheiligabend 1790 traf sie in Schloß Guse ein.</p>
               <p>Das Schloß konnte zunächst nur den allerunwohnlichsten Eindruck machen. Die
                  Administrationsjahre hatten es, einige wenige Räume abgerechnet, in eine Art Korn-
                  und Futtermagazin umgewandelt; Raps und Weizen lagen aufgeschüttet in den Zimmern,
                  während Heu- und Strohmassen die Korridore füllten. Am störendsten wirkte der
                  ganze linke Flügel, aus dessen zerbröckelten Dielen überall die Pilze
                  hervorwuchsen. Alte Bilder aus der Derfflingerzeit, stockfleckig und eingerissen,
                  die meisten ohne Rahmen, hingen schief und vereinzelt an den Wänden und mehrten
                  nur den Eindruck des Verfalls.</p>
               <p>Die Gräfin indessen ließ sich durch den Anblick dieser Unbilden und Schädigungen,
                  die das Schloß erfahren hatte, nicht beirren; im Gegenteil, die Aussicht auf
                  Tätigkeit, die sich für sie eröffnete, hatte für ihre energische Natur einen Reiz.
                  Sie bezog zwei kleine Zimmer im ersten Stock, die von der allgemeinen Zerstörung
                  am wenigsten gelitten, zugleich auch eine<pb/> gute Luft und einen freien Blick
                  auf den schönen Park hatten. Von hier aus mit allen Handwerkern der nächsten
                  Ortschaften, bald auch mit ihr bekannten hauptstädtischen Künstlern in Verbindung
                  tretend, leitete sie den inneren Um- und Ausbau, der, soweit überhaupt
                  beabsichtigt, in verhältnismäßig kurzer Zeit beendigt war. Am 31. Dezember 1790
                  zog sie, abergläubisch und tagewählerisch, wie sie war, in die neuen Räume ein,
                  den Silvestertag jedes Jahres, aus allerhand heidnisch-philosophischen Gründen, in
                  denen sich Tiefsinn und Unsinn paarte, zu den ausgesprochenen Glückstagen
                  zählend.</p>
               <p>Die neuen Räume lagen sämtlich auf der rechten Seite und bestanden aus einem
                  Billard-, einem Spiegel- oder Blumen- und einem Empfangszimmer, woran sich dann,
                  in den entsprechenden Seitenflügel übergehend, der Speisesaal und das Theater
                  schlossen. Denn ohne Vorhang und Kulissen konnten sich Personen, die aus der
                  Schule des Rheinsberger Prinzen kamen, eine behagliche Lebensmöglichkeit nicht
                  wohl vorstellen. Die ganze linke Hälfte des Schlosses, von Lüftung der Räume und
                  Beiseiteschaffung alles Ungehörigen abgesehen, hatte baulich keine Veränderungen
                  erfahren, während die große, zwischen beiden Hälften gelegene Flurhalle zum
                  Stapelplatz für alle Derfflingerreminiszenzen gemacht worden war. Hier befanden
                  sich zwei Falkonetts, zwei ausgestopfte Dragoner mit Glasaugen und die
                  besterhaltenen jener Porträts und Schlachtenbilder, die bis dahin in den Räumen
                  des Schlosses zerstreut gewesen waren. In Front der beiden Dragoner, ziemlich die
                  Mitte der Flurhalle einnehmend, stand ein der Antike nachgebildeter Faun, dessen
                  spöttisches Lachen die beste Kritik alles dessen war, was ihn umstand.</p>
               <p>Am folgenden Tage, dem Neujahrstage 1791, gab die Gräfin zur Einweihung der
                  neubezogenen Räume ihre erste Soiree. Der benachbarte Adel war geladen, und Tante
                  Amelie machte die Honneurs ganz auf dem vornehmen Fuße, den ihr ihre Mittel, ihr
                  Geist und die höfische Gewohnheit gestatteten. Alles war entzückt. Wirtin wie
                  Gäste versprachen sich ein anregendes, vielleicht selbst ein freundschaftliches
                  Beieinanderleben; Pläne wurden entworfen; die Zukunft erschien als eine lange
                  Reihe <pb/> von musikalisch-deklamatorischen Matineen, von L'hombre-Partien und
                  Aufführungen französischer Komödien.</p>
               <p>Aber es kam anders.</p>
               <p>Schon vor Ablauf des Jahres mußten sich beide Parteien überzeugen, daß man nicht
                  füreinander passe; die Gräfin war zu klug, der Nachbaradel nicht klug genug.
                  Besonders die Frauen. Ihr Französisch (nur noch übertroffen durch ihr Deutsch),
                  die geheuchelten literarischen Interessen, das beständige Sprechen über Dinge, die
                  ihnen ebenso unbekannt wie gleichgiltig waren, mußten den feinen Sinn einer Dame
                  verletzen, die zwischen dem persönlichen Umgang mit einem Prinzen und dem
                  geistigen Verkehr mit hervorragenden Geistern ihr Leben geteilt hatte. Nur die
                  Flüchtigkeit erster Begegnungen hatte über diese Verhältnisse täuschen können. Die
                  Gräfin, als sie den Tatbestand überschaute, brach allen Umgang ab und beschränkte
                  sich, ihre Lesepassion wieder aufnehmend, mehrere Jahre lang auf einen
                  allerengsten Kreis, der sich aus ihrem Bruder Berndt auf Hohen-Vietz, aus dem auf
                  Hohen-Ziesar lebenden Grafen Drosselstein und dem dreiundachtzigjährigen Seelower
                  Superintendenten, der schon die Schlacht bei Mollwitz als Feldprediger mitgemacht
                  hatte, zusammensetzte. Ihrem tiefen Bedürfnisse nach Moquerie und Klatsch, dem in
                  diesem frauenlosen Kreise (Berndts Gemahlin schloß sich aus) nur sehr unvollkommen
                  entsprochen wurde, suchte sie durch ein briefliches Geplauder mit dem Prinzen zu
                  Hilfe zu kommen, der, ein Feinschmecker auf dem Gebiete der chronique scandaleuse,
                  nicht müde wurde, sie zur Fortsetzung einer beiden Teilen gleich gewinnbringenden
                  Korrespondenz zu ermutigen.</p>
               <p>Das ging bis 1802, wo der Prinz starb. Erst nach dieser Zeit empfand sie wieder
                  den Hang, aus ihrer Einsamkeit, die ganz und gar gegen ihre Natur und ihr durch
                  die Verhältnisse nur aufgezwungen war, herauszutreten. Und so geschah es. Die
                  Frauen, gegen die sie, mit den Jahren sich steigernd, eine fast zur Manie
                  gewordene Abneigung hegte, blieben nach wie vor ausgeschlossen; aber den kleinen
                  Männerkreis, der bis dahin ihren Umgang gebildet hatte, suchte sie zu erweitern.
                  Der <pb/> Wechsel im Besitz auf mehreren der ihr benachbarten Güter bot dazu eine
                  bequeme Gelegenheit, und jener Gesellschaftszirkel begann sich zu bilden, der,
                  schon ein Jahrzehnt vor Beginn unserer Erzählung, zu allerhand kritischen
                  Bemerkungen von seiten ihres Bruders Berndt, zugleich aber auch zu dem
                  Verteidigungs-Konklusum der Gräfin: »Tous les genres sont bons, hors l'ennuyeux«,
                  geführt hatte.</p>
               <p>»Gut«, hatte Berndt geantwortet, »aber dann erfülle auch die Bedingung. Du wirst
                  doch nicht den Kammerherrn von Medewitz als ›hors l'ennuyeux‹ bezeichnen
                  wollen?«</p>
               <p>»Doch«, hatte die Schwester repliziert und eine Unterredung abgebrochen, in der
                  beide Geschwister, jeder von seinem Standpunkte aus, im Rechte waren. Die Gräfin,
                  selbstisch in all ihrem Tun, verfuhr nicht nach allgemeinen Gesichtspunkten,
                  sondern nach allerpersönlichstem Geschmack. Ihr Umgangskreis, den Berndt ziemlich
                  spitz als »allerlei Freunde« bezeichnete, war nicht darnach gewählt worden, ob er
                  andern, sondern lediglich darnach, ob er ihr gefiele. Was sie am meisten
                  verachtete, waren herkömmliche Anschauungen; ihre Laune war souverän. Wer ihr ein
                  Lächeln abnötigte, ihr Gelegenheit zu einem Sarkasmus bot, war ihr ebenso
                  unterhaltlich als derjenige, der ihr eine Fülle von Esprit, einen Schatz von
                  Anekdoten entgegenbrachte. Nur die unausgesprochenen Menschen waren ihr
                  interesselos, während alles Aparte, gleichviel, ob es nach der Beschränktheits-
                  oder der Klugheitsseite hin lag, einen prickelnden Reiz für sie hatte.</p>
               <p>Sehen wir im folgenden Kapitel des näheren, welcher Art diese »allerlei Freunde«
                  von Schloß Guse waren.</p>
            </div>

            <div type="chapter">
               <head>Drittes Kapitel</head>
               <head>Allerlei Freunde</head>
               <p>Die »allerlei Freunde« bildeten einen weiteren und einen engeren Kreis. Der engere
                  Kreis war eine Siebenzahl und bestand aus folgenden Personen: Graf Drosselstein
                  auf Hohen-Ziesar, <pb/> Präsident von Krach auf Bingenwalde, Generalmajor von
                  Bamme auf Quirlsdorf, Baron von Pehlemann auf Wuschewier, Domherr von Medewitz auf
                  Alt-Medewitz, Hauptmann von Rutze auf Protzhagen, Doktor Faulstich in
                  Kirch-Göritz.</p>
               <p>Es wird unsere nächste Aufgabe sein, der bloßen Vorstellung dieser Herren, die mit
                  Ausnahme Doktor Faulstichs alle das sechzigste Jahr erreicht oder überschritten
                  hatten, eine kurze Charakterisierung folgen zu lassen. Wenn dies ein Verstoß gegen
                  die Gesetze guter Erzählung ist, so möge der Leser Nachsicht üben, und um so mehr,
                  als der zu begehende Fehler vielleicht mehr scheinbar als wirklich ist. Denn mit
                  wie großem Recht auch die Vorführung abgeschlossener, ihr Tun und Denken
                  zettelartig am Mantel tragender Gestalten verworfen und statt dessen jene
                  Erzählungskunst gepriesen werden mag, die die Phantasie des Lesers in den Stand
                  setzt, das nur eben Angedeutete schöpferisch auszubilden und zu vollenden, so
                  mögen doch Ausnahmen überall da gestattet sein, wo, wie hier, das
                  Nebeneinanderstellen fertiger Figuren nicht viel mehr bedeuten will als eine
                  weniger um der Bildnisse selbst als um des Ortes willen, wo sie sich finden, dem
                  Leser vorgeführte Porträtgalerie.</p>
               <p>Die vornehmste Erscheinung in Schloß Guse, zugleich dem Zirkel am längsten
                  angehörig, war Graf Drosselstein. In Königsberg geboren, in dessen Nähe auch die
                  Familiengüter lagen, war er, trotzdem er die Provinz gewechselt hatte, ein
                  vollkommener Repräsentant des ostpreußischen Adels. Dieser Adel, dem Hofe und dem
                  »Dienste« ferner stehend, hatte freilich – wenigstens damals noch – darauf
                  verzichten müssen, seinen Namen gleich ruhmreich wie die märkisch-pommerschen
                  Familien in unsere bis dahin wenig mehr als eine Reihe von Schlachten darstellende
                  Geschichte einzutragen, aber was ihm dadurch an Volkstümlichkeit und historischem
                  Klang verlorengegangen war, war wieder aufgewogen worden durch das Bewußtsein
                  gewahrter Unabhängigkeit. Weniger ein- und untergeordnet in das Räderwerk des
                  militärisch-bureaukratischen Staates, hatte <pb/> sich ganz Ostpreußen und
                  besonders sein Adel – im einzelnen zu seinem Nachteil, im ganzen zu seinem Vorzug
                  – eine ausgesprochene provinzielle Eigentümlichkeit zu bewahren gewußt.</p>
               <p>In dieser provinziellen Eigentümlichkeit, die sich vielleicht am besten als ein
                  mitunter herber Ausdruck des Freiheitlichen bezeichnen läßt, stand auch Graf
                  Drosselstein, und wenn er an der Tafel seiner Freundin, der Guser Gräfin, dem
                  säbelbeinigen Generalmajor von Bamme gegenübersaß, der zweideutige Anekdoten
                  erzählte und von Pferden, Prinzen und Tänzerinnen, weniger aus Renommisterei als
                  aus Übermut und schlechter Erziehung, in krähstimmigem Jargon perorierte, so
                  mochte er sich, nicht ohne Anwandlung ostpreußischen Stolzes, des Unterschiedes
                  zwischen seiner heimatlichen Provinz und dem märkischen Stammlande bewußt werden.
                  Aber solche Anwandlungen schwanden so rasch, wie sie kamen. Von seltener
                  Unparteilichkeit, allem Engen und Selbstischen fern, in welcher Form es auch
                  auftreten mochte, stand es für seine Erkenntnis längst fest, daß die Mark, trotz
                  aller ihrer Unleidlichkeiten, als das Kern- und Herzstück der Monarchie anzusehen
                  sei, mit oder ohne Bammes, ja zum Teil wegen derselben.</p>
               <p>Der Graf hatte nur kurze Zeit dem Staate gedient. Mit zwanzig Jahren in das erste
                  Bataillon Garde tretend, aber schon nach Ablauf eines Jahres gesundheitshalber den
                  Abschied nehmend, war er froh gewesen, den Anblick des Potsdamer Exerzierplatzes
                  mit dem der Marine von Nizza vertauschen zu können. Wiederhergestellt, durchzog er
                  Italien, lebte, ganz dem Studium der Kunst hingegeben, erst in Rom, dann in Paris
                  und beschloß seine »große Tour« durch einen Ausflug nach Holland und England.</p>
               <p>Er war ausgangs der Dreißig, als ihn um 1788 Familienangelegenheiten an den
                  Petersburger Hof führten. Hier machte er die Bekanntschaft einer Komtesse Lieven,
                  die ihn durch ihre durchsichtige Alabasterschönheit in demselben Augenblicke
                  gefangennahm, in dem er sie sah. Seine Werbung wurde nicht zurückgewiesen; die
                  Kaiserin selbst beglückwünschte das<pb/> schöne Paar, das sich, unmittelbar nach
                  der mit großer Pracht und unter Teilnahme des Petersburger Hofadels gefeierten
                  Vermählung, auf die ostpreußischen Güter des Grafen zurückzog.</p>
               <p>Aber das stille Glück der Flitterwochen erschien der jungen Gräfin bald zu still.
                  Sie sehnte sich nach dem zerstreuenden Leben der »Gesellschaft«, und da weder die
                  politischen Verhältnisse noch die Gesinnungen des Grafen ein erneutes Auftreten am
                  russischen Hofe – das die junge Gräfin allerdings am liebsten gesehen haben würde
                  – ausführbar erscheinen ließen, so wurde die Übersiedelung nach Hohen-Ziesar,
                  einem ursprünglich den märkischen Drosselsteins zugehörigen Gute, das erst vor
                  zwei oder drei Jahren an die ostpreußische Linie gekommen war, beschlossen.</p>
               <p>Von Hohen-Ziesar aus ermöglichte sich ein verhältnismäßig leichter Verkehr mit der
                  Hauptstadt, wo das Hofleben, das während der Friderizianischen Zeit beinahe völlig
                  geruht hatte, eben damals einen neuen Aufschwung zu nehmen begann. Es war nicht
                  Petersburg, aber es war doch Berlin. Die junge Gräfin, wiewohl zeitweise von einem
                  halb ermüdeten, halb zerstreuten Ausdruck, als ob ihre Seele nach etwas Fernem und
                  Verlorenem suche, gab sich nichtsdestoweniger den Zerstreuungen ohne Rückhalt hin.
                  Sie galt für glücklich; sie schien es auch. Aber der durchsichtige Alabasterteint
                  hatte nichts Gutes bedeutet; ein Blutsturz überraschte sie kurz vor einer
                  Opernhausvorstellung; eine Abzehrung folgte, sie starb vor Ausgang des
                  Winters.</p>
               <p>Der Graf war wie niedergeworfen. Er mied auf lange Zeit hin jeden Umgang; selbst
                  in Schloß Guse, wo er damals schon verkehrte, blieb er aus. Als er wieder in der
                  Gesellschaft erschien, war seine Selbstbeherrschung vollkommen; aber er hatte
                  jenen lebemännischen Frohsinn und die gesprächige Heiterkeit eingebüßt, die ihn
                  früher ausgezeichnet hatten. Er lachte nicht mehr. Er hatte nur noch das Lächeln
                  derer, die mit dem Leben abgeschlossen haben. Hier und dort hieß es, daß es nicht
                  der Tod der jungen Gräfin allein sei, der diesen Wandel in seinem Wesen geschaffen
                  habe. Er wandte sich großen Bauten zu; besonders <pb/> waren es Parkanlagen, die
                  ihn zu zerstreuen begannen. Hohen-Ziesar bot ein gutes Material, und so entstand
                  im Geschmack jener Zeit eine kostspielige Schöpfung, die sich, vom Flachdach des
                  Schlosses oder noch besser vom Kirchturm aus angesehen, als eine große in Stein
                  und Erde ausgeführte Alpenreliefkarte darstellte. Granitblöcke wurden zu
                  irgendeinem Rigi aufgetürmt, über den Grat des Gebirges liefen zwei Pässe, die
                  nach Altdorf oder Küßnacht führten, während ein aus unsichtbaren Quellen
                  gespeister See einen kataraktreichen Bergstrom in die Tiefe schickte. Sennhütten
                  und Matten lösten sich untereinander ab; zu Füßen dieser Künsteleien aber, in das
                  wirkliche Oderbruch übergehend, dehnte sich eine reizende Flachlandszenerie mit
                  Feld und Wiesen, mit Fluß, Bach und Brücken und einem stillen, weidenumstandenen
                  Teich, dessen japanisches Inselhäuschen die Schwäne umzogen.</p>
               <p>An der Herstellung dieses Parkes nahm unsere Guser Gräfin, die sich zu allem
                  Rokokohaften hingezogen fühlte, den regsten Anteil, der Verkehr wuchs, Briefe
                  wurden gewechselt, Konferenzen abgehalten, deren endliches Resultat nicht nur der
                  Aufbau der Hohen-Ziesarschen »Schweiz«, sondern auch die Etablierung einer
                  Freundschaft war, die sich seitdem, namentlich von seiten der Gräfin, zu einer
                  wirklichen, über Laune und Zerstreuungsbedürfnis weit hinausgehenden Intimität
                  gesteigert hatte.</p>
               <p>Dies konnte kaum ausbleiben. Denn so gewiß die Gräfin am Aparten hing, sowenig sie
                  der Originalfiguren ihres Zirkels entraten mochte, sosehr empfand sie doch auch,
                  was der Mehrzahl derselben fehlte: Schliff, Bildung, Ton, vor allem jegliches
                  Verständnis für Kunst und Schönheit. All dies besaß der Graf. Er hatte nicht nur
                  die Höhe der Rheinsberger Gesellschaft, er übertraf dieselbe sogar durch jenes
                  nachhaltig wirkende Ansehen, das allein aus Selbstsuchtlosigkeit und reinem Wandel
                  sprießt.</p>
               <p>Ein bestimmtes Ereignis gab der schon gefestigten Freundschaft ein neues Band. Der
                  Graf nahm Veranlassung, die Gräfin ins Geheimnis zu ziehen; er erzählte ihr die
                  Geschichte vom <pb/> Hinscheiden seiner Frau, auch von dem, was diesem Hinscheiden
                  unmittelbar vorausgegangen war. Es war das Folgende.</p>
               <p>Die junge Gräfin, nach einem heftigen Hustenanfall, schien in einen Zustand tiefen
                  Schlummers zu verfallen, auch der Graf, ermüdet von tagelangem Wachen, schlief in
                  seinem Lehnstuhl ein. Es war spät, nur eine Schirmlampe brannte. Als er erwachte,
                  bemerkte er, daß die Kranke aufgestanden war und sich der Tapetentür eines
                  Wandschrankes näherte. Eine lethargische Schwere, zugleich ein dunkeles Gefühl,
                  daß er die Kranke in ihrem Tun nicht stören dürfe, hielten ihn in seinem Lehnstuhl
                  fest. Er sah nun, daß sie zunächst ein Kästchen aus dem Schranke, dann aus einem
                  verborgenen Fach des Kästchens eine Anzahl Briefe nahm, die mit einer roten Schnur
                  zusammengebunden waren. Sie schritt wieder zurück, an ihm vorbei, glaubte sich zu
                  überzeugen, daß er schlafe, und trat dann an den Kamin. Sie berührte die Briefe
                  mit den Lippen, löste die Schnur und warf dann jeden einzelnen Brief vorsichtig,
                  damit die Flamme nicht zu hell aufschlüge, in das halberloschene Feuer. Als alles
                  verglimmt war, kehrte sie an ihr Lager zurück, hüllte sich in die Decken und
                  atmete hoch auf, wie befreit von einer bangen Last. Es war ihr letztes Tun. Ehe
                  der Morgen kam, war sie nicht mehr. Welch ein Tag für den Überlebenden! Er hatte
                  sich geliebt geglaubt; nun war alles Wahn und Traum. Wessen Hand hatte die Briefe
                  geschrieben, die die Empfängerin bis zuletzt wie ein Allerteuerstes gehegt hatte?
                  Er frug es immer wieder; aber keine Antwort. Das Geheimnis war bei der Toten und
                  der Asche im Kamin.</p>
               <p>So hatte der Graf erzählt. Die Erzählung selbst aber, wie schon angedeutet,
                  besiegelte die Freundschaft, die von jenem Tage an unauflöslich zwischen dem
                  Witwergrafen und Hohen-Ziesar und der Gräfinwitwe auf Schloß Guse bestand.</p>
               <p>Schloß Guse hatte jedoch nur einen Drosselstein; alles andere, was sich von
                  »allerlei Freunden« daselbst versammelte, konnte so ziemlich als Revers des Grafen
                  gelten.</p>
               <pb/>
               <p>Ihm im Range am nächsten stand Präsident von Krach, ein Mann von Gaben und
                  Charakter. Er galt als ein bedeutender Jurist, hatte durch hartnäckige Opposition
                  den Zorn des großen Königs herausgefordert und seinerseits, in tiefer Verstimmung
                  über die bei dieser Gelegenheit erfahrene Unbill, sich nach Bingenwalde
                  zurückgezogen. Er war hager, groß, scharf, wenig leidlich. Sein hervorstechender
                  Zug war der Geiz. Er beanstandete jede Rechnung und bezahlte sie, nach dem
                  Grundsatze: »Zeit gewonnen, Zins gewonnen«, immer erst nach eingeleitetem
                  prozessualischen Verfahren. Die Betroffenen spotteten, daß es aus alter
                  Anhänglichkeit an die Gerichte geschähe, zu denen sich sein juristisches
                  Paragraphenherz doch immer wieder hingezogen fühle. Eines besonderen Rufes
                  genossen auch seine Diners, die, wiewohl alljährlich nur einmal wiederkehrend, ein
                  wahres Schrecknis der gesamten Oderbruch-Aristokratie bildeten. Einzig und allein
                  der alte Bamme – den seine Trinkgelder und Kordialequivoken zum Liebling aller als
                  Livreediener eingekleideten Kutscher und Gärtner machten – hatte sich bisher unter
                  Anwendung von Flascheneskamotage diesem Schrecknis zu entziehen gewußt, so daß
                  beispielsweise Baron Pehlemann auf das ernsthafteste versicherte: »Nie, während
                  sämtlicher Krachschen Diners, sei seitens des ›Generals‹ ein Tropfen anderen
                  Weines als aus seinem eignen, Bammeschen, Keller getrunken worden.« Bamme selbst,
                  ohnehin von einer beinahe krankhaften Neigung erfüllt, sein Husarentum coûte que
                  coûte zur Geltung zu bringen, ließ sich solche Huldigungen gern gefallen,
                  ermangelte aber andererseits nie, natürlich nur zugunsten neuer Malicen gegen
                  Krach, seinen Schlauheitstriumph über diesen entschieden in Abrede zu stellen.
                  Krach, so schwur er, sei viel zu scharf, um getäuscht werden zu können; er habe
                  den Kriminal- und Inquisitorialblick einer dreißigjährigen Praxis, er sehe alles,
                  er wisse alles; aber freilich, er schweige auch, weil er bei kleinem Ärger die
                  großen Vorteile der Situation sofort überblicke und in Wahrheit nur von einer
                  Frage bestürmt werde: »Warum sind sie nicht alle Bammes?«</p>
               <p>Die Gräfin, persönlich von großer Freigibigkeit, nahm wenig <pb/> Anstoß an diesem
                  Geiz. Sie hatte lange genug gelebt, um zu wissen, daß das gegen sich selbst und
                  andere gleich erbarmungslose Sparen den Körper fest und zäh, den Geist scharf und
                  schneidig mache, vor allem auch der Ausbildung von Originalen günstig sei,
                  freilich keiner angenehmen. Aber darauf kam es ihr nicht an. Was schließlich den
                  Ausschlag zugunsten Krachs gab, war, daß auch der Prinz einen starken Hang zum
                  Ökonomisieren gehabt hatte.</p>
               <p>Die dritte Figur des Kreises war der schon mehrgenannte Generalmajor von Bamme
                  oder der »General«, wie er kurzweg in Schloß Guse genannt wurde, ein kleiner, sehr
                  häßlicher Mann mit vorstehenden Backenknochen und Beinen wie ein Rokokotisch; die
                  ganze Erscheinung husarenhaft, aber doch noch mehr Kalmück als Husar.</p>
               <p>Er gehörte einem alten havelländischen Geschlechte an, Haus Bamme bei Rathenow,
                  das mit ihm erlosch. Die Wahrheit zu gestehen, erlosch nicht viel damit. Seine
                  eigene Jugend war hingewüstet worden; wunderbare Geschichten gingen davon um. Ein
                  adliges Fräulein, das sich von ihm geliebt glaubte, Tochter eines Nachbars, hatte
                  er in Unehre gebracht; den Bruder, der auf Eheschließung drang, jagte er vom Hofe.
                  Das Mädchen selbst, übrigens im Hause der Eltern bleibend, wurde irrsinnig.</p>
               <p>Ein Jahr später starb der alte Bamme; Vater und Sohn waren einander wert gewesen.
                  Sie setzten des Alten Sarg auf eine Gruftversenkung, und neben den Sarg, eine
                  Fackel in der Hand, stellte sich der Sohn. Er trug die rote Uniform des
                  Husarenregiments Zieten; die kleine Kirche war schwarz ausgeschlagen. In dem
                  Augenblicke, in dem der Sarg niederstieg, rief die Irrsinnige, die sich auf dem
                  Orgelchor versteckt hatte: »Seht, nun fährt er in die Hölle.« Alles entsetzte
                  sich; nur der, an den sie die Worte gerichtet hatte, lächelte. Er war übrigens ein
                  ausgezeichneter Soldat, das hielt ihn.</p>
               <p>Als er nach dem Basler Frieden, der ihn wurmte, seinen Abschied nahm, zog er aus
                  dem Havellande ins Oderbruch und kaufte sich in der Nähe von Schloß Guse an. Die
                  Groß-Quirlsdorfer hatten sich wenig über ihn zu beklagen. Er setzte <pb/> zwar das
                  alte Leben fort; aber die Oderbrücher, selber nicht diffizil, legten ihm durch
                  Mißbilligung keinen Zwang auf. Sein Geschmack wurde immer wunderlicher. Starb wer
                  Junges im Dorf, Bursch oder Mädchen, so ließ er ein großes Begräbnis anrichten,
                  vorausgesetzt, daß die Leidtragenden ihre Zustimmung gaben, die Leiche zu
                  schminken und in einem mit vielen Lichtern geschmückten Flur aufzubahren. Dann
                  stellte er sich zu Füßen, rauchte aus einem Meerschaumkopf und sah, halb
                  zugekniffenen Auges, die Leiche eine halbe Stunde lang an. Was dabei durch seine
                  Seele ging, wußte niemand. Er galt für einen Tückebold, auch noch für Schlimmeres;
                  indessen er war General, märkisch und soldatisch vom Wirbel bis zur Zeh und von
                  einem humoristisch verwegenen Mut. Erst vor drei Jahren hatte sein letztes
                  Rencontre stattgefunden. Die Veranlassung war ganz in seiner Art. Eine Scheune auf
                  einem Nachbargute brannte nieder; Bamme, der den Besitzer nicht leiden konnte,
                  sagte bei offener Tafel: »Hochversicherte Scheunen brennen immer ab.« Er sollte
                  zurücknehmen. Statt dessen maß er seinen Gegner und krähte nur: »Jede
                  Feuer-Assekuranz sagt dasselbe.«</p>
               <p>Nun kam es zum Duell; Hauptmann von Rutze sekundierte. Der Beleidigte schoß Bammen
                  den rechten Ohrzipfel samt dem kleinen goldenen Ohrring weg, den er »Rheumatismus
                  halber« trug. Er ließ sich nun einen neuen Ring durch die stehengebliebene
                  Ohrhälfte ziehen und sah seitdem skurriler aus denn je.</p>
               <p>Eine gewisse Schelmerei, wie zugestanden werden muß, söhnte manchen seiner Gegner
                  mit ihm aus; dazu kam, daß er sich gab, wie er war, und sein eigenes Leben
                  rückhaltlos in den pikantesten Anekdoten aufdeckte. Seine geistigen Bedürfnisse
                  bestanden in Necken, Spotten und Mystifizieren, weshalb er, wie kein zweiter, von
                  allen Sammlern und Altertumsforschern in Barnim und Lebus gefürchtet war. Um seine
                  Tücke besser üben zu können, war er Mitglied der Gesellschaft für Altertumskunde
                  geworden. Feuersteinwaffen, bronzene Götzenbilder und verräucherte Topfscherben
                  ließ er aussetzen und verstecken, wie man Ostereier versteckt, und war über die
                  Maßen froh, wenn nun die »großen Kinder« zu suchen und die <pb/> Perioden zu
                  bestimmen anfingen. Turgany, wie sich denken läßt, zog den möglichsten Nutzen aus
                  diesen Mystifikationen, und jedesmal, wenn Seidentopf etwas Urgermanisches
                  aufgefunden haben und zum letzten Streiche gegen den zurückgedrängten Justizrat
                  ausholen wollte, pflegte dieser wie von ungefähr hinzuwerfen: »Wenn nur nicht etwa
                  Bamme...«, ein Satz, der nie beendet wurde, weil schon die Einleitung desselben
                  zur vollständigen Verwirrung des Gegners ausreichte.</p>
               <p>Alles in allem war der »General« eine Lieblingsfigur auf Schloß Guse, auch der
                  Hecht im Karpfenteich. Die Gefahren und Unbequemlichkeiten, die sich daraus
                  ergaben, wurden durch das frische Leben, das er brachte, wieder aufgewogen. Es kam
                  nicht in Betracht, daß er über Sittlichkeit seine eigenen Ansichten hatte. Man
                  ließ dies gehen. Die Gräfin schlug jede Kritik darüber mit der Bemerkung nieder:
                  »L'immoralité ouverte, c'est la seule garantie contre l'hypocrisie.«</p>
               <p>Nur den Vitzewitzes, alt und jung, war mit solcher Bemerkung nicht beizukommen;
                  sie verharrten, bei äußerlich leidlicher Stellung zu dem alten Schabernack, in
                  ihrer Abneigung gegen ihn, und Berndt pflegte zu sagen: »Bamme und Hoppenmarieken,
                  das hätt ein Paar gegeben!«</p>
               <p>Neben Bamme, zugleich als sein natürlicher Gegensatz, stand Baron Pehlemann, die
                  vierte Figur des Guser Kreises. Was Bamme an Mut zuviel hatte, hatte Pehlemann
                  zuwenig. Daß er der Gräfin dadurch ein kaum geringeres Interesse einflößte als
                  sein encouragiertes Widerspiel, braucht nicht erst versichert zu werden, aber auch
                  der Kreis selbst war weit entfernt davon, dies Manko an Herzhaftigkeit ernstlich
                  zu beanstanden. Am wenigsten die Militärs. Es läßt sich Ähnliches auch heute noch
                  beobachten. Alle Stubenhocker dringen beständig auf »Opfertod«; alte geschulte
                  Soldaten aber, die aus fünfzig Schlachten her wissen, einerseits, welch ein eigen
                  und unsicher Ding der Mut ist, andererseits, welche niedrige Organisation, welch
                  bloßer, wer weiß woher genommener Taumelzustand ausreicht, um ein Heldenstück
                  gewöhnlichen Schlages zu verrichten, alle diese denken sehr ruhig über
                  Bravourangelegenheiten und haben in <pb/> der Regel längst aufgehört, alles, was
                  dahin gehört, in einem besonderen Glorienschein zu sehen. So kam es, daß Bamme und
                  Pehlemann die besten Freunde waren. Natürlich fehlte es nicht an Hänseleien. Erst
                  einige Wochen vor Beginn unserer Erzählung hatte Pehlemann, der mitunter ein ihn
                  plötzlich überkommendes Zutrauen zu sich selbst faßte, die Versicherung abgegeben:
                  »seine Abneigung gegen Schußwaffen beruhe lediglich auf einer allzu feinen
                  Organisation seines Ohres«, worauf von seiten Bammes mit soviel Ernst wie möglich
                  erwidert worden war: »Gewiß, dergleichen kommt vor; so lassen Sie uns, wie alte
                  Corpsburschen, einen Gang auf krumme Säbel machen; das ist ein stilles Geschäft;
                  Ihr Ohr bleibt unbelästigt. Höchstens hau ich es Ihnen ab.« Solches Schrauben und
                  Aufziehen war an der Tagesordnung, störte aber keinen Augenblick das gute
                  Einvernehmen, da der »Wuschewierer Baron«, wie er in der ganzen Umgegend hieß, bei
                  aller sonstigen Grundverschiedenheit von Bamme, wenigstens eine gute Seite mit ihm
                  gemein hatte: er war nicht empfindlich. Auch nicht als Dichter, wozu ihn, seinem
                  eigenen Geständnisse nach, das Podagra gemacht hatte. Er wollte nämlich beobachtet
                  haben, daß das Podagra seine Muse jedesmal weiche, eine vetrauliche Mitteilung,
                  die seitens des Guser Kreises zu folgendem Verse benutzt worden war:</p>


               <p>Cedo majori</p>
               <l>Als des Barones Podagra</l>
               <l>Nun seine Muse kommen sah,</l>
               <l>Erschrak es sehr und sagte: »Ach,</l>
               <l>Daneben bin ich doch zu schwach«,</l>
               <l>Und packte schnell das Zwickzeug ein</l>
               <l>Und ließ die beiden ganz allein.</l>


               <p>Es hieß angeblich, Bamme habe diesen Vers gemacht; in Wahrheit wußte jeder, daß er
                  von Doktor Faulstich herrühre, der immer bereit war, seine kleinen Piratenboote
                  unter fremder Flagge segeln zu lassen.</p>
               <p>Der fünfte des Kreises war der Kammerherr von Medewitz auf Alt-Medewitz, ein
                  langweiliger, pedantischer Herr, sehr <pb/> durchdrungen von der Bedeutung der
                  Medewitze, trotzdem die Blätter der vaterländischen Geschichte den Namen derselben
                  nirgends aufzeichneten. Seine Spezialität waren Erfindungen, in betreff deren er,
                  nach Art der Philosophen, nichts Großes und Kleines kannte. Er hatte für alles die
                  gleiche Liebe. Sparheizung, luftdichter Fensterverschluß, Zerstörung des
                  Mauersalpeters in Schaf- und Pferdestählen, künstliche Morchelzucht, das waren
                  einige der Fragen, die seinen beständig auf Lösungen und Verbesserungen
                  gerichteten Geist beschäftigten. Den Militärbehörden war er wohlbekannt durch
                  seine mehrfach eingereichten Abhandlungen über erleichtertes Gepäcktragen und
                  praktische Mantelrollung. Immer mit beigefügter Zeichnung. Sein eigentliches
                  Steckenpferd aber waren die Dosen. Er war ein Sammler, und man durfte füglich
                  sagen, was Seidentopf für die Urnen war, das war von Medewitz für die Tabatieren
                  und alles ihnen Anverwandte. In bezug auf die Friderizianische Zeit war seine
                  Sammlung so gut wie komplett. Von der Mollwitzdose an, auf der der junge König am
                  Gattertor von Ohlau mit Flintenschüssen empfangen wurde, bis zur Hubertsburgdose,
                  auf der ein Kurier, mit einem wehenden Tuche und dem Worte »Friede« darauf, durch
                  die Welt flog, hatte er sie alle, einzelne sogar doppelt.</p>
               <p>Soweit war alles gut. Er begnügte sich aber nicht mit der »stillen Dose«, er war
                  vor allem auch ein leidenschaftlicher Verehrer jener damals auf der Höhe ihres
                  Ruhmes stehenden, in Gold und Schildpatt ausgeführten Miniaturleierkästen, die
                  unter dem Namen der Spieldosen ihre Reise um die Welt gemacht haben. Solche mit
                  Musik geladene Überfallwerkzeuge führte von Medewitz beständig bei sich, und mit
                  ihnen war es, daß er seine gesellschaftlichen Attentate verübte. Wie es Menschen
                  gibt, vor deren Anekdoten man, und wenn man in einer Begräbniskutsche mit ihnen
                  säße, nie ganz sicher ist, so war man nie sicher vor einer Medewitzschen
                  Spieldose. Er war sich dieser Macht bewußt und übte sie, mitunter glücklich und
                  taktvoll, durch Ausfüllung ängstlicher Pausen; aber viel häufiger noch folgte er
                  den Eingebungen bloßer Laune oder verletzter <pb/> Eitelkeit. Unfähig, aus eigenen
                  Mitteln zur Gesellschaft beizusteuern, wachte er eifersüchtig über allem, was
                  durch Wissen oder Darstellungsgabe sich auszeichnete, und wenn vielleicht der
                  glänzend aufgebaute Satz eines guten Sprechers eben seinen Abschluß erhalten
                  sollte, durfte man sicher sein, aus bloßer Neidteufelei eine Papageno-Arie oder
                  die »Schlacht bei Marengo« dazwischentreten zu sehen. Was das Niederdrückendste
                  war, war, daß das Mittel, wenn nur ein einziger Fremde bei Tische saß, trotz
                  seiner Verbrauchtheit immer wieder wirkte. Der Gräfin wäre es ein leichtes
                  gewesen, dieser Mißgunstsmusik ein Ende zu machen; aber so abgeschmackt sie das
                  Gebaren fand, so freute sie sich doch jedesmal, den verlegenen Ärger der um ihren
                  Redetriumph Betrogenen beobachten zu können.</p>
               <p>Der Unbedeutendste des Guser Zirkels war von Rutze, leidenschaftlicher Jäger, ein
                  langer, sehniger, ziemlich schweigsamer Mann, ehemals Hauptmann im pommerschen
                  Regiment von Pirch. Er hatte Protzhagen, das übrigens uralter Rutzescher Besitz
                  war, erst vor etwa zwanzig Jahren gekauft. Die Veranlassung dazu wurde wie folgt
                  erzählt:</p>
               <p>Nach Stargard hin, wo das Regiment von Pirch in Garnison lag, verirrte sich eine
                  Topographie des Oderbruchs. In dem Kapitel »Buckow und seine Umgebung« hieß es auf
                  Seite 114: »Bei Protzhagen, einem Gute, das drei Jahrhunderte lang den Rutzes
                  angehörte, zieht sich eine tiefe Schlucht, die ›Junker Hansens Schlucht‹. Sie
                  führt diesen Namen, weil Junker Hans von Rutze hier stürzte und verunglückte; dies
                  war 1693. Es war der letzte Rutze.« Kaum war von einem der Kameraden diese Notiz
                  entdeckt worden, so hieß es in nicht endenden Scherzreden: »Rutze sei
                  untergeschoben; es gäbe keine Rutzes mehr: der letzte läge längst in der
                  Protzhagener Kirche begraben.« Unser Hauptmann, kein Meister im Repartie, wurde
                  mißmutig; er nahm den Abschied und kaufte Protzhagen, um nunmehr an Ort und Stelle
                  die Beweisführung anzutreten, daß es mit dem »letzten Rutze« noch gute Wege habe.
                  Aber er verbesserte sich dadurch nur wenig. Die Stargarder Neckereien waren
                  bekannt geworden und hatten nun auf Schloß Guse ihren <pb/> Fortgang. Bamme
                  verschwor sich hoch und teuer, daß es mit einem der beiden »letzten Rutzes«, dem
                  jetzigen oder dem früheren, notwendig eine sonderbare Bewandtnis haben müsse.
                  Entweder sei der selige Hans von Rutze nichts als eine gespenstische
                  Vorerscheinung, eine Spiegelung von etwas erst Kommendem gewesen, oder aber der
                  unter ihnen wandelnde Freund, ohnehin beinahe fleischlos, sei ein Revenant. Was
                  ihn (Bamme) persönlich angehe, so gäbe er der ersteren Annahme den Vorzug, weil
                  ihm darnach die Wirklichkeit der Dinge noch eine Hirschjagd, einen Schluchtensturz
                  und einen den Hals brechenden Rutze schuldig sei.</p>
               <p>Der alte Hauptmann folgte diesen Auseinandersetzungen jedesmal mit süßsaurem
                  Gesicht, hatte sich aber längst aller Proteste dagegen begeben. Dann und wann
                  schritt er seinerseits zum Angriff, ohne jedoch mit Hilfe dieses Kunstgriffs dem
                  gewandten Bamme beikommen zu können.</p>
               <p>Unter seinen sonstigen kleinen Schwächen war die bemerkenswerteste die, daß er
                  sich, in Anbetracht seines aus Schluchten und Abhängen bestehenden Protzhagener
                  Territoriums, für eine Art Gebirgsbewohner hielt. »Wir auf der Höhe« zählte zu
                  seinen Lieblingsredewendungen.</p>
               <p>Der Gräfin war er wert durch einen besonderen Respekt, den er ihr entgegenbrachte.
                  Denn wie sehr sie vorgeben mochte, über Huldigungen und Schmeicheleien hinweg zu
                  sein, so war sie schließlich doch nicht unempfindlich dagegen.</p>
               <p>Der siebente und letzte des »engeren Zirkels« war Doktor Faulstich Ein späteres
                  Kapitel wird von ihm ausführlicher erzählen.</p>
            </div>

            <div type="chapter">
               <head>Viertes Kapitel</head>
               <head>Vor Tisch</head>
               <p>Der ganze Freundeskreis, mit Ausnahme Doktor Faulstichs, welcher nach altem
                  Herkommen den dritten Feiertag in Ziebingen zuzubringen pflegte, war nach Schloß
                  Guse geladen. Auch Lewin und Renate, wie wir wissen.</p>
               <p>
                  <pb/> Diese waren die ersten, die eintrafen. Die Einladung hatte auf vier Uhr
                  gelautet, aber eine volle Stunde früher schon bog der Schlitten Lewins in eine der
                  großen Avenuen ein. Es war nicht mehr die Planschleife mit Strohbündeln und
                  Häckselsack, in der wir zuerst die Bekanntschaft unseres Helden machten; Tante
                  Amelie, für sich selbst gelegentlich salopp, hielt auf Eleganz der Erscheinung bei
                  anderen. Dem bequemten sich die Hohen-Vietzer nach Möglichkeit. Der
                  Schlittenstuhl, mit einem Bärenfell überdeckt, zeigte die bekannte Muschelform,
                  blaugesäumte Schneedecken blähten sich wie seitwärts gespannte Segel, und statt
                  des rostigen Schellengeläutes, das am Heiligabend unseren Lewin in Schlummer
                  geläutet hatte, stand heute ein Glockenspiel auf dem Rücken der Pferde, und zwei
                  kleine Haarbüsche wehten rot und weiß darüber hin. Die körnerpickenden Sperlinge
                  flogen zu Hunderten in der Dorfgasse auf; so ging es auf das Schloß zu. Jetzt war
                  auch die Sphinxenbrücke passiert, und der Schlitten hielt. Lewin, rasch die Decke
                  zurückschlagend, reichte Renaten die Hand, die nun mit der Raschheit der Jugend
                  aus dem Schlitten auf eine über den harten Schnee hin ausgebreitete Binsenmatte
                  sprang. So schritt sie dem Eingange zu. Sie erschien größer als sonst, vielleicht
                  infolge des langen Seidenmantels, grau mit roten Paspeln, aus dessen
                  aufgeschlagener Kapuze ihr klares Gesicht heute mit doppelter Frische
                  hervorleuchtete. Denn die Fahrt war lang, und es ging eine scharfe Luft.</p>
               <p>Der Flur umfing sie mit wohltuender Wärme; in dem altmodisch hohen Kamin, den die
                  beiden Derfflingerschen Dragoner flankierten, brannte seit Stunden schon ein gut
                  unterhaltenes Feuer.</p>
               <p>Ein Diener in Jägerlivree, der seinen Hirschfänger zu tragen wußte, nahm ihnen die
                  Mäntel ab und meldete, daß sich die Gräfin auf wenige Minuten entschuldigen lasse.
                  Dies war die regelmäßig wiederkehrende Form des Empfanges. Lewin und Renate sahen
                  verständnisvoll einander an und schritten durch das Billard- und Spiegelzimmer in
                  den »Salon«. Sich selbst überlassen, traten sie hier an das in einer breiten und
                  tiefen Nische <pb/> befindliche Eckfenster, dessen untere Hälfte aus einer
                  einzigen Scheibe bestand. Damals etwas Seltenes und sehr bewundert. Die Eisblumen
                  waren halb weggeschmolzen und gestatteten einen Blick ins Freie. Über das
                  Schwanenhäuschen hin, das nur noch mit seinem Spitzdach aus dem verschneiten
                  Schloßgraben emporragte, sahen sie gradaus in eine kahle Kirschallee hinein, die
                  sich bis an die Grenze des Parkes zog. An den vordersten Stämmen waren einige
                  Dohnensprengsel mit ihren roten Ebereschenbüschelchen sichtbar, während am
                  Ausgange der Allee der dunkele Carzower Kirchturm stand, dessen vergoldete Kugel
                  eben in der untergehenden Sonne leuchtete. Um die Geschwister her war alles still;
                  sie hörten nur, wie das mehr und mehr abtauende Eis in einzelnen Tropfen in die
                  Blechbehälter fiel.</p>
               <p>Dieser Platz am Fenster war anheimelnd genug; jeder andere Besucher aber würde es
                  doch vorgezogen haben, das letzte Tageslicht noch zu einem Umblick in dem »Salon«
                  selbst zu benutzen. Es war ein quadratischer Raum, der in seiner Einrichtung für
                  ebenso geschmackvoll wie wohnlich gelten konnte. Die den Fenstern
                  gegenübergelegene Seite wurde von einem halbkreisförmigen Diwan eingenommen, der,
                  in der Mitte geteilt, einen Durchgang zu den Flügeltüren des Eßsaales offen ließ.
                  In den ebenfalls freibleibenden Ecken standen Lorbeer und Oleanderbüsche, nach
                  links und rechts hin verteilt. Neben der Oleanderecke stieg eine Wendeltreppe auf,
                  das zierlich durchbrochene Geländer von Nußbaumholz. Ein dicker Teppich, in dem
                  das türkische Rot vorherrschte, deckte den Fußboden; sonst war alles blau: die
                  Wände, die Gardinen, die Möbelstoffe. Ringsumher, auf Säulen und Konsolen, erhoben
                  sich Büsten und Statuetten, deren leuchtendes Weiß beim Eintreten den ersten
                  Eindruck gab. Erst später traten auch die Bilder hervor, die, stark angedunkelt,
                  in kaum geringerer Zahl als jene Marmor- und Alabasterarbeiten das Zimmer
                  schmückten. Es waren sämtlich Erinnerungsstücke aus den Rheinsberger Tagen her. Da
                  war zunächst das Porträt des Prinzen selbst, etwas barock in Auffassung und
                  Behandlung, die Aufschläge <pb/> von Tigerfell, die Hand auf ein Felsstück und
                  einen Schlachtplan gestützt. Gegenüber Schloß Rheinsberg, seine Front im Wasser
                  spiegelnd, und über den See hin glitt ein Kahn, darin eine schöne Frau mit
                  aufgelöstem Haar, blond wie eine Nixe, am Steuer saß. Es hieß, es sei die Gräfin.
                  An den Fensterpfeilern, im Schatten und wenig bemerkbar, hingen die
                  Pastellporträts der prinzlichen Tafelrunde: Tauentzien, die Wreechs, Knyphausen,
                  Knesebeck; meistens Geschenke der Freunde selbst.</p>
               <p>Lewin und Renate sahen noch der untergehenden Sonne nach, als sie aus der Tiefe
                  des Zimmers her den Zuruf hörten: »Soyez les bienvenus«. Sie wandten sich und
                  sahen die Tante, die von der Wendeltreppe her auf sie zuschritt.</p>
               <p>Die Geschwister eilten ihr entgegen, ihr die Hand zu küssen.</p>
               <p>Die Gräfin trug sich schwarz, selbst die Stirnschnebbe fehlte nicht. Es war dies,
                  dem Beispiele regierender Häuser folgend, die Witwentracht, die sie seit dem
                  Hinscheiden des Grafen nicht wieder abgelegt hatte. Im übrigen hätten Haube und
                  Krause frischer sein können, ohne den Eindruck zu schädigen.</p>
               <p>In der Nähe des Eckfensters stand eine »Causeuse«, die denselben
                  Bleu-de-France-Überzug hatte wie alle übrigen Möbel. Eines war der Lieblingsplatz
                  der Gräfin; Renate schob ein hohes Kissen heran, während Lewin sich der Tante
                  gegenübersetzte. Das Gespräch war bald in vollem Gange, mit französischen Wörtern
                  und Wendungen reichlich untermischt, die wir in unserer Erzählung nur sparsam
                  wiedergeben. Die Tante schien gut gelaunt und tat Frage über Frage. Der
                  Hohen-Vietzer Weihnachtsmorgen, sogar der Wagen Odins mußten ausführlich
                  besprochen werden. Dies letztere war das überraschendste, denn in Sachen der
                  Altertümlerei blieb die Guser Gräfin wenig hinter Bamme zurück. Auch Maries wurde
                  gedacht, aber nur kurz, dann lenkte das Gespräch zu den Ladalinskis hinüber, an
                  die das Haus Vitzewitz durch eine Doppelheirat zu ketten der sehnlichste Wunsch
                  der Tante war. Ihr in diesem Wunsche nach Möglichkeit entgegenzukommen würde sich,
                  da sie die <pb/> Erbtante war, unter allen Umständen empfohlen haben; es traf sich
                  aber so glücklich, daß der Guser Familienplan und die Herzenswünsche der
                  Hohen-Vietzer Geschwister zusammenfielen.</p>
               <p>»Wie verließest du Tubal?« fragte die Tante.</p>
               <p>»In bestem Wohlsein«, erwiderte Lewin, »und ein Brief, der heute früh von ihm
                  eintraf, läßt mich annehmen, daß die Feiertage nichts verschlimmert haben.«</p>
               <p>»Was schreibt er?«</p>
               <p>»Ein langes und breites über literarische Freunde. Aber eine kurze Schilderung des
                  Christabends, und wie die Weihnachtslichter bei den Ladalinskis ziemlich trübe
                  brannten, schickt er voraus. Er sagt auch einiges über Kathinka. Darf ich es dir
                  mitteilen?«</p>
               <p>»Je vous en prie.«</p>
               <p>Lewin entfaltete den Brief. Es dunkelte schon im Zimmer. Er rückte deshalb näher
                  an das Fenster, dessen Scheiben in dem letzten Rot erglühten. Dann las er, über
                  die Eingangszeilen hinweggehend: »In einem Hause, in dem die Kinder fehlen, wird
                  das Christkind immer einen schweren Stand haben, so nicht etwa der Kindersinn den
                  Erwachsenen verblieben ist. Und Kathinka, die so vieles hat (vielleicht weil sie
                  so vieles hat), hat diesen Sinn nicht.«</p>
               <p>Lewin schwieg einen Augenblick, weil es ihm schien, daß die Tante sprechen wolle.
                  Dann sagte diese: »Es ist eine richtige Bemerkung, aber es überrascht mich, sie
                  von Tubal zu hören. Es ist, als ob Seidentopf spräche. Kathinka ist eine Polin, ça
                  dit tout, und gerade das macht sie mir wert. Kindersinn! Betise allemande. Wie mag
                  nur ein Ladalinski so tief ins Sentimentale geraten. C'est étonnant! Ich würde die
                  deutsche Mutter darin zu erkennen glauben, wenn nicht durch ein Spiel des Zufalls,
                  par un caprice du sort, in eben dieser Mutter mehr polnisch Blut lebendig gewesen
                  wäre als in einem halben Dutzend ›itzkis‹ oder ›inskis‹. Kindersinn! Dieu m'en
                  garde! Ich bitte euch, meine Teuren, verschließt euch der eitlen Vorstellung, als
                  ob diese deutschen Gefühlsspezialitäten <pb/> die unerläßlichen Requisiten in
                  Gottes ewiger Weltordnung wären.«</p>
               <p>Renate faßte sich zuerst und sagte: »Ich glaube, daß mir diese Vorstellung fremd
                  geblieben ist, aber schon die Bibel preist den Kindersinn als etwas
                  Köstliches.«</p>
               <p>Die Tante lächelte. Dann nahm sie, wie sie zu tun pflegte, die Hand der Nichte,
                  streichelte sie und sagte: »Du hast diesen Sinn, und Gott erhalte ihn dir. Aber
                  muß ich euch, die ihr mich kennt, noch erst Erklärungen geben? A quoi bon? Gewiß
                  ist es etwas Schönes um ein kindlich Herz, wie um alles, was den Vorzug des
                  Natürlichen und Reinen hat. Aber das stete Sprechen davon oder das Geltendmachen,
                  das immer nur da sich einfindet, wo der Schein an Stelle der Sache getreten ist,
                  das ist kleinbürgerlich deutsch, et voilà ce qui me fâche. Und das war es auch,
                  was den Prinzen verdroß. In seinem Unmut unterschied er dann nicht, ob er die
                  Frommen oder die Heuchler traf; sonst so vorsichtig, wog er nicht länger ab, und
                  auch ich, je n'aime pas à marchander les mots. Ihr müßt Abzüge machen, wo es not
                  tut. Inzwischen laß uns weiter hören, Lewin.«</p>
               <p>Lewin fuhr im Lesen fort: »Als die Türen eben geöffnet wurden, kam Graf Bninski.
                  Er hatte Aufmerksamkeiten für uns alle, zu weitgehende für mein Gefühl, aber
                  Kathinka schien es nicht zu empfinden.«</p>
               <p>»Aber Kathinka schien es nicht zu empfinden«, wiederholte die Gräfin, langsam den
                  Kopf schüttelnd. Dann fuhr sie fort: »Oh, cet air bourgeois, ne se perdra-t-il
                  jamais? Mit neuen Karten das alte Spiel. Je ne le comprends pas. Solange die Welt
                  steht, haben sich Jugend und Schönheit an Geschenken erfreut, an Pracht der
                  Blumen, am Glanz der Steine. Sie passen zusammen. Aber Tubal erschrickt davor und
                  wird nachdenklich, als ob er eine durch Broche und Nadel in ihrer Tugend bedrohte
                  Epiciertochter zu hüten hätte. Und das heißt Sitte! Sitte, Kindersinn, je les
                  respecte, mais j'en déteste la caricature. Und davon haben wir hierlandes ein
                  gerüttelt und geschüttelt Maß.«</p>
               <p>»Ich glaube«, nahm jetzt Lewin das Wort, »Tubal empfindet <pb/> wie du, wie wir
                  alle. Sein Bedenken, wenn ich ihn recht verstehe, wurde nicht der Gabe, sondern
                  des Gebers halber ausgesprochen. Graf Bninski nähert sich Kathinka, er bewirbt
                  sich um ihre Hand. Vielleicht, daß ich mich irre, aber ich glaube nicht.«</p>
               <p>Die Tante war sichtlich überrascht. Dann fragte sie hastig: »Und der Vater?«</p>
               <p>»Er steht dagegen, auch Tubal. Sie schätzen den Grafen persönlich, er ist reich
                  und angesehen. Aber du kennst die Gesinnungen beider Ladalinskis oder doch des
                  Vaters. Und Bninski ist Pole vom Wirbel bis zur Zeh.«</p>
               <p>»Und Kathinka selbst?«</p>
               <p>Es blieb bei dieser Frage, denn ehe Lewin antworten konnte, wurden im
                  Spiegelzimmer Stimmen laut, und dem zwei Doppelleuchter vorantragenden Jäger
                  paarweis folgend, traten jetzt Krach und Bamme, dann Medewitz und Rutze bei der
                  Gräfin ein.</p>
               <p>Nach kurzer Begrüßung wurde auf dem großen Sofa Platz genommen, und die Gräfin,
                  abwechselnd an den einen oder andern ihrer Gäste sich wendend, teilte denselben
                  mit, daß Baron Pehlemann wegen eines neuen heftigen Podagraanfalles abgeschrieben,
                  Drosselstein aber – durch Geschäfte zurückgehalten – erst für 4 1/2 Uhr sein
                  Erscheinen zugesagt habe. »Ich denke«, so schloß sie, »wir warten auf ihn. Der
                  ersten Viertelstunde, die das Recht jeden Gastes ist, legen wir die zweite zu.«
                  Alles verneigte sich, wenn auch unter geheimem Protest.</p>
               <p>Eine solche Wartehalbestunde pflegt der Unterhaltung nicht günstig zu sein. Die
                  Schweigsamen schweigen mehr denn je, aber auch die Beredten halten ängstlich
                  zurück, unlustig, ihre vielleicht nur noch des Abschlusses harrende glänzende
                  Anekdote durch die Meldung des eintretenden Dieners unterbrochen und zu ewiger
                  Pointelosigkeit verurteilt zu sehen. Bamme gehörte dieser letzteren Gruppe an,
                  bezwang sich aber und war der einzige, der den ersichtlichen Bemühungen der Gräfin
                  hilfreich entgegenkam. Freilich nur mit teilweisem Erfolg. Über eine sprungweise
                  Konversation kam man nicht hinaus, und die <pb/> Fragen drängten sich, ohne daß
                  eine rechte Antwort abgewartet wurde. Das Baron Pehlemannsche Podagra gab den
                  dankbarsten Stoff. »Warum mußte er beim letzten Dachsgraben wieder zugegen sein?
                  Ein Podagrist und zwei Stunden im Schnee! Warum riß er wieder den Rauenthaler an
                  sich? Aber das ist so Pehlemannsche Bravour: ein freudiger Opfertod auf dem Altar
                  der Gourmandise! Im übrigen, wo blieb ›Cedo majori‹? Warum hat er nicht seine Muse
                  zitiert?«</p>
               <p>»Er hat«, entgegnete die Gräfin und nahm aus einer vor ihr stehenden
                  Alabasterschale ein zierlich zusammengefaltetes Billet. Aber die beiden
                  Stutzuhren, auf deren gleichen Pendelgang Tante Amelie mit peinlicher
                  Gewissenhaftigkeit hielt, schlugen eben halb, die gewährte Frist war um, und die
                  Flügeltüren des hell erleuchteten Eßsaals öffneten sich pünktlich und lautlos nach
                  innen zu.</p>
               <p>Die Gräfin und Krach führten sich. In demselben Augenblick trat auch Drosselstein
                  ein. Mit der Linken hinübergrüßend, wie um anzudeuten, daß er die Tischprozession
                  nicht zu stören wünsche, bot er Renaten seinen Arm. Bamme und Lewin folgten, dann
                  Medewitz. Rutze machte den Schluß.</p>
               <p>Dieser, ein leidenschaftlicher Schnupfer, benutzte die Gelegenheit, um aus der
                  stehengebliebenen Tabatiere der Gräfin zu naschen. Nicht ungestraft. Ehe er noch
                  die Schwelle des Saales überschritten hatte, war schon das Gewitter herauf. Alles
                  lachte, und Bamme rief: »Ertappt!« Nur Krach bewahrte wie gewöhnlich seine
                  Haltung.</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Fünftes Kapitel</head>
               <head>Le diner</head>
               <p>In dem Speisesaale herrschte, trotz Kaminfeuers, die im Eßzimmer sich ziemende
                  niedrige Temperatur. An einem ovalen Tische war gedeckt. Die Gräfin saß, wie
                  herkömmlich, zwischen Krach und Drosselstein, ihr gegenüber Renate. Jäger und
                  galonierte Diener waren geschäftig; ein Kronleuchter brannte.</p>
               <p>
                  <pb/> Der Graf überblickte, während er das Serviettentuch einknotete, den Saal,
                  dessen architektonische Verhältnisse, durch einfache Ausschmückung unterstützt,
                  auch heute wieder den angenehmsten Eindruck auf ihn machten. Es waren vier
                  Stuckwände, gelblich getönt, von Goldleisten eingefaßt, am Plafond ein Deckenbild,
                  das »Gastmahl der Götter« darstellend, eine Kopie nach dem bekannten Fresko der
                  Farnesina. Krach und Rutze, wie sich klarmachend zum Gefecht, schoben die Gläser
                  hin und her, Drosselstein aber wandte sich jetzt der Gräfin zu, um, nach einigen
                  der Erbauerin des Saales und ihrem Geschmacke geltenden Verbindlichkeiten, nach
                  dem Grafen Narbonne, dem ersten Adjutanten des Kaisers, zu fragen, der, wie die
                  Zeitungen gemeldet, am Weihnachtsheiligabend auf seiner Rückkehr von Rußland beim
                  Könige gespeist habe.</p>
               <p>»Ich hörte davon«, erwiderte die Gräfin; »auch General Desaix war zugegen. Graf
                  Narbonne, oh je me le rapelle très bien. Er gehörte dem alten Hofe an, war ein
                  Liebling Marie Antoinettens und lancierte sich geschickt in das Empire hinüber,
                  Wissen Sie, was ihm das Herz des Kaisers eroberte?«</p>
               <p>Drosselstein verneinte.</p>
               <p>»Eine Sache der Etiquette. Also eine Bagatelle, ein Nichts, wie die Leute von
                  heute sagen würden. Aber die Parvenus sind auf keinem Gebiete so bereitwillig, zu
                  lernen und zu belohnen, als auf diesem. Ich habe die Anekdote aus Graf Haugwitz'
                  eigenem Munde. Es war unmittelbar nach der Kaiserkrönung, als Narbonne, damals
                  Oberst, dem Kaiser eine Depesche überbrachte. Er ließ sich auf ein Knie nieder und
                  präsentierte den Brief auf seinem Hute. ›Eh bien‹, rief der Kaiser, ›qu'est ce que
                  cela veut dire?‹ Der Oberst antwortete: ›Sire, c'est ainsi qu'on présentait les
                  dépêches à Louis XVI.‹ – ›Ah, c'est très bien‹, antwortete der Kaiser, und
                  Narbonne war als Günstling installiert. Übrigens sind auch die Desaix vom ancien
                  régime, alter Adel aus der Auvergne.«</p>
               <p>Rutze hatte gleich anfangs aufgehorcht, als General Desaix genannt worden war.
                  Jetzt, wo die Gräfin den Namen wiederholte, wandte er sich mit der bestimmten und
                  doch zugleich von <pb/> einer Unglücksahnung durchzitterten Bemerkung zu ihr
                  hinüber: »daß seines Wissens General Desaix im Kriege gegen die Österreicher
                  gefallen sei. Er entsinne sich eines Musikstückes: Die Schlacht bei Marengo, in
                  dem es am Schluß in einer Parenthese geheißen habe: ›Desaix fällt.‹«</p>
               <p>Selbst über Krachs unerschütterliches Antlitz flog ein Lächeln; Drosselstein
                  wollte aufklären, Bamme jedoch kam ihm zuvor und begann mit jener erkünstelten
                  Feierlichkeit, in der er Meister war: »Ja, Rutze, es ist eine tolle Welt. Da fällt
                  einer Anno 1800 bei Marengo in voller Junihitze, und am Heiligen Abend 1812 sitzt
                  er bei Seiner Majestät von Preußen zu Tisch. Es sind unglaubliche Kerls, diese
                  Franzosen. Nicht mal ihre Toten ist man los. Sie drängen sich in Diners ein; wer
                  weiß, was wir heute noch zu erwarten haben. Im übrigen wird es wohl ein älterer
                  oder jüngerer Bruder gewesen sein.«</p>
               <p>Der Protzhagener Hauptmann verfärbte sich und antwortete pikiert: er danke dem
                  General von Bamme für die schließliche Lösung des Rätsels, müsse sich aber die
                  Bemerkung erlauben, daß es hierzu keiner besonderen Husarenschlauheit bedurft
                  hätte. Aufschlüsse wie diese lägen auch noch innerhalb des Infanteriebereichs.</p>
               <p>Bamme lachte; jede Form der Entgegnung war ihm recht. Er nahm nichts übel und
                  befand sich in der glücklichen Lage, um eines Mutes willen, den niemand
                  bezweifelte, seine Pistolen nicht erst laden zu müssen.</p>
               <p>Der Zwischenfall währte nicht lange; die Gräfin beschwichtigte, und ein
                  vorzüglicher Chablis, der gereicht wurde, kam ihr zu Hilfe, während von Medewitz,
                  ohne Furcht, dem Streite dadurch neue Nahrung zu geben, die Namen Narbonne und
                  Desaix noch einmal in die Debatte zog. »Es sind doch Männer von Familie, der eine
                  wie der andere«, so hob er an, »aber mit wie sonderbaren Leuten hat Seine Majestät
                  vom ersten Tage seiner Regierung an zu Tische sitzen müssen! Mit einem war ich im
                  Weißen Saale selbst zusammen, mit dem Abbé Sieyès. Ich erschrak, als ich seinen
                  Namen hörte. 1793 sprach er einem Könige von Frankreich das Leben ab, und 1798 saß
                  er einem <pb/> Könige von Preußen als Ambassadeur gegenüber. Er trug eine
                  trikolore Schärpe; ich sah nur das Rot darin, und sooft er sagte: ›Votre Majesté‹,
                  war es mir immer, als hörte ich: ›La mort sans phrase‹.«</p>
               <p>»Ich habe ihn auch gesehen«, bemerkte Krach, mit Wichtigkeit an seinem Halstuch
                  zupfend. »Medewitz will ihn nicht gelten lassen, aber er war doch wenigstens ein
                  Abbé. Auch gehört etwas dazu, einem Könige von Frankreich das Leben abzusprechen.
                  Doch diese Marschälle! Gastwirts- und Böttchersöhne.«</p>
               <p>»Je nun«, fiel Drosselstein ein, »Böttchersöhne oder nicht, sie haben von halb
                  Europa so viele Reifen abgeschlagen, daß die Dauben nach rechts und links hin
                  auseinandergefallen sind. Ich liebe diese Marschälle nicht, an denen die
                  Korporalslitzen immer wieder zum Vorschein kommen, aber eines sind sie:
                  Soldaten.«</p>
               <p>»Das sind sie!« rief jetzt Bamme, sein Ragout en coquille schärfer in Angriff
                  nehmend, »und wer nur je einen Halbzug ins Feuer geführt hat, der hat Respekt vor
                  ihnen, Schelme und Beutelschneider, wie sie sind.«</p>
               <p>»Wie sie sind«, wiederholte der Domherr, eingedenk jener schweren Tage, in denen
                  er seine Dosensammlung nur mit Mühe vor den Händen Soults gerettet hatte.</p>
               <p>»Nur einem trag ich einen Groll im Herzen«, fuhr Bamme fort.</p>
               <p>»Davoust?« fragte Lewin.</p>
               <p>»Nein, Seiner neapolitanischen Majestät dem König Murat. Der will im großen und
                  kleinen etwas Besonderes sein, unter anderen auch ein gewaltiger Reitergeneral,
                  weil er das Mamelukengesindel in den Sand geritten hat. Aber ein Zietenscher hat
                  ihm einen Streich gespielt, noch dazu ein Invalide. Ich meine den alten Kastellan
                  Kettlitz in Charlottenburg.«</p>
               <p>Alles zeigte Neugier und drang in ihn, zu erzählen.</p>
               <p>Es hätte dessen nicht bedurft. »Die Geschichte ist seinerzeit wenig bekannt
                  geworden«, hob er an; »ich habe sie von Kettlitz selber. Am 14. Oktober hatten wir
                  die Affaire von Jena, <pb/> und zehn Tage später war die französische Avantgarde
                  in Berlin, Murat aber, damals noch Herzog von Berg, in Charlottenburg. Er hatte
                  sich in den Zimmern eingerichtet, die nach der Parkseite hin liegen, dieselben, in
                  denen Kaiser Alexander ein Jahr vorher gewohnt hatte. Der alte Kettlitz war außer
                  sich und machte sich einen Plan. Um fünf Uhr war Diner im großen Saale, und das
                  Bild König Friedrich Wilhelms I. sah ernst und unwirsch auf den neugebackenen
                  Herzog, der neben Berg auch die altpreußisch-cleveschen Lande regierte. Es waren
                  noch nicht viel französische Truppen in der Stadt. Da mit einem Male – die
                  Trüffelpastete war eben aufgetragen – beginnt ein Geschmetter, und zwanzig
                  Trompeten, mit Paukenschlag dazwischen, blasen den Hohenfriedberger Marsch. Ist es
                  unter den Fenstern? Sind preußische Schwadronen in den Schloßhof eingeritten?
                  Murat springt auf, um sich durch die Flucht zu retten. Aber keine Schwadronen sind
                  da; endlich schweigt der Lärm, und alles klärt sich auf. Im Nebenzimmer, ein
                  ganzes Trompetercorps in seinem Innern bergend, stand ein musikalischer Schrank,
                  an dessen verborgener Feder der alte Kettlitz gedrückt hatte. Ich würde mich
                  freuen, zur Vervollständigung seiner Sammlung diese Monstrespieluhr in die Hände
                  unseres von Medewitz auf Alt-Medewitz übergehen zu sehen, freilich unter der einen
                  Bedingung, in unserer Gegenwart nie die geheime Feder springen zu lassen. Ich
                  liebe Trompeten, aber nur im Feld und Sonnenschein.«</p>
               <p>Der Domherr, unfähig, auf die Neckereien Bammes einzugehen, begleitete sie nur mit
                  einem verlegenen Lächeln und fragte dann nach dem Schicksale des Kastellans.</p>
               <p>»Nun, der hätte kein Zietenscher sein müssen. Er log sich heraus, so gut er
                  konnte. Unter allen Umständen hatte er das Gaudium gehabt, den großen
                  Reiterführer, den Mamelukenvernichter, vor dem Hohenfriedberger Marsch auf der
                  Flucht zu sehen. Das war im Oktober 1806. Damals hatte es noch was auf sich mit
                  einem Marschall. Ich hoffe, sie sind seitdem billiger geworden. Aber billiger oder
                  nicht, an dem Tage, wo mir meine Quirlsdorfer den ersten Marschall tot oder
                  lebendig <pb/> einbringen, leg ich dem Pfarracker zehn Morgen zu, obschon ich
                  Seine Hochwürden nicht leiden kann.«</p>
               <p>»Aber Bamme, was haben Sie beständig mit Ihrem Geistlichen?« bemerkte Krach, der
                  mit seinem eigenen Prediger auf einem guten Fuße stand, seitdem ihm dieser einen
                  Streifen Gartenland ohne Entschädigung abgetreten hatte.</p>
               <p>»Er ist mir noch nicht gefällig gewesen«, antwortete Bamme scharf. »Diese
                  Päckchenträger sind maliziöse Kerle, und je glauer sie aussehen, desto mehr. Der
                  meinige ist ein Anspielungspastor.«</p>
               <p>»Das klingt, als ob Sie die Kirche besuchten, Bamme«, schaltete die Gräfin ein.
                  »Ich wette, Sie haben seit zehn Jahren keine Predigt gehört.«</p>
               <p>»Nein, gnädigste Gräfin. Aber ich habe ein Tendre für Begräbnisse. Jeder hat so
                  seine Andacht, ich habe die meinige; und es ärgert mich, durch allerhand plumpes
                  Zeug darin gestört zu werden. Mit dem Jüngling zu Nain oder dem bekannten
                  weiblichen Pendant desselben fängt er an, aber ehe fünf Minuten um sind, ist er
                  bei Babel, bei Sodom und ähnlichen schlecht renommierten Plätzen, starrt mich an,
                  läßt etwas Schwefel vom Himmel fallen und sagt dann mit erhobener Stimme: ›Selig
                  sind, die reines Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.‹ Und das alles an
                  meine Adresse. So hat er es fünf Jahre getrieben. Aber seit letzte Ostern habe ich
                  Ruhe.«</p>
               <p>»Nun?« fragte die Gräfin.</p>
               <p>»Wir hatten wieder ein Begräbnis, eine hübsche junge Dirne; es war also Jairi
                  Töchterlein an der Reihe. Aber ihre Herrschaft währte nicht lange; schon auf
                  halbem Wege war Pastor loci wieder bei Lot und seinen Töchtern und sah mich an,
                  als wäre ich mit in der Höhle gewesen. Ich dachte, nun muß Rat werden. Und so lud
                  ich ihn aufs Schloß, nicht zu einer Auseinandersetzung, sondern einfach zu Tisch.
                  Als wir bei der zweiten Flasche waren – trinken kann er –, sagte ich: ›Und nun,
                  Pastorchen, einen Toast von Herzen; stoßen wir an: Es lebe Lot! Ein guter Kerl.
                  Schade mit den beiden Töchtern. Und die Mutter kaum in Salz. Apropos, wie hieß
                  doch der Sohn der <pb/> ältesten Tochter?‹ Nun denken Sie sich meinen Triumph, er
                  wußt es nicht. Vielleicht war er bloß verwirrt. Ich aber, mich an seiner
                  Verlegenheit weidend, schrie ihm ins Ohr: ›Bamme.‹ Wir haben seitdem schon drei
                  Leichen gehabt, aber er verhält sich ruhig.«</p>
               <p>Lewin und Renate, die den Bammeschen Ton mehr von Hörensagen als aus eigener
                  Erfahrung kannten, wechselten Blicke miteinander; sie sollten indessen bald gewahr
                  werden, daß der Übermut des alten Husaren auch vor keckeren Sprüngen nicht
                  zurückschreckte.</p>
               <p>Die Gräfin wandte sich an den Domherrn, der, bis dahin wenig ins Gespräch gezogen,
                  eine leise Mißstimmung zu verraten schien, und erbat sich seinen Rat zugunsten
                  baulicher Veränderungen, die vorerst einen dem Einsturze nahen Derfflingerschen
                  Bankettsaal im gegenübergelegenen Flügel, dann aber ganz allgemein die Frage
                  »Kamin oder Ofen«, ein entschiedenes Lieblingsthema des Domherrn, betrafen. Er
                  hatte sogar darüber geschrieben. Medewitz war für Kamine, wobei er jedoch behufs
                  Herstellung eines verbesserten Luftzuges auf Wiedereinführung der mit Unrecht
                  verbannten portalartigen Flügeltüren dringen zu müssen glaubte. Er setzte nunmehr
                  weitschweifig auseinander, wie nach den Ergebnissen neuerer Forschung alles
                  Brennen auf einem starken Zustrom sauerstoffreicher Luft beruhe und wie Kamine
                  überall nur da gediehen, wo Türen und Fenster solchen Luftstrom gestatteten. Er
                  schloß dann mit folgendem zugespitzten Satz: »Das dichte Moosfenster ist der Tod,
                  aber die zugige alte Portaltür ist das Leben des Kamins.«</p>
               <p>Bamme, der, wie wir wissen, selber gern sprach und vor allem einen Haß gegen
                  wissenschaftliche Begründungen hatte, glaubte jetzt den Zeitpunkt gekommen, die
                  Unterhaltung wieder an sich reißen zu dürfen. »Gnädigste Gräfin«, hob er an,
                  »scheinen geneigt, auf die Herstellung solcher Portaltüren einzugehen. Darf ich
                  Sie warnen. Ich lege kein Gewicht darauf, daß die große, zweiflügelige Rundtür
                  doch eigentlich nichts anderes ist als das uralte, aus dem Wirtschaftshof in den
                  Salon <pb/> transponierte Scheunentor, aber worauf ich glaube hinweisen zu müssen,
                  das sind die sozialen, um nicht zu sagen, die sittlichen Gefahren, die von dieser
                  Türform mehr oder minder unzertrennlich sind. Im höchsten Grade solide von
                  Erscheinung, ehrbar, würdig und gesetzt, führen sie zu Konsequenzen, die das
                  gerade Gegenteil von dem allen bedeuten. Ich bitte, nach dem Vorgange des Domherrn
                  auch mir eine wissenschaftliche Auseinandersetzung gestatten zu wollen.«</p>
               <p>Da sich kein Widerspruch erhob, fuhr er fort: »Jedes Ding hat in einem bestimmten
                  Etwas die Wurzeln seiner Existenz. Bei dem Kamine, wie wir soeben vernommen haben,
                  ist es der Luftzug, bei der Klapptüre meines Erachtens der Bolzen. Nun müssen Sie
                  mir die Versicherung gestatten, daß der Bolzen ein höchst diffiziler Gegenstand
                  ist; ein Gegenstand, der seine besondere Abwartung fordert, eine Pflichttreue
                  ohnegleichen. Man könnte sagen: mit ihm steht und fällt die Klapptüre.«</p>
               <p>Er machte eine Pause. Medewitz schüttelte den Kopf.</p>
               <p>»Es ist, wie ich sage«, perorierte Bamme weiter. »Sie mögen schließen, riegeln,
                  klinken, soviel Sie wollen, Sie mögen sich noch so sehr in der Sicherheit wiegen,
                  ›alles fest‹, Sie werden diese Sicherheit als trügerisch erkennen, wenn die
                  einzigen wirklichen Garanten derselben, die großen Haltebolzen, unbeachtet
                  bleiben, wenn sträflicher Leichtsinn es versäumte, diese rettenden Anker zu guter
                  Stunde auszuwerfen. Und dieses Versäumnis ist die Regel. In neunundneunzig Fällen
                  von hundert hat der Diener, dessen Armlänge nicht ausreichte, darauf verzichtet,
                  den Oberbolzen in seine Öffnung zu schieben, und in neunzehn Fällen von zwanzig
                  ist er zu bequem gewesen, sich des Unterbolzens halber zu bücken. Er hat sich mit
                  dem leichteren begnügt, hat sich darauf beschränkt, den Schlüssel im Schloß zu
                  drehen, und so eine bloß scheinbare Sicherheit geschaffen, hinter der alle Mächte
                  des Verderbens lauern. Ich habe selbst dergleichen erlebt. Darf ich davon
                  erzählen?«</p>
               <p>Nicht ohne Zögern antwortete ihm ein zustimmendes Kopfnicken der Gräfin.</p>
               <p>
                  <pb/> Bamme wartete dieses Kopfnicken aber nicht ab und fuhr, immer lebhafter
                  werdend, fort: »Nun, die Leibkarabiniers zu Rathenow gaben uns einen Ball. Der
                  große Gasthaussaal lief durch die halbe Etage, sieben Fenster Front, an der
                  unteren Schmalseite aber befanden sich in Gestalt einer Portaltüre zwei jener
                  Scheuntorflügel, auf deren Wiedereinführung unser Domherr dringen zu müssen
                  glaubt. Ein Reisender, todmüde, fährt vor, und da alle Räume besetzt sind, ist er
                  schließlich froh, unmittelbar neben dem Saal ein Zimmer zu finden. Das Bett steht
                  an der Tür entlang. Schlaf! so seufzt er einmal über das andere, und so gering
                  seine Chancen sind, er will es wenigstens versuchen. Mitunter kommt der Gott, wenn
                  man ihn ruft. Nur nicht, wenn die Leibkarabiniers tanzen. Der Unglückliche
                  schüttelt endlich alle Müdigkeit von sich; Tanzmusik und rauschende Kleider
                  verwirren ihm die Sinne; die Neugier, die Wurzel alles Übels, kommt über ihn, und
                  siehe da, er richtet sich auf, um durch die nie fehlende Türritze hindurch ein
                  stiller Zeuge des Balles zu sein. Leichtsinnig Ahnungsloser! Hingegeben süßer
                  Betrachtung, dringt er kräftiger mit Stirn und Schultern vor; er sieht, er
                  lauscht; die Schelmereien kichernder Paare finden in ihm einen unbemerkten
                  Vertrauten, da, o Unheil, gebiert sich plötzlich jene Tücke, deren unter allen
                  Türen der Welt nur die große Portaltüre fähig ist, und langsam nachgebend, aber
                  mit einer Feierlichkeit, als handele es sich um den Einzug eines Triumphators,
                  öffnen sich jetzt die beiden großen Flügel nach rechts und links hin, und
                  huldigend liegt der Reisende zu unseren Füßen. Erlassen Sie mir die Einzelnheiten.
                  Ich werde den Aufschrei hören bis an den letzten meiner Tage. Und solche
                  Klapptüren, bloß um verbesserten Luftzuges willen, will unser Medewitz...«</p>
               <p>Er kam nicht weiter. Die Gräfin, persönlich nicht abgeneigt, den alten General auf
                  seinen gewagtesten Exkursionen zu begleiten, war sich doch andererseits ihrer
                  gesellschaftlichen Pflichten, insonderheit gegen ihre Nichte, zu voll bewußt, als
                  daß sie noch hätte zögern mögen, den Rückzug einzuleiten. Sie erhob sich, und dem
                  Grafen ihren Arm reichend, bat sie die <pb/> sich mit erhebenden Gäste, ihre
                  Plätze behalten und sich die bevorzugte Stunde des Desserts um keine Minute
                  verkürzen zu wollen. Renate folgte mit Krach. Am Eingange des Salons verneigten
                  sich beide Damen gegen ihre Kavaliere, die, der dadurch angedeuteten Weisung
                  folgend, an die Tafelrunde zurückkehrten.</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Sechstes Kapitel</head>
               <head>Nullum vinum nisi hungaricum</head>
               <p>Hier waren inzwischen, neben anderem Dessert, Schalen mit Obst sowie Ungar-, Port-
                  und alter Rheinwein aufgestellt worden. Vor Bamme stand eine langhalsige Flasche
                  Ruster Ausbruch in Originalverpackung. Er schenkte zunächst ein Spitzglas bis zur
                  Hälfte voll, befragte das Bouquet, zog einen Schluck langsam ein, und allen
                  Kennzeichen der Echtheit begegnend, setzte er das Glas mit einem Ausdruck der
                  Zustimmung wieder vor sich nieder. Lewin, Rutze, Medewitz rückten näher, alle zu
                  derselben Ungarfahne schwörend. »Das ist recht«; sagte Bamme und füllte die Gläser
                  bis an den Rand, »so was wächst nur in einem Husarenlande.«</p>
               <p>An der anderen Tischhälfte saßen jetzt Drosselstein und Krach, jener einen
                  Gravensteiner Apfel schälend, dieser auf eigene Hand mit einer Flasche
                  Liebfrauenmilch beschäftigt. Er gehörte zu denen, die nüchtern bleiben und sich
                  begnügen, erst zänkisch, dann zynisch und schließlich apathisch zu werden.
                  Übrigens stand er heute von Innehaltung seines Turnus ab.</p>
               <p>»Daß diesen Rheinhessen so was in die Fässer läuft!« hob er an und ließ den Inhalt
                  seines Glases im Lichte spielen. »Die schlechtesten Kerle den schönsten Wein. Von
                  allen Blutsaugern, die Anno 1806 und nun wieder in diesem Jahre durch Bingenwalde
                  gekommen sind, sind keine so verschrien wie diese. Man kann die Kinder mit ihnen
                  zu Bette jagen.«</p>
               <p>»Sie haben toller gehaust als die Schweden«, erhob Medewitz von der andern Seite
                  des Tisches her seine Stimme, »sie <pb/> haben meinen Amtsverwalter über Stroh
                  gesengt; sie taugen nichts, aber sie sind zäh und tapfer.«</p>
               <p>»Tapfer wie alles, was auf Bergen wohnt«, schaltete Rutze bekräftigend ein. »Auch
                  bloße Höhenzüge schon geben Charakter.«</p>
               <p>»Hauptmann!« rief jetzt Bamme und schob den vor ihm stehenden Dessertteller
                  zurück, »wir sind noch nicht tief genug in Wein, um Sie in Ihrem Protzhagener
                  Schweizerbewußtsein ruhig hinnehmen zu können. Ist der Potsdamer Exerzierplatz
                  eine Gebirgsgegend?«</p>
               <p>Rutze machte Augen und schien antworten zu wollen; seine Geisteskräfte ließen ihn
                  aber im Stich, so daß der Handschuh von anderer Seite her aufgenommen werden
                  mußte.</p>
               <p>»Über die Berechtigung des Protzhagener Schweizergefühls«, bemerkte Drosselstein,
                  während er dem immer noch nach Worten suchenden Hauptmann freundlich zunickte,
                  »wird sich streiten lassen; aber was mir unbestreitbar scheint, ist die besondere
                  Tapferkeit der Gebirgsvölker. Nur die hart an der See wohnenden Stämme sind ihnen
                  ebenbürtig. Auch vollzieht sich darin nur ein Natürliches. Der stete Kampf mit den
                  Elementen erzeugt Kraft und Mut, und aus Kraft und Mut wird die Kriegstüchtigkeit
                  geboren. Bedarf es der Beispiele? Die Normänner umfuhren Europa, gründeten Staaten
                  und eroberten Byzanz, und wenn die Kuhhörner der alten Urkantone von den Bergen zu
                  Tale klangen, so kam ein Schrecken über ganz Burgund. Vor dem Stoße der
                  Gebirgsclane zitterte London. So war es immer, und so ist es bis diesen Tag. Als
                  alles demütig zu Füßen des Eroberers lag, stieg der erste Widerstand von den
                  Bergen nieder: Spanien und Tirol wagten den Kampf. Die ganze Geschichte dieses
                  Jahrhunderts plädiert für Berg und See.«</p>
               <p>»Ich weiß doch nicht, Herr Graf«, nahm jetzt Lewin unter verbindlicher
                  Handbewegung gegen Drosselstein das Wort. »ob ich Ihnen zustimmen darf. Der Mensch
                  ist und bleibt ein Sohn der Erde. Und wo er seine Mutter Erde am reinsten und
                  unmittelbarsten hat, da gedeiht er auch am besten, weil ihm hier <pb/> die
                  Bedingungen seines Daseins am vollkommensten erfüllt werden. Und so möchte ich
                  denn vermuten, daß der scheinbare Triumph von Berg und See auf Ausnahmefällen oder
                  zum Teil auch auf bloßen Täuschungen beruht. Berge sind natürliche Festungen, und
                  alle Festungen wollen belagert sein. Wer sie glaubt voreilig stürmen zu können,
                  der scheitert, aber er scheitert mehr noch an Wall und Graben als an der
                  Tapferkeit ihrer Verteidiger. Das Gebirge repräsentiert die Defensive, das Element
                  der Eroberung ist in der Ebene zu Hause. Unseres Freundes Seidentopf Semnonen, die
                  Besieger einer Welt, wo stammten sie her, wo saßen sie? Hier, zu beiden Seiten der
                  Oder, vielleicht in Guse, wo wir jetzt selber sitzen.«</p>
               <p>Bamme nickte; Lewin fuhr fort: »Kein Land wird von den Bergen aus regiert. Rom,
                  als es Rom zu werden gedachte, stieg von der Höhe freiwillig an das Tiberufer
                  nieder. Keine Hauptstadt liegt im Gebirge; aus großen Flachlandsterritorien
                  wachsen die regierenden Zentren auf. Und in und mit ihnen die Feldherrn und die
                  Helden, von Hannibal und Cäsar bis auf Gustav Adolf und Friedrich.«</p>
               <p>»Bravo!« rief Bamme. »Vom Standpunkte meines Metiers aus könnte ich mich sogar bis
                  zu dem Satze versteigen, daß Weltgeschichte großen Stils, wie sie sich in Hunnen-
                  und Mongolenzügen darstellt, immer und ewig vom Sattel herab, also, rundheraus
                  gesagt, durch eine Art von urzuständlichem Husarentum gemacht worden sei, aber ich
                  entschlage mich aller persönlich eitlen Gedanken und proklamiere lieber den
                  Frieden! Entfalten wir unser Preußenbanner: Suum cuique! Bei Lichte besehen, gilt
                  von Völkern und Stämmen dasselbe, was von den Menschen gilt: sie sind alle zu
                  brauchen. Aber freilich jeder an seiner Stelle. Da liegt's. Wer in der Takelage
                  des ›Victory‹ bei wütender See und feuernden Breitseiten die Trafalgaraffaire
                  ausfechten will, der muß auf anderen Wassern geschwommen haben als auf dem
                  Schwilow-oder Schermützelsee; wer aber umgekehrt bei Zorndorf durch die russischen
                  Vierecke hindurch will, leicht und gewandt wie ein Kunstreiter durch den
                  Papierreifen, dem hilft es nichts, und wenn er <pb/> auf sämtlichen indischen
                  Ozeanen den Haifischen die Bäuche aufgeschnitten hat. Es ist immer wieder die alte
                  Fuchs- und Storchengeschichte; dem einen paßt der Teller, dem andern die Flasche.
                  Ich persönlich bin vielleicht der einzige Fuchs, zu dem auch die Flasche paßt. Vor
                  allem solche. Stoßen wir an. Es ist etwas Schönes um ein ausgiebiges Latein:
                  Nullum vinun nisi hungaricum.«</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Siebentes Kapitel</head>
               <head>Nach Tisch</head>
               <p>Der Kaffee wurde im Spiegelzimmer genommen. Als auch die Herren hier erschienen,
                  um die nächste halbe Stunde wieder in Gesellschaft der Damen zu verplaudern,
                  fanden sie die Szene anders, als sie erwarten durften. Renate, von einem leichten
                  Unwohlsein befallen, hatte sich zurückgezogen; statt ihrer kam ihnen Berndt von
                  Vitzewitz entgegen, der, eben von Berlin her eingetroffen, die Aufforderung seiner
                  Schwester, der Gräfin, an dem Schlußakte des Diners teilzunehmen, lächelnd
                  abgelehnt hatte. Er war alt genug, um das Mißliche solchen verspäteten Eintretens
                  aus Erfahrung zu kennen.</p>
               <p>Lewin begrüßte den Vater. Auch die anderen Gäste gaben ihrer Freude Ausdruck, am
                  lebhaftesten Bamme, der, ohne jede Spur von Kleinlichkeit, seine Schätzung anderer
                  nicht davon abhängig machte, wie hoch oder niedrig er seinerseits taxiert wurde.
                  Nur auf das, was er seine »gesellschaftlichen Gaben« nannte, war er eitel. Und
                  nach dieser Seite hin, wenn auch mit Einschränkungen, ließ ihn Berndt von
                  Vitzewitz gelten.</p>
               <p>Das Spiegelzimmer in seinem zurückgelegenen Teile wurde von drei rechtwinkelig
                  zueinander stehenden Estraden eingenommen, die, mit Blumen und Topfgewächsen dicht
                  besetzt, einen hufeisenförmigen Separatraum bildeten, der sich in den Trumeaux der
                  gegenübergelegenen Fensterpfeiler spiegelte. Innerhalb dieses Raumes, um einen
                  länglichen, auf vier Säulen ruhenden Marmortisch, der fast die Form eines Altars
                  hatte, <pb/> nahmen die Gäste Platz und waren, während die kleinen Tassen
                  präsentiert wurden, alsbald in einem Gespräch, das an Lebhaftigkeit die kaum
                  beendigte Tischunterhaltung noch übertreffen zu wollen schien. Berndt hatte das
                  Wort, alles war begierig, von ihm zu hören, er hatte den Minister gesprochen.</p>
               <p>»Schlagen wir los?« fragte Bamme.</p>
               <p>»Wir? Vielleicht. Oder wenn ich zu entscheiden habe: gewiß! Aber die Herren im
                  hohen Rate? Nein. Am wenigsten der Minister. Er treibt Diplomatie, nicht Politik.
                  Unfähig, feste Entschlüsse zu fassen, sucht er das Heil in Halbheiten. Er spricht
                  von ›Negociationen‹, ein Lieblingswort, das ihm noch aus alten Zeiten her auf den
                  Lippen sitzt. Wir haben nichts von ihm zu erwarten. Er läßt uns im Stich.«</p>
               <p>»Ich glaubte dich anders verstanden zu haben«, bemerkte die Gräfin. »Er sei dir
                  entgegengekommen.«</p>
               <p>»Entgegengekommen! Ja persönlich, und solange es sich um Worte handelte. Unter
                  vier Augen schlägt er jede Schlacht. In der Idee sind wir einig: der Kaiser muß
                  gestürzt, Preußen wiederhergestellt werden. Aber ? wie? Da werden die Herzen
                  offenbar. Er will es auf dem Papier ausfechten, nicht mit der Waffe in der Hand am
                  grünen Tisch, nicht auf grüner Heide. Er hat keine Ahnung davon, daß nur ein
                  rücksichtsloser Kampf uns retten kann. Rücksichtslos und ohne Besinnen. Noch haben
                  wir das Spiel in der Hand; aber wie lange noch! Es fehlt ihm das Erkennen der
                  Wichtigkeit dieser Tage. Jede Stunde, die unbenutzt vorübergeht, schreit gen
                  Himmel und klagt ihn an als einen Schädiger und Verräter. Nicht aus bösem Willen,
                  aber aus Schwäche.«</p>
               <p>»Und schilderten Sie ihm die Stimmung des Landes?« fragte Drosselstein.</p>
               <p>»Gewiß, und mit einer Dringlichkeit, die jeden anderen fortgerissen hätte. Aber
                  er! Als ich ihm unsere Gedanken eines Volksaufstandes entwickelte, als ich ihn
                  beschwor, das Wort zu sprechen, erschrak er und suchte sein Erschrecken hinter
                  einem Lächeln zu verbergen. ›Rüsten wir‹ rief ich ihm zu. Das gefiel ihm. Ich
                  hatte jetzt selber das Wort gesprochen, durch das er <pb/> mich in geschickter
                  Ausnutzung, worin er Meister ist, zu beschwichtigen hoffte. Er trat mir näher und
                  sagte mit geheimnisvoller Miene, meine Worte wiederholend: ›Vitzewitz, wir
                  rüsten.‹ Aber auch dieses Nichts war ihm schon wieder zuviel. ›Wir rüsten‹, fuhr
                  er fort, ›ohne höchstwahrscheinlich dieser Rüstungen zu bedürfen, Napoleon ist
                  herunter, er muß Frieden machen, und wir werden ohne Blutvergießen zu unserem
                  Zwecke kommen. Englands und Rußlands sind wir sicher.‹ Ich war starr. Wir trennten
                  uns in gutem Vernehmen, scheinbar selbst in Einverständnis, während doch jeder die
                  Kluft empfand, die sich zwischen unseren Anschauungen aufgetan hatte. Als ich die
                  Treppe hinabstieg, sagte ich mir: ›Also noch nicht belehrt! Die Zeit noch nicht
                  begriffen! Napoleon noch nicht kennengelernt!‹«</p>
               <p>Drosselstein, Bamme, Krach, den Unmut Berndts teilend, schüttelten den Kopf;
                  Medewitz aber, der seiner Unbedeutendheit gern ein Loyalitätsmäntelchen umhing,
                  glaubte jetzt den Moment zur Geltendmachung seiner ministeriellen Rechtgläubigkeit
                  gekommen.</p>
               <p>»Ich kann Ihre Entrüstung nicht teilen, Vitzewitz, Ihre Hitze reißt Sie fort. Die
                  Kuriere und Stafetten, die beinahe stündlich aus allen Hauptstädten Europas
                  eintreffen – wissen wir, was sie bringen? Nein. Sie, wie wir alle, sehen die Dinge
                  von einem Standpunkt mittlerer Erkenntnis aus. Der Minister aber hat jenen
                  Überblick über die Gesamtverhältnisse, der uns fehlt. Er ist gut unterrichtet, ein
                  Netz unserer Agenten umspannt Paris, der Kaiser ist auf Schritt und Tritt
                  beobachtet. Wenn Seine Exzellenz ausspricht: ›Er ist herunter, er muß Frieden
                  machen‹, so finde ich keine Veranlassung, dem zu widersprechen. Er ist Minister.
                  Er muß es wissen, und verzeihen Sie, Vitzewitz, er weiß es auch.«</p>
               <p>Berndt lachte. »Es ist mit dem Wissen wie mit dem Sehen. Ein jeder sieht, was er
                  zu sehen wünscht, darin sind wir alle gleich, Minister oder nicht. Seine Exzellenz
                  wünscht den Frieden, und so erfindet er sich einen friedensbedürftigen Kaiser. Das
                  ›Netz seiner Agenten‹ ist ihm dabei mit entsprechenden <pb/> Berichten gefällig;
                  Kreaturen widersprechen nicht. Ein heruntergekommener Napoleon! O heilige Einfalt!
                  Er ist rühriger denn je und keck und herausfordernd wie immer. An den
                  österreichischen Gesandten trat er während des letzten Empfanges heran. ›Es war
                  ein Fehler von mir, dies Preußen fortbestehen zu lassen‹, so warf er hin, und als
                  der Angeredete, den diese Worte verwirren mochten, vor sich hin stotterte: ›Sire,
                  ein Thron...‹, unterbrach er ihn mit einem ›Ah bah‹ und setzte übermütig hinzu:
                  ›Was ist ein Thron? Ein Holzgerüst, mit Sammet beschlagen.‹«</p>
               <p>Bamme lächelte; die Gräfin aber bemerkte ruhig: »Darin hat er nun eigentlich
                  recht, il faut en convenir. Wir machen zuviel von solchen äußerlichen Dingen und
                  sehen Erhabenheiten, wo sie nicht sind. Wer so viele Throne zusammengeschlagen
                  hat, kann nicht hoch von ihnen denken; ça se désapprend. Ich liebe ihn nicht, aber
                  in einem hat er meine Sympathien, il affronte nos prejugés. Er fährt durch unsere
                  Vorurteile wie durch Spinneweb hindurch.«</p>
               <p>»Das tut er«, erwiderte Berndt, »und es ist nicht seine schlimmste Seite. Aber von
                  dir, Schwester, eine Zustimmung dazu zu hören, überrascht mich. Denn wem verdanken
                  wir diesen Fetischdienst, in dem auch wir drinstecken, diese tägliche Versündigung
                  gegen das erste Gebot: ›Du sollst nicht andere Götter haben neben mir‹, wem anders
                  als deinen gefeierten Franzosen, vor allem jenem aufgesteiften Halbgott, dem auch
                  du die Schleppe trägst: Louis quatorze.«</p>
               <p>»Ce n'est pas ça, Berndt«, sagte die Gräfin mit einem Anflüge von Heiterkeit, dem
                  sich abfühlen ließ, wie erfreut sie war, einen Irrtum berichtigen zu können. »Es
                  ist das Gegenteil von dem allen. Ich hasse diese Doktrinen, et ce Louis même, ce
                  n'est pas mon idole. Sachez bien, ich liebe die französische Nation, aber ihren
                  grand monarque liebe ich nicht, weil er seine Nation in seinem pomphaften Gebaren
                  verleugnet. Denn das Wesen des Französischen ist Scherz, Laune, Leichtigkeit. In
                  diesem Ludwig aber spukt von mütterlicher Seite her etwas
                  Schwerfällig-Habsburgisches beständig mit. Und so waren alle <pb/> Bourbons. Nur
                  einer unter ihnen, der keinen Tropfen deutschen Blutes in seinen Adern hatte, und
                  dieser ist mein Liebling.«</p>
               <p>»Le bon roi Henri«, ergänzte Berndt.</p>
               <p>»Ja er«, fuhr die Gräfin fort, »der liebenswürdigste und zugleich der
                  französischeste aller Könige, ein gallischer Kampfhahn, kein radschlagender Pfau,
                  naiv, ritterlich, frei von Grandezza und gespreizten Manieren.«</p>
               <p>»Freier vielleicht, als einem Könige geziemt«, scherzte Berndt weiter. »Er spielte
                  Pferd mit dem Dauphin, als der spanische Gesandte bei ihm eintrat, und Frau von
                  Simier, nach dem Eindruck befragt, den der König auf sie gemacht habe, konnte nur
                  erwidern: ›J'ai vu le roi, mais je n'ai pas vu Sa Majesté.‹«</p>
               <p>»Was du als einen Tadel nimmst oder wenigstens comme un demi-reproche, war eher
                  als ein Lob gemeint. Jedenfalls hielt es sich die Waage. Und wie konnt es auch
                  anders sein? Er ruhte sicher in sich selbst und gab sich offen in seinen
                  Schwächen, weil er den Überschuß von Kraft fühlte, den ihm die Götter mit in die
                  Wiege gegeben hatten, in seine Wiege, die beiläufig eine Schildkrötenschale war.
                  Er verschwieg nichts und persiflierte sich selbst in dem heiteren Darüberstehen
                  eines Grandseigneurs. Jeder kleinste Zug, den ich von ihm kenne, entzückt mich. Er
                  hatte die Angewohnheit, überall Sachen mitzunehmen, und versicherte mit
                  gascognischer Schelmerei, ›que s'il n'avait pas été roi, il eût été pendu‹.«</p>
               <p>Dies wurde von Krach, der sich nach Art aller Geizigen in Mein- und Deinfragen zu
                  den rigorosesten Grundsätzen bekannte, mit soviel Indignation aufgenommen, wie die
                  Rücksicht gegen die Erzählerin irgendwie gestattete. Er begann mit »unköniglich«
                  und »frivol« und würde sich noch höher hinaufgeschraubt haben, wenn nicht Bamme
                  gereizten Tones dazwischengefahren wäre: »Wer im großen gibt, mag im kleinen
                  nehmen. Freilich erst geben; da liegt die Schwierigkeit.«</p>
               <p>Krach biß sich auf die Lippen, die Gräfin aber sprach verbindlich zu ihm hinüber:
                  »Sie verkennen mich, Präsident, ich gebe Ihnen meinen Liebling in Moralfragen
                  preis. Es sind ganz <pb/> andere Dinge, die mich an ihm entzücken. Hören Sie, was
                  Tallemant des Réaux in seinen Memoiren von ihm erzählt. Einer der Hofleute, Graf
                  Beauffremont, wußte von der Untreue der schönen Gabriele. Er sagte es dem Könige.
                  Dieser aber bestritt es und wollt es nicht glauben; er liebte sie zu sehr. Der
                  Graf erbot sich schließlich, den Beweis zu geben, und führte den König bis an das
                  Schlafzimmer Gabrielens. In dem Augenblick, wo sie eintreten wollten, drehte sich
                  le roi Henri um und sagte: ›Non, je ne veux pas entrer; cela la fâcherait
                  trop.‹«</p>
               <p>Medewitz, der selbst Trauriges erlebt hatte, bemerkte, daß er den König nicht
                  begreife; die Gräfin aber fuhr fort: »In dieser Anekdote haben Sie den König tout
                  à fait. Er hielt zu dem Wahlspruch, den Franz I. in ein Fenster zu Schloß
                  Chenonceaux einschnitt:</p>


               <l>Souvent femme varie</l>
               <l>Et fol est qui s'y fie.</l>


               <p>Überhaupt erinnert er an diesen König; nur übertrifft er ihn. Unser Geschlecht, in
                  seinen Schwächen und seinen Vorzügen, ist nie besser verstanden, nie ritterlicher
                  behandelt worden, und die Frauen aller Länder sollten ihm Bildsäulen errichten.
                  Freilich würde es an Neidern nicht fehlen, wie sein eigenes Frankreich einen
                  solchen erstehen sah.«</p>
               <p>»Einen Neider?« fragte der in der französischen Memoirenliteratur glänzend
                  bewanderte Graf und schien durch diese Frage einen Zweifel ausdrücken zu
                  wollen.</p>
               <p>»C'est ça«, fuhr die Gräfin fort, »und zwar in Gestalt seines eigenen Enkels, des
                  ›grand monarque‹. Als die Stadt Pau ihrem geliebten Henri eine Statue errichten
                  wollte, suchte sie bei Hofe darum nach. Ludwig XIV. sagte nicht ja und nicht nein,
                  sondern schickte statt aller Antwort sein eigenes Bildnis. Aber er hatte den Witz
                  der guten Bürger von Pau nicht gebührend mit in Rechnung gezogen. Diese richteten
                  das Denkmal auf und gaben ihm die Inschrift: ›Celui-ci est le petit-fils de notre
                  bon Henri.‹«</p>
               <p>»Und wie lief es ab?« fragte Rutze, der, nach Kinderart, <pb/> zwischen Anekdote
                  und Erzählung keinen Unterschied machend, an dem Hergange selbst ein größeres
                  Interesse nahm als an der Pointe. Die Gräfin lächelte.</p>
               <p>»Es ist eine Erzählung ohne Schluß, lieber Rutze. Der König wird schwerlich von
                  dieser Inschrift gehört, noch weniger sie gelesen haben. Es ist immer mißlich,
                  solche Scherze zu hinterbringen. Übrigens sorgte gerade damals der Feldzug am
                  Rhein für Aufregungen, die das Auge des Königs nach anderer Seite hin abzogen. Es
                  war die Erntezeit seines Ruhmes, auch seines kriegerischen. Und doch war keine
                  Spur von einem Feldherrn in ihm. Le bon roi Henri schlug die Schlachten, le grand
                  roi Louis ließ sie schlagen; aber Dichter und Maler sind nicht müde geworden,
                  Olymp und Heroenwelt nach Vergleichen für ihn zu durchsuchen.«</p>
               <p>»Ich glaube gehört zu haben«, bemerkte Berndt, »daß er eines gewissen
                  militärischen Talentes, wie es hohe Lebensstellungen sehr oft ausbilden, nicht
                  entbehrte.«</p>
               <p>»Graf Tauentzien war der entgegengesetzten Meinung. Und ich darf annehmen, daß
                  seine Meinung übereinstimmend mit dem Urteil des Prinzen war.«</p>
               <p>»Das Urteil des Königs würde mir kompetenter sein.«</p>
               <p>Die Gräfin schwieg pikiert, aber nach kurzer Weile fuhr sie fort: »Du weißt,
                  Berndt, daß der König selber aussprach: ›Le prince est le seul qui n'ait jamais
                  fait de fautes.‹ Es scheint mir darin zugestanden, daß er in der Theorie des
                  Krieges, in allem, was Wissen und Urteil angeht, der Bedeutendere war.«</p>
               <p>Berndt zuckte. »Wer die Praxis hat, hat auch die Theorie. Was entscheidet, sind
                  die Blitze des Genies.«</p>
               <p>»Aber das Genie hat mannigfache Formen der Erscheinung. Der Prinz würde bei
                  Hochkirch nicht überrascht worden sein.«</p>
               <p>»Und bei Leuthen nicht gesiegt haben. Du überschätzest den Prinzen.«</p>
               <p>»Du unterschätzest ihn.«</p>
               <p>»Nein, Schwester, ich weise ihm nur die Stelle an, die ihm zukommt: die zweite. Zu
                  allen Zeiten ist die Neigung dagewesen, in solchen Personalfragen die
                  Weltgeschichte zu korrigieren. <pb/> Aber Gott sei Dank, es ist nie geglückt. Das
                  Volk, allem Besserwissen der Eingeweihten, allem Spintisieren der Gelehrten zum
                  Trotz, hält an seinen Größen fest.«</p>
               <p>»Aber es sollte de temps à temps diese Größen richtiger erkennen.«</p>
               <p>»Gerade hierin erweist es sich als untrüglich, wenigstens das unsere, das in
                  seiner Nüchternheit vor Überrumpelungen gesichert ist. Es zweifelt lange und
                  sträubt sich noch länger. Aber zuletzt weiß es, wo seine Liebe und seine
                  Bewunderung hingehört. Ich habe dies in den letzten Jahren des großen Königs, wenn
                  Dienst oder Festlichkeiten mich nach Berlin riefen, mehr als einmal beobachten
                  können.«</p>
               <p>»Ich meinerseits habe von entgegengesetzten Stimmungen gehört, und mir sind
                  Drohreden des ›unträglichen Volkes‹ hinterbracht worden, die sich hier nicht
                  wiederholen lassen.«</p>
               <p>»Es wird auch an solchen nicht gefehlt haben. Ein gerechter König, während er sich
                  Tausende zu Dank verpflichtet, wird von Hunderten verklagt. Aber was er den
                  Tausenden war, das ließ sich erkennen, wenn er, von der großen Revue kommend,
                  seiner Schwester, der alten Prinzeß Amalie, die er oft das ganze Jahr über nicht
                  sah, seinen regelmäßigen Herbstbesuch machte.«</p>
               <p>Rutze, der sich solcher Besuche erinnern mochte, nickte zustimmend mit dem Kopf;
                  Berndt aber fuhr fort: »Ich seh ihn vor mir wie heut, er trug einen dreieckigen
                  Montierungshut, die weiße Generalsfeder war zerrissen und schmutzig, der Rock alt
                  und bestaubt, die Weste voll Tabak, die schwarzen Sammethosen abgetragen und rot
                  verschossen. Hinter ihm Generale und Adjutanten. So ritt er auf seinem Schimmel,
                  dem Condé, durch das Hallesche Tor, über das Rondel, in die Wilhelmsstraße ein,
                  die gedrückt voller Menschen stand, alle Häupter entblößt, überall das tiefste
                  Schweigen. Er grüßte fortwährend, vom Tor bis zur Kochstraße wohl zweihundertmal.
                  Dann bog er in den Hof des Palais ein und wurde von der alten Prinzessin an den
                  Stufen der Vortreppe empfangen. Er begrüßte sie, bot ihr den Arm, und die großen
                  Flügeltüren schlossen <pb/> sich wieder. Alles wie eine Erscheinung. Nur die Menge
                  stand noch entblößten Hauptes da, die Augen auf das Portal gerichtet. Und doch war
                  nichts geschehen: keine Pracht, keine Kanonenschüsse, kein Trommeln und Pfeifen;
                  nur ein dreiundsiebzigjähriger Mann, schlecht gekleidet, staubbedeckt, kehrte von
                  seinem mühsamen Tagewerk zurück. Aber jeder wußte, daß dieses Tagewerk seit
                  fünfundvierzig Jahren keinen Tag versäumt worden war, und Ehrfurcht, Bewunderung,
                  Stolz, Vertrauen regte sich in jedes einzelnen Brust, sobald sie dieses Mannes der
                  Pflicht und der Arbeit ansichtig wurden. Chère Amélie, auch dein Rheinsberger
                  Prinz ist eingezogen. Hast du je Bilder wie diese vor Augen gehabt oder auch nur
                  von ihnen gehört?«</p>
               <p>Die Gräfin wollte antworten, aber der eintretende Jäger meldete, daß die Schlitten
                  vorgefahren seien. So wurde das Gespräch unterbrochen. Es erfolgte nur noch eine
                  Einladung auf Silvester, bis zu welchem Tage Baron Pehlemann hoffentlich von
                  seinem Anfall wiederhergestellt, Doktor Faulstich aber seiner Ziebinger Umgarnung
                  entzogen sein werde. Eine Viertelstunde später flogen die Schlitten auf
                  verschiedenen Wegen ins Oderbruch hinein. Berndt, behufs Erledigung von Kreis- und
                  anderen Amtsgeschäften, begleitete Drosselstein nach Hohen-Ziesar. Den weitesten
                  Weg hatten Lewin und Renate, quer durch das Bruch hindurch. Als sie vor dem
                  Hohen-Vietzer Herrenhause hielten, berichtete Jeetze mit einem Anflug von
                  Vertraulichkeit, daß die »jungen Berliner Herrschaften« vor einer Stunde
                  angekommen, aber, ermüdet von der Reise, schon zur Ruhe gegangen seien.</p>
               <p>»Also auf morgen!« Damit trennten sich die Geschwister.</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Achtes Kapitel</head>
               <head>Chez soi</head>
               <p>Über dem Salon, aus dem die Wendeltreppe mit dem Nußbaumspalier ins obere Stock
                  führte, befand sich das Schlafzimmer der Gräfin. Ein stiller Raum, hoch und
                  geräumig, die Fenster <pb/> nach Norden zu. Unter gewöhnlichen Verhältnissen hätte
                  man diese Lage tadeln dürfen; hier aber, wo die Neigung vorherrschte, sich erst
                  durch die Mittagssonne wecken zu lassen, gestaltete sich, was anderen Orts ein
                  Fehler gewesen wäre, zu einem Vorzug. In der Mitte des Zimmers, nur mit der einen
                  Schmalseite die Wand berührend, stand das Bett, ein großer, mit schweren Vorhängen
                  ausgestatteter Behaglichkeitsbau und nicht eine jener sargartigen Kisten, die das
                  Schlafen als eine Nebensache oder gar als eine Strafe erscheinen lassen. Ein
                  zuverlässiger Mensch wacht aber nicht nur ordentlich, sondern schläft auch
                  ordentlich, und es war eine Feinheit unserer Sprache, das richtig drapierte
                  Großbett ohne weiteres zum Himmelbett zu erheben.</p>
               <p>Die Gräfin, noch unter dem Einfluß des Streits, den sie mit dem Bruder gehabt
                  hatte, und verstimmt, an einer, wie sie nicht zweifelte, siegreichen Entgegnung
                  verhindert worden zu sein, stieg die Wendeltreppe langsam hinauf, während ihr ihre
                  Jungfer, ein hübsches, blutjunges Ding von entschieden wendischem Typus, mit einem
                  Ausdruck von Schelmerei und Schlauheit folgte. Es war Eva Kubalke, des alten
                  Hohen-Vietzer Küsters jüngste Tochter und Schwester von Maline Kubalke.</p>
               <p>Beide nahmen dieselbe bevorzugte Stellung ein. Eva war Liebling und Vertraute bei
                  Tante Amelie, Maline bei Renaten.</p>
               <p>Es verging eine geraume Zeit, während welcher die Gräfin nicht sprach. Endlich
                  schien sie ihrer Verstimmung Herr geworden zu sein; sie setzte sich vor einen
                  Spiegel und begann ihre Nachttoilette zu machen. Die Kleine sah ihr beständig nach
                  den Augen. Endlich sagte die Gräfin unter freundlichem Zunicken: »Nun, Eva?«</p>
               <p>»Gnädigste Gräfin sind so still.«</p>
               <p>»Ja. Aber nun sprich. Nimm den Kamm. Was gibt es?«</p>
               <p>»O vielerlei, gnädigste Gräfin. Fräulein Renate war wieder so gut. Sie hat mir
                  alles erzählt. Ich freue mich immer, wenn sie Kopfweh hat und aus dem Salon nach
                  oben kommt. Da höre ich doch von Hohen-Vietz und meiner Schwester Maline.«</p>
               <p>
                  <pb/> »Wie steht es mit dem Bräutigam? War es nicht der junge Scharwenka?«</p>
               <p>»Ja, aber sie hat ihm abgeschrieben.«</p>
               <p>»Ihm abgeschrieben? Dem reichen Krügerssohn?«</p>
               <p>»Das war es eben. Es sind harte Leute, die Scharwenkas, hart und bauernstolz. Er
                  hat ihr vorgeworfen, daß sie arm sei. Aber da war es vorbei. Sie machte sich auch
                  nicht viel aus ihm. Sie will nun in die Stadt.«</p>
               <p>»Wenn es nur gut tut.«</p>
               <p>»Aber wissen denn gnädigste Gräfin, daß der Hathnower Pastor Hochzeit gehabt
                  hat?«</p>
               <p>»Der Hathnower?«</p>
               <p>»Ja, gestern, am zweiten Feiertage. Es sollte was Apartes sein.«</p>
               <p>»Und mit wem denn?«</p>
               <p>»Mit einer Berlinerin. Und wie er dazu gekommen ist! Es ist eine ganze
                  Geschichte.«</p>
               <p>»Nun, so erzähle doch.«</p>
               <p>»Er war letzten Sommer in Berlin auf Besuch bei einem Freunde, auch Prediger. Den
                  Namen habe ich vergessen, aber ich besinne mich noch.«</p>
               <p>»Laß ihn.«</p>
               <p>»Nun, der Freund wohnte in einem großen Hause, zwei Treppen hoch. Ein Gewitter zog
                  herauf, und es goß wie mit Kannen. Als es vorüber war und der Regen nur noch leise
                  fiel, legten sich beide Freunde ins offene Fenster und sahen auf die Straße, die
                  unter Wasser stand, so daß die Brückenbohlen umherschwammen. Aber soll ich weiter
                  erzählen?«</p>
               <p>»Gewiß.«</p>
               <p>»Sie sahen also auf die Straße und die Brückenbohlen, aber auch auf ein paar große
                  Rosenstöcke, die Regens halber umgelegt waren und gerade unter ihnen aus dem
                  Fenster herausguckten. Die Freunde sprachen noch, und der Hathnower wollte sich
                  eben nach den eine Treppe tiefer wohnenden Wirtsleuten erkundigen, als ein Arm
                  herausgestreckt wurde, der dicht über den Rosenstöcken hin einen kleinen irdenen
                  Blumentopf, in dem nur zwei, drei Blätter wuchsen, in den Regen<pb/> hinaushielt.
                  Ein paar Tropfen fielen auf die Blätter und auch auf den Arm; und dann verschwand
                  er wieder. ›Es war wie eine Erscheinung‹, soll der Hathnower gesagt haben. Den
                  zweiten Tag hielt er an. Es ist eine Steuerratstochter.«</p>
               <p>»Das hätte ich dem Kleinen nicht zugetraut. Er ist sonst so schüchtern.«</p>
               <p>»Die Leute wissen auch nicht recht, was sie daraus machen sollen. Die einen
                  meinen, es habe ihn so gerührt, die Liebe zu den drei kleinen Blättern, und er
                  habe gleich gesagt, ›die muß jeden glücklich machen‹; die andern aber meinen, Frau
                  Gräfin verzeihen, der Arm habe es ihm angetan.«</p>
               <p>»Es wird wohl der Arm gewesen sein« bemerkte die Gräfin mit ruhiger
                  Überzeugung.</p>
               <p>Eva, die ein Schelm war, erwiderte, »daß es ja doch ein Prediger sei«, und fuhr
                  dann in ihrem Abendrapporte fort: »Auf der Manschnower Mühle ist
                  eingebrochen.«</p>
               <p>»Beim alten Kriele?«</p>
               <p>»Ja, gnädigste Gräfin. Sie haben ihm all sein Gespartes genommen, und das Pferd
                  aus dem Stall dazu. Sie müssen die Gelegenheit gut gekannt haben, denn das Geld
                  lag unter dem Fußboden; aber sie brachen die Dielen auf.«</p>
               <p>»Hat man auf wen Verdacht?«</p>
               <p>»Die Diebe hatten alte Soldatenröcke an, halb zerrissen, so daß man nichts
                  Bestimmtes erkennen konnte. Die Manschnower meinen, es wären Marodeurs gewesen,
                  Franzosen, die das Mitnehmen noch immer nicht lassen könnten. Ihre Gesichter
                  hatten sie schwarz gemacht.«</p>
               <p>»Dann waren es keine Franzosen. Wer sein Gesicht schwärzt, der fürchtet erkannt zu
                  werden. Und du sagtest selbst, sie wußten Bescheid in der Mühle.«</p>
               <p>»Aber die Soldatenröcke.«</p>
               <p>»Das wird sich aufklären.«</p>
               <p>Damit brach das Gespräch ab. Die Toilette war beendet, das Haar leicht
                  zusammengesteckt, und die Gräfin bot Eva gute Nacht. Diese, bevor sie das Zimmer
                  verließ, trat noch an einen großen Stehspiegel heran und ließ, wie man ein
                  Fensterrouleau <pb/> herunterläßt, einen grünseidenen Vorhang über den Trumeau
                  herabrollen.</p>
               <p>Dies geschah jeden Abend, und es ist nötig, ein Wort darüber zu sagen. Wie alle
                  alten Schlösser, so hatte auch Schloß Guse sein Hausgespenst, und zwar eine
                  Schwarze Frau. Diese Weißen und Schwarzen Frauen gelten bei Kennern als die
                  allerechtesten Spuke, gerade weil ihnen das fehlt, was dem Laien die Hauptsache
                  dünkt: eine Geschichte. Sie haben nichts als ihre Existenz; sie erscheinen bloß.
                  Warum sie erscheinen, darüber fehlen entweder alle Mitteilungen, oder die
                  Mitteilungen sind widerspruchsvoll. So war es auch in Guse. Die Erzählungen gingen
                  weit auseinander, nur das stand fest, daß das Erscheinen der Schwarzen Frau
                  jedesmal Tod oder Unglück bedeute. Die Gräfin, sonst eine beherzte Natur, lebte in
                  einem steten Bangen vor dieser Erscheinung; was ihr aber das peinlichste war, war
                  der Gedanke, daß sie möglicherweise einmal einem bloßen Irrtum, ihrem eignen
                  Spiegelbilde zum Opfer fallen könne. Da sie sich immer schwarz kleidete, so hatte
                  diese Besorgnis eine gewisse Berechtigung, und sie traf ihre Vorkehrungen darnach.
                  Die Anlage der mehrerwähnten Wendeltreppe stand im Zusammenhange damit; sie wollte
                  das Spiegelzimmer nicht passieren, wenn sie sich spätabends aus dem Salon in ihr
                  Schlafzimmer zurückzog. In diesem letzteren war nun natürlich der große Trumeau
                  ein Gegenstand ihrer besonderen Aufmerksamkeit und Besorgnis, und ein durch Eva
                  auch nur einmal versäumtes Herablassen des Vorhanges würde schwerlich ihre
                  Verzeihung gefunden haben.</p>
               <p>Es war heute noch früh, kaum elf Uhr, und die Gräfin, die ohnehin die Nacht am
                  liebsten zum Tage gemacht hätte, hatte keinen Grund, die Ruhe vorzeitig
                  aufzusuchen. Es waren noch Briefe zu schreiben.</p>
               <p>Sie setzte sich an einen mit Schildpatt und Boulearbeit ausgelegten Tisch, der
                  zwischen Bett und Fenster stand, überflog einen kurzen Brief, der ihr zur Linken
                  lag, und schrieb dann selbst:</p>

               <p>»Mon cher Faulstich. Tout va bien! Demoiselle Alceste, wie <pb/> sie mir heute in
                  einem unorthographischen Billet (le style c'est l'homme) anzeigt, hat akzeptiert.
                  Sie wird am 30. in Guse sein et, comme j'espère, den Dr. Faulstich bereits hier
                  antreffen. Sie dürfen mich nicht im Stiche lassen.</p>
               <p>Meinen Dank für die Vorschläge, die Sie gemacht. Ihre Begeisterung für de la
                  Harpe, den Sie zu favorisieren scheinen, kann ich nicht teilen, weder für die
                  ›Barmecides‹ noch für den ›Comte de Warwick‹. Die rot angestrichenen Stellen (Tome
                  VII erfolgt zurück) lasse ich gelten.</p>
               <p>Ich habe mich, après quelque hésitation, für Lemierre entschieden, nicht für den
                  ›Barnevelt‹, der soviel Aufsehen gemacht hat und der reifer ist, sondern für den
                  ›Guillaume Tell‹, justement parcequ'il n'a pas cette maturité. Er hat dafür
                  Schwung, Feuer, Leidenschaft. Demoiselle Alceste, ohne daß ich ihr Urteil
                  kaptiviert hätte, ist mir beigetreten. Ich leugne übrigens nicht, daß auch
                  Rücksichten auf den Effekt meine Wahl bestimmt haben. Cléofés Paraphrasen an die
                  Freiheit sind genau das, was man jetzt hören will, et comme Intendant en Chef du
                  Théâtre du château de Guse habe ich die Verpflichtung, Neues, Zeitgemäßes zu
                  bringen und mich dem Geschmacke meines Publikums anzubequemen. S'accomoder au goût
                  de tout le monde, c'est la demande de notre temps. Das Beste wird Demoiselle
                  Alceste tun müssen et encore plus la surprise. Also Verschwiegenheit, auch gegen
                  Drosselstein.</p>
               <p>Aber eines fehlt noch, cher Docteur, et c'est pour cela que je recours à votre
                  bonté. Es fehlt ein Prolog, ein Epilog, ein Chorus, ein Irgendetwas, das vorwärts
                  oder rückwärts oder seitwärts weist, denn so könnte man den Chorus vielleicht
                  definieren. Sie werden schon das Richtige finden. J'en suis sûre. Vielleicht täte
                  es auch ein Lied. Aber es müßte etwas Leichtes sein, das Renate vom Blatte singen
                  könnte.</p>
               <p>N'oubliez pas que je vous attends le 30. Je suis avec une parfaite estime votre
                  affectionnée</p>
               <!--milestone hi_start-->
               <p>A. P.«</p>
               <!--milestone hi_end-->

               <p>Ein zweiter Brief war an Demoiselle Alceste gerichtet. Er enthielt nur den
                  Ausdruck der Freude, sie mit nächstem zu sehen. Die Gräfin siegelte beide Briefe,
                  löschte die auf dem <pb/> Schreibtische stehenden Kerzen und legte sich nieder.
                  Nur noch die italienische Lampe brannte. Sie band, wie sie seit vielen Jahren tat,
                  ein safranfarbenes Tuch um ihre Stirn und versuchte zu lesen, aber das Buch
                  entfiel ihrer Hand. Die Eindrücke des Tages zogen an ihr vorbei; sie hörte die
                  heftigen Reden Berndts, dann klangen sie ruhiger, und die großen Portaltüren, die
                  Bamme mit soviel Eindringlichkeit geschildert hatte, öffneten sich langsam und
                  leise. Aber in den Saal, in dem die Leibkarabiniers tanzten, trat niemand anderes
                  als Mademoiselle Alceste, die Worte Lemierres auf den Lippen, den Sieg auf der
                  Stirn. Alles applaudierte.</p>
               <p>Der Traum spann sich weiter; die Gräfin schlief.</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Neuntes Kapitel</head>
               <head>Untreuer Liebling</head>
               <p>Der andere Morgen sah die beiden Geschwisterpaare, Lewin und Renate und Tubal und
                  Kathinka, beim Frühstück versammelt. Nach herzlicher Begrüßung und sich
                  überstürzenden Fragen, die teils der Christbescherung im Ladalinskischen Hause,
                  teils der gestrigen Reunion in Schloß Guse galten, wurden die Dispositionen für
                  den Tag getroffen. Kathinka und Renate wollten auf der Pfarre vorsprechen, dann
                  Marie zu einer Plauderstunde abholen, während die beiden jungen Männer einen
                  Besuch in dem benachbarten Städtchen Kirch-Göritz verabredeten. Die Anregung dazu
                  ging von Tubal aus, der in der Jenaer Literaturzeitung einen mit dem vollen Namen
                  Doktor Faulstichs unterzeichneten Aufsatz »Arten und Unarten der Romantik« gelesen
                  und sofort den Entschluß gefaßt hatte, bei seiner nächsten Anwesenheit in
                  Hohen-Vietz den Doktor aufzusuchen.</p>
               <p>Erst nach Regelung aller dieser Dinge kam das bis dahin hastig und sprungweise
                  geführte Gespräch in einen ruhigeren Gang, und die Hohen-Vietzer Geschwister
                  drangen jetzt in Tubal, ihnen von der durch Jürgaß improvisierten
                  Weihnachtssitzung, besonders aber von Hansen-Grell, dieser jüngsten <pb/>
                  Akquisition der »Kastalia«, zu erzählen. Auch Kathinka wollte von ihm hören.</p>
               <p>»Ich werde schlecht vor eurer Neugier bestehen«, begann Tubal. »Es geht mein
                  Wissen, trotzdem ich Jürgaß am ersten Feiertage gesprochen, nicht wesentlich über
                  das hinaus, was ich in meinem langen Weihnachtsbriefe bereits geschrieben habe. Er
                  ist unschön, von schlechtem Teint und hat wenig Grazie. Aber dieser Eindruck
                  verliert sich, wenn er spricht. Manches an ihm erklärt sich aus seinem Namen, der
                  als ein Abriß seiner Lebensgeschichte gelten kann. Sein Vater, ein einfacher
                  Grell, in Gantzer gebürtig und ursprünglich Soldat, wurde, wer weiß wie, nach
                  Dänemark verschlagen. Er heiratete daselbst, und zwar im Schleswigschen, eines
                  wohlhabenden Handwerkers Tochter. In jenen Gegenden heißt alles Hansen; zugleich
                  ist dort die Sitte verbreitet, den Kindern einen aus dem Familiennamen des Vaters
                  und der Mutter gebildeten Doppelnamen mit auf den Lebensweg zu geben. So
                  entstanden die Hansen-Grells. Einige Jahre später zog es den Vater, der inzwischen
                  geschulmeistert, sich als Turmuhrmacher und Orgelspieler versucht hatte, wieder in
                  sein märkisches Dorf zurück, und er schrieb an die Gutsherrschaft in Gantzer, in
                  einem langen Briefe schildernd, wie groß sein Heimweh sei. Der alte Jürgaß, als er
                  das las, war an seiner schwachen Stelle getroffen, und vier Wochen später trafen
                  Grell und Frau nebst einer ganzen Kolonie von Hansen-Grells in Gantzer ein.«</p>
               <p>»Und der alte Jürgaß schaffte Rat; dessen bin ich sicher«, warf Lewin dazwischen.
                  »Es ist eine Familie, wie wir keine bessere haben. Ohne Lug und Trug. Sie sind mit
                  den Zietens verschwägert und mit den Rohrs; von den einen haben sie die Hand, von
                  den anderen das Herz.«</p>
               <p>»Es ist, wie du sagst«, fuhr Tubal fort. »Es fand sich ein Haus, ein Amt, ein
                  Streifen Land, und unser Hansen-Grell kam auf die Havelberger Schule. Als er aber
                  halbwachsen war, wurde seiner Mutter Blut und Namen in ihm lebendig, und er
                  erschien eines Tages bei den Großeltern in Schleswig. Er hatte die ganzen fünfzig
                  Meilen zu Fuß gemacht. Es war <pb/> ein gewagtes Ding, aber es schlug ihm zum
                  Guten aus, selbst in Gantzer, wo der alte Jürgaß dem alten Grell
                  auseinandersetzte, daß jeder Mensch, aus dem etwas geworden sei, der eine früher,
                  der andere später, eine Desertion begangen habe. Selbst Kronprinz Friedrich. In
                  der Großeltern Haus wuchs inzwischen unser Hansen-Grell heran und ging nach
                  Kopenhagen; es war dasselbe Jahr, in dem die Engländer die Stadt bombardierten.
                  Einzelne Vorgänge, die seiner Umsicht wie seinem Mut ein gleich glänzendes Zeugnis
                  ausstellten, führten ihn als Erzieher in das Haus eines Grafen Moltke, in dem er
                  glückliche Jahre verlebte. Seine skandinavischen Studien fallen in diese Zeit. Als
                  aber Schill, dessen Auftreten er mit glühendem Patriotismus verfolgt hatte, von
                  dänischen Truppen umstellt und dann in den Straßen Stralsunds zusammengehauen
                  wurde, kam der Grell in ihm so nachdrücklich heraus, daß er, übrigens unter
                  Fortdauer guter Beziehungen zu dem Moltkeschen Hause, seine Kopenhagener Stellung
                  aufgab und ins Brandenburgische zurückkehrte.«</p>
               <p>»Es überrascht mich«, bemerkte Lewin, »nie früher von ihm gehört zu haben. Wo war
                  er all die Zeit über? Unser Jürgaß zählt sonst nicht zu den Schweigsamen.«</p>
               <p>»Ich möchte vermuten, daß er seine Zeit zwischen literarischen Beschäftigungen in
                  Berlin und Aushilfestellungen auf dem Lande teilte. Dann und wann war er in
                  Gantzer. In Stechow, wenn ich recht verstanden habe, hat er gepredigt. Im übrigen
                  wird er vor Ablauf einer Woche meine Mitteilungen vervollständigen können. Und
                  wenn nicht er, so doch jedenfalls Jürgaß, der, während er ihn ironisch zu
                  behandeln scheint, eine fast respektvolle Vorliebe für ihn hat. Er rühmt vor allem
                  sein Erzählertalent, wenn es sich um skandinavische Naturbilder oder um die
                  Schilderung persönlicher Erlebnisse handelt. Schon in dem ›Hakon Borkenbart‹, den
                  er uns vorlas, trat dies hervor. Es war mir interessant, mit welcher
                  Aufmerksamkeit Bninski folgte, erst dem Gedichte, dann dem Dichter, vielleicht
                  noch mehr dem Menschen. Aber ich entsinne mich, ich schrieb schon davon.«</p>
               <p>
                  <pb/> »Es will mir scheinen, Tubal«, nahm hier Kathinka das Wort, »daß du dem
                  Grafen deine persönlichen Empfindungen unterschiebst. Er verlangt Schönheit, Form,
                  Esprit, alles das, was dieser nordische Wundervogel, in dem ich schließlich eine
                  Eidergans vermute, nicht zu haben scheint. Bninski ist durchaus für südliches
                  Gefieder. Er hat gar kein Verständnis für preußische Kandidaten- und
                  Konrektoralnaturen, die nie prosaischer sind, als wo sie poetisch oder gar
                  enthusiastisch werden.«</p>
               <p>»Da verkennst du den Grafen doch«, erwiderte Tubal, und Lewin setzte mit einer
                  Verbeugung gegen die schöne Cousine hinzu: »Ich muß auch widersprechen, Kathinka;
                  Bninskis Neigungen gehen den Weg, den du beschrieben hast, aber er ist zugleich
                  eine tiefer angelegte Natur, und es dämmert in ihm die Vorstellung, daß es gerade
                  die Hansen-Grells sind, die wir vor den slawischen Gesellschaftsvirtuosen, vor den
                  Männern des Salonfirlefanzes und der endlosen Liebesintrige voraushaben. Übrigens
                  ist es Zeit, unser Thema abzubrechen. Kirch-Göritz ist eine Stunde, und die Tage
                  sind kurz. Wir nehmen doch die Jagdflinten? Möglich, daß uns ein Hase über den Weg
                  läuft.«</p>
               <p>Tubal stimmte zu. Ihr Adieu für den Moment ihres Aufbruchs sich vorbehaltend,
                  verließen beide Freunde das Zimmer, um sich für ihre Jagd- und
                  Gesellschaftsexpedition zu rüsten.</p>
               <p>Auch die jungen Damen standen auf, und Renate begann die Brotreste zu verkrumeln,
                  mit denen sie jeden Morgen ihre Tauben zu füttern pflegte.</p>
               <p>Kathinka, in einem enganschließenden polnischen Überrock von dunkelgrüner Farbe,
                  der erst jetzt, wo sie sich erhoben hatte, die volle Schönheit ihrer Figur zeigte,
                  war ihr dabei behilflich. Alles, was Lewin für sie empfand, war nur zu
                  begreiflich. Ein Anflug von Koketterie, gepaart mit jener leichten Sicherheit der
                  Bewegung, wie sie das Bewußtsein der Überlegenheit gibt, machten sie für jeden
                  gefährlich, doppelt für den, der noch in Jugend und Unerfahrenheit stand. Sie war
                  um einen <pb/> halben Kopf größer als Renate; ihre besondere Schönheit aber, ein
                  Erbteil von der Mutter her, bildete das kastanienbraune Haar, das sie, der
                  jeweiligen Mode Trotz bietend, in der Regel leicht aufgenommen in einem Goldnetz
                  trug. Ihrem Haar entsprach der Teint und beiden das Auge, das, hellblau, wie es
                  war, doch zugleich wie Feuer leuchtete.</p>
               <p>»Sieh«, sagte Renate, während sie mit einer Schale voll Krumen auf das Fenster
                  zuschritt, »sie melden sich schon.« Und in der Tat hatte sich draußen auf das
                  verschneite Fensterbrett eine atlasgraue Taube niedergelassen und pickte an die
                  Scheiben. »Das ist mein Verzug«, setzte sie hinzu und drehte die Riegel, um die
                  Krumen hinauszustreuen. Kathinka war ihr gefolgt. In dem Augenblick, wo das
                  Fenster sich öffnete, huschte die schöne Taube herein, setzte sich aber nicht auf
                  Renatens, sondern auf Kathinkas Schulter und begann unter Gurren und zierlichem
                  Sich drehen ihren Kopf an Kathinkas Wange zu legen.</p>
               <p>»Untreuer Liebling!« rief Renate, und in ihren Worten klang etwas wie wirkliche
                  Verstimmung.</p>
               <p>»Laß«, sagte Kathinka. »Das ist die Welt. Untreue überall; auch bei den
                  Tauben.«</p>
               <p>In diesem Momente traten die beiden Freunde wieder ein, um sich, wie angekündigt,
                  bei den jungen Damen bis auf Spätnachmittag zu empfehlen. Sie trugen Jagdröcke,
                  Pelzkappen, hohe Stiefel, dazu die Flinten über die Schulter gehängt. »Nehmen wir
                  einen Hund mit?« fragte Tubal.</p>
               <p>»Nein. Tiras lahmt, und Hektor scheucht alles auf und bringt nichts zu Schuß. Das
                  beste Tier und der schlechteste Hund.« So brachen sie auf.</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Zehntes Kapitel</head>
               <head>Kirch-Göritz</head>
               <p>Kirch-Göritz liegt an der andern Seite der Oder, südöstlich von Hohen-Vietz. Es
                  standen zwei Wege zur Wahl, und die beiden Freunde beschlossen, auf dem Hinmarsche
                  den einen, auf dem Rückmarsche den andern einzuschlagen. Sie passierten <pb/>
                  zuerst das Dorf, dann den Forstacker. Als sie bei Hoppenmariekens Häuschen
                  vorüberkamen, das stumm und verschlossen dalag, standen sie neugierig still und
                  lugten hinein. Sie sahen aber nichts. Dann schlugen sie einen Fußsteig ein, der
                  diesseitig in halber Höhe des Oderhügels hinlief. Dann und wann flog eine
                  Schack-Elster auf; nichts, was einen Schuß verlohnt hätte.</p>
               <p>Sie sprachen von Faulstich, und Tubal skizzierte den Artikel aus der Jenaer
                  Literaturzeitung, den Lewin nicht gelesen hatte. »Ich fürchte fast«, sagte dieser,
                  »daß der Verfasser hinter dem Eindruck, den seine Arbeit auf dich machte,
                  zurückbleiben wird. Er ist ein kluger und interessanter Mann, aber doch
                  schließlich von ziemlich zweifelhaftem Gepräge.«</p>
               <p>»Desto besser. Ich bin, wie du übrigens wissen könntest, unserer Tante Amelie
                  gerade verwandt genug, um alles, was einen ›Stich‹ hat, zum Teil um dieses Stiches
                  willen zu bevorzugen. Und Faulstich wird keine Ausnahme machen. Er ist mir schon
                  interessant dadurch, daß er in Kirch-Göritz lebt, ein Mann, der sich an die
                  sublimsten Fragen wagt. Welche Schicksalswelle hat ihn an diesen Strand
                  geworfen?«</p>
               <p>»Wir wissen wenig von ihm, und das wenige bedarf wahrscheinlich auch noch der
                  Korrektur. Er ist ein Altmärker, wenn ich nicht irre, aus der Gardelegener Gegend,
                  wo sein Vater Prediger war, ein strenggläubiger, was dem Sohne von Jugend auf
                  widerstand. Nichtsdestoweniger ging er, dem Willen des Vaters nachgebend, nach
                  Halle und begann theologische Studien. Er kam aber, durch literarische
                  Liebhabereien abgezogen, nicht recht vorwärts. Eine Art ästhetische
                  Feinschmeckerei war schon damals seine Sache. Er lernte den um mehrere Jahre
                  jüngeren Ludwig Tieck kennen, spielte den Beschützer, zugleich das oberste
                  kritische Tribunal, und diese Bekanntschaft, so kurz und oberflächlich sie war,
                  war es doch, was ihn schließlich nach allerhand Zwischenfällen nach Kirch-Göritz
                  führte.«</p>
               <p>»Und diese Zwischenfälle laß mich hören.«</p>
               <p>»Gewiß; denn sie sind charakteristisch für den Mann. Es kam endlich zum völligen
                  Bruch zwischen Vater und Sohn, und <pb/> schon erwog dieser, ob er sich nicht
                  einer herumziehenden Schauspielergesellschaft anschließen solle, als er sich durch
                  in Berlin angeknüpfte Verbindungen in den Kreis der Rietz-Lichtenau gezogen sah.
                  Dieser Kreis, wie du von deinem Papa oft gehört haben wirst, war besser als sein
                  Ruf. Die Rietz, zu manchem anderen, das sie besaß, hatte gute Laune, scharfen
                  Verstand und ein natürliches Gefühl für die Künste. Sie paßte für ihre Rolle. Es
                  war eben allerlei Verwandtes zwischen ihr und Faulstich, der sich bald
                  unentbehrlich zu machen wußte. Er stellte Bilder, erfand Bonmots fürstlicher
                  Personen, sorgte für Klatsch und Anekdoten und machte die Festgedichte. All dies
                  hatte natürlich ein Ende, als die Seifenblase der Lichtenauschen Größe zerplatzte,
                  und Faulstich, wie vier Jahre früher in Halle, sah sich zum zweiten Male den
                  bittersten Verlegenheiten gegenüber.«</p>
               <p>»... Aus denen ihn nun Tieck, wie der besternte Fürst in der Komödie,
                  befreite.«</p>
               <p>»Du sagst es. Die gelockerten Beziehungen knüpften sich wieder an; Faulstich tat
                  den ersten Schritt. Tieck seinerseits, der eben damals den ›Gestiefelten Kater‹
                  gebracht hatte und mit dem ›Zerbino‹ und der ›Genoveva‹ in Vorbereitung war,
                  begriff leicht, was ihm Faulstich in den zu führenden Fehden wert sein mußte. Denn
                  er war kein gewöhnlicher Kritiker. Voller Phantasie verstand er es, den
                  Intentionen, selbst den Capricen der jungen Schule zu folgen. So halb aus
                  Interesse, halb aus Gutmütigkeit empfahl ihn Tieck an die Burgsdorffs nach
                  Ziebingen hin. Den Rest errätst du leicht.«</p>
               <p>»Doch nicht, gib wenigstens eine Andeutung.«</p>
               <p>»Gut. Er kam also nach Ziebingen, was im weiteren zur Bekanntschaft mit Graf
                  Drosselstein und bald auch zur Übersiedelung nach Hohen-Ziesar führte. Ich kann
                  mich dessen noch entsinnen. Es fiel ihm zu, in der etwas wüst gewordenen
                  Bibliothek wieder Ordnung zu schaffen, und der Graf, soweit ihm die Parkanlagen
                  Zeit ließen, ging ihm dabei zur Hand. Sie entdeckten alte, mit Initialen reich
                  ausgestattete Drucke, Ritterbücher aus dem Ende des 15. Jahrhunderts, die nun, im
                  Triumphe <pb/> nach Ziebingen geschafft, einen erwünschten Stoff zu neuen
                  Dichtungen und noch mehr zu kritischen Untersuchungen boten. Etwa um 1804 wurde
                  die zweite Lehrerstelle in Kirch-Göritz frei. Dem Familieneinfluß erwies es sich
                  nicht schwer, das Einrücken Faulstichs in diese Stelle durchzusetzen. Auch Tante
                  Amelie wirkte mit. Es ist eine halbe Sinekure, und die paar pflichtmäßigen
                  Lektionen fallen gelegentlich noch aus. Die Kirch-Göritzer müssen sich eben damit
                  trösten, daß jede Stunde, die ihrer Stadtschule verlorengeht, der romantischen
                  Schule zugute kommt.«</p>
               <p>»Ob es ihnen leicht wird?«</p>
               <p>»Ich zweifle. Von dem Brombeerstrauche kleinstädtischer Magistrate sind eben keine
                  Trauben zu pflücken. Auch läßt sich nicht behaupten, daß Doktor Faulstich es ihnen
                  leicht macht.«</p>
               <p>»Ist er hochmütig?«</p>
               <p>»Im Gegenteil, er hat das Verbindliche, das allen Leuten innewohnt, die ihren
                  ethischen Bedarf aus dem ästhetischen Fonds bestreiten. Er ist entgegenkommend,
                  immer scherzhaft, zum mindesten kein Spielverderber. Dem allerkrausesten Zeuge
                  hört er nicht nur geduldig zu, sondern antwortet auch mit einem verbindlichen,
                  Ihrem Gedankengange folgend, unter welchem Höflichkeitsdeckmantel er dann entweder
                  erst Klarheit in das Chaos bringt oder auch gerade das Gegenteil von dem Gesagten
                  festzustellen weiß. Seine Klugheit und seine affablen Manieren sind es, die ihn
                  halten, aber er gibt Anstoß durch sein Leben, seinen Wandel.«</p>
               <p>»So war sein Sich-heimisch-Fühlen im Hause der Rietz mehr als ein Zufall?«</p>
               <p>»Ich fürchte, daß es so ist. Er lebt mit einer kinderlosen Witwe, einer Frau von
                  beinahe Vierzig; du wirst sie sehen. Sie beherrscht ihn natürlich, und seine
                  gelegentlichen Bestrebungen, ihr den bescheidenen Platz anzuweisen, der ihr
                  zukommt, scheitern jedesmal.«</p>
               <p>»Aber warum schüttelt er sie nicht ab?«</p>
               <p>»Dazu gebricht es ihm an Kraft. Er ist eine schwache Natur. <pb/> Und in dieser
                  schwachen Natur steckt auch das, was mehr Anstoß gibt als alles andere: sein
                  Mangel an Gesinnung.«</p>
               <p>»Ist denn Kirch-Göritz der Ort, solche Schäden aufzudecken?«</p>
               <p>»Ein jeder Ort, möcht ich meinen, ist dazu geschickt. Und Faulstich hält nicht
                  hinterm Berge. Er bekennt sich offen zu seinem Sybaritismus, zu einer
                  allerweichlichsten Bequemlichkeit, die von nichts so weit ab ist als von
                  Pflichterfüllung und dem kategorischen Imperativ. Er kennt nur sich selbst. Alle
                  Großtat interessiert ihn nur als dichterischer Stoff, am liebsten in dichterischem
                  Kleide. Eine Arnold-von-Winkelried-Ballade kann ihn zu Tränen rühren, aber eine
                  Bajonettattacke mitzumachen würde seiner Natur ebenso unbequem wie lächerlich
                  erscheinen.«</p>
               <p>»Das teilt er mit vielen. Es ließe sich darüber streiten, ob das ein Makel
                  sei.«</p>
               <p>»Ich würde dir unter Umständen zustimmen können. Aber wenn wir im allgemeinen in
                  der Aufstellung unserer Grundsätze strenger sind als in ihrer Betätigung, so gibt
                  es doch auch Ausnahmen, wo wir dem Leben und seiner Praxis das nicht gestatten
                  mögen, was uns der Theorie nach noch als statthaft erscheint. Ich weiß es nicht,
                  aber ich gehe jede Wette ein, daß das, was in diesen Weihnachtstagen alle
                  preußischen Herzen bewegt hat, von unserem Kirch- Göritzer Doktor entweder einfach
                  als eine Störung empfunden oder aber gar nicht beachtet worden ist. Meine
                  Shakespeareausgabe gegen ein Uhlenhorstsches Traktätchen, daß er vom
                  neunundzwanzigsten Bulletin auch nicht eine Zeile gelesen hat. Eine Einladung nach
                  Guse oder Ziebingen erscheint ihm wichtiger als eine Monarchenzusammenkunft oder
                  ein Friedensschluß. Er ist in nichts zu Hause als in seinen Büchern; Volk,
                  Vaterland, Sitte, Glauben – er umfaßt sie mit seinem Verstande, aber sie sind ihm
                  Begriffs-, nicht Herzenssache. Heute als Kustos an die Pariser Bibliothek berufen,
                  würde er morgen bereit sein, den Kaiser zu apotheosieren. Und das empfinden die
                  kleinen Leute, unter denen er lebt. Es wird jetzt ein Landsturm geplant; über kurz
                  oder lang <pb/> werden auch die Kirch-Göritzer ausrücken. Doktor Faulstich aber?
                  Er wird ihnen nachsehen, lachen und zu Hause bleiben.«</p>
               <p>Während dieses Gespräches hatten die beiden Freunde den Punkt erreicht, wo der am
                  diesseitigen Abhang sich hinziehende Weg scharf ansteigend nach links hin
                  abzweigte. Sie folgten dieser Abzweigung und standen nach wenigen Minuten auf dem
                  Rücken des Hügels, den Fluß zu Füßen, jenseits desselben das neumärkische
                  Flachland. Alles in Schnee begraben, die vereinzelten Terrainwellen in der weißen
                  Fläche verschwindend. Auch das Oderbett hätte sich kaum erkennen lassen, wenn
                  nicht inmitten desselben eine durch den Schnee hin abgesteckte Kiefernallee die
                  Fahrstraße von Frankfurt bis Küstrin und dadurch zugleich den Lauf des Flusses
                  bezeichnet hätte. Rechtwinklig auf diese Fahrstraße stießen Queralleen, welche die
                  Kommunikation zwischen den Ufern unterhielten und in ihrer Verlängerung, hüben wie
                  drüben, auf spärlich verstreute Ortschaften zuführten.</p>
               <p>Die Freunde freuten sich des Bildes, das, trotz seiner Monotonie, nicht ohne Reiz
                  und einen gewissen Anflug von Feierlichem war.</p>
               <p>»Wozu gehört der Kirchturm dort drüben, mit den großen Schallöchern und der
                  goldenen Kugel?« fragte Tubal.</p>
               <p>»Zu Dorf Ötscher.«</p>
               <p>»Ötscher! Ich habe nie den Namen gehört.«</p>
               <p>»Und doch spielt er in unserer Geschichte mit. Zwei Meilen weiter südlich liegt
                  Kunersdorf, wo Kleist fiel und der König in die historischen, besser als alles
                  andere den Moment schildernden Worte ausbrach: ›Will denn keine verdammte Kugel
                  mich treffen?‹ Hierher, auf Ötscher zu, zogen sich an jenem furchtbaren Augusttage
                  die zu Compagnien zusammengeschmolzenen Regimenter, Schiffbrücken wurden
                  geschlagen, und angesichts der Stelle, wo wir jetzt stehen, gingen die Trümmer
                  über den Strom. Das hier zur Rechten ist Reitwein. Ein Finkensteinsches Gut. Dort
                  übernachtete der König.«</p>
               <p>»Es ist ein Glück, dich hier als Führer zu haben. Ich hätte dieser Öde jeden
                  historischen Moment abgesprochen.«</p>
               <p>
                  <pb/> »Sehr mit Unrecht. Es liegen hier Schätze auf Schritt und Tritt. Da ist
                  Kriegsrat Wohlbrück drüben in Frankfurt, der seit Jahren die Materialien zu einer
                  Historie des Landes Lebus sammelt und auch in Hohen-Vietz war, um unser Gutsarchiv
                  zu durchforschen. Den hab ich mehr als einmal sagen hören: ›Es fehlt uns nicht an
                  Geschehenem, kaum an Geschichte, aber es fehlt uns der Sinn für beides.‹ Sieh hier
                  drüben den verschneiten Häuserkomplex hinter den zwei schiefstehenden Weiden, das
                  ist unser Ziel: Kirch-Göritz dans toute sa gloire. Es wirkt in diesem Augenblick
                  wie eine Biberkolonie, und doch war es ein Bischofssommersitz, der im 14.
                  Jahrhundert eine berühmte Wallfahrtskirche und im 16. Jahrhundert ein noch
                  berühmteres Marienbild hatte. Aber laß uns jetzt hinabsteigen; der Habicht, der
                  dort fliegt, ist außer unserm Bereich. Ich erzähle dir, so du noch hören willst,
                  von dem Neste vor uns. Ohnehin spielen deine Landsleute vom Bug und der Weichsel
                  her eine Rolle in der Geschichte der Stadt.«</p>
               <p>»Da bin ich neugierig«, erwiderte Tubal, »obschon ich fürchten muß, wenig
                  Schmeichelhaftes zu hören.«</p>
               <p>»Die Geschichte schmeichelt selten«, fuhr Lewin fort, während sie den Weitermarsch
                  antraten.</p>
               <p>»Eines Tages, ich gehe gleich in medias res, waren also die Polen im Lande,
                  sengten, plünderten, mordeten und brachen auch in ein Frauenkloster ein, das
                  hierherum in unmittelbarer Nähe von Kirch-Göritz stand. Eine der Nonnen, hart
                  bedrängt, suchte sich des Anführers zu erwehren und beschwor ihn, von ihr
                  abzulassen; sie wollte ihn zum Dank dafür einen festmachenden Spruch lehren,
                  dessen Kraft er gleich an ihr selbst erproben möge. Dabei kniete sie nieder. Er
                  war auch bereit und hieb zu, während sie die Worte sprach: ›In manus tuas, Domine,
                  commendo spiritum meum.‹ Er aber entsetzte sich, als der Kopf vom Rumpfe
                  flog.«</p>
               <p>Eine kurze Pause folgte; dann sagte Tubal: »Aber du sprachst von noch anderen
                  Vorkommnissen; laß mich hoffen, daß sie polnischer Zutat entbehren.«</p>
               <p>»Es ist so. Was noch übrigbleibt, mag als ein neumärkisches <pb/> Lokalereignis
                  gelten; doch eben deshalb ist es um so niederdrückender. Die Kirch-Göritzer hatten
                  ein wundertätiges Marienbild, und dieses Bild schien allen Wechsel der Zeiten
                  überdauern zu sollen. Auf allen Nachbarkanzeln wurde bereits die neue Lehre
                  gepredigt, aber die Pilgerfahrten zur Heiligen Jungfrau, deren Mirakel in der
                  eigenen Bedrängnis mit jedem Tage stiegen, hatten ihren Fortgang. Das reizte den
                  Küstriner Markgrafen, einen scharfen Protestanten, und er gab dem Landeshauptmann
                  im Lande Sternberg, Hansen von Minkwitz, Befehl, dem Unfug ein Ende zu machen.
                  Minkwitz nahm zehn oder zwölf bewaffnete Bürger aus der Stadt Drossen, die zu
                  seinem Amtsbezirke gehörte, und rückte mit ihnen auf Kirch-Göritz zu. Er gedachte
                  das wundertätige Bildnis einfach wegzuführen. Aber es kam anders, als er wollte
                  und sollte. Unterwegs schlossen sich nämlich in allen Dörfern, die er zu passieren
                  hatte, Bauern und loses Gesindel seinem Zuge an, Leute, die noch vor wenig Wochen
                  zu der allerheiligsten Jungfrau gebetet und ihre Pfennige zu den Füßen derselben
                  niedergelegt hatten. Und so brachen denn in Folge dieses Zuwachses die
                  Minkwitzschen nicht mehr als ein geordneter Trupp, sondern als ein wilder,
                  regelloser Haufen in Kirch-Göritz ein. Das Muttergottesbild sah sich von seinem
                  Standort gestürzt und in unzählige Stücke zerschlagen; alles andere: Chorstühle,
                  Schnitzereien, Trauerfahnen, wurden zerrissen oder verbrannt. In die
                  goldgestickten Meßgewänder aber, die diesem Schicksal entgingen, kleidete sich
                  schließlich das Gesindel und zog in wüstem Mummenschanz in seine Dörfer heim. Der
                  ganze Hergang ein zum Himmel schreiendes Beispiel, wie wenig in den sogenannten
                  Glaubenszeiten der Glaube und wieviel die Roheit bedeutet. Nur daß sich jener in
                  diese kleidet, gilt als ein Beweis seiner Kraft.«</p>
               <p>»Ich möchte dir widersprechen,« warf Tubal ein.</p>
               <p>»Es sei darum, aber nicht jetzt. Dies hier vor uns sind die ersten Häuser von
                  Kirch-Göritz. Und wir können nicht mit Pro und Contras auf den Lippen bei Doktor
                  Faulstich eintreten.«</p>
               <pb/>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Elftes Kapitel</head>
               <head>Doktor Faulstich</head>
               <p>Kirch-Göritz bestand aus wenig mehr als einer einzigen Straße, die sich in ihrer
                  Mitte zu einem schmalen, ein unregelmäßiges Dreieck bildenden Platz mit nur zwei
                  Eckhäusern erweiterte.</p>
               <p>In einem dieser Eckhäuser wohnte Doktor Faulstich. Es war zweistöckig, mit hohem
                  Dach, und gehörte der verwitweten Seilermeister Griepe, die den oberen Stock an
                  den städtischen Rentamtmann, das nach dem Platze zu gelegene Frontzimmer des
                  Erdgeschosses aber an unsern Doktor vermietet hatte. Eine dahintergelegene große
                  Stube mit Kochgelegenheit bewohnte sie selbst. Was sonst noch an Raum da war,
                  wurde durch einen tiefen, gewölbten Torweg eingenommen, in dem die harkenartigen
                  Ständer aus der ehemaligen Reeperbahn des seligen Meisters umherstanden.</p>
               <p>Tubal und Lewin traten in den Torweg ein und klopften an der ersten Türe links.
                  Eine etwas hohe, aber im übrigen wohlklingende Stimme rief »Herein«, und im
                  nächsten Augenblicke sahen sich unsre Freunde durch Doktor Faulstich begrüßt.
                  Dieser entsprach auch in seiner äußern Erscheinung dem Charakterbilde, das Lewin
                  von ihm entworfen hatte. Trotz allem auf den ersten Blick Gewinnenden fehlte doch
                  mancherlei, und wenn das leicht gekräuselte Haar und mehr noch die weiten
                  Beinkleider aus großkariertem Stoff ihn momentan als einen Mann erscheinen ließen,
                  der sich daran gewöhnt hatte, mit seinen Ansprüchen nicht allzuweit hinter denen
                  seines Umgangs zurückzubleiben, so kennzeichneten ihn daneben Chemise und Halstuch
                  und ein hervorguckender Rockhängsel als einen Gelehrten von herkömmlicher Parure,
                  der gegen Sauberkeit au fond gleichgiltig und für seine Scheineleganz zu größerem
                  Teile dem Drosselsteinschen Schneider verpflichtet war.</p>
               <p>Er schien aufrichtig erfreut, die beiden jungen Männer zu sehen, und über die
                  Lobsprüche leicht hinweggehend, die Tubal seiner kritischen Arbeit spendete, schob
                  er mit einem scherzhaften: <pb/> »Sie sehen, meine Herren, die Ehrenplätze des
                  Sofas sind okkupiert«, zwei Binsenstühle an den Tisch. Tubal und Lewin nahmen
                  Platz, während der Doktor, über den eine gewisse Wirtlichkeitsunruhe gekommen war,
                  an die Hinterwand des Zimmers eilte und, mit dem Zeigefingerknöchel dreimal
                  anklopfend, zugleich aufmerksam hinhorchte, ob drinnen auch geantwortet würde.
                  Diese Antwort schien nicht auszubleiben, denn er kehrte, befriedigten Gesichts, zu
                  seinen Gästen zurück, ihnen mit einem Anfluge von Ironie mitteilend, daß er vor
                  kaum einer Stunde einen Brief »aus dem Cabinet der Frau Gräfin Tante« erhalten
                  habe. Inhalt: Silvestergeheimnis.</p>
               <p>Es würde nun dies Geheimnis das Schicksal aller ähnlichen gehabt haben, nämlich
                  das, sofort ausgeplaudert zu werden, wenn nicht das Erscheinen der Witwe Griepe
                  das eben anhebende Gespräch unterbrochen hätte.</p>
               <p>Sie blieb in der Türe stehen, und mit einem Ausdruck äußerster Respektlosigkeit,
                  der ihr im übrigen immer noch hübsches Gesicht geradezu verzerrte, auf den
                  ängstlich dasitzenden Doktor blickend, faßte sie alles, was sie zu sagen hatte, in
                  ein halb wie Frage und halb wie Drohung klingendes »Na?« zusammen.</p>
               <p>»Ich möchte Sie bitten, Frau Griepe, uns etwas Obst zu bringen, Hasenköpfe,
                  Reinetten. Auch Brot und Butter.«</p>
               <p>»Gleich?«</p>
               <p>»Ich bitte darum. Die Herren kommen von Hohen-Vietz.«</p>
               <p>Diese halbe Vorstellung blieb nicht ohne Wirkung, um so weniger, als Tubal, der es
                  in solchen Dingen nicht genau nahm, sich leise gegen Frau Griepe verbeugte. Eine
                  solche Huldigung gefiel ihr, noch mehr der, von dem sie ausging. Sie musterte
                  Tubal mit jenem Blicke suchenden Einverständnisses, in dem, je nachdem, der Reiz
                  und die Widerwärtigkeit Frau Griepes lag, und verschwand dann wieder, ohne die
                  Bitte Faulstichs mit einem »Ja« oder »Nein« beantwortet zu haben.</p>
               <p>Lewin hatte sich inzwischen in dem Zimmer des Doktors umgesehen, das, trotzdem es
                  geräumig war, nirgends Platz und Bequemlichkeit bot. Eine durchweg vorherrschende
                  Unordnung <pb/> sorgte noch mehr dafür als Anhäufung von Sachen. Auf dem runden
                  Tische nicht bloß, auch auf den umherstehenden Stühlen lagen Schulhefte, Bücher,
                  samt ganzen Haufen durcheinandergeschobener belletristischer Blätter; am buntesten
                  aber sah es auf dem mit einem häßlichen blaugelben Wollenstoff überzogenen
                  Schlafsofa aus, in betreff dessen Faulstich selbst mit nur allzu großem Rechte
                  bemerkt hatte, »daß die Ehrenplätze bereits okkupiert seien«. Nur von der einen
                  Ecke zu sprechen, die sich unmittelbar neben dem Arbeitsschemel des Doktors
                  befand, so stand hier ein rasch beiseite gesetztes Kaffeegeschirr, auf dessen
                  porzellanener Zuckerdose ein eleganter Einband lag. Ein Teelöffel als Lesezeichen.
                  Erfreulicher als dieser Anblick wirkte die kleine Porträtgalerie, die sich in zwei
                  Reihen über der Sofalehne hinzog. Es waren Silhouetten, Kalenderbilder, auch in
                  Gips- oder Wachsmasse ausgeführte Medaillons, die Lewin in ihrer Gesamtheit leicht
                  als einen Parnaß unsrer romantischen Dichter erkannte; die Köpfe der beiden
                  Schlegel, auch Tiecks und Wackenroders traten ihm in ihren charakteristischen
                  Profilen entgegen.</p>
               <p>Er begann eben Fragen an einzelne dieser Bildnisse zu knüpfen und hörte mit
                  Interesse, wie schwer es dem Doktor geworden sei, diese Sammlung in einiger
                  Vollständigkeit herzustellen, als ein Klappern draußen an der Tür die Rückkehr der
                  Frau Griepe verkündete. Sie trat ein, setzte den erbetenen Imbiß, in dem sie einen
                  Haufen Blätter mit wenig verhehlter Geringschätzung beiseite schob, auf den Tisch,
                  ließ dem »Na!« und »Gleich?« ihrer ersten Unterhaltung jetzt ein ebenso kurzes
                  »So« folgen und entfernte sich dann wieder mit jenem überheblichen
                  Gesichtsausdruck, den gewöhnliche Frauen ihrem Opfer nie schenken, wenn sie aus
                  diesem oder jenem Grunde ihre Herrscherrolle momentan mit der Rolle einer Dienerin
                  vertauschen müssen.</p>
               <p>Faulstich atmete auf, er begann ungezwungener zu werden und bat, das durch Frau
                  Griepe Gebotene nunmehr seinerseits auf eine höhere Stufe heben zu dürfen. »Ich
                  bin nicht immer so gut assortiert wie heute«, damit trat er an einen Wandschrank
                  <pb/> heran, der, einem scheuen Blicke nach, womit Lewin darüber hinstreifte, ein
                  Chaos zu enthalten schien, und kam mit einem ganzen Arm voll Sachen, die sich
                  unschwer als Ziebinger Weihnachtsreste erkennen ließen, an den Tisch zurück. Es
                  waren Gewürzkuchen, Marzipan und eine langhalsige Flasche Maraschino in
                  Originalverpackung. Auch ein paar Spitzgläser brachte er herbei. Aber die Flasche
                  Maraschino war noch nicht geöffnet. Er nahm also ein kleines Karlsbader Messer, an
                  dem sich ein Duodezkorkenzieher befand, und begann zu ziehen. Was sich voraussehen
                  ließ, geschah; der Korkzieher brach ab. Was tun? Er warf das Messerchen beiseite,
                  besann sich einen Augenblick und sagte in ziemlich bedrückt klingendem Scherz:
                  »Ich habe nicht den Mut, die Sanftmut Frau Griepens auf eine letzte Probe zu
                  stellen; wir müssen es anderweitig versuchen.« Und damit setzte er zwei Gabeln ein
                  und zog den Kork.</p>
               <p>Er nahm nun selber Platz, füllte die Spitzgläschen und stieß an auf das Haus
                  Hohen-Vietz. Lewin dankte, Tubal aber ließ »die Arten und Unarten der romantischen
                  Schule« leben. Faulstich war nicht unempfindlich gegen solche Huldigungen und
                  lächelte, während Tubal fortfuhr: »Ich möchte sie, geehrtester Herr Doktor, nicht
                  gern in ein Gespräch über Dinge verwickeln, die Sie abgetan haben; Roma locuta
                  est; aber eine Bemerkung müssen Sie meiner Neugier zugute halten: Haben Sie nicht
                  Novalis auf Kosten Tiecks überschätzt?«</p>
               <p>»Ich glaube kaum«, erwiderte Faulstich, der klug genug war, in solchen Fragen eher
                  ein Lob als einen Tadel zu erblicken; »ich zweifle, daß er überhaupt überschätzt
                  werden kann. Die ganze Schule vereinigt sich in dieser Anschauung.«</p>
               <p>»Auch Tieck? Empfindet er nicht solche Neudekretierung als eine
                  Thronentsetzung?«</p>
               <p>»Keineswegs, denn diese Neudekretierung geht von ihm selber aus. Er ist Kritiker
                  genug, um in Novalis die Spitze, die Vollendung der Schule zu erkennen, und er ist
                  ehrlich genug, das, was er erkannt hat, auch auszusprechen. Selbst auf die Gefahr
                  hin einer Einbüße eigenen Ruhms.«</p>
               <p>
                  <pb/> »Es überrascht mich doch, einer so besonderen Wertschätzung des zu früh
                  Verstorbenen zu begegnen.«</p>
               <p>»Es bedarf einer besonderen Organisation und kaum minder einer allereingehendsten
                  Beschäftigung mit ihm, um diesem Lieblinge der Schule, wie ich ihn nennen darf,
                  folgen zu können. Es gilt dies gleichmäßig von seiner Prosa wie von seinen Versen.
                  Aus dem Eindruck, den ich von Ihnen gewonnen habe, möchte ich schließen, daß Sie
                  von Natur darauf angelegt sind, in die kleine Novalisgemeinde einzutreten. Und das
                  ist die Hauptsache. Ob andererseits Ihre Beschäftigung mit dem Dichter Ihrer
                  natürlichen Beanlagung für ihn entspricht, ist mir nach mehr als einmal gemachter
                  Erfahrung zweifelhaft. Ich weiß, wie selbst die zurückschrecken, die sich zu ihm
                  bekennen.«</p>
               <p>»Ich kann keinen Grund haben«, erwiderte Tubal in guter Laune, »mit dem Bekenntnis
                  einer Oberflächlichkeit zurückzuhalten, die hier wie überall eine meiner Tugenden
                  ist. Ich kenne seinen Roman und zwei, drei Lieder: ›Kreuzgesang‹, ›Bergmannslied‹
                  und ähnliches.«</p>
               <p>»Das alles zählt zu seinen besten Sachen, aber das Beste ist nicht immer das
                  Eigentlichste. Als ich Sie die Straße heraufkommen sah, las ich eben in seinen
                  ›Hymnen der Nacht‹. In diesen Hymnen haben Sie den eigentlichen Novalis.«</p>
               <p>Bei diesen Worten nahm der Doktor das elegant gebundene Buch, legte das sonderbare
                  Lesezeichen ohne jeglichen Anflug von Verlegenheit beiseite und sagte dann, in dem
                  Buche blätternd: »Ich widerstehe nicht der Versuchung, Sie mit einigem, was ich
                  eben las, bekannt zu machen.«</p>
               <p>Die beiden Freunde stimmten zu.</p>
               <p>»Wir gelten ohnehin als Fanatiker«, fuhr Doktor Faulstich fort, »und wo Fanatismus
                  ist, da ist auch Proselytenmacherei. Übrigens werde ich Ihre Geduld nicht
                  ungebührlich in Anspruch nehmen. Es sind nur wenige Zeilen, eine Verherrlichung
                  des Griechentums.« Faulstich las nun die betreffende Stelle und sagte dann, als er
                  das Buch wieder aus der Hand legte: »Ist die griechische Welt je tiefer und
                  treffender geschildert <pb/> worden? Und doch ist diese Schilderung nur der
                  Übergang zu der des Christentums. Hören Sie selbst. Jede Zeile berührt mich wie
                  Musik.«</p>
               <p>Und er las weiter: »Im Volke, das vor allem verachtet und der seligen Unschuld der
                  Jugend trotzig fremd geworden war, erschien mit nie gesehenem Angesicht die neue
                  Welt: in der Armut dichterischer Hütte der Sohn der Ersten Jungfrau und Mutter.
                  Einsam entfaltete sich das himmlische Herz zu einem Blütenkelch allmächtiger
                  Liebe, und mit vergötternder Inbrunst schaute das weissagende Auge des blühenden
                  Kindes auf die Tage der Zukunft, unbekümmert über seiner Tage irdisches
                  Schicksal.«</p>
               <p>Der Doktor schwieg. Die beiden Freunde waren aufmerksam gefolgt. »Sonderbar«,
                  bemerkte Lewin, »es berührt mich fast, als ob diese Schilderung, innig, wie sie
                  ist, hinter der Verherrlichung des Griechentums zurückbliebe. Sollte die Sehnsucht
                  nach der Schönheit doch mächtiger in ihm gewesen sein als die christliche Legende
                  samt dem Glauben an sie?«</p>
               <p>Tubal schüttelte den Kopf. »Ich empfand Ähnliches wie du, ohne dieselben Schlüsse
                  daraus zu ziehen. Die Kraft des poetischen Ausdrucks ist kein Gradmesser für
                  unsere Überzeugungen, kaum für unsere Neigungen. Ich liebe den Frieden de tout mon
                  cœur, aber ich würde den Krieg um vieles leichter und besser verherrlichen können.
                  Alles Farbige hat den Vorzug, und selbst schwarz ist besser als weiß. Nimm unsere
                  frömmsten Dichter; wo Gott und der Teufel geschildert werden, kommt jener zu
                  kurz.«</p>
               <p>Doktor Faulstich, der, während Tubal sprach, in dem Novalisbande, als ob er eine
                  bestimmte Stelle suche, weitergeblättert hatte, nickte zustimmend und bemerkte
                  dann zu Lewin: »An einer allerintimsten Stellung unseres Dichters zum Christentum
                  ist gar nicht zu zweifeln; käme dieser Zweifel aber auf, so wär es mit seiner
                  Suprematie vorbei. Denn es ist nicht das Maß seines Talents, sondern das Maß
                  seines Glaubens, was ihn über die Mitstrebenden erhebt. Es gibt auch eine Romantik
                  des Klassischen, aber die wirkliche Wiege und Wurzel <pb/> alles Romantischen ist
                  eben die Krippe und das Kreuz. In allem Schönsten, was die Schule geschaffen hat,
                  klingt laut oder leise dieser Ton, und die Sehnsucht nach dem Kreuz ist ihr
                  Kriterium. In keinem ist diese Sehnsucht lebendiger als in Novalis; er hat sich in
                  ihr verzehrt. Sie nannten schon den, Kreuzgesang; aber schöner, tiefer sind die
                  Strophen, mit denen er die Reihe seiner, Geistlichen Lieder einleitet. Ich lese
                  Ihnen wenige Zeilen, weil ich der Wirkung derselben sicher bin:</p>


               <l>Wenn alle untreu werden,</l>
               <l>So bleib ich dir doch treu,</l>
               <l>Daß Dankbarkeit auf Erden</l>
               <l>Nicht ausgestorben sei.</l>
               <l>Für mich umfing dich Leiden,</l>
               <l>Vergingst für mich in Schmerz,</l>
               <l>Drum geb ich dir mit Freuden</l>
               <l>Auf ewig dieses Herz.</l>



               <l>Oft muß ich bitter weinen,</l>
               <l>Daß du gestorben bist</l>
               <l>Und mancher von den Deinen</l>
               <l>Dich lebenslang vergißt.</l>
               <l>Von Liebe nur durchdrungen,</l>
               <l>Hast du soviel getan,</l>
               <l>Und doch bist du verklungen,</l>
               <l>Und keiner denkt daran.«</l>


               <p>Der Doktor, der mit von Zeile zu Zeile bewegter werdender Stimme gelesen hatte,
                  legte das Buch aus der Hand; dann fuhr er fort: »Seit dem Paul Gerhardtschen. "O
                  Haupt voll Blut und Wunden" ist nichts Ähnliches in deutscher Sprache gedichtet
                  worden. Und das in diesen Zeiten des Abfalls!«</p>
               <p>Tubal war bewegter als Lewin; er stand, wie alle sinnlichen Naturen, unter dem
                  Einfluß schwärmerischen, sich anschmiegenden Wohllauts. So schritt er, während
                  Lewin das Novalisgespräch mit dem Doktor fortsetzte, auf das Fenster zu und <pb/>
                  sah hinaus. Schulknaben und Mädchen in Pelzmützen und roten Kopftüchern kamen die
                  Straßen herauf und jagten und schneeballten sich, während Hunderte von
                  körnerpickenden Sperlingen hin und her hüpften, aber nicht aufflogen. Alles atmete
                  Frieden, und Tubal, der im Anblick dieses Bildes das in einer stillen Sehnsucht
                  wurzelnde Glück, wie es die Vorlesung der Strophen in ihm angeregt hatte, wachsen
                  fühlte, trat jetzt vom Fenster her wieder an den Tisch und sagte, dem Doktor die
                  Hand reichend: »Wie beneide ich Ihnen diese Kirch-Göritzer Tage! Statt des
                  Geschwätzes der Menschen Schönheit und Tiefe, und dabei die Muße, sich beider zu
                  freuen.«</p>
               <p>Lewin schwieg. Er kannte zuviel von der Wirklichkeit der Dinge, um zuzustimmen;
                  der Doktor aber antwortete: »Sie haben aus dem Becher nur gekostet; wer ihn leeren
                  muß, der schmeckt auch die Hefen. Und immer höher steigt dieser Bodensatz. Die
                  Bücher sind nicht das Leben, und Dichtung und Muße, wieviel glückliche Stunden sie
                  schaffen mögen, sie schaffen nicht das Glück. Das Glück ist der Frieden, und der
                  Frieden ist nur da, wo Gleichklang ist. In dieser meiner Einsamkeit aber, deren
                  friedlicher Schein Sie bestrickt, ist alles Widerspruch und Gegensatz. Was Ihnen
                  Freiheit dünkt, ist Abhängigkeit; wohin ich blicke, Disharmonie: gesucht und nur
                  geduldet, ein Klippschullehrer und ein Champion der Romantik, Frau Griepe und
                  Novalis.«</p>
               <p>Er war aufgesprungen und durchschritt das Zimmer. »Beneiden Sie mich nicht«, fuhr
                  er fort, »und vor allem hüten Sie sich vor jener Lüge des Daseins, die überall da,
                  wo unser Leben mit unserem Glauben in Widerspruch steht, stumm und laut zum Himmel
                  schreit. Denn auch unsere Überzeugungen, was sind sie anders als unser Glauben!
                  Die Wahrheit ist das Höchste, und am wahrsten ist es: ›Selig sind, die reinen
                  Herzens sind.‹«</p>
               <p>In diesem Augenblick erschien Frau Griepe, die sich mittlerweile geputzt hatte,
                  wieder in der Tür, vorgeblich, um anzufragen, ob sie abräumen solle, in Wahrheit
                  aus Neugier und <pb/> um sich zu zeigen. Ein Blick innerlichsten Grolls schoß aus
                  dem Auge des Doktors, aber sofort seine Kette fühlend, verzog er den Mund zu einem
                  freundlichen Lächeln. »Wir wollen es lassen, Frau Griepe, später.« Damit zog sich
                  die Frau wieder zurück.</p>
               <p>Die Freunde hatten sich erhoben; der Nachmittag, der längst angebrochen war,
                  mahnte zum Aufbruch. Tubal reichte dem Doktor die Hand. »Ich habe nichts überhört;
                  Ihre Worte haben mich mehr getroffen, als Sie wissen können.« Der Doktor lächelte:
                  »Novalis ist tief, aber das Evangelienwort, das ich eben gesprochen, ist tiefer.
                  Ihnen, lieber Lewin, hat es die Mutter Natur ins Herz geschrieben. Und das ist die
                  Gewähr Ihres Glücks.«</p>
               <p>»Berufen wir es nicht.«</p>
               <p>Damit trennte man sich. Frau Griepe stand in der Haustür, um noch einen Gruß zu
                  erhaschen, und sah beiden Freunden nach und lachte.</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Zwölftes Kapitel</head>
               <head>Helpt mi!</head>
               <p>Es schlug vier Uhr, als Lewin und Tubal den Ausgang des Städtchens erreicht
                  hatten. Wenige Minuten später standen sie am Fluß, und Tubal, der um einige
                  Schritte voraus war, schickte sich bereits an, das steile Ufer hinabzusteigen, als
                  ihm Lewin zurief:</p>
               <p>»Laß uns diesseits bleiben; wir haben hier die große Straße; erst zwischen
                  Neu-Manschnow und dem Entenfang bei der Hohen-Vietzer Kirche gehen wir über.«</p>
               <p>Tubal war es zufrieden. Sie schritten also eine kleine Strecke zurück, bis sie
                  wieder inmitten einer breiten Pappelallee standen, die sie schon fünf Minuten
                  vorher passiert hatten, und nahmen nun ihre Richtung erst auf die Rathstocker
                  Fähre, dann auf das Neu-Manschnower Vorwerk zu. Dieses Vorwerk war halber Weg. Die
                  Straße stieg ein wenig an. Als sie den<pb/> höchsten Punkt erreicht hatten, wurden
                  sie des Hohen-Vietzer Kirchturms ansichtig, der auf dem jenseitigen Höhenzuge wie
                  ein Schattenriß im Abendrote stand.</p>
               <p>»In einer Viertelstunde ist es dunkel«, sagte Lewin, »aber wir können nicht
                  fehlen; jetzt haben wir die Straße, nachher den Turm.«</p>
               <p>Tubal nickte zustimmend; aber ihn gesprächig zu machen wollte nicht gelingen. Die
                  Worte des Doktors von dem »Widerspruch des Daseins« klangen ihm noch im Ohr. Er
                  war dadurch in seinem eigenen Tun getroffen worden, mehr noch in dem seines
                  Hauses, und es lag ihm jetzt daran, die kaum angeknüpfte Bekanntschaft
                  fortzusetzen. Denn so verhaßt ihm alles Predigerhafte war, so tief ergriffen ihn
                  Sätze, die reicher Erfahrung und einer lebhaften Empfindung entstammten.</p>
               <p>In Schweigen schritten die beiden Freunde nebeneinander her. Als sie die
                  Rathstocker Fähre zur Linken hatten, war es Abend geworden. Einzelne Sterne
                  blinkten matt; in nördlicher Richtung begann ein Flimmern.</p>
               <p>»Ich glaube, der Mond geht auf«, bemerkte Lewin und wies auf eine helle Stelle am
                  Horizont.</p>
               <p>»So früh?« fragte Tubal gleichgültig und sah sich weiterer Antwort überhoben, als
                  ein Fuhrwerk herankam, dessen eiserne Kummetkette an der Deichsel klapperte. Lewin
                  kannte das Gespann. Es war der Manschnower Müller.</p>
               <p>»Guten Abend, Kriele. Noch so spät bei Weg?«</p>
               <p>»Man möt wull, Jungeherr. Se weten doch, wat mi passiert is?«</p>
               <p>»Ja, Kriele. Aber wie konnten Sie nur das Geld unter die Diele legen?«</p>
               <p>»Ja, wo sull man mit hen, Jungeherr? De een Stell is so schlecht as de anner. Ick
                  will nu nach Frankfurt. Morgen is Verhür.«</p>
               <p>»Haben sie denn die Diebe schon?«</p>
               <p>»Se hebben Paschken und Pappritzen, de immer mit dabi sinn. Awers Justizrat
                  Turgany hett mi seggen laten: Pappritz is et nich. Un mit Paschken wihr et ooch
                  man soso.«</p>
               <p>
                  <pb/> »Nun, der Justizrat versteht es. Grüßen Sie ihn von mir.«</p>
               <p>»Dat will ick utrichten, Jungeherr.«</p>
               <p>Dabei zogen die Pferde wieder an; eine Weile noch hörte man das »Hü!« des Müllers
                  und dazwischen das Klappern der Kette. Dann war alles still.</p>
               <p>Die Begegnung, unbedeutend, wie sie war, hatte wenigstens die Zungen gelöst. Tubal
                  fragte, Lewin antwortete, und ehe noch die Familiengeschichte des Manschnower
                  Müllers auserzählt war, hielten die beiden Freunde dem Hohen-Vietzer Kirchturm
                  gegenüber. Sie bogen aus der Pappelallee links ein, folgten dem Laufe eines
                  kleinen Grabens, der sich quer durch den Acker hinzog, und standen alsbald an
                  einem verschneiten, wohl zwanzig Fuß hohen Abhang, von dem aus nicht Weg, nicht
                  Steg zum Fluß hinunterführte. Zum Gehen war es zu steil, zum Springen zu hoch, so
                  legten sich beide, Gewehr im Arm, auf den Rücken, drückten die Schultern fest in
                  den Schnee und glitten glücklich hinab; freilich nur, um sofort vor einem neuen,
                  ernsteren Hindernisse zu stehen. Inmitten des Flusses ließen sich einige Tannen
                  erkennen, die den Längsweg bezeichneten, aber kein Querweg, der sie bequem und
                  sicher hinübergeführt hätte, war abgesteckt. Tubal schritt nichtsdestoweniger
                  vorwärts und wollte den Übergang forcieren, Lewin indessen litt es nicht.</p>
               <p>»Du weißt nicht, was du tust. Es ist das diffizilste Terrain. Überall hier herum
                  hauen die Dorfleute große Löcher in das Eis; es ist der Fische halber, die sonst
                  ersticken. Das überfriert dann, und der Schnee verweht die Stelle.«</p>
               <p>»Aber wir müssen doch hinüber?«</p>
               <p>»Gewiß, aber nicht hier. Es wird sich schon ein Übergang finden. Tausend Schritte
                  weiter aufwärts zweigt der Weg nach Gorgast ab. Das ist ein großes Dorf. Ich bin
                  sicher, daß sich die Gorgaster eine Kuschelallee abgesteckt haben.«</p>
               <p>»Nun gut, du mußt es wissen.« Damit schritten beide Freunde am Flußrande hin, der
                  oft so schmal war, daß sie mit ihrer rechten Schulter den verschneiten Abhang
                  streiften. Es war ein beschwerlicher Marsch, namentlich da, wo große Büsche <pb/>
                  von rotem Werft überklettert werden mußten. Endlich sahen sie die Stelle, von wo
                  rechts her eine Art von Hohlweg einmündete und sich quer über das Eis hin
                  fortsetzte.</p>
               <p>»Unsere Irrfahrt geht zu Ende«, sagte Lewin und wies auf die schwarzen,
                  zugespitzten Bäumchen, die sich bald deutlich als die Kiefern einer Querallee
                  erkennen ließen. »Mehr Abenteuer, als ich zwischen Kirch-Göritz und Hohen-Vietz
                  für möglich gehalten hätte.«</p>
               <p>»Und wir sind noch nicht im Hafen«, antwortete Tubal. »Ein russischer Feldzug im
                  kleinen. Schnee, Schnee. Et voilà la Bérésine.«</p>
               <p>»Aber keine Brücke wird unter uns zusammenbrechen«, scherzte Lewin und bog
                  voranschreitend in den abgesteckten Weg ein, der die beiden Freunde nach wenigen
                  Minuten schon sicher ans andere Ufer führte.</p>
               <p>Hier überstiegen sie zunächst den Höhenzug, auf dem sie nach links hin den
                  Hohen-Vietzer Kirchturm noch eben erkennen konnten, und sahen sich nun gezwungen,
                  dieselben tausend Schritte wieder zurückzumarschieren, die sie jenseits über das
                  Ziel hinausgeschossen waren. Der Weg, den sie noch zu machen hatten, lief zunächst
                  am Fuße des Hügels, dann aber an einer dichten Schonung hin, von deren vorderstem
                  Eck aus höchstens ein Büchsenschuß bis zum Dorf und kaum halb so weit bis zur
                  großen, von Küstrin auf Hohen-Vietz zu fahrenden Straße war.</p>
               <p>Als sie dies Eck erreicht hatten, hörte der Fußpfad auf oder war in der Dunkelheit
                  nicht mehr bestimmt zu erkennen. Sie schwankten noch, ob sie wieder umkehren und
                  den eben aufgegebenen Hügelweg (der sie in den Hohen-Vietzer Park geführt haben
                  würde) fortsetzen oder, quer über den verschneiten Sturzacker hin, auf die große
                  Straße zuschreiten sollten, als sie zwischen den Bäumen eben dieser Straße
                  verschiedener Gestalten ansichtig wurden. Gleich darauf war es auch, als ob
                  gesprochen, und im nächsten Augenblicke schon, als ob ein heftiger Streit geführt
                  würde. Plattdeutsche Schmäh- und Scheltworte ließen sich unterscheiden, <pb/> bis
                  es plötzlich über das Feld hin zu ihnen herüberklang: »He wörgt mi; helpt mi,
                  Lüd!«</p>
               <p>Lewin, um sich rascher zurechtzufinden, war auf einen großen Feldstein gesprungen,
                  der hier am Waldeck als Grenzzeichen lag, aber schwerlich würd er seinen Zweck
                  erreicht haben, wenn nicht in demselben Augenblick der Mond aus dem Gewölk, das
                  ihn seit einer Stunde verdeckt hatte, hervorgetreten wäre. Er sah jetzt alles
                  deutlich.</p>
               <p>»Das ist Hoppenmarieken!« rief er. Zugleich sprang er von dem Steine herunter, riß
                  das Gewehr von der Schulter und schoß den einen Lauf ab, um zu zeigen, daß Hilfe
                  da sei. »Das wird wenigstens eingeschüchtert haben; vorwärts, Tubal!« Und damit
                  setzten sich beide Freunde quer über das Feld hin in Trab. Lewin stürzte, raffte
                  sich aber schnell auf und war im nächsten Augenblick wieder an Tubals Seite.</p>
               <p>Als sie den halben Weg bis zur Straße hinter sich hatten konnten sie die Szene
                  deutlich erkennen. Einer von den Strolchen war nach dem Dorf zu als Posten
                  ausgestellt, während der andere mit Hoppenmarieken rang und an ihrem Halse riß und
                  zerrte.</p>
               <p>»Halt aus!« rief Lewin, der jetzt einen Vorsprung hatte, aber es bedurfte des
                  Zurufes nicht mehr. Der Straßenräuber ließ von ihr ab und lief, einen weiten Bogen
                  beschreibend, auf dasselbe Wäldchen zu, von dessen entgegengesetztem Eck aus Tubal
                  und Lewin ihren Lauf über den Sturzacker hin begonnen hatten. Der andere, als
                  Posten aufgestellte, verschwand nach der Dorfseite hin.</p>
               <p>Als Lewin und dann Tubal den Fahrdamm erreicht hatten, war auch Hoppenmarieken
                  verschwunden. Aber gleich darauf fanden sie dieselbe. Sie lag hinter einem
                  aufgeschichteten Steinhaufen, zwischen diesem und einer Pappelweide, deren oberes
                  Geäst voller Krähennester war. Die Kiepe war noch auf ihrem Rücken, der Stock in
                  ihren Händen.</p>
               <p>»Ist sie tot?« fragte Tubal.</p>
               <p>Lewin, ohne sich vom Gegenteil überzeugt zu haben, schüttelte den Kopf, bückte
                  sich zu ihr nieder und zog ihre beiden <pb/> Arme aus den leinenen Tragebändern
                  heraus. Als er sie so von der Kiepe frei gemacht und sich vergewissert hatte, daß
                  es nichts als eine Ohnmacht war, hob er sie vom Boden auf und setzte sie mit dem
                  Rücken an den Baum.</p>
               <p>»Gib etwas Schnee«, rief er Tubal zu, während er selber ihr das enge Tuchmieder
                  öffnete, dessen oberste Haken ohnehin bei dem Ringen und Zerren abgerissen waren.
                  Er sah jetzt deutlich an dem rot und blutrünstig gewordenen Hals und Nacken, daß
                  alle Anstrengungen des Strolchs keinen anderen Zweck gehabt hatten, als ihr die
                  Geldtasche zu entreißen, die sie herkömmlich an einem harten und engen Lederriemen
                  um den Hals trug. Der Riemen hatte aber weder reißen noch auch sich über den Kopf
                  fortziehen lassen wollen.</p>
               <p>In diesem Momente schlug Hoppenmarieken die Augen auf. Ihr erstes war, daß sie
                  nach der Tasche faßte; dann erst musterte sie die Personen, die um sie beschäftigt
                  waren. Ein ihr sonst nicht eigenes, gutmütiges Lächeln, das mit ihrer Häßlichkeit
                  aussöhnen konnte, flog über ihr Gesicht, als sie Lewin, ihren Liebling, erkannte,
                  den einzigen Menschen, an dem sie wirklich hing. Sie streichelte und patschelte
                  ihn; als aber Tubal auch jetzt noch fortfuhr, ihr in einer ihr lästigen Weise die
                  Stirn mit Schnee zu reiben, wurde sie ungeduldig, stieß ihn zurück und wies mit
                  dem Zeigefinger immer heftiger auf die neben ihr stehende Kiepe. Lewin verstand
                  ihr Gebaren einigermaßen und begann in der Kiepe umherzukramen. Als er, gleich in
                  der obersten Lage, eine mit einem Sacktuche umwickelte Flasche fand, wußte er, was
                  Hoppenmarieken gemeint hatte. Er machte Miene, während er sich über sie bog, etwas
                  von dem Branntwein in seine Hand zu gießen; aber jetzt richtete ich ihr Unmut
                  selbst gegen diesen, und ihm ärgerlich die Flasche aus der Hand reißend, tat sie
                  einen tüchtigen Zug. Sofort hatte sie all ihre Lebenskräfte wieder, drückte den
                  Kork in die Flasche und rief Lewin zu: »Nu helpt mi up, Jungeherr.« Dann setzte
                  sie die Kiepe auf den Steinhaufen, legte den langen Krummstock daneben und fuhr
                  mit ihren kurzen Armen durch die leinenen Kiepenbänder. So stand sie wieder
                  marschfertig da. <pb/> »Willst du nicht mit uns zurück?« fragte Lewin. »Wir
                  begleiten dich.«</p>
               <p>Sie schüttelte den Kopf und setzte sich nach der entgegengesetzten Seite hin in
                  Marsch, im Selbstgespräch allerhand Unverständliches vor sich hin murmelnd.</p>
               <p>Die Freunde sahen ihr nach. Von Zeit zu Zeit blieb sie stehen und drohte mit ihrem
                  Stock nach dem Wäldchen hinüber, in dem der eine der Strolche verschwunden
                  war.</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Dreizehntes Kapitel</head>
               <head>In der Amts- und Gerichtsstube</head>
               <p>Berndt von Vitzewitz war, während Tubal und Lewin ihren Besuch in Kirch-Göritz
                  machten, nach Hohen-Vietz zurückgekehrt. Es lagen anstrengende Tage hinter ihm,
                  zugleich Tage voller Enttäuschungen. Der Minister, wie wir wissen, hatte sich mit
                  glatten Worten jeder bindenden Zusage zu entziehen gewußt, und auch in anderen
                  einflußreichen Kreisen der Hauptstadt, soweit ihm dieselben zugänglich waren, war
                  er der ihm verhaßten Wendung begegnet: »Wir müssen abwarten.« Nirgends ein
                  Verstehen des Moments. Nur in Guse hatte sich Hauptmann von Rutze, mit dem er
                  unmittelbar vor dem Aufbruch noch ein Gespräch herbeizuführen wußte, seinen auf
                  rücksichtsloses Vorgehen gerichteten Plänen geneigt gezeigt. Drosselstein
                  schwankte; aber auf der Fahrt von Guse nach Hohen-Ziesar war er unter dem
                  Einflusse, den Berndts Beredsamkeit ausübte, anderen Sinnes geworden und hatte
                  schließlich nicht nur einer allgemeinen Volksbewaffnung, sondern auch, wenn kein
                  regelrechter Krieg erklärt werden sollte, dem Plane eines auf eigene Hand zu
                  führenden Volkskrieges zugestimmt.</p>
               <p>Bei seinem Eintreffen in Hohen-Vietz war Berndt angenehm überrascht, Besuch
                  vorzufinden. Er hatte das Bedürfnis, von Zeit zu Zeit seinen ihn mit der Macht
                  einer fixen Idee beherrschenden Plänen entrissen zu werden, und niemand war dazu
                  <pb/> geschickter als Kathinka, die, während sie die politischen Gespräche
                  vermied, zugleich geistvoll genug war, den entstehenden Ausfall durch glückliche
                  Impromptus oder durch Pikanterien aus den Hof- und Gesellschaftskreisen zu decken.
                  Ihre Erscheinung wirkte mit. Er überließ sich auch diesmal ihrem Geplauder, vergaß
                  über der Schilderung eines Ballabends bei Exzellenz Schuckmann, wo der bayrische
                  Gesandte dies und das gesagt oder getan hatte, momentan alle Pläne und Sorgen und
                  sah sich der heiteren Zerstreuung dieses Geplauders erst wieder entzogen, als das
                  Erscheinen Tubals und Lewins und ihre Erzählung des eben gehabten Abenteuers seine
                  Gedanken in das alte Geleise zurückdrängten. Er klingelte.</p>
               <p>»Jetzt«, rief er dem eintretenden Diener zu, »schicke Krists Willem zum Schulzen.
                  Oder gehe lieber selbst. Ich müßt ihn sprechen. Morgen früh halb elf.«</p>
               <p>Er wollte nach diesem Zwischenfall, schon um Kathinkas willen, das Gespräch in den
                  Ton leichter Unterhaltung zurückführen, aber es mißglückte, da auch Tubal und
                  Lewin eine rechte Heiterkeit nicht finden konnten.</p>
               <p>Das war abends.</p>
               <p>Am anderen Morgen finden wir Berndt in seiner im ersten Stock gelegenen Amts- und
                  Gerichtsstube, einem großen Eckzimmer, von dem aus, nachdem eine Seitentür
                  vermauert worden war, nur ein einziger Ausgang auf den Korridor führte. An eben
                  diesem Korridor lagen auch die Fremdenzimmer.</p>
               <p>Die Amts- und Gerichtsstube zeigte nur weniges, was der Feierlichkeit ihres Namens
                  entsprochen hätte. Sie war eine Schreib- und Arbeitsstube wie andere mehr, in die
                  sich Berndt, namentlich um die Sommerzeit, wenn die beiden großen Fenster von
                  Spalierwein überwachsen waren, gern zurückzog. Es war dann hier luftig und
                  schattig, und in dem dichten Weinlaub zwitscherten die Vögel und sahen in das
                  geräumige Zimmer hinein. Denn geräumig war es geblieben, trotzdem es an
                  Urväterhausrat, an Regalen mit Büchern und Akten, an eisenbeschlagenen Truhen und
                  einem altmodischen, bis fast an <pb/> die Decke reichenden Kachelofen nicht
                  fehlte. Eine der Truhen stand rechts neben der Tür und hatte ein Vorlegeschloß,
                  während auf den Simsen der Regale, in chaotischem Durcheinander, wendische
                  Totenurnen und italienische Alabastervasen, zwei Dragonerkasketts und eine in
                  rötlichem Ton ausgeführte Porträtbüste Friedrich des Großen standen. Man sah
                  deutlich, es fehlte der Schönheits- und Ordnungssinn. Es hatte sich
                  zusammengefunden; weiter nichts.</p>
               <p>An dem mit allerhand Schriftstücken überhäuften Schreibtische, dessen eine
                  Schmalseite den Fensterpfeiler berührte, saß Berndt, einen großen Bogen
                  Kartenpapier vor sich, den er, mit Hilfe von Lineal und Reißfeder, in Rubriken
                  teilte. Er begann eben die nötigen Überschriften zu machen, als er draußen auf der
                  Besendecke ein sorgliches Putzen und gleich darauf ein Klopfen an der Türe hörte,
                  leise genug, um artig, und laut genug, um nicht ängstlich zu sein.</p>
               <p>»Herein!« Es war der Erwartete.</p>
               <p>»Guten Tag, Kniehase. Auf die Minute. Das sitzt uns Alten nun einmal im Blut. Die
                  Jungen sind nicht mehr dazu zu bringen. Nehmen Sie Platz, da den Stuhl am Ofen,
                  und nun rücken Sie heran.«</p>
               <p>Der so Begrüßte legte Hut und Handschuh auf die große Truhe mit dem Vorlegeschloß
                  und tat im übrigen, wie ihm geheißen.</p>
               <p>»Ich habe Sie rufen lassen, Kniehase«, nahm Berndt wiederum das Wort, weil etwas
                  geschehen muß. »Und Sie sind der Mann, den ich brauche. Aber ich will nicht
                  vorgreifen. Erst das Nächstliegende. Sie haben von dem Überfall gehört, der
                  unserer alten Hexe fast das Leben oder doch die Geldtasche gekostet hätte.«</p>
               <p>Kniehase nickte.</p>
               <p>»Fünfhundert Schritt vom Dorf, auf offener Straße, der Abend kaum angebrochen. Und
                  wenn dies alleinstände! Aber in einer Woche der dritte Fall. Am Heiligen Abend dem
                  Golzower Schmidt die Kuh aus dem Stall getrieben, am zweiten Feiertage dem
                  Manschnower Müller die Dielen aufgebrochen, <pb/> gestern Hoppenmarieken fast
                  gewürgt. Wohin sind wir gekommen?«</p>
               <p>»Es ist Quappendorfer Gesindel, gnädiger Herr. Miekley war am dritten Feiertag in
                  Frankfurt, er sah noch, wie sie Paschken und Pappritzen einbrachten.«</p>
               <p>»Nicht doch, Kniehase. Das ist es eben, was mich reizt und ärgert, dieses törichte
                  Zugreifen ohne Sinn und Verstand. Immer dieselben armen Teufel, in fünf von sechs
                  Fällen müssen sie wegen fehlenden Beweises wieder entlassen werden, und das heißt
                  Justiz! Es ist zum Erbarmen. Und das alles aus Bequemlichkeit; die Gerichtsherren
                  wollen nicht denken, und die Schulzen wollen nichts tun. Von den Bauern sprech ich
                  gar nicht; sie löschen immer erst, wenn das eigene Dach brennt. Das muß aber
                  anders werden, und wir müssen anfangen. Unsere Hohen-Vietzer sind die besten. Kein
                  Kolonistenpack, das über Nacht reich geworden. Nichts für ungut, Kniehase, Sie
                  sind selbst ein Pfälzer.«</p>
               <p>Kniehase lächelte. »Gnädiger Herr haben ganz recht, die alten Wendischen sind
                  besser, störrig, aber zäh und zuverlässig.«</p>
               <p>»Und gescheit dazu, sonst hätten sie den Neu-Bar nimer Pfälzer nicht zum
                  Hohen-Vietzer Schulzen gemacht. Das ist mein alter Satz. Aber nun horchen Sie auf,
                  Kniehase: was Sie Quappendorfer Gesindel nennen, ist fremdes Volk, Franzosen.«</p>
               <p>»Nicht doch, gnädiger Herr. Ich war eben mit bei Pastor Seidentopf heran. Die
                  Franzosen, so meint er, stehn oben an der Grenze, und wenn es hoch kommt, an der
                  Weichsel.«</p>
               <p>»Es ist so. Und doch hab ich recht. Ich spreche nicht von der klein gewordenen
                  ›Großen Armee‹, nicht von den aus Moskau herausgeräucherten Corps, die jetzt wie
                  Novemberfliegen über die weiße Wand kriechen, ich spreche von dem kleinen
                  verzettelten Zeug, das hier an fünfzig Plätzen zurückgelassen wurde: ein paar
                  Tausend in Küstrin, fünftausend in Stettin, die meisten aber stecken in den
                  kleinen polnischen Nestern. Wie weit ist es bis an die Grenze?«<pb/> »Zehn Meilen,
                  wie die Krähe fliegt.«</p>
               <p>»Da haben Sie es, Kniehase. Dieses verzettelte Zeug, das nicht in Festungen
                  untergebracht werden konnte, das läuft jetzt weg wie Wasser, wenn die Reifen von
                  der Tonne fallen. Neapolitaner, Würzburger, Nassauer, das hält ohnehin nicht
                  zusammen. Und wenn erst mal das eiserne Band fehlt, so ist nur ein Schritt noch
                  vom Soldaten- bis zum Räuberleben. Was hier herumspukt, sind Deserteure aus dem
                  Polnischen, vielleicht auch Marodeurs von den Zuzugsregimentern, die der Kaiser
                  jetzt als vorläufige kleine Münze in allen Taschen Deutschlands zusammenkratzt.
                  Und mit diesem Gesindel, ob aus Polen oder sonstwoher, müssen wir ein Ende machen:
                  zum wenigsten darf es uns nicht über den Kopf wachsen. Und kommen dann die Reste
                  von der Großen Armee heran, heute hundert und morgen tausend, so haben wir's bei
                  den Einern und Zehnern gelernt. ›Wer das Kleine nicht achtet, ist des Großen nicht
                  wert‹, so sagt das Sprichwort. Also vorwärts. Und je eher, je lieber.«</p>
               <p>Der Hohen-Vietzer Schulze reckte sich in die Höhe und schien antworten zu wollen,
                  aber der Gutsherr hatte sein letztes Wort noch nicht gesprochen.</p>
               <p>»Was ich meine, Kniehase, ist das: wir müssen uns fertigmachen; Landsturm, Dorf
                  bei Dorf.«</p>
               <p>»Und wenn dann der König ruft...«</p>
               <p>»So sind wir da«, ergänzte Berndt, zugleich mit scharfer Betonung hinzufügend:
                  »Und wenn er uns nicht ruft, so sind wir auch da. Und das ist es, Kniehase,
                  weshalb ich Sie habe rufen lassen.«</p>
               <p>»Es geht nicht ohne den König.«</p>
               <p>Der alte Vitzewitz lächelte. »Es geht; die Zeiten wechseln. Es gibt Zeiten des
                  Gehorchens und Abwartens, und es gibt andere, wo zu tun und zu handeln erste
                  Pflicht ist. Ich liebe den König; er war mir ein gnädiger Herr, und ich habe ihm
                  Treue geschworen, aber ich will um der beschworenen Treue willen die natürliche
                  Treue nicht brechen. Und diese gehört der Scholle, auf der ich geboren bin. Der
                  König ist um des Landeswillen <pb/> da. Trennt er sich von ihm oder läßt er sich
                  von ihm trennen durch Schwachheit oder falschen Rat, so löst er sich von seinem
                  Schwur und entbindet mich des meinen. Es ist ein schnödes Unterfangen, das Wohl
                  und Wehe von Millionen an die Laune, vielleicht an den Wahnsinn eines einzelnen
                  knüpfen zu wollen; und es ist Gotteslästerung, den Namen des Allmächtigen mit in
                  dieses Puppenspiel hineinzuziehen. Wir haben drüben gesehen, wohin es führt; zu
                  Blut und Beil. Weg mit dieser Irrlehre, von höfischen Pfaffen großgezogen; es ist
                  Menschensatzung, die kommt und geht. Aber unsere Liebe zu Land und Heimat, die
                  dauert wie das Land selber.«</p>
               <p>Kniehase schüttelte den Kopf. »Es geht nicht ohne den König«, wiederholte er. »Der
                  gnädige Herr sind hier geboren und kennen das Bruch und seine Bauern. Aber, mit
                  Permission, ich kenne die Bauern besser. Der König ist ihnen alles. Der König hat
                  ihnen das Bruch eingedeicht, der König hat ihnen die Kirchen gebaut, der König hat
                  ihnen die Gräben gezogen. So wissen sie es von Vater und Großvater her, und so
                  wissen sie es von sich selber. Wenn ich mit Kallies und Kümmritz und den anderen
                  Ganzbauern drüben bei Scharwenka sitze, so ist, der Alte Fritz das dritte Wort. Er
                  ist ihr Herrgott, und sie sprechen von ihm, als wenn er noch lebte. Nur eins ist
                  dem Bauer noch mehr ans Herz gewachsen: sein Haus und Hof.«</p>
               <p>»Und um Haus und Hof willen soll er jetzt die Waffe in die Hand nehmen. Es ist
                  nicht das erste Mal in diesem Lande. Als der Schwede jenseit der Elbe in der
                  Altmark hauste, haben sich die Bauern aufgemacht, ohne viel zu fragen. Und das ist
                  es, was sie wieder sollen.«</p>
               <p>»Ich weiß davon«, antwortete Kniehase, »es waren Drömlinger Bauern. Aber sie
                  hatten Fahnen, darauf geschrieben stand:</p>


               <l>Wir sind Bauern von geringem Gut</l>
               <l>Und dienen unserm Kurfürsten und Herrn mit unserm Blut.«</l>


               <p>Der alte Vitzewitz, der sich seines Schulzen und der Zähigkeit freute, mit der er
                  seine Sache zu führen wußte, gab ihm <pb/> die Hand und sagte: »Eine solche Fahne,
                  Kniehase, wollen wir auch haben, und wir wollen sie hoch in Ehren halten. Aber
                  wenn uns der König diese Fahne verbietet, so müssen wir sie tragen auch ohne
                  seinen Namen, um des Landes willen, und dieser Rechtstitel ist nicht der
                  schlechteste. Denn unser Land ist unsere Erde, die Erde, aus der wir selber
                  wurden.«</p>
               <p>Kniehase schüttelte wieder den Kopf. »Die Erde tut es nicht, gnädiger Herr.«</p>
               <p>»Doch, Kniehase«, fuhr Berndt fort, »die Erde tut es, muß es tun, weil sie unser
                  Erstes und Letztes ist. Und, irdisch gesprochen, auch unser Bestes. Wir sind Erde,
                  und wir sollen wieder Erde werden, und das ist es, was uns die Erde so teuer
                  macht. Ein jeder ahnt es von Anfang an, aber das rechte Wissen davon, das kommt
                  uns erst, das will erfahren sein. Ich hab es erfahren. Sie waren dabei, Kniehase,
                  wie wir den Sarg hinauftrugen; Sie wissen schon, welchen. Es war Winterzeit, und
                  der Schnee fiel. Als aber der Schnee schmolz und im März der erste Krokus kam, da
                  hab ich die Erde da oben, die mein Glück barg, mit meinen Lippen berührt und immer
                  wieder berührt. Und seit dem Tage weiß ich, was eine teure und geliebte Erde
                  ist.«</p>
               <p>Berndt fuhr bei dieser Erinnerung mit der Hand über Augen und Stirn.</p>
               <p>Kniehase wußte wohl, warum, aber er wollt es nicht wissen, denn er war eine
                  schamhafte Natur und sah stumm vor sich hin.</p>
               <p>»Das war im Frühjahr Anno sieben«, nahm der alte Vitzewitz nach kurzer Pause
                  wieder das Wort, »ich sollt es aber noch besser erfahren. Ich hatte noch nicht
                  ausgelernt, was Erde sei. Es war um dieselbe Zeit, Sie entsinnen sich, Kniehase,
                  daß sie den Kyritzer Kämmerer, der so unschuldig war wie Sie und ich, vor eins
                  ihrer feigen und feilen Kriegsgerichte stellten und ihn aburteilten und
                  niederschossen. Was sage ich, ›niederschossen‹? Hinwürgen war es. Denn so schlecht
                  wie das Urteil, so schlecht war seine Vollstreckung. Er lag am Boden, der
                  unglückliche tapfere Mann, und konnte nicht sterben. Da sprang ein mitleidiger
                  <pb/> Westfale vor und schoß ihm ins Herz: ›Aus Liebe zu dir, du unschuldig Blut,
                  will ich dir zum Tode helfen.‹«</p>
               <p>Kniehase nickte. Er entsann sich des Hergangs, der damals alles mit Entsetzen
                  erfüllt hatte.</p>
               <p>»Sehen Sie, Kniehase, von dem Tage an hörte ich immer die fünf Schüsse, und mir
                  war, als fühlte ich sie an meinem eignen Herzen. Ich hatte keinen Schlaf mehr,
                  aber ich wußte, was mich ruhig machen würde, und endlich macht ich mich auf in die
                  Priegnitz. Als ich in der kleinen Stadt ankam, fragt ich nach und ließ mich
                  hinausführen. Es war vor einem der Tore, eine Pappelallee und ein wüstes Feld
                  daneben. Da schickt ich das Kind wieder fort, das mich hinausbegleitet hatte, und
                  als ich nun allein war, da warf ich mich nieder an den Hügel und riß eine Handvoll
                  Erde heraus und hob sie gegen Himmel. Und mein Herz war voller Haß und voller
                  Liebe. Da hab ich zum anderen Mal erfahren, was Erde ist, Heimaterde. Es muß Blut
                  drin sein. Und überall hier herum ist mit Blut gedüngt worden; bei Kunersdorf ist
                  eine Stelle, die sie das, rote Feld nennen. Und das alles soll preisgegeben
                  werden, weil ein König nicht stark genug ist, sich schwacher Ratgeber zu erwehren?
                  Nein, Kniehase, mit dem König, solange es geht, ohne ihn, wenn es sein muß.«</p>
               <p>Berndt schwieg. In diesem Augenblicke klopfte es, und der eintretende Jeetze
                  übergab einen Brief, großes Format mit großem Siegel. Berndt erkannte Turganys
                  Handschrift. Er überflog den Inhalt und las dann laut: »Ich bitte Sie,
                  hochverehrter Herr und Freund, in Ihrer Umgegend, vielleicht auch auf dem
                  Forstacker, recherchieren zu lassen. Alles deutet darauf hin, daß die Sippschaft,
                  die wir suchen, irgendwo zwischen Hohen Vietz und Manschnow steckt. Wir haben
                  heute ein zweites Verhör, der Manschnower Müller ist vorgeladen. Aber es wird nur
                  das Resultat des ersten bestätigen, und unsere zwei herkömmlichen Sündenböcke
                  werden, wie gewöhnlich, wieder entlassen werden müssen. Ich behalte mir weitere
                  Mitteilung für die nächsten Tage vor. Ihr Turgany.«</p>
               <p>Berndt lachte. »Sie sehen, Kniehase, Transport und Gefangenenkost <pb/> sind
                  abermals vergeudet. Aber Turgany ist auf falscher Fährte. Hier herum sitzen sie
                  nicht. Es wird sich zeigen, wo. Wer brachte den Brief, Jeetze?«</p>
               <p>»Konrektor Othegraven.«</p>
               <p>»Ist er noch da?«</p>
               <p>»Ja, Fräulein Renate hat ihn hereingebeten. Sie sind mit dem anderen gnädigen
                  Fräulein im Wohnzimmer.«</p>
               <p>»Ich lasse den Herrn Konrektor bitten.«</p>
               <p>Jeetze ging, der Schulze wollte folgen.</p>
               <p>»Nein, Kniehase, Sie bleiben, ich will mir den Sukkurs, den mir ein glücklicher
                  Zufall schickt, nicht entgehen lassen.«</p>
               <p>Gleich darauf trat der Konrektor ein, von Berndt mit besonderer Freundlichkeit
                  empfangen. Einige kurze Begrüßungsworte wurden gewechselt. Dann fuhr der
                  Hohen-Vietzer Gutsherr fort: »Ich will Sie, lieber Othegraven, nicht mit Aufträgen
                  an Turgany belästigen, wir haben morgen ohnehin Frankfurter Botentag. Aber gegen
                  meinen alten Kniehase hier möcht ich mich Ihrer versichern. Er will mich im Stich
                  lassen, er kennt in diesem königlichen Lande Preußen kein anderes Losschlagen, als
                  was von oben her gebilligt worden ist. Seidentopf stimmt ihm zu. Auch Sie?«</p>
               <p>»Nein, und dreimal nein«, antwortete Othegraven, »und ich schätze mich glücklich,
                  endlich einmal statt vor tauben Ohren vor einem gleichgestimmten Herzen Zeugnis
                  ablegen zu können.«</p>
               <p>Kniehase, der die strengkirchliche Richtung des Konrektors kannte, horchte auf;
                  Othegraven selbst aber fuhr fort: »Es ist ein königliches Land, dieses Preußen,
                  und königlich, so Gott will, soll es bleiben. Es haben es große Fürsten aufgebaut,
                  und der Treue der Fürsten hat die Treue des Volkes entsprochen. Ein Volk folgt
                  immer, wo zu folgen ist; es hat dem unseren an freudigem Gehorsam nie gefehlt.
                  Aber es ist fluchwürdig, den toten Gehorsam zu eines Volkes höchster Tugend
                  stempeln zu wollen. Unser Höchstes ist Freiheit und Liebe.«</p>
               <p>Berndt war im Zimmer auf und abgeschritten. Er stellte sich vor Othegraven: »Ich
                  wußt es. So sind wir einig, und ich darf <pb/> auf Sie rechnen. Dieser Moment, der
                  nicht wiederkommt, darf nicht versäumt werden. Ist man an oberster Stelle
                  verblendet genug, sich der Waffe, die wir schmieden, nicht bedienen zu wollen,
                  nun, so führen wir sie selbst.«</p>
               <p>»So führen wir sie selbst«, wiederholte Othegraven. »Aber der Bruch, den wir
                  fürchten, er wird sich nicht vollziehen. Es kommen andere, bessere Tage. Die
                  Schwäche wird der Entschlossenheit weichen, und das sicherste Mittel, dahin zu
                  wirken, ist, daß wir selber Entschlossenheit zeigen. Es ist, wie ich wohl weiß,
                  ein Mißtrauen da in unsere Kraft, selbst in unseren guten Willen. Zeigen wir dem
                  König, daß wir für ihn einstehen, auch wenn wir ihm widersprechen. Auch die
                  Schillschen setzten sich in Widerstreit mit seinem Willen und starben doch unter
                  dem Rufe: ›Es lebe der König.‹ Es gibt eine Treue, die, während sie nicht
                  gehorcht, erst ganz sie selber ist.«</p>
               <p>Kniehase sah vor sich hin. Er fühlte den Boden, auf dem er stand, erschüttert,
                  aber noch war er nicht besiegt.</p>
               <p>»Ich habe meinen Eid geschworen«, sagte er, »um ihn zu halten, nicht, um ihn zu
                  brechen oder auszulegen. Die Obrigkeit ist von Gott. Aus der Hand Gottes kommen
                  die Könige, die starken und die schwachen, die guten und die schlechten, und ich
                  muß sie nehmen, wie sie fallen.«</p>
               <p>»Aus der Hand Gottes«, rief jetzt Berndt, »kommen die Könige, aber auch viel
                  anderes noch. Und gibt es dann einen Widerstreit, das letzte bleibt immer das
                  eigene Herz, eine ehrliche Meinung und – der Mut, dafür zu sterben.«</p>
               <p>»Es ist so, Schulze Kniehase«, nahm Othegraven wieder das Wort, »und sich
                  entscheiden ist schwerer als gehorchen. Schwerer und oft auch treuer. Ihr Gutsherr
                  hat recht. Sehen Sie sich um, das Ganze versagt den Dienst; überall fast ist es
                  der einzelne, der es wagt. Ein Mann wie Sie, Kniehase, war auch der Hofer, treu
                  wie Gold. Aber als sein Kaiser Frieden machte, da sagte der Sandwirt: ›Der Franzl
                  hat's gewußt, ich muß es nicht; ich halt ihm dies alte Land Tirol.‹ Und als er so
                  sprach und handelte, da brach er seinem Kaiser den Frieden und war schuldig bei
                  Freund und Feind. Er hat es mit dem Tode bezahlt.<pb/> Aber glauben Sie, Kniehase,
                  daß der Kaiser, wenn er den Namen Hofer hört, an Eidbruch und Untreue denkt? Nein,
                  das Herz schlägt ihm höher, und gesegnet Land und Fürst, wo die Liebe lebendig ist
                  und auf sich selber mehr hört als auf Amtsblatt und Kommandowort.«</p>
               <p>Kniehase war jetzt aufgestanden. Er streckte Berndt seine Hand entgegen. »Gnädiger
                  Herr, ich glaube, der Konrektor hat es getroffen. Sich entscheiden ist schwerer
                  als gehorchen. Ich habe mich entschieden. Wir machen uns fertig hier herum, und
                  wir schlagen los, ohne nach, ja oder, nein zu fragen. Denn Fragen macht
                  Verlegenheit. Es darf keiner über die Oder. Und kommt es anders und soll uns dies
                  fremde Volk auf ewig unter die Füße treten, nun, so geb uns Gott Kraft, zu
                  sterben, wie Hofer und die Schillschen gestorben sind.«</p>
               <p>»Das dank ich Ihnen, Othegraven«, sagte Berndt, »ich allein hätte meinen Schulzen
                  nicht bezwungen. Ich hoffe, wir sehen uns jetzt öfter. Der Plan ist mit Graf
                  Drosselstein durchgesprochen. Ein Netz über das Land. Lebus beginnt; wir sind die
                  Vorhut. Hier zwischen Frankfurt und Küstrin treffen die großen Straßen zusammen.
                  Ich zähle die Stunden, bis es sich entscheidet.«</p>
               <p>Sie blieben noch eine Weile; dann verabschiedeten sich der Konrektor und Kniehase
                  und schritten die Treppe hinunter, über den Flur. Hektor, unter Zeichen besonderer
                  Freude, als er den Schulzen sah, begleitete beide Männer über den Hof.</p>
               <p>Sie nahmen ihren Weg auf den Scharwenkaschen Krug zu, immer noch in lebhaftem
                  Gespräch. Doch schien es andere Fragen als Krieg und Landsturm zu betreffen. Sie
                  trennten sich erst, nachdem sie die Front des Krügergeböftes wohl ein dutzendmal
                  ausgemessen hatten.</p>
               <p>Als des Konrektors kleines Fuhrwerk wieder auf der Frankfurter Straße südlich
                  trabte, saß Schulze Kniehase bei seiner Frau. Sie plauderten lange, und wiewohl
                  Frau Kniehase Verschwiegenheit gelobte, war doch vor Ablauf des Tages alles
                  Geplauderte in Hohen-Vietz herum.</p>
               <p>Nur eine wußte nichts davon: sie, die der Gegenstand dieses Plauderns gewesen
                  war.</p>
               <pb/>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Vierzehntes Kapitel</head>
               <head>Es geschieht etwas</head>
               <p>Sankt Jonathan, der 29. Dezember, war von alter Zeit her der Tag der Umzüge in
                  Hohen-Vietz, allerhand Mummenschanz wurde getrieben, und bei Beginn des
                  Nachmittags zogen außer Knecht Ruprecht und dem Christkinde auch Joseph und Maria
                  und die Heiligen Drei Könige von Haus zu Haus. Zu diesem alten Bestande traten
                  aber auch neue Figuren hinzu, so heute der »Sommer« und der »Winter« von denen
                  jener zu seinem leichten Strohhut Harke und Sense, dieser zu Pelz und Holzpantinen
                  einen Dreschflegel trug. Sie führten ein Zwiegespräch:</p>


               <l>Ich bin der Winter stolz,</l>
               <l>Ich baue Brücken ohne Holz–</l>


               <p>und rühmten sich ihrer gegenseitigen Vorzüge, bis zuletzt Versöhnung und
                  Segenswünsche für das jedesmalige Haus, in dem sie sich befanden, ihren lang
                  ausgesponnenen Streit beendeten.</p>
               <p>Ein besonderes Glück machten heut auch die Schulkinder, deren mehrere als
                  Schneewittchen und ihre Zwerge ihren Umzug hielten; Schneewittchen mit langem
                  blonden Haar, die Zwerge mit Flachsbärten und braunen Kapuzen. Als sie zuletzt auf
                  den Gutshof kamen, fanden sie die jungen Herrschaften samt Tante Schorlemmer in
                  derselben großen Halle, in der auch der Weihnachtsaufbau stattgefunden hatte,
                  versammelt, und nach kurzer Ansprache, worin Schneewittchen für ihre Begleiter um
                  die Erlaubnis zum Rätselaufgeben gebeten hatte, traten die Zwerge vor und taten
                  ihre Fragen:</p>
               <p>»Was kann kein Mensch erzählen?«</p>
               <p>»Daß er gestorben ist.«</p>
               <p>»Wer kann alle Sprachen reden?«</p>
               <p>»Der Widerhall.«</p>
               <p>»Wer ist stärker, der Reiche oder der Arme?«</p>
               <p>»Der Arme; denn er hat Not, und Not bricht Eisen.« <pb/> So gingen die Fragen,
                  aber die hier gegebenen Antworten blieben aus, und Maline Kubalke, die mit in der
                  Halle war, mußte manchen Teller voller Äpfel und Nüsse herbeischaffen, um die
                  Quersäcke der Zwerge zu füllen.</p>
               <p>So verging der Nachmittag. Als es dunkelte, wurd es still in Hohen-Vietz, weil alt
                  und jung zu Tanz und festlichem Beisammensein im Scharwenkaschen Krug sich putzte,
                  und erst um die sechste Stunde, als von den ausgebauten Losen her, die zum Teil
                  weit ins Bruch hineinlagen, Wagen und Schlitten unter Peitschenknall und
                  Schellengeläut herangefahren kamen, war es mit dieser Stille wieder vorbei.</p>
               <p>Auch auf dem Herrenhofe rüstete sich alles zum Aufbruch, Herrschaft und
                  Dienerschaft, und wer eine halbe Stunde nach Beginn des Tanzes von der Dorfstraße
                  her auf die lange Front des Vitzewitzschen Wohnhauses geblickt hätte, hätte nur an
                  zwei Fenstern Licht gesehen. Diese zwei Fenster lagen neben der Amts- und
                  Gerichtsstube und zogen die Aufmerksamkeit nicht bloß dadurch auf sich, daß sie
                  die einzig erleuchteten waren, sondern mehr noch durch das dunkele Weingeäst, das
                  sich von dem starken Spalier aus in zwei, drei phantastischen Linien quer über die
                  Lichtöffnung ausspannte. Hinter diesen Fenstern, an einem mit einem roten Stock
                  Fries überdeckten Sofatisch, saßen Renate und Kathinka, zu denen sich seit einer
                  Viertelstunde, um den Abend mit ihnen zu verplaudern, auch Marie gesellt hatte.
                  Allen dreien, selbst Kathinka nicht ausgeschlossen, war es eine herzliche Freude,
                  sich einmal allein und ganz unter sich zu wissen, und um diese Freude noch zu
                  steigern, hatten sie sich aus dem großen Gesellschaftszimmer des Erdgeschosses in
                  diese viel kleinere Stube des ersten Stockes zurückgezogen.</p>
               <p>Tante Schorlemmer fehlte. Sie war gegen ihre Gewohnheit ausgeflogen und saß
                  plaudernd in der Pfarre, während der alte Vitzewitz, abwechselnd vom Schulzen
                  Kniehase und dann wieder von Lewin und Tubal unterstützt, im Kruge seinen
                  politischen Diskurs hatte. Die Bauern zeigten sich in allem willig; es war so
                  recht ein Abend, um das Eisen zu schmieden.</p>
               <p>
                  <pb/> Sehr anders, wie sich denken läßt, verliefen mittlerweile die Plaudereien
                  unserer drei jungen Mädchen, von denen Renate durch besondere Lebhaftigkeit, Marie
                  durch besondere Zurückhaltung sich auszeichnete. Sie hatte – aller Herzlichkeit
                  unerachtet, mit der sich ihr Kathinka, wie schon bei früheren Gelegenheiten, so
                  auch diesmal wieder genähert hatte – doch ein bestimmtes Gefühl, daß es sich für
                  sie zieme, ihre schwesterlichintime Stellung zu Renaten sowenig wie möglich
                  geltend zu machen und nur bei gegebener Veranlassung, am liebsten, wenn
                  aufgefordert, sich an dem Gespräche der beiden Cousinen zu beteiligen. Dieses
                  Gespräch selbst war ihr Freude genug und wurd es mit jedem Augenblicke mehr, seit
                  Kathinka, die, halb sitzend, halb liegend, den rechten Fuß auf die Sofapolster
                  gezogen hatte, von Berliner Gesellschaftszuständen und zuletzt von einer großen
                  Soiree bei dem alten Prinzen Ferdinand zu sprechen begann.</p>
               <p>»Das ist der Vater von dem Prinzen Louis, der bei Saalfeld fiel?« fragte Renate.
                  »Was gäb ich drum«, fuhr sie fort, nachdem ihre Frage bejaht worden war, »wenn ich
                  einer solchen Soiree beiwohnen könnte, Papa hat es mir für diesen Winter
                  versprochen; aber die Zeiten sehen nicht darnach aus.«</p>
               <p>»Du verlierst weniger dabei, als du meinst. Es sind Gesellschaften wie andere
                  mehr. Du siehst Generale, Grafen, Präsidenten, als wärest du in Ziebingen oder in
                  Guse; die Schleppen sind etwas länger, und ein paar hundert Lichter brennen mehr.
                  Das ist alles.«</p>
               <p>»Aber der Prinz wird doch keine Krachs und Bammes um sich versammeln?«</p>
               <p>»Nicht ausschließlich; aber ebensowenig kann er sie vermeiden. Er hat keine Wahl;
                  Stellung und Geburt entscheiden, nicht der Mann. Du siehst auf die Auserwählten
                  von Schloß Guse mit so wenig Respekt, weil du sie kennst; aber laß deine Neugier
                  und Eitelkeit erst einen einzigen Winter lang befriedigt sein, und es ist mit dem
                  Zauber dieser Hofgesellschaften für immer vorbei.«</p>
               <p>»Ich zweifle daran, wenn ich auch glaube, daß du persönlich <pb/> nicht anders
                  sprechen kannst. Du erhebst eben Ansprüche, die mir fremd sind. Ich für mein Teil
                  würde zufrieden sein, einen Blick in diese Welt tun zu dürfen, in der jeder etwas
                  bedeutet. Nimm den alten Prinzen selbst; er ist der Bruder Friedrich des Großen;
                  das allein genügt, ihn mir wert zu machen; ich könnte nicht ohne Ehrfurcht auf ihn
                  blicken. Er würde mich vielleicht ignorieren oder ein an und für sich
                  gleichgiltiges Wort an mich richten, aber es würde mir nicht gleichgiltig sein,
                  ihn gesehen oder gesprochen zu haben.«</p>
               <p>Kathinka lächelte.</p>
               <p>»Du lachst mich aus«, fuhr Renate fort, »aber denke, daß ich das Leben eines armen
                  Landfräuleins führe, öde und einsam, und statt der Mutter nur die gute Schorlemmer
                  im Haus. Gib mir die Hand, Marie; du bist mir Trost und Freude, aber du kannst mir
                  keinen Hofball ersetzen. Wie das alles blitzen und rauschen muß! Und dann der
                  König selbst. Nenne mir ein paar Namen, Kathinka, daß ich mir eine Vorstellung
                  machen kann.«</p>
               <p>»O da ist der alte Graf Reale, der Gemahl der Oberhofmeisterin, der vor zwei
                  Jahren auf Besuch in Guse war, und der Hofmarschall von Massow auf Steinhöfel und
                  der Herr von Eckardtstein auf Prötzel und Herr von Burgsdorff auf Ziebingen und
                  Graf Drosselstein auf Hohen-Ziesar.«</p>
               <p>»Aber die kenn ich ja alle.«</p>
               <p>»Eben darum hab ich sie dir genannt.«</p>
               <p>»Und die fremden Gesandten!« sagte Renate, der kurzen Unterbrechung nicht achtend.
                  »Wie gern säh ich den Grafen von St. Marsan und den Minister Hardenberg, an dem
                  Papa beständig zu mäkeln und zu tadeln hat. Ich denke mir ihn liebenswürdig.
                  Apropos! Ist auch dein Graf Bninski, verzeihe, daß ich ihn so nenne, bei Hofe
                  vorgestellt worden?«</p>
               <p>»Nein. Er lehnte es ab.«</p>
               <p>»Ach, nun weiß ich, warum die Hofgesellschaften so wenig Gnade vor dir finden.
                  Lewin hat mir den Grafen beschrieben; aber ich möcht ihn gern von dir geschildert
                  hören.«</p>
               <p>»Denk ihn dir als das Gegenteil von dem Konrektor, dem <pb/> ich heute vormittag
                  das Glück hatte vorgestellt zu werden. Wie hieß er doch?«</p>
               <p>»Othegraven.«</p>
               <p>»Richtig, Othegraven. Ein hübscher Name, ursprünglich adlig. Aber diese
                  bürgerliche Abart, welche pedantische Figur! Er hält sich gerade, aber es ist die
                  Geradheit eines Lineals.«</p>
               <p>»Du mußt ihn auf das hin ansehen, was er ist.«</p>
               <p>»Dann kann er als vollkommen gelten; denn er ist der Schuhmeister, wie er im Buche
                  steht.«</p>
               <p>»Ich sehe doch, wie recht Tante Amelie hatte, als sie neulich von dir sagte:
                  Kathinka ist eine Polin. Nur die Deutschen, wie mir erst gestern wieder unser
                  Seidentopf versicherte, verstehen es, von äußerlichen Dingen abzusehen. Meinst du
                  nicht auch?«</p>
               <p>»Nein, Närrchen, ich meine es nicht; es ist nur deutsch, sich in diesen und
                  ähnlichen Eitelkeiten zu gefallen. Und ich will auch nicht daran rütteln,
                  ebensowenig wie an den Verketzerungen, die über uns Polen von langer Zeit her im
                  Schwunge sind. Nur zweierlei wird man uns lassen müssen: Leidenschaft und
                  Phantasie. Und nun laß dir sagen, Schatz, wenn es etwas in der Welt gibt, das
                  imstande ist, über Äußerlichkeiten hinwegzusehen, so sind es diese beiden. Der
                  Graf ist ein schöner Mann, aber ich versichere dich, er wäre mir derselbe, wenn er
                  auch diesem Othegraven wie sein leiblicher Zwillingsbruder gliche. Denn bei der
                  vollkommensten äußeren Ähnlichkeit würde diese Ähnlichkeit doch aufhören, weil er
                  eben innerlich von Grund aus ein anderer ist.«</p>
               <p>»Ein anderer. Aber ob ein besserer?«</p>
               <p>»Es genügt ein anderer. Es gibt prosaische und poetische Tugenden. Laß uns über
                  den Wert beider nicht rechten. Ich möchte dich nur dahin bekehren, daß es nicht
                  Form und Erscheinung ist, wiewohl ich beide zu schätzen weiß, was mir den Grafen
                  wert und angenehm macht.«</p>
               <p>»Und so wär es denn was?«</p>
               <p>»Beispielsweise seine Treue. Denn, unglaublich zu sagen, die Polen können auch
                  treu sein.«</p>
               <p>
                  <pb/> »Es gilt wenigstens nicht als ihre hervorragendste Eigenschaft.«</p>
               <p>»Um so mehr ziert sie den, der sie hat. Und ich möchte Bninski dahin zählen. Als
                  Kosciuszko im letzten Treffen, das über Polen entschied, am Saume eines
                  Tannenwäldchens lag, das er drei Stunden lang gegen Übermacht verteidigt hatte,
                  stand ein Fahnenjunker, ein halbes Kind noch, neben ihm und deckte den von
                  Blutverlust ohnmächtig Gewordenen mit seinem jungen Leben. Er hätte sich retten
                  können, aber er verschmähte es. Endlich überwältigt, bat er um eines nur: seinen
                  gefangenen General pflegen und dieselbe Zelle mit ihm teilen zu dürfen. Dieser
                  Fahnenjunker war der Graf.«</p>
               <p>Marie, die bis dahin von ihrer Handarbeit nicht aufgeblickt hatte, sah Kathinka
                  mit ihren großen Augen an.</p>
               <p>Kathinka aber, den Blick freundlich erwidernd, fuhr fort: »Siehe, Renate, das war
                  Treue; nicht solche, wie ihr sie liebt, die jeden heimlichen Kuß zu einer Kette
                  für Zeit und Ewigkeit machen möchte, aber doch auch eine Treue und nicht der
                  schlechtesten eine. Und wie der Fahnenjunker war, so blieb er. Er war mit in
                  Spanien. Das polnische Lancierregiment, das er führte, Tubal hat mir davon
                  erzählt, nahm einen Engpaß; den Namen hab ich vergessen; aber sie sagen, der Fall
                  stehe einzig da in der Kriegsgeschichte. Unter den wenigen, die den Tag
                  überlebten, war der Graf. Nach Paris schwerverwundet zurückgeschafft, empfing er
                  aus des Kaisers Hand das rote Band der Ehrenlegion. Und ich darf sagen, es kleidet
                  ihn... Nein, Renate, du verkennst mich und dich nicht minder. Wir empfinden
                  gleich. Alles Poetische reißt uns hin, und Steifheit und Pedanterie, auch wenn sie
                  Othegraven heißen, lassen uns kalt. Das ist nicht polnisch, das ist weiblich.
                  Frage Marie.«</p>
               <p>»Ich werde die Frage nicht tun«, scherzte Renate, »denn du mußt wissen –«</p>
               <p>»So will ich antworten, ohne gefragt zu sein«, unterbrach Marie mit
                  Unbefangenheit. »Alle Welt schätzt den Konrektor, unser Pastor liebt ihn.«</p>
               <p>»Aber du, könntest du ihn lieben?«</p>
               <p>
                  <pb/> »Nein. Nie und nimmer, und wenn er Kosciuszko verteidigte oder einen Engpaß
                  stürmte. Er ist vielleicht mutig, aber ich kann ihn mir nicht als Helden
                  vorstellen. Ich bedauere, wenn ich ihm unrecht tue. Wen ich lieben soll, der muß
                  mich in meiner Phantasie beschäftigen. Er beschäftigt mich aber überhaupt
                  nicht.«</p>
               <p>»Aber du ihn desto mehr. Othegraven hat Heimlichkeiten, flüsterte mir noch gestern
                  unser alter Seidentopf zu. – Doch es schlägt neun, und wir vergessen über dem
                  Plaudern unser Abendbrot.«</p>
               <p>Damit erhob sich Renate und schritt auf eine Rokokokommode zu, auf deren überall
                  ausgesprungener Perlmutterplatte Maline, ehe sie das Haus verließ, ein großes
                  Cabaret mit kaltem Aufschnitt samt Tischzeug und Teller gestellt hatte.</p>
               <p>Das Sofa und die Kommode standen an derselben Wand, und zwischen ihnen war nur der
                  Raum frei, wo sich die früher aus diesem Fremdenzimmer in die Amts- und
                  Gerichtsstube führende Tür befunden hatte. Diese Türstelle, weil nur mit einem
                  halben Stein zugemauert, bildete eine flache Nische und war deutlich
                  erkennbar.</p>
               <p>Renate, in ihrer Plauderei fortfahrend, war eben – während Kathinka die Lampe
                  aufhob – im Begriff, das Cabaret, das nach damaliger Sitte in einer Holzeinfassung
                  stand, auf den Tisch zu setzen, als sie etwas klirren hörte.</p>
               <p>Sie sah die beiden anderen Mädchen an. »Hörtet ihr nichts?«</p>
               <p>»Nein.«</p>
               <p>»Es klirrte etwas.«</p>
               <p>»Du wirst mit dem Cabaret an die Teller gestoßen haben.«</p>
               <p>»Nein, es war nicht hier, es war nebenan.«</p>
               <p>Damit legte sie das Ohr an die Wand, da, wo die vermauerte Tür war.</p>
               <p>»Wie du uns nur so erschrecken konntest«, sagte Kathinka. Aber ehe sie noch
                  ausgesprochen hatte, hörten alle drei deutlich, daß in dem großen Nebenzimmer ein
                  Fensterflügel aufgestoßen wurde. Gleich darauf ein Sprung, und dann vorsichtig
                  tappende Schritte, vielleicht nur vorsichtig, weil es dunkel war.</p>
               <p>
                  <pb/> Es schienen zwei Personen. Und in dem weiten Hause niemand außer ihnen,
                  keine Möglichkeit des Beistandes; sie ganz allein. Marie flog an die Tür und
                  riegelte ab; Kathinka, ohne sich Rechenschaft zu geben, warum, schraubte die Lampe
                  niedriger. Nur noch ein kleiner Lichtschimmer blieb in dem Zimmer.</p>
               <p>Renate legte wieder das Ohr an die Wand. Nach einer Weile hörte sie deutlich den
                  scharfen, pinkenden Ton, wie wenn mit Stahl und Stein Feuer angeschlagen wird; sie
                  horchte weiter, und als der Ton endlich schwieg, war ihre Phantasie so erregt, daß
                  sie wie hellsehend alle Vorgänge im Nebenzimmer zu verfolgen glaubte. Sie sah, wie
                  der Schwamm angeblasen wurde, wie der Schwefelfaden brannte und wie die beiden
                  Einbrecher, nachdem sie auf dem Schreibtisch umhergeleuchtet, das Wachslicht
                  anzündeten, mit dem der Vater die Briefe zu siegeln pflegte. Alles war Einbildung,
                  aber einen Lichtschein, während sie den Kopf einen Augenblick zur Seite wandte,
                  sah sie jetzt wirklich, einen hellen Schimmer, der von der Amtsstube her auf das
                  Schneedach des alten gegenübergelegenen Wohnhauses fiel und von dort über den
                  dunkelen Hof hin zurückgeworfen wurde.</p>
               <p>Die Mädchen sprachen kein Wort; alle unter der unklaren Vorstellung, daß Schweigen
                  die Gefahr, in der sie sich befanden, verringere. Sie reichten sich die Hand und
                  lugten nach der Auffahrt und, soweit es ging, nach der Dorfgasse hinüber, von der
                  allein die Hilfe kommen konnte.</p>
               <p>Nebenan war es mittlerweile wieder lebendig geworden. Es ließ sich erkennen, daß
                  sich die Strolche sicher fühlten. Sie warfen ein Bündel Nachschlüssel wie mit
                  absichtlichem Lärmen auf die Erde und fingen an, sich an der großen, neben der Tür
                  stehenden Truhe, darin das Geld und die Dokumente lagen, zu schaffen zu machen.
                  Sie probierten alle Schlüssel durch, aber das alte Vorlegeschloß widerstand ihren
                  Bemühungen.</p>
               <p>Ein Fluch war jetzt das erste Wort, das laut wurde; dann sprangen sie, die bis
                  dahin größerer Bequemlichkeit halber vor der Truhe gekniet haben mochten, wieder
                  auf und begannen, <pb/> wenn der Ton nicht täuschte, an der inneren, die beiden
                  Stuben voneinander trennenden Wand hin auf den Realen umherzusuchen. Sie rissen
                  die Bücher in ganzen Reihen heraus und fegten, als sie auch hier nichts ihnen
                  Passendes entdeckten, mit einer einzigen Armbewegung den Sims ab, so daß alles,
                  was auf demselben stand: chinesische Vase, Büste, Dragonerkasketts, mit lautem
                  Geprassel an die Erde fiel. Ihre Wut schien mit der schlechten Ausbeute zu
                  wachsen, und sie rüttelten jetzt an der alten Tür, die nach dem Korridor
                  hinausführte. Wenn sie nachgab!</p>
               <p>Die Mädchen zitterten wie Espenlaub. Aber das schwere Türschloß widerstand, wie
                  vorher das Truhenschloß widerstanden hatte.</p>
               <p>Die Gefahr schien vorüber; noch ein Tappen, wie wenn in Dunkelheit der Rückzug
                  angetreten würde; dann alles still.</p>
               <p>Renate atmete auf und schritt auf den Tisch zu, um die Lampe wieder
                  höherzuschrauben; aber im selben Augenblicke fuhr sie zurück; sie hatte deutlich
                  einen Kopf gesehen, der von der Seite her sich vorbeugte und in das Zimmer
                  hineinstarrte.</p>
               <p>Keines Wortes mächtig und nur mühsam an der Sofalehne sich haltend, wies sie auf
                  das Fenster, vor dem jetzt wie ein Schattenriß eine Gestalt stand, die mit der
                  Linken an dem Weingeäst sich klammerte, während die mit einem Fausthandschuh
                  überzogene Rechte die Scheibe eindrückte und nach dem Fensterriegel suchte, um von
                  innen her zu öffnen.</p>
               <p>Alle drei Mädchen schrien laut auf und stoben auseinander; Kathinka, aller
                  sonstigen Entschlossenheit bar, faltete die Hände und versuchte zu beten, Renate
                  riß an der Klingelschnur, gleichgiltig gegen die Vorstellung, daß niemand da sei,
                  die Klingel zu hören, während Marie, von äußerster Angst erfaßt, in die Gefahr
                  hineinsprang und, ohne zu wissen, was sie tat, zu einem Stoß gegen die Brust des
                  Draußenstehenden ausholte. Aber ehe der Stoß traf, knackte und krachte die
                  Spalierlatte, und die dunkele Gestalt draußen stürzte auf den Schnee des Hofes
                  nieder.</p>
               <p>Keines der Mädchen wagte es, einen Blick hinaus zu tun, <pb/> aber sie hörten
                  jetzt deutlich den Ton der Flurglocke, die Renate fortfuhr zu läuten, und gleich
                  darauf das Anschlagen eines Hundes. Es war ersichtlich, daß Hektor seine neben der
                  Herdwand liegende warme Binsenmatte dem Tanzvergnügen im Krug vorgezogen und, ohne
                  daß jemand davon wußte, das Haus gehütet hatte. Er stand jetzt unten auf der
                  Flurhalle, unsicher, was das Läuten meine, und sein Bellen und Winseln schien zu
                  fragen: wohin? Aber er sollte nicht lange auf Antwort warten. Renate, die Tür
                  öffnend, rief mit lauter Stimme den Korridor hinunter: »Hektor!«, und ehe noch der
                  Ton in dem langen Gange verklungen war, hörte sie das treue Tier, das in mächtigen
                  Sätzen treppan sprang und im nächsten Augenblicke schon der jungen Herrin seine
                  Pfoten auf die Schulter legte. Jegliche Angst war jetzt von ihr abgefallen; sie
                  faßte mit der Linken das Halsband des Hundes, um Halt und Stütze zu haben, und
                  flog dann mit ihm treppab über den Hof hin. Als sie eben von der Auffahrt her in
                  die Dorfgasse einbiegen wollte, stand der alte Vitzewitz vor ihr.</p>
               <p>»Gott sei Dank, Papa – Diebe – komm!«</p>
               <p>Im nächsten Augenblick war der Alte in dem Zimmer oben, wo sich Kathinka weinend
                  an seinen Hals warf, während Marie ihm mit noch zitternden Lippen die Hände
                  küßte.</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Fünfzehntes Kapitel</head>
               <head>Die Suche</head>
               <p>Der andere Morgen sah die Familie samt ihren Gästen wie gewöhnlich im Eckzimmer
                  des Erdgeschosses versammelt. Nur Renate fehlte; sie hatte Fieber, und ein Bote
                  war bereits unterwegs, um den alten Doktor Leist von Lebus herbeizuholen. Das
                  Gespräch drehte sich natürlich um den vorhergehenden Abend, und Kathinka, die sich
                  in übertriebener Schilderung ihrer ausgestandenen Angst gefiel, suchte hinter
                  Selbstpersiflierung ein Gefühl gekränkter Eitelkeit, das sie nicht loswerden
                  konnte, zu verstecken. Sie geriet dabei in einen halb scherzhaften Ton, der <pb/>
                  aber dem alten Vitzewitz durchaus nicht zuzusagen schien. Er schüttelte den Kopf
                  und wurde seinerseits immer ernster.</p>
               <p>Aus den Einzelheiten der Unterhaltung war so viel zu ersehen, daß Berndt, um den
                  Tanz im Kruge nicht zu stören, alles Alarmschlagen verboten, selbst ein Revidieren
                  der Amts- und Gerichtsstube hinausgeschoben und sich damit begnügt hatte, Hof und
                  Park durch einen aus Kutscher Krist und Nachtwächter Pachaly gebildeten
                  Wachtposten abpatrouillieren zu lassen. Jeetze, der sich auch dazu gemeldet hatte,
                  war wegen Alter und Hinfälligkeit und unter Anerkennung seines guten Willens zu
                  Bette geschickt worden.</p>
               <p>Es schlug neun, als unser Freund Kniehase, der erwartet war, von der Auffahrt her
                  über den Hof kam. Tubal und Lewin, die am Fenster standen, sahen und grüßten ihn.
                  Gleich darauf meldete Jeetze: »Schulze Kniehase.«</p>
               <p>»Soll eintreten.«</p>
               <p>Berndt ging ihm entgegen, gab ihm die Hand und schob einen Stuhl an den Tisch.</p>
               <p>»Setzen Sie sich, Kniehase. Was wir zu sprechen haben, ist kurz und kein
                  Geheimnis. Kathinka, bleib! Es kommt alles schneller, als ich erwartete, aber
                  vorbereitet oder nicht, wir dürfen nichts hinausschieben. Es ist keine Stunde zu
                  verlieren, wir müssen wissen, wen wir vor uns haben. Unser eigenes Gesindel hätte
                  sich nicht an Hoppenmarieken gemacht. Ich bleibe dabei, es ist fremdes Volk;
                  Marodeurs von der Grenze.«</p>
               <p>Kniehase schüttelte den Kopf.</p>
               <p>»Gut, ich weiß, daß Sie anders denken. Es wird sich zeigen, wer recht hat, Sie
                  oder ich. Auf wieviel Leute können wir rechnen? Haben wir zehn oder zwölf, so
                  rücken wir aus. Heute noch, gleich.«</p>
               <p>»Bis auf zehn werden wir kommen, wenn der gnädige Herr sich selber mitrechnen und
                  die jungen Herren. Ich habe Nachtwächter Pachaly auf die Lose ge schickt, zu
                  Schwartz und Metzke und auch zu Dames, das sind die jüngsten. Aber er kann vor
                  Mittag nicht wieder da sein. Wir müssen also nehmen, was wir hier im Dorfe
                  finden.«</p>
               <p>
                  <pb/> »Und das sind?«</p>
               <p>»Nicht viele.«</p>
               <p>»Kümmritz?«</p>
               <p>»Kann nicht, hat wieder das Reißen.«</p>
               <p>»Müller Miekley?«</p>
               <p>»Der will nicht. Er hat etwas von Aufstand gehört und von Krieg führen ohne den
                  König, das hat ihn stutzig gemacht: ›Wer das Schwert nimmt, der soll durch das
                  Schwert umkommen.‹ Wir müssen uns hinter Uhlenhorst stecken, der hat die
                  Altlutherischen in der Tasche.«</p>
               <p>»Und Kallies?«</p>
               <p>»Der will, aber ich kenne ›Sahnepott‹, er hat das Zittern und kann kein Blut
                  sehen.«</p>
               <p>»Nun, denn Krull und Reetzke?«</p>
               <p>»Ja, die kommen, und Dobbert und Roloff auch, das sind vier Gute. Und dann die
                  beiden Scharwenkas, der Alte und der Jungsche, und auch Hanne Bogun, der
                  Scharwenkasche Hütejunge.«</p>
               <p>»Der Hütejunge?« fragte Lewin, »er hat ja nur einen Arm.«</p>
               <p>»Aber vier Augen, junger Herr, den müssen wir haben. Er sieht wie ein Habicht und
                  klettert.«</p>
               <p>»Gut, Kniehase, so wären wir unser zehn. Es muß ausreichen für eine erste Suche,
                  und nun wollen wir, ehe die Bauern kommen, die Amtsstube revidieren; vielleicht,
                  daß wir etwas finden, das uns einen Fingerzeig gibt.«</p>
               <p>Sie stiegen in das erste Stockwerk, auch Kathinka folgte, dem alten Schulzen,
                  neben dem sie ging, auf Flur und Treppe vorplaudernd, daß seine Pflegetochter die
                  mutigste von ihnen und zugleich die erste Ursache ihrer Rettung gewesen sei.</p>
               <p>So waren sie, der alte Vitzewitz immer um ein paar Schritte vorauf, bis an die
                  Türe der Amtsstube gekommen, die sie jetzt nicht ohne ein gewisses und, wie sich
                  im nächsten Augenblicke zeigen sollte, nur allzu gerechtfertigtes Grauen öffneten.
                  Eine grenzenlose Verwüstung starrte ihnen entgegen; Bücher und Scherben, alles
                  durcheinander, über das ganze Zimmer hin Flecke von abgetropftem Wachs, und auf
                  der Platte des großen <pb/> Schreibtisches ein Brandfleck, von dem Schwamm oder
                  Schwefelfaden herrührend, den die Strolche hier sorglos aus der Hand geworfen
                  hatten. Neben der Truhe lag noch ein Stemmeisen und auf dem Fensterbrett ein
                  dicker, halb zerrissener Fausthandschuh.</p>
               <p>Es waren nicht Gegenstände, die, wie sie auch von Hand zu Hand gingen, auf eine
                  bestimmte Spur hätten hindeuten können, und so in gewissem Sinne enttäuscht,
                  schritten alle wieder in das Erdgeschoß zurück, wo sie jetzt die Bauern samt dem
                  jungen Scharwenka und Hanne Bogun, dem Hütejungen, bereits versammelt fanden. Es
                  wurde beschlossen, zunächst auch noch den Hof abzusuchen oder wenigstens die
                  Stelle, von wo aus der Einbruch ausgeführt worden war. Hier stand noch die vom
                  Wirtschaftshof herbeigeschleppte Leiter, deren sich die Diebe bedient hatten.
                  Lewin stieg die Sprossen hinauf und revidierte das äußere Fenstersims, während
                  Tubal und der junge Scharwenka unten im Schnee nachforschten; aber selbst von den
                  zahlreichen Fußstapfen, die, um den Giebel des Hauses herum, nach der Parkallee
                  und dem Parke selber führten, konnte schließlich nicht festgestellt werden, ob sie
                  von den Dieben oder von Krist und Pachaly herrührten.</p>
               <p>»So geben wir es auf«, sagte Berndt, »und sehen, ob wir auf Gorgast und Manschnow
                  zu etwas finden.«</p>
               <p>Jeetze brachte die Flinten, und der abmarschierende Männertrupp war eben im
                  Begriff, vom Hofe her auf die Dorfgasse zu treten, als sie hinter sich einen
                  Schäferpfiff hörten und, sich wendend, des Scharwenkaschen Hütejungen ansichtig
                  wurden, der, vorläufig noch zurückgeblieben, mittlerweile die Leiter von dem
                  Amtsstubenfenster an das Fenster der Nebenstube gestellt und auf eigene Hand
                  weitergesucht hatte.</p>
               <p>Er winkte jetzt lebhaft mit dem losen Ärmel seines Stummelarmes und gab Zeichen,
                  aus denen sich schließen ließ, daß er einen Fund gemacht habe.</p>
               <p>Die Männer kehrten um. Als sie dicht heran waren, hielt ihnen Hanne Bogun einen
                  Messingknopf entgegen.</p>
               <p>»Wo lag er?« fragte der alte Vitzewitz in lebhafter Erregung.</p>
               <p>
                  <pb/> Der Hütejunge, ohne Antwort zu geben, sprang wieder die Leiter hinauf und
                  legte den Knopf auf dieselbe Stelle, von wo er ihn weggenommen hatte. Es war das
                  Querholz, das dicht unter dem Fenster hinlief, und so konnte nicht wohl ein
                  Zweifel sein, daß bei dem Zusammenbrechen des unteren Spaliers die scharfe Kante
                  der oberen Latte den Knopf abgestreift hatte. Er war von einer französischen
                  Uniform. In der Mitte ein N, während der Rand der Innenseite die Umschrift zeigte:
                  14e Rég. de ligne.</p>
               <p>Berndt triumphierte, seine Vermutungen schienen sich bestätigen zu sollen, die
                  Bauern stimmten ihm bei. Nur Kniehase schüttelte nach wie vor den Kopf. Es kam
                  aber zu weiter keinen Auseinandersetzungen, und nachdem der Knopf reihum gegangen
                  war, brachen alle wieder auf. Der Hütejunge, der zwei Jagdtaschen trug,
                  folgte.</p>
               <p>Sie hielten zunächst die große Straße in der Richtung auf Küstrin zu. Als sie bis
                  zu der Stelle gekommen waren, wo vor zwei Tagen Hoppenmarieken an gefallen und
                  fast erwürgt worden war, bogen sie rechts ab auf dasselbe Wäldchen zu, von dem aus
                  Tubal und Lewin ihren Wettlauf über den verschneiten Sturzacker hin gemacht
                  hatten. Die Bauern kannten aber ihr Terrain besser und wählten einen
                  festgetretenen Fußweg, der auf die Mitte des Gehölzes zulief.</p>
               <p>Hier angekommen, wurde beratschlagt, ob man dasselbe absuchen solle. Der alte
                  Scharwenka, der seit fünfundzwanzig Jahren immer nur in einem hohen Federbett
                  geschlafen hatte, hielt es für unmöglich, daß man bei zwölf Grad Kälte unter
                  freiem Himmel nächtigen und sich mit einer Zudecke von Schneeflocken behelfen
                  könne; Kniehase war aber anderer Meinung und setzte, sich auf seine
                  Feldzugserfahrungen berufend, auseinander, daß es nichts Wärmeres gebe als eine
                  mit Stroh ausgelegte Schneehütte. Daraufhin wurde denn das Absuchen beschlossen;
                  aber sie kamen bis an den jenseitigen Rand, ohne das geringste gefunden zu haben.
                  Nirgends weggeschaufelter Schnee, kein Reisig, keine Feuerstelle.</p>
               <p>Man mußte sich nun schlüssig machen, ob man sich auf das <pb/> diesseitige,
                  zwischen Gorgast, Manschnow und Rathstock gelegene Terrain beschränken oder aber
                  zugleich auch auf das andere Flußufer übergehen und die ganze Strecke von den
                  Küstriner Pulvermühlen an bis zum Entenfang und vom Entenfang bis Kirch-Göritz hin
                  abpirschen wolle. Man entschied sich für das letztere, so daß im wesentlichen
                  dieselben Punkte berührt werden mußten, an denen Tubal und Lewin, als sie den
                  Doktor Faulstich besuchten, auf ihrem Hin- und Rückwege vorübergekommen waren.
                  Dies festgestellt, einigte man sich dahin, daß, um größerer Bequemlichkeit willen,
                  die Mannschaften in zwei, nach rechts und links hin abmarschierende Trupps geteilt
                  werden sollten, was – wenn nichts vorfiel und an vorausbestimmter Stelle richtig
                  eingeschwenkt wurde – zu einem Mittagsrendezvous in Nähe des Neu-Manschnower
                  Vorwerks führen mußte. Den einen Trupp führte Kniehase, den anderen Berndt. Bei
                  diesem letzteren waren, außer Tubal und Lewin, der junge Scharwenka und Hanne
                  Bogun, der Hütejunge.</p>
               <p>Der Berndtsche Trupp hielt sich rechts. Um einen freien Überblick zu haben, gaben
                  sie den am diesseitigen Abhang sich hinschlängelnden Fußpfad auf und erstiegen die
                  Höhe. Das Wetter war klar, aber nicht sonnig, so daß kein Flimmern die Aussicht
                  störte. Berndt und Tubal hatten einen Vorsprung von fünfzig Schritt und waren
                  alsbald in einem Gespräch, das selbst die Aufmerksamkeit des ersteren mehr als
                  einmal von den Außendingen abzog. Tubal erzählte von seinen Kinderjahren, seiner
                  in Paris lebenden Mutter, von Kathinka und schüttete sein Herz aus über das
                  unruhige und widerspruchsvolle Leben, das er von Jugend auf geführt habe.</p>
               <p>»Ich habe kein Recht, die Motive zu kritisieren, die meinen Papa bestimmt haben
                  mögen, sich zu expatriieren, aber er hat uns durch diesen Schritt, den er tat,
                  keinen Segen ins Haus gebracht. Unser Name ist polnisch und unsere Vergangenheit
                  und zu bestem Teil auch unser Besitz, soweit wir ihn vor der Konfiskation gerettet
                  haben. Und nun sind wir Preußen! Der Vater mit einer Art von Fanatismus, Kathinka
                  mit abgewandtem, <pb/> ich mit zugewandtem Sinn, aber doch immer nur mit einer
                  Liebe, die mehr aus der Betrachtung als aus dem Blute stammt. Und wie wir nicht
                  recht ein Vaterland haben, so haben wir auch nicht recht ein Haus, eine Familie.
                  Und das ist das Schlimmste. Es fehlt uns der Mittelpunkt. Kathinka und ich, wir
                  sind aufgewachsen, aber nicht auferzogen. Was wir an Erziehung genossen haben, war
                  eine Erziehung für die Gesellschaft. Und so leben wir bunte Tage, aber nicht
                  glückliche, wir zerstreuen uns, wir haben halbe Freuden, aber nicht ganze, und
                  sicherlich keinen Frieden.«</p>
               <p>Dem alten Vitzewitz war kein Wort verlorengegangen. Er kannte das Leben der
                  Ladalinskis bis dahin nur in den großen Zügen, und das Ansehen, das der Vater in
                  einzelnen prinzlichen Kreisen genoß, sein auch jetzt noch bedeutendes Vermögen,
                  vor allem aber das jeder Engherzigkeit Entkleidete, das alle Mitglieder dieses
                  Hauses gleichmäßig auszeichnete, hatte ihn eine Verbindung mit demselben stets als
                  etwas in hohem Maße Wünschenswertes erscheinen lassen. Heute zum ersten Male,
                  während er doch zugleich den Bekenntnissen Tubals mit gesteigerter Teilnahme
                  folgte, beschlich ihn ein Zweifel, ob es geraten sein würde, das Schicksal seiner
                  beiden Kinder an das dieser Familie zu ketten.</p>
               <p>Auch Lewin und der junge Scharwenka plauderten lebhaft. Sie waren gleichalterig,
                  weshalb denn auch Lewin, dem Wunsche des alten Spielkameraden nachgebend, das
                  ehemalige »Du« beibehalten hatte. Hanne Bogun schritt pfeifend hinter ihnen und
                  unterhielt sich damit, Vogelstimmen nachzuahmen.</p>
               <p>»Wie steht es mit Maline?« fragte Lewin.</p>
               <p>»Schlecht oder gar nicht, sie hat mir abgeschrieben.«</p>
               <p>»Ich habe davon gehört. Aber du sollst sie ja gekränkt haben; du hättest ihr ihre
                  Armut vorgeworfen.«</p>
               <p>»Das erzählt Fräulein Renate, die alles glaubt, was ihr Maline sagt. Sehen Sie,
                  junger Herr, das ist nun das Allerhäßlichste an ihr, daß sie nicht die Wahrheit
                  sagt und mich verschwatzt. Und ich litt' es auch nicht, bloß daß ich denke, man
                  kann doch nicht wissen, wie es kommt. Und dann will ich die, <pb/> die vielleicht
                  doch noch meine Frau wird, nicht schon vorher in aller Leute Mäuler gebracht
                  haben.«</p>
               <p>»Aber du mußt ihr doch etwas zuleide getan oder ihr irgendwas gesagt haben, das
                  sie dir übelnehmen konnte.«</p>
               <p>»Ja, weil sie alles übelnimmt. In dem Briefe, worin sie mir abschrieb, stand: ›Wir
                  Scharwenkas hätten einen Bauernstolz‹; aber, junger Herr, wenn wir den Bauernstolz
                  haben, dann haben die Kubalkes den Küsterstolz. Ihr Vater, der alte Kubalke, hat
                  ja den Kirchenschlüssel, und dann und wann sonntags, wenn der Pastor Abhaltung
                  hat, liest er uns auch das Evangelium vor. Und er kann auch Grabschriften machen
                  und Verse zu Hochzeiten und Kindelbier. Daneben müssen sich denn freilich die
                  Bauern verstecken; wenigstens glauben das alle Kubalkes, als ob es selber ein
                  Evangelium wäre. Und die kleine Eve drüben in Guse, das ist die schlimmste, denn
                  die gnädige Gräfin verwöhnt sie jeden Tag mehr.«</p>
               <p>»Aber Maline?«</p>
               <p>»Ja, Maline! Sie ist nicht so schlimm wie die Eve, aber eitel und hochmütig ist
                  sie auch. Und seit Martini, wo der alte Justizrat hier war und zu ihr sagte:
                  ›Maline sei ein wendisches Wort und heiße Himbeere, und sie heiße nicht bloß so,
                  sie sei auch eine‹, seit diesem Tage ist mit ihr kein Auskommen mehr. Und wie kam
                  es denn? Und was hat sie mir denn übelgenommen? Ich sollte ihr das große karierte
                  Tuch holen, und als ich es ihr nun wirklich geholt hatte, da wollte sie, daß ich
                  es ihr auch umhängen sollte. Da sagte ich zu ihr: Du bist keine Prinzeß, Maline,
                  du bist eines armen Schulmeisters Tochter. Und da verschwatzt sie mich nun und
                  klagt den Leuten vor, ich hätte ihr ihre Armut vorgeworfen! Und was war es? Ihren
                  Hochmut hab ich ihr vorgeworfen. Aber Worte verdrehen und Lügen aufputzen, als ob
                  es die Wahrheit wäre, darauf versteht sie sich. Und wenn ich ihr nicht so gut wäre
                  – denn der alte Justizrat hat eigentlich recht –, so wär es schon lange mit uns
                  aus gewesen. Nun ist es auch wirklich vorbei; aber ich denke doch immer noch, es
                  soll wieder einklingen.«</p>
               <p>Unter solchem Geplauder, das den mitteilsamen Krügerssohn <pb/> ganz und gar und
                  den ihm zuhörenden, meist nur Fragen stellenden Lewin wenigstens halb in Anspruch
                  genommen hatte, hatten beide junge Männer nicht darauf geachtet, daß das Pfeifen
                  hinter ihnen still geworden war. Als sie sich von ungefähr umwandten, sahen sie
                  den eine gute Strecke zurückgebliebenen Hanne Bogun, wie er, die beiden
                  Jagdtaschen von der Schulter streifend, eben im Begriff stand, eine Kiefer zu
                  erklettern, die sich nach oben hin in zwei weit voneinanderstehende Äste teilte.
                  Es war dies der höchste Punkt der ganzen Gegend, und die Absicht des Hütejungen,
                  von hier aus Umschau zu halten, lag klar zutage. Aber jede Betrachtung über das,
                  was er wolle oder nicht wolle, ging in dem Schauspiel unter, das ihnen jetzt die
                  Klettergeschicklichkeit des Einarmigen gewährte. Er klemmte den Stumpf fest, als
                  ob er den Arm selbst gar nicht vermisse, und geschickt die am schlanken Stamm hin
                  kurz abgebrochenen Aststellen benutzend, auf denen er sich wie auf Leitersprossen
                  ausruhte, war er noch eher oben, als die beiden jungen Männer den Weg bis zu der
                  Kiefer hin zurückgelegt hatten.</p>
               <p>»Was gibt es, Hanne?«</p>
               <p>Er machte von der Gabel aus, in der er jetzt stand, eine Handbewegung, als ob er
                  nicht gestört sein wolle, und sah dann erst die Flußufer auf- und abwärts, zuletzt
                  auch ins Neumärkische hinüber. Er schien aber nichts zu finden und glitt, nachdem
                  er sein Auge den ganzen Kreis nochmals hatte beschreiben lassen, mit derselben
                  Leichtigkeit wieder hinab, mit der er fünf Minuten vorher hinaufgestiegen war.</p>
               <p>Er blieb nun, während die beiden jungen Männer rasch weiterschritten, in gleicher
                  Linie mit ihnen und gab auf die kurzen Fragen, die Lewin von Zeit zu Zeit an ihn
                  richtete, noch kürzere Antworten.</p>
               <p>»Nun, Hanne, was meinst du, werden wir sie finden?«</p>
               <p>Der Hütejunge schüttelte den Kopf in einer Weise, die ebensogut Zustimmung wie
                  Zweifel ausdrücken konnte.</p>
               <p>»Ich begreife nicht, daß die Gorgaster und Manschnower ihnen nicht besser
                  aufpassen. Es gibt doch hier keine Schlupfwinkel, <pb/> kaum ein Stückchen Wald;
                  dabei liegt Schnee. Ich glaube, sie haben ihre Helfershelfer; sonst müßte man doch
                  endlich Bescheid wissen.«</p>
               <p>»Manch een mack et wol weeten?« sagte der Hütejunge.</p>
               <p>»Ja, aber wer ist ›manch een‹?«</p>
               <p>Der Hütejunge lächelte pfiffig vor sich hin und fing wieder an, eine Vogelstimme
                  nachzuahmen, vielleicht aus Zufall, vielleicht auch, um eine Andeutung zu
                  geben.</p>
               <p>»Du machst ja ein Gesicht, Hanne, als ob du etwas wüßtest. An wen denkst du?«</p>
               <p>Hanne schwieg.</p>
               <p>»Es soll dein Schaden nicht sein. Nicht wahr, Scharwenka, wir kaufen ihm eine
                  Pelzmütze und hängen ihm einen blanken Groschen an die Troddel! Nun, Hanne, wer
                  ist ›manch een‹?«</p>
               <p>Hanne schritt ruhig weiter, sah nicht links und nicht rechts und sagte vor sich
                  hin: »Hoppenmarieken.«</p>
               <p>Lewin lachte. »Natürlich, Hoppenmarieken muß alles wissen. Was ihr die Karten
                  nicht verraten, das verraten ihr die Vögel, und was die Vögel nicht wissen, das
                  weiß der Zauberspiegel. Dieselben Kerle, die sie gewürgt haben, werden ihr doch
                  nicht ihren Zufluchtsort verraten haben.«</p>
               <p>Der Hütejunge ließ sich aber nicht stören und wiederholte nur mit einem Ausdruck
                  von Bestimmtheit: »Se weet et.«</p>
               <p>Während dieses Gespräches hatten alle drei den Punkt erreicht, wo sie, nach der am
                  Wäldchen getroffenen Verabredung, den auf der Höhe laufenden Fußweg aufgeben, nach
                  links hin niedersteigen und über den Fluß gehen mußten. Ihnen gegenüber schimmerte
                  schon der Kirch-Göritzer Turm, aber doch noch gute fünfhundert Schritt nach rechts
                  hin, woran Lewin deutlich erkannte, daß der ihnen zu Füßen liegende, mit jungen
                  Kiefern abgesteckte Weg nicht derselbe war, den er vorgestern mit Tubal passiert
                  hatte, sondern ein Parallelweg, der wahrscheinlich auf die Rathstocker Fähre
                  zuführte.</p>
               <p>Der alte Vitzewitz und Tubal waren schon halb hinüber, als Lewin erst in den
                  Kuschelweg einbog. Er sprach nicht, aber desto mehr beschäftigte ihn
                  Hoppenmarieken. Es erschien <pb/> ihm jetzt hinfällig, was er seinerseits gegen
                  ihre Mitwissenschaft gesagt hatte; Streitigkeiten zwischen Diebsgenossen waren am
                  Ende nichts Ungewöhnliches, und wenn ein Rest von Unwahrscheinlichkeit blieb, so
                  schwand er doch vor der Bestimmtheit, mit der Hanne Bogun sein »Se weet et«
                  ausgesprochen hatte. War doch der Hütejunge, so sagte sich Lewin, zu dieser
                  Bestimmtheit mutmaßlich nur allzu berechtigt. Denn wenn es jemanden auf der
                  Hohen-Vietzer Feldmark gab, der Hoppenmarieken in ihren Schlichen und Wegen
                  nachgehen oder doch ihr Treiben auf der Landstraße, ihre Begegnungen und
                  Tuscheleien beobachten konnte, so war es eben Hanne, der sommerlang das
                  Scharwenkasche Vieh hütete und entweder in einem ausgetrockneten Graben oder
                  versteckt im hohen Korne lag.</p>
               <p>Unter solchen Betrachtungen hatte Lewin die Mitte des Flusses erreicht, der alte
                  Vitzewitz und Tubal waren schon am jenseitigen Ufer und kletterten eben den
                  steilen Rand hinauf. Zur Linken Lewins ging der junge Scharwenka, beide nach wie
                  vor im Schweigen und des Hütejungen nicht achtend, der wieder ein paar Schritte
                  hinter ihnen zurückgeblieben war.</p>
               <p>Aber in diesem Augenblick drängte sich Hanne, rasch über das Eis hinschlitternd,
                  an die Seite seines jungen Herrn, zupfte ihn am Rock und sagte, mit seinem losen
                  Ärmel nach links hin zeigend: »Jungschen Scharwenka, kiek eens.«</p>
               <p>Des Krügers Sohn blieb stehen, Lewin auch, und beide lugten nun scharf nach der
                  Richtung hin, die ihnen Hanne bezeichnet hatte.</p>
               <p>»Ich sehe nichts«, rief Scharwenka und wollte weiter.</p>
               <p>Aber Hanne hielt ihn fest und sagte: »Tööf en beten, grad ut, mang de Pappeln;
                  jitzt.«</p>
               <p>Hanne hatte recht gesehen. Zwischen zwei Pappeln, die mitten auf dem Eis zu stehen
                  schienen, wirbelte ein dünner Rauch auf. Dann und wann schwand er, aber im
                  nächsten Augenblicke war er wieder da.</p>
               <p>»Jetzt haben wir sie! Wo Rauch ist, ist auch Feuer. Vorwärts!«</p>
               <p>
                  <pb/> Damit bogen beide junge Männer aus dem querlaufenden Kuschelweg in die
                  große, die Mitte des Stromes haltende und für Schlitten und Wagen bequem fahrbare
                  Längsallee ein, während Hanne, zu Meldung des Tatbestandes und mit der
                  Aufforderung umzukehren, an den alten Vitzewitz und Tubal abgeschickt wurde.</p>
               <p>Lewin und der junge Scharwenka setzten inzwischen ihren Weg fort, machten aber
                  lange Pausen, bis sie wahrnahmen, daß Hanne die beiden bereits am anderen Ufer
                  Befindlichen eingeholt und ihnen seine Meldung ausgerichtet hatte. Nun schritten
                  auch sie wieder schneller vorwärts. Bald entdeckten sie, daß das, was sie kurz
                  vorher noch für eine mit zwei hohen Pappelweiden besetzte Landzunge gehalten
                  hatten, eine jener kleinen Rohrinseln war, denen man in der Oder so häufig
                  begegnet. Das einfassende Rohr, wenn auch hier und dort durch die Schneemassen
                  niedergelegt, ließ sich deutlich erkennen; alles aber, was dahinterlag, war durch
                  eben diesen Einfassungsgürtel verborgen.</p>
               <p>Sie gaben nun auch die große Längsallee auf, hielten sich halb links und tappten
                  sich durch den außerhalb der Fahrstraße fußhoch liegenden Schnee auf die Insel zu.
                  Als sie dicht heran waren, verschwanden ihnen zuerst die Rauchwölkchen, bald auch
                  die beiden Pappeln, und im nächsten Augenblicke standen sie vor dem Schilfgürtel
                  selbst. Lewin wollte den Durchgang forcieren, überzeugte sich aber, daß dies
                  unmöglich sei. Auch war es überflüssig. Während seiner Anstrengungen hatte der
                  junge Scharwenka einen mannsbreiten Gang entdeckt, der mit der Sichel durch das
                  Rohr geschnitten war; er winkte Lewin heran, und beide drangen nun vor, nicht ohne
                  Schwierigkeiten, da der Wind zahllose Halme in den Gang hineingeweht und diesen an
                  manchen Stellen wieder verstopft hatte. Endlich waren sie durch den Rohrgürtel,
                  der eine Tiefe von fünfzehn Schritt haben mochte, hindurch, und das wenige, was
                  noch verblieb, als eine Art Schirm benutzend, sahen sie jetzt, von gesicherter
                  Stelle aus, auf das Innere der Insel.</p>
               <p>Das Bild, das sich ihnen bot, war überraschend genug und <pb/> berührte sie, als
                  ob sie auf einen leidlich instand gehaltenen Wirtschaftshof blickten. Alles war
                  von einer gewissen Ordnung und Sauberkeit. Der Schnee lag zusammengefegt zu beiden
                  Seiten; eine Kuh, die mit dem linken Vorderfuß an eine der beiden Pappeln gebunden
                  war, nagte von einem durch Strohbänder zusammengehaltenen Heubündel, während in
                  der Nähe der anderen Pappel ein hochbepackter Schlitten stand, der unter seiner
                  mit Stricken umwundenen Segelleinwand den Ertrag des letzten Fanges bergen
                  mochte.</p>
               <p>So der Hof, dessen friedliches Bild nur noch von dem Anblick des als Wohnhaus
                  dienenden Holzschuppens übertroffen wurde. Dieser Holzschuppen, von beiden Seiten
                  her mit Schnee umkleidet, nicht viel anders, als ob er in einen Schneeberg
                  hineingebaut worden wäre, schien aus drei Räumen von verschiedener Größe zu
                  bestehen. Die beiden kleinen, die als Stall und Küche dienten, waren offen,
                  während der dritte, größere Raum mit zwei alten Brettern und einer
                  funkelnagelneuen Tür zugestellt war, deren Klinke, Haspenbeschlag und roter
                  Ölfarbenanstrich über ihren Gorgaster oder Manschnower Ursprung keinen Zweifel
                  gestattete. Vor dem aufgemauerten Herd, auf dem ein mäßiges Reisigfeuer brannte,
                  stand, mit Abschäumen und Töpferücken beschäftigt, eine noch junge Frau, dann und
                  wann zu einem Blondkopf sprechend, der auf einem Futtersack dicht an der Schwelle
                  saß. Als Rauchfang, wie Lewin deutlich erkennen konnte, diente ein Ofenrohr, das
                  zwei Handbreit über das Schneedach hinausragte. In dem offenen Stalle stand ein
                  Pferd und klapperte mit der Eisenkette.</p>
               <p>»Das ist Müller Krieles Brauner«, sagte Scharwenka.</p>
               <p>Beide junge Männer zogen sich nach dieser ihrer Rekognoszierung wieder an den
                  äußeren Rand des Schilfgürtels zurück, um hier auf die Ankunft ihres Sukkurses zu
                  passen. Sie hatten nicht lange zu warten. Berndt und Tubal, von dem Hütejungen
                  gefolgt, waren bereits dicht heran, und gleich darauf drängten alle fünf, durch
                  den schmalen Gang hin, wieder auf den Punkt zu, von wo aus Lewin und der junge
                  Scharwenka ihre Beobachtungen angestellt hatten. Im Flüstertone wurde Kriegsrat
                  gehalten <pb/> und das Abkommen getroffen, daß Tubal und Hanne Bogun auf die Frau
                  losspringen, die beiden Vitzewitze samt ihrem Krügerssohn aber in den mit den zwei
                  Brettern und der roten Tür zugestellten Raum eindringen sollten.</p>
               <p>Es war sehr wahrscheinlich, daß sich die Strolche, um den auf ihren nächtigen
                  Streifzügen versäumten Schlaf wieder einzubringen, hier zur Ruhe niedergelegt
                  hatten; erwies sich diese Voraussetzung aber auch als Irrtum, so hatte man
                  wenigstens die Frau, mit deren Hilfe es nicht schwerhalten konnte, die etwa
                  ausgeflogenen Vögel einzufangen.</p>
               <p>»Eins, zwei, drei!« ein Sprung über den Hof hin, und im nächsten Moment schrie die
                  Frau auf, während Berndt und Scharwenka, gefolgt von Lewin (der Bretter und Tür
                  mit leichter Mühe niedergerissen hatte), in den mit Blak- und Branntweindunst
                  angefüllten Raum hineindrängten. Das hell einfallende Tageslicht ließ alles rasch
                  erkennen. An den Wänden, links und rechts hin, standen zwei kienene Bettstellen,
                  die, wie draußen die rotangestrichene Tür, einst bessere Tage gesehen haben
                  mochten. Jetzt waren sie mit Strohsäcken bepackt, auf und unter denen, in voller
                  Kleidung, zwei Kerle mit übrigens noch mehr gedunsenem als verwildertem Gesicht in
                  festem Schlafe lagen.</p>
               <p>»Ausgeschlafen?« donnerte Berndt und setzte dem an der rechten Wand Liegenden den
                  Kolben auf die Brust.</p>
               <p>Der so Angeschriene fuhr sich schlaftrunken über die Augen und starrte dann mit
                  einem Ausdruck, in dem sich Schreck und Pfiffigkeit zu einer Grimasse verzogen,
                  auf den alten Vitzewitz, der, als er den guten Effekt sah, den die Überraschung
                  ausgeübt hatte, das Gewehr wieder ruhig über die Schulter hing und beiden
                  Strolchen zurief. »Macht euch fertig!«</p>
               <p>Im Nu waren sie auf den Beinen; beide mittelgroß und Männer von Vierzig. Der eine
                  war nach Landessitte in eine dickwollene Tagelöhnerjacke, der andere in einen
                  französischen Soldatenrock gekleidet, beide mit Holzschuhen an den Füßen, aus
                  denen lange Strohhalme heraussahen. Ihren Anzug aufzubessern, dazu war nicht Zeit
                  noch Gelegenheit. Auf einer als<pb/> Tisch dienenden Kiste stand ein Blaker mit
                  niedergeschweltem Licht; daneben zwei bauchige Flaschen von grünem Glase, drin ein
                  Korbmuster eingedrückt war, auch ein Czako und eine Filzmütze. Sie bedeckten sich
                  damit, ließen die Flaschen, in denen noch ein Rest sein mochte, in ihre Tasche
                  gleiten und stellten sich dann in eine Art von militärischer Positur, wie um ihre
                  Marschbereitschaft auszudrücken. Berndt machte eine Handbewegung: »Vorwärts!«</p>
               <p>Draußen drängte sich der im Soldatenrock an die Seite des jungen Scharwenka und
                  fragte mit einer halben Vertraulichkeit: »Wohenn geiht et?«</p>
               <p>»An den Galgen!«</p>
               <p>Der Strolch grinste. »Na, Jungschen Scharwenka, so dull sall et ja woll nich
                  wihren!«</p>
               <p>»Ihr kennt mich?«</p>
               <p>»Wat wihr ick Se nich kennen? Ick bin ja Muschwitz von Großen-Klessin.«</p>
               <p>»So, so; und der andere?«</p>
               <p>»Rosentreter von Podelzig.«</p>
               <p>Der junge Scharwenka warf den Kopf in die Höhe, als ob er sagen wollte: »So sieht
                  er auch aus.« Damit schritten sie über den Hof auf den schmalen Gang zu, der durch
                  das Schilf führte.</p>
               <p>Eine halbe Stunde später hatte die kleine Kolonne den vorausbestimmten
                  Rendezvousplatz, das Neu-Manschnower Vorwerk, erreicht. Sie fanden den
                  Kniehaseschen Trupp, der keinen Aufenthalt gehabt hatte, schon vor. Krull und
                  Reetzke, nachdem alles erzählt worden, was zu erzählen war, erboten sich, den
                  Gefangenentransport, der auf Frankfurt ging, zu übernehmen: eine Verstärkung
                  dieser Eskorte war nicht nötig, da sowohl Muschwitz wie Rosentreter froh schienen,
                  ihre Winterhütte mit unfreieren, aber bequemeren Verhältnissen vertauschen zu
                  können. Die Frau, in betreff deren Zweifel herrschten, wem von den beiden sie
                  zugehörte, folgte stumm, einen kleinen Schlittenkasten ziehend, in den sie das
                  Kind hineingesetzt hatte.</p>
               <p>
                  <pb/> Die Hohen-Vietzer traten gleichzeitig mit dem Abmarsch der Gefangenen ihren
                  Rückweg an. Und zwar über das am diesseitigen Ufer liegende Manschnow. An der
                  Mühle vorüberkommend, teilten sie dem alten Kriele mit, in welchem Stalle er
                  seinen Braunen wiederfinden würde; auf dem Schulzenamte aber wurde Befehl
                  zurückgelassen, daß die Manschnower, zu deren Revier die Insel gehörte, den
                  Schuppen durchsuchen und durchgraben und alles geraubte Gut, das sich etwa finden
                  würde, nach Frankfurt hin abliefern sollten.</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Sechzehntes Kapitel</head>
               <head>Von Kajarnak, dem Grönländer</head>
               <p>Um zwei Uhr waren unsere Hohen-Vietzer wieder in ihrem Dorf und eine halbe Stunde
                  später wußte jeder bis auf die letzten Lose hinaus, daß die Strolche gefunden und
                  auf dem Wege nach Frankfurt seien. Im Kruge, wo sich bald einige Bauern, auch
                  Kallies und Kümmritz, versammelten, entsann man sich Muschwitzens sehr wohl, der
                  immer ein Tagedieb und Taugenichts gewesen sei, und erging sich in Vermutungen,
                  woher er den französischen Soldatenrock genommen haben könne, Vermutungen, die mit
                  Totschlag begannen und über qualifizierten Diebstahl hin einfach bei Tausch oder
                  Kauf endigten. Dies letztere war denn auch das wahrscheinlichste. In Küstrin, wo
                  der Typhus jeden Tag die Reihen der französischen, zum Teil aus Hessen und
                  Westfalen bestehenden Garnison lichtete, war zu solchen »Geschäften unter der
                  Hand« die reichlichste Gelegenheit gegeben. Von Rosentreter wußte niemand. Das Lob
                  des Hütejungen war auf aller Lippen.</p>
               <p>Auch im Herrenhause riß das Erzählen gar nicht ab. Kathinka und Tante Schorlemmer
                  wollten alles bis auf die kleinsten Züge wissen, und als es unten im Wohnzimmer
                  nichts mehr zu berichten gab, wurde oben in Renatens Krankenzimmer das
                  Berichterstatten fortgesetzt. Lewin saß eine Stunde lang an ihrem Bett und ließ
                  der Reihenfolge nach erst das Absuchen<pb/> des Wäldchens, dann den Überfall und
                  den Transport der Gefangenen an ihrem Auge vorüberziehen. Nichts wurde vergessen;
                  namentlich hob er aus seinem Gespräche mit dem jungen Scharwenka hervor, daß
                  Maline unrecht habe, pries Hanne Boguns Umsicht und schilderte schließlich den
                  Eindruck, den die auf dem Rohrwerder mitgefangene Frau auf ihn gemacht habe.</p>
               <p>So kam die Tischstunde heran. Der alte Vitzewitz war in bester Laune, und so
                  unbequem es ihm sein mochte, mit seiner Hypothese von den »Marodeurs« und
                  »Deserteurs« eine arge Niederlage erlitten zu haben, so gewann er es doch über
                  sich, was sonst nicht seine Art war, über sich selbst und seinen Rechnungsfehler
                  zu scherzen. Wußte er doch, daß er schließlich recht behalten würde. Alles war nur
                  Frage der Zeit.</p>
               <p>Gleich nach Tisch sollte zu Graf Drosselstein nach Hohen-Ziesar hinübergefahren
                  werden; Tubal und Kathinka schuldeten ihm ohnehin noch ihren Besuch, der, wenn er
                  überhaupt noch gemacht werden sollte, nicht hinausgeschoben werden konnte. Denn am
                  andern Tage schon sollte von Schloß Guse aus die Rückkehr beider Geschwister nach
                  Berlin angetreten werden. Krist mit den Ponies hielt schon vor der Treppe, als die
                  Tafel aufgehoben wurde; wenige Minuten später bog der Wagen von der Auffahrt her
                  in die Dorfstraße ein. Kathinka, einer ihrer Passionen folgend, hatte die Leinen
                  genommen und fuhr. Als sie an Miekleys Mühle vorüberkamen, begegnete ihnen Doktor
                  Leist von Lebus, der sich getreulich einstellte, um nach seiner Kranken zu sehen.
                  Nur kurze Grüße wurden gewechselt.</p>
               <p>Alte-Doktor Leist, der seit zwanzig Jahren im Hohen-Vietzer Herrenhause so gut
                  Bescheid wußte wie in seinem eigenen, stieg, nachdem er ein paar Worte mit Jeetze
                  gewechselt und von dem großen Ereignis des Tages gehört hatte, treppan und trat
                  bei Renaten ein.</p>
               <p>Nur Maline war bei ihr. Das Schlafzimmer, jetzt auch Krankenzimmer, lag auf der
                  der Gerichtsstube entgegengesetzten Seite des Hauses und war nur durch eine
                  Giebelwand von dem <pb/> mehrgenannten alten Querbau getrennt, der ehedem als
                  Bankettsaal, dann als Kapelle gedient und nun längst schon seine früheren
                  Bestimmungen mit der bescheidenen einer großen Obst- und Rumpelkammer vertauscht
                  hatte. Am Ende des Korridors befand sich eine schmale Tür, die mit Hilfe einer
                  hochstufigen Treppe die Verbindung mit diesem alten Querbau unterhielt. Doktor
                  Leist trat an das Bett der Kranken, fühlte den Puls und sagte dann, während er
                  eine fieberstillende Arzenei auswickelte:</p>
               <p>»Hier bring ich etwas. Der alte Doktor Leist ist wie der Weihnachtsmann; er bringt
                  immer etwas mit.«</p>
               <p>»Nur der Weihnachtsmann bringt Süßes, und Doktor Leist bringt Bitteres.«</p>
               <p>»Nicht doch, nicht doch, Renatchen. Da sollten Sie den alten Leist doch besser
                  kennen. Der weiß, was sich schickt, und kennt seine deutschen Sprichwörter. Gleich
                  und gleich gesellt sich gern. Und für so liebe kleine Fräuleins ist das Bittere
                  gar nicht da.«</p>
               <p>»Also sauer?«</p>
               <p>»Sauer und süß; eine Doppellimonade.«</p>
               <p>»Das ist recht. Ich fürchte mich vor jedem Löffel Medizin. Aber eine
                  Doppellimonade, das mag gehen. Und wie ist es mit der Diät, Doktorchen?«</p>
               <p>»Nicht zu streng. Sagen wir ein Biskuit und etwas gestowtes Obst.«</p>
               <p>»Nicht auch frisches?«</p>
               <p>»Allenfalls auch frisches. Aber mit Auswahl. Etwa einen mürben Gravensteiner oder
                  eine Kalville.«</p>
               <p>»Danke, danke. Die lieb ich gerade sehr. Und darf ich mir auch etwas vorplaudern
                  lassen? Von Maline?«</p>
               <p>»Gut, gut.«</p>
               <p>»Oder von Tante Schorlemmer?«</p>
               <p>»Noch besser. Sie wird, denk ich, mehr kalmieren als irritieren. Und das ist
                  genau, was wir brauchen.«</p>
               <p>Damit empfahl sich Doktor Leist und versprach, am andern Tage wiederzukommen.</p>
               <p>
                  <pb/> Der Alte war kaum fort, als Renate Malinen heranwinkte.</p>
               <p>»Nun nimm eine Fußbank und setze dich zu mir; hier dicht an mein Bett. Wir haben
                  ja des Doktors Erlaubnis. Und nun gib mir deine Hand. Ach, wie schön kühl du bist.
                  Wenn ich nur eine ruhige Nacht hätte! Aber ich habe immer Bilder vor den
                  Augen.«</p>
               <p>»Das ist das Fieber.«</p>
               <p>»Ja, das Fieber. Und das quält mich, daß ich den Anblick der armen Frau nicht
                  loswerden kann.«</p>
               <p>»Welcher Frau?«</p>
               <p>»Die sie heute mittag auf dem Rohrwerder mit aufgespürt haben. Lewin sagte mir,
                  daß kein rohes Wort, nicht einmal eine Klage über ihre Lippen gekommen sei.«</p>
               <p>»Aber, Fräulein, es ist ja eine Diebin. Und keiner weiß, wem sie zugehört. Krist
                  sagte mir: sie hat zwei Männer oder keinen. Und das ist doch schlimm, das eine wie
                  das andere.«</p>
               <p>»Ich habe doch Mitleid mit ihr, und so recht eigentlich schlecht kann sie nicht
                  sein; denn sieh, sie hat nicht an sich gedacht, sondern erst an ihr Kind und hat
                  es in einen kleinen Schlittenkasten gepackt und es mit sich genommen. Und nun seh
                  ich immer die lange Frankfurter Pappelallee vor mir, die kein Ende nimmt und weit,
                  weit am Horizonte zu einem Punkte zusammenläuft. Und zwischen den Pappeln geht die
                  Frau und zieht den Schlittenkasten, in dem das Kind sitzt, und wenn sie aufwärts,
                  abwärts an den Punkt kommt, wo die Pappeln ein Ende zu nehmen schienen, dann tut
                  sich eine neue Allee auf, die noch länger ist und wieder in einem Punkte
                  zusammenläuft. Und die Frau wird immer matter und müder. Es peinigt mich. Ich
                  wollte, daß ich das Bild loswerden könnte.«</p>
               <p>»Krull und Reetzke sind ja gute Leute und werden ihr nicht mehr auflegen, als sie
                  tragen kann.«</p>
               <p>»Es sind Bauern, und Bauern sind hart und taub. Ich wollte, der junge Scharwenka
                  hätte den Transport übernommen. Der ist schon anders und läßt mit sich reden.«</p>
               <p>»Der?« fragte Maline.</p>
               <p>»Ja, der. Und du mußt dich nicht gleich verfärben, wenn ich <pb/> bloß seinen
                  Namen nenne. Er hat mit Lewin gesprochen und ihm seine Not geklagt.«</p>
               <p>»Er verklagt mich überall.«</p>
               <p>»Das sagt er auch von dir. Und nun höre mich an, Maline, und wirf nicht den Kopf.
                  Wir waren immer gute Freunde; so laß dir raten und sei nicht eigensinnig.«</p>
               <p>Aber ehe Renate weitersprechen konnte, barg Maline den Kopf in ihrer Herrin
                  Bettkissen und fing heftig an zu schluchzen.</p>
               <p>»Und nun wirst du gar noch weinen! Aber weine nur. Es ist das erste Zugeständnis,
                  daß du unrecht hast und daß der kleine Trotzkopf es nur noch nicht eingestehen
                  will.«</p>
               <p>»Er hat mir meine Armut vorgeworfen.«</p>
               <p>»Nein, das hat er nicht. Er hat dir deinen Hochmut vorgeworfen. Und da hat er
                  recht. Und er hat auch recht in allem, was er von euch Kubalkoschen Mädchen sagt.
                  Das ist ein ewiges Nasenrümpfen und Vornehmtun von dir und der kleinen Eve drüben,
                  und das lassen sich die Bauern nicht gefallen. Ihr wollt beide wie Stadtmädchen
                  sein.«</p>
               <p>Maline nickte.</p>
               <p>»Und was hättest du denn in der großen Stadt? Ein bißchen Putz und ein paar
                  Anbeter mehr. Aber was käme für dich dabei heraus? Ein städtisches Elend und eine
                  Stabstrompeter oder Kassenbotenfrau. Nein, Maline, bleib in Hohen-Vietz; es ist
                  ein Glück, das du machst; sind doch die Scharwenkas die reichsten Leute im Dorf,
                  und nicht die schlechtesten. Und er liebt dich und kann nicht von dir los,
                  trotzdem er eigentlich möchte. Und siehe, das ist so recht die Liebe, wie ich sie
                  mir auch immer gewünscht habe, daß man einen vor Ärger umbringen und zugleich vor
                  Sehnsucht totküssen möchte.«</p>
               <p>»Wie gut Fräulein Renate das alles beschreiben können. Aber er muß kommen.«</p>
               <p>»Nein, du mußt kommen.«</p>
               <p>Maline seufzte. Dann aber plötzlich bedeckte sie Renatens Hand mit Küssen, und
                  aufatmend, als ob eine große Last von ihr genommen wäre, sagte sie: »Wie leicht
                  mir wieder ums <pb/> Herz ist! Ach, Fräulein, Fräulein, er ist ja doch der beste
                  Mensch von der Welt. Und es ist auch hübsch von ihm, daß er sich nicht alles
                  gefallen läßt. Ein Mann muß doch ein Mann sein. Und eigentlich kann ich ihn ja
                  doch um den Finger wickeln.«</p>
               <p>Es schlug sieben, und Maline erhob sich, um der Kranken ihre Medizin zu geben.</p>
               <p>»Doktor Leist hat recht; es schmeckt wie eine Doppellimonade. Und nun hole mir
                  noch ein paar Kalvillen. Hier schräg unter uns aus dem alten Saal. Aber nimm den
                  Wachsstock und sieh dich vor auf der Treppe; die Stufen sind so ausgelaufen. Und
                  verfitze dich auch nicht in dem Bohnenstroh.«</p>
               <p>Maline sah vor sich hin. Dann sagte sie verlegen: »Ich möchte die Äpfel doch
                  lieber aus der Speisekammer holen, nicht aus dem alten Saale.«</p>
               <p>»Aber wozu den weiten Weg? Wir sind ja hier Wand an Wand. Ein paar Stufen und du
                  bist unten. Die Kalvillen liegen links neben dem Altar.«</p>
               <p>»Ich kann nicht gehen, Fräulein Renate.«</p>
               <p>»Was ist dir?«</p>
               <p>»Ich fürchte mich.«</p>
               <p>»Weshalb?«</p>
               <p>»Er betet wieder.«</p>
               <p>»Wer?«</p>
               <p>»Der alte Matthias.«</p>
               <p>Renate schloß einen Augenblick die Augen und sagte dann mit erkünstelter Ruhe:
                  »Ich bin ihm nie begegnet. Glaubst du daran?«</p>
               <p>»Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, was mir die Ruschen, die alte Jätefrau, immer
                  gesagt hat: Wer den Spuk verschwört, dem erscheint er.«</p>
               <p>»Und wer hat ihn gesehen?«</p>
               <p>»Nachtwächter Pachaly.«</p>
               <p>»Wann?«</p>
               <p>»Letzte Nacht.«</p>
               <p>»Erzähle, was du gehört hast.«</p>
               <p>
                  <pb/> »Ich mag nicht. Fräulein Renate werden sich erschrecken und kränker
                  werden.«</p>
               <p>»Nein, nein, ich will es wissen.«</p>
               <p>»Nun gut denn. Also Krist und Pachaly hatten die Wache. Jeetze kam auch; ich sah
                  ihn, als ich um die zehnte Stunde nach Hause kam, denn es gefiel mir nicht im
                  Krug, und ich wollte nicht tanzen. Das gnädige Fräulein werden schon wissen, warum
                  ich nicht tanzen wollte. Aber das muß ich sagen, er tanzte auch nicht.«</p>
               <p>Renate nickte, während Maline die Hand ihrer jungen Herrin küßte und dann
                  fortfuhr:</p>
               <p>»Jeetze hatte sich Krists grauen Mantel angezogen und einen alten Säbel
                  darübergeschnallt. Es war zum Lachen. Als der gnädige Herr ihn sah, wurd er
                  ärgerlich und sagte: ›Das ist nichts für dich, Jeetze. Du hast deine Zeit gehabt.‹
                  Und dann trat er zu Krist und Pachaly und befahl ihnen, daß sie sich immer in Nähe
                  des Hauses halten sollten. ›Krist, du nimmst die Parkseite, und Pachaly, Ihr nehmt
                  die Dorfseite, und bei dem großen Mittelfenster des alten Saales trefft ihr
                  zusammen. Und haltet euch immer so, daß ihr euch anrufen könnt.‹ Das alles hört
                  ich noch mit meinen eigenen Ohren. Aber das andere hab ich von Pachaly.«</p>
               <p>»Nun?«</p>
               <p>»So gingen sie denn wohl zwei Stunden. Es war ganz still. Nur vom Krug her, wo man
                  noch nichts wußte, hörten sie Musik. Krist, den jetzt zu frieren anfing, trat in
                  die Hoftür und schlug Feuer an, um sich eine warme Pfeife zu stopfen. Dadurch kam
                  es, daß sie sich für dies eine Mal bei dem großen Mittelfenster nicht trafen und
                  daß Pachaly den langen Querbau allein passieren mußte. Als er an das letzte
                  Fenster kam, sah er Licht; er trat näher heran und hob sich auf die Fußspitzen. Da
                  sah er, daß das alte Bild erleuchtet war, und vor dem Altar kniete einer und
                  betete. Er hatte aber keine Stimme zum Rufen. Indem kam Krist heran, und er winkte
                  ihm. Dieser sah auch noch den Schein; als er aber an die Stelle treten woll te, wo
                  Pachaly eben gestanden hatte, losch alles aus, und es war <pb/> wieder dunkel. Sie
                  hörten nur noch Schritte und ein Knistern im Stroh, das vor den Stufen lag.«</p>
               <p>Renate hatte sich höher aufgerichtet. Die Wand, an der sie lag, war die
                  Giebelwand, an deren anderer Seite – nur um eine Treppe tiefer – der alte Altar
                  sich befand. Eine Herzensangst befiel sie. Sie hatte das Bedürfnis eines
                  Zuspruchs, den ihr Maline nicht geben konnte; so sagte sie: »Du solltest mir Tante
                  Schorlemmer rufen.«</p>
               <p>Maline ging. Als sie aber eben die Tür öffnen wollte, rief ihr Renate nach:</p>
               <p>»Nein, bleib!« Und dann wieder ihrer Furcht sich schämend, setzte sie hinzu:
                  »Nein, geh; ich will mich bezwingen.«</p>
               <p>Es vergingen Minuten. In dem nur matt erleuchteten Zimmer bewegten sich die
                  Schatten hin und her; ihr fiebriges Auge folgte diesem Tanz und haftete zuletzt
                  auf der Bilderreihe, die an der anderen Wand des Zimmers hing. Es waren englische
                  Buntdruckbilder, eines ein gotisches Portal darstellend, in dem eine Ampel hing
                  und durch das hindurch man auf einen Altar blickte. Alles in vorzüglicher
                  Perspektive und der Altar nur ein Punkt. Sie sah ihn nicht, sie wußte nur, daß er
                  da war. Und vor ihrem Auge wuchs jetzt das Portal, und der Altar wuchs, und vor
                  den Stufen des Altars kniete wer. Es schlug ihr das Herz, und sie konnte doch von
                  dem Bilde nicht lassen.</p>
               <p>Da hörte sie Schritte draußen, und gleich darauf trat Tante Schorlemmer ein, noch
                  die Wirtschaftsschürze vor, ein sicheres Zeichen, daß sie von Herd oder Küche
                  abgerufen worden war. Maline, die wegen ihrer Spukgeschichte ein schlechtes
                  Gewissen haben mochte, war zurückgeblieben.</p>
               <p>»Wie gut, daß du kommst, liebe Schorlemmer. Ich habe eine rechte Sehnsucht nach
                  dir gehabt. Du mußt ein bißchen mit mir plaudern. Aber erst gib mir deine Hand; so
                  – und nun gib mir zu trinken.«</p>
               <p>»Gott, wie du fieberst, Kind. Man darf euch auch keine halbe Stunde allein lassen.
                  Und ich mußte doch die Hasen spicken. Auf Stinen ist kein Verlaß; das nennt sich
                  Köchin und weiß kaum, daß der Hase sieben Häute hat. Nun trink, mein Renatchen.
                  <pb/> Ich werde noch einen Löffel Himbeeressig hineintun; das kühlt. Hast du denn
                  auch eingenommen?«</p>
               <p>Renate leerte das Glas, das ihr Tante Schorlemmer gereicht hatte, und sank dann
                  erschöpft in ihre Kissen. Aber die Angst, die sie bis dahin beherrscht hatte, war
                  doch von ihr gewichen, und als ob sie plötzlich im Schutze guter Geister sei,
                  sagte sie ruhig: »Glaubst du an Gespenster?«</p>
               <p>»Dacht ich's doch. Hat die Maline wieder nicht reinen Mund halten können. In der
                  Küche plappert das auch den ganzen Tag schon. Und da ist einer wie der andere. Nur
                  den Pachaly hätt ich für gescheiter gehalten. Denn er hält sich zu Uhlenhorst; und
                  das muß man den Altlutherischen lassen, daß sie von solcher Schwachheit und
                  Narrheit nichts wissen wollen. Sie haben eben den Glauben, und der läßt den
                  Aberglauben nicht aufkommen.«</p>
               <p>»Liebe Schorlemmer«, sagte Renate, »du bist so gut, aber einen kleinen Fehler hast
                  du doch. Alles, was dir nicht paßt, das ist für dich nicht da, und wenn es doch da
                  ist, so glaubst du es mit einem guten Spruch aus der Welt schaffen zu können.«</p>
               <p>»Ja, mein Renatchen, das kann ich auch. Mit einem guten Spruch ist viel
                  auszurichten. Und wer an Gott und Jesum Christum glaubt, der fürchtet keine
                  Gespenster.«</p>
               <p>»Du mußt mir nicht ausweichen wollen. Ich will nicht wissen, wer sich vor
                  Gespenstern fürchtet und wer nicht; ich will nur wissen: Gibt es Gespenster?«</p>
               <p>»Nein.«</p>
               <p>»Und doch lebst du hier unter uns, die wir seit hundert Jahren, wie so viele alte
                  Häuser, ein Hausgespenst haben. Wenigstens erzählen es die Leute. Lewin ist
                  überzeugt, daß sie recht haben; du lächelst; nun gut, das soll nicht viel
                  bedeuten. Aber auch der Papa glaubt daran, und du weißt besser als ich, daß er
                  fest im Glauben steht. Es ist keine sechs Wochen, daß wir den Fall mit Krists
                  Wilhelm hatten. Und nun Pachaly! Er ist doch ein verständiger Mann. Ich sage
                  nicht, ja, wo du, nein sagst, aber ich mag wenigstens die Möglichkeit nicht
                  bestreiten.«</p>
               <p>
                  <pb/> »Ich tue es. Wo es nicht Lug und Trug ist, ist es Sinnentäuschung. Die Toten
                  sind tot.«</p>
               <p>»Laß dir etwas erzählen. Ich fand einmal ein Buch, in dem las ich, daß nichts
                  unterginge und daß an einem bestimmten Tage alles wiederkäme, die große und die
                  kleine Welt, Mensch und Tier, auch die sogenannten leblosen Dinge. Ich würde also
                  nicht nur dich wiedersehen und Malinen, auch Hektor und den englischen Buntdruck
                  mit dem gotischen Portal und dem Altar, der dort drüben an der Wand hängt. Und
                  diese durch ein Reinigungsfeuer gegangene Welt, diese verklärte Spiegelung von
                  allem, was je dagewesen ist, würde die Seligkeit sein. Es war ein frommes Buch, in
                  dem ich das alles fand, und ich habe nichts gelesen, das einen tieferen Eindruck
                  auf mich gemacht hätte. Und nun frag ich dich, was ist ein Gespenst anders als ein
                  vorausgesandter Bote dieser verklärten Welt?«</p>
               <p>»Es ist doch, wie ich sage: die Toten sind tot. Und die verklärte Welt, die kommen
                  wird, ist eben keine Welt von dieser Welt. Sie harret unserer, aber nicht hier,
                  nicht in der Zeitlichkeit. Nur einer ist, der wieder unter den Menschen
                  erschienen, das war auf dem Wege nach Emmaus. Aber dieser eine war Christus der
                  Herr, der Sohn des allmächtigen Gottes. Sieh, Renatchen, es muß doch einen Grund
                  haben, daß sich die Gespenster nur an bestimmten Orten finden. In Hohen-Vietz gibt
                  es ihrer, in Herrnhut nicht. Und auch da nicht, wo Herrnhut am Nord- oder Südpol
                  seine Hütten und Häuser baut. Wenigstens in diesen Hütten und Häusern nicht. So
                  hab ich es selbst erfahren. In Grönland, rings um uns herum, sahen die Grönländer,
                  die wohl hundert Spuke haben, ihre Gespenster ruhig weiter, aber in unserem
                  Missionshause hat sich keins blicken lassen. Ein Herrnhuter und ein Spuk, das
                  verträgt sich nicht. Und das, mein Renatchen, machen doch die Sprüche, von denen
                  du meinst, daß ich mir einbildete, alles Böse damit aus der Welt schaffen zu
                  können.«</p>
               <p>»Sei wieder gut, Schorlemmerchen. Und zum Zeichen, daß du es bist, erzähle mir
                  etwas von den Grönländern. Du bist nun sechs Jahre in Hohen-Vietz, und ich weiß
                  kaum, wie der Ort <pb/> hieß, an dem du so lange gelebt und geschafft und Liebes
                  begraben hast. Erzähle mir davon, aber nichts von den grönländischen Gespenstern;
                  ich habe an unseren Hohen-Vietzern über und über genug. Plaudere mir etwas Stilles
                  und Heiteres vor, etwas Frommes, das mich erhebt und mich anweht wie mit
                  himmlischer Kühlung. Denn mich verlangt nach Kühle. Aber gib mir erst von der
                  Medizin. Es muß acht Uhr vorüber sein.«</p>
               <p>Tante Schorlemmer tat, wie ihr geheißen; dann nach Renatens Strickzeug suchend, um
                  Beschäftigung für ihre Hände zu haben, setzte sie sich, als alles gefunden und
                  vorbereitet war, in den hohen Lehnstuhl und sagte: »Nun, womit beginnen wir?«</p>
               <p>»Natürlich mit dem Anfang; also mit dem Lande selbst. Ich habe mal ein Bild
                  gesehen: Felsen und Wasser und Eisberge und Schnee; am Ufer lag eine Robbe;
                  daneben um den Vorsprung saß ein weißer Fuchs, während auf der Felsenkante dicke,
                  kurzbeinige Vögel hockten. Ich glaube, sie hießen Pinguine.«</p>
               <p>»Es ist nicht ganz so, aber es mag passieren, und ich verzichte darauf, an deinem
                  Bilde zu verbessern.«</p>
               <p>»Doch, doch, ich will nicht bloß unterhalten sein, ich will auch lernen.«</p>
               <p>»Nun gut denn. So denke dir einen endlosen Küstenstrich, viele hundert Meilen
                  lang, aber nur wenige hundert Schritte breit. Vor diesem Streifen liegt das Meer,
                  mit tausend Inselchen betüpfelt, und hinter diesem Streifen liegt das Gebirge, das
                  der Quere nach geborsten und zerklüftet ist, und aus diesen Klüften stürzen die
                  Wasser dem Meere zu.«</p>
               <p>»Ich möcht es sehen.«</p>
               <p>»In einer solchen Kluft lag auch unsere Kolonie. Ich sage lag; sie liegt aber noch
                  da und wird, so Gott will, noch manchen Tag über dauern. Und diese Kolonie hieß
                  Neu-Herrnhut. Zu meiner Zeit hatte sie zwanzig Häuser.«</p>
               <p>»Das ist wenig.«</p>
               <p>»Wenig und viel. Aber wie würdest du erst staunen, wenn du diese Häuser gesehen
                  hättest. Als Lewin heute mittag den in den Schnee hineingebauten Holzschuppen auf
                  dem Rohrwerder beschrieb, stand auf einmal das Haus vor mir, das ich <pb/> mit
                  meinem lieben Seligen zehn Jahre lang bewohnt habe. Es war auch in drei Teile
                  geteilt, Stall und Stube, und eine Küche dazwischen. Und was nannten wir unser?
                  Ein Bett und eine Truhe, und darüber ein paar Pflöcke und Riegel, an denen unsere
                  Habseligkeiten hingen. Auf dem Tische stand eine Lampe, und daneben lag Gottes
                  Wort. Das fehlte nun freilich auf dem Rohrwerder und war doch unser Bestes, unser
                  einziger Trost in Not und Gefahr.«</p>
               <p>»Und waret ihr denn in Gefahr?«</p>
               <p>»Nicht vor den Menschen, oder doch nur selten. Denn die Grönländer sind ein
                  sanftes, stilles und sittsames Volk und verstehen es, ihre Leidenschaften zu
                  verbergen.«</p>
               <p>»Ich dachte mir, sie wären verzwergt und abergläubisch und sähen aus wie
                  Hoppenmarieken.«</p>
               <p>»Da hast du es wieder halb getroffen. Aber zur andern Hälfte nicht. Denn
                  Hoppenmarieken ist roh, und die Grönländer sind fein. Man hört keinen Zank und
                  keinen Streit, ja ihrer Sprache fehlen die Schimpf-und Schelteworte. Beleidigungen
                  rächen sie durch Witz und Spöttereien, zu denen der Kläger den Beklagten wie zu
                  einem Zweikampf herausfordert, und wer die meisten Lacher auf seiner Seite hat,
                  der hat gesiegt. Es ist ihnen überhaupt die Gabe verliehen, sich leicht und
                  zierlich auszudrücken. Sie sind gastfrei und gesellig, und zur Zeit der
                  Wintersonnenwende gibt es Tänze und Ballspiel und Gesänge unter Begleitung einer
                  Trommel. Sie sind sich übrigens ihrer guten Manieren wohl bewußt, und wenn sie
                  einen Fremden loben wollen, so sagen sie: Er ist so sittsam wie wir.«</p>
               <p>»Da müßt ihr ihrem Selbstgefühl gegenüber oft einen schweren Stand gehabt haben.
                  Denn ich entsinne mich, daß Pastor Seidentopf, als wir noch zum Unterrichte
                  gingen, zu Marie und mir sagte: ›Ein schlichter und ein großer Sinn passen gleich
                  gut zu den Offenbarungen des Christentums, aber ein eitler Sinn widerstrebt ihnen
                  hartnäckig.‹«</p>
               <p>»Dafür muß ich ihm eigens noch danken, denn die Wahrheit dieses Satzes haben wir
                  manchen lieben Tag in unserer Kolonie erfahren müssen. Es ging nicht vorwärts.
                  Wenn wir <pb/> heut einen Zollbreit gewonnen zu haben glaubten, so verloren wir
                  ihn morgen wieder an die Angekoks.«</p>
               <p>»An die Angekoks?«</p>
               <p>»Ja. Das sind nämlich die Wahrsager und Zauberer, meist listige Betrüger, unter
                  denen aber auch Schwärmer vorkommen, die Visionen haben oder sich dessen
                  wenigstens rühmen. Sie vermitteln den Verkehr mit den beiden großen Geistern;
                  indem sie den guten Geist anrufen und den bösen Geist bannen, von denen übrigens
                  der gute Geist männlich und der böse weiblich ist.«</p>
               <p>»Ei, ei, das ist aber doch ein Mangel an Galanterie, der an so feinen Leuten wie
                  die Grönländer, die nicht einmal Schimpf- und Scheltworte haben, mich
                  überrascht.«</p>
               <p>»Und doch, mein Renatchen, geduldig von uns hingenommen werden muß, denn überall
                  ist es Eva, die verführt und aus dem Paradiese treibt. Aber ich sprach von den
                  Angekoks. Ihr natürlicher Scharfsinn kam ihnen in ihrem Widerstande gegen uns
                  zustatten, und an Verspottungen, wie sie schon unser Herr und Heiland zu tragen
                  hatte, fehlte es auch uns nicht, die wir uns in Demut zu ihm bekannten. Aber da
                  erbarmte sich Gott unserer Not, und das ist denn nun die Geschichte von Kajarnak,
                  die ich dir, wenn du noch Geduld hast, wohl erzählen möchte.«</p>
               <p>»Was ist Kajarnak?«</p>
               <p>»Ein Name. Der Name eines Grönländers aus dem Süden. Denn es gibt südliche und
                  nördliche Grönländer, die, nach Art aller Halbnomaden, ihre Zelte bald hier, bald
                  dort im Lande aufschlagen, um nach einer bestimmten Zeit an ihre alten Wohnplätze
                  zurückzukehren. Und so kam denn, auf einem solchen Jagd-und Wanderzuge, ein
                  südländischer Trupp in unsere Kolonie, um einen Tag oder eine Woche unter uns zu
                  rasten. Es waren hundert oder mehr. Wir hießen sie willkommen, und Matthäus Stach,
                  der damals an der Spitze unserer Kolonie stand und dem noch Friedrich Böhnisch und
                  mein guter Schorlemmer als Gehilfen beigegeben waren, ließ bei ihnen anfragen, ob
                  sie an einer unserer Missionsstunden <pb/> teilnehmen wollten. Dies wird dich
                  vielleicht wundern; aber du mußt wissen, daß sie es über die Maßen lieben, einen
                  Wortstreit zu führen und sich mit Hilfe des Witzes, den sie haben, ihrer
                  Überlegenheit bewußt zu werden. Es kamen denn auch viele. Wir hatten eben unsere
                  Plätze eingenommen, und Matthäus Stach las ihnen ein Kapitel aus dem Evangelium
                  Johannis vor, das er kurz vorher ins Grönländische übersetzt hatte. Sie hörten
                  aufmerksam zu; die meisten lächelten; aber einige zeigten doch eine Teilnahme. An
                  diese wandte sich jetzt unser Bruder und fragte sie, ob sie an eine unsterbliche
                  Seele glaubten.«</p>
               <p>»Aber du wolltest ja von Kajarnak erzählen.«</p>
               <p>»Ich bin schon mitten in seiner Geschichte. Also Matthäus Stach fragte sie, ob sie
                  an eine unsterbliche Seele glaubten? Sie antworteten: ›Ja!‹ Und nun begann er zu
                  ihnen vom Sündenfall und von der Erlösung zu sprechen. Ich höre noch seine Stimme,
                  denn er war ein Mann von besonderen Gaben. Da tat der Herr einem unter ihnen das
                  Herz auf, und von so vielen Erweckungen ich auch gehört und gelesen habe, keine
                  hat mich je tiefer bewegt. Das macht, weil sich alles so schlicht und einfach gab.
                  Matthäus Stach, der wohl sah, daß sein Wort auf guten Boden fiel, sprach immer
                  eindringlicher, und als er eben Christi Leiden am Ölberg geschildert hatte, da
                  trat ein Grönländer an den Tisch und sagte mit lauter und bewegter Stimme, in der
                  schon das Heil zitterte: ›Wie war das? Ich will das noch einmal hören.‹ Diese
                  Worte gingen uns, die wir sie mithörten, durch Mark und Bein, und sie sind in
                  Neu-Herrnhut unvergessen geblieben. Von der Stunde an war der Segen Gottes über
                  unserem Tun.«</p>
               <p>»Es konnte nicht wohl anders sein. Solche Worte verklingen nicht. Empfind ich doch
                  in diesem Augenblick noch ihre Wirkung.«</p>
               <p>Tante Schorlemmer küßte Renatens Stirn und fuhr dann fort: »Eine Woche verging,
                  und der Grönländertrupp war immer noch in unserer Kolonie. Dann aber brachen sie
                  auf, um weiter nördlich ihren Jagden nachzugehen, und nur Kajarnak blieb zurück;
                  mit ihm seine beiden Schwäger samt ihren Frauen <pb/> und Kindern, alles in allem
                  vierzehn Personen. Wir lobten ihr Bleiben und hatten Betstunde mit ihnen. Die
                  Kinder empfingen Unterricht, was sehr schwer war, da die Grönländer das, was wir
                  Erziehung nennen, gar nicht kennen. Sie lieben nämlich ihre Kinder mit äffischer
                  Zärtlichkeit und lassen sie aufwachsen, ohne Gehorsam zu fordern oder Ungehorsam
                  zu strafen. Als ein halbes Jahr um war, stellte Matthäus Stach die Frage, ob es
                  Zeit sei, die nun Vorbereiteten zu taufen; aber mein guter Schorlemmer, der den
                  Unterricht geleitet hatte, meinte doch, daß es ihm geboten scheine, noch zu
                  warten. Und so geschah es. Erst am zweiten Ostertage wurden vier Angehörige dieser
                  grönländischen Erstlingsfamilie von der Macht der Finsternis losgerissen; Kajarnak
                  erhielt den Namen Samuel, seine Frau wurde Anna, sein Sohn Matthäus, seine Tochter
                  Anna genannt. Darüber war große Freude in der Kolonie. Aber die Freude sollte
                  nicht lange währen. Vier Wochen später kam Nachricht, daß der ältere Schwager, der
                  sich auf kurze Zeit von uns entfernt und einem Jagdzuge nach dem Norden
                  angeschlossen hatte, auf eine hinterlistige und grausame Weise ermordet worden
                  sei, weil er den Sohn eines heidnisch gebliebenen Grönländers mit Christensprüchen
                  totgehext habe. Zugleich wurde hinzugesetzt, daß die Angekoks in einer großen
                  Verschwörung seien, um auch dem jüngeren Schwager Kajarnaks dasselbe Los zu
                  bereiten. Da bemächtigte sich unserer kleinen grönländischen Gemeinde, sowohl der
                  Getauften wie derer, die noch in Vorbereitung waren, ein Zittern und Zagen, und
                  sie beschlossen, in den Süden zurückzukehren, wo sie unter ihren Verwandten
                  sicherer zu sein hofften. Ach, wir mußten sie ziehen lassen, so schwer es uns auch
                  wurde, und ich sehe noch Kajarnak, wie er bitterlich weinte und immer wieder uns
                  Festigkeit gelobte und sich dann losriß; und wie dann die Schlitten in langer
                  Linie an uns vorüberfuhren, über Fiskenäs und Frederikshaab auf den Süden zu.«</p>
               <p>»Und hielt er Wort?«</p>
               <p>»Wir hatten wenig Hoffnung, denn es war ein neuer Abfall über die Gemüter
                  gekommen, und selbst solche, die sich in <pb/> unserer Nähe hielten, gehorchten
                  wieder den Angekoks. Wir waren betrübten Gemütes, auch ich, die ich nach meiner
                  schwachen Kraft all die Zeit über meinem guten Schorlemmer getreulich zur Seite
                  gestanden hatte. Ein Jahr verging, ohne daß Kunde von Kajarnak gekommen wäre, am
                  wenigsten er selbst. Da feierten wir, es war am Johannistag, die Hochzeit von Anna
                  Stach und Friedrich Böhnisch, und als wir bei unserem Mahl waren und erbauliche
                  Lieder sangen, die, was dich vielleicht verwundern wird, von drei Violinen und
                  einer Flöte begleitet wurden, da trat Kajarnak in den Brüdersaal und begrüßte uns.
                  Die Freude war so groß, daß, wie von selber, aus dem Hochzeitsfest ein Fest des
                  Wiedersehens wurde. Wir hatten ja unsern verlornen Sohn wieder oder doch den, den
                  wir schon als einen solchen betrachtet hatten. Und nun mußte Kajarnak erzählen,
                  alles Große und Kleine, und wie die Seinen ihn aufgenommen hätten. Er verschwieg
                  uns nichts. Sie hätten ihn anfangs oft und mit sichtlichem Vergnügen angehört; als
                  sie dann aber seines Wortes überdrüssig geworden wären, habe er sich in die Stille
                  begeben und seine Erbauung allein gehabt. Zuletzt habe es ihn sehr verlangt,
                  wieder bei uns, seinen Brüdern, zu sein, immer mehr und mehr, bis ihm die
                  Sehnsucht nicht Ruhe und Rast gelassen habe; und da sei er nun. Mein guter
                  Schorlemmer, der ihn so recht eigentlich in das Heil eingeführt hatte, weinte vor
                  Freuden, und Friedrich Böhnisch sagte, das sei ihm eine unvergeßliche Stunde und
                  sein Ehrentag habe nun eine doppelte Weihe.«</p>
               <p>»Das durft er sagen. Es war ein Hochzeitstag, wie ihn sich jeder wünschen mag! Mir
                  würde dieses Wiedersehen ein Zeichen froher Vorbedeutung gewesen sein.«</p>
               <p>»Und das war es auch. Das junge Paar wurde glücklich. Auch Kajarnak. Aber seine
                  Tage waren gezählt. Ich glaube fast, daß er sich in seiner Treue nicht genugtun
                  konnte und daß er sich (er war nur von schwachem Körper) in seinem Eifer übernahm.
                  So wurd er denn von einem heftigen Lungen und Seitenstechen befallen, das seinem
                  Leben rasch ein Ende machte. In den größten Schmerzen bewies er ein gesetztes
                  <pb/> Wesen, und wenn die Seinigen anfingen, um ihn zu weinen, sagte er: ›Betrübet
                  euch nicht. Ihr wisset, daß ich von euch der erste gewesen bin, der sich zu dem
                  Sohne Gottes bekehrt hat, und nun ist es sein Wille, daß ich der erste sein soll,
                  der zu ihm kommt. Wenn ihr ihm treu seid, so werden wir uns wiedersehen und uns
                  über die Gnade, die er an uns getan hat, ewiglich freuen.‹ Danach schlief er ein,
                  während unsere Gebete seine scheidende Seele dem Erbarmer empfahlen. Seine Frau
                  bestand darauf, daß er nicht nach Landessitte, sondern nach christlicher Weise
                  begraben würde. Und so geschah es. Nicht nur die Brüder und ihre Angehörigen, auch
                  die Kaufleute von der Kolonie fanden sich zu seinem Begräbnis ein, mit dem unser
                  neuer Gottesacker eingeweiht wurde. Die Grönländer wunderten sich über alles, was
                  sie sahen; unseren Brüdern aber ging dieser Tod sehr nahe. Denn sie verloren viel
                  in ihm: einen erweckten, begabten und gesegneten Zeugen des Evangeliums.</p>
               <p>Und da hast du nun meine Geschichte von Kajarnak, dem ersten Getauften.«</p>
               <p>Renate ergriff die Hand ihrer alten Freundin und sagte: »Ach wie ich dir danke,
                  liebe Schorlemmer. Es ist nun alle Furcht wie verflogen, und ich fühle mich, als
                  hätt ich nie von Spuk und Gespenstern gehört. Und nun will ich schlafen. Aber sage
                  mir noch erst den Spruch von den vierzehn Engeln. Wir wollen ihn zusammen
                  sprechen:</p>


               <l>Abends bei Zubettegehn</l>
               <l>Vierzehn Engel bei mir stehn;</l>
               <l>Zwei zu Häupten,</l>
               <l>Zwei zu Füßen,</l>
               <l>Zwei zu meiner rechten Seit,</l>
               <l>Zwei zu meiner linken Seit,</l>
               <l>Zwei, die mich decken,</l>
               <l>Zwei, die mich strecken,</l>
               <l>Zwei, die führen mich sogleich</l>
               <l>In das liebe Himmelreich.«</l>


               <p>
                  <pb/> Sie schwiegen eine Weile. Dann sagte Renate: »Und nun geh. Ich habe ja nun
                  Schutz. Laß nur die Seitentür auf, daß mich Maline hört.«</p>

               <l>»Gute Nacht, Renatchen!«</l>
               <l>»Gute Nacht, liebe Schorlemmer!«</l>

            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Siebzehntes Kapitel</head>
               <head>Ein Rabennest</head>
               <p>Der nächste Tag war Silvester.</p>
               <p>In aller Frühe schon brach Hoppenmarieken auf, um womöglich bis Mittag wieder
                  zurück zu sein und alles putzen und scheuern, auch ihre Vorbereitungen zu einem
                  Silvesterpunsch treffen zu können. Sie machte heute die kurze Tour und schritt auf
                  Küstrin zu. Es war erst sieben Uhr, als sie an dem Herrenhause vorbeikam und über
                  den Hof hin sich mit Jeetze begrüßte, der eben die nach beiden Seiten hin
                  einklappenden Laden des großen Eckfensters öffnete. Aus der Unbefangenheit ihres
                  Grußes ließ sich erkennen, daß ihr die Gefangennehmung der beiden Strolche, von
                  der sie aller Wahrscheinlichkeit nach nur zu sehr mitbetroffen wurde, nicht
                  bekannt geworden war. Erst nach Mitternacht von einer Wanderung quer durch das
                  Bruch in ihre Wohnung zurückgekommen, hatte sie, selbst bei den Forstackersleuten,
                  die doch sonst wohl die Nacht zum Tage zu machen liebten, niemand mehr wach
                  getroffen und war, als sie aufstand, wahrscheinlich die einzige Person in ganz
                  Hohen-Vietz, die von dem Ereignis des vorigen Tages nichts wußte.</p>
               <p>Erst zwei Stunden später versammelten sich Wirt und Gäste des Herrenhauses am
                  Frühstückstisch. Auch Berndt, wenn ihn nicht Geschäfte riefen, war kein Frühauf,
                  und die nicht vor vier Uhr nachmittags angesetzte Fahrt nach Guse konnte keinen
                  Grund bieten, die bequeme, längst zu einer Art Hausordnung gewordene Gewohnheit zu
                  unterbrechen. Tante Schorlemmer, bei Renate festgehalten, erschien noch etwas
                  später <pb/> und beantwortete die Fragen, die über das Befinden der Kranken an sie
                  gerichtet wurden.</p>
               <p>Das Gespräch, nachdem auch noch Doktor Leists beruhigende Worte mitgeteilt worden
                  waren, wandte sich dann dem am Abend vorher in Hohen-Ziesar gemachten Besuche zu,
                  dessen einzelne Momente in dem Hin und Her einer immer muntrer werdenden Plauderei
                  noch einmal durchlebt wurden. Aus allem ging hervor, daß Drosselstein sich als der
                  liebenswürdigste der Wirte, voll Entgegenkommen gegen Berndt, voller
                  Aufmerksamkeiten gegen Kathinka gezeigt hatte. Als diese, die sich zum ersten Mal
                  in Hohen-Ziesar befand, ihre Verwunderung über die sonst nirgends in der Mark
                  vorkommende Großartigkeit der Schloßanlage geäußert hatte, hatte der Graf ohne
                  Rücksicht auf die späte Stunde noch Veranlassung genommen, sie samt den anderen
                  Gästen durch die lange Zimmerflucht des ersten Stockes: den Ahnensaal, die
                  Rüstkammer und die Bildergalerie, zu führen, während zwei Diener mit Armleuchtern
                  voran schritten. Unter dieser halb düsteren Beleuchtung war alles, an dem man bei
                  hellem Tageslicht gleichgiltig vorüberzugehen pflegte, zu einer Art Bedeutung
                  gekommen, und die seitabstehenden Ritter mit halb geschlossenem Visier, die über
                  Kreuz gelegten Lanzen, dazu die Ahnenbilder selbst, die zu fragen schienen: »Was
                  stört ihr unser stilles Beisammensein?«, hatten eines tiefen Eindrucks auf
                  Kathinka nicht verfehlt. Vor allem ein jugendliches Frauenporträt, das ihr seitens
                  des Grafen als das Bildnis Wangeline von Burgsdorffs, einer nahen Anverwandten
                  seines Hauses, bezeichnet worden war, war ihr in der Erinnerung geblieben.</p>
               <p>An dies von einem Niederländer aus der Van-Dyck-Schule herrührende Bildnis, dessen
                  unheimlich hellblaue Augen schon manchen früheren Besucher von Hohen-Ziesar bis in
                  seine Träume hinein verfolgt hatten, knüpften die am Abend vorher nur flüchtig
                  beantworteten Fragen Kathinkas wieder an, und Berndt, ein wahres Nachschlagebuch
                  für alle Schloß- und Familiengeschichten der ganzen Umgegend, war eben im Begriff,
                  die Neugier der schönen Fragstellerin durch eingehende <pb/> Mitteilungen über
                  »Wangeline«, die von vielen märkischen Forschern als der historisch beglaubigte
                  Ursprung der »Weißen Frau« angesehen werde, zu befriedigen, als ein Klopfen an der
                  Tür das kaum begonnene Gespräch unterbrach. Ein ältlicher Mann mit spärlichem,
                  nach hinten gekämmtem Haar, den sein spanisches Rohr und mehr noch der lange blaue
                  Rock mit einem Wappenblech auf der Brust als Gerichtsdiener kennzeichneten, trat
                  ein, übergab einen Brief an den alten Vitzewitz und machte dann wieder einige
                  Schritte zurück, bis in die Nähe der Tür. Alles verriet den alten Soldaten. Berndt
                  erbrach das Schreiben und las: »Hochgeehrter Herr und Freund! Ich säume nicht,
                  Ihnen von dem Resultat eines ersten Verhörs, das ich gestern nachmittag noch mit
                  der durch Ihre Umsicht entdeckten und eingelieferten Diebessippschaft angestellt
                  habe, Kenntnis zu geben. Aus den beiden Strolchen, hinsichtlich deren sich
                  Hohen-Klessin und Podelzig in den Ruhm der Geburtsstätte teilen, war, aller Kreuz-
                  und Querfragen unerachtet, nichts zu extrahieren; die Frau aber, die jenen beiden
                  erst seit kurzem zugehört und mehr noch durch anderer als durch eigene Schuld
                  unter die Rohrwerder Sippschaft geraten ist, hat umfassende Geständnisse abgelegt,
                  die sich einmal auf die zumeist in den Küstriner Vorstädten ausgeführten
                  Diebstähle, sodann aber auch auf die Hehlereien beziehen, die dieses Treiben
                  unterstützt haben. Am schwersten belastet ist unsere Freundin Hoppenmarieken. Ich
                  bitte Sie, eine Haussuchung bei ihr veranlassen oder selbst leiten zu wollen,
                  wobei ich, mit Rücksicht auf die besondere Schlauheit der vorläufig unter Verdacht
                  Stehenden, Ihre Aufmerksamkeit auf Dielen und Wände des Hauses hingelenkt haben
                  möchte. Der Einlieferung des geraubten Gutes, an dessen Auffindung ich nicht
                  zweifle, sehe ich ehemöglichst entgegen. Ob es geboten oder in Erwägung ihrer
                  Geisteszustände auch nur zulässig sein wird, der Bezichtigten gegenüber die volle
                  Strenge des Gesetzes walten zu lassen, darüber sehe ich seinerzeit Ihrer
                  gefälligen Rückäußerung entgegen.</p>
               <!--milestone hi_start-->
               <p> Turgany«</p>
               <!--milestone hi_end-->

               <p>
                  <pb/> Berndt legte den Brief, den er mit halblauter Stimme gelesen hatte, vor sich
                  nieder und sagte dann, zu dem alten Gerichtsdiener sich wendend: »Lieber
                  Rysselmann, mein Kompliment an den Herrn Justizrat, und ich würde nach seinen
                  Angaben verfahren.« Dann zog er die Klingel, »Jeetze, sorge für einen Imbiß.
                  Frankfurt ist weit, und unser Alter da wird wohl die Mitte halten zwischen dir und
                  mir. Nicht wahr, Rysselmann, sechzig?« Der Alte nickte. »Und dann schicke Krist zu
                  Kniehase; er soll Nachtwächter Pachaly rufen lassen und mich auf dem Forstacker
                  erwarten.«</p>
               <p>»Da klagt nun Renate«, fuhr der alte Vitzewitz fort, als Jeetze und Rysselmann das
                  Zimmer verlassen hatten, »über öde Tage in Hohen-Vietz! Sage selbst, Kathinka,
                  leben wir nicht, seit du hier bist, wie im Lande der Abenteuer? Erst ein
                  Raubanfall auf offener Straße, dann ein Einbruch in unser eignes Haus, dann ein
                  regelrechtes Diebstreiben unter Innehaltung taktisch-strategischer Formen und nun
                  eine Haussuchung im Revier einer Zwergin – nenne mir einen friedlichen Ort in der
                  Welt, wo in drei Tagen mehr zu gewärtigen wäre! Im übrigen bin ich neugierig, ob
                  sich die Aussagen, die die Rohrwerder-Frau gemacht hat, auch bewahrheiten
                  werden.«</p>
               <p>»Ich zweifle nicht daran«, bemerkte Lewin. »Nach allem, was mir Hanne Bogun
                  gestern sagte, und noch mehr nach dem, was er mir verschwieg, konnt ich kaum etwas
                  anderes erwarten, als was Turgany jetzt schreibt. Wann willst du nach dem
                  Forstacker hinaus?«</p>
               <p>»Gleich, oder doch bald. Es darf nicht über den Vormittag hinaus dauern.«</p>
               <p>»Dürfen wir dich begleiten?«</p>
               <p>»Gewiß. Je mehr Augen, desto besser; wir werden sie der Schlauheit der alten Hexe
                  gegenüber ohnehin nötig haben.«</p>
               <p>So trennte man sich. Berndt empfahl sich mit einigen Worten bei Kathinka, die sich
                  nunmehr ihrerseits treppauf begab, um mit Renaten über die wunderlich
                  widersprechendsten Themata, über Graf Drosselstein und den alten Rysselmann, über
                  Wangeline von Burgsdorff und Hoppenmarieken, zu plaudern.</p>
               <p>
                  <pb/> Eine Viertelstunde später brach der alte Vitzewitz auf, in seiner Begleitung
                  Tubal und Lewin. Sie gingen rasch. Noch ehe sie Miekleys Gehöft erreicht hatten,
                  überholten sie Kniehase und Pachaly, die schon auf dem Wege waren, und bogen nun
                  gemeinschaftlich mit ihnen in den Forstacker ein. Gleich darauf standen sie vor
                  Hoppenmariekens Haus. Man war schon vorher übereingekommen, ganz regelrecht
                  vorzugehen, das heißt, mit dem Küchenflur zu beginnen und mit der Kammer
                  abzuschließen, jedenfalls aber nichts übereilen zu wollen.</p>
               <p>Die Tür war nur eingeklinkt. Sie wurde geöffnet und der Holzkloben vorgelegt, um
                  mit Hilfe des nun einfallenden Tageslichts bis in alle Winkel hineinsehen zu
                  können. In der steinharten Lehmdiele des Fußbodens konnte nichts vergraben sein;
                  so blieb nur noch der Herd und gegenüber dem Herde der Kamin, von dem aus der
                  Stubenofen geheizt wurde. Aber die Nähe des Feuers ließ ein Versteck an dieser
                  Stelle nicht als wahrscheinlich annehmen. Ebenso war der nach innen zu liegende
                  Schwellstein, der durch diese seine verwunderliche Lage Verdacht erwecken konnte,
                  viel zu groß und schwer; Lewin und Kniehase müßten sich umsonst, ihn von der
                  Stelle zu rücken.</p>
               <p>In der Küche war also nichts; so trat man denn in die Stube. Die großen Vögel in
                  den Bauern saßen schon an den Vorderstäben und blickten auf die fremden Besucher.
                  Diese fingen jetzt an, ihre Aufgabe zu teilen. Pachaly, das rot und weiß karierte
                  Deckbett zurückschlagend, fühlte mit der Hand in den Kissen, dann in den
                  Strohsäcken umher, während Berndt ringsum die Wände, Tubal die Fliesen des
                  verhältnismäßig hohen Ofenfundaments beklopfte. Überall nichts. In das
                  offenstehende Tellerschapp, in Schrank-und Tischkästen hineinzusehen verlohnte
                  sich kaum; die frischgescheuerten Dielen waren aus einem Stück und liefen vom
                  Fenster bis an die Wand gegenüber; nirgends ein Einschnitt oder sonst
                  Verdächtiges. Es mußte also in der Kammer sein.</p>
               <p>Die Kammer, ein dunkler Alkoven, hatte nur wenig über sieben Fuß im Quadrat. Es
                  war darum für fünf Personen fast <pb/> unmöglich, sich darin zu drehen und zu
                  bewegen, weshalb Berndt und Kniehase, beide ohnehin belästigt durch die stickige
                  Luft des überheizten Zimmers, vor die Tür traten, wohin ihnen Lewin, nachdem er
                  vergebliche Versuche gemacht hatte, sich mit einem schwarzen, auf der Brust
                  rotbetüpfelten Vogel anzufreunden, einige Minuten später folgte.</p>
               <p>Nur Tubal und Pachaly waren noch in der Kammer. Sie zündeten ein Licht an und
                  begannen auch hier mit Klopfen an den Lehmwänden hin. An der einen Seite, wo die
                  großen Kräuterbüschel an vier oder fünf dicken Pflöcken hingen, hatte dies seine
                  Schwierigkeiten. Es gelang aber; freilich ohne besseres Resultat als in Flur und
                  Stube.</p>
               <p>»Wir werden den Scharwenkaschen Hütejungen holen müssen«, sagte Tubal, »der hat
                  die besten Augen.«</p>
               <p>»Nicht doch«, sagte Pachaly, »dem ist sein Ruhm und die versprochene Pelzmütze
                  schon zu Kopf gestiegen. Ich kenne den Jungen. Er sieht nicht besser als andere,
                  er weiß nur besser Bescheid, denn er ist selber vom Forstacker und kennt alle
                  Schliche und Wege, die das Gesindel geht.«</p>
               <p>»Mag sein. Aber wo sollen wir noch suchen? An den Wänden keine hohle Stelle; die
                  Dielen aufgenagelt, und in dem ganzen Alkoven nichts drin als diese rotgestrichene
                  Kommode mit zwei leeren Schubkästen. Es kann doch nichts hier über uns in der
                  Decke stecken? Hoppenmarieken ist ein Zwerg und reicht mit ihrer Hand keine fünf
                  Fuß hoch.«</p>
               <p>»Nicht in der Decke, junger Herr; aber hier um die Kommode herum muß es sein.
                  Solche Kreaturen wie Hoppenmarieken sind eitel, putzen sich und zeigen allen
                  Leuten gern, was sie haben. Warum hat sie die Kommode in die dunkle Kammer
                  gestellt, wo sie niemand sieht? Das bedeutet was!«</p>
               <p>»So sehen wir nach«, sagte Tubal, schob den Gegenstand von Pachalys Verdacht
                  rechts weg gegen den großen Gundermannsbüschel, der bei dieser Gelegenheit
                  raschelnd vom Pflock fiel, und trat nun, dicht an der Wand, auf die breite
                  Mitteldiele, deren linkes Ende gerade hier durch die darüberstehende Kommode
                  verdeckt gewesen war. Im selben Augenblicke senkte <pb/> sich das Brett, dem an
                  dieser Stelle die Balkenunterlage fehlte, um mehrere Zoll und hob sich, nach Art
                  eines in der Mitte aufliegenden Wippbrettes, an der entgegengesetzten Seite in die
                  Höhe.</p>
               <p>»Dacht ich's doch«, sagte Pachaly, sprang herzu und stellte die Diele, die sich
                  unschwer entfernen ließ, beiseite. Was sich jetzt zeigte, war immer noch
                  überraschend genug. Der ganzen Länge des Brettes entsprechend, war das Erdreich
                  herausgenommen und bildete eine ziemlich flache Rinne, die sich nur nach links
                  hin, wo das Brett aufwippte, zu einer mehr als zwei Fuß tiefen Grube vertiefte.
                  Zwischen beiden war alles derartig geschickt verteilt, daß sich die flache Rinne
                  als das Schnitt- und Kurzwarengeschäft, die vertiefte Grube aber als das
                  Kolonialwarenlager Hoppenmariekens ansehen ließ.</p>
               <p>Pachaly begann jetzt auszupacken und reichte, was sich an Gegenständen vorfand,
                  Tubal zu, der es in Ermangelung eines besseren Platzes auf Hoppenmariekens Bett
                  legte. Es waren Schürzenzeuge, ein Stück roter Fries, ein Rest von geblümtem
                  Sammetmanchester, bunte Haubenbänder und schwarzseidene Tücher, wie sie die
                  Oderbrücherinnen als Kopfputz tragen. In der Grube fanden sich Beutel mit Zucker,
                  Kaffee, Reis, darüber in Stangen geschnittene Seife und Talglichte, die oben an
                  den Dochten wie zu einer großen Puschel zusammengebunden waren. Aus allem ergab
                  sich, daß Hoppenmarieken mit Hilfe dieses Warenlagers einen Handel trieb und
                  Gegenstände, die sie von Küstrin oder Frankfurt aus mitbringen sollte, so weit wie
                  möglich aus ihrem eignen Hehlervorrat zu nehmen pflegte. Das Brett wurde nun
                  wieder aufgelegt, es paßte wie ein Deckel. Auch die Nägel, die einer rechtmäßigen
                  Diele zukommen, fehlten nicht; sie waren aber vor dem Einschlagen mit der Zange
                  kurz abgekniffen und hatten keinen anderen Zweck, als nach oben hin die Köpfe zu
                  zeigen.</p>
               <p>Die draußen Auf- und Abschreitenden hatten inzwischen ihre Promenade unterbrochen
                  und waren wieder eingetreten. Berndt musterte alles und sagte dann: »Ich kenne
                  Hoppenmarieken, hiermit zwingen wir's nicht. Sie wird all dies für ihr <pb/>
                  Eigentum ausgeben, und es wird schwerhalten, ihr das Gegenteil zu beweisen. Denn
                  sie steckt mit allerhand schlechtem Handelsvolk zusammen, das jeden Augenblick
                  bereit ist, ihr den rechtmäßigen Erwerb zu bestätigen. Ich bin aber sicher, daß es
                  gestohlenes Gut ist; es fehlt nur noch das Eigentliche, so etwas ausgesprochen
                  Privates, das ihr alle Ausflucht abschneidet. Suchen wir weiter. Muschwitz und
                  Rosentreter, von unserem eigenen Gesindel, das wir hier auf dem Forstacker haben,
                  gar nicht zu reden, werden sich auf Schürzenzeug und Seifenstangen nicht
                  beschränkt haben.«</p>
               <p>Indem war Pachaly, der, während Berndt sprach, in seinen Nachforschungen nicht
                  nachgelassen hatte, auf die Schwelle der kleinen Tür getreten und winkte Lewin,
                  der ihm zunächst stand, in die Kammer hinein. Er trat, als dieser ihm gefolgt war,
                  ohne weiteres an den dicken Holzpflock, von dem der Gundermannsbüschel
                  herabgefallen war, hob das Licht in die Höhe und sagte: »Passen S' Achtung, junger
                  Herr, der Pflock sitzt nicht fest; der Lehm ist rundum abgesprungen; dahinter
                  steckt was.«</p>
               <p>»Das wäre!« rief Lewin lebhaft, faßte den Pflock und riß ihn ohne die geringste
                  Mühe heraus.</p>
               <p>Es zeigte sich ein tiefes Loch in der Lehmwand, viel tiefer, als das
                  verhältnismäßig nur kurze Holzstück erheischte. Das mußte einen Grund haben. Lewin
                  suchte deshalb in der Höhlung umher und fand ein Päckchen, nicht viel größer als
                  eine halbe Faust, das erst in ein Stück blaues Zuckerpapier, dann, wie sich ergab,
                  in einen Lappen grober Leinwand eingewickelt war. Als er beides entfernt hatte,
                  lag der Inhalt vor ihm wie der Raub eines Rabennestes: ein silbernes
                  Nadelbüchschen, eine Taschenuhr in einem Schildpattgehäuse, eine Kinderklapper,
                  eine mit kleinen Rauchtopasen eingefaßte Amethystbroche, von der die Nadel
                  abgebrochen war, ein Petschaft mit nicht entzifferbarem Namenszug und ein kleiner
                  ovaler Goldrahmen, in dem sich wahrscheinlich ein Miniaturbild befunden hatte.
                  Alles ohne sonderlichen Wert, aber gerade das, dessen die Beweisführung
                  bedurfte.</p>
               <p>
                  <pb/> »Nun haben wir sie«, sagte Berndt ruhig, wickelte die Gegenstände wieder ein
                  und steckte sie zu sich.</p>
               <p>Auch noch die anderen Pflöcke wurden untersucht, saßen aber fest im Lehm. Es ließ
                  sich annehmen, daß nichts unentdeckt geblieben war, und so beschloß man, von
                  weiterer Nachsuchung abzustehen. In der Küche fand sich eine alte Kiepe vor, und
                  Pachaly erhielt Ordre, alles, was aufgefunden war, in diese hineinzupacken und
                  nach dem Herrenhause zu schaffen. Er gehorchte nicht gern, da es ihm gegen die
                  Ehre war, an hellem lichten Tage mit einer Kiepe über die Dorfstraße zu gehen; der
                  Dienst aber ließ ihm keine Wahl, und seinem Ärger in kurzen Selbstgesprächen Luft
                  machend, tat er schließlich, wie ihm geheißen.</p>
               <p>Berndt und Kniehase, von den beiden jungen Männern unmittelbar gefolgt, hatten
                  inzwischen die Auffahrt zum Herrenhause erreicht und waren eben im Begriff, von
                  der Dorfgasse her auf den Vorhof einzubiegen, als sie, keine dreihundert Schritt
                  mehr entfernt, Hoppenmarieken auf der großen Küstriner Straße herankommen sahen.
                  Die kleine Figur, der rasche Schritt und die lebhaften Bewegungen ließen sie
                  leicht erkennen.</p>
               <p>»Da kommt sie«, sagte Berndt, und sich an Pachaly wendend, der schon vor dem
                  Pfarrhause die Voranschreitenden eingeholt hatte, fügte er hinzu: »Nun eile dich;
                  schiebe zwei, drei Stühle vor meinen Schreibtisch oben und baue auf, was du
                  hast.«</p>
               <p>Hoppenmarieken grüßte schon von weitem. Sie schien in sehr guter Stimmung und
                  überreichte, als sie heran war, ihrem Gutsherrn einen Brief, den sie schon, als
                  sie der Gruppe ansichtig geworden war, aus ihrem Mieder hervorgezogen hatte.</p>
               <p>»Is hüt dis een man«, sagte sie und setzte wie zur Erklärung hinzu: »De berlinsche
                  Post is nich to rechte Tid inkamen.«</p>
               <p>Sie wollte weiter und hatte schon einige Schritte gemacht, als ihr Berndt
                  nachrief: »Hoppenmarieken, ich habe noch was für dich. Aber oben in meiner Stube,
                  komm.«</p>
               <p>Es mußte wider Willen des Sprechenden etwas Fremdklingendes <pb/> in seiner Stimme
                  gelegen haben; jedenfalls war der Ausdruck der Sicherheit aus dem Gesichte der
                  Zwergin fort, als sie über den Hof hin und dann treppauf ihrem Gutsherrn
                  nachschritt. Kniehase und die beiden Freunde folgten.</p>
               <p>Pachaly hatte mittlerweile in der notdürftig wieder in Ordnung gebrachten
                  Gerichtsstube seinen Aufhau beendet. Von den Bändern und Tüchern war nicht viel zu
                  sehen. So recht ins Auge fiel nur das große, noch regelrecht auf ein Brett
                  gewickelte rote Friesstück, ebenso die aus Seifenstangen und dem Lichterbündel
                  aufgebaute Pyramide.</p>
               <p>»Nun, Hoppenmarieken«, sagte Berndt, »wie gefällt dir der rote Fries?«</p>
               <p>»Jut, Jnädjeherr. Wat süll he mi nich jefallen? Et is ja von den ingelschen; de
                  Ell seben Groschen.«</p>
               <p>»Hast du dies Stück Fries vielleicht schon gesehen?«</p>
               <p>»Ick weet nich.«</p>
               <p>»Besinne dich.«</p>
               <p>»Ick seh so veel, Jnädjeherr; ick mag et wol all sehn hebben.«</p>
               <p>»Wo?«</p>
               <p>»Bi Jud Ephraim.«</p>
               <p>»Oder bei dir!«</p>
               <p>»Bi mi? Jo, Wettstang, bi mi; hohoho. Nu seh ick ihrst. Se sinn bi mi west und
                  hebben min kleen Tuusch- und Kramgeschäft utfunnen. Unner de Deel; en beeten
                  beschwierlich; awers ick bin nich sicher sünnst.«</p>
               <p>»Gut, Hoppenmarieken, du mußt vorsichtig sein. Es gibt jetzt soviel
                  Gesindel...«</p>
               <p>»Oh, so veel!«</p>
               <p>»Nun gut. Aber du nimmst ja den Kaufleuten das Brot. Hast du denn einen
                  Gewerbeschein?«</p>
               <p>»Ne, Jnädjeherr, den hebb ick nich.«</p>
               <p>»Ja, da werden wir dich am Ende in Strafe nehmen müssen.«</p>
               <p>Bei diesen mit einem heiteren Anfluge gesprochenen Worten kehrte ihr ihre frühere
                  Sicherheit zurück. Sie hatte plötzlich das <pb/> Gefühl, daß alles einen guten
                  Verlauf nehmen werde, und sagte halb grinsend, halb bittend vor sich hin: »Dat
                  wihrn de Jnädjeherr jo nich dohn.«</p>
               <p>»Ja wer weiß, Hoppenmarieken. Sieh mal hier; da ist noch was zum Auswickeln für
                  dich!«, und dabei nahm er das Päckchen, das er bei der Haussuchung zu sich
                  gesteckt hatte, aus seiner großen Überrockstasche und legte es dicht vor ihr auf
                  den Tisch.</p>
               <p>Sie fiel sofort auf die Knie und schrie: »Ick weet von nischt.«</p>
               <p>»Aber wir wissen genug.«</p>
               <p>»Ick weet von nischt. De kämen beed in bi mi...«</p>
               <p>»Wer?«</p>
               <p>»Muschwitz und Rosentreter... un seggten, ick süll et man verwohren. Awers ick
                  wull jo nich, un ick schreeg. Do nähm Muschwitz sin Taschenknif und seggt to mi:
                  ›Wif, ick schnid di de Kehl ab, wenn du schreegst!‹ Und da nohm ick et.«</p>
               <p>»Du lügst, Hoppenmarieken; du bist Hehlerin, was du immer warst. Du hast ihnen
                  Geld gegeben; ich vermute, nicht genug; darum haben sie sich neulich auf der
                  Landstraße noch etwas nachholen wollen. Sie waren sicher, daß du sie nicht
                  verraten würdest. Aber sie haben dich doch verraten.«</p>
               <p>»Jo, dat hebben se. Se wullen rut ut de Schling, un ick sall rin. Awers ick will
                  nich, un ick bruk nich. Schwören will ick; ick kann schwören. Rufen S'
                  Seidentoppen in; ja Seidentopp sall koamen... Oh, du lewe Herrjott, wat et för
                  Minschen jewen deiht! Dat is, weem eens sülwsten to good is. O Jott, o Jott.« Und
                  dabei rutschte sie auf den Knien näher zu Berndt heran und küßte ihm die
                  Rockschöße.</p>
               <p>»Steh auf!«</p>
               <p>Der zwergige Unhold aber, immer noch auf den Knien, fuhr fort: »Et is allens nich
                  so. Oh, dis Muschwitz, un de anner von Podelzig! Se hebben beed logen as de
                  Düwels. Schwören will ick; ick kann schwören. Pachaly, holen S' 'ne Bebel in. Un
                  hier sinn mine Finger; un schwören will ick, in de Kirch un ut de Kirch un wo Se
                  sünnst wullen.«</p>
               <p>
                  <pb/> »Du sollst nicht schwören, denn du schwörst falsch. Was machen wir mit ihr,
                  Kniehase?«</p>
               <p>Hoppenmarieken, die nicht anders dachte, als daß man ihr ans Leben wolle, schrie
                  jetzt jämmerlich auf und rang die kurzen, stummelhaften Hände. Zuletzt sah sie
                  Lewin, der an der Tür stehengeblieben war. Sie wollte rutschend auf ihn los,
                  mutmaßlich, um die Szene zu wiederholen, die sie eben vor dem alten Vitzewitz
                  gespielt hatte. Aber Pachaly hielt sie zurück.</p>
               <p>»Laß es hingehen, Papa«, rief jetzt Lewin, als ob Hoppenmarieken, deren
                  Unzurechnungsfähigkeit für ihn feststand, gar nicht zugegen wäre. »Sieh sie dir
                  an; es ist der Mensch auf seiner niedrigsten Stufe. Droh ihr; das ist das einzige,
                  was sie versteht. Ihr ganzer Rechtsbegriff ist ihre Furcht. Und Turgany weiß das
                  so gut wie wir; er wird nichts an die große Glocke hängen. Wenn es aber sein muß,
                  so wird er sie schildern, wie sie ist. Und das ist ihre beste Verteidigung. Ich
                  bitte dich, laß sie laufen.«</p>
               <p>»Hast du gehört?« fragte jetzt Berndt zu der Zwergin hinüber, die, während Lewin
                  sprach, endlich aufgestanden war.</p>
               <p>Sie zwinkerte mit den Augen und sagte: »Ick hebb allens hürt; ick weet, ick weet.
                  Jo, de junge Herr, he kennt mi, un ick kenn em. Un ick hebb 'n all kennt, as he
                  noch so lütt wihr, so lütt. Jo, de junge Herr ...!«</p>
               <p>»Er bittet für dich«, fuhr Berndt fort, »und will, daß ich dich laufen lasse.
                  Warum? Weil du Hoppenmarieken bist. Ich aber kenn dich besser und weiß, du hörst
                  das Gras wachsen. Schlau bist du und taugst nichts, das ist das Ganze von der
                  Sache. Nimm deine Kiepe; wir wollen diesmal noch ein Auge zudrücken. Aber paß
                  Achtung, wenn wir dich wieder ertappen, ist es aus mit dir. Und nun geh und
                  bessere dich fürs neue Jahr.«</p>
               <p>Sie sah sich nach Stock und Kiepe um, die sie beide beim Eintritt ins Zimmer neben
                  der eisenbeschlagenen Truhe niedergesetzt hatte. Als sie wieder marschfertig war,
                  glitt ihr Auge noch einmal über die auf den Stühlen ausgebreiteten <pb/> Sachen
                  hin. Es war ersichtlich, daß sie Lust hatte, Besitzrechte daran geltend zu machen.
                  Berndt sah den Blick und empfand jetzt, daß Lewin doch recht habe.</p>
               <p>»Geh«, wiederholte er, »alles bleibt hier und wird nach Frankfurt abgeliefert.
                  Vielleicht du auch noch!«</p>
               <p>Sie nahm das letzte Wort als einen Scherz und grinste wieder.</p>
               <p>Eine Minute später schritt sie, mit ihrem Stock salutierend, über den Hof hin, in
                  einem Tempo, als ob nichts vorgefallen sei oder eine ganz alltägliche Streitszene
                  hinter ihr läge.</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Achtzehntes Kapitel</head>
               <head>Othegraven</head>
               <p>Der alte Rysselmann, in Jeetzes kleiner Bedientenstube durch einen Imbiß gestärkt
                  und wieder aufgewärmt, passierte eben das an der großen Straße nach Frankfurt
                  gelegene Dorf Podelzig, als ihm ein leichter Kaleschwagen begegnete, auf dessen
                  Lederbank er den Freund seines Justizrats, den Konrektor Othegraven, erkannte.
                  Othegraven ließ halten.</p>
               <p>»Guten Tag, Rysselmann, gut bei Weg? Was in aller Welt bringt Sie nach
                  Podelzig?«</p>
               <p>»Ich komme schon von Hohen-Vietz. Dienstsachen; ein Brief vom Herrn Justizrat an
                  den Herrn von Vitzewitz. Ein guter Herr; und so ist das ganze Dorf.«</p>
               <p>»Ich will auch hin«, sagte Othegraven. »Treffe ich den Schulzen Kniehase?«</p>
               <p>»Im Dorf ist er; aber ob der Herr Konrektor ihn treffen werden, ist unsicher. Denn
                  ich hörte, wie der gnädige Herr nach ihm schickte, weil sie bei der alten
                  Botenfrau, die Hoppenmarieken heißt, eine Haussuchung abhalten wollen. Es soll
                  eine Hehlerin sein.«</p>
               <p>»Danke schön, Rysselmann; meinen Gruß an den Justizrat. Gott befohlen!«</p>
               <p>Damit fuhr der Konrektor in raschem Trabe weiter auf Hohen-Vietz zu. Was ihm
                  Rysselmann gesagt hatte, kam ihm <pb/> ungelegen, und wenn er zu den Leuten gehört
                  hätte, die auf Zeichen achten, so hätte er umkehren müssen. Er war aber ohne jede
                  Spur von Aberglauben und sah in allem, was geschah, ein unwandelbar Beschlossenes.
                  Seinem Bekenntnis, noch mehr seiner Parteistellung nach streng lutherisch, ruhte
                  doch – ihm angeboren und deshalb unveräußerlich – auf dem Grunde seines Herzens
                  ein gut Stück prädestinationsgläubiger Kalvinismus.</p>
               <p>Von Podelzig war nur noch eine Stunde. Es läutete Mittag, als Othegraven vor dem
                  Pfarrhause hielt. Seidentopf, den er bei seiner vorgestrigen Anwesenheit in
                  Hohen-Vietz nicht aufgesucht hatte, begrüßte ihn herzlich an der Schwelle seiner
                  Studierstube, die jetzt, wo die Wintersonne schien, ein besonders freundliches
                  Ansehen hatte. Alles war verändert, und die Haushälterin, die sich am zweiten
                  Feiertage durch ihr aufgeregtes Hin- und Herfahren mit Schippe und Räucheressenz
                  so bemerklich gemacht hatte, zeigte heute die vollkommenste Ruhe, als sie, nach
                  dem Brauch des Hauses, und ohne daß eine Aufforderung dazu ergangen wäre, ein
                  Frühstück vor Othegraven auf den Tisch stellte.</p>
               <p>Beide Männer hatten auf einem kleinen Sofa, in der Nähe des Ofens, unter dem
                  verstaubten Regal der Bibliotheca theologica, Platz genommen und sahen in den
                  verschneiten Garten hinaus. Eine Esche stand vor dem Fenster, in Sommerzeit ein
                  wunderschöner Baum; jetzt, wo seine Zweige wie geknotete Hanfstrippen
                  niederhingen, ein trauriger Anblick. Aber keiner von beiden hatte ein Auge dafür,
                  und während der Konrektor, dessen Vorhaben einem guten Appetit nicht günstig war,
                  sich mehr an ein Glas Wein als an das Frühstück hielt, erzählte der Pastor von
                  dem, was sich seit vorgestern in Hohen-Vietz ereignet hatte, von dem Einbruch und
                  von dem Auffinden der Strolche auf dem Rohrwerder.</p>
               <p>»Abenteuer und Kriegszüge, als hätten wir schon den Feind im Lande«, so schloß
                  er.</p>
               <p>Othegraven, augenscheinlich in sehr unkriegerischer Stimmung, brachte der
                  Erzählung dieser Dinge nur ein geringes <pb/> Interesse entgegen, das erst wuchs,
                  als der Gesprächsgegenstand wechselte und Seidentopf von dem zweiten Feiertage,
                  ihrem heiteren Beisammensein an jenem Abende, von Pastor Zabels Verlegenheit beim
                  Pfänderspiel und vor allem von Marie zu plaudern begann, wie sie so reizend
                  gewesen sei und so Hübsches über seinen Werneuchner Amtsbruder gesprochen habe,
                  trotzdem er ihr nicht habe beistimmen können.</p>
               <p>»Sie könnten mir nichts sagen«, unterbrach ihn Othegraven, »das mich mehr
                  erfreute. Denn wissen Sie, lieber Pastor, ich habe eine herzliche Neigung zu
                  diesem schönen Kinde.«</p>
               <p>Seidentopf erschrak; um so mehr, je höher er Othegraven schätzte. Nie war an einen
                  solchen Fall von ihm gedacht worden; jetzt, wo er eintrat, empfand er ihn als eine
                  Unmöglichkeit. Er faßte sich endlich und fragte: »Weiß Marie davon?«</p>
               <p>»Nein, ich habe vorgestern mit dem Schulzen gesprochen. Er hat mir geantwortet,
                  Marie sei ein Stadtkind und gehöre in die Stadt; wenn er sie sich an der Seite
                  eines braven Mannes, der sie liebe, denke, so lache ihm das Herz. Und eines
                  Studierten, bald vielleicht eines Pastors Frau, das sei so recht das, was er sich
                  immer gewünscht habe. Das Kind sei sein Augapfel, und mein Antrag sei ihm eine
                  Ehre; aber sie müsse selber entscheiden. Ich konnte ihm nur zustimmen; und da bin
                  ich nun, um mir diese Entscheidung zu holen.«</p>
               <p>»Ich wünsche Ihnen Glück, Othegraven. Aber alles erwogen, paßt Marie zu
                  Ihnen?«</p>
               <p>Othegraven wollte antworten; Seidentopf indessen, als er aus den ersten
                  entgegnenden Worten heraushörte, daß sich die Antwort nur auf das »Gazekleid mit
                  den Goldsternchen« und alles das, was damit in Zusammenhang war, beziehen werde,
                  unterbrach den Konrektor und sagte ruhig: »Ich meine nicht das, ich meine, haben
                  Sie bedacht, ob zwei Naturen zueinander passen, von denen die eine ganz Phantasie,
                  die an dere ganz Charakter ist?«</p>
               <p>»Ich habe es bedacht; aber daß ich es Ihnen bekenne, mehr in Hoffnung als in
                  Zweifel und Befürchtung. Eine Frau von Phantasie, ein Mann von Charakter, wenn ich
                  diese auszeichnende <pb/> Eigenschaft, die Sie mir zuerkennen, ohne weiteres
                  annehmen darf, ist gerade das, was mir als ein Ideal erscheint. Was ist die Ehe
                  anders als Ergänzung?«</p>
               <p>»So heißt es in Büchern und Abhandlungen, und ich kann mir Fälle denken, oder sage
                  ich lieber, ich kenne Fälle, wo dies zutrifft. Aber wenn ich in dem Buche meiner
                  Erfahrungen nachschlage, so ist es im großen und ganzen doch umgekehrt. Die Ehe,
                  zum mindesten das Glück derselben, beruht nicht auf der Ergänzung, sondern auf dem
                  gegenseitigen Verständnis. Mann und Frau müssen nicht Gegensätze, sondern
                  Abstufungen, ihre Temperamente müssen verwandt, ihre Ideale dieselben sein. Vor
                  allem aber, lieber Othegraven, wir sind noch nicht bei der Ehe. Es handelt sich
                  zunächst um den Zug des Herzens, der fast immer nach dem Gleichgearteten geht;
                  wenigstens bei Naturen wie Mariens.«</p>
               <p>Othegraven lächelte. »So würde denn, teuerster Pastor, die Frage, die Sie vorhin
                  an mich richteten, nicht haben lauten müssen, ob Marie zu mir, sondern ob ich zu
                  ihr passe? Des ersteren bin ich sicher; um mir auch über den zweiten Punkt
                  Gewißheit zu verschaffen, dazu bin ich hier. Ich bitte, mein Fuhrwerk auf Ihrem
                  Hofe halten lassen zu dürfen; in einer halben Stunde sehe ich Sie wieder. Sie
                  sollen der erste sein, der erfährt, wie die Würfel über mich gefallen sind. Ein
                  unchristlich Wort das; aber ich halt es aufrecht, weil es genau ausdrückt, was ich
                  in diesem Augenblick empfinde, aller Überzeugung zum Trotz, daß es schließlich
                  kein Würfelspiel ist, was über uns entscheidet. Wir sollten vielleicht vor solchen
                  Widersprüchen, in die auch ein gläubig Herz geraten kann, weniger erschrecken, als
                  wir gewöhnlich tun; wir gewönnen dadurch für uns selbst und für andere mehr, als
                  wir verlieren. Was starr ist, ist tot.«</p>
               <p>Sie trennten sich, und Othegraven schritt auf den Schulzenhof zu.</p>
               <p>Er fand in dem Zimmer links, in dem am zweiten Weihnachtsfeiertage der alte
                  Kniehase das Kapitel aus dem Propheten Daniel gelesen hatte, nur die Frau des
                  Schulzen vor. Sie <pb/> schritt ihm unter herzlichem Gruß, aber doch in einer
                  gewissen Befangenheit entgegen und sprach ihr Bedauern aus, daß ihr Mann abwesend
                  sei, einer Dienstsache halber, mit der sie den Herrn Konrektor nicht behelligen
                  wolle. Am wenigsten heute, da sie wisse, weshalb er komme. Sie werde Marie rufen.
                  Dann rückte sie ihm einen Stuhl und stieg hinauf in die Giebelstube, wo die
                  Tochter mit allerhand kleiner Handarbeit, mit Stopfen und Nähen beschäftigt war,
                  um nichts Unfertiges oder Unordentliches mit in das neue Jahr hinüberzunehmen. In
                  der resoluten Weise einer Frau, die von Vorbereiten und Überraschungen-Ersparen
                  nicht viel hält, sagte sie hier kurz und ohne Umschweife: »Komm, Marie, Konrektor
                  Othegraven ist unten; er hat bei dem Vater um dich angehalten. Sage nun ›ja‹ oder
                  ›nein‹, uns Alten ist beides recht. Wir haben keinen anderen Wunsch als dein
                  Glück, und du mußt selber wissen, was dich glücklich macht.«</p>
               <p>Marie war heftig erschrocken, faßte sich aber und folgte der Mutter treppab.
                  Othegraven hatte den Stuhl, der ihm angeboten war, nicht angenommen; er stand am
                  Fenster, mit den Fingern der rechten Hand auf den Knöcheln der linken spielend,
                  wie jemand, der voll innerer Unruhe ist.</p>
               <p>»Hier ist sie«, sagte Frau Kniehase und schritt wieder auf die Tür zu.</p>
               <p>»Bleibe, Mutter«, bat Marie.</p>
               <p>Frau Kniehase gab ihre Absicht auf und setzte sich an das Spinnrad. »Marie, Sie
                  wissen, weshalb ich hier bin«, begann Othegraven nach einer kurzen Pause.</p>
               <p>»Ja, die Mutter hat es mir eben gesagt.«</p>
               <p>»Hat es Sie überrascht?«</p>
               <p>»Wir kennen uns erst kurze Zeit.«</p>
               <p>»Das Herz, wenn es überhaupt sprechen will, spricht schnell. Es ist jetzt ein
                  halbes Jahr, Marie, daß ich Sie zum ersten Male sah, es war im Park, an der
                  Stelle, wo das Rondel ist. Ich entsinne mich jedes kleinsten Umstandes.«</p>
               <p>Marie nickte, zum Zeichen, daß auch ihr der Tag in Erinnerung geblieben sei.</p>
               <p>
                  <pb/> »Es war Besuch da«, fuhr Othegraven fort, »der Steinhöfelsche Herr von
                  Massow, der junge Herr von Burgsdorff und Doktor Faulstich aus Kirch-Göritz; Sie
                  spielten Reifen, und ich hörte schon von fern Ihr Lachen, als ich mit dem alten
                  Herrn von Vitzewitz die große Rüsternhecke heraufkam. Fräulein Renate, in einem
                  hellblauen Sommerkleid, stand Ihnen gegenüber. Als ich dann an dem Spiele teilnahm
                  und Ihnen mit ungeübter Hand die Reifen zuwarf, fingen Sie jeden auf, ob er zu
                  kurz oder zu weit flog. Ihre Geschicklichkeit glich aus, was der meinigen fehlte.
                  Ich habe nichts davon vergessen, und als ich an jenem Abend nach Frankfurt
                  zurückfuhr, wußte ich, daß ich Sie liebte.«</p>
               <p>Marie schwieg; das Spinnrad surrte, man hätte eine Nadel fallen hören.</p>
               <p>»Haben Sie mir nichts zu sagen, Marie?«</p>
               <p>Sie schritt jetzt rasch auf ihn zu, reichte ihm die Hand und sagte mit einer
                  Entschlossenheit, in der das voraufgegangene Bangen nur noch leise nachklang: »Es
                  kann nicht sein; Sie selbst haben mir die Antwort auf die Lippen gelegt, als Sie
                  sagten, das Herz spräche schnell, wenn es überhaupt sprechen wolle.« Dann barg sie
                  das Gesicht in ihre Hände und rief: »Ach, bin ich undankbar?«</p>
               <p>»Ich habe keinen Anspruch auf Ihren Dank, Marie.«</p>
               <p>»Und doch bin ich undankbar vielleicht, nicht gegen Sie, aber gegen mein Geschick.
                  Ich war nicht so jung, als ich in dieses Haus kam, daß ich hätte vergessen können,
                  was ich vorher war. Und wenn ich es je vergessen hätte, so würde mich das Kreuz,
                  das oben auf meines Vaters Grabe steht, jeden Tag daran erinnert haben. Die Art,
                  wie mich Gott geführt, legt mir besondere Dankespflichten auf, und ich weiß nicht,
                  ob ich diese Pflichten erfülle, wenn ich jetzt einfach sage: mein Herz spricht
                  nicht. Es sollte vielleicht sprechen; aber es schweigt. Und so muß es denn
                  bleiben, wie es ist. Es trennt uns etwas, ein Unterschied der Naturen, den ich
                  nicht zu nennen weiß, der aber da ist, weil ich ihn empfinde.«</p>
               <p>Marie schwieg.</p>
               <p>
                  <pb/> »So hab ich denn wenigstens Gewißheit empfangen«, nahm Othegraven das Wort,
                  »und das Traurigste, was es gibt, hoffnungslos zu hoffen, ist mir erspart
                  geblieben. Sie haben es verschmäht, sich hinter Halbheiten zu flüchten; ich danke
                  Ihnen dafür. Auch dies zeigt mir, wie richtig meine Neigung wählte, richtig, aber
                  nicht glücklich. Und es ist ohne Bitterkeit, Marie, daß ich von Ihnen scheide;
                  denn das Herz läßt sich nicht zwingen. Und ob ich es gleich wünschte, daß sich das
                  Ihrige anders entschieden hätte, so weiß ich doch, daß es sich entschieden hat,
                  wie es sich entscheiden mußte.«</p>
               <p>Er reichte erst Marie, dann der Mutter die Hand und verließ das Haus, in dem ein
                  kurzes Gespräch über sein Glück den Stab gebrochen hatte.</p>
               <p>Eine Stunde später fuhr er wieder auf Frankfurt zu.</p>
               <p>»Lieber Freund«, so waren des Pastors letzte Worte gewesen, »ich beobachte das
                  Leben nun vierzig Jahre, und immer wieder habe ich wahrgenommen, daß sich Männer
                  Ihrer Art zu Naturen wie Mariens unwiderstehlich hingezogen fühlen, ohne daß diese
                  Naturen die Liebe, die ihnen entgegengetragen wird, jemals erwidern können. Den
                  Charakter zieht es zur Phantasie, aber nicht umgekehrt.«</p>
               <p>Othegraven, indem er die Seidentopfschen Worte hin und her wog, lächelte
                  schmerzlich.</p>
               <p>»Es ist so; der Alte hat recht. Und so werd ich denn liebelos durch dieses Leben
                  gehen; denn nur die Seite des Daseins, die mir fehlt, hat Reiz für mich und zieht
                  mich an. Und so ist mein Los beschlossen. Trag ich es; nicht nur weil ich muß,
                  auch weil ich will. Tue, was dir geziemt. Aber ich hatte es mir schöner geträumt;
                  auch heute noch.«</p>
               <p>Während dieses Selbstgespräches war der Konrektor in Podelzig eingefahren und
                  passierte die Stelle, wo er dem alten Rysselmann begegnet war. Er entsann sich der
                  gehobenen Stimmung, in der er noch zu ihm gesprochen hatte, und wiederholte vor
                  sich hin: »Ja, schöner geträumt; auch heute noch!«</p>
               <pb/>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Neunzehntes Kapitel</head>
               <head>Silvester in Guse</head>
               <p>Der Brief, den Hoppenmarieken mit dem Bemerken, »is hüt dis een man«, an Berndt
                  überreicht hatte, war während der unmittelbar folgenden Szene vergessen worden.
                  Erst als unsere Zwergin vom Forstacker, als sei nichts vorgefallen, in alter
                  Munterkeit vom Hof her in die Dorfstraße einbog, entsann sich Berndt des
                  Schreibens wieder, das aus Kirch-Göritz war und die Aufschrift trug: »An Fräulein
                  Renate von Vitzewitz. Hohen-Vietz bei Küstrin.« Er gab den Brief an Lewin, der nun
                  den langen Korridor hinunterschritt, um ihn Renaten persönlich zu überbringen.</p>
               <p>In dem Krankenzimmer war es hell, Renate selbst ohne Fieber, nur noch matt.
                  Kathinka saß an ihrem Bett, während Maline seitab am Fenster stand und eine der
                  Kalvillen schälte, die sie sich am Abend vorher geweigert hatte aus dem alten
                  Spukesaal heraufzuholen.</p>
               <p>»Ist es erlaubt?« fragte Lewin und nahm einen Stuhl. »Ich komme nicht mit leeren
                  Händen; hier ein Brief für dich, Renate.«</p>
               <p>»Ach, das ist hübsch! Ich wollte, daß alle Tage Briefe kämen. Kathinka, nimm dir
                  das zu Herzen, und du auch, Lewin. Ihr verwöhnten Leute habt keine Ahnung davon,
                  was uns in unserer Einsamkeit ein Brief bedeutet.«</p>
               <p>Während dieser Worte hatte sie das Siegel erbrochen und sah nach der Unterschrift:
                  »Doktor Faulstich.« Es konnte nicht anders sein; wer außer ihm in Kirch-Göritz
                  hätte Veranlassung haben können, an Fräulein Renate von Vitzewitz zu schreiben!
                  Der Brief war übrigens vom 29., also um einen Tag verspätet.</p>
               <p>»Lies ihn uns vor«, sagte Kathinka, »so du keine Geheimnisse mit dem Doktor
                  hast.«</p>
               <p>»Wer weiß; ich will es aber doch wagen.« Und sie las: »Mein gnädigstes Fräulein!
                  Ein Richterspruch, der keinen Appell gestattet, hat Sie auserkoren, bei der am
                  Silvester in <pb/> Schloß Guse stattfindenden Vorstellung mitzuwirken. Mehr noch,
                  Sie werden die Festlichkeit zu eröffnen und beifolgenden Prolog zu rezitieren
                  haben, den ich, trotz des bis hierher angeschlagenen Direktorialtones, in meiner
                  geängstigten Dichtereitelkeit Ihrer freundlichen Beurteilung, speziell auch der
                  Nachsicht der beiden Kastaliamitglieder, die mich gestern durch ihren Besuch
                  erfreuten, empfehle. Voll berechtigten Mißtrauens in unsere Kirch-Göritzer
                  Postverhältnisse, habe ich geschwankt, ob es nicht vielleicht geraten sei, diesen
                  Brief durch einen Expressen an Sie gelangen zu lassen; vierundzwanzig Stunden aber
                  für eine Entfernung, die selbst mit dem Umweg über Küstrin nur anderthalb Meilen
                  beträgt, sind reichlich bemessen, und so hege ich denn die Hoffnung, diese Zeilen
                  samt ihrer Einlage rechtzeitig bei Ihnen eintreffen zu sehen. Que Dieu vous
                  prenne, vous et ma lettre, dans sa garde! Mit diesem Wunsche, der sich in Form und
                  Sprache fast mehr schon gegen Guse als gegen Hohen-Vietz verneigt, Ihr treu
                  ergebenster</p>
               <p>
                  <l>Doktor Faulstich.«</l>


                  <l>»Allerliebst«, sagte Kathinka.</l>

               </p>
               <p>»Ich gebe euch auch noch die Nachschrift.« Und Renate las weiter: »Die Toilette,
                  mein gnädigstes Fräulein, darf Sie nicht beunruhigen, trotzdem es niemand
                  Geringeres als Melpomene selbst ist, der ich meine Prologstrophen in den Mund
                  gelegt habe. In wie vielen Beziehungen auch die neun Schwestern von Klio bis auf
                  Polyhymnia sich beschwerlich erweisen mögen, in einem Punkte sind sie bequem: in
                  der Kostümfrage. Der Faltenwurf ist alles. Ich vertraue übrigens, wenn wir eines
                  Rats benötigt sein sollten, auf Demoiselle Alceste, die mit Hilfe Racines und
                  seiner Schule seit vierzig Jahren unter den Atriden gelebt hat und die Staffeln
                  zwischen Klytämnestra und Elektra beständig auf- und niedergestiegen ist.«</p>
               <p>»Ach, wie schade!« rief Maline vom Fenster her, ganz nach Art verwöhnter
                  Dienerinnen, die sich gern ins Gespräch mischen.</p>
               <p>»Ja, da hast du recht«, sagte Renate, halb in wirklichem, halb in scherzhaftem
                  Unmut, während sie den Brief wieder <pb/> zusammenlegte. »Da blitzt es nun mal
                  einen Augenblick herauf, aber nur, um mir das Dunkel meiner Hohen-Vietzer Tage
                  wieder um so fühlbarer zu machen. Verzeihe, Kathinka, daß ich undankbar deines
                  Besuches und der Stunden vergesse, die du mir an meinem Bett und auch vorher schon
                  weggeplaudert hast, aber daß ich um diese Fahrt nach Guse komme und um Demoiselle
                  Alceste und um meinen Prolog, das verwinde ich mein Lebtag nicht. Sage selbst: als
                  Muse, als Melpomene; wie das schon klingt! Und von einer französischen
                  Schauspielerin eigenhändig drapiert! Ich kann siebzig Jahre alt werden, ohne zu so
                  was Herrlichem je wieder aufgefordert zu werden.«</p>
               <p>»Aber ist es denn unmöglich?« fragte Kathinka. »Du fühlst dich wohler, das Fieber
                  ist fort. Komm mit, wir stecken dich in einen Fußsack und von oben her in einen
                  Pelz.«</p>
               <p>Renate schüttelte den Kopf. »Das darf ich dem alten Leist nicht antun. Wenn ich
                  ihm stürbe – das verzieh er mir all mein Lebtag nicht. Nein, ich bleibe; und du,
                  Kathinka, mußt die Rolle sprechen.«</p>
               <p>»Ich?«</p>
               <p>»Ja, du hast keine Wahl. In dem Salon unserer Tante ist, wie du weißt, außer dir
                  und mir nichts von Damenflor zu Hause, und wenn Demoiselle Alceste – ich habe die
                  Strophen eben überflogen – nicht als ihr eigener Herold auftreten, sich ankündigen
                  und vielleicht auch verherrlichen soll, so bleibt dir nichts übrig, als den Prolog
                  zu sprechen. Du hast ohnehin die Melpomenefigur. Aber ich glaube fast, du tust es
                  ungern.«</p>
               <p>»Nicht doch, ich mißtraue nur meinem Gedächtnis.«</p>
               <p>»Oh, da schaffen wir Rat«, sagte Lewin. »Es sind noch zwei Stunden, bis wir
                  aufbrechen, vor allem aber haben wir noch die Fahrt selbst; ich werde dir
                  unterwegs die Strophen rezitieren, einmal, zweimal, und im Nachsprechen wirst du
                  sie lernen. Die frische Luft erleichtert ohnehin das Memorieren.«</p>
               <p>Kathinka war es zufrieden. So trennte man sich, da nicht nur die Tischglocke jeden
                  Augenblick geläutet werden konnte, sondern auch das wenige, was außerdem noch an
                  Zeit verblieb, zu Vorbereitungen nötig war, die sich für die Ladalinskischen <pb/>
                  Geschwister mehr noch auf ihre Abreise überhaupt als auf die Fahrt nach Guse
                  bezogen. Sie hatten nämlich vor, wenn die Tante sie nicht festhielt, in derselben
                  Nacht noch nach Berlin zurückzukehren.</p>
               <p>Um vier Uhr hielt das Schlittengespann mit den Schneedecken und den roten
                  Federbüschen, dasselbe, das am dritten Weihnachtsfeiertage Lewin und Renaten nach
                  Guse hinübergeführt hatte, vor der Rampe des Hauses, und nach herzlichem Abschiede
                  von Tante Schorlemmer, auch von Jeetze und Maline, die sich mit ihrem
                  Schürzenzipfel eine Träne trocknete und immer wiederholte: »wie schön es gewesen
                  sei« und: »solch liebes Fräulein«, rückten sich endlich die Ladalinskis auf ihrer
                  Polsterbank zurecht, während Lewin den Platz auf der Pritsche nahm. Der alte
                  Vitzewitz, der noch an Turgany zu schreiben und seinen Bericht über die Resultate
                  der Haussuchung beizufügen hatte, hatte zugesagt, in einer Viertelstunde mit den
                  Ponies zu folgen.</p>
               <p>»Ich überhole euch doch! Was gilt die Wette, Kathinka?«</p>
               <p>»Du verlierst.«</p>
               <p>»Nein, ich gewinne.«</p>
               <p>Gleich darauf zogen die Pferde an, und der leichte Schlitten flog mit einer
                  Schnelligkeit dahin, die zunächst wenigstens für die Chancen Berndts besorgt
                  machen konnte.</p>
               <p>Kathinka, wie am Abend vorher auf der kurzen Fahrt nach Hohen-Ziesar, hatte auch
                  heute wieder die Leinen genommen, das Glockenspiel klang, und die roten Büsche
                  nickten. Ihr Weg ging erst tausend Schritt auf der Küstriner Straße zwischen den
                  Pappeln hin, ehe sie nach links in die weite Schneefläche des Bruchs einbogen. Als
                  sie die Stelle passierten, wo der Überfall stattgefunden hatte, zeigte Tubal
                  scherzend nach der Waldecke hinüber und beschrieb der Schwester seinen Wettlauf
                  über den Sturzacker hin.</p>
               <p>»Und das alles im Ritterdienste Hoppenmariekens. Wer hielt je treuer zu seiner
                  Devise: Mon cœur aux dames!«</p>
               <p>»Es müssen eben Zwerginnen kommen, um euch zu ritterlichen Taten anzuspornen.
                  Sonst laßt ihr andere eintreten in <pb/> Taten und Gesang, und wenn es Doktor
                  Faulstich wäre. Im übrigen ist es Zeit, Lewin, daß wir unsere Lektion beginnen.
                  Ich weiß vorläufig nur, daß die erste Strophe mit einem Reim auf Guse abschließt;
                  Muse, Guse. Ich glaube, die ganze Melpomene-Idee wäre nie geboren worden, wenn
                  dieser Reim nicht existiert hätte.«</p>
               <p>Nun begann unter Lachen das Rezitieren, und immer, wenn eine neue Strophe
                  bezwungen war, salutierte Lewin, und der Knall seiner Schlittenpeitsche, dann und
                  wann das Echo weckend, hallte über die weite Schneefläche hin. So hatten sie
                  Golzow, bald auch Langsow passiert, und der Guser Kirchturm wurde schon zwischen
                  den Parkbäumen sichtbar, als plötzlich die Ponies, deren schwarze Mähnen von
                  Renneifer wie Kämme standen, ihnen zur Seite waren und der alte Vitzewitz, in
                  seinem Kaleschwagen sich aufrichtend, zu Kathinka hinüberrief: »Gewonnen!«</p>
               <p>»Nein, nein!« Und nun begann ein Wettfahren, in dem als nächstes Objekt die
                  Ottaverime des Doktors und gleich darauf alle Gedanken an Prolog und Melpomene
                  über Bord gingen. Auch über die Braunen, die vor den Schlitten gespannt waren, kam
                  es wie eine ehrgeizige Regung alter Tage, aber der Vorteil ihrer größeren Schritte
                  ging bald unter in dem Nachteil ihrer längeren Dienstjahre, über die nur einen
                  Augenblick lang die jugendlich machenden Schneedecken hatten täuschen können, und
                  um ein paar Pferdelängen voraus donnerte der Kaleschwagen über die Sphinxenbrücke
                  und hielt als erster vor dem Schloß. Berndt hatte das Spritzleder schon
                  zurückgeschlagen, sprang herab und stand rechtzeitig genug zur Seite, um Kathinka
                  die Hand reichen und ihr beim Aussteigen aus dem Schlitten behilflich sein zu
                  können.</p>
               <p>»Da hast du die gewonnene Wette«, sagte sie, dem Alten einen herzhaften Kuß
                  gebend, während sie zugleich, zu Lewin gewandt, hinzusetzte: »Voilà notre ancien
                  régime.«</p>
               <p>Dann traten sie in die geheizte Flurhalle, wo Diener ihnen die Mäntel und Pelze
                  abnahmen.</p>
               <p>
                  <pb/> In dem blauen Salon der Gräfin war heute der »weitere Zirkel«, dem, außer
                  einigen unmittelbaren Nachbarn von Tempelberg, Quilitz und Friedland her, auch der
                  Landrat und der neue Seelowsche Oberpfarrer angehörten, schon seit einer halben
                  Stunde versammelt und teilte seine Aufmerksamkeiten zwischen der Wirtin und ihrem
                  bevorzugten Gaste, Demoiselle Alceste. Diese, wie sie zugesagt, war bereits einen
                  Tag früher eingetroffen, und in Plaudereien, die sich bis über Mitternacht hinaus
                  ausgedehnt hatten, war der Rheinsberger Tage, der Wreechs, Knesebecks und
                  Tauentziens, vor allem auch der prinzlichen Schauspieler, des genialen Blainville
                  und der schönen Aurora Bursay, mit herzlicher Vorliebe gedacht worden. Über
                  Erwarten hinaus hatte das Wiedersehen, das nach länger als zweiundzwanzig Jahren
                  immerhin ein Wagnis war, beide Damen befriedigt, von denen jede das Verdienst,
                  sofort den rechten Ton getroffen zu haben, für sich in Anspruch nehmen durfte. Am
                  meisten freilich Demoiselle Alceste; sie vereinigte in sich die
                  Liebenswürdigkeiten ihres Standes und ihrer Nation. Sehr groß, sehr stark und sehr
                  asthmatisch, von fast kupferfarbenem Teint und in eine schwarze Seidenrobe
                  gekleidet, die bis in die Rheinsberger Tage zurückzureichen schien, machte sie
                  doch dies alles vergessen durch den die größte Herzensgüte verratenden Ausdruck
                  ihrer kleinen schwarzen Augen und vor allem durch ihre Geneigtheit, auf alles
                  Heitere und Schelmische und, wenn mit Esprit vorgetragen, auch auf alles
                  Zweideutige einzugehen. Was ihr anziehendes Wesen noch erhöhte, waren die Anfälle
                  von Künstlerwürde, denen sie ausgesetzt war, Anfälle, die – wenn sie nicht an und
                  für sich schon einen Anflug von Komik hatten – jedenfalls in dem als Rückschlag
                  eintretenden Moment der Selbstpersiflierung zu herzlichster Erheiterung führten.
                  Ihre geistige Regsamkeit, auch ihr Embonpoint, das keine Falten gestattete, ließen
                  sie jünger erscheinen, als sie war, so daß sie sich, obgleich sie beim
                  Regierungsantritt Ludwigs XVI. die Phädra gespielt hatte, in weniger als einer
                  halben Stunde der Eroberung erst Drosselsteins und dann Bammes rühmen durfte.</p>
               <p>
                  <pb/> Von diesen Eroberungen mußte ihr, ihrem ganzen Naturell nach, die zweite die
                  wichtigere sein. Drosselsteins hatte sie viele gesehen, Bammes keinen, und den
                  Tagen der Liebesabenteuer auf immer entrückt, hatte sie sich längst daran gewöhnt,
                  den Wert ihrer Eroberungen nur noch nach dem Unterhaltungsreiz, den ihr dieselben
                  gewährten, zu bemessen. Sie war darin der Gräfin verwandt, nur mit dem
                  Unterschiede, daß diese das Aparte überhaupt liebte, während alles, was ihr
                  gefallen sollte, durchaus den Stempel des Heitern tragen mußte. Dabei war ihr
                  überraschenderweise auf der Bühne das Komische nie geglückt, und nur in Rollen,
                  die sich auf Inzest oder Gattenmord aufbauten, hatte sie wirkliche Triumphe
                  gefeiert.</p>
               <p>Es wurde schon der Kaffee gereicht, als die Hohen-Vietzer eintraten und auf Tante
                  Amelie zuschritten. Diese, nach herzlicher Begrüßung, erhob sich von ihrem
                  Sofaplatz, um ihren Liebling Kathinka – die kaum Zeit gefunden hatte, von Renatens
                  Unwohlsein und der momentan in Gefahr geratenen Melpomenerolle zu sprechen – mit
                  ihrem französischen Gaste bekannt zu machen.</p>
               <p>Demoiselle Alceste brach ihr Gespräch mit Bamme ab und trat den beiden Damen
                  entgegen.</p>
               <p>»Je suis charmée de vous voir«, begann sie mit Lebhaftigkeit, »Madame la Comtesse,
                  votre chère tante, m'a beaueoup parlé de vous. Vous êtes polonaise. Ah, j'aime
                  beaucoup les Polonais. Ils sont tout-à-fait les Français du Nord. Vous savez sans
                  doute que le Prince Henri était sur le point d'accepter la couronne de
                  Pologne.«</p>
               <p>Kathinka hatte nie davon gehört, hielt aber mit diesem Geständnis klüglich zurück,
                  während Demoiselle Alceste das immer politischer werdende Gespräch in Ausdrücken
                  fortsetzte, die, was Bewunderung für den Prinzen und Abneigung gegen den
                  königlichen Bruder anging, selbst Tante Amelie kaum gewagt haben würde. Das Thema
                  von der polnischen Krone bot die beste Gelegenheit dazu.</p>
               <p>»Dem ›grand Frédéric‹«, fuhr sie mit spöttischer Betonung seines Namens fort, »sei
                  der Gedanke, seinen Bruder <pb/> als König eines mächtigen Reiches zur Seite zu
                  haben, einfach unerträglich gewesen. Es habe freilich, wie das immer geschehe,
                  nicht an Versuchen gefehlt, die eigentlichen Motive mit Gründen, hoher Politik zu
                  verdecken; sie aber wisse das besser, und der Neid allein habe den Ausschlag
                  gegeben.«</p>
               <p>Kathinka, die von dem Prinzen nichts wußte als seinen Weiberhaß, nahm aus diesem
                  krankhaften Zuge, der ihn ihr unmöglich empfehlen konnte, eine momentane
                  Veranlassung zu Loyalität und Verteidigung des großen Königs her, bis sie sich
                  endlich lächelnd mit den Worten unterbrach: »Mais quelle bêtise; je suis polonaise
                  de tout mon cœur et me voilà prête à travailler pour le roi de Prusse.«</p>
               <p>Damit brach der politische Teil ihrer Unterhaltung ab und glitt zu dem friedlichen
                  Thema der nahe bevorstehenden Theatervorstellung über. Aber auch hier kam es zu
                  keinen vollen Einigungen. Immer wieder vergeblich wurde von seiten Kathinkas
                  geltend gemacht, daß sie als Prolog sprechende Melpomene ein natürliches Anrecht
                  habe, in die Geheimnisse Doktor Faulstichs und seiner künstlerischen Hauptkraft:
                  Demoiselle Alceste, eingeweiht zu werden. Diese blieb dabei, daß es zu dem
                  Anmutigsten des Theaterlebens gehöre, die Akteurs und Aktricen sich wieder
                  untereinander überraschen zu sehen. Und solch heiteres Spiel dürfe nicht mutwillig
                  gestört werden.</p>
               <p>Während dieses Gespräch in der großen Fensternische geführt wurde, die den Blick
                  in den Park und die untergehende Sonne hatte – nur ein Streifen Abendrot lag noch
                  am Himmel –, hatten sich Tubal und Lewin zur Seite der Tante niedergelassen, um
                  über die jüngsten Hohen-Vietzer Ereignisse zu berichten. Der Kreis wurde bald
                  größer. Erst Krach und Medewitz, dann der Lebuser Landrat samt dem Seelowschen
                  Oberprediger, zuletzt auch Baron Pehlemann, der, einen Rest von Podagra
                  mißachtend, in oft erprobter Gesellschaftstreue sich eingefunden hatte, alle
                  rückten näher, um sich von dem Einbruch der Diebe, von dem Auffinden der beiden
                  Landstreicher auf dem Rohrwerder und endlich von der Haussuchung bei
                  Hoppenmarieken erzählen zu lassen. Niemand folgte gespannter<pb/> als Tante Amelie
                  selbst, die, neben einer natürlichen Vorliebe für Einbruchsgeschichten, eine
                  herzliche Genugtuung empfand, die von ihrem Bruder vermuteten französischen
                  Marodeurs sich einfach in Muschwitz und Rosentreter verwandeln zu sehen. Der
                  überlegene Charakter Berndts war ihr zu oft unbequem, als daß ihr der Anflug von
                  Komischem, der dadurch auf seine Pläne fiel, nicht hätte willkommen sein
                  sollen.</p>
               <p>Und doch waren es gerade wieder diese Pläne, die, während die Schwester im stillen
                  triumphierte, den Bruder auf das lebhafteste beschäftigten. In demselben
                  Augenblicke beinah, wo die Vorstellung Kathinkas das zwischen Demoiselle Alceste
                  und Bamme geführte Gespräch unterbrochen hatte, hatte sich Berndt des alten
                  Generals zu bemächtigen gewußt, und ihn beiseite nehmend, war er nicht säumig
                  gewesen, ihm seine bis dahin nur flüchtig angedeuteten Gedanken über Insurrektion
                  des Landes zwischen Oder und Elbe zu entwickeln. Der Hauptpunkt blieb immer die
                  Volksbewaffnung à tout prix, also mit dem Könige, wenn möglich, ohne den König,
                  wenn nötig. In betreff dieses Punktes aber war Berndt gerade dem alten General
                  gegenüber nicht ohne Sorge. Bamme gehörte nämlich jener unter dem Absolutismus
                  großgezogenen militärischen Adelsgruppe an, die auf eine Cabinetsordre hin all und
                  jedes getan hätte und unter einem Lettre-de-Cachet-König so recht eigentlich erst
                  an ihrem Platze gewesen sein würde. So kannte Berndt den General. Er übersah aber
                  doch zweierlei: einmal seine stark ausgeprägte Heimatsliebe, die, wenn verletzt,
                  sich jeden Augenblick bis zu dem unserem Adel ohnehin geläufigen Satze: »Wir waren
                  vor den Hohenzollern da hinaufschrauben konnte, dann seinen Hang zu Wagnis und
                  Abenteuer überhaupt, der so groß war, daß ihm jede Konspiration angenehm und
                  einschmeichelnd und ein nach oben hin gerichteter Absetzungsversuch, weil seltener
                  und aparter, vielleicht noch anlockender als ein von oben her angeordneter
                  Unterdrückungsversuch erschien. Ohne Grundsätze und Ideale, war sein
                  hervorstechendster Zug das Spielerbedürfnis; er lebte von Aufregungen.«</p>
               <pb/>
               <p>Berndt, als er ihm alles entwickelt hatte, setzte ruhig hinzu: »Da haben Sie
                  meinen Plan, Bamme. Seine Loyalität kann bestritten werden. Wir stehen ein für das
                  Land; Gott ist mein Zeuge, auch für den König. Aber wenn wir die Waffen wider
                  seinen Willen nehmen, so kann es uns auf Hochverrat gedeutet werden. Ich bin mir
                  dessen bewußt, und ich spreche es aus.«</p>
               <p>Bamme hatte während dieser letzten Worte lächelnd an seinem weißen Schnurrbart
                  gedreht: »Es ist, wie Sie sagen, Vitzewitz. Aber was tut's! Wir müssen eben unsere
                  Haut zu Markte tragen; das ist hierlandes so der Brauch. Ich weiß genau, wie sie
                  es da oben machen, oder sagen wir lieber, wie sie es machen müssen; denn ich
                  glaube, sie haben keine Wahl. Es wird damit beginnen, daß man uns verleugnet,
                  immer wieder und wieder, immer ernsthafter, immer bedrohlicher. Aber mittlerweile
                  wird man abwarten und unser Spiel mit Aufmerksamkeit und frommen Wünschen
                  verfolgen. Glückt es, so wird man den Gewinn: ein Land und eine Krone, ohne
                  weiteres akzeptieren und uns dadurch danken, daß man uns verzeiht; mißglückt es,
                  so wird man uns über die Klinge springen lassen, um sich selber zu retten. Es kann
                  uns den Kopf kosten; aber ich für mein Teil finde den Einsatz nicht zu hoch. Ich
                  bin der Ihre, Vitzewitz.«</p>
               <p>Während so an verschiedenen Punkten des Salons über die verschiedensten Themata,
                  über die polnische Krone, Hoppenmarieken und den Volksaufstand zwischen Oder und
                  Elbe gesprochen wurde, lag die ganze Schwere des Dienstes, zugleich die ganze
                  Verantwortlichkeit für Gelingen oder Mißlingen dieses Abends auf den Schultern
                  Doktor Faulstichs. Die Gräfin, nur eine alleroberste Leitung, ein letztes Ja oder
                  Nein sich vorbehaltend, hatte alles andere mit einem leicht hingeworfenen: »Vous
                  ferez tout cela« auf den Kirch-Göritzer Doktor abgewälzt. »Was dem Ziebinger
                  Grafen recht ist, ist der Guser Gräfin billig.« Er hatte gehorchen müssen und auch
                  gern gehorcht, aber doch in Bangen. Und dieses Bangen war nur allzu
                  gerechtfertigt, übersah er die Situation, so war er eigentlich nur seiner <pb/>
                  selbst sicher, und auch das kaum. Hundert Fragen drängten auf ihn ein. Wie würde,
                  um nur eine der nächstliegenden und wichtigsten zu nennen, das Streichinstrument-
                  und Flötenquintett bestehen, das, die musikalischen Kräfte von Seelow und
                  Kirch-Göritz zusammenfassend, der Leitung des jungen Guser Kantors, eines nach
                  Tante Amelies Meinung verkannten musikalischen Genies, anvertraut worden war?
                  Würde Kathinka, wirklicher Deklamation zu geschweigen, die Prolog-Ottaverime auch
                  nur fehlerfrei und ohne Anstoß sprechen können? Würde Alceste die ganze
                  Vorstellung nicht zu sehr als Bagatelle behandeln? War Verlaß auf die
                  Dienerschaften, Männlein wie Weiblein, die mit Dekorationswechsel, Bereithaltung
                  einiger Requisiten, endlich auch mit dem Zurückziehen und Wiederfallenlassen der
                  Gardine betraut worden waren? Denn das Guser Theater hatte noch statt eines
                  rouleauartigen Vorhanges den von links und rechts her zusammenfallenden Teppich.
                  Mehr als einmal schoß dem Doktor das Blut zu Kopf und weckte die Lust in ihm, in
                  dieser zwölften Stunde noch mit einem Demissionsgesuch vor die Gräfin zu treten;
                  aber im selben Augenblicke die Unmöglichkeit solchen Schrittes einsehend, richtete
                  er sich an dem Satze auf, der in ähnlichen Lagen schon so oft geholfen hat: »Nur
                  erst anfangen.« Übrigens erwuchs ihm, als die Not am größten war, eine wesentliche
                  Hilfe aus dem plötzlichen Erscheinen der kleinen Eve. Diese hatte sich ihm kaum
                  zur Verfügung gestellt, als auch schon ein besserer Geist in die Dienerschaften
                  fuhr, die guten Grund hatten, es mit dem erklärten Liebling der Gräfin nicht zu
                  verderben.</p>
               <p>So kam neun Uhr; schon eine Stunde vorher waren Mademoiselle Alceste und Kathinka
                  aus dem Salon abgerufen worden. Jetzt trat Eve an ihre Herrin heran, um ihr
                  zuzuflüstern, daß alles bereit sei. Die Gräfin erhob sich sofort, reichte
                  Drosselstein den Arm und schritt durch das Eßzimmer in den dahintergelegenen
                  Theatersaal, der sich, ziemlich genau halbiert, in eine Bühne und einen
                  Zuschauerraum teilte. In letzterem herrschte eine nur mäßige Helle, um die
                  Gestalten auf der <pb/> Bühne in desto schärferer Beleuchtung erscheinen zu
                  lassen. Etwa zwanzig Sessel waren in zwei Reihen gestellt, in Front derselben fünf
                  hochlehnige Stühle für die Musik, in deren Mitte, den Blick auf den Vorhang
                  gerichtet und eine Notenrolle in der Hand, der als Kapellmeister funktionierende
                  Guser Kantor stand, Herr Nippler mit Namen. Auf den Polstersesseln lagen
                  Theaterzettel, die auf Veranlassung Faulstichs bei dem Buchbinder und
                  Fibelverleger P. Nottebohm in Kirch-Göritz gedruckt worden waren und jetzt,
                  nachdem alles Platz genommen hatte, sofort einem eifrigen Studium unterzogen
                  wurden. Der Zettel lautete:</p>

               <!--milestone hi_start-->
               <p>Théâtre du Château de Guse</p>
               <p>Jeudi le 31 Décembre 1812</p>
               <p>La représentation commencera à 9 heures.</p>
               <!--milestone hi_end-->

               <p>1. Ouverture exécutée sous la direction de M. Nippler, chantre de Guse, par 3
                  violons, 1 flûte et 1 basse.</p>
               <p>2. Prologue. (Melpomène.)</p>
               <p>3. Début de Mademoiselle Alceste Bonnivant.</p>
               <p>Scènes diverses, prises de Guillaume Tell. Tragédie en cinq actes par
                  Lemierre.</p>

               <l>a. Cléofé, épouse de Tell, s'adressant à son mari:</l>


               <l>Pourquoi donc affecter avec moi ce mystère,</l>
               <l>Et te cacher de moi comme d'une étrangère?</l>


               <l>b. Cléofé, s'adressant à la Garde de Gesler:</l>


               <l>Je veux voir mon époux, vous m'arrêtez en vain etc.</l>


               <l>c. Cléofé, s'adressant à Gesler:</l>


               <l>Quoi, Gesler! quand j'amène un fils en ta présence etc.</l>


               <l>d. Cléofé, s'adressant à Walther Fürst:</l>


               <l>C'etait-là le moment de soulever la Suisse.</l>
               <l>Tu l'as perdu!</l>

               <p>4. Finale composé pour 2 violons et 1 flûte par M. Nippler.</p>

               <p>
                  <l>Le Sous-Directeur Dr. Faulstich</l>


                  <l>Imprimé par P. Nottebohm,</l>
                  <l>relieur, libraire et éditeur à Kirch-Goeritz</l>


               </p>
               <p>
                  <pb/> Die Mehrzahl der Anwesenden war mit dem Studium des Zettels noch nicht bis
                  zur Hälfte gediehen, als das Zeichen mit der Klingel gegeben wurde. Nippler
                  klopfte mit der steifen Papierrolle auf das Podium, und sofort begannen die
                  Violinen ihr Werk; jetzt fiel die Flöte ein, während von Zeit zu Zeit des »Basses
                  Grundgewalt« dazwischen brummte. Nun war es zu Ende, Nippler trocknete sich die
                  Stirn, und die Gardine öffnete sich. Melpomene stand da.</p>
               <p>Ein »Ah!« ging durch die ganze Versammlung, so von Herzen, daß auch einer
                  zaghafteren Natur als der Kathinkas der Mut des Sprechens hätte kommen müssen.</p>
               <p>Ehe sie begann, fragte Rutze leise den neben ihm sitzenden Baron Pehlemann: »Was
                  stellt sie vor?«</p>
               <p>»Melpomene.«</p>
               <p>»Aber hier steht ja Prolog.«</p>
               <p>»Das ist ein und dasselbe.«</p>
               <p>»Ah, ich verstehe«, flüsterte Rutze mit einem Gesichtsausdruck, der über die
                  Wahrheit seiner Versicherung die gegründetsten Zweifel erlaubte.</p>
               <p>Kathinka trat einen Schritt vor. Sie trug ein weißes Gewand, an dem sich die
                  Drapierungskunst Demoiselle Alcestens glänzend bewährt hatte, und stemmte ein
                  hohes, grüneingebundenes Notenbuch – auf dessen beide Deckel eine Abschrift der zu
                  sprechenden Strophen aufgeklebt worden war – mit ihrer Linken gegen die Hüfte. Die
                  Rechte führte den Griffel. So sah sie einer Klio ähnlicher als einer Melpomene.
                  Ruhig, als ob die Bretter ihre Heimat wären, das Auge abwechselnd auf die
                  Versammlung und dann wieder auf das aushelfende Notenbuch gerichtet, sprach
                  sie:</p>


               <l>»Ihr kennt mich! Einst ein Götterkind der Griechen,</l>
               <l>Irr ich vertrieben jetzt von Land zu Land,</l>
               <l>Und Unkraut nur und Moos und Efeu kriechen</l>
               <l>Hin über Trümmer, wo mein Tempel stand;</l>
               <l>Ach oft in Sehnsucht droh ich hinzusiechen</l>
               <l>Nach einem dauernd-heimatlichen Strand –</l>
               <pb/>
               <l> Raststätten nur noch hat die flücht'ge Muse,</l>
               <l>Der liebsten eine hier, hier in Schloß Guse.</l>
               <l>Und fragt ihr nach dem Lose meiner Schwestern?</l>
               <l>Die meisten bangen um ihr täglich Brot,</l>
               <l>Thalia spielt in Schenken und in Nestern,</l>
               <l>Und gar Terpsichore, sie tanzt sich tot:</l>
               <l>So schritt ich einsam, als sich mir seit gestern</l>
               <l>In meinem Liebling der Gefährte bot,</l>
               <l>Ihr kennt ihn, und herzu zu diesem Feste</l>
               <l>Bring ich das beste, was ich hab: Alceste.«</l>


               <p>Hier unterbrach sie sich einen Augenblick, wandte mit vieler Unbefangenheit das
                  Notenbuch um, so daß der Rückdeckel, auf dem die Schloßstrophe stand, nach oben
                  kam, und fuhr dann fort:</p>


               <l>»Sie wünscht euch zu gefallen. Ob's gelinget,</l>
               <l>Entscheidet ihr; die Huld macht stark und schwach;</l>
               <l>Und wenn ihr Wort euch fremd im Ohre klinget,</l>
               <l>Dem Fremden eben gönnt ein gastlich Dach.</l>
               <l>Empfanget sie, als ob ihr mich empfinget,</l>
               <l>Ihr Vitzewitze, Drosselstein und Krach,</l>
               <l>Mein Sendling ist sie, wollt ihm Beifall spenden,</l>
               <l>›Ich habe keinen zweiten zu versenden.‹«</l>


               <p>Die Gardine fiel. Lebhafter Beifall wurde laut, am lautesten von seiten Rutzes,
                  der einmal über das andere versicherte, daß er nun völlig klarsehe und Faulstich
                  bewundere, der dies wieder so fein eingefädelt habe. Der einzige, der bei dem
                  kleinen Triumphe Kathinkas in Schweigen verharrte, war Lewin. Die Sicherheit, mit
                  der sie die nur flüchtig gelernten Strophen vorgetragen hatte, hatte ihn inmitten
                  seiner Bewunderung auch wieder bedrückt. »Sie kann alles, was sie will«, sagte er
                  zu sich selbst; »wird sie immer wollen, was sie soll?«</p>
               <p>In dem Reichbeanlagten ihrer Natur, in dem Übermut, der ihr <pb/> daraus erwuchs,
                  empfand er in schmerzlicher Vorausahnung, was sie früher oder später voneinander
                  scheiden würde.</p>
               <p>Die Pause war um, die Violinen intonierten leise, nur um anzudeuten, daß die
                  nächste Nummer im Anzuge sei. Aller Blicke richteten sich auf den Zettel: »Scènes
                  prises de Guillaume Tell. Erste Szene: Cléofé, épouse de Tell, s'adressant à son
                  mari.« Im selben Augenblicke öffnete sich die Gardine. Eine
                  Hintergrundsdekoration, die Berg und See darstellte, hatte sich jetzt vor den
                  griechischen Tempel geschoben, das Kuhhorn erklang, und dazwischen läuteten die
                  Glocken einer Herde. So verändert war die Szene; aber veränderter war das Bild,
                  das innerhalb derselben erschien. An die Stelle der jugendlichen Gestalt in Weiß
                  trat eine alte Dame in Schwarz: Mademoiselle Alceste, die die Kostümfrage mit
                  äußerster Geringschätzung behandelt und, das schwarze Seidenkleid (ihr eines und
                  alles)! beibehaltend, sich damit begnügt hatte, durch einen langen Hirtenstab und
                  einen den Guseschen Gewächshäusern entnommenen Rhododendronstrauß das
                  Schweizerisch-Nationale, durch ein Barett mit blinkender Agraffe aber den Stil der
                  großen Tragödie herzustellen. Das »Ah!« der Bewunderung, das Kathinka empfangen
                  hatte, blieb ihr gegenüber aus, aber sie achtete dessen nicht, aus langer
                  Erfahrung wissend, daß der Ausgang entscheide, und dieses Ausgangs war sie
                  sicher.</p>
               <p>Sie sprach nun, jedes falsche Echauffement vermeidend, erst die den Gatten um
                  Mitteilung seines Geheimnisses beschwörenden Worte: »Pourquoi donc affecter avec
                  moi ce mystère?«, dann in rascher Reihenfolge die nur kurzen Sentenzen, die sich
                  abwechselnd an die Geßlerschen Knechte und zuletzt an Geßler selbst richteten. In
                  jedem Worte verriet sich die gute Schule, und bei Schluß dieser dritten Szene
                  durfte sie sich ohne Eitelkeit gestehen, daß sie »ihr Publikum in der Hand
                  habe«.</p>
               <p>Aber die vierte Szene: »Cléofé s'adressant à Walther Fürst«, stand noch aus. Tante
                  Amelie, die das Stück in allen seinen Einzelheiten kannte, versprach sich gerade
                  von diesen Zornesalexandrinern einen allerhöchsten Effekt und äußerte sich <pb/>
                  eben in diesem Sinne gegen Drosselstein, als die Regisseurklingel hinter dem
                  Vorhang den Fortgang des Spieles anzeigte.</p>
               <p>Aber wer beschreibt das Staunen aller, zumeist der Gräfin selbst, als jetzt, bei
                  dem Sichwiederöffnen der Gardine, statt Cléofés ein verwandtes und doch wiederum
                  wesentlich verändertes Bild auf sie niederblickte. Was bedeutete diese neue
                  Gestalt? Nur einen Augenblick schwebte die Frage. Der Hirtenstab, der
                  Rhododendronstrauß, das Barett mit der Agraffe waren abgetan, und ein kurzer Rock
                  mit grünem Kragen, der wenigstens die obere Hälfte des schwarzen Seidenkleides
                  verdeckte, ließ keinen Zweifel darüber, daß die trotzig auf dem Felsen stehende
                  Jägergestalt niemand Geringeres sein sollte als Wilhelm Tell selbst. Mit der
                  Spitze seiner Armbrust wies er auf den eben getroffenen Geßler. Und in deutscher
                  Sprache, verwunderlich, aber nicht störend akzentuiert, sprach Alceste, die dieser
                  von Faulstich geplanten Überraschung mit großer Bereitwilligkeit zugestimmt hatte,
                  die Schlußworte des Dramas, die, hier und dort über das Schweizerische
                  hinausgehend, als ein allgemeiner Hymnus auf die Befreiung der Völker gedeutet
                  werden konnten:</p>


               <l>»Tot der Tyrann! Er schändet uns nicht mehr,</l>
               <l>Bedrückte Brüder, Freunde, tretet her,</l>
               <l>Von seinem Schlosse, das in Flammen steht,</l>
               <l>Der Feuerschein wie eine Fahne weht,</l>
               <l>Verkündigend: es fiel die Tyrannei,</l>
               <l>Geßler ist tot, und unser Land ist frei.«</l>


               <p>Bei diesen Worten stieg Demoiselle Alceste die Felsenstufen hinunter, und dicht an
                  den Rand des Podiums tretend, fuhr sie mit gehobener Stimme fort:</p>


               <l>»Und denkt der Feind an einen Rachezug,</l>
               <l>Ihn zu vernichten sind wir stark genug;</l>
               <l>Er komme nur, Soldaten sind wir all,</l>
               <l>Es schirmt uns unsrer Berge hoher Wall,</l>
               <pb/>
               <l>Und dringt er doch in unsre tiefste Schlucht,</l>
               <l>Die keinen Ausgang kennt und keine Flucht,</l>
               <l>Dann über ihn mit Fels und Block und Stein,</l>
               <l>In der Verwirrung wir dann hinterdrein,</l>
               <l>Mit Sens' und Sichel und mit Schwert und Speer:</l>
               <l>›Ergib dich, Feind, du rettest dich nicht mehr!‹</l>
               <l>So fällt sein Helmbusch, seines Stolzes Zier,</l>
               <l>Denn stärker war die Freiheit, waren wir.«</l>


               <p>Ein Beifallssturm, der alle Triumphe Kathinkas verschwinden machte, brach jetzt
                  los, und: »Demoiselle Alceste« klang es, erst gemurmelt, dann immer lauter. Nach
                  Innehaltung der den Applaus steigernden Pause erschien die Gerufene, sich
                  würdevoll verneigend, und da weder für Kränze noch Bouquets gesorgt worden war,
                  trat Tante Amelie selbst an das Podium und reichte ihr zum Zeichen ihres Dankes
                  auf die Bühne hinauf ihre Hand. Gleich darauf intonierte Nippler ein kurzes, von
                  ihm selbst gesetztes Finale, unter dessen Klängen die Gäste sich erhoben, um in
                  den Fronträumen das Souper zu nehmen.</p>
               <p>Hier war inzwischen an kleinen Tischen gedeckt worden, an denen nun, nach dem
                  baldigen Erscheinen derer, die die Mühen des Tages recht eigentlich bestritten
                  hatten, wie Wahl oder- Zufall es fügten, Platz genommen wurde. Auch Nippler war
                  geladen worden. Bamme, der eine Vorliebe für Ausnahmegestalten hatte, nahm ihn in
                  besondere Affektion, ihm einmal über das andere versichernd: »Das sei doch einmal
                  eine Musik gewesen. Besonders die Flöte.«</p>
               <p>Der Haupttisch, auf dem sechs Couverts gelegt waren, stand in dem Spiegelzimmer.
                  Hier saßen unmittelbar neben der Gräfin Mademoiselle Alceste und Kathinka, den
                  Damen gegenüber aber Drosselstein, Berndt und Baron Pehlemann, der auf dem Gebiete
                  französischer Literatur nicht ganz ohne Ansprüche war und die »Henriade« in
                  Übersetzung, den »Charles Douze« sogar im Original gelesen hatte. Tubal und Lewin,
                  als Anverwandte <pb/> des Hauses, machten die Honneurs in dem blauen Salon; einige
                  der Herren hatten sich in das Billardzimmer zurückgezogen, unter ihnen Medewitz,
                  dessen etwas fistulierende Stimme von Zeit zu Zeit an dem Tische der Gräfin hörbar
                  wurde.</p>
               <p>Es war dies derselbe auf vier runden Säulen ruhende Marmortisch, an dem bei
                  Gelegenheit des Weihnachtsdiners der Kaffee genommen und schließlich in
                  Veranlassung der alten Streitfrage »Roi Frédéric oder Prince Henri« eine ziemlich
                  pikierte Debatte zwischen dem alten Vitzewitz und seiner Schwester, der Gräfin,
                  geführt worden war. Auch heute sollte diesem Tisch eine geschwisterliche Fehde
                  nicht fehlen.</p>
               <p>Aber diese Fehde stand noch in weiter Ferne und war nur der Abschluß einer sich
                  lang ausspinnenden Konversation, die zunächst nur das »vollendete Spiel«
                  Mademoiselle Alcestes und erst nach Erschöpfung aller erdenkbaren
                  Verbindlichkeiten auch das Stück selbst zum Gegenstand hatte.</p>
               <p>Die Gräfin, die mit vieler Geschicklichkeit diesen Übergang machte, wußte dabei
                  wohl, was sie tat. Sie war die einzige, die die Tragödie gelesen, zugleich auch
                  mit Hilfe einer vorgedruckten Biographie sich über die Lebensumstände Lemierres
                  unterrichtet hatte, so daß sie sich in der angenehmen Lage sah, den in Sachen
                  französischer Literatur mit ihr rivalisierenden Drosselstein in die zweite Stelle
                  herabdrücken und überhaupt nach allen Seiten hin brillieren zu können. Am meisten
                  vor Demoiselle Alceste selbst, die, als echtes Bühnenkind, sich mit dem
                  Auswendiglernen ihrer Rolle begnügt und nicht die geringste Veranlassung gefühlt
                  hatte, sich in Vor- und Nachwort oder gar in Anmerkungen und literarhistorische
                  Notizen zu vertiefen.</p>
               <p>Es war ein anmutiges Lebensbild, das die Gräfin, indem sie Fragen von links und
                  rechts her hervorzulocken wußte, nach und nach vor ihren Zuhörern entrollte, unter
                  denen selbst Berndt, weil es menschlich schöne Züge waren, die zu ihm sprachen,
                  ein ungeheucheltes Interesse zeigte. Lemierre, nach Poetenart, war immer ein
                  halbes Kind geblieben. Anspruchslos,<pb/> hatte sein Leben nur drei Dingen
                  angehört: der Dichtung, der Entbehrung und der Pietät. Er war schon sechzig, als
                  er zu Ruhm kam, aber auch dieser Ruhm ließ ihn ohne Mittel und Vermögen. Es waren
                  kleine Summen, die die Aufführungen seiner Stücke ihm eintrugen; empfing er sie,
                  so machte er sich auf den Weg nach Villiers le Bel, wo seine beinahe
                  achtzigjährige Mutter lebte. Er teilte mit ihr, plauderte ihr seine Hoffnungen vor
                  und kehrte dann, wie er den Hinweg zu Fuß gemacht hatte, so auch zu Fuß in die
                  Hauptstadt und an seine Arbeit zurück.</p>
               <p>Wie so viele Tragödienschreiber war er heiteren Gemütes, und seine Scherze, seine
                  Anekdoten, seine Gelegenheitsverse belebten die Gesellschaft. So arm er war, so
                  gütig war er; selbst neidlos, weckte er keinen Neid. Ein Nervenleiden, das ihn
                  schon monatelang vor seinem Tode befallen hatte, schloß ihm die Sinne. So starb er
                  im Juli 1793, inmitten der Tage der Schreckensherrschaft, die er noch erlebt, aber
                  nicht mehr mit Augen gesehen hatte.</p>
               <p>So etwa waren im Zusammenhange die Notizen, die die Gräfin vereinzelt gab. Sie
                  wiegte sich in dem Bewußtsein ihrer Überlegenheit und wurde deshalb wenig angenehm
                  überrascht, als Drosselstein, den Namen Lemierres einige Male wiederholend, wie
                  wenn er sich auf etwas Halbvergessenes besinne, mit einem leisen Anfluge von
                  Sarkasmus sagte: »Ja, es kann nur Lemierre gewesen sein; gnädigste Gräfin
                  entsinnen sich gewiß des Bonmots, das bei Gelegenheit der zweiten Aufführung des
                  ›Guillaume Tell‹ gemacht wurde? Ich fand es in den ›Anecdotes dramatiques‹.«</p>
               <p>Die Miene, mit der Tante Amelie die Frage begleitete, ließ keinen Zweifel über die
                  Antwort, so daß Drosselstein, um ihr die Verlegenheit eines »Nein« zu ersparen,
                  ohne jede Pause fortfuhr: »Schon bei dieser zweiten Aufführung, trotzdem das Stück
                  enthusiastisch aufgenommen worden war, war das Theater leer, und nur etwa hundert
                  Schweizer hatten sich aus Patriotismus eingefunden. Einer von den anwesenden
                  Franzosen bemerkte diese seltsame Zusammensetzung des Publikums <pb/> und
                  flüsterte seinem Nachbar zu: ›Sonst heißt es: kein Geld, keine Schweizer; hier
                  würd es heißen müssen: keine Schweizer, kein Geld.‹«</p>
               <p>Die Gräfin war selbst witzig genug, um unter dem Einfluß einer gut pointierten
                  Wendung ihrer Verstimmung Herr zu werden, und bald wieder auf dem Vollklang
                  Lemierrescher Tragödientitel, auf »Idomeneus« und »Artaxerxes«, sich wiegend,
                  steigerte sie sich in ihrem Enthusiasmus bis zu der Behauptung, daß sich die
                  Überlegenheit des französischen Geistes in nichts so sehr ausspräche als in der
                  Tatsache, daß selbst Erscheinungen zweiten Ranges dem überlegen seien, was
                  innerhalb der deutschen Literatur als ersten Ranges angesehen würde.</p>
               <p>Berndt, der ahnen mochte, auf was die Gräfin hinauswollte, horchte auf und
                  bemerkte ruhig: »Könntest du Beispiele geben?«</p>
               <p>»Gewiß; und ich nehme das, das uns am bequemsten liegt, eben diesen ›Guillaume
                  Tell‹, dem wir mit Hilfe unseres verehrten Gastes«, und hierbei machte sie eine
                  verbindliche Handbewegung gegen Mademoiselle Alceste, »eine so schöne Stunde
                  verdanken. Lemierre n'est qu'un auteur de second rang. Aber wie überlegen ist sein
                  ›Guillaume Tell‹ dem ›Wilhelm Tell‹ des Herrn Schiller, ein Stück, in dem mehr
                  Personen auftreten, als die vier Waldstätte Einwohner haben. Und dazu ein
                  beständiger Szenenwechsel; ein Lied wird gesungen, und ein Mondregenbogen spannt
                  sich aus; alles opernhaft. Zuletzt erscheint Geßler zu Pferde...«</p>
               <p>»... und der Souffleur gerät in Gefahr, wie Max Piccolomini unterm Hufschlag
                  zugrunde zu gehen. Nicht wahr, Schwester?«</p>
               <p>»Ich akzeptiere deine Worte und überhöre den Spott, der sich nach deiner Art mehr
                  gegen mich als gegen den Dichter richtet. Er kann übrigens meiner Zustimmung
                  entbehren; der Weimaraner Herzog hat ihn nobilitiert.«</p>
               <p>»Das hat er. Hast du denn aber je den Schillerschen ›Tell‹ mit Aufmerksamkeit
                  gelesen?«</p>
               <p>
                  <pb/> »Ich hab es wenigstens versucht.«</p>
               <p>»Da bist du mir in unserem Streit um einen Pas voraus, denn ich darf mich
                  meinerseits nicht rühmen, auch nur einen Versuch zur Lektüre Lemierres gemacht zu
                  haben. Aber eines ist sicher, er kam und ging. Sie mögen ihm, was ich nicht weiß,
                  einen Sitz in der Akademie gegeben, ihm Kränze geflochten, ihm in irgendeinem
                  Ehrensaal ein Bild oder eine Büste errichtet haben, es bleibt doch bestehen, was
                  ich sagte: er kam und ging. Er hat keine Spur hinterlassen.«</p>
               <p>»Und doch folgten wir vor einer Stunde erst eben diesen Spuren und waren
                  hingerissen durch die Schönheit seiner Worte.«</p>
               <p>»Seiner Worte, ja; aber nicht durch mehr. Er mag das Herz seiner Nation berührt
                  haben, aber er hat es nicht getroffen. Nach solchen Balsam- und Trostesworten, wie
                  sie der Schillersche Tell hat:</p>


               <l>Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden,</l>
               <l>Greift er getrosten Mutes in den Himmel</l>
               <l>Und holt herunter seine ew'gen Rechte,</l>


               <p>wirst du den Tell deines Lemierre, dessen bin ich sicher, vergeblich durchsuchen.
                  Ich wüßte sonst davon. Dieser ›Herr Schiller‹, wie du ihn nennst, ist eben kein
                  Tabulaturdichter, er ist der Dichter seines Volkes, doppelt jetzt, wo dies arme
                  niedergetretene Volk nach Erlösung ringt. Aber verzeih, Schwester, du weißt nichts
                  von Volk und Vaterland, du kennst nur Hof und Gesellschaft, und dein Herz, wenn du
                  dich recht befragst, ist bei dem Feinde.«</p>
               <p>»Nicht bei dem Feinde, aber bei dem, was er vor uns voraushat.«</p>
               <p>»Und das ist in deinen Augen nicht mehr und nicht weniger als alles. Ich sehe
                  seine Vorzüge, wie du sie siehst, aber das ist der Unterschied zwischen dir und
                  mir, daß du von keiner Ausnahme wissen willst und der im ganzen zugestandenen
                  Überlegenheit auch in jedem Einzelfalle zu begegnen glaubst. Erinnere dich, es
                  gibt Fruchtbäume, die nur spärlich tragen; vielleicht <pb/> ist Deutschland ein
                  solcher. Und wenn denn durchaus gescholten werden soll, so schilt den Baum, aber
                  nicht die einzelne Frucht. Diese pflegt um so schöner zu sein, je seltener sie
                  ist. Und eine solche seltene Frucht ist unser ›Tell‹.«</p>
               <p>Während dieses Streites hatte sich aus dem Salon und dem Billardzimmer her ein
                  rasch wachsender Kreis von Zuhörern um Vitzewitz gebildet, welcher erst, als er
                  schwieg, das Peinliche der Situation empfand; nicht seiner ihn stets
                  herausfordernden Schwester, wohl aber Mademoiselle Alceste gegenüber. Er trat
                  deshalb auf diese zu, küßte ihr die Hand und sagte: »Pardon, Madame, wenn ich
                  durch eines meiner Worte Sie verletzt haben sollte. Ich fühle, was wir einem
                  fremden Gaste, aber zugleich auch, was wir unserem Vaterlande schuldig sind. Sie
                  sind Französin; ich frage Sie, was Sie an irgendeiner Stelle Frankreichs bei
                  Unterordnung Ihres Corneille unter einen fremden Poeten zweiten Ranges empfunden
                  haben würden! Ich täusche mich nicht in Ihnen, Sie hätten gesprochen nach Ihrem
                  Herzen, nicht nach der Forderung gesellschaftlicher Konvention. Madame, ich rechne
                  auf Ihre Verzeihung.«</p>
               <p>Mademoiselle Alceste erhob sich mit einer Würde, als ob ihr mindestens eine
                  Corneilleszene zu spielen auferlegt worden sei, und sagte: »Monsieur le Baron,
                  vous avez raison, et je suis heureuse de faire la connaissance d'un vrai
                  gentilhomme. J'aime beaucoup la France, mais j'aime plus les hommes de bon cœur
                  partout où je les trouve.« Dann, sich respektvoll vor der Gräfin verneigend, fuhr
                  sie, gegen diese gewandt, fort: »Mille pardons, Madame la Comtesse, mais, sans
                  doute, vous vous rappelez la maxime favorite de notre cher prince: la vérité c'est
                  la meilleure politique.«</p>
               <p>Die Gräfin reichte der alten Französin die Hand und lächelte gezwungen. Den Blick
                  des Bruders vermied sie. Sie konnte Szenen wie diese vergessen, aber nicht
                  sogleich. Der Augenblick behauptete sein Recht über sie. –</p>
               <p>Es war elf Uhr vorüber. Das Gespräch, das schon zu lange literarisch geführt
                  worden war, wandte sich jetzt den alleräußerlichsten Erörterungen zu und drehte
                  sich um die Frage: <pb/> wann der Wagen oder Schlitten vorfahren, wer aufbrechen
                  oder bleiben solle. Gegen Tubals und Kathinkas Abreise wurde seitens der Gräfin
                  ein entschiedenes Veto eingelegt, dem sich die Geschwister unschwer fügten. Sie
                  willigten ein, zu bleiben, mit ihnen Doktor Faulstich und Mademoiselle Alceste.
                  Kathinka verließ gleich darauf das Zimmer, angeblich, um ihren Koffer- und
                  Etuischlüssel an Eva zu geben, in Wahrheit, um mit dieser zu plaudern. Denn sie
                  war auch darin ganz Dame von Welt, daß ihr Kammermädchengeschwätz sehr viel und
                  Professorenuntersuchung sehr wenig bedeutete.</p>
               <p>In immer flüchtiger werdenden Fragen und Antworten setzte sich mittlerweile die
                  Konversation fort, in die selbst einige Bammesche Drastika kein rechtes Leben mehr
                  bringen konnten. Endlich schlug es zwölf; Berndt öffnete eines der Flügelfenster,
                  um das alte Jahr hinaus-, das neue hereinzulassen, und rief, während die frische
                  Luft einströmte:</p>
               <p>»Ich grüße dich, neues Jahr; oft hab ich dich kommen sehen, aber nie wie zu dieser
                  Stunde. Es überrieselt mich süß und schmerzlich, und ich weiß nicht, ob es Hoffen
                  ist oder Bangen. Wir haben nicht Wünsche, wir haben nur einen Wunsch: Seien wir
                  frei, wenn du wieder scheidest!«</p>
               <p>Die Gläser klangen zusammen, auch das Mademoiselle Alcestes. Sie teilte ihre
                  patriotischen Empfindungen zwischen ancien régime und Republik; gegen den Kaiser,
                  der ihr ein Fremder, ein Korse war, unterhielt sie einen ehrlichen Haß. So war
                  denn nichts in ihrem Herzen, das dem unglücklichen Lande, in dem sie so viele
                  glückliche Jahre gelebt hatte, die Rückkehr zu Freiheit und Machtstellung hätte
                  mißgönnen können.</p>
               <p>Die Aufregung, die der kurze Toast geweckt hatte, dauerte noch fort, als Kathinka
                  wieder in den Saal trat.</p>
               <p>»Wir haben Blei gegossen«, sagte sie lachend und legte einen blanken Klumpen, auf
                  dem eine Moosgirlande sichtbar war, vor die Tante nieder. »Eva meint, daß es ein
                  Brautkranz sei.«</p>
               <p>Alle waren einig, daß Eva richtig gesehen und sehr wahrscheinlich noch richtiger
                  prophezeit habe. So ging das gegossene <pb/> Blei von Hand zu Hand. Es kam zuletzt
                  auch an Lewin, auf den es bei seiner Befangenheit in abergläubischen Anschauungen
                  einen Eindruck machte, daß der Kranz nicht geschlossen war.</p>
               <p>Die Diener traten ein, um zu melden, daß die Wagen und Schlitten warteten. Berndt
                  empfahl sich zuerst; dann folgten die anderen Gäste, meist paarweise oder mehr.
                  Mit Drosselstein war der lebusische Landrat; sie hatten denselben Weg.</p>
               <p>Nur Lewin fuhr allein. Aus den ersten Dörfern scholl ihm noch Musik entgegen;
                  dazwischen Schüsse, die das neue Jahr begrüßten. Dann wurd es still, und nur das
                  Bellen eines Hundes klang von Zeit zu Zeit aus der Ferne her. Sein Schlitten
                  schaufelte, wo die Fahrstraße schlecht war, nach rechts und links hin den Schnee
                  zusammen; er selber aber hing träumerisch den Bildern dieses Tages nach.</p>
               <p>Auf dem Polstersitze saß wieder Kathinka; »nun ist es Zeit, Lewin, an unsere
                  Lektion zu denken«, und er beugte sich vor, daß ihre Wangen einander berührten,
                  und begann ihr die Verse vorzusprechen. Dann sah er sie auf der Bühne stehen,
                  ruhig, ihres Erfolges sicher, und es war ihm, als vernähme er den Wohllaut ihrer
                  Stimme. »Wie schön sie war!« Ein leidenschaftliches Verlangen ergriff ihn, ihr zu
                  Füßen zu stürzen und ihr seine Liebe, die sie verspottete, weil er nicht den Mut
                  eines Geständnisses hatte, unter tausend Schwüren und Küssen zu bekennen; aber er
                  schüttelte den Kopf, denn er fühlte wohl, daß es umsonst sei und daß er sie nie
                  besitzen werde.</p>
               <p>Die Sterne flimmerten immer heller; er sah hinauf, und in seiner Seele klangen
                  plötzlich wieder die Worte jener Bohlsdorfer Grabsteininschrift: »Und kann auf
                  Sternen gehen.«</p>
               <p>Da fiel alles Verlangen von ihm ab. Er sah noch das Bild Kathinkas, aber es
                  verdämmerte mehr und mehr, und der Friede des Gemütes kam über ihn, als er jetzt
                  einsam über die breite Schneefläche des Bruches hinflog.</p>
               <pb/>
            </div>
         </div>
         <div type="group">
            <head>Dritter Band</head>
            <div type="chapter">
               <head>Erstes Kapitel</head>
               <head>Im Johanniter-Palais</head>
               <p>Der alte Vitzewitz war bald nach sechs Uhr früh in Berlin eingetroffen und in der
                  Burgstraße, nur hundert Schritt von der Langenbrücke, in dem dazumal angesehenen
                  Gasthofe »Zum König von Portugal« abgestiegen. Er gab einige Weisungen an Krist,
                  die sich auf den »Grünen Baum«, wo, wie herkömmlich, das Gespann untergebracht
                  werden sollte, bezogen, und beschloß dann, in zwei Stunden Morgenschlaf alles, was
                  er in der Nacht versäumt haben mochte, nachzuholen. Viel war es nicht, denn er
                  gehörte zu den Glücklichen, denen, wenn die Müdigkeit kommt, Bett oder Brett
                  dasselbe gilt.</p>
               <p>Um neun Uhr, er hatte die zwei Stunden pünktlich gehalten, saß er frisch bei
                  seinem Frühstück. Die Stutzuhr tickte, das Feuer im Ofen prasselte, die Eisblumen
                  schmolzen, alles atmete Behagen; Berndt trat an das Fenster und sah geradeaus über
                  den Fluß hin, auf die gotischen, im hellen Morgenschein erglänzenden Giebel des
                  hier noch mittelalterlich gebliebenen Schlosses.</p>
               <p>»Das kann nicht über Nacht verschwinden«, sprach er vor sich hin und begann dann,
                  aus der Fensternische zurücktretend, sich mit militärischer Raschheit anzukleiden.
                  Er wählte statt seiner neumärkischen Dragoneruniform, die sich für die Mehrzahl
                  der Visiten, die er vorhatte, wohl am besten geeignet hätte, den roten Frackrock
                  der kurbrandenburgischen Ritterschaft und war eben mit seiner Toilette fertig, als
                  ein eintretender Diener meldete, daß Geheimrat von Ladalinski vorgefahren sei.
                  Berndt nahm Hut und Handschuh, drehte den Schlüssel im Schloß und saß eine Minute
                  später an der Seite <pb/> des Geheimrats, mit dem er sich brieflich zu
                  gemeinschaftlicher Abmachung einiger Neujahrsgratulationen verabredet hatte.</p>
               <p>Der Geheimrat war in Gala. Sie begrüßten sich herzlich, verzichteten aber auf ein
                  eigentliches Gespräch, da der ihnen zunächstliegende Zweck ihre Aufmerksamkeit in
                  Anspruch nahm.</p>
               <p>Nur die Namen einzelner Minister und Gesandten wurden genannt, bei denen Karten
                  abzugeben waren, bis endlich der Wagen auf die Rampe des an der Ecke des
                  Wilhelmsplatzes gelegenen Johanniterordens-Palais rollte.</p>
               <p>In diesem Palais wohnte der Herrenmeister des Ordens, der alte Prinz Ferdinand, zu
                  dem Geheimrat von Ladalinski seit einer Reihe von Jahren beinahe freundschaftliche
                  Beziehungen unterhielt, während Berndt von Vitzewitz, der ihn nur oberflächlich
                  kannte, lediglich den Bruder Friedrichs des Großen in ihm verehrte. Hierin
                  begegneten sich damals viele Herzen, und dem zweiundachtzigjährigen Prinzen wurden
                  Huldigungen zuteil, die bis dahin seinem langen und immerhin ereignisreichen Leben
                  versagt geblieben waren. Er hatte die »große Zeit« mit gesehen und mit
                  durchgekämpft; das gab ihm in diesen Tagen der Erniedrigung ein Ansehen über seine
                  sonstige Bedeutung hinaus, und manche Hoffnung richtete sich an ihm auf. Auch
                  konnt es nicht ausbleiben, daß ihm der Heldentod seines ältesten Sohnes zu Dank
                  und Mitruhm angerechnet wurde. Dieser älteste Sohn war der in Liedern
                  vielgefeierte Prinz Louis, der, die hereinbrechende Katastrophe voraussehend, am
                  Tage vor der Jenaer Schlacht bei Saalfeld gefallen war.</p>
               <p>Der alte Prinz, als ihm die beiden Herren gemeldet wurden, war bereit, dieselben
                  zu empfangen, und ließ sie bitten, ihn in seinem Arbeitszimmer erwarten zu wollen.
                  Als sie dasselbe betraten, wurden die Rollen zwischen ihnen dahin verteilt, daß
                  Berndt so weit wie möglich die Konversation führen, der Geheimrat aber nur
                  gelegentlich sekundieren solle.</p>
               <p>Das prinzliche Arbeitszimmer schloß die Front des Hauses nach links hin ab und sah
                  mit zweien seiner Fenster bereits auf die Wilhelmsstraße. Es war von größerer
                  Behaglichkeit, als <pb/> sonst prinzliche Zimmer zu sein pflegen. Dicke türkische
                  Teppiche, halb zugezogene Damastgardinen, Portieren und Lambrequins verliehen dem
                  nicht großen Raume das, was er bei vier Fenstern und zwei Türen eigentlich nicht
                  haben konnte: Ruhe und Geschlossenheit, und das Feuer im Kamin, indem es zugleich
                  Licht und Wärme ausströmte, steigerte den wohligen und anheimelnden Eindruck. An
                  den Fensterpfeilern befanden sich niedrige Bücherschränke und Etageren, so daß
                  Raum blieb für Büsten und Bilder, darunter als bestes ein Landschaftsbild mit
                  Architektur, Schloß Friedrichsfelde, den Sommeraufenthalt des Prinzen,
                  darstellend. Sein eigenes lebensgroßes Porträt, von der Hand Graffs, hing über dem
                  Kamin. Daneben zog sich ein breites Sofa ohne Lehne bis an die nächste
                  Türeinfassung, während ein runder, mit einer alabasternen Blumenschale
                  geschmückter Tisch in den durch das Sofa gebildeten rechten Winkel hineingeschoben
                  war.</p>
               <p>Berndt, der sich zum ersten Male an dieser Stelle sah, hatte seine Musterung kaum
                  geschlossen, als der Prinz, die Portiere der zu seinem Schlafzimmer führenden Türe
                  zurückschlagend, früher eintrat, als erwartet war, und, die Verbeugung beider
                  Herren mit freundlichem Gruß erwidernd, durch eine Handbewegung sie aufforderte,
                  auf dem Sofa Platz zu nehmen. Er selber stellte sich mit dem Rücken gegen den
                  Kamin, die Hände nach hinten zu gefaltet und ersichtlich bemüht, soviel Wärme wie
                  möglich mit ihnen einzufangen. In diesem Bedürfnis verriet sich sein hohes Alter;
                  sonst ließ weder seine Haltung noch der Ausdruck seines Kopfes einen
                  Zweiundachtziger vermuten. Berndt erkannte gleich das Eigentümliche dieses Kopfes,
                  das ihm in einer seltsamen Mischung von Anspruchslosigkeit und Selbstbewußtsein zu
                  liegen schien. Und so war es in der Tat. Von Natur unbedeutend, auch sein
                  lebelang, zumal an seinen Brüdern gemessen, sich dieser Unbedeutendheit bewußt,
                  durchdrang ihn doch das Gefühl von der hohen Mission seines Hauses und gab ihm
                  eine Majestät, die, wenn er (was er zu tun liebte) die Stirn runzelte, sich bis zu
                  dem Ausdruck eines donnernden Jupiters steigern konnte. Eine mächtige römische
                  Nase <pb/> kam ihm dabei zustatten. Wer aber schärfer zusah, dem konnte nicht
                  entgehen, daß er, im stillen lächelnd, den Donnerer bloß tragierte und allen
                  ablehnenden Stolz, den er gelegentlich zeigen zu müssen glaubte, nur nach Art
                  einer Familienpflicht erfüllte.</p>
               <p>»Sie kommen, mir Ihre Glückwünsche zum neuen Jahre auszusprechen«, hob er an. »Ich
                  danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit um so mehr, je gewisser es das Los des Alters
                  ist, vergessen zu werden. Die Zeitläufte weisen freilich auf mich hin.« Er schwieg
                  einen Augenblick und setzte dann, einen Gedankengang abschließend, dessen erste
                  Glieder er nicht aussprach, mit Würde hinzu: »Ich wollte, daß ich dem Lande mehr
                  sein könnte als eine bloße Erinnerung.«</p>
               <p>»Eure Königliche Hoheit sind dem Lande ein Vorbild«, antwortete Ladalinski.</p>
               <p>»Ich bezweifle es fast, mein lieber Geheimrat. Wenn ich meinem Lande je etwas war,
                  so war es durch Gehorsam. Nie hab ich, im Krieg oder Frieden, die Pläne meines
                  Bruders, des Königs, durchkreuzt; ich habe nicht einmal den Wunsch darnach
                  empfunden. Das ist jetzt anders. Der Gehorsam ist aus der Welt gegangen, und das
                  Besserwissen ist an die Stelle getreten, selbst in der Armee. Ich frage Sie, wäre
                  bei Lebzeiten meines erhabenen Bruders der Austritt von dreihundert Offizieren
                  möglich oder auch nur denkbar gewesen, ein offener Protest gegen die Politik ihres
                  Kriegs- und Landesherrn? Ein Geist der Unbotmäßigkeit spukt in den Köpfen, zu dem
                  ich alles, nur kein Vorbild bin.« Der alte Vitzewitz, wiewohl er sicher war, daß
                  der Prinz von seinen Plänen nichts wußte, nichts wissen konnte, hatte sich bei
                  diesen Sätzen, deren jeder einzelne ihn traf, nichtsdestoweniger verfärbt.</p>
               <p>»Eure Königliche Hoheit«, nahm er das Wort, »wollen zu Gnaden halten, wenn ich die
                  Erscheinungen dieser Zeit anders auffasse und nach einer anderen Ursache für
                  dieselben suche. Auch der große König hat Widerspruch erfahren und hingenommen.
                  Wenn solcher Widerspruch selten war, so war es, weil sich Fürst und Volk einig
                  wußten. Und in der bittersten<pb/> Not am einigsten. Jetzt aber ist ein Bruch da;
                  es fehlt der gleiche Schlag der Herzen, ohne den selbst der große König den
                  opferreichsten aller Kriege nicht geführt haben würde, und die Maßregeln unserer
                  gegenwärtigen Regierung, indem sie das Urteil des Volkes mißachten, impfen ihm den
                  Ungehorsam ein. Das Volk widerstreitet nicht, weil es will, sondern weil es
                  muß.«</p>
               <p>»Ich anerkenne den Widerstreit der Meinungen. Aber ich stelle mich persönlich auf
                  die Seite der größeren Erfahrung und des besseren Wissens. Und wo dieses bessere
                  Wissen zu suchen und zu finden ist, darüber kann kein Zweifel sein. Sie müssen der
                  Weisheit meines Großneffen, meines allergnädigsten Königs und Herrn,
                  vertrauen.«</p>
               <p>»Wir vertrauen Seiner Majestät...«</p>
               <p>»Aber nicht dem Grafen, seinem ersten Minister.«</p>
               <p>»Eure Königliche Hoheit sprechen es aus.«</p>
               <p>»Ohne Ihnen zuzustimmen; denn, mein lieber Major von Vitzewitz, dieser Unterschied
                  zwischen dem König und seinem ersten Diener ist unstatthaft und gegen die
                  preußische Tradition. Ich liebe den Grafen von Hardenberg nicht; er hat den Orden,
                  dem ich fünfzig Jahre als Herrenmeister vorgestanden, mit einem Federstrich aus
                  der Welt geschafft, er hat unser Vermögen eingezogen, unsere Komtureien genommen;
                  aber ich habe seinen Maßregeln nicht widersprochen. Ich kenne nur Gehorsam. Wir
                  leben in einem königlichen Lande, und was geschieht, geschieht nach dem Willen
                  Seiner Majestät.«</p>
               <p>»Dem Worte nach«, antwortete Berndt mit einem Anfluge von Bitterkeit. »Der Wille
                  des Königs – wer will jetzt sagen, wie und wo und was er ist. Unter dem großen
                  König, Eurer Königlichen Hoheit erhabenem Bruder, lag es den Ministern ob, den
                  Willen Seiner Majestät auszuführen, jetzt liegt es Seiner Majestät ob, die
                  Vorschläge, das heißt den Willen seiner Minister zu sanktionieren. Was sonst beim
                  Könige lag, liegt jetzt bei seinen Räten; noch entscheidet der König, aber er
                  entscheidet nicht mehr nach dem Wirklichen und Tatsächlichen, das er nicht kennt,
                  sondern nur noch nach dem Bilde, das ihm <pb/> davon entworfen wird. Er sieht
                  Freund und Feind, die Welt, die Zustände, sein eigenes Volk durch die Brille
                  seiner Minister. Der Wille des Königs, wie er aus Erlassen und Verordnungen zu uns
                  spricht, ist längst zu einer bloßen Fiktion geworden.«</p>
               <p>Der Prinz verriet kein Zeichen des Unmuts. Er schritt einige Male über den Teppich
                  hin; dann wieder seinen Platz am Kamin einnehmend, antwortete er mit einem
                  Ausdrucke gewinnender Vertraulichkeit: »Sie verkennen den König, meinen
                  Großneffen, Sie und viele mit Ihnen. Ich darf mich nicht rühmen, in die Pläne
                  Seiner Majestät eingeweiht zu sein; es ist nicht Sitte der preußischen Könige, die
                  Mitglieder des Hauses, alt oder jung, zu Rate zu ziehen oder auch nur in den
                  Geschäftsgang einzuweihen; aber das glaube ich Ihnen auf das bestimmteste
                  versichern zu dürfen: das persönliche Regiment, von dem Sie glauben, daß es zu
                  Grabe gegangen sei, ist um vieles größer, als Sie mutmaßen.«</p>
               <p>»Eure Königliche Hoheit überraschen mich.«</p>
               <p>»Ich glaube es wohl; auch mag ich mich in diesem und jenem irren; aber in einem
                  irre ich mich nicht, und dies eine ist die Hauptsache. Wie sollen wir uns zu dem
                  Kaiser, unserem hohen Verbündeten, stellen? Das ist die Frage, die jetzt alle
                  Gemüter beschäftigt. Sie glauben, daß es der Minister sei, der zu zögern und
                  hinauszuschieben und durch Versprechungen Zeit zu gewinnen trachtet; ich sage
                  Ihnen, es ist der König selbst.«</p>
               <p>»Weil ihm die Dinge derartig vorgelegt werden, daß er zu keinem anderen
                  Entschlusse kommen kann.«</p>
               <p>»Nein, weil er in einer Politik des Abwartens allein das Richtige sieht. Die Zeit
                  allein wird die Lösung dieser Wirren bringen. Er ist durchdrungen von der
                  Unhaltbarkeit der gegenwärtigen Zustände, und mehr als einmal habe ich ihn sagen
                  hören: ›Der Kaiser ist ohne Mäßigung, und wer nicht Maß halten kann, verliert das
                  Gleichgewicht und fällt.‹ Er hält das Kaisertum für eine Seifenblase, nichts
                  weiter.«</p>
               <p>»Aber eine Seifenblase von solcher Festigkeit, daß Staaten und Throne bei der
                  Berührung mit ihr zusammenstürzen.«</p>
               <p>»Ich bin nicht impressioniert, das Wort meines Großneffen, <pb/> trotzdem es meine
                  eigene Meinung ausdrückt, aufrechtzuerhalten. Aber er sprach auch wohl von einem
                  Gewitter, das sich austoben müsse. Und glauben Sie einem alten Manne, der durch
                  fast drei Menschenalter hin den Wechsel der Dinge beobachtet hat: es wird sich
                  austoben.«</p>
               <p>»Gewiß, Königliche Hoheit, aber nachdem es vorher die höchsten Spitzen getroffen
                  hat.«</p>
               <p>»Wenn sich diese Spitzen nicht so zu schützen wissen, daß der Strahl an ihnen
                  niedergleitet.«</p>
               <p>»Durch Bündnis?« Der Prinz nickte.</p>
               <p>Berndt aber fuhr fort: »Es mag auch das seine Zeit gehabt haben, aber diese Zeit
                  ist um. Ein jeder Tag hat seine Pflicht und seine Forderung. Der eine fordert
                  Unterwerfung, der andere Bündnis, ein dritter Auflehnung. Ich möchte glauben,
                  Königliche Hoheit, der Tag der Auflehnung sei angebrochen.«</p>
               <p>»Womit? Wir haben keine Armee.«</p>
               <p>»Aber wir haben das Volk.«</p>
               <p>»Der König mißtraut ihm.«</p>
               <p>»Seiner Kraft?«</p>
               <p>»Vielleicht auch der; aber vor allem dem neuen Geiste, der jetzt in den Köpfen der
                  Menge lebendig ist.«</p>
               <p>»Und gerade in diesem Geiste liegt das Heil, wenn man ihn zu nutzen und ihm in
                  Klugheit zu vertrauen versteht.«</p>
               <p>»Ich widerspreche nicht; aber dieser Aufgabe fühlt sich der König nicht gewachsen,
                  sie widersteht seiner Natur. Ihm bedeuten viele Köpfe viele Sinne. Erwarten Sie
                  nach dieser Seite hin nichts von ihm.«</p>
               <p>»Ich hoffe, daß ihm Zuversicht kommt und in dieser Zuversicht der Glaube an ein
                  gutes und treues Volk, das nichts anderes begehrt als die Gewährung, für seinen
                  König sterben zu dürfen.«</p>
               <p>Der Prinz, seinen Platz abermals wechselnd, schob einen Fauteuil neben das Sofa,
                  nahm, sich niederlassend, Berndts Hand in die seine und sah ihn dabei fest und
                  freundlich mit seinen großen Augen an.</p>
               <p>»Ich kenne das Volk; ich habe mit ihm gelebt. In meinen <pb/> hohen Jahren, wo
                  sich der Sinn für vieles schließt, öffnet er sich für anderes, und so sage ich,
                  weil ich es weiß, es ist ein gutes Volk. Ich sehe es so klar, als ob es vor meinem
                  leiblichen Auge stünde. Aber der König ist eingeschüchtert; er hat viel
                  Schmerzliches erlebt und nicht das Große, das meine jungen Tage gesehen haben. Ich
                  kenne ihn genau. Er schließt lieber ein Bündnis mit seinem Feinde, vorausgesetzt,
                  daß ihm dieser Feind in Gestalt eines Machthabers oder einer geordneten Regierung
                  entgegentritt, als mit seinem eignen, in hundert Willen geteilten, aus dem Geleise
                  des Gehorsams herausgekommenen Volke. Denn er ist ganz auf die Ordnung gestellt.
                  Mit einem einheitlichen Feinde weiß er, woran er ist, mit einer vielköpfigen
                  Volksmasse nie. Heute ist sie mit ihm, morgen gegen ihn, und während das ihm zu
                  Häupten stehende Napoleonische Gewitter ihn treffen, aber auch ihn schonen kann,
                  sieht er in der entfesselten Volksgewalt nur ein anstürmendes Meer, das, wenn erst
                  einmal die Dämme durchbrochen sind, unterschiedlos alle gesellschaftliche Ordnung
                  in seinen Fluten begräbt. Und die gesellschaftliche Ordnung gilt ihm mehr als die
                  politische. Und darin hat er recht.«</p>
               <p>Eine kurze Pause entstand; der Prinz erhob sich wieder, ein Zeichen, daß er die
                  Audienz zu schließen wünsche. Er reichte beiden Herren die Hand und dankte dem
                  Geheimrat, daß er ihm Gelegenheit gegeben habe, die nähere Bekanntschaft eines dem
                  Vaterlande treu ergebenen Mannes zu machen.</p>
               <p>»Es ist hocherfreulich, selbständigen und bestimmten Ansichten zu begegnen; aber
                  erschweren Sie dem leitenden Minister nicht seine Stellung. Wir werden das Bündnis
                  aufrechterhalten, bis es sich von selber löst, und dieser Zeitpunkt, so nicht alle
                  Zeichen trügen, ist nahe. Der versinkende Dämon nimmt dann auch die Kette mit, die
                  uns an ihn fesselte.«</p>
               <p>»Aber nur, um uns doch und vielleicht für immer in Unfreiheit zurückzulassen; wir
                  werden nichts als die Herrschaft gewechselt haben. Denn unser Tun und Lassen
                  bestimmt unser Los, und andere werden kommen, die dem, der so willfährig die
                  Schleppe trug, eine neue Kette schmieden.«</p>
               <p>
                  <pb/> »Hoffen wir das Gegenteil.«</p>
               <p>Damit schieden sie. Beide Herren verneigten sich, der Wagen fuhr wieder auf die
                  Rampe, und der französische Doppelposten, der vor dem Palais stand, machte die
                  Honneurs. »Wie hat Ihnen mein Prinz gefallen?« fragte der Geheimrat.</p>
               <p>»Gut; ich fürchte, daß er recht hat und daß ich den Widerstand, den ich in dem
                  Minister suchte, in dem Könige selbst zu suchen habe. Aber auch das erschüttert
                  mich nicht. Ich habe das Bangen vor dem Volke nicht, und ich wage es mit ihm. Es
                  ist eine Torheit, auf die Fehler oder Nachsicht eines Gegners rechnen zu wollen,
                  wenn man die Macht in der Hand hat, ihm die Gesetze vorzuschreiben. Die Hände in
                  den Schoß legen heißt ebensooft Gott versuchen als Gott vertrauen. Aide-toi même
                  et le ciel t'aidera.«</p>
               <p>Damit bog der Wagen rechts um die Lindenecke und hielt gleich darauf vor dem
                  Gasthofe »Zur Sonne«, wo man beschlossen hatte, das Dejeuner zu nehmen.</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Zweites Kapitel</head>
               <head>Auf dem Windmühlenberge</head>
               <p>In dem »Wieseckeschen Saal auf dem Windmühlenberge«, in dem erst am Abend vorher
                  der große Silvesterball stattgefunden hatte, waren am Neujahrstage wohl an hundert
                  Stammgäste mit ihren Frauen und Kindern versammelt. Alles war wieder an seinem
                  alten Platz, und auf derselben Stelle, wo sich vor kaum vierundzwanzig Stunden die
                  Paare gedreht hatten, standen jetzt, als ob der Ball nie stattgefunden hätte, die
                  grüngestrichenen, etwas wackeligen Tische mit den vier Stühlen drum herum; und
                  zwischen den Stühlen und Tischen, hin und her und auf und ab, preßte sich eine
                  Schar von Verkäufern, die hier seit vielen Jahren heimisch und fast ein
                  zugehöriger Teil des Lokals geworden waren: alte Mütterchen mit Schaumkringeln und
                  Zimmetbrezeln, primitive Tabulettkrämer, in deren vorgebundenen Kästchen Stahl und
                  Schwamm, Schwefelfäden <pb/> und blaue Glasperlen zum Verkaufe lagen, endlich
                  Stelzfüße, die neben den beiden Berliner Zeitungen auch allerhand Flugblätter
                  feilboten. Über dem Ganzen lag eine angesäuerte Weißbierluft, die, durch
                  Lichterblak und Tabaksqualm ziemlich beschwerlich werdend, nur dann und wann sich
                  auffrischte, wenn ein Glas dampfenden Punsches vorübergetragen wurde.</p>
               <p>An einem dieser Tische, der halb schon unter der Musikempore stand, saßen vier
                  Berliner Bürger, zwei von ihnen in eifrigem Gespräch, die beiden andern ebenso
                  eifrige Zuhörer. Es waren Nachbarn aus der Prenzlauer Straße: der
                  Schornsteinfegermeister Rabe, der Bürstenmacher Stappenbeck, der Posamentier
                  Niedlich und der Mehl- und Vorkosthändler Schnökel. Alle vier Männer von vierzig
                  Jahren und drüber, Niedlich und Schnökel in demselben Hause wohnend, nur durch den
                  Flur getrennt.</p>
               <p>Rabe war der Angesehenste unter ihnen und hatte nicht nur das, was die meisten
                  Schornsteinfegermeister zu haben pflegen: gute Haltung, frischen Teint und weiße
                  Zähne, sondern auch einen wundervollen Charakterkopf, der jedem Chefpräsidenten
                  Ehre gemacht haben würde. Er wußte das auch und verfuhr darnach, ließ sich lieber
                  erzählen, als daß er selber erzählte, und vermied, obschon er aus einer alten
                  Berliner Familie stammte, alle großen Worte. Er war der Drosselstein dieses
                  Kreises, das aristokratische Element, wie denn die Schornsteinfegermeister, bei
                  denen das Geschäft von Vater auf Sohn geht, wirklich eine Art Bürgeradel
                  bilden.</p>
               <p>Wenn Rabe der Drosselstein dieses Kreises war, so war Stappenbeck der Bamme.
                  Niedlich warf ihm vor, daß er den Bürstenmacher nicht verleugnen könne, und das
                  traf in allen Stücken zu; denn wie sein Haar, so war auch seine Manier und
                  Sprechweise: die Borsten immer nach oben. Ein echter Berliner. Er stand an Ansehen
                  hinter Rabe zurück, war ihm aber an Wissen und Witz und selbst an Erfahrung weit
                  überlegen. Er hatte Reisen gemacht, war um seines Geschäftes willen, das er mit
                  Eifer und Umsicht betrieb, in Polen und Rußland gewesen und galt seit Beginn des
                  Zuges gegen Moskau in allen <pb/> russischen Lokalfragen als unanfechtbare
                  Autorität. Selbst Rabe, ohnehin zu vornehm, um lange zu streiten, unterwarf sich
                  seinen Weisheitssprüchen, die von dem festen Boden der Landeskenntnis aus
                  allerdings mit Vorliebe in das Politisch-Militärische hinüberspielten.</p>
               <p>Sein Gegensatz war Posamentier Niedlich, ein kleiner artiger Mann, dessen
                  Redseligkeit nur durch seine Ängstlichkeit gezügelt wurde. Er trug einen
                  hellgrünen Rock und, weil er an Kopfreißen litt, ein Käppsel von geblümtem
                  Sammetmanchester mit einer Puschel daran, »dem Zeichen seines Standes«, wie
                  Stappenbeck versicherte. Er konnte, von Geschäfts wegen an ein beständiges Hin-
                  und Herhüpfen gewöhnt, nie länger als fünf Minuten sitzen bleiben, ganz einem
                  Zeisig ähnlich, der es nicht lassen kann, die Sprossen seines Bauers auf- und
                  abzuspringen. Auf seinen mageren Backen brannten zwei scharf abgezirkelte rote
                  Flecke, als ob er hektisch oder echauffiert sei; er war aber weder das eine noch
                  das andere.</p>
               <p>Den Schluß machte Schnökel. Er war der Baß dieses kleinen Männerkonzertes, in
                  Stimme wie Figur. Ein großer starker Mann mit kurzem Hals; das Bild des
                  Apoplektikus, ein gründlicher Kenner in Sachen Berliner und Cottbuser Weißbieres.
                  Er schmeckte nicht nur die Sorten, sondern auch die Lagerungstage heraus, trank,
                  rauchte und schwieg. Nur dann und wann, wenn das wiederholte Klopfen mit dem
                  Deckel nicht geholfen hatte, rief er über alle zwischenstehenden Tische hinweg mit
                  Stentorstimme nach einer neuen »Weißen«.</p>
               <p>Stappenbeck hatte die »Berlinische Zeitung« unter seinem linken Ellbogen. Es war
                  die Nummer vom 26. Dezember, aus der er seinen drei Genossen eben die Hauptstellen
                  des darin abgedruckten neunundzwanzigsten Bulletins vorgelesen hatte. Mit der
                  Rechten fuhr er, sich aufzufrischen, in die große Schnupftabaksdose, die zwischen
                  ihnen mitten auf dem Tische stand; Rabe rauchte still, Schnökel in großen Wolken,
                  während Niedlich, ein ausgesprochener Nichtraucher – der, solange die Vorlesung
                  dauerte, zu Stappenbecks äußerstem Mißbehagen ein ganzes Dutzend Zuckeroblaten
                  geräuschvoll zerbrochen und <pb/> aufgegessen hatte –, jetzt eine alte Frau
                  heranwinkte, um sich den Schaumkringeln zuzuwenden.</p>
               <p>Die Schilderung des Überganges über die Beresina, womit der in der Zeitung
                  gegebene bloße Auszug des Bulletins abschloß, hatte, namentlich bei Rabe, neben
                  der patriotischen Freude doch auch menschliche Teilnahme geweckt, und es war nicht
                  ohne Bewegung, daß er vor sich hin sprach:</p>
               <p>»Gerichte Gottes! Was wird aus ihm, Stappenbeck? Kann er sich von diesem Schnee-
                  und Eisfeldzuge wieder erholen?«</p>
               <p>»Wie sich ein Karpfen erholt, wenn das Eis bis auf den Grund gefroren ist; er muß
                  sticken. Ich sage dir, Rabe, es is alle mit ihm. Du mußt nicht vergessen: erstens
                  die Gegend und dann den Schnee und dann das Volk. Ich kenn es. Das is ja nich so
                  wie hier bei uns. Nehmen wir an, du willst nach Potsdam; ja, da is erst der
                  ›Schwarze Adler‹, dann Stimmings, dann Kohlhasenbrück, un überall was Warmes. Aber
                  nu nimm Rußland. Da marschierst du den ganzen Tag immer gradaus, un wenn du am
                  Abend einem begegnest und fragst ihn: ›Wie weit is es noch?‹, so sagt er: ›Fünf
                  Meilen.‹ Aber du kannst nicht fragen, denn du begegnest keinem.«</p>
               <p>Rabe nickte. Trotzdem er das Übertriebene wohl heraushörte, sah er doch ebenso
                  deutlich, daß diese Übertreibung nur das scherzhafte Kleid für eine ernsthaft
                  gemeinte Sache war. Niedlich aber sagte:</p>
               <p>»Du vergißt bloß eins, lieber Stappenbeck; sie sind ja schon in Wilna, und von
                  Wilna bis an die Grenze is bloß noch neunzig Meilen.«</p>
               <p>»Bloß noch neunzig Meilen«, wiederholte Stappenbeck in gedehntem Tone, in dem sich
                  Ärger und gute Laune die Waage hielten. »Wie weit is es doch bis
                  Alt-Landsberg?«</p>
               <p>»Drei Meilen.«</p>
               <p>»Gut also, drei Meilen. Nu sage mir, Gevatter, denkst du noch an den Grünen
                  Donnerstag, es geht jetzt ins dritte Jahr, wo wir die Tour zusammen machten? Du
                  hattest einen warmen Rock an und weite Stiefel; von dem Proviant, den wir
                  mithatten, will ich gar nich reden. Und nu besinne dich, wie der <pb/> Posamentier
                  Niedlich in den Alt-Landsberger ›Blauen Löwen‹ einrückte! Leugnen is nich, denn
                  ich habe dir selber den Wollfaden durch die Quesen gezogen. Und du redst von ›bloß
                  neunzig Meilen‹.«</p>
               <p>Schnökel lachte. »Ja, neunzig Meilen is eine hübsche Ecke. Aber mit dem Kaiser,
                  Stappenbeck, is es drum noch lange nich alle. Warum soll es auch alle mit ihm
                  sein? Is er nich heil heraus? Un sitzt er nich wieder ausgewärmt und ausgefuttert
                  in Paris? Un seine Franzosen, die nich mitgefroren haben, die kenn ich; die werden
                  ihm bald wieder eine neue Armee machen.«</p>
               <p>»Nein, Schnökel, das werden sie nicht«, antwortete Stappenbeck, der sich
                  inzwischen auch eine Pfeife angezündet und den brennenden Fidibus am Tischrand
                  ausgeklopft hatte. Nur ein paar Funken glimmten noch. »Blas an diesem Fidibus,
                  soviel du willst, er brennt nich wieder. Ich glaube nich, daß ihm die Franzosen
                  eine neue Armee machen, und wenn sie's tun, wer soll sie kommandieren? Da liegt
                  der Has im Pfeffer. Er ist ein Deibelskerl, aber er kann doch am Ende nich allens
                  allein besorgen.«</p>
               <p>»Das braucht er auch nicht; dazu hat er seine Generale«, bemerkte Rabe.</p>
               <p>»Die hat er eben nich. Vorläufig stecken sie noch mit erfrorenen Zehen in Rußland,
                  und ich sage dir, Rabe, das müßte schnurrig zugehen, wenn auch nur einer wieder
                  nach Paris käme und seinem Empereur vermelden könnte: ›Hier bin ich.‹«</p>
               <p>»Sollen wir sie denn alle totmachen?« fragte Niedlich mit einem gemischten
                  Ausdruck von Schauder und Schelmerei.</p>
               <p>»Nein, du nicht. Deine reinen Posamentierhände sollen sich nicht mit
                  Marschallsblut besudeln. Du kannst ihnen, denn das hast du um deine Puschelmütze
                  verdient, meinetwegen die Quasten und Raupen liefern, wenn sie erst wieder hier
                  sind. Aber, Niedlich, ›wenn‹. Es sind freilich, wie du sagst, bloß neunzig Meilen
                  von Wilna bis Memel, aber ich müßte die Russen schlecht kennen, wenn sie diesen
                  Spaziergang nicht ausnutzen sollten. Und zwischen Memel und unsrem Prenzlauer
                  <pb/> Tor liegt auch noch gerade Erde genug, um ein Dutzend Marschälle und alles,
                  was drum und dran hängt, zu begraben.«</p>
               <p>»Wer soll das tun?« fragte Rabe mit ablehnender Würde »So was is nich Mode bei
                  uns.«</p>
               <p>»Kann aber werden«, fuhr Stappenbeck fort. »Die Not lehrt nich bloß beten, und die
                  Welt besteht nich aus lauter Posamentiers. Ich sage dir, Rabe, in Litauen und
                  Masuren werden sie schon zufassen. Aber wenn sie auch nicht zufassen, wenn sich
                  keine Hand rührt, der liebe Gott tut es für uns. Sie fallen um wie die Fliegen.
                  Und die paar, die bis hierher kriechen, die müssen wir irgendwo unterbringen.«</p>
               <p>»Wo denn?«</p>
               <p>»'ne neue französische Kolonie; aber hinter Wall und Graben.«</p>
               <p>»Und wenn sie der Kaiser wiederhaben will?«</p>
               <p>»Dann mag er sie sich holen. Aber er wird nich; denn um die Zeit sind die Russen
                  hier.«</p>
               <p>»Vielleicht.«</p>
               <p>»Nein, gewiß. Nimm mir's nicht übel, Rabe, das verstehe ich besser. Wer in Wut is,
                  der steht nicht still. Das is überall so. Wenn meine Frau was mit mir hat, und sie
                  hat mitunter was mit mir, und ich geh in die andere Stube, weil ich genug habe,
                  was tut sie? Sie kommt mir nach. Und da geht es weiter. Das ist, was man die
                  menschliche Natur nennt. Und der Russe is auch ein Mensch. Erst recht. Ich sage
                  dir, Rabe, der Russe kommt, und der Kaiser wird nicht kommen. Denn die Franzosen
                  haben ihn satt; und das kannst du mir glauben, so sehr viel is auch nie mit ihm
                  los gewesen. Ich hab es schon Anno sechs gesagt, als er auf seiner brandroten
                  Fuchsstute hier einritt, mit seinem gelben Gesicht und den stechenden Augen.
                  ›Kinder‹, sagt ich, ›es is doch man ein ganz kleiner Kerl; der Alte Fritz war auch
                  kleine, aber so kleine war er doch noch lange nich.‹ Ich bin nu mal für die
                  Großen. So wie Saldern war oder Möllendorf.«</p>
               <p>Es schien, daß Stappenbeck noch fortfahren wollte, aber ein Krüppel, der mit
                  zurückgebundenen Fußstummeln von Tisch <pb/> zu Tisch rutschte, hielt ihm eben ein
                  Blatt entgegen und sagte: »Das is was für Sie, Herr Stappenbeck; ein Groschen,
                  aber ich nehm auch zwei.«</p>
               <p>Es war ein löschpapierner Bogen: »Neue Lieder, gedruckt in diesem Jahr«, mit zwei
                  Holzschnitten, von denen der eine die drei Grazien in einem ovalen Rosenkranze,
                  der andere auf der Rückseite einen kleinen Amor darstellte.</p>
               <p>Stappenbeck gab dem Krüppel die gewünschte doppelte Löhnung und schlug den Bogen
                  auseinander, in dem er irgendeinen franzosenfeindlichen Reim, wie sie damals mit
                  Hilfe solcher fliegenden Blätter verbreitet wurden, zu finden hoffte. Er überflog
                  die Überschriften: »Ännchen von Tharau«, »Frisch auf, Kameraden, aufs Pferd, aufs
                  Pferd«, »Herr Schmidt, Herr Schmidt«, »Das Gespenst in Tegel«. Er wurde ungeduldig
                  und drehte den Bogen um: »Die Schlacht bei Groß-Aspern«, »Oh, Schill, dein Säbel
                  tut weh«; sollte der Krüppel diese beiden gemeint haben? Aber das waren ja
                  bekannte Sachen. Halt, hier, das mußt es sein; es hatte keine Überschrift, aber
                  die beiden ersten Zeilen konnten als solche gelten.</p>
               <p>»Lies«, sagte Rabe, der dem Gesichte Stappenbecks ansah, daß er endlich gefunden
                  hatte, was er suchte. Und Stappenbeck las:</p>


               <l>»Warte,</l>
               <l>Bonaparte;</l>
               <l>Warte nur, warte, Napoleon,</l>
               <l>Warte, warte, wir kriegen dich schon.</l>



               <l>Ja der Russ'</l>
               <l>Hat uns gezeigt, wie man's machen muß:</l>
               <l>Im ganzen Kremmel</l>
               <l>Nicht eine Semmel,</l>
               <l>Und auf den Hacken</l>
               <l>Immer nur Hunger und Kosaken,</l>
               <l>Ja der Russ'</l>
               <l>Hat uns gezeigt, wie man's machen muß.</l>
               <pb/>
               <l>Hin ist der Blitz</l>
               <l>Deiner Sonne von Austerlitz,</l>
               <l>Unterm Schnee</l>
               <l>Liegen all deine Corps d'Armée.</l>
               <l>Warte,</l>
               <l>Bonaparte;</l>
               <l>Warte nur, warte, Napoleon,</l>
               <l>Warte, warte, wir kriegen dich schon.«</l>


               <p>Die nächste Folge war, daß der Krüppel wieder herangewinkt wurde; jeder wollte
                  jetzt seiner Frau den Spottvers mit nach Hause nehmen. Von dem Mitleid, das die
                  Vorlesung des Bulletins begleitet hatte, war nichts mehr übrig, und besonders
                  Schnökel wiederholte mit wachsendem, von Hustenanfällen begleiteten Behagen: »Im
                  ganzen Kremmel nicht eine Semmel.« Ihr Lesen und Lachen war an den umstehenden
                  Tischen bemerkt worden, und ein alter Herr, der freilich nichts weniger als
                  geneigt aussah, an ihrer Heiterkeit teilzunehmen, und von Rabe als »Herr Klemm«,
                  von Stappenbeck aber mit besonderer, etwas spöttischer Betonung als »Herr
                  Feldwebel Klemm« begrüßt wurde, trat an sie heran. Die Charge, bei der ihn
                  Stappenbeck nannte, erklärte zum Teil das Aparte seiner Erscheinung. Er hielt sich
                  kerzengerade, hatte das spärliche weiße Haar mit einem großen Kamme nach hinten zu
                  zusammengesteckt und trug zu seinem langen blauen Rock und schwefelgelber Weste
                  ein Paar Reiterstiefel, die bis zum Knie hinauf blitzblank geputzt waren. Der
                  hagere Hals steckte in einer steifen Binde.</p>
               <p>»Wollen Sie nich Platz nehmen, Herr Klemm?« fragte Rabe.</p>
               <p>»Haben Sie schon gelesen, Herr Feldwebel Klemm?« fügte Stappenbeck hinzu und
                  überreichte ihm den Bogen, den er mittlerweile derart zusammengefaltet hatte, daß
                  das Lied, auf das es ihm ankam, obenauf lag.</p>
               <p>Klemm dankte und las den Spottvers, während er aus seiner holländischen Pfeife
                  kleine Wölkchen blies. Er verzog keine Miene, legte, als er geendet, das Blatt
                  wieder auf den <pb/> Tisch und sagte: »Die Polizei, die sich um vieles kümmert,
                  das sie nichts angeht, macht die Augen zu, wo sie sie aufmachen sollte. Wohin
                  führt das? Zu Krawall und Auflehnung. Und was ist das Ende vom Liede? Wir werden
                  statt an der linken Hand an beiden Händen gebunden werden, und an den Füßen
                  dazu.«</p>
               <p>Er schlug mit den Knöcheln seiner rechten Hand auf das vor ihm liegende Blatt und
                  fuhr fort: »Und sind wir nicht im Bündnis mit dem Kaiser? Leider zu spät; wären
                  wir es immer gewesen, es stände besser mit uns. Aber der alte Fehler ist noch
                  wieder zu reparieren, gerade jetzt. Geschieht es, gut; geschieht es nicht, ertappt
                  er uns wieder auf dem faulen Pferde, so sind wir verloren. Von Treue will ich
                  nicht sprechen, die Politik braucht nicht treu zu sein; aber klug, klug, meine
                  Herren.«</p>
               <p>»Was jetzt klug ist, ist klar«, sagte Stappenbeck. »Er hat nur noch Trümmer; der
                  Russe drängt nach, wir von vorn; so klatscht es zusammen, und wir haben ihn unter
                  der Fliegenklatsche.«</p>
               <p>»Fliegenklatsche! Sie machen die Rechnung ohne den Wirt, Herr Bürstenmacher
                  Stappenbeck. Der Russe wird nicht nachdrängen, glauben Sie mir. Aber wenn er
                  nachdrängt, wenn er über den Njemen geht und über die Weichsel, dann werden Sie
                  freilich so was Ähnliches haben, aber nicht Fliegenklatsche, sondern Mausefalle.
                  Und wer steckt drin? Der Russe.«</p>
               <p>»Das wäre. Da bin ich doch neugierig«, sagte Rabe.</p>
               <p>»Bitte, Herr Niedlich, wollen Sie mir ein Stück Kreide geben.«</p>
               <p>Niedlich sprang auf.</p>
               <p>»Nein, ich danke Ihnen, ich finde hier noch ein Stück in meiner Tasche.«</p>
               <p>Damit schob der strategische Feldwebel die Gläser in eine Ecke zusammen und zog
                  von oben nach unten einen Strich über den grünen Tisch hin. »Dieser dicke Strich
                  also«, hob er an, »ist die Grenze, rechts Rußland, links Preußen und Polen. Achten
                  Sie darauf, meine Herren, auch Polen. Dieser Punkt hier links ist Berlin, und hier
                  zwischen Berlin und dem dicken russischen <pb/> Grenzstrich, diese zwei kleinen
                  Schlängellinien, das sind die Oder und die Weichsel. Nun müssen Sie wissen, an der
                  Oder und Weichsel hin, in sechs großen und kleinen Festungen, stecken
                  dreißigtausend Mann Franzosen, und ebenso viele stecken hier unten in Polen in
                  einer sogenannten Flankenstellung, halb schon im Rücken. Ich wiederhole Ihnen,
                  achten Sie darauf, denn in dieser Flankenstellung liegt die Entscheidung. Jetzt
                  drängt der Russe nach; schwach ist er, denn wenn eine Armee friert, friert die
                  andere auch, und schlottrig geht er über die Weichsel. Und nun geschieht was? Von
                  den Oderfestungen her treten ihm dreißigtausend Mann ausgeruhte Truppen entgegen,
                  von der Flankenstellung her andere dreißigtausend Mann, legen sich ihm vor und
                  schneiden ihm die Rückzugslinie ab. Und klapp, da sitzt er drin. Das ist, was man
                  eine Mausefalle nennt. Ich mache mich anheischig, Ihnen die Stelle zu zeigen, wo
                  die Falle zuklappt. Hier dieser Punkt. Es muß Köslin sein oder vielleicht Filehne.
                  Ich gehe jede Wette ein, zwischen Köslin und Filehne kapituliert die russische
                  Armee. Wie Mack bei Ulm. Was nicht kapituliert, ist tot.«</p>
               <p>»Und ich glaub es alles nicht«, sagte Stappenbeck und wischte mit dem Ärmel seines
                  Flauschrocks die ganze Mausefalle vom Tisch weg.</p>
               <p>»Ich kann Ihren Glauben nicht zwingen«, sagte Klemm mit einer Miene ruhiger
                  Überlegenheit. »Es ist ein eigen Ding mit der Kriegswissenschaft; Bürstenmacher
                  können sie haben –«</p>
               <p>»Und Feldwebel –«</p>
               <p>»Aber auch nicht«, schloß Klemm seinen Satz.</p>
               <p>»Aber auch nicht«, wiederholte Stappenbeck.</p>
               <p>Schnökel war diesen Schraubereien mit einem schweren asthmatischen Lachen gefolgt;
                  Rabe aber, dem alles, was zu Zank und Streit führen konnte, zuwider war, erhob
                  sich und sagte: »Es ist Zeit, ihr Herren, ich gehe; wer kommt mit?« Alle folgten
                  der Aufforderung, steckten die Blätter, die sie gekauft hatten, zu sich und
                  schritten mit einem kurzen »Guten Abend, Herr Klemm!« an diesem vorüber auf die
                  Tür zu. Als sie diese fast schon erreicht hatten, kam ihnen ein gelblicher <pb/>
                  mittelgroßer Hund nachgesetzt und schoß ängstlich, weil er sich vergessen glaubte,
                  dem kleinen Niedlich durch die Beine hindurch, so daß dieser nur mit Mühe seine
                  Balance hielt. Es war Kratzer, Stappenbecks Spitz, der sich die ganze Zeit über an
                  allen Tischen, wo Kinder saßen, mit Kringelfangen beschäftigt hatte, ein häßliches
                  Tier, ebenso storr und widerhaarig wie sein Herr. Jetzt sprang er an diesem in die
                  Höhe, winselte, bellte und jagte, als er draußen im Freien war, kreuz und quer
                  über das Plateau des Windmühlenberges hin, ersichtlich froh, nach dem
                  Gesellschaftszwang der letzten Stunden sich wieder austoben zu können.</p>
               <p>Die vier Bürger hielten sich auf dem ziemlich breiten Fußwege, den die zahlreichen
                  Gäste des Wieseckeschen Lokals nach dem Prenzlauer Tore hin in dem dichtliegenden
                  Schnee gestapft hatten. Rabe, trotzdem es kalt war, bewahrte seine distinguierte
                  Haltung; die drei anderen aber, die sich wenig um ihr Aussehen kümmerten, hatten
                  die Mützen ins Gesicht gezogen und sich bis an die Ohren hinauf in ihre dicken
                  gestrickten Shawls gewickelt. Schnökel, der bei Ostwind nicht sprechen konnte,
                  blieb etwas zurück; Niedlich hielt Linie mit den beiden andern, aber nur mühsam,
                  da er ein Trippler war.</p>
               <p>Das Gespräch wollte nicht gleich in Gang kommen; endlich begann Rabe, der mehr
                  ausdauernd als schnell von Gedanken war:</p>
               <p>»Ich glaube doch, Stappenbeck, du hast ihn zu despektierlich behandelt. Ich hab's
                  mir nämlich überlegt. Erstens ist er ein alter Mann, zweitens ist er ein Soldat,
                  und drittens hat er die Schlacht bei Torgau gewonnen.«</p>
               <p>»Das hat er«, fiel Niedlich ein, der bestimmt ausgesprochenen Sätzen eines andern,
                  besonders aber, wenn sie von Rabe kamen, gern zustimmte.</p>
               <p>Stappenbeck blieb stehen und pfiff seinem Hund. Kratzer kam in großen Sätzen
                  heran, blaffte ein paarmal und jagte dann wieder, als wäre der böse Feind hinter
                  ihm her, in wildem Zickzack über den in Schnee liegenden Windmühlenberg hin.
                  »Seht«, sagte Stappenbeck, »so hat Klemm die Schlacht <pb/> bei Torgau gewonnen.
                  Immer die Beine in die Hand. Er ist gelaufen daß es eine Freude war.«</p>
               <p>»Aber er soll ja doch gesammelt haben«, nahm Rabe wieder das Wort. »Ich entsinne
                  mich der Sache ganz genau. ›Wie heißt Er?‹ frug ihn der König, als er ihn die
                  zerstreuten Grenadiere wieder in Reih und Glied bringen sah. ›Klemm, Euer
                  Majestät.‹</p>
               <p>– ›Na, das ist brav, mein lieber Klemm; ich werd es Ihm nicht vergessen.‹ Und dann
                  ritt der König weiter. Ich hab es ihn selber erzählen hören.«</p>
               <p>»Wen? Den König?«</p>
               <p>»Nein, Klemm.«</p>
               <p>Stappenbeck lachte. »Rabe, du hast bloß einen Fehler. Du glaubst alles. Ich kenn
                  diesen Patron besser. Er ist nicht einer von den Grenadiers, die bei Torgau
                  gesammelt haben, sondern einer von denen, die gesammelt worden sind. Und das mit
                  des Alten Fritzen eigenhändigem Krückstock. ›Rackers, wollt ihr denn ewig leben?‹
                  An diesem allergnädigsten Zuruf hat unser Klemm seinen ehrlichen Anteil.«</p>
               <p>»Du kannst ihn nicht leiden, Stappenbeck, und auf wen du mal eine Pike hast –«</p>
               <p>»Den pik ich, aber diesen Feldwebel Klemm noch lange nicht genug. Er ist ein
                  schlechter Kerl durch un durch. Eine Memme, ein Großmaul und ein Schnurrer.«</p>
               <p>»Ein Schnurrer?« fragte Rabe.</p>
               <p>»Ja, ein Schnurrer ist er«, fiel hier Niedlich ein, der rasch erkannt hatte, daß
                  sich die Partie schließlich doch wieder zu Stappenbecks Gunsten entscheiden werde.
                  »Ein Schnurrer ist er. Im Sommer sitzt er auf den Gütern fest, bei den Bredows und
                  den Rohrs, die sind gutmütig; das ist denn so seine Weidezeit; un wenn so Anfang
                  Dezember geschlachtet wird, da kommt er schon mit langen Neujahrswünschen, bloß
                  damit er sich wieder in Erinnerung bringt. Er kriegt auch Almosen. Un was für
                  welche! Ich hab ihn selber die Dukaten putzen sehen.«</p>
               <p>»Na, na«, sagte Rabe, »wenn er ein hilfsbedürftiger Mann ist –«</p>
               <p>»Ein Geizhals ist er un ein Schuft dazu«, nahm Stappenbeck, <pb/> immer mehr sich
                  ereifernd, wieder das Wort und zog den dicken Shawl, der ihn am Sprechen hinderte,
                  etwas tiefer unter das Kinn. »Ich weiß, was ich sage; er wohnt bei meiner Frau
                  Bruder im Hause; die kennen ihn; er ist ein Mantelträger, ein Spion.«</p>
               <p>»Na, na«, wiederholte Rabe.</p>
               <p>»Und wenn er kein Spion ist, was ich ihm nicht beweisen kann, wenn ich es auch
                  fest und sicher glaube, so ist er doch eine undankbare Kreatur. Was Niedlich
                  erzählt hat, wie er sich bei den havelländischen Adligen, die ich alle kenne von
                  wegen der Borsten, immer wieder herausfuttert, das war vordem, un das war seine
                  gute Zeit. Ich meine seine ehrliche Zeit. Denn ich bin auch nich so und gönne
                  jedem seine Satte saure Milch un auch noch was dazu. Aber seit Anno sechs kennt
                  unser Klemm die Havelländischen nich mehr. Un auch die andern nicht, wo er sonst
                  sein feldwebliges Einlager hielt. Er hat die Herrschaft gewechselt. Das tut kein
                  Hund nich. ›Kratzer!‹ Seht, da kommt er schon wieder. ›Kusch dich, Kratzer.‹ Es
                  ist ein treues Tier. Aber dieser Klemm, keine acht Tage, daß die Löffelgarde
                  durchs Hallesche Tor gezogen war, so war er schon liebes Kind mit all und jedem,
                  drängte sich an die Generals und machte den Complaisanten. Da gab es denn
                  Louisdors statt der Dukaten. Ein Schweifwedler ist er und ein Gelegenheitsmacher.
                  Und wie er vor Jena die Franzosen samt ihrem Kaiser aufgefressen hat, so frißt er
                  jetzt die Russen auf und zeichnet uns mit Kreide die ›Mausefalle‹ auf den Tisch,
                  drin er sie fangen will. Aber ich hab es ihm angestrichen.«</p>
               <p>In diesem Augenblicke klangen zwei französische Signalhörner, bald auch der dumpfe
                  Ton einer Trommel herüber und unterbrachen den Redestrom Stappenbecks, der sein
                  letztes Wort noch nicht gesprochen zu haben schien. Alle vier blieben stehen und
                  horchten auf, denn auch Schnökel war mittlerweile herangekommen. Der letzte, der
                  sich einfand, war Kratzer; er legte seinen Hals an das Knie seines Herrn,
                  schnoberte in der Luft umher, winselte und gab sich das Ansehen, als ob er auch so
                  seine Betrachtungen habe.</p>
               <p>
                  <pb/> »Sie blasen Retraite«, sagte Stappenbeck mit einem Tone, der den Doppelsinn
                  seiner Rede ausdrücken sollte.</p>
               <p>»Gebe es Gott!« antwortete Rabe.</p>
               <p>Dann, während die Hörner verklangen, setzten die Männer ihren Heimweg fort. Vor
                  ihnen lag die Stadt mit ihren tausend Lichtern, bis endlich ein Hohlweg, der vom
                  Plateau aus nach dem Tore hinunterführte, ihnen den Anblick der Lichter
                  entzog.</p>
               <p>Aber die Sterne des Winterhimmels standen über ihnen und funkelten hell in das
                  neue Jahr hinein.</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Drittes Kapitel</head>
               <head>Geheimrat von Ladalinski</head>
               <p>Das Haus, das der Geheimrat von Ladalinski bewohnte, lag in der Königsstraße, der
                  alten Berliner Gerichtslaube schräg gegenüber. Es war ein aus dem Anfange des
                  vorigen Jahrhunderts stammender, damals auf Geheiß König Friedrichs I.
                  aufgeführter Spätrenaissancebau, der an seiner Fassade durch mannigfache
                  geschmacklose Restaurationen gelitten, im Innern aber seine frühere Stattlichkeit
                  vollkommen beibehalten hatte. Namentlich galt dies, neben Hof und Treppe, von dem
                  ganzen ersten Stock, in dem die Empfangs- und Gesellschaftsräume lagen. Hier
                  zeigten sich noch jene Stuckornamente, die den Barockbauten Schlüters soviel Reiz
                  und Leben liehen, und vom Plafond herab grüßten, wenn auch stark nachgedunkelt,
                  die großen, nach Giulio Romanoschen Originalen im Corte reale zu Mantua
                  ausgeführten Deckenbilder, mit denen der prachtliebende König den ganzen ersten
                  Stock hatte dekorieren lassen. An diese Gesellschaftsräume schlossen sich nach
                  rechts und links hin zwei kleinere Zimmer, einfenstrig mit breiten Wandflächen,
                  die, weil mehr benutzt, auch mehr eingebüßt und von ihrer ehemaligen reichen
                  Ausschmückung nur die Deckenbilder, darunter ein »Nacht und Morgen« und einen
                  »Sturz des Phaethon«, gerettet hatten.</p>
               <p>
                  <pb/> Das eine dieser beiden kleineren Zimmer war das geheimrätliche
                  Arbeitscabinet, dessen der Tür gegenüber befindliche Längswand von zwei hohen,
                  eine ganze Registratur bildenden Aktenrealen eingenommen wurde. Zwischen diesen
                  Realen auf einem freigebliebenen Wandstreifen hing das Bildnis einer schönen
                  jungen Frau, deren Ähnlichkeit mit Kathinka unverkennbar war. Dasselbe ins
                  Rötliche spielende kastanienbraune Haar, vor allem derselbe Augenausdruck, so daß
                  das einzige, was abwich, das minder scharfgeschnittene Profil, als etwas
                  Gleichgiltiges erscheinen konnte. Durch die halbe Länge des Zimmers hin zog sich
                  ein großer Arbeitstisch; er stand so, daß das Auge des Geheimrats, wenn er aufsah,
                  das schöne Frauenporträt treffen mußte. Im übrigen hatte das Cabinet manches, was
                  an die Einrichtung eines Junggesellenzimmers erinnerte. Neben dem altmodischen,
                  mit Bildern aus der biblischen Geschichte geschmückten Ofen machte sich ein
                  ziemlich großer, aber flacher und mit roten Tuchflicken angefüllter Korb
                  bemerkbar, der einem englischen Windpiel als Lagerstätte diente, während in einem
                  in der Fensternische stehenden Glasbassin mehrere Goldfischchen ihr munteres Spiel
                  trieben. Die halb herabgelassenen Rouleaux dämpften das ohnehin nur mäßig
                  einfallende Licht; alles war Wärme und Behagen.</p>
               <p>Die kleine Pendule schlug eben zehn, als der Geheimrat eintrat, ein Sechziger,
                  groß und schlank, das kurzgeschnittene graue Haar voll und dicht nach oben
                  gerichtet. Er trug einen veilchenfarbenen Samtschlafrock, unter dem er sich in
                  bereits sorglichster Toilette zeigte. Seine Haltung, vor allem die Adlernase,
                  gaben ihm etwas entschieden Distinguiertes. Das Windspiel drängte sich an ihn, um
                  ihn respektvoll, aber verdrießlich zu begrüßen, und zog sich dann zitternd,
                  während das Glöckchen an seinem Halse hin und her tingelte, wieder in seinen
                  warmen Korb zurück. Der Geheimrat seinerseits schritt auf das Bassin zu, um die
                  Fischchen mit einigen Krumen und Insekteneiern zu füttern; er verweilte
                  minutenlang dabei und nahm dann Platz an seinem Arbeitstisch, auf dem amtliche
                  Schreiben, auch mehrere Zeitungen, darunter englische und französische, <pb/>
                  ausgebreitet lagen. Er pflegte zunächst alles Geschriebene zu erledigen; heute
                  hielt er sich zu den Zeitungen und nahm den »Moniteur«.</p>
               <p>Überlassen wir ihn auf eine Viertelstunde ungestört seiner Lektüre und erzählen
                  wir, während er sich in Empfangsfeierlichkeiten und Loyalitätsadressen vertieft,
                  einiges aus seinem Leben.</p>
               <p>Alexander von Ladalinski war um die Mitte des vorigen Jahrhunderts auf dem den
                  Mittelpunkt der gleichnamigen Herrschaft bildenden Schlosse Bjalanowo geboren. Die
                  nächste größere Stadt, aber doch mehrere Meilen entfernt, war Czenstochau. Einige
                  der zur Herrschaft gehörigen Güter zogen sich westlich und griffen mit ihrem
                  Hauptbestande ins Herzogtum Schlesien hinüber, das eben damals preußisch geworden
                  war.</p>
               <p>Der junge Ladalinski empfing eine sorgfältige Erziehung, ging, um diese zu
                  vollenden, erst nach Paris, dann nach Wien und hatte, dreiundzwanzig Jahre alt,
                  eben die Verwaltung seiner Güter übernommen, als die Verhältnisse des Landes ihn
                  in die politischen Kämpfe hineinzogen. Sowenig er diese Kämpfe liebte, so
                  gewissenhaft führte er sie durch, nachdem er erst in dieselben eingetreten war. Er
                  saß im Reichstag und zählte zu den Hervorragendsten unter den Führern der
                  antirussischen Partei. Schon damals sprach sich in seiner Haltung eine bei mehr
                  als einer Gelegenheit hervortretende Hinneigung zu Preußen aus. Diese Hinneigung,
                  vielleicht auch der schon erwähnte Umstand, daß ein Teil seiner Besitzungen dem
                  preußischen Staatsverbande zugehörte, war es wohl, was bei Veranlassung der
                  Thronbesteigung König Friedrich Wilhelms II. seine Mission an den Berliner Hof
                  veranlaßte. Er fand an demselben ein ihn auszeichnendes Entgegenkommen, besonders
                  von seiten des Ministers von Bischofswerder, in dessen Hause er sehr bald ein
                  täglicher Gast wurde. Hier war es auch, wo er die junge Comtesse Sidonie von
                  Pudagla kennenlernte. Was ihn vom ersten Augenblicke an mehr noch als ihre
                  Schönheit bezauberte, war der heitere Übermut ihrer Laune, die mit graziöser
                  Rücksichtslosigkeit <pb/> geübte Kunst, den Schaum des Lebens wegzuschlürfen.
                  Etwas Pedantisches, das ihm eigen und dessen er sich, in seinen jungen Jahren
                  wenigstens, zu seiner eignen Unzufriedenheit bewußt war, ließ ihm diese Kunst
                  ausschließlich im Lichte eines Vorzugs erscheinen. Ehe er Berlin verließ, wurde
                  die Verlobung gefeiert; in der Weihnachtswoche folgte dann die Hochzeit, die,
                  unter Teilnahme des ganzen Prinz Heinrichschen Hofes, von dem Bruder und der
                  Schwägerin der Braut: dem Grafen und der Gräfin von Pudagla, in Rheinsberg
                  ausgerichtet wurde.</p>
               <p>Hatte schon die Hochzeitsfeier einen glänzenden Charakter gehabt, so noch mehr die
                  Hochzeitsreise. Es war wie die Einholung einer Prinzessin. An jedem Rastplatze
                  immer neue Überraschungen, die sich steigerten, je näher man dem Ziele kam.
                  Endlich lag Bjalanowo vor ihnen, hoch, im Abenddunkel eben noch erkennbar, und als
                  nun der vorderste Schlitten in die breite, winterlich kahle Avenue einbog, da
                  wurden auf den vier dicken Rundtürmen vier große Feuer angezündet, in deren Schein
                  jetzt der alte, halbverfallene Backsteinbau dalag wie ein Schloß aus dem Märchen.
                  Unter dem jubelnden Zuruf aller Hintersassen fuhr das junge Paar in den Schloßhof
                  ein.</p>
               <p>Die Freude, die der Gemahl über die glückliche Durchführung des von ihm selber
                  angeordneten Schauspiels empfand, ließ ihn die Mienen seiner jungen Frau nicht
                  aufmerksam beobachten. Er hätte sonst wahrnehmen müssen, daß sie für den
                  eigentlichen Wert dieser Aufmerksamkeiten kein Verständnis hatte; was sich an
                  Liebe darin aussprach, entging ihr oder berührte sie nicht. Sie war ohne Dank.</p>
               <p>Und in dieser Stimmung verharrte sie. Ihr Gatte, der sie heiter sah, glaubte sie
                  glücklich; aber sie war es nur obenhin, und keine andere Verpflichtung kennend als
                  Genuß und Zerstreuung, erschien ihr das in Aufmerksamkeiten sich überbietende
                  Entgegenkommen ihres Gemahls gleichförmig und ermüdend, und nur noch die von außen
                  her herantretenden Huldigungen hatten Wert.</p>
               <p>Es war ein Jahr nach der Hochzeit, als dem Hause ein Sohn <pb/> geboren wurde. Er
                  erhielt den Namen Pertubal, der von ältesten Zeiten her in der Familie heimisch
                  und in jedem Jahrhundert wenigstens einmal glänzend vertreten war. Ein Pertubal
                  von Ladalinski hatte den Zug gegen Zar Iwan mitgemacht, ein anderer dieses Namens
                  war in der Schlacht bei Tannenberg, ein dritter unter Sobieski vor Wien gefallen.
                  Es hieß, der Name sei syrisch und stamme noch aus den Kreuzzügen her. Alle aber,
                  wie sich aus den Urkunden ergab, hatten die Abkürzung »Tubal« dem vollen Namen
                  vorgezogen.</p>
               <p>Die Geburt eines Sohnes, während alle Welt Glückwünsche aussprechen zu müssen
                  glaubte, wurde von seiten der Mutter wenig anders als störend empfunden, die denn
                  auch, als man ihr den Säugling reichte, von ihrem Lager aus erklärte, daß sie
                  kleine Kinder immer häßlich gefunden habe und ihrem eigenen zuliebe keine Ausnahme
                  machen könne. Das Kind erhielt eine polnische Amme mit einem roten Kopftuch und
                  einem noch röteren Brustlatz und wurde samt dieser, seiner Pflegerin, in den
                  oberen Stock verwiesen; kaum aber, daß die Mutter ihren ersten Kirchgang gemacht
                  hatte, so begann der ausgelassene Gesellschaftsverkehr aufs neue, den das
                  »freudige Ereignis« nur auf Wochen unterbrochen hatte.</p>
               <p>Unter denen, die auf Schloß Bjalanowo verkehrten, war auch Graf Miekusch, ein
                  Gutsnachbar, klein, zierlich, mit langem rotblonden Schnurrbart, eine typische
                  polnische Reiterfigur. Die Verwandtschaft seiner Natur mit der der jungen Frau
                  stellte von Anfang an eine Intimität zwischen beiden her, die, mit voller
                  Unbefangenheit sich gebend, von Ladalinski wohl bemerkt, aber nicht beargwohnt
                  wurde. Er vertraute vollkommen; einzelnes, das ihm hinterbracht wurde, wies er als
                  Klatsch und Neid zurück, und wenn nichtsdestoweniger von Zeit zu Zeit eine leichte
                  Wolke seinen Himmel trübte, so wußte der Übermut der jungen Frau, die solchen
                  Regungen der Eifersucht nur mit heiterem Spott begegnete, sein Vertrauen schnell
                  wiederherzustellen. Er war glücklich, als Kathinka geboren wurde, doppelt
                  glücklich, als er wahrnahm, daß seine Freude von seiner Frau geteilt wurde. In der
                  Tat sah die junge <pb/> Mutter anders auf dieses zweitgeborne Kind, als sie auf
                  Tubal geblickt hatte; es wurde nicht in das obere Stockwerk verwiesen, blieb
                  vielmehr in ihrer unmittelbaren Nähe, ja sie liebte es, an seine Wiege zu treten
                  und sich, ohne daß ein Wort über ihre Lippen gekommen wäre, seines Anblicks zu
                  freuen. Sah sie sich selbst in ihm?</p>
               <p>Das war im Frühjahr 1792. Ein ungetrübter Sommer folgte, aber als der Herbst kam,
                  brach ein Glück zusammen, das von Anfang an nur ein Schein gewesen war. Es geschah
                  das, was in gleichen Fällen immer geschieht: das Verbotene, des letzten Zwanges
                  müde, fand eine Befriedigung darin, sich vor aller Welt zu entdecken.</p>
               <p>Die Art der Ausführung entsprach dem Charakter der jungen Frau. Es war eine
                  Fuchsjagd bei Graf Miekusch angesagt, dessen weites, eine einzige große Fläche
                  bildendes Gutsareal ein vorzügliches Terrain bot. Auch die Damen der Nachbargüter
                  waren geladen, niemand fehlte; der Graf, zu seinen anderen gesellschaftlichen
                  Vorzügen, hatte auch den Ruf eines glänzenden Wirts. Es war ein wundervoller
                  Septembertag, der Himmel blank wie eine Glocke, hier und dort eine Kiefernschonung
                  und am Horizont der spitze Kirchturm des nächsten Städtchens. Dabei windstill, und
                  die Sommerfäden zogen. Der Fuchs war bald aufgetrieben, und in glänzendem Zuge
                  schossen Reiter und Reiterinnen über Wiesen und Stoppelfelder hin, jeder begierig,
                  den andern zu überholen. Nur die junge Frau von Ladalinski hielt sich zurück, Graf
                  Miekusch an ihrer Seite; beide schienen auf die Ehren des Tages verzichten zu
                  wollen. Aber bald änderte sich das Bild; immer mehr Paare schieden aus der
                  vordersten Reihe aus, und ehe eine Stunde um war, waren der Graf und seine
                  Begleiterin noch die einzigen, die der Fährte folgten oder doch zu folgen
                  schienen. Die Zurückbleibenden, ihnen nachschauend, waren entzückt von der
                  Ausdauer der beiden Reiter, deren Gestalten, je mehr sie sich dem in blauem Dämmer
                  daliegenden Städtchen näherten, immer kleiner und schattenhafter wurden. Endlich
                  schwanden sie ganz, und da Mittag heran war, beschloß man, auf das <pb/> Schloß
                  des Grafen zurückzukehren. Es verging eine Stunde, eine zweite und dritte; es kam
                  der Abend, und man wartete noch. Die Gäste brachen endlich auf, um auf ihre
                  eigenen Güter heimzureiten. Unter ihnen auch Ladalinski. »Also doch«, klang es in
                  hundertfältiger Wiederholung in seinem Herzen. Erst am dritten Tage wurde durch
                  einen Boten ein versiegelter Zettel an ihn abgegeben: »Erwarte mich nicht zurück;
                  Du siehst mich nicht wieder. Es war ein Irrtum, der uns zusammenführte. Vergiß
                  mich. Einen Kuß für das Kind.</p>
               <!--milestone hi_start-->
               <p>Sidonie von P.«</p>
               <!--milestone hi_end-->

               <p>Das Blatt entfiel ihm. Jedes Wort eine Demütigung, selbst ihre Namensunterschrift:
                  Sidonie von P. Sie hatte also den Namen ihrer eigenen Familie wieder angenommen
                  und strich die sechs Jahre, die sie an seiner Seite verlebt hatte, wie ein
                  unbequemes Intermezzo aus. Er war niedergeschmettert, und doch konnte er die kurze
                  Forderung, die sie stellte: »Vergiß mich«, nicht erfüllen. Zu eigner bitterster
                  Beschämung gestand er sich, daß er sie, wenn sie zurückkehrte, ohne ein Wort des
                  Vorwurfs oder der Erklärung, freudigen Herzens wieder aufnehmen würde. Der
                  rätselhafte Zug der Natur war mächtiger in ihm als alle Vorstellung.</p>
               <p>Er verfiel in Trübsinn, bis die Schicksale seines Landes ihn herausrissen. Es
                  bereiteten sich jene Ereignisse vor, die schließlich Polen aus der Reihe der
                  Staaten strichen. Rußland machte seine Pläne, und diese zu vereiteln, darauf waren
                  jetzt, wie die Anstrengungen aller Patrioten, so auch die seinigen gerichtet. Er
                  schloß sich der Kosciuszkoschen Partei an und entwarf eine liberale Verfassung,
                  die den Beifall der Whigführer im englischen Parlamente fand; endlich, als die
                  Waffen entscheiden mußten, trat er in die Armee. Was ihm an militärischer
                  Erfahrung abging, wußte er durch Mut und Eifer zu ersetzen. Es war keiner, dem
                  Kosciuszko mehr vertraut hätte als ihm. Bei Szekoszin hielt er bis zuletzt aus.
                  Als nach dem unglücklichen Treffen bei Maciejowice der Rückzug auf Praga ging,
                  wurde ihm das Kommando der nur aus vier schwachen Bataillonen bestehenden
                  Arrièregarde anvertraut. Mit diesen deckte <pb/> er den Übergang über die Pilica
                  zwei Stunden lang und benutzte die Zeit, während er noch jenseits der Brücke mit
                  dem Feinde bataillierte, geteerte Strohkränze um die Holzpfeiler legen und diese
                  Kränze anzünden zu lassen. Die Brücke stand schon in Rauch und Flammen, als er die
                  Trümmer seiner Bataillone glücklich hinüberführte. Die Russen drängten nach; eine
                  schwache Abteilung derselben, die gleich darauf gefangen wurde, gewann
                  gleichzeitig mit ihm das Ufer. Als aber das Gros in geschlossener Kolonne folgte,
                  brachen die halbweggebrannten Mittelpfeiler zusammen, und alles, was auf der
                  Brücke war, stürzte nach. Suwarow selbst hielt keine hundert Schritt von der
                  Unglücksstätte. Es war die letzte glänzende Aktion im freien Felde; drei Tage
                  später fiel Praga.</p>
               <p>Ladalinski legte sein Kommando nieder. Das »Finis Poloniae« seines Kampfgenossen,
                  wenn er es nicht sprach, so empfand er es doch. Es war ihm klar, daß das Land
                  russisch werden würde, vielleicht mit einem Scheine von Selbständigkeit. Dieser
                  Gedanke war ihm unerträglich. Es gab kein Polen mehr; so beschloß er, sich zu
                  expatriieren. Er ging zunächst auf seine jenseits der Grenze gelegenen
                  schlesischen Güter und stellte von hier aus dem preußischen Hofe seine Dienste zur
                  Verfügung. Ein umgehend eintreffendes Schreiben Bischofswerders sprach ihm seine
                  Freude über den rasch und mutig gefaßten Entschluß aus und berief ihn,
                  vorbehaltlich königlicher Genehmigung, in das Auswärtige Amt. Diese Genehmigung
                  erfolgte wenige Tage später. Die großen Flächen polnischen Landes, die gerade
                  damals Preußen einverleibt wurden, wiesen die Staatsverwaltung darauf hin, solche
                  Anerbietungen nicht abzulehnen.</p>
               <p>In kürzester Frist hatte Ladalinski sich in den neuen Verhältnissen
                  zurechtgefunden. Seine mehr preußisch als polnisch angelegte Natur unterstützte
                  ihn dabei; dem Unordentlichen und Willkürlichen abhold, fand er in dem
                  Regierungsmechanismus, in den er jetzt eintrat, sein Ideal verkörpert. Was darin
                  Schädliches war, das übersah er oder erachtete es als gering, nachdem er die
                  Nachteile eines entgegengesetzten Verfahrens so <pb/> viele Jahre lang beobachtet
                  hatte. Er war bald preußischer als die Preußen selbst. Die Auszeichnungen, die ihm
                  zuteil wurden, seine Missionen, erst an den Kopenhagener, dann an den englischen
                  Hof, auf denen ihn Tubal, damals ein Kind noch, begleitete, trugen das ihrige dazu
                  bei. Von London nach dem Tode des Königs und der Amtsniederlegung Bischofswerders
                  zurückberufen, trat er, in dem richtigen Gefühl, erst dadurch seine
                  Staatszugehörigkeit zu beweisen, zum Protestantismus über. Er wählte die
                  reformierte Kirche, weil es die Kirche des Hofes war. Gewissensbedenken waren der
                  Zeit der Aufklärung fremd. In dem Ansehen seiner Stellung änderte der
                  Regierungswechsel nichts, wennschon die Stellung selbst eine andere wurde; er
                  schied aus dem Auswärtigen Amt, um dem General-Oberfinanzdirektorium, Abteilung
                  für die Domänen, zugewiesen zu werden. Seine landwirtschaftlichen Kenntnisse, die
                  bedeutend waren, konnten hier eine vorzügliche Verwendung finden. Mit Übernahme
                  dieses Amtes war auch sein Wohnungnehmen in dem alten Palais in der Königsstraße
                  verknüpft gewesen. Er bewohnte es jetzt seit fünfzehn Jahren; Kathinka war in
                  demselben herangewachsen.</p>
               <p>Ob ihn von Zeit zu Zeit eine Sehnsucht nach Bjalanowo und dem alten Schloß mit den
                  vier Backsteintürmen, an das sich die schönsten und die schwersten Stunden seines
                  Lebens knüpften, beschlich, wer wollt es sagen! Kein Wort, das darauf hingedeutet
                  hätte, kam je über seine Lippen. Er schien glücklich in sei nem Adoptivvaterlande,
                  vielleicht war er es auch, und fest entschlossen, in seine alte Heimat, auch wenn
                  derselben ihre staatliche Selbständigkeit, wie es einen Augenblick schien,
                  wiedergegeben werden sollte, nicht zurückzukehren, hielt er sich zu den
                  prinzlichen Höfen, um von diesem festen, gegebenen Punkte aus in allmählich immer
                  intimer werdende Beziehungen zu dem Adel des Landes hineinzuwachsen. Er lebte,
                  mehr, als er es sich gestand, nur noch der Durchführung dieser Pläne, in denen er
                  sich übrigens durch seine Schwägerin »Tante Amelie« unterstützt wußte, und sah
                  deshalb nichts lieber als die Anwesenheit seiner Kinder in Hohen-Vietz. Eine
                  Doppelheirat <pb/> mit einer alten märkischen Familie stellte den Schritt erst
                  sicher, den er getan hatte, und beruhigte ihn über die polnischen Sympathien
                  Kathinkas, die, was immer der Grund derselben sein mochte, ihm kein Geheimnis
                  waren.</p>

               <p>Der Geheimrat hatte mittlerweile seine Lektüre beendet; er schob die Blätter
                  beiseite und klingelte. Ein eintretender Diener brachte die Schokolade, und ehe er
                  noch das Zimmer wieder verlassen konnte, kam schon das Windspiel aus seinem Korbe
                  herbei, diesmal nicht verdrießlich, und drängte sich an die Seite seines Herrn.
                  Der Geheimrat lächelte und warf ihm die Biskuits zu, denen diese Zärtlichkeit
                  gegolten hatte. Erst jetzt nahm er einen Brief wahr, der auf demselben Tablett lag
                  und die charakteristischen Schriftzüge Tante Ameliens zeigte. Er war einigermaßen
                  überrascht. Erst am Abend vorher, zu später Stunde, waren Tubal und Kathinka von
                  Schloß Guse zurückgekehrt; die Zeit, sie zu begrüßen, hatte sich noch nicht
                  gefunden, und schon war ein Brief da, der also die Reise nach Berlin ziemlich
                  gleichzeitig mit ihnen gemacht haben mußte. Der Geheimrat erbrach das Siegel und
                  las:</p>

               <p>»Mon cher Ladalinski! Tubal und Kathinka haben mich erst vor einer Stunde
                  verlassen, mit ihnen, zu meinem Bedauern, Demoiselle Alceste, deren Sie sich, mein
                  Teurer, aus alten Rheinsberger Tagen entsinnen werden. Ich empfinde, ganz gegen
                  meine Gewohnheit, eine Lücke und fülle sie am besten aus, indem ich über die
                  Kinder spreche, deren Anwesenheit mir die letzten Tage so angenehm gemacht hat. Je
                  mehr ich mich ihrer freute (et en effet ils m'ont enchantée), desto lebendiger
                  wurde mir wieder der Wunsch jener liaison double, die wir so oft besprochen haben.
                  Ich habe mich ganz in die Vorstellung hineingelebt, Tubal in Guse schalten und
                  walten und den alten Derfflingersitz, der unter meinen Händen nur eben sein Dasein
                  fristet, auf seine alte Höhe gehoben zu sehen. Des Beistandes, dessen er dazu
                  bedarf, darf er von Hohen-Vietz aus sicher sein. Die schönen Frauen verschiedener
                  Nationalität waren dort immer heimisch; meine Großmutter, avec un teint <pb/> de
                  lis et de rose, war eine Brahe, Berndts Frau eine Dumoulin, und es würde mich
                  glücklich machen, diesen Kreis durch unsern Liebling erweitert zu sehen. Vous
                  savez tout cela depuis longtemps. Mais les choses ne se font pas d'après nos
                  volontés. Des jungen Hohen-Vietzer Volkes bin ich sicher, aber nicht des Hauses
                  Ladalinski. Kathinka nimmt Lewins Huldigungen hin, im übrigen spielt sie mit ihm;
                  Tubal hat ein Gefühl für Renate, qui ne l'aurait pas? Aber dieses Gefühl bedeutet
                  nichts weiter als jenes Wohlgefallen, das Jugend und Schönheit allerorten
                  einzuflößen wissen. So seh ich Schwierigkeiten, die mir bei Kathinka in der
                  Gleichgiltigkeit, bei Tubal in der Oberflächlichkeit der Empfindung zu liegen
                  scheinen. Et l'un est aussi mauvais que l'autre. Es ist offenbar, daß Kathinka
                  eine andere Neigung unterhält; die Gegenwart des Grafen in Ihrem Hause stört
                  unsere Pläne, und doch ist sie nicht zu ändern; alles, was sich ziemt, ist
                  Achtsamkeit und Vermeidung dessen, was das Feuer schüren könnte. Ihre Klugheit,
                  mon cher beau-frère, wird das Richtige treffen. Ich verspräche mir am meisten von
                  Trennungen. Lewin muß aus seinem engen Kreise heraus; er muß vor allem die
                  literarischen Allüren abstreifen. Er nimmt diese Dinge gründlicher und
                  ernsthafter, als sich mit dem Edelmännischen verträgt, das wohl ein Interesse
                  haben, aber nicht fachmäßig sich engagieren soll. Bleiben wir in guten Beziehungen
                  zu Frankreich, comme je souhaite sincerement, so würde ich einen einjährigen
                  Aufenthalt in Paris als ein Glück für ihn ansehen. Er würde das Weltmännische
                  gewinnen, das ihm jetzt fehlt und auf das Kathinka einzig und allein Gewicht legt.
                  Et je suis du même avis.</p>
               <p>Je faisais mention de la France. Mein Bruder würde mich auf Hochverrat verklagen,
                  wenn er wüßte, daß ich von einer ›Fortdauer guter Beziehungen‹ gesprochen habe.
                  Und doch ist es gerade sein Gebaren, was mich diese Wünsche noch mehr betonen
                  läßt, als es ohnehin meinen Sympathien entspricht. Il organise tout le monde. Das
                  ganze Oderbruch auf und ab schreitet er zu einer Volksbewaffnung, für die er
                  hundert Namen hat: Landwehr, Landsturm und ›Letztes Aufgebot‹. In <pb/> seinem
                  Eifer übersieht er, wie diese letzte Bezeichnung, anstatt Furcht einzuflößen, nur
                  tragikomisch wirken kann. Drosselsteins hat er sich bemächtigt; von Bamme spreche
                  ich gar nicht, der immer mit dabeisein muß, wenn es etwas gilt, in dem sich
                  Torheit und Waghalsigkeit den Rang streitig machen. C'est son métier. Es erheitert
                  mich, wenn ich mir seine Groß- und Klein-Quirlsdorfer als mittelmärkische
                  Guerillas denke. Diese Dorfschaften, in denen im Durchschnitt keine sechs
                  Jagdflinten aufzutreiben sind, wollen sich dem Marschall Ney entgegenstellen, à
                  Ney, le héros de la Moskwa. Quant à moi, ich habe nur den Eindruck des Wahnsinns
                  von diesem extravaganten Tun und hoffe, daß die Weisheit des Staatskanzlers, der
                  ich unbedingt vertraue, uns vor einer Politik bewahrt, die uns vernichten und
                  nicht einmal das Mitleid der anderen Staaten sichern würde. Car le ridicule ne
                  trouve jamais de pitié.</p>
               <p>Ich sehe stilleren Zeiten und stabileren Zuständen vertrauungsvoll entgegen;
                  Rußland ist keine aggressive Macht; Frankreich wird seine Welteroberungspläne
                  begraben und nach einer Epoche zwanzigjähriger Unruhe eine Epoche des Friedens
                  folgen lassen. J'en suis convainçu. Paris wird wieder werden, was es immer war und
                  was es nie hätte aufhören sollen zu sein: le centre de la civilisation européenne.
                  Je le désire dans l'intérêt universel et dans le nôtre. Dieu veuille vous prendre
                  dans sa sainte garde, mon cher Ladalinski. Tout à vous votre cousine</p>
               <!--milestone hi_start-->
               <p>Amélie P.«</p>
               <!--milestone hi_end-->

               <p>Der Geheimrat legte den Brief aus der Hand, dessen politische Meinungen einen
                  geringen, die voraufgehenden Bemerkungen über Kathinka und Bninski aber einen
                  desto größeren Eindruck auf ihn gemacht hatten. Er las die Stelle noch einmal:
                  »Die Gegenwart des Grafen in Ihrem Hause stört unsere Pläne, und doch ist sie
                  nicht zu ändern; alles, was sich ziemt, ist Achtsamkeit und Vermeidung dessen, was
                  das Feuer schüren könnte.« Als er aufsah, fiel sein Blick auf das schöne
                  Frauenbild ihm gegenüber, und allerhand Erinnerungen, in die sich zum ersten Male
                  auch Befürchtungen für die Zukunft mischten, <pb/> drängten sich ihm auf. Er
                  kannte die Geschichte so vieler Familien. »Es erben...«, aber ehe er den Gedanken
                  ausdenken konnte, grüßte ihn der Zuruf: »Guten Morgen, Papa«, und auf seinem Sitze
                  sich wendend, sah er Kathinka, die, den Kopf durch die Portiere steckend, ihm
                  freundlich zunickte. Im selben Augenblicke war sie an seiner Seite, und unter
                  ihren Liebkosungen schwanden die trüben Bilder, die noch eben vor seiner Seele
                  gestanden hatten.</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Viertes Kapitel</head>
               <head>Bei Frau Hulen</head>
               <p>An demselben Abend war Gesellschaft bei Frau Hulen. Sie konnte damit, wenn sie
                  standesgemäß auftreten und die ganze Flucht ihrer Zimmer öffnen wollte, nicht
                  länger zögern, da Lewin für den nächsten Tag schon seine Rückkehr von Hohen-Vietz
                  angezeigt hatte. Gleich nach Eintreffen dieses Briefes waren denn auch unter
                  Beihilfe eines kleinen lahmen Jungen, der in dem Keller nebenan die Bierflaschen
                  spülte und wegen seines körperlichen Gebrechens sonderbarerweise als Laufbursche
                  benutzt wurde, die Einladungen ergangen und ohne Ausnahme angenommen worden.</p>
               <p>Um sieben Uhr brannten die Lichter in der ganzen Hulenschen Wohnung, die, neben
                  einer kleinen, schon im Seitenflügel befindlichen Küche, aus zwei Frontzimmern und
                  zwei dunklen Alkoven bestand. Die Hälfte davon war an Lewin vermietet, der
                  indessen in seiner Abwesenheit und bei den freundschaftlichen Beziehungen, die
                  zwischen ihm und seiner Wirtin obwalteten, nicht das geringste dagegen hatte,
                  seinen Wohnungsanteil in die Festräume hineingezogen zu sehen.</p>
               <p>Und Festräume waren es heute, ganz abgesehen von den Lichtern und Lichterchen, die
                  bis in den Flur hinaus nicht gespart waren. In beiden Öfen war geheizt, und auf
                  den Simsen schwelten Räucherkerzchen, schwarze und rote, während alle Kunst- und
                  Erinnerungsgegenstände, auf die Frau Hulen die <pb/> besondere Aufmerksamkeit
                  ihrer Gäste hinzulenken wünschte, noch eine besondere, ihnen angemessene
                  Beleuchtung erfahren hatten. Unter diesen Gegenständen standen die Papparbeiten
                  ihres verstorbenen Mannes, der Werk- und Küpenmeister in einer kleinen Färberei,
                  in seinen Mußestunden aber ein plastischer Künstler gewesen war, obenan. Das
                  meiste lag nach der architektonischen Seite hin. Außer einem offenen und
                  figurenreichen Theater, das die Lagerszene aus den »Räubern« darstellte, hatte er
                  seiner Witwe einen dorischen Tempel und einen viertehalb Fuß hohen, in allen
                  seinen Öffnungen mit Rosapapier ausgeklebten Straßburger Münster hinterlassen, der
                  nun heute mit Hilfe kleiner Öllämpchen bis in seine Turmspitze hinauf erglühte.
                  Dieser Münster, wie noch bemerkt werden mag, stand auf einer hochbeinigen
                  Pfeilerkommode und verdeckte gewöhnlich einen dahinter befindlichen kleinen
                  Spiegel; nicht aber heute, wo derselbe, um nicht den Verdacht aufkommen zu lassen,
                  als ob es der Zimmereinrichtung an irgend etwas Standesgemäßem gebräche, um drei
                  Handbreit höher hinaufgerückt worden war. Nur die Turmspitze sah gerade noch in
                  das etwas bleifarbene Glas hinein.</p>
               <p>Und wie zeigte sich Frau Hulen selber? Sie trug außer der hohen weißen Haube, ohne
                  welche sich niemand entsann sie je gesehen zu haben, ein braunes, noch von ihrem
                  Seligen eigenhändig gefärbtes Merinokleid, dazu ein schwarzes, eng um den Hals
                  gepaßtes Sammetband, in das abwechselnd blaue und gelbe Sterne eingestickt
                  waren.</p>
               <p>»Wie wird es ablaufen?« fragte sie sich und ging noch einmal alle wichtigen Punkte
                  durch, putzte die Lichter, nur um ihre Unruhe loszuwerden, und strich in Lewins
                  Alkoven, der heute als Garderobezimmer dienen mußte, die Bettdecke glatt. Dann sah
                  sie wieder nach dem Straßburger Münster und seiner Beleuchtung, und ihr war, als
                  ob sie hätte eintreten sollen. »Wie wird es werden?« wiederholte sie beklommen,
                  und zugleich einen Blick in den Spiegel werfend, zupfte sie an dem Halsband, das
                  sich etwas verschoben hatte.</p>
               <p>In diesem Augenblicke klingelte es. Frau Hulen beeilte sich <pb/> aufzumachen und
                  war einigermaßen verstimmt, als sie wahrnahm, daß es nur die Zunzen war, eine alte
                  taube Frau, die mit ihr auf demselben Flur wohnte und ihre Einladung zu der
                  heutigen Reunion bloß aus Furcht vor ihren Klatschereien erhalten hatte. Denn sie
                  hatte Gott in der Welt nichts zu tun und stand, sooft sie jemanden ins Haus treten
                  und die letzte Treppe heraufkommen sah, immer hinter dem Kuckloch ihrer Doppeltür,
                  um auszukundschaften, wer und was es eigentlich sei.</p>
               <p>»Ich bin wohl die erste, liebe Hulen. Na, einer muß der erste sein.«</p>
               <p>»Gewiß, liebe Zunz, und Sie werden doch Ihre nächste Nachbarin nicht warten
                  lassen. Wollen Sie nicht Ihr Tuch ablegen?«</p>
               <p>Die Alte, die die Worte der Hulen nicht recht verstanden, aber doch aus ihren
                  Handbewegungen entnommen hatte, um was es sich handelte, schüttelte verdrießlich
                  den Kopf, zog ihr rotes Crèpe-de-Chine-Tuch, ein Wahrzeichen aus alten, besseren
                  Zeiten her, fester um sich und schritt gravitätisch, als fühle sie sich sicher in
                  dem Furchtgefühl, das sie einflößte, in das nächstgelegene Zimmer. Es war das
                  Lewins. Hier sah sie sich neugierig um, nickte ein paarmal, wie um ihre
                  Überraschung über die Mitverwendung der doch vermieteten Räume auszudrücken, und
                  fragte dann: »Der junge Herr ist wohl verreist?«</p>
               <p>»Freilich, liebe Zunz, Sie wissen es ja.«</p>
               <p>»So, so«, brummte die Alte und fuhr mit dem Zeigefinger über das kleine Klavier
                  hin, um zu sehen, ob auch der Staub gewischt sei. Dann passierte sie, ein paarmal
                  hüstelnd, wie wenn ihr der Räucherkerzchenqualm beschwerlich falle, die Schwelle
                  zur »guten Stube« und nahm auf dem Sofa Platz.</p>
               <p>Dies widersprach nun aber ganz und gar den gesellschaftlichen Arrangements der
                  Hulen, so daß diese, ärgerlich über die Anmaßung der Alten, sich von der Furcht
                  vor ihr frei zu machen begann.</p>
               <p>»Bitte hier, liebe Zunz«, damit wies sie auf einen steiflehnigen <pb/>
                  Großvaterstuhl, der zwischen dem Ofen und einer Etagere stand. »Ich hole Ihnen
                  auch das Bilderbuch.«</p>
               <p>Die Alte murmelte etwas, das fast wie Protest und jedenfalls wie Verwunderung
                  klang, gehorchte aber doch und setzte sich in den Stuhl, auf den die Hulen
                  hingewiesen hatte. Gleich darauf kam diese wieder, in beiden Händen ein großes und
                  ziemlich schweres Buch haltend, auf dessen Titelblatt (der oberste Deckel war
                  abgerissen) in dicken Buchstaben zu lesen stand: »Die Singvögel Norddeutschlands;
                  neunzig kolorierte Kupfertafeln.«</p>
               <p>Die Zunzen schlug auf, aber sie war noch nicht beim dritten Blatt, als es abermals
                  klingelte.</p>
               <p>Die jetzt Erscheinende war Demoiselle Laacke, Musik- und Gesanglehrerin und die
                  besondere Freundin der Hulen, die sich durch diesen Umgang geschmeichelt fühlte,
                  ein Mädchen von vierzig, groß, hager, mit langem Hals und dünnem rotblonden Haar.
                  Ihre wasserblauen Augen, beinahe wimperlos, hatten keine selbständige Bewegung,
                  folgten vielmehr immer nur den Bewegungen ihres Kopfes und lächelten dabei
                  horizontal in die Welt hinein, als ob sie sagen wollten: »Ich bin die Laacke; ihr
                  wißt schon, die Laacke, mit reinem Ruf und unbescholtener Stimme.« Von der Königin
                  Luise hatte sie, bei Gelegenheit eines Wohltätigkeitskonzerts, eine Amethystbroche
                  erhalten. Diese trug sie seitdem beständig. Im übrigen waren Armut, Demut und
                  Hochmut die drei Grazien, die an ihrer Wiege gestanden und sie durch das Leben
                  begleitet hatten. Sie verneigte sich artig, wenn auch etwas steif und
                  herablassend, gegen die alte Zunzen und nahm dann wie selbstverständlich auf dem
                  Sofa Platz.</p>
               <p>Frau Hulen setzte sich zu der Neuangekommenen, patschelte ihr die Linke und sagte:
                  »Wie froh ich bin, Sie zu sehen, liebe Laacke. Sie sind immer so gut und machen
                  keinen Unterschied.«</p>
               <p>»Ach, liebe Hulen, wie können Sie nur davon sprechen; das wäre ja ungebildet. Sind
                  wir denn nicht alle Menschen?«</p>
               <p>Hier trat eine kleine Pause ein, während welcher die Klavierlehrerin <pb/> ihren
                  Shawl von der schmalen und abschüssigen Schulter herabgleiten ließ. Dann fragte
                  sie: »Wen darf man denn noch erwarten?«</p>
               <p>Die Hulen rückte unruhig hin und her und sagte dann etwas verlegen: »Die
                  Ziebolds.«</p>
               <p>»Oh, die Ziebolds! Das ist ja hübsch. Ich entsinne mich; er hat eine Stimme, Tenor
                  oder Bariton.«</p>
               <p>»Ja, er hat eine Stimme«, fuhr die Hulen fort, »und ist immer spaßhaft und
                  manierlich, aber es mag doch keiner neben ihm sitzen. Und neben der Frau erst
                  recht nicht. Das macht die Pfandleihe. Sehen Sie, die alten Ziebolds, was also die
                  Eltern von diesen Ziebolds waren, das waren sehr gute Leute, ja man kann sagen, es
                  waren feine Leute. Sie hatten das Leinewand- und Strumpfwarengeschäft, Ecke der
                  Jüden und Stralauer, und wir wohnten auf demselben Hof. Das war das Jahr vorher,
                  als der Alte Fritz starb. Und da wurde ja meine alte Mutter krank, und weil sie
                  wieder zu Kräften kommen sollte und ich nicht kochen konnte, weil ich ja immer aus
                  mußte wegen der Näherei, ja, liebe Laacken, ich habe mich auch quälen müssen, da
                  kamen ja nun die Ziebolds, und einen Tag gab es eine Suppe und den andern Tag
                  Braten oder Huhn, immer Flügel und Brust, und sonntags schickte der alte Mann, der
                  eigentlich geizig war, aber ich kann es ihm nicht nachsagen, eine halbe Flasche
                  Wein. Und so ging es bis an ihren Tod, ich meine meiner Mutter Tod.«</p>
               <p>Bei dieser Erinnerung fuhr die Sprecherin mit ihrem Zeigefingerknöchel über das
                  rechte Auge.</p>
               <p>»Das waren also die alten Ziebolds?« bemerkte Mamsell Laacke, die durch Betonung
                  des Wortes andeuten wollte, daß sie eigentlich von den jungen Ziebolds zu hören
                  gehofft hatte. Die Hulen verstand es auch und fuhr fort:</p>
               <p>»Ja, das waren die alten, das heißt, sie waren noch gar nicht alt, so um Mitte
                  Fünfzig, aber sie machten es auch nicht lange mehr und starben denselben Winter
                  noch, wo meine Mutter gestorben war. Erst sie, den dritten Weihnachtsfeiertag,
                  wenn es nicht schon der zweite gewesen ist, er aber schleppte sich <pb/> noch so
                  bis in den März. Sie wissen ja, liebe Laacke: ›Märzensonne und Märzenluft graben
                  manchem seine Gruft.‹ Er war immer schwach auf der Brust.«</p>
               <p>»Und da kam denn wohl das Geschäft an die jungen Ziebolds?« fragte jetzt Mamsell
                  Laacke mit allen Zeichen der Teilnahme an den sich rasch häufenden
                  Todesfällen.</p>
               <p>»Ja, an die jungen Ziebolds«, bestätigte die Hulen, »das heißt an ihn, denn er
                  hatte damals noch keine Frau. Er war nämlich ein sehr hübscher Mann, und weil er
                  gut reden konnte und eine goldene Brille trug, so sagten sie immer, er sähe aus
                  wie ein Justizkommissarius, und sie nannten ihn auch ›Herr Justizkommissarius
                  Ziebold‹. Das schmeichelte ihm, und er war immer mit Schauspielern und ihren
                  Mamsells zusammen, und eines Tages hatte er eine an dem Hals.«</p>
               <p>»Seine jetzige Frau? Ah, ich verstehe.«</p>
               <p>»Ja, seine Frau. Da hing denn nun der Himmel voller Geigen. Aber der Krug geht so
                  lange zu Wasser, bis er bricht, und es war noch kein Jahr um, da war alles
                  verkauft, und sie kamen in Not, wie mir die Zunzen erzählt hat. Denn ich wohnte
                  damals noch in der Roßstraße.«</p>
               <p>Die Zunzen, die trotz ihrer Taubheit das meiste verstanden hatte, nickte mit dem
                  Kopfe.</p>
               <p>»Die junge Ziebolden aber«, fuhr die Hulen fort, »das war immer eine sehr resolute
                  Person, und sie wußte bald Rat, und als ich meinen Mann heiratete und wieder
                  hierher in die Klosterstraße zog, da wohnten sie schon auf dem Hohen Steinweg und
                  hatten die Pfandleihe. Nun sehen Sie, liebe Laacke, die Pfandleihe, das war ja
                  noch nichts Schlimmes, und ich sagte damals zu meinem Seligen, daß ich die alten
                  Ziebolds gekannt hätte und daß es sehr gute Leute gewesen wären. Und so kamen wir
                  auch wieder zusammen und besuchten uns. Aber das dauerte ja gar nicht lange, da
                  hieß es: das mit der Pfandleihe, das sei bloß so nebenbei und die Ziebolds liehen
                  Geld auf hohe Zinsen und sie seien nicht besser als Wucherer und bei zehn Talern
                  müßten die Leute zwanzig Taler schreiben. Und das ist es, warum keiner neben den
                  Ziebolds sitzen will.«</p>
               <p>
                  <pb/> »Bitte, setzen Sie mich neben Herrn Ziebold«, bemerkte Mamsell Laacke mit
                  der ruhigen Haltung einer Äbtissin, die sich hinter dem Schild ihres Rufes und
                  ihrer Stellung gesichert weiß. »Und wen erwarten Sie noch?«</p>
               <p>»Herrn Feldwebel Klemm.«</p>
               <p>»Ach, der steife, alte Herr mit den Stulpstiefeln, der die Schlacht bei Torgau
                  gewonnen hat. Er streitet immer und trägt eine schwefelgelbe Weste. – Und wen
                  sonst noch?«</p>
               <p>»Herrn Nuntius Schimmelpenning.«</p>
               <p>»Schimmelpenning!« wiederholte die Laacke, »der Bote vom Kammergericht. Ich
                  entsinne mich. Er soll der Sohn des alten Präsidenten Schimmelpenning sein, nur
                  daß ihm das ›von‹ unter die Bank gefallen ist. Wie kommen Sie nur zu dem, liebe
                  Hulen? Ein wenig angenehmer Mann und so wichtig.«</p>
               <p>In diesem Augenblicke zog es wieder an dem Draht, und da die Frau Hulenschen
                  Gesellschaften wie andere Gesellschaften waren, so trat denn auch gerade derjenige
                  ein, von dem eben gesprochen worden war: Herr Nuntius Schimmelpenning. Er war ein
                  starker Fünfziger, mit aufgeworfenen Lippen, die er zusammenpreßte und dann wieder
                  schmatzend mit einem kleinen Paff öffnete, wobei er weiße, wundervolle Zähne
                  zeigte. Der alte Präsident hatte es ebenso gemacht. Übrigens hatte die Laacke
                  recht; er konnte an Aufgeblasenheit und Wichtigtuerei mit jedem Truthahn streiten
                  und sah in die Welt hinein, als ob er wenigstens sein Vater oder gar das
                  Kammergericht selbst gewesen wäre. Er glaubte auch so was.</p>
               <p>Frau Hulen stellte nun vor; Schimmelpenning aber, von der Verbeugung der ihm
                  unbequemen Mamsell Laacke nicht die geringste Notiz nehmend, schritt auf die alte
                  Zunzen zu, deren Namen ihm auch genannt worden war, und sagte mit lauter Stimme:
                  »Zunz; bei Graf Voß, Wilhelmsstraße? Entsinne mich; habe Ihren Mann noch
                  gekannt.«</p>
               <p>»Ich auch«, sagte die Alte, die aus Respekt vor der stattlichen Erscheinung des
                  Nuntius aufgestanden war, im übrigen aber, gerade weil er so laut sprach, alles
                  falsch verstanden hatte. Schimmelpenning, der nicht wußte, was er aus dem »Ich
                  auch« <pb/> der Alten machen sollte, und bei seiner immer regen Empfindlichkeit
                  nur allzu geneigt war, es für eine Verhöhnung zu nehmen, zog ein verdrießliches
                  Gesicht und schien überhaupt durch seine ganze Haltung ausdrücken zu wollen:
                  »Sonderbare Gesellschaft; wie komm ich nur dazu?« Dann trat er an die hochbeinige
                  Kommode, trommelte auf dem Dach des Straßburger Münsters und sah in den Spiegel
                  hinein, bei welcher Gelegenheit ihn wieder seine Ähnlichkeit mit dem alten
                  Präsidenten überraschte.</p>

               <p>Von dem Garderobezimmer her – in dem, wenn nicht alles täuschte, zwei rasch
                  hintereinander eingetroffene Paare mit dem Ablegen ihrer Sachen beschäftigt waren
                  – hörte man jetzt ein lebhaftes Sprechen, wie es Personen eigen ist, die mit einer
                  Art Nachdruck entweder ihre Unbefangenheit oder ihre besondere Berechtigung
                  ausdrücken wollen, und gleich darauf trat das erste dieser Paare in Frau Hulens
                  Zimmer ein. Es waren Herr Ziebold und Frau, er an seinen Löckchen und seiner
                  goldenen Brille, sie an ihrer theaterhaften Haltung und einem ebenso eng
                  anliegenden wie tief ausgeschnittenen Seidenkleid erkennbar.</p>
               <p>Schimmelpenning drückte statt eines Grußes nur leise das Kinn nach unten und würde
                  durch seine reservierte Haltung, die so weit ging, daß er beide Hände auf den
                  Rücken legte, noch mehr aufgefallen sein, wenn nicht das zweite Paar, das beinahe
                  unmittelbar folgte, die Aufmerksamkeit von ihm abzogen hätte. Es waren Herr
                  Deckenflechter Grüneberg und Tochter, ein hagerer, wachsfarbener Mann, der, weil
                  er auf einem kleinen Stubenwebstuhl allerhand filzartige Tuchstreifen zu breiten
                  und schmalen Fußdecken zusammenwebte, gelegentlich auch Herr Teppichfabrikant
                  Grüneberg genannt wurde. Er selbst bedeutete wenig, trotz seiner
                  Eulenphysiognomie, in welcher Stirn, Kinn und Nasenspitze an derselben senkrechten
                  Linie, Mund und Augen aber weit zurück und sozusagen wie im Schatten lagen; desto
                  mehr aber bedeutete seine Tochter, die, groß und stark und ohne alle Ähnlichkeit
                  mit ihm, überhaupt <pb/> gar nicht seine Tochter, sondern ein angeheiratetes Kind
                  aus seiner verstorbenen Frau erster Ehe war. Sie hieß Ulrike. Beinahe häßlich, mit
                  großen, nichtssagenden und zum Überfluß auch noch weit vorstehenden Augen, hatte
                  sie doch die feste Überzeugung: schön und durch ihre Schönheit zu etwas Höherem
                  berufen zu sein. Ihr Umgang mit Frau Hulen erschien ihr unter ihrem Stande, mehr
                  noch unter ihren persönlichen Ansprüchen, wurde aber doch von ihr gepflegt, weil
                  sie wußte, daß ein adeliger junger Herr bei der Alten zu Miete wohnte. Ihre
                  Gedanken gingen immer nach dieser Richtung hin.</p>
               <p>Herr Ziebold hatte sich neben Mamsell Laacke auf das Sofa gesetzt; Ulrike trat an
                  das Theater und nahm einzelne Figuren, Karl Moor, Roller und den hübschen
                  Kosinski, aus der offenen Szene heraus; von der Zunzen war keine Rede mehr.
                  Schimmelpenning, den Rücken gegen eins der Fenster gelehnt, starrte gleichgültig
                  auf die Decke, und nur Ziebold und Grüneberg unterhielten ein Tagesgespräch, zu
                  dem beide sehr ungleich beisteuerten, Grüneberg in einem Schwall von Worten,
                  Ziebold in einzelnen kurzen und mitunter spöttischen Bemerkungen. Die Hulen kam
                  immer mehr in Aufregung; sie fühlte, daß es nicht so ging, wie es gehen sollte,
                  und immer neue Versuche zur Annäherung ihrer Gäste machend, sagte sie schon zum
                  dritten oder vierten Mal: »Sie kennen sich ja schon von früher.«</p>
               <p>Die so Angeredeten schienen sich aber jedesmal nur sehr langsam und widerstrebend
                  darauf zu besinnen. Die Widerstrebendste war Frau Ziebold. Sie spielte mit ihrer
                  goldenen Erbskette, über deren Ursprung allerhand dunkele Gerüchte gingen, und
                  warf ihrem Manne Blicke zu, sich mit dem dummen Menschen, dem Grüneberg, nicht zu
                  weit einzulassen. Sonst verzog sie keine Miene. Nur wenn sie Ulrikens Wichtigkeit
                  sah, lächelte sie. Denn sie kannte die Grünebergs »vom Geschäft her« und hatte der
                  Tochter, die hinter dem Rücken des Vaters alles tat, was ihr bequem war, mehr als
                  einmal aus der Verlegenheit geholfen.</p>
               <p>Von Gästen fehlte nur noch Feldwebel Klemm; endlich kam <pb/> auch er, und Frau
                  Hulen, die Wunderdinge von ihm erwartete, atmete auf. Er war in demselben Aufzuge,
                  Stulpenstiefel und hochzugeknöpfte schwefelgelbe Weste, in dem er sich überall
                  präsentierte, und machte sich, nachdem er Mamsell Laacke zum Ärger Ulrikens mit
                  besonderer Auszeichnung begrüßt hatte, namentlich mit den Ziebolds zu schaffen,
                  sei es, weil er in seiner Eigenschaft als Zwischenträger und Gelegenheitsmacher
                  allerhand unaufgeklärte Beziehungen zu ihnen hatte oder weil er einfach zeigen
                  wollte, daß er das Recht habe, sich über das Gerede der Leute wegzusetzen und
                  seine Sonne über Gerechte und Ungerechte scheinen zu lassen. An Schimmelpenning,
                  der mittlerweile seine Stellung mit halbrechts gewechselt und sich an einen
                  altmodischen Eckschrank gelehnt hatte, ging er ohne Gruß vorüber; beide maßen sich
                  mit einem Ausdruck von Geringschätzung.</p>
               <p>»Wir sind nun alle beisammen«, nahm Frau Hulen das Wort, »und ich denke, wir
                  wollen recht fröhlich und ausgelassen sein. Nicht wahr, liebe Laacke? Sie singen
                  uns doch nachher etwas? ›Schweizerfamilie‹ oder ›Bei Männern, welche Liebe
                  fühlen‹.«</p>
               <p>»Aber, liebe Hulen.«</p>
               <p>»Warum nicht, Laackechen? Es ist ja bloß ein Lied. Und Mamsell Ulrike hört es
                  gewiß gern und wir andern auch. Und nicht wahr, Herr Ziebold, Sie begleiten doch?
                  Aber nun wollen wir uns zu Tische setzen. Bitte, liebe Zunzen, helfen Sie mir den
                  Tisch hereinbringen.«</p>
               <p>Unsere gute Hulen hatte die letzten Worte sehr laut gesprochen; nichtsdestoweniger
                  antwortete die Alte, die vielleicht wirklich nicht gehört hatte, vielleicht auch
                  nur ärgerlich war, zu dieser Dienstleistung wie selbstverständlich herangezogen zu
                  werden: »Na, ich denke doch, bis zehn«, worauf sich Mamsell Laacke, um allen
                  weiteren Erörterungen vorzubeugen, mit fast jugendlicher Raschheit erhob und den
                  Eßtisch aus der Küche hereintragen half. Stühle wurden gerückt, und in kürzester
                  Zeit saß alles: Klemm obenan, Frau Hulen unten, die Zunzen dicht neben ihr; dann
                  kamen die Pfandleihersleute, an <pb/> beiden Ecken einander gegenüber; neben
                  Ziebold, wie sie es sich ausbedungen hatte, die Laacke.</p>
               <p>Alle Speisen standen schon in der Mitte, als erster Gang eine große Schüssel mit
                  Mohnpielen, daneben links ein Heringssalat und rechts eine Sülze. Alles reich
                  gewürzt; auf dem Mohn eine dichte Lage von gestoßenem Zimt, auf dem Salat kleine
                  Zwiebeln, die mit Pfeffergurken und sauren Kirschen abwechselten. Ein echtes
                  Berliner Essen.</p>
               <p>»Bitte, so vorliebzunehmen; Mamsell Ulrike, wollen Sie nicht so gut sein und die
                  Pielen herumgehen lassen? Gott, wie ich mich freue!«</p>
               <p>»Ganz auf unserer Seite«, antwortete Herr Ziebold und putzte erst seine Brille,
                  dann heimlich auch die Gabel am Tischtuchzipfel ab.</p>
               <p>Was das Gespräch anging, so konnte sich's aller Wahrscheinlichkeit nach nur darum
                  handeln, ob es durch Klemm oder Schimmelpenning geführt werden sollte; Grüneberg
                  war zu einfältig, und Ziebold, der in seinen jungen Jahren ein echter Berliner
                  Vielsprecher gewesen war, hatte sich inzwischen aus diesem Geschäft zurückgezogen
                  und begnügte sich damit, die Reden anderer mit einigen Schlagwörtern zu
                  begleiten.</p>
               <p>»Sagen Sie, liebe Hulen«, nahm Schimmelpenning das Wort, »wie heißt denn
                  eigentlich der junge Herr, der bei Ihnen wohnt?«</p>
               <p>»Vitzewitz, Herr Nuntius.«</p>
               <p>»Vitzewitz«, wiederholte dieser, »ein sonderbarer Name.«</p>
               <p>»Es kann nicht jeder Schimmelpenning heißen«, sagte Klemm und wechselte Blicke mit
                  seinem Gegner. »Übrigens, wenn ich recht unterrichtet bin, heißt er von
                  Vitzewitz.«</p>
               <p>Schimmelpenning war gerade gescheit genug, um die Malice herauszufühlen,
                  ignorierte die Zwischenrede aber völlig und fuhr zu Frau Hulen gewandt fort: »Was
                  studiert er denn eigentlich?«</p>
               <p>»Er studiert... es ist so was Fremdes und Lateinisches, und wenn er noch ein paar
                  Jahre dabei bleibt, dann kommt er ans Kammergericht.«</p>
               <p>
                  <pb/> »Nu, nu«, sagte Schimmelpenning und reckte sich etwas höher.</p>
               <p>»Aber er wird nicht dabei bleiben; er hat immer anderes vor und liest den ganzen
                  Tag Komödienstücke von einem Mohr, der seine Frau würgte, und von einem alten
                  König, der wahnsinnig wurde, weil ihn seine Kinder, noch dazu Töchter, im Stiche
                  ließen. Ich höre das immer, denn er spricht so laut, daß es die Zunzen durch die
                  Wand hören könnte, nicht wahr, liebe Zunz, und wenn ich dann anklopfe und ihm
                  einen Brief bringe oder eine Flasche frisches Wasser, dann seh ich mitunter, daß
                  er geweint hat. Ja, Sie lachen, Herr Schimmelpenning, aber er hat ein weiches
                  Herz, und ein weiches Herz ist keine Schande. Ich könnte davon erzählen, wie gut
                  er ist.«</p>
               <p>»Nun, so erzählen Sie doch«, rief Ulrike, während Frau Ziebold und ihr Mann sich
                  wieder verständnisvoll ansahen.</p>
               <p>Die Hulen aber fuhr fort: »Nun gut, Ulrikchen, ich will es Ihnen erzählen. Unsere
                  Betten stehen nämlich Wand an Wand, und die Wand hat nur einen Stein. Und nun hab
                  ich ja meinen Magenkrampf, und da hilft nichts, kein Doktor und kein Apotheker.
                  Und richtig, es war so um Martini herum, und vielleicht war ich auch selber
                  schuld, weil ich von dem Gänsebraten gegessen hatte, der immer Gift für mich ist,
                  und siehe da, da hatt ich ihn wieder. Und ich wußte mir nicht anders zu helfen,
                  denn die Wehtage wurden immer größer, und ich klopfte. Erst ganz leise; und als
                  ich das zweite Mal geklopft hatte, da rief er: ›Gleich, Frau Hulen, ich komme
                  schon.‹ Und als ich noch so denke, was wohl das beste sein wird, da steht er auch
                  schon da, gestiefelt und gespornt, und sagt bloß: ›Magenkrampf? Ich dacht es mir;
                  na, da weiß ich Bescheid, Frau Hulen.‹ Und keine halbe Minute, da hör ich ihn in
                  der Küche, wie er Holz spaltet und in der Asche herumklopft und an meinem
                  Küchenschapp die Kasten aufzieht, einen nach dem andern. Und nu merk ich ja, was
                  er vorhat, und rufe aus meinem Bett heraus: ›Zweites Fach, rechts.‹ – ›Schon gut,
                  Frau Hulen‹, sagt er, ›ich habe schon‹, und nu dauert es auch gar nicht lange
                  mehr, da ist er da. Und was bringt er? Einen richtigen <pb/> Kamillentee, bloß ein
                  bißchen zu stark und noch zu heiß. Aber da goß er ihn ja aus der Obertasse in die
                  Untertasse, zweimal, dreimal, bis er mundrecht war. Und nu trank ich. Und wollen
                  Sie glauben, mir wurde gleich besser. Ich will nich sagen, daß es der Kamillentee
                  war, aber die Guttat war es, die ging mir zu Herzen, und der Magenkrampf war
                  weg.«</p>
               <p>»Aber liebe Hulen!« sagte jetzt langsam und jede Silbe betonend die Laacke, die
                  während der ganzen Erzählung verlegen auf ihren Teller geblickt hatte.</p>
               <p>Die Hulen aber ließ sich nicht einschüchtern und erwiderte ziemlich scharf: »Liebe
                  Laacke, ich sehe bloß, daß Sie noch keinen Magenkrampf gehabt haben.«</p>
               <p>»Sehr richtig«, bemerkte Ziebold, indem er der neben ihm sitzenden Alten gutmütig
                  und vertraulich auf ihrer welken Hand herumtrillerte, »ich habe die Bekanntschaft
                  dieses Peinigers nur einmal gemacht, aber gerade gründlich genug, um zeitlebens zu
                  wissen, was es mit ihm auf sich hat. Das war Anno sechs, an dem Tage, als die
                  Löffelgarde einzog. Es regnete leise und war schon kalt. Wann war es doch, Herr
                  Feldwebel Klemm?«</p>
               <p>»Ende Oktober.«</p>
               <p>»Ganz richtig; ich erkältete mich bis auf den Tod und hatte Schmerzen, daß ich
                  schrie; aber es tut mir doch nicht leid, bei diesem Löffelgardeneinzug mit
                  dabeigewesen zu sein.«</p>
               <p>»Warum hieß es denn eigentlich die Löffelgarde?« fragte Ulrike.</p>
               <p>»Weil sie statt des Federstutzes einen blechernen Löffel trugen. Die anderen
                  Herrschaften werden es damals alle gesehen haben, aber wenn Mamsell Grüneberg
                  davon hören will...«</p>
               <p>»Bitte«, sagte Ulrike verbindlich, und Ziebold, der sich von der ihm unbequem
                  werdenden Kontrolle seiner Frau frei zu machen begann, fuhr ohne weiteres fort:
                  »Diese Löffelgarde, wie mir Herr Feldwebel Klemm bestätigen wird, hatte allerhand
                  Absonderlichkeiten und schickte, wenn sie einzog, einen aus ihrer Mitte voraus,
                  der zwanzig oder dreißig Schritt vor der nachrückenden Kolonne ging und durch
                  sonderbare Manieren und ein absichtlich abgerissenes Kostüm ankündigen mußte:
                  <pb/> ›Jetzt kommt die Löffelgarde!‹ Denn sie waren stolz auf ihren Namen und ihr
                  Abzeichen.«</p>
               <p>Ziebold, der als guter Erzähler den Wert einer Pause zu schätzen wußte, bat hier
                  um ein Glas Wasser und nahm erst, als Frau Hulen das Gewünschte gebracht hatte,
                  seinen Faden wieder auf.</p>
               <p>»Ich sehe noch den ersten, der durch das Hallesche Tor kam. Er gehörte zu dem
                  schlimmen Davoustschen Corps, und alles, was dieses Corps bedeutete, das lag in
                  diesem einen vorausmarschierenden Mann. Er war lang und hager, mit blassem Gesicht
                  und pechschwarzem Haar, das ihm tief in die Stirn hing. Seine Beinkleider, von
                  einer Art Leinenzeug, waren schmutzig und zerrissen, und die halbnackten Füße
                  steckten in Schuhen, eigentlich nur noch Sohlen, die wie Sandalen festgebunden
                  waren. Ein Pudel, den er an einem Strick führte, ging auf zwei Beinen nebenher und
                  fing die Brotstücke auf, die ihm von ihm zugeworfen wurden. An seinem Pallasch
                  aber, den er statt des gewöhnlichen Infanteriesäbels trug, hing eine Gans, und auf
                  dem kleinen, fuchsig gewordenen Hut, den er schief und pfiffig aufgesetzt hatte,
                  steckte der blecherne Löffel, das Feldzeichen der ganzen Bande.«</p>
               <p>»Ach, wie nett«, sagte Ulrike, der zu Ehren die ganze Geschichte erzählt worden
                  war, »ein blecherner Löffel, es ist doch zu komisch.«</p>
               <p>Feldwebel Klemm aber, der keine Gelegenheit vorübergehen ließ, seine
                  Franzosenfreundlichkeit zu betonen, und durch den wohlberechneten Appell an sein
                  endgültiges Urteil nicht ganz gewonnen worden war, rief über den Tisch hin: »Ich
                  möchte Herrn Ziebold nur bemerken, daß es doch am Ende keine ›Bande‹ war, die
                  damals unter dem Befehl des Marschall Davoust, Herzogs von Auerstedt und späteren
                  Prinzen von Eckmühl, Durchlaucht, durch das Hallesche Tor einzog. Wenn es aber
                  eine Bande war, so war es jedenfalls eine ganz aparte, denn sie kam recte von Jena
                  her, wo wir, um es milde zu sagen, vor dieser Bande nicht zum besten bestanden
                  hatten.«</p>
               <p>»Nein, nicht zum besten«, antwortete Frau Hulen. »Aber <pb/> nichts für ungut,
                  Herr Feldwebel Klemm, davon dürfen wir nicht sprechen, denn das ist ein schlechter
                  Vogel, der sein eigen Nest beschmutzt, und das Unglück von damals oder die Schande
                  von damals, ich weiß nicht, was richtig ist, das muß nun begraben und vergessen
                  sein. Ich habe freilich auch gedacht, es wäre mit uns vorbei, weil es alle Leute
                  sagten, und man ist doch nur eine arme Frau, die nicht ›nein‹ sagen darf, wenn die
                  andern ›ja‹ sagen. Aber das kann ich Ihnen sagen, Herr Klemm, schon das nächste
                  Jahr, als ich die zwei grünen Särge sah, da wußte ich, daß wir wieder aufkommen
                  würden.«</p>
               <p>»Zwei grüne Särge?« fragte Ulrike und versuchte zu lachen.</p>
               <p>»Ja, zwei grüne Särge, drin die beiden alten Sängebuschens begraben wurden. Er und
                  sie. Haben Sie denn nicht davon gehört, Ulrikchen? Sie müssen doch damals, mit
                  Permission, schon ein halbwachsenes junges Ding gewesen sein.«</p>
               <p>»Nein«, versicherte Ulrike.</p>
               <p>»Nun«, fuhr Frau Hulen fort, »die beiden alten Sängebuschens, die hier gleich um
                  die Ecke wohnten, zwei Häuser von der Waisenkirche, die waren es also. Er war
                  Registrator, aber früher war er Soldat gewesen und hatte unter vier Königen
                  gedient, und als das Rheinsberger Denkmal fertig war und Prinz Heinrich alle alten
                  Soldaten einlud, da lud er auch den alten Sängebusch ein, daß er mit dabeisein
                  sollte. Ich habe den Brief selbst gesehen, alles deutsch geschrieben, aber Henri
                  war französisch. Und als er nun starb, ich meine den alten Sängebusch, da fanden
                  sie einen Zettel, darauf geschrieben stand, daß er in einem grünen Sarge begraben
                  werden wolle, bloß um seinen Glauben und seine Zuversicht zu zeigen, daß sein
                  liebes Vaterland Preußen wieder aufkommen würde... Und nun starb ja die Frau, die
                  auch alt und krank war, denselben Tag, und so kam es, daß zwei grüne Särge
                  bestellt wurden. Der alte Prediger Buntebart aber, als sie begraben werden
                  sollten, ließ eine schwarze Bahrdecke darüber decken, weil er ängstlich war und
                  keinen Lärm und keinen Aufstand haben wollte. Aber da kannt er die Berliner
                  schlecht, und als der Zug sich in Bewegung <pb/> setzte, rissen sie die Bahrdecke
                  herunter, daß die grünen Särge wieder sichtbar wurden, und so trugen sie sie
                  zwischen vielen tausend Menschen hin, und alles nahm den Hut ab und dachte bei
                  sich: ›Ob wohl der alte Sängebusch recht behalten wird?‹ Und er hat recht
                  behalten. Bäcker Lehweß, als ich heute das Frühstück holte, sagte zu mir: ›Hören
                  Sie, Hulen, Preußen kommt wieder auf.‹ Und der alte Bäcker Lehweß sagt nicht
                  leicht was, was er nicht verantworten kann.«</p>
               <p>Herr Ziebold nickte der alten Hulen freundlich zu, Feldwebel Klemm aber, mit dem
                  linken Zeigefinger zwischen Hals und Krawatte hin- und herfahrend, sagte halb
                  ungeduldig, halb herablassend: »Das ist eine rührende Geschichte, Frau Hulen; aber
                  den alten Sängebusch und seinen grünen Sarg in Ehren, er könnte sich doch geirrt
                  haben.«</p>
               <p>»Wer nicht?« antwortete Schimmelpenning, der nicht leicht eine Gelegenheit
                  vorübergehen ließ, einer von Klemm geäußerten Ansicht zu widersprechen. »Wer
                  nicht? sage ich noch einmal; Sie, ich, jeder. Irren ist menschlich, aber dieser
                  alte Sängebusch hat sich nicht geirrt. Ich bitte mich nicht mißzuverstehen; grüne
                  Särge hin, grüne Särge her, ich bin Protestant und verachte jeden Aberglauben.
                  Diese grünen Särge sind eine Kinderei. Aber wir müssen doch wieder aufkommen, und
                  warum? Weil wir die Gerechtigkeit haben. Da liegt es. Iustitia fundamentum
                  imperii. Zeigen Sie mir in der ganzen alten und neuen Geschichte so etwas wie die
                  Mühle von Sanssouci oder wie den Müller Arnoldschen Prozeß. Das Kammergericht,
                  meine Herrschaften. Und ›es gibt noch Richter in Berlin‹, haben selbst unsere
                  Feinde zugestanden. Ich will nichts gegen die Franzosen sagen, aber eins muß ich
                  sagen: sie haben keine Gerechtigkeit. Und wo keine Gerechtigkeit ist, da ist kein
                  Maß, und wo kein Maß ist, da ist kein Sieg. Und wenn ein Sieg da war, so hat er
                  keine Dauer und verwandelt sich in Niederlage. Und der Anfang dieser Niederlage
                  ist da. Der Russe drängt nach, wir legen uns vor, und so zerreiben wir diese
                  französische Herrlichkeit wie zwischen zwei Mühlsteinen.«</p>
               <p>
                  <pb/> »Sie sprechen von zwei Mühlsteinen«, lächelte Klemm, »gut, ich lasse die
                  zwei Steine gelten, aber was dazwischen zerrieben werden wird, das werden nicht
                  die Franzosen sein, sondern die Russen.«</p>
               <p>»Nicht doch, nicht doch«, riefen Ziebold und Grüneberg gleichzeitig und setzten
                  dann hinzu: »Oder zeigen Sie uns wenigstens, wie.«</p>
               <p>Dieser Aufforderung hatte Klemm entgegengesehen.</p>
               <p>»Es wäre gut, wir hätten eine Karte«, sagte er; »aber ein paar Striche tun es
                  auch. Frau Hulen, ich bitte um einen Bogen Papier.«</p>
               <p>Frau Hulen beeilte sich, den gewünschten Bogen herbeizuschaffen, auf dem Klemm
                  nun, mit jener Sicherheit, wie sie nur die tägliche Wiederholung gibt, dieselben
                  Linien zu zeichnen begann, die er schon am Neujahrsabend mit Kreide auf den Tisch
                  gezeichnet hatte.</p>
               <p>Dann hob er an: »Dieser dicke Strich also, wie ich zu bemerken bitte, ist die
                  Grenze, rechts Rußland, links Preußen und Polen. Achten Sie darauf, meine
                  Herrschaften, auch Polen. Hier links ist Berlin, und hier, zwischen Berlin und dem
                  dicken russischen Grenzstrich, diese zwei kleinen Schlängellinien, das sind die
                  Oder und die Weichsel. Nun müssen Sie wissen, an der Oder und Weichsel hin, in
                  sechs großen und kleinen Festungen, stecken dreißigtausend Mann Franzosen, und
                  ebenso viele stecken hier unten in Polen, in einer sogenannten Flankenstellung,
                  halb schon im Rücken. Ich wiederhole Ihnen, achten Sie darauf; denn in dieser
                  Flankenstellung liegt die Entscheidung. Jetzt drängt der Russe nach; schwach ist
                  er, denn wenn eine Armee friert, friert die andere auch, und schlottrig geht er
                  über die Weichsel. Und nun geschieht was? Von den Oderfestungen her treten ihm
                  dreißigtausend Mann ausgeruhter Truppen entgegen, während von der polnischen
                  Flankenstellung her andere dreißigtausend Mann heraufziehen, sich vorlegen und ihm
                  die Rückzugslinie abschneiden. Und klapp, da sitzt er drin. Das ist, was man eine
                  Mausefalle nennt. Ich mache mich anheischig, Ihnen die Stelle zu zeigen, wo die
                  Falle zuklappt. Hier, <pb/> dieser Punkt; es muß Köslin sein oder vielleicht
                  Filehne. Ich gehe jede Wette ein, zwischen Köslin und Filehne kapituliert die
                  russische Armee. Wie Mack bei Ulm. Was nicht kapituliert, ist tot.«</p>
               <p>Alles war erstaunt; nur Schimmelpenning, der in den Weißbierlokalen der Stadt
                  nicht viel weniger gut zu Hause war als sein Gegner, sagte mit einschneidender
                  Ruhe: »Es ist bekannt, Herr Klemm, daß Sie diese Sätze jetzt täglich wiederholen,
                  buchstäblich wiederholen, wobei es nichts tut, ob Sie die Weichsel mit Bleistift
                  auf Papier oder mit Kreide auf den Tisch zeichnen. Sie werden über kurz oder lang
                  Ungelegenheiten davon haben; doch das ist Ihre Sache. Eins aber ist meine Sache,
                  Ihnen zu sagen, daß ich alles, was Sie tun und sprechen, unpatriotisch finde.«</p>
               <p>»Muß ich bei Ihnen Patriotismus lernen?« brauste Klemm auf und schlug mit der
                  flachen Hand auf den Tisch. »Ehe Ihnen Ihre Mutter, ich bitte um Entschuldigung,
                  meine Damen, die ersten Hosen anpaßte, war ich schon bei Torgau. Ich habe die
                  Grenadiers gesammelt...«</p>
               <p>»Ich weiß davon«, unterbrach ihn Schimmelpenning, »aber das waren nicht Sie, das
                  war der Major von Lestwitz.«</p>
               <p>»Ich weiß nicht, was der Major von Lestwitz getan hat«, schrie der immer
                  aufgeregter werdende Klemm, »aber was ich getan habe, das weiß ich.«</p>
               <p>»Und behalten es in gutem Gedächtnis«, höhnte Schimmelpenning weiter. »Auch ist es
                  noch keinem eingefallen, Herr Klemm, daß Sie jemals eine von Ihren Großtaten
                  vergessen hätten.«</p>
               <p>Bei dem Worte »groß« machte der Nuntius eine lange maliziöse Pause; Frau Hulen
                  aber, die den Streit aus der Welt zu schaffen wünschte, wandte sich an Herrn
                  Schimmelpenning und bat ihn mit eindringlicher Stimme, die auf dem linken Flügel
                  noch unberührt stehende Sülze herumgehen zu lassen. Es wurde nicht überhört, so
                  hoch die Wogen auch gingen. Als das neue Gericht bei der Zunzen vorbeikam, die von
                  Zeit zu Zeit an Hustenanfällen litt und deshalb vorsichtig mit reizbaren <pb/>
                  Sachen sein mußte, beugte sie sich zur Hulen und fragte leise: »Viel Pfeffer?«,
                  worauf diese antwortete: »Nein, liebe Zunz, englisch Gewürz.« Diese beruhigende
                  Erklärung schien von der Alten richtig verstanden zu werden, denn sie nahm
                  ausgiebig von der Schüssel, die sie noch in Händen hielt. Dem ausbrechenden Streit
                  der Gegner aber war glücklich gesteuert. Bald darauf wurde aufgestanden, und
                  nachdem sich, mit Ausnahme von Klemm und Schimmelpenning, alles die Hände gedrückt
                  und eine gesegnete Mahlzeit gewünscht hatte, begab man sich paarweise in Lewins
                  Zimmer, wo nun Punsch und Krausgebackenes herumgereicht wurde.</p>
               <p>»Und nun, liebe Laacke, singen Sie uns was; aber nichts Trauriges, nicht wahr,
                  Ulrikchen, nichts Trauriges?« Ulrike stimmte bei, worauf Mamsell Laacke bemerkte,
                  daß sie nichts Trauriges singen wolle, aber auch nichts Heiteres. Das Heitere
                  widerstände ihr, weil es flach und unbedeutend sei; sie liebe das Gefühlvolle, und
                  man solle immer nur das singen, was der eigenen Natur entspräche. Denn »in unserer
                  Stimme ruht unser Herz«.</p>
               <p>Es wurden nun Lewins Noten einer wiederholten Durchsuchung unterworfen, bis
                  endlich ein paar Opernarien gefunden waren, in denen der vielgerühmte Tenor des
                  Herrn Ziebold mitwirken konnte. Mamsell Laacke überreichte ihm ein himmelblau
                  brochiertes Heft, auf dessen Titelblatt zu lesen stand: »Fanchon, das
                  Leiermädchen, von Friedrich Heinrich Himmel, Klavierauszug, Akt II«; darunter ein
                  Bildnis Fanchons, kurzärmlig, mit Kopftuch und einer Art Mandoline in der
                  Hand.</p>
               <p>Nichts konnte, alles in allem erwogen, willkommener sein als das. Ein Duett hat
                  immer etwas von dem Reize einer dramatischen Szene. Die Laacke intonierte und
                  begann, während Herr Ziebold seine Linke auf die niedrige Stuhllehne legte:</p>


               <l>»In heitrer Abendsonne Strahlen,</l>
               <l>Dort, wo die Alpenrose keimt,</l>
               <l>Laß ich die liebe Hütte malen,</l>
               <l>Wo meine Kindheit ich verträumt.</l>
               <pb/>
               <l>Daß eine Grille nie dich lenke,</l>
               <l>Die nur gemeine Seelen kränkt;</l>
               <l>Entehren jemals die Geschenke</l>
               <l>Von dem, der uns sein Herz geschenkt?«</l>


               <p>Nachdem diese letzte Zeile nicht nur dreimal wiederholt, sondern seitens der
                  gefühlvollen Laacke auch mit besonderem Nachdruck vorgetragen worden war, fiel der
                  Tenor Ziebolds ein, und beide sangen nun die Schlußstrophe:</p>


               <l>»Die Liebe teilet unbefangen,</l>
               <l>Was einem nur das Glück beschied,</l>
               <l>Und zwischen Geben und Empfangen</l>
               <l>Macht Liebe keinen Unterschied.«</l>


               <p>Ziebold hatte von alter Zeit her eine Force im Tremulando und erzielte damit auch
                  heute eine solche Wirkung, daß die bis dahin kühle Stimmung umschlug und die
                  Gefühle allgemeiner Menschenliebe wenigstens momentan zum Durchbruch kamen. Der
                  Abend war jetzt entschieden auf seiner Höhe. Frau Hulen empfand dies und schlug
                  deshalb unverzüglich eine Wanderpolonaise vor, die denn auch, durch alle Zimmer
                  hin, unter geschickter Umkreisung des stehengebliebenen Eßtisches ausgeführt
                  wurde. Zum Schluß aber spielte die Laacke zu hastig und ließ absichtlich einige
                  Takte aus. »Bin ich eingeladen, um auf diesem Klimperkasten dieser froschäugigen
                  Mamsell Ulrike zum Tanze aufzuspielen?« So drängten sich die Fragen, und der
                  letzte Moment des Festes war wieder ein Mißakkord.</p>

               <p>Eine Viertelstunde später gingen die Paare nach verschiedenen Seiten hin die
                  Klosterstraße hinunter, die Ziebolds links, auf den Hohen Steinweg zu.</p>
               <p>»Das ist nun das letzte Mal gewesen«, sagte Frau Ziebold, »du bringst mich nicht
                  mehr hin. Ich habe nicht Lust, mit Mamsell Laacke auf demselben Sofa zu sitzen.
                  Und dies alberne <pb/> Ding, die Ulrike! Sah mich an, als hätte sie mich noch nie
                  gesehen; ich glaube gar, sie dachte, daß ich sie zuerst grüßen sollte. Und wie
                  steht es denn? Sie hilft uns nicht, aber wir helfen ihr. Das gelbe Mohrkleid und
                  die Zuckerzange lagern nun schon in die zehnte Woche.« Hier hielt die Sprecherin,
                  denn die Luft ging scharf, einen Augenblick inne, um Atem zu schöpfen. Dann aber
                  fuhr sie fort: »Und nun gar diese Mannsbilder! Ich weiß wirklich nicht, wer
                  unausstehlicher ist, dieser Klemm, der nur drei Stücke auf seiner Leier hat, oder
                  dieser Schimmelpenning, der aussieht, als habe er die Gerechtigkeit erfunden.«</p>
               <p>Ziebold lachte und sagte: »Du vergißt Grünebergen; war er nicht dein
                  Tischnachbar?«</p>
               <p>»Freilich war er das; aber glaubst du, daß er ein Wort mit mir gesprochen hätte?
                  Und warum nicht! Weil er ein alter Narr ist und immer das liebe Töchterchen
                  angafft und auf den Prinzen wartet, der sie mit einer goldenen Kutsche abholen
                  soll. Und dann nimm es mir nicht übel, Ziebold, die Hulen ist eine gute Frau, aber
                  was waren das für Pielen? Semmelstücke, und das bißchen Mohn kratzig und
                  multrig.«</p>

               <p>Die Grünebergs hielten sich derweilen rechts. Als sie um die Ecke der Stralauer
                  Straße bogen, sagte Ulrike: »Ich weiß eigentlich nicht recht, was der Hulen
                  beikommt? Immer so, als ob sie keine arme Frau wäre; drei Gerichte und
                  Krausgebackenes und Punsch. Mir gefällt es nicht, und ich finde es unrecht. Und
                  dann immer in zwei Stuben, als ob ihr alle beide gehörten! Wenn ich eine Stube
                  vermiete, so habe ich sie vermietet; der junge Herr von Vitzewitz, der mir das
                  letzte Mal aufmachte, als ich klingelte, weil die Hulen nicht zu Hause war, würde
                  sich doch sehr wundern, wenn er diese Mamsell Laacke mit ihren langen knöchernen
                  Fingern auf seinem Klavier hätte herumhantieren sehen. Und diese Singerei! Da hör
                  ich doch lieber die Kurrende. Aber es soll immer so was sein. Ein bißchen
                  Blindekuh oder ein paar Kartenkunststücke, das ist ihr nicht genug... Und was für
                  Menschen! Er, Ziebold, das <pb/> muß wahr sein, ist ein kulanter Mann, und man
                  merkt es ihm an, daß es ihm nicht an der Wiege gesungen worden ist. Aber diese
                  Person, seine Frau! Immer in Seide und mit Korallenohrbommeln; ich mag nicht
                  wissen, wem sie gehören. Sie muß doch Mitte Vierzig sein, und dabei ausgeschnitten
                  wie die jüngste. Aber das weiß ich, ich gehe nicht wieder hin. Ich will mir nicht
                  meinen Ruf verderben.«</p>

               <p>So dachten auch die andern. Befriedigt war nur Frau Hulen selbst.</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Fünftes Kapitel</head>
               <head>Soiree und Ball</head>
               <p>Um die vierte Stunde des andern Tages, die Sonne war eben unter, hielten die seit
                  einer Woche kaum noch aus dem Geschirr gekommenen Hohen-Vietzer Ponies vor dem uns
                  aus dem Beginn unserer Erzählung bekannten Hause in der Klosterstraße. Lewin hatte
                  die Leinen genommen und wartete geduldig auf die Rückkehr des Kutschers, der
                  abgestiegen war, um den altmodischen, mit vielen Riemen zugeschnallten Mantelsack
                  in die Frau Hulensche Wohnung hinaufzutragen. Das Gefährt war nicht mehr der nur
                  für eine Nachtfahrt geeignete Sack- und Planschlitten, sondern der leichte
                  zweisitzige Kaleschwagen, mit dem Berndt seine hier- und dorthin gehenden Ausflüge
                  zu machen pflegte. Es wurd unserm Freunde nicht schwer zu warten, denn der ganze
                  nordwestliche Himmel glühte noch, und die kleine, fast unmittelbar zu seiner
                  Linken gelegene, ringsumher von Efeu umwachsene Klosterkirche stand wie ein
                  Schattenbild in dieser abendlichen Glut und nahm seine Aufmerksamkeit gefangen.
                  Von allen Seiten kamen Krähen heran, setzten sich auf die Zacken des Giebelfeldes
                  und berieten sich, wie sie zu tun pflegen, für die Nacht. In der Straße war nur
                  wenig Leben; die Laternen wurden an ihren langen Drahtketten herabgelassen,
                  langsam angezündet und langsam und knarrend wieder in die Höhe gezogen. Endlich
                  kam Krist zurück, und während dieser, ohne wieder aufzusteigen, das Fuhrwerk<pb/>
                  nach dem »Grünen Baum« hinüberdirigierte, öffnete Lewin die schwere, mittelst
                  eines innen angebrachten Steingewichts sich von selbst schließende Haustür und
                  stieg die Treppen hinan.</p>
               <p>Auf der dritten und letzten schimmerte schon das Licht, mit dem Frau Hulen auf den
                  Flur getreten war, teils um ihrem jungen Herrn Lewin ihren Respekt zu bezeigen,
                  aber noch mehr, um die dicke Efeugirlande über der Tür sichtbar zu machen, die sie
                  zu seinem Empfange geflochten.</p>
               <p>»Guten Abend, Frau Hulen.« Damit trat er erst in den Alkoven und von diesem aus in
                  das große Vorderzimmer, das die Liebe und Sorgfalt der Alten in ähnlicher Weise
                  festlich hergerichtet hatte. Auf dem runden Sofatische standen zwei kleine
                  brennende Lichter, Kaffeegeschirr und ein Napfkuchen, während eine zweite
                  Girlande, auch von Efeu, aber schmal und zierlich und aus einzelnen Blättern
                  zusammengenäht, die damastne Kaffeeserviette einfaßte.</p>
               <p>»Aber das ist ja, als ob ein Bräutigam einzöge, Frau Hulen; wo kommt nur all der
                  Efeu her?«</p>
               <p>»Kirchenefeu, junger Herr.«</p>
               <p>»Also von drüben?«</p>
               <p>»Ja, drüben von der Klosterkirche; ich hab ihn an dem linken Chorpfeiler
                  gepflückt, wo Küster Susemihls Johanna mit dem kleinen Würmchen begraben liegt.
                  All in eins, Mutter und Kind. Es sind nun drei Jahr. Können sich der junge Herr
                  nicht mehr entsinnen?«</p>
               <p>»Nein. Was war es denn damit?«</p>
               <p>»Es soll ein Marschall gewesen sein; aber Herr Kaufmann Ziebold hat mich
                  ausgelacht; es sei freilich ein Marschall gewesen, aber bloß ein französischer
                  Logiermarschall, was sie bei uns einen Wachtmeister nennen. Na, lieber Gott, ich
                  kann es nicht wissen, ich bin eine alte Frau, aber das weiß ich, Marschall oder
                  nicht, daß er einen schweren Stand haben wird, denn es war ein gutes Kind, die
                  Johanna, und sie hielt auf sich, und selbst die alte Zunzen, die von jedem was
                  weiß, wußte ihr nichts nachzusagen. Es war noch ein Glück, daß das Kind <pb/>
                  gleich tot war. Einige sagen freilich, es wäre nicht tot gewesen, aber ich glaub
                  es nicht, und man soll nicht sagen, was man nicht beweisen kann. Und nun langen
                  Sie zu, junger Herr, und schenken sich ein, ehe der Kaffee kalt wird.«</p>
               <p>»Ja, Frau Hulen, das ist leichter gesagt als getan. Wo denken Sie hin? So bei
                  Gräberefeu...«</p>
               <p>»Ach, junger Herr, da kenn ich Sie besser. Wenn die Dienstagsherren hier sind, der
                  dicke Herr Haupt mann, der immer so spaßig ist, und der Herr von Jürgaß und der
                  Herr Himmerlich, der solche dünne Stimme hat, und ich höre dann von nebenan zu, da
                  weiß ich schon, je lauter sie lesen und je rührender es ist, desto mehr Tassen und
                  Gläser muß ich bringen. Und wer dann am meisten dabei ist, das ist mein junger
                  Herr.«</p>
               <p>»Nun, Frau Hulen, wenn die Sachen so liegen, da muß ich es schon versuchen«, und
                  dabei schenkte er sich ein und machte sich's bequem, während die Alte, um ihn
                  nicht länger zu stören, aus dem Zimmer ging.</p>
               <p>Auf dem Tische, zu einem kleinen Fächer geordnet, lagen auch die vier, fünf
                  Briefe, die während seiner Abwesenheit eingegangen waren. Einer von Jürgaß
                  enthielt eine kurze Anfrage, wann und wo die nächste Kastaliasitzung stattfinden
                  solle, ein anderer, erst vor wenig Stunden geschrieben, war von Tubal. Nur wenige
                  Zeilen. Lewin las:</p>

               <!--milestone hi_start-->
               <p>»4. Januar</p>
               <!--milestone hi_end-->

               <p>Seit vorgestern abend sind wir wieder hier. Papa, der uns schon früher von Guse
                  zurückerwartet hatte, hat auf heute (Montag) eine Soiree angesetzt. So du
                  rechtzeitig eintriffst, laß uns nicht im Stich. Wir haben Überfluß an Herren, aber
                  nicht an Tänzern. Die Mazurka, die vor dem Feste bei Wylichs aufgeführt wurde und
                  in der Kathinka, wie Du gehört haben wirst, einen ihrer Triumphe feierte, soll
                  wiederholt werden. Du fehltest damals; sei heute da.</p>
               <!--milestone hi_start-->
               <p>Dein T.«</p>
               <!--milestone hi_end-->

               <p>Lewin legte das Blatt aus der Hand, das ihn verstimmt hatte. Während der Fahrt war
                  er geschäftig gewesen, sich diesen <pb/> ersten Abend als ein häusliches Idyll
                  auszumalen, alles hell und licht, in dem Frau Hulens weiße Haube, die weiße
                  Teekanne und viele quadratisch gefaltete weiße Blätter (von denen er jedes zu
                  beschreiben hoffte) die seinem Auge sich einschmeichelndsten Punkte waren, und nun
                  zerrann dieser Traum in demselben Augenblicke, in dem er ihn zu verwirklichen
                  dachte. Er hatte weder Lust zu tanzen noch tanzen zu sehen, am wenigsten Kathinka,
                  deren Mazurkapartner, wie er sich aus begeisterten Schilderungen der Freunde sehr
                  wohl entsann, Graf Bninski gewesen war. Und doch war die Einladung nicht zu
                  umgehen. Er hatte noch zwei Stunden, und müde von der Fahrt, überwand er mit Hilfe
                  seiner Ermattung seine Mißstimmung, drückte sich in das seegrasharte Sofakissen
                  und schlief ein.</p>
               <p>Als er erwachte, war alles dunkel im Zimmer, die kurzen Lichter niedergebrannt. Er
                  wickelte sich aus einer Decke heraus, mit der ihn Frau Hulen, während er schlief,
                  zugedeckt hatte; aber es kostete ihn Mühe, sich zurechtzufinden. Wo war er? Er
                  tappte sich auf das Fenster zu und sah auf die Straße hinunter. Da waren die
                  Laternen, die in trübem Lichte brannten; drüben der Schatten mit den zwei kleinen
                  Türmen, das war die Klosterkirche. Was war es doch damit? Wer hatte doch davon
                  erzählt? Richtig, die Hulen. Da war ja die Girlande; und Johanna Susemihl und das
                  Würmchen; und er fühlte nun, daß eine stickige Luft in dem Zimmer war und daß der
                  betäubende Geruch des Efeus und der Lichterblak ihm einen dumpfen Kopfschmerz
                  zugezogen hatten. Was tun? Er öffnete den Fensterflügel, an dessen einem Riegel er
                  sich mechanisch gehalten hatte, und atmete erst wieder freier, als die kalte
                  Nachtluft in sein Zimmer zog. Dann klopfte er, und Frau Hulen kam.</p>
               <p>»Wie spät ist es?«</p>
               <p>»Acht Uhr.«</p>
               <p>»Ei, da hab ich mich verschlafen. Und dies Kopfweh. Ein Glas Wasser, Frau Hulen,
                  und Licht. Ich muß mich eilen.«</p>
               <p>Die Alte lief hin und her; die Kommodenkästen flogen auf und zu, und eine Stunde
                  später stieg Lewin die breite Steintreppe hinauf, die an Nischen mit drei, vier
                  Perücken-Kurfürsten <pb/> vorüber in das erste Stock des Ladalinskischen Hauses
                  führte. Er warf den Mantel ab, hörte, während er in dem Garderobezimmer seine
                  Toilette ordnete, den gedämpften Strich der Geigen und schritt dann über den mit
                  Orangerie besetzten Vorflur in das offenstehende Entree, das, zwischen den beiden
                  großen Gesellschaftssälen gelegen, gerade die Mitte der ganzen Zimmerflucht
                  bildete. Es war im übrigen ein Entree wie andere mehr, schmucklos, mit einem
                  einzigen hohen, zugleich als Balkontür dienenden Fenster, und zeichnete sich durch
                  nichts aus als durch sein Deckenbild: Venus bei dem Untergange Trojas ohnmächtig
                  in die Arme des Zeus sinkend. Es war das beste der alten Plafondgemälde und
                  zugleich das wohlerhaltenste.</p>
               <p>Unser Freund, wenig heimisch in der Welt der bildenden Künste, würde zu keiner
                  Zeit ein begeistertes Auge für die Linien dieser Komposition gehabt haben, am
                  wenigsten hatte er es heute, wo Kopfweh, Mißstimmung und ein gerade an dieser
                  Stelle stattfindendes Gedränge ohnehin an einer eingehenden Beobachtung hinderten.
                  Nach links hin lag der Tanzsaal. Lewin sah hinein und bemerkte, daß zwölf oder
                  vierzehn Paare zu einer Anglaise angetreten waren; aber Kathinka fehlte. Wo war
                  sie? Und bei dieser Frage stürmten Bilder und Gedanken auf ihn ein, die dem
                  Versuche, sie als töricht zu verbannen, nur zögernd und widerstrebend nachgaben.
                  Er ließ nun sein Auge die Sitzreihen niedergleiten, auf der an der Längswand des
                  Saales hin die älteren Damen Platz genommen hatten; aber auch hier vergebens.</p>
               <p>In der Mitte dieser Reihe saß die alte Gräfin Reale, Oberhofmeisterin der
                  Prinzessin Ferdinand, eine Dame von Siebzig oder darüber, mit einer gebogenen und
                  doch spitz auslaufenden Nase. Alles an ihr war grau: die Robe, der Shawl, das
                  hochaufgetürmte Haar, und sie glich einem bösen Kakadu, besonders als sie jetzt
                  ein schwarzes Lorgnon mit zwei großen Kristallgläsern aufsetzte und Lewin, dessen
                  hastiges Suchen ihr aufgefallen sein mochte, verwundert und beinahe strafend
                  ansah. Dieser schlug die Augen nieder und richtete sie ziemlich verwirrt auf die
                  Nachbarin der alten Gräfin. Dies war ein <pb/> Fräulein von Bischofswerder,
                  Tochter des ehemaligen Ministers und Dame d'atour der Königinwitwe. Sie trug das
                  wenige blonde Haar, das sie hatte, in zwei Locken gelegt, die jetzt aber von der
                  Hitze des Saales ihre ohnehin spärliche Federkraft verloren hatten und in dünner,
                  ungebührlicher Länge bis an den Gürtel hinunterhingen. Überhaupt war alles lang an
                  ihr, der Hals und die dänischen Handschuhe, die bis zum Ellbogen hinaufreichten,
                  und inmitten all seiner Mißstimmung überkam ihn ein Lächeln. »Mamsell Laacke !«
                  sagte er vor sich hin.</p>
               <p>Er gab endlich alles weitere Suchen und Forschen auf und schritt in den nach
                  rechts hin gelegenen Saal hinüber, in dem Erfrischungen gereicht und in dicht
                  umherstehenden Gruppen die Neuigkeiten des Tages ausgetauscht wurden. Es waren
                  meist ältere Herren: Adjutanten und Kammerherren der verschiedenen prinzlichen,
                  damals sehr zahlreichen Hofstaaten, Gesandte kleinerer Höfe, Exzellenzen aus dem
                  Auswärtigen Departement und Abteilungschefs des Oberfinanzdirektoriums wie der
                  Kriegs- und Domänenkammer. Einige davon spezielle Freunde des Hauses, so der
                  Intendant der königlichen Schlösser und Gärten, Herr Valentin von Massow,
                  Schloßhauptmann von Wartensleben, Generaldirektor der königlichen Schauspiele,
                  Freiherr von der Reck, und Staatsrat und Polizeipräsident Le Coq. Auch
                  Universitätsprofessoren, Ärzte, Geistliche und Berliner Stadtzelebritäten waren
                  erschienen; in der ersten Fensternische standen Hofprediger Eylert und der
                  Oberkonsistorialrat Sack in eifrigem Gespräch, während in unmittelbarer Nähe von
                  Lewin Professor Doktor Mursinna, der damalige berühmteste Chirurg der Stadt, und
                  der Schauspieler Fleck ein lebhaftes Gespräch führten. Lewin verstand jedes Wort
                  und hörte deutlich, daß Mursinna das Hinken Richards III. nicht korrekt finden
                  wollte. Es hätte ihn unter andern Umständen auf das lebhafteste interessiert, dem
                  Gange dieser Unterhaltung folgen zu können, aber in der Unruhe seines Gemüts
                  fühlte er sich nur bedrückt, auch in diesem Saale keinem näher befreundeten
                  Gesicht zu begegnen. Von jüngeren Männern war niemand da, den er kannte. Auch
                  Bninski nicht, und <pb/> bei dieser Wahrnehmung stieg ihm plötzlich wieder das
                  Blut in die Stirn, und er wechselte die Farbe, freilich nur, um sich schon im
                  nächsten Augenblicke wieder der Vorstellungen zu schämen, womit ihn seine
                  Eifersucht in immer neuen Anfällen verfolgte.</p>
               <p>Endlich wurd er eines holsteinischen Baron Geertz, Hofkavaliers bei der
                  Königinwitwe, ansichtig, der, mit Jürgaß intim und im Ladalinskischen Hause aus
                  und ein gehend, im Laufe des Winters einigen Kastaliasitzungen beigewohnt hatte.
                  Unser Freund näherte sich ihm und fragte nach Jürgaß und Tubal. »Ich bin eben auf
                  dem Wege zu ihnen«, damit schritt der Baron auf eine an der entgegengesetzten
                  Schmalseite des Saales befindliche Tür zu, schlug die Portiere zurück und ließ
                  Lewin eintreten, während er selber folgte.</p>
               <p>Es war das uns wohlbekannte Arbeitszimmer des Geheimrats, das aber heute, um es
                  als Gesellschaftsraum mitverwenden zu können, eine vollständige Umgestaltung
                  erfahren hatte. Wo sonst das Windspiel und die Goldfischchen ihre bevorzugten
                  Plätze hatten, standen Blumenkübel mit eben damals in die Mode gekommenen
                  Hortensien, während vor den hohen, jeder Wegschaffung spottenden Aktenrealen
                  dunkelrote, mit einer schwarzen griechischen Borte besetzte Gardinen ausgespannt
                  worden waren. Nur das Bild der Frau von Ladalinski war geblieben. Der große
                  Schreibtisch hatte einem vielfarbigen Diwan und einer Anzahl zierlich vergoldeter
                  Ebenholzstühle Platz gemacht, die sich um einen chinesisch übermalten Tisch
                  gruppierten. Hier saßen die Freunde vor einer unverhältnismäßig großen Zahl leerer
                  Gläser der verschiedensten Form und Farbe und empfingen Lewin mit einem so
                  freudelauten Zuruf, wie die gesellschaftliche gute Sitte nur irgendwie gestattete.
                  Hauptmann Bummcke und Rittmeister von Jürgaß, die sich's auf dem Diwan selbst
                  bequem gemacht hatten, nahmen ihn in die Mitte; Tubal, auf einem der
                  Ebenholzstühle, saß gegenüber; Baron Geertz und ein Kammerherr Graf Brühl rückten
                  ein und schlossen den Kreis. Bummcke, der vor einer Viertelstunde schon, ehe die
                  Anglaise begann, mit Kathinka gewalzt <pb/> und, dem beständigen Fächeln mit
                  seinem Batisttuch nach zu schließen, die gehabten Anstrengungen noch immer nicht
                  überwunden hatte, hatte das Wort.</p>
               <p>»Es will nicht mehr gehen, Tubal, und doch tanzt es sich mit Ihrer Schwester wie
                  mit einer Fee.«</p>
               <p>»Wo sie nur sein mag«, warf Graf Brühl ein, »ich suche sie seit zehn Minuten. Aber
                  umsonst.«</p>
               <p>»Sie kleidet sich um für die Mazurka«, erwiderte Tubal.</p>
               <p>»Und wie sie mich abgeführt hat«, fuhr Bummcke fort, einen Diener heranwinkend,
                  der mit einem Sherrytablett eben in der Türe erschien. »Ich wollte ihr etwas
                  Verbindliches sagen – deliziöser Sherry, Baron Geertz, lassen Sie die Gelegenheit
                  nicht vorübergehen –, und so sagt ich ihr, ›mein gnädigstes Fräulein‹, sagt ich,
                  ›wenn ich so Ihren vollen Namen höre: Kathinka von Ladalinska, da ist es mir immer
                  wie Janitscharenmusik, ja auf Ehre, es tingelt und klingelt wie das Glockenspiel
                  vom Regiment Alt-Larisch.‹«</p>
               <p>»Und was antwortete sie?« fragte Jürgaß, während Lewin und Tubal Blicke
                  wechselten.</p>
               <p>»Nun, sie antwortete kurz: ›Da passen wir ja zusammen‹, und als ich, nichts Gutes
                  ahnend, etwas verlegen anklopfte: ›Darf ich fragen: wie, mein gnädigstes
                  Fräulein?‹, da sagte sie: ›Aber, Hauptmann Bummcke, es überrascht mich
                  einigermaßen, Ihr feines Ohr auf die musikalische Bedeutung von anderer Leute
                  Namen beschränkt zu sehen. Muß ich Ihnen wirklich das Instrument erst nennen, das
                  sozusagen von Ihrer ersten Namenssilbe lebt?‹ Und dabei nahm sie meinen Arm, und
                  ich mußte ihr schließlich noch dankbar sein, in dem eben wieder beginnenden Tanze
                  meine Verlegenheit verbergen zu können.«</p>
               <p>Die ganze Tafelrunde stimmte lachend in die Heiterkeit des sich selbst
                  persiflierenden Erzählers ein, und nur Jürgaß, während er sorgfältig ein
                  Korkbröckelchen aus seinem Sherryglase herausfischte, gefiel sich in einer Haltung
                  erkünstelten Ernstes.</p>
               <p>»Ihnen ist nicht zu helfen, Bummcke. Warum tanzen Sie noch? Wer sich in Gefahr
                  begibt, kommt drin um. Aber ich kenne euch, ihr Herren von der Infanterie! Das ist
                  die Eitelkeit <pb/> aller dicken Kapitäns, durch einen raschen Walzer ihre
                  Schlankheit beweisen oder gar wiederherstellen zu wollen. Nein, Bummcke, Sie
                  tanzen entweder zuviel oder zuwenig. Zuviel für das Vergnügen, zuwenig für die
                  Kur. Tanzen ist Lieutenantssache. Mit neununddreißig ist man ein Mann der
                  Dejeuners, der kurzen und der langen Sitzungen, und wenn es eine Kastaliasitzung
                  wäre. Apropos, Lewin, wann haben wir die nächste?«</p>
               <p>»Wenn wir den Dienstag festhalten, morgen.«</p>
               <p>»Mir recht, und ich werd es Hansen-Grell und die andern wissen lassen. Himmerlichs
                  und Rabatzkis sind wir sicher. Aber wie steht es mit Ihnen, Tubal? Unseres
                  Freundes Bummcke, der, wie ich wahrzunehmen glaube, wegen indiskreter Enthüllung
                  seines Lebensalters mit mir zürnt, werd ich mich persönlich zu bemächtigen wissen.
                  Es darf niemand fehlen, denn nach wie vor beflissen, dem ermattenden Springquell
                  der Kastalia einen neuen Sprudel zu geben, hab ich abermals für frische Kräfte
                  Sorge getragen. Ich sage Kräfte; beachten Sie den Plural. Es sind eben ihrer zwei,
                  mit denen ich komme, zwei verwundete Kameraden. Weiteres morgen, wenn ich die Ehre
                  haben werde, Ihnen die beiden Herren vorzustellen. Heute nur noch das. Es waren
                  ihrerzeit Poeten, wie wir deren wohl oder übel jetzt so viele unter unseren jungen
                  Lieutenants haben; aber die Kampagnen, die spanische und die russische – denn in
                  der Tat, beide Herren treffen hier von Nord und Süd her in unserer guten Stadt
                  Berlin zusammen –, haben ihnen nach der Seite der Dichtung hin nichts abgeworfen.
                  Smolensk und Borodino lagen nicht günstig für die Lyrik. Was sie mitgebracht
                  haben, sind Wunden und Tagebuchblätter. Aber auch das muß willkommen sein.«</p>
               <p>»Und ist es«, bestätigte Lewin, der sich jetzt erhob, um in den Tanzsaal
                  zurückzukehren. Dies gab das Zeichen für alle; selbst Bummcke, der eben gehörten
                  Ermahnungen uneingedenk, schob das erst halb geleerte Glas beiseite und
                  folgte.</p>
               <p>Sie hätten den Moment nicht glücklicher wählen können; die vier Mazurkapaare,
                  Bninski und Kathinka, dazu die schlesischen <pb/> Grafen Matuschka, Seherr-Thoß
                  und Zierotin mit ihren jungen und schönen Frauen waren eben zum Tanze angetreten,
                  Herren und Damen in einem Kostüm, das, ohne streng national zu sein, das polnische
                  Element wenigstens in quadratischen Mützen und kurzen Pelzröcken andeutete. Es
                  waren jene vier Paare, deren Tubal in seinem Billet erwähnt und die schon auf der
                  Wylichschen Soiree geglänzt hatten. Und nun begann der Tanz, der, damals in den
                  Gesellschaften unserer Hauptstadt Mode werdend, dennoch, wenn Polen oder Schlesier
                  von jenseit der Oder zugegen waren, in begründeter Furcht vor ihrer Überlegenheit
                  immer nur von diesen getanzt zu werden pflegte.</p>
               <p>Alles hatte sich des graziösen Schauspiels halber herzugedrängt, so daß es
                  schwerhielt, in Nähe der Tür noch einen Platz zu gewinnen. Bummcke, dessen
                  Embonpoint die Schwierigkeiten verdoppelte, gab es auf, sich neben dem
                  riesengroßen Major von Haacke und der Doppel-Konsistorialratsfigur des
                  Oberhofpredigers Sack siegreich zu behaupten, und kehrte in das Sanktuarium
                  zurück, wo er zu seiner nicht geringen Überraschung Jürgaß und Baron Geertz in den
                  zwei Diwanecken bereits wieder vorfand.</p>
               <p>»Tres faciunt collegium. Ich verzeichne diesen Tag als den Tag Ihrer Bekehrung«,
                  empfing ihn Jürgaß. »Besser spät als nie. Neben dem Tanzen ist das Tanzensehen das
                  Schlimmste, schon um der Verführung willen, die notorisch in allem conspectus
                  liegt.«</p>
               <p>Ein Livreediener, augenscheinlich für diesen Abend nur eingekleidet, ging
                  vorüber.</p>
               <p>»Alle Teufel, Grützmacher, wo kommen Sie hierher? Aber das trifft sich gut; ein
                  Cliquot, gute Seele.« Dann zu Baron Geertz sich wendend, den die Vertraulichkeit
                  überrascht haben mochte, sagte er: »Unser ehemaliger Regimentsfriseur von
                  Göckingk-Husaren.«</p>
               <p>Der Diener kam zurück und setzte zwinkernd eine Flasche mit blankem Kork auf den
                  Tisch.</p>
               <p>Lewin hatte sich mittlerweile bis in die vorderste Reihe der <pb/> Zuschauer
                  geschoben und überblickte wieder den Saal wie eine halbe Stunde vorher. Von den
                  vier Paaren, die sich in zierlicher Bewegung drehten, sah er nur eins, und während
                  er hingerissen war von der Schönheit der Erscheinung, beschlich ihn doch zugleich
                  das schmerzlichste der Gefühle, das Gefühl des Zurückstehenmüssens und des
                  Besiegtseins, nicht durch Laune oder Zufall, sondern durch die wirkliche
                  Überlegenheit seines Nebenbuhlers. Er empfand es selbst. Alles, was er sah, war
                  Kraft, Grazie, Leidenschaft; was bedeutete daneben sein gutes Herz? Ein Lächeln
                  zuckte um seine Lippen; er kam sich matt, nüchtern, langweilig vor. Die alte
                  Gräfin Reale, seiner ansichtig werdend, setzte wieder die großen Kristallgläser
                  auf und ließ nach kurzer Musterung das Lorgnon fallen mit einer Miene, die das
                  Urteil, das er sich selber eben ausgestellt hatte, untersiegeln zu wollen schien.
                  Die beiden Locken des Fräuleins von Bischofswerder hingen noch länger und
                  trübseliger herab. Es schien ihm alles ein Zeichen.</p>
               <p>Der Tanz war vorüber; alles drängte in den Saal, um den vier reizenden Damen Dank
                  und Bewunderung auszusprechen; auch Bummcke und Jürgaß zeigten sich und schienen
                  durch ihr plötzliches Wiedererscheinen ihre halbstündige Abwesenheit verleugnen zu
                  wollen.</p>
               <p>Unter den Beglückwünschenden war auch der alte Ladalinski selbst; er plauderte
                  eben mit der schönen Gräfin Matuschka, die, soweit Teint und Taille mitsprachen,
                  sich siegreich selbst neben Kathinka behauptet hatte, als einer der Lakaien an ihn
                  herantrat und ihm etwas ins Ohr flüsterte.</p>
               <p>Der Geheimrat setzte noch einen Augenblick die Unterhaltung fort, verbeugte sich
                  dann gegen die junge Gräfin und folgte dem Diener. Auf dem Vorflur fand er einen
                  Boten aus dem Auswärtigen Departement, der ihm ein couvertiertes Schreiben
                  überreichte. Der Geheimrat, in Verlegenheit, wo er von dem Inhalt desselben
                  Kenntnis nehmen sollte, trat in das Garderobezimmer und erbrach das Schreiben. Es
                  waren nur wenige Worte.</p>
               <p>»Yorck hat kapituliert. Ein Adjutant Macdonalds brachte <pb/> dem französischen
                  Gesandten die Nachricht. Der Staatskanzler fährt eben zum König.«</p>
               <p>»Wer gab Ihnen den Brief?« fragte Ladalinski.</p>
               <p>Der Bote nannte den Namen einer dem Ladalinskischen Hause befreundeten Exzellenz,
                  die zugleich die rechte Hand Hardenbergs war.</p>
               <p>»Ich lasse Seiner Exzellenz meinen Dank und meinen Respekt vermelden.« Damit
                  steckte der Geheimrat das Schreiben zu sich und kehrte in die Gesellschaft
                  zurück.</p>
               <p>Er war entschlossen zu schweigen; als er aber an dem Mittelfenster des Saals
                  Kathinka und Bninski und gleich darauf auch Tubal in eifrigem Gespräche sah, ließ
                  es ihm keine Ruhe, und er schritt auf die Plaudernden zu.</p>
               <p>»Ich hab euch eine Mitteilung zu machen, auch Ihnen, Graf; aber nicht hier.«</p>
               <p>Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte er sich nach dem zunächstgelegenen
                  Seitenzimmer, das, für gewöhnlich von Kathinka bewohnt, heute, wie sein eigenes
                  Arbeitscabinet, mit in die Reihe der Empfangsräume hineingezogen worden war.
                  Einige Paare, deren Herzensbeziehungen vielleicht nicht älter waren als dieser
                  Abend, hatten in der Stille dieses ohnehin nur durch wenige Lichter und eine
                  rubinrote Ampel erleuchteten Boudoirs eine Zuflucht gesucht; jetzt aufgescheucht,
                  verließen sie, je nach ihrem Temperamente, heiter oder mit einem Anfluge von
                  Verstimmung ihre Plätze.</p>
               <p>Kathinka wies auf die Stühle, die frei geworden waren; aber Ladalinski sagte:
                  »Nehmen wir nicht Platz, wir können uns ohnehin der Gesellschaft nicht entziehen.
                  Was ich zu sagen habe, ist kurz: Yorck hat kapituliert.«</p>
               <p>»Eh bien!« bemerkte Kathinka, offenbar enttäuscht, nach all dem Ernst, den ihr
                  Vater zur Schau getragen hatte, nichts weiter zu hören als das. Sie war durch aus
                  unpolitisch und kannte nur Persönliches und Persönlichkeiten.</p>
               <p>»Kathinka!« rief der Graf, in der Erregung des Moments sich einen Augenblick
                  vergessend, verbesserte sich aber schnell und setzte mit Förmlichkeit hinzu: »Mein
                  gnädigstes Fräulein!« <pb/> In seiner Stimme klang ein leiser Vorwurf. Dann, zu
                  dem Geheimrat sich wendend, dem der Wechsel in der Anrede, erst vertraulich, dann
                  förmlich, nicht entgangen war, sagte er: »Kapitulation! Das heißt, er ist zu den
                  Russen übergegangen.«</p>
               <p>»Ich vermute es.«</p>
               <p>Bninski stampfte mit dem Fuße: »Und das nennen sie Treue hierlandes!«</p>
               <p>Dann und wann erschien ein Kopf an der Portiere, um ebenso schnell wieder zu
                  verschwinden; der Graf aber, in seiner Erregung weder das eine noch das andere
                  wahrnehmend, fuhr mit Bitterkeit fort:</p>
               <p>»O dies ewige Lied von der deutschen Treue! Jeder lernt es, jeder singt es, und
                  sie singen es so lange, bis sie es selber glauben. Die Stare müssen es hierzulande
                  pfeifen. Ich bin ganz sicher, daß dieser General Yorck alles verachtet, was nicht
                  einen preußischen Rock trägt, und das Ende davon heißt ›Kapitulation‹!«</p>
               <p>Eine peinliche Pause folgte; keiner vermochte das rechte Wort zu finden, und
                  während in dem alten Ladalinski sich polnisches Blut und preußische Doktrin wie
                  Feuer und Wasser befehdeten, fühlte Kathinka, daß sie durch ihr unbedachtes »Eh
                  bien« diesen Sturm zur Hälfte heraufbeschworen hatte.</p>
               <p>Tubal faßte sich zuerst. »Ich glaube, Graf, Ihr Eifer verwirrt Ihr Urteil. Sie
                  wissen, wie ich stehe; überdies sichert mich meine Geburt gegen den Verdacht eines
                  engherzigen Preußentums.«</p>
               <p>Der Geheimrat wurde befangen; Tubal aber, der es nicht sah oder nicht sehen
                  wollte, sprach in ruhigem Tone weiter:</p>
               <p>»Nehmen wir den Fall, wie er liegt. Was geschehen ist, ist ein politischer Akt.
                  Solang es eine Geschichte gibt, haben sich Umwälzungen, auch die segensreichsten,
                  durch einen Wort- oder Treubruch eingeleitet. Ich erspare Ihnen und mir die
                  Aufzählung. Wenn es Ausnahmen gibt, so sind es ihrer nicht viele, oder kluge
                  Vorsorglichkeiten haben das Odium zu eskamotieren gewußt.«</p>
               <p>Der alte Ladalinski atmete auf, während Tubal fortfuhr: <pb/> »Wer vor große,
                  jenseits des Alltäglichen liegende Aufgaben gestellt wird, der soll sich ihnen
                  nicht entziehen, am wenigsten sich zum Knecht landläufiger Begriffe von Ruf und
                  gutem Namen machen. Er soll nicht kleinmütig vor Verantwortung zurückschrecken,
                  denn darauf läuft diese ganze Ehrensorge hinaus. Mit Gott und sich selber hat er
                  sich zu vernehmen. Er soll sich zum Opfer bringen können, sich, Leben, Ehre.
                  Geschieht es in rechtem Geiste, so wird er die Ehre, die er einsetzt, doppelt
                  wiedergewinnen. Das ist der ewige Widerstreit der Pflichten, zwischen deren Wert
                  es abzuwägen gilt. Eine Treue kann die andere ausschließen. Wo die Bewährung der
                  einen durch die Verletzung der anderen erkauft werden muß, da wird freilich immer
                  ein bitterer Beigeschmack bleiben; aber gerade der, der diesen Beigeschmack am
                  bittersten empfindet, wird aus den reinsten Beweggründen heraus gehandelt
                  haben.«</p>
               <p>»Und es ist General Yorck, an den Sie dabei denken?« fragte Bninski mit einem
                  Anfluge von Spott.</p>
               <p>»Gerade an ihn dacht ich. Kurz, Graf, Sie dürfen ihn verurteilen, nicht
                  verdächtigen. Was seine Tat gilt, wird sich zeigen; seine Ehre aber, wie sie
                  meines Schutzes nicht bedarf, sollte gegen jeden Zweifel oder Angriff gesichert
                  sein.«</p>
               <p>Es schien, daß Bninski antworten wollte, aber die Musik begann wieder, und die
                  jetzt halb zurückgeschlagene Portiere ließ erkennen, daß die Paare zu einem Contre
                  zusammentraten. Kathinka, mit dem jungen Grafen Brühl engagiert, mahnte zum
                  Abbruch des Gesprächs, das ohnehin andere Wege gegangen und von längerer Dauer
                  gewesen war, als der Geheimrat bei Beginn desselben vorausgesehen hatte. Manches
                  war ihm peinlich gewesen; nur Tubals gute Haltung hatte ihn mit diesem Peinlichen
                  wieder versöhnt.</p>
               <p>Ehe der Contre zu Ende war, wußte die ganze Gesellschaft von dem großen Ereignis.
                  Die Wirkung war um vieles geringer, als erwartet werden durfte. Die Herren
                  versicherten, »daß sie nicht überrascht seien, daß sich vielmehr nur ein
                  Unausbleibliches vollzogen habe«. Die Damen dachten der Mehrzahl <pb/> nach wie
                  Kathinka und waren nur klug genug, mit einem gleichmütigen »Eh bien«
                  zurückzuhalten. Aber wie gering die Wirkung sein mochte, sie war doch groß genug,
                  eine gewisse Zerstreutheit hervorzurufen und dadurch die Gesellschaft zu stören.
                  Schon um zwölf fuhren die ersten Wagen vor, und ehe eine halbe Stunde um war,
                  hatten sich die Säle geleert.</p>
               <p>Bummcke, Jürgaß, Lewin, zu denen sich auch Baron Geertz und der alle andern
                  beinahe um Haupteslänge überragende Major von Haacke gesellt hatten, gingen
                  zusammen die Treppe hinunter. Unten trennte sich Lewin von ihnen; die vier andern
                  Herren aber hatten denselben Weg und schritten auf die Lange Brücke zu. Als sie
                  die Mitte derselben erreicht hatten, sahen sie zu dem Reiterstandbild des Großen
                  Kurfürsten auf, das in seiner oberen Hälfte vom Marstall und alten Postgebäude
                  her, in deren Fenstern noch Licht war, beleuchtet wurde. Der prächtige Kopf schien
                  zu lächeln.</p>
               <p>»Seht«, sagte Jürgaß, »er sieht nicht aus, als ob es mit uns zu Ende ginge.«</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Sechstes Kapitel</head>
               <head>Im Kolleg</head>
               <p>Lewin schritt die Königsstraße nach links hinunter, um seine Wohnung auf nächstem
                  Wege zu erreichen. Ein leiser, aber eiskalter Wind wehte vom Alexanderplatze her
                  und schnitt ihm ins Gesicht; er zog den Mantelkragen in die Höh und grüßte den
                  Wächter, der sich Schutzes halber unter das Portal des Rathauses gestellt
                  hatte.</p>
               <p>»Scharfer Wind, Ehrecke.«</p>
               <p>»Ja, junger Herr; 's is Bernauscher, der geht immer bis auf die Knochen.«</p>
               <p>Damit wünschten sie sich eine gute Nacht, und Lewin hörte nur noch das Knarren der
                  Laternen, die sich in ihren über die Straße gespannten Ketten langsam im Winde hin
                  und her bewegten. Er passierte den Hohen Steinweg, bog in die Klosterstraße <pb/>
                  ein und sah hier, immer sich rechts auf dem Bürgersteige haltend, mit halbem Auge
                  nach der andern Seite hinüber, wo er seit lange jedes Haus kannte. Bei Bäcker
                  Lehweß war Licht, und der Geruch von frischgebackenem Brot zog aus dem
                  offenstehenden Fenster der im Souterrain befindlichen Backstube quer über den
                  Fahrdamm hin bis zu ihm herüber. Dicht daneben, vor dem als Magazin dienenden
                  alten »Lagerhause« (dem ehemaligen kurfürstlichen Schloß), stampfte ein
                  französischer Wachtposten, der sein Gewehr an das Schilderhaus gelehnt hatte, mit
                  beiden Füßen in den Schnee und schlug sich mit den Armen überkreuz, wie die
                  Matrosen tun, wenn sie die Finger wieder geschmeidig haben wollen. Dann kam das
                  »Graue Kloster« und dann die Klosterkirche, deren beide Spitztürme eine hohe
                  Schneehaube trugen; sie saß um so fester, je zerbröckelter die Steine waren.</p>
               <p>Lewin, als er der Kirche ansichtig wurde, fühlte plötzlich ein Verlangen, dem
                  Grabe Johanna Susemihls einen Besuch zu machen. Er ging von der rechten auf die
                  linke Seite der Straße hinüber und trat durch einen zerfallenen Bogengang auf den
                  Kirchhof. Alles war dicht verschneit. Er sah aber bald, daß ein Pfad in den Schnee
                  getreten war, der an den Gräbern vorbei und, wo diese schon eingesunken waren,
                  auch über sie hinweg um die Kirche herumführte. Diesen Weg schlug er ein, bis er
                  an den linken Chorpfeiler kam. Da war es, das Grab. Von dem Efeu, der es
                  überwuchs, war unter der weißen Grabdecke nicht viel zu sehen, aber an dem Pfeiler
                  stieg er, von Schnee nur wenig überstreut, bis dicht unter das Dach empor. An eben
                  diesem Pfeiler lehnte auch das Holzkreuz, das, trotzdem es kaum drei Jahre stand,
                  schon wieder halb umgefallen war und mit seiner Aufschrift – so viel sich erkennen
                  ließ, nur ein Name ohne Spruch und Datum – klagend oder bittend gen Himmel sah.
                  Lewin fühlte sich erschüttert von dem Anblick und faltete unwillkürlich die Hände;
                  dann verfolgte er im Schnee hin den schmalen Weg weiter, bis er wieder an die
                  Stelle kam, von der er ausgegangen war, und schritt nun über den Damm hin auf
                  seine Wohnung zu.</p>
               <p>
                  <pb/> Frau Hulen war noch auf; sie ging nicht gern eher zu Bett, als bis sie ihren
                  jungen Herrn unter Hut und Obdach wußte.</p>
               <p>»Raten Sie, Frau Hulen, wo ich herkomme?«</p>
               <p>»Von dem Geheimrat, wo das schöne Fräulein ist.«</p>
               <p>»Da war ich auch. Vorher. Aber jetzt.«</p>
               <p>»Ich kann es nicht raten.«</p>
               <p>»Von Johanna Susemihl.«</p>
               <p>»Und um Mitternacht!«</p>
               <p>»Das ist die beste Zeit. Wissen Sie, Frau Hulen, mir tut die Johanna leid. Wer
                  kann immer tugendhaft sein?«</p>
               <p>»Gott, Gott, junger Herr, was is das nur mit Ihnen!«</p>
               <p>Lewin antwortete nicht und pfiff leise vor sich hin. Er schien zerstreut und die
                  Gegenwart der Alten kaum zu bemerken. Endlich begann er wieder: »Ich bin noch
                  nicht müde, Frau Hulen; das macht, ich habe heute nachmittag meinen Schlaf
                  vorweggenommen. Bringen Sie mir noch die grüne Schirmlampe, die kleine mit dem
                  runden Fuß; ich will noch lesen.«</p>
               <p>Frau Hulen tat, wie ihr geheißen, empfahl ihm noch, seinen Mantel über das Fußende
                  zu legen und dreimal, ohne sich zu rühren, bis hundert zu zählen, und ließ ihn
                  dann allein.</p>
               <p>Er war in der Tat in einer Aufregung, die die guten, ihm von der Alten gegebenen
                  Regeln nur allzusehr rechtfertigte. In fieberhafter Schnelle lösten sich die auf
                  ihn einstürmenden Bilder untereinander ab, und wechselnde Gestalten umschwirrten
                  und umdrängten ihn: Kathinka trat zur Mazurka an, aber ihr Tänzer war nicht
                  Bninski, sondern Bummcke; dann sah er den Grafen mit Johanna Susemihl neben dem
                  Chorpfeiler stehn, und dann wieder kam General Yorck über ein weites Schneefeld
                  geritten, das immer enger wurde, bis es der Klosterhof war, und drohte den beiden,
                  die sich hinter dem Chorpfeiler zu verstecken suchten, mit dem Finger. Endlich
                  wichen die Gestalten; das Fieber fiel von ihm ab, und ein Zustand süßer Mattigkeit
                  überkam ihn, in dem dann und wann sogar ein Hoffnungsflämmchen aufzuckte. Zugleich
                  regte sich der Wunsch in ihm, dieser Stimmung, in der sich Trauer und Hoffnung die
                  Waage hielten, Ausdruck zu geben. Er schritt auf seinen altmodischen <pb/>
                  Sekretär zu, stellte vom Tisch her die kleine Schirmlampe auf die längst
                  schräggedrückte, bei jeder Berührung knarrende Platte, nahm aus einem der Fächer
                  eine Anzahl immer bereitliegender weißer Blätter und schrieb:</p>


               <l>Tröste dich, die Stunden eilen,</l>
               <l>Und was all' dich drücken mag,</l>
               <l>Auch das Schlimmste kann nicht weilen,</l>
               <l>Und es kommt ein andrer Tag.</l>



               <l>In dem ew'gen Kommen, Schwinden,</l>
               <l>Wie der Schmerz liegt auch das Glück,</l>
               <l>Und auch heitre Bilder finden</l>
               <l>Ihren Weg zu dir zurück.</l>



               <l>Harre, hoffe, nicht vergebens</l>
               <l>Zählest du der Stunden Schlag;</l>
               <l>Wechsel ist das Los des Lebens,</l>
               <l>Und – es kommt ein andrer Tag!</l>


               <p>Es war ihm von Zeile zu Zeile freier ums Herz geworden. Er schob das Blatt unter
                  die anderen Blätter, legte sich nieder und schlief ein.</p>

               <p>Es war schon acht Uhr vorüber, als Frau Hulen, die die ganze Wochen- und
                  Tageseinteilung genau kannte und wohl wußte, daß der Dienstag »Kollegientag« war,
                  nach mehreren gescheiterten Versuchen, ihren jungen Herrn durch Tassenklappern und
                  Öffnen der Alkoventür zu wecken, endlich eine Blechschippe mit großem Lärm, als
                  würden zwei Becken zusammengeschlagen, umfallen ließ. Das half denn auch; Lewin
                  fuhr auf, suchte noch halb schlaftrunken auf dem Nachttisch umher und ließ die Uhr
                  repetieren. Acht und ein Viertel! Er erschrak über die späte Stunde, ließ es sich
                  aber angelegen sein, durch Eile das Versäumnis wieder einzubringen, und stand
                  zwanzig Minuten später marschfertig in seinen Stiefeln.</p>
               <p>
                  <pb/> Der feste Schlaf hatte ihm wohlgetan, alle trüben Gedanken waren wie
                  verflogen, und erst der Anblick seiner eignen Strophen, die nur halb versteckt auf
                  der Sekretärplatte lagen, rief ihm die Stimmung des vorigen Abends zurück. Aber
                  nur in seinem Gedächtnis, nicht in seinem Gemüt. Er überflog die Zeilen und schloß
                  mit halblauter Stimme: »Und es kommt ein andrer Tag« Dabei war ihm so frisch zu
                  Sinn, als ob dieser »andere Tag« schon angebrochen sei. In gehobener Stimmung nahm
                  er seinen Weg erst über die Lange Brücke, dann an der Stechbahn und Schloßfreiheit
                  vorbei und schritt auf die Universität, das ehemalige Prinz Heinrichsche Palais,
                  zu.</p>
               <p>Er machte diesen Weg nur zweimal in der Woche. Bereits hoch in den Semestern, ja
                  seit dem Herbste mit seinem Triennium fertig, fand er es ausreichend, nur noch das
                  zu hören, was ihm besonders zusagte oder so glücklich lag, daß es ihm die Tage,
                  die er frei haben wollte, nicht unterbrach. So hörte er bei Savigny, bei Thaer und
                  Fichte, die alle drei am Dienstag und Freitag, und zwar in drei
                  hintereinanderfolgenden Stunden lasen. An den übrigen Tagen hielt er sich zu Haus,
                  Studien hingegeben, die ganz und gar seiner Neigung entsprachen. Er las viel,
                  stand ganz in den Anschauungen der romantischen Schule, verfolgte mit besonderem
                  Eifer die Fehden, die dieselbe führte, und nahm auch wohl gelegentlich selbst an
                  diesen Fehden teil. Seine Lieblingsbücher, die nicht von seinem Tisch kamen, waren
                  Shakespeare und die Percysche Balladensammlung; beiden zuliebe hatte er Englisch
                  gelernt, das er nicht sprach, aber gut verstand. Dann und wann versuchte er sich
                  selbst in einigen Strophen, nach Ansicht der Kastalia mit Erfolg, nach seiner
                  eigenen Meinung aber ohne wirklich dichterischen Beruf. Indessen muß gesagt
                  werden, daß er hierin zu weit ging und wenigstens in einem Punkte, vielleicht
                  gerade in dem entscheidenden, in einer irrtümlichen Strenge gegen sich selbst
                  befangen war. Das nämlich, was er sich als Schwäche auslegte, war in Wahrheit
                  seine Stärke. Er machte keine Gedichte, sie kamen ihm, und er genoß des Glückes
                  und Lohnes (des einzigen, <pb/> dessen der Dichter sicher sein darf), sich alles,
                  was ihn quälte, vom Herzen heruntersingen zu können.</p>
               <p>Die erste Vorlesung war heute bei Savigny. Er sprach über »Römisches Recht im
                  Mittelalter« und schien, der völligen Ruhe nach zu schließen, mit der er begann
                  und endigte, von dem großen Tagesereignis, das in der Tat erst im Laufe der
                  Vormittagsstunden allgemeiner bekannt wurde, nichts gehört zu haben. Auch in dem
                  unmittelbar folgenden Thaerschen Kolleg geschah der Kapitulation mit keiner Silbe
                  Erwähnung, entweder weil der Professor ebenfalls noch ohne Kenntnis war oder voll
                  feinen Taktes empfand, daß das Thema seiner Vorlesung: »Der Fruchtwechsel und die
                  landwirtschaftliche Bedeutung des Kartoffelbaues« keine recht passende Anknüpfung
                  gestattete.</p>
               <p>Von elf bis zwölf las Fichte über den »Begriff des wahrhaften Krieges«. Es war ein
                  Collegium publicum, für das, ebenso mit Rücksicht auf das Thema wie auf die
                  Popularität des Vortragenden, von Anfang an der größte der Hörsäle gewählt worden
                  war; nichtsdestoweniger war alles längst besetzt, als Lewin eintrat, und nur mit
                  Mühe gelang es ihm, sich auf der letzten Bank einen halben Eckplatz zu erobern.
                  Aller Erwartungen waren gespannt, und diese sollten nicht getäuscht werden. Das
                  akademische Viertel war noch nicht um, als der kleine Mann mit dem
                  scharfgeschnittenen Profil und den blauen, aber scharf treffenden Augen auf dem
                  Katheder erschien. Er hatte sich mühevoll den Aufgang erkämpfen müssen. »Meine
                  Herren«, begann er, nachdem er nicht ohne ein Lächeln der Befriedigung seinen
                  Blick über das Auditorium hatte hingleiten lassen, »meine Herren, wir sind alle
                  unter dem Eindruck einer großen Nachricht, die nicht kennen zu wollen mir in
                  diesem Augenblick als eine Affektation oder eine Feigheit, das eine so schlimm wie
                  das andere, erscheinen würde. Sie wissen, worauf ich hinziele: General Yorck hat
                  kapituliert. Das Wort hat sonst einen schlimmen Klang, aber da ist nichts, das gut
                  oder böse wäre an sich; wir kennen den General und wissen deshalb, in welchem
                  Geiste wir sein Tun zu deuten haben. Ich meinesteils bin sicher, daß dies der
                  erste Schritt ist, der, während<pb/> er uns zu erniedrigen scheint, uns aus der
                  Erniedrigung in die Erhöhung führt. Es werden auch andere Worte und Auslegungen an
                  Ihr Ohr klingen. Die Feigheit, weil sie sich ihrer selber schämt, sucht sich
                  hinter Autoritätsaussprüchen oder einem Kodex falscher Ehre zu decken; ja, sie
                  flüchtet sich hinter den besten Wappenschild dieses Landes. Aber das Nest des
                  Aares ist kein Krähennest. Es kann nicht sein, daß die große Tat kleinmütig
                  gemißbilligt worden sei, und wär es doch, nun so kräftige sich in uns der Glaube:
                  es ist nicht, auch wenn es ist. Seien wir voll der Hoffnung, die Mut, und voll des
                  Mutes, der Hoffnung gibt. Vor allem tun wir, was der tapfere General tat, das
                  heißt, entscheiden wir uns.«</p>
               <p>Enthusiastisch antwortete das Auditorium, dann schwieg alles, und keine weiteren
                  Demonstrationen wurden laut, auch nicht, als mit dem Glockenschlage zwölf der
                  Vortragende abbrach und rasch das Katheder verließ. Nur wie zum Zeichen
                  persönlicher Verehrung folgten ihm viele durch die langen Korridore hin, bis er
                  aus dem westlichen Flügel des Gebäudes ins Freie trat.</p>
               <p>Lewin war im Auditorium zurückgeblieben, um Jürgaß zu begrüßen, den er während der
                  Vorlesung auf einer der vordersten Reihen bemerkt hatte. Er fand ihn in eifrigem
                  Gespräch mit einem jungen Manne, der nach der Beschreibung, die Tubal in seinem
                  Weihnachtsbriefe gemacht hatte, niemand anders sein konnte als Hansen-Grell. Und
                  in der Tat, er war es.</p>
               <p>Nach kurzer Vorstellung, in der Jürgaß seiner Liebhaberei für kleine Neckereien
                  wie üblich die Zügel hatte schießen lassen, schritten alle drei erst auf das
                  Portal, dann auf das zwischen den steinernen Schilderhäusern gelegene Gittertor zu
                  und bogen schließlich, um einen gemeinschaftlichen Spaziergang zu machen, nach
                  rechts hin in die Linden ein.</p>
               <p>Diese waren, trotzdem es ein prächtiger, wenn auch kalter Tag war, wenig besucht,
                  und nur an dem Hin-und Herfahren vieler Equipagen ließ sich erkennen, daß in den
                  diplomatischen Kreisen eine Aufregung herrschen müsse.</p>
               <p>An der Ecke des Redernschen Palais, das damals seine Schinkel- Renovierung noch
                  nicht erfahren hatte, begegneten <pb/> unsere drei Freunde dem Major von Haacke,
                  der eben von seinem Prinzen kam.</p>
               <p>»Guten Tag, Haacke. Wie steht es?«</p>
               <p>»Nicht gut.«</p>
               <p>»Also doch.«</p>
               <p>»Der König ist indigniert; Natzmer mit Ordres, die an Schärfe nichts zu wünschen
                  übriglassen, geht noch heute ins Hauptquartier ab. Kleist übernimmt das Kommando.
                  Den Alten werden sie vor ein Kriegsgericht stellen; hat er Glück, so kann es ihm
                  den Kopf kosten.«</p>
               <p>»Alles Komödie! Es kann nicht sein. Ich kenne Yorck; so brav er ist, so schlau ist
                  er auch. Er hat Instruktionen gehabt.«</p>
               <p>»Ich glaub es nicht. Dies sind nicht Zeiten für Instruktionen; sie binden nicht
                  bloß den, der sie empfängt, sondern auch den, der sie gibt. Und das Schlimmste
                  ist, sie kompromittieren am dritten Ort. Es lebt sich jetzt am besten von der Hand
                  in den Mund, und die einzige Instruktion, die jeder stillschweigend empfängt,
                  heißt: ›Tue, was dir gut dünkt, und nimm die Folgen auf dich.‹«</p>
               <p>Damit trennte man sich wieder, und unsere Spaziergänger schritten am Rande des
                  Tiergartens hin, einem Lokale zu, das der Mewessche Blumengarten hieß. Sie nahmen
                  an einem kleinen Tische Platz, setzten die Bedienung durch mehrere Forderungen,
                  die sämtlich nicht ausgeführt werden konnten, in Verlegenheit und begnügten sich
                  endlich damit, einen Kaffee zu bestellen, von dem, in Erwägung, daß es ein Uhr
                  war, keiner recht wußte, ob er ihn sich als einen zweiten Morgen- oder einen
                  ersten Nachmittagskaffee anrechnen solle.</p>
               <p>Lewin war all die Zeit über weniger mit der Kapitulation als mit der
                  Kastaliasitzung beschäftigt gewesen. Diese reihum gehenden Reunions in ihrem
                  literarischen Gehalte jedesmal so glänzend wie möglich zu gestalten bildete den
                  Ehrgeiz jedes einzelnen; heute versammelte man sich bei ihm, und noch war
                  seinerseits nichts geschehen, um den Erfolg des Abends sicherzustellen.</p>
               <p>Er klagte darüber scherzhaft zu Jürgaß, der ihn in gleichem <pb/> Ton erst auf die
                  beiden angekündigten Gäste – wie sich bei dieser Gelegenheit ergab, die Herren von
                  Hirschfeldt und von Meerheimb – und, als auch das nicht völlig ausreichen wollte,
                  auf Hansen-Grell verwies, der, soweit seine Wissenschaft reiche, immer etwas
                  Frisches und leidlich Lesbares in der Tasche habe. »Sans doute, aujourd'hui comme
                  toujours.«</p>
               <p>Hansen-Grell behauptete das Gegenteil, aber doch mit einer Miene, die gegründete
                  Zweifel in seine Versicherung gestattete. Jürgaß schüttelte den Kopf, und selbst
                  Lewin entschloß sich zu direkterem Vorgehen.</p>
               <p>»Haben Sie etwas?«</p>
               <p>»Nein.«</p>
               <p>»Ich kenne das«, warf Jürgaß ein. »Suchet, so werdet ihr finden.«</p>
               <p>Es entstand eine kleine Pause; dann endlich sagte Hansen-Grell, indem er ein
                  dickes Notizbuch aus der Tasche zog: »Gut, ich habe etwas. Aber es ist nicht
                  eigentlich fertig und wird auch nie fertig werden.«</p>
               <p>»Nun«, erwiderte Lewin, »dann ist es so gut wie fertig oder besser als das. Es
                  gibt ohnehin eine Literatur von Bruchstücken. ›Fragmente‹ sind das Beste, was man
                  bringen kann. Geben Sie her.«</p>
               <p>Grell riß das Blatt ohne weiteres aus dem Notizbuch heraus und gab es an Lewin,
                  der, während Jürgaß herzlich lachte, »einen Dichter«, wie er sich ausdrückte,
                  »einmal wieder auf seinen Winkelzügen ertappt zu haben«, die Strophen rasch
                  überflog und durch mehrmaliges Nicken seine Freude und Zustimmung zu erkennen
                  gab.</p>
               <p>Der Kaffee war inzwischen gekommen; sie nippten nur, und da die etagenförmig
                  aufgestellten Rhododendron- und Magnolientöpfe, zu denen sich als äußerste
                  Seltenheit auch noch einige Kamelien gesellten, weder für Jürgaß noch für seine
                  Begleiter ein besonderes Interesse boten, so brachen sie rasch wieder auf und
                  gingen auf die Stadt zu.</p>
               <p>An der Ecke der Leipziger und Friedrichsstraße trennten sich ihre Wege.</p>
               <pb/>
            </div>

            <div type="chapter">
               <head>Siebentes Kapitel</head>
               <head>Kastalia</head>
               <p>Lewin ging zu Tisch. In dem sackgassenartig verbauten Teil der Taubenstraße, von
                  dem aus damals, wie heute noch, ein schmaler Durchgang auf den Hausvogteiplatz
                  führte, war eine altmodische Weinhandlung, in deren hochpaneeliertem, an Wand und
                  Decke verräuchertem Gast- und Speisezimmer Lewin seine ziemlich einfache
                  Mittagsmahlzeit einzunehmen pflegte. Rascher als gewöhnlich hatte er sie heute
                  beendet, und vier Uhr war noch nicht heran, als er schon wieder in seiner Wohnung
                  eintraf. Zwei Briefe waren in seiner Abwesenheit abgegeben worden, einer von
                  Doktor Saßnitz, der sein lebhaftes Bedauern aussprach, am Erscheinen in der
                  Kastalia verhindert zu sein, der andere vom Kandidaten Himmerlich, zugleich unter
                  Beifügung eines lyrischen Beitrags. Es waren vier sehr lange Strophen unter der
                  gemeinschaftlichen Überschrift: »Sabbat«. Lewin lächelte und schob das Blatt,
                  nachdem er auf demselben mit Rotstift eine I vermerkt hatte, in einen
                  bereitliegenden, als Kastaliamappe dienenden Pappbogen, in den er gleich darauf
                  auch die von Hansen-Grell empfangenen Verse sowie seine eigenen Reime vom Abend
                  vorher hineinlegte. Auch diese beiden Beiträge hatten zuvor ihre Rotstiftnummer
                  erhalten.</p>
               <p>Hiermit waren die ersten Vorbereitungen getroffen, aber freilich nicht die
                  letzten. Noch sehr vieles blieb zu tun, trotzdem zugestanden werden muß, daß
                  einzelne Fragen durch eine weise Gesetzgebung aufs glücklichste geregelt und
                  dadurch wie vorweg gelöst waren. So beispielsweise die Bewirtungsfrage. Es hieß in
                  Paragraph sieben des von Jürgaß entworfenen Statutes wörtlich wie folgt: »Die
                  Kastalia hat sich in Sachen der Bewirtung ihres Namens und Ursprungs würdig zu
                  zeigen. Den Grundpfeiler ihrer Gastlichkeit bildet unverrückbar das reine Wasser
                  und was diesem am nächsten kommt: der Tee. Nur exzeptionell darf ein Rhein- oder
                  Moselwein geboten werden. Der große Vereinsbecher bleibt den Priesterhänden <pb/>
                  unseres Mitgliedes Lewin von Vitzewitz, als Gründer des Vereins, anvertraut.
                  Substantia, selbst in Ausnahmefällen, nicht zulässig.«</p>
               <p>Dies war Paragraph sieben. Aber seine Voraussicht hatte nicht jede Schwierigkeit
                  aus der Welt schaffen, am wenigsten die für Lewin immer brennender werdende
                  Platzfrage lösen können, die sich teils aus der vergleichsweisen Enge seines
                  Zimmers, teils aus den unausreichenden Möbelbeständen Frau Hulens ergab. Ein
                  zarter Punkt, den sich Lewin der alten Frau gegenüber nicht zu berühren getraute.
                  Und so mußten denn auch heute wieder, unter den Mühen immer erneuten
                  Ausprobierens, zwei runde Tische nicht bloß nebeneinandergerückt, sondern auch in
                  der Diagonale aufgestellt werden, da, bei Parallelstellung mit der Wand, die Türe
                  nicht auf- und zugegangen wäre und zu einer Störung dieser immerhin wichtigen,
                  weil einzigen Kommunikationslinie mit Frau Hulen geführt haben würde.</p>
               <p>Endlich war alles geschehen, und Lewin mochte sich seines Werkes freuen, Lampe und
                  Lichter brannten. Auf dem einen der beiden Tische präsentierte sich das Symbol der
                  Kastalia, die große Wasserkaraffe, während in der Mitte des andern der mit Perlen
                  gestickte Tabakskasten aufragte, dessen Haupt- und Deckelbild den Tod der Königin
                  Dido darstellte. Zwischen Sofa und Tür, an einer Wandstelle, die wenigstens von
                  den meisten Tischplätzen aus mit Leichtigkeit abgereicht werden konnte, stand nach
                  damaliger Sitte ein ständerartiger Pfeifentisch, die Weichselholzrohre, oder
                  woraus sonst sie bestehen mochten, mit Puscheln und Quasten reich geschmückt,
                  während einige Rheinweinflaschen und neben ihnen der in dünnstem Silberblech
                  getriebene Kastaliabecher in einer Ecke des Fensterbrettes ihrer Zeit
                  warteten.</p>
               <p>Frau Hulens Schwarzwälder Uhr, deren Ticktack man auch in Lewins Zimmer hörte,
                  hatte kaum sieben ausgeschlagen, als es klingelte. Es waren Rabatzki und
                  Himmerlich, die sich auf der dritten Treppe getroffen und trotz der herrschenden
                  Dunkelheit erkannt oder doch auf gut Glück hin begrüßt hatten.</p>
               <p>
                  <pb/> Waren sie doch, nach einer Art von stillschweigendem Übereinkommen, immer
                  die ersten und benutzten die Minuten, die ihnen bis zum Eintreffen der anderen
                  Mitglieder blieben, zur Erledigung von redaktionellen Fragen. Rabatzki gab nämlich
                  ein kleines Sonntagsblatt heraus, und ohne Übertreibung durfte gesagt werden, daß
                  der lyrisch-novellistische Teil desselben jedesmal vor Beginn der letzten
                  Kastaliasitzung endgültig festgestellt wurde.</p>
               <p>Nur heute nicht. Rabatzki hatte kaum Zeit gefunden, an »seine rechte Hand«, wie er
                  Himmerlich gerne nannte, eine erste Frage zu richten, als das Erscheinen des
                  Rittmeisters alle weiteren Unterhandlungen unmöglich machte. Mit Jürgaß waren die
                  beiden angekündigten Gäste, von Hirschfeldt und von Meerheimb, erschienen, von
                  denen der letztere den linken Arm noch in der Binde trug. Lewin sprach ihnen aus,
                  wie sehr erfreut er sei, sie zu sehen, doppelt, wenn, wie Herr von Jürgaß in
                  Aussicht gestellt habe, sie sich bereit zeigen sollten, durch Mitteilungen aus
                  ihren Tagebuch- und Erinnerungsblättern zu dem gelegentlich etwas matt sprudelnden
                  Quell der Kastalia beizusteuern. Beide Herren verneigten sich, während Jürgaß zwei
                  Manuskripte, deren er sich schon vorher zu versichern gewußt hatte, an Lewin
                  überreichte.</p>
               <p>Dieser hoffte, noch vor Beginn der Sitzung zu einem einigermaßen eingehenden
                  Gespräche mit den ihm bis dahin persönlich unbekannt gebliebenen Gästen
                  Gelegenheit zu finden; er war aber kaum über die erste Begrüßung hinaus, als ein
                  abermaliges Klingeln die eben begonnene Unterhaltung unterbrach. Es waren Tubal
                  und Bninski, die eintraten. Lewin erwartete, zwischen dem Grafen und Hirschfeldt,
                  die beide in Spanien, aber auf verschiedenen Seiten gefochten hatten, von Anfang
                  an ein gespanntes Verhältnis eintreten zu sehen; aber gerade das Unerwartete
                  geschah. Bninski, durch Tubal vorbereitet, wandte sich mit einer Politesse, in der
                  fast mehr noch ein Ton der Herzlichkeit als der bloßer Artigkeit klang, sofort an
                  Hirschfeldt, und wenn auch allerhand Fragen und Unterbrechungen, wie sie
                  namentlich Jürgaß liebte, ein andauerndes <pb/> Gespräch nicht aufkommen ließen,
                  so verfehlte der Graf doch nicht, durch kleine Aufmerksamkeiten die besonderen
                  Sympathien auszudrücken, die er für seinen Gegner empfand.</p>
               <p>Infanteriekapitän von Bummcke war der letzte. Jürgaß konnte ihm das nicht schenken
                  und hielt ihm die Uhr entgegen.</p>
               <p>»Militärs, lieber Bummcke, kennen keine akademischen Viertel. In Sommerzeiten
                  möcht es, in Anbetracht Ihrer besonderen Verhältnisse, hingegangen sein; aber bei
                  zwölf Grad Kälte kann ich keinem Embonpoint der Welt eine Unpünktlichkeit von
                  beinahe zwanzig Minuten zugute halten.«</p>
               <p>»Anfangen, anfangen!« riefen mehrere Stimmen, unter denen die von Rabatzki und
                  Himmerlich deutlich erkennbar waren. Lewin, während Mitglieder und Gäste sich, so
                  gut es ging, um die zwei Tische her gruppierten, klopfte mit einem Zuckerhammer
                  auf und nahm dann selber auf seinem durch ein aufgelegtes Sofakissen zu einer Art
                  Präsidentenstuhl umgewandelten Lehnsessel Platz. Er war kein Meister in der Rede,
                  aber Amt und Situation ließen ihm keine Wahl.</p>
               <p>»Meine Herren«, hob er an, »ich heiße Sie willkommen. Wir sind leider nicht
                  vollzählig. Unsere beste kritische Kraft ist ausgeblieben: Doktor Saßnitz hat sich
                  brieflich entschuldigt. Dagegen freue ich mich, Ihre Aufmerksamkeit auf eine
                  stattliche Reihe von Vorlagen, darunter auch Drucksachen, hinlenken zu können.
                  Unter diesen Drucksachen stehen diejenigen Publikationen obenan, die von früheren
                  Mitgliedern der Kastalia herrühren. Es sind dies ›Die Ahnen von Brandenburg‹, ein
                  epischer Hymnus von Friedrich Graf Kalckreuth, und die vor wenig Tagen erst bei J.
                  E. Hitzig hierselbst erschienenen ›Dramatischen Dichtungen‹ von Friedrich Baron de
                  la Motte-Fouqué, unter denen sich, neben altnordischen Sachen, auch ›Die Familie
                  Hallersee‹ und ›Die Heimkehr des Großen Kurfürsten‹ befinden, die während des
                  vorigen Winters in unserem Kreise zuerst gelesen und mit soviel Jubel aufgenommen
                  wurden.«</p>
               <p>Hier unterbrach sich Lewin, um die beiden genannten Bücher kursieren zu lassen.
                  Dann fuhr er fort: »An neuen Beiträgen <pb/> für die heutige Sitzung sind fünf
                  Arbeiten eingegangen, sehr verschieden an Umfang: lyrische oder lyrisch-epische
                  Dichtungen, ferner Tagebuch- und Erinnerungsblätter aus Spanien und Rußland. Es
                  ist Regel, mit den lyrischen Sachen zu beginnen und alles, was dem Gebiete der
                  Erzählung angehört, folgen zu lassen. Ich ersuche Herrn Kandidaten Himmerlich, uns
                  seine, wenn ich recht gesehen habe, aus dem Englischen übersetzten Strophen
                  vorlesen zu wollen. Sie führen den Titel: ›Der Sabbat‹.«</p>
               <p>Mit diesen Worten überreichte Lewin das Blatt.</p>
               <p>Jürgaß war bei Nennung der Überschrift in ziemlich demonstrativer Weise mit der
                  linken Handfläche über das Kinn gefahren.</p>
               <p>Himmerlich, in unverkennbarer nervöser Unruhe und eifrig bemüht, das mehrmals
                  eingekniffte Blatt wieder glattzustreichen, wiederholte zunächst: »Der Sabbat,
                  Gedicht von William Wilberforce.«</p>
               <p>»Ist das derselbe Wilberforce«, fragte Jürgaß, »der den Sklavenhandel abgeschafft
                  hat?«</p>
               <p>»Nein, im Gegenteil.«</p>
               <p>»Nun, er wird ihn doch nicht wieder eingeführt haben?«</p>
               <p>»Auch das nicht. Der einen so berühmten Namen führende junge Dichter, mit dem ich
                  Sie heute bekannt machen möchte, ist Fabrikarbeiter. Wenn ich sagte ›im
                  Gegenteil‹, so wollte ich damit ausdrücken, daß er selber noch in einer Art von
                  Sklaverei steckt. Ich fühle das Unlogische meiner Wendung und bitte um
                  Entschuldigung.«</p>
               <p>»Gut, gut, Himmerlich. Nicht immer gleich empfindlich.«</p>
               <p>»Jede Art von Empfindlichkeit ist mir durchaus fremd. Ich bitte aber, da ich
                  einmal das Wort habe, einige Bemerkungen vorausschicken zu dürfen. Es ist Ihnen
                  allen bekannt, daß die englische Sprache mit kurzen Wörtern überreich gesegnet ist
                  und daß dieselbe, nicht immer, aber oft, in einer einzigen Silbe das zu sagen
                  versteht, wozu wir deren drei gebrauchen. Weibliche Reime, um auch das noch zu
                  bemerken, haben die Engländer so gut wie gar nicht.«</p>
               <p>
                  <pb/> »Wie verwerflich!«</p>
               <p>»Aus diesen sprachlichen Unterschieden erwachsen Schwierigkeiten, auf die
                  wenigstens kursorisch einzugehen Sie mir gütigst gestatten wollen.«</p>
               <p>»Nein, lieber Himmerlich, vorbehaltlich präsidieller Entscheidung ›gütigst nicht
                  gestatten wollen‹. Ich habe bis hierher geschwiegen, sehr wohl wissend, jedes Huhn
                  kakelt, ehe es sein Ei legt. Aber diesem bis zu einem gewissen Grade
                  nachzugebenden Naturrecht steht, wenn es auszuschreiten droht, das geschriebene
                  Recht der Kastalia gegenüber. Paragraph neun unserer Statuten regelt die Frage der
                  Vorreden ein für allemal und gibt diesen selber ihr zuständiges Maß. Auch von dem
                  Redefeuer gilt des Dichters Wort: ›Wohltätig ist des Feuers Macht, wenn sie der
                  Mensch bezähmt, bewacht.‹ Ich habe den Eindruck, daß das statutenmäßig vorgesehene
                  Maß bereits überschritten wurde, und bitte deshalb unseren Herrn Vorsitzenden, auf
                  Vortrag der Dichtung selbst dringen zu wollen.«</p>
               <p>Lewin nickte zustimmend, und Himmerlich, indem er sich leicht verfärbte, begann
                  mit vibrierender Stimme:</p>


               <l>»'s ist Sabbatfrüh, und noch im Sinken spendet</l>
               <l>Ein zaubrisch Licht des Vollmonds Silberpracht.</l>
               <l>Es ist noch früh, die Mitte kaum beendet</l>
               <l>Der stillen, sternenblassen Sommernacht;</l>
               <l>Schon hab ich froh mich auf den Weg gemacht</l>
               <l>Am Rain entlang, entlang an Wald und Auen</l>
               <l>Und harre nun, auf daß der Tag erwacht,</l>
               <l>Um andachtsvoll dem Schauspiel zuzuschauen,</l>
               <l>Vor dessen Majestät die Herzen übertauen.</l>



               <l>Die Lerche wacht; mit flatterndem Gefieder</l>
               <l>Erhebt sie sich, verschmähend unsre Welt,</l>
               <l>Und wie sie steigt, so werden ihre Lieder</l>
               <l>Von Lust und Wohlklang mehr und mehr geschwellt.</l>
               <l>Das Wasserhuhn, als würd ihm nachgestellt,</l>
               <l>Entflieht vor mir mit hast'gem Flügelschlagen,</l>
               <pb/>
               <l>Sogar das Lamm erschrocken innehält,</l>
               <l>Und statt am Grase ruhig fort zu nagen,</l>
               <l>Reißt es vom Pflock sich los, um übers Moor zu jagen.«</l>


               <p>An dieser Stelle erfuhr die Vorlesung durch das Erscheinen der Frau Hulen, die mit
                  dem Teebrett eintrat, eine Unterbrechung. Lewin, immer voll Mitgefühl mit
                  Poeteneitelkeiten, schon weil er sie selber durchgemacht hatte, winkte mehrmals,
                  daß sich die Alte zurückziehen möchte; aber es war schon zu spät, und Himmerlich
                  hatte durch ein minutenlanges Martyrium zu gehen. Er dankte kurz, als das
                  herumgehende Tablett auch an ihn kam, schickte der endlich wieder verschwindenden
                  Alten einen Blick voll tragikomischen Hasses nach und fuhr dann mit gehobener
                  Stimme fort:</p>


               <l>»Nun wird es hell, und sieh, der Berge Gipfel</l>
               <l>Erglühen purpurn, und der Feuerball</l>
               <l>Der Sonne selbst vergoldet schon die Wipfel</l>
               <l>Und scheucht ins Tal der Nebel feuchten Schwall;</l>
               <l>Und höher in die Kuppel von Kristall</l>
               <l>Will sich der ew'ge Strahlenquell erheben,</l>
               <l>In Höh und Tiefe Licht wird's überall,</l>
               <l>Bis schlucht-entlang die letzten Schatten schweben –</l>
               <l>Ein neuer Tag ist da und atmet neues Leben.</l>



               <l>Jetzt laß mich, Gott, Gemeinschaft mit dir halten !</l>
               <l>Quell aller Weisheit, Herr und Vater mein,</l>
               <l>Du siehst mein Herz, dir spricht mein Händefalten,</l>
               <l>O laß dein Licht auf meinen Wegen sein;</l>
               <l>Gib mir die Kraft – du gibst sie nur allein –,</l>
               <l>Aus Sünd und Schwachheit mich herauszuschälen,</l>
               <l>Und lehre mich, an deines Auges Schein</l>
               <l>Des eignen Auges matten Sinn zu stählen,</l>
               <l>Auf daß die Lust ihm wird, den rechten Pfad zu wählen.«</l>


               <p>Kaum daß die letzte Zeile verklungen war, so erhob sich Buchhändler Rabatzki von
                  seinem Platz und sagte in einem <pb/> Ton, in dem Wichtigkeit und Bescheidenheit
                  beständig miteinander rangen: »Meine Herren! Ohne Ihrem kompetenteren Urteil«
                  (»Sehr gut, Rabatzki!«) »irgendwie vorgreifen zu wollen, bitt ich nur einfach von
                  meinem vorwiegend geschäftsmännischen Standpunkt aus bemerken zu dürfen, daß ich
                  mich glücklich schätzen würde, diese Strophen in der nächsten Nummer meines
                  Sonntagsblattes, und zwar ausnahmsweise an der Spitze desselben, bringen zu
                  können. Ich bitte Herrn Himmerlich, mich dazu autorisieren, zugleich aber auch in
                  einer Anmerkung einige kurze biographische Notizen über den englischen Dichter,
                  der mir seines berühmten Namensvetters durchaus würdig zu sein scheint, geben zu
                  wollen.«</p>
               <p>Über Himmerlichs Gesicht, der diese schmeichelhaften Worte Rabatzkis als ein gutes
                  Omen für alles Kommende ansah, flog es wie Verklärung. Er sollte seines Triumphes
                  aber nicht lange froh bleiben. Jürgaß klopfte den Fidibus aus, mit dem er eben
                  eine frische Pfeife angeraucht hatte, und sagte: »Unseres Freundes Rabatzki
                  sonntagsblattliche Begeisterung in Ehren, eines möcht ich wissen, ist es ein
                  Bruchstück?«</p>
               <p>»Nein.«</p>
               <p>»Dann gestatten Sie mir die Behauptung, daß Ihr Sabbat zwar ein Ende, aber keinen
                  Schluß hat.«</p>
               <p>»Es wird sich darüber streiten lassen. Ich glaube nicht, daß es nötig war, meinen
                  Morgenspaziergänger bis an seinen Frühstückstisch zurückzubegleiten.«</p>
               <p>»Und ich meinerseits möchte bezweifeln, daß Sie dem Gedichte durch eine solche
                  gemütlich-idyllische Zutat geschadet hätten. Indessen lassen wir das. Aber die
                  Form, die Form, Himmerlich! Sagen Sie, was sind das für sonderbare Strophen?«</p>
               <p>»Es sind sogenannte Spencerstrophen.«</p>
               <p>»Spencerstrophen?« fuhr Jürgaß fort, »ich finde diesen Namen fast noch sonderbarer
                  als die Verse selbst.«</p>
               <p>»Ich nehme an, Herr von Jürgaß«, antwortete Himmerlich in einem immer erregter
                  werdenden Tone, »daß Sie mit dem Bau der Ottaverime vertraut sind, jener
                  achtzeiligen schönen <pb/> Strophen, in denen Tasso und Ariost ihre unsterblichen
                  Werke, den ›Orlando furioso‹ und das ›Gerusalemme liberata‹, dichteten.«</p>
               <p>Jürgaß, der sich auf diesem Gebiete nichts weniger als zu Hause fühlte, rauchte
                  stärker und suchte seine wachsende Unsicherheit hinter einem mit der Miene der
                  Superiorität gesprochenen »Und nun?« zu verbergen.</p>
               <p>»Und nun?« griff Himmerlich das letzte Wort auf, »die Spencerstrophe mag als ein
                  Geschwisterkind dieser Tasso- und Arioststrophe angesehen werden. Ihre
                  Reimstellung ist freilich anders, sie hat auch nicht acht Zeilen, sondern neun und
                  geht in eben dieser neunten Zeile aus dem fünffüßigen Jambus in den Alexandriner
                  über...«</p>
               <p>»Ist aber nichtsdestoweniger eigentlich ein und dasselbe. Ich beneide Sie,
                  Himmerlich, um diese Schlußfolgerung.«</p>
               <p>Eine gereizte Debatte schien unausbleiblich; Lewin indessen schnitt sie geschickt
                  ab, indem er bemerkte, daß es nicht Aufgabe dieses Kreises sein könne, die
                  größeren oder geringeren Verwandtschaftsgrade zwischen Spencerstrophe und
                  Ottaverime festzustellen. Er müsse bitten, auf die Dichtung selber einzugehen,
                  wenn es nicht vorgezogen würde, trotz einiger kleiner Ausstellungen des Herrn von
                  Jürgaß, die warmen Worte, in denen sich ihr immer treu befundenes Mitglied
                  Buchhändler Rabatzki bereits geäußert habe, einfach als Urteil und Dankesausdruck
                  der Kastalia selbst zu akzeptieren.</p>
               <p>Hierauf wurde nicht nur überhaupt eingegangen, sondern auch mit einer
                  Bereitwilligkeit, deren ironischer Beigeschmack von dem unglücklichen Himmerlich
                  sehr wohl herausgefühlt wurde.</p>
               <p>»Wir wenden uns nunmehr dem zweiten der eingegangenen Beiträge zu«, fuhr Lewin
                  fort. »Es sind Strophen unseres sehr verehrten Gastes, des Herrn Hansen-Grell, den
                  in kürzester Frist als Mitglied dieses Kreises begrüßen zu dürfen ich als meinen
                  persönlichen, übrigens von allen Mitgliedern der Kastalia geteilten Wunsch
                  ausgesprochen haben möchte. Ich bitte, Herrn Hansen-Grell, seine Strophen lesen zu
                  wollen.«</p>
               <p>
                  <pb/> Dieser zog, um des Tabakrauches willen, der bereits seine Schleier
                  auszuspannen anfing, das Licht etwas näher an sich heran und begann dann ohne
                  Zögern, mit ruhiger, aber sehr eindringlicher Stimme: »Seydlitz; geboren zu Calcar
                  am 3. Februar 1721.«</p>
               <p>»Ist das die Überschrift?« unterbrach Jürgaß.</p>
               <p>»Ja«, war die kurze Antwort.</p>
               <p>»Nun, da bitt ich doch bemerken zu dürfen, daß mich dieser Titel noch mehr
                  überrascht als Bau und Reimstellung der Himmerlichschen Spencerstrophe. ›Geboren
                  zu Calcar, am 3. Februar 1721‹, das ist die Überschrift eines Nekrologs, aber
                  nicht eines Gedichtes«</p>
               <p>»Und vor allem eine Überschrift«, erwiderte Hansen-Grell in heiterer Laune, »die
                  niemand anders verschuldet hat als Herr von Jürgaß selbst. Ohne seine Abneigung
                  gegen alles, was einer Captatio benevolentiae ähnlich sieht, würde der Titel
                  meines Gedichtes einfach ›General Seydlitz‹ gelautet haben; aber jeder Möglichkeit
                  beraubt, das mir unerläßliche ›geboren zu Calcar‹ auf dem herkömmlichen
                  Vorredewege zu Ihrer freundlichen Kenntnis zu bringen, ist mir nichts andres
                  übriggeblieben, als jene biographische Notiz gleich mit in die Überschrift
                  hineinzunehmen.«</p>
               <p>»Und so haben wir doch wieder eine Vorrede gehabt...«</p>
               <p>»Weil wir keine haben sollten. – Aber ich bin zu Ende.«Und Hansen-Grell las nun
                  ohne weitere Störung:</p>

            </div>
            <div type="chapter">
               <head>»General Seydlitz</head>

               <l>In Büchern und auf Bänken,</l>
               <l>Da war er nicht zu Haus,</l>
               <l>Ein Pferd im Stall zu tränken,</l>
               <l>Das sah schon besser aus;</l>
               <l>Er trug blanksilberne Sporen</l>
               <l>Und einen blaustählernen Dorn –</l>
               <l> Zu Calcar war er geboren,</l>
               <l>Und Calcar, das ist Sporn.</l>



               <pb/>
               <l>Es sausen die Windmühlflügel,</l>
               <l>Es klappert Leiter und Steg,</l>
               <l>Da, mit verhängtem Zügel,</l>
               <l>Geht's unter dem Flügel weg;</l>
               <l>Und bückend sich vom Pferde,</l>
               <l>Einen vollen Büschel Korn</l>
               <l>Ausreißt er aus der Erde –</l>
               <l>Hei, Calcar, das ist Sporn.</l>



               <l>Sie reiten über die Brücken,</l>
               <l>Der König scherzt: ›Je nun,</l>
               <l>Hie Feind in Front und Rücken,</l>
               <l>Seydlitz, was würd Er tun?‹</l>
               <l>Der, über die Brückenwandung,</l>
               <l>Setzt weg, halb links nach vorn,</l>
               <l>Der Strom schäumt auf wie Brandung –</l>
               <l>Ja, Calcar, das ist Sporn.</l>



               <l>Und andre Zeiten wieder;</l>
               <l>O kurzes Heldentum!</l>
               <l>Er liegt todkrank danieder</l>
               <l>Und lächelt: ›Was ist Ruhm?</l>
               <l>Ich höre nun allerwegen</l>
               <l>Eines besseren Reiters Horn –</l>
               <l>Aber auch ihm entgegen,</l>
               <l>Denn Calcar, das ist Sporn.‹«</l>


               <p>Ein Jubel, wie ihn die Kastalia seit lange nicht gehört hatte, brach von allen
                  Seiten los und legte, wie Hansen-Grell, um sich dadurch weiteren Ovationen zu
                  entziehen, scherzhaft bemerkte, ein vollgültiges Zeugnis von der kavalleristischen
                  Zusammensetzung der Dienstagsgesellschaft ab. Er traf es hiermit richtig: Bninski,
                  Hirschfeldt, Meerheimb waren Kavalleristen von Fach, Tubal und Lewin gute Reiter.
                  Aber auch die Minorität ließ es an lebhaften Beifallsbezeugungen nicht fehlen;
                  Bummcke, wenn nicht Reiter, war doch wenigstens Soldat, <pb/> Rabatzki tadelte
                  nie, und Himmerlich fühlte sich erleichtert, seine Verstimmung hinter
                  enthusiastischen, wenn auch kurzen und etwas krampfhaften Ausrufungen verbergen zu
                  können. Gewann er doch für sich selbst und nebenher noch das Wohlgefühl neidloser
                  Charaktergröße.</p>
               <p>Endlich hatte sich die Aufregung gelegt, und Tubal bat ums Wort, was ihm zu
                  verschaffen, bei einer zwischen Bummcke und Jürgaß über die Zulässigkeit der
                  Wendung »halb links nach vorn« eben wieder ausgebrochenen Privatfehde,
                  einigermaßen schwerhielt. Zuletzt aber gelang es, und Tubal bemerkte nun: »Ich
                  bitte zunächst an einen Satz erinnern zu dürfen, den Doktor Saßnitz vor einiger
                  Zeit an dieser Stelle aussprach: ›Unsere Strenge ist unser Stolz.‹ Sie fühlen, daß
                  dies die Brücke ist, auf der ich zu einem Angriff vorgehen möchte. Der Reiz des
                  Gedichtes, das wir eben gehört, liegt ausschließlich in seinem Ton und seiner
                  Behandlung; es ist keck gegriffen und keck durchgeführt, aber es hat von dieser
                  Keckheit offenbar zuviel.«</p>
               <p>»Kann nicht vorkommen«, warf Jürgaß ein.</p>
               <p>»Doch«, fuhr Tubal fort. »Unser verehrter Gast hat dies auch selbst
                  empfunden.«</p>
               <p>Hansen-Grell nickte.</p>
               <p>»Jedes Kunstwerk, so wenigstens stehe ich zu diesen Dingen, muß aus sich selber
                  heraus verstanden werden können, ohne historische oder biographische Notizen.
                  Diesen Anspruch aber seh ich in diesem Gedichte nicht erfüllt. Es ist eminent
                  gelegenheitlich und auf einen engen oder engsten Kreis berechnet, wie ein
                  Verlobungs- oder Hochzeitstoast. Es hat die Bekanntschaft mit einem halben Dutzend
                  Seydlitzanekdoten zur Voraussetzung, und ich glaube kaum zuviel zu sagen, wenn ich
                  behaupte, daß es nur von einem preußischen Zuhörer verstanden werden kann. Lesen
                  Sie das Gedicht, auch in bester Übersetzung, einem Engländer oder Franzosen vor,
                  und er wird außerstande sein, sich darin zurechtzufinden.«</p>
               <p>Bninski schüttelte den Kopf.</p>
               <p>»Unser verehrter Gast, Graf Bninski«, fuhr Tubal fort, <pb/> »scheint mir nicht
                  zuzustimmen. Es freut mich dies um des Dichters willen, dem ich, von unerwarteter
                  Seite her, einen Verteidiger erstehen sehe. Der Graf hat vielleicht die
                  Freundlichkeit, sich eingehender über diesen Gegenstand zu äußern.«</p>
               <p>Lewin wiederholte dieselbe Bitte.</p>
               <p>»Ich kann mich auf wenige Bemerkungen beschränken«, nahm der Graf in gutem, wenn
                  auch polnisch akzentuiertem Deutsch das Wort. »Ich kenne von General Seydlitz
                  nichts als seinen Namen und seinen Ruhm, glaube aber das Gedicht des Herrn
                  Hansen-Grell vollkommen verstanden zu haben. Ich ersehe aus seinen Strophen, daß
                  Seydlitz zu Calcar geboren wurde, daß er das Lernen nicht liebte, aber desto mehr
                  das Reiten. Dann folgen Anekdoten, die deutlich für sich selber sprechen, zugleich
                  auch seine Reiterschaft glorifizieren, bis er in der letzten Strophe jenem
                  besseren Reiter erliegt, dem wir alle früh oder spät erliegen. Dies wenige ist
                  genug, weil es ein Ausreichendes ist. Hier steckt das Geheimnis. Ich habe mich in
                  Jahren, die länger zurückliegen, als mir lieb ist, um die Volkslieder meiner
                  Heimat gekümmert, auch vieles davon gesammelt, überall aber hab ich wahrgenommen,
                  daß das sprungweise Vorgehen zu den Kennzeichen und Schönheiten dieser
                  Dichtungsgattung gehört. Die Phantasie muß nur den richtigen Anstoß empfangen; ist
                  dies geglückt, so darf man kühn behaupten: ›Je weniger gesagt wird, desto
                  besser.‹«</p>
               <p>»Ich bescheide mich«, erwiderte Tubal, »um den Fortgang unserer Sitzung nicht
                  länger als wünschenswert unterbrochen zu sehen. Wenn ein unbefugter Blick in den
                  Pappbogen unseres Herrn Vorsitzenden mich nicht falsch orientiert hat, so haben
                  wir zunächst noch einige von ihm selber herrührende Strophen zu erwarten.«</p>
               <p>»Der Scharfblick unseres Freundes Ladalinski hat sich auch diesmal wieder bewährt.
                  Es war meine Absicht, die lyrische Reihe heute persönlich abzuschließen, bitte
                  aber, meinen Beitrag, der noch der Feile bedarf, zurückziehen zu dürfen.«</p>
               <p>Lewin sprach diese Worte nicht ohne Verlegenheit, da es in Wahrheit ein sehr
                  anderer Grund war, der ihn von seiner ursprünglichen <pb/> Absicht abzustehen
                  veranlaßte. Wußt er doch am besten, aus welcher zaghaften Stimmung heraus die drei
                  kleinen Strophen geschrieben worden waren, um die es sich handelte; und wie sehr
                  sich diese Zaghaftigkeit schließlich auch in das Gewand der Hoffnung gekleidet
                  haben mochte, doch war es ihm zu Sinn, als ob Bninski mit feinem Ohr den
                  elegischen Grundton des Liedes heraushören und die Veranlassung dazu erraten
                  müßte. Dieser Gedanke war ihm in hohem Maße peinlich, so daß er denn auch wirklich
                  die Strophen zurückschob und, das nunmehr obenaufliegende Prosamanuskript an
                  Rittmeister von Hirschfeldt überreichend, diesen bat, mit seinem Vortrage zu
                  beginnen.</p>
               <p>Der Angeredete, mit jener Frankheit, die der Reiz und Vorzug des Soldaten ist,
                  rückte sich zurecht und begann, ohne jedes Vorwort, mit klangvoller Stimme:</p>

               <!--milestone hi_start-->
               <p> Erinnerungen aus dem Kriege in Spanien </p>
               <p>Das Gefecht bei Plaa</p>
               <!--milestone hi_end-->

               <p>Mein älterer Bruder Eugen, nachdem er erst unter Schill, dann unter dem Herzog von
                  Braunschweig gefochten, auch der Einschiffung nach England sich angeschlossen
                  hatte, hatte von dort aus spanische Dienste genommen und war im Sommer 1810 in
                  Andalusien eingetroffen. Als ich davon hörte, folgte ich ihm und traf ihn, eben
                  gelandet, auf dem großen Marktplatze von Cadix. Über die Freude des Wiedersehens
                  gehe ich hinweg. Er hatte an demselben Tage das Majorspatent empfangen, und seinem
                  Einfluß gelang es leicht, mir eine Offiziersstelle zu erwirken.</p>
               <p>Das Treiben in Cadix mißfiel uns, so daß wir froh waren, als Meldung eintraf, daß
                  wir der in Katalonien stehenden, täglich in Gefechten mit dem Feinde verwickelten
                  Armeeabteilung zugeteilt seien. Wir gingen dahin ab und landeten, nach einer
                  höchst beschwerlichen, uns den ganzen Unterschied zwischen einem spanischen und
                  einem englischen Kriegsschiff fühlbar machenden Seereise, im Hafen von Tarragona.
                  Dies war Ende <pb/> November, genau zwei Monate nach meiner Ankunft in Spanien. In
                  Katalonien sah es besser aus als in Andalusien. Wir kamen zum Dragonerregiment
                  Alcantara, mein Bruder als Oberstlieutenant, ich als Premier. Der Empfang, den wir
                  fanden, war kameradschaftlich; man hatte ein besonderes Vertrauen zu allen
                  preußischen Offizieren.</p>
               <p>Die Alcantaradragoner waren ihrerzeit ein sehr bevorzugtes und sehr prächtiges
                  Regiment gewesen; sie trugen unter dem alten Regime dreieckige Hüte mit weißen
                  Bandtressen, gelbe lange Röcke mit rotem Futter und rotem Kragen, dazu grüne
                  Rabatten und blaue kurze Hosen. Eine Vertretung also sämtlicher Farben. Von dieser
                  Pracht und Herrlichkeit war indessen nach der Neuformierung, die die ganze Armee
                  seitdem erfahren hatte, wenig übriggeblieben, und die Alcantaradragoner, die wir
                  vorfanden, mußten sich an einem niedrigen ledernen Czako und einem langen blauen
                  Rock mit Regimentsnummer und Messingknöpfen genügen lassen. Die Bewaffnung war ein
                  sehr langer Degen mit schmaler Klinge und schwerem eisernen Korb, so daß das
                  Gewicht in der Hand lag, dazu Karabiner und Pistole.</p>
               <p>Unser Regiment gehörte zur Armee des Generals O'Donnell, spezieller zu der
                  vorgeschobenen Division des Generals Sarsfield. Dieser, erst sechsundzwanzig Jahr
                  alt, brillanter Soldat, voll eiserner Ruhe im Gefecht, faßte ein besonderes
                  Vertrauen zu meinem Bruder, in dem er alle Eigenschaften, die ihn selber
                  auszeichneten, sofort wiedererkannte. Jede Auskunft, die uns erwünscht sein
                  konnte, wurde uns zuteil. Die Division war numerisch nur schwach und bestand aus
                  zwei Infanterie- und vier Kavallerieregimentern, zusammen höchstens fünftausend
                  Mann. Es waren das Infanterieregiment Almeria und das Schweizerregiment Baron
                  Wimpfen, dazu Alcantara- und Numanciadragoner, Kürassierregiment Katalonien und
                  Husarenregiment Granada.</p>
               <p>Gleich in den ersten Tagen nach unserer Ankunft wurde eine vierhundert Pferde
                  starke Avantgarde gebildet und dem Befehle meines Bruders unterstellt. Uns
                  gegenüber stand General <pb/> Macdonald, der das nördlich von uns gelegene
                  Barcelona mit starken Kräften festhielt und durch Ausführung eines
                  Umgehungsmarsches uns auch das südlich von uns gelegene Tortosa zu entreißen
                  trachtete. Glückte das, so waren wir eingeschlossen und mußten froh sein, uns auf
                  Tarragona zurückziehen und hier wieder einschiffen zu können. Katalonien war dann
                  verloren. Und es kam so. Aber ehe es dahin kam, hatten wir eine Reihe blutiger
                  Gefechte.</p>
               <p>Aus der Reihe dieser Gefechte greife ich nur das bei Plaa heraus, weil es für mich
                  persönlich entscheidend wurde.</p>
               <p>Es war am 7. Januar, als wir erfuhren, daß Tortosa über sei. Wir standen damals,
                  die ganze Division Sarsfield, am Nordabhange eines hohen Bergzuges, der in einiger
                  Entfernung von der Küste mit dieser parallel läuft, und hielten, unter täglichen
                  Plänkeleien mit den Vortruppen des Macdonaldschen Corps, die von Lerida nach
                  Tarragona quer über das Gebirge führende Straße besetzt. Solange diese Straße,
                  samt dem Defilee, dem sogenannten Passe von Plaa, in unseren Händen war, hatte der
                  Verlust von Tortosa, so wichtig er war, wenigstens für unsere unmittelbare
                  Sicherheit nichts zu bedeuten; der Besitz jenes Passes sicherte uns die
                  Rückzugslinie bis ans Meer. Brachten wir die im ganzen genommen nicht große
                  Energie mit in Anschlag, die seitens des Gegners entwickelt wurde, so lag kein
                  Grund vor, unsere Stellung zu wechseln. Da, wo wir standen, wirkten wir offensiv;
                  gaben wir aber unsere Stellung am Nordabhange auf und zogen uns auf die andere
                  Seite des Gebirges, so zeigten wir jene Besorgnis, die schon einer halben
                  Niederlage gleichkommt.</p>
               <p>Wir hatten aber den Eifer des Gegners unterschätzt, wenigstens den des Generals
                  Suchet, der, gemeinschaftlich mit Macdonald operierend, diesen an Rührigkeit
                  übertraf. Am 14. Januar kam Meldung, daß eine starke feindliche Avantgarde von der
                  Küste her, also in unserem Rücken, heranmarschiere und unverkennbar die Absicht
                  habe, den Paß bei Plaa zu schließen. Dorf Plaa lag an der uns entgegengesetzten
                  Seite des Gebirges, hart am Fuße desselben. General Sarsfield, als er <pb/> diese
                  Meldung empfing, war schnell entschlossen; er verstärkte die bis dahin nur aus
                  vierhundert Pferden der Regimenter Alcantara und Granada bestehende Avantgarde
                  durch zwei Bataillone vom Schweizerregiment Wimpfen und gab meinem Bruder Befehl,
                  in einem Nachtmarsch über das Gebirge zu gehen und noch vor Tagesanbruch das
                  jenseits gelegene Dorf Plaa zu besetzen. Der Aufbruch erfolgte sofort; ein
                  entsetzliches Wetter aber, Regen und Sturm, bei dem der schmale Fußpfad nur derart
                  passiert werden konnte, daß ein Mann dem andern folgte, verzögerte das Eintreffen
                  in Plaa bis um zehn Uhr morgens. Es war die höchste Zeit; schon ging die
                  französische Avantgardendivision unter General Eugenio (so daß sich hier zwei
                  Namensvettern gegenüberstanden) gegen Dorf Plaa vor, und nur mit äußerster
                  Anstrengung gelang es meinem Bruder, das Dorf bis Mittag zu halten.</p>
               <p>Um diese Stunde erschien General Sarsfield mit dem Gros und stellte das schon
                  rückwärtsgehende Gefecht wieder her. Aber Terrain war unsererseits nicht zu
                  gewinnen, und als eine Stunde später allerhand Verstärkungen auch beim Feinde
                  eintrafen, ging dieser mit einem vollzähligen Dragonerregiment abermals zum
                  Angriff über. Diesseits war momentan nichts zur Hand als ein in Ablösung unserer
                  Avantgarde in die Front gezogenes Kürassierregiment, die Kürassiere von
                  Katalonien, unter ihrem Kommandeur Don Pedro Gallon. Unmittelbar hinter den
                  Kürassieren hielten wir: Alcantaradragoner und Granadahusaren. Unsere Kürassiere,
                  kaum zweihundert Pferde stark, waren zu schwach und kamen ins Schwanken; aber im
                  selben Augenblicke, wo mein Bruder das Schwanken wahrnahm, gab er uns das Zeichen
                  zum Angriff, und in langer Linie stürzten wir in die linke Flanke der feindlichen
                  Dragoner. Sie wichen sofort und verwickelten ein hinter ihnen haltendes
                  Chasseurregiment mit in die eigene Flucht. Die Verfolgung ging eine Meile weit, es
                  gab viele Gefangene; General Eugenio, der persönlich die Flucht aufzuhalten
                  gesucht, wurde niedergehauen und starb am Tage dar auf.</p>
               <p>Es war ein vollständiger Sieg und seitens der Unserigen nicht <pb/> allzu teuer
                  erkauft; nur ich verlor viel an diesem Tage: mein Bruder Eugen, wie der General
                  Eugenio, dem er gegenübergestanden hatte, erlag seinen Wunden. Was ich noch zu
                  sagen habe, betrifft nur ihn und mich.</p>
               <p>Um fünf Uhr war das Gefecht beendet, und ich führte, was ich vom Regiment
                  Alcantara noch zur Hand hatte, wieder auf Plaa zurück. Ich war im ganzen gut
                  davongekommen, hatte aber während des Démêlés von einem französischen Dragoner,
                  den ich packen wollte, einen Stoß mit dem Degengefäß in das Gesicht erhalten, so
                  daß ich, schwarz und angeschwollen, einen schlimmeren Anblick gewährte als mancher
                  Schwerblessierte. So trat ich vor meinen Bruder, von dessen Verwundung ich schon
                  unterwegs gehört hatte. Ich fand ihn in einem Bauernhause von Plaa in Pflege guter
                  Leute. Als er mich sah, drang er darauf, daß ich mich zunächst verbinden lassen
                  sollte, was denn auch geschah. Als ich wieder zu ihm kam, setzte ich mich, und wir
                  begannen zu plaudern. Zunächst von der Affaire, die nun glücklich hinter uns lag.
                  Ich mußte ihm alle Kleinigkeiten erzählen, denen er mit größtem Interesse folgte;
                  meinem Pferde beispielsweise, einem schönen schwarzen Hengst, war ein Ohr dicht
                  vom Kopfe weggehauen worden, was er sehr bedauerte. Besondere Aufmerksamkeit aber
                  schenkte er einem Tagebuche, das sich in einem Mantelsacke, der mir bei der
                  Beuteverteilung zugefallen war, vorgefunden hatte. Es war von dem ersten Einrücken
                  der Franzosen in Katalonien bis zum 14. Januar 1811 mit großer Genauigkeit geführt
                  und enthielt, von kleinen Croquis begleitet, eine Schilderung fast aller Gefechte,
                  in denen auch wir engagiert gewesen waren. Eugen blätterte halbe Stunden lang in
                  dem Buche und lobte die Unparteilichkeit der Darstellung. Ich glaubte nach allem
                  an nichts weniger als Gefahr und mußte dem Doktor recht geben, der trotz heftiger
                  Schmerzen, über die der Verwundete von Zeit zu Zeit klagte, immer nur von zwei
                  leichten Blessuren sprach. Es waren Degenstiche in die linke Seite. Auffallend
                  erschien mir nur seine Weichheit; er war in einer gefühlvollen Stimmung, sprach
                  viel von Hause, von unserem alten Vater und <pb/> trug mir Grüße auf, da er auf
                  einige Wochen noch am Schreiben gehindert sein werde.</p>
               <p>So verging der Abend. Ich hatte vor, trotz aller Ermüdung bei ihm zu wachen. Es
                  kam aber anders. Bald nach Mitternacht wurde Alarm geblasen, und ich begab mich zu
                  meinem in Front des Dorfes biwakierenden Regiment, das gleich darauf Befehl
                  erhielt, gegen ein der Küste zu gelegenes Städtchen, das den Namen Valls führte,
                  zu rekognoszieren. Meinen Verwundeten ließ ich übrigens in guter Obhut zurück; ich
                  hatte beim Schweizerregiment Wimpfen um einige Mannschaften zu seinem Schutz
                  gebeten, und es traf sich, daß der Unteroffizier, der diese Mannschaften
                  kommandierte, früher, als mein Bruder noch in Halberstadt garnisonierte, mit ihm
                  in ein und derselben Compagnie des Regiments Herzog von Braunschweig gestanden
                  hatte. Beide freuten sich sehr, sich wiederzusehen.</p>
               <p>Unser Ritt gegen Valls verlief ohne Bedeutung, kostete aber Zeit und Mühe, und
                  erst in den Nachmittagsstunden des andern Tages kehrten die Truppen, die die
                  Rekognoszierung ausgeführt hatten, nach Plaa zurück. Mehrere Offiziere, denen ich
                  begegnete, sagten mir: es ginge besser mit Eugen. Ich fand ihn auch wirklich
                  ruhiger, ohne Schmerzen, aber sehr matt. Nichtsdestoweniger ließ er sich die
                  kleinen Vorgänge des Tages von mir erzählen, hörte aufmerksam zu und verlangte
                  mehr zu wissen, wenn ich aus Rücksicht auf seinen Zustand schwieg. Plötzlich aber
                  unterbrach er mich und sagte: »Entsinnst du dich noch des Abends auf der Seereise
                  von Cadix nach Tarragona, wo wir mit unsern deutschen Kameraden der Heimat
                  gedachten und wo dann die Frage laut wurde: ›Wer wird die Heimat wiedersehen?‹ Ich
                  weiß jetzt einen, der sie nicht wiedersehen wird.« Ich bog mich über ihn und bat
                  ihn, sich nicht durch solche trübe Gedanken aufzuregen; er hörte mich aber nicht
                  und fuhr dann fort: »Es wird sich heute noch manches ereignen: ich sehe schwarz in
                  die Zukunft. Nimm dich, wenn es zum Gefechte kommt, in acht. Unsere Pferde sind
                  matt zum Umfallen. Vergiß auch nicht, daß man nicht bei jeder Gelegenheit sich
                  rückhaltlos drangeben soll. Man opfert sich sonst leicht <pb/> ohne Zweck.« Dies
                  waren seine letzten Worte. Ich hatte ihn eben aufgerichtet, um ihm einen Löffel
                  Arzenei zu geben; als ich ihn wieder auf das Kopfkissen zurücklegen wollte, schien
                  es mir, als ob er sehr blaß würde. Ich faßte seine Hand, sie war kalt; er drückte
                  die meinige krampfhaft, rang nach Luft und war tot.</p>
               <p>Dies war am 16. nachmittags. General Sarsfield, als er von dem Hinscheiden hörte,
                  ließ mir sein Beileid ausdrücken und fügte die Bemerkung hinzu: es würde gut sein,
                  den Toten so bald wie möglich in die hochgelegene Klosterkirche von Plaa
                  hinaufzuschaffen; jede Stunde könne ein neues Gefecht bringen, dessen Ausgang
                  unsicher sei.</p>
               <p>Ich ließ mir dies gesagt sein. Aus alten Dielen, »vier Bretter und zwei
                  Brettchen«, wurde schleunigst ein Sarg hergestellt und Eugen in der Uniform seines
                  Regiments in die Totentruhe hineingelegt. So schafften ihn einige meiner Dragoner
                  in die Klosterkirche hinauf und stellten ihn dicht an die Altarstufen.</p>
               <p>Völlig erschöpft von den Anstrengungen und Aufregungen der vergangenen Tage, hatte
                  ich mich, als die Nacht anbrach, auf eine Schütte Stroh niedergelegt. Ich war so
                  recht von Herzen traurig; die Bilder meiner Kindheit und ersten Jugend zogen an
                  mir vorüber; nun war ich allein, ganz allein, und der Bruder, den ich so sehr
                  geliebt hatte, tot.</p>
               <p>Im Begriff, einzuschlafen, wurde ich durch einen Ordonnanzoffizier geweckt. Er kam
                  vom General und war abgeschickt, um ein Papier zu holen, das Sarsfield beinahe
                  unmittelbar vor Beginn des Treffens bei Plaa an Eugen gegeben hatte. Es sei von
                  Wichtigkeit, er müsse es haben.</p>
               <p>Ich erinnerte mich des Hergangs sofort, war Augenzeuge gewesen, wie mein Bruder
                  das Papier in sein Reiterkoller gesteckt hatte, und bat deshalb den Offizier, mich
                  bis zur Klosterkirche hinauf begleiten zu wollen, da der Tote noch denselben Rock
                  anhabe, den er vor Beginn des Gefechts getragen habe. Er lehnte aber, Geschäfte
                  vorschützend, ab; auch mein Diener Francesco, als ich mich nach ihm umsah, war
                  verschwunden. So blieb mir nichts übrig, als allein zu gehen.</p>
               <p>Ich nahm eine kleine Laterne, die nur ein Glas hatte, und <pb/> schritt auf das
                  ziemlich weitschichtige Klostergebäude zu. Ein dienender Bruder öffnete mir,
                  erschrak aber, als ich ihn bat, mir nun auch die Kirchentür öffnen zu wollen.
                  »Jetzt in der Nacht bringt mich kein Mensch hinein.« Vergebens sucht ich ihn zu
                  überreden. »Es ist nicht geheuer«, dabei blieb er. Endlich gab er mir wenigstens
                  den Schlüssel zur Kirche, zugleich mit der Weisung: wenn ich zweimal im Schloß
                  gedreht, müßt ich mit aller Kraft gegen die Tür stoßen, weil sie verquollen sei
                  und schwer aufginge.</p>
               <p>Um bis an die Kirche zu kommen, waren noch zwei lange Kreuzgänge zu passieren.
                  Gerade hier hatte tags zuvor ein erbitterter Infanteriekampf (der unsererseits
                  durch das Schweizerregiment geführt worden war) stattgefunden, und alles trug noch
                  die Spuren dieses Kampfes: die Leichen waren zwar weggeschafft, aber die
                  Blutlachen geblieben; die Standbilder, von den Wänden herabgerissen, lagen
                  zertrümmert am Boden; selbst die Luft war dumpf und modrig. An diesen Bildern der
                  Zerstörung vorbei ging ich auf die Kirche zu, steckte den Schlüssel hinein, drehte
                  zweimal, stieß die Türe auf, die sich langsam und dröhnend öffnete. Ich legte
                  meinen Mantel ab, der mir jetzt nur hinderlich sein konnte, nahm den Degen in die
                  eine, die Laterne in die andere Hand und schickte mich an, das hochüberwölbte
                  Mittelschiff hinaufzuschreiten. Eine unheimliche Stille herrschte, und der
                  Widerhall meiner Schritte erschreckte mich.</p>
               <p>So kam ich bis an den Altar. Da stand der Sarg, vorläufig mit einem Brett nur
                  überdeckt. Ich hob es auf, und meines Bruders gläserne Augen starrten mich an. Ich
                  stellte, da kein anderer Platz war, die Laterne zu seinen Füßen und begann langsam
                  Knopf um Knopf den Uniformrock zu öffnen, der sich fest und beinahe eng um seine
                  Brust legte. Ich tat es mit abgewandtem Gesicht; aber wie ich auch vermeiden
                  mochte, nach ihm hinzusehen, ich hatte doch sein Todesantlitz vor mir. Endlich
                  fand ich das Papier und steckte es zu mir. Dann kam das Schwerste: ich mußte die
                  Knöpfe wieder einknöpfen, da ich es nicht über mich gewinnen konnte, ihn in
                  offener Uniform wie einen Beraubten <pb/> liegenzulassen. Und als auch das
                  geschehen, trat ich den Rückweg an.</p>
               <p>Am andern Nachmittage, der Feind griff uns nicht an, wurde mein Bruder mit allen
                  militärischen Ehren durch das Schweizerregiment Wimpfen in derselben Klosterkirche
                  zu Plaa, in der er vierundzwanzig Stunden vor dem Altar gestanden hatte, begraben.
                  An eben derselben Stelle wurden sein Säbel, seine Handschuhe und Sporen aufgehängt
                  und erst einige Monate später, auf Befehl des Generals O'Donnell, der den Toten
                  dadurch ehren wollte, in die Kathedrale von Tarragona gebracht. Dort befinden sie
                  sich noch.</p>

               <p>Der Vortragende, als er bis hierher gelesen, rollte das Manuskript zusammen und
                  legte es auf eines der Fensterbretter: die Zuhörer, gesenkten Blickes, schwiegen.
                  Der erste, der sich erhob, war Bninski.</p>
               <p>»Ich bin selbst Gast in diesem Kreise und fürchte beinahe, mich eines Übergriffes
                  schuldig zu machen, wenn ich vor Berufeneren das Wort ergreife. Aber meine
                  Stellung, was mich entschuldigen mag, ist eine ausnahmsweise. Ich habe zwei Jahre
                  vor Ihnen, Herr von Hirschfeldt, auf denselben Feldern, wenn auch auf der Ihnen
                  feindlichen Seite, gekämpft; ich kenne die Plätze, von denen Sie uns gelesen: kaum
                  verschwundene Bilder sind mir wieder lebendig geworden. Was Freund, was Feind! An
                  gleicher Stelle die gleiche Gefahr. Ich bitte, Sie daraufhin als einen mir teuer
                  gewordenen Kameraden begrüßen zu dürfen.«</p>
               <p>Während dieser Worte hatte Jürgaß die ihm zunächststehende Rheinweinflasche
                  entkorkt und mit einer der Situation angepaßten Raschheit den großen silbernen
                  Kastaliabecher bis an den Rand gefüllt. »Meine Herren, einer jener Ausnahmefälle,
                  wie sie Paragraph sieben unseres Statuts, ich nehme nicht Anstand zu sagen, in
                  seiner Weisheit voraussieht, ist eingetreten. Und so trink ich denn auf das Wohl
                  unseres verehrten Gastes Rittmeisters von Hirschfeldt. Er lebe! Viele Ehren haben
                  sich auf seinem Scheitel gehäuft, so viele Ehren wie Wunden; <pb/> aber eines
                  blieb ihm bis diesen Tag versagt: er hatte noch nicht aus dem Silberbecher der
                  Kastalia getrunken. Auch diese Stunde ist da. Ich trink ihm zu, und er tue mir
                  Bescheid.«</p>
               <p>Und bei wiederholten Hochs kreiste der Becher.</p>
               <p>Nach Huldigungen wie diese konnte es Lewin nur noch obliegen, ein Schlußwort zu
                  finden. »Die vorgeschrittene Stunde«, so begann er, »mehr noch das gehobene
                  Gefühl, das uns dieselbe gebracht hat, dringen auf Abbruch und Vertagung. Ich
                  erwarte Ihre Zustimmung.« (»Ja, ja!«) »Unsere nächste Sitzung soll, so sich kein
                  Widerspruch erhebt« (»Nein, nein!«), »unter Zurückstellung aller bis dahin etwa
                  eingehenden Lyrika, durch die Tagebuchblätter unseres verehrten Gastes, des Herrn
                  von Meerheimb, die heute zu unserm Bedauern nicht mehr zum Vortrag gelangen
                  konnten, eröffnet werden. Ich schließe die Sitzung.«</p>
               <p>Damit brach man auf in kleineren und größeren Gruppen. Die Mehrzahl hielt sich
                  links; nur Jürgaß, Bummcke und Hansen-Grell gingen, als sie die Königsstraßenecke
                  erreicht hatten, nach rechts hin auf den Alexanderplatz zu, um in den Tiefen des
                  Mundtschen Weinkellers, natürlich die Kastaliasitzung als Text nehmend, unter
                  Plauderei und Kritik den Abend zu beschließen.</p>
            </div>

            <div type="chapter">
               <head>Achtes Kapitel</head>
               <head>Leichtes Gewölk</head>
               <p>Der andere Morgen war klar und sonnig und gab auch dem Arbeitszimmer des
                  Geheimrats ein helleres Licht, als gewöhnlich in Wintertagen darin anzutreffen
                  war. Ein Strahl fiel bis an den Korb in der Ofenecke, wo das Windspiel in seinem
                  Zwischenzustande von Schlafen und Zittern lag. Die Pendule schlug zehn, und der
                  Geheimrat, mit der Pünktlichkeit, die ihm eigen war, trat in das Zimmer und nahm
                  seinen Platz vor dem Arbeitstische, auf dem auch heute wieder Zeitungen und
                  einzelne an ihn persönlich gerichtete Schreiben unter einem Briefbeschwerer von
                  schwarzem Marmor lagen. Daneben <pb/> ein elfenbeinernes Papiermesser mit
                  geschnitztem Schlangengriffe.</p>
               <p>Es war ein klarer Tag, aber er hatte doch sein »leichtes Gewölk«, wenigstens in
                  dem Gemüte des Geheimrats, der denn auch, die gewohnte Ordnung der Dinge
                  verkehrend, heute seinen Frühbesuch bei den Goldfischchen hinausgeschoben und
                  statt dessen sofort nach dem Zeitungsblatt gegriffen hatte. Er flog über die
                  Spalten hin, aber sein Auge ließ unschwer erkennen, daß er nicht las, sondern nur
                  bemüht war, die Unruhe, die ihn erfüllte, vor sich selber zu verbergen.</p>
               <p>»Guten Morgen, Papa«, klang es wieder wie bei einem früher geschilderten Besuche
                  in seinem Rücken, und ehe er noch sich wenden und den Gruß erwidern konnte, war
                  Kathinka an seiner Seite. Auch sie schien befangen, und ihm scharf nach den Augen
                  sehend, sagte sie: »Du hast mich rufen lassen, Papa?«</p>
               <p>»Ja, Kathinka, ich bitte dich, Platz zu nehmen.«</p>
               <p>»Nicht so. Erst mußt du mich freundlicher ansehen und nicht so feierlich, als ob
                  sich eine Staatsaktion vorbereite.«</p>
               <p>Der Geheimrat klopfte mit der elastischen Spitze des Elfenbeinmessers auf seinen
                  Schreibtisch und wandte sich dann, indem er seinem Sessel eine kurze Drehung gab,
                  der Fensternische zu, in der Kathinka, den Rücken dem Lichte zu, Platz genommen
                  hatte. Sie saß in Folge davon in einem sehr wirkungsvollen Halbschatten, und der
                  freudige Stolz über die schöne Tochter ließ den Vater auf Augenblicke das
                  Peinliche des Momentes vergessen. Kathinka selbst war sich des Eindrucks, den sie
                  machte, vollkommen bewußt. Sie trug ihr Haar wie gewöhnlich in den
                  Vormittagsstunden in einem goldenen Netze, aber dies Netz hatte sich halb
                  geöffnet, und ein Teil der kastanienbraunen Locken fiel auf den Kragen eines
                  weiten, dominoartigen Morgenkleides. Ihre Füße, leicht übereinandergeschlagen,
                  steckten in kleinen Saffianschuhen, und schnell die Vorteile berechnend, die der
                  Vater aus sei nem Spielen mit dem Elfenbeinmesser zog, nahm sie ihrerseits die
                  kleine, neben den Goldfischchen liegende Netzkelle zur Hand, um damit zu
                  spielen.</p>
               <p>
                  <pb/> »Ich habe dich bitten lassen, Kathinka, um ein paar Fragen an dich zu
                  richten, Fragen, die mich seit Wochen beschäftigen. Der Brief Tante Amelies hat
                  mir dieselben aufs neue nahegelegt, und ich würde gleich nach deiner Rückkehr mit
                  dir gesprochen haben, wenn nicht die Unruhe der letzten Tage mich daran gehindert
                  hätte.«</p>
               <p>»Die gute Tante«, sagte Kathinka. »Sie denkt mehr an mein Glück als ich selbst.
                  Ich sollte ihr dankbarer dafür sein, als ich es bin.«</p>
               <p>»Ich wollte, du könntest es. Die Wünsche, die sie hegt, sind auch die meinen. Und
                  ihre Erfüllung schien mir so nahe. Aber du selbst hast alles wieder in Frage
                  gestellt. Daß ich es bekenne, zu meiner Betrübnis. Wie stehst du zu Lewin?«</p>
               <p>»Gut.«</p>
               <p>»Dies ›Gut‹ das eine ganze Antwort zu sein scheint, ist doch nur eine halbe.«</p>
               <p>»Nun, so will ich dir unumwunden die ganze geben. Ich habe Lewin lieb, aber ich
                  liebe ihn nicht. Alles an ihm ist Phantasie; er träumt mehr, als er handelt. Dies
                  mag als ein Grund gelten. Aber bedarf es denn der Gründe? Die Tante, die sonst so
                  klug ist, oder vielleicht weil sie es ist, vergißt ganz und gar, wie wenig das
                  ›Warum‹ in unseren Neigungen bedeutet. Sie will mein Glück, aber sie will es auf
                  ihre Art, und was mir Sache des Herzens ist, ist ihr nur Sache des Hauses. Ich
                  fühle mich aber nicht getrieben, einer Guseschen Hof- und Hauspolitik zuliebe ein
                  Verlöbnis einzugehen oder gar ein Bündnis zu schließen. Das sind Rheinsberger
                  Reminiszenzen, die für Tante Amelie sehr viel, für mich sehr wenig bedeuten. Sie
                  behandelt alles wie die Verbindung zweier regierender Häuser; das mag
                  schmeichelhaft sein; aber Lewin ist kein Prinz, und ich bin keine Prinzessin.«</p>
               <p>»Du vergißt nur eins: Lewin liebt dich.«</p>
               <p>Kathinka klopfte, während sie den linken Fuß hin – und herschaukelte, mit der
                  Netzkelle leicht auf den Rand des Bassins; der Geheimrat aber fuhr fort:</p>
               <p>»Lewin liebt dich, und es ist nicht lange, daß du diese Liebe <pb/> erwidertest
                  oder doch zu erwidern schienst. Erst die letzten Monate haben alles geändert und
                  du sprichst nun spöttisch von der Verbindung ›zweier regierender Häuser‹. Ich
                  schätze den Grafen, aber ich fürchte, es war keine glückliche Stunde, die ihn in
                  unser Haus führte. Hat sich der Graf dir gegenüber erklärt?«</p>
               <p>»Nein.«</p>
               <p>»Glaubst du, daß er dich liebt?«</p>
               <p>»Ja.«</p>
               <p>»Und du?«</p>
               <p>Es kam Kathinka gelegen, daß das Windspiel, das sehr bald nach ihrem Eintreten
                  seinen Korb verlassen und zur Empfangnahme von Liebkosungen und Zuckerbröckelchen
                  sich bei ihr eingestellt hatte, inzwischen immer verdrießlicher geworden war. Es
                  lief jetzt, weil die Bröckelchen nach wie vor ausblieben, zwischen ihr und der
                  Etagere, in der sich die Zuckerdose befand, hin und her und begleitete die
                  Unterhaltung durch beständiges Klingeln und Bellen. Der Geheimrat empfand dies
                  ersichtlich als eine Störung, und Kathinka, jede seiner Mienen verfolgend,
                  benutzte die Gelegenheit, um eine Pause zu gewinnen. Sie erhob sich deshalb von
                  ihrem Stuhl, holte die Dose herbei, und eines der Zuckerstücke zerbeißend und
                  zerbrechend, warf sie dem Windspiel, das sich sofort beruhigte, die Krümel zu.
                  Dann tauchte sie den Zipfel ihres Taschentuchs in das Bassin, benetzte ihre
                  Fingerspitzen und sagte:</p>
               <p>»Deine Frage zu beantworten, Papa, ja, ich habe den Grafen gern.«</p>
               <p>Der Geheimrat lächelte. »Das wird dem Grafen nicht genügen, Kathinka. Wenn du
                  glaubst, daß er dich liebt, so wirst du dir Rechenschaft geben müssen, ob du seine
                  Neigung erwidern kannst.«</p>
               <p>»Ich kann es.«</p>
               <p>»Und du wirst es?«</p>
               <p>Sie schwieg; man hörte den Pendelschlag der Uhr. Endlich sagte der Geheimrat:</p>
               <p>»Du hast mir genug gesagt, Kathinka, auch durch dein <pb/> Schweigen. Ich ersehe
                  eins daraus, eins, auf das ich Gewicht lege, daß du, statt einfach dem Zuge deines
                  Herzens zu folgen, Rücksicht nimmst auf das, was mein Wunsch ist.«</p>
               <p>Kathinka wollte antworten, der Geheimrat aber wiederholte: »Auf das, was mein
                  Wunsch ist«, und fuhr dann fort:</p>
               <p>»Aber auch dieser Wunsch ist unbeugsam und unabänderlich, und ich kann ihn deinen
                  Wünschen nicht unterordnen. Es verbietet sich. Höre mich. Die Tante wünscht die
                  Partie mit Lewin; ich wünsche sie auch; aber ich bestehe nicht darauf. Worauf ich
                  bestehe, das ist allein die Nichtheirat mit Bninski. Sie darf nicht sein, sosehr
                  der Graf persönlich meine Sympathien hat. Die Ladalinskis sind aus Polen heraus,
                  und sie können nicht wieder hinein. Ich habe die Brücken abgebrochen. Ob das
                  Geschehene das allein Richtige war, ist nicht mehr zu befragen; es genügt, daß es
                  geschehen ist.«</p>
               <p>»Es war ein Scherz, Papa«, nahm jetzt Kathinka das Wort, »daß ich von ›Prinz und
                  Prinzessin‹ und von einer Verbindung zweier regierender Häuser sprach. Es hat dich
                  verdrossen, und ich bedaure es. Aber hatt ich nicht eigentlich recht? Der Graf,
                  wie du dich ausdrückst, hat persönlich deine Sympathien; er ist reich, angesehen,
                  ehrenhaft, und unsere Herzen und Charaktere stimmen zueinander. Und doch ist alles
                  umsonst, weil es, vergib mir den Ausdruck, in deine Diplomatie nicht paßt. Der
                  gütigste der Väter, immer bereit, mir jeden kleinsten Wunsch zu erfüllen, versagt
                  mir den größten, weil es ihm seine politischen Pläne stört, weil es ihn
                  kompromittiert.«</p>
               <p>»Ich lasse das Wort gelten, aber in meinem Sinne. Die Furcht vor Kompromittierung
                  ist nicht immer kleinlich und untergeordnet, sie kann auch berechtigt und
                  Existenzfrage sein. Sie ist es für mich. Es handelt sich nicht um Einbildungen
                  oder einen launenhaften Einfall; all dies berührt meine Ehre mehr, als du glaubst.
                  Ein Mißtrauen gegen mich hat nie geschwiegen, auch nicht nach meinem Übertritt.
                  Von dem Augenblicke an, wo du nach Polen zurückkehrst, mit meiner Zustimmung an
                  der Seite eines Mannes, dessen preußenfeindliche Gesinnungen kein Geheimnis sind,
                  gebe ich dem Verdachte Nahrung, in meiner <pb/> jetzigen Stellung, die mich
                  Einblick in so manches gewinnen ließ, nur ein Aufhorcher gewesen zu sein. Ich
                  wiederhole dir, was du selber weißt, nur widerstrebend ist die Gesellschaft dem
                  Vertrauen gefolgt, das mir der Hof entgegenbrachte, und büße ich dieses Vertrauen
                  ein, sehe ich es auch nur erschüttert, so schwindet mir der Balken unter den
                  Händen fort, der nach dem Schiffbruch meines Lebens mich noch trägt. Lächle, wer
                  mag. Ich bedarf der Gunst des Königs, der Prinzen; wird mir diese Gunst genommen,
                  so bin ich zum zweiten Male heimatlos. Und davor erschrickt mein Herz. Nenne das
                  politisch oder nenn es Furcht vor Kompromittierung. Was es auch sein mag, es ist
                  Sache meines Lebens, nicht meiner Eitelkeit.«</p>
               <p>Kathinka schritt auf den Vater zu, ihm die Stirn küssend, während sie ihren Arm um
                  seine Schulter legte. Dann sagte sie: »Laß mich dir wiederholen, es ist noch kein
                  Wort zwischen mir und dem Grafen gefallen. Ich glaube, daß er absichtlich eine
                  Erklärung vermeidet, denn – um ihn auch vor dir zu verklagen – er hat wie du die
                  Untugend, politisch zu sein. Soviel ich weiß, trägt er sich mit dem Gedanken,
                  wieder in die polnische Armee des Kaisers einzutreten. Gerade der gegenwärtige
                  Augenblick scheint einen solchen Schritt zu fordern. Was aber auch kommen möge,
                  eines verspreche ich: dich für meine Person weder mit Wünschen noch Bitten zu
                  beunruhigen. Ich werde schweigen, und nichts soll durch mich geschehen, das deine
                  Stellung nach oben hin gefährden oder deine Zugehörigkeit zu diesem Lande neuen
                  Verdächtigungen aussetzen könnte.«</p>
               <p>Dem Geheimrat entging nicht, daß die Worte Kathinkas, trotz eines scheinbaren
                  Eingehens auf seine Wünsche, mit besonderer Vorsicht gewählt waren. Aber er
                  empfand gleichzeitig, daß es zu nichts führen würde, sich minder zweideutiger
                  Zusagen versichern zu wollen. So ließ er es sich an dem halben Erfolge genügen und
                  brach die Unterredung ab. »Es wäre mir lieb«, so schloß er, »du schriebest einige
                  Worte an die Tante. Störe ihr ihre Pläne nicht. Auch um deinetwillen nicht. Die
                  Tage wechseln und wir mit ihnen. Das Wandelbarste aber sind <pb/> Frauenherzen.
                  Was dir heute nichts ist, kann dir morgen etwas sein. Brich nicht ab; ich brauche
                  dir keine Namen zu nennen. Es gibt ja Halbheiten des Ausdrucks, eine Sprache, die
                  du, wenn mich nicht alles täuscht, wohl zu sprechen verstehst.«</p>
               <p>»Ich werde schreiben. Und du magst die Zeilen lesen, Papa.«</p>
               <p>»Ich vertraue deinem Wort und deiner Klugheit. Und nun halte dich bereit. Ich habe
                  den Wagen um zwölf bestellt. Der alte Wylich ist immer ein Pünktlichkeitspedant,
                  doppelt bei seinen Matineen. Wir werden übrigens eine neue Zeltersche Komposition
                  hören; Rungenhagen begleitet.«</p>
               <p>Damit trennten sie sich.</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Neuntes Kapitel</head>
               <head>Renate an Lewin</head>
               <p>Eine Woche verging, ohne daß in dem Bekannten-und Freundeskreise Lewins und der
                  Ladalinskis etwas Berichtenswertes vorgekommen wäre. Und was von diesem Kreise
                  galt, galt von der ganzen Stadt. Auch in dieser hatte sich die durch die Nachricht
                  von General Yorcks Kapitulation hervorgerufene Aufregung längst wieder gelegt und
                  war einer unbestimmten, aber die Gemüter erhebenden Vorstellung von dem Anbrechen
                  einer neuen Zeit gewichen. Wie gewaltige Kämpfe es noch bedürfen würde, um diese
                  heraufzuführen, das ahnten die wenigsten; die Mehrzahl lebte der Überzeugung, daß
                  ihnen der Sieg als ein Resultat der Napoleonischen Niederlagen wie von selber
                  zufallen würde, und selbst die vielen immer neu wiederholten Versicherungen, daß
                  der König in seinem Bündnis mit Frankreich auszuharren, den General Yorck aber,
                  der dies Bündnis gefährdet habe, vor ein Kriegsgericht zu stellen gedenke, konnten
                  an dieser Zuversicht nichts ändern. Man sah in diesem allen ein aufgezwungenes
                  Spiel und ganz im Einklang mit den Worten, die Professor Fichte seinen Zuhörern
                  ans Herz gelegt hatte, eine bloße Maske, die jeden Augenblick abgenommen werden
                  könne. Die Empfindung des Volks, wie so oft, <pb/> war den Entschlüssen seiner
                  Machthaber weit vorgeeilt. Und in diesem Gefühl verliefen die Tage.</p>
               <p>Die Stille der zweiten Januarwoche war nicht einmal durch eine Kastaliasitzung
                  unterbrochen worden. Jürgaß, bei dem sie stattfinden sollte, hatte sich in den
                  Frühstunden des dazu festgesetzten Tages der Mühe unterzogen, bei den Freunden
                  vorzusprechen und den Ausfall der Sitzung anzukündigen, zugleich bittend, eine auf
                  den andern Tag lautende Einladung zu einer »extraordinären Session« akzeptieren zu
                  wollen. Diese war auf einen engeren Zirkel berechnet und sollte die Form eines
                  Dejeuners annehmen.</p>
               <p>Der andere Tag war nun da, aber noch nicht die festgesetzte Stunde. Lewin hatte
                  sich's auf seinem Sofa so bequem gemacht, wie es der Bau desselben zuließ, und
                  blätterte in Herders »Völkerstimmen«, einem Buche, das ihm besonders teuer war. Es
                  war ein Geschenk Kathinkas und hatte selbst dadurch nichts an seinem Werte
                  verloren, daß es ihm von seiten der Geberin, die nur Sinn für das Pathetische und
                  Komische, aber nicht für das Naive hatte, mit einem Anfluge von Spott überreicht
                  worden war. Er las eben die Stelle:</p>


               <l>So geht's, wenn ein Maidel zwei Knaben liebhat,</l>
               <l>Tut wunderselten gut,</l>
               <l>Das haben wir beid' erfahren,</l>
               <l>Was falsche Liebe tut –</l>


               <p>als Frau Hulen mit einem Briefe eintrat, der von der Post her abgegeben worden
                  war. Es waren Zeilen von Renatens Hand, trugen aber nicht den Küstriner, sondern
                  den Seelower Stempel, woraus er ersah, daß ihn ein expresser Bote behufs rascherer
                  Beförderung quer durch das Bruch getragen haben mußte. Dies fiel ihm auf, ebenso
                  die Länge des Briefes, als er nicht ohne eine gewisse Unruhe das Siegel erbrochen
                  hatte. Denn unter den zwei extremen Parteien, denen alle briefschreibenden Damen
                  zugehören, zählte Renate für gewöhnlich zur Partei der äußersten Kurzschreiber.
                  Was bedeutete diese Ausnahme?</p>

               <p>
                  <pb/> Lewin las:</p>

               <!--milestone hi_start-->
               <p>»Hohen-Vietz, Dienstag, den 12. Januar 1813</p>
               <!--milestone hi_end-->

               <p>Lieber Lewin! Papa, der Dir schreiben wollte, wird eben abgerufen; Graf
                  Drosselstein ist da, um Geschäftliches mit ihm zu erledigen. So fällt mir es zu,
                  Dir über unsere letzten Erlebnisse zu berichten. Schwere Stunden liegen hinter
                  uns. Wir hatten diese Nacht ein großes Feuer: der alte Saalanbau ist
                  niedergebrannt.</p>
               <p>Du wirst Näheres wissen wollen; so laß mich denn erzählen.</p>
               <p>Es war kaum zwölf, als ein Lärm mich weckte. Ich richtete mich auf und sah, daß
                  die Scheiben glühten, als fiele das Abendrot hinein. Ich sprang aus dem Bett und
                  lief an das Fenster; der Hof war noch leer, aber aus der Mitte des Saalanbaus
                  schlug eine Flamme auf, und unter der Einfahrt, den Rücken mir zugekehrt, stand
                  unser alter Pachaly und blies auf seinem Kuhhorn in die Dorfgasse hinein, in
                  Tönen, die mir noch jetzt im Ohre klingen.</p>
               <p>Mich wandelte eine Ohnmacht an, und von den nächste Minuten weiß ich nichts. Als
                  ich mich wieder erholt hatte, saß ich aufgerichtet in meinem Bett, und Tante
                  Schorlemmer und Maline waren um mich her, beide zitternd vor Angst und Aufregung.
                  Sie packten immer neue Kissen in meinen Rücken, Maline hatte Riechsalz gebracht,
                  und Tante Schorlemmer betete, während ihr die Lippen flogen: ›Herr Gott Zebaoth,
                  steh uns bei in unsrer Not!‹</p>
               <p>Ich weiß nicht, wie es kam, aber alle Angst war plötzlich von mir abgefallen, wie
                  wenn die hinschwindende Ohnmacht den Schrecken mit fortgenommen hätte. Ich
                  verlangte aufzustehen, kleidete mich rasch an, und da gerade nichts anderes zur
                  Hand war, setzte ich die polnische Mütze auf, die Kathinka hier zurückgelassen
                  hatte. So ging ich hinunter.</p>
               <p>Das Feuer hatte mittlerweile rasche Fortschritte gemacht und noch immer war nichts
                  da zum Löschen. Aber kaum, daß ich auf den Hof getreten war, als auch schon von
                  der Dorfgasse her ein Rasseln hörbar wurde, und im nächsten <pb/> Augenblick kam
                  unsere Hohen-Vietzer Spritze durch das Tor; Krist und der junge Scharwenka hatten
                  sich an die Deichsel gespannt, und Hanne Bogun, mit seinem Stumpfarm gegen den
                  Wasserkasten gelehnt, half durch Schieben nach. Hart an dem Steindamm, aber
                  jenseits nach dem Wirtschaftshofe hin, fuhren sie auf. Papa hatte schon vorher
                  Mannschaften an den Ziehbrunnen und an die kleine Hofpumpe gestellt, und nun in
                  doppelter Reihe wurden die Eimer zugereicht. Alles war Eifer und Leben, und ehe
                  fünf Minuten um waren, fiel der erste Strahl in die Flamme. Schulze Kniehase
                  leitete alles. Sonderbar, inmitten dieses Grauses schlug mir das Herz wie vor
                  Freude höher. Aber welch ein Anblick auch! Ich werde dieser Minuten nie vergessen.
                  Die Nacht hell wie der Tag, alle Gesichter vom Glanz beschienen, Kommandoworte und
                  dazwischen jetzt, vom Turme her, in langen, abgemessenen Pausen das Stürmen der
                  Glocke. Der alte Kubalke, trotz seiner Achtzig, war selbst hinaufgegangen, um in
                  das ganze Bruch hineinzurufen: ›Feuer, Feuer!‹ Und nicht lange, so hörten wir, von
                  den nächsten Dörfern her, die Antwort ihrer Glocken darauf.</p>
               <p>›Das ist die Hohen-Ziesarsche‹, sagte Jeetze, der klappernd vor Frost neben mir
                  stand, und gleich darauf fiel auch die Manschnower ein. Ich erkannte sie selbst an
                  ihrem tiefen Ton. Immer rascher gingen nun die Eimer, da jeder wußte, daß die
                  Hilfe von den Nachbarorten her jetzt jeden Augenblick kommen müsse. Und sie kam
                  auch wirklich. Die Hohen-Ziesarsche war wieder die erste; im Carrière mit zwei von
                  des Grafen Pferden kam sie den Forstackerweg herunter, und wir hörten sie schon,
                  als sie bei Miekleys um die Ecke bog. Es schütterte wie ein Donner. Mit lautem
                  Freudengeschrei wurden sie begrüßt, und Kümmeritz, der seine Gicht eben erst
                  losgeworden war, übernahm das Kommando.</p>
               <p>Auf dem Wirtschaftshofe, aber doch so, daß die in Front stehenden Spritzen
                  unbehelligt blieben, hatte sich inzwischen das halbe Dorf versammelt. In
                  vorderster Reihe standen Seidentopf und Marie; er, in seiner alten schwarzen
                  Tuchmütze mit dem weit vorstehenden Schirm, daß es aussah, als ob er <pb/> sich
                  gegen den Feuerschein schützen wolle; sie, an seinen Arm gelehnt und wie ich durch
                  das aufregende Schauspiel ganz hingenommen. Wieder überraschte sie mich durch ihre
                  besondere Schönheit. Ihr Gesicht war schmaler und länger als gewöhnlich, und aus
                  dem rot-und schwarzkarierten schottischen Tuch heraus, das sie nach Art einer
                  Kapuze übergeworfen hatte, leuchteten ihre großen dunklen Augen selber wie
                  Feuer.</p>
               <p>Die Eimerkette ging, der Strahl fiel in die Flamme, aber bald mußten wir uns
                  überzeugen, daß es unmöglich sei, den Saalanbau auch nur teilweise zu retten, und
                  so gab Papa Ordre, den Wasserstrahl nur noch auf Dach und Giebel des Wohnhauses zu
                  richten, um wenigstens das Übergreifen des Feuers zu hindern. Aber auch das schien
                  nicht gelingen zu sollen; das Weinspalier fing bereits an, an mehreren Stellen zu
                  brennen, und das am Hause niederführende Gossenrohr, als oben das Zink
                  geschmolzen, löste sich aus der Dachrinne und stürzte auf den Hof.</p>
               <p>In diesem Augenblick erschien Hoppenmarieken unter der Einfahrt, blieb stehen und
                  sah auf das Feuer. Sie kam nicht von Hause, sondern war erst wieder auf dem Wege
                  dahin. Wer weiß, wo sie bis dahin gesteckt hatte. Als Hanne Bogun der Alten
                  ansichtig wurde, schüttelte er seinen linken Jackenärmel wie im Triumph und rief:
                  ›Da is Hoppenmarieken‹, und gleich darauf: ›De möt et bespreken.‹ Papa wußte wohl,
                  daß die Leute, die so vieles von ihr wissen, ihr auch nachsagen, daß sie Feuer
                  besprechen könne; es widerstand ihm aber, sich an ihre Teufelskünste, an die er
                  nicht glaubt oder die ihm zuwider sind, wie hilfebittend zu wenden. Seidentopf,
                  der wohl sehen mochte, was in ihm vorging, trat an ihn heran und sagte: ›Wer Gott
                  im Herzen hat, dem muß alles dienen, Gutes und Böses.‹ Da winkte Papa die Alte
                  heran und sagte: ›Nun zeige, Marieken, was du kannst.‹</p>
               <p>Diese hatte nur darauf gewartet; sie marschierte zwischen den beiden Spritzen
                  hindurch rasch auf die Stelle zu, wo der alte Saalanbau mit unserem Wohnhaus einen
                  rechten Winkel bildete, und stellte, nachdem sie zwei, drei Zeichen gemacht <pb/>
                  und ein paar unverständliche Worte gesprochen hatte, ihren Hakenstock scharf in
                  die Ecke hinein. Dann, während sie quer über den Hof hin wieder auf die Einfahrt
                  zurückmarschierte, sagte sie zu den Spritzenleuten: ›De Hohen-Ziesarschen künnen
                  nu wedder to Huus foohren‹, und schritt, ohne sich umzusehen, die Dorfstraße
                  hinunter in der Richtung auf den Forstacker zu. Ihren großen Hakenstock aber hatte
                  sie statt ihrer selbst an der Brandstätte zurückgelassen.</p>
               <p>Das Feuer ließ augenblicklich nach; Sparren und Balken stürzten zusammen, aber es
                  war, als verzehre sich alles in sich selbst und habe keine Kraft mehr, nach außen
                  hinauszugreifen. Zugleich ließ der leise Wind nach, der bis dahin gegangen war,
                  und es begann zu schneien. Ein entzückender Anblick, der dunkelrote Schein, in dem
                  die Flocken tanzten.</p>
               <p>Die Hohen-Ziesarsche Spritze fuhr wirklich ab, und der Hof wurde wieder leer; nur
                  Papa und der alte Kniehase blieben noch und trafen ihre Anordnungen für die Nacht.
                  Ich war mit unter den ersten, die sich zurückzogen, und trotzdem mein Zimmer
                  unmittelbar an die Brandstätte stieß, so war meine Zuversicht, daß die Gefahr
                  beseitigt sei, doch so groß, daß ich gleich einschlief. In meinem Traume mischte
                  sich das eben Erlebte mit jener wundersamen Feuererscheinung im alten Schloß zu
                  Stockholm, wovon Du Marie und mir am ersten Weihnachtstage erzähltest, als wir am
                  Kamin saßen und den Christbaum plünderten. Ich sah im Traum die Scheiben meines
                  Fensters glühen; als ich aber aufstand, um nach dem Schein zu sehen, war ich nicht
                  mehr allein und gewahrte nur eine lange Reihe Verurteilter, die mit entblößtem
                  Hals an einen Block geführt wurden. Ein entsetzliches Bild, und alles rot, wohin
                  ich sah. Aber in diesem Augenblicke trat Hoppenmarieken in die Tür des
                  Reichssaales, und alles rief: ›De möt et stillen.‹</p>
               <p>Da hob sie den Stock, und es war kein Blut mehr; und das Bild versank und sie
                  selber mit.</p>
               <p>Heute früh war ich zu guter Stunde beim Frühstück; Papa und die Schorlemmer
                  erwarteten mich schon. Ich hatte mich vor dieser Begegnung gefürchtet; die
                  Scheune, die vor zwei Jahren <pb/> niederbrannte, liegt noch als ein Schutthaufen
                  da, und nun ein zweites Brandunglück, das wieder auszugleichen es vollends an den
                  Mitteln fehlen wird. Ich fand aber eine ganz andere Stimmung vor, als ich
                  gefürchtet hatte. Papa war gesprächig und von einer Weichheit, die mehr von
                  Hoffnung als von Trauer zeugte. Er nahm meine Hand, und als er sah, daß ich nach
                  einem Trostworte suchte, lächelte er und sagte:</p>


               <l>Und eine Prinzessin kommt ins Haus,</l>
               <l>Ein Feuer löscht den Flecken aus –</l>


               <p>Ich fange an, mich mit dem alten Hohen-Vietzer Volksreim auszusöhnen. Die
                  Prinzessin läßt noch auf sich warten, aber der Flecken ist fort, das Feuer hat ihn
                  ausgelöscht. Ja, meine liebe Renate, Rätsel umgehen uns, und vielleicht ist es
                  Torheit, uns in dem Doppelhochmut unseres Wissens und Glaubens alles dessen, was
                  Aberglauben heißt und vielleicht nicht ist, entschlagen zu wollen. Auch in ihm,
                  von weither herangeweht, liegen Keime der Offenbarung. ›Ein Feuer löscht den
                  Flecken aus‹, inmitten all dieser Prüfungen ist es mir, als müßten andere, bessere
                  Zeiten kommen. Für uns, für alle.‹ Ich wollte antworten; aber Jeetze trat ein und
                  meldete, daß Graf Drosselstein vorgefahren sei.</p>
               <p>Da hast du den längsten Brief, den ich je geschrieben. Einen Gruß an Kathinka,
                  auch an Frau Hulen.</p>
               <!--milestone hi_start-->
               <p>Herzlichst Deine Renate von V.«</p>
               <!--milestone hi_end-->

               <p>Lewin legte den Brief aus der Hand. Er war bewegt, aber dasselbe Gefühl, das in
                  Vater und Schwester vorgeherrscht hatte, gewann auch in ihm die Oberhand: die
                  Freude darüber, daß etwas Unheimliches aus ihrem Leben genommen sei.</p>
               <p>Er setzte sich schnell an sein Pult und schrieb eine vorläufige kurze Antwort, in
                  der er diesem Gefühle Ausdruck gab. Am Schlusse hieß es: »Der Altar ist nicht
                  mehr, und der alte Matthias, wenn er weiter ›spöken‹ will, muß sich eine andere
                  Betestelle suchen.« Aber er erschrak vor seinen eigenen Worten, als er sie wieder
                  überlas. »Das klingt ja«, sprach er vor sich <pb/> hin, »als lüd ich ihn aus dem
                  Saalanbau in unser Wohnhaus hinüber. Das sei ferne von mir. Ich mag den ›Komtur‹
                  nicht zu Gast bitten.« Und mit dicker Feder strich er die Stelle wieder durch.</p>
               <p>Dann kleidete er sich rasch an, um Jürgaß, der nach dieser einen Seite hin
                  empfindlich war, nicht warten zu lassen.</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Zehntes Kapitel</head>
               <head>Dejeuner bei Jürgaß</head>
               <p>Nicht bloß die alte Exzellenz Wylich, wie Geheimrat von Ladalinski sich
                  ausgedrückt hatte, war ein Pünktlichkeitspedant, sondern auch Jürgaß. Dies wußte
                  der ganze Kreis. So kam es, daß sich eine Minute vor zwölf alle Geladenen auf Flur
                  und Treppe trafen, selbst Bummcke, der die scherzhaft eingekleidete, aber ernst
                  gemeinte Reprimande von der letzten Kastaliasitzung her noch nicht vergessen
                  hatte.</p>
               <p>Die Jürgaßsche Wohnung befand sich in einem mit einigen Reliefschnörkeln
                  ausgestatteten Eckhause des Gensdarmenmarktes und nahm die halbe nach dem Platze
                  zu gelegene Beletage ein. Sie bestand, soweit sie zu repräsentieren hatte, aus
                  einem schmalen Entree, einem dreifenstrigen Wohn- und Gesellschaftszimmer und
                  einem Speisesalon. Schon die Größe der Wohnung, noch mehr ihre Ausschmückung,
                  konnte bei einem märkischen, auf Halbsold gestellten Husarenoffizier, dessen
                  väterliches Gut mit drei seiner besten Ernten nicht ausgereicht haben würde, auch
                  nur ein Dritteil dieser Zimmereinrichtungen zu bestreiten, einigermaßen
                  überraschen; unser Rittmeister war aber nicht bloß der Sohn seines Vaters, sondern
                  auch der Neffe seiner Tante, eines alten Fräuleins von Zieten, die, als
                  Konventualin von Kloster Heiligengrabe, ihrem Liebling, eben unserem Jürgaß, ihr
                  ganzes, ziemlich bedeutendes Vermögen testamentarisch hinterlassen hatte. In
                  diesem Testament hieß es wörtlich: »In Anbetracht, daß mein Neffe Dagobert von
                  Jürgaß, einziger Sohn meiner geliebten Schwester Adelgunde von Zieten, <pb/>
                  verehelichten von Jürgaß, durch seiner Mutter Blut, insonderheit auch durch
                  Bildung des Geistes und Körpers ein echter Zieten ist, vermache ich besagtem
                  Neffen, Rittmeister im Göckingkschen (ehemals Zietenschen) Husarenregiment, in der
                  Voraussetzung, daß er das Zietensche, so Gott will, immer ausbilden und in Ehren
                  halten will, mein gesamtes Barvermögen, samt einem Bildnis meines Bruders, des
                  Generallieutenants Hans Joachim von Zieten, und bitte Gott, meinen lieben Neffen
                  in seinem lutherischen Glauben und in der Treue zu seinem Königshause erhalten zu
                  wollen.«</p>
               <p>Dieses Testament war zufälligerweise gerade am 14. Oktober 1806, also am Tage der
                  Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt, seitens der alten Konventualin, die noch
                  denselben Winter das Zeitliche segnete, niedergeschrieben worden, weshalb denn
                  auch Jürgaß, bei der Wiederkehr jedes 14. Oktober, seiner Weise zu sagen pflegte:
                  »Sonderbarer Tag, an dem ich nie recht weiß, ob ich ein Fest- oder ein Trauerkleid
                  anlegen soll; Preußen fiel, aber Dagobert von Jürgaß stieg.«</p>
               <p>Im übrigen hatte ihn die Tante richtig abgeschätzt; es steckte ihm von der Mutter
                  Seite her, neben einem Hange zu gelegentlich glänzendem Auftreten, auch das gute
                  Haushalten der Zieten im Blute, so daß sich sein Vermögen, aller Zeiten Ungunst
                  zum Trotz, in den seit der Erbschaft verflossenen sechs Jahren eher gemehrt als
                  gemindert hatte.</p>
               <p>In besonders reicher Weise war das schon erwähnte Wohnzimmer von ihm ausgestattet
                  worden, was denn auch zur Folge hatte, daß alle diejenigen Herren, die heute zum
                  ersten Mal in diesen Räumen waren, ihre Aufmerksamkeit auf Pfeiler und Wände
                  desselben richteten. Herr von Meerheimb entdeckte sofort eine in verkleinertem
                  Maßstab gehaltene Kopie eines großen, eine Zierde der Dresdener Galerie bildenden
                  Tintoretto, während von Hirschfeldt sich freute, einer langen Reihe von
                  Buntdruckbildern zu begegnen, deren Originale er in London, bei Gelegenheit einer
                  Ausstellung Josua Reynoldsscher Werke, gesehen hatte. Die Fülle aller dieser
                  Ausschmückungsgegenstände, unter denen namentlich auch bemerkenswerte Skulpturen
                  <pb/> waren, gab dem Geplauder, das ohnehin im Auf- und Abschreiten geführt wurde,
                  etwas Unruhiges und Zerstreutes, das dem Aufkommen eines gemütlichen Tones
                  ziemlich ungünstig war, von Jürgaß aber, sosehr ihm unter gewöhnlichen
                  Verhältnissen die Pflege des Gemütlichen am Herzen lag, nicht unangenehm empfunden
                  wurde, da ihm nicht entgehen konnte, daß der Grund dieser beständig hin und her
                  springenden Unterhaltung ausschließlich eine seiner Eitelkeit schmeichelnde
                  Bewunderung für seine Kunstwerke oder aber Neugier in betreff der sonst noch
                  vorhandenen Sehenswürdigkeiten war.</p>
               <p>Zu diesen Sehenswürdigkeiten gehörte vor allem der »große Stiefel«, der, sechs Fuß
                  hoch, mit einer anderthalb Zoll dicken Sohle und einem neun Zoll langen Sporn
                  daran, seinerzeit entweder selbst eine cause célèbre gewesen war oder doch zu
                  einer solchen die Anregung gegeben hatte. Es hatte damit folgende Bewandtnis.</p>
               <p>Es war am Ende der neunziger Jahre, als Jürgaß, damals noch ein blutjunger
                  Lieutenant bei Göckingk-Husaren, mit Wolf Quast vom Regiment Gensdarmes die
                  Friedrichsstraße nach dem Oranienburger Tore zu hinaufschlenderte. Dicht vor der
                  Weidendammer Brücke, gegenüber der Pépinière, fiel ihnen ein riesiger Sporn auf,
                  der im Schaufenster eines Eisenladens hing. Sie blieben stehen, lachten,
                  schwatzten und setzten fest, daß der erste, der in Arrest käme, den Sporn kaufen
                  solle. Der erste war Jürgaß. Aber der Sporn war kaum erstanden, als ein neues
                  Abkommen getroffen wurde: »Der nächste läßt einen Stiefel dazu machen.« Dieser
                  nächste nun war Quast, und nach Ablauf von wenig mehr als einer Woche wurde der
                  mittlerweile gebaute Riesenstiefel unter allen erdenklichen Formalitäten
                  prozessionsartig erst in die Kaserne und dann in Quasts Zimmer getragen. Von den
                  jüngeren Kameraden beider Regimenter fehlte keiner. Da stand nun der Koloß, und
                  der Riesensporn wurde angeschnallt. Aber der einmal wachgewordene Übermut war noch
                  nicht befriedigt, und eine Steigerung suchend, wurde beschlossen, dem großen
                  Stiefel und großen Sporn zu Ehren auch ein entsprechend großes Fest zu geben. Der
                  Stiefel <pb/> natürlich als Bowle. Gesagt, getan. Das Fest verlief zu
                  vollkommenster Genugtuung aller Beteiligten, aber keineswegs zur Zufriedenheit des
                  Kriegsministers, der vielmehr dem Unfug ein Ende zu machen und den großen Stiefel
                  tot oder lebendig einzuliefern befahl.</p>
               <p>Die betreffende Ordre war kaum ausgefertigt, als alle jungen Lieutenants einig
                  waren, daß es Ehrensache sei, den Stiefel coûte que coûte zu retten, der nunmehr
                  auch wirklich bei der bald darauf stattfindenden Kasernenrevision aus einem Zimmer
                  in das andere und schließlich in Rückzugsetappen erst auf die havelländischen,
                  dann auf die ruppinschen und priegnitzschen Güter der respektiven Väter und Oheime
                  wanderte, die sich nolens volens in das von ihren Söhnen und Neffen eingeleitete
                  Spiel mitverwickelt sahen. So kam er schließlich nach Gantzer und war auf ein
                  ganzes Dutzend Jahre hin vergessen, als unser Jürgaß, bei Gelegenheit eines kurzen
                  Besuchs im väterlichen Hause, des ehemaligen corpus delicti wieder ansichtig wurde
                  und sofort beschloß, es als originelle Zimmerdekoration in seiner eben in
                  Einrichtung begriffenen Wohnung zu verwenden. Er machte übrigens nicht mehr und
                  nicht weniger von der Sache, als sie wert war, und wenn er, die Geschichte vom
                  »großen Stiefel« erzählend, einerseits viel zuviel Urteil hatte, um einen
                  Fähndrichsstreich als Heldentat zu behandeln, so war er doch auch keck und
                  unbefangen genug, sich des Übermutes seiner jungen Jahre nicht weiter zu
                  schämen.</p>
               <p>Der eintretende Diener, die Flügeltüren des Speisesalons öffnend, meldete durch
                  diese stumme Sprache, daß das Frühstück serviert sei, und Jürgaß,
                  vorausschreitend, bat seine Gäste, ihm folgen zu wollen. An einem runden Tische
                  war gedeckt. Hirschfeldt und Meerheimb nahmen zu beiden Seiten des Wirtes Platz,
                  Hansen-Grell ihm gegenüber; Tubal, Lewin und Bummcke, auf die sich aus der Reihe
                  der Kastaliamitglieder die Einladungen beschränkt hatten, schoben sich von rechts
                  und links her ein.</p>
               <p>Die Jürgaßschen Frühstücke waren berühmt, nicht nur durch ihre Auserlesenheit,
                  sondern beinahe mehr noch durch die Aufmerksamkeiten <pb/> und Überraschungen,
                  womit er das Mahl zu begleiten pflegte. Auch heute war er nicht hinter seinem Ruf
                  zurückgeblieben. Unter dem Couverte von Hirschfeldt lag, aus einem französischen
                  Reisebuche herausgeschnitten, die »Kathedrale von Tarragona«, ein kleines
                  Bildchen, auf dessen Rückseite die Worte zu lesen waren: »In dankbarer Erinnerung
                  an den 5. Januar 1813«, während Hansen-Grell beim Auseinanderschlagen seiner
                  Serviette eines zierlichen silbernen Sporns ansichtig wurde, der auf dem
                  Kartenblatt, auf dem er befestigt war, nach Art einer Devise die Umschrift
                  führte:</p>


               <l>Er trug blanksilberne Sporen</l>
               <l>Und einen blaustählernen Dorn,</l>
               <l>Zu Calcar war er geboren,</l>
               <l>Und Calcar, das ist Sporn.</l>


               <p>Auch für Bummcke war gesorgt und eine Überraschung da, die freilich mehr den
                  Charakter einer Neckerei als einer Aufmerksamkeit hatte. Es war eine große, neben
                  seinem Teller liegende Papierrolle, die sich nach Entfernung des roten Fadens, der
                  sie zusammenhielt, als ein vielfach lädierter, in grober Schabemanier ausgeführter
                  Kupferstich erwies. Darunter stand: »Einzug des Hauptmanns von Bummcke in
                  Kopenhagen.« Und in der Tat, so wenig glaubhaft ein hauptmännischer Einzug in die
                  dänische Hauptstadt sein mochte, es sah mehr oder weniger nach etwas Derartigem
                  aus, schon weil die Straßenarchitektur getreulich wiedergegeben und für jeden, der
                  Kopenhagen kannte, der aus drei Drachenschwänzen aufgeführte Spitzturm des alten
                  Börsengebäudes ganz deutlich erkennbar war. Nichtsdestoweniger bedeutete der
                  eigentliche Gegenstand des Bildes, auf dem man einen offenen, mit vier Pferden
                  bespannten und von Militär eskortierten Wagen sah, etwas sehr anderes und stellte
                  weder die Entrée joyeuse Bummckes noch überhaupt einen Einzug, wohl aber die
                  »Abführung der Grafen Brandt und Struensee zu ihrem ersten Verhöre« dar. Bummcke,
                  der den Kupferstich aus einem alten Antiquitätenladen her seit lange kannte, fand
                  sich in dem Scherze schnell zurecht oder gab sich wenigstens <pb/> das Ansehen
                  davon, was das Beste war, das er tun konnte. Er hatte nämlich, was hier
                  eingeschaltet werden mag, die Schwäche, mit einer etwas weitgehenden Vorliebe von
                  seiner »nordischen Reise«, der einzigen, die er überhaupt je gemacht hatte, zu
                  sprechen und war in Folge dieser Schwäche – von der er übrigens selber ein starkes
                  Gefühl hatte – bei mehr als einer Gelegenheit nicht bloß das Opfer Jürgaßscher
                  Neckereien gewesen, sondern hatte auch die Erfahrung gemacht, daß Stillhalten das
                  einzige Mittel sei, denselben zu entgehen oder doch sie abzukürzen.</p>
               <p>Das Tablett mit Port und Sherry wurde eben herumgereicht, als Bummcke, das Blatt
                  noch einmal auseinanderrollend, mit jener Ruhe, die einem das Gefühl, seinen
                  Gegenstand zu beherrschen, gibt, anhob: »Der arme Struensee! Ich habe die Stelle
                  gesehen, draußen vor der Westerngade, wo sie ihm den Kopf herunterschlugen. Was
                  war es? Neid, Rancune und nationales Vorurteil. Ein Justizmord ohnegleichen. Er
                  war so unschuldig wie die liebe Sonne.«</p>
               <p>»Seine Intimitäten schienen aber doch erwiesen«, bemerkte Jürgaß wichtig, dem nur
                  daran lag, seinen Infanteriekapitän in das geliebte dänische Fahrwasser
                  hineinzubringen.</p>
               <p>»Intimitäten!« entgegnete dieser, der dem Köder, trotzdem er den Haken sah, nicht
                  widerstehen konnte. »Intimitäten! Ich versichere Ihnen, Jürgaß, alles Torheit und
                  Verleumdung. Ich habe während meines Aufenthaltes in Kopenhagen Gelegenheit
                  gehabt, zu Personen in Beziehung zu treten, die, passiv oder aktiv, in dem Drama
                  mitgewirkt haben. Ein Spiel war es mit Ehre und Leben, eine blutige Farce von
                  Anfang bis zu Ende. Das Kanonisieren ist außer Mode; hätten wir noch einen Rest
                  davon, diese Königin Karoline Mathilde müßte heiliggesprochen werden.«</p>
               <p>»Wenn es nicht indiskret ist, nach Namen zu fragen, woher stammen Ihre
                  Informationen?«</p>
               <p>»Vom Leibarzt der Königin«, sagte Bummcke.</p>
               <p>»Nun, der muß es wissen«, erwiderte Jürgaß übermütig, »aber er schafft mit seiner
                  Autorität die Aussagen derer, die <pb/> sich selber schuldig bekannten, nicht aus
                  der Welt. Ich appelliere vorläufig an unseren Freund Hansen-Grell. Er muß doch in
                  seinem gräflichen Hause das eine oder das andere über den Hergang gehört
                  haben.«</p>
               <p>»Nein«, antwortete dieser, »das gräfliche Haus, soviel ich weiß, hatte Ursache,
                  über den Fall zu schweigen, und ihn aus Büchern kennenzulernen, habe ich versäumt.
                  Ich muß mich überhaupt anklagen, der dänischen Geschichte, von einzelnen weit
                  zurückliegenden Jahrhunderten abgesehen, nicht das Maß von Aufmerksamkeit
                  geschenkt zu haben, das ihr gebührt.«</p>
               <p>»Und wir hatten gerade«, bemerkte Tubal verbindlich, »nach Ihrer
                  Hakon-Borkenbart-Ballade, womit Sie uns am Weihnachtsabend erfreuten, den
                  entgegengesetzten Eindruck.«</p>
               <p>»Weil Sie aus meiner Kenntnis der halb sagenhaften Vorgeschichte des Landes
                  allerhand schmeichelhafte Rückschlüsse auf meine gesamte dänische
                  Geschichtskenntnis zogen. Aber leider mit Unrecht. Ich habe mehr um Dichtungs als
                  um Historie willen im Saxo Grammaticus und in den älteren Mönchschroniken gelesen,
                  so viel, daß ich schließlich die moderne Königin Karoline Mathilde über die alte
                  Königin Thyra Danebod vergessen habe.«</p>
               <p>»Thyra Danebod«, rief Jürgaß in aufrichtigem Enthusiasmus, »das ist ja ein
                  wundervoller Name. Er tingelt etwas weniger als Kathinka von Ladalinska; aber
                  trotzdem! Was meinen Sie, Bummcke?«</p>
               <p>Bummcke, der sich so unerwartet an den Ladalinskischen Ballabend erinnert sah,
                  drohte gutmütig mit dem Finger; Hansen-Grell aber fuhr fort: »Ich teile ganz den
                  Enthusiasmus unseres verehrten Wirtes, und wenn ich auf das Gewissen gefragt
                  würde, würd ich bekennen müssen, aus dem Zauber dieses Namens, und vieler
                  ähnlicher, so recht eigentlich die Anregung zu meinem Studium altdänischer
                  Geschichten empfangen zu haben. Sigurd Ring und König Helge, Ragnar Lodbrok und
                  Harald Hyldetand entzückten mich durch ihren bloßen Klang, und sooft ich dieselben
                  höre, ist es mir, als teilten sich die Nebel und als sähe ich in eine wundervolle
                  Nordlandswelt, <pb/> mit klippenumstellten Buchten, und vor ihnen ausgebreitet das
                  blaue Meer und hundert weißgebauschte Segel am Horizont.«</p>
               <p>»Es ist der fremde Klang, der unser Ohr gefangennimmt«, bemerkte Hirschfeldt, der
                  sich von Spanien her ähnlich bestechender Namenseindrücke entsinnen mochte, und
                  Lewin und Tubal stimmten ihm bei.</p>
               <p>»Gewiß«, fuhr Hansen-Grell fort, »dieser Fremdklang ist von Bedeutung. Aber es
                  ist, über denselben hinaus, doch schließlich ein anderes noch, was diesen
                  altdänischen Namen ihren eigentümlichen Zauber leiht. Es spricht sich nämlich in
                  ihnen jene der Sprichwörterweisheit der Völker verwandte Begabung aus, Menschen,
                  Erscheinungen, ja ganze Epochen in einem einzigen Beiwort zu charakterisieren. Die
                  Kraft in der Knappheit, das Viel im Wenigen, da haben wir den Schlüssel zum
                  Geheimnis.«</p>
               <p>Bummcke geriet in Aufregung, so sehr, daß er – was sonst nicht seine Sache war –
                  den Château d'Yquem mit ablehnender Handbewegung an sich vorübergehen ließ und zu
                  Hansen-Grell wie zu einem Herzensvertrauten hinüberrief: »Ich weiß, worauf Sie
                  hinauswollen. Sprichwörterweisheit sagten Sie, ganz richtig. An den König Erichs,
                  wenigstens an den ersten sechs oder sieben, läßt es sich am besten zeigen: Erik
                  Barn, Erik Ejegod, Erik Lam, Erik Plopenning, Erik Glipping. Ich verbinde mit
                  jedem ein Bild, eine Vorstellung, besonders mit dem Plopenning und dem Glipping.
                  Glipping, das heißt soviel wie ›Augenplink‹ oder der ›Wimperer‹. Und wirklich, es
                  ist zum Lachen, aber ich sehe ihn vor mir, wie er mit dem rechten Augenlide immer
                  hin und her zwinkert.«</p>
               <p>Jürgaß warf sich in den Stuhl zurück und sagte während eines Hustenanfalls, der
                  sich vor lauter Heiterkeit nicht legen wollte: »Das ist denn doch das kapitalste
                  Stück von Fremdlandsenthusiasmus, das mir all mein Lebtag vorgekommen ist. König
                  Wimperer, ich grüße dich.«</p>
               <p>»Wenn Sie mehr von ihm wüßten, Jürgaß, so würden Sie dieser bedeutenden Figur mit
                  mehr Respekt begegnen. Er war <pb/> ein guter König und wurde zu Viborg mit
                  sechsundfünfzig Stichen ermordet.«</p>
               <p>»Nicht mehr wie billig. Warum hat er gewimpert? Ich greife mit dem Champagner um
                  zwei Gänge vor. Es lebe Erik Glipping!«</p>
               <p>»Er lebe, er lebe!« und die Gläser klangen zu Ehren des alten Dänenkönigs
                  zusammen. Hansen-Grell aber, ehe noch der Übermut sich völlig gelegt hatte, sagte:
                  »Halten Sie es der Pedanterie eines Kandidaten und Schulmeisters zugute, wenn er
                  von seinem Thema nicht los kann, ich verspreche aber, kurz zu sein.«</p>
               <p>»Kurz oder lang, Grell, Sie sind immer willkommen.«</p>
               <p>»Gut, ich akzeptiere. Unseres verehrten Hauptmanns Vorliebe für König Glipping
                  und, wenn ich mich so ausdrücken darf, die plastische Gegenständlichkeit, mit der
                  er uns denselben vorzuführen verstand, hat uns auf einen Schlag die goldenen Tore
                  der Heiterkeit aufgeschlossen, ich muß aber doch noch einmal ins Ernste zurück. In
                  unserer neueren Geschichte, soweit sie uns von Kaisern und Königen erzählt, ist
                  jetzt die Zahl in Mode gekommen; der Erste, Zweite, Dritte, auch der Vierzehnte
                  und Fünfzehnte; die Zahl gilt, und mit ihr das Nüchternste, das Unpoetischste, das
                  Charakterloseste, das es gibt. Dem gegenüber stehen meine alten skandinavischen
                  Königsnamen, nach Klang und Inhalt, ich betone, auch nach Inhalt, auf dem Boden
                  der Poesie, und das ist es, was sie mir so wert macht. Epigrammatischer als ein
                  Epigramm, ist mancher dieser Namen doch zugleich wie ein Gedicht, rührend oder
                  ergreifend, je nachdem. Urteilen Sie selbst. Ich will nur zwei nennen: Olaf Hunger
                  und Waldemar Atterdag! Ist es möglich, Personen und Epochen in einem einzigen
                  Worte schärfer und eindringlicher zu zeichnen? Es vergißt sich nie wieder. Olaf
                  war ein guter König, aber das Land siechte hin an Mißernten und böser Krankheit,
                  und weder seine Gebete noch sein ausgesprochener Wille, sich für das Volk zum
                  Opfer zu bringen, konnten den Unsegen tilgen oder gar in Segen verwandeln. Und so
                  bedeutet dieser König, auf den Blättern der dänischen Geschichte, <pb/> eine Zeit
                  des Fluchs, von Not und Tod, und sein gespenstisches Bild trägt unverschuldet die
                  furchtbare Unterschrift: Olaf Hunger.«</p>
               <p>»Und hält uns eine Fastenpredigt bei unserem Frühstück! Lassen Sie ihn fallen,
                  Grell. Was ist es mit dem andern?«</p>
               <p>»Er steht da wie sein Gegenstück.«</p>
               <p>»Gott sei Dank!«</p>
               <p>»Er war schön und siegreich und liebte die Frauen.«</p>
               <p>»A la bonne heure.«</p>
               <p>»Aber mehr als das, er war auch heiter und gütig. In jungen Jahren hatten ihn
                  eigene Leidenschaft und anderer Rat zu hitzigen Taten fortgerissen; als er aber
                  ein Mann geworden war, da reute ihn die Raschheit seiner Jugend, und er schwur es
                  sich, nichts Hartes und Strenges mehr aus dem Moment heraus tun zu wollen.
                  Umdrängten ihn seine Hofleute und forderten einen schnellen Spruch von ihm, wohl
                  gar Tod, so machte er eine leichte Bewegung mit Kopf und Hand und sagte nur:
                  ›Atterdag‹. Das heißt: Andertag. Und ein Füllhorn reicher Gnade quoll aus dem
                  einen Wort, und ›Atterdag‹ hat einen guten Klang in Dänemark bis diese
                  Stunde.«</p>
               <p>»Das ist mein Mann, Grell. Atterdag! Und Sie haben recht, da haben wir Klang und
                  Inhalt. Sie decken einander. Ich seh ihn vor mir, so deutlich, wie Bummcke den
                  Glipping sah. Aber mein Atterdag zwinkert nicht. Er hat ein wundervolles blaues
                  Auge, und hinter ihm her ziehen endlose Hochzeitszüge, und die Fahnenschwenker
                  werfen ihre Stöcke bis hoch in den Himmel hinein. Lassen Sie den Fasan noch einmal
                  herumgehen, Tubal, das sind wir dem Atterdag schuldig und dem Olaf Hunger erst
                  recht.«</p>
               <p>Das Gespräch ließ nun die Dänenkönige fallen, bald Skandinavien überhaupt, und nur
                  Bummcke machte noch einen herkömmlichen Versuch, von Kopenhagen aus in Aalborg zu
                  landen, um dann, quer durch Jütland hin, den großen Limfjord zu befahren. Dies war
                  seine Lieblingstour, weil er in elf Gesellschaften von zwölf darauf rechnen
                  durfte, sie allein gemacht und somit unangefochten das Wort zu haben. Aber dieses
                  Vorzuges <pb/> ging er heute verlustig, und kaum daß er in ziemlich sentimentalen
                  Ausdrücken von dem »Klageton« und dem »Wehmutsschleier« der nordjütischen
                  Landschaft gesprochen hatte, als ihm auch schon der Widerspruch Grells hart auf
                  der Ferse war, der, der hunderttausend wie weiße Nymphäen auf dem Limfjord
                  schwimmenden Möwen ganz zu geschweigen, nie ein smaragdgrüneres Wasser und nie
                  einen azurblaueren Himmel gesehen haben wollte.</p>
               <p>»Nichts Gewöhnlicheres als ein solcher Gegensatz empfangener Eindrücke«, nahm von
                  Meerheimb das Wort, »und es bedarf nicht einmal zweier Personen, um Widersprüchen
                  wie diesen zu begegnen; wir finden sie in uns selbst. Was wir die Stimmung der
                  Landschaft nennen, ist in der Regel unsere eigene. Lust und Leid färben
                  verschieden. Als wir auf der Smolensker Straße zogen und in die Nähe der alten
                  russischen Hauptstadt kamen, war es uns, als marschierten wir unter einem
                  Regenbogen, und überall, wohin wir blickten, stiegen, wie durch Spiegelung, die
                  goldenen Kuppeln Moskaus vor uns auf. Unsere Sehnsucht sah sie, lange bevor sie
                  sich wirklich in dem Nebelduft des Horizontes abzeichneten. Das war um die Mitte
                  September. Und vier Wochen später zogen wir wieder dieselbe Straße. Der Rückzug
                  hatte begonnen. Es war noch nicht kalt, und die Oktobersonne schien nicht weniger
                  hell, als die Septembersonne geschienen hatte, aber ringsumher lag Öde und
                  Einsamkeit, und die Flüsse, statt mit uns zu plaudern, schienen hinzuschleichen
                  wie die Wasser der Unterwelt. Das Land war nicht verändert, aber wir.«</p>
               <p>Jeder stimmte bei, selbst Jürgaß, der nur den Strich zwischen Neustadt und Gantzer
                  ausnahm, von dem er versicherte, immer denselben Eindruck empfangen zu haben.
                  Welchen? darüber schwieg er, entweder aus Vorsicht oder weil er die sich gerade
                  jetzt bequem darbietende Gelegenheit zu einer noch ausstehenden Ansprache nicht
                  unbenutzt vorübergehen lassen wollte.</p>
               <p>»Herr von Meerheimb«, so hob er an, während er mit dem Messerrücken an das Glas
                  klopfte, »hat uns soeben über die <pb/> Felder von Moshaisk oder ihnen nahe
                  gelegener Territorien geführt, nicht in breiter Schilderung, sondern diskursive,
                  wenn ich mich so ausdrücken darf, in landschaftlichen Aperçus, in gegensätzlichen
                  Stimmungskizzen. Ich erinnere Sie daran, daß uns die vorgerückte Stunde der
                  letzten Kastaliasitzung um einen Vortrag brachte, der, wenn ich recht unterrichtet
                  bin, sich auf denselben Feldern von Moshaisk bewegt, freilich nur um auf eben
                  diesen Feldern sehr andere Bilder als die Kuppeln von Moskau, die wirklichen oder
                  die visionären, vor unseren Blicken aufsteigen zu lassen. Und so erlaube ich mir,
                  an unseren verehrten Gast die Frage zu richten, ob es ihm genehm sein würde, das
                  in erwähnter Sitzung Versäumte nachzuholen und vor diesem engeren Kreise den uns
                  zugedachten Abschnitt aus seinem Tagebuche zu lesen?«</p>
               <p>Von Meerheimb verneigte sich und sagte dann: »Ich gehorche gern Ihrer freundlichen
                  Aufforderung, sosehr ich auch, ganz in Übereinstimmung mit Herrn von Hirschfeldt,
                  der mir darüber nach der letzten Kastaliasitzung seine Confessions gemacht hat,
                  das Mißliche solcher Vorlesungen fühle. Dies Mißliche wird dadurch nicht
                  vermieden, daß man auf die Mitteilung aller persönlichen Heldentaten – ein Wort,
                  das ich zu nehmen bitte, wie es gemeint ist – Verzicht leistet. Man bleibt eben
                  ein Teil des Ganzen, und indem man dieses feiert, feiert man wohl oder übel sich
                  selber mit. Keine Darstellung großer Vorgänge, bei denen man zugegen war, wird
                  dies vermeiden können, auch die dezenteste nicht, und jeder, der es dennoch wagt,
                  ist auf die besondere Nachsicht seiner Hörer angewiesen. Dieser Nachsicht bin ich
                  bei Ihnen sicher. Im übrigen bitte ich, trotz des Bannes, unter dem in diesem
                  Kreise die Vorreden stehen, noch vorweg bemerken zu dürfen, daß ich nur Erlebtes,
                  also im Hinblick auf den großen Vorgang nichts Vollständiges gebe. Einzelnes, was
                  jenseits des persönlich Erlebten liegt, ebenso wie die Namen von Ortschaften und
                  Personen, verdanke ich den Mitteilungen und Aufschlüssen gefangener russischer
                  Offiziere, mit denen ich später im Smolensker Lazarette lag. Und nun habe ich
                  geschlossen und ersuche unseren verehrten <pb/> Wirt, in jedem Momente, der ihm
                  passend scheint, über mich zu verfügen.«</p>
               <p>»Nehmen wir den Kaffee«, damit hob Jürgaß die Tafel auf und schritt, Herrn von
                  Meerheimb den Arm bietend, in das Wohnzimmer voran.</p>
               <p>Hier waren inzwischen alle Vorbereitungen getroffen und, trotzdem es noch früh war
                  – nach vorgängiger Schließung der schweren Fenstergardinen –, die kleinen mit
                  Kristallglas gezierten Wandleuchter angezündet worden. In dem blanken englischen
                  Kamin, der als Schmuckstück der Wohnung in den großen Ofen hineingebaut worden
                  war, brannte ein helles Feuer, und um den Sofatisch herum, den ein
                  golddurchwirktes türkisches Tuch bedeckte, standen an den frei gebliebenen Seiten
                  hohe Lehnstühle und gepolsterte Sessel. Der Kaffee wurde serviert, und während
                  Wirt und Gäste um den Tisch her Platz nahmen, rückte sich von Meerheimb einen
                  Doppelleuchter zurecht und las: »Borodino«.</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Elftes Kapitel</head>
               <head>Borodino</head>
               <p>... Wir glaubten nicht mehr, daß die Russen standhalten würden. Sie zogen sich auf
                  der großen Smolensker Straße zurück, vermieden jedes Rencontre mit unsern
                  Vortruppen und schienen Moskau ohne Schwertstreich preisgeben zu wollen. Es war
                  aber anders beschlossen; auf russischer Seite wechselte der Oberbefehl, Kutusow
                  kam an Barclay de Tollys Stelle, und unserm Einzuge in Moskau ging ein
                  Zusammenstoß voraus, von dem der Kaiser selbst bei hereinbrechender Nacht sagte:
                  »Ich habe heute meine schönste Schlacht geschlagen, aber auch meine
                  schrecklichste.«</p>
               <p>Das war bei Borodino am 7. September.</p>
               <p>Schon der 5. gab uns einen Vorschmack. Als wir am Abend dieses Tages ins Biwak
                  rückten, hörten wir, daß in unserer Front ein heftiges Gefecht stattgefunden und
                  die Division <pb/> Compans, zu der auch das 61. Linienregiment gehörte, eine
                  russische Schanze gestürmt habe. Unmittelbar darauf sei der Kaiser erschienen und
                  habe, die Lücken in dem genannten Regimente wahrnehmend, unruhig gefragt: »Wo ist
                  das dritte Bataillon vom Einundsechzigsten?«, worauf der alte Compans geantwortet
                  habe: »Sire, es liegt in der Schanze.«</p>
               <p>Am 6. hatten wir Gewißheit, daß uns die Russen eine Schlacht bieten würden, und
                  tags darauf standen wir ihnen in aller Frühe schon auf Kanonenschußweite
                  gegenüber.</p>
               <p>Es war ein klarer Tag. Die Sonne, eben aufgegangen, hing wie eine rote Kugel über
                  einem Waldstrich am Horizont und sah auf das kahle Plateau hinunter, das sich,
                  halb Brache, halb Stoppelfeld, in bedeutender Tiefe, aber nur etwa in Breite einer
                  halben Meile, vor uns ausdehnte. Die Höhenstellung, auf der wir hielten,
                  erleichterte es mir, mich in dem Terrain zurechtzufinden, und ich erkannte bald,
                  daß das vor uns liegende Plateau keineswegs eine glatte Tenne sei, sondern mehrere
                  kleine Senkungen und Steigungen habe. Namentlich eine dieser Senkungen, allem
                  Anscheine nach ein ausgetrocknetes Flußbett, markierte sich scharf und zog sich,
                  das voraussichtliche Schlachtfeld in zwei Hälften teilend, wie ein Wallgraben
                  zwischen unserer und der feindlichen Stellung hin. Hüben wir, drüben die Russen.
                  Dies ausgetrocknete Flußbett hieß der Semenowskagrund. Wer angriff, mußte diesen
                  Grund passieren, und in der Tat drehte sich die neunstündige Schlacht um den
                  Besitz desselben und dreier teils am diesseitigen, teils am jenseitigen Rand
                  gelegenen Positionen. Diese drei Positionen waren die folgenden: 1. die
                  Bagrationfleschen; 2. das Dorf Semenowskoi und 3. die große Rajewskischanze.
                  Position zwei und drei lagen jenseit des Grundes, auf der von den Russen besetzten
                  Hälfte des Schlachtfeldes, Position eins aber, die Bagrationfleschen, waren
                  brückenkopfartige, bis an den diesseitigen Rand des Semenowskagrundes
                  vorgeschobene Werke. Alle drei Positionen bildeten das feindliche Zentrum, an das
                  sich ein rechter und linker Flügel anlehnte. Der rechte bei Borodino, der linke
                  bei Utiza. In tiefen Kolonnen stand der Feind, scheinbar endlos.<pb/> Wir sahen
                  weithin das Blitzen der Bajonette und in Front seiner Stellung, am Rande des
                  Grundes hin, die dunkeln Öffnungen seiner Geschütze.</p>
               <p>Soweit der Feind. Aber das helle Licht des Morgens, dazu die Höhen, die wir
                  innehatten, gönnten uns auch einen Überblick über unsere eigene Aufstellung.
                  Unmittelbar vor uns, in sechs Divisionsmassen, standen die Corps von Davoust und
                  Ney, hinter uns Junot und die Garden, während wir selber, zehntausend Reiter unter
                  König Murat, sowohl in Länge wie Tiefe die Mitte des diesseitigen
                  Schlachtenkörpers einnahmen.</p>
               <p>Der Plan Napoleons ging dahin, erst die Flügelpunkte: Borodino und Utiza, jenes
                  durch die italienischen Garden des Vizekönigs, dieses durch die Polen unter
                  Poniatowski, nehmen zu lassen, dann aber, und zwar unter Mitwirkung der
                  ebengenannten von rechts und links her einschwenkenden Flügelcorps (deren rasches
                  Vordringen er nicht bezweifelte), die furchtbare Zentrumsposition des Feindes zu
                  durchbrechen. Erst die Fleschen, dann Semenowskoi, dann die Rajewskischanze.</p>
               <p>Schon vor Tagesanbruch war der erste Kanonenschuß gefallen, um sieben begann die
                  Schlacht. Der Vizekönig nahm Borodino; aber Poniatowski, auf einen stärkeren Feind
                  stoßend, als er erwartet hatte, konnte nicht Terrain gewinnen. So blieb, als
                  namentlich auch bei Borodino der Angriff wieder ins Stocken kam, die Mitwirkung
                  von den Flügeln her aus und zwang die zu unseren Füßen haltenden Corps von,
                  Davoust und Ney, die Durchbrechung des feindlichen Zentrums in weder von links
                  noch rechts her unterstützten Frontalangriffen zu versuchen. Die Division Compans,
                  dieselbe, die am 5. das erbitterte Gefecht gehabt hatte, hatte wieder die Tête.
                  Sie warf sich auf das nächste Angriffsobjekt, die Bagrationfleschen, nahm sie,
                  verlor sie und nahm sie zum zweiten Mal, aber nur, um sie zum zweiten Mal zu
                  verlieren. Der tapfere Compans fiel, Rapp und Davoust, mehr oder minder schwer
                  verwundet, mußten das Schlachtfeld verlassen, und immer neue Divisionen wurden
                  vorgezogen, um uns den Besitz dieses vorgeschobenen Werkes zu sichern. Erst nach
                  dem vierten diesseitigen Sturm gaben die <pb/> russischen Grenadiere, die hier
                  unter Fürst Woronzow gestanden und geblutet hatten, jeden Wiedereroberungsversuch
                  auf und zogen sich, soviel ihrer noch waren, auf den jenseitigen Rand des
                  Semenowskagrundes zurück. Zu schwach, noch selber feste Körper zu bilden, reihten
                  sie sich in andere Truppenkörper ein, die sie hier vorfanden. Es waren ihrer noch
                  vierhundert Mann, der Rest von sechstausend. Fürst Woronzow, als er am Abend des
                  Tages seinen Bericht an den Kaiser abfaßte, schloß mit den Worten: »Meine
                  Grenadierbataillone sind nicht mehr; aber sie verschwanden nicht von dem
                  Schlachtfelde, sondern auf ihm.«</p>
               <p>Um elf Uhr hatten wir die Fleschen, und der Grund mußte nun überschritten werden,
                  um zunächst das schon an vielen Stellen brennende Dorf Semenowskoi, dann die links
                  daneben gelegene große Rajewskischanze zu nehmen. Aber schon begann es an den
                  Kräften dazu zu fehlen, wenigstens in der Front. Die Divisionen des Davoustschen
                  Corps waren nur noch Schlacke, die des Neyschen kaum minder, und nur die Division
                  Friant war noch intakt. Sie erhielt Befehl zum Vorgehen und nahm jetzt die Tête,
                  während die schon im Feuer gewesenen Divisionen aufschlossen. Die Bravour des
                  Angriffs schien einen Augenblick einen großen Erfolg versprechen zu sollen; aber
                  in demselben Moment, wo die vordersten Bataillone den jenseitigen Rand des
                  Semenowskagrundes erstiegen, wurden sie von einem auf nächste Distance hin
                  abgegebenen Massenfeuer in langen Reihen niedergemäht; die nachrückenden
                  Bataillone stutzten, wandten sich und suchten diesseitig der Schlucht in Ravins
                  und Einschnitten eine Zuflucht zu gewinnen. Der Sturmversuch war als gescheitert
                  anzusehen, und in unserer ganzen Front, sowohl unmittelbar vor uns wie auch nach
                  beiden Flügelpunkten hin, standen keine frischen Infanteriekörper mehr, denen eine
                  Wiederholung des Sturmes zuzumuten gewesen wäre.</p>
               <p>In diesem Augenblicke kam Befehl an König Murat, es mit seinen Reitermassen zu
                  versuchen. Zu diesen Reitermassen gehörten auch wir. Murat, nach Empfangnahme der
                  Ordre, zog <pb/> sofort vom linken Flügel her seine vier Kavalleriecorps
                  staffelweise vor, erst Grouchy, dann Nansouty, dann Montbrun, dann
                  Latour-Maubourg, und ließ sie, das letztgenannte Corps vorläufig noch
                  zurückhaltend, mit nur kurzen Pausen gegen die Positionen des feindlichen Zentrums
                  vorbrechen. Grouchy führte, Nansouty und Montbrun folgten. Das Schlachtfeld
                  donnerte unter dem Hufschlag von mehr als 6000 Pferden; selbst der Donner der
                  Geschütze wurde momentan übertönt. Aber der ungeheure Reitersturm vermochte nicht
                  mehr, als die wiederholten Angriffe der Infanteriedivisionen vermocht hatten; am
                  diesseitigen Rande des Semenowskagrundes stürzten die vordersten Reihen, und was
                  übrigblieb, riß die nachfolgenden Regimenter mit in die Flucht der in Front
                  gestandenen hinein.</p>
               <p>Ein neuer Mißerfolg; tausend reiterlose Pferde stoben über das Feld hin. Grouchy,
                  Nansouty, Montbrun hatten versagt; nur unser 4. Kavalleriecorps, Latour-Maubourg,
                  hielt noch unberührt am rechten Flügel, in seiner Front unsere Kürassierdivision
                  unter General de Lorges. Wir nannten ihn scherzhaft, aber zugleich auch in
                  Anerkennung seiner chevaleresken Tugenden, unseren »Ritter de Lorges«, und in der
                  Tat, der Moment war nahe, wo die Division, die seinen stolzen Namen führte, den
                  »Handschuh aus dem Löwengarten« holen sollte. Eine Staubwolke wurde von links her
                  sichtbar, und König Murat selbst, der bis dahin am anderen Flügel gehalten hatte,
                  sprengte bis in unsere Front. Er war prächtiger und phantastischer gekleidet denn
                  je, und wahrnehmend, daß wir, trotz der von Zeit zu Zeit einschlagenden Kugeln, in
                  vollkommener Ruhe Linie hielten, warf er uns im Vorüberreiten Kußhändchen zu und
                  salutierte mit seiner Reitgerte, die er statt des Säbels führte. Zugleich gab er
                  Befehl zum Angriff, und in zwei großen Reitermassen jagten wir über das Feld hin,
                  die eine dieser Massen die sechs Regimenter starke polnische Ulanendivision unter
                  General Rozniecki (wir verloren sie bald darauf aus dem Gesicht), die andere, von
                  der ich ausschließlich zu erzählen habe, unsere Kürassierdivision de Lorges. Aber
                  auch diese teilte sich wieder, und wie sich eben erst aus unserer gesamten <pb/>
                  Latour-Maubourgschen Corpsmasse die polnische Ulanendivision herausgelöst hatte,
                  so löste sich jetzt, nur wenige Minuten später, aus unserer Kürassierdivision de
                  Lorges die westfälische Brigade von Lepel heraus. General von Lepel galt als der
                  schönste Offizier der westfälischen Armee; er war der Liebling Friederike
                  Katharinens, der Gemahlin König Jérômes. Wir sahen ihn eben noch mit erhobenem
                  Pallasch vor der Front seiner Brigade, als eine Paßkugel ihn vom Pferde warf. Auf
                  den Tod verwundet, nannte er den Namen seiner Königin und starb. Seine Brigade
                  aber stutzte, wandte sich seitwärts und griff erst später wieder in den Gang des
                  Gefechtes ein.</p>
               <p>So waren wir denn allein: sächsische Brigade Thielmann, achthundert Reiter der
                  Regimenter Garde du Corps und von Zastrow. War unsere Stellung ohnehin am
                  äußersten rechten Flügel gewesen, so gebot es jetzt unsere Lage, wie General von
                  Thielmann in Beobachtung der voraufgegangenen Gefechtsmomente klar erkannt hatte,
                  uns immer weiter nach rechts zu ziehen. Woran waren alle bisherigen Angriffe
                  gescheitert? An der immer sich gleichbleibenden Schwierigkeit, den steil
                  abfallenden Semenowskagrund angesichts der feindlichen Geschützreihe zu passieren.
                  Eine Möglichkeit des Gelingens war also nur gegeben, wenn sich am Flußbett hin
                  Übergangsstellen finden ließen, wo die Böschung minder abschüssig und das
                  feindliche Feuer minder heftig war. Solche Stellen lagen flußaufwärts nach Utiza
                  zu, und durch immer weiteres Ausbiegen uns mehr und mehr aus dem Kanonenbereich
                  herausziehend, entdeckten wir endlich, keine tausend Schritt mehr von dem
                  genannten Flügelpunkt entfernt, eine flach abfallende, vom russischen Geschütz
                  kaum noch erreichte Stelle, die uns ein bequemes Hinabreiten in den
                  Semenowskagrund zu ermöglichen schien. Das war, was wir suchten. Eine Minute
                  später hielten wir in dem ausgetrockneten Flußbett, dessen Ränder, je mehr wir
                  uns, links einschwenkend, dem feindlichen Zentrum wieder näherten, immer höher und
                  steiler wurden. Aber diese höher und steiler werdenden Ränder waren zunächst unser
                  Schutz, und das Feuer der um Dorf Semenowskoi her in Batterie stehenden <pb/>
                  hundert russischen Geschütze ging über unsere Köpfe hinweg. Wir waren schon bis
                  dicht an das Dorf heran, ohne nennenswerten Verlusten ausgesetzt gewesen zu sein;
                  General Thielmanns geschickte Führung hatte uns davor bewahrt. Aber nun kam der
                  entscheidende Moment, und dieselben steilen Böschungen, die bis dahin unsere
                  Rettung gewesen waren, waren nun unsere Gefahr. Und doch mußten wir sie hinauf.
                  Unser Regiment Garde du Corps führte: »In Zügen rechts schwenkt, Trab!« , und im
                  nächsten Augenblick suchten wir den Abhang und gleich darauf die Höhe zu gewinnen.
                  Einzelne überschlugen sich und stürzten zurück; die meisten aber erreichten die
                  Crête, rangierten sich und gingen zur Attacke vor.</p>
               <p>Erst im Anreiten sahen wir, wo wir waren. Keine dreihundert Schritt vor uns
                  brannte Dorf Semenowskoi; zwischen uns und dem Dorfe aber, und dann wieder über
                  dasselbe hinaus, standen schachbrettartig sechs russische Carrés,
                  Gardegrenadierbataillone, die berühmten Regimenter Ismailoff, Litauen und
                  Finnland. Ihr Feuer empfing uns aus nächster Nähe, aber ehe eine zweite Salve
                  folgen konnte, waren die diesseits des Dorfes stehenden Vierecke niedergeritten,
                  und durch das brennende Semenowskoi hindurch ging die Attacke, ohne Signal oder
                  Kommandowort, aus sich selber heraus im Fluge weiter. Innerhalb des Dorfes
                  freilich stürzten viele der vordersten Reiter in die den ehemaligen Wohnungen als
                  Korn- und Vorratsräume dienenden, jetzt mit glühendem Schutt gefüllten
                  Kellerlöcher, aber die nachfolgenden Rotten passierten glücklich die gefährlichen
                  Stellen, und alles, was jenseits stand, teilte das Schicksal derer, die diesseits
                  gestanden hatten. Das Regiment Litauen verlor in zehn Minuten die Hälfte seiner
                  Mannschaften.</p>
               <p>Aber nicht die ganze Brigade Thielmann war durch das brennende Dorf geritten; ein
                  kleines Häuflein derselben, nicht hundert Mann stark und aus Bruchteilen beider
                  Regimenter gemischt, hatte sich vielmehr, gleich nach dem Niederreiten der ersten
                  Carrés, nach rechts hin tiefer in die russische Schlachtordnung hineingewagt, um
                  hier dem Angriff einer <pb/> eben hervorbrechenden feindlichen Kavallerieabteilung
                  zu begegnen. Es glückte; die feindlichen Kürassiere wurden geworfen, und in
                  Ausbeutung des auch an dieser Stelle beinahe unerwartet errungenen Erfolges jagten
                  wir – ich selber gehörte dieser Abteilung zu – zwischen den massiert
                  dahinterstehenden Bataillonskolonnen hindurch und erwachten erst wieder zu voller
                  Besinnung, als wir uns plötzlich im Rücken der gesamten russischen Aufstellung
                  sahen.</p>
               <p>Wir hätten von dieser Stelle aus leichter bis Moskau reiten können als bis an den
                  Semenowskagrund zurück. Und doch mußten wir diesen Grund, die Scheidelinie
                  zwischen Freund und Feind, wieder zu gewinnen suchen.</p>
               <p>Also kehrt! Jeder hing an dem Wort unseres Führers, willig, ihm zu folgen, aber
                  ehe wir noch wenden konnten, brachen aus zwei links und rechts befindlichen
                  Waldparzellen dichte Baschkiren- und Kalmückenschwärme hervor, irreguläre Truppen,
                  denen man, weil man ihnen in der Front nicht traute, diese Reserveposition
                  angewiesen hatte. Im Nu saßen sie uns mit ihren Piken in Seite und Nacken, und
                  eine Niederlage, der wir in zweimaligem Kampfe mit den Elitetruppen des Feindes
                  glücklich entgangen waren, sie harrte jetzt unserer im Angesichte dieses
                  Gesindels. Oberst von Leyser wurde vom Pferde gestochen, gleich nach ihm Major von
                  Hoyer, und ehe fünf Minuten um waren, waren von unserem ganzen Häuflein nur noch
                  zwei übrig: Brigadeadjutant von Minckwitz und ich. Wir hieben uns aus der immer
                  dichter werdenden Gesindelmasse heraus und jagten dann auf unseren müden Pferden
                  durch dieselben Intervallen, durch die wir gekommen waren, wieder zurück. Was uns
                  rettete, waren sehr wahrscheinlich die schwarzen Kürasse, die das Regiment von
                  Zastrow trug, so daß wir beim Passieren der langen Infanterieflanken für russische
                  Kürassiere gehalten wurden. Unsere Pferde, Wunders genug, dauerten aus, und ehe
                  eine halbe Stunde um war, hielten wir wieder in der Reihe unserer Kameraden, so
                  viele deren überhaupt noch waren. Von unserem Todesritt zu erzählen, dazu war
                  keine Zeit. Denn eben jetzt bereiteten die Russen, zur <pb/> Rückeroberung der
                  Position von Semenowskoi (von einem Dorfe gleichen Namens war nicht mehr zu
                  sprechen), einen großen Angriff vor, und alles, was noch jenseits des Grundes
                  hielt, mußte wieder nach diesseits zurück. Auch wir.</p>
               <p>Es mochte jetzt Mittag sein oder doch nur wenig später. Unsere Anstrengungen, dies
                  konnten wir uns nicht verhehlen, waren im wesentlichen ebenso resultatlos
                  verlaufen wie die voraufgegangenen Kavallerieangriffe Grouchys, Montbruns,
                  Nansoutys; wir hatten die feindliche Seite des Semenowskagrundes erstiegen, sechs
                  Gardebataillone niedergeritten, russische Reiterregimenter geworfen und die
                  feindliche Schlachtaufstellung vom Rücken her gesehen, aber der endliche Abschluß
                  war doch der, daß wir, wenn auch tausend Schritt vorgeschoben, abermals am
                  diesseitigen Rande des Grundes standen und die Aufgabe, die Russen auch vom
                  jenseitigen Rande zu vertreiben, aufs neue aufnehmen mußten. Daß dies geschehen
                  würde, war unzweifelhaft; ein Verzicht darauf würde soviel wie Verlust der
                  Schlacht bedeutet haben. Es war also nur die Frage: wann?</p>
               <p>Zwei Stunden blieben wir in Erwartung; es schien, daß man an oberster Stelle
                  schwankte; endlich kam Befehl, alle in Front stehenden Kräfte zusammenzufassen und
                  auf der ganzen Linie noch einmal vorzugehen. Unserer Brigade Thielmann, bis auf
                  die Hälfte zusammengeschmolzen, war dabei der Löwenanteil zugedacht; sie erhielt
                  Ordre, die gefürchtete Rajewskischanze, den festesten Punkt der feindlichen
                  Zentrumsstellung, zu stürmen. Ein Schanzensturm mit Kavallerie!</p>
               <p>Es war Ney selbst, der diesen Befehl überbrachte. General Thielmann zeigte statt
                  aller Antwort auf die zertrümmerte Brigade: vierhundert Reiter auf müden Pferden.
                  Aber Ney, in der furchtbaren Erregung des Moments, zog das Pistol aus dem Halfter
                  und hielt es im Anschlag, zum Zeichen, daß er bereit sei, jeden Versuch eines
                  Widerspruchs zum Schweigen zu bringen. Thielmann setzte sich vor die Front, die
                  Trompeter bliesen, und abermals ging es gegen den Grund. Diesmal mit halblinks,
                  weil die Rajewskischanze um fünfhundert Schritte <pb/> weiter flußabwärts lag. Was
                  und wen wir im Anreiten verloren, weiß ich nicht mehr, weil sich alles, was nun
                  kam, in wenige Minuten zusammendrängte. Nur so viel, daß die Verluste bedeutend
                  waren. Jetzt waren wir heran und im nächsten Augenblick unten in der Schlucht;
                  aber das war nicht mehr das leere Flußbett, in dem wir drei Stunden vorher, als
                  wir in weitem Bogen von Utiza her einschwenkten, einen beinahe vollkommenen Schutz
                  vor dem feindlichen Kreuzfeuer gefunden hatten, sondern in eben dieser
                  schutzgebenden Vertiefung hatten sich jetzt frische, aus der Reserve her
                  vorgezogene Batailone eingenistet und empfingen uns, in dichten Knäueln Stellung
                  nehmend, erst mit Flintenfeuer, dann, wenn wir die Knäuel sprengten, mit Kolben
                  und Bajonett. Doch umsonst; wie die Windsbraut gingen wir hindurch oder dran
                  vorüber, denn unsere Aufgabe war nicht, uns hier unten in Gruppen- und
                  Knäuelkämpfen zu vertun, sondern drüben die hoch aufragende Rajewskischanze im
                  ersten Anlauf zu nehmen. Und jetzt waren wir den steilen Flußbettabhang wieder
                  hinauf und hielten vor der noch steileren Böschung der Schanze selbst. Unsere
                  vordersten Züge bogen unwillkürlich nach rechts hin aus und suchten durch eine im
                  Halbkreis gehende Bewegung die Kehle der Schanze zu gewinnen, die nachfolgenden
                  Rotten aber, als wäre die Schanzenböschung nur die Fortsetzung des eben im Fluge
                  genommenen Flußbettabhanges, jagten die Redoute hinauf und sprengten von oben her
                  mitten in die Schanze hinein. Ein Kampf Mann gegen Mann entspann sich; die
                  Kanoniere, die nach Wischer und Hebebäumen griffen, wurden niedergehauen; was
                  übrigblieb, warf die Waffen fort und gab sich zu Gefangenen. Nur General
                  Lichatschew, der hier kommandierte, wollte keinen Pardon. Er hatte eine Stunde
                  vorher die Schanze verlassen, um bei General Kutusow über den damals gut stehenden
                  Gang des Gefechtes zu rapportieren. »Wo liegt die Schanze?« hatte Kutusow gefragt,
                  und Lichatschew hatte die rechte Hand erhoben, um die Richtung anzugeben. Eine
                  Sechspfünderkugel riß ihm die Hand fort; er hob die Linke, zeigte scharf gegen
                  Süden und sagte: »Dort.« Dann war er, nur leicht verbunden, <pb/> in die ihm
                  anvertraute Schanze zurückgekehrt. Nun lag er tot unter den Toten.</p>
               <p>Das Zentrum war durchbrochen, die Rajewskischanze in unseren Händen. Als, um uns
                  abzulösen, die Division Morand heranrückte und General Thielmann den Befehl zum
                  Sammeln der Brigade gab, war kein Trompeter mehr da, um zu blasen. Ein
                  Schwerverwundeter endlich ließ sich aufs Pferd heben und blies die Signale. So
                  gingen wir auf die andere Seite des Grundes zurück.</p>
               <p>Es war erst drei Uhr, aber die Kraft beider Heere war wie ausgebrannt. Wir hatten
                  ein Drittel, die Russen die Hälfte ihres Bestandes an diesen Tag gesetzt. Kutusow,
                  in einem Kriegsrat, der abgehalten wurde, beschloß, bis hinter Moskau
                  zurückzugehen. Er wußte, daß man's ihm nicht zum Guten anrechnen werde, und sagte:
                  »Je payerai les pots cassés, mais je me sacrifie pour le bien de ma patrie.«</p>
               <p>Am andern Morgen trat er den Rückzug an; Napoleon folgte den Tag darauf. Auch wir.
                  Wir waren nur noch ein Trümmerhaufen; was wir gewesen, das lag bei Semenowskoi und
                  in der Rajewskischanze, aber in unsere Standarten durften wir den Namen schreiben:
                  Borodino!</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Zwölftes Kapitel</head>
               <head>Durch zwei Tore</head>
               <p>An »Borodino« knüpften sich hundert Fragen, und von Meerheimb, während er diese
                  Fragen beantwortete, blieb der Mittelpunkt des Kreises. Er erzählte von dem
                  Marsche über das unaufgeräumte, die entsetzlichsten Szenen bietende Schlachtfeld,
                  von dem Einzug in Moskau, von ihren Hoffnungen und Enttäuschungen, endlich von dem
                  Aufgeben der verödeten und mittlerweile zu einer Brandstätte gewordenen
                  Hauptstadt. Mit dem Bilde, das er von diesem Elend entwarf – eine Woche später war
                  er verwundet worden –, brachen seine Schilderungen ab. Es konnte dabei nicht
                  fehlen, daß einzelner <pb/> französischer Heerführer, Neys oder Nansoutys, noch
                  häufiger Murats und des Vizekönigs, mit wenig verhehlter Vorliebe gedacht wurde;
                  aber die Verhältnisse lagen damals in Preußen und ganz besonders in seiner
                  Hauptstadt so eigentümlich, daß solcher Vorliebe ohne die geringste Besorgnis vor
                  einem Anstoß Ausdruck gegeben werden konnte. Niemand wußte, wohin er sich
                  politisch, kaum, wohin er sich mit seinem Herzen zu stellen hatte, denn während
                  unmittelbar vor Ausbruch des Krieges dreihundert unserer besten Offiziere in
                  russische Dienste getreten waren, um nicht für den »Erbfeind« kämpfen zu müssen,
                  standen ihnen in dem Hilfscorps, das wir eben diesem »Erbfeinde« hatten stellen
                  müssen, ihre Brüder und Anverwandten in gleicher oder doppelter Zahl gegenüber.
                  Wir betrachteten uns im wesentlichen als Zuschauer, erkannten deutlich alle
                  Vorteile, die uns aus einem Siege Rußlands erwachsen mußten, und wünschten deshalb
                  diesen Sieg, waren aber weitab davon, uns mit Kutusow oder Woronzow derartig zu
                  identifizieren, daß uns eine Schilderung französischer Kriegsüberlegenheit, an der
                  wir, gewollt oder nicht gewollt, einen hervorragenden Anteil hatten, irgendwie
                  hätte verletzlich sein können.</p>
               <p>Es schlug eben sechs, als von Meerheimb sich erhob, um den Beginn einer
                  Opernvorstellung – die »Vestalin« wurde gegeben – nicht zu versäumen. Als sich
                  herausstellte, daß er kein Verabredung mit anderen Kameraden getroffen habe, wurde
                  beschlossen, ihn in die Vorstellung zu begleiten; nur Hansen-Grell und Lewin
                  lehnten ab und schritten auf verschiedenen Wegen ihrer Wohnung zu.</p>
               <p>Lewin hatte noch die Vorlesung im Sinn, die nicht als Schlachtbeschreibung, wohl
                  aber als Schilderung überhaupt einen großen Eindruck auf ihn gemacht hatte. Er sah
                  das brennende Semenowskoi und wie die Pferde, im flüchtigen Passieren der Brand-
                  und Schwelstätte, in die verräterisch mit Aschenschutt überdeckten Kellerlöcher
                  stürzten; er sah die tiefen russischen Kolonnen, zwischen denen, als gält es eine
                  Spießrutengasse zu passieren, Oberst von Leyser und seine Todesschar
                  hindurchjagten, und er sah endlich, wie sich ein Wiesenstreifen <pb/> plötzlich
                  mit gelben Schafpelzreitern füllte, Baschkiren und Kalmücken, die nun nach Art
                  eines Wespenschwarms ihre Opfer niederstachen. All das sah er, und dazwischen, wie
                  eine Melodie, die er nicht loswerden konnte, hörte er die Worte des alten Compans:
                  »Sire, es liegt in der Schanze.«</p>
               <p>Es klang ihm noch im Ohr, als er die Treppe zu seiner Wohnung hinaufstieg. Hier
                  fand er alles hell und licht. Frau Hulen mußte sich die Stunde seiner Rückkehr
                  genau berechnet oder seinen Schritt auf dem Hausflur richtig erkannt haben,
                  jedenfalls brannte schon die kleine grüne Studierlampe auf seinem Schreibtisch und
                  schien ihn zu sich einzuladen. Er ließ auch nicht lange auf sich warten, nahm
                  Platz und warf einen Blick auf die Bücher, Blätter und Briefe, die noch ebenso
                  lagen, wie er sie vormittags, als er sich für das Jürgaßsche Frühstück rüstete,
                  zurückgelassen hatte. Renatens Brief überflog er noch einmal, ohne daß sich der
                  Eindruck sonderlich gesteigert hätte; es blieb, wie es war; der äußere Schaden
                  durfte neben dem inneren Gewinn nicht in Betracht kom men. Andererseits trieb es
                  ihn auch wieder, seinen Gedanken, die das Sorgenvolle eines zweiten stattgehabten
                  Brandunglücks innerhalb wenig mehr als Jahresfrist nicht verkennen konnten,
                  womöglich eine freundlichere Richtung zu geben, und die zur Hand liegenden Bücher
                  sollten ihm dabei behülflich sein. Zuoberst lag noch immer der Band Herder. Als er
                  ihn wieder aufschlug, fiel sein Auge auf dasselbe Lied, dessen Schlußzeilen ihn am
                  Vormittage so weh ums Herz gemacht hatten, und abergläubisch, wie er war, sah er
                  darin ein Zeichen von wenig guter Vorbedeutung. Er schloß verdrießlich das Buch,
                  das ihm die gewünschte Freudigkeit nicht geben wollte, und weiter suchend,
                  entdeckte er endlich ein broschürtes Heft, auf dessen zitronengelbem Umschlag,
                  neben seinem eigentlichen Titel: »Chants et Chansons populaires«, noch von Tante
                  Amelies charakteristischer Hand die Worte geschrieben standen: »Dedié à son cher
                  neveu L. v. V. par Amélie, Comtesse de P.; Château de Guse, Noël 1812.« Lewin,
                  voller Mißtrauen in den literarischen Geschmack der Guser Tante, hatte sich noch
                  nicht entschließen können, in das <pb/> Büchelchen hineinzusehen; lächelnd griff
                  er jetzt nach demselben und blätterte darin. Eine der kleineren
                  Abschnittsüberschriften, die er sich, vielleicht nicht ganz richtig, mit
                  »Kinderreime« übersetzte, reizte flüchtig seine Neugier, und er begann zu
                  lesen:</p>


               <l>Ma petite fillette, c'est demain sa fête.</l>
               <l>Je sais pour elle ce qui s'apprête:</l>
               <l>Le boulanger fait un gâteau,</l>
               <l>La couturière un petit manteau...</l>


               <p>»Das ist ja allerliebst«, sagte er, »und ganz, wonach ich mich gesehnt habe. Wie
                  mir diese Reime wohltun!« Und er las unter steigendem Interesse bis zu Ende. Die
                  Zeilen hafteten sofort in seinem Gedächtnis; aber das genügte ihm nicht, er wollte
                  sie deutsch haben, wobei dahingestellt bleiben mag, ob nicht vielleicht schon die
                  nächste Kastaliasitzung mit aufmunterndem Winken vor seiner Seele stand.
                  Jedenfalls war es unter dem Einfluß einer freudig erregten Stimmung, die auch dem
                  Übersetzer rascher die Feder führt, daß er wie im Fluge die Reimpaare der
                  zierlichen kleinen Strophe niederschrieb. Nur der »petit manteau« der couturière
                  hatte ihm eine kleine Schwierigkeit gemacht.</p>
               <p>Die letzte Zeile stand noch kaum auf dem Papier, als es klopfte und Frau Hulen
                  eintrat. Sie brachte den Tee.</p>
               <p>»Setzen Sie sich, Frau Hulen, ich will Ihnen etwas vorlesen.«</p>
               <p>Die Alte blieb an der Tür stehen und sah verlegen auf ihren jungen Herrn. Jetzt
                  erst merkte dieser, daß er, in dem Übermut plötzlicher guter Laune, einen gewagten
                  Schritt getan habe, und die Reihe des Verlegenwerdens kam an ihn. Er getröstete
                  sich jedoch, wie so viele vor und nach ihm, mit der alten Anekdote, daß auch
                  Molière das Urteil seiner Haushälterin zu Rate gezogen habe, und sagte deshalb,
                  während Frau Hulen das Teebrett niedersetzte, mit ziemlich wiedergewonnener
                  Unbefangenheit: »Hören Sie nur zu; es ist nicht schlimm.</p>


               <l>Zu meiner Enklin Namenstag</l>
               <l>Ihr jeder etwas bringen mag:</l>
               <pb/>
               <l>Der Bäcker bringt ein Kuchenbrot,</l>
               <l>Der Schneider einen Mantel rot,</l>
               <l>Der Kaufmann schickt ihr, weiß und nett,</l>
               <l>Ein Puppenkleid, ein Puppenbett,</l>
               <l>Und schickt auch eine Schachtel rund</l>
               <l>Mit Schäfer und mit Schäferhund,</l>
               <l>Mit Hürd' und Bäumchen, paarweis je,</l>
               <l>Und mit sechs Schafen, weiß wie Schnee;</l>
               <l>Und eine Lerche, tirili,</l>
               <l>Seit Sonnenaufgang hör ich sie,</l>
               <l>Die singt und schmettert, was sie mag,</l>
               <l>Zu meines Lieblings Namenstag.</l>


               <p>Nun, Frau Hulen«, schloß Lewin seine Vorlesung, »was meinen Sie dazu?«</p>
               <p>Die Alte zupfte an ihrem Haubenband und sagte dann: »Sehr hübsch.«</p>
               <p>»Das ist mir zuwenig.«</p>
               <p>»Ja, junger Herr, ich kann es doch nicht wunderschön finden!«</p>
               <p>»Warum nicht?«</p>
               <p>»Es geht alles so klipp und klapp wie ein Fibelvers.«</p>
               <p>»Das ist es ja eben; das soll es ja. Ganz richtig. Sie sind doch eine kluge Frau,
                  Frau Hulen, und wenn ich wieder einen Fibelvers schreibe, so sollen Sie auch
                  wieder die erste sein, die ihn zu hören kriegt.«</p>
               <p>Es schien nicht, daß die Mitteilung einer derartig bevorstehenden Auszeichnung von
                  derjenigen, an die sie sich richtete, in ihrem ganzen Werte gewürdigt wurde; Frau
                  Hulen suchte vielmehr, während sie sonst das Plaudern über die Maßen liebte, die
                  Rückzugslinie zu gewinnen, und erst als sie die Türklinke schon in der Hand hatte,
                  wandte sie sich noch einmal und sagte: »Ach, da war auch der junge Schnatermann
                  hier...«</p>
               <p>»Von Lichtenberg?«</p>
               <p>»Ja, von Lichtenberg. Er brachte eine Empfehlung von seinem <pb/> Vater, und sie
                  hätten morgen ein Dachsgraben in der Dahlwitzer Forst. Es kämen noch andere
                  Berliner Herren. Ob der junge Herr auch vielleicht Lust hätte? Elf Uhr am
                  Lichtenberger Weg.«</p>
               <p>Lewin nickte.</p>
               <p>»Das trifft sich gut; Donnerstag ist ein freier Tag. Wecken Sie mich früh, Frau
                  Hulen.«</p>
               <p>Und damit wünschten sie sich eine gute Nacht.</p>
               <p>Lewin war zu guter Stunde auf, und da nur mäßige Kälte herrschte, so bedurfte es
                  für ihn, der ohnehin gegen Wind und Wetter abgehärtet war, keiner sonderlichen
                  Vorbereitungen, um sich für die Partie zu rüsten.</p>
               <p>Der Weg bis zum Rendezvousplatz war nicht allzu weit und hielt sich vom
                  Frankfurter Tore aus auf derselben Pappelallee, die Lewin auf seinen Besuchs-und
                  Ferienreisen nach Hohen-Vietz ungezählte Male passiert hatte. Er kannte bis nach
                  Lichtenberg und Friedrichsfelde hin jedes einzelne Etablissement und versäumte
                  selten, wenn er an der »Neuen Welt«, einem vielbesuchten Vergnügungslokal,
                  vorüberkam, ein Glas Bernausches zu trinken und mit dem alten blauschürzigen Wirt,
                  der immer selbst bediente, einen langen Diskurs zu halten. Heute gebot es sich
                  aber doch, auf solche Diskurse, die leichter anzufangen als abzubrechen waren,
                  Verzicht zu leisten, und so schritt er denn an dem Etablissement vorüber, vor dem
                  eben ein mit zwei großen Hunden angeschirrter Brotwagen abgeladen wurde.</p>
               <p>Er war noch kaum dreihundert Schritt drüber hinaus, als er auf dem breiten
                  Fahrdamm, auf dem er bequemlichkeitshalber selber ging, einen ungeordneten Trupp
                  Menschen auf sich zukommen sah, vierzig oder fünfzig, soweit es sich in der
                  Entfernung abschätzen ließ. Es schien, daß auch er bemerkt worden war, denn der
                  Trupp, sei es auf ein Kommandowort oder aus Antrieb jedes einzelnen, begann sich
                  plötzlich militärisch zu ordnen, und Lewin, der nicht wußte, was er aus dieser
                  Erscheinung machen sollte, trat auf die Seite, um die Näherkommenden an sich
                  vorbei zu lassen. Er hatte jedoch noch eine Weile zu warten, denn es waren keine
                  raschen Fußgänger mehr, <pb/> die da heranmarschierten. Endlich ließen sich die
                  vordersten deutlich erkennen. Sie trugen graue Mäntel samt einem Czako und konnten
                  auf den ersten Blick noch als eine uniformierte Truppe gelten, aber bei genauerer
                  Musterung zeigte sich der ganze Jammer ihres Zustandes. Die Stiefel, soweit sie
                  deren hatten, waren aufgeschnitten, um die verschwollenen Füße minder schmerzvoll
                  hineinzuzwängen, und wenn der Wind den Mantel auseinanderschlug, sah man, wie die
                  Gamaschen herabhingen oder völlig fehlten. Alles desolat. Ihre teils froststarren,
                  teils längst erfrorenen Hände waren in Tuch- und Zeuglappen gewickelt, und von
                  Waffen hatten sie nichts mehr als das Seitengewehr. Sie sahen nach Lewin hin und
                  grüßten ihn artig, aber scheu.</p>
               <p>Nach dieser Infanterieabteilung kam Kavallerie, Kürassiere, zehn Mann oder zwölf,
                  die Reste ganzer Regimenter. Sie waren in besserem Aufzug, hatten noch ihre weißen
                  Mäntel, zum Teil auch noch die hohen Reiterstiefel, und trugen zum Zeichen, daß
                  sie durch Mißgeschick und nicht durch Schuld ihre Pferde verloren hätten, die
                  Sättel derselben über die eigenen Schultern gelegt. Einige hatten noch ihre Helme
                  mit den langen Roßschweifen, und diese wider Willen herausfordernden Überbleibsel
                  aus den Tagen ihres Glanzes gaben ihrer Erscheinung etwas besonders Grausiges.</p>
               <p>Den Schluß machte wieder Infanterie, die von einem am linken Flügel marschierenden
                  Korporal in zerschlissener, aber noch vollständiger Equipierung geführt wurde. Es
                  war ein großer, hagerer Mann mit schwarzem Kinnbart und tiefliegenden Augen,
                  unverkennbar ein Südfranzose. Lewin faßte sich ein Herz, trat an ihn heran und
                  sagte: »Vous venez...«, aber die Stimme versagte ihm, und: »de la Russie«,
                  ergänzte der Korporal, während er die Hand an den Czako legte.</p>
               <p>Im nächsten Augenblick war der Trupp vorüber, ein Leichenzug, der sich selber zu
                  Grabe trug. Lewin sah ihm minutenlang nach, und Empfindungen, wie sie seine Seele
                  nie gekannt, durchwühlten ihn.</p>
               <p>»Das sind sie, denen wir aufpassen und Fallen legen und <pb/> die wir dann
                  hinterrücks erschlagen sollen. Nein, Papa, das wäre schlimmer als den Schlaf
                  morden, schlimmer als das Schlimmste.«</p>
               <p>Er hing seinen Gedanken noch eine Weile nach, dann wandte er sich wieder vorwärts,
                  um das Rendezvous am Lichtenberger Weg zu erreichen.</p>
               <p>Aber er hielt bald wieder inne. Ein tiefes Mitleid überkam ihn, zugleich ein
                  unendliches Verlangen, diesen Unglücklichen ein Rat, eine Hülfe zu sein, und
                  Rendezvous und Schnatermann, Dahlwitzer Forst und Dachsgraben leichten Herzens
                  aufgebend, beschloß er, wieder in die Stadt zurückzukehren.</p>
               <p>Der Vorsprung, den der kleine Trupp gewonnen hatte, war nicht groß, und schon am
                  Ausgang der Frankfurter Linden holte er die letzte Sektion desselben wieder ein.
                  Er sah hier, daß viel Volks um die einzelnen her war, beruhigte sich aber, als er
                  wahrnahm, daß es meist Neugier und Teilnahme war, was sie begleitete. Nur einzelne
                  Hassesworte wurden laut; Hohn und Spott schwiegen. Er hielt sich deshalb zurück
                  und folgte nur in einiger Entfernung dem Zuge, der erst über den Alexanderplatz in
                  die Königsstraße, dann über den Schloßplatz in die Behrenstraße ging. Hier befand
                  sich die französische Kommandantur, in deren großen Hof, nachdem man zuvor leise
                  gepocht, diese Rückzugsavantgarde der ehemaligen »Großen Armee« eingelassen wurde.
                  Die Menge draußen, die bald ermüdete, verlief sich in die Nachbarstraßen.</p>
               <p>Nur Lewin blieb. Er mochte eine Viertelstunde vor dem Hause auf und ab geschritten
                  sein, als die große Portaltür sich von innen her öffnete und fünf von den
                  weißmäntligen Kürassieren wieder auf die Straße traten. Die Sättel hatten sie in
                  der Kommandantur zurückgelassen. Mit dem scharfen Auge, das die Not gibt,
                  erkannten sie Lewin sofort wieder, traten an ihn heran und hielten ihm fragend und
                  bittend die Quartierbillets entgegen, mit deren Inhalt sie nichts anzufangen
                  wußten. Lewin las die Zettel, die sämtlich auf ein und dasselbe kasernenartige
                  Haus am »Rondel«, wie damals noch der jetzige Belle-Alliance-Platz hieß,
                  ausgestellt waren.</p>
               <p>
                  <pb/> »Suivez-moi«, sagte er und trat rechts neben den Vordersten. Sie folgten
                  ruhig, ohne daß ein Wort gesprochen wurde.</p>
               <p>Als sie den Wilhelmsplatz fast schon passiert und den Eckpunkt erreicht hatten, wo
                  die Statue Winterfeldts steht, hörten sie kriegerische Musik, die, wenn das Ohr
                  nicht täuschte, vom Potsdamer Tor oder aus der Nähe desselben herkommen mußte.
                  Lewin, solchen Klängen nicht gut widerstehend, setzte sich in ein schnelleres
                  Marschtempo, hielt aber wieder inne, als er wahrnahm, daß es den ermüdeten
                  Kürassieren schwer wurde, ihm zu folgen. Er wandte sich, wie um durch
                  Freundlichkeit seinen Fehler wiedergutzumachen, an den unmittelbar neben ihm
                  Gehenden und sagte, mit dem Finger nach der Richtung hinzeigend, von wo die Musik
                  kam: »Entendez-vous?«</p>
               <p>Und über die matten Züge des Angeredeten flog ein Lächeln, als er antwortete: »Ce
                  sont des clairons français!«</p>
               <p>Mittlerweile waren sie bis an die Ecke der Wilhelms- und Leipziger Straße gekommen
                  und sahen vom Tore her, denn der Zug schien endlos, eine ganze französische
                  Division im Anmarsch. Die Musik schwieg eben, wahrscheinlich um Atem zu schöpfen;
                  auf dem Bürgersteige aber, zu beiden Seiten der heranmarschierenden Kolonne,
                  drängten sich dichte Volksmassen, ja waren teilweis weit voraus, um rascher nach
                  dem Lustgarten zu kommen, wo, wie man wußte, Truppeneinzüge und andere
                  militärische Schauspiele abzuschließen pflegten. Lewin samt seinen
                  Schutzbefohlenen war unter einen Torweg getreten und konnte den lauten Äußerungen
                  der dicht an ihm vorüberflutenden Menge mit Leichtigkeit entnehmen, daß es die von
                  Italien her frisch eingetroffene Division Grenier sei, was da jetzt in allem
                  militärischen Pomp die Leipziger Straße heraufkomme. Er hörte auch, daß General
                  Augereau, der Gouverneur von Berlin, der Division bis Schöneberg entgegengeritten
                  sei, um sie feierlich einzuholen und den Berlinern in beherzigenswerter Weise zu
                  zeigen, daß der Kaiser nach wie vor unerschöpfte Hilfsquellen und trotz Moskau
                  noch immer Armeen habe.</p>
               <p>Es waren immer dieselben Namen und Bemerkungen, die laut wurden; jetzt aber
                  schwieg alles, denn die Spitze der Kolonne, <pb/> General Augereau selbst, war
                  heran, ein großer, starker Mann mit Adlernase und durchdringendem Blick. Er trug
                  die Uniform eines Marschalls von Frankreich. Die demontierten Kürassiere, als sie
                  seiner ansichtig wurden, rückten sich zurecht, und einer, der ihn schon vom
                  italienischen Feldzug her kannte, flüsterte den andern zu: »Voilà le Duc de
                  Castiglione!«</p>
               <p>Eine Suite von Ordonnanzoffizieren folgte unmittelbar, und erst als auch diese
                  vorüber war, ließ sich die Front des an der Tête marschierenden Bataillons mit
                  Deutlichkeit erkennen. Es war italienische junge Garde. Vorauf ein Tambourmajor,
                  klein und mager, aber mit einem fuchsfarbenen Schnurrbart, der bis an die roten
                  Epauletten reichte. Fünf Schritt hinter ihm ein riesiger Mohr, nur mit Kopf und
                  Hals über die hochaufgeschnallte Regimentspauke hinwegragend, und neben demselben
                  ein vierzehnjähriger Hornist, ein bildschöner, und wie sich leicht erkennen ließ,
                  von allen Weibern verhätschelter Junge, der lachend und kokett seine weißen Zähne
                  zeigte. Er trug ein kleines silbernes Clairon in der Rechten und sah nach den
                  Fenstern hinauf, um wahrzunehmen, ob er auch beobachtet werde.</p>
               <p>Die Musik schwieg noch immer. Aber jetzt, keine dreißig Schritt mehr von der
                  Wilhelmsstraßenecke entfernt, hob der Tambourmajor seinen Stock, warf ihn in die
                  Luft und fing ihn wieder. Im selben Moment gab der Mohr einen Paukenschlag, und
                  der kleine Hornist neben ihm setzte das silberne Horn an den Mund und schmetterte
                  die Signale. Dann wieder ein Paukenschlag; das Clairon schwieg, und die aus
                  vierzig Mann oder mehr bestehende Regimentsmusik fiel ein. Im Geschwindschritt
                  ging es vorüber; Sappeurs folgten, dann Grenadiere, und unablässig liefen
                  Kommandoworte die lange Reihe der Bataillone hinunter.</p>
               <p>Als Lewin sich nach seinen Gefährten umsah, standen sie abgewandt. Von ihrem alten
                  Stolze war nichts übriggeblieben als die Scham über ihr Elend. Er wollte nicht
                  sehen, was er nicht sehen sollte, und richtete deshalb sein Auge wieder auf <pb/>
                  die Kolonne, die jetzt mit dem letzten ihrer Bataillone defilierte. Erst als auch
                  dieses vorüber war, legte er seine Hand leise auf die Schulter des ihm
                  Zunächststehenden und sagte: »Eh bien, hâtons-nous!«</p>
               <p>So schritten sie, ohne daß weiter ein Wort gesprochen worden wäre, die
                  Wilhelmsstraße bis nach dem Rondel hinunter.</p>
               <p>Als sie eine Viertelstunde später hier schieden, stellten sich die fünf Weißmäntel
                  wie in Reih und Glied nebeneinander und legten salutierend die Hand an den Korb
                  ihres Pallasch. In ihrem Auge aber lag, was ein edles Herz am meisten erschüttert:
                  der Dank des Unglücks.</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Dreizehntes Kapitel</head>
               <head>Ein Billet und ein Brief</head>
               <p>Und solche Gegensätze, wie sie Lewin an jenem Vormittage, der für ihn wenigstens
                  die Schnatermannsche Jagdpartie scheitern sah, beobachtet hatte, brachte von da ab
                  jeder Tag: durch die nordöstlichen Tore der Stadt zog das Elend, durch die
                  westlichen der Glanz des Krieges herein. In den Straßen aber begegneten beide
                  einander und sahen sich verwundert, oft beinahe feindselig an. »So waren wir«,
                  sagten die finstern Blicke der einen, aber das entsprechende: »So werden wir sein«
                  erlosch in dem Leichtsinn und der Eitelkeit der anderen.</p>
               <p>Unter den Berlinern, die nach ihrer Gewohnheit nicht leicht einen Truppeneinzug
                  der einen oder anderen Art versäumten, nahm sich jeder aus diesem Gegensatz der
                  Erscheinung das heraus, was ihm paßte, und auch in dem Kreise unserer Freunde, das
                  Ladalinskische Haus mit eingeschlossen, gingen die Ansichten darüber weit
                  auseinander, ob der in seinem schmutzigen, am Wachtfeuer halb verbrannten Mantel
                  heranmarschierende Veteran oder der riesige, goldbetreßte und paukenschlagende
                  Mohr des Grenierschen Corps als das richtigere Bild des Kaiserreiches anzusehen
                  sei. Bninski, der mit <pb/> Hilfe einer nach Polen hin lebhaft geführten
                  Korrespondenz von den bedeutenden Truppenmassen unterrichtet war, die sich eben
                  damals, unter dem Befehl des Vizekönigs, in den Weichselfestungen, im
                  Warschauschen und Posenschen zusammenzogen, sah durch das Eintreffen frischer
                  Divisionen aus dem Süden, von deren Existenz er selbst keine Ahnung gehabt hatte,
                  nicht nur jede momentane Gefahr des Kaiserreichs beseitigt, sondern knüpfte auch
                  an diese scheinbare Unerschöpflichkeit aller Hilfsquellen die weitgehendsten
                  Hoffnungen, während andererseits Jürgaß, Hirschfeldt und von Meerheimb – besonders
                  dieser letztere, der die totale Deroute vor Augen gehabt hatte – an ein
                  Wiederaufgehen des Napoleonischen Sternes nicht glauben wollten.</p>
               <p>»Er mag neue Armeen aus der Erde stampfen«, sagte Meerheimb, »aber nicht solche,
                  wie zwischen Smolensk und Moskau begraben liegen.«</p>
               <p>Lewin, unpolitisch und seiner ganzen Natur nach abhängig vom Moment, kam zu keiner
                  bestimmten Überzeugung und sah das Kaiserreich sinken und sich wieder heben, je
                  nach den heitern oder tristen Szenen, deren zufälliger Augenzeuge er sein
                  durfte.</p>
               <p>Eine Woche war vergangen, wieder ohne Kastaliasitzung, was in der peinlichen
                  Akkuratesse seinen Grund hatte, mit der seitens aller Mitglieder an ihrem
                  »Dienstage« festgehalten wurde. Dieser letzte Dienstag aber hatte, mit Einrechnung
                  der Gäste, so ziemlich den halben Kastaliabestand: Jürgaß, Bummcke, Tubal, dazu
                  Hirschfeldt und Meerheimb nach Potsdam entführt, wo am darauffolgenden Tage die
                  Konfirmation des Kronprinzen in der Schloßkapelle und daran anschließend ein
                  Gottesdienst in der Garnisonkirche stattfinden sollte. Tubal machte den Ausflug in
                  Begleitung seines Vaters, der eine direkte Einladung, der Feierlichkeit
                  beizuwohnen, erhalten hatte. Auch die Gegenwart Kathinkas wäre dem Geheimrat
                  erwünscht gewesen, war aber, zu sichtlichem Verdruß desselben, von der an
                  selbständiges Handeln gewöhnten Tochter abgelehnt worden. Sie kannte nichts
                  Ermüdenderes als Zeremonien, <pb/> namentlich kirchliche, und zog es vor, »zu
                  festlicher Begehung des Tages« sich für Mittwoch abend – an dem, zu später Stunde
                  erst, die nach Potsdam hin Geladenen zurückerwartet wurden – bei der schönen
                  Gräfin Matuschka anmelden zu lassen. Für den dann folgenden Donnerstag war seit
                  Anfang der Woche schon eine kleine, nur den engsten Freundeskreis umfassende
                  Reunion bei Ladalinskis festgesetzt, zu der selbstverständlich auch Lewin eine
                  Einladung empfangen und angenommen hatte. Er durfte deshalb einigermaßen
                  überrascht sein, am Morgen dieses Tages ein zierliches, in ein Dreieck
                  zusammengefaltetes und mit blauem Lack gesiegeltes Billet nachstehenden Inhalts zu
                  erhalten: »Lieber Lewin! Ich glaubte Dich vorgestern oder gestern, wo Papa und
                  Tubal in Potsdam waren, erwarten zu dürfen; aber Du verwöhnst mich nicht durch
                  Aufmerksamkeiten. Siehst Du Gespenster? Sei nicht töricht, Lewin. Ich schreibe
                  Dir, weil ich den Wunsch habe, Dir einen Morgengruß ins Haus zu schicken, und im
                  übrigen nicht sicher bin, ob Du Deine Zusage für heute abend noch im Gedächtnis
                  hast. Poeten sind vergeßlich; Verse an mich hast Du schon längst vergessen.
                  Kathinka v. L.«</p>
               <p>Lewin las zwei-, dreimal, sich die Worte wiederholend: »Siehst Du Gespenster?« und
                  »Sei nicht töricht, Lewin.« Es war ihm einen Augenblick, als schlösse sich ein
                  tropischer, in berauschendem Dufte schwimmender Garten vor ihm auf und Kathinka,
                  von einem Bosquet her, hinter dem sie sich versteckt gehalten, spränge ihm mit
                  ausgebreiteten Armen entgegen und riefe ihm übermütig zu: »Schlechter Sucher, der
                  du bist! Warum konntest du mich nicht finden?« Aber dann las er wieder: »Poeten
                  sind vergeßlich; Verse an mich hast Du längst vergessen«; und er lachte
                  bitter.</p>
               <p>»Dies ist der echte Ton, weil es der spöttische ist! Was sind ihr Verse? Oh, ich
                  verstehe sie ganz. Ein glücklicher Liebhaber ist ihr nicht des Glückes genug, sie
                  bedarf noch eines unglücklichen, um den Vollgeschmack des Glückes zu haben.
                  Deshalb hält sie mich fest. Das ist die Rolle, die sie mir zudiktiert! Folie für
                  einen glänzenderen Stein.«</p>
               <p>
                  <pb/> Er wollte das Billet zerknittern und fühlte doch, daß ihm die Hand versagte.
                  Eine weichere Stimmung überkam ihn, und er berührte die Stelle, die auf
                  Augenblicke wenigstens neue Hoffnungen in ihm angefacht hatte, mit seinen Lippen.
                  Dann faltete er das Blatt zusammen und steckte es zu sich.</p>
               <p>Es war ihm klar, daß die nächsten Stunden, wenn er sie an seinem Schreibtische
                  zubrächte, doch für ihn verloren sein würden; so brach er auf, um in der Stadt
                  Zerstreuung zu suchen. Er fand sie rascher, als er erwarten durfte. An der Ecke
                  des Rathauses standen Hunderte von Personen, um einen in französischer und
                  deutscher Sprache abgefaßten, auf große gelbe Zettel gedruckten Straßenanschlag zu
                  studieren. Er trat hinzu und las über die Köpfe der vor ihm Stehenden hinweg:
                  »Seine Exzellenz der Herr Marschall, Commandant en chef des elften Armeecorps, ist
                  benachrichtigt, daß zu Berlin viele Subalternoffiziere, auch Employés der Großen
                  Armee angekommen sind, die ihre Corps, ohne dazu ermächtigt zu sein, verlassen
                  haben. Seine Exzellenz befiehlt allen vorgenannten Personen, die Stadt zu
                  verlassen, widrigenfalls alle diejenigen, die diesem Befehl nicht genügt haben,
                  durch die Gendarmerie verhaftet, ihre Namen aber dem Herrn Kriegsminister
                  notifiziert werden sollen. Alle Gastwirte sind angewiesen, keine der in
                  nachstehender Ordre bezeichneten Offiziers bei sich aufzunehmen, und werden im
                  Betretungsfalle in eine näher zu bestimmende Geldstrafe genommen werden. Gez.
                  Augereau, Herzog von Castiglione.«</p>
               <p>Dieser Straßenanschlag, mehr noch als das neunundzwanzigste Bulletin, das in den
                  Weihnachtstagen erschienen war, enthielt das Zugeständnis einer vollkommenen
                  Auflösung der Großen Armee; die Disziplin war hin und mit ihr das zusammenhaltende
                  Band. Jeder, der die Bekanntmachung las, empfing diesen Eindruck und ließ es nach
                  Berliner Art nicht an spitzen Bemerkungen fehlen. »Employés und
                  Subalternoffiziere! Von den Generälen ist keine Rede«, sagte der eine; »und von
                  den Marschällen erst recht nicht«, fügte ein anderer hinzu. »Gewiß nicht; eine
                  Krähe kratzt der andern die Augen nicht aus.« So ging es hin und her, und
                  dazwischen die mehr <pb/> als einmal wiederholte Versicherung, daß die Berliner
                  Gastwirte keine französischen Polizeibeamten wären.</p>
               <p>Lewin löste sich bald aus dem Menschenknäuel heraus und traf in der Nähe der
                  Stechbahn ein paar Kommilitonen, die sich leicht bereden ließen, ein Kolleg zu
                  opfern und an einem Spaziergange nach Charlottenburg teilzunehmen. Es war ein
                  Marwitz und ein Löschebrand, Landsleute und alte Bekannte schon von den
                  Schulbänken des Grauen Klosters her. Sie schritten erst die Linden, dann die große
                  Chaussee hinunter auf das »Türkische Zelt« zu, wo sie, da zwölf Uhr mittlerweile
                  herangekommen war, ein Dejeuner bestellten.</p>
               <p>Unter lebhaftem Geplauder, das sich abwechselnd um Yorck und das Augereausche
                  Plakat, um Spontinis »Vestalin« und die Konfirmation des Kronprinzen drehte, wurde
                  Lewin der Verstimmungen Herr, die der Vormittag mit sich gebracht hatte, und sah
                  sich nur flüchtig wieder daran erinnert, als er, beim Herausnehmen seiner
                  Brieftasche, das seiner Form und Farbe nach einigermaßen auffällige Billet
                  Kathinkas zur Erde fallen ließ.</p>
               <p>»Ei, Vitzewitz«, sagte Löschebrand, »ein Billet doux! Immer neue Seiten, die wir
                  an ihm kennenlernen; nicht wahr, Marwitz?« Dieser bestätigte, und im nächsten
                  Augenblicke war der Zwischenfall vergessen.</p>
               <p>Es mochte vier Uhr sein oder nur wenig später, als Lewin wieder in den Flur seines
                  Hauses trat und sich an dem alten, längst spiegelglatt gewordenen Treppengeländer
                  die halbweggelaufenen Stufen hinauffühlte.</p>
               <p>Er fand oben einen Brief vor, in dessen Aufschrift er, trotz des schon
                  herrschenden Halbdunkels, leicht die Hand seines Vaters erkennen konnte. Die
                  Scheiben glühten noch im Abendrot. Er trat deshalb an das Fenster und las:</p>


               <l>»Hohen-Vietz, den 20. Januar</l>


               <l>Lieber Lewin!</l>


               <p>Das Hohen-Vietzer Ereignis der vorigen Woche hat Dir Renate mitgeteilt, und Deiner
                  umgehenden Antwort hab ich entnehmen können, daß Du das Unglück, denn ein solches
                  bleibt <pb/> es, mit derselben geteilten Empfindung ansiehst wie wir alle. Eine
                  niedergebrannte Scheune des Wirtschaftshofes und nun ein in Asche gelegter Flügel
                  des Herrenhauses gewähren freilich keinen erfreulichen Anblick, am wenigsten den
                  der Ordnung: aber sind es denn Zeiten der Ordnung überhaupt, in denen wir leben?
                  Und so stimmen die Brandstätten zu allem übrigen. Nichts mehr davon. Es steht mehr
                  auf dem Spiel als das.</p>
               <p>Unsere Organisation ist beendet. Ich sehe Drosselstein, der mehr Eifer entfaltet,
                  als ich bei seiner reservierten Natur erwarten konnte, beinahe täglich, ebenso
                  Bamme, mit dem ich mich auszusöhnen beginne. Er ist Feuer und Flamme, und seinen
                  beleidigenden Zynismus, von dem er auch jetzt nicht läßt, paart er mit einer
                  Selbstsuchtslosigkeit, ja, ich muß es sagen, mit einer gelegentlichen Höhe der
                  Gesinnung, die mich in Erstaunen setzt. Nächst ihm ist Othegraven der tätigste. Er
                  hat einen großen Einfluß unter den Bürgern, und die Schüler der beiden oberen
                  Klassen hängen an jedem seiner Worte. Das Pedantische, das ihm sonst eigen ist,
                  hat er entweder abgestreift, oder, weil es in einem starken Glauben an sich selber
                  wurzelt, unterstützt es wohl gar die Wirkung seines Auftretens.</p>
               <p>Wenn ich sagte, unsere Organisation sei beendet, so hatte ich dabei nur unser
                  Barnim und Lebus im Auge; an anderen Orten fehlt noch manches, so namentlich in
                  den durch ihre Lage so wichtigen Dörfern jenseits der Oder. Wir diesseits haben
                  eine Landsturmbrigade gebildet, vier Bataillone, die sich nach ebenso vielen
                  Städten unserer beiden Kreise benennen: Bernau, Freienwalde, Müncheberg und Lebus.
                  Die Ordre de bataille des letzteren wird Dich am meisten interessieren, weshalb
                  ich sie hier folgen lasse:</p>

               <!--milestone hi_start-->
               <p> Landsturmbataillon Lebus </p>
               <!--milestone hi_end-->


               <l>1. Compagnie Hohen-Ziesar: Graf Drosselstein </l>
               <l>2. Compagnie Alt-Medewitz-Protzhagen: Hauptmann von Rutze </l>
               <l>3. Compagnie Hohen-Vietz: Major von Vitzewitz </l>
               <l>4. Compagnie Neu-Lietzen-Dolgelin: (Vacat).</l>


               <p>
                  <pb/> Nach dem Prinzip, das Du hierin erkennen wirst – Bamme hat das Kommando der
                  Brigade übernommen –, verfahren wir überall. An Offizieren ist noch Mangel, weil
                  die Zahl derer, die nur mit Wind von oben segeln können, auch bei uns überwiegt.
                  In zehn oder zwölf Tagen muß trotz alledem alles schlagfertig sein, auch da, wo
                  man am meisten zurück ist.</p>
               <p>Dies ist in gewissem Sinne zu spät, um so mehr, als es für das, was ich in den
                  Weihnachtstagen vorhatte, auch heute schon zu spät sein würde. Die gesamte
                  französische Generalität, wie mir Othegraven aus Frankfurt und Krach, der in
                  Küstrin war, von dorther schreibt, ist glücklich über die Oder. In Zobelpelzen und
                  mit immer erneutem Vorspann, an dem es unsere Dienstbeflissenen nicht haben fehlen
                  lassen, sind sie dem Kaiser, der ihnen das Beispiel gab, gefolgt. Der Nachteil,
                  der uns daraus erwächst, ist unberechenbar; die Beseitigung der Generäle, so oder
                  so (von diesem Satze geh ich nicht ab), war eben wichtiger, als es die Beseitigung
                  der Armeereste je werden kann. Vieles ist versäumt, unwiederbringlich verloren.
                  Unsere Politik des Abwartens ist daran schuld.</p>
               <p>Aber eben dieses Abwarten, das uns so vieles versäumen ließ, hat uns vor ebenso
                  vielem bewahrt, und wenn nun schließlich zwischen guten und schlimmen Folgen
                  abgewogen werden soll, so ist es möglich oder – ich zögere nicht, dies
                  Zugeständnis zu machen – selbst sehr wahrscheinlich, daß sich die Waage nach der
                  guten Seite hin neigt. Vor drei Wochen glaubte ich, daß es ohne den König
                  geschehen müsse, jetzt weiß ich, und gesegnet sei dieser Wandel der Dinge, daß es
                  mit ihm geschehen wird. Wir werden einen Krieg haben nach alten preußischen
                  Traditionen. Ich wäre vor einem Volkskriege nicht erschrocken, denn erst das Land
                  und dann der Thron, aber wie unser märkisches Sprichwort sagt: Besser ist
                  besser.</p>
               <p>Ja, Lewin, ein Wandel der Dinge, an den ich nicht mehr zu glauben wagte, er ist
                  da, und die nächsten Tage schon werden ihn der Welt verkünden. Leicht möglich,
                  daß, wenn Du diese Zeilen erhältst, der erste der beabsichtigten Schritte bereits
                  geschehen ist.</p>
               <p>
                  <pb/> Und nun höre. Der Hof verläßt Potsdam und geht nach Breslau. Dieser Schritt
                  ist wichtiger, als Du ermessen kannst. Was ihn veranlaßt hat, darüber gehen nur
                  Gerüchte. Es heißt, daß Napoleon beabsichtigt habe, sich des Königs zu bemächtigen
                  und ihn als Geisel, als Gewähr für die friedliche Haltung des Landes, auf eine
                  französische Festung abführen zu lassen. Ich untersuche nicht, wieviel Wahres oder
                  Falsches an diesem Gerüchte ist, es genügt, daß ihm der König Glauben geschenkt
                  hat. Unmittelbar nach der Konfirmation des Kronprinzen, die heute stattfindet,
                  wird der Aufbruch erfolgen. Es geht in fünf Etappen; das Regiment Garde wird diese
                  Übersiedelung begleiten oder decken. Breslau, Schlesien sind gut gewählt; die
                  Provinz ist die einzige, die keine französische Besatzung hat, und Österreich, auf
                  das wir rechnen, ist nahe.</p>
               <p>Und nun höre weiter!</p>
               <p>Auf den 26. ist das Eintreffen des Königs in Breslau festgesetzt; eine Woche
                  später wird er sein Volk zu den Waffen rufen. Der Entwurf zu diesem Aufruf ist in
                  meinen Händen gewesen; er spricht die Sprache, die jetzt gesprochen werden muß,
                  und es ist nur eins, was ihm fehlt: der Feind wird nicht genannt. Aber, Gott sei
                  Dank, es bedarf dessen nicht mehr. Yorcks zum Schein verworfene, aber, wie ich
                  jetzt mit Bestimmtheit weiß, in allen Stücken gebilligte Kapitulation, dazu der
                  wahrscheinlich morgen schon stattfindende Aufbruch des Hofes, um sich den Launen
                  eines unberechenbaren Bundesgenossen zu entziehen, alles das läßt keinen Zweifel
                  darüber, wem es gilt.</p>
               <p>Und in die leere Luft verhallen wird dieser Aufruf nicht. Ich kenne unser Volk. Es
                  ist wert, daß es besteht, und es wird sich für sein Bestehen einsetzen. Das ist
                  alles, was es kann. Keiner hat mehr als sich selbst. Wir haben viele Fehler, aber
                  auch viele Vorzüge; es trifft sich, daß wir den Gegensatz von schwarz und weiß
                  nicht bloß in unseren Farben haben. Der Sinn fürs Ganze ist seit des großen Königs
                  Tagen in uns lebendig geworden, und sehen wir das Ganze hinschwinden, so schwindet
                  uns auch die Lust an der eigenen Existenz. Denk an den alten <pb/> Major, der am
                  Tage nach Kunersdorf in unserer Hohen-Vietzer Kirche verblutete. Sein Blutfleck
                  erzählt von ihm bis diesen Tag. Er dachte, daß Preußens letzte Stunde gekommen
                  sei; ›ich will sterben, Kinder‹, rief er, als sie ihn niederlegten, und riß sich
                  den Verband von seiner Wunde.</p>
               <p>Und solcher leben noch viele bei uns!</p>
               <p>Im übrigen, wir werden einen ordentlichen Krieg haben, Lewin, und ordentliche
                  Fahnen. Hörst Du: ordentliche, preußische, königliche Fahnen. Du sollst mit mir
                  zufrieden sein. Bin ich doch mehr in Dein Lager übergegangen als Du in das meine.
                  Schreibe bald; noch besser, komm! Alles grüßt: die Schorlemmer, Renate, Marie.
                  Selbst Hektor, der mich groß ansieht und zärtlich winselt, scheint sich melden zu
                  wollen.</p>
               <p>Wie immer Dein alter Papa B. v. V.«</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Vierzehntes Kapitel</head>
               <head>Kleiner Zirkel</head>
               <p>Die Einladung zu Ladalinskis hatte auf sechs Uhr gelautet; der alte Geheimrat,
                  wenn er es vermeiden konnte, liebte nicht die späten Zusammenkünfte. So war es
                  denn hohe Zeit für Lewin, sich zu rüsten. Und er tat es; aber nicht in bester
                  Laune. Immer wieder bestürmte ihn die seit Stunden vergebens zurückgedrängte
                  Frage, was Kathinka mit ihrer zweiten, so rätselvoll zugespitzten Einladung
                  eigentlich bezweckt habe, und immer wieder lautete die Antwort: »Kokettes Spiel!
                  Sie bedarf meiner; ich bin ihr wertlos und wertvoll zugleich; sie hält mich wie
                  den Vogel am Faden und gefällt sich darin, den Faden nicht aus der Hand zu
                  lassen.« Das war der Grundton in seiner Betrachtung, in der nur leise
                  Hoffnungsstimmen mitklangen.</p>
               <p>Es schlug eben sieben vom Marien- und gleich darauf auch vom Nikolaiturm, als
                  unser Freund in das Ladalinskische Haus eintrat.</p>
               <p>
                  <pb/> Die Gesellschaft war schon versammelt, und zwar in dem uns bekannten kleinen
                  Damenzimmer, das heute, wo statt der rotdämmerigen Ampel eine große und helle
                  Astrallampe brannte, um vieles heiterer wirkte als an jenem Ballabend, der nur
                  zwei große Momente gehabt hatte: die Mazurka und die Nachricht von der
                  Kapitulation.</p>
               <p>Kathinka, trotzdem sie beim Eintreten Lewins in einer intimen Flüsterunterhaltung
                  mit der schönen Matuschka war, begrüßte den wie gewöhnlich um eine Stunde zu spät
                  Kommenden mit ebensoviel Unbefangenheit wie Freundlichkeit, und während dieser
                  einen Stuhl nahm, um in den aus Tubal, Bninski, Jürgaß und dem alten Ladalinski
                  gebildeten Halbkreis einzurücken, unterließ sie nicht, über das »Zuspätkommen« der
                  Poeten zu spötteln, das übrigens nicht wundernehmen könne, da die Unpünktlichkeit
                  die Schwester der »Vergeßlichkeit« sei. Dem letzteren Wort gab sie nicht nur einen
                  verstärkten Ton, sondern auch einen besondern Vertraulichkeitsausdruck, als ob sie
                  sich dadurch noch einmal zu dem ganzen Inhalt ihres Vormittagsbillets, das mit
                  einem leisen Vorwurf über seine »Vergeßlichkeiten« geschlossen hatte, habe
                  bekennen wollen. Er seinerseits unterließ jede Antwort darauf, entweder weil ihn
                  das Spiel verdroß oder weil er in eben diesem Augenblicke, vom Sofa her, die
                  beiden großen Kristallgläser der alten, auch heute wieder neben dem Fräulein von
                  Bischofswerder sitzenden Oberhofmeisterin-Exzellenz scharf auf sich gerichtet
                  fühlte, doppelt scharf und böse, weil er sie durch sein verspätetes Eintreffen in
                  einem begonnenen Vortrag unterbrochen hatte. Voll Verlangen, sie, wenn irgend
                  möglich, wieder zu versöhnen, erhob er sich von seinem Stuhl, auf dem er kaum erst
                  Platz genommen hatte, um in etwas wirren Worten eine Entschuldigung zu versuchen;
                  die alte Exzellenz schlug aber mit unverkennbar absichtlichem Geräusch ihre
                  Lorgnette zusammen und lächelte hochmütig, wie um auszudrücken, daß Schweigen und
                  Dulden um vieles schicklicher gewesen sein würde, und fuhr dann, an der
                  Bischofswerder rücksichtslos vorbeisprechend, in ihren Mitteilungen mit
                  schnarrender Stimme fort: »Ich wiederhole <pb/> Ihnen, lieber Ladalinski, daß
                  Seine Majestät morgen mit dem frühesten Potsdam verlassen werden. Das nächste
                  Nachtquartier wird in Beeskow genommen, einer kleinen Stadt, die besser ist als
                  ihr Ruf; sie hat ein ehemalig bischöfliches Schloß. Die Garden begleiten den
                  König. Tippelskirch hat an Kessels Stelle das Kommando übernommen. Kessel bleibt
                  in Potsdam. Seine Majestät gedenken am 26. in Breslau einzutreffen.«</p>
               <p>»Ich empfing eben eine gleichlautende Nachricht von meinem Vater aus Hohen-Vietz«,
                  bemerkte der in seiner Verlegenheit abermals fehlgreifende Lewin und mußte sich –
                  da Blicke wirkungslos bleiben zu sollen schienen – nunmehr eine direkte Reprimande
                  von seiten der alten Gräfin-Exzellenz gefallen lassen.</p>
               <p>»Es ist nicht Art der preußischen Oberhofmeisterinnen«, erwiderte dieselbe spitz,
                  »Nachrichten über Seine Majestät den König in Umlauf zu setzen, die noch der
                  Bestätigung bedürfen. Es freut mich indessen, Ihren Herrn Vater so gut
                  unterrichtet zu sehen. Ich bitte, mich ihm bei nächster Gelegenheit in Erinnerung
                  bringen zu wollen. Seine Schwiegermutter, die Generalin von Dumoulin, war eine
                  Jugendfreundin von mir.«</p>
               <p>Lewin, der nicht wußte, was er aus diesen Worten machen sollte, in denen sich
                  neben aller Überhebung doch auch wieder ein leiser Anflug von Teilnahme aussprach,
                  hielt es für das geratenste, alles Unliebsame darin zu überhören, und verbeugte
                  sich artig gegen die alte Gräfin, während diese mit Wichtigkeit fortfuhr:</p>
               <p>»Augereau hat strikten Befehl, sich in bestimmt vorgezeichneten Fällen, namentlich
                  im Fall eines Aufstandes, der Person des Königs zu bemächtigen, und Seine
                  Majestät, die seit länger als drei Wochen von diesem strikten Befehle weiß, würde
                  sich der drohenden Gefahr schon früher entzogen haben, wenn nicht der Wunsch
                  vorgeherrscht hätte, die bevorstehende Konfirmation des Kronprinzen, die nun
                  gestern, wie wir alle wissen, wirklich stattgefunden hat, abzuwarten. Übrigens
                  haben Seine <pb/> Königliche Hoheit, was Ihnen, lieber Geheimrat, trotz Ihrer
                  Anwesenheit bei der Feier entgangen sein dürfte, zur Erinnerung an diesen
                  hochwichtigen Tag, aus den Händen Seiner Majestät einen kostbaren Ring
                  erhalten.«</p>
               <p>»Sans doute«, bemerkte Bninski.</p>
               <p>»Sans doute?« wiederholte fragend und gedehnt die alte Oberhofmeisterin, der der
                  spöttische Ton in der hingeworfenen Bemerkung des Grafen nicht entgangen war.
                  »Warum sans doute, Graf Bninski?«</p>
               <p>»Weil der Ring«, erwiderte dieser, »das Zeichen ewiger und unverbrüchlicher Treue
                  ist und eine Feier in diesem Lande, am wenigsten eine kirchliche, ohne dieses
                  Zeichen nicht wohl gedacht werden kann.«</p>
               <p>Der Geheimrat rückte verlegen hin und her. Es war ihm im höchsten Maße peinlich,
                  in seinem Hause, noch dazu in Gegenwart zweier Damen vom Hofe, Worte fallen zu
                  hören, deren ironische Bedeutung trotz des Ernstes, mit dem sie vorgetragen
                  wurden, niemandem entgehen konnte. Er sah deshalb zu dem Grafen hinüber,
                  ersichtlich bemüht, diesen, wenn nicht zu einem Wechsel des Gesprächs, so doch
                  wenigstens zu einem Wechsel des Tones zu veranlassen. Bninski aber ignorierte
                  diese Bemühungen und fuhr in demselben Tone fort: »Es zählt dies zu den
                  Eigentümlichkeiten deutscher Nation. Immer ein feierliches
                  In-Eid-und-Pflicht-Nehmen, dazu dann ein entsprechendes Symbol, und ich darf
                  sagen, ich würde überrascht sein, wenn dem kostbaren Ringe, den Seine Königliche
                  Hoheit aus den Händen des Königs, sei nes Vaters, empfangen hat, nicht noch eine
                  direkte Aufforderung zum Treuehalten, entweder in Form einer eingravierten Devise
                  oder eines Bibelspruchs, beigegeben sein sollte. Etwa: ›Sei getreu bis in den
                  Tod‹, oder dem ähnliches.«</p>
               <p>Die alte Gräfin preßte die Lippen zusammen. Es war ersichtlich, daß sie schwankte,
                  in welcher Art sie replizieren solle; aber sich rasch für eine versöhnliche
                  Haltung entscheidend, sagte sie mit erzwungener guter Laune: »Ich sehe, Graf, daß
                  Sie von dem Ringe wissen. Wenn durch Inspiration, so beglückwünsche<pb/> ich Sie
                  und uns. Der innere Rand trägt allerdings die Umschrift: ›Offenbarung Johannis 2.
                  V. 10‹. In diesem Punkte haben Sie recht behalten; aber nicht darin, daß dieser
                  Konfirmationsring eine Hof- oder Landessitte sei. Im Gegenteil; es ist der erste
                  Fall der Art.«</p>
               <p>»So wird es Sitte werden. Gute Beispiele pflegen einen fruchtbaren Boden in dem
                  loyalen Sinn des Volkes zu finden.«</p>
               <p>Sehr wahrscheinlich, daß die fortgesetzten Sarkasmen Bninskis doch schließlich
                  alle friedlichen Entschlüsse der Oberhofmeisterin, die fast ebenso heftig wie
                  hochfahrend war, in ihr Gegenteil verkehrt hätten, wenn nicht in diesem
                  Augenblicke Kathinka ihr bis dahin mit der schönen Matuschka geführtes Gespräch
                  abgebrochen und zwei Tabourets, für sich und ihren Plauder-Partner, in den
                  Halbkreis, zwischen Lewin und Bninski, hineingeschoben hätte.</p>
               <p>»Welche Blasphemien, Graf!« wandte sich Kathinka an diesen. »Sollte man doch
                  meinen, wenn man den Ton Ihrer Worte vor Gericht stellen könnte, daß Sie geneigt
                  seien, den Ring für ein überflüssiges Ding in der Weltgeschichte zu halten. Aber
                  darin irren Sie. Nichts ohne Ring. Nicht wahr, Herr von Jürgaß?«</p>
               <p>»Sans doute«, sagte dieser, der, ohne Furcht, dadurch anzustoßen, das fast zum
                  Zankapfel gewordene Wort wiederholen durfte. »Ich stimme Fräulein Kathinka bei:
                  nichts ohne Ring! Um ihn dreht sich alles in Leben, Sage, Geschichte; der liebste
                  war mir immer der des Polykrates, denn ich schätze Leute, die Glück haben. Nun
                  haben wir auch noch die Ballade dazu. Mit Hilfe eines Ringes vermählte sich der
                  Bischof seiner Kirche, der Doge dem Meere und selbst Heinrich VIII. seinen sechs
                  Frauen, dieser geniale Hazardeur mit dem six-le-va. Beiläufig, eine
                  Kollektivausstellung seiner sechs Trauringe müßte zu sonderbaren Betrachtungen
                  führen.«</p>
               <p>»O nichts von diesem König Oger, der es vergessen zu haben schien, daß unschuldige
                  Frauen auch eines natürlichen Todes sterben können.«</p>
               <p>»Aber Anne Bulen, meine Gnädigste, war überführt.«</p>
               <p>
                  <pb/> »Ach, ich bitte Sie, Jürgaß, haben Sie je von einer überführten Frau gehört?
                  Ich glaube gar, Sie wollen ernsthaft seinen Verteidiger machen; da hätt ich Sie
                  doch für galanter gehalten. Erzählen Sie mir lieber von besseren Ringen als von
                  den sechs Trauringen König Heinrichs.«</p>
               <p>»Dann kann ich nur noch von den drei Ringen der Puttkamers erzählen.«</p>
               <p>»Sie scherzen. Von den Tudors auf die Puttkamers! Das ist denn doch ein Sprung. Im
                  übrigen bin ich neugierig genug. Was ist es damit? Aber es muß etwas Heiteres
                  sein.«</p>
               <p>»Ich weiß nicht. Es beginnt gleich damit, daß diese drei Ringe nur noch zwei sind.
                  Und diese zwei sind wieder unsichtbar.«</p>
               <p>»Oh, das ist ein guter Anfang; etwas gespenstisch. Aber wir haben ja noch früh.
                  Also nur weiter.«</p>
               <p>»Nun gut. Es waren also drei Ringe, die die Wichtelmännchen oder die ›kleinen
                  Leute‹ oder die Unterirdischen den Puttkamers zum Geschenke machten, vor langen,
                  langen Jahren, als Pommern eben fertig geworden war.«</p>
               <p>»Wann war das?«</p>
               <p>»Sagen wir hundert Jahre nach Fertigwerdung der Mark; diese Differenz müssen Sie
                  meinem Lokalpatriotismus zugute halten. Also die Puttkamers hatten ihre drei
                  Ringe, die sie, so hatten die Wichtelmännchen gesprochen, wahren und in Ehren
                  halten sollten, das würde dem Hause Glück und Segen bringen Und es kam auch Segen
                  ins Haus, namentlich an Kindern, bis plötzlich, niemand weiß wie, der eine Ring
                  verlorenging und der Segen sich minderte.«</p>
               <p>»Ah!« sagte Tubal.</p>
               <p>»Sie sagen ›Ah‹ und atmen auf«, fuhr Jürgaß fort. »Die Puttkamers aber mochten auf
                  den Segen nicht verzichten. Und weil sie sichergehen wollten, so baute der
                  reichste von ihnen ein schönes Schloß, und in den Schloßturm hinein, da wo die
                  Wände am dicksten sind, vermauerte er die beiden verbliebenen Ringe. Und da sind
                  sie noch und bergen, wie sich selbst, so auch das Glück des Hauses.«</p>
               <p>
                  <pb/> Das Fräulein von Bischofswerder, das bis dahin steif und unbeweglich auf dem
                  Sofaplatz gesessen hatte, hatte, während Jürgaß sprach, immer lebhafter und
                  zustimmender ihr Kinn an den Hals gedrückt. Jetzt nahm sie das Wort. »Auch wir
                  hatten einen solchen Ring«, sagte sie, »der der Sage nach das Glück der Familie
                  begründen sollte.«</p>
               <p>»Und es wohl auch begründet hat«, unterbrach die alte Exzellenz. »Es war, denk
                  ich, der Geisterring Ihres Herrn Vaters, der die Lebendigen einschläferte und die
                  Toten zitierte.«</p>
               <p>»Gewiß«, erwiderte die Bischofswerder, die bei diesem Hohn ihre sonstige Devotion
                  hinschwinden fühlte, »gewiß, Exzellenz. Und unter diesen Toten befanden sich ganze
                  Familien, die ohne den Ring meines Vaters immer tot geblieben wären. Ist nicht die
                  Dankbarkeit auch eine deutsche Tugend, Graf Bninski?«</p>
               <p>Dieser, einigermaßen überrascht, von so unerwarteter Seite her seine Ketzereien
                  unterstützt zu sehen, verbeugte sich gegen die Bischofswerder, während der
                  Geheimrat, von dem Gedanken geängstigt, die kaum erst überstandene Gefahr in neuer
                  Gestalt heraufziehen zu sehen, sich mit der Frage an Lewin wandte: »Was war es
                  doch, Lewin, mit dem Bredowschen Erbringe, von dem du mir vor Weihnachten
                  erzähltest? Nur der Eindruck ist mir geblieben. Ich hört es gerne noch einmal.
                  Exzellenz Reale wird es gestatten, und Kathinka, die so lebhaft für Ringe
                  plädiert, muß dir dankbar sein, etwas zur Verherrlichung ihres Themas zu
                  hören.«</p>
               <p>»Gewiß«, bemerkte diese, »ich würde schon dankbar sein, unseren schweigsamen
                  Freund sich überhaupt an unserem Gespräche beteiligen zu sehen, doppelt, wenn es
                  in Verteidigung des Ringes und seiner welthistorischen Mission geschieht. Denn
                  jedes Ding braucht seinen Mann, und ich wüßte nicht, was besser zusammenpaßte als
                  ein Ring und Vetter Lewin. Vor allem, wenn es ein Trauring ist. Es ist ein
                  stiller, natürlicher Bund zwischen beiden, und es ließe sich ein Märchen darüber
                  schreiben; ja ich glaube, ich könnte es, unpoetisch wie ich bin. Ich würde den
                  Trauring als einen kleinen runden, in seiner Mitte ausgehöhlten König auffassen,
                  der alle guten Leute beherrscht, <pb/> die Ehrbaren und die Tugendsamen. Und an
                  den Stufen seines Thrones stände sein erster Minister, als ehrbarster und
                  tugendsamster, und er hieße Lewin.«</p>
               <p>Lewin wurde blaß und rot, faßte sich aber rasch und sagte ruhig: »Nach einer
                  Charakterschilderung wie dieser werd ich mich freilich der an mich ergangenen
                  Aufforderung nicht entziehen können, um so weniger, als es von König Pharaos Tagen
                  her zu den Aufgaben und Vorrechten eines Tugendministers gehört, Träume zu deuten
                  und Geschichten zu erzählen. Und so beginn ich denn:</p>
               <p>Es war also wirklich ein Erbring, breit und mit allerhand Zeichen, und eine junge
                  Frau von Bredow, deren Eheherr, Josua von Bredow, Rittmeister und Amtshauptmann
                  von Lehnin war, trug ihn am Ringfinger der linken Hand. Den Winter über lebte das
                  junge Paar in der kleinen Perleberger Garnison, wenn aber der Mai kam, gingen sie,
                  wie sich's gebührte, nach Lehnin, um in dem geräumigen Abthause, dem einzigen, das
                  aus alten Klostertagen her noch geblieben war, ihre amtshauptmannschaftliche
                  Wohnung und zugleich auch eine Sommerfrische zu nehmen. Das waren dann glückliche
                  Wochen, und sie fuhren nach Plessow, Göttin, Rekahne, um die verschiedenen
                  Rochows, und ebenso nach Groß-Kreuz, um den alten Herrn von Arnstedt zu besuchen,
                  ihr liebstes aber blieb doch immer, an dem schönen Klostersee spazierenzugehn,
                  besonders, wo zwischen Brombeer- und Haselsträuchern hin der Weg über die dicht in
                  Blumen stehende Wiese läuft.«</p>
               <p>»Wie hübsch«, sagte Kathinka. »Ich hätte mit von der Partie sein mögen.«</p>
               <p>»Und eines Abends«, fuhr Lewin fort, »machten sie wieder ihren Spaziergang, und
                  weil gerade die Hagerosen blühten, wandelte die junge Frau die Lust an, eine
                  derselben zu pflücken. Sie drückte deshalb, um die Rose leichter abreißen zu
                  können, einen dicht umherstehenden Haselstrauch beiseite, aber im selben
                  Augenblicke, wo sie die Linke nach der Rose hin ausstreckte, schlug die stärkste
                  der Haselruten wieder zurück und streifte ihr den Ring vom Finger. Sie sah den
                  goldenen <pb/> Bogen, den er in der Luft beschrieb, und wie er dann auf den
                  Wiesenstreifen dicht hinter der Hecke niederfiel. Ein leiser Schrei kam über ihre
                  Lippen; dann teilten beide sorglich die Hecke, bückten sich und begannen zu
                  suchen. Sie suchten noch, als schon die Mondsichel am stillen Abendhimmel stand;
                  sie suchten in der Frühe des Morgens und als es Mittag war. Aber umsonst, der Ring
                  war fort. Du wolltest mit von der Partie sein, Kathinka; vielleicht daß deine
                  glückliche Hand ihn gefunden hätte.«</p>
               <p>»Keine Diversionen«, lachte diese. »Die Geschichte, die Geschichte.«</p>
               <p>»Und mit dem Ringe war das Glück des jungen Paares dahin; nicht langsam und
                  allmählich, sondern unmittelbar. ›Du hättest vorsichtiger sein sollen‹, sagte der
                  Eheherr im Tone des Vorwurfs, und mit diesem Worte war es geschehen. Aus dem
                  ersten Vorwurf wurde der erste Streit, und alles, was den Frieden eines Hauses
                  stören kann, brach in Jahresfrist herein: Krankheit und Kränkung, Mißernten und
                  Eifersucht.«</p>
               <p>»Auch Eifersucht? Nicht doch. Du darfst deine Helden nicht mutwillig um die Gunst
                  deiner Hörer bringen.«</p>
               <p>»Nur um sie neu zu gewinnen. Allerdings erst für spätere Zeiten.«</p>
               <p>»Dann überschlage, was zwischenliegt.«</p>
               <p>»So wollt ich auch. Die silberne Hochzeit war endlich nahe, und Josua von Bredow,
                  der längst den Dienst quittiert und sich auf seine Amtshauptmannschaft in die
                  Lehniner Einsamkeit zurückgezogen hatte, dachte trotz manchen Unfriedens, der nach
                  wie vor in seinem Hause herrschte, den Tag zu feiern. Es waren doch immer
                  fünfundzwanzig Jahre! Er hatte deshalb einen großen Bogen Papier vor sich und
                  schrieb eben die Namen derer auf, die zu dem Tage geladen werden sollten, als ihm
                  Frau von Bredow, die trotz ihrer fünfundvierzig immer noch eine hübsche und
                  stattliche Frau war, über die Schulter sah und auf das bestimmteste forderte, daß
                  der alte Arnstedt, der sich auf dem letzten Potsdamer Ball ungebührlich benommen
                  habe, gestrichen werden sollte.</p>
               <p>
                  <pb/> Eine Szene schien unvermeidlich. Da trat in großer Aufregung die
                  Wirtschafterin ins Zimmer und sagte: ›Gnädiger Herr, da is er; die alte
                  Holtzendorffen hat ihn eben gefunden.‹ Und dabei legte sie eine große
                  Frühkartoffel vor ihn hin, die, beim Ansetzen, mit ihrer Spitze in den goldenen
                  Erbring hineingewachsen war. Da war er also wieder. Die gnädige Mutter Natur gab
                  ihn heraus, und Josua von Bredow und seine geborene von Ribbeck wußten nun, daß
                  wieder bessere Tage kommen würden. Er gab ihr einen Kuß und strich den alten
                  Arnstedt ohne Widerrede aus. Und als in der Woche darauf die silberne Hochzeit
                  wirklich gefeiert wurde, da traten sie zum zweiten Mal vor den Altar, und der alte
                  Lehniner Pastor Krokisius, der aber damals noch bei mittlern Jahren war, hielt
                  eine wunderschöne Rede über den Spruch: ›Wen Gott liebhat, dem müssen alle Dinge
                  zum Besten dienen.‹ Und als seine Rede, denn er konnte sich nicht kurz fassen,
                  endlich zu Ende war, da nahm er die Hand der Silberbraut und steckte den Ring an
                  denselben vierten Finger, von dem ihn die böse Haselrute abgestreift und dadurch
                  eine lange Zwischenzeit des Unfriedens geschaffen hatte. Am Tage nach dieser Feier
                  aber, denn sie mochten sich von ihrem Schatz nicht wieder trennen, ließen sie von
                  Berlin her einen Graveur kommen, der mußte den Tag des Verlustes und des
                  Wiederfindens in den Ring eingraben und die schöne Bibelstelle, über die Pastor
                  Krokisius gepredigt hatte. Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie
                  heutigen Tages noch.«</p>
               <p>Die Gräfin-Exzellenz hatte während der Erzählung mehr und mehr ihre hautaine
                  Haltung abgelegt und tippte jetzt Lewin, wie zur Besiegelung ihrer jungen
                  Freundschaft, mit der Lorgnettenspitze auf die Hand.</p>
               <p>Kathinka versprach, sobald sie Königin geworden sein würde, ihn als Traumdeuter
                  und ersten Erzähler an ihren Hof zu ziehen, und nur die Bischofswerder konnte sich
                  nicht darüber beruhigen, daß dieser entzückende Ring gerade in eine Kartoffel
                  hineingewachsen sei, »die Poesie leide darunter«, eine Bemerkung, der Lewin ohne
                  weiteres zustimmte, weil er die Unmöglichkeit <pb/> einsah, in diesen ästhetischen
                  Anschauungen Licht zu schaffen.</p>
               <p>Der alte Geheimrat, seiner Natur entsprechend, verweilte bei Nebensächlichkeiten
                  und wollte namentlich wissen, welcher Bredowschen Linie der Erbring angehört habe.
                  Dann kam er auf Lehnin, verbreitete sich über die Weissagung, deren erste und
                  letzte Zeilen er im lateinischen Original auswendig wußte, und schloß mit einem
                  Seufzer darüber, daß ihm während voller siebzehn Jahre ein Besuch dieser alten
                  Kulturstätte, zugleich des Begräbnisplatzes so vieler Markgrafen und Kurfürsten,
                  versagt geblieben sei.</p>
               <p>»Aber warum versagt?« unterbrach ihn Tubal, und ehe der alte Ladalinski antworten
                  konnte, fiel Kathinka mit aller Bestimmtheit ein:</p>
               <p>»Machen wir die Partie. Wer ist unser Reisemarschall? Tubal, nein; Lewin, zweimal
                  nein. Aber Sie, Herr von Jürgaß! Ich will nicht so viel Menschenkenntnis haben, um
                  einen Attaché von einem Professor zu unterscheiden, wenn Sie nicht der geborene
                  Reisemarschall sind.«</p>
               <p>»Ich würde sofort meine Unfähigkeit beweisen, wenn ich widerspräche.«</p>
               <p>»Also angenommen?«</p>
               <p>»Ja.«</p>
               <p>»Und wann?«</p>
               <p>»Nicht vor Dienstag. Wir haben in Potsdam Relais; so ist es Zeit, wenn wir um
                  Mittag aufbrechen. Rendezvous: Schöneberg, am ›Schwarzen Adler‹. Zwölf Uhr
                  pünktlich. Au revoir.«</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Fünfzehntes Kapitel</head>
               <head>Lehnin</head>
               <p>Und der verabredete Dienstag kam. Aber er kam nicht, ohne daß das eingetreten
                  wäre, was bei ähnlichen Verabredungen immer einzutreten pflegt: die Hälfte hatte
                  sich inzwischen eines andern besonnen. Nicht nur die Gräfin-Exzellenz samt der
                  <pb/> Dame d'atour vom Hofe der hochseligen Königin, auch der alte Geheimrat,
                  dessen pedantisch-romantisches Verlangen, die lateinischen Zeilen der Lehninschen
                  Weissagung an Ort und Stelle zitieren zu können, den eigentlichen Anstoß zu der
                  Partie gegeben hatte, hatte schließlich auf die Teilnahme daran verzichtet. Aber
                  an Stelle dieser ausscheidenden Elemente waren andere herangezogen worden, und ein
                  frischer, in der Nacht von Montag auf Dienstag gefallener Schnee versprach eine
                  rasche und prächtige Fahrt. Denn man war übereingekommen, die Partie zu Schlitten
                  zu machen. Ein leiser Ostwind ging, die Sonne schien, und der Himmel stand blau
                  und wolkenlos wie eine Glocke.</p>
               <p>Es schlug eben zwölf vom Schöneberger Turm, als vier Schlitten vor dem »Schwarzen
                  Adler«, dem durch Jürgaß bestimmten Rendezvous, vorfuhren. Ihre Insassen waren
                  Bekannte vom Ladalinskischen Balle her, Graf Matuschka, Graf Seherr-Thoß, Graf
                  Zierotin, alle drei mit ihren jungen Frauen. Nur Bninski fehlte. Statt seiner war
                  Tubal als Schlittenpartner eingetreten und hatte an Kathinkas Seite Platz
                  genommen. Eine Minute später erschien ein fünftes Gespann, etwas größer und nach
                  Art aller gemieteten Schlitten ziemlich unelegant, in dem Lewin, von Hirschfeldt
                  und Bummcke saßen. Jürgaß, der zu beschaffenden Relais halber, war schon seit drei
                  Stunden nach Potsdam voraus.</p>
               <p>Die Begrüßungen gingen eilig, denn es gebot sich, des kurzen Tages halber, mit den
                  Minuten zu geizen. Tubal nahm die Tête, dann folgten die drei jungen Paare,
                  während der »Célibataire-Schlitten«, wie die gräflichen Damen das zuletzt
                  eingetroffene Gefährt in guter Laune getauft hatten, den Schluß machte. An dieser
                  guten Laune nahm alsbald alles teil; die Pferde warfen den Schaum nach hinten, die
                  Schellen und Glöckchen läuteten, und wenn ein niedrig hängender Zweig gestreift
                  wurde, stäubte der Schnee in die Luft oder fiel in glitzernden Kristallen auf die
                  Muffen und Bärendecken nieder. Und dabei Geplauder überall, auch in dem
                  abschließenden Schlitten der Célibataires.</p>
               <p>
                  <pb/> »Wo nur Bninski sein mag?« fragte Lewin. »Er schien so geneigt, uns zu
                  begleiten.«</p>
               <p>»So haben Sie nicht davon gehört?« antwortete Bummcke. »Jürgaß hat ihn gebeten,
                  auf eine Teilnahme an der Partie zu verzichten.«</p>
               <p>»Aber wie konnt er nur? Ich wenigstens hätte mich eines solchen Auftrags nicht
                  entledigen mögen.«</p>
               <p>Bummcke lachte. »Sie kennen ja Jürgaß. Ich wette, daß es ihm leichter geworden ist
                  als der müden Krähe, die da eben vor uns auffliegt, das Flügelschlagen. Er
                  verfährt nach dem alten Grundsatz: ›Ehrlichkeit die beste Politik‹, und hat dem
                  Grafen offen gesagt, daß sein Erscheinen eine Verlegenheit schaffen würde. Ich
                  glaube nämlich, er hat eine Überraschung, irgend etwas preußisch Patriotisches
                  vor. Sie wissen, er liebt dergleichen. Was ihm Bninski geantwortet, weiß ich
                  nicht, nur so viel ist gewiß, daß ihr gutes Einvernehmen keine Störung erfahren
                  hat. Es überrascht mich nicht. Jürgaß ist harmlos und der Graf eine vornehme
                  Natur. Selbst seine Vorurteile beleidigen nicht. Er haßt uns, aber er haßt das
                  Ganze, nicht die einzelnen. Denken Sie daran, Hirschfeldt, wie liebenswürdig er
                  alles aufnahm, was Sie über Spanien lasen. Es ist nichts Kleinliches an ihm.«</p>
               <p>Hirschfeldt nickte zustimmend, und während dieses Gespräch fortgesponnen und im
                  Anschluß daran des letzten Abends bei Ladalinskis, der alten hochmütigen
                  Exzellenz, der steifen und zeremoniellen Bischofswerder und zuletzt auch der
                  zwischen beiden geführten Fehde gedacht wurde, passierten unsere Freunde den
                  Steglitzer Park, über den die leichter und eleganter gebauten Schlitten der vier
                  Mazurka-Paare schon seit einer kleinen Weile hinaus waren. Lewin drang auf
                  prompteren Anschluß, aber der Abstand blieb, und immer, wenn der Weg eine Biegung
                  machte, sah der nachfolgende fünfte Schlitten die Flankenlinie der vier
                  vorausfliegenden Gespanne, die blauen Schleier der Damen und die weißen
                  Schneedecken, die sich im Winde bauschten und blähten.</p>
               <p>An den ausgebauten Häusern von Zehlendorf vorbei ging <pb/> es im Fluge auf das
                  Stimmingsche Gasthaus am Wannsee zu, und Lewin, mit der Hand nach links deutend,
                  wies jetzt auf eine umfriedete, nur an vier Pappeln erkennbare Stelle hin, wo sich
                  seit Jahresfrist der Grabhügel Heinrichs von Kleist erhob. Hirschfeldt, damals
                  schon in Spanien, wußte nichts von dem beklagenswerten Ereignis, und so fiel es
                  seinen Gefährten zu, ihm von den letzten Schicksalen, dem Leben und Sterben eines
                  Kameraden zu erzählen, mit dem er, als beide noch in derselben Garnison standen,
                  wenigstens oberflächlich bekannt gewesen war. Von dieser Erzählung sprang das
                  Gespräch bald zu seinen Dichtungen über, und der Charakter des Käthchens von
                  Heilbronn, vor allem die dramatische Berechtigung oder Nichtberechtigung des
                  Somnambulen war noch keineswegs festgestellt, als schon ihr Schlitten durch die
                  defileeartige Schmalung hindurchglitt, die bei Kohlhasenbrück durch den dicht an
                  die Straße herantretenden Fichtenwald und von der anderen Seite her durch das
                  Röhricht des Griebnitzsees gebildet wird. Eine Minute später, und die verschneiten
                  Weberhäuser von Nowawes, nicht viel größer wie winterliche Grabhügel, lagen zu
                  beiden Seiten, und jetzt am Brauhausberg, dann an der Schloßkolonnade vorbei, ging
                  es in das stille Potsdam hinein. Heute stiller denn je, denn der Hof und die
                  Garden, wie es die alte Exzellenz an dem letzten Ladalinski-Abend vorhergesagt
                  hatte, waren seit einer halben Woche fort. Am Jägertore hielt Jürgaß, zehn
                  Schritte weiter abwärts die Relais, und nachdem alle Herren und Damen ihren
                  Reisemarschall begrüßt, ein paar Postknechte aber die Pferde gewechselt und die
                  Sielen und Schellengeläute wieder aufgelegt hatten, ging es ohne weiteren
                  Aufenthalt in immer rascherem Tempo in die Havellandschaft hinein. Denn das Ziel
                  mußte noch vor Sonnenuntergang erreicht werden.</p>
               <p>Es war jetzt zwei Uhr. Die Kuppeldächer der Communs und des Neuen Palais blinkten
                  in der Nachmittagssonne, und unmittelbar dahinter dehnte sich das Golmer Bruch;
                  Dorf Eiche mitsamt seinem Kirchturm schien darin zu versinken. Nun lag auch das
                  zurück, und aus der Eis- und Schneewüste, zu der die <pb/> sonst in seeartigen
                  Flächen dahinfließende Havel geworden war, ragten nur noch die Mastspitzen von ein
                  paar Dutzend Kähnen auf, die der Frost auf ihrer Fahrt überrascht und zur
                  Überwinterung im Eise gezwungen hatte. Dann kam Stadt-Werder, nur kenntlich an
                  einer Rauchsäule, die über der großen Brauerei der Insel stand, und nun an
                  niedrigen, aber steilen Hügeln vorbei, auf deren Abhängen nichts sichtbar war als
                  Krähen und Schnee, jagten die Schlitten den nächsten Dörfern zu.</p>
               <p>Die Gespräche stockten oder wurden einsilbiger; alles hatte nur noch einen
                  Gedanken: das Ziel. Jürgaß übernahm die Führung, denn Groß-Kreuz war eben
                  passiert, und der Weg, der jetzt nach links hin in den großen Lehniner Tannen- und
                  Eichenforst einzubiegen begann, erheischte beides: ein scharfes Auge und eine
                  sichere Hand.</p>
               <p>Zuerst Tannen. Ah, wie die Stille des Waldes alles labte! Der Wind schwieg, und
                  jedes Wort, auch wenn leise gesprochen, klang laut im Widerhall. Ein warmer
                  Harzduft war in der Luft und steigerte das Gefühl des Behagens. Über den Weg hin,
                  hier und dort, liefen die Spuren, die das Wildschwein in den Schnee gewühlt hatte;
                  von den schwanken Zweigen flog das Rotkehlchen auf, und aus der Tiefe des Waldes
                  hörte man den Specht. Nun kam eine große Lichtung, an deren entgegengesetzter
                  Seite das Laubholz anfing, aber zunächst noch mit Tannen untermischt. Die Sonne
                  glühte hinter den Bäumen, und je nachdem die Lichter fielen, schimmerte das braune
                  Laub der Eichen golden oder kupferfarben, während die schwarzen Tannenwipfel wie
                  scharfgezeichnete Schatten in der schwimmenden Glut des Abends standen. Alles war
                  hingerissen von der Schönheit des Anblicks, und Lewin sah deutlich, wie eine
                  kleine Hand nach der anderen sich aus dem wärmenden Muff zog und auf die
                  Waldstellen hindeutete, wo sich die Schatten und Lichter so zauberisch
                  mischten.</p>
               <p>Bummcke entsann sich, selbstverständlich von Kopenhagen her, eines dieselben
                  Abendtöne wiedergebenden Claude Lorrain und wollte eben zu kunstwissenschaftlichen
                  Betrachtungen <pb/> übergehen, als der Wald, der kurz zuvor noch endlos
                  geschienen, sich plötzlich öffnete und eine Anzahl zerstreuter Baulichkeiten
                  ziemlich deutlich erkennen ließ. Und ehe noch unsere Reisenden sich
                  zurechtgefunden und ihrer Überraschung Ausdruck gegeben hatten, hielten sie schon
                  vor ihrem Ziel: der Klosterkirche von Lehnin.</p>

               <p>War es Zufall oder hatte Jürgaß die Zeit ihrer Ankunft im voraus angegeben,
                  gleichviel, aus der neben dem großen Rundbogenportale befindlichen Seitentür trat
                  ihnen, ohne daß sie hätten klopfen oder warten müssen, ein kleiner hagerer Mann
                  mit langem weißen Haar entgegen, der alte Lehninsche Küster, nur um zwei Jahre
                  jünger als sein Hohen-Vietzer Kollege Jeserich Kubalke. Er begrüßte die
                  zunächststehenden Damen durch Abnehmen seines Käppsels, sprach ein paar Worte mit
                  Jürgaß und öffnete dann, entweder, weil dieser darum gebeten, oder auch, weil er
                  selber den Wunsch einer möglichst feierlichen Einführung hatte, die schwere mit
                  Eisen beschlagene Mitteltür. In dieser, trotz des Zugwindes, der wehte, blieb er
                  stehen, bis alle Besucher eingetreten waren.</p>
               <p>Die Glut des Abends stand noch in den westlichen Scheiben, und ein roter Schimmer,
                  der allem wieder einen Anflug vor Leben lieh, fiel auch auf die Brautkränze, die
                  vertrocknet und mit langen ausgeblaßten Bändern an der gegenüber befindlichen
                  Kirchenwand hingen. Es war die denkbar beste Stunde. Nichtsdestoweniger konnte
                  keinem Beobachter entgehen, daß alles enttäuscht war, besonders die Damen. Sie
                  hatten eben mehr erwartet.</p>
               <p>»Wo sind die Grabsteine?« fragte die Matuschka mit der vollen Ruhe derer, die sich
                  noch weitab davon fühlen.</p>
               <p>»Sie dürfen keine Mehrheit von mir verlangen, gnädigste Gräfin«, antwortete
                  Jürgaß, der sich mit dieser und Kathinka von dem Reste der Gesellschaft
                  abgesondert und, weil er das Kloster genau kannte, der speziellen Führung der
                  beiden jungen Damen unterzogen hatte. »Die Lehninschen Grabsteine, dank amtlicher
                  und nichtamtlicher Verwüstungen, beschränken sich <pb/> auf einen. Ich werde
                  gleich die Ehre haben, Ihnen denselben vorzustellen.« Damit schritt er die Stufen
                  zum hohen Chore hinauf, wo ein Mönch, in Stein geschnitten, auf seinem Grabe lag.
                  Kathinka und die Matuschka folgten.</p>
               <p>»Ich erwartete«, sagte die Gräfin, »einen Soldaten zu sehen«, setzte dann aber,
                  sich schnell verbessernd, hinzu, »ich meine einen Krieger. Sie dürfen nicht
                  lachen, Jürgaß. Es ist doch anzunehmen, daß die Markgrafen Krieger waren, mit
                  Schild und Panzerhemd und einer Krone. Oder trugen sie keine? Sie schweigen
                  wieder; das ist nicht recht; ein Führer muß immer sprechen. Jedenfalls müssen
                  diese Markgrafen doch irgend etwas auf dem Kopfe gehabt haben. Es waren Askanier,
                  wenn ich den alten Ladalinski recht verstanden habe.«</p>
               <p>»Ja, Askanier oder Anhaltiner.«</p>
               <p>»Nicht doch. Sie wollen mich verwirren. Wenn es Askanier waren, so können es keine
                  Anhaltiner gewesen sein. Der Alte Dessauer, der auf dem Lustgarten steht und von
                  dem sie bei großen Militärkonzerten den Marsch mit dem langen Trompetensolo
                  spielen, der war ein Anhaltiner... Aber was ist denn das?« und dabei stieß die
                  schöne Gräfin mit ihrer Fußspitze an einen Baumstumpf, der, selber hart wie Stein,
                  etwa zwei, drei Handbreiten hoch sich aus dem Steinhoden erhob.</p>
               <p>»Das ist das Überbleibsel von jenem Eichenstamm, aus dem vor so und so vielen
                  Jahrhunderten, mit deren näherer Angabe ich Sie nicht belästigen will, das gesamte
                  Kloster Lehnin emporgewachsen ist. Unter diesem Baume, als er noch ein Baum und
                  nicht ein Stumpf war, hatte Markgraf Otto, der erste seines Namens, einen Traum,
                  der ihm Gefahr in diesen Wäldern prophezeite. Markgraf Otto aber war ein Sohn
                  Albrechts des Bären, von dem gnädigste Gräfin vielleicht gehört haben werden.«</p>
               <p>»Gewiß, gewiß; Heinrich der Löwe, Albrecht der Bär.«</p>
               <p>»Sehr gut. Nun, also Markgraf Otto hatte einen bösen, unheilverkündenden Traum,
                  und seine Manne, die auch christliche Askanier waren, drangen, als sie von dem
                  Traume hörten, <pb/> in ihn, eine schutzgebende Burg gegen die Wenden zu
                  bauen.«</p>
               <p>»Gegen die Wenden? Was sind Wenden?«</p>
               <p>»Wenden hießen die heidnischen Völkerschaften, die damals hier zu Hause
                  waren.«</p>
               <p>»Nun gut. Und was tat nun der Markgraf?«</p>
               <p>»Er erwiderte: ›Eine Burg gegen die Wenden will ich gründen, aber eine Burg, von
                  der aus unsere teuflischen Widersacher‹, darunter verstand er die Wenden, ›nicht
                  durch Waffenlärm, sondern durch heiligen Gesang verscheucht werden sollen.‹ Und so
                  baute er ein Kloster. Und dies Kloster hieß Lehnin.«</p>
               <p>Während dieser Auseinandersetzung waren sie weitergeschritten bis an das
                  Querschiff der Kirche, in dem alle möglichen Bilder in wurmstichigen,
                  halbzerstörten Holzrahmen hingen, so daß oft ganze Stücke herausgefallen waren.
                  Vor dem größten dieser Bilder blieb Kathinka, die den Arm der Matuschka genommen
                  hatte, stehen und sagte zu Lewin, der mittlerweile von der andern Gruppe her sich
                  ihnen angeschlossen hatte: »Wie häßlich. Es sieht aus wie ein Jahrmarktsbild.«</p>
               <p>»Es ist auch etwas der Art. Selbst die Einteilung in Felder, wie die Damen
                  bemerken werden, ist uns nicht erspart geblieben. Allerdings hat es der Künstler
                  bei einer bloßen Zweiteilung, bei einem einfachen Oben und Unten bewenden lassen.
                  Oben das greuliche Durcheinander ist die Ermordung des ersten Lehniner Abtes, den
                  die Wenden erschlugen, weil sie ihn in Verdacht eines Liebesabenteuers
                  hatten.«</p>
               <p>»Ich nehme an, ohne Grund«, sagte Kathinka.</p>
               <p>»In meiner Eigenschaft als erster Tugendrat von König Ring würd es mir schlecht
                  anstehen, einen Zweifel dagegen auszusprechen. Ich wünschte nur, daß auch der
                  Maler nachsichtiger mit ihm verfahren wäre.«</p>
               <p>»Es ist vielleicht schon aus der protestantischen Zeit.«</p>
               <p>Lewin wollte die gereinigte Lehre rein von der Schuld dieses Bildes halten und
                  begann eben eine Auseinandersetzung, als Jürgaß ihn darin unterbrach und zur Eile
                  mahnte, da, nach <pb/> dem durchaus einzuhaltenden Programm, innerhalb der
                  nächsten zehn Minuten nicht nur die draußenliegende Trümmerhälfte der Kirche,
                  sondern auch noch die Reste des Klosterkreuzganges und der denselben
                  einschließenden alten Baulichkeiten besichtigt werden müßten.</p>
               <p>Diese mit lauter Stimme gesprochene Jürgaßsche Mahnung war nicht bloß von Lewin
                  gehört worden, und alles eilte, um ihr zu gehorchen, dem Ausgange zu. Nur die
                  Gräfinnen Seherr-Thoß und Zierotin, die sich bei dem Bilde des ermordeten Abts in
                  Vermutungen und heiteren Spottreden erschöpft hatten, waren zurückgeblieben und
                  erschraken jetzt, als sie sich plötzlich mit den Braut- und Totenkronen allein
                  sahen, in denen es unter dem hereinwehenden Zugwind zu rascheln begann. Das
                  Abendrot in den Scheiben war immer grauer geworden; unheimlich sahen sie sich um
                  und suchten nach dem Ausgang, den sie, bang und verwirrt, trotzdem sie ganz in
                  seiner Nähe standen, nicht finden konnten. Endlich kam der Küster und geleitete
                  sie hinaus. Sie machten ihm kein Hehl aus ihrer Furcht und nickten ihm freundlich
                  zu, als er den Schlüssel wieder im Schloß drehte.</p>
               <p>Unter den Trümmern draußen – die spätere gotische Hälfte der Kirche war
                  eingestürzt – fanden sich alle wieder zusammen; aber ihres Bleibens war an dieser
                  Stelle nicht. Sie lugten nur eben in einen stehengebliebenen Wendeltreppenturm
                  hinein, zeigten einander die Ebereschensträucher, die auf den Schrägungen der
                  Strebepfeiler mehr durch Schnee als Erdreich festgehalten schienen, und schritten
                  dann über einen quadratischen Hof hin, der, von alten und neuen Klostergebäuden,
                  von Klafterholz und Heckenzäunen eingefaßt, einen wunderlich gemischten Anblick
                  von Glanz und Dürftigkeit gewährte. An einer stehengebliebenen Feldsteinmauer
                  entlang, der man nach innen zu eine Art Sommerdach gegeben hatte, lief eine
                  Kegelbahn, auf deren Lattenrinne die Kugeln wie in Schnee eingemauert lagen. In
                  einer der Ecken dieses Schoppens waren Bohnenstangen kreuz und quer
                  zusammengeworfen, während rechts daneben, wo das Klafterholz aufgeschichtet lag,
                  auf <pb/> einem überragenden Pfeilerstück ein paar Berberitzensträucher standen,
                  die mit ihren tiefroten Beeren über die nachbarlichen, schon gelblich werdenden
                  Ebereschenbüschel spotten zu wollen schienen. Alles das wurde nur im Fluge
                  mitgenommen, und müde des Schauens, aber voller Verlangen nach einem Mittagsmahle,
                  dem übrigens alle, die Jürgaß kannten, mit unbedingtem Vertrauen entgegensahen,
                  stiegen jetzt die Paare einige neben dem Kegelschoppen befindliche hohe Stufen
                  hinauf, die in ein langes, halb aus Feldstein, halb aus Backstein aufgemauertes
                  Gebäude führten: das alte Refektorium.</p>
               <p>Es war eine hohe, halbzerstörte Halle, die nur an ihrem unteren Ende noch ein
                  schützendes Dach hatte. Unter dieser geschützten Stelle war eine lange Tafel
                  gedeckt, an deren einer Schmalseite – und zwar da, wo dieselbe die jenseitige
                  Giebelwand zu berühren schien – ein mächtiges Kaminfeuer brannte, während an den
                  zwei Langseiten hin sechs in Helm und Brustharnisch gekleidete Klosterknechte
                  standen, alle mit Fackeln in der Hand. An jeder Seite drei. Das »Ah!«, das laut
                  wurde, war der eigentlichste Reisemarschallstriumph dieses Tages.</p>
               <p>Die Plätze waren gelegt. Lewin, der sich während des Besuches in der Kirche
                  rascher, als es sonst wohl seine Art war, mit der schönen Matuschka befreundet
                  hatte, saß zwischen dieser und Kathinka. Jürgaß präsidierte. Die hohe Kaminflamme
                  in seinem Rücken, erhob er sich, um ein Wort der Begrüßung zu sprechen.</p>
               <p>»Ich heiße Sie, meine Freunde, willkommen in diesen Räumen, in denen ich selber
                  ein Gast bin. Wie sie sich mir erschlossen haben, ist mein Geheimnis. Ob es der
                  Frater Hermannus war, der, seine Weissagungen rezitierend, mich persönlich in
                  Küche und Keller umherführte, oder ob aus näher liegender Zeit der Erbring meiner
                  Vettern, der Bredows, hier seine Wunder wirkte, das eine wie das andere hüllt sich
                  in Dunkel. Genug, wir sind da, und die Tafel ist gedeckt. Und nun, dienende
                  Brüder, an euer Werk!«</p>
               <p>Diese letzten Worte waren an vier zu beiden Seiten seines Sessels stehende Mönche
                  gerichtet, die trotz der besten Absicht, <pb/> als Lehninsche Zisterzienser
                  angesehen zu werden, doch durchaus in dem Kostüm eines Maskenball-Kapuziners
                  steckengeblieben waren. Sie trugen braune, mit einem Strick umgürtete Kutten, und
                  während einer von ihnen die Humpen mit Werderschem Bier zu füllen, ein zweiter den
                  Wildschweinskopf und dann den Hirschrücken umherzureichen begann, schritten die
                  beiden andern langsam die Halle hinunter bis an die Stelle, wo das Dach fehlte und
                  ein letzter Rest von Tageslicht auf den Fußboden fiel. Hier war eine Falltür aus
                  alter oder neuer Zeit, in die jetzt einer der Fratres, der einen brennenden
                  Kienspan in Händen hielt, hinabstieg, während der andere auf der aufgeklappten Tür
                  stehenblieb und von Zeit zu Zeit neugierig in das Kellerloch hinunterblickte. Bald
                  wurden Flaschen, die, weil sie weder Staub noch Spinnwebe zeigten, nicht lange an
                  dieser Stelle gelagert haben konnten, hinaufgereicht und von dem obenstehenden
                  Bruder in Empfang genommen, der dann mit einer Gewandtheit, an der sich die
                  Jürgaßsche Schule leicht erkennen ließ, die Korke zu ziehen und den golden
                  schimmernden Rheinwein in die grünen Römer einzuschenken begann. Sein Konfrater
                  (der mit dem brennenden Kienspan) war in dem Keller zurückgeblieben. Niemand
                  dachte seiner mehr.</p>
               <p>An der Tafel belebte sich inzwischen die Unterhaltung; die Damen waren
                  ausgelassen, am ausgelassensten aber Lewin, der – nicht unempfindlich gegen das
                  Entgegenkommen der augenscheinlich ein Gefallen an ihm findenden schönen Gräfin –
                  vor allem in dem Bewußtsein glücklich war, sich endlich einmal Kathinka gegenüber
                  in einer anderen Rolle als in der des von ihr verspotteten Träumers zeigen zu
                  können. Ihre Neckereien, in denen sich mehr und mehr ein Anflug von Eifersucht
                  oder verletzter Eitelkeit aussprach, steigerten nur sein Wohlgefühl und seine gute
                  Laune.</p>
               <p>»Haben Sie denn, gnädigste Gräfin«, wandte er sich an diese letztere, »das Weiße
                  Fräulein bemerkt, als wir in den Wendeltreppenturm hineinsahen? Ich schrak
                  zusammen; es war ein vollkommenes Bild unglücklicher Liebe.«</p>
               <p>
                  <pb/> Die Gräfin lachte; Kathinka aber sprach an Lewin vorbei: »Glaub ihm nicht,
                  Wanda; er weiß nichts von unglücklicher Liebe. Ihm ist nie zu trauen, am wenigsten
                  aber seinen Geschichten. Er erfindet sich, was ihnen fehlt.«</p>
               <p>»Desto besser«, sagte die Matuschka. »Ich mache mir nichts aus wahren Geschichten.
                  Die wahren Geschichten sind immer langweilig oder häßlich. Bitte, Herr von
                  Vitzewitz, erzählen Sie mir von dem ›Weißen Fräulein‹. Ganz auf Diskretion. Aber
                  etwas recht Hübsches: Mönch, Liebe, Sehnsucht.«</p>
               <p>»Ja, gnädigste Gräfin, da haben Sie die Geschichte schon vorweg erzählt. Mönch,
                  Liebe, Sehnsucht – das ist alles.«</p>
               <p>»Oh, tun Sie noch ein wenig hinzu.«</p>
               <p>»Ich darf es nicht, so gern ich Ihnen zu Diensten wäre. Solche Geschichten sind
                  sehr empfindlich und nehmen es übel, wenn man an ihnen rührt oder sie gar
                  verbessern will. Das Weiße Fräulein geht treppauf, treppab und sucht den Mönch,
                  den sie liebt. Aber er verbirgt sich ihr. Um Sonnenuntergang tritt sie dann auf
                  den Söller und breitet die Arme sehnsüchtig nach ihm aus, als habe sie ihn
                  gesehen. Aber es war nur ein Schein. Dann setzt sie sich in den Pfeilerschatten
                  und weint.«</p>
               <p>»Das ist hübsch«, sagte die Matuschka, auf deren immer lachendem Gesicht es einen
                  Augenblick wie Teilnahme oder Trauer zitterte. Denn sie war weniger glücklich, als
                  sie schien. Kathinka aber warf den Kopf in den Nacken und sagte: »Ich höre nicht
                  gern von unglücklicher Liebe.«</p>
               <p>»Und doch ist die Welt voll davon«, antwortete Lewin.</p>
               <p>»Vielleicht gerade deshalb, daß ich sie nicht mag. Es ist so alltäglich, so
                  tödlich, immer wieder dasselbe. Ich begreife keine unglückliche Liebe.«</p>
               <p>»Die Reichen begreifen nie, daß es auch Arme gibt.«</p>
               <p>Aber Kathinka hörte nicht, und in ihrer Vorliebe für Paradoxien auch vor dem
                  Gewagtesten nicht zurückschreckend, gefiel sie sich jetzt darin, ihren einmal
                  ausgesprochenen Satz in heiterem Spiele weiter auszuführen:</p>
               <p>»Wenn Liebe nicht glücklich sein kann, sollte sie gar nicht sein. Ich entsinne
                  mich nicht, in der Bibel (ich meine im Alten <pb/> Testament, wo die Menschen noch
                  menschlicher waren) von einer unglücklichen Liebe gelesen zu haben. David liebte
                  glücklich, Salomo noch mehr. Wenn man etwas sagen kann, so ist es vielleicht das,
                  daß sie zu glücklich liebten. Unglückliche Liebe ist eine neue Erfindung, wie die
                  Buchdruckerkunst oder das Spinnrad. Ja, wie das Spinnrad. Das surrt und summt, und
                  endlos wird der tränennasse Faden weitergesponnen.«</p>
               <p>Die Matuschka horchte verwundert auf; Kathinka aber, durch diese Wahrnehmung eher
                  angespornt als eingeschüchtert, fuhr in sich steigerndem Übermute fort: »Und nun
                  gar ein ›Weißes Fräulein‹, das einen Mönch liebt. Man liebt überhaupt keinen
                  Mönch. Wenn man ihn aber liebt – und ich ertappe mich plötzlich auf der Laune, nur
                  noch Mönche lieben zu wollen –, so muß man ihn so lieben, daß kein Kloster der
                  Welt ihn halten und verbergen kann. Aber Pardon, Wanda! Du mußt lachen; deshalb
                  sprech ich ja. Lewin bitt ich nicht um Entschuldigung, weil ich ihm wieder ansehe,
                  daß er alles glaubt, was ich eben gesagt habe.«</p>
               <p>Es war inzwischen immer dunkler geworden, und an der dem Kamin gegenübergelegenen
                  Giebelwand lag nur noch ein grauer Dämmer, den dann und wann ein helleres
                  Aufleuchten der weiter oben in der Halle stehenden Fackeln durchblitzte. Man sah
                  auch in diesem ungewissen Scheine, daß es draußen leise zu schneien begonnen haben
                  mußte, denn durch das offene Dach fielen einzelne große Flocken. Jeder fröstelte,
                  und die Damen zupften ihre Pelzröcke höher an den Hals hinauf. Das war die
                  Stimmung, die Jürgaß brauchte; er erhob sich jetzt, um nach seinen ersten, bei
                  Beginn des Mahles gesprochenen Begrüßungsworten die eigentliche Rede des Tages zu
                  halten.</p>
               <p>»Es hat Ihnen gefallen«, so begann er, »in Lehnin meine Gäste zu sein, in
                  demselben Lehnin, an dessen vor vierhundert Jahren durch Frater Hermannus
                  aufgezeichnete Weissagungen die Feinde Preußens so oft und so frohlockend erinnert
                  haben, vor allem in diesen Tagen der Erniedrigung, in denen gehässiger Scharfsinn
                  herausgerechnet hat, daß jetzt die Stunde da sei, von der uns die Prophezeiung
                  berichtet: ›Und dem Letzten seines <pb/> Stammes wird das Zepter aus der Hand
                  geschlagen werden.‹ Aber diese Feinde Preußens haben nicht zu Ende gelesen, und
                  wir, die wir andern Sinnes sind, lesen uns eine andere, schönere Stelle heraus, in
                  der es anschließend an jene Worte der Trauer heißt: ›Und die Mark vergißt all
                  ihrer Leiden, und kein Fremdling darf fürder über sie frohlocken.‹ Ja, meine
                  Freunde, diese Stunde ist da, und weil sie da ist, ruf ich in eben dieser Halle,
                  die nun bald wieder – auch das verkündet uns die Weissagung – im Glanze eines
                  neuen goldenen Daches in alle Lande hineinleuchten wird: Vivat Borussia! Was aber
                  aus Nacht geboren wurde, versink auch in Nacht. Pereat Bonaparte!«</p>
               <p>Das Pereat verklang, ohne daß es, zunächst wenigstens, beantwortet worden wäre,
                  denn während Jürgaß noch seine letzten Worte sprach, war unten in der Halle, genau
                  da, wo die Falltür sein mußte, ein dunkelqualmiges, aus der Tiefe kommendes Licht
                  sichtbar geworden, und aus eben diesem qualmigen Lichte hatte sich zittrig und
                  wackelnd erst ein Hut von wohlbekannter Form und dann ein kurzer französischer
                  Uniformrock erhoben, mit schlaff herabhängenden Ärmeln und allerhand wunderlichem
                  Fingerwerk, von dem sich nicht hatte erkennen lassen, ob es menschliche Hände oder
                  abgestutzte Wurzelzweige waren. Einen Augenblick stand die Erscheinung und sah
                  kopf- und augenlos die Halle hinunter; dann versank sie wieder in dieselbe Tiefe,
                  aus der sie aufgestiegen war. Und mit schwerem Schlage, der durch die Halle
                  dröhnte, schlug die Falltür zu.</p>
               <p>Nun erst löste sich der Bann, und die Grafen Seherr-Thoß und Zierotin, die Jürgaß
                  zunächst saßen, wiederholten jetzt das Pereat, in das alle übrigen Gäste in rasch
                  wiedergewonnener Tafelheiterkeit einstimmten. Nur Hirschfeldt schwieg; er hatte
                  sich draußen in der Welt im Kampfe gegen den »großen Feind der Menschheit« einen
                  Respekt vor eben diesem Feinde erworben, der ihn an Szenen, in denen der
                  renommistische Ton des Regiments Gensdarmes nachklang, wenig Gefallen finden
                  ließ.</p>
               <p>Eine kurze Weile noch ging das Geplauder und wechselten die Reden, unter denen
                  auch ein kurzer, in pointierter Weise <pb/> gesprochener Toast Kathinkas auf den
                  »Reisemarschall« war; dann erhob sich dieser und sagte, auf das beinahe
                  niedergebrannte Kaminfeuer deutend: »Es erlischt, und mit ihm unser Fest.«</p>
               <p>Und damit war das Zeichen zum Aufbruch gegeben. Als sie gleich darauf, von den
                  Fackelträgern begleitet, paarweise die Halle hinunterschritten und an der Falltür
                  vorüberkamen, lag diese, weil der Luftzug hier die Flocken gegen die Giebelwand
                  getrieben haben mochte, höher unter Schnee als die andern Teile der offenen Halle.
                  Jürgaß, der den Zug führte, wies darauf hin und sagte: »Begraben in Schnee.« Und
                  mit diesen Worten hatten alle den Ausgang erreicht, stiegen die hohen Steinstufen
                  hernieder und nahmen ihre Plätze in den Schlitten, die bereits vorgefahren
                  waren.</p>

               <p>Eine Viertelstunde später lag alles, Lehnin und seine Kirche, das Refektorium und
                  die »Erscheinung im kleinen Hut«, wie ein Traum hinter ihnen, und durch den
                  stillen Wald hin hörte man das Gespräch und das Lachen der einzelnen Paare.</p>
               <p>Man war übereingekommen, frischerer Unterhaltung halber, an den einzelnen
                  Stationspunkten die Plätze zu wechseln. Die Fahrt auf der ersten Station machte
                  Lewin mit Jürgaß, bei welcher Gelegenheit ihm auch Auskunft wurde, mittelst
                  welcher alten Beziehungen sich das In-Szene-Gehen dieses Lehniner Festes überhaupt
                  ermöglicht hatte; in Groß-Kreuz indessen bei dem eintretenden Plätzewechsel kam
                  Jürgaß an die Seite der Matuschka, während sich Kathinka Lewin als ihren Partner
                  erbat.</p>
               <p>»Du scheinst dich vor mir zu fürchten; aber das Törichtste, Freund, ist immer die
                  Furcht. Da du mich zu wählen versäumtest, wähl ich dich. Und so ist es immer; das
                  Unglück, das wir fliehen wollen, läuft uns nach.«</p>
               <p>Und ehe noch die letzten Worte gesprochen waren, flog der Schlitten, auf dessen
                  schmaler Holzpritsche Lewin Platz genommen hatte, die Groß-Kreuzer Eichenallee
                  hinauf und bog dann in den schmalen Uferweg ein, der sich zwischen der scheinbar
                  <pb/> endlosen, in Eis und Schnee daliegenden Havelfläche und den verschneiten
                  Plateauabhängen hinzog.</p>
               <p>Sie waren schon eine gute Strecke gefahren, ohne daß ein Gespräch versucht oder
                  auch nur ein einziges Wort gewechselt worden wäre; endlich sagte Lewin, indem er
                  sich vorbeugte:</p>
               <p>»Gib mir deine Hand, Kathinka.«</p>
               <p>Sie tat es, und er bedeckte sie mit Küssen. »Ich kann nicht ohne dich leben«,
                  sprach er an ihrem Ohr. »Habe Mitleid mit mir; sage mir, daß du mich liebst. Ich
                  solle nicht töricht sein, schriebst du, und ich solle keine Gespenster sehen. Ach,
                  es ist an dir, Kathinka, sie zu bannen.«</p>
               <p>Sie schwieg. Und nur das Schnauben der Pferde und das Läuten der Glocken klang
                  durch die Öde hin. Lewin aber fühlte nichts als ihren Atem und hörte nichts als
                  das Hämmern seines eigenen Herzens.</p>
               <p>»Denkst du noch an Silvestertag, wo wir nach Guse fuhren und die Strophen
                  memorierten? Es war eine entzückende Fahrt, und ich war so glücklich.«</p>
               <p>Kathinka nickte.</p>
               <p>»Aber Tubal war damals mit uns, und ich sagte mir hundertmal in meinem Herzen:
                  ›Oh, daß wir doch allein wären!‹ Und nun sind wir allein, Kathinka... Du meintest,
                  ich fürchtete mich. Ja, man fürchtet sich vor seinem Glück.«</p>
               <p>Sie entzog ihm ihre Hand; er aber, wohl empfindend, daß es nicht im Unmut war,
                  fuhr in wachsender Erregung fort: »Ja, allein mit dir; darin liegt all mein Glück.
                  Ach, daß doch diese Stunde wüchse und mein Leben würde und daß ich so hinführe mit
                  dir über die Welt, in Schnee und Wind, und nichts fühlte als dein wehendes Haar an
                  meiner Stirn.«</p>
               <p>Es schien ihm, daß seine Worte nicht ungehört verklangen, denn in einem andern als
                  ihrem gewöhnlichen Tone sprach sie halbleise vor sich hin: »Gib mir die Zügel,
                  Lewin.«</p>
               <p>»Du hast sie, heut und immer.«</p>
               <p>»Aber ich brauch einen freieren Arm, um sie zu führen; hilf mir dazu.«</p>
               <p>
                  <pb/> Und er nahm ihr den leichten Seidenmantel von Arm und Schulter und legte die
                  Zügel in ihre Hand.</p>
               <p>Die Pferde, als empfänden sie die straffere Führung, griffen im Augenblicke
                  rascher aus, und der im Winde rückwärts wehende Mantel umflatterte Lewins
                  erglühendes Gesicht. Unendliche Sehnsucht erfüllte sein Herz und zuckte und
                  fieberte in jedem Tropfen seines Bluts, als Kathinka jetzt in der Wonne des
                  Fahrens und Dahinfliegens sich weiter in den Sitz zurückwarf und ihre Schulter
                  leicht an seine Brust lehnte. Aber die Scheu, die sein angeboren Erbteil war,
                  überkam ihn wieder, und es war ein einziger Kuß nur, den er zitternd auf ihren
                  Nacken drückte.</p>
               <p>So vergingen Minuten; dann sagte Kathinka: »Der Wind geht zu scharf, Lewin; hilf
                  mir wieder in meinen Mantel.« Es klang fast wie Spott. Er empfand es, aber
                  gehorchte.</p>
               <p>Nun schwiegen beide, und über die Havelbrücken hin flog ihr Schlitten. Die Sterne
                  standen winterklar am Himmel, die Schneefelder blinkten und blitzten, und bald
                  auch, in silbergrauem Dämmer, stiegen wieder die Kuppeln der Communs und die
                  breiten Massen des Neuen Palais vor ihren Blicken auf. Da war das Jägertor, und an
                  der alten Stelle warteten die Relais. Lewin und Kathinka waren die ersten; er half
                  ihr von ihrem Sitz und küßte ihr die Hand. Sie sah ihn groß an, aber freundlich,
                  und sagte nur, jedes Wort betonend: »Du bist ein Kind.«</p>
               <p>Nicht lange, so waren auch die anderen Schlitten heran; die Pferde wurden
                  gewechselt, die Plätze auch; Tubal nahm wieder den Sitz neben der Schwester.</p>
               <p>Und so ging es in neuem Jagen auf Berlin zu.</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Sechzehntes Kapitel</head>
               <head>Kathinka</head>
               <p>Die Wintersterne, die während der Lehniner Rückfahrt so funkelnd am Himmel
                  gestanden hatten, hatten einen hellen Tag versprochen, und dieser helle Tag war
                  nun da. Die Sonne, <pb/> wo sie scharf hinfiel, schmolz den Schnee von den
                  Dächern, und als sie gegen Mittag ihren höchsten Stand beinahe erreicht hatte, sah
                  sie scharf an dem Nikolaikirchturm vorbei in Kathinkas Zimmer hinein. Es war ein
                  so blendendes, in steiler Schrägung einfallendes Licht, daß das grüne Rouleau bis
                  zur Hälfte des hohen Fensters hatte herabgelassen werden müssen, aber auch jetzt
                  noch hatte jeder Gegenstand eine volle Beleuchtung, und diese war es, die samt den
                  mit frischen Hyazinthen besetzten Blumentischen den anheimelnden Eindruck
                  unterstützte, den das sorglich gehaltene Zimmer zu jeder Zeit zu machen pflegte.
                  Einiges in seiner Einrichtung war während der letzten zwei, drei Tage geändert
                  worden. Vor dem Sofa, auf dem an jenem Abende, wo die Lehniner Partie verabredet
                  worden war, die alte Exzellenz gethront und nach anfänglicher Kriegführung mit
                  beinahe jedem Mitgliede der Gesellschaft schließlich ihren Frieden mit allen
                  geschlossen hatte, fehlte heute der runde Tisch, über den hin damals der Streit
                  der Meinungen gegangen war, und nur ein großer Teppich lag statt dessen an eben
                  dieser Stelle ausgebreitet, ein Musterstück Brüsseler Weberei, auf dem Frau Venus
                  mit ihrem Taubengespann durch die Lüfte zog. Es war derselbe Teppich, dessen durch
                  Farbenpracht ausgezeichnetes Bild unsren Freund Lewin auf seiner Weihnachtsfahrt
                  nach Hohen-Vietz, wo wir zuerst seine Bekanntschaft machten, bis in seine Träume
                  hinein begleitet hatte. Denn sein letzter Besuch an jenem Tage hatte dem
                  Ladalinskischen Hause gegolten.</p>
               <p>Das lag nun einen Monat zurück, und heute war es das Auge Kathinkas, das sich vom
                  Sofa her auf dieses Teppichbild richtete. Aber sie sah es, ohne es zu sehen, denn
                  vor ihrer Seele standen andere Bilder, bunt und lachend, und doch ein tiefer
                  Schatten darüber hin. Was war es, das diesen Schatten warf?</p>
               <p>Es schien, daß jemand von ihr erwartet wurde, wenigstens horchte sie von Zeit zu
                  Zeit nach der Türe hinüber. Aber es blieb still, und in wachsender Unruhe erhob
                  sie sich endlich und schritt auf die Blumentische, dann auf den Stehspiegel zu,
                  <pb/> um das eine oder andere an ihrem Anzuge zu ändern. Es war eine
                  Morgentoilette, ähnlich jener, die sie am Tage ihrer Rückkehr aus Guse während
                  ihres Gesprächs mit dem Vater getragen hatte: ein weißbordierter dunkler
                  Morgenrock mit Pelerine und großen birnenförmigen Schnurösen, die in weiße
                  Perlmutterknöpfe einhakten. Niemand würde das Geringste an ihrer Erscheinung
                  vermißt haben, nur sie selber schien nicht zufrieden, ordnete ihr Haar immer
                  wieder und wechselte mit dem Musselintuch, das sie leicht geknüpft um den Hals
                  trug. Dann ging sie wieder auf das Sofa zu, warf sich in die eine Ecke desselben
                  und legte den Fuß auf ein Tabouret, das sie schon vorher auf den Teppich gestellt
                  hatte. In der Ecke lag ein Buch. Sie schlug es auf und versuchte zu lesen; aber
                  umsonst, sie konnte ihre Aufmerksamkeit nicht zwingen.</p>
               <p>In diesem Augenblicke trat der Graf unangemeldet ein, und sie zog den Fuß von dem
                  Kissen, ohne sonst ihre Haltung zu ändern. Es schien, daß sie sich an demselben
                  Morgen schon gesprochen hatten; kein Wort der Begrüßung wurde laut. Er trat an sie
                  heran und küßte ihr die Hand.</p>
               <p>»Und was bringst du?« fragte sie mit wiedergewonnener Ruhe.</p>
               <p>»Die Entscheidung.«</p>
               <p>»So sprich, erzähle«, fuhr sie fort, während sie mit dem Zeigefinger auf die
                  Fingerspitzen ihrer linken Hand tupfte. »Ich weiß alles und will es doch von dir
                  hören. Wie verlief es? Ich hoffe, daß dich nichts verletzt hat, kein Wort, keine
                  Miene.«</p>
               <p>»Nein«, antwortete der Graf, indem er sich auf das Tabouret setzte und Kathinkas
                  Hand in seine Linke nahm. »Er hörte mich ruhig an. Als ich geendet, legte er das
                  Elfenbeinmesser, mit dem er nach seiner Gewohnheit spielte, beiseite und sagte,
                  ich glaube, wörtlich: ›Ich bin nicht überrascht, Graf; ich habe diesen Antrag
                  erwartet, offen gestanden, gefürchtet. Sie wissen ohne Versicherung, daß sich
                  diese Bemerkung nicht gegen Ihre Person richtet. Ihnen den vollkommensten Beweis
                  <pb/> davon zu geben wäre leicht, wenn ich nicht Punkte dabei berühren und
                  Bedingungen stellen müßte, die Sie nach einer andern Seite hin verletzen und Ihre
                  Zustimmung nie finden würden.‹«</p>
               <p>Kathinka lächelte.</p>
               <p>»Das alte Lied«, sagte sie.</p>
               <p>»Ja«, fuhr Bninski fort, »er will mit Polen, mit unserem Lande, ein für allemal
                  gebrochen haben, und daß ich es kurz mache, er schloß damit, daß eine Verbindung
                  zwischen uns aus zwei Gründen untunlich und, wie er glaube, unmöglich sei: des
                  Hofes halber und seiner Erinnerungen halber. Das letztere begreif ich, das erstere
                  nicht.«</p>
               <p>»Und doch ist beides in einem Zusammenhang«, antwortete Kathinka, »dies
                  Zugeständnis sind wir ihm schuldig. Er bedarf des Hofes. Weil er die Brücken
                  abgebrochen und sich und uns, sei es mit Recht oder Unrecht, aus dem heimischen
                  Boden in einen fremden verpflanzt hat, kann er besonderer günstiger Bedingungen
                  nicht entbehren, um in dem fremden Boden aufs neue Wurzel zu schlagen. Unter
                  diesen günstigen Bedingungen aber, wie ich dir nicht erst zu sagen brauche, steht
                  der Sonnenschein des Hofes obenan.«</p>
               <p>»Vielleicht«, sagte Bninski, »oder meinetwegen auch gewiß. Es bleibt schließlich
                  doch, wie es ist, und ich faß es nicht, warum er gerade diesen Boden wählte. Und
                  daß er ihn wählte, das entscheidet nun über uns. Denn was er anzudeuten schien,
                  einen Friedensschluß auch meinerseits mit diesem Lande zu machen, nie, nie,
                  Kathinka. Auch nicht um dich.«</p>
               <p>Er blieb stehen und schlug heftig die Finger ineinander. Dann, als ob er sich die
                  Verkehrtheit des alten Ladalinski in einer Art Selbstgespräch klarzumachen suche,
                  sprach er vor sich hin: »Was zog ihn nur hierher? Gerade ihn? Es bleibt ein Rätsel
                  und ein Widerspruch. Denn er hat einen Überschuß von jenem Edelsinn, dessen
                  gänzliches Fehlen in diesem Lande mir dieses Land so widerwärtig macht. Er ist
                  großer Opfer und großer Entschlüsse fähig, und selbst der unheilvolle Schritt, der
                  ihn in die Selbstverbannung trieb, trägt immer noch den Stempel <pb/> der
                  Entsagung an der Stirn. Und was herrscht nun hier? Der Vorteil, der Dünkel, die
                  großen Worte!«</p>
               <p>»Auch du singst dein altes Lied«, sagte Kathinka.</p>
               <p>Aber Bninski hörte nicht, und ohne die Stellung zu wechseln, fuhr er in wachsender
                  Erregung fort: »Er ist ein Pedant. Da war er freilich hier am Ort. Denn alles, was
                  hier in Blüte steht, ist Rubrik und Formelwesen, ist Zahl und Schablone, und dazu
                  jene häßliche Armut, die nicht Einfachheit, sondern nur Verschlagenheit und
                  Kümmerlichkeit gebiert. Karg und knapp, das ist die Devise dieses Landes. Ich war
                  noch ein Kind, da las ich auf der Krakauer Schule von den Alten-Fritzischen
                  Grenadieren, daß sie Westen getragen hätten, die gar keine Westen waren, sondern
                  nur rote dreieckige Tuchstücke, die gleich an den Uniformrock angenäht waren. Und
                  wahr oder nicht, diese dreieckigen Tuchlappen, ich sehe sie hier in allem, in
                  Kleinem und Großem. Angenähtes Wesen, Schein und List, und dabei die
                  tiefeingewurzelte Vorstellung, etwas Besonderes zu sein. Und woraufhin? Weil sie
                  jene Rauf- und Raublust haben, die immer bei der Armut ist. Nie ist es satt,
                  dieses Volk; ohne Schliff, ohne Form, ohne alles, was wohltut oder gefällt, hat es
                  nur ein Verlangen: immer mehr! Und wenn es sich endlich übernommen hat, so stellt
                  es das Übriggebliebene beiseite, und wehe dem, der daran rührt. Seeräubervolk, das
                  seine Züge zu Lande macht! Aber immer mit Tedeum, um Gott oder Glaubens oder
                  höchster Güter willen. Denn an Fahneninschriften hat es diesem Lande nie
                  gefehlt.«</p>
               <p>»Ich erkenne dich nicht mehr«, unterbrach ihn Kathinka. »Du sprichst dich aus dem
                  Recht in das Un recht hinein. Du fühlst selbst die Übertreibung, zu der dich
                  Vorurteil und Bitterkeit fortreißen.«</p>
               <p>»Nein, ich übertreibe nicht. Ich lese nur die Rückseite der Medaille, weil ich sie
                  lesen will. Mag ein anderer sie wieder umkehren und sich an der obenaufliegenden
                  Herrlichkeit erfreuen, Bild oder Schrift, ich bin es zufrieden. Es mag etwas
                  Großes damit sein, nur nicht für mich und auch nicht für ihn«, und dabei wies er
                  mit der Linken nach dem an der entgegengesetzten <pb/> Seite des Hauses gelegenen
                  Zimmer des Geheimrates hinüber. »Auch nicht für ihn, sag ich, denn er ist Pole vom
                  Wirbel bis zur Zeh. Er täuscht mich nicht mit seiner loyalen Preußenmiene.
                  Preußen! Warum gerade Preußen, das uns zuerst um dreißig Silberlinge
                  verschacherte. Jetzt ist es freilich selber an die Kette gelegt; aber auf wie
                  lange ...? Preußen! Preußen! Warum nicht Frankreich? Warum nicht Rußland,
                  grundschlecht, wie es ist! In seiner Sündenblüte hat es doch wenigstens den Mut,
                  sich zu seinen Taten zu bekennen. Aber nein, es mußte Preußen sein. Und dieses
                  Preußen, in dem der Ladalinskistamm, einer Einbildung, einer Marotte zuliebe, neu
                  blühen und Wurzel schlagen soll, das tritt nun zwischen dich und mich, und um des
                  vielleicht ausbleibenden Lächelns dreier Prinzlichkeiten willen geht in dieser
                  Zeit, in der Gott sei Dank mehr Prinzen auf den Schlachtfeldern als in fürstlichen
                  Wochenstuben geboren werden, unser Glück wie eine Feder in die Luft. Soll es das,
                  Kathinka?! Bist du entschlossen?«</p>
               <p>Sie schwieg.</p>
               <p>»Lieben wir uns?«</p>
               <p>»Du sagst es.«</p>
               <p>»So seh ich nur einen Weg. Und du wirst den Entschluß dazu fassen können. So denk
                  ich, so hoff ich.«</p>
               <p>Kathinka legte die Hand an ihre Stirn; dann, als entsänne sie sich auf etwas
                  Zurückliegendes, sagte sie: »Ich versprach ihm, nichts zu tun, das seine Stellung
                  untergraben oder seine Zugehörigkeit zu diesem Lande neuen Verdächtigungen
                  aussetzen könnte.«</p>
               <p>»Und dies Versprechen wirst du halten. Die Flucht wirft alle Schuld auf uns.«</p>
               <p>»Und doch ist ein Schwanken in mir«, fuhr Kathinka fort »Nicht, daß ich vor meinem
                  Anteil an dieser Schuld erschräke. Du weißt, wie ich bin, und was an Furcht in mir
                  ist, geht unter in der Lust am Wagnis. Also nicht um mich. Aber um deinetwillen;
                  aus Liebe zu dir. Du sollst nicht in einem falschen Lichte dastehen. Und du wirst
                  es. Wie bittere Worte werden fallen... von Tubal...«</p>
               <p>
                  <pb/> »... von Lewin...«</p>
               <p>»Nenne nicht seinen Namen. Es schmerzt mich; denn es ist keiner, den ich mehr
                  gequält und dem ich tiefer verschuldet wäre. Und nun tu ich ihm das Schwerste! Er
                  liebte mich, und ich war ihm gut von Jugend auf. Das ist nun vorbei. Aber du
                  irrst, wenn du glaubst, daß bittere Worte von seinen Lippen kommen werden. Nicht
                  von ihm: aber die andern! Erinnere dich des Ballabends, als du von General Yorcks
                  Kapitulation hörtest, und denke deines spöttischen ›Sans doute‹, womit du der
                  alten Exzellenz ihre feierliche Geschichte von dem kronprinzlichen
                  Einsegnungsringe verdarbst. Was war die Meinung von alledem? Eine tiefe Verachtung
                  gegen das, was sich hierlandes als ›deutsche Treue‹ gibt. Und nun frag ich dich,
                  üben wir die Treue, übst du sie?«</p>
               <p>»Auch nicht ihr Gegenteil«, antwortete Bninski.</p>
               <p>Kathinka schüttelte den Kopf.</p>
               <p>Der Graf aber fuhr fort: »Und wenn es wäre, wie du meinst, Kathinka, so sprich ein
                  Wort und laß es mich einsehen, daß es so ist, und ich will dem, was ich tue, kein
                  Mäntelchen umhängen. Ich bin kein Ritter von La Mancha, der die Untreue aus der
                  Welt herausfechten will; ich will sie nicht abschaffen, am wenigsten will ich die
                  Vorstellung großziehen, daß ich ihr persönlich entwachsen sei oder über ihr
                  stünde. Untreue! sie war das Erste und wird das Letzte sein; ich erschrecke nicht
                  vor dem Wort und nicht einmal vor der Tat. Aber das Tugendgesicht, das sie
                  hierzulande annimmt, das haß ich. Was mir zuwider ist, das ist die Lüge. Und das
                  eine weiß ich: es ist nicht Lüge, wenn ich das, was geschehen soll, weder
                  Vertrauensbruch noch Untreue, wohl aber Zwang und Konsequenz und Notwehr nenne.
                  Zug um Zug. Gegen das gekünstelte und mißbräuchlich geübte Recht deines Vaters,
                  das uns zum Opfer mir unbegreiflicher Rücksichten machen will, setzen wir unser
                  natürliches Recht, das Recht unserer Neigung.«</p>
               <p>Eine kurze Pause folgte, und nur um das peinliche Schweigen zu unterbrechen, fügte
                  der Graf hinzu: »Sieh auf die Zukunft, Kathinka. Es kommen bessere Tage. Er wird
                  sich hineinfinden; <pb/> das unabänderlich Geschehene bekehrt besser als tausend
                  bittende Worte.«</p>
               <p>»Du verkennst ihn«, sagte sie, »er hat den ganzen Eigensinn der Gütigen und
                  Schwachen. Ich darf es aussprechen, denn er war schwach gegen mich von Jugend auf.
                  Er wird uns nicht hassen, seine Liebe zu mir wird unerschüttert bleiben, aber er
                  wird sich mit dem Geschehenen nicht versöhnen und wird nicht Frieden mit uns
                  schließen. Ich weiß, was ich tue. Es ist ein Scheiden auf Nichtwiedersehen !«</p>
               <p>Der Graf schritt auf und ab. Als er wieder an das Sofa trat, nahm sie seine Hand
                  und sagte, mit einem Ausdruck zu ihm aufblickend, der ihr sonst fremd war: »Und so
                  sei es denn, Jarosch! Ich fühle, es ist beschlossen, und nicht bloß durch uns. Wir
                  erben alles: erst das Blut und dann die Schuld. Ich war immer meiner Mutter Kind.
                  Nun bin ich es ganz. Sei gut mit mir. Ich habe nur noch dich.«</p>
               <p>Und sie warf sich an seine Brust.</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Siebzehntes Kapitel</head>
               <head>Bei Hansen-Grell</head>
               <p>Zwei Tage nach diesem Gespräch zwischen Kathinka und Bninski saß Lewin in Briefen,
                  die der Erledigung harrten. Einige, darunter Zeilen von Doktor Faulstich und Tante
                  Amelie, lagen schon so lange unter dem Stein, daß er ihre Beantwortung nicht wohl
                  weiter hinausschieben und den Nichtbesuch seiner drei Vorlesungen, denn es war
                  wieder Freitag, sich eher zum Verdienst als zur Versäumnis anrechnen konnte. Die
                  Hulen, die von Zeit zu Zeit auf ihren altberlinischen, aus allerlei Tuchecken
                  zusammengenähten Filzschuhen durch das Zimmer ging, sah mit Kopfschütteln, wie die
                  Zahl der auf dem Sofatisch ausgelegten Briefe von Viertelstunde zu Viertelstunde
                  wuchs, einige noch nicht fertig und nur erst auf der ersten Seite beschrieben.
                  Denn Lewin haßte das Aufstreuen, ein Punkt, in dem er ausnahmsweise mit Kathinka
                  übereinstimmte.</p>
               <p>
                  <pb/> »Ein Liebesbrief mit aufgestreutem Sand«, pflegte diese zu sagen, »da wird
                  die Liebe gleich mit verschüttet und begraben.«</p>
               <p>Er schrieb schon zwei Stunden, aber der Hauptbrief war noch ungeschrieben, der an
                  Renate. Er hatte ihn sich bis zuletzt aufgespart; das Plaudern mit der Schwester
                  sollte ihn schadlos halten für die Mühen oder gar den Zwang alles dessen, was
                  voraufgegangen war. Der Brief an Faulstich war eine literarische Abhandlung, der
                  an Tante Amelie wie gewöhnlich ein Eiertanz gewesen; das lag nun endlich hinter
                  ihm, und er konnte sich erholen und die Feder frei laufen lassen.</p>
               <p>»Liebe Renate!« so schrieb er, »wir haben heute den 29., und es ist nicht ohne
                  Beschämung, daß ich auf das Datum Deines Briefes aus der Mitte des Monats sehe.
                  Meine flüchtige Antwort darauf war keine Antwort. Laß mich versuchen, Versäumtes
                  nachzuholen.</p>
               <p>Diese und die letzte Woche, wie Du aus den Zeitungen ersehen haben wirst, haben
                  allerlei Dinge von Wichtigkeit gebracht; was Papa mir schrieb, hat sich bestätigt.
                  Der Einsegnung des Kronprinzen folgte die Abreise des Königs nach Breslau; der
                  ganze Hof begleitete ihn, auch die Garden. Potsdam ist seitdem wie ausgestorben,
                  wovon wir uns bei Gelegenheit einer nach Lehnin hin unternommenen Partie durch den
                  Augenschein überzeugen konnten. Von dieser Partie, die letzten Dienstag stattfand,
                  möchte ich Dir nun wohl erzählen. Du weißt, oder vielleicht auch nicht, daß Lehnin
                  ein altes Zisterzienser-Kloster ist; die meisten der Askanier wurden dort
                  begraben, auch einige von den Hohenzollern; Johann Cicero, wenn ich nicht irre,
                  und Joachim Nestor. Aber diese beiden standen kaum in ihrer Gruft, so kam die
                  Säkularisation, und ihre großen Metallsärge wanderten aus der Klosterkrypta in die
                  Krypta des Berliner Doms. Es gibt auch eine Lehninsche Weissagung, ›Vaticinium
                  Lehninense‹, hundert lateinische Verse, die den Untergang der Hohenzollern und die
                  Wiederaufrichtung des katholischen Glaubens in Mark Brandenburg prophezeien; aber
                  alles sehr dunkel und unbestimmt, so daß man,<pb/> wie so oft, bei einigem guten
                  Willen auch gerade das Gegenteil herauslesen kann. Auf dieses Lehnin nun war in
                  voriger Woche das Gespräch gekommen, und der Geheimrat, der einige Verse aus der
                  ihm durch unseren alten Direktor Bellermann vor Jahr und Tag schon bekannt
                  gewordenen Weissagung rezitierte, verriet plötzlich einen lebhaften, an ihm ganz
                  ungewohnten Enthusiasmus, das Kloster kennenzulernen. Bei aller Hochachtung gegen
                  ihn möcht ich im Vorübergehen doch die Vermutung aussprechen, daß er sich in dem
                  Gedanken gefiel, an Ort und Stelle seine Vorträge fortsetzen und uns durch eine
                  Art mittelalterlicher Klassizität imponieren zu können. Aber sein Enthusiasmus
                  hielt nicht vor, und als der Dienstag herankam, stand er von der Teilnahme ab.
                  Jürgaß war schon vorher zum Reisemarschall ernannt worden. Natürlich durch
                  Kathinka. Außer ihr und dem engeren Ladalinskischen Kreise waren die Grafen
                  Matuschka, Seherr-Toß und Zierotin samt ihren jungen Frauen mit von der Partie. Es
                  gab eine Überraschung nach der andern; Jürgaß bewährte seinen alten Ruf als
                  Festordner; die Matuschka war reizend, und ich hatte den Triumph, Kathinka
                  eifersüchtig zu sehen. Auf der Rückfahrt fuhren wir eine hübsche Strecke zusammen.
                  Ich sagte ihr herzliche Worte, vielleicht mehr als das, und sie nahm sie
                  freundlich auf. Bninski verläßt uns bald; er geht auf seine Güter und von da nach
                  Warschau, um sich dem Vizekönig, mit dem er befreundet ist, zur Verfügung zu
                  stellen. Zu Poniatowski steht er nicht gut. Es wäre Torheit, wenn ich wegleugnen
                  wollte, daß ich den Tag seiner Abreise herbeiwünsche. Kathinka zeichnet ihn aus;
                  aber es ist nicht ihre Art, sich mit Abwesenden zu beschäftigen oder Erinnerungen
                  zu leben. Sie gehört der Stunde, und die Stunde, so scheint es, ist mir günstig.
                  Ich glaube wieder an die Möglichkeit meines Glücks. Sie schrieb mir neulich: ›Sieh
                  nicht Gespenster, Lewin.‹</p>
               <p>Und nun laß mich fragen, wie steht es in Hohen-Vietz? Was machen die Freunde:
                  Seidentopf, die Schorlemmer, Marie? Denke Dir, ich träumte diese Nacht von ihr,
                  und als was sah ich sie? Als Braut. In einem langen, langen Schleier stand sie vor
                  <pb/> dem Altar; aber es war nicht der Altar der Hohen-Vietzer Kirche. Ihr Kleid
                  war weiß und leicht wie der Schleier und mit Sternchen übersät. Sie sah sehr schön
                  aus, und wer meinst Du, daß ihr Bräutigam war? Drosselstein. Nicht unser alter,
                  sondern ein junger; groß und schlank und in eine Uniform gekleidet, in der ich
                  unseren Hohen-Ziesarschen Freund nie gesehen habe. Als ich mich heute früh des
                  Traumes entsann, mußt ich an das denken, was Du so oft über Marie gesagt hast: Du
                  würdest dich nicht wundern, eine goldene Kutsche bei Kniehases vorfahren und die
                  kleine Prinzessin mit verweinten und zugleich freudestrahlenden Augen neben ihrem
                  Prinzen Platz nehmen zu sehen. Du hast ihr Wesen darin getroffen. Es war doch nur
                  in der Ordnung, daß sie Othegravens Antrag ablehnte. Damals mißbilligte ich es; es
                  schien mir eine Unklugheit, wenn nicht Schlimmeres. Aber ich hab ihr unrecht
                  getan. Er ist aus Münsterland, und sie ist aus Feenland, und alles Westfälische
                  ist der letzte Fleck der Erde, mit dem sich die Feen befreunden können.</p>
               <p>An Faulstich und Tante Amelie habe ich heute früh geschrieben. Wenig zu meiner
                  Zufriedenheit. Die Briefe an die Gräfintante passen mir nie; ich weiß nicht, woran
                  es liegt. Ich sollte mir einen Sammelkasten für Anekdoten und Bonmots anlegen und
                  diesen Kasten einfach ausschütten, wenn ich einen Brief an die Tante zu schreiben
                  habe. Aber dergleichen kann ich nicht. Ich leide mitunter unter meiner
                  Schwerfälligkeit, und um so mehr, als es derselbe Zug ist, den mir Kathinka nicht
                  verzeiht.</p>
               <p>Ich werde sie heute abend sehen, auch Tubal. Dieser ist viel mit Bninski und dem
                  Rittmeister von Hirschfeldt zusammen, einem ausgezeichneten Offizier, der in
                  Spanien war (auf englischer Seite), was aber nicht hindert, daß er sich mit dem
                  Grafen befreundet hat. Das letzte Mal, daß ich Tubal sah, es war in Lehnin;
                  während wir die Kirche besuchten, fragte er mich: ›Wann reisen wir nach
                  Hohen-Vietz?‹ Ich lasse dahingestellt sein, ob ihm dabei die Enrollierung in das
                  Landsturmbataillon Lebus oder seine Cousine Renate mehr am Herzen lag.</p>
               <p>
                  <pb/> Und nun lebe wohl. Ich sehe heiterer in die Zukunft als seit lange. Alles
                  läßt sich gut an, das Große und das Kleine. Und das Kleine ist die Hauptsache,
                  denn es ist das Ich. Gruß an Papa und die Freunde.</p>
               <!--milestone hi_start-->
               <p>Dein Lewin«</p>
               <!--milestone hi_end-->

               <p>Es war inzwischen ein Uhr geworden, und da sein Mittagsweg ihn ohnehin an dem
                  großen Postgebäude vorüberführte, so unterzog sich Lewin der Mühe, die fünf
                  Briefe, die das Ergebnis dieses Vormittags waren, selbst am Schalter abzugeben.
                  Neben der Post war das Ladalinskische Haus; er sah hinauf, aber in allen Zimmern
                  der ersten Etage, auch in dem des Geheimrats, waren die Rouleaux herabgelassen. Er
                  sann einen Augenblick nach, was die Ursache davon sein könne, vergaß aber den
                  gehabten Eindruck wieder, als er an der Ecke der Stechbahn Jürgaß begegnete, mit
                  dem er nun ein kurzes Gespräch über die nächste Kastaliasitzung führte.</p>
               <p>»Auf Dienstag!« damit trennten sie sich, und Lewin, nachdem er in der Taubenstraße
                  an alter Stelle sein einfaches Mittagsmahl eingenommen hatte, ging auf die lange,
                  der ehemaligen Berliner Stadtmauer entsprechende Wallstraße zu, von der aus er –
                  in nur geringer Entfernung vom Spittelmarkt – in die aus alten und stattlichen,
                  aber freilich auch heruntergekommenen Häusern bestehende Kreuzgasse einbog.</p>
               <p>In einem dieser alten und stattlichen Häuser wohnte Hansen-Grell, zu dem sich
                  Lewin um seiner Schlichtheit und kaum minder um seines romantischen, eben dieser
                  Schlichtheit fast widersprechenden Zuges willen von Anfang an in hohem Maße
                  hingezogen gefühlt hatte. Eine Aufforderung zu einem Besuche war nie ausgesprochen
                  worden, aber als sie vor zwei Tagen, wo ein Zufall sie zusammengeführt, sich nach
                  längerem und sehr eingehendem Geplauder wieder getrennt hatten, hatte Lewin den
                  Entschluß gefaßt, diesen Besuch in Grells Wohnung auch ohne Aufforderung zu
                  machen. Es war ein Hochparterre. Acht oder zehn Steinstufen, ausgelaufen und von
                  einem verbogenen Eisengeländer eingefaßt, führten hinauf. An der Tür, mit <pb/>
                  dicker Feder auf ein halbes Kartenblatt geschrieben, stand Hansen-Grell.</p>
               <p>Lewin klopfte.</p>
               <p>»Herein!«</p>
               <p>Es war eine in drei Felder geteilte, nur mit dem vordersten Drittel sich öffnende
                  Tür, gerade breit genug, einen Menschen mit seiner Schmalseite hindurchzulassen.
                  Lewin passierte das Defilee und befand sich in einem großen, wohl vierzehn Fuß
                  hohen Raum, in dem er auf den ersten Blick nichts weiter als vier kahle,
                  gelbgetünchte Wände und einen ungeheuren schwarzen Kachelofen erkennen konnte.
                  Zugleich hatten sich vier lange, schmale Gardinenstreifen, bei dem durch das
                  Öffnen der Tür entstandenen Luftzug, in eine langsam schwerfällige Bewegung
                  gesetzt. Aber dieser Eindruck des Kahlen und Öden blieb nicht lange, und die
                  gemütlicheren Elemente kamen zu ihrem Recht. In dem von innen her geheizten Ofen
                  war der Torf so weit niedergebrannt, daß der Anblick der in blauen Flämmchen
                  zuckenden Glut mit diesem unschönsten aller Heizungsmateriale wieder aussöhnen
                  konnte, und von dem danebenstehenden, mit Büchern überdeckten Klapptisch stiegen
                  kleine, sich kräuselnde Wölkchen auf und zogen dem Eintretenden wie ein
                  freundlicher Gruß entgegen. Hansen-Grell war bei der Präparation seines
                  Nachmittagkaffees.</p>
               <p>»Einen Augenblick noch«, rief er, und den Topf mit kochendem Wasser, den er nur
                  halb geleert hatte, wieder in die Glut des Ofens schiebend, trat er jetzt Lewin
                  entgegen und reichte ihm die noch halb rußige Hand, nachdem er sie durch einen
                  energischen Strich über den Ärmel seines Flausrocks hin wenigstens aus dem
                  Gröbsten herausgebracht hatte.</p>
               <p>»Ich freue mich herzlich, Sie zu sehen,« sagte er, »besonders zu dieser Stunde, wo
                  die Ofenglut und der dampfende Kaffee die Honneurs des Hauses machen. Sie trinken
                  mit. Ich bin, wie Sie sehen, etwas beschränkt im Wirtschaftlichen, aber was Tassen
                  angeht, kann ich mit jeder Klatschbase konkurrieren.«</p>
               <p>Lewin wollte erwidern, aber Hansen-Grell fuhr fort: »O nicht doch; fürchten Sie
                  nicht, mich zu benachteiligen; hier ist <pb/> der Kaffee und dort das Wasser. Ich
                  könnte die ganze Kastalia bewirten, ohne jede Gefahr persönlicher Einbuße. Ich
                  bitte Sie, nehmen Sie Platz, während ich nach meiner besten Meißner suche. Sie
                  sollen die vergoldete haben, mit einem Amor und einer Schäferin, die lacht und
                  weint, weil sie schon getroffen ist. Können Sie sich denken, daß ich eine Passion
                  für solche Spielereien habe? Es ist noch ein Nachklang aus meinen Kopenhagener
                  Tagen her. Der alte Graf war ein leidenschaftlicher Sammler.«</p>
               <p>Bei diesen Worten hatte sich Hansen-Grell an einen auf den ersten Blick nicht
                  wahrnehmbaren Schrank gemacht, der in einer der dicken Wände mittendrin steckte,
                  und suchte hier nicht bloß nach der versprochenen Meißner Tasse, sondern behufs
                  besserer Repräsentation auch nach einer Zuckerschale, die er auf einem der Bretter
                  oben oder unten gesehen zu haben sich deutlich entsann. Er persönlich hatte das
                  Tütenprinzip.</p>
               <p>Lewin war inzwischen der Aufforderung seines in halber Verlegenheit immer
                  weitersprechenden Wirtes gefolgt und hatte, die Gardinen zurückschlagend, in einer
                  der tiefen Fensternischen Platz genommen. Hier standen zwei Binsenstühle, auf
                  deren einem ein paar aufgeschlagene Bücher lagen, und während Hansen-Grell – der
                  die Zuckerschale noch immer nicht entdeckt hatte – sein mehr und mehr in bloße
                  Verwunderungsausrufe sich auflösendes Gespräch fortsetzte, nahm Lewin eines der
                  kleinen Bändchen zur Hand und sah hinein. Es waren Hölderlins Gedichte. Auf einer
                  der aufgeschlagenen Seiten standen vier Zeilen.</p>


               <l>In jüngeren Tagen war ich des Morgens froh,</l>
               <l>Des Abends weint ich; jetzt, da ich älter bin,</l>
               <l>Beginn ich zweifelnd meinen Tag, doch</l>
               <l>Heilig und heiter ist mir sein Ende.</l>


               <p>Lewin empfing einen bedeutenden Eindruck von diesen Zeilen, aber es war dafür
                  gesorgt, daß er sich ihm nicht lange hingeben konnte. Hansen-Grell hatte
                  mittlerweile alles gefunden, was ihm wünschenswert er schien, und präsentierte
                  jetzt, <pb/> nachdem er, ängstlich die Diele haltend, den weiten Weg zwischen Ofen
                  und Fenster zurückgelegt hatte, seinem Gaste eine bis an den Rand hin gefüllte
                  Tasse Kaffee.</p>
               <p>Dieser nahm, schlürfte und lobte und sagte dann: »Ich bin überrascht, Sie bei
                  Hölderlin zu finden. Nach dem Bilde, das ich mir von Ihnen gemacht habe, mußten
                  Sie mit der ›ums Morgenrot fahrenden Lenore‹ für dieses und jenes Leben verbunden
                  sein. Ich kann Ihnen auch allenfalls den ›Wilden Jäger‹ oder die ›Chevyjagd‹
                  gestatten, aber Hölderlin? Nein.«</p>
               <p>Hansen-Grell hatte sich auf den gegenüberstehenden Binsenstuhl gesetzt und sagte,
                  während er seine beiden Hände auf das bequem übergeschlagene Knie legte: »Sie
                  berühren da einen feinen Punkt, wenn Sie wollen, einen Widerspruch in meiner
                  Natur. Vielleicht auch in mancher andern. Es ist ganz richtig, daß ich meiner
                  Empfindung und, wenn ich von so Unbedeutendem sprechen darf, auch meiner Dichtung
                  nach ganz in die neue Schule hineingehöre; ich halte es wohl oder übel mit den
                  Romantikern und werde nie von etwas anderem träumen als von nordischen
                  Prinzessinnen und siegreichen Schlangentötern. Und wird es mir gelegentlich des
                  romantischen Apparates zuviel, so pfleg ich mich, nach der Lehre vom Gegensatz,
                  mit einer Art Passion auf Rokokodinge zu werfen und vor Puder und Reifrock nicht
                  zu erschrecken. Aber etwas Klassisches nie, weder nach Form noch Inhalt.«</p>
               <p>Lewin lächelte und wies auf das zwischen ihnen liegende Buch.</p>
               <p>»Ich komme darauf«, fuhr Hansen-Grell fort, »das ist es ja eben, was mich von
                  einem Widerspruche sprechen ließ. Ich werde nie klassisch empfinden, nie auch nur
                  den Versuch machen, einen Hexameter oder gar eine alkäische Strophe aufzubauen,
                  und doch, wo immer ich mit dieser Welt des Klassischen in Berührung komme, fühl
                  ich mich in ihrem Banne und sehe, solange dieser Zauber anhält, auf alles
                  Volksliedhafte wie auf bloße Bänkelsängereien herab. Ich habe dann plötzlich aller
                  naiven Dichtung gegenüber ein Gefühl, als ob ich hübsche Dorfmädchen auf einem
                  Hofball erscheinen sähe; sie bleiben <pb/> hübsch, aber die Buntheit und die
                  Willkürlichkeit ihres Aufputzes läßt selbst ihren wirklichen Reiz als
                  untergeordnet erscheinen.«</p>
               <p>»Ich kann Ihnen darin nicht zustimmen«, erwiderte Lewin, »Sie sprachen schon
                  selbst das Wort aus, auf das es mir anzukommen scheint, ›solange der Zauber
                  anhält‹. Da liegt es. Auch in der Kunst gilt das ›Toujours perdrix‹, und jedes
                  Zuviel weckt das Verlangen nach einem Gegenteil.«</p>
               <p>»Möglich, daß Sie es mit dem Toujours perdrix getroffen haben«, sagte
                  Hansen-Grell, »aber nach meiner eigenen persönlichen Erfahrung muß ich es doch in
                  etwas anderem suchen. Vielleicht haben Sie Ähnliches beobachtet. Unsere
                  dichterische Produktion, und das ist der Punkt, auf den ich Gewicht lege,
                  entspricht unserer Natur, aber nicht notwendig unserem Geschmack. Dieser kann sich
                  über jene erheben. Wollen wir einen Einklang herstellen, soll unser Geschmack, der
                  unsere Lektüre bestimmt, auch unsere Produktion bestimmen, so läßt uns die Natur,
                  die andere Wege ging, im Stich, und wir scheitern. Wir haben dann unseren Willen
                  gehabt, aber das Geborene ist tot.«</p>
               <p>Lewin wollte antworten, Hansen-Grell indes fuhr in Entwickelung seines Gedankens
                  mit Lebhaftigkeit fort: »Im übrigen, was unseren schwäbischen Hyperion angeht«,
                  und dabei schlug er mit dem Finger auf das vor ihm liegende Bändchen, »so löst
                  sich der Widerspruch, den ich Ihnen anfänglich zugestand, auf eine vielleicht viel
                  einfachere Weise. Hölderlin, aller Klassizität seiner Form unerachtet, ist
                  Romantiker von Grund aus. Darf ich Ihnen meine Lieblingsstrophen vorlesen?«</p>
               <p>»Ich bitte darum.«</p>
               <p>Es dunkelte schon. Da Hansen-Grell aber die Strophen so gut wie auswendig wußte,
                  so genügte jede Beleuchtung, und er las:</p>


               <l>»Nur einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen,</l>
               <l>Und einen Herbst zu reifem Gesange mir,</l>
               <l>Daß williger mein Herz, vom süßen</l>
               <l>Spiele gesättiget, dann mir sterbe!</l>



               <pb/>
               <l>Die Seele, der im Leben ihr göttlich Recht</l>
               <l>Nicht ward, sie ruht auch drunten im Orkus nicht;</l>
               <l>Doch ist mir einst das Heil'ge, das am</l>
               <l>Herzen mir liegt, das Gedicht, gelungen:</l>



               <l>Willkommen dann, o Stille der Schattenwelt!</l>
               <l>Zufrieden bin ich, wenn auch mein Saitenspiel</l>
               <l>Mich nicht hinabgeleitet; einmal </l>
               <l>Lebt ich wie Götter, und mehr bedarf's nicht.«</l>


               <p>Er legte das Buch aus der Hand und fuhr ohne Pause fort: »Das sind alkäische
                  Strophen, klassisch in Bau und Form, und doch klingt es in ihnen romantisch trotz
                  Orkus und aller Schatten- und Götterwelt der Klassizität.« Nun erst sah er auf
                  Lewin.</p>
               <p>Dieser schwieg noch immer. Aber sein Schweigen sagte mehr, als es die
                  enthusiastischsten Worte gekonnt hätten. Endlich sprach er vor sich hin: »Wie
                  schön, und wie ist die Stimmung getroffen!«</p>
               <p>»Ja, das ist's«, nahm Grell noch einmal das Wort. »Die Stimmung ist getroffen; und
                  darauf kommt es an, das entscheidet. Es ist jetzt Mode, von Stimmung zu sprechen
                  und von In-Stimmung-Kommen. Aber das In-Stimmung-Kommen bedeutet noch nicht viel.
                  Erst der, der die ihm gekommene Stimmung: das rätselvoll Unbestimmte, das wie
                  Wolken Ziehende, scharf und genau festzuhalten und diesem Festgehaltenen doch
                  zugleich auch wieder seinen zauberischen, im Helldunkel sich bewegenden
                  Schwankezustand zu lassen weiß, erst der ist der Meister.«</p>
               <p>Lewin nickte, aber zerstreut. Er hatte offenbar nur mit halbem Ohre hingehört und
                  wiederholte statt aller andern Antwort nur die Schlußworte des Liedes: »Einmal
                  lebt ich wie Götter, und mehr bedarf's nicht.«</p>
               <p>Hansen-Grell war aufgestanden, und sein unschönes Gesicht mit dem kurzen Strohhaar
                  und den geröteten Lidern verklärte sich von innen heraus zu wirklicher Schönheit.
                  »Ob Lied <pb/> oder Liebe, ob Freiheit oder Vaterland, einmal leben wie Götter und
                  dann – sterben. Sterben bald, ehe das große Gefühl der Erinnerung verblaßt.«</p>
               <p>Sie sprachen noch eine Weile, beide sich in dieselben Vorstellungen vertiefend;
                  dann sagte Lewin: »Lassen Sie uns gehen, Grell, draußen hängt noch das Abendrot;
                  es plaudert sich besser im Freien.«</p>
               <p>Und damit verließen sie das Haus und gingen über den Opernplatz auf den Lustgarten
                  und die Schloßfreiheit zu.</p>
               <p>Hinter der Sophienkirche ging eben die Mondsichel auf.</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Achtzehntes Kapitel</head>
               <head>Fort!</head>
               <p>Um die sechste Stunde war Lewin wieder in seiner Wohnung; das Gespräch, das er mit
                  Hansen-Grell geführt, klang noch in seiner Seele nach. Die schöne Macht des
                  Idealen, durch einfache Verhältnisse mehr unterstützt als beeinträchtigt, war ihm
                  nie reiner entgegengetreten. Er hatte während seines Besuches mehr als einmal an
                  Faulstich denken müssen; und doch, bei manchem Verwandten, welcher Unterschied! In
                  der Beschäftigung mit den Künsten, auch in der Freude daran, waren sich beide
                  gleich; aber während der eine das Schöne nur feinsinnig kostete, strebte ihm der
                  andere mit ganzer Seele nach. Was den einen verweichlichte, stählte den andern,
                  und so war Grell ein Vorbild, während Faulstich eine Warnung war.</p>
               <p>Es fehlte heute das Abendrot, das sonst wohl um diese Stunde drüben über den
                  Dächern hing, und so kam es, daß in Lewins Zimmer bereits ein völliges Dunkel
                  herrschte. Er klopfte bei Frau Hulen; sie war nicht zu Hause. Ebenso fehlte die
                  grüne Schirmlampe und war auch in dem Nebenzimmer nicht zu finden.</p>
               <p>»Was nur der Alten ist?« sagte Lewin und war einen Augenblick verdrießlich über
                  die »Unordnung«, lachte aber bald wieder und setzte hinzu: »Freilich die erste in
                  anderthalb Jahren.«</p>
               <p>
                  <pb/> Er tappte bis in die Küche, schürte in der Herdasche, bis die Glut zutage
                  kam, und zündete seinen Wachsstock an. Und nun vorsichtig, um die Mühe des
                  Anzündens nicht noch einmal zu haben, ging er in sein Zimmer zurück.</p>
               <p>Jetzt erst sah er, daß ein Brief auf dem Tische lag, die Aufschrift sehr flüchtig,
                  allem Anscheine nach von Tubals Hand. Was ihm am meisten auffiel, war das
                  unverhältnismäßig große Siegel. Es war ersichtlich, daß der Inhalt gegen unbefugte
                  Neugier hatte sichergestellt werden sollen. Wenn Frau Hulen einen schwachen Punkt
                  hatte, so lag er nach dieser Seite hin.</p>
               <p>Lewin wußte davon. Er lächelte deshalb, als er das Siegel erbrach und den
                  auseinandergefalteten Bogen, bequemeren Lesens halber, neben die kleine
                  Wachsstockflamme hielt. Aber sein Lächeln währte nur einen Augenblick. Es waren
                  nicht mehr als drei Zeilen.</p>

               <p>»Komm heute abend nicht; Kathinka ist fort. In einem Zettel, den wir auf ihrem
                  Schreibtische fanden, hat sie Abschied von uns genommen. Alles andere errätst
                  Du.</p>
               <!--milestone hi_start-->
               <p>Dein Tubal«</p>
               <!--milestone hi_end-->

               <p>Das Blatt entfiel seiner Hand, während er selber auf das Sofa zurücksank. Er war
                  eine Minute lang wie betäubt. Dann richtete er sich auf und legte seinen Kopf erst
                  in seine zusammengefalteten Hände, dann auf Tisch und Sofalehne; aber alles war
                  ihm zu heiß. Er sprang auf und trat an das Fenster. Die fahle Mondessichel, eben
                  aus dem Gewölk heraus, sah ihm ins Gesicht; ein paar Krähen drüben flogen auf;
                  unten knarrten die Laternen. Die Kühle der Scheiben tat ihm wohl, aber die Angst
                  blieb und stieg ihm höher ans Herz. Ihn verlangte nach Luft; so nahm er eine
                  Filzkappe vom Riegel und schritt auf Flur und Treppe zu. Er war schon auf den
                  ersten Stufen, als er, plötzlich durch kleine Sorglichkeiten bestimmt, wieder
                  umkehrte, um die Zeilen zu zerreißen, die auf dem Tische liegengeblieben waren,
                  und den noch brennenden Wachsstock auszulöschen. Nun erst verließ er das Haus.</p>
               <p>Unten bog er in die Königsstraße ein; aber die Steinmassen bedrückten ihn, wie ihn
                  das Zimmer bedrückt hatte, und er empfand deutlich, daß er aus der Stadt heraus
                  müsse. So hielt <pb/> er sich rechts und nahm dann über den Alexanderplatz hin
                  seine Richtung auf das Frankfurter Tor zu.</p>
               <p>Es war derselbe Weg, den er am Tage, wo das Dachsgraben in der Dahlwitzer Forst
                  sein sollte, gemacht hatte. Als er wieder in die Nähe des Gasthauses zur »Neuen
                  Welt« kam, das damals in rechter Vormittagsstille dagelegen hatte, sah er, daß
                  alle Fenster erleuchtet waren; Klarinetten spielten auf, und junge Paare, denen es
                  drinnen zu heiß geworden war, standen draußen unter den beschneiten Lindenbäumen.
                  Was kümmerte sie der Wind, der ging, oder der Schnee, der lag? Der nächste Tanz
                  brachte die Verkühlung wieder heraus.</p>
               <p>Lewin hatte sich an einen der zwei Pfosten gelehnt, die mittelst eines
                  darübergelegten Querbalkens den ziemlich primitiven Eingang zur »Neuen Welt«
                  bildeten. Die Musik drinnen ging immer frischer. Er schlug den Takt mit dem
                  rechten Fuße mit und fand den Tanz allerliebst. »Wer doch auch mit dabei wäre! Wer
                  tanzen will, dem ist leicht gespielt, sagt das Sprichwort. Warum heißt es nicht:
                  Wem gespielt wird, der tanze!«</p>
               <p>In diesem Augenblick legte sich von hinten her ein Arm um seine Hüfte, und ein
                  junges Ding, das sich am Heckenzaune hin, ohne daß er es merkte, herangeschlichen
                  haben mußte, sagte vertraulich:</p>
               <p>»Komm, sie stimmen schon. Es gibt noch einen Schottschen. Du kannst mich und
                  Malchen auch nach Hause bringen.«</p>
               <p>Es klang mehr schelmisch als zudringlich, und Lewin, der dies fühlte, wandte sich
                  um und ergriff ihre Hand. Das Mädchen aber, das ihn verwechselt haben mochte und
                  jetzt erst in sein verstörtes Gesicht sah, erschrak und lief quer über den
                  Vorgarten in den Saal zurück. Drinnen mußte sie von der Begegnung erzählt haben,
                  denn zwei, drei Köpfe erschienen gleich darauf am Fenster und blickten neugierig
                  nach dem Fremden hinaus.</p>
               <p>Freilich nicht auf lange, denn der Schottische begann nun wirklich, und Lewin,
                  während er weiterging, versuchte sich die Takte für seinen Marsch zurechtzulegen.
                  Es gelang auch eine Weile; aber der Tanzrhythmus war doch stärker als alles
                  andere, und aus seinem gezwungenen Marschtempo immer wieder <pb/> herausfallend,
                  marschierte er in einem wunderlichen Wechsel von Tanz und Schritt die gradlinige
                  Pappelchaussee hinunter. Er kam an der Stelle vorbei, wo ihm an dem
                  Schnatermanntage das Elend des Rückzuges zuerst entgegengetreten war; indessen er
                  gedachte der erschütternden Begegnung nicht mehr und zählte nur noch die Takte der
                  Musik, trotzdem er diese selbst schon längst nicht mehr hörte.</p>
               <p>»So hintanzen«, sagte er, »das heißt Leben. Nur nichts schwernehmen. Ich habe das
                  Beste versäumt. Und am Ende auch heute wieder. Sie war hübsch und nicht
                  zimperlich. ›Du kannst mich und Malchen nach Hause bringen... sei nicht töricht,
                  Lewin.‹ Nein, nein, das sagte sie nicht; das war schon früher.«</p>
               <p>Er schwieg eine Weile, seine Gedanken im stillen weiterspinnend. »Und mit der
                  Johanna Susemihl, was war es denn am Ende? Und was liegt daran, ob ihr die alte
                  Zunzen das Kleine gegönnt hat oder nicht! Nun sind sie tot, und nur der Maréchal
                  de logis, so denk ich mir, lebt noch. Er hatte Tressen an dem Hut und einen
                  Klunker dran. Und fremde Tressen; ja, das macht es; das Neue, das Fremde. Etwas
                  anderes muß es sein. Neugier wie zu Mutter Evas Tagen.«</p>
               <p>Er war jetzt über Friedrichsfelde hinaus; nur wenn er sich wandte, sah er noch die
                  Lichter des Dorfes. Am Himmel kein Stern; über die Mondessichel hin zogen die
                  Wolken, immer dichter, immer rascher. Aber rascher noch gingen die Bilder über
                  seine Seele.</p>
               <p>»Wie die Hulen sich wundern wird! Ich sehe sie, wie sie mit der kleinen Lampe nach
                  mir sucht, als ob ich ein versteckter Liebhaber wäre. Und der bin ich eigentlich
                  auch; nur zu sehr versteckt; ich werde nie gefunden. Die Hulen wird so verdutzt
                  aussehen wie damals, als ich ihr das französische Kinderlied vorlas. ›Klippklapp‹,
                  sagte sie; es war gar nicht so dumm. Wie ging es doch?</p>


               <l>An meiner Enklin Namenstag</l>
               <l>Ihr jeder etwas schenken mag:</l>
               <l>Der Bäcker schickt ein Zuckerbrot,</l>
               <l>Der Schneider einen Mantel rot...</l>


               <p>
                  <pb/> Ja, so ging es. ›Le boulanger fit un gâteau, la couturière un p'tit
                  manteau‹, das schien die leichteste Stelle und war dann hinterher die schwerste.
                  Ich entsinne mich noch... Was es doch für wunderliche Sachen gibt; ein
                  französischer Kinderreim zwischen Friedrichsfelde und Dahlwitz. Aber warum nicht?
                  Es gibt noch viel Wunderlicheres.«</p>
               <p>Er passierte jetzt das Dorf, dessen Namen er eben genannt hatte. Der mit alten
                  Rüstern besetzte Fahrweg lag im Dunkeln, und die Fensterläden der meist einzeln
                  stehenden Häuser waren geschlossen; aber aus den herzförmigen Öffnungen fiel ein
                  Lichtschein auf die Straße.</p>
               <p>»Brennende Herzen«, sagte er, »morgen früh sind sie wieder an die Wand geklappt
                  und so schwarz wie vorher. Es ist auch lange genug, vier Stunden zu brennen. Hier
                  wohnt der Pastor; der brennt sechs.«</p>
               <p>Hundert Schritte hinter dem Pastorhause schloß das Dorf, und Lewin trat ins Freie.
                  Ihn fröstelte. War es die Nachtluft, oder war es das Fieber? Er schlug den
                  Rockkragen in die Höhe und die Mützenklappen nach unten; aber das Frösteln
                  blieb.</p>
               <p>»Wohin geh ich nur? Ich weiß es nicht. Oder ob ich umkehre? Nein. Ich kann nicht
                  wieder in die Häusermasse hinein; sie nimmt mir den Atem, sie bringt mich um. Also
                  weiter. Ich werde wohl irgendwo hin kommen.«</p>
               <p>So schritt er abermals vorwärts; eine Viertelmeile, eine halbe. Nach rechts hin,
                  an einer Biegung der Chaussee, stand der Schattenriß eines Kirchturms.</p>
               <p>»Ich bin müde, und ich glaube fast, ich habe Hunger.«</p>
               <p>Er setzte sich auf einen neben der Straße zusammengefahrenen Steinhaufen und sah
                  dem dürren Laube zu, das über den glattgefahrenen Schnee hin an ihm vorübertanzte.
                  Denn der Wind, der seit Stunden schon dichte Wolkenmassen voraufgeschickt hatte,
                  kam jetzt selber und fegte zwischen den Pappeln hin. Es war ein Südwest, feucht
                  und voll kleiner Regentropfen, aber einzelne dieser Tropfen gefroren wieder und
                  schlugen ihm wie Nadeln ins Gesicht. »Tauwind«, sagte Lewin, »wie heißt es doch?
                  Der Tauwind kam vom Mittagsmeer... <pb/> ja, ich glaube, so fängt es an; aber das
                  andere hab ich vergessen. Ich finde nur noch die Figuren heraus, den Grafen und
                  den Zöllner und den braven Mann. Wer ich wohl sein mag? Der Graf? Nein. Aber der
                  brave Mann; ja, der bin ich, das ist mein Fach.«</p>
               <p>Er blickte die Chaussee hinauf, hinunter und sagte dann: »Es sieht aus wie die
                  Pappelallee, die durch das Bruch führt, und der Schatten, der dort unten steht,
                  könnte die Guser Kirche sein... Das sind nun vier Wochen, und mir ist, als wär es
                  ein Jahr.« Er stützte die Stirn in seine Hand und träumte, und in seinem Traume
                  klang es immer vernehmlicher wie leises fernes Glockenläuten. Er horchte danach,
                  voll wachsender Sehnsucht, und endlich war es ihm, als fühle er das Labsal einer
                  Träne und als käm es wie Befreiung über sein schwer bedrücktes Herz.</p>
               <p>Aber es sollte nicht sein; es war anders beschlossen. Das Läuten, das er nur
                  traumhaft gehört zu haben glaubte, kam wirklich näher, und ehe er sich noch
                  zurechtgefunden hatte, sah er von der Dahlwitzer Seite her ein Fuhrwerk zwischen
                  den Pappeln herankommen. Sonderbar, es war kein Schlitten, wie das Geläute hatte
                  vermuten lassen, sondern ein leichter, offner Wagen, dessen zwei kleinen Pferden,
                  sei es aus Laune oder übertriebener Vorsicht, ein Schellengurt aufgelegt worden
                  war. Und jetzt war der Wagen heran; die Pferde scheuten und bogen nach rechts hin
                  aus. Auf dem Vordersitze saß ein junges Paar, er mit verschränkten Armen in einen
                  Mantel gewickelt, sie groß und schlank, in einem enganschließenden Rock und einer
                  mit Pelz besetzten Mütze. Die Form ließ sich nicht erkennen, aber sie führte die
                  Zügel und erschrak heftig, als sie des am Wege Sitzenden ansichtig wurde. Erst an
                  der nächsten Pappel wandte sie sich noch einmal um und sprach dann, allem
                  Anscheine nach, lebhaft zu ihrem Begleiter.</p>
               <p>Lewin sah das alles, und ohne zu wissen, was er tat, sprang er auf und suchte dem
                  ihm rasch entschwindenden Fuhrwerk zu folgen. Er wollte rufen, schreien, aber er
                  brachte keinen Ton <pb/> hervor. Und so lief er, bis ihm die letzten Kräfte
                  versagten und er lautlos inmitten des Weges niederstürzte.</p>
               <p>Eine Stunde später hielt ein Schlitten vor dem Bohlsdorfer Krug; es schlug eben
                  vom Turm. Der Knecht, der von seinem Häckselsack gestiegen war, um die Pferde
                  abzusträngen, zählte die Schläge und brummte verdrießlich vor sich hin: »All
                  elwen; för Mitternacht bin ick nich to Huus; awers ick kunn em doch nich liggen
                  laten.« Damit ging er auf den Heckenzaun zu, neben dem ein paar verschneite
                  Krippen standen, während von der Hof- und Gartenseite her die Glut eines
                  hochaufgemauerten Backofens, in dem das Reisigholz eben niedergebrannt war, über
                  den Zaun weg auf die Straße sah. Der Knecht starrte hinein, freute sich des warmen
                  Hauchs und schleppte dann eine der Krippen, aus der er den Schnee durch bloßes
                  Umstülpen entfernt hatte, bis vor sein Gespann und öffnete den Häckselsack. Die
                  Pferde, denen es zu lange dauern mochte, fuhren mit ihren Mäulern suchend und
                  schnopernd durch den leeren Trog. Er gab ihnen einen Schlag: »Künn jih nich
                  töwen«, und stappste dann, als er ihnen endlich ihr Futter eingeschüttet hatte,
                  unter dem Vorbau weg in die Krugstube, wo auf zwei großen Brettern die zum
                  Einschieben in den Ofen eben fertig gewordenen Brote lagen.</p>
               <p>»'n Abend, Krügersch.«</p>
               <p>»'n Abend, Damerow. Noch so spät bi Weeg?«</p>
               <p>»Ja, man möt ja wull. Dat oll Schlackerwetter geiht ei'm bis up de Knaken.«</p>
               <p>»Dat deit et. Wat wullen S', Kirsch o'er Kümmel?«</p>
               <p>»Geben S' en Kirsch. Awer töwen S' noch en beten. Ick hebb do een'n upp 'n
                  Schlitten. He läg as för dood bi de Chausseesteen. Upp'n Hoar, un ick hedd em
                  överfoahren.«</p>
               <p>»Kennen S' em nich?«</p>
               <p>»Ne. He süht ut as en Stadtminsch, as en Berlinscher. Koamen S' man mit rut.«</p>
               <p>Die Krügersfrau, die noch beim Abtrocknen war, nahm eine kleine Laterne vom Brett,
                  steckte den Lichtstumpf an, hakte <pb/> wieder ein und folgte dem Knecht auf die
                  Straße. So traten sie an die Rückseite des Schlittens, der nur zwei Korbwände
                  hatte, nach hinten zu aber offen war. Der Knecht schob ein Strohbündel, das als
                  Decke gedient haben mochte, zurück, und die Krügersfrau leuchtete nun in den
                  Schlitten hinein. Aber die Laterne fiel ihr aus der Hand, und sie tat einen
                  Schrei. Dann lief sie wieder in das Haus, rüttelte den Mann, der in dem Alkoven
                  nebenan eingeschlafen war, und rief: »Steih up, Drews. Kumm, mach flink. Ick
                  gloob, he is all dood.«</p>
               <p>»Wihr, wihr?« fragte der Krüger, aus dem Schlaf auffahrend.</p>
               <p>Aber die Frau war schon wieder an der Tür. »Jott, Jott, wihr sall et sinn...? De
                  jungsche Herr von Hohen-Vietz.«</p>
               <pb/>
            </div>
         </div>
         <div type="group">
            <head>Vierter Band</head>
            <div type="chapter">
               <head>Erstes Kapitel</head>
               <head>In Bohlsdorf</head>
               <p>Es war drei Tage später. In dem hinter der Gaststube gelegenen Alkoven saß die
                  Bohlsdorfer Krügersfrau und beugte sich über ihr Kind. Sie sang es in Schlaf, aber
                  mit leiser Stimme, und in noch leiserer Schaukelbewegung ging die Wiege. Es hätte
                  dieser Vorsicht nicht bedurft, denn der Kranke, dem sie galt und der über dem
                  Alkoven gebettet war, lag nun schon den dritten Tag in einem schweren Schlaf und
                  war taub und tot gegen alles, was um ihn her vorging. Ein Arzt war noch nicht zu
                  beschaffen gewesen, aber an Pflege gebrach es nicht, wenn man einem bloßen
                  Aufmerken und Abwarten, dem sich seit dem gestrigen Tage zwei Frauen unausgesetzt
                  unterzogen, diesen Namen geben konnte.</p>
               <p>Mittag war vorüber. Es mochte die zweite Stunde sein, die schon wieder sinkende
                  Sonne schien durch das Fenster einer kleinen Giebelstube, und ein freundlicher
                  Glanz, als ging' er von dem Kranken selber aus, war um diesen her.</p>
               <p>»Seine Stirn ist feucht«, sagte die Schorlemmer. »Geh, Renate, und ruhe dich aus.
                  Eine Viertelstunde nur.«</p>
               <p>»Ich bin nicht müde.«</p>
               <p>»Du mußt es sein. Geh.«</p>
               <p>Und sie ging. Aber nicht, um zu ruhen, sondern um einen Brief, den sie versprochen
                  hatte, nach Hohen-Vietz hin zu schreiben.</p>
               <p>Das Stübchen, das gleich nach ihrer Ankunft als Wohn- und Schlafzimmer eingeräumt
                  worden war, lag an der andern Giebelseite des Hauses und zeigte noch jenes
                  Durcheinander, das der erste Moment der Ankunft immer zu geben pflegt.</p>
               <p>
                  <pb/> Zum Ordnen und Aufräumen war eben noch nicht Zeit gewesen. Auf zwei Stühlen
                  stand der geöffnete Reisekoffer, während auf eins der beiden Betten hin Muffen und
                  Mäntel samt allerlei Shawls und Tüchern geworfen waren.</p>
               <p>Renate schien auch jetzt noch kein Auge für diese Dinge zu haben, ließ alles
                  liegen, wie es lag, und rückte nur den Tisch, um besseres Licht zu haben, an den
                  Fensterpfeiler. Dann schob sie die rote Leinwanddecke, in die ein radschlagender
                  Pfau weiß eingemustert war, ziemlich unsorglich beiseite und nahm ein Karlsbader
                  Schreibnecessaire aus dem Koffer, das, wenn man es aufklappte, ein schräges Pult
                  bildete. Aber die Tinte war fest eingetrocknet, so fest, daß selbst ein paar
                  Tropfen Wasser nicht helfen wollten. So mußte denn anderweitig Rat geschafft
                  werden. Sie nahm aus ihrem Notizbuch ein dünnes Bleistiftchen, das natürlich
                  abgebrochen war, gab ihm eine Spitze, so gut es ging, und schrieb nun in
                  Schriftzügen, deren schwer entzifferbare Form nur noch von ihrer Blässe
                  übertroffen wurde, das Folgende:</p>

               <!--milestone hi_start-->
               <p>»Bohlsdorf, den 1. Februar</p>
               <!--milestone hi_end-->

               <p>Liebe Marie!</p>
               <p>Wir sind gestern um die vierte Stunde hier angekommen und fanden unseren Kranken
                  in einem tiefen Schlafe, der auch jetzt noch anhält. Wie tief dieser Schlaf ist,
                  zeigte sich heute früh. Ich stieß ein neben dem Ofen stehendes Schüreisen um und
                  erschrak, denn es gab einen großen Lärm; aber Lewin öffnete die Augen nur, um sie
                  sofort wieder zu schließen. Übrigens schien er mich erkannt zu haben; ich sah ihn
                  lächeln, freilich nur wie im Traum, denn der Schlaf hatte gleich wieder Gewalt
                  über ihn. Wir erwarten jeden Augenblick Doktor Leist, und diese Zeilen sollen
                  nicht eher fort, als bis wir ihn gehört haben.</p>
               <p>Wie dies alles so gekommen? Ich habe nur wenig mehr erfahren, als wir schon
                  wußten. Und Du mit uns. Ein Knecht fand ihn besinnungslos am Wege, lud ihn auf
                  seinen Schlitten und gab ihn hier in Bohlsdorf ab. Die Krügersleute haben sich
                  <pb/> seiner angenommen und ihn gehegt und gepflegt. Er liegt in einer
                  Giebelstube; Tante Schorlemmer und ich bewohnen die andere; nur der Bodenflur ist
                  zwischen uns.</p>
               <p>Warum er Berlin verlassen hat, um in Wind und Wetter bis hierher zu kommen,
                  darüber hab ich nur Vermutungen. Und auch diese kaum. Es muß etwas Plötzliches
                  gewesen sein, denn er war leicht gekleidet und trug nur Rock und Filzkappe,
                  trotzdem es eine naßkalte Nacht war. Eine Stunde früher, als der Knecht ihn fand,
                  hat ihn der Bohlsdorfer Amtmann, der mit seiner jungen Frau von einem der
                  Nachbardörfer kam, auf den Chausseesteinen sitzen sehen. Die junge Frau (sehr
                  hübsch) war heute vormittag bei mir und hat mir von der Begegnung erzählt. Sie
                  habe sich vor ihm wie vor einer Erscheinung erschrocken. Dann sei er aufgesprungen
                  und ihrem Wagen zwischen den Pappeln hin eine lange Strecke gefolgt. So wenigstens
                  habe sie zu sehen geglaubt; sicher sei sie nicht. Du siehst, alles ist dunkel und
                  rätselvoll. Die junge Frau, die wohl eine halbe Stunde hier war, überraschte mich
                  durch eine Ähnlichkeit mit Kathinka, selbst in ihrer Art, sich zu kleiden. So trug
                  sie, um nur eines zu nennen, eine polnische, mit weißem Pelz besetzte Mütze.</p>
               <p>Ach, Marie, wie hat sich alles um uns her geändert! Ich sehne mich jetzt nach den
                  stillen Hohen-Vietzer Tagen zurück, die ich so oft verklagt habe. Von allen Seiten
                  drängt es heran, und ich erkenne, wie mein Herz zu schwach und zu klein ist,
                  allem, was geschieht, sein zuständig Teil zu geben. In ruhigen Zeiten hätte mich
                  der plötzliche Tod der Tante betrübt oder doch beschäftigt, jetzt vergehen
                  Stunden, ohne daß ich daran denke. Nur an Dich denke ich viel, immer.</p>
               <p>Ich erwarte noch heut ein paar Zeilen aus Guse; Papa hat sie mir zugesagt. Das
                  Begräbnis der Tante vermute ich morgen; ihm beizuwohnen, daran ist nicht zu
                  denken; ich kann hier nicht eher fort, als bis wir Lewin außer Gefahr wissen. Und
                  ehe nicht der alte Leist... Aber da hör ich seine Stimme laut und eindringlich auf
                  der Treppe. Alles wispert im Hause, selbst die Knechte, die kommen, werden zur
                  Ruhe bedeutet <pb/> und fügen sich dem Zwang; nur alte Doktoren haben in ihrem
                  Sprechen und Auftreten das Vorrecht der Zwanglosigkeit, und der alte Leist macht
                  keine Ausnahme. Ich schließe vorläufig und will nur hören, was er sagt.«</p>
               <p>Renate schob das Blatt unter das Schreibnecessaire und traf den Doktor bereits am
                  Bette drüben. Er sah mit seinen zwei Pelzhandschuhen, die an einer dicken Schnur
                  rechts und links über den Mantelkragen hingen, abenteuerlich genug aus und grüßte
                  mit der einen freien Hand, während er mit der andern den Puls des Kranken zählte.
                  Er schien zufrieden, befühlte noch Stirn und Schläfe und sagte dann: »Lassen wir
                  ihn allein; er braucht uns nicht.« Damit verließen alle drei den ruhig
                  Weiterschlafenden und gingen in die Frauenstube hinüber, wo nun der Alte seinen
                  Mantel ablegte, während Renate über alles Kleine und Große, was die Auffindung
                  Lewins begleitet hatte, in ähnlicher Weise wie in ihrem Briefe an Marie zu
                  berichten begann.</p>
               <p>»Sehr gut, sehr gut«, unterbrach sie der offenbar ziemlich unaufmerksame Doktor
                  und fuhr dann, nachdem er auf einem Binsenstuhl Platz genommen und sich die
                  breiten, braunfleckigen Hände behaglich gerieben hatte, in vertraulichem Tone
                  fort:</p>
               <p>»Und nun, mein Renatchen, ehe wir weiterplaudern, bitt ich um einen Kaffee, das
                  heißt, mit Permission, um einen Cognac-Kaffee. Den Milchkaffee habe ich
                  abgeschworen. Das ist nichts für einen alten Doktor mit Landpraxis.«</p>
               <p>Tante Schorlemmer ging, um das Gewünschte herbeizuschaffen; der alte Leist aber,
                  der, wie alle Doktoren, auch wenn sie nicht beim Feldscher begonnen haben, gerne
                  sprach und Anekdoten erzählte, um das ewige Einerlei der Krankengeschichten
                  loszuwerden, wiederholte, als die Schorlemmer hinaus war, seine letzten Worte und
                  setzte dann erklärend hinzu: »Sehen Sie, mein Renatchen, mit dem milchernen ist es
                  nichts. Ich meine den Kaffee. Sonst laß ich auf das Milcherne nichts kommen, denn
                  es ist die höhere Stufe. Aber was ich sagen wollte. Sehen Sie, dies Franzosenvolk
                  ist sonst nicht mein <pb/> Gustus, und ihre Guillotinenwirtschaft, was sie damals
                  ›La Terreur‹ oder, wie wir sagen, den Schrecken oder den Terrorismus genannt
                  haben, das kann ich ihnen nicht vergessen; aber, der Wahrheit die Ehre, mit dem
                  Cognac-Kaffee, da haben sie's getroffen. Es gibt so Sachen, worin sie uns
                  überlegen sind.«</p>
               <p>Renate rückte ungeduldig hin und her; der alte Leist indessen schien es nicht zu
                  bemerken und fuhr fort:</p>
               <p>»Und es ist eigentlich nicht mehr und nicht weniger als meine Pflicht und
                  Schuldigkeit, daß ich mich ehrlich dazu bekenne. Denn ohne diesen Cognac-Kaffee
                  wär ich nicht mehr am Leben und säße nicht in diesem hübschen Bohlsdorfer Krug.
                  Sie haben von Anno 93 gehört, oder Quatre-vingt-treize, wie die Franzosen sagen.
                  Sie lieben alles, was einen Schnepper hat und so ins Ohr klingt, als ob es was
                  Apartes wäre. Und sehen Sie, damals hatten wir ja den Champagnefeldzug, und ich
                  war auch mit, mitsamt meiner Grenadiercompagnie von Alt-Larisch. Nun ja,
                  ›Champagne‹, das klingt ganz gut, und wer es nicht besser weiß, der denkt sich
                  lauter bauchige Weinflaschen und einen blanken Pfropfen, der mit einem Knall an
                  die Decke springt. Aber, du himmlische Güte, wir haben die Champagne ganz anders
                  kennengelernt. Es regnete Tag und Nacht, immer Biwak und im Freien kampiert auf
                  Kalk- und Lehmboden, der das Wasser nicht durchläßt, und ehe vier Wochen um waren,
                  lag die halbe preußische Armee nicht mehr im Biwak, sondern im Lazarett. Und der
                  alte Leist, trotzdem er ein Doktor war, hätte auch darin gelegen, wenn er sich
                  nicht gehütet hätte. Denn der kannte die Lazarette, und weil er sie kannte, kroch
                  er lieber beiseite und schleppte sich bis an ein alleinstehendes Bauernhaus, in
                  dessen Tür er, mit Permission, eine dicke, alte Französin stehen sah. Und die
                  hatte Mitleid mit ihm und nahm ihn auf. Und um es kurz zu machen, sie packte mich
                  in ein turmhohes Bett, und als ich nun einen Schüttelfrost kriegte und meine
                  Zähne, soviel ihrer noch waren, vor Kälte zusammenschlugen, da brachte sie mir
                  einen Cognac-Kaffee, eine Tasse, zwei Tassen, ich weiß nicht, wieviel ich
                  getrunken habe. Aber das weiß ich, daß ich den <pb/> dritten Tag wieder auf den
                  Beinen war. Und seitdem trink ich ihn in allen schweren Lebenslagen, wohin ich
                  auch sieben Meilen bei zehn Grad Kälte rechne, erstens aus Dankbarkeit, zweitens
                  aus Vorsicht und drittens, weil er mir schmeckt.«</p>
               <p>In diesem Augenblick trat die Schorlemmer wieder ein, und die Krügersfrau mit dem
                  geforderten Kaffee folgte. Neben der Tasse stand ein Glas. Der Doktor liebäugelte
                  damit, schwankte zwischen Anstand und Begehrlichkeit, unterlag aber wie gewöhnlich
                  der letzteren und leerte das Glas auf einen Zug. Der Mischungsprozeß war
                  unterblieben.</p>
               <p>Renate, deren anfängliche Ungeduld bei dem Geplauder des Alten eher geschwunden
                  als gestiegen war, sah ihm lächelnd zu und sagte dann, ihre Hand auf seinen Arm
                  legend:</p>
               <p>»Aber nun, lieber Doktor Leist, wie steht es mit unserem Kranken? Ist Gefahr?«</p>
               <p>»Gefahr, Gefahr«, antwortete der Alte im Tone scherzhaften Vorwurfs, »werde doch
                  nicht von Anno 93 sprechen, wenn Gefahr wäre! Nein, mein Renatchen, wenn dem alten
                  Leist so was Bitteres auf der Zunge liegt, da schmeckt ihm nichts, und wenn es ein
                  Cognac-Kaffee wäre. Wie es mit ihm steht? Gut steht es. Er schläft sich gesund.
                  Nichts von Gefahr. Überreizung der Nerven. Das ist alles.«</p>
               <p>Renate schwieg. Sie wollte nicht weiter forschen, da sie den Zusammenhang der
                  Dinge zu ahnen begann. Die Schorlemmer aber, die nichts von solchen Zuständen
                  wußte, fragte halb ärgerlich:</p>
               <p>»Nervenüberreizung; was soll das? Woher?«</p>
               <p>»Ja, mein liebes Tantchen«, antwortete Leist, »das ist mehr, als ein armer Doktor
                  wissen kann. Der muß schon froh sein, wenn er erkennt, was er vor sich hat. Woher
                  es kommt, darauf kann er sich nicht einlassen. Das weiß eben nur der Kranke
                  selbst. Und unser Lewin wird es schon wissen und sich eines Tages unser aller
                  Neugier erbarmen, denn eine rechte Neugiersgeschichte ist es, dessen bin ich
                  sicher.«</p>
               <p>Und dabei schmunzelte der Alte so listig vor sich hin, als ob er den ganzen
                  Liebesroman von Anfang bis Ende gelesen hätte.</p>
               <p>
                  <pb/> »Aber nun Verhaltungsbefehle!« sagte Renate, »was tun wir?«</p>
               <p>»Wir warten. Das ist überhaupt das Beste, was der Mensch tun kann. Zeit, Zeit. Die
                  Zeit bringt alles. Dem Kranken bringt sie Gesundheit. Wir warten also.«</p>
               <p>»Und wie lange noch?«</p>
               <p>»Ja, das ist nun wieder so eine Frage. Aber rechnen wir nach. Heute ist der dritte
                  Tag. Ich denke, den fünften Tag, also übermorgen. Übermorgen wird er ausgeschlafen
                  haben und wird irgend etwas wollen, vielleicht einen gerösteten Speck oder ein
                  Zwiebelfleisch. Was es aber auch sein mag, er muß es haben, denn was dann spricht,
                  das ist die Stimme der Natur, die durchaus gehört werden will.«</p>
               <p>»Ach, wie freue ich mich«, sagte Renate, »meinen Brief mit so guten Nachrichten
                  schließen zu können! Ich schrieb, als Sie vorfuhren, eben an Marie Kniehase.
                  Wissen Sie, Doktor, Sie könnten mir die letzten Zeilen diktieren.«</p>
               <p>»Das will ich«, sagte der Alte, »und will auch den Briefträger machen, denn ich
                  fahre über Hohen-Vietz. Haben Sie alles?«</p>
               <p>»Alles.«</p>
               <p>»Nun denn schreiben wir: ›... Eben ist Doktor Leist hier und versichert uns, es
                  sei keine Gefahr. In zwei Tagen wird unser Kranker außer Bett und in einer halben
                  Woche so gut wie genesen sein. Dies alles schreib ich nach dem Diktat des Alten,
                  der diesen Brief selbst mitnehmen will. Punktum, Gedankenstrich.</p>
               <!--milestone hi_start-->
               <p>Deine Renate‹«</p>
               <!--milestone hi_end-->

               <p>Renate sprang auf, schob in heiterer Laune dem Doktor das Blatt zu und sagte: »So,
                  nun haben wir es schwarz auf weiß, und Sie müssen nur noch darunterschreiben
                  ›beglaubigt‹ und Ihren Namen. Aber keinen Doktorkrickelkrakel, sondern deutlich
                  und leserlich für jedermann.«</p>
               <p>Der Alte tat, wie ihm geheißen. Dann erhob er sich, und während ihm Renate wieder
                  in seinen schweren und vielkragigen Mantel hineinhalf, schloß er seinen Besuch mit
                  den Worten: <pb/> »Und nun noch eines, ihr Damen. Ich muß die Gesunden bitten,
                  sich über den Kranken nicht zu vergessen. Sonst vertauschen wir bloß die Rollen.
                  Also keine Allotria wie Nachtwachen und andere Überflüssigkeiten. Tantchen, ich
                  mache Sie verantwortlich. Und übermorgen sehe ich wieder nach. Und nun Gott
                  befohlen.«</p>
               <p>Sie begleiteten ihn treppab bis an den Wagen, der unter dem Vorbau hielt. Bald
                  zogen die Pferde an, und Renate und die Schorlemmer grüßten dem Alten nach. Eine
                  rechte Sorge war von ihnen genommen; er hatte so zuversichtlich gesprochen. Gegen
                  Abend kam eine alte Wartefrau, um sie am Bette des Kranken abzulösen, und beide
                  gingen nun in ihre Giebelstube hinüber, um nach zwei schlaflosen Nächten eine
                  ruhige Nacht zu haben.</p>
               <p>Renate war müde, Tante Schorlemmer aber rüstig und beweglich wie immer. Sie setzte
                  sich zu ihrem Liebling und zeigte sich geneigt, noch eine Viertelstunde zu
                  plaudern.</p>
               <p>»Wie mag es in Guse aussehen?« fragte Renate. »Ach, liebe Schorlemmer, ich sorge
                  mich, von der Tante zu träumen.«</p>
               <p>»Du wirst es nicht.«</p>
               <p>»Und wie sie nur gestorben sein mag«, fuhr Renate fort. »Ich glaube nicht, daß sie
                  einen christlichen Tod gehabt hat. Und nun sehe ich sie im Sarge liegen, blaß, mit
                  ihrer schwarzen Witwenhaube, und die Schnebbe daran noch tiefer in die Stirn
                  gerückt als gewöhnlich. Und vor diesem Bilde fürchte ich mich. Es mag nicht recht
                  sein. Aber dir darf ich es sagen, liebe Schorlemmer, daß ich lieber hier in
                  Bohlsdorf als in Guse bin. Ist es ein Unrecht?«</p>
               <p>Die Schorlemmer streichelte ihr die Hand und sagte: »Wenn es ein Unrecht ist, mein
                  Renatchen, so ist es ein kleines. Ich weiß wirklich nicht, ob es unsere
                  Christenpflicht ist, einem Toten ins Gesicht zu sehen. Und sie hatte etwas
                  Unheimliches. Alle, die Jesum verachten, haben nichts von seinem
                  Gnadenschein.«</p>
               <p>»Und was nun aus Guse wird? Es war Allod, und als Kaufgut fällt es nicht an die
                  Pudaglas zurück.«</p>
               <p>
                  <pb/> »Ich wüßte schon einen Erben.«</p>
               <p>»Welchen?«</p>
               <p>»Renate von Vitzewitz. Aber du hättest dann einen andern Namen.«</p>
               <p>»Geh doch. Was du nur sprichst. Ich armes Fräulein und das schöne Gut.«</p>
               <p>»Ja, mein Renatchen, die Menschen sind nicht immer, was sie scheinen, und während
                  du glaubst, daß ich nur an Grönland und Neu-Herrnhut denke, denk ich an ganz
                  andere Dinge. Ich habe auch so meine kleinen Passionen und verheirate die Menschen
                  gern, und wenn ich so in die Zukunft sehe, da seh ich nichts als...«</p>
               <p>»Nun?«</p>
               <p>»Nichts als Hochzeitszüge, kleine und große: du, Marie, Maline. Selbst für die Eve
                  hab ich schon gesorgt, trotzdem sie hochfahrend ist und es eigentlich nicht
                  verdient.«</p>
               <p>»Und Kathinka?«</p>
               <p>»Nein, Kathinka nicht. Die tut alles selbst und braucht meine Vorsorge nicht.«</p>
               <p>»Ach, wie beneid ich dich, daß du so Hübsches denken kannst. Ich sehe keinen
                  Hochzeitszug. Und jetzt, wo ich mir einen solchen vorstellen will, seh ich ihn
                  schwarz.«</p>
               <p>»Das ist, weil du mit deinen Gedanken in Guse bist.«</p>
               <p>»Ich glaube, daß du recht hast, wenigstens wünsche ich es. Ach, wie lieb ist es,
                  daß du bei mir bist. Ich muß an den Abend vor Silvester denken, wo du mir die
                  Gespensterfurcht wegerzähltest. Es war die Geschichte von Kajarnak, dem ersten
                  Getauften; du siehst, ich habe den Namen gut behalten. Aber nun will ich schlafen.
                  Sage mir noch eines von euren Liedern, ein recht hübsches, keins von den süßen mit
                  Lämmlein und Englein. Die kann ich nicht ertragen.«</p>
               <p>»Nun, dann wollen wir ein recht festes und kerniges nehmen«, sagte die
                  Schorlemmer:</p>


               <l>»Schau von deinem Thron,</l>
               <l>Vater, Geist und Sohn.«</l>


               <p>
                  <pb/> Renate nickte zustimmend, und die Alte fuhr mit immer leiser werdender
                  Stimme bis an die dritte Strophe fort:</p>


               <l>»Reinige mein Herz</l>
               <l>Auch mit meinem Schmerz;</l>
               <l>Gib, daß sich mein Eigenwille</l>
               <l>Ruhig in dem deinen stille;</l>
               <l>Alles, was noch mein,</l>
               <l>Eigne dir allein.«</l>



               <l>Sie sprach nicht weiter. Renate hatte die Hände gefaltet, lächelte und
                  schlief.</l>

            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Zweites Kapitel</head>
               <head>Eine Begegnung</head>
               <p>Die Sonne des nächsten Vormittags schien hell auf die Bohlsdorfer Dächer. Renate
                  war bei der Amtmannsfrau gewesen, um ihr einen Gegenbesuch zu machen, und kam eben
                  von dem Gutshofe zurück, als sie ein herrschaftliches Fuhrwerk vor dem Kruge
                  halten sah. Der Herr, dem es gehörte, ging inmitten der Dorfgasse auf und ab. Er
                  war von hoher Gestalt, trug Pelzrock und Pelzstiefel und sah von Zeit zu Zeit nach
                  dem Kirchturm hinauf, dessen grotesk geformte Schneehaube seine Aufmerksamkeit auf
                  sich zu ziehen schien. Im Näherkommen erkannte Renate den alten Geheimrat.</p>
               <p>»Onkel Ladalinski!« rief sie und eilte ihm entgegen.</p>
               <p>Der Geheimrat war ersichtlich befangen, und eine kurze Pause folgte den ersten
                  Begrüßungsworten, bis Renate fragte: »Du bist auf dem Wege nach Guse?«</p>
               <p>»Ja, liebe Renate; zum Begräbnis der Tante. Aber was führt dich in dieses Dorf?
                  Ich erwartete, dich in Guse zu sehen, dich und Lewin und den Papa.«</p>
               <p>»Du wirst nur den Papa in Guse treffen; Lewin ist hier.«</p>
               <p>»Lewin ist hier?«</p>
               <p>»Ja, krank und bewußtlos; nun schon den vierten Tag. Die <pb/> Leute schickten uns
                  einen Boten. Es war denselben Morgen, wo die Nachricht von dem Tode der Tante kam.
                  Papa fuhr nach Guse, ich nach hier. Die Schorlemmer begleitete mich, und wir
                  fanden Lewin, wie wir nach allem, was uns der Bote gesagt hatte, erwarten mußten.
                  Er lag in tiefem Schlaf. Alles ist in Dunkel, und wir raten hin und her, was ihn
                  in naßkalter Nacht von Berlin fort und hierher geführt haben mag. Ein Knecht fand
                  ihn wie tot neben den Chausseesteinen.«</p>
               <p>Der Geheimrat schwieg eine Weile; dann nahm er Renatens Arm und sagte: »So weißt
                  du von nichts? Ach, Kind, welche Tage haben wir durchlebt! Kathinka ist fort, und
                  wir werden sie nicht wiedersehen.«</p>
               <p> Das also war es. Renate sah nun klar, schien aber weniger überrascht, als der
                  Geheimrat bei seinen letzten Worten erwartet haben mochte.</p>
               <p>»Kann ich Lewin sehen?« fragte dieser.</p>
               <p>»Ja; er liegt oben.«</p>
               <p>Sie stiegen nun die schmale Treppe hinauf und fanden die Schorlemmer am Bette des
                  Kranken. Sie wollte das Zimmer verlassen, aber der Geheimrat bat sie zu bleiben.
                  Lewin schlief mit einem Ausdruck, als ob er sich dieses Schlafes freue, und der
                  alte Ladalinski war durch den Anblick erschüttert. Über ihn, seit jenem Tage, war
                  kein erquicklicher Schlaf gekommen. Er nahm des Kranken Hand und sagte: »Er wird
                  genesen«, und in dem schmerzlichen Ton, in dem er diese Worte sprach, klang es
                  begleitend mit: »Ich nicht.«</p>
               <p>So verließen sie wieder das Haus und kehrten auf die Dorfgasse zurück, wo sich
                  inzwischen alt und jung um den Chaisewagen und das verdrießlich über die
                  Ledertrommel (als ob es eine Logenbrüstung wäre) hinwegblickende Windspiel
                  versammelt hatte.</p>
               <p>»Ich spräche gern noch ein paar Worte mit dir«, sagte der Geheimrat und wies mit
                  leiser Kopfbewegung auf die Dorfleute, die jetzt ihre neugierigen Blicke mehr auf
                  das herzutretende Paar als auf den Wagen zu richten begannen.</p>
               <p>
                  <pb/> »Laß uns in die Kirche gehen«, erwiderte Renate, »die Tür ist offen.«</p>
               <p>Er war es zufrieden. Sie stiegen über die halbverfallene Feldsteinmauer und
                  schritten, an ein paar Gräbern vorbei, auf dieselbe Seitentür zu, durch die Lewin
                  am Weihnachtsheiligabend eingetreten war.</p>
               <p>In der Kirche war alles öde; nur auf den schwarzen Tafeln standen noch die Nummern
                  der Gesangbuchverse, die man am letzten Sonntag gesungen hatte. Ein scharfes
                  Seitenlicht fiel auf das Altarbild: eine Kreuzigung. Maria und Johannes fehlten,
                  und nur eine Magdalena lag auf den Knien und hielt das Kreuz umfaßt. Es war ein
                  häßliches Bild aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts, am häßlichsten die
                  Magdalena. Sie trug ein hohes Toupet von rotblondem Haar, in das große Perlen
                  eingeflochten waren. Der Ausdruck sinnlich und roh. Den Geheimrat verdroß es; er
                  wandte sich ab und suchte nach einem Platz in der Kirche, der ihm Sicherheit vor
                  diesem Anblick gewähren mochte. Er fand ihn auch. Zur Seite des Altars, in eine
                  Ecke geschoben, standen vier alte Chorstühle, die, nach ihrem Schnitzwerk zu
                  schließen, noch aus der katholischen Zeit stammten und bei einer Renovierung der
                  Kirche hier seitab ein Unterkommen gefunden hatten. Der alte Ladalinski zeigte
                  darauf hin, und sie nahmen die beiden vordersten ein.</p>
               <p>Jeder scheute sich, von Kathinka zu sprechen. So stockte das Gespräch, noch ehe es
                  recht begonnen. Endlich faßte sich Renate und sagte: »Ich vermisse Tubal; er war
                  der Liebling der Tante, und nun fehlt er an ihrem Grabe.«</p>
               <p>»Und doch war es ein richtiges Gefühl, was ihn zurückhielt«, erwiderte der
                  Geheimrat.</p>
               <p>Renate sah ihn fragend an.</p>
               <p>»Ein richtiges Gefühl«, wiederholte dieser nach einer Pause, »das Gefühl einer
                  Mitschuld. Ach, meine teure Renate, die Schuld, die wir auf uns laden, tragen wir
                  nicht allein. Andere sind gezwungen, sie mitzutragen. Und Tubal empfindet das. Er
                  wollte niemand von euch sehen, nicht Lewin und nicht dich.«</p>
               <p>»Und doch hätt er sich überwinden sollen«, sagte Renate.</p>
               <p>
                  <pb/> »Und daß er es nicht tat, Onkel Ladalinski, das kann ich ihm nicht zum Guten
                  rechnen, wenigstens nicht zum Guten allein. Er gab einem feinen Gefühle nach und
                  mißtraute dem unsrigen. Das war nicht recht, sonst hätt er wissen müssen, daß wir
                  solche Mitschuld nicht gelten lassen und ihr Bekenntnis nicht annehmen
                  würden.«</p>
               <p>Sie schwieg einen Augenblick; dann fragte sie, wie um dem Gespräch eine andere
                  Wendung zu geben: »Weißt du, wie die Tante starb?«</p>
               <p>»Nein, ich hörte nichts. Alles, was ich erfuhr, erfuhr ich aus einer kurzen
                  Anzeige deines Vaters. Ich war erschüttert, denn sie hatte meinem Herzen
                  nahegestanden, und ich mußte mich aufrichten an der Vorstellung dessen, was ihr
                  durch diesen raschen und unerwarteten Tod erspart geblieben ist. Denn sie liebte
                  nicht, ihre Pläne durchkreuzt zu sehen. So durchkreuzt!« Er schwieg eine Weile und
                  setzte dann hinzu: »Und ihre Pläne, Renate, waren meine Wünsche. Alles, was davon
                  noch übrig ist, leg ich in deine Hand.«</p>
               <p>Renate blickte vor sich hin und errötete. Dann aber sagte sie rasch und in beinahe
                  heiterem Tone: »Oheim Ladalinski, laß mich offen sein. Ich darf es. Du pochst
                  nicht an die rechte Tür, und du weißt es auch; was du freundlich in meine Hand
                  legen möchtest, das liegt in einer anderen.«</p>
               <p>»Nein, Renate, es liegt bei dir. Ein Herz zwingt das andere. Und ich weiß...«</p>
               <p>Sie schüttelte den Kopf und wollte antworten; aber beide hörten jetzt draußen ein
                  Kratzen an der Tür, und im nächsten Augenblicke kam das Windspiel den Mittelgang
                  der Kirche herauf, stellte sich, mit unruhiger Kopfbewegung, bellend und klingelnd
                  vor den Geheimrat und lief dann wieder auf den Seiteneingang zurück, immer sich
                  umblickend, ob sein Herr auch folge.</p>
               <p>»Kutscher und Diener werden ungeduldig«, sagte der alte Geheimrat; »wir müssen
                  abbrechen.«</p>
               <p>Damit verließen beide die Kirche und schritten wieder über den Kirchhof auf den
                  Wagen zu, in den das Windspiel eben <pb/> hineingehoben wurde. Der Geheimrat nahm
                  seinen Platz neben demselben und streichelte es, während er die Rechte Renaten zum
                  Abschied reichte.</p>
               <p>»Ich danke dir für unser Gespräch; behalt es in gutem Gedächtnis. Ich bitte dich
                  darum.«</p>
               <p>Damit trennten sie sich. Renate trat unter den Vorbau des Kruges und sah dem Wagen
                  nach. Ihre Gedanken waren bei Tubal, und sie suchte sich das Bild desselben
                  vorzustellen; aber es waren immer die Züge Kathinkas, die sie sah.</p>
               <p>»Sind sie einander so ähnlich?« fragte sie sich und stieg die Treppe hinauf.</p>
               <p>Eine Stunde später brachte die Krügersfrau das Essen, legte das Tischtuch und
                  entschuldigte sich ein Mal über das andere, daß es so spät geworden sei, aber »der
                  kräpsche Junge« habe nicht schlafen wollen. Sie wisse nicht, von wem er es habe,
                  von seinem Vater sicherlich nicht, denn der schlafe zuviel. Ihre Sprechweise,
                  während sie so plauderte, war über ihren Stand, dabei ziemlich zwanglos, und nur
                  mitunter, wenn sie lebhafter wurde, entschlüpfte ihr ein plattdeutsches Wort.</p>
               <p>Tante Schorlemmer und Renate hatten Platz genommen und rückten einen dritten Stuhl
                  an den Tisch.</p>
               <p>»Sie müssen bleiben«, sagte Renate, »und sehen, wie gut es uns schmeckt. Denn Sie
                  führen eine gute Küche, das hab ich gleich gestern herausgefunden. Der Kleine
                  schläft, da haben Sie Zeit und können uns etwas erzählen. Wir sind nun schon fast
                  zwei Tage hier und haben noch nicht einmal Ihren Namen erfahren.«</p>
               <p>»Ich heiße Kemnitz... das heißt mein Mann.«</p>
               <p>Sie sagte dies in einem Tone, der andeuten sollte, daß ihr väterlicher Name um
                  einen Grad höher gewesen sei.</p>
               <p>Renate verstand es auch so und fuhr deshalb fort: »Sie sind gewiß aus der Stadt?
                  Aus Alt-Landsberg oder Müncheberg?«</p>
               <p>»Nein, das nicht: ich bin von hier. Mein Vater hatte die Schule, und als ich bei
                  Pastor Lämmerhirt eingesegnet war, da kam ich aufs Amt. Denn wir waren drei
                  Mädchen, und ich bin die mittelste; Christiane hatte den Marzahnschen Müller <pb/>
                  geheiratet, und Mariechen, was unsere Jüngste ist, ist noch zu Hause, denn unsere
                  Mutter lebt noch.«</p>
               <p>»Und da sind Sie wohl immer auf dem Amt gewesen?« fragte Renate.</p>
               <p>»Ja, bis vor anderthalb Jahren. Ich hatt es gut. Die junge Frau war das einzige
                  Kind, und wir waren immer zusammen, und da sah und hört ich alles. Der jetzige
                  Amtmann hielt es mit der Mutter und hat sich hineingeheiratet; er war erst bloß
                  Verwalter. Und man merkt es auch noch; auf dem Hof hat er das große Wort, aber in
                  der Stube ist er mäuschenstill, denn die Mutter hat das Regiment, und die Tochter
                  lernt es jeden Tag besser.«</p>
               <p>»Und Ihr Mann, liebe Frau Kemnitz, der war wohl auch auf dem Amt?«</p>
               <p>»Ja, er war der Meier. Er diente schon das siebente Jahr und sah mir immer nach
                  den Augen, daß ich lachen mußte. Und erst wollt ich ja nicht, aber da sagte mir
                  Pastor Lämmerhirt, ›ich sollte mich nicht um mein Glück bringen‹. Da nahm ich ihn
                  denn, und es tut mir auch nicht leid, denn er ist gut gegen mich, und nun gar der
                  Junge, Sie glauben nicht, wie er das Kind liebt. Da muß man denn schon ein Auge
                  zudrücken.«</p>
               <p>»Das muß eine gute Frau immer«, sagte die Schorlemmer und hob in freundlicher
                  Ermahnung ihren Zeigefinger. »Eine gute Frau muß die Augen immer aufhaben, aber
                  sie muß sie auch zuzumachen verstehen, je nachdem. Sie muß alles sehen, aber sie
                  muß nicht alles sehen wollen.«</p>
               <p>Die Krügersfrau, die nach Art der Dorfleute bei Sehen und Nichtsehen immer nur an
                  Liebesgeschichten dachte, mißverstand die sehr anders gemeinten Worte Tante
                  Schorlemmers und antwortete lachend: »Ach, so was ist es ja nicht; da käm er mir
                  auch recht.«</p>
               <p>»Nun, was ist es denn?« fragte Renate neugierig.</p>
               <p>»Ja, was ist es, Fräuleinchen? Ich schäme mich fast, davon zu sprechen. Er schläft
                  immer, und das soll nicht sein. Des Abends, wenn die Gaststube leer ist, les ich
                  ihm eine Gesangbuchepistel vor, so bin ich großgezogen, so war es bei meinem <pb/>
                  Vater selig, und so war es auch auf dem Amt. Und wenn auf dem Amt auch keiner
                  recht hinhörte, so taten sie doch so. Aber mein Kemnitz schläft. Eine Zeitlang hab
                  ich ihn lesen lassen, bis ich sah, daß es auch nicht ging. Er hat immer den
                  Sandmann in den Augen.«</p>
               <p>»Das ist aber doch nichts Schlimmes, meine liebe Frau Kemnitz«, sagte Renate.</p>
               <p>»Doch, gnädiges Fräulein«, erwiderte die Krügersfrau. »Und wenn er bloß schliefe,
                  wenn er schläft; aber er schläft auch, wenn er wach ist. Und das ist das
                  Allerschlimmste. Er vergißt alles, er hat gar keinen Merk. Sehen Sie, letztes
                  Vogelschießen, da hatten wir das Haus voll, alle Stuben, und ich war oben und
                  unten, in Küche und in Keller, und wir verschenkten einen halben Anker Wacholder.
                  Ja, verschenkt haben wir ihn, denn mein Kemnitz vergaß die Kreidestriche, und als
                  er sie zuletzt machte, so nach Gutdünken, weil er sich vor mir fürchtete, da waren
                  sie falsch, und wir hätten noch Streit und böse Nachrede gehabt, wenn ich nicht,
                  als der Lärm eben anfing, dazugekommen wäre. Da fuhr ich denn mit meinem Ärmel
                  über die ganze Rechnung hin und sagte: ›Es ist alles frei gewesen‹, und brachte
                  jedem ein Extraglas und tat, als ob es mich freute, denn die Bauern sind sehr
                  schwierige Leute. Aber in der Nacht hab ich meine blutigen Tränen geweint.«</p>
               <p>Die Krügersfrau hatte sich so hineingesprochen, daß ihr noch in der Rückerinnerung
                  wieder die Tränen in die Augen kamen, aber sie fühlte auch zugleich, daß Reden und
                  Aussprechen der beste Trost sei, und so fuhr sie fort: »Und wenn es noch so wäre
                  wie den vorvorigen Sommer. Aber da haben wir ja jetzt den ›Roten Krug‹, keine
                  hundert Schritt vom Dorf, nach Taßdorf zu. Ostern fing er an zu bauen, Pfingsten
                  war alles unter Dach, und Johanni zog er ein. Er heißt Bindemeier und ist ein
                  verdorbener Stellmacher; ein schlechter Mensch, der immer abbrennt und immer in
                  Scheidung lebt. Er hat nun schon die dritte Frau; aber die Kinder sind von der
                  ersten, auch die Line, die morgen Hochzeit macht.«</p>
               <p>»Hochzeit, wen heiratet sie denn?« fragte Renate.</p>
               <p>
                  <pb/> »Einen Dahlwitzer Bauerssohn. Erst sollt es ja nicht sein. Der Alte drüben
                  wollte nicht, denn er ist geizig und hat den Bauernstolz. Aber da ging ja die Line
                  nach Dahlwitz und hat den Alten so mitbehext, daß er jetzt Stein und Bein schwört,
                  wenn der Junge sie nicht nähme, so wollt er sie selber nehmen, denn er ist ein
                  Witwer.«</p>
               <p>»Ist sie denn so hübsch?«</p>
               <p>»Nein, hübsch ist sie nicht; aber sie hat so ein Wesen. Und von wem hat sie's? Vom
                  Vater hat sie's. Und das ist es ja eben. Denn sehen Sie, Fräuleinchen, er hat bloß
                  die Schankgerechtigkeit und ist gar kein richtiger Krüger, wiewohlen er den ›Roten
                  Krug‹ hat; aber das muß wahr sein, das Krügern versteht er. Und mein Kemnitz
                  versteht es nicht. Der kreidet gar nicht an und der andere doppelt. Und keiner,
                  der in den ›Roten Krug‹ kommt, merkt es, weil er jedem zum Munde redet und immer
                  eine Geschichte hat.«</p>
               <p>»Und möchten Sie tauschen?« fragte jetzt Renate, »und einen Mann haben wie den im
                  ›Roten Krug‹?«</p>
               <p>»Um Gottes willen nicht«, erschrak die Krügersfrau, »da hätt ich ja keine ruhige
                  Stunde mehr.«</p>
               <p>»Sehen Sie, da haben wir das Geständnis Ihres Glücks. Sie haben den Frieden des
                  Gemüts, der das Beste ist. Lassen Sie Ihren Mann nur ruhig schlafen; er ist ein
                  guter Mann, und das ist gerade genug. Schläft er viel, so müssen Sie viel wachen;
                  das hebt sich dann. Etwas fehlt immer, und irgendwo drückt der Schuh einen jeden;
                  den einen hier, den andern da.«</p>
               <p>Die Krügersfrau seufzte: »Das hat mir Pastor Lämmerhirt auch gesagt«, und dabei
                  erhob sie sich und schob die Teller zusammen. Aber auf ihr erstes Wort
                  zurückkommend, setzte sie hinzu. »Ein schläfriger Mann ist doch nicht gut, das laß
                  ich mir nicht nehmen.«</p>
               <p>Und damit verließ sie das Zimmer. –</p>
               <p>»Weißt du, an wen ich habe denken müssen?« fragte Renate.</p>
               <p>»Gewiß; an Maline.«</p>
               <p>»Nur daß der junge Scharwenka nicht schläfrig ist. Vielleicht zuwenig.«</p>
               <p>
                  <pb/> »Da drückt der Schuh am andern Ende«, schloß die Schorlemmer.</p>
               <p>Renate nickte, und müde von den Anstrengungen dieser Tage, warf sie sich auf ihr
                  Bett, um eine Stunde zu schlafen. Die Schorlemmer deckte sie mit einem Mantel zu
                  und ging in das andere Zimmer hinüber. Hier setzte sie sich zu Häupten Lewins und
                  begann an einem Strickzeug zu stricken, das sie sich von der Krügersfrau geborgt
                  hatte, denn ihre Hände konnten nicht ruhen.</p>
               <p>Als die Sonne schon im Sinken war, brachen Renate und die Schorlemmer auf, um
                  einen Spaziergang zu machen, wozu die Luft und die Beleuchtung aufforderten. Sie
                  gingen die nach Taßdorf führende Pappelallee hinunter, an dem »Roten Kruge«
                  vorbei, wo schon alles in hochzeitlicher Vorbereitung war. Keines sprach; endlich
                  sagte die Schorlemmer, als ob sie wisse, daß Renatens Gedanken denselben Weg
                  machten: »Und nun so weggenommen, ohne Vorbereitung und ohne Abendmahl, und nichts
                  in Händen als ein französisches Buch. Daraufhin wird einem nicht aufgetan.«</p>
               <p>Sie waren stehengeblieben und sahen jetzt über einem dunkeln Waldstreifen den Mond
                  aufgehen, blaß und silbern.</p>
               <p>»Dorthin liegt Guse«, sagte Renate.</p>
               <p>Die Schorlemmer bejahte.</p>
               <p>»Ich glaube, sie begraben sie jetzt. Mir ist, als hörte ich das Singen.«</p>
               <p>»Möge Gott ihrer Seele gnädig sein!«</p>
               <p>Und beide falteten die Hände und gingen in das Dorf zurück.</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Drittes Kapitel</head>
               <head>»So spricht die Natur«</head>
               <p>Die Nacht über hatten abwechselnd die Krügersfrau und eine alte Frau aus dem Dorfe
                  bei Lewin gewacht; nun war es neun Uhr früh, und Renate und die Schorlemmer saßen
                  wieder an seinem Bette. Er schlief unruhiger als die Tage vorher, und <pb/>
                  einzelne, freilich nur halb verständliche Worte kamen von seinen Lippen. In dem
                  Zimmer lag ein heller Morgenschein, und das Eis schmolz von den Scheiben. Sonst
                  war nichts hörbar als das Zwitschern eines Zeisigs und das Klappern von Tante
                  Schorlemmers Nadeln. So verging eine halbe Stunde, während welcher die Frauen vor
                  sich hin oder auf den Kranken sahen. Jetzt traf die Sonne sein Gesicht, und Renate
                  flüsterte: »Sieh, er träumt. Und etwas Freundliches muß es sein.« Und ehe die
                  Schorlemmer antworten konnte, gingen draußen die Glocken, und Lewin erwachte. Sein
                  erster Blick fiel auf die Schwester. Er erkannte sie und sagte: »Renate.«</p>
               <p>Diese war aufgesprungen, nahm ihn in ihre Arme und rief ein Mal über das andere:
                  »Mein lieber, lieber Lewin.« Tante Schorlemmer strickte weiter, aber ihre Lippen
                  zuckten. Als Lewin sie bemerkte, nickte er ihr zu und gab ihr die Hand.</p>
               <p>Es war ersichtlich, daß er noch sehr matt war. Sie legten ihm ein Kissen in den
                  Rücken, so daß er mehr saß als lag, und sein Auge lief nun im Zimmer umher, um
                  sich zurechtzufinden.</p>
               <p>»Wo bin ich?«</p>
               <p>Sie nannten ihm den Namen des Dorfes. Er schüttelte den Kopf, schien sich aber zu
                  besinnen und fragte dann: »Wo ist Papa?«</p>
               <p>»In Guse.«</p>
               <p>»In Guse? Warum in Guse?«</p>
               <p>Renate und die Schorlemmer sahen einander an und wußten nicht, was antworten. Aber
                  Renate faßte sich bald und sagte ruhig:</p>
               <p>»Tante Amelie ist tot.«</p>
               <p>»So, so... wie alt war sie?«</p>
               <p>Es blieb bei der Frage, denn sein Bewußtsein begann wieder zu schwinden, und einen
                  Augenblick später lag er abermals in tiefem Schlaf. Und doch war er dem Leben
                  wiedergegeben, er hatte gesprochen, und beide Frauen reichten sich in freudiger
                  Bewegung und wie zum Ausdruck ihres Dankes die Hand.</p>
               <p>
                  <pb/> So war eine halbe Stunde vergangen, als die Krügersfrau in sichtlicher
                  Erregung eintrat. »Eben kommt der Zug«, rief sie und vergaß, was sie doch sonst
                  immer tat, ihre Stimme zu dämpfen. »Die Orgel spielt schon. Und die Jungschen vom
                  Amt sind auch mit dabei. Schlimm genug. Nur die Alte nicht, die hält zu uns. Jott,
                  Jott, ich zittre.«</p>
               <p>»Aber so machen Sie doch, liebe Frau Kemnitz, daß Sie den Zug nicht versäumen oder
                  wenigstens mit in die Kirche kommen«, sagte die Schorlemmer und drängte die
                  Krügersfrau gutmütig auf die Türe zu.</p>
               <p>»Ich kann ja nicht«, lamentierte diese. »Wir sind ja Feindschaft. Und die Leute
                  würden mit Fingern auf uns zeigen und sagen, daß wir ihnen das Glück wegwünschten.
                  Nein, das geht nicht.«</p>
               <p>»Ich möchte die Braut schon sehen«, sagte Renate.</p>
               <p>»Ach, Fräuleinchen, deshalb komm ich ja eben. Hübsch ist sie nicht, aber, wie ich
                  Ihnen schon sagte, sie hat so was. Und dann erzählen Sie mir nachher, wie sie
                  aussah. Jott, ich weiß nicht, was ich drum gäbe. Ja, Fräuleinchen, Sie müssen die
                  Braut sehen und die liebe Tante Schorlemmer, wenn ich Sie so nennen darf, auch.
                  Vier Augen sehen mehr als zwei. Ach, da kommen sie schon; das ist die Musik, und
                  ich darf nicht einmal ans Fenster. Und wenn ich auch dürfte, der Zug kömmt ja
                  nicht vorbei. Und warum nicht? Bloß weil sie denken, wir haben ihnen Häcksel über
                  den Weg gestreut.«</p>
               <p>Renate sah der Schorlemmer nach den Augen, ob sie es auch recht fände. »Geh nur,
                  Kind«, sagte diese, »ich komme mit. In der Kirche sein bringt nie Schaden. Du
                  siehst dir die Braut an, und ich weiß schon, was ich zu tun habe.«</p>
               <p>Die Krügersfrau war hocherfreut, lief hin und her und bedankte sich abwechselnd
                  bei der Schorlemmer und bei Renaten. Dann brachte sie zwei dicke Porstsche
                  Gesangbücher, die in Sammet gebunden und mit Metallzwingen zugehalten waren, und
                  versprach ein Mal über das andere, bei dem Kranken bleiben zu wollen. »Hier hab
                  ich was zu tun«, schloß sie, »und dabei vergeht mir die Zeit und ist mir am
                  wohlsten. Es soll ihn <pb/> keine Fliege stören.« Renate und die Schorlemmer aber
                  nahmen ihre Mäntel um, sahen noch einmal auf Lewin, der ruhig weiterschlief, und
                  verließen das Zimmer, während sich die Krügersfrau an das Fußende des Bettes
                  setzte.</p>
               <p>Sie konnten noch nicht über die Straße sein, als die Glocken zum dritten Mal zu
                  läuten begannen. Endlich aber wurd es still. »Nun singen sie«, sagte die Frau vor
                  sich hin. »Jott, Jott, ich hätte sie so gern gesehen; er soll ihr eine silberne
                  Kette geschenkt haben mit Schloß und Schieber. Er kann es; hat sie doch den Alten
                  mit in der Tasche. Ein freches Ding, und dabei rotes Haar und Sommersprossen. Aber
                  ich will nichts gesagt haben; sie steht jetzt vorm Altar. Und vielleicht ist sie
                  nicht so schlimm. Jott, gib ihr deinen Segen und uns auch. Denn auf Kemnitz ist
                  kein Verlaß. Und ich kann ja doch nicht alles alleine machen.«</p>
               <p>Während sie noch diesen Stoßseufzer betete, schlug Lewin, ohne vorher einen
                  unruhigen Schlaf gezeigt zu haben, beide Augen auf und sah die Krügersfrau
                  freundlich an. Er war durch die letzte Stunde Schlaf ganz ersichtlich gestärkt
                  worden. »Wo ist Renate?« fragte er. »Ich meine das Fräulein.«</p>
               <p>»In der Kirche, junger Herr. Und die liebe Tante Schorlemmer auch. Ich bin
                  eigentlich schuld, ich habe sie fortgeschickt; das heißt, ich habe sie darum
                  gebeten. Denn wir haben heute eine Trauung; die Line vom ›Roten Krug‹. Sie hat
                  einen Bauerssohn weggeschnappt, einen aus Dahlwitz. Na, ich gönn es ihnen.«</p>
               <p>So schwatzte sie weiter.</p>
               <p>Lewin hatte sich inzwischen aufgerichtet und schien Anteil an allem zu nehmen. Wer
                  ihn aber schärfer beobachtet hätte, hätte sehen müssen, daß er mehr auf das
                  Gezwitscher des Zeisigs als auf das Geplauder der Krügersfrau hörte. Endlich
                  wandte er sich an diese und sagte: »Ich habe Hunger.«</p>
               <p>»Weiß schon«, antwortete die Kemnitzen, und als sie noch ein paar Fragen getan
                  hatte, wußte sie ganz genau, was der Kranke wolle, und lief in die Küche. Hier
                  brannte, wie herkömmlich, das Feuer auf dem Herd; sonst aber hatte sie jegliches
                  <pb/> selbst zu beschaffen, da das Gesinde drüben in der Kirche war. Sie nahm eine
                  Kasserolle vom Rauchfang, dann einen Mörser und begann mit viel mehr Lärm, als
                  nötig gewesen wäre, zu klappern und zu stoßen. Sie schien sich in diesem Lärmen zu
                  gefallen. Als sie nun aber durch die Küchentür wahrnahm, daß Kemnitz schläfrig
                  hinter einem Fensterpfeiler hockte und auf die Dorfstraße sah, wo doch nichts zu
                  sehen war, rüttelte und schüttelte sie ihn, zwang ihm ohne weiteres den Mörser in
                  die Hand und rief ihm ärgerlich und auf plattdeutsch zu: »Stött en beten.«</p>
               <p>»Wat denn, Lene?«</p>
               <p>»Rük et; sunnst brukst du't nich to weeten.« Und hiermit war sie schon wieder bis
                  an die Küchenschwelle. Kemnitz aber, in den verschiedenen Pausen, die er sich
                  gönnte, konnte deutlich hören, daß sie sich draußen an dem Tellerschapp zu
                  schaffen machte.</p>
               <p>So war eine gute Zeit vergangen, als das wiederbeginnende Orgelspiel anzeigte, daß
                  die Zeremonie drüben zu Ende sei. Die Kirchentüren wurden geöffnet, und unter
                  Vorantritt der Musik setzte sich der Hochzeitszug wieder in Bewegung. Mit unter
                  den letzten, die die Kirche verließen, waren Renate und Tante Schorlemmer, die
                  neben dem Orgelchor einen guten Platz gefunden hatten. Sie besprachen Pastor
                  Lämmerhirts Rede, die der Schorlemmer nur wenig gefallen hatte. Renate dachte
                  milder darüber. Als sie den Krug erreichten, fuhr auch Doktor Leist wieder
                  vor.</p>
               <p>Dieser war dem Zuge begegnet und in bester Laune. »Das bedeutet Glück!« rief er
                  den beiden Damen zu und trat mit ihnen zugleich in den Flur. Das erste, was ihnen
                  hier begegnete, war die Krügersfrau in Person. Sie kam die Treppe herunter und
                  hielt ein Brett in Händen, auf dem Teller und Löffel lagen.</p>
               <p>»Wie geht es?« fragte Renate.</p>
               <p>»Gut, Fräuleinchen.«</p>
               <p>»Ist er wach?«</p>
               <p>»Ja,«</p>
               <p>
                  <pb/> »Nun erzählt, liebe Frau«, sagte Doktor Leist. »Was hat es gegeben?«</p>
               <p>»Nun, das gnädige Fräulein waren noch nicht lange fort, und der Prediger drüben
                  konnte noch kaum angefangen haben, da schlug er die Augen auf. Ich meine, der
                  junge Herr.«</p>
               <p>»Und was sagte er?«</p>
               <p>»Er fragte nach dem gnädigen Fräulein, und als ich ihm alles erzählt hatte, auch
                  von der Line und ihrer Hochzeit, da sah er mich groß an und sagte: ›Ich habe
                  Hunger.‹ Und da dacht ich ja nu gleich an alles, was uns Doktor Leist gesagt
                  hatte, und fragte bloß, was er haben wollte, und nannte ihm wohl zehnerlei. Es war
                  aber immer nicht das Rechte, und er schüttelte den Kopf ein Mal über das andere
                  und wurde verdrießlich. Zuletzt aber sagte er: ›Jetzt hab ich's.‹ Und was war es?
                  Können Sie sich's denken, Fräuleinchen, eine Suppe war es. Und noch dazu eine
                  Biersuppe. Und da fragt ich ihn bloß: ›Wie denn, junger Herr, mit Karwe oder mit
                  Ingwer?‹ Und da lachte er still vor sich und sagte: ›Mit Ingwer.‹«</p>
               <p>»Mit Ingwer«, wiederholte der alte Leist. »Da haben wir die Genesung. Es war ihm
                  nicht gleichgiltig, so oder so. Nein, mit Ingwer. Ja, meine Damen, so spricht die
                  Natur. Ich gratuliere Ihnen und uns allen, und nun lassen Sie uns den Kranken
                  sehen.«</p>
               <p>Sie stiegen nun wieder treppauf und fanden Lewin aufrecht im Bette sitzend. Er
                  erkannte den Doktor; als er aber die Linke heben wollte, um sie ihm zu reichen,
                  sank sie matt auf das Bett zurück.</p>
               <p>»Wie geht es, Lewin?«</p>
               <p>»Ich denke, gut.«</p>
               <p>»Ich denke, gut! Das ist mir nicht gut genug. Wie schmeckte die Suppe?«</p>
               <p>»Gut.«</p>
               <p>»Das ist recht. So muß es heißen. Nichts von Kopfweh?«</p>
               <p>»Nein.«</p>
               <p>Der Doktor nahm jetzt selber die Hand und zählte den Puls. Als er damit geendet
                  hatte, sah er, daß der Kranke <pb/> vor Erschöpfung wieder eingeschlafen war.
                  »Stören wir ihn nicht.«</p>
               <p>So verließen sie das Zimmer und nahmen erst draußen auf der Treppe das Gespräch
                  wieder auf. »Es geht alles, wie es soll. Krisis überstanden; alle Zeichen der
                  Genesung da. Kein Fieber; nur matt, matt. Aber jede Stunde Schlaf bringt ihn um
                  eine Woche weiter. Morgen wird er aufstehen wollen, und übermorgen kann er
                  reisen.«</p>
               <p>»Und wir?«</p>
               <p>»Wir reisen morgen schon und bestellen ihm Quartier«, antwortete der Doktor.</p>
               <p>»Und schicken ihm Krist und den Planschlitten.«</p>
               <p>»Getroffen. Den wollt ich eben empfehlen. Und einen tüchtigen Häckselsack in den
                  Rücken. Denn im Kreuz wird es wohl noch fehlen.«</p>
               <p>Damit hatten sie den Unterflur erreicht und standen vor der Gaststube, in der dem
                  Doktor noch ein Warmbier vorgesetzt werden sollte. Aber er dankte, »denn er müsse
                  noch bis Reitwein«. Und als die Krügersfrau nichtsdestoweniger fortfuhr, in ihn zu
                  dringen, schnitt er endlich jede weitere Verhandlung durch das eine Wort
                  »Wöchnerin« kategorisch ab. Das half. Tante Schorlemmer wurde noch verlegener als
                  Renate.</p>
               <p>Unter dem Vorbau hielt bereits der Wagen des Alten. Er schickte sich eben an
                  hinaufzusteigen, als er seinen Fuß von dem Tritteisen wieder zurückzog. »Der alte
                  Leist wird alt; hätte die Hauptsache beinahe vergessen«, und dabei begann er in
                  den Tiefen seiner Manteltasche herumzusuchen. Endlich fand er ein dickes,
                  rotledernes Notizbuch, das zugleich als chirurgisches Besteck diente, und nahm
                  einen Brief heraus: »An Renate von Vitzewitz.«</p>
               <p>Nun erst stieg er auf. »Auf Wiedersehen in Hohen-Vietz.« Renate und die
                  Schorlemmer erwiderten seinen Gruß.</p>
               <p>Der Brief aber war von Marie.</p>
               <pb/>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Viertes Kapitel</head>
               <head>Genesen</head>
               <p>Und es kam alles, wie Doktor Leist gesagt hatte. Am andern Morgen verlangte Lewin
                  aufzustehen und fühlte sich trotz aller Mattigkeit doch kräftig genug, das Zimmer
                  zu verlassen und unten unter dem Vorbau von Renate und Tante Schorlemmer Abschied
                  zu nehmen. Es war des Krügers Gespann; Kemnitz selber fuhr. Er zeigte sich
                  quicker, als seine Gewohnheit war, und als Renate auf ihn hinwies und der
                  Krügersfrau ein gutgemeintes Wort über seine Raschheit ins Ohr flüsterte, sagte
                  diese nicht ohne einen gewissen Stolz: »Oh, er kann schon. Aber er läßt es an sich
                  kommen. Und das ist es eben.« In der nächsten Minute nahmen beide Damen ihre
                  Plätze; Kemnitz hakte das Schutzleder ein und stieg nun auch seinerseits über das
                  Rad weg auf den Kutschersitz ohne Lehne. Noch ein Händedruck, und der Wagen
                  verschwand an der andern Seite der Kirche.</p>
               <p>Lewin ging in sein Zimmer zurück. Er hatte sich mehr angestrengt, als seine Kräfte
                  zuließen, und warf sich jetzt angekleidet aufs Bett, nicht um zu schlafen, wohl
                  aber um zu ruhen. Allerhand Bilder zogen an ihm vorüber, wechselnd und
                  phantastisch, aber immer eines aus dem andern sich gestaltend. Er sah Frau Hulens
                  dunkle Küche und den kleinen Wachsstock, den er in der Herdasche mit so viel Mühe
                  angezündet hatte, und aus dem Wachsstock ward eine Kerze, und aus der Kerze wurden
                  zwölf Kerzen, und alle zwölf brannten zu beiden Seiten eines Sarges, darin lag die
                  Tante, die schwarze Witwenhaube tief in die Stirn gerückt. Und neben dem Sarge
                  standen kleine Zypressenbäume, die wuchsen und wuchsen hoch wie Pappeln, und nun
                  war es eine Pappelallee, und zwischen den Pappeln kam ein Wagen rasch
                  herangefahren, dem lief er nach und wollte rufen, aber die Stimme versagte.</p>
               <p>Alles dies kam und ging, und kam wieder, ohne daß es ihn ernstlich beunruhigt
                  hätte. Ein Druck lag auf ihm, bleiern, aber schmerzlos, und unter dem Einfluß
                  einer beinahe süßen <pb/> Betäubung wurde das Nächstliegende wie in weite Ferne
                  gerückt und das Wirkliche zum Traum. Erregungen der Phantasie, nichts weiter, und
                  von Empfindungen nur eine: die Sehnsucht nach Hohen-Vietz.</p>
               <p>Und nun war wieder ein Tag und eine Nacht vergangen; der helle Morgen schien in
                  die Fenster, und es mochte die zehnte Stunde sein. Krist, der bald nach
                  Mitternacht mit dem Planschlitten und einer ganzen Winterausstattung von
                  Pelzröcken, Shawls und Filzstiefeln eingetroffen war, war bereits im Stalle
                  beschäftigt, den beiden Braunen die Sielen und die Geläute aufzulegen, und die
                  Krügersfrau stand in der Stalltür, ebensosehr, um selbst noch zu erzählen, wie um
                  Hohen-Vietzer Neuigkeiten gegen ihre Bohlsdorfer einzutauschen.</p>
               <p>Lewin saß reisefertig in seinem Zimmer, während diese Gespräche geführt wurden. Er
                  hatte schon einen Morgenspaziergang gemacht, nicht ins Freie hinaus, nur in die
                  Kirche hinüber, um noch einmal den Grabsteinspruch zu lesen, den er längst
                  auswendig wußte. Seit einer halben Stunde war er von da zurück und hielt ein
                  zusammengefaltetes Blatt in Händen, dessen Inhalt ihn zu beschäftigen schien. Es
                  war Marie Kniehases Brief, den er sich am Tage vorher, im Momente von Renatens
                  Abreise, von dieser erbeten hatte. »Ich will ihn doch noch einmal überfliegen«,
                  sagte er, beugte sich gegen das Fenster vor und las mit halblauter Stimme:</p>

               <p>»Liebe Renate!</p>
               <p>Deinen Brief habe ich gestern abend, wo Doktor Leist bei uns vorfuhr, erhalten. Um
                  mit ihm noch persönlich zu sprechen, dazu war keine Zeit; er wollte bei der späten
                  Stunde gleich weiter. Ich las und lief dann in meiner Herzensfreude zum Pastor,
                  der kaum weniger freudig bewegt war als ich. Und doch ist es etwas Trauriges. Du
                  schreibst: ›Warum er Berlin verlassen hat?‹ und fügst dann hinzu: ›Darüber habe
                  ich nur Vermutungen, und auch diese kaum.‹ Ach, meine liebe Renate, ich weiß es,
                  und in Traum und Wachen habe ich diese Stunde kommen sehen.</p>
               <p>
                  <pb/> Hier ist alles still, viele Bauern und ihre Frauen sind zum Begräbnis Deiner
                  Tante hinüber. Denn sie war doch auf ihre Art beliebt, und jeder sprach von ihr.
                  Auch Seidentopf ist seit einer Stunde fort. Er will erst nach Guse, dann nach
                  Küstrin und Hohen-Ziesar, und wir erwarten ihn erst am Schluß der Woche zurück.
                  Welche seltsame Trauerversammlung wird um den Sarg der Tante stehen! Bamme, Rutze,
                  Doktor Faulstich. Und denke Dir, auch Jeetze trauert. Es rührte mich fast, als ich
                  ihn heute sah. Er hat ein Paar schwarze Gamaschen hervorgesucht, ›noch von der
                  gnädigen Frau her‹, sagte er, und einen Flor.</p>
               <p>Meine Gedanken sind beständig bei Euch; sie wandern von einem Giebelzimmer in das
                  andere, und mir ist immer, als kennte ich das Dorf. Es ist dasselbe, von dem uns
                  Lewin am ersten Feiertage erzählte, und ich sehe noch alles vor mir: den
                  Christbaum mit der jungen, hübschen Krügersfrau und den Blondkopf und dann die
                  dunkle Kirche mit der Stehleiter am Altar und der kleinen Handlaterne. Und vor dem
                  Altar liegt der Grabstein mit dem schönen Spruch, den ich mir seitdem wohl
                  hundertmal vorgesprochen habe. Mir ist dann immer, als wüchse ich und könnte
                  fliegen.«</p>
               <p>Hier hielt Lewin einen Augenblick inne und wiederholte sich die Worte: als wüchse
                  ich und könnte fliegen. »Wie gut sie es trifft«, setzte er hinzu. Dann nahm er das
                  Blatt, das er aus der Hand gelegt hatte, wieder auf und las bis zu Ende.</p>
               <p>»Gebe Gott, daß sich des alten Leist Prophezeiungen erfüllen; er hat versprochen,
                  diese Zeilen wieder mit zurückzunehmen, und ich schicke sie durch Hoppenmarieken
                  nach Lebus. Sie wartet draußen und stößt mit ihrem Stock auf die Flurfliesen, ein
                  Zeichen, daß sie ungeduldig wird. Ich fürchte mich viel zu sehr vor ihr, um ihre
                  schlechte Laune noch wachsen zu lassen. Und so lebe denn wohl, meine einzig
                  geliebte Renate, mein Glück, mein Stolz und meine Zuversicht. Grüße die
                  Schorlemmer, und wenn Lewin die Augen aufschlägt, so denke recht innig auch an
                  mich. Dann fühl ich es in meinem Herzen.</p>
               <!--milestone hi_start-->
               <p>Deine Marie«</p>
               <!--milestone hi_end-->

               <p>
                  <pb/> Lewin, als er zu Ende gelesen, erhob sich und trat an den Zeisigbauer, um
                  dem Vögelchen, das ihm die langen Stunden des voraufgegangenen Tages so freundlich
                  weggezwitschert hatte, zu Dank und Abschied ein Zuckerstückchen zwischen die Stäbe
                  zu stecken.</p>
               <p>Er wollte sich eben wieder setzen, als Krist eintrat, um zu melden, daß alles
                  fertig und der Schlitten vorgefahren sei. Zugleich bepackte er sich mit der ganzen
                  Winterausstattung, die unangerührt auf der Bettdecke liegengeblieben war, und
                  stapfte wieder treppab, während Lewin ihm folgte. Auf der Türschwelle blieb dieser
                  noch einmal stehen und sah in das Zimmer zurück. Er war nicht erschüttert, auch
                  nicht eigentlich bewegt (die Nachwehen der Krankheit hielten ihn noch in ihren
                  Banden), aber aller Apathie zum Trotz empfand er doch deutlich, was ihm die hier
                  verbrachten Tage gewesen waren und daß ein Leben hinter ihm versank und ein
                  anderes begann.</p>
               <p>Unten stand die Krügersfrau. Kemnitz war noch nicht zurück, aber ihr Prachtstück,
                  den Blondkopf, hielt sie auf ihrem Arme. Sie konnte sich zum Abschiede nicht
                  besser präsentieren, wußt es auch und lachte herzlich und gefallsüchtig, bis ihr
                  Lewin die Hand reichte und Dankesworte sprach, wobei sie sofort ebenso
                  leidenschaftlich wie krampfhaft zu schluchzen begann. Denn trotzdem sie auf dem
                  Amte hochdeutsch erzogen und im Konfirmandenunterricht bei Pastor Lämmerhirt viel
                  spruchfester gewesen war als ihre kleine Freundin, so hatte sie sich doch die
                  naturkindliche Kraft bewahrt, in jedem passend erscheinenden Moment einen Strom
                  von Tränen vergießen zu können. Lewin, der diese Naturkraft von den Hohen-Vietzer
                  Bauerfrauen her kannte, machte nicht mehr davon, als es wert war, streichelte das
                  Kind, das mit der Hand freundlich nach ihm haschte, und stieg dann hinter den
                  Pferden fort auf die Deichsel des Schlittens. »Und nun vorwärts, Krist.« Dabei
                  drückte er sich bequem in die zu einer Rückenlehne fest zusammengepackten
                  Strohbündel, und in raschem Trabe ging es um die Kirche herum, an den nächsten
                  Gehöften vorbei, in die sonnenbeschienene Landschaft hinein.</p>
               <p>
                  <pb/> Es war ein wundervoller Tag, frisch und doch nicht kalt; am Horizont standen
                  dunkle Streifen von Tannenwald, und dazwischen zeigten sich die Spitztürme
                  verschiedener Ortschaften und Dörfer. Einige davon wurden passiert, und Krist, der
                  hier allerlei Freundschaft hatte, sprach ein Wort oder hielt auch wohl an, um
                  seine Pfeife wieder in Brand zu bringen. Lewin aber genoß der wundervollen Luft
                  und fühlte sich mit jedem Atemzuge mehr und mehr genesen; seine Nerven belebten
                  sich wieder, und der Druck schwand, der bis dahin auf ihm gelegen hatte. Immer
                  freundlicher wurden die Bilder, er gedachte Seidentopfs, und es war ihm, als zöge
                  er dem Frieden entgegen.</p>
               <p>So vergingen die Stunden; schellenläutend trabten die Pferde dahin, und schon
                  neigte sich die Sonne zum Untergang.</p>
               <p>Vier Uhr war vorüber, als sie vor dem Dolgeliner Kruge hielten. Gerade gegenüber
                  war die Pfarre. Lewin stieg ab, um drinnen in der Krugstube einen Imbiß zu nehmen;
                  Krist aber, nachdem er dem einen Braunen eine wollene Decke, dem andern einen
                  alten Militärmantel aufgelegt hatte, ging über den Fahrdamm auf die andere Seite
                  des Dorfes hinüber, wo gerade Pastor Zabels kleiner Schlitten dicht vor dem
                  Staketenzaune hielt. Der Pfarrknecht nahm die Leinen abwechselnd in die linke und
                  rechte Hand und stampfte ungeduldig den Schnee.</p>
               <p>»'n Abend, Karges«, sagte Krist. »Wo wiste henn?«</p>
               <p>»Na'h Gus'.«</p>
               <p>»Woto denn? Se is joa all unner de Ihrd. Siet vörvörgestern.«</p>
               <p>»Joa. Awers de Schoolkinner hebben hüt ihrst ehren Dag. De süllen um Klocker söss
                  spiest wahren: Hirs und Swiensbroaten. Un jeed een noch en Kringel för to
                  Huus.«</p>
               <p>»Richtig, richtig, de Schoolkinner. Awers wat hätt denn dien Pastor dabi to
                  dohn?«</p>
               <p>»Joa, wat hätt hi dabi to dohn? Ick weet et nich. He möt man ümmer mit dabi
                  sinn.«</p>
               <p>In diesem Augenblicke trat Lewin wieder aus dem Krug auf die Straße. Krist, als er
                  seinen jungen Herrn sah, brach das <pb/> Gespräch rasch ab und kehrte zu den
                  Pferden zurück. Hier nahm er den alten Kavalleriemantel vom Rücken des einen
                  Braunen und hielt ihn ausgebreitet vor Lewin hin, zum Zeichen, daß dieser, ehe er
                  wieder einsteige, ihn anziehen müsse. Lewin wollte aber nicht.</p>
               <p>»Laß, Krist«, sagte er, »es ist nicht kalt.«</p>
               <p>»Doch, junge Herr. De Sünn is all unner. Un ick süll acht upp Se hebben, dat
                  hebben se mi beed seggt, ihrst de een, un denn de anner. Un dat helpt nu
                  nich.«</p>
               <p>»Laß nur. Ich werde schon sagen, daß ich nicht gewollt habe.«</p>
               <p>»Ne, junge Herr, dat geiht nu nich anners. Mit uns Frölen, da mücht et ja wull
                  noch sinn, awers bi de Oll-Schorlemmern, doa hedd ick verspeelt.«</p>
               <p>»Na, denn gib her«, sagte Lewin und wickelte sich in den bereitgehaltenen Mantel
                  ein.</p>
               <p>Es war ihm bald lieb, dem Andringen Krists nicht eigensinnig widerstanden zu
                  haben; es wurde frischer von Minute zu Minute, und die Wärme, die der dicke Mantel
                  gab, tat ihm wohl. Die Sterne zogen herauf; ein Gefühl süßen, unnennbaren Wehs
                  überkam ihn, und ein Tränenstrom brach aus seinen Augen, nicht reichlicher, als
                  ihn die gute Frau Kemnitz vor wenig Stunden erst vergossen hatte, aber viel, viel
                  heißer. Und doch bedeuteten ihm diese Tränen Glück und Genesung. Er gedachte
                  Mariens, und wie sie beide so gleich empfänden. »Mir ist dann, als wüchse ich und
                  könnte fliegen«, wiederholte er aus ihrem Briefe und sah dabei zu den Sternen
                  hinauf, die immer heller funkelten.</p>
               <p>So ging die Fahrt. Die Braunen, die seit gestern abend zwölf Meilen gemacht
                  hatten, fielen allmählich in Schritt, und erst von Manschnow aus, wo sie den Stall
                  zu wittern begannen, setzten sie sich wieder in Trab. Es schlug sieben vom
                  Hohen-Vietzer Turm, als sie der vordersten Parkspitze ansichtig wurden, und ehe
                  der letzte Schlag ausgeklungen, hielt der Schlitten vor der Rampe des Wohnhauses.
                  Das erste, was Lewin sah, war der in Trümmern daliegende Saalanbau, und sowenig
                  <pb/> ihn damals die Nachricht von dem Feuer erschüttert hatte, so groß war jetzt
                  der Eindruck, den die Brandstätte auf ihn machte. Und dieser Eindruck wurde noch
                  dadurch gesteigert, daß im Wohnhause selbst alles in Schweigen und Dunkel lag.</p>
               <p>Niemand ließ sich sehen. Krist knipste mit der Peitsche, und die Braunen
                  schüttelten ungeduldig ihr Schellengeläut. Endlich kam Licht, und Jeetzes hagere
                  Gestalt zeigte sich hinter der Glastüre. Er stellte den Leuchter etwas seitwärts,
                  um die Flamme gegen den Zugwind zu schützen, und trat dann ins Freie, um seinem
                  jungen Herrn bei dem Aussteigen behilflich zu sein.</p>
               <p>»Guten Abend, Jeetze. Alles ausgeflogen?«</p>
               <p>»Ja, junger Herr. Wir hatten Sie nicht so früh erwartet.«</p>
               <p>»Und wo ist Papa?«</p>
               <p>»Immer noch in Guse.«</p>
               <p>»Und Renate?«</p>
               <p>»Bei Müller Miekley. Uhlenhorst ist da, und da sind ja nun die Lutherschen wieder
                  zusammen. Auch die von drüben; der Zehdensche Amtmann und der alte Oberförster von
                  Lietze-Göricke. Unser Fräulein wollte erst nicht mit; aber Tante Schorlemmer hat
                  ihr keine Ruhe gelassen.«</p>
               <p>»So, so«, sagte Lewin in leiser Verstimmung.</p>
               <p>»Soll ich sie holen?«</p>
               <p>»Nein, laß. Ich bin müde.«</p>
               <p>Damit traten sie von der Halle her, in der dies Gespräch geführt worden war, auf
                  den Hinterflur des Hauses, wo Hektor schon seinen jungen Herrn erwartete. Aber als
                  ob er wisse, daß dieser krank gewesen sei, enthielt er sich aller stürmischen
                  Liebkosungen. Still wedelnd ging er neben ihm her und leckte ihm nur immer wieder
                  die Hand, während sie die Treppe hinaufstiegen.</p>
               <p>In Lewins Zimmer war alles zu seinem Empfange bereit. Das leichte Federbett war
                  halb zurückgeschlagen, und die bunte Steppdecke lag zusammengefaltet auf dem Stuhl
                  daneben. Auf dem Sofatisch standen Maiblumen, das einzige, was das seit dem Tode
                  der Frau von Vitzewitz vernachlässigte Gewächshaus hergegeben hatte. Aber was
                  ihnen Wert lieh, war <pb/> das, daß es Lewins Lieblingsblumen waren. Er sog ihren
                  Duft ein und sagte mit bewegter Stimme: »Renate!«, während sich ihm ein
                  beglückendes Gefühl des Geborgenseins in Heimat und treuer Liebe um das
                  schwergeprüfte Herz legte.</p>
               <p>Eine Stunde später öffnete Jeetze leise wieder die Tür. Das Licht brannte noch,
                  und der Alte nahm es vom Tisch, um es zu löschen. Hektor, der auf seinem Rehfell
                  lag, blinzelte mit dem einen Auge, aber rührte sich nicht.</p>
               <p>Und im nächsten Augenblicke war alles wieder still.</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Fünftes Kapitel</head>
               <head>Letztwillige Bestimmungen</head>
               <p>Der nächste Abend sah unsere Freunde wieder im Halbkreis um den Hohen-Vietzer
                  Kamin her. Es war so ziemlich dasselbe Bild wie am ersten Weihnachtsfeiertage, nur
                  der Christbaum fehlte und mehr noch die Heiterkeit, die damals das Spiel mit den
                  goldenen Nüssen begleitet hatte. Die Schorlemmer strickte wieder an ihrem Vlies,
                  Renate, einen Crêpestreifen vor sich, nähte an einer Trauerrüsche, und Lewin –
                  immer noch unter der Nachwirkung seiner Krankheit oder doch der Anstrengungen des
                  gestrigen Tages – sah abgespannt vor sich hin und spielte gleichgültig mit einem
                  Tannapfel, den er aus dem neben ihm stehenden Holzkorb genommen hatte. Nur Marie
                  war bemüht, durch allerlei Fragen ein Gespräch einzuleiten, aber es blieb bei
                  kurzen Antworten.</p>
               <p>Die kleine Uhr auf dem Kaminsims schlug acht. In diesem Augenblick meldete Jeetze
                  den Pastor, der gleich darauf eintrat. Jeder bezeigte herzliche Freude, die sich
                  bei Renaten in allerhand kleinen Neckereien äußerte. Es sei nicht gut, wenn der
                  Hirt seine Herde verlasse; schon vier Stunden seien zuviel, und nun gar vier Tage!
                  Nun sei der Wolf eingebrochen: Uhlenhorst in Person.</p>
               <p>»Ich weiß«, sagte Seidentopf. »Und wer begab sich freiwillig in die Gefahr? Wer
                  war wieder mit dabei?«</p>
               <p>
                  <pb/> »Natürlich wir. Aber wir sind diesmal ungeschädigt davongekommen. Und nicht
                  bloß wir, auch der Zehdensche Amtmann ließ ihn im Stich, als er beständig
                  wiederholte: ›Wer das Schwert nimmt, soll durch das Schwert umkommen.‹ Er konnte
                  schon in den Weihnachtstagen von diesem Spruche nicht los, und nun wurd es jedem
                  zuviel. Er vergißt immer, daß er zu alten Soldaten spricht. Er ist ein Lauenburger
                  oder aus dem Eutinschen, und wenn ich ihn so höre, so bedünkt es mich immer, als
                  ob jede andere Provinz auch ein anderes Christentum hätte. Aber das führt uns in
                  Streit; ich sehe Tante Schorlemmer schon ungeduldig werden. Also nichts mehr
                  davon. Und nun nehmen Sie Platz, teuerster Pastor, hier ist Ihr Stuhl, zwischen
                  Marie und mir. Und nun erzählen Sie.«</p>
               <p>»Wovon?«</p>
               <p>»Von all und jedem, aber zuerst von Guse, denn wir wissen so gut wie nichts. Papa
                  war nur einmal hier, und das war, als wir noch in Bohlsdorf waren. Also bitte,
                  alles ist neu für uns. War es feierlich? War der Sarg offen oder geschlossen? Ach,
                  ich hätte mich totgeängstigt, so stundenlang neben dem offenen Sarge zu stehen.
                  Wer hielt die Rede? Wer war da?«</p>
               <p>»Alle, der ganze Freundeskreis: Bamme, Drosselstein, Krach, der Protzhagener
                  Hauptmann in seiner alten Uniform vom Regiment Pirch – keiner fehlte. Auch
                  Faulstich war da, mit einer Art Kantate, die, wenn Nippler seine Komposition
                  beendet haben wird, am zweiten oder dritten Sonntag in der Guser Kirche gesungen
                  werden soll. Unser Kirch-Göritzer Doktor hatte vorläufig die Textes-Strophen
                  drucken lassen und überreichte jedem von uns ein Blatt.«</p>
               <p>»Eine Kantate«, sagte die Schorlemmer. »Und von Faulstich! Das wird ein rechter
                  Heidenspuk gewesen sein, von Anfang bis zu Ende. Nichts von Grab und Tod und noch
                  weniger von Auferstehung. Bloß Unterwelt und Schatten und ein Dutzend griechischer
                  Götternamen!«</p>
               <p>»Doch nicht, liebe Schorlemmer«, erwiderte Seidentopf. »Sie tuen ihm unrecht. Es
                  ist nichts Christliches, was er geschrieben hat, aber auch nichts Anstößiges. Dazu
                  hat er zuviel Takt.</p>
               <p>
                  <pb/> Übrigens hab ich das Blatt mitgebracht, und unsere Damen mögen entscheiden.«
                  Damit nahm er ein schwarzgerändertes Papier aus der Brusttasche und gab es Lewin,
                  der es apathisch auseinanderfaltete und nach kurzem Besinnen, ohne den Inhalt auch
                  nur überflogen zu haben, weiterreichte.</p>
               <p>»Lies du, Renate.« Und Renate las:</p>
               <!--milestone hi_start-->
               <p>»Am Grabe</p>
               <p>der Gräfin Amelie von Pudagla,</p>
               <p>geb. von Vitzewitz </p>
               <!--milestone hi_end-->


               <l>Die du Niedres gemieden</l>
               <l>In hohem Sinn,</l>
               <l>Du bist nun geschieden;</l>
               <l>Wohin, wohin?</l>



               <l>Wohin? So klingen</l>
               <l>Der Fragen viel;</l>
               <l>Warum sie lösen, bezwingen?</l>
               <l>Du bist am Ziel.</l>



               <l>Das Beste hienieden,</l>
               <l>Du hast es erreicht:</l>
               <l>Du hast den Frieden.</l>
               <l>Sei dir die Erde leicht.«</l>


               <p>Eine kurze Pause folgte. Dann sagte die Schorlemmer: »Es ist nicht anstößig, weil
                  es nicht spöttisch ist. Aber, teuerster Pastor, einem christlichen Herzen gibt es
                  doch Anstoß genug. Er fragt: ›Wohin?‹ und weiß die Antwort nicht. Gott sei Dank,
                  ich weiß sie.«</p>
               <p>Seidentopf, der einer von den Allerweltsadvokaten war und immer etwas zu
                  verteidigen fand, wollte auch diesmal zugunsten Faulstichs eintreten, Renate aber,
                  die mittlerweile wahrgenommen hatte, daß auch die Rückseite der an Ausdehnung und
                  Gläubigkeit gleich kurz gehaltenen Kantate mit Bleistiftzeilen überkritzelt war,
                  ließ es zu keiner pastoralen Entgegnung kommen und bemerkte nur, indem sie mit
                  ihrem Zeigefinger <pb/> über das Gekritzel hinfuhr: »Ich wette, teuerster
                  Prediger, daß wir hier, auf der Rückseite des Blattes, bereits Ihren kritischen
                  Kommentar haben. Hab ich recht?«</p>
               <p>»Nein, liebe Renate«, antwortete Seidentopf. »Ich bin überhaupt unkritisch, wie
                  Turgany versichert. Auf manchem Gebiete vielleicht weniger, als er annimmt, aber
                  doch gewiß unkritisch auf dem Gebiete der Kantate. Ich käme in Verlegenheit, wenn
                  ich überhaupt nur feststellen sollte, was eine Kantate sei.«</p>
               <p>»Nun, wenn keinen Kommentar, was enthalten diese Zeilen dann?«</p>
               <p>»Letztwillige Bestimmungen der Guser Tante. Nicht ihr eigentliches Testament, ein
                  solches hat sich überhaupt nicht vorgefunden, aber eine Art Begräbnisprogramm. Es
                  fand sich unter anderen Papieren auf ihrem Schreibtisch, und ich habe mir, mit des
                  Papas Erlaubnis und natürlich unter Weglassung einiger französischer Einschiebsel,
                  in aller Eile eine Abschrift davon genommen.«</p>
               <p>»Oh, das müssen wir hören«, rief Renate mit Lebhaftigkeit. »Aber es ist
                  Augenpulver und gar nicht zu entziffern. Da müssen Sie selber aushelfen.«</p>
               <p>»Gern«, erwiderte Seidentopf, »und um so lieber, als genau nach dem Inhalte dieses
                  Programms verfahren wurde. Eben diese Bestimmungen sind die beste Beschreibung,
                  die ich Ihnen von dem Begräbnis selber geben kann.«</p>
               <p>»Nun, so lesen Sie«, bat Renate.</p>
               <p>Lewin und Marie stimmten mit ein, und nur die Schorlemmer sagte: »Was werden wir
                  da wieder hören müssen!«</p>
               <p>Dann nahm Seidentopf das Blatt zurück und begann ohne weitere Säumnis oder
                  Vorrede:</p>

               <!--milestone hi_start-->
               <p>»Bei meinem Ableben einzuhaltende Bestimmungen </p>
               <!--milestone hi_end-->

               <p>Ich fürchte den Tod. Aber diese Furcht hält mich nicht ab, ihm ins Gesicht zu
                  sehen. Er ist das Unvermeidliche. Und so bestimme ich, Amelie von Pudagla, geb.
                  von Vitzewitz, in nachstehendem wie folgt:</p>
               <p>
                  <pb/> Erstens. Ich will in meiner Witwentracht in einen Sarg von Zedernholz gelegt
                  und sodann aufgebahrt in die große Halle gestellt werden, da, wo der Faun steht.
                  Dieser muß sich, solang es dauert, an einem andern Orte behelfen.«</p>
               <p>»Da, wo der Faun steht«, wiederholte die Schorlemmer und klapperte mit ihren
                  Nadeln.</p>
               <p>Seidentopf fuhr fort:</p>
               <p>»Zweitens. Den vierten Tag, bei Sonnenuntergang, will ich begraben werden, aber
                  nicht in der Kirche, auch nicht in der angebauten Derfflingergruft, sondern im
                  Guser Schloßpark, und zwar in dem kleinen Zedernhain, den sie Neulibanon
                  nennen.</p>
               <p> Drittens. Es soll auf dem Wege vom Schlosse bis in den Park, unter Vorantritt
                  Nipplers, von allen Dorfkindern das Lied: ›Was Gott tut, das ist wohlgetan‹,
                  gesungen werden. Aber nicht: ›O Haupt voll Blut und Wunden‹. Dies verbiete ich
                  ausdrücklich.«</p>
               <p>Alle schienen von dieser Bestimmung überrascht und sahen sich untereinander an,
                  schwiegen aber. Nur die Schorlemmer sagte: »Mein Gott, was ihr das schöne Lied nur
                  getan hat! Ich hätte keine Ruh im Grabe, wenn ich so was in meinem Letzten Willen
                  niedergeschrieben hätte. Renate, Kind, daß du mir dafür sorgst, daß das Lied
                  gesungen wird. Ich meine, bei mir.«</p>
               <p>»Ich werd es, liebe Schorlemmer. Aber hören wir weiter.«</p>
               <p>»Viertens. Am Grabe soll der Prediger eine kurze Ansprache halten, und dabei soll
                  er mich nicht loben wegen dessen, was ich auf Erden gewesen bin oder getan habe,
                  vielmehr soll er nur sagen, daß mir alles Versteckte, Unklare und Erheuchelte all
                  mein Lebtag zuwider gewesen ist. Dies soll er sagen nicht mir zum Ruhme, sondern
                  weil es die Wahrheit ist.</p>
               <p> Fünftens. Es soll ein Granitblock auf mein Grab gelegt und seinerzeit eine
                  Metalltafel mit folgender Grabinschrift eingelegt werden:</p>


               <l>L'eloge ou le blâme ne touchent plus celui</l>
               <l>Qui repose dans l'éternité.</l>
               <l>L'espérance embellit ma vie et m'accompagne en mourant.</l>


               <p>
                  <pb/> Sechstens. Faulstich, dem ich mein Miniaturbild mit der Rubineneinfassung
                  hinterlasse, soll eine Kantate dichten, und Nippler (der ein Douceur von zehn
                  Dukaten empfängt) soll diese Kantate komponieren. Sie mag, je nach Befinden, am
                  Grabe oder aber in der Guser Kirche am dritten Sonntage nach meinem Begräbnis
                  gesungen werden.</p>
               <p> Siebentens. Am dritten Tage nach meiner Beisetzung und dann alljährlich an meinem
                  Todestage sollen die Schulkinder gespeist und zwölf Dorfarme neu gekleidet
                  werden.</p>
               <p> Achtens. Mit Ausführung dieser Bestimmungen betraue ich meinen Bruder Berndt von
                  Vitzewitz, ehemals Major im Dragonerregiment von Knobelsdorff, Erbherr auf
                  Hohen-Vietz.«</p>
               <p>Seidentopf, als er gelesen, faltete das Blatt wieder zusammen, und die
                  Schorlemmer, ohne von ihrer Arbeit aufzusehen, murmelte vor sich hin: »Da kommt
                  selbst Faulstich wieder zu Ehren.«</p>
               <p>Lewin lächelte. Er hatte sich schon vorher von Paragraph zu Paragraph immer mehr
                  erheitert und sagte jetzt ruhig: »Du hattest immer deinen kleinen Krieg mit der
                  Tante drüben. Solange sie lebte, war das gut; nun aber ist sie tot, das ändert
                  viel, und ich glaube, wir müssen sie schließlich gelten lassen.«</p>
               <p>Die Schorlemmer schüttelte den Kopf.</p>
               <p>»Du schüttelst den Kopf«, fuhr Lewin fort, »aber das überzeugt mich nicht. In
                  allem, worin sie uns mißfiel, hat sie sich jetzt an anderer Stelle zu
                  verantworten; sie weiß jetzt mehr als wir und ist unserem Urteil in allem, was
                  jenseits liegt, entrückt. Unsere Meinung über sie hat sich nur noch auf das zu
                  beschränken, was sie diesseits war und bedeutete. Und das hatte sein Gewicht.
                  Gewiß, ihre Schwäche war der Glaube, aber ihre Stärke war der Mut. ›Ich
                  marchandiere nicht‹, pflegte sie zu sagen. Und alles, was wir eben gehört haben,
                  führt uns den Beweis, daß sie sich bis zuletzt nicht handeln ließ und sich und
                  ihrem Unglauben treu zu bleiben verstand.«</p>
               <p>Lewins blasses Gesicht hatte sich, während er sprach, gerötet. Als er jetzt
                  schwieg, erklärte Seidentopf seine volle Zustimmung. Ein solches tapferes
                  Bekenntnis des Unglaubens, <pb/> alles Ausharren bis ins Angesicht des Todes
                  hinein, habe seinen Beifall und sei ihm viel, viel lieber als das Angstchristentum
                  beispielsweise Baron Pehlemanns, der bei jedem Gichtanfall begierig nach der Bibel
                  greife und sie wieder zuklappe, wenn der Anfall vorüber sei.</p>
               <p>Niemand war überrascht, solchen Äußerungen aus dem Munde Seidentopfs zu begegnen.
                  Auch die Schorlemmer nicht. Aber wenn sie nicht überrascht war, so war sie doch
                  noch weniger einverstanden damit.</p>
               <p>»Ausharren!« wiederholte sie lebhaft, »wenn es ein solches gewesen wäre! Aber,
                  teuerster Pastor, es war kein Ausharren, und am wenigsten ein Ausharren bis in den
                  Tod. Ich habe die Tante gekannt und las in ihrem Herzen. Das war ihr lästig. Ein
                  tapferes Bekenntnis des Unglaubens! Ach, wie Sie sie verkennen. Sie schrieb das
                  nieder, nicht in der Tapferkeit, sondern in der Eitelkeit ihres Herzens und freute
                  sich der Vorstellung, mit welch erstaunten Augen das alles einst nach ihrem Tode
                  gelesen werden würde. Von Bamme, von Krach und vielleicht auch von dem langen
                  Hauptmann. Aber der Tod war noch nicht da. Wär er dagewesen, von Angesicht zu
                  Angesicht, sie hätte diese Zeilen nicht geschrieben, dessen bin ich gewiß. Sie
                  hatte Mut, aber bloß den Lebens-, nicht den Todesmut.«</p>
               <p>Jeetzes Eintreten unterbrach das Gespräch. Er erschien mit einem Tablett, auf dem
                  kleine bemalte Tellerchen und ein altmodischer silberner Obstkorb standen. Da
                  niemand gewillt schien, den Platz am Kamin aufzugeben, so wurde das Tablett auf
                  ein rundes, mit Tulaer Arbeit ausgelegtes Tischchen gestellt und dieses Tischchen
                  in den Halbkreis hineingeschoben. Marie, deren Hände frei waren, machte die Wirtin
                  und schälte das Obst.</p>
               <p>Allmählich, während der Teller von Hand zu Hand ging, begann das Gespräch wieder,
                  wandte sich aber, da Friedensschlüsse, wie jeder wußte, nicht wohl möglich waren,
                  anderen Gegenständen zu.</p>
               <p>Natürlich behielt Seidentopf das Wort; war er doch, seines Aufenthaltes bei Graf
                  Drosselstein ganz zu geschweigen, unmittelbar <pb/> nach dem Guser Begräbnis einen
                  Tag lang in Küstrin gewesen und hatte während dieses Tages vieles gesehen und noch
                  mehr gehört. Ein besonderes Interesse weckten seine Mitteilungen über die von Tag
                  zu Tag sich mehrenden Desertionen, die freilich, wie Seidentopf hinzusetzte, nicht
                  überraschen dürften, da die Hälfte der Garnison aus Westfalen unter dem Kommando
                  des Generals von Füllgraf bestünde, eines alten Haudegens, der selber, wie man in
                  der Bürgerschaft wohl wisse, aus dem Konflikt zwischen seinem deutschen Herzen und
                  seinem französischen Eide nicht herauskäme. Auch seine Leute wüßten es und gingen
                  deshalb in ganzen Trupps auf und davon. Andere, die vorläufig noch aushielten,
                  hätten ihm einen Vers an die Türe geklebt, der habe gelautet:</p>


               <l> Füllgraf bist du? Sage nein,</l>
               <l>Fülle nicht des Feindes Reihn.</l>
               <l>Führ uns. Vollgraf sollst du sein.</l>


               <p>Der alte Füllgraf selber, schon um nicht persönlich in Verdacht zu kommen, als
                  sympathisiere er mit den Unzufriedenen, habe bei General Fournier, seinem
                  Oberkommandanten, Anzeige von diesem Vorfalle gemacht und auf Untersuchung
                  angetragen, aber die Untersuchung habe nichts ergeben, und die Desertionen hätten
                  sich nur gemehrt. Der letzte Trupp sei siebzehn Mann stark gewesen und habe sich
                  auf Kirch-Göritz zu davongemacht. Das sei nun drei Tage. Auf dem »Hohen Kavalier«
                  hätten sie dann freilich die Alarmkanone abgefeuert, aber wozu? Die Bürger hätten
                  gelacht und die Franzosen auch. Denn diese hörten von nichts anderem mehr als von
                  »Volksbewaffnung« und wären natürlich klug genug, einzusehen, daß dieselben
                  Bauern, die jetzt einen Aufstand vorhätten, nicht Lust haben könnten, die Schergen
                  zu spielen und Deserteure zu fangen und abzuliefern.</p>
               <p>Hier unterbrach Lewin den Pastor, um sich nach dem Stande der
                  Landsturmorganisation zu erkundigen, und erfuhr nun mit vielen Details, welche
                  Fort schritte die Volksbewaffnung im Laufe der letzten drei Wochen gemacht habe.
                  Anfangs sei <pb/> Hohen-Vietz an der Spitze gewesen; die fast achttägige
                  Abwesenheit Berndts aber habe zu kleinen Hemmnissen geführt, so daß jetzt
                  Drosselstein voraus sei und vor allem Rutze. Er wisse das von Bamme selbst, mit
                  dem er am Begräbnistage einen Spaziergang durch den Guser Park gemacht habe.
                  Dieser Spaziergang sei überhaupt sehr angenehm gewesen, denn es plaudere sich gut
                  mit dem Alten. Daß er nicht in die Groß-Quirlsdorfer Kirche zu bringen sei, oder
                  doch nur ausnahmsweise, das sei seines Amtsbruders Sache. Der habe ihn mit seinem
                  Schablonenchristentum herausgepredigt. Und das Schablonenchristentum sei nicht
                  besser als das Pehlemannsche Angstchristentum. Aber gleichviel, sie seien in
                  lebhaftem Gespräch die große Rüsternallee hinaufgegangen und durch den
                  Dohnenstrich zurück, bis sie wieder vor dem Schwanenhäuschen gestanden hätten.
                  Hier hätte Bamme nach dem Eckfenster hinaufgesehen und endlich vor sich hin
                  gesprochen:</p>
               <p>»Sehen Sie, Seidentopf, es war doch eine merkwürdige Frau. Sie traf es immer, und
                  auch mit diesem Rutze. Ja, da reichen keine hundertmal, daß ich ihr zugeschworen,
                  den ganzen Rutzeschen Verstand in eine Haselnuß einpacken zu wollen, aber sie gab
                  nicht nach und sagte nur immer wieder: ›Lieber Bamme, der Charakter entscheidet.‹
                  Und sie hat recht gehabt. Gestern war ich bei ihm in Protzhagen. A la bonne heure.
                  Was er da zusammengebracht und einexerziert hat, ist unsere beste Compagnie. Ein
                  Triumph der Disziplin. Kerle, um den Teufel aus der Hölle zu jagen.«</p>
               <p>Über dieses Bammesche Zitat kam Seidentopf nicht hinaus, denn es schlug eben neun,
                  um welche Zeit er regelmäßig in seine Wohnung zurückzukehren liebte; außerdem
                  gefiel ihm heute Lewins Aussehen nicht. So brach er auf, von Marie begleitet, die
                  denselben Heimweg mit ihm hatte.</p>
               <p>Als sie den Hof passiert und auch das niedrige Vorderhaus, in dem Krist und der
                  Gärtner wohnten, schon im Rücken hatten, sagte Seidentopf: »Wie fandest du Lewin?
                  Mir gefiel er nicht. Keine dreimal, daß er das Wort nahm. Und wie spitz und
                  abgespannt er aussah.«</p>
               <p>
                  <pb/> »Er sprach wenig«, sagte Marie. »Aber das darf uns nicht wundernehmen. Es
                  war heute zuviel für ihn. Und die gestrige Fahrt. Und nach allem, was er
                  durchgemacht hat an Leib und Seele.«</p>
               <p>»So weißt du, was es war?«</p>
               <p>Marie nickte. »Es war, was ich vermutete. Kathinka ist fort. Doch was sprech ich
                  Ihnen davon; Sie werden in Guse davon gehört haben!«</p>
               <p>»Ja, Vitzewitz nahm mich beiseite und erzählte mir's; aber auch wenn er
                  geschwiegen hätte, ich hätt es dem alten Ladalinski von der Stirn gelesen. Er
                  machte den Eindruck eines gebrochenen Mannes.«</p>
               <p>»Sie war sein Liebling, aller Menschen Liebling. Und ich glaube fast, ich
                  beneidete sie.«</p>
               <p>»Beneide sie nicht, Marie«, sagte Seidentopf, indem er ihr die Hand reichte. »Du
                  hast das bessere Teil erwählt: Demut und den Frieden des Gemütes. In ihm allein
                  ist Glück. Und nun: gute Nacht!«</p>
               <p>Und damit trennten sie sich, und der Pastor trat in den Flur seines Hauses und
                  gleich darauf in sein Studierzimmer ein. Hier war alles dunkel, aber die Läden
                  waren noch nicht geschlossen, und der Schnee und die Sterne draußen gaben gerade
                  soviel Licht, als ihm lieb war. Er setzte sich auf das kleine Ledersofa und sah in
                  den winterlich daliegenden Garten hinaus.</p>
               <p>»Es kommt doch, wie es kommen soll«, sagte er. »Ich bin dessen gewiß. Und jetzt
                  mehr denn je. Kathinka fort. Das ging über alle Berechnung. Sie war die große
                  Gefahr in meinem Exempel.«</p>
               <p>Er wollte dem noch weiter nachhängen, aber die großhaubige Haushälterin erschien
                  geräuschvoll, stellte die kleine Studierlampe neben Bekmanns »Geschichte der
                  Kurmark Brandenburg« und schloß die Läden.</p>
               <pb/>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Sechstes Kapitel</head>
               <head>Ein Deserteur</head>
               <p>Um dieselbe Stunde, wo Seidentopf und die Frauen im Herrenhause plauderten,
                  plauderten auch die Bauern im Hohen-Vietzer Krug. Es waren unsere alten Freunde
                  vom ersten Weihnachtsfeiertage her: Kümmritz und »Sahnepott« und Krull und
                  Reetzke; aber auch Miekley, der damals den Diskurs über Tiegel-Schultze und den
                  Schwedter Markgrafen durch sein spätes Erscheinen unterbrochen hatte, hatte heute
                  schon seinen Platz am Tische. Der alte Scharwenka ging wie gewöhnlich auf und ab
                  und machte den Wirt, während Schulze Kniehase dem Fenster zu saß, wo der Küstriner
                  Anzeiger und die beiden berlinschen Zeitungen lagen.</p>
               <p>Es traf sich, daß heute Bauer Reetzke, der sonst mit Krull um die Wette schwieg,
                  das Wort führte. Denn er war den Tag vorher in Küstrin gewesen, wohin er, der
                  Verproviantierung der Festung halber, ein Fuder Oderbruchheu abzuliefern gehabt
                  hatte. Sein Bericht reichte zwei Tage weiter als der des Pastors.</p>
               <p>»Sie verproviantieren sich also«, sagte Sahnepott. »Laß hören, Reetzke, wie steht
                  es damit?«</p>
               <p>»Je nachdem«, sagte dieser. »Alle Speicher sind voll, aber mit dem Schlachtvieh
                  steht es schlecht. Das liebe Vieh hält nicht mehr bei ihnen aus und läuft ihnen
                  weg. Vorletzte Nacht hundertundsiebzig Stück, alle von Tamsel und Quartschen.«</p>
               <p>»Hundertundsiebzig Stück?« fragte Kümmritz.</p>
               <p>»Ja, Kümmritz, wie ich dir sage. Vorgestern hatten sie das Tamseler Vieh
                  zusammengetrieben und vorvorgestern das von Quartschen, und das stand ja nun auf
                  dem ›Gorin‹, keine tausend Schritt vor der Stadt, und war paarweis
                  zusammengekoppelt. Sie hatten es auch eingehürdet, und da, wo der Eingang war,
                  stand eine Schildwacht. Aber nach eins ging der Mond unter, und als es wieder
                  dämmerte und die Ablösung kam, da sahen sie, daß alles Vieh fort war.«</p>
               <p>»Wie denn?«</p>
               <p>»Es war ein Loch in der Hürde, und das hatte sich das liebe <pb/> Vieh zunutze
                  gemacht. Erst dachten die Franzosen, die Bauern hätten es heimlich weggetrieben,
                  aber es waren keine Fußstapfen im Schnee, nur Klauenspuren, die bis halben Wegs
                  nach Tamsel gingen. Weiter wagten sich die Franzosen nicht, denn die Russen sind
                  schon bis dicht heran; bei Blumberg haben sie gestern eine Patrouille
                  weggefangen.«</p>
               <p>»Das liebe Vieh«, sagte Kümmritz, »das hat so seinen Instinkt und läuft den
                  Franzosen weg, aber die Westfalen bleiben und der alte Füllgraf auch. Und wenn es
                  noch Westfalen wären! Aber es sind Altmärkische, aus der Salzwedeler Gegend und
                  von Stendal. Ich habe selber mit ein paar von ihnen gesprochen. Warum laufen sie
                  nicht weg? Warum desertieren sie nicht?«</p>
               <p>»Sie desertieren«, sagte Reetzke. »Vorige Woche vierzehn und diese Woche siebzehn
                  Mann. Aber einen haben sie wieder, einen blutjungen Menschen; sie brachten ihn
                  ein, als ich mit meinem Fuder Heu vor dem großen Magazin hielt.«</p>
               <p>»Wer bracht ihn ein?« fragte Scharwenka und setzte sich mit an den Tisch. »Unsere
                  Neumärker drüben werden doch keinen Deserteur einfangen?«</p>
               <p>»Nein«, fuhr Reetzke fort, »die Franzosen brachten ihn ein; sie hatten ihn in der
                  Krampe gefangengenommen. Gestern früh. Wißt ihr denn nichts davon?«</p>
               <p>»Nein, wir wissen von nichts. Laß hören, Reetzke«, riefen mehrere durcheinander,
                  und auch Kniehase legte das Blatt aus der Hand.</p>
               <p>»Nun«, sagte Reetzke, »es war ja ein Überfall, und die Franzosen mußten Fersengeld
                  geben. Sie haben vier Tote gehabt.«</p>
               <p>»Und in der Krampe?« fragte Kniehase, der immer aufmerksamer geworden war. »Und
                  mit den Russen war es?«</p>
               <p>»Nein. Mit den Kirch-Göritzern. Handschuhmacher Pfeiffer, der immer den linken Fuß
                  nachzieht und schon Anno sechs den einen General in der Drewitzer Heide weggeputzt
                  haben soll – sie konnten es ihm aber nicht beweisen –, der war der Oberste. Es ist
                  ein kräpscher Kerl und schießt gut und war schon dreimal Schützenkönig.«</p>
               <p>»Die Kirch-Göritzer!« unterbrach Kümmritz. »Wer das gedacht <pb/> hätte! Nun aber
                  laß den Handschuhmacher und seinen linken Fuß und erzähle, was du weißt. Laß dir's
                  nicht so brockenweise herausholen.«</p>
               <p>»Nun, die siebzehn gingen also nach Kirch-Göritz und kamen ins Schützenhaus. Und
                  da war ja nun Pfeiffer, der nie was zu tun hat, und steckte sich auch gleich in
                  seine Schützenuniform mit der Medaillenkette und begrüßte sie und lobte sie, denn
                  er kann reden wie ein Daus. Und als sie nun erzählt hatten, von wo sie desertiert
                  wären und daß jeden Morgen zwanzig Mann in die Krampe müßten, um den Werft für die
                  Faschinen zu schneiden, da sagte Pfeiffer: ›Kinder, das gibt einen Coup. Ich war
                  mit bei den Schillschen, und ich versteh es. Morgen früh also. Wer will mit?‹ Da
                  meldeten sich all die siebzehn Westfalen, denn das mußten sie, wenn sie nicht als
                  schlechte Kerle dastehen wollten, und von den Kirch-Göritzer Schützen traten auch
                  noch elfe vor. Und Pfeiffer war der neunundzwanzigste. So sah er auch gerade
                  aus.«</p>
               <p>Die Bauern lachten, denn sie kannten ihn alle.</p>
               <p>»Und nu kam ja der andere Morgen, das war gestern früh, und sie schlichen sich
                  dicht an der Oder hin, erst an dem Entenfang und dann an den Pulvermühlen vorbei.
                  Und so kamen sie bis an die Stelle, wo die Franzosen den Werft schnitten, und der
                  Werft stand so hoch und so dicht, daß sie sich einander nicht sehen konnten. Aber
                  an einer Stelle war ein Gang, da drängten sie sich durch, einer hinter dem andern,
                  und nun brachen sie mit Hurra vor, und Pfeiffer schoß ein altes Pistol ab, und die
                  elf Göritzer Schützen gaben eine Salve in den Haufen hinein, daß gleich vier
                  fielen und die andern auf die Festung davonliefen. Jetzt nun die Westfalen
                  hinterher; aber es war Glatteis, und der vorderste Westfälinger, der zwei von den
                  Ausreißern dicht auf der Ferse war, glitt aus und fiel so, daß er nicht gleich
                  wieder aufkonnte. Da drehten sich die zwei nach ihm um und packten ihn und
                  schleppten ihn mit sich fort. Das war der blutjunge Mensch, den ich um die zehnte
                  Stunde einbringen sah. Und da sagt ich so bei mir, denn ich war neugierig
                  geworden: ›Reetzke‹, sagt ich, ›du wirst nicht über <pb/> Manschnow fahren, du
                  fährst über Kirch-Göritz.‹ Und so fuhr ich über Kirch-Göritz. Aber, du mein
                  himmlischer Vater, da war ja nu alles wie besessen, und den Pfeiffer hatten sie
                  mit Punsch und Redensarten ganz toll gemacht. Und der hält sich jetzt für Schill
                  und Blücher all in eins.«</p>
               <p>»Das sieht ihm ähnlich«, sagte Kümmritz, »ein Großmaul, das immer genau vorher
                  weiß, wo was zu riskieren ist und wo nich. Schade, daß das junge Blut die Zeche
                  bezahlen muß. Aber so geht es immer: dieser lahme Pfeiffer kriegt den Ruhm, und
                  der arme Westfälinger wird die Kugel vor den Kopf kriegen.«</p>
               <p>Sie sprachen noch hin und her, und Sahnepott erschöpfte sich eben in
                  Möglichkeiten, wie der Deserteur in dem Momente, wo er ausglitt, doch vielleicht
                  noch zu retten gewesen wäre, als der junge Scharwenka eintrat, der heute ebenfalls
                  Heu- und Strohlieferungen nach Küstrin hin gehabt hatte. Er trug noch hohe
                  Stiefel, Flausrock und Pelzmütze und begrüßte jeden einzelnen, war aber
                  ersichtlich in großer Erregung.</p>
               <p>»Setz dich, Wenzlaff«, sagte der Alte. »Was bringst du? Du siehst nicht aus wie
                  gute Zeitung.«</p>
               <p>Der junge Scharwenka fuhr mit der Hand über die Stirn und sagte dann: »Sie haben
                  ihn erschossen; ich stand keine dreißig Schritt davon; sie wollten, daß es jeder
                  sehen sollte.«</p>
               <p>»Den Deserteur?« fragten alle.</p>
               <p>»So wißt ihr schon davon?«</p>
               <p>»Nein. Wir wußten nur, daß sie gestern einen Deserteur eingebracht haben. Reetzke
                  hat uns eben davon erzählt. Aber nun sprich, wie war es?«</p>
               <p>Der junge Scharwenka rückte zwischen Krull und Reetzke ein und sagte dann: »Ich
                  hatt eben abgeliefert, aber den Schein hatt ich noch nicht, denn der alte Füllgraf
                  war nicht bei Weg, und als ich auf dem Magazin fragte, wie lang es wohl noch
                  dauern könnte, da sagte der Inspektor: Die vierte Stunde würde wohl herankommen
                  oder auch noch mehr. Und dabei schlug die Schloßuhr eben erst zwölf. Aber was war
                  zu machen, und so sagt ich zu Matthissen: ›Na, Matthis, denn helpt et nich; wie
                  möten utspann'n. Du weetst ja, bi Kerkow'n upp 'n Kietz. <pb/> Föhr man ümmer
                  vörut. Ick kumm glieks na'h.‹ Denn ich mußte noch zu Mencken mit heran wegen dem
                  Kirschfaß. Und dann ging ich über die Brücke. Und ich war noch keine zehn Minuten
                  in der Ausspannung und stand mit dem alten Kerkow vor seinem Torweg, und die
                  Hühner pickten um uns her, da hörten wir trommeln, Gott, trommeln, wie ich's all
                  mein Lebtag noch nicht gehört habe.«</p>
               <p>»Das macht, Wenzlaff«, sagte Kümmritz, »weil du nicht bei den Soldaten gewesen
                  bist. Ich kenn es. Ein Wirbel und dann alles still, und dann wieder ein Wirbel. Es
                  bedeutet nicht viel Gutes.«</p>
               <p>Der junge Scharwenka nickte und fuhr fort: »Und nun dauerte es auch gar nicht
                  lange, da kamen sie die Straße herauf. Erst fünf Tambours und ebenso viele
                  Pfeifer; aber die Pfeifer spielten nicht. Und dann kam der junge Mensch. Jott, wie
                  der aussah. Nicht bang und nicht traurig, aber das war es eben, was mir einen
                  Stich ins Herz gab, und als er mich stehen sah und wohl sehen mochte, wie mir das
                  Mitleid in den Augen saß, da nahm er seine kleine Mütze ab und grüßte mich.«</p>
               <p>Die Bauern rückten alle näher; man hätt ein Blatt in der Krugstube fallen
                  hören.</p>
               <p>»Und dann kam ja der alte Füllgraf, ein paar Adjutanten neben sich, und den Schluß
                  machte das ganze Bataillon, dasselbige Bataillon, von dem der junge Westfälinger
                  desertiert war. Aber es war nur noch schwach, keine vierhundert Mann. Da sagte der
                  alte Kerkow: ›Kumm, Jungschen-Scharwenka, da möten wi mit dabi sinn.‹ Und ich ging
                  mit.«</p>
               <p>»Und doch heißt es: ›Du sollst nicht voll Neugier in deinem Herzen sein und nicht
                  zu den Gaffern stehen«‹, sagte Miekley.</p>
               <p>»Doch, Miekley«, warf Kümmritz ein. »Doch, so was muß man sehen; das macht einen
                  Eindruck. Und man hütet sich davor, oder man kriegt auch einen Haß gegen den
                  Feind. Und beides ist gut.«</p>
               <p>»Und so ging es denn«, fuhr der junge Scharwenka fort, »immer mit Trommelwirbel
                  bis an die letzten Häuser, und bei Raschmacher Günzel bogen sie links ein aufs
                  freie Feld, da, <pb/> wo die Reeperbahn ist. ›Halt!‹ kommandierte der alte
                  Füllgraf, und dann formierten sie Carré, aber die vierte Seite war offen, und hier
                  war das Grab. Ich stand mit Kerkow zwischen den Pappeln, und wir sahen den Sand,
                  der frisch aufgeworfen auf dem Schnee lag. Und mir zitterte das Herz, denn fünf
                  Mann und ein Sergeant waren jetzt aus dem Carré vorgetreten, und sie verbanden ihm
                  die Augen mit seinem Taschentuch. Ein altes blaues Tuch mit weißen Punkten. Und
                  nun sollt er niederknien. Aber da mit eins riß er das Tuch wieder ab und trat auf
                  den General zu, der keine zehn Schritt von ihm hielt, und sagte was, was ich nicht
                  hören konnte. Aber ich sah, daß der alte Füllgraf nickte und mit der Hand über
                  seine Augen fuhr. Und da war es, als ob dem jungen Menschen leicht ums Herz
                  geworden wäre, und er stellte sich gerad aufwärts hin und sah lange gen Himmel,
                  wohl eine Minute lang. Und nun war er fertig, und mit der linken Hand, in der er
                  noch das blaue Tuch hielt, schlug er an seine Brust und rief: ›Hierher, Kameraden,
                  hier sitzt das preußische Herz. Feuer!‹ Und die Salve krachte, und im nächsten
                  Augenblicke war alles vorbei. Der alte Füllgraf aber ritt heran und sagte zu dem
                  Kommando: ›Gebt mir das Tuch.‹ Aber der Tote hielt es so fest, daß es Mühe machte.
                  Dann schlossen sie wieder auf und rückten in Sektionen an uns vorbei. Jetzt
                  spielten auch die Pfeifer, und ich merkte wohl, daß es etwas Lustiges sein sollte.
                  Aber mir war nicht lustig ums Herz, als ich so hinterherging. Es war erst ein Uhr,
                  und erst um sechs hab ich meinen Schein gekriegt. Waren das fünf Stunden!«</p>
               <p>Damit legte er den vom alten Füllgraf unterzeichneten Quittungsschein auf den
                  Tisch. Jeder von den Bauern nahm das Blatt und sah nach der Unterschrift. Dann
                  sagte Sahnepott: »Und warum es gerade sein eigenes Bataillon sein mußte! Sie haben
                  ja Franzosen genug. Aber das ist solch französischer Kniff. Immer was Apartes. Und
                  grausam dazu.«</p>
               <p>»Sei doch still, Sahnepott«, sagte Kümmritz verdrießlich. »Es kann nicht jeder in
                  die Milchschüssel fallen. Du redst, wie du's verstehst. Apartes! Dummes Zeug. Ein
                  Deserteur wird <pb/> totgeschossen, das is in der ganzen Welt so. Bei Pirmasens
                  faßten wir auch einen, war auch ein hübscher Junge. Aber was half's ihm? Krieg ist
                  Krieg.«</p>
               <p>Miekley wollte Sahnepott zustimmen, Kümmritz aber, der in Erregung war, ließ ihn
                  nicht zu Worte kommen und sagte nur: »Ich will nichts hören, Miekley. Du bist in
                  die Traktätchen gefallen, und das ist das Allerschlimmste. Uhlenhorst will den
                  Krieg abschaffen, aber der Krieg wird Uhlenhorsten abschaffen. Denn wenn wir erst
                  den Krieg haben, dann spricht er vor leeren Bänken. Und das kann jeden Tag kommen.
                  Ich sag euch, es geht los, und dann wollen wir uns wieder sprechen. Der alte
                  Groß-Quirlsdorfsche hat was vor, und den kenn ich, mit dem ist schlecht Kirschen
                  pflücken, und Uhlenhorst wird ihn nicht anders machen. Landsturm oder nicht, er
                  liest euch die Kriegsartikel vor, und was nicht standhält bei der Fahne, das kommt
                  vors Kriegsgericht. Und was das bedeutet, das wißt ihr.«</p>
               <p>Sahnepott und Miekley schüttelten den Kopf.</p>
               <p>»Schüttelt nur; ich sag euch, es wird ernsthaft; wir erleben was, und hier herum
                  wird es am schlimmsten. Das hab ich aus der alten Prophezeiung. Wißt ihr, was die
                  sagt? Es werden rote Reiter am Himmel ziehen, und die Menschen werden so rar
                  werden, wie die Störche Anno 57 rar waren, wo der große Sturm sie verschlagen
                  hatte, daß man alle fünf Meilen nur einen sah. Und so wie Gott damals seinen
                  Gottesvogel geschlagen hat, so wird er jetzt die Menschen schlagen. Der Frieden
                  aber soll bei Chorinchen geschlossen werden.«</p>
               <p>»Ja«, sagte Krull, »ich hab es auch gelesen letzten Sonntag im Küstrinschen
                  Anzeiger; 's war auf der letzten Seite, wo die kleinen Geschichten stehen und die
                  Rätsel.«</p>
               <p>»Und da steht auch heute die Antwort«, sagte Kniehase und trat vom Fenster her an
                  den Mitteltisch heran. »Wollt ihr's hören?«</p>
               <p>»Ja«, riefen alle.</p>
               <p>»Nun denn: Antwort auf den Klagepropheten in Nummer fünf des Anzeigers.«</p>
               <p>
                  <pb/> »Und was schreibt er?«</p>
               <p>»1812 wird viel Schnee fallen, und in Moskau wird ein großes Feuer sein.«</p>
               <p>»Der macht sich's bequem«, brummte der alte Scharwenka, »der prophezeit ins
                  Vergangene hinein.«</p>
               <p>»1813 aber«, fuhr Kniehase zu lesen fort, »da wird eine Zeit kommen, wie noch
                  keine war auf Erden. Da werden die alten Leute nicht zänkisch und die jungen
                  Mädchen nicht neugierig sein. Die Doktors werden keine Geschichten mehr erzählen
                  und die Richter nur bei Nacht schlafen. Und man wird nur im Herbst Wein machen.
                  Die Reichen werden menschlich und die Bettler werden fleißig sein. Und alle Leute
                  desselben Standes werden sich untereinander lieben.«</p>
               <p>Die Bauern lachten, und Kümmritz sagte: »Auch ein Prophet. Einer, der klagt, und
                  ein anderer, der Spaß macht. Aber welcher ist der rechte?«</p>
               <p>»Immer der, der ernst sieht«, meinte Miekley.</p>
               <p>»Nein, Miekley«, sagte Kniehase, »immer der, der heiter sieht. Die Welt geht nicht
                  unter und wir auch nicht.«</p>
               <p>Alle waren einig, daß Kniehase recht habe, sonst sei es gar kein Leben mehr.</p>
               <p>Ein paar von den Bauern schrieben sich noch für ihre Frauen und Töchter die »neue
                  Prophezeiung« ab, Sahnepott aber nahm den jungen Scharwenka beiseite und ließ sich
                  noch von dem Deserteur erzählen. Denn er war derjenige im Kreise, der, weil er der
                  Schwachnervigste war, auch am meisten das romantische Bedürfnis hatte.</p>
               <p>Und dann trennten sie sich.</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Siebentes Kapitel</head>
               <head>Frau Hulen schreibt</head>
               <p>Am andern Morgen saßen die Geschwister allein am Frühstückstisch; Berndt war noch
                  immer nicht zurück, die Schorlemmer in der Wirtschaft tätig. Lewin hatte sich
                  sichtlich erholt, <pb/> sprach aber wenig, so daß Renate froh war, Hoppenmarieken
                  unter der Auffahrt erscheinen und wie gewöhnlich durch Erhebung ihres Hakenstockes
                  andeuten zu sehen, daß sie Briefe bringe. Gleich darauf trat sie denn auch ein,
                  von der Schorlemmer begleitet, und legte Briefe und Zeitungen auf den Tisch. »De
                  een is von Faulstichen«, sagte sie, was sie, da sie nicht lesen konnte, dem Siegel
                  oder irgendeinem andern äußerlichen Zeichen entnommen haben mußte. Und sie hatte
                  recht. Faulstich schickte seine mehrerwähnte Kantate und benutzte die Gelegenheit,
                  da sich nach Guse hin keine medisanten Briefe mehr richten ließen, den unter
                  Handschuhmacher Pfeiffer erfochtenen Sieg der Kirch-Göritzer in einem ironisch
                  pomphaften Bulletin zu verherrlichen. Einzelne Verse unter der Überschrift »Die
                  Schlacht an der Krampe« waren eingestreut. In diesen hieß es:</p>


               <l>Und als sie sich den Mut geschärft</l>
               <l>An dem Lebenswasser von Danzig,</l>
               <l>Durchbrachen sie den roten Werft,</l>
               <l>Alle neunundzwanzig.</l>



               <l>Und Göritz und sein Vogel Greif</l>
               <l>Kamen in Zorn und Eifer,</l>
               <l>Da wurde König der Than von Feif',</l>
               <l>Unser Handschuhmacher Pfeiffer.</l>


               <p>Hoppenmarieken hatte diese Reime noch mit angehört und dabei die Hände gefaltet,
                  als ob es Gesangbuchverse wären. Zuletzt aber, als sie den Namen Pfeiffers hörte,
                  fand sie sich zurecht und sagte: »Joa, diss' Pfeiffer, diss' lütt Humpelbeen. In
                  Schullen säät he ümmer; nu wahren s' em wull övern Kopp tosammensloan.«</p>
               <p>Und damit griff sie nach ihrer Kiepe und stapste wieder aus dem Zimmer hinaus.</p>
               <p>Lewin schob den Brief zurück, der ihn wenig angenehm berührt hatte. »Ganz
                  Faulstich; immer ein Auge für das Lächerliche, und weiter nichts. Kein Einsetzen
                  seiner selbst. Da bin <pb/> ich doch schließlich mehr noch für Handschuhmacher
                  Pfeiffer. Aber laß sehen, was der andere Brief bringt.«</p>
               <p>Dieser »andere« war ein kleines, auf der Rückseite mit einem
                  Glaube-Liebe-Hoffnung-Petschaft gesiegeltes Viereck, obenauf aber mit einer
                  ziemlich langen, hintereinander fortlaufenden Adresse versehen, die sich durch
                  Rechtschreibung gerade nicht auszeichnete. »Seiner Edelgeboren Herrn Lewin von
                  Vitzewitz, zur Zeit in Hohen-Vietz bei Küstrin; frei.« Lewin glaubte die
                  Schriftzüge oft gesehen zu haben und wußte doch nicht wo. Neugierig erbrach er das
                  Siegel, um nach der Unterschrift zu sehen. »Von meiner alten Hulen!«</p>
               <p>»O lies«, sagte Renate, und die Schorlemmer setzte hinzu: »Das wird uns besser
                  gefallen.«</p>
               <p>»Wer weiß,« meinte Lewin. Aber man hörte seiner Stimme an, daß er desselben
                  Glaubens und seiner Sache ziemlich sicher war. Und so las er:</p>

               <p>»Lieber junger gnädiger Herr!</p>
               <p>Es sind jetzt recht schwere Zeiten, wie mir Fräulein Renate von Bohlsdorf her
                  geschrieben hat, damit ich doch wüßte, wo Sie wären. Und das war eine rechte Güte
                  von dem lieben Fräulein.</p>
               <p>Ja, schwere Zeiten sind es, und ich mag gar nicht davon sprechen. Aber das muß ich
                  Ihnen als eine alte Frau doch sagen, es war nichts für Sie. Ich hab es gleich
                  gesehen; sie war wohl schlank wie eine Wespe, aber die stechen auch, und dann muß
                  man Erde auflegen, daß der Schmerz vergeht. Und ist es das Herz, dann ist es
                  schlimm. Ja, lieber junger Herr, so war es auch mit Ihnen, daß Ihnen Erde
                  aufgelegt werden sollte. Aber der liebe Gott wollt es nicht und hat anders
                  geholfen, ohne Tod und Sterben, und hat Sie zu einem rechten Glücke aufgehoben.«
                  Bis hierher hatte Lewin gelesen, aber jetzt flimmerte es ihm vor den Augen, und er
                  ließ die Hand sinken, in der er das Blatt hielt.</p>
               <p>Renate nahm es, um statt seiner zu lesen, und wiederholte leise: »Zu einem rechten
                  Glücke aufgehoben.« Dann fuhr sie <pb/> fort: »Das weiß ich ganz bestimmt. Das hab
                  ich Ihnen angesehen, denselben Tag, als Sie bei mir mieteten und gleich sagten:
                  ›Das finde ich zuwenig, Frau Hulen‹, und mir aus freien Stücken zulegten. Ach, wer
                  so ein Herz für die armen Leute hat, für den hat der liebe Gott auch ein Herz und
                  läßt ihn nicht umkommen, und Sie haben es auch wohl erfahren, was wir letzten
                  Sonntag wieder gesungen haben:</p>


               <l>Oft hast du mich gelabet,</l>
               <l>Mit Himmels Brot gespeist,</l>
               <l>Mit Trost mich reich begabet-</l>


               <p>Ja, lieber junger Herr, das sind rechte Trostesworte, so recht für arme Leute
                  geschrieben. Und am Ende sind wir alle arm, auch wenn wir reich sind. Sie wissen
                  schon warum.</p>
               <p>Und dieses alles hatt ich Ihnen schreiben wollen, lieber Herr Lewin, wie ich Sie
                  als alte Frau doch wohl nennen darf. Und wenn Sie wieder bei Wege sind, da werden
                  Sie doch wohl wieder bei der alten Hulen wohnen wollen. Das meinte das gnädige
                  Fräulein auch. Und Sie kriegen solche Wohnung auch gar nicht wieder, denn es paßt
                  alles. Der ›Grüne Baum‹ und die Singuhr und die Klosterkirche. Aber von der will
                  ich weiter nicht reden, weil sie so katholisch aussieht.</p>
               <p>Bitte, grüßen Sie das gnädige Fräulein, die so gut ist und an eine alte Frau
                  gedacht hat, als welche ich hochgeneigtest bin und verbleibe</p>
               <!--milestone hi_start-->
               <p>Ihre Wilhelmine Hulen, geb. Petermann.«</p>
               <!--milestone hi_end-->

               <p>Lewin wollte das Blatt zurücknehmen, aber Renate sagte: »Nein, noch nicht. Es gibt
                  noch eine lange Nachschrift.« Und sie las weiter: »Ich muß Ihnen, junger Herr,
                  doch auch noch vermelden, daß der Herr Rittmeister von Jürgaß fort ist. Er war
                  hier und fragte nach Ihnen. Und der spaßige kleine Hauptmann auch. Sie gehen beide
                  nach Breslau, wohin jetzt alles geht. Denn der alte Lehweß hat doch recht gehabt,
                  und Preußen kommt wieder auf. Und morgen soll es in der Zeitung stehen. Aber die
                  Menschen wollen ja nicht warten, und das ist ein Laufen und Trommeln, als hätten
                  wir schon den Krieg. Und <pb/> wer zu alt ist oder zu schwach, der gibt, was er
                  hat, oder er sammelt. Die Potsdamer Kadetten haben vierzig Taler gesammelt.«</p>
               <p>Renate lachte, denn dieser ersten Nachschrift, dicht an den Rand gekritzelt,
                  folgte noch eine zweite: »Denken Sie sich, junger Herr, der lahme Kellerjunge von
                  nebenan will auch mit. Er sagt, der König kann alles brauchen. Und vorgestern hab
                  ich mir im Bölkschen Saal den ›Brand von Moskau‹ angesehen. Gott, wie das so
                  aufschlug! Ich dachte, wir müßten alle mit verbrennen. Ihre Obige.«</p>
               <p>Die Schorlemmer hatte mit einer Art Andacht dem Geplauder dieses Briefes zugehört.
                  »Das ist eine gute Frau«, sagte sie jetzt und setzte dann hinzu: »Wir wollen ihr
                  eine Kiste schicken! – Nicht wahr, Renatchen?« Und damit verließ sie das Zimmer,
                  um die Geschwister allein zu lassen.</p>
               <p>Sie traf damit den Wunsch beider, zumal Renatens, die nach einer Weile des Bruders
                  Hand ergriff und leise fragte: »Darf ich mit dir sprechen, Lewin?« Dieser
                  nickte.</p>
               <p>»Die Hulen hat recht«, begann Renate, »sie hat es in ihrer Herzenseinfalt
                  getroffen. Und nun höre mich an. Du bist jetzt zwei Tage hier, und wir können
                  nicht so nebeneinander hergehen, immer nur in ängstlicher Vermeidung dessen, was
                  uns das Herz bedrückt. Du bist verwundert, weil ich sage ›uns‹. Aber es ist so,
                  denn ich bin bedrückt wie du.«</p>
               <p>Sie schwieg und hatte vor, von Kathinka zu sprechen, aber der Name wollte ihr
                  nicht über die Lippen, und so fuhr sie fort: »Ach, ich habe sie so geliebt, mehr
                  als eine Schwester. Sie hatte das vornehme Wesen, das so gefällt, und sie hatte
                  mir es angetan, mir und dir und jedem. Ich muß noch an den Morgen denken, als ihr
                  nach Kirch-Göritz ginget, du und Tubal, und die Tauben an das Fenster kamen und
                  sich liebkosend an sie drängten, als ich kaum erst den Riegel geöffnet hatte. Das
                  verdroß mich damals. Aber ich hatte unrecht. Es flog ihr eben alles zu. Auch die
                  Tauben. Und auch Marie ging in ihr auf und verzehrte sich in Bewunderung, ja, sie
                  verzehrte sich, denn ihr blutete das Herz.«</p>
               <p>
                  <pb/> Lewin, dem kein Wort entgangen war, lächelte und sagte: »Wir hören gern das
                  Lob von dem, was uns verlorenging. Sonderbar, indem es uns das Gefühl des
                  Verlustes steigert, tröstet es uns. Aber du darfst auch tadeln, Renate, tadeln,
                  ohne Furcht, mir wehe zu tun. Denn ich wurde frei im Herzen, nicht durch eigene
                  Kraft und kaum durch eigenen Willen, aber als ich vorgestern, in den hellen
                  Wintertag hinein, hierherfuhr, da fühlt ich, daß ein altes Leben von mir abfalle
                  und ein neues Leben beginne. Es klingt alles noch in mir nach, leise-schmerzlich,
                  aber ich bin doch ein Genesender.«</p>
               <p>»Ach, daß ich sprechen könnte wie du«, sagte Renate. »Dir liegen die trüben Tage
                  zurück, meiner aber harren sie noch. Und wenn sie mir erspart bleiben, so wird es
                  doch immer ein Schweres sein, was mich vor einem noch Schwereren bewahrt. Ich weiß
                  es, daß es so kommen wird; ich fühl es vorahnend in meinem Gemüte.«</p>
               <p>Lewin wollte antworten, aber Renate fuhr in wachsender Erregung fort: »Es ist ein
                  dunkles Haus, und was sie selbst nicht haben, das können sie niemand geben: Licht
                  und Glück. Es war immer ihr Schicksal, Liebe zu wecken, aber nicht Vertrauen.
                  Vertrauen, ›die Mutter aller Liebe und ihr Kind‹. So las ich einmal, und es
                  ergriff mich damals tief. Aber ich hab es seitdem anders gefunden. Es gibt auch
                  eine Liebe ohne Vertrauen, und ich heg eine solche; du weißt zu wem, und ich kann
                  sie nicht aus meinem Herzen reißen. Und deshalb werd ich nicht glücklich
                  sein.«</p>
               <p>»Doch, Renate, du wirst es. Glücklicher als ich.«</p>
               <p>Sie schüttelte den Kopf.</p>
               <p>»Tubal...«</p>
               <p>»... ist seiner Schwester Bruder«, unterbrach ihn Renate in schmerzlicher
                  Bewegung, »ist Kathinkas Bruder.«</p>
               <pb/>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Achtes Kapitel</head>
               <head>Hauptquartier Hohen-Vietz</head>
               <p>Ihr Gespräch wurde durch das Vorfahren eines Wagens unterbrochen, und Renate, die
                  den Blick auf das Fenster frei hatte, rief: »Der Papa!« Er war es und trat den
                  Geschwistern, die sich rasch erhoben hatten, schon im Vorzimmer entgegen. Die
                  Begegnung war herzlich; er küßte Renaten die Stirn und nahm dann Lewin bei beiden
                  Händen, während er ihn zugleich bis an die Fensternische zog.</p>
               <p>»Laß sehen«, sagte er und musterte ihn von Kopf zu Fuß mit scharfem Auge. »Nun,
                  ich lese gute Zeitung; es war dein erster Schmerz, er tut am wehesten, aber er
                  heilt auch am schnellsten. Junge Tage, kurzes Leid. Du wirst auch noch die
                  Kehrseite davon kennenlernen. Und nun nichts mehr davon. Laßt uns Platz
                  nehmen.«</p>
               <p>Jeetze war eingetreten, um den Frühstückstisch zum zweiten Mal zu decken, und die
                  Schorlemmer erschien, um ihren Teil an der Freude des Wiedersehens zu haben. Denn
                  so herrnhutisch kühl ihr Herz auch schlug, so vergaß sie doch dieser Kühle, wenn,
                  nach Tagen oder Wochen der Trennung, die Stimme des alten Vitzewitz zum ersten
                  Male wieder hörbar wurde. Auch Hektor hatte sich eingefunden, und so war alles
                  beisammen.</p>
               <p>»Wie wir dich erwartet haben, Papa!« sagte Renate. »Nicht aus Liebe, denn davon
                  liebst du nicht zu hören, aber aus Neugier. Wir wissen nichts oder so gut wie
                  nichts. Erzähle! Wie starb sie?«</p>
               <p>»Hat denn Seidentopf nicht davon gesprochen?«</p>
               <p>»Ja und nein. Er sprach von ihrem Begräbnis, aber nicht von ihrem Tod. Ich werde
                  den Gedanken nicht los, daß es ein Schreck war, der sie tötete.«</p>
               <p>»Und du triffst es. Der Tod muß sie plötzlich überrascht haben. Ich sah sie noch
                  in der Stellung, in der sie Eve denselben Morgen gefunden hatte. Sie saß in dem
                  großblümigen Lehnstuhl zu Füßen ihres Bettes, ihre noch offenen Augen auf den
                  <pb/> Stehspiegel gerichtet. Das Buch, in dem sie gelesen, ein Band Diderot, war
                  ihr entfallen und lag neben dem Stuhl.«</p>
               <p>»Und wie war sie gekleidet?«</p>
               <p>»Schwarz. Eva war den Abend vorher von ihr fortgeschickt worden; sie wollte selbst
                  ihre Nachttoilette machen. Das war um elf. Um diese Stunde muß es geschehen sein
                  oder nicht viel später.«</p>
               <p>»Und...« Renate stockte.</p>
               <p>»Ich weiß, was du fragen willst«, fuhr Berndt fort. »Der Spiegel, als ich in das
                  Schlafzimmer trat, hatte seinen grünen Vorhang. Aber Eve wurde rot, als ich
                  darnach fragte, und widersprach sich ein Mal über das andere. Das arme Ding; ich
                  wollte nicht weiter in sie dringen. Um so weniger, als ich sicher bin, daß sie's
                  am Abend vorher vergessen hatte.«</p>
               <p>»Wer ein Gespenst großzieht, den bringt es um«, sagte die Schorlemmer.</p>
               <p>»Wir sollen es nicht großziehen, aber wenn es da ist...«</p>
               <p>»So sollen wir seiner nicht achten. Dann schwindet es. Es kann Mißachtung nicht
                  ertragen, denn es ist eitel wie alle höllische Kreatur.«</p>
               <p>Berndt lächelte, gab der Schorlemmer die Hand und sagte: »Unser alter Streit!
                  Vielleicht, daß wir noch mal Frieden darüber schließen. Aber lassen wir das. Was
                  ich euch noch zu sagen habe, Kinder, hat einen bessern Klang. Wir sind reich! Und
                  wenn du dich im Spiegel siehst, Renate, so siehst du das Bild einer
                  Erbtochter.«</p>
               <p>»Ich wußt es«, triumphierte die Schorlemmer. »Ich hab es dir prophezeit, den Abend
                  in Bohlsdorf, als Doktor Leist seinen ersten Besuch machte.«</p>
               <p>Renate wurde rot, denn sie gedachte auch manches anderen noch, das die Schorlemmer
                  damals gesagt hatte; Berndt aber, ohne des Zwischenfalls zu achten, fuhr fort:
                  »Ein Testament ist nicht da. Von einem gesetzlichen Anspruch der Pudaglas an Guse
                  kann keine Rede sein. Es ist Allod. So fällt es an mich, als an den nächsten
                  Erben. Ich habe mit Ladalinski, den ich vor läufig das Interesse der Pudaglas zu
                  vertreten bat, die Dinge <pb/> durchgesprochen; er weiß, in welchem Sinn ich mich
                  glücklich schätzen würde, Wünschen oder Ansprüchen des ihm so nahe verwandten
                  Hauses, vor allem aber seinen eigenen Wünschen entgegenzukommen. Es berührt das
                  alte Pläne der Tante. Ihr kennt sie. Von dem Augenblicke an, meine teure Renate,
                  wo du gewählt haben wirst, gehört Guse dir, ich bin nur Nutznießer und Verwalter.
                  Im übrigen sollen dich diese Worte zu nichts bestimmen, deine Wahl ist frei.«</p>
               <p>Die Geschwister schwiegen, und selbst die Schorlemmer fand keinen Spruch, der
                  ausgedrückt hätte, was in ihr vorging. Berndt schien es zufrieden, und während er
                  nach seiner Gewohnheit dem neben ihm liegenden Hektor von den mit Fleisch belegten
                  Brotschnitten zuwarf, die für ihn selbst bestimmt waren, fuhr er fort: »Und so
                  wären wir denn reich, reich in diesen allerärmsten Tagen. Und so gewiß Gott weiß,
                  daß es mich nie nach irdischem Besitz gedrängt hat, so gewiß ist es auch, daß mich
                  dieser Besitz jetzt freut. Ich fühle mich freier. Denn daß ich es euch gestehe,
                  die Not und Drangsale dieser Zeit lagen schwer auf mir, schwerer, als ich es vor
                  euch wahrhaben mochte. Die niedergebrannte Scheune...«</p>
               <p>»... die bauen wir nun wieder auf, Papa.«</p>
               <p>»Und den Saalanbau...«</p>
               <p>»... den nicht«, lachte Renate. »Dazu versag ich, als Erbtochter, die nötigen
                  Mittel. Nein, da machen wir klares Spiel und ziehen den Garten bis vor das Haus,
                  ganz wie drüben in Hohen-Ziesar, und der Graf selber muß uns dabei behilflich
                  sein. Das ist ja seine Passion. Ich bin für Reseda und Levkojen, aber nur als
                  Rabatteneinfassung, und aus der Mitte der Beete wachsen Malven auf. Zimmetfarbene
                  und wie von Atlas, die lieb ich am meisten. Und die beiden Derfflingerkanonen
                  schaffen wir von Guse herüber, nur den Faun lassen wir da, und auf den Damm
                  stellen wir eine Sonnenuhr oder noch lieber eine große schwarze Glaskugel, drin
                  sich die Dorfstraße spiegelt und Hoppenmarieken, wenn sie vorübergeht.«</p>
               <p>»Das läßt sich hören, Renate, und ich sehe, daß du dich schnell in die besseren
                  Tage hineinlebst. Nur deinem eigenen <pb/> Schloß, als das ich Guse vorläufig
                  ansehe, darfst du, dem alten Hohen-Vietz zuliebe, nichts entführen wollen, und
                  wenn es auch nur die zwei Derfflingerkanonen wären. Wer weiß übrigens, was davon
                  übrigbleibt? Vorläufig sind die Franzosen drüben und nehmen mit, was ihnen
                  gefällt. Wenigstens wenn wir ihnen nicht auf die Finger sehen. Komm, Lewin, daß
                  wir darüber sprechen.«</p>

               <p>Berndt erhob sich, Lewin folgte. Sie gingen in das einfenstrige Zimmer, darin
                  Vater und Sohn zu Beginn unserer Erzählung ihr erstes Gespräch über Volksaufstand
                  und endliche Vernichtung der Fremdherrschaft gehabt hatten. Es hatte sich nichts
                  geändert: hier das Sofa und dort das Bild, und an dem breiten Fensterladen die
                  Karte von Rußland mit ihren verschiedenfarbigen Nadeln. Alles wie damals am ersten
                  Weihnachtsfeiertage.</p>
               <p>Der alte Vitzewitz nahm Platz, streckte seinen Fuß, wie er zu tun pflegte, auf den
                  vor seinem Arbeitstische stehenden Schemel und sagte: »Setz dich, Lewin. Ehe wir
                  von anderem sprechen, noch ein Wort über dich. Ich wollt es vor den Frauen nicht
                  ausspinnen. Sie dürfen nicht zuviel davon hören; gleich schwillt ihnen der Kamm.
                  Denn alle wollen herrschen, und es freut sie, daß sie soviel Macht über uns haben.
                  Darin sind sie sich alle gleich und in einer ewigen stillen Verschwörung gegen
                  uns.«</p>
               <p>Lewin sah vor sich hin; Berndt nahm seine Hand und fuhr fort:</p>
               <p>»Es läßt sich leicht sprechen über Schweres, das uns selber nicht mehr drückt oder
                  vielleicht nie gedrückt hat. Ja, es ist so; was dich drückt, Lewin, ist mir
                  erspart geblieben. Aber anderes, anderes! Ich weiß davon und weiß auch: leben
                  heißt überwinden lernen. Den beweglichen Naturen, Naturen wie der deinigen, hat
                  Gott es in solchen Kämpfen am leichtesten gemacht. Und so wußt ich, daß du's
                  überwinden würdest. Was noch fehlt, bringt die Zeit und unsere Zeit rascher als
                  jede andere. Denn alles drängt nach Aktion, und Handeln ist so <pb/> gewiß das
                  Beste, wie Brüten das Schlimmste ist. Diese Tage werden dich frei machen.«</p>
               <p>»Ich bin es, Papa. Als du vorfuhrst, hatt ich mit Renaten ein Gespräch darüber. Es
                  liegt hinter mir. Was noch fehlt, ist bloß ein Körperliches. Es waren schwere
                  Krankheitstage, und sie wirken noch nach. Weiter nichts. Aber was ist es mit Guse?
                  Du wolltest davon erzählen.«</p>
               <p>»Ja. Und so höre denn. Gestern nachmittag, ich war eben erst aus der Kirche
                  zurück, wo mir Nippler seine Komposition zu der Kantate vorläufig auf der Orgel
                  vorgespielt hatte, als es im ganzen Dorfe hieß: die Franzosen kommen. Und richtig,
                  es war so. Eine Viertelstunde später rückten hundert Mann ein und hielten vor dem
                  Schloß. Sie waren von verschiedenen Regimentern des Oudinotschen Corps und führten
                  eine Kriegskasse mit sich. Als ich an sie herantrat, begrüßte mich ihr Führer, ein
                  schwarzer Italiener, der sich Conte di Rombello nannte. Seiner Charge nach ein
                  Kapitän. Er sprach, um mich einzuschüchtern, von dem ›Hauptcorps‹, das morgen
                  nachrücken werde, und forderte Quartier. Ich zeigte mich sofort bereit (mir hätte
                  nichts Lieberes passieren können) und lud ihn auf das Schloß, wo ich ihm unter den
                  Zimmern desselben die Wahl freistellte. Er wählte das Spiegelzimmer, ein etwas
                  sonderbarer Geschmack. Aber das ist seine Sache. Hübsch ist er, und so wird er
                  sich sehen wollen. Die Kriegskasse steht in der Halle, die vorläufig zum Schutze
                  der Gelder in eine Art Wachlokal umgeschaffen worden ist. In den Räumen daneben
                  liegen dreißig Mann, ebenso viele hab ich in der alten Derfflingerkaserne, den
                  Rest bei den Bauern untergebracht.«</p>
               <p>»Und nun dein Plan?«</p>
               <p>»Der Trupp will morgen früh weiter. Was also geschehen soll, muß rasch geschehen.
                  Bamme weiß davon; aber ich hab es bei einer bloßen Meldung bewenden lassen. Wir
                  machen es mit dem, was wir hier zur Hand haben. Rechnen wir die Manschnower und
                  Gorgaster mit hinzu, so haben wir hundert Mann. Damit zwingen wir's, denn sie sind
                  matt wie die Fliegen, und der moralische Halt ist längst heraus. Dazu Nacht und
                  <pb/> Überraschung. Es kann nicht fehlen. Was vereinzelt bei den Bauern liegt, ist
                  froh, mit dem Leben davonzukommen. So handelt sich's nur um das Schloß. Vorn an
                  der Sphinxenbrücke steht ein Doppelposten, den lassen wir stehen. Wir passieren
                  statt dessen den Graben, da, wo das Schwanenhäuschen steht, und dringen von hinten
                  her ein. Kniehase muß das leiten. Ich für meine Person nehme den ›Conte‹ gefangen,
                  und du und Wenzlaff sind mit mir. Sind wir geschickt, so darf es uns nicht einen
                  Mann kosten. Die Kriegskasse bleibt unser; das heißt bis auf weiteres. An dem
                  Tage, wo sich der König erklärt hat, schaffen wir sie nach Berlin. Dort wird man
                  sie brauchen können, denn Geld ist immer das Knappste im Lande Preußen.«</p>
               <p>»Und die Gefangenen?«</p>
               <p>»Es soll ihnen kein Haar gekrümmt werden. Ich bin aus der Weißglühhitze heraus.
                  Entsinne dich dessen, was ich dir schrieb: ›Wir wollen einen regelrechten Krieg
                  haben.‹ Und so schicken wir denn die Gefangenen zu den Russen. Übrigens will ich
                  nicht behaupten, daß sie dort gut gebettet wären. Und nun laß uns zu Kniehase
                  gehen, daß wir alles Nähere mit ihm besprechen. Um neun müssen wir marschfertig
                  und um Mitternacht in Guse sein.«</p>
               <p>Damit nahmen sie Hut und Stock und schritten über den Hof hin auf die Dorfgasse
                  zu.</p>

               <p>Eine Stunde später kehrten Berndt und Lewin aus dem Schulzenhofe zurück, wo sie
                  mit Kniehase den »Coup« noch einmal durchgesprochen und alle zur Ausführung
                  nötigen Schritte verabredet hatten. Sie fanden Jeetzen in großer Aufregung, was
                  Berndt zu der Frage veranlaßte: »Du trippelst wieder, Jeetze, was ist
                  passiert?«</p>
               <p>»Der Herr General ist da.«</p>
               <p>»Bamme?«</p>
               <p>»Ja; General von Bamme. Der gnädige Herr waren noch keine Viertelstunde fort, als
                  er vorritt auf seinem kleinen Shetländer. Der gnädige Herr wissen schon, auf dem
                  isabellfarbenen <pb/> mit der schwarzen Mähne. Krist und ich haben ihn bei den
                  Ponies untergebracht.«</p>
               <p>»Den Shetländer. Aber wo ist der General?«</p>
               <p>»Oben. Ich habe gleich einheizen müssen, weil es klamm und kalt war. Er sitzt in
                  der Amtsstube und hat seinen grauen Mantel anbehalten und die Pelzmütze auf.«</p>
               <p>Die beiden Vitzewitze stiegen nunmehr treppauf und fanden den General genau so,
                  wie Jeetze ihn beschrieben hatte. Vor ihm, auf dem ziemlich in der Mitte stehenden
                  Arbeitstische, lag eine große, mit Tintenfaß und Papierschere festgehaltene
                  Spezialkarte von Barnim und Lebus, auf der sich der kleine, mit seinem Oberkörper
                  weit vorgebeugte Mann mühsam zu orientieren suchte. Ein Versuch, der ihm durch die
                  dichte Tabakswolke, in der er steckte, nicht eben erleichtert wurde.</p>
               <p>»Guten Tag, General.«</p>
               <p>»Guten Tag, Vitzewitz. Sie sehen, ich habe mich hier eingerichtet ohne Meldung
                  oder Anfrage. Sonst nicht meine Gewohnheit. Aber Sie müssen jetzt dem alten Bamme
                  den ›General‹ in Rechnung stellen, und zwar zu seinen Gunsten. Mein altes
                  Groß-Quirlsdorf liegt zu sehr aus der Welt, und rundheraus, ich gedenke
                  Hohen-Vietz zu meinem Hauptquartier zu machen. Anfangs war ich unschlüssig, ob ich
                  nicht unser gräfliches Hohen-Ziesar vorziehen sollte; aber Hohen-Vietz ist besser.
                  Hier läuft die große Straße, und was von Küstrin aus nach Westen will, muß an
                  Ihren Fenstern vorbei.«</p>
               <p>»Ich freue mich, General, daß Sie die Wahl so und nicht anders getroffen
                  haben.«</p>
               <p>»Und um die Wahrheit zu gestehen«, fuhr Bamme fort, »es ist nicht bloß wegen der
                  Lage, es ist auch Ihretwegen, Vitzewitz, daß ich mich hier und nicht in
                  Hohen-Ziesar einquartiert habe. Sie sind nun einmal die Seele von der Sache, haben
                  alles geplant, sind vom Metier und kennen das Lokal. Und das ist die Hauptsache.
                  Sehen Sie, da sitz ich hier über der Karte und spiele meinen eigenen
                  Generalquartiermeister. Aber wie! Mehr als dreißigmal bin ich in dieser halben
                  Stunde zwischen <pb/> Küstrin und Berlin hin- und hergefahren, ohne auch nur drei
                  richtige Wolfsgruben ausfindig gemacht zu haben.«</p>
               <p>»Wolfsgruben?« fragte Berndt und sah dem Alten verwundert ins Gesicht, während
                  Lewin einen Stuhl an die Rückseite des Tisches schob, um wenigstens von obenher
                  auf die vor Bamme ausgebreitete Karte sehen zu können.</p>
               <p>»Ja, Wolfsgruben oder auch Fuchsfallen, wie Sie wollen. Und nun hören Sie mich an.
                  Darin, daß etwas geschehen muß, in dem Punkte sind wir einig. Und auch darin, daß
                  es die höchste Zeit ist. Die Marschälle und Corpskommandanten sind fort, alle die
                  großen Namen, aber von den Kleinen stecken noch Hunderte zwischen Weichsel und
                  Oder, und die müssen wir haben. Also ›wegfangen‹ oder, wenn Sie wollen,
                  Wegelagerung, Stellmeiserei. Vor Worten darf man nicht erschrecken, am wenigsten
                  wir; etwas von unserer Ahnen Blut und Metier wird uns doch wohl verblieben sein.
                  Ob man uns, was wir vorhaben, danken wird, ob wir gut damit fahren werden? Das ist
                  freilich die Frage. Ich zweifle fast. Sie kennen meine Ansicht darüber. Das
                  ›Auf-eigene-Hand-Tun‹ ist hierlandes immer ›suspect‹ gewesen, wie Gräfin Schwester
                  gesagt haben würde. Man mag uns oben nicht. Und sie haben auch ganz recht, die
                  Nürnberger Herren, denn man sieht wohl, wo es anfängt, aber nicht, wo es
                  endet.«</p>
               <p>Bamme, der, wenn es die Frage »Hohenzollern contra Quitzow und Genossen« galt,
                  jedesmal zu labyrinthischen Exkursen weggerissen wurde, hatte auch heute wieder
                  den Faden verloren, weshalb Vitzewitz ohne weiteres auf die schwebende Frage
                  zurückgriff. »Also Wolfsgruben.«</p>
               <p>Bamme lachte, zündete den kleinen Meerschaum, der ihm während des Sprechens
                  ausgegangen war, wieder an und sagte: »Ja, Wolfsgruben, Vitzewitz, oder, da das
                  große Wort schon gesprochen wurde: Wegelagerungsetappen, Generalsfallen. Es ist
                  nicht nötig, daß es immer Generale sind. Wir nehmen auch Compagniechefs. Alles,
                  was hineinfällt, ist gut. Nur nicht wählerisch. Da haben Sie die Sache. Aber
                  wollen Sie glauben, Vitzewitz, daß ich auf diesen zehn Meilen auch nur drei solche
                  <pb/> Generalsfallen hätte herausspintisieren können! Auf Ehre, nicht eine. Und
                  warum nicht? Weil ich ein Havelländischer bin und, zu meiner Schande sei es
                  gesagt, mich in vollen siebzehn Jahren in Barnim und Lebus nicht zurechtgefunden
                  habe. Rathenow, Havelberg, da weiß ich Bescheid, da kenn ich Weg und Steg. Aber
                  was kenn ich hier? Hohen-Vietz und Hohen-Ziesar.«</p>
               <p>»Und Guse.«</p>
               <p>»Ja, Guse. Das wäre nun solche Falle gewesen. Aber weg sind sie.«</p>
               <p>»Wer? was?« rief Berndt.</p>
               <p>»Alles! Die hundert Mann, der Conte und die Kriegskasse. Und das letzte ist das
                  Schlimmste. Vor zwei Stunden, keine dreihundert Schritt vorm Dorf, passierte ich
                  den ganzen Trupp, ihren Geldkasten mitten in der Kolonne. Gescheite Leute. Sie
                  müssen Wind gekriegt haben. Übrigens ein entzückender schwarzer Kerl, dieser
                  Conte. Und wie das schwatzte und parlierte! Ich hätt ihn der Tante noch gegönnt;
                  nichts für ungut, Vitzewitz.« Berndt stampfte mit dem Fuße, nicht um der Tante,
                  sondern um des gescheiterten Coups willen.</p>
               <p>»Ist es doch, als ob es nicht sein sollte«, rief er. »Immer wieder verfehlt, immer
                  wieder hinausgeschoben. Sagen Sie selbst, Bamme, in demselben Augenblicke, in dem
                  wir den Hirsch beschleichen wollen, raschelt es, und er geht wieder ins
                  Weite.«</p>
               <p>»Lassen Sie ihn, Vitzewitz; die Tage wechseln. Eine Karte verliert und die nächste
                  gewinnt. Übrigens wett ich sechs Flaschen Chateau d'Yquem gegen eine Chateau
                  Krach, daß der Conte, trotz seiner wundervollen Augen, nicht drei Meilen weit
                  kommt. Die Generalsfallen sind zwar noch nicht fertig, aber mitunter machen sie
                  sich von selbst. Und was die Gelder angeht, so hab ich den Trost, wenn ein
                  Armeecorps herunter ist, so ist es seine Kriegskasse auch. Und dieser arme Oudinot
                  hat so recht eigentlich die Zeche bezahlen müssen. Also begraben wir's.«</p>
               <p>»Wir werden es müssen«, sagte Berndt. »Geh, Lewin, und <pb/> sage Kniehase, daß er
                  die Mannschaften läßt, wo sie sind, vor allem die Manschnower und Gorgaster. Wir
                  dürfen sie nicht durch unnützes Hin-und Herziehen widerhaarig machen, sonst fehlen
                  sie, wenn wir sie brauchen.«</p>
               <p>Und als diese Punkte reguliert und im Eifer über Neuzuverfolgendes der Guser
                  Fehlschlag halb schon wieder vergessen war, trat Jeetze ein, um zu melden, daß das
                  Diner angerichtet sei.</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Neuntes Kapitel</head>
               <head>Ein Aide de camp</head>
               <p>Bamme zu Ehren war in der Halle gedeckt worden. Ein großes Kaminfeuer brannte,
                  draußen fielen Flocken, und die alten Vitzewitze sahen aus ihren Rahmen verwundert
                  auf den kleinen krähstimmigen Mann hernieder, der ein Mal über das andere »Herr
                  General« genannt wurde. Zu ihren Zeiten hatten die Generale anders ausgesehen.
                  Vielleicht galt übrigens ihre Verwunderung mehr noch der reichen und ganz
                  besonderen Tafelausstattung als irgend etwas anderem; denn nicht nur brannten
                  heute die schweren vierarmigen Silberleuchter, sondern zwischen diesen Leuchtern
                  paradierte auch noch ein unverhältnismäßig großer, die Donau mit all ihren
                  Zuflüssen darstellender Rokokoaufsatz, auf dessen oberster Spitze die Kaiserin
                  Maria Theresia thronte. Das hatten die alten Perücken-Vitzewitze seit vollen
                  dreißig Jahren nicht gesehen, und selbst unser Berndt war bei seinem Eintritt in
                  die Halle einen Augenblick wie betroffen gewesen. Renate aber, als sie diesem
                  Blicke begegnet war, hatte mit dem Zeigefinger erst auf sich selbst gewiesen und
                  dann dem Vater in schelmischer Laune zugeflüstert: »Ich, Papa, als Erbtochter von
                  Guse!«</p>
               <p>Gleich darauf hatte man Platz genommen. Bamme zwischen Berndt und Renate, Lewin
                  und die Schorlemmer ihnen gegenüber. Einer der gestellten Stühle war leer
                  geblieben, da der ebenfalls geladene Seidentopf noch in der letzten halben Stunde
                  hatte absagen lassen. Der alte Kossäte Maltusch nämlich lag <pb/> seit letzter
                  Nacht im Sterben und hatte nach dem Abendmahle verlangt. Von seiten Bammes war
                  unmittelbar nach Bekanntwerden dieses Behinderungsgrundes allerhand wirres Zeug
                  über Abendmahl und Mittagsmahl gemurmelt worden, aber so undeutlich und mit so
                  schlechtem Gewissen, daß er selbst von der Schorlemmer, die dergleichen nie
                  durchgehen ließ, nicht hatte zur Verantwortung gezogen werden können.</p>
               <p>Der alte Kossäte Maltusch, nicht viel jünger als unser Freund Jeserich Kubalke,
                  wohnte dreiviertel Stunden vom Dorf hart an der Hohen-Ziesarschen Grenze und war
                  eigentlich schon auf einer Art Landzunge in die Drosselsteinsche Feldmark
                  hineingebaut. Das führte denn, nachdem auf dem Gebiete Maltusch-Seidentopf-Kubalke
                  mehrere Minuten lang geplänkelt worden war, alsbald ins Gräfliche hinüber und vom
                  Gräflichen auf den Grafen selbst. Alle waren einig in seinem Lobe; Renate sprach
                  mit besonderer Wärme, und selbst die Schorlemmer pries seinen »vor ihm selbst
                  verborgenen« christlichen Sinn. »Hätt er einen andern Verkehr gehabt«, sagte sie,
                  »und statt in Zeiten des Abfalls in Zeiten der Erweckung gelebt, er wär ein Mann
                  geworden wie ›unser Graf‹.«</p>
               <p>»Danken wir Gott«, erwiderte Bamme, »daß er geblieben ist, wie Natur und
                  Verhältnisse ihn schufen. Ich habe nichts gegen den lausitzischen Grafen, den Sie,
                  meine Verehrteste, als ›Ihren Grafen‹ zu bezeichnen lieben; aber ich erschrecke,
                  wenn ich mir unseren Drosselstein, der, seine Tugenden in Ehren, ohnehin schon
                  nicht zu den Alleroriginellsten gehört, als Zinzendorf den Zweiten vorstelle. Es
                  tut jeder gut, sich auf seine eigenen Beine zu stellen, diese Beine mögen sein,
                  wie sie wollen. Wir haben die unsrigen, Zinzendorf hatte die seinigen. Wenn ich
                  sage die ›unsrigen‹, so muß ich um Entschuldigung bitten, weil ich mir wohl bewußt
                  bin, meine berechtigten Eitelkeiten nicht gerade nach dieser Seite hin suchen zu
                  dürfen. Im übrigen bleibt es dabei: ›Das Traurigste sind die Dubletten.‹ Woran ist
                  Prinz Heinrich gescheitert? Die Gräfin drüben ist tot, und so läßt sich ohne
                  Furcht vor einzubüßender Freundschaft allenfalls eine Antwort auf diese Frage
                  geben. Er ist <pb/> gescheitert einfach an der Tatsache, daß er doch schließlich
                  nichts anderes als ›beinah sein Bruder‹ war. Da lob ich mir den alten Ferdinand,
                  den Sie neulich, Vitzewitz, in seinem Johanniter-Palais besucht haben. Der war nie
                  etwas, Gott weiß es, aber er war doch wenigstens er selbst. Nein, meine Werteste,
                  lassen wir unseren Hohen-Zie sarschen Grafen, wie er ist. Das wird das Beste sein
                  für ihn und für uns. Er hat eben nur einen Fehler!«</p>
               <p>»Und der wäre?« fragte Berndt.</p>
               <p>»Er wird das Pregelwasser nicht los, oder, was dasselbe sagen will, er steckt zu
                  tief in seinen ostpreußischen Vorurteilen. Achten Sie darauf, wenn er über
                  politische Dinge spricht, speziell in diesen unseren Tagen, wo sie, nach seiner
                  ehrlichsten Überzeugung, dort oben wieder beflissen sind, die Weltgeschichte zu
                  machen und Freiheit und Ordnung in Balance zu bringen. Ich kenn ihn. In Ostpreußen
                  ist die Mannhaftigkeit und in Königsberg ist die Weisheit zu Hause. Daran ist
                  nicht zu rütteln, das ist Paragraph eins. Alles, was sich in den anderen Provinzen
                  findet, wird an dieser Elle gemessen. Auch wir Märker passieren nur so obenhin. Er
                  läßt uns gelten, aber bloß als Rohmaterial. Wir werden abgerichtet für den Dienst,
                  für Armee und Verwaltung, aber aus uns selber sind wir nichts und bedeuten wir
                  nichts. Wir sind unfrei, Werkzeuge, Hofsklaven, Hohenzollernsche
                  Leibtrabanten.«</p>
               <p>Berndt lächelte.</p>
               <p>»Ja, General«, sagte er, während er mit den Fingern der linken Hand leise auf dem
                  Tischtuch trommelte, »bei Lichte besehen, ist es nicht so?«</p>
               <p>»Nein, Vitzewitz, nein. Natürlich, es gibt Ausnahmen, ein paar oder meinetwegen
                  auch viele. Aber das reizt mich eben, daß man über die Pehlemanns, die Medewitz'
                  und Rutzes, die nichts haben als Spieluhren, Gicht und Dummheit, daß man über
                  diese die Vitzewitze und die Bammes vergißt. Hofadel! Bah! Der Jagdjunker von
                  Otterstädt, der den abgeleierten Spruch von ›Jochimken, Jochimken, höde di‹ an
                  seines gnädigen Herrn Kammertüre schrieb, war auch bei Hofe. Leibtrabanten! <pb/>
                  Unsinn! Frondeurs sind wir, alle oder doch die Besten von uns, und Ab- und
                  Einsetzen, das wäre so unsere Passion, wenigstens die meine. Wann waren die Bammes
                  bei Hofe? Nie. Und die Vitzewitze nicht oft. Wir haben Anno 95 nicht gefragt, und
                  jetzt fragen wir wieder nicht. Man geht zusammen, solang es paßt. Manus manum
                  lavat. Wenn mir wohl wird, wird mir immer lateinisch. Legitimität, Loyalität! Bah!
                  Alles ist Akkord und Pakt und gegenseitiger Vorteil.«</p>
               <p>»Und Eid«, sagte die Schorlemmer.</p>
               <p>Bamme zuckte die Achseln.</p>
               <p>»Meine Gute«, fuhr er geringschätzig fort (denn er wußte, daß ihn die Schorlemmer
                  nicht leiden konnte), »wenn es mit den Eiden ginge, so würden die Zinzendorfe die
                  Welt regieren. Ich bezweifle, daß wir dabei gewönnen. Denken Sie sich eine
                  tugendhafte Weltgeschichte. Wenigstens ich für mein Teil möchte sie nicht lesen.
                  Es ist mit den Eiden wie mit den Gesetzen, sie sind nur dazu da, um gebrochen zu
                  werden. Wenigstens die politischen; die Liebeseide nehm ich natürlich aus.«</p>
               <p>Und dabei wandte er sich zu der neben ihm sitzenden Renate und küßte ihr die
                  Hand.</p>
               <p>»Ich weiß, daß Sie scherzen«, sagte diese.</p>
               <p>»Ach, meine Gnädigste«, fuhr Bamme fort, der auf seine Art eine Schwärmerei für
                  Renaten hatte, »ich scherze nicht, ich verfalle nur in meinen alten Fehler, mir
                  die Ohren nicht genau zu berechnen, vor denen ich spreche. Das alles waren Sätze
                  für die Gräfin-Tante, nicht für die schöne Nichte. Ich war in diesem Augenblicke
                  in Guse, nicht in Hohen-Vietz. Pardon!«</p>
               <p>Schon während diese letzten Worte gesprochen wurden, war von der Dorfgasse her ein
                  rasch sich steigerndes Schellengeläute hörbar geworden, und gleich darauf hielt
                  ein Schlitten vor den Flachstufen des Hauses.</p>
               <p>»Nach der Regel müßte das Drosselstein sein«, sagte Bamme und erhob sich halb von
                  seinem Stuhl, um schärfer nach dem Vorplatz hinaussehen zu können. Es war aber
                  nicht Drosselstein, <pb/> vielmehr traten, zu nicht geringem Staunen Lewins,
                  Hirschfeldt, Grell und Tubal ein und wickelten sich, während letzterer erst zu
                  Vorstellung seiner beiden Reisegefährten, dann zu Entschuldigungen über ihr
                  allseitig unangemeldetes Erscheinen schritt, aus ihren Shawls und Mänteln
                  heraus.</p>
               <p>Berndt, gastlich und zerstreuungsbedürftig, gab seiner Freude über den
                  unerwarteten Besuch – eine Freude, die, wie sich leicht denken läßt, von dem
                  »immer frisches Blut« verlangenden Bamme geteilt wurde – den lebhaftesten
                  Ausdruck; nichtsdestoweniger blieb eine kleine Verlegenheit, die sich bei Lewin
                  und Renaten und mehr noch bei Tubal hinter einem beständigen Hin- und Herfragen,
                  ohne daß die Antwort abgewartet worden wäre, zu verstecken suchte. Ja selbst die
                  Schorlemmer ließ ihre sonstige Ruhe vermissen.</p>
               <p>Inzwischen waren Stühle gerückt worden, und da bei dem ersten Besetzen der Tafel
                  außer dem Seidentopfschen Platz auch noch die Schmalseiten oben und unten frei
                  geblieben waren, so wurde das Tischarrangement keinen Augenblick ernstlich
                  gestört. Es war die Rede davon, einige der Gänge rasch noch einmal wieder
                  erscheinen zu lassen, alle Neuangekommenen aber lehnten auf das bestimmteste ab
                  und erklärten nicht nur, unterwegs eine sehr substantielle Mahlzeit eingenommen,
                  sondern auch, wie der Augenschein zeige, für ihre Ankunft in Hohen-Vietz den
                  denkbar glücklichsten Moment, den des Desserts, getroffen zu haben. Dem stimmte
                  Bamme, der gerade Schwarzbrot und Biskuitschnitten mit frischer Butter
                  zusammenmörtelte, emphatisch bei und verschwor sich ein Mal über das andere, daß
                  die Feinschmecker aller Zeiten, von Lukull bis auf Friedrich den Großen, das
                  eigentliche Diner immer nur als den Sockel der drei großen Dessertgottheiten:
                  Bacchus, Momus und Pomona, angesehen hätten.</p>
               <p>So phantasierte der Alte weiter, dessen guter Laune es denn auch vorzugsweise
                  zuzuschreiben war, daß das befangene Hin- und Herfragen der ersten Minuten einer
                  ungezwungeneren Unterhaltung Platz zu machen begann. Jeder beteiligte sich
                  schließlich daran, insbesondere Tubal, aus dessen Mitteilungen <pb/> unter anderem
                  auch ihr eigentliches Reiseziel erkennbar wurde. Sie befänden sich, so versicherte
                  er, auf dem Wege nach Breslau, wo sie dem durch Jürgaß und Bummcke gegebenen
                  Beispiele zu folgen und in die daselbst sich bildende Freiwilligenarmee
                  einzutreten gedächten. Der Aufruf, von dem alle Welt spräche, sei zwar noch nicht
                  da, niemand bezweifele aber, daß er kommen werde (»Jede Stunde«, warf Berndt
                  dazwischen), und ein gestern von Jürgaß eingetroffener Brief gäbe bereits ein Bild
                  des neuerwachten Lebens. So sei neben anderem auch ein schlesischer Landsturm in
                  Bildung begriffen. Alle Männer von achtzehn bis sechzig Jahren, soweit sie noch
                  nicht Waffen trügen, sollten herangezogen werden. Zweck dieses Landsturms sei, den
                  Feind, wo er sich in schwachen Detachements zeige, zu überfallen, Generale
                  wegzufangen (Bamme schlug mit der flachen Hand auf den Tisch) und mit Fourageurs
                  und Marodeurs kurzen Prozeß zu machen. Scharnhorst leite das Ganze; Blücher sei
                  angekommen. Was aber am schwersten wiege, der König selbst, der bis dahin an einem
                  kräftig-patriotischen Aufschwung gezweifelt habe, sei jetzt selber von Zuversicht
                  getragen. Und in diesem neuen Glauben werd er sich befestigen, denn der Geist sei
                  überall derselbe. Von allen Seiten strömten Gaben herbei: Geld, Waffen,
                  Equipierung; jeder gäbe, was er habe, und wer nichts habe, der gäbe sich eben
                  selbst. Alles dies sei dem Jürgaßschen Schreiben entnommen. Er seinerseits aber
                  glaube noch hinzufügen zu sollen, daß in den nächsten Tagen schon neuntausend
                  Freiwillige von Berlin nach Breslau abgehen würden.</p>
               <p>Diese Mitteilungen, mit Jubel aufgenommen, schlugen den letzten Rest von
                  Verlegenheit, wenn ein solcher überhaupt noch da war, in die Flucht, namentlich
                  bei Berndt, der ohnehin von Anfang an den Vorfall im Ladalinskischen Hause nicht
                  gerade von der allertragischsten Seite genommen hatte. Was war es denn
                  schließlich? Mehr dem Eigensinn als der Ehre des alten Geheimrats war eine
                  Niederlage bereitet worden. Bninski war Graf und reich, und Lewin – war jung. Der
                  Ungar, dem nicht nur Bamme, sondern die ganze Tafelrunde mehr und <pb/> mehr
                  zuzusprechen begann, begann auch in gleichem Maße die gute Stimmung zu steigern,
                  und Berndt, erfüllt von Plänen, deren Ausführung aus der Anwesenheit und dem
                  Verbleib seiner Gäste nur Vorteil ziehen konnte, richtete schließlich die Frage an
                  Tubal: »Bis wie lange?«</p>
               <p>»Bis morgen.«</p>
               <p>Das war nun freilich nicht das, was er zu hören gewünscht hatte.</p>
               <p>»Ihr müßt bleiben«, rief er, »und uns zur Hand gehen. Mit dem Guser Coup sind wir
                  sitzengeblieben; dieser Conte war klüger, als ich ihn nahm, und hat seinen Kopf
                  rechtzeitig aus der Schlinge gezogen. Aber die nächsten Tage müssen etwas bringen,
                  und wenn wir recta gegen ›Bastion Brandenburg‹ oder den ›Hohen Kavalier‹ anstürmen
                  sollten. Bamme und ich waren die ersten hier herum und exerzierten schon, als sich
                  jenseits der Oder noch keine Hand rührte, und nun haben sie drüben den kleinen
                  Krieg comme il faut, während wir immer noch dasitzen wie die Spittelweiber in der
                  Nachmittagspredigt.«</p>
               <p>Ein strafender Blick der Schorlemmer traf ihn, und Berndt, nachsichtig bis zur
                  Schwäche gegen die rigorösen Launen der alten Herrnhuterin, korrigierte sich
                  sofort und sagte, seinen letzten Satz in anderer Form wiederholend: »Während wir
                  immer noch stillsitzen und unsere Hände in den Schoß legen. Aber das muß anders
                  werden. Überall ist man uns voraus, in Soldin, in Driesen, in Landsberg. Und nicht
                  genug daran, keine Stunde Wegs von hier schlagen diese Kirch-Gö ritzer ihre
                  Krampenschlacht, und ehe wir's uns versehen, hat Faulstich den Pour le mérite.
                  Sind wir dazu da, um vor Handschuhmacher Pfeiffer die Segel zu streichen? Wir, die
                  wir zuerst gekräht haben, zuerst und am lautesten. Sollen wir uns sagen lassen,
                  daß wir bloß gespielt und mit Exerzitium und Trommelschlagen dem lieben Herrgott
                  die Zeit gestohlen hätten. Nein, ich hasse nichts mehr als diese
                  Soldatenspielerei. Und warum? Weil ich Soldat war und das Ding ernsthaft ansehe.
                  Ein Bürger, ein Bauer ist nicht gebunden, die Waffe zu nehmen, aber wenn <pb/> er
                  sie nimmt, muß er sie brauchen, sonst ist er ein Narr oder ein Prahler.«</p>
               <p>»Es ist doch ein eigen Ding um den Ungar«, schmunzelte Bamme und drehte seinen
                  Schnurrbart. »So läßt er uns beispielsweise die Rollen tauschen. Sie, Vitzewitz,
                  sprechen wie Bamme, so muß ich denn wie Vitzewitz sprechen. Das heißt ruhig und
                  besonnen. Nein, Freund, Sie gehen zu weit, vor allem zu weit gegen sich selbst.
                  Zum Streiten gehören zwei, sagt das Sprichwort. Und zum Bataillieren auch. Erst
                  müssen wir sie haben, haben.«</p>
               <p>»Nicht doch«, unterbrach ihn Berndt, »verstecken wir uns nicht hinter diesem Satz.
                  Der Feind ist überall. Es braucht nur guten Willen, und wir begegnen ihm. ›Suchet,
                  so werdet ihr finden.‹ Ein Sprichwort ist des anderen wert, und meines ist sogar
                  ein Spruch. Solche Trupps, wie die hundert Mann in Guse, sind jetzt auf jeder
                  Straße. Wir erklären sie gefangen, mehr ist nicht nötig. Es sind Expeditionen (du
                  warst ja dabei, Tubal), als ob wir Muschwitz und Rosentreter aufsuchten, meine
                  ›französischen Marodeurs‹ von damals. Von Gefahr keine Rede, viel weniger, als um
                  unserer Reputation willen zu wünschen wäre. Aber das Blatt kann sich wenden, neue
                  Regimenter des Vizekönigs mischen sich schon mit den alten, und unter allen
                  Umständen, so oder so, du bleibst, du und deine Freunde!«</p>
               <p>Tubal wechselte zustimmende Blicke mit Hirschfeldt.</p>
               <p>»So bleiben wir denn«, riefen beide, und Hirschfeldt, indem er sich gegen Berndt
                  verneigte, setzte hinzu: »Der Aufruf ist noch nicht da, und die Bildung der
                  Freiwilligencorps hat kaum erst begonnen. So versäumen wir nicht viel. Ist doch
                  Hohen-Vietz ohnehin eine Etappe nach Schlesien; in drei Tagen sind wir in Breslau,
                  spätestens in vier. Ich für mein Teil stelle mich zu Diensten, und unser Freund
                  Grell, bei allem Kriegseifer, der ihn beseelt, wird ein Gespräch über Hölderlin,
                  zu dem sich ihm hier die beste Gelegenheit darbietet, auch nicht zu den verlorenen
                  Stunden zählen. Ich bitte den Herrn General, über mich verfügen zu wollen.«</p>
               <p>
                  <pb/> »Topp, Hirschfeldt«, sagte dieser. »Das nenn ich eingefangen! Sie sind mir
                  willkommener, als Sie wissen können. Es ist nichts Kleines für einen alten
                  Zietenschen, der bloß reiten und die Augen aufmachen kann, einen ›Aide de camp‹ um
                  sich zu haben, der sich auf Karten und Listen und aufs Schreiberhandwerk versteht.
                  Denn ganz ohne Federfuchserei geht es nicht mehr in der Welt. Auf gute
                  Kameradschaft also!«</p>
               <p>Und dabei klangen die Gläser zusammen.</p>

               <p>Eine Viertelstunde später erhoben sich alle von der Tafel, und die beiden Damen,
                  während der Rest der Gesellschaft das Eckzimmer aufsuchte, stiegen in das obere
                  Stockwerk hinauf, um hier für die Placierung ihrer Gäste Sorge zu tragen. Sie
                  kamen überein, den Hölderlin-schwärmenden Grell bei Lewin, Tubal und Hirschfeldt
                  aber in dem nebenangelegenen Zimmer unterzubringen. Alles dies war rasch geordnet,
                  nur Bammes Unterbringung machte Schwierigkeiten. »Wo schaffen wir ihn hin?« sagte
                  die Schorlemmer. »Ich mag ihn nicht auf unserem Korridor haben. Er ist anstößig
                  und ein Greuel.«</p>
               <p>»Ich fürchte mich auch vor ihm«, entgegnete Renate. »Das heißt, ein wenig.«</p>
               <p>»Und das ist gut, daß du dich fürchtest. Ich tue es auch, wenn Abneigung Furcht
                  ist. Er darf nicht nach oben, zehn Schritt von deinem und meinem Zimmer.
                  Vielleicht klingelt er, oder gewiß klingelt er, und Maline muß ihm ein Glas Wasser
                  bringen.«</p>
               <p>»Nun?«</p>
               <p>»Nun?« wiederholte die Schorlemmer. »Wie du nur fragst, Renate! Ich habe dich doch
                  zu fromm erzogen. Ein Mensch wie Bamme trinkt nie Wasser und klingelt immer und
                  rechnet dabei auf dies und das.«</p>
               <p>»Aber, liebe Schorlemmer...«</p>
               <p>»Ich habe mit den Angekoks gelebt«, fuhr diese fort, »und die Grönländer, die auch
                  klein sind, geradeso klein wie dieser Bamme, die waren auch alle in der
                  Fleischeslust. Meine liebe Renate, gewiß, man soll den Teufel nicht an die Wand
                  malen; <pb/> aber ebenso gewiß ist es, man soll den Brunnen nicht erst zudecken,
                  wenn das Kind hineingefallen ist. Und die Maline ist ein Kind, ja, das ist sie mit
                  all ihrer Klugheit. Denn was die Klugheit hilft, das verdirbt die Eitelkeit. Und
                  mit den Eitlen hat er immer das leichteste Spiel. Du weißt schon wer. Mir ist, als
                  hätten wir den Bösen im Hause.«</p>
               <p>»Du nimmst es schlimmer, als es ist«, sagte Renate. »Er hat keinen guten Ruf. Aber
                  die Menschen übertreiben, und alles in allem, er ist ein alter Mann; er muß
                  siebzig sein oder darüber. Ich entsinne mich, daß die Tante von ihm sagte: ›Wenn
                  wir die Sünde nicht fliehen, so flieht die Sünde doch schließlich uns.‹ Sie sagte
                  es französisch, aber das hörst du nicht gern.«</p>

               <p>So ging oben auf dem Korridor das Gespräch, und während es geführt wurde,
                  plätscherte der Gegenstand all dieser moralischen Ängste nicht nur persönlich in
                  einem Meer von Behagen, sondern wußte sein eigenes Wohlgefühl auch seiner Umgebung
                  mitzuteilen. Er war affabel und pikant wie gewöhnlich, durch Hirschfeldts Bleiben
                  aufrichtig erfreut und verzichtete darauf, wichtigtuerisch den General zu spielen.
                  Wußt er doch, daß er sich gehenlassen konnte, ohne an Autorität etwas Erhebliches
                  einzubüßen. Und wenn doch, so war er der Mann, sich das Verlorengegangene jeden
                  Augenblick zurückzuerobern. Mit Hansen-Grell, der ihm unter seinem etwas fremd
                  klingenden Doppelnamen vorgestellt worden war, wußt er anfänglich, teils um dieses
                  Namens, teils um seiner sonderbar vorstehenden Augen willen, nichts Rechtes
                  anzufangen, söhnte sich aber bald mit ihm aus und versprach ihm beim Tarock – das
                  unser Gantzerscher Kantorssohn als Spielpartner im Graf Moltkeschen Hause bis zur
                  Perfektion gelernt hatte – ein Mal über das andere die Groß-Quirlsdorfer Pfarre,
                  »wenn er erst seinen ›jetzigen‹ zu Tode geärgert oder nach Berlin hin weggelobt
                  haben würde«. Denn dahin passe er, und dahin müß er. Patronat und Pfarre könnten
                  eben nur bei Gleichartigkeit der Interessen mit- und nebeneinander bestehen und
                  das <pb/> beste Bindemittel sei und bleibe Tarock oder doch überhaupt die
                  Karte.</p>
               <p>Rasch verging der Abend. Bald nach neun Uhr wurde das Spiel abgebrochen, und alles
                  zog sich zurück, die jüngeren Männer in die Fremdenstuben treppauf, der General in
                  sein Parterrezimmer, in das auch bei heftigem Klingeln nicht einzutreten allen
                  weiblichen Dienstboten des Hauses aufs schärfste anbefohlen worden war.</p>

               <p>Eine halbe Stunde später war alles still; nur in einer der oberen Korridorstuben
                  war noch Licht, und Renate und Marie plauderten von den Erlebnissen des Tages: von
                  Bamme und den ridikülen Befürchtungen der Schorlemmer, von Grell und seiner
                  imponierenden Häßlichkeit, von Hirschfeldt und seinem zerhauenen Gesicht.</p>
               <p>»Narben ist doch das Schönste«, versicherte Marie.</p>
               <p>Und dann glitt das Gespräch zu Tubal hinüber, dessen Name sehr bezeichnenderweise
                  bis dahin noch nicht genannt worden war.</p>
               <p>»Erzähle«, sagte Marie, »wie war er?«</p>
               <p>»Er war befangen und vermied es, meinem Auge zu begegnen. Dabei sprach er viel und
                  hastig, aber ich bemerkte wohl, daß ihm nur daran lag, sich und uns über das
                  Peinliche dieses Wiedersehens hinwegzuhelfen. Eine Zartheit, die mich rührte. Aber
                  das ist so Ladalinskische Art. Sie haben alle jene Vornehmheit, die lieber sich
                  als andere verklagt. Und das mindeste zu sagen, es ist, als teilten sie die
                  Verantwortung für das, was geschehen. Deshalb war auch Tubal nicht mit in Guse.
                  Der alte Geheimrat bekannt es mir schon, als wir uns in Bohlsdorf trafen.«</p>
               <p>Marie schüttelte den Kopf.</p>
               <p>»Ich seh es anders«, sagte sie. »Was du Zartheit nennst, ist ihr Gewissen, und die
                  Mitschuld, deren sie sich leise zeihen, ist keine eingebildete. Sie sind sich alle
                  gleich und kennen nichts als den Augenblick. Er liebt dich und ist doch seiner
                  eigenen Liebe nicht sicher. Voller Mißtrauen gegen sich selbst, <pb/> begegnet er
                  dir mit Scheu. Vielleicht, daß er es dir offen bekennen wird, um wenigstens vor
                  sich selbst einen Halt und etwas, das einer Rechtfertigung ähnlich sieht, gewonnen
                  zu haben.«</p>
               <p>»Ihr hattet immer eure Fehde«, sagte Renate. »Wüßt ich es nicht besser, ich könnte
                  glauben, du liebtest ihn.«</p>
               <p>Und damit schieden die Freundinnen, und Maline kam, um Marie nach Hause zu
                  begleiten.</p>

               <p>Die letzten Worte dieser Unterhaltung waren unter Lachen gesprochen worden, aber
                  Renate, als sie wieder allein war, lachte nicht mehr. Waren das nicht dieselben
                  Befürchtungen, die sie selbst erst diesen Morgen aufrichtig und doch in der
                  Hoffnung auf Widerlegung gegen Lewin geäußert hatte? Und nun hörte sie nichts als
                  die Bestätigung alles dessen, was ihr ahnungsvoll das eigene Herz bedrückte. Hatte
                  Marie recht? Und schlimmer als das, hatte sie selber recht?</p>
               <p>Sie hätte wohl noch weiter gefragt und gegrübelt, wenn nicht die Schorlemmer
                  eingetreten wäre. Diese kam, um ihrem Lieblinge »Gute Nacht« zu sagen. »Die
                  Erbtochter ist da«, so schloß sie, »nun werden auch bald die Hochzeitszüge
                  kommen.«</p>
               <p>»Ach, liebe Schorlemmer«, entgegnete Renate, »es ist mit euch Herrnhutern ein
                  eigen Ding. Ihr seid fromm, aber prophetisch seid ihr nicht.«</p>
               <p>»Das darfst du nicht sagen, Renate. Wer den rechten Glauben hat, der sieht auch
                  das Rechte.«</p>
               <p>»Das Rechte, aber nicht immer das Richtige. Die Wirklichkeit der Dinge läßt euch
                  im Stich.«</p>
               <p>Die Schorlemmer lachte gutmütig vor sich hin.</p>
               <p>»Das sind so Sätze aus dem neuen Lewinschen Katechismus«, sagte sie. »Aber nichts
                  mehr davon, mein Renatchen, für heute schlafe. Das wird wohl das Rechte und auch
                  das Richtige sein.«</p>
               <pb/>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Zehntes Kapitel</head>
               <head>Am Wermelin</head>
               <p>Lewin und Grell waren am frühesten auf, beschlossen aber, das Erscheinen der
                  übrigen abzuwarten. Dies währte nicht lange. Schon nach Ablauf weniger Minuten
                  hatte sich alles in der Halle versammelt, in der heute der Gäste halber auch das
                  Frühstück genommen werden sollte. Nur die Damen fehlten noch; Renate ließ sich
                  vorläufig entschuldigen, während die Schorlemmer, voll instinktiver Abneigung
                  gegen den alten General, einfach fortgeblieben war, sich damit getröstend, daß
                  ihre Abwesenheit doch von niemandem, vielleicht mit Ausnahme Berndts, bemerkt
                  werden würde. Und dieser kannte den Grund. Jeetze trippelte geschäftig hin und
                  her, jede neue Bammesche Zweideutigkeit mit leisem Gekicher begleitend und still
                  in sich hinein bekennend, daß er, als er letzte Woche die schwarzen Gamaschen
                  anlegte, an so heitere Hohen-Vietzer Tage gar nicht mehr geglaubt habe.</p>
               <p>»War Hoppenmarieken schon hier?« fragte Berndt.</p>
               <p>Jeetze verneinte, der alte General aber, der, trotzdem er im geheimen beständig
                  mit ihr verglichen wurde, bis dahin nie von der Zwergin gehört hatte, fragte
                  neugierig: »Hoppenmarieken? Wer ist das?«</p>
               <p>»Sie mag Ihnen selber antworten«, sagte Berndt. »Eben seh ich sie über den Hof
                  kommen.«</p>
               <p>Und so war es. Ehe noch weitere Fragen gestellt werden konnten – denn auch Grell
                  und Hirschfeldt waren aufmerksam geworden –, erschien der Gegenstand allgemeiner
                  Neugier innerhalb der Glastür und war nicht wenig überrascht, an eben der Stelle,
                  wo sonst nur die toten Vitzewitze von der Wand hernieder sprachen, einer heiteren
                  Gesellschaft Lebendiger zu begegnen.</p>
               <p>»Hier, General, haben Sie Hoppenmarieken«, sagte Berndt.</p>
               <p>Und Lewin setzte hinzu: »Meine Freundin, nicht wahr, Marieken?«</p>
               <p>»Hohoho«, lachte die Zwergin und stellte die Kiepe vor sich <pb/> hin, in der sie
                  nun zu kramen begann, trotzdem alles, was sie brauchte, obenauf lag.</p>
               <p>»Briefe?« fragte Berndt.</p>
               <p>»Nei, jnädge Herr, man bloß de Berlinsche. Awers hüt steit et inn.«</p>
               <p>Und damit reichte sie Berndt die Zeitung herüber.</p>
               <p>»Ah, der Aufruf!«</p>
               <p>»Joa, dat süll et ja woll sinn. So seggte de Postminsch ook. Un een von de
                  Küstrinsche Börgers röpp mi na'h: ›Nu geiht et los, Hoppenmarieken...‹ Na, man
                  too, mi sall et recht sinn. Un vorbi is et nu mit de lütten Franzosen, dat 's man
                  kloar; se röwern joa all, un de oll Genral...«</p>
               <p>»Füllgraf?«</p>
               <p>»Ne, de anner, de öwerste.«</p>
               <p>»Ah, General Fournier. Nun, was ist es mit dem?«</p>
               <p>»He wihr gistern bi Markgraf Hans' unnen. He sülwst, un fiev or söß von sine
                  Genrals un Uffziers. All unnen in de Gruft.«</p>
               <p>»Und da haben sie nach den vierundzwanzig Wispeln Dütchens gesucht, die der
                  Markgraf mit ins Grab genommen haben soll?«</p>
               <p>Hoppenmarieken nickte.</p>
               <p>»Und wer hat es dir erzählt?«</p>
               <p>»Oll Bäcker Mewes.«</p>
               <p>»Und was noch?«</p>
               <p>»Nich veel, un ihrst verstünn ick em nich. Awers dunn lachte joa Mewes und knipste
                  mi und seggte: ›Bis' doch sünsten nich so dumm, Hoppenmarieken. Un nu paß upp. De
                  Ruß is doa mitsamt sine Kosaken, un de hebben all ehre groten Ballerbüssen bi
                  Quartschen und Tamsel. Un dat weten jo nu de lütten Franzosen ook un wullen sich
                  nich ihrst rutrükern loaten. Se trecken aff. Un wenn een afftrecken deiht, denn
                  nümmt he mit, wa he kreegen kann. Un dissentwegen wihren se gistern bi Markgraf
                  Hansen unnen in sine Gruft. Awers se hebben nix fun'n.‹«</p>
               <p>»Das glaub ich wohl«, sagte Bamme und setzte dann, an <pb/> Vitzewitz sich
                  wendend, hinzu: »Markgraf Hans war ein Hohenzoller, und die verstehen's; die
                  vergraben kein Pfund, am wenigsten vierundzwanzig Wispel Dütchen; die Hohenzollern
                  wollen Zinsen haben. Das hätt ich dem Küstrinschen General sagen können. Aber
                  freilich, er würd es mir nicht geglaubt haben.«</p>
               <p>Hoppenmarieken, die kein Wort von dem allen verstanden hatte, lachte
                  nichtsdestoweniger, nickte dem alten General vertraulich zu und verließ dann,
                  salutierend und ihr übliches Kauderwelsch vor sich hin sprechend, die Halle.</p>
               <p>»Ein Prachtexemplar«, sagte Bamme. »Hätt ich einen kleinen fürstlichen Hof, die
                  ließ ich auf Hokuspokus abrichten, auf Tränkchen und Wahrsagerei.«</p>
               <p>»Da wäre Geld und Mühe weggeworfen«, antwortete Berndt. »Sie versteht es ohnehin
                  schon.«</p>
               <p>»Desto besser; aber nun den ›Aufruf‹. Lassen Sie hören, Vitzewitz.« Und dieser
                  begann zu lesen.</p>
               <p>Während der ersten zehn Zeilen blieb aller Aufmerksamkeit gefesselt, bald aber
                  ließ diese nach und mußte nachlassen, da man allerhand Halbheiten entdeckte und
                  guten Grund hatte, sich im ganzen arg enttäuscht zu fühlen. Dieses Gefühl war so
                  stark, daß das Erscheinen Schulze Kniehases, der noch vor Schluß der Vorlesung
                  eintrat, kaum als eine Störung empfunden wurde.</p>
               <p>»Setzen Sie sich, Kniehase«, sagte Berndt. »Was bringen Sie?«</p>
               <p>»Gute Zeitung, gnädiger Herr; wir haben ihn.«</p>
               <p>»Wen, den Vizekönig?«</p>
               <p>»Nein, nicht so hoch hinaus, aber doch den italienischen Grafen. Eben war der
                  Trebnitzer Verwalter bei mir; in seiner Kirche liegen die ganzen hundert Mann
                  gefangen. Den Grafen haben sie nach Seelow gebracht, weil er einen Hieb über den
                  Kopf hat.«</p>
               <p>»Erzählen Sie.«</p>
               <p>»Nun also: es muß so gestern um die Mittagsstunde gewesen sein, als sie durch
                  Alt-Rosenthal kamen. Gleich dahinter <pb/> fängt die Trebnitzer Heide an, rechts
                  hohe Stämme, aber nach links hin eine Kusselschonung, und der Kusselschonung, so
                  meinte der Verwalter, der trauten sie nicht recht. Aber was half es, sie mußten
                  durch, weil sie vor Dunkelwerden noch nach Jahnsfelde wollten. Und so marschierten
                  sie denn dicht aufgeschlossen und die Kriegskasse immer in ihrer Mitte bis an den
                  kleinen See, der schon zwischen den Kusseln liegt und eigentlich bloß ein Tümpel
                  ist und den die Rosenthalschen und die Trebnitzer den ›Wermelin‹ nennen. Und da
                  war es ja nun vorbei mit ihnen, denn dahinter steckten sie ja gerade, und nun
                  vorwärts, immer mit Hurra, was die Franzosen von Moskau her gar nicht mehr hören
                  können. Und da warfen sie die Gewehre weg und gaben sich gefangen.«</p>
               <p>»Alle?«</p>
               <p>»Bis auf den Grafen. Der riß eins der Gewehre wieder auf und schoß einen aus dem
                  Sattel. Aber Tettenborn kam ihm von der Seite und hieb ihn über den Kopf, daß er
                  niederstürzte.«</p>
               <p>»Tettenborn?« fragten alle.</p>
               <p>»Ja, Oberst Tettenborn mit zwanzig Kosaken. Er war denselben Morgen bei Zellin
                  über die Oder gegangen. Jetzt ist er in Seelow, wohin er den Grafen abgeliefert
                  hat. Und hat ihm auch seinen Degen wiedergegeben, weil er sich als ein tapferer
                  Offizier und Mann von Ehre gezeigt habe.«</p>
               <p>Bamme faßte sich zuerst. Er hatte, wie Berndt und alle anderen, bei Beginn der
                  Erzählung von einer Barnim-Lebuser Waffentat zu hören geglaubt und war, als der
                  Name Tettenborn fiel, einen Augenblick ernstlich verstimmt gewesen, die ganze
                  geträumte Landsturmherrlichkeit auf ein neues Kosakenstückchen hinauslaufen zu
                  sehen. Aber der alte General war nicht der Mann, irgendeinem Ärger länger als zwei
                  Minuten nachzuhängen, hatte vielmehr umgekehrt ein ausgesprochenes Talent, auch
                  das Ärgerlichste sofort wieder von der guten Seite zu nehmen.</p>
               <p>»Ziehen wir die Summe, Vitzewitz, so haben wir uns aus drei Gründen zu
                  gratulieren: erstens hab ich recht behalten <pb/> (was in meinen Augen immer eine
                  Hauptsache bleibt), zweitens haben wir den Conte samt seinen hundert Mann, und
                  drittens haben wir die Kosaken oder doch ihre Vorhut diesseits der Oder. Ärgerlich
                  genug, denken Sie. Aber wie die Dinge liegen, bleibt uns nichts übrig, als mit
                  jedem Winde zu segeln, auch mit diesem Windbeutel von Tettenborn. Also keine
                  Kopfhängerei, Vitzewitz. Etwas wird auch für uns noch übrigbleiben, und wenn es
                  bloß der Vizekönig wäre, nach dem Sie sich bei Schulze Kniehase so teilnehmend
                  erkundigt haben.«</p>
               <p>Das half, Berndt gewann seine gute Laune wieder, und eine Fahrt nach Hohen-Ziesar,
                  welches letztere Bamme, trotz seiner vieljährigen Beziehungen zu Drosselstein,
                  noch immer nicht kennengelernt hatte, wurde verabredet. Der alte Vitzewitz
                  entschied sich für eine vorgängige schriftliche Anmeldung und ging in sein
                  Arbeitscabinet hinüber, die nötigen Zeilen zu schreiben.</p>
               <p>Auch alle anderen erhoben sich: Grell und Hirschfeldt, um unter Lewins Führung das
                  Dorf und die Kirche kennenzulernen, der alte General, um bei Seidentopf einen
                  Besuch zu machen. »Ich muß mir seine Scherben mal wieder auf alte Bekannte hin
                  ansehen und vielleicht auch seine Münzen. Trajan, Hadrian, Antoninus Pius. Weiter
                  komm ich nie. Sonderbar, daß ich immer gerade bei dem steckenbleibe.«</p>
               <p>Nur Tubal hatte sich ausgeschlossen und ging in das Eckzimmer hinüber, wo er
                  hoffen durfte, die Damen zu treffen. Oder doch wenigstens seine Cousine. Und er
                  hatte sich nicht getäuscht. Renate, mit einer Perlenstickerei beschäftigt, saß in
                  der Nähe des Fensters und zählte auf einem vor ihr liegenden Muster die
                  Stiche.</p>
               <p>»Störe ich?«</p>
               <p>»Nein, aber ich glaubte, die Herren seien ins Dorf gegangen und in die Kirche.
                  Oder hast du, wie der alte General, eine Abneigung gegen Kirchen?«</p>
               <p>»Ich zog es vor, zu bleiben. Darf ich einen Stuhl nehmen, Renate?«</p>
               <p>
                  <pb/> Sie nickte zustimmend.</p>
               <p>»Unsere Stunden hier sind gezählt«, fuhr er fort. »Hirschfeldt wird ungeduldig,
                  ihm brennt der Boden unter den Füßen, und was ich dir zu sagen habe, duldet keinen
                  Aufschub.«</p>
               <p>Renate gedachte des Gesprächs, das sie mit dem alten Ladalinski in der Bohlsdorfer
                  Kirche geführt hatte. Es lag ihr daran, es zu keiner Erklärung kommen zu lassen,
                  wenigstens in diesem Augenblicke nicht; so ging sie, um Fragen zu verhüten, vor
                  denen sie bangte, selbst zu Fragen über.</p>
               <p>»Hast du Briefe?« sagte sie. »Ich meine Briefe von Kathinka.«</p>
               <p>»Nicht Briefe, aber flüchtige Zeilen. Ich empfing sie vorgestern, den Tag vor
                  unserer Abreise.«</p>
               <p>»Und von wo?«</p>
               <p>»Von Myslowitz, einem Städtchen an der Grenze. Die Güter des Grafen sind in der
                  Nähe.«</p>
               <p>»Darf ich wissen, was sie schreibt?«</p>
               <p>»Ich habe keine Geheimnisse, Renate. Und hätt ich sie, so würd es mich glücklich
                  machen, sie mit dir teilen zu können.«</p>
               <p>»Ich dürste nie nach Geheimnissen, aber ich bin voller Verlangen, von Kathinka zu
                  hören. Bitte, lies.«</p>
               <p>Und Tubal las:</p>

               <!--milestone hi_start-->
               <p>»Myslowitz,4. Februar</p>
               <!--milestone hi_end-->

               <p>Mein lieber Tubal!</p>
               <p>Wir gehen morgen über Miechowitz und Nowa-Gora auf Bninskis Güter. Ein
                  katholischer Geistlicher wird uns begleiten. Ich gedenke (Bninski wünscht es) in
                  unsere alte Kirche zurückzutreten. Es ist nichts in mir, was mich daran hindern
                  könnte; alles in allem gefällt mir das Römische besser als das Wittenbergische.
                  Schreibe mir bald. Ich bin begierig, von Euch zu hören, von allen. Ich denke
                  stündlich an Papa und jetzt oft auch an unsere Mutter. Du begreifst. Bninski will
                  nach Paris; er ist, wie ich ihn mir gedacht, und ich bin glücklich, ganz
                  glücklich. Freilich ein Rest bleibt. Ist es unser Los oder Menschenlos
                  überhaupt?</p>
               <!--milestone hi_start-->
               <p>Deine Kathinka«</p>
               <!--milestone hi_end-->

               <p>
                  <pb/> Eine Pause trat ein.</p>
               <p>Dann sagte Renate: »Und diese Zeilen sollen dich nun begleiten. Es ist schön, ein
                  liebes Wort mit hinauszunehmen. Aber nicht ein solches. Es klingt so trüb und
                  traurig.«</p>
               <p>»Ach, Renate, daß ich ein tröstlicheres Wort mit mir nehmen könnte. Sprich es. Du
                  weißt, was mich zu hören verlangt.«</p>
               <p>Sie schwieg.</p>
               <p>Tubal aber fuhr fort: »Ich weiß, warum du schweigst. Es fehlt uns etwas in den
                  Herzen der Menschen, das ist unser Verhängnis. Meinen Vater hat es getroffen und
                  ihm am Leben gezehrt, und nun trifft es mich. Es ist, als ob wir etwas verscherzt
                  hätten. Einen Augenblick schien es, daß es anders werden sollte; da fällt nun dies
                  in unser Leben hinein. Und wieder ist es hin. Altes und Neues zeugt gegen uns, und
                  das ›Ja‹, das ich zu hören verlange, will nicht über deine Lippen.«</p>
               <p>Da war nun das »Selbstbekenntnis«, das Marie am Abend vorher erst prophezeit
                  hatte, und der leise Spott ihrer Worte klang schmerzlich in Renaten nach. Aber
                  einen Augenblick nur, dann war es überwunden, und alles, was sich jemals zu Tubals
                  Gunsten in ihrer Seele geregt, es war wieder da, doppelt da unter dem Einfluß
                  eines tiefen Mitgefühls, das seine Worte geweckt hatten, und mit jener Offenheit
                  und Heiterkeit, die den Zauber ihres Wesens ausmachte, sagte sie: »Höre mich,
                  Tubal, ich will dir nichts verschweigen. Lewin und ich, wir haben es oft
                  miteinander durchgesprochen, auch gestern erst. Euer Los ist nicht das schlimmste.
                  Eines ward euch versagt, ein anderes ward euch gegeben. Und dies andere...«</p>
               <p>Sie schwieg.</p>
               <p>Er aber ergriff ihre Hand und rief, indem er sie mit Küssen bedeckte: »O diese
                  deine Hand, daß ich sie halten dürfte mein lebelang, immer, immer.«</p>
               <p>»Ich werde sie keinem andern reichen. Aber verlange von dieser Stunde nicht mehr,
                  und am wenigsten binde dich. Ich, ich bin gebunden.«</p>
               <p>»O sage, daß du mich liebst, Renate. Sprich es, es hängt so viel an diesem
                  Wort.«</p>
               <p>
                  <pb/> »Nein, nicht jetzt. Es sind nicht Zeiten für Bund und Verlöbnis oder doch
                  nicht für uns. Aber andere Zeiten kommen. Und hast du dann das eigene Herz geprüft
                  und das meine vertrauen gelehrt, dann, ja dann!«</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Elftes Kapitel</head>
               <head>Hohen-Ziesar</head>
               <p>Der Ausflug zu Drosselstein war auf zwei Uhr festgesetzt worden. Schon vorher
                  hatten sich Berndt und Bamme verabredet, den Weg ihrerseits zu Pferde zurücklegen
                  zu wollen. Der alte General auf seinem Shetländer. Ihnen gesellte sich Tubal, der,
                  nach dem Vormittagsgespräche, von einer ihm selber unerklärlichen Scheu befallen
                  war, die Fahrt an Renatens Seite zu machen. Er schien unsicher, welchen Ton er
                  anzuschlagen habe. Oder war es ein anderes noch?</p>
               <p>Die Reiter nahmen einen Vorsprung. Sie konnten indes den Stein vor Miekleys Mühle
                  kaum passiert haben, als auch schon das Schlittengespann vorfuhr, das die
                  Geschwister samt Grell und Hirschfeldt nach Hohen-Ziesar hinüberbringen sollte.
                  Jeetze stand mit Decken und Kissen bereit, Lewin nahm die Leinen, und einen
                  Augenblick später zogen die Braunen an und trabten die stille Dorfgasse hinauf.
                  Das Klingen der Glöckchen mischte sich mit der Heiterkeit unserer Reisenden, von
                  denen Lewin auf der Pritsche ritt, während der auf einem bloßen Brettstück
                  untergebrachte Grell die beständige Versicherung von der Bequemlichkeit seines
                  Rücksitzes durch ein ebenso beständiges Hin- und Herrutschen widerlegte. Am
                  plauderhaftesten war Renate. Sie fühlte sich glücklicher denn seit lange. Dasselbe
                  Zwiegespräch, das in Tubal verlegen nachwirkte, war ihr über Erwarten hinaus eine
                  Quelle des Trostes geworden. Was sie dem alten Geheimrat in der Bohlsdorfer Kirche
                  gesagt hatte: »Du pochst nicht an die rechte Tür«, das war damals wie zu jeder
                  Zeit der Ausdruck ihres Herzens gewesen. Solange sie Tubal liebte, hatte sie auch
                  der Zweifel <pb/> begleitet, ob ihre Liebe von ihm erwidert werde, und dieser
                  Zweifel, quälender als alles andere, war nun von ihr genommen. Er liebte sie. Was
                  bedeutete daneben die Frage nach der Dauer oder nach der Treue seines Gefühls? Was
                  war, verglichen damit, die bloße Zukunftsfrage: »Werd ich glücklich oder
                  unglücklich sein?« Jetzt war sie glücklich, und ein verbleibender Rest von Furcht,
                  der sie leise durchschauerte, steigerte nur das Hochgefühl des Augenblicks. Ihr
                  war, als schreite sie durch einen Wald, aus dessen Tiefen es dunkel und
                  banggeheimnisvoll erklinge; aber was ihr die Nähe bot, das war Licht und
                  Sonnenschein und Jubilieren der Vögel. Lewin hatte recht, der von helleren Tagen,
                  und die Schorlemmer hatte recht, die von lauter Hochzeitszügen gesprochen hatte.
                  Marie war eine Schwarzseherin, und sie selber war es mit ihr. Aber das lag nun
                  zurück; sie war es gewesen.</p>
               <p>Diese glückliche Stimmung zeigte sich auch in der Unbefangenheit des Gesprächs,
                  das sich bald um den Grafen zu drehen begann.</p>
               <p>»Ist er mit den ostpreußischen Drosselsteins verwandt?« fragte Hirschfeldt.</p>
               <p>»Gewiß; er gehört ihnen zu«, antwortete Renate, »und es ist ein glücklicher
                  Zufall, daß wir ihn trotzdem in unserer Provinz haben. Er erbte Hohen-Ziesar in
                  den ersten Jahren seiner Ehe und bezog es, um in der Nähe des Hofes zu leben. Es
                  war aus Rücksicht gegen seine junge Frau.«</p>
               <p>»So ist er verheiratet?« fragte Hirschfeldt weiter.</p>
               <p>»Er war es. Die Gräfin starb; erst Abzehrung, zuletzt ein Blutsturz, der sie
                  tötete. Sie war sehr schön, eine Gräfin Lieven. Als sie starb, verbarg sich der
                  Graf vor der Welt; er war nur dann und wann in Dresden, und es hieß, daß er zum
                  Katholizismus übertreten werde.«</p>
               <p>»Die Drosselsteins zählen sonst zu den festesten Protestanten.«</p>
               <p>»Auch wohl der Graf. Aber es gibt Lagen – so wenigstens sagte die Tante, der ich
                  auch die Verantwortung dafür zuschiebe –, wo der Protestantismus versagt und der
                  Katholizismus das Herz weicher bettet.«</p>
               <p>
                  <pb/> »Und in einer solchen Lage war der Graf?«</p>
               <p>»Man behauptet es. Lewin mag Ihnen davon erzählen; es ist eine romantische
                  Geschichte, und romantische Geschichten sind sein Steckenpferd. Übrigens alles in
                  allem, ich glaube, was man sich erzählt. Sie werden das Bild der Gräfin sehen und
                  mögen dann selber urteilen. Es hängt in dem Empfangszimmer: eine blaßblaue Robe,
                  mit weißen Rosen besetzt. Nur eine, dicht über dem Gürtel, ist dunkelrot. Und das
                  Bild wurde doch zwei Jahre vor ihrem Tode gemalt.«</p>
               <p>»Sonderbar«, sagte Grell, der sich inzwischen auf seinem Rücksitz eingerichtet
                  hatte.</p>
               <p>»Ja, das ist es. Aber es überrascht in Hohen-Ziesar weniger als anderswo. Das
                  Schloß ist reich an Sonderbarkeiten, darunter Ausgegrabenes aus Herkulanum und
                  Pompeji: Pinzetten und Brochen und, denken Sie sich, eine Nagelschere. Der Graf
                  war lange dort und hat alle diese Dinge mitgebracht.«</p>
               <p>»Und ich werde mich freuen, sie kennenzulernen«, entgegnete Grell, »möchte jedoch
                  der prophetisch gemalten roten Rose den Vorzug vor allem anderen geben.«</p>
               <p>»Und darin haben Sie recht«, erwiderte Renate. »Und auch darin, daß Sie mich an
                  mein verlorenes Thema mahnen. Die pompejanische Schere schnitt mir den Faden
                  entzwei. Aber wovon wollt ich sprechen? Ja, von sonderbaren Bildern in
                  Hohen-Ziesar. Nun, auch davon ist die Hülle und Fülle da. So zum Beispiel ein
                  Bildnis der ›Weißen Frau‹.«</p>
               <p>»Der ›Weißen Frau‹!« riefen Grell und Hirschfeldt a tempo und mit einer
                  Lebhaftigkeit, als ob ihnen dieselbe bereits erschienen wäre. Dann setzte
                  Hirschfeldt hinzu: »Aber seit wann lassen sich die Gespenster porträtieren?«</p>
               <p>»Nein«, lachte Renate. »So Pikantes darf ich Ihnen freilich nicht in Aussicht
                  stellen. Es ist das Porträt eines schönen Hoffräuleins aus den letzten
                  Regierungsjahren des Großen Kurfürsten, Wangeline von Burgsdorff. Sie starb jung
                  und muß als ›Weiße Frau‹ umgehen, um ihre Schuld im Tode zu büßen. Natürlich eine
                  Liebesschuld.«</p>
               <p>Hirschfeldt lächelte, Grell aber, der alles etwas pedantisch <pb/> nahm,
                  wiederholte den Namen »Wangeline von Burgsdorff« und setzte dann hinzu:</p>
               <p>»Ich war der Ansicht, daß es eine Gräfin von Orlamünde sei, auf der Plassenburg
                  heimisch und, wenn ich mich nicht irre, auch auf dem Bayreuther Schloß. Es ist mir
                  noch in Erinnerung, daß ich als Kind immer mit Gruseln von den ›vier Augen‹ las,
                  die ›zwischen stünden‹ und aus der Welt geschafft werden müßten. Ich verstand es
                  nur halb, aber um so mehr erregte es meine Phantasie. Und nun hör ich einen
                  anderen Namen: Wangeline von Burgsdorff.«</p>
               <p>»Sie dürfen mich nicht examinieren«, erwiderte Renate. »Wollen Sie mehr wissen, so
                  muß das Haupt der Kastalia nachhelfen. Sage, Lewin, wie war es?«</p>
               <p>Aber dieser, statt Auskunft zu geben, zeigte nur, während er die Leinen in seine
                  Linke nahm, mit der Rechten auf das hinter Parkbäumen eben sichtbar werdende
                  Schloß und sagte: »Der Graf selber mag uns antworten.«</p>
               <p>Wenige Minuten später hielt der Schlitten auf der nach dem Garten zu gelegenen
                  Rampe, wo Drosselstein seine junge Freundin bereits erwartete und ihr beim
                  Aussteigen die Hand reichte. So traten sie durch eine Doppeltür in das
                  Empfangszimmer ein. Hirschfeldt und Grell folgten.</p>
               <p>Das Empfangszimmer war ein großer quadratischer, fast durch die ganze Tiefe des
                  Hauses gehender Saal, hinter dem nur noch ein schmaler Korridor lief. Der Korridor
                  sah auf den Innenhof, wie der Empfangssaal auf Garten und Park. In diesem Saale
                  ließ sich auf den ersten Blick erkennen, daß der Besitzer von Hohen-Ziesar reich
                  und vielgereist und von gutem Geschmack in den bildenden Künsten sein müsse. An
                  der einen Wand hing ein großes Tableau, halb Architektur, halb Landschaft, das
                  alte ostpreußische Schloß der Drosselsteins darstellend. Diesem Tableau gegenüber
                  befand sich das Bild der verstorbenen jungen Gräfin. Grell suchte die rote Rose
                  und fand sie. Er hatte sich die Rose noch röter und die Gräfin selbst noch schöner
                  gedacht, also eine doppelte Enttäuschung, von der die zweite wahrscheinlich nur
                  eine Folge der ersten <pb/> war. In allen Fensternischen befanden sich
                  Orangeriekübel und Blumentische, während an den drei anderen Seiten des Saales
                  Konsolen von schwarzem Marmor liefen. Auf diesen standen römische Kaiser mit rot
                  eingeschriebenen Namen. Bamme, der schon eine Viertelstunde lang da war, hatte
                  zwei, drei davon gelesen: Geta, Caracalla, Alexander Severus, und war dann mit
                  einem hingemurmelten »nicht zuviel auf einmal« von der Konsolenreihe
                  zurückgetreten; eine ziemlich dunkele Bemerkung, die sich wahrscheinlich auf seine
                  verwandten numismatischen Vormittagsstudien bei Seidentopf bezogen hatte.</p>
               <p>Das Gespräch war über Oberflächlichkeitsfragen noch kaum hinaus, als Drosselstein
                  Renaten seinen Arm bot, um diese zu Tische zu führen. Eine zurückgeschlagene
                  Doppelportiere zeigte den Weg in das nebenangelegene Eßzimmer. Hier brannten schon
                  – die Gardinen waren geschlossen – zwei achteckige zierliche Kandelaber und gaben
                  Licht genug, das Zimmer in allen seinen Teilen erkennen zu lassen. In die
                  Stuckwände waren antike Mosaiken eingelassen, Darstellungen von Wild, Geflügel,
                  Fischen, während an der Decke die »Hochzeit der Psyche« nach Giulio Romanos
                  gleichnamigem Fresko im Palazzo del Té zu Mantua eine für unsere damaligen
                  Kunstverhältnisse bemerkenswert gute Nachbildung gefunden hatte. Bamme sah nichts
                  von all diesen Dingen, desto mehr Grell, dessen natürlicher Sinn dafür im
                  Moltkeschen Palais ausgebildet worden war.</p>
               <p>Renate hatte den Platz zwischen Drosselstein und Bamme. Dieser, vielleicht von
                  Jugend auf, jedenfalls aber seit den Tagen der Guser Tafelrunde fest an dem Satze
                  haltend, daß Medisieren das beste Mittel zu Durchbrechung aller bloßen
                  Unterhaltungspräliminarien sei, warf sich heute mit Ungestüm auf Seidentopf, den
                  er schon mehrere Stunden früher, in der Hohen-Vietzer Pfarre, bei Vorführung des
                  »Odinswagens« zum Opfer für die bevorstehende Dinerkonversation ausersehen hatte.
                  Freilich mit schließlich ausbleibendem Erfolg; ausbleibend, weil er sich, wie der
                  Augenschein lehrte, wieder einmal geirrt oder, um ihn selber zu zitieren: »wieder
                  einmal <pb/> vor nicht ganz richtigen Ohren« gesprochen hatte. Drosselstein
                  nämlich war zu vornehm, um überhaupt viel zu lachen, Lewin und Renate hatten den
                  Justizrat über eben dasselbe Thema besser und mit noch größerem Behagen perorieren
                  und phantasieren hören, und Berndt – sonst nach Art aller ernster angelegten
                  Naturen ein allerdankbarstes Publikum für Scherz und Heiterkeiten – steckte doch
                  gerade heute zu tief in seinen Plänen, um sich an Bammes Exkursen über die sechs
                  vorgeblichen Odinsvögel ergötzen zu können. Er nahm vielmehr eine flüchtige Pause
                  wahr, um mit einem kurzen »ad vocem Seidentopf« dem ihm gegenübersitzenden
                  Drosselstein die Mitteilung zu machen, daß er, in seiner Eigenschaft als Patron,
                  die Verlesung des »Aufrufes« von der Kanzel für nächsten Sonntag angeordnet
                  habe.</p>
               <p>Und nun rollte statt des »Odinswagens« das Thema »Aufruf« eine Viertelstunde lang
                  friedlich über den Tisch hin, bis von seiten Drosselsteins die mehr oder weniger
                  provozierende Bemerkung gemacht wurde, daß er in dem Aufrufe das Ostpreußische
                  vermisse. Er fühle wohl, daß er durch ein solches Wort den Vorwurf einer gewissen
                  Parteilichkeit auf sich lade; der Geist der Provinzen sei nun aber mal ein
                  verschiedener, und die Haltung des märkischen Adels, dem er dadurch nicht zu nahe
                  zu treten gedenke, werde jedenfalls zu sehr durch persönliche Beziehungen
                  bestimmt. Davon wisse man sich in seiner heimatlichen Provinz frei. »Ihr Stolz«,
                  so schloß er, indem er sich gegen Vitzewitz und Bamme leise verneigte, »ist die
                  Loyalität, die Diskretion, die Reserve; unser Stolz ist die Freiheit. Unter den
                  Händen Dohnas oder Schöns oder Auerswalds hätte dieser Aufruf eine andere Gestalt
                  gewonnen. Seine Tugend ist die Vorsicht, er hat den Hofstempel; was ihm fehlt, ist
                  die Sprache der Gradheit und Männlichkeit.«</p>
               <p>Bamme wollte scharf antworten, bezwang sich aber, um keine Störung aufkommen zu
                  lassen, und sagte nur: »Sonderbar, je nordöstlicher, desto verpflichteter werden
                  wir jetzt. Wir verdanken den Ostpreußen viel, aber noch mehr, so scheint <pb/> es,
                  sollen wir den Kosaken verdanken. Wir haben sie seit gestern diesseits der Oder.
                  Haben Sie schon von dem Überfall zwischen Alt-Rosenthal und Trebnitz gehört?
                  Hundert Mann gefangen. Es wird Aufsehen machen.«</p>
               <p>Der Graf war noch ohne Nachricht. Er ließ sich erzählen, folgte mit sichtlichem
                  Interesse den etwas stark gefärbten Bammeschen Schilderungen und war nur
                  schließlich überrascht, sich ohne weiteres »zu Herbeiführung nunmehriger
                  gemeinschaftlicher Operationen« aufgefordert zu sehen. Nicht mit Tettenborn,
                  sondern mit Tschernitscheff in Person.</p>
               <p>»Sie müssen ins Hauptquartier, Drosselstein«, resolvierte Bamme, »und zwar morgen
                  schon. Unser eigener Kopfbestand ist in diesem Augenblick besser, als er nach acht
                  Tagen sein wird. Jetzt hab ich noch einen Aide de camp; aber wie lange bin ich
                  seiner sicher? Jede Stunde kann er auf und davon fliegen. Also rasch. Es muß ein
                  größerer Coup unternommen werden, und ich habe so meine Pläne. Aber dazu bedürfen
                  wir der Russen. Sie kennen ja Tschernitscheff und alles, was um ihn her ist, von
                  Ihren Petersburger Tagen her.«</p>
               <p>Bamme, trotzdem er von den seinerzeit umgehenden Gerüchten gehört haben mußte,
                  sprach doch von diesen »Petersburger Tagen« wie von einer lieben Erinnerung des
                  Grafen und würde noch tiefer in den etwas diffizilen Gegenstand eingedrungen sein,
                  wenn nicht Drosselstein, durch rasches Akzeptieren der Mission, alles erledigt und
                  zu seiner weiteren Sicherheit an Renaten die Frage gerichtet hätte: »Wo nehmen wir
                  den Kaffee?«</p>
               <p>»Natürlich in der Galerie.«</p>
               <p>»Dort, fürcht ich, ist es zu kalt.«</p>
               <p>»Gleichviel. Die Herren haben die Pflicht, abgehärtet zu sein, und ich stecke mich
                  in Muff und Mantel.«</p>
               <p>Drosselstein war es zufrieden, flüsterte gleich darauf dem hinter seinem Stuhle
                  stehenden Diener einige Worte zu und lenkte dann das Gespräch auf Faulstich und
                  Nippler hinüber, deren gemeinschaftliches Kantatenwerk als ein neutraler Boden für
                  die Konversation angesehen werden konnte. Bamme – <pb/> nachdem zuvor Nipplers
                  Ansprüche auf den Titel eines »verkannten Genies« untersucht und mit
                  Stimmengleichheit verneint und bejaht worden waren – sprach bei dieser Gelegenheit
                  die Hoffnung aus, daß die Kürze des Textes durch die Komposition nicht wieder in
                  Frage gestellt werden möge.</p>
               <p>Dieser zugespitzte Satz bot einen guten Tafelschluß. Drosselstein erhob sich, und
                  nachdem er seine Gäste noch einige Minuten in dem Empfangszimmer festzuhalten
                  gewußt hatte, bat er sie, wie es Fräulein Renate befohlen habe, den Kaffee in der
                  Galerie neh men zu wollen.</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Zwölftes Kapitel</head>
               <head>Die Weiße Frau</head>
               <p>Diese »Galerie«, nach Norden hin gelegen, zog sich durch den ganzen linken Flügel
                  des Schlosses. Sie bestand aus drei Sälen, von denen der vorderste die
                  Familienbilder enthielt, einige davon mit großer historischer Staffage. Die
                  Gardinen waren auch hier geschlossen, ein Kaminfeuer brannte, und der Kaffeetisch
                  war inmitten des Saales serviert. Was aber mehr als alles dies das Auge der
                  Eintretenden gefangennahm, waren zwei auf hohen Tripoden stehende Silberschalen,
                  die, zu beiden Seiten des Kamins placiert, ihre blaßblauen Spritflammen in zwei
                  leise zitternden Säulen aufsteigen ließen. Der Graf hatte dies angeordnet, um den
                  kalten Raum rascher zu erheizen, aber vielleicht mehr noch um des
                  malerisch-phantastischen Effektes willen. Und dieser Effekt war erreicht. Es
                  fehlte nicht an Beglückwünschungen.</p>
               <p>In weitem Halbkreise wurde Platz genommen, und während noch der Kaffee
                  herumgereicht wurde, zeigte Renate, die jetzt zwischen Grell und Hirschfeldt saß,
                  auf ein unmittelbar vor ihnen hängendes Bildnis in ganzer Figur, das im Schein der
                  beiden blauen Flammen an gespenstigem Leben zu gewinnen schien.</p>
               <p>»Das ist sie.«</p>
               <p>
                  <pb/> Grell rückte seinen Stuhl zurück, um besser sehen zu können, und sagte dann:
                  »Ein schöner Kopf, aber unheimlich.«</p>
               <p>»Ich vermute«, setzte Hirschfeldt hinzu, »daß aus dem unheimlichen Ausdruck dieser
                  Augen die Sage selbst entstanden ist; sie fordern zu der Annahme heraus, daß sie
                  nicht dazu bestimmt waren, sich wie zwei gewöhnliche Augen im Tode zu schließen.
                  Sie haben etwas, als müßten sie wachen und endlos sehen.«</p>
               <p>»In jeder alten Galerie finden sich solche Bilder«, sagte Berndt.
                  »Sonderbarerweise sind es immer Frauen, und zwar junge und schöne Frauen.«</p>
               <p>»Ein sehr lehrreicher Wink«, bemerkte Bamme, »der aber unbeachtet bleiben wird,
                  wie so viele andere. Übrigens würd ich dankbar sein, über kurz oder lang zu hören,
                  um was es sich eigentlich handelt. Diejenigen unter uns, die das Glück hatten, an
                  Fräulein Renatens Seite die Fahrt hierher zu machen, scheinen inzwischen in einen
                  Geheimbund eingetreten zu sein. Ich vermute, wenn Vermutungen gestattet sind:
                  Wangeline von Burgsdorff.«</p>
               <p>Drosselstein nickte.</p>
               <p>»Dacht es«, fuhr Bamme fort. »Faulstich hat mir vor Jahr und Tag davon erzählt,
                  aber er kam über Andeutungen nicht hinaus. Ich möchte mehr davon wissen. Hören
                  Sie, wie draußen die Rouleauxringe an den Scheiben klappern? Es muß windig
                  geworden sein. Das ist so recht ein Ton für Gespenstergeschichten. Da wir zwölf
                  Uhr nicht haben können, so müssen wir mit sechs Uhr zufrieden sein. Also Thema:
                  Wangeline. Sie muß eine Großtante von Ihnen gewesen sein, Drosselstein. Was war es
                  mit ihr?«</p>
               <p>»Eine kurze Geschichte«, sagte dieser. »Wangeline von Burgsdorff war Hoffräulein
                  und stand im Dienst einer Herrin, die rücksichtslos und ehrgeizig dem aus erster
                  Ehe stammenden Erbprinzen die bekannte ›vergiftete Orange‹ zubestimmt, aber
                  vorläufig nur ans Krankenlager gestellt hatte. Da, von plötzlicher Reue befallen,
                  beschwor sie das Fräulein, in das Zimmer des Kranken zurückzueilen, um diesen zu
                  retten, wenn überhaupt noch zu retten sei. Und über die Korridore hin flog <pb/>
                  jetzt die leichtverhüllte Gestalt Wangelinens, bis ein ihr plötzlich
                  entgegentretender Kavalier, an dem sie leidenschaftlich hing, ihren flüchtigen
                  Gang auf Augenblicke hemmte. Auf Augenblicke nur, aber lange genug, um den Tod des
                  Prinzen zu verschulden. Sie kam zu spät, und der Fluch traf sie, das im Leben
                  versäumte Wort im Tode sprechen zu müssen. So geht sie um und warnt.«</p>
               <p>Diese kurzen Notizen, trotz ihrer Lücken und Dunkelheiten oder vielleicht auch um
                  derselben willen, hatten eines Eindrucks auf die Mehrzahl der Anwesenden nicht
                  verfehlt. Nur Bamme schüttelte histo risch-kritisch den Kopf und sagte, während er
                  die Tasse aus der Hand setzte: »Pardon, Drosselstein, daß ich Ihnen widerspreche.
                  Aber es geschieht wenigstens nicht leichtsinnig. Sie wissen, ich habe ein paar
                  Liebhabereien, früher waren es die jungen Frauen, jetzt sind es die Weißen, und
                  alles, was von Peter Goldschmidts ›Höllischem Morpheus‹ an bis auf Rentschs
                  ›Brandenburgischen Zedernhain‹ hinunter über die Weißen Frauen geschrieben worden
                  ist, das hab ich gelesen. Und siehe da, es ist und bleibt die Orlamünderin. Ich
                  kann den Verdacht nicht unterdrücken, daß sich Ihre Verwandten, die Burgsdorffs,
                  eine neue Weiße Frau kreiert haben, bloß aus Rancune, weil einer von ihnen, und
                  zwar niemand Geringeres als Ihr berühmter Konrad von Burgsdorff, weiland Günstling
                  des Großen Kurfürsten, von der wirklichen Weißen Frau (meiner Orlamünderin) die
                  Berliner Schloßtreppe hinuntergeworfen wurde. Dergleichen vergessen unsere
                  märkischen Familien (die wegen mangelnder ›Gradheit und Männlichkeit‹ natürlich
                  alle tückisch und rachsüchtig sind) so gut wie nie, und so haben sich denn die
                  Burgsdorffs durch Aufstellung einer Prätendentin zu revanchieren und dem
                  altetablierten Spuk ein Paroli zu biegen gesucht.«</p>
               <p>Drosselstein preßte die Lippen zusammen und sagte pikierter, als sich mit seiner
                  sonstigen Sprechweise vertrug: »Eh bien, General, wenn Sie den ›Höl lischen
                  Morpheus‹ gelesen haben, woran ich nicht im geringsten zweifle, so verzicht ich
                  darauf, Ihre Meinungen zu widerlegen.«</p>
               <p>
                  <pb/> Bamme hörte die Gereiztheit sehr wohl heraus, verneigte sich aber, als ob
                  nichts vorgefallen sei, und fuhr in demselben Tone fort: »Es ist, wie ich sage:
                  Prätendentenschaft aus Familienrancune. Nichtsdestoweniger, Drosselstein, wenn ich
                  etwas für Ihre Wangeline tun kann, so rechnen Sie auf mich. Erstens bin ich
                  überhaupt für alles Stürzen und Absetzen, das einzige, was mir die Weltgeschichte
                  lesbar macht, und zweitens und hauptsächlichst muß ich Ihnen einräumen, daß es
                  meine alte Freundin, die Orlamünderin, ihrerseits übertrieben hat. Sie verdient
                  eine Dethronisierung. Und warum? Weil sie die Gesetze nicht hält. Und daran geht
                  jede Dynastie zugrunde; auch im Reiche der Gespenster.«</p>
               <p>Renate lachte und sagte dann: »Aber, General, da geraten Sie doch in einen argen
                  Widerspruch mit sich selbst. Sie proklamieren erst Ihre Vorliebe für alles Stürzen
                  und Absetzen, will sagen, für alles Auflehnen gegen das gegebene Gesetz, und im
                  selben Augenblicke rechnen Sie es Ihrer armen Orlamünderin zum Schaden und
                  Nachteil an, die Gesetze ›im Reiche der Gespenster‹ nicht gehalten zu haben. Wie
                  wollen Sie da heraus?«</p>
               <p>»Eine heikle Situation«, replizierte Bamme. »So viel muß ich zugeben, meine
                  Gnädigste. Aber ich will es wenigstens versuchen, aus dem Dilemma herauszukommen.
                  Sehen Sie, da hab ich diesen letzten Winter ein englisches Trauerspiel, den ›König
                  Richard III.‹, aufführen sehen. Eine sehr interessante Figur, tapfer,
                  rücksichtslos und, was die Hauptsache ist, diabolisch vergnügt. Nun, ich darf wohl
                  sagen, ich habe mich gefreut, ihn unter seinen Brüdern und Lords aufräumen und
                  sich die Krone aufsetzen zu sehen; aber ich kann nicht behaupten, mich am Schlusse
                  des Stücks über die fatale Lage, in die er sich durch ein halbes Dutzend
                  allerliebster Morde gebracht sieht, im geringsten gewundert zu haben. Mit anderen
                  Worten, ich lese gern von Stürzen und Absetzen und gedenke bei diesem Geschmack zu
                  bleiben, aber ich find es andererseits nur in der Ordnung – außerdem auch eine
                  Steigerung meines Vergnügens –, den Stürzer und Absetzer schließlich selbst an die
                  Reihe <pb/> kommen zu sehen. Illegitimitäten sind interessant und von einem
                  gewissen Standpunkte aus sogar angenehm und begehrenswert, aber sie bleiben doch
                  zuletzt sie selbst, das heißt Dinge, für die früher oder später gezahlt werden
                  muß. Menschen oder Gespenster macht keinen Unterschied.«</p>
               <p>»Und was sind denn nun die ›Illegitimitäten‹ oder die Ungehörigkeiten Ihrer armen
                  Orlamünderin, zu deren Sturze Sie selber mitarbeiten wollen?«</p>
               <p>»Zweierlei, meine Gnädigste. Erstens: sie hält nicht das Haus, ist vielmehr ein
                  Wandergespenst, eine ganz unstatthafte Spezies. Sie spukt reihum und bereist alle
                  alten und neuen Hohenzollernschlösser: Plassenburg, Bayreuth, Berlin. Das scheint
                  eine Kleinigkeit, ist aber ein Kardinalverbrechen. Es gibt Reiseprediger, aber
                  keine Reisegespenster. Das ist gegen die Konvention.«</p>
               <p>»Es mag gegen die Konvention sein«, antwortete Renate, »aber es ist hübsch und
                  gefällt mir um ebensoviel besser, wie mir der Hund besser gefällt als die Katze.
                  Ich stelle die Herrentreue höher als die Treue gegen das Haus.«</p>
               <p>»Eine feine Doktorfrage«, sagte Bamme, »in der ich mich nicht gleich
                  zurechtzufinden weiß.«</p>
               <p>»Gut; aber Sie sprachen von zweierlei. Was haben Sie weiter? Was war Ihr zweiter
                  Anklagepunkt gegen die Weiße Frau?«</p>
               <p>»Etwas, wobei ich leider noch weniger auf Ihre Zustimmung rechnen darf, denn es
                  ist eine Bekleidungsfrage.«</p>
               <p>»Doch erzählbar?«</p>
               <p>»Durchaus; Seidentopf würde darüber predigen können.«</p>
               <p>»Nun denn.«</p>
               <p>»Nun denn. Dasselbe Ausdauern, das ich von meinen Gespenstern in Lokalfragen
                  verlange, verlang ich auch von ihnen in Toilettenfragen. Aber was zeigt sich
                  tatsächlich? Dieselbe Libertinage. Dreihundert Jahre lang haben wir eine schlichte
                  ›Weiße Frau‹ gehabt, nonnenhaft mit Schleier und Skapulier. Das war in der
                  Ordnung. Da geschieht nun was? Hören Sie: Eines Tages, völlig unmotiviert,
                  vervornehmt sie sich und beginnt <pb/> eine Krause zu tragen. Schlimm genug; mais
                  enfin immer noch une dame blanche. Da plötzlich vollzieht sich das Unerhörte, und
                  als wolle sie sich über sich selbst und uns mokieren, erscheint sie tout-à-fait in
                  einer schwarzen Parure, mit Astrachanmuff und dito Pelzbesatz. Und so haben wir
                  denn jetzt eine ›schwarze Weiße Frau‹. Das ist das vorläufig letzte Stadium,
                  wenigstens in Bayreuth. Wie es in Berlin steht, muß erst das nächste Auftreten
                  entscheiden.«</p>
               <p>»Und wie deuten Sie sich das alles, ist es ein wirklicher Spuk oder Täuschung und
                  Betrug?«</p>
               <p>»Tausendkünstler und Gespenstergeschichten-Erzähler, meine Gnädigste, haben
                  Erlaubnis, jede Aufklärung zu verweigern. Aber ich gebe sie dennoch. Den
                  Mondschein und das wehende Handtuch außer Spiel gelassen, mögen Sie sicher sein,
                  daß es von vier Fällen dreimal ein verdrießlicher Kastellan und das vierte Mal ein
                  hübsches kleines Hoffräulein ist, ein junges Blut...«</p>
               <p>In diesem Augenblicke wurde Justizrat Turgany gemeldet.</p>
               <p>»Sehr willkommen!« sagte Drosselstein, und der Angemeldete trat ein.</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Dreizehntes Kapitel</head>
               <head>Der Plan auf Frankfurt</head>
               <p>»Wie stehen Sie zu der Weißen Frau?« rief Renate dem eintretenden Justizrat
                  entgegen, der seinerseits, ohne sich verwirren zu lassen, unter leichtem Gruß
                  gegen die Fragestellerin antwortete: »Gut, meine schöne Freundin. Ich stehe zu
                  allen Frauen gut.«</p>
               <p>»Auch zu den Weißen?«</p>
               <p>»Auch zu den Weißen«, wiederholte Turgany. »Ganz besonders aber zu der
                  Bayreutherin, die letzten Sommer wieder viel von sich reden machte. Natürlich in
                  den Zeitungen. Ich halte sie für die patriotischste Frau des Landes, seit sie den
                  großen Empereur zweimal aus ihrem Schlosse hinausgespukt <pb/> hat. ›Ce maudit
                  château‹ waren seine höchsteigenen Worte. Aber vertagen wir das. Ich möchte
                  zunächst bitten, mich mit den beiden Herren ad latus Fräulein Renatens bekannt zu
                  machen.«</p>
               <p>Drosselstein stellte Grell und Hirschfeldt vor, die alsbald nach einer kurzen, in
                  Sprüngen geführten Unterhaltung überrascht waren, den Justizrat in alle
                  Geheimnisse der letzten Kastaliasitzung eingeweiht zu finden. Als sie dieser
                  Überraschung Ausdruck gaben, sagte Turgany: »Sie vergessen, meine Herren, daß ein
                  Jurist verpflichtet ist, Aug und Ohr überall zu haben, zumal in Zeiten wie die
                  jetzigen. Ich habe mich eben zu Ihrer Verwunderung über Calcar und die
                  Seydlitzsporen verbreitet, aber was würden Sie sagen, wenn ich Ihnen auch von den
                  andern, historisch beglaubigteren Sporen erzählen wollte, die seitens des Generals
                  O'Donnell in der Kathedrale zu Tarragona aufgehängt wurden.«</p>
               <p>In solchen Andeutungen ging es weiter. Alle waren neugierig geworden, bis sich
                  zuletzt das Rätsel löste. Himmerlich, ein jüngerer Studiengenosse Othegravens,
                  stand in Korrespondenz mit diesem und ermangelte nie, über die literarischen
                  Wochenvorgänge zu berichten. Von Othegraven kam es dann an Turgany.</p>
               <p>Dieser hatte Platz genommen, und während er noch, unter fortgesetzten Aperçus, in
                  denen er exzellierte, seine Tasse ausnippte, sagte Drosselstein: »Und nun,
                  Turgany, was verschafft uns die Freude, Sie hier zu sehen? Ich bin Erfahrungsmann
                  genug, um Ihnen irgend etwas wie Geschäfte von der Stirn zu lesen. Auch ist mir
                  Ihr Sprühfeuer verdächtig. Ich fürchte, die Douche kommt nach. Was ist es? Etwas
                  Juristisches?«</p>
               <p>»Nicht doch«, entgegnete Turgany. »Höher hinaus. Politisch-militärisch.«</p>
               <p>»Das wäre«, sagte Drosselstein, und Berndt und Bamme horchten auf, ohne zunächst
                  an einen rechten Ernst zu glauben.</p>
               <p>Der Justizrat aber wiederholte: »Politisch-militärisch. Lassen Sie mich gleich in
                  medias res gehen. Ich darf es doch? Wir sind unter uns?«</p>
               <p>
                  <pb/> Drosselstein nickte.</p>
               <p>»Nun denn«, begann Turgany, »was mir zu sagen obliegt, ist kurz das: Wir haben
                  seit drei Tagen den französischen General Girard in unserer Stadt, von der Armee
                  des Vizekönigs, mit ihm zwei schwache Regimenter, keine zweitausend Mann.«</p>
               <p>»Kriegskasse?« fragte Bamme.</p>
               <p>»Nein, aber fünfzig Kanonen, bronzene Acht- und Zwölfpfünder. Und auch das ist
                  nicht zu verachten. Die Tage sind vor der Tür, wo wir sie werden brauchen können,
                  brauchen in der richtigen Direktion, das heißt mit Front gegen Westen. Der
                  ›Aufruf‹ verschweigt es, aber man muß zwischen den Zeilen lesen.«</p>
               <p>Berndt und Bamme wechselten Blicke des Einverständnisses; Turgany fuhr fort:</p>
               <p>»Also zweitausend Mann und fünfzig Kanonen. Es fragt sich, ob die Mittel da sind,
                  einen Überfall gegen diese feindlichen Streitkräfte zu wagen. Auf die Frankfurter
                  Bürgerschaft, oder doch auf einen starken Bruchteil derselben, ist mit Sicherheit
                  zu rechnen. Und im Namen dieser Bürgerschaft bin ich hier. Othegraven, der an der
                  Spitze steht, ist entschlossen, mit zwölf Mann alten Soldaten, die sich freiwillig
                  gemeldet haben, den General Girard gefangenzunehmen. Zugleich Stab und Adjutantur
                  des Generals. Was die Besatzung angeht, so befindet sie sich in der Dammvorstadt,
                  an der andern Seite der Oder. Alles liegt also daran, die Verbindung zwischen
                  hüben und drüben zu stören. Das Aufeisen des Flusses hat zu beiden Seiten der
                  Brücke bereits begonnen; diese selbst wird geopfert werden, wenn es die Umstände
                  fordern. Hier haben Sie, was unsererseits geboten werden kann.« Der Justizrat
                  schwieg einen Augenblick. Dann fuhr er fort: »Lassen Sie mich noch ein paar Worte
                  hinzusetzen. Ihre Landsturmkräfte, soweit ich eingeweiht bin, reichen mutmaßlich
                  für das Unternehmen aus, sie werden aber sicher ausreichen, wenn die Russen, die
                  nur drei Meilen von Frankfurt stehen, ihre Mitwirkung zusagen. Diese Mitwirkung
                  würde sich auf einen bloßen Scheinangriff gegen die Dammvorstadt zu beschränken
                  haben und nur den <pb/> Zweck verfolgen, die jenseits liegenden zweitausend Mann
                  von einem Übergangsversuche auf das diesseitige Flußufer abzuhalten. Ich war
                  angewiesen, alles dies, behufs weiterer Veranlassung, zur Kenntnis unseres
                  nächsten Nachbars, des Herrn Grafen Drosselstein, zu bringen; ein glücklicher
                  Zufall aber hat es gefügt, daß ich dem Herrn General selbst« (und hierbei
                  verneigte sich Turgany gegen Bamme) »ein Bild der Sachlage geben konnte.«</p>
               <p>Alles war sehr ernst geworden, und weder die klappernden Rouleauxringe noch
                  Wangeline selbst konnten länger als Ursache des Fröstelns gelten, das plötzlich
                  über alle hinlief. Es war vielmehr das Bewußtsein, sich auf einen Schlag vor eine
                  Entscheidung gestellt zu sehen; jeder erschrak, und selbst in Berndt und Bamme
                  befehdete sich das Gefühl einer schweren und gefahrvollen Verantwortung mit ihrer
                  Freude darüber, daß nun endlich die Stunde gekommen sei. Nach einer Weile sagte
                  Bamme:</p>
               <p>»Hirschfeldt, Sie haben mehr Krieg gesehen als ich, was antworten wir?«</p>
               <p>Hirschfeldt zuckte leise die Achseln und begleitete dies Achselzucken mit einer
                  Handbewegung, die so gut Zustimmung wie Ablehnung ausdrücken konnte. Der alte
                  General gewann dabei seine gute Laune wieder und sagte: »Soweit bin ich gerade
                  auch: halber Weg zwischen ja und nein. Ihre spanische Kriegsführung, soviel ich
                  davon weiß (leider wenig genug), ist eine lange Kette von Beschleichungen und
                  Überrumpelungen gewesen. Ich wette, daß Sie dergleichen zu Dutzenden hinter sich
                  haben. Sie müssen also davon wissen. Was halten Sie von Überfallen einer
                  feindlichen Stadt? Denn als solche, verzeihen Sie, Justizrat, müssen wir Ihr
                  loyales Frankfurt um seiner feindlichen Besatzung willen vorläufig ansehen.«</p>
               <p>»Was ich zu sagen habe«, nahm jetzt Hirschfeldt das Wort, »ist kurz das. Alles
                  hängt, die russische Mitwirkung als sicher angenommen, von der Beschaffenheit eben
                  dieser feindlichen Besatzung ab; ist es eine gute Truppe, so geht es schlecht, ist
                  es eine schlechte Truppe, so geht es gut.«</p>
               <p>
                  <pb/> »Dann wird es gut gehen«, warf jetzt Vitzewitz dazwischen. »Und unter allen
                  Umständen, wir dürfen diesen Vogel nicht wieder aus den Händen lassen, auch nicht
                  auf die Gefahr hin, daß er uns kratzt und beißt. Aber er wird es nicht. Diese
                  Regimenter sind Rudera, wie die hundert Mann, die wir in Guse hatten. Ein Hurra,
                  und sie werfen die Gewehre weg. Also mit gutem Mute vorwärts. Oder sollen wir uns
                  niedriger veranschlagen als die zwanzig Kosaken samt ihrem Tettenborn! Ich für
                  meine Person akzeptiere den Plan und antworte mit einem bedingungslosen:
                  ›Ja.‹«</p>
               <p>Alles stimmte bei; selbst Renate wurde für einen Augenblick von dem kriegerischen
                  Geiste ihres Hauses erfaßt. »Ja, ja«, klangen die Stimmen durcheinander. Endlich
                  legte sich die Aufregung, und nachdem Drosselstein sein Versprechen wiederholt und
                  seinen Besuch im russischen Hauptquartier auf den andern Vormittag festgesetzt
                  hatte, erklärten sich Berndt und Bamme bereit, unmittelbar nach Rückkehr des
                  Grafen eine Frankfurter Rekognoszierungsfahrt antreten zu wollen. Bei Gelegenheit
                  dieser Fahrt sollten dann mit Othegraven alle weiteren Verabredungen zu prompter
                  gemeinschaftlicher Aktion, an der übrigens Turgany persönlich nicht teilnehmen zu
                  wollen erklärte, getroffen werden.</p>
               <p>Die Stimmung zu scherzhaftem Geplauder ließ sich nicht wiederfinden, und so wurde
                  denn zu verhältnismäßig früher Stunde aufgebrochen. Erst fuhr der Schlitten vor;
                  zehn Minuten später hoben sich auch die Reiter in ihre Sättel. Der Tauwind, der
                  während der Nachmittagsstunden geweht, hatte nachgelassen, und es zog eine scharfe
                  Luft von Osten her; der Himmel klärte sich wieder, und die Sterne traten immer
                  blitzender hervor.</p>
               <p>Bamme ritt zwischen Berndt und Tubal. Es ging im Schritt, und der Shetländer hatte
                  Mühe, sich mit den beiden andern Reitern en ligne zu halten. Ein jeder hing seinen
                  Betrachtungen nach; endlich sagte Bamme: »Wer ist dieser Othegraven?«</p>
               <p>»Ein Konrektor«, antwortete Berndt. »Etwas steif und pedantisch, aber energisch
                  und mutig von Natur. Und hätt er <pb/> diesen Mut nicht, so würd er ihn aus seiner
                  Begeisterung schöpfen. Ein Mann von Ehre.«</p>
               <p>»Sonderbar«, sagte Bamme. »Zu meiner Zeit waren die Konrektors anders. Wir hingen
                  ihnen einen Papierzopf an oder bemalten ihnen den Rücken, und ich entsinne mich
                  nicht, daß es von irgendeinem geheißen hätte: er sei ein Mann von Ehre.«</p>
               <p>Der Alte schwieg, schien aber seinen Gedanken weitergesponnen zu haben, als er
                  nach einer Weile fortfuhr: »Ihre Schwester, die Gräfin, liebte von solchen Dingen
                  zu sprechen und sah dann immer verdrießlich aus, weil sie nicht recht wußte, ob
                  sie weinen oder lachen sollte. ›Das ist der Wind, der von Westen her weht.‹ Es war
                  französisch, das war das Gute daran, aber das Aufkommen der Roture störte sie
                  wieder. Ich für mein Teil habe nichts gegen die Roture. Kann mir nicht helfen, mir
                  bedeutet der Mensch die Hauptsache, und ist dieser ganz allgemeine homo, von dem
                  ich als guter Lateiner wohl sprechen darf, wirklich um einen Kopf gewachsen,
                  seitdem sie drüben den armen König um ebensoviel kürzer gemacht haben, so scheint
                  mir die Sache nicht zu teuer bezahlt. Le jeu vaut la chandelle. Auch eine Guser
                  Reminiszenz. Ach, Vitzewitz, das Dümmste sind doch die Vorurteile. Wie gefiel
                  Ihnen Drosselstein, als er heute wieder das ostpreußische Register zog?«</p>
               <p>»Und noch dazu an falscher Stelle«, lachte Berndt. »Ich habe zufällig in Erfahrung
                  gebracht, von wem der Aufruf geschrieben wurde. Staatsrat Hippel. Ostpreußisches
                  pur sang. Aber ich wollte Drosselstein die Beschämung ersparen. In unseren
                  Schwächen sind wir am empfindlichsten, Sie, ich, jeder. Seien wir froh, daß wir
                  ihn haben; er ist doch der Sanspareil unseres Kreises und von Kopf zu Fuß ein
                  Edelmann. Die meisten heißen bloß so; er aber hat den Vorzug, einer zu sein.«</p>
               <p>Bamme stimmte bei; damit brachen sie das Gespräch ab und setzten ihre Pferde in
                  Trab.</p>

               <p>In Hohen-Vietz angekommen, hatten alle das Bedürfnis nach Ruhe und zogen sich
                  zurück, unter den ersten Hirschfeldt <pb/> und Tubal, die dasselbe Zimmer
                  innehatten. Sie plauderten noch eine kleine Weile, dann wurde Hirschfeldt still.
                  Er schlief. Nur Tubal wachte noch.</p>
               <p>Allerlei Gedanken gingen ihm durch den Kopf, deren er nicht Herr werden
                  konnte.</p>
               <p>»Bin ich verlobt?« fragte er sich, als er endlich das Licht gelöscht hatte. »Ich
                  glaube ja... Da müßt ich ja glücklich sein! Und bin ich es? O gewiß, ich bin es,
                  ich bin glücklich... Aber nicht glücklich genug; ich würde sonst jubeln und nichts
                  hören und sehen als sie. Und seh ich sie? Sonderbar, ich habe kein deutliches Bild
                  von ihr. Kaum ein Bild überhaupt... Und doch lieb ich sie. ›Wer liebte sie nicht!‹
                  sagte die Tante... Ach, Glück, Glück. Hab ich dich? Und ich frage noch...
                  Undankbarer, der ich bin!«</p>
               <p>So sann er weiter. Immer schattenhafter zogen die Bilder an ihm vorüber, bis auch
                  er entschlief.</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Vierzehntes Kapitel</head>
               <head>Eingeschlossen</head>
               <p>Der nächste Tag, ein Sonnabend, war ein Tag der Vorbereitungen. Bamme saß über
                  Plänen und Karten, während Berndt in aller Frühe aufgebrochen war, um die ferner
                  stehenden Truppenteile heranzubeordern. Gleich nach drei Uhr war er von diesem
                  Ausfluge zurück. Als er wenige Minuten später in das Parterrezimmer des alten
                  Generals eintrat, fand er diesen in eifrigem Gespräche mit Drosselstein, der eben
                  über seine Sendung ins russische Hauptquartier rapportierte. Tschernitscheff war
                  ihm nicht nur mit ausgesuchter Artigkeit entgegengekommen, sondern hatte sich auch
                  dahin geäußert, daß er auf Vorschläge wie diese, mit andern Worten auf
                  Kooperation, recht eigentlich gerechnet habe. Nur diese verspreche bei dem kleinen
                  Kriege, der voraussichtlich in den nächsten Wochen bevorstände, die gewünschten
                  Erfolge. Der Überfall Frankfurts, wenn nur von allen Seiten rechtzeitig
                  eingegriffen <pb/> würde, böte geringere Schwierigkeiten, als es auf den ersten
                  Blick erscheinen möchte. Die französischen Truppen seien decouragiert, unter allen
                  Umständen aber erheische die Parkierung eines so bedeutenden Geschützmaterials
                  einen raschen Versuch. Er proponiere deshalb die Nacht von Montag auf Dienstag und
                  werde seinerseits im Laufe des voraufgehenden Tages bis in die Kunersdorfer Gegend
                  rücken, um von dort aus zu näher festzusetzender Stunde die Dammvorstadt angreifen
                  zu lassen, und zwar mit zweitausend Mann Elitetruppen. Seines Eifers dürfe man
                  sich versichert halten; er werde persönlich zugegen sein und den Angriff
                  leiten.</p>
               <p>So Drosselsteins Bericht, dem Berndt und Bamme mit wachsendem Interesse gefolgt
                  waren. Beide glaubten in dem guten Ausgange dieser Mission das Unterpfand weiteren
                  Gelingens erblicken zu dürfen und setzten die schon vorher geplante
                  »Rekognoszierung gegen Frankfurt« auf den nächsten Vormittag fest. Zugleich
                  dankten sie dem Grafen für den diplomatischen Takt, mit dem er die Verhandlungen
                  geführt habe, woran sich dann die Bitte reihte, wenigstens bis zu Tische bleiben
                  zu wollen. Drosselstein indessen lehnte, Geschäfte vorschützend, ab und empfahl
                  sich, nachdem er noch einmal gebeten hatte, die Nacht von Montag auf Dienstag,
                  »schon um den guten Willen Tschernitscheffs nicht zu verwirren«, zu Ausführung des
                  Unternehmens im Auge behalten zu wollen.</p>
               <p>Gegen Abend kam Seidentopf, und Jeetze wartete, daß der Kartentisch befohlen
                  werden würde. Die Tarockpartie fiel aber aus, ein Zeichen, daß die
                  Generalspflichten schwer auf Bamme zu lasten begannen. Er selber scherzte darüber
                  und suchte sich durch Selbstpersiflierung, die dann wieder mit Übermütigkeit
                  wechselte, die Last etwas leichter zu machen; aber er kam nicht weit damit, und
                  nur als Berndt von der Heiligkeit des Sonntags zu sprechen und, zu Seidentopf
                  gewandt, ein Mal über das andere ein Bedauern auszudrücken begann, daß er, um der
                  Frankfurter Rekognoszierungsfahrt willen, die Kirche, die Predigt und die
                  Verlesung des Aufrufs versäumen müsse, regte sich der alte Widerspruchsgeist in
                  ihm, und er fuhr mit <pb/> einem in höchster Stimmlage gesprochenen »Ich für mein
                  Teil versäume nicht viel« scharf und trocken dazwischen. Einige Minuten später
                  zogen sich alle zurück, nachdem man noch übereingekommen war, sich am andern
                  Morgen eine halbe Stunde früher als gewöhnlich am Frühstückstische zu treffen.</p>

               <p>Und nun war dieser andere Morgen da, und die Glocken des Hohen-Vietzer Turmes
                  klangen durch die winterklare Luft. In dem Herrenhause war alles Leben und
                  Bewegung; die einen rüsteten sich zum Gange in die Kirche, die andern zu der
                  Frankfurter Fahrt. Es fehlten nur noch zehn Minuten an zehn; Krist fuhr vor
                  (wieder die Ponies), und erst Berndt und Bamme, dann Hirschfeldt und Grell
                  bestiegen das offene Gefährt. Nur Lewin und Tubal blieben zurück, vielleicht weil
                  die Sitzplätze des Wagens nicht recht ausreichten, vielleicht auch, um an einem so
                  wichtigen Tage wie der heutige den herrschaftlichen Chorstuhl nicht unbesetzt
                  erscheinen zu lassen. Und jetzt begannen die Glocken zum dritten Mal zu läuten,
                  und während mit den Abfahrenden noch Grüße gewechselt wurden, boten die beiden
                  zurückbleibenden Freunde den schon zum Kirchgange bereitstehenden Damen ihren Arm
                  und schritten mit ihnen erst durch die verödeten Gänge des Parkes, dann durch die
                  Lindenallee bis zur Kirche hinauf. Die kleine Seitenpforte war verschlossen, so
                  daß sie heute den Haupteingang benutzen und durch den Turm, wo die Bahre und die
                  gesprungene Türkenglocke stand, in die Kirche eintreten mußten. Diese war schon
                  gefüllt, da jeder in Erfahrung gebracht hatte, daß ein Wort über Krieg und Frieden
                  von der Kanzel gesprochen werden sollte. Nur der Majorsstuhl dicht vor dem Altar
                  war leer wie immer.</p>
               <p>Renate und die Schorlemmer gingen das Mittelschiff hinauf, Lewin und Tubal
                  folgten. Als sie bis in die Mitte waren, bogen sie nach rechts hin in einen
                  Quergang ein, der erst zu einem schmalen Treppchen und mit Hülfe desselben zu dem
                  herrschaftlichen Chore hinaufführte. Hier nahmen sie Platz <pb/> auf alten
                  hochlehnigen Lederstühlen und stimmten in das Lied ein, das eben gesungen wurde.
                  Lewin saß am meisten zurück, Tubal unmittelbar hinter Renate und der Schorlemmer,
                  so daß er zwischen ihnen hindurch den Blick auf das große Denkmal und ein paar der
                  vordersten Bankreihen frei hatte. Auf der zweitvordersten Bank saß Schulze
                  Kniehase samt Frau und Tochter. Marie hatte sich mit Renaten leise begrüßt, aber
                  seitdem von ihrem Gesangbuche nicht mehr aufgeblickt.</p>
               <p>Es war ein schöner Tag; alles sah hell aus, und dieser Eindruck wuchs noch, als
                  die lichte Gestalt unseres Seidentopf auf der Kanzel erschien. Der Gesang schwieg,
                  und nur die Orgeltöne klangen noch leise nach, während alles sich neigte, um, dem
                  Vorgange des Geistlichen folgend, ein stilles Gebet zu sprechen. Nun aber ging es
                  wieder wie Leben durch die Versammlung, aller Köpfe richteten sich auf, und
                  Seidentopf, mit der Rechten sein langes weißes Haar zurückstreichend, begann:
                  »Andächtige Gemeinde! Der Tag, den wir ersehnt haben, ist gekommen. Vor Wochen und
                  Monaten schon, als Gott auf den russischen Schlachtfeldern sein Zeichen gab, als
                  edle und tapfere Heerführer, den Schein des Ungehorsams nicht fürchtend, im
                  wahrhaften Sinn und Geist unseres Königs zu handeln und den ersten entscheidenden
                  Schritt zur Abwerfung eines uns unerträglich gewordenen Joches zu tun wagten,
                  schon damals wußten wir, daß dieser ersehnte Tag kommen werde. Aber er war noch
                  nicht da. Nun ist er angebrochen. Der Übergang von der Knechtschaft in die
                  Freiheit bereitet sich vor. Der König hat geredet, das ungeduldig erwartete Wort,
                  es ist gesprochen worden. Jeder unter euch kennt es, aber von dieser Stelle aus
                  sei es noch einmal verkündet.«</p>
               <p>Und nun entfaltete unser Freund das den Aufruf abschriftlich enthaltende Blatt und
                  las mit lauter und eindringlicher Stimme. Die Wärme seines Vortrags lieh auch den
                  einfachsten Sätzen Bedeutung und Leben, und eine Wirkung gab sich zu erkennen, wie
                  sie bei dem Einzellesen daheim niemand an sich erfahren hatte. Besonders waren es
                  die Worte, die von der <pb/> Vaterlandsliebe und der in Zeiten der Gefahr immer am
                  lebhaftesten bewährten Anhänglichkeit an den König sprachen, denen die Versammlung
                  mit sichtlicher Bewegung folgte.</p>
               <p>Und nun fuhr Seidentopf fort: »So, meine Freunde, hat der König gesprochen.
                  Gesprochen wie noch nie zuvor, weil er noch nie zuvor in gleich hohem Maße das für
                  einen König erhebendste und beglückendste Gefühl haben durfte, das Gefühl einer
                  reinen und vollkommenen Übereinstimmung mit seines Volkes Wunsch. Ein heiliger
                  Krieg ist es, der beginnt, ein Krieg voll Hoffnung auf innerliche Befreiung, und
                  so will ich denn sprechen über die Worte des Propheten Jeremias im achtzehnten
                  Kapitel: ›Und plötzlich rede ich gegen ein Volk und Königreich, daß ich es
                  ausrotte, zerbreche und verderbe; wo sich es aber bekehret von seiner Bosheit,
                  dawider ich rede, so soll mich auch reuen das Unglück, das ich ihm gedachte zu
                  tun.‹ Ja, meine Freunde, Gott war auch wider uns, daß er uns ausrotte, zerbreche
                  und verderbe um unserer Schuld und Sünde willen, denn diese Schuld war groß.«</p>
               <p>Und nun begann er, rückwärts blickend, seiner Gemeinde das Bild unserer Schuld zu
                  malen. Unter eines großen Königs Regiment hätten wir rasch den Gipfel des Ruhmes
                  erklommen, eines Ruhmes, der uns hochfahrend, sorglos und bequem gemacht habe.
                  Unredlicher Gewinn habe zum Überfluß unser Gebiet vergrößert, bis die Hälfte
                  unseres Landes aus fremdem Volk bestanden habe, derart, daß wir kaum noch gewußt
                  hätten, ob wir Deutsche seien oder nicht. Und während von andern Völkern um hohe
                  Güter des Lebens gekämpft worden sei, hätten wir selbstgerecht und selbstsüchtig
                  seitab gestanden und des Glaubens gelebt, daß wir durch bloße Ruhe mächtiger und
                  furchtbarer werden würden. So sei der trotzig-übermütigen Klugheit unserer
                  staatlichen Jugend eine verzagte Klugheit auf dem Fuße gefolgt, und mit dem
                  Hinschwinden unseres Ruhmes sei zuletzt auch unsere Ehre mehr und mehr ein
                  Schattenbild geworden. Eine Flut von Eitelkeit und Verschwendung habe die mühsamen
                  Werke besserer Jahre zerstört, bis es endlich über uns hereingebrochen sei und der
                  Herr, <pb/> um mit den Worten des Propheten zu sprechen, »wider uns geredet habe«,
                  als gegen ein Volk, das er ausrotten, zerbrechen und verderben wolle. Ein
                  zermalmendes Kriegsunglück, das noch in unser aller Gedächtnis sei, habe uns
                  schließlich von unserer falschen Höhe in den Abgrund geworfen.</p>
               <p>Hier machte Seidentopf eine Pause. Dann aber, sich vorbeugend, fuhr er mit
                  gehobener Stimme fort: »Ein zermalmendes Kriegsunglück, sagte ich. Aber schlimmer
                  als dieser Krieg war der Frieden, der folgte. Ich rede nicht von der äußerlichen
                  Not, die er mit sich führte, ich rede von der traurigen Gewöhnung, die er schuf,
                  das Unwürdige zu dulden. Eine Gewöhnung, die so weit ging, daß in vielen Gemütern
                  (nicht in den euern, meine Freunde) der Wunsch und die Hoffnung auf einen bessern
                  und würdigeren Zustand verlorenging. In vielen war nur noch der Gedanke lebendig,
                  wie man sich dem fremden Joch am bequemsten fügen könne. Andere aber, die noch die
                  Hoffnung auf eine bessere Zeit nicht aufgeben wollten, worin gefielen sie sich, in
                  was suchten sie die Rettung? In Lug und Trug. Ihr Tun wurde Heuchelei, und um die
                  drohendste Gefahr zu vermeiden, zeigten sie Freundschaft und baten um solche, wo
                  sie doch nur verachten und verabscheuen konnten. Jene Schamlosigkeit war da, die
                  um des Lebens willen jeden edleren Zweck des Lebens hintenansetzt oder vergißt. So
                  war unser Zustand, meine Geliebten, und wir selber waren nach den Worten der
                  Schrift ›wie die Heiden in der Wüste‹. Das waren die zurückliegenden Tage unserer
                  Gefangenschaft; aber danken wir dem Herrn: ein neuer Tag ist da.«</p>
               <p>Und nun begann er seiner Gemeinde zu zeigen, was dieser »neue Tag« erheische und
                  bedeute: Rückkehr zur Wahrheit, Rückkehr zu dem Mute, den die Wahrheit gibt. Er
                  führte dies aus und nannte »die Wehrhaftigkeit des Volkes«, wie sie durch den
                  heute verlesenen Aufruf proklamiert worden sei, eine Morgengabe, eine Gewähr
                  besserer Zeiten. Im Gegensatz zu Jahrzehnten, wo der Übermut des Soldaten den Mut
                  für etwas ihm ausschließlich Zuständiges gehalten habe, sei der Mut jetzt eine
                  Pflicht jedes einzelnen geworden. Und diesen Mut würden <pb/> auch sie zu
                  betätigen haben, jede Stunde könne sie rufen, und käme sie, so sollten sie sich
                  derselben würdig zeigen.</p>
               <p>Andächtig war die Gemeinde gefolgt. Auch Lewin hatte diesmal nicht Zeit gefunden,
                  nach dem Rotkehlchen auszuschauen, und nur Tubals Aufmerksamkeit war bald abgeirrt
                  und hatte zwischen dem großen Grabdenkmal und dem silbernen Altarkruzifix einen
                  mechanischen Pendelgang gemacht, den die wunderlichsten Fragen begleitet hatten.
                  »Wieviel hat das Grabdenkmal gekostet? Wovon sind die Messingleuchter so blank?
                  Welcher Vitzewitz hat das Kruzifix gestiftet?« und dann waren neue Fragen
                  gekommen, um schließlich den ersten wieder Platz zu machen. Und woher das alles?
                  Hatten die Seidentopfschen Worte doch eines tieferen Tones entbehrt? O nein. Aber
                  auf ihrem unausgesetzten Gange zwischen dem Grabdenkmal und dem Kruzifix waren
                  seine Blicke Marie begegnet. Das war es. Ihr Mund zuckte von Zeit zu Zeit, und
                  ihre großen dunkeln Augen erschienen wie geschlossen, so tief lagen sie unter dem
                  Schatten ihrer Wimpern. Er sah das blasse feingeschnittene Profil, und sah es, bis
                  er nur noch sah und nichts mehr hörte als die vorwurfsvolle Stimme in seinem
                  Innern, die leise seine Blicke begleitete.</p>

               <p>Die Predigt hatte mittlerweile geschlossen, nur das Gebet war noch zu sprechen,
                  und alles sah erwartungsvoll zu der Kanzel auf, auch Marie. Sie fühlte wohl, daß
                  Blicke von dem Chorstuhl her sie trafen, aber sie hatte die Kraft, dieser Blicke
                  nicht zu achten oder doch in ihrer Seele sich ihrer zu erwehren, denn sie war
                  reinen Gemüts und ohne Schein und Falsch.</p>
               <p>Seidentopf aber betete: »Barmherziger Gott und Herr. Du hast Großes an uns getan,
                  daß du uns berufst, um ein freies und würdiges Dasein zu kämpfen. Steh uns bei.
                  Der Sieg kommt von dir, und mit Vertrauen ist es, daß wir Heil und Segen für unser
                  Tun von dir erflehen. Schütze den König, verleihe Weisheit und Kraft den
                  Heerführern, Mut denen, die die Waffen tragen, treue Ausdauer aber allen, auch
                  uns. Und <pb/> wie das Glück des Krieges auch wechseln möge, eines gib uns als
                  seine letzte Segnung, gib uns Freiheit und Frieden.«</p>
               <p>Nun fiel wieder die Orgel ein, der letzte Vers wurde gesungen, und langsam erhoben
                  sich die Hohen-Vietzer und verließen die Kirche. Marie blieb zurück, um Renaten
                  und die Schorlemmer zu begrüßen; dann schritten sie gemeinschaftlich den
                  Mittelgang hinunter. Tubal und Lewin folgten.</p>
               <p>Als alle den spitzbogigen Mauereinschnitt erreicht hatten, der von der Seite her
                  in den Turm führte, bemerkte Marie, daß sie das Gesangbuch sehr wahrscheinlich auf
                  ihrem Sitzplatze habe liegenlassen. Sie wollte umkehren, aber Tubal litt es nicht
                  und schritt den Mittelgang wieder hinauf, um das vermißte Buch zu holen. Marie sah
                  ihm nach und wartete, während die andern durch das Außenportal ins Freie
                  traten.</p>
               <p>Das Buch war nicht da. Tubal, nachdem er erst auf der Bank und dann am Fußboden
                  hin und her gesucht hatte, richtete sich endlich wieder auf und machte mit beiden
                  Armen ein Zeichen, das die Vergeblichkeit seiner Bemühungen ausdrücken sollte.</p>
               <p>Marie rief ihm zu: »Da muß ich selber kommen«, und ging nun ebenfalls das
                  Kirchenschiff hinauf. Aber in diesem Augenblicke hatte sich das Buch auch schon
                  auf einem schmalen Brett unter der pultartigen Schrägung gefunden, und Tubal hielt
                  es triumphierend in die Höhe und ihr entgegen. Sie nahm es dankend aus seiner
                  Hand, wandte sich dann und schritt eilig wieder dem Ausgange zu; ehe sie diesen
                  jedoch erreicht hatte, hörte sie, daß von außen her zugeschlossen wurde. Der alte
                  Kubalke, von seinem Orgelchor herabkommend, hatte nicht bemerkt, daß noch wer in
                  der Kirche war.</p>
               <p>Marie fuhr zusammen, faßte sich indessen rasch und sagte: »Wir sind
                  eingeschlossen, bitte, pochen Sie schnell an die Tür.«</p>
               <p>Auch Tubal war erschrocken, aber anders als seine Gefährtin. Er fühlte sich wie
                  von einem elektrischen Schlage getroffen.</p>
               <p>»Wozu pochen, Marie«, sagte er, »der Alte würde uns doch nicht hören. Und so wären
                  wir denn Gefangene.«</p>
               <p>»Ja, aber in einer Kirche gefangen. Und auf alle Fälle, die <pb/> Fenster sind
                  nicht hoch... und Renate wird unsere Abwesenheit bemerken.«</p>
               <p>»Gewiß; aber hoffen wir, nicht zu früh.«</p>
               <p>Marie hörte, wie seine Stimme zitterte.</p>
               <p>»Gut«, sagte sie, »so sind wir denn Gefangene. Machen wir das Beste davon und
                  nutzen wir die Zeit. Es verlohnt sich immer zu lernen, und ich wette, Sie kennen
                  unsere Kirche noch nicht. Niemand kennt sie; jeder glaubt genug getan zu haben,
                  wenn er das große holländische Monument bewundert und den Namen des alten Matthias
                  von Vitzewitz oder wohl gar den seiner tugendreichen Veronika von Beerfelde mühsam
                  entziffert hat. Das heißt dann die Hohen-Vietzer Kirche kennen. Wir haben aber
                  hier vielerlei.«</p>
               <p>Sie sprach dies alles in beinahe heiterem Tone, ganz ersichtlich, um ihre
                  Befangenheit zu verbergen, und als Tubal, statt aller andern Antwort, ihr nur
                  immer forschender ins Auge sah, setzte sie rascher und hastiger hinzu: »Ich muß
                  Ihnen das alles zeigen. So verlieren wir diese Minuten nicht. Von dem zerbrochenen
                  Taufstein, von dem die Leute sagen, er sei tausend Jahre alt, will ich Ihnen nicht
                  erst erzählen, Sie glauben es doch nicht; aber hier rechts das Muttergottesbild,
                  das müssen Sie sehen. Sehen Sie, die Maria hat ihr Christkind aus den Händen
                  fallen lassen.«</p>
               <p>»Vielleicht, weil sie wieder freie Hand haben wollte.«</p>
               <p>»O nicht doch, das ist Spott und gottlos. Und ich sehe schon, es paßt sowenig für
                  Sie wie der tausendjährige Taufstein. Aber hier, das ist etwas, das paßt für uns
                  beide«, und dabei zeigte sie mit ihrer Hand auf einen alten, aufrechtstehenden
                  Grabstein, der in die Wandstelle dicht neben dem Muttergottesbilde eingemauert
                  war.</p>
               <p>Tubal trat an den Stein heran und las: »Katharina von Gollmitz.«</p>
               <p>»Ja, das war ihr Name.«</p>
               <p>»Lassen wir den Namen«, sagte Tubal, »was soll er uns? Was sollen uns die
                  Toten?«</p>
               <p>»Doch, doch, Sie müssen von ihr hören. Sie war die Freundin <pb/> eines damaligen
                  Fräulein von Vitzewitz, den Vornamen hab ich vergessen, aber nehmen wir an, daß
                  sie Renate hieß.«</p>
               <p>»Nicht Renate.«</p>
               <p>»Ja, nehmen wir an, daß sie Renate hieß. Und ihre Freundin, eben diese Katharina
                  von Gollmitz, deren Grabstein Sie hier vor uns sehen, die starb hier und wurde
                  hier begraben. Aber das tote Fräulein von Gollmitz hatte Sehnsucht in ihre Heimat
                  und wollte fort von hier und aus dem fremden Grabe wieder heraus.«</p>
               <p>»Ich glaub es nicht.«</p>
               <p>»Oh, Sie müssen es glauben, denn es ist wahr, und es weiß es jedes Kind hier. Und
                  immer, wenn das Fräulein von Vitzewitz über diesen Grabstein hinschritt, der
                  damals noch mit den andern Steinen im Mittelgange lag, dann hörte sie, wie die
                  Freundin rief: ›Renate, mach auf !‹«</p>
               <p>Tubal lächelte.</p>
               <p>»Und so rufen auch wir jetzt; nicht wahr?«</p>
               <p>»Nicht ich.«</p>
               <p>»Doch, doch, Sie müssen es auch rufen, denn so gemahnt uns der Grabstein. Und
                  alles, an das uns die Grabsteine mahnen, auch wenn sie stumm sind, das müssen wir
                  tun.«</p>
               <p>»Ja; nur nicht heute, nur nicht in dieser Minute. Wir leben, Marie.«</p>
               <p>»Aber wie lange noch?« antwortete diese.</p>
               <p>Tubal stutzte. Es war etwas in ihrem Wort, das ihn getroffen hatte. Er entschlug
                  sich indessen des Eindrucks wieder und sagte nur: »Lassen wir die Grabsteine.«</p>
               <p>Und damit schritten sie wieder in den Mittelgang der Kirche zurück.</p>
               <p>Als sie die vordersten Bänke beinah erreicht hatten, unterbrach Tubal das lange
                  Schweigen und sagte mit weicherer Stimme: »Nicht wahr, Marie, wir wollen gute
                  Kameraden sein? Das Schicksal hat uns hier zusammengeführt. Ist es nicht, als ob
                  wir einander gehören sollten?«</p>
               <p>»Nein, nicht wir... Aber horch, ich höre Stimmen.«</p>
               <p>»Welche?«</p>
               <p>
                  <pb/> »Ich weiß es nicht.«</p>
               <p>»Nicht unsere Stimmen, Marie, nicht Ihre, nicht die meine?«</p>
               <p>»Nein, nein, Renatens.«</p>
               <p>Sie betonte den Namen, und er fühlte wohl, weshalb. Aber außer sich ergriff er
                  jetzt ihre Hand und sagte mit rasch sich steigernder Heftigkeit: »Renate und immer
                  wieder Renate. Wozu, was soll es? Ich bitte Sie, nur jetzt nicht diesen Namen; ich
                  mag ihn nicht hören. Er will sich zwischen uns stellen, aber er soll es nicht.
                  Nein, nein, Marie!« Und er warf sich nieder und umklammerte sie, während er sein
                  glühendes Gesicht an ihrem Kleide barg. Einen Augenblick war es ihr, als ob sie
                  nach Hülfe rufen oder in der pochenden Angst ihres Herzens das Altartuch erfassen
                  sollte, aber plötzlich von einem andern Gedanken durchblitzt, riß sie die halb
                  offene Türe auf, die zu dem Majorsstuhl führte, und zeigte mit ihrer Rechten auf
                  die Blutstelle, die das Grauen aller derer war, die davon wußten.</p>
               <p>Umsonst.</p>
               <p>»Und ob Leben und Sterben zwischen uns stünde«, rief er, »ich lasse dich nicht,
                  Marie... ich will es...«</p>
               <p>Da wurd es wirklich von außen her laut, der Schlüssel drehte sich im Schloß, und
                  gleich darauf erschien der alte Jeserich Kubalke und kam zwischen den Chorstühlen
                  langsam die Fliesen herauf.</p>
               <p>»Nichts für ungut, junger Herr. Aber mit einundachtzig, da hat man keine Augen
                  mehr, und da hab ich Sie denn eingeschlossen und gefangengesetzt. Und zwei
                  schmucke Gefangene, das muß ich sagen. Ja, ja, Marie.«</p>
               <p>Beide hatten unter dieser Begrüßung ihre Ruhe wiedergewonnen und erzählten nun dem
                  Alten, daß sie die Zeit ausgenutzt und die großen Grabsteine gelesen hätten, auch
                  den von der Gollmitz.</p>
               <p>»Auch den von der Gollmitz. Weiß schon, das war das Fräulein, das nicht hier
                  bleiben wollte. Ja, das muß man lesen. Aber die jungen Leute tun's nicht, und wenn
                  sie's tun, so denken sie nichts dabei. Ja, die Grabsteine...«</p>
               <p>
                  <pb/> So plaudernd, waren sie wieder bei dem Ausgange der Kirche angekommen.</p>
               <p>»Vater Kubalke«, sagte Marie, »wir haben denselben Weg.«</p>
               <p>Tubal trat an sie heran und bot ihr die Hand, wie zum Zeichen, daß Friede zwischen
                  ihnen sein solle. »Es war ein Traum, Marie. Nicht wahr?«</p>
               <p>Sie schüttelte den Kopf.</p>
               <p>Dann nahm sie den Arm des Alten, der die letzten Worte kaum gehört, am wenigsten
                  beachtet hatte, und stieg mit ihm einen der schmalen Pfade hinab, die von dem
                  Kirchhügel aus auf die Mitte des Dorfes zuführten.</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Fünfzehntes Kapitel</head>
               <head>Die Rekognoszierungsfahrt</head>
               <p>Um eben diese Zeit trabten die Ponies über Hohen-Ziesar auf Frankfurt zu.</p>
               <p>Hohen-Ziesar lag ein beträchtliches abseits der Straße; Berndt aber hatte den
                  halbstündigen Umweg nicht gescheut, um – was am Tage vorher versäumt worden war –
                  Drosselstein zur Teilnahme an ihrer Frankfurter Rekognoszierungsfahrt
                  aufzufordern. Freilich eine vergebliche Mühe, da der Graf, wie man erfuhr,
                  Hohen-Ziesar schon in früher Stunde verlassen hatte. Und zwar sehr wahrscheinlich,
                  um jenseits der Oder einen zweiten Besuch im russischen Hauptquartier zu machen.
                  Sicheres verlautete nicht; nur die Tatsache seiner Nichtanwesenheit blieb und
                  wurde von Berndt und Bamme mit ziemlich gleicher Befriedigung aufgenommen, da
                  beide au fond du cœur wenig Lust hatten, sich in Sachen, die sie besser
                  verstanden, von bloß »höheren Gesichtspunkten« aus, dreinreden zu lassen.</p>
               <p>Und so ging es, unter Empfehlungen an den Grafen, weiter in die klare
                  Winterlandschaft hinein. Die Ponies schienen das Versäumnis einholen zu wollen und
                  ließen in ihrem Eifer erst nach, als sie dicht vor Podelzig wieder an die große
                  Straße kamen. Im Dorfe selbst erfuhren unsere Freunde, daß vor <pb/> kaum einer
                  halben Stunde die vordersten Staffeln der am Tage vorher heranbeorderten
                  Bataillone eingetroffen seien, und gleich darauf wurden sie verschiedener Gruppen
                  von Landsturmmännern gewahr, die, von alt und jung umstanden, allerhand Fragen
                  stellten und beantworteten. Einen Augenblick erwog Berndt, ob er absteigen und zu
                  den Leuten sprechen solle; er unterließ es aber, um nicht abermals die wenigen
                  noch bleibenden Tagesstunden gekürzt zu sehen.</p>
               <p>Das nächste Dorf war Clessin. Auch hier ließen sich Unruhe und Erregung – der
                  Aufruf war eben verlesen worden – deutlich erkennen, und nur in Cliestow, in dem
                  eben zu Mittag geläutet wurde, war alles still. Hier saßen die Sperlinge zu
                  Hunderten auf dem Fahrdamm, unschlüssig, ob sie auffliegen sollten oder nicht, und
                  nichts als der sonnenbeschienene Rauch, der hell und gradlinig aus den Essen
                  stieg, deutete auf Leben.</p>
               <p>Und nun lag auch Cliestow zurück. Der Weg stieg in leiser Schrägung an, und eine
                  reizende Szenerie begann sich mehr und mehr dem Auge darzustellen.</p>
               <p>Über das weit nach rechts hin gebreitete Plateau waren zahlreiche Gehöfte
                  ausgestreut, während nach links hin das ganz in der Tiefe liegende, nur von
                  Kropfweiden eingefaßte Odertal sich schlängelte. Und in eben dieser Tiefe, keine
                  halbe Stunde mehr von unseren Reisenden entfernt, stieg jetzt auch das Ziel ihrer
                  Fahrt, die Stadt selber, herauf, deutlich erkennbar an dem gekupferten Hut der
                  Oberkirche und den vielen goldenen Kugeln, die wie Butterblumenknospen das grüne
                  Spitzdach umstanden.</p>
               <p>»Ich zähle sieben Kirchen«, sagte Bamme, der aus einer Art Eigensinn nie zuvor in
                  Frankfurt gewesen war. »Es scheint eine große Stadt, größer, als ich dachte.«</p>
               <p>»Der eigentliche Kern ist klein«, antwortete Berndt. »Aber die Vorstädte strecken
                  sich weit hinaus. Sehen Sie drüben die Dammvorstadt, fast eine Stadt für sich. Und
                  dahinter Kunersdorf, blutigen Schlachten-Angedenkens. Hier auf unserer Seite des
                  Flusses sind wir friedlicher. Die lange Häuserlinie dort unten ist die Lebuser
                  Vorstadt; aber ich will Sie nicht vor der <pb/> Zeit mit solchen Einzelheiten
                  behelligen. Vom Spitzkrug aus haben wir das alles viel deutlicher und sehen den
                  Sottmeiers in die Schornsteine hinein.«</p>
               <p>»Den Sottmeiers?« fragte Bamme.</p>
               <p>»Ja, hier dürfen wir sie noch so nennen.«</p>
               <p>»Was ist es damit?«</p>
               <p>»Eine von den Neckereien und Fehden, wie sie zwischen ›Altstadt‹ und ›Neustadt‹
                  überall zu Hause sind. Ob es paßt, ist gleichgiltig, wenn es nur reizt und böses
                  Blut macht. Und das tut es. Ein altes Weib, nicht viel besser als eine Hexe,
                  steckte vor hundert Jahren die ganze Vorstadt hier unten in Brand. Sie hieß Witwe
                  Sottmeier und wurde mit sechs oder sieben ihrer Komplizen auf den Scheiterhaufen
                  gestellt. Feuer für Feuer; das war damals noch die Regel. Seitdem werden alle
                  Kietzer nach dem übelberufenen alten Weibe genannt und heißen ›Sottmeiers‹. Eine
                  sonderbare Logik, erst den Schaden und dann den Schimpf. Aber ob logisch oder
                  nicht, es gefällt den Altstädtern, und so bleibt's beim alten.«</p>
               <p>Unter diesen Gesprächen waren sie bis an ein weißgetünchtes Wirtshaus mit hohem
                  Strohdach gekommen, das, an der Spitze dreier hier zusammentreffender Straßen
                  gelegen, den Namen »Spitzkrug« führte. Es war dies der vorerwähnte Aussichtspunkt,
                  weshalb denn auch Vitzewitz halten ließ. Ein dreieckiger, durch die drei Straßen
                  gebildeter Garten lag vor dem Hause; hier stellten sich unsere Freunde auf und
                  sahen, über einen Heckzaun hinweg, auf das reliefartig vor ihnen liegende Bild.
                  Bamme hatte den Blick überall und erkannte gleich, daß dies der Punkt sei, der für
                  alle Fälle gehalten werden müsse.</p>
               <p>»Hier stellen wir unsere Soutiens«, sagte er. »Über den Spitzkrug geht unser
                  Rückzug. Die drei Wege hier lassen uns die Wahl und verwirren den Feind.«</p>
               <p>»Warum Rückzug?«</p>
               <p>Bamme lachte. »Ein gesicherter Rückzug ist der halbe Sieg. Wer vorwärts will, muß
                  mit dem Gedanken an ein mögliches Rückwärts beginnen. Weiß ich, daß ich wieder
                  heraus kann, <pb/> so geh ich dem Beelzebub in seinem Allerheiligsten zu Leibe.
                  Fragen Sie Hirschfeldt, der kennt den Krieg.«</p>
               <p>Während dieser Worte hatte Bamme sein Notizbuch genommen und begann die
                  verschiedenen Straßen einzuzeichnen. Als er damit fertig war und nach dem Namen
                  einer zu Füßen gelegenen kleinen Vorstadtkirche gefragt hatte, sagte er zu
                  Vitzewitz: »Und diese Bergnase hier, die nach der Stadt zu vorspringt?«</p>
               <p>»Das ist der Galgenberg.«</p>
               <p>»So, so. Und die Straße, die von hier aus daran vorüberläuft?«</p>
               <p>»Die Richtstraße. Mutmaßlich, weil sie von der Stadt her zur Richtstätte führte.
                  Ein Rest von den drei Pfeilern ist noch zwischen den Kirschbäumen sichtbar.«</p>
               <p>»Lassen wir die Pfeiler, Vitzewitz«, sagte Bamme. »Ich bin für eine gesicherte
                  Rückzugslinie, aber, wenn es sein kann, an anderen Örtlichkeiten vorüber. Erst die
                  Sottmeiers und nun der Galgenberg und die Richtstraße, das hat freilich alles
                  seinen Zusammenhang; aber ich bekenn Ihnen offen, weniger Folgerichtigkeit und
                  mehr Heiterkeit wäre mir lieber. Nomen et omen. Ich bin abhängig von solchen
                  Sachen und geh ihnen gern aus dem Wege. Brechen wir ab; ich habe mich
                  orientiert.«</p>
               <p>Sie stiegen nun wieder auf und fuhren bergab in die Vorstadt hinein, erst an der
                  kleinen Sankt-Georgs-Kirche und dann an dem gleichnamigen Spitale vorüber. Eine
                  einzige lange Straße. So kamen sie nach zehn Minuten bis an den Brückendamm, der,
                  wo die Alt- oder Innenstadt beginnt, wenigstens damals noch über einen breiten,
                  wenn auch ausgetrockneten Wallgraben hin auf das alte Lebuser Tor zuführte.
                  Unmittelbar vor diesem Tore buchtete sich der Brückendamm zu einem kleinen
                  winkligen Platze aus, auf dem, in die Ecke geschoben, ein paar zweiräderige, aber
                  stark gebaute Karren standen. Daneben lagen eiserne Kanonenrohre, alle rostig, ein
                  paar zerbrochen, als ob sie, von der Kunersdorfer Schlacht her, hier
                  liegengeblieben wären. Bamme merkte sich alles. Dann passierten sie das gewölbte,
                  noch aus den Zeiten der Stadtbefestigung <pb/> herstammende Tor, hinter dem sich
                  die große Torwache befand. Der Posten vorm Gewehr schritt auf und ab, sah die
                  Vorüberfahrenden neugierig freundlich an und grüßte mit leichter Handbewegung.</p>
               <p>»Ein Glück für ihn«, sagte Bamme, »daß er morgen abend abgelöst ist und nicht mehr
                  an dieser Stelle schildert. Ein hübscher Junge und grüßt uns so freundlich. Es
                  wäre mir leid um ihn.«</p>
               <p>Hundert Schritte hinter der Torwache zweigt nach links hin eine schmale Straße ab.
                  Sie führt auf den Fluß zu, aber ehe sie denselben erreicht, erweitert sie sich zu
                  einem Kirchplatze, auf dem sich grau und turmlos die älteste Stadtkirche erhebt.
                  Ist man an dieser vorbei, so gewahrt man sogleich, wie der Platz sich wieder
                  verengt und abermals Straße wird. Aber nur zwei, drei Häuser zu jeder Seite. Und
                  dann ist man am Quai. In einem dieser Häuser wohnte Turgany. Berndt hatte die
                  Zügel genommen und fuhr vor. Es war ein großes, altes Eckhaus, mit vorspringendem
                  Erker und einem prächtigen Blick auf Platz und Bollwerk. Ein rechtes
                  Aussichtshaus. Berndt, als er angeordnet, daß Krist ausspannen und entweder bis an
                  den Spitzkrug oder doch wenigstens bis an einen alten, schon vorher am Ausgange
                  der Lebuser Vorstadt gelegenen Gasthofe zurückfahren solle, stieg mit Bamme die
                  breite Steintreppe hinauf, während Grell und Hirschfeldt folgten.</p>
               <p>Der Justizrat empfing sie herzlich und stellte Othegraven vor, der unruhiger noch
                  als Turgany der Ankunft der Hohen-Vietzer Gäste entgegengesehen hatte. In der Nähe
                  des Fensters war ein Frühstückstisch serviert, an dem man Platz nahm und
                  artigkeitshalber einstimmte, als seitens des Wirts das Ausbleiben Drosselsteins
                  bedauert wurde. Grell, seiner Gewohnheit nach, musterte das Zimmer, das aus der
                  Zeit stammte, wo Gotik und Renaissance sich um die Herrschaft gestritten hatten.
                  Der Erker war noch gotisch, während die großen Wandflächen und insonderheit die
                  Stuckornamente schon auf Etablierung der Renaissance deuteten. Ebenso der Ofen,
                  der auf seinen grünglasierten Kacheln die Geschichte des Tobias darstellte.</p>
               <p>
                  <pb/> »Ein delikater Rauenthaler«, sagte Bamme, »werde mir seinerzeit die Adresse
                  der Handlung ausbitten. Hoffentlich kein Geheimnis. Aber nun zu den Geschäften,
                  meine Herren. Carpe diem. Staunen Sie nicht, Vitzewitz, mich schon wieder auf den
                  Schleichwegen der Klassizität zu betreffen. Umgang bildet, und man ist seiner
                  Gesellschaft etwas schuldig. Aber nun Ihren Plan, Othegraven.«</p>
               <p>Othegraven verbeugte sich etwas steif und sagte dann: »Es wird sich, nachdem unser
                  Freund Turgany bereits die Ehre gehabt hat, Ihnen unseren Überfallsplan vorlegen
                  zu dürfen, im wesentlichen nur noch um Kenntnisnahme der Lokalität wie um
                  Festsetzungen hinsichtlich der Zeit handeln, immer vorausgesetzt, daß nicht
                  Ihrerseits, Herr General, Änderungen oder neue Vorschläge beliebt werden.
                  Unterbleiben diese« – Bamme nickte –, »so werd ich Altes mehr zu rekapitulieren
                  als dem Ihnen schon Bekannten erheblich Neues hinzuzufügen haben.«</p>
               <p>»Desto besser. Viele Strähnen verwirren nur. Also repetieren wir unser
                  Exerzitium.«</p>
               <p>»So bitte ich Sie denn, Herr General, an dies Erkerfenster herantreten zu wollen.
                  Auch die anderen Herren. Wir haben dann unser Aktionsfeld vor uns, und das wenige,
                  was überhaupt noch zu sagen bleibt, läßt sich wie auf einer aufgeschlagenen Karte
                  demonstrieren.«</p>
               <p>Alle hatten sich erhoben und waren in den Erker eingetreten. Othegraven zeigte
                  nach links hin. »Herr General wollen das dritte Haus am Platz bemerken, das
                  größte, scharf an der Kirche vorbei.«</p>
               <p>»Ich sehe; das mit den verschnittenen Linden, und das Schilderhaus davor. Es sieht
                  aus wie ein Gasthof.«</p>
               <p>»Sehr richtig. In diesem Gasthofe wohnen General Girard und sein Stab. Auch drei
                  oder vier Ordonnanzen. In demselben Augenblick, in dem der erste Schuß fällt,
                  brechen wir, von der Kirche her, vor. Es sind keine zwanzig Schritt. Ehe der
                  General noch den Schlaf abgeschüttelt hat, ist er gefangen. Stab und Ordonnanzen
                  mit ihm.«</p>
               <p>
                  <pb/> »Und dann?«</p>
               <p>»Fünf Minuten später müssen auch die Mannschaften in unseren Händen sein, die hier
                  in der Altstadt herum einzeln oder zu zweien und dreien in Bürgerquartier liegen.
                  Wir kennen die Häuser und werden sie vorher umstellen. Für die prompte
                  Durchführung dieser Dinge hoff ich mich verbürgen und Ihnen unmittelbar nach Ihrem
                  Eintreffen auf diesem Platze Meldung von dem Vollzogenen machen zu können. Das ist
                  der erste Akt.«</p>
               <p>»Und dann?« wiederholte Bamme seine Frage.</p>
               <p>»Und dann«, antwortete der Konrektor etwas spitz, »beginnt eben der zweite, Ihr
                  Akt, Herr General. Denn unsere Bürgerschaften sind gewillt, sich Ihrem Kommando,
                  von dem Augenblick Ihres Eintreffens an, in allen Punkten zu unterstellen. Der Ruf
                  eines entschlossenen Mannes geht Ihnen voraus, und Entschlossenheit ist
                  alles.«</p>
               <p>Bamme verbeugte sich. Er war nicht unempfindlich gegen solche Huldigungen, am
                  wenigsten, wenn sie von Gesellschaftskreisen ausgingen, denen gegenüber er das
                  Gefühl hatte, sich aus diesem oder jenem Grunde wiederherstellen zu müssen. Denn
                  er wußte sehr wohl, was ihm fehlte.</p>
               <p>Othegraven fuhr fort: »Es wird sich in diesem zweiten Akte darum handeln, ob wir,
                  will sagen, Ihre Landsturmmänner und unsere Bürgerschaften, in gemeinschaftlicher
                  Aktion imstande sind, uns der zweitausend Mann Voltigeurs und Grenadiers zu
                  erwehren, die samt ihren Regiments- und Bataillonschefs drüben in der Dammvorstadt
                  liegen und unzweifelhaft von Beginn des Kampfes an eifrig bemüht sein werden, den
                  Übergang in die Altstadt zu forcieren. Ein leichtes soll es ihnen nicht werden.
                  Die Brücke opfern wir, und für Aufeisung des Stromes ist gesorgt. Unsere Kietzer
                  Fischer haben es an gutem Willen nicht fehlen lassen; Tag und Nacht in den
                  Kleidern; Seine Majestät der König soll davon erfahren. Nichtsdestoweniger, ohne
                  besserem Urteil vorgreifen zu wollen, scheint mir der Ausgang dessen, was wir
                  vorhaben, von dem Eintreffen oder Nichteintreffen der Russen abzuhängen. Halten
                  sie Wort, so <pb/> haben wir übermorgen früh eine französische Brigade
                  gefangengenommen, fünfzig Kanonen erbeutet und, was die Hauptsache ist, der ganzen
                  Provinz ein Zeichen, ein Beispiel gegeben. Lassen uns umgekehrt die Russen im
                  Stich, so können wir uns gegen zweitausend Mann nicht auf die Dauer halten. Denn
                  es sind ausgeruhte Soldaten, Reserven, die nicht mit in Rußland waren. Ich bedaure
                  noch einmal das Nichtzugegensein des Herrn Grafen, getröste mich indessen, daß er
                  uns nur fehlt, um sich durch einen zweiten Besuch im Hauptquartiere
                  Tschernitscheffs der russischen Mitwirkung abermals zu versichern.«</p>
               <p>»Sehr gut, Othegraven«, sagte Bamme. »Das nenn ich den geborenen
                  Generalquartiermeister, Schule Prinz Eugen oder doch wenigstens Montecuculi. Nicht
                  wahr, Hirschfeldt? Und alles knapp und kurz. Also bestens akzeptiert. Es fehlt nur
                  noch eine Kleinigkeit: die Ausführung. Aber Tschernitscheff oder nicht, es muß
                  glücken; zum mindesten dürfen wir keinen andern Gedanken mehr aufkommen lassen.
                  Wir haben A gesagt und müssen B sagen. Alles Kriegsspiel ist Würfelspiel. Und wir
                  knöcheln für eine gute Sache. Alea jacta est. Ich habe mein Latein wieder und
                  meine gute Laune.«</p>
               <p>Dabei waren sie vom Fenster an den Tisch zurückgetreten und nahmen wieder Platz.
                  Aber keiner war in der Stimmung, das Frühstück fortzusetzen. Turgany traf es
                  deshalb, als er sagte: »Brechen wir auf, werte Herren und Freunde. Mein Programm
                  lautet: erst Inspizierung des diesseitigen Oderquai, dann Brückenpassage,
                  Dammvorstadt, Herzog-Leopold-Denkmal und französischer Geschützpark. Soweit
                  gediehen, betracht ich unsere fußgängerischen Aufgaben als gelöst und stelle
                  meinen Wagen für alles Weitere zur Verfügung. Er wird uns am Geschützpark oder
                  doch in der Nähe desselben erwarten. Dann Repassierung der Brücke, Kleist-Denkmal
                  und Rückkehr in meine Wohnung oder aber in die Lebuser Vorstadt, wohin Sie, wenn
                  ich recht gehört, Ihren eigenen Wagen dirigiert haben.«</p>
               <p>Und damit brachen alle auf, um ihre Rekognoszierung zu Fuß zu beginnen.</p>
               <p>
                  <pb/> Von Turganys Wohnung bis an den Fluß waren kaum hundert Schritt. Eine
                  sonntägliche Stille herrschte den Quai entlang, der in großen Abständen mit
                  uralten Pappelweiden besetzt war. Eingefroren im Eise lagen Oderkähne und größere
                  Kielboote, die nach Stettin hin gehörten und hier vor der Zeit vom Winter
                  überrascht worden waren. Nach rechts hin lief die Brücke über den Fluß, zwanzig
                  Joche oder mehr, zwischen denen unsere Freunde des großen, zum Brückenschutz
                  errichteten Eisbrechers ansichtig wurden. Alle Arbeit ruhte; die Glocken der
                  Oberkirche gingen, und einzelne geputzte Frauen, die zur Nachmittagspredigt
                  wollten, eilten an ihnen vorüber.</p>
               <p>Bamme musterte den Quai und die Pappelweiden bis rechts an die Brückenjoche hinauf
                  und sagte dann zu Berndt: »Voilà, Vitzewitz, unser mutmaßliches champ de
                  bataille.« Dieser nickte zustimmend in guter, beinahe heiterer Laune. Denn er war
                  viel ruhiger als der Alte, weil er das, was sie vorhatten, nicht als Abenteuer,
                  sondern als Pflicht und Aufgabe nahm.</p>
               <p>So kamen sie bis an die Brücke und gingen in die Dammvorstadt hinüber. Die Welt
                  hier schien nur noch aus Franzosen zu bestehen; einige, als ob draußen die
                  Junisonne schiene, balancierten auf den Querhölzern der offenstehenden Fenster,
                  während sich andere mit Bockspringen vergnügten oder sich auf Flur und Diele mit
                  Kindern und jungen Mädchen unterhielten. So namentlich auch vor dem großen
                  Gasthofe »Zum goldenen Löwen«, hart an der Brücke, der in eine Kaserne umgewandelt
                  war. An der Ecke dieses Gasthofes vorbei bogen jetzt unsere Freunde nach links hin
                  ein und wandten sich dem großen Herzog-Leopold-Denkmale zu, das sie schon vorher,
                  als sie von Turganys Wohnung aus auf den Fluß zugeschritten waren, in aller
                  Deutlichkeit gesehen hatten. Es lag jener Stelle gerade gegenüber; nur der breite
                  Fluß dazwischen.</p>
               <p>Nun standen sie vor diesem Denkmal, zu dessen beiden Seiten – und zwar zwischen
                  dem hochaufgestapelten Klafter- und Bretterholz eines hier befindlichen Holzhofes
                  – vierzig bronzene Geschütze zusammengefahren waren. Der Anblick, der sich ihnen
                  bot, weckte sehr verschiedene Gedanken. Othegraven <pb/> sah mißtrauisch auf die
                  Bretter und Bohlen und sann nach, wie sie wegzuschaffen wären, während Berndt und
                  Bamme mit Befriedigung wahrnahmen, daß die Munitionskarren fehlten. So war man
                  wenigstens vor einem Mitspielen der Artillerie gesichert.</p>
               <p>Grell hatte sich inzwischen mit seinem Interesse dem Denkmale selber zugewandt.
                  Drei Frauengestalten trugen eine sternenbekränzte Urne, am Sockel des Ganzen aber
                  standen folgende Worte: »Menschenliebe, Standhaftigkeit, Bescheidenheit – drei
                  himmlische Geschwister – tragen Deinen Aschenkrug, verewigter Leopold, und klagen
                  mit der Göttin der Stadt, deren Bürger Du zu retten eiltest, und klagen mit dem
                  Odergott, in dessen Wellen Du untergingst, daß die Erde ihr Kleinod verloren
                  hat.«</p>
               <p>Bamme war ebenfalls herzugetreten und sagte jetzt, während er auf die Urne zeigte:
                  »Aschenkrug. Wer's glaubt! Sieht es nicht aus wie eine Riesenbowle? Und das soll
                  es am Ende auch sein. Ich wette, der Bildhauer – Ehre seinem Andenken – war ein
                  Schalk und schrieb auf seine Art Geschichte. Sie wissen doch, Vitzewitz?«</p>
               <p>»Ich weiß«, sagte dieser. »Aber es ist widerlegt.«</p>
               <p>»Schade«, fuhr Bamme fort. »Die hübschesten Sachen in der Weltgeschichte werden
                  immer widerrufen oder widerlegt. Pitt starb an einer Flasche Burgunder; aber das
                  war nicht groß genug für einen Rednerhelden oder meinetwegen auch Heldenredner,
                  und so heißt es jetzt, er sei an der Schlacht von Trafalgar gestorben. Hätt ich
                  die Notiz von Rutze, so würd ich an eine Verwechslung mit Nelson glauben. Aber es
                  steht in allen Büchern und Blättern. Apropos, Rutze. Seine Compagnie ist brillant,
                  vielleicht die beste. Nichts für ungut, Vitzewitz.«</p>
               <p>Während diese Worte gewechselt wurden, war der französische Posten mit einem »Pas
                  permis, monsieur« an den emsig zeichnenden Grell herangetreten, hatte sich jedoch
                  jedes weiteren Einspruchs begeben, als ihm unser Hölderlinfreund seine mit
                  komischem Ungeschick abkonterfeiten drei Gottheiten gezeigt und dadurch die
                  Lachlust des kleinen Südfranzosen erregt hatte.</p>
               <p>
                  <pb/> Von der Brücke her kam ihnen jetzt das Turganysche Fuhrwerk entgegen. Sie
                  stiegen ein, behalfen sich, so gut es ging, und erledigten ihr Programm – auch bei
                  dem Ewald-von-Kleist-Denkmal einige Minuten verweilend – in der vorher
                  festgesetzten Reihenfolge. Darnach trennte man sich, um Krist und die Ponies in
                  der Lebuser Vorstadt aufzusuchen. Ihre letzte Abmachung war dahin gegangen, daß
                  die Landsturmbrigade nicht später als ein Uhr nachts von Montag auf Dienstag am
                  Spitzkrug eintreffen solle. Ein Vertrauensmann Othegravens werde sie daselbst
                  erwarten.</p>

               <p>Die kleine Sankt-Georgs-Kirche schlug eben fünf, als unsere Freunde am Ausgange
                  der Lebuser Vorstadt eintrafen und vor einem hier befindlichen alten Wirtshause
                  den Hohen-Vietzer Kaleschwagen erkannten. Aber noch nicht angespannt.</p>
               <p>Beinahe die Hälfte der »Wirtschaft« wurde von einem ungewöhnlich großen Torweg
                  eingenommen, der durch die ganze Tiefe des Hauses lief. Es dunkelte schon, und so
                  hätte sich von der gewölbten Einfahrt sehr wahrscheinlich nichts weiter als ein
                  schwarzes Loch erkennen lassen, wenn nicht in Höhe des Gewölbes eine Stallaterne
                  geschaukelt hätte. Mit Hilfe dieser gewahrte man drei Stufen, die nach links hin
                  aus dem Torweg in eine, so schien es, den ganzen Rest des Gebäudes einnehmende
                  Gaststube führten. Alles andere lag im Quergebäude. In Front der Ausspannung aber
                  war anscheinend noch ein zweiter Torweg sichtbar, ebenfalls mit einer Laterne. Sah
                  man indessen schärfer zu, so gewahrte man, daß dieser Torweg gar kein Torweg sei,
                  sondern eine große Kapellennische, in deren Hintergrund ein bemaltes Kruzifix
                  hing. Neben diesem Kruzifix zwei weißgetünchte Heilige, die auf ihren bittend
                  vorgestreckten Armen wohl ein halbes Dutzend vertrockneter Kränze trugen.
                  Vitzewitz war in den Hof gegangen, um nach Krist und den Ponies zu sehen; Bamme,
                  von Grell und Hirschfeldt begleitet, patrouillierte draußen auf und ab und wollte
                  durchaus Näheres über die zwei »Torwege« hören. Er sah sich deshalb um und
                  gewahrte schließlich einen Menschen, der, auf <pb/> einem der niedrigen
                  Fenstersimse hockend, wie ein Schatten in der matt erleuchteten Öffnung saß.</p>
               <p>»He, Sottmeier!«</p>
               <p>Der Angerufene erhob sich und kam auf Bamme zu. Es ließ sich jetzt erkennen, daß
                  er Hausknecht, Küfer und Marqueur, alles in einer Person war. Er trug eine grüne
                  Friesschürze. Sein eines Auge, das viel größer aussah als das andere, hatte einen
                  weißen Fleck, und dieser weiße Fleck bohrte sich immer auf den, mit dem er sprach.
                  Dazu storres schwarzes Haar; alles häßlich und unheimlich.</p>
               <p>»He, Freund«, sagte Bamme, dem die Lust vergangen war, das Wort »Sottmeier« zu
                  wiederholen, »he, Freund, wie heißt eure Ausspannung?«</p>
               <p>»Der letzte Heller.«</p>
               <p>»Das ist gut. Gefällt mir. Man hört ordentlich, wie er springt. Und hier nebenan
                  der Torweg mit dem Kruzifix und den zwei Nonnen, wie heißt der?«</p>
               <p>»Auch der letzte Heller.«</p>
               <p>»Wetter, das gefällt mir nicht; dieser ewige ›letzte Heller‹, als ob es sonst
                  nichts in der Welt gäbe. Das schmeckt ja wie Miserere. Grell, wo will das hinaus?
                  Mit dem Galgenberg haben wir angefangen, und mit dem letzten Heller hören wir auf.
                  Zweimal der letzte Heller, auf Ehre, das ist zuviel.«</p>
               <p>Grell lachte. »Wir müssen es uns auf das Beste hin ansehen, Herr General. Es ist
                  eigentlich eine Feinheit, diese zwei ›letzten Heller‹ so dicht nebeneinander wie
                  Himmel und Hölle. War es doch immer so. Der eine ließ sein Letztes bei der Kirche,
                  der andere bei der Kneipe. Es stammt alles noch aus den katholischen Zeiten her.
                  Aber ich glaube nicht, daß es viel besser geworden ist.«</p>
               <p>»Ich auch nicht«, sagte Bamme, und damit schritt er auf die drei Stufen zu, die
                  vom Torweg aus nach der Gaststube hinaufführten. Grell und Hirschfeldt folgten.
                  Einen Augenblick später trat auch Berndt ein, der, nach längerem Umhertappen in
                  dem dunklen Stall, Krist auf einer Futterkiste total verschlafen <pb/> vorgefunden
                  und nicht ohne Mühe zum Anspannen seiner Ponies veranlaßt hatte.</p>
               <p>In der Gaststube saßen einige Sottmeiers beim Dreikart. Bamme war nicht in der
                  Laune, sich populär zu machen; er suchte deshalb ein anderes, dahintergelegenes
                  Zimmer auf, in welchem er ein großes Billard vorfand, halb zerrissen, aber die
                  Fetzen mit einer Stopfnadel notdürftig wieder zusammengenäht. Darüber hing eine
                  blakende Lampe. »Sieht sie nicht aus, als wäre sie draußen den Nonnen
                  fortgenommen«, sagte er zu Grell und setzte dann, zu dem Hausknecht sich wendend,
                  hinzu: »Noch ein Licht.«</p>
               <p>Dieser brachte zwei und wollte, da kein Tisch da war, das eine auf den
                  Queueständer, das andere auf das Brettchen eines neben dem Ofen stehenden
                  hochbeinigen Kinderstuhles setzen, Bamme befahl aber: »Nicht da; hierher, rechts
                  und links neben die Karoline!« und ließ die Lichter mitten auf das Billard
                  stellen.</p>
               <p>Als dies geschehen und die »grüne Friesschürze« wieder verschwunden war, sagte der
                  Alte: »Ich wette, er hat nicht eingeklinkt; riegeln wir zu; besser ist besser. Wer
                  die Menschen kennt, mißtraut ihnen. Es riecht hier überhaupt nach Spelunke, und wo
                  es nach Spelunke riecht, da riecht es auch nach Verrat.«</p>
               <p>Grell schob den Riegel vor und stellte sich dann wieder neben Bamme, der mit immer
                  komischer werdender Feierlichkeit fortfuhr:</p>
               <p>»Eh wir in den Wagen steigen, meine Herren, will ich die Dispositionen für morgen
                  auf den Tisch zeichnen. Ein Stück Kreide, Hirschfeldt. Alle großen Schlachten sind
                  mit drei Linien gewonnen worden. Und diese drei Linien hab ich auch für morgen in
                  petto.«</p>
               <p>Hirschfeldt hatte mittlerweile den alten Queueständer durchsucht und ein Stück
                  Kreide gefunden. Er gab es an Bamme, der sofort einen Kreis auf das Billardtuch
                  malte und diesen Kreis durch einen dicken Flußstrich in links und rechts
                  halbierte.</p>
               <p>»Hier rechts«, hob er an, »die Dammvorstadt ist Tschernitscheffs <pb/> Sache; hol
                  ihn der Teufel, wenn er uns im Stiche läßt. Was wir zu tun haben, liegt links,
                  hier an den drei Toren.«</p>
               <p>Und nun begann er jedes der drei Tore durch einen kurzen Doppelstrich zu
                  bezeichnen, den er quer durch die Peripherie des Kreises zog.</p>
               <p>Dann fuhr er mit steigendem Eifer fort: »Um ein Uhr halten wir am Spitzkrug und
                  marschieren auf drei Straßen gegen die drei Tore. Das ist das Vorspiel. Und nun
                  das Stück selber. Wir nehmen die drei Tore, gleichviel, mit List oder Gewalt, und
                  dringen in drei Strahlen auf den Kirchplatz vor. Da haben wir die drei
                  strategischen Linien. Kirchplatz ist Rendezvous. Dort entscheiden sich die Dinge,
                  so oder so. Hoffen wir alles, und fürchten wir nichts. Und damit basta. Parole
                  ›Zieten‹. Und wolle der alte Husarenvater in Gnaden mit uns sein.«</p>
               <p>Ein Lächeln ging über aller Züge, als sie so den alten »Husarenvater« wie Gott und
                  seine Heiligen angerufen sahen. Aber Bamme bemerkte nichts. Er öffnete nur das
                  Fenster, nahm eine Handvoll Schnee und wusch damit seinen dreilinigen Angriffsplan
                  wieder weg.</p>
               <p>Draußen hielten jetzt die Ponies. Krist knipste mit der Peitsche, und der storrige
                  Hausknecht, der mittlerweile seine Friesschürze zu einem Dreieck zusammengesteckt
                  hatte, drängte sich an Bamme, um ihm beim Aufsteigen behilflich zu sein.</p>
               <p>»Verkehren Franzosen hier?« fragte dieser.</p>
               <p>»Nicht viel.«</p>
               <p>»Nette Leute?«</p>
               <p>»Na, soso. Wer sie gerade leiden kann. Nicht schlimmer als unsere.«</p>
               <p>Während dieses Gespräches hatte sich alles zurechtgerückt, und der Wagen fuhr
                  langsam hügelan und auf den Spitzkrug zu.</p>
               <p>»Galgengesicht, dieser Kerl«, sagte Bamme. »Vergessener Rest von der Familie
                  Sottmeier; irgendein Wende, der nach hinten und vorne zugleich sieht. Ein
                  Schielkönig comme il faut. Hol ihn der Teufel. Ich wette, daß er gehorcht
                  hat.«</p>
               <p>»Nicht doch«, sagte Vitzewitz und lachte. »Es ist ein Dolgeliner. <pb/> Sein Vater
                  ist Schmied. Es flog ihm ein Funken ins Auge.«</p>
               <p>Und damit ging es in raschem Trab ins Bruch hinein und auf Hohen-Vietz zu, das sie
                  bei guter Zeit erreichten.</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Sechzehntes Kapitel</head>
               <head>Wen trifft es?</head>
               <p>Um die achte Stunde – Berndt und seine Hohen-Vietzer Gäste waren noch nicht zurück
                  – saßen Renate, Tubal und Lewin in dem uns wohlbekannten Eckzimmer. Seidentopf,
                  der zugesagt hatte zu kommen, war ausgeblieben; Lewin schien zerstreut; Tubal,
                  befangener noch als am Tage seiner Ankunft, vermied es, dem Auge Renatens zu
                  begegnen. So scheiterten alle Bemühungen dieser letzteren, das sich hinschleppende
                  Gespräch in einen etwas lebhafteren Gang zu bringen, und jeder, wenn ein Wagen
                  vorüberfuhr, atmete auf, in der Hoffnung, daß es die Ponies sein möchten.</p>
               <p>»Wo sie nur bleiben?« sagte jetzt Renate. »Den ganzen Tag über bin ich ein Gefühl
                  der Sorge nicht losgeworden; ich hatt es in der Kirche schon und dann, als ich
                  bemerkte, daß ihr ein geschlossen waret, du und Marie. Ich sagt es auch der
                  Schorlemmer. Willst du glauben, Tubal, daß ich mich an Mariens Stelle geängstigt
                  hätte. Die Mittagsstunde hat ihren Spuk so gut wie Mitternacht.«</p>
               <p>Tubal, den jedes Wort traf, bückte sich, um ein paar Tannäpfel in den Kamin zu
                  werfen, und sagte verlegen vor sich hin: »Die Zeit verging uns rasch. Wir haben
                  die Grabsteine gelesen.«</p>
               <p>»Die Grabsteine«, wiederholte Renate. »Das hätte mir den Mut auch nicht gehoben.
                  Aber Marie, glaub ich, setzte sich in den Majorsstuhl und vergäße seine Schrecken,
                  vorausgesetzt, daß es sein müßte. Denn im Grunde hat sie das Grauen so gut wie
                  ich, sie hat nur mehr Kraft, ihre Furcht zu bezwingen.«</p>
               <p>Die Pendule schlug jetzt acht, und Renatens Besorgnisse <pb/> wurden immer größer.
                  »Haltet ihr es für möglich«, sagte sie, während sie sich erhob und voll Unruhe auf
                  das Fenster zuschritt, »daß die Franzosen von unserem Vorhaben erfahren haben
                  können? Unser Landsturm ist seit drei Tagen auf allen Straßen, und es gibt immer
                  feile Kreaturen, die für Lohn oder Vorteil den Spion machen.«</p>
               <p>»Gewiß«, sagte Lewin. »Aber diese Spione können nicht mehr verraten, als sie
                  selber wissen. Und was sie wissen, das wissen die Franzosen auch. Es ist einfach
                  das, daß sich ein Wetter gegen sie zusammenzieht. Nicht bloß hier, überall.«</p>
               <p>»Und nun dieser Drosselsteinsche Brief«, fuhr Renate fort, die nur mit halbem Ohre
                  zugehört hatte, »ich glaube nicht, daß er viel Gutes bringt. Es ist mir, als läs
                  ich ihn Zeile für Zeile. Absage, Zweifel, irgend etwas...«</p>
               <p>In diesem Augenblicke fuhr der mit soviel Spannung erwartete Wagen über das
                  Pflaster des Hofes und hielt. »Da sind sie!« riefen alle, und ehe Renate Zeit
                  gefunden hatte, die bis dahin im Hintergrunde des Zimmers stehende Astrallampe vor
                  das Sofa zu stellen, traten unsere Frankfurter Reisenden bereits ein. Die
                  Schorlemmer und Jeetze folgten. Fragen über Fragen. Abendbrot wurde refüsiert, nur
                  Tee befohlen, und weil alle mehr oder weniger ausgefroren waren, kam man überein,
                  statt am Sofatisch, um den Kamin her Platz zu nehmen. Der Tagesbericht sollte
                  chronologisch gegeben werden, kam aber nicht weit, da sich, als des über
                  Hohen-Ziesar genommenen Umweges gedacht wurde, Lewin und Renate sofort des
                  Drosselsteinschen Briefes entsannen, der in der Freude des Wiedersehens vergessen
                  worden war.</p>
               <p>Berndt erbrach den Brief und las: »Nur wenige Worte, mein teurer Vitzewitz. Eben
                  komme ich von jenseits der Oder zurück und erfahre, daß Sie mit dem General und
                  zwei anderen Herren hier waren, um mich für Frankfurt abzuholen. Ich war, wie Sie
                  gewiß vermutet haben werden, inzwischen ein zweites Mal bei Tschernitscheff, den
                  ich bereits auf dem Marsche traf. Er rückt heute noch bis auf zwei Meilen gegen
                  Frankfurt vor. Seine Gesinnungen sind unverändert die besten. Er teilte mir <pb/>
                  zum Schlusse mit, daß er an seinen unmittelbaren Chef, den Corpskommandanten
                  Fürsten Wittgenstein, berichtet habe und spätestens bis morgen mittag der
                  Gutheißung der von ihm getanen beziehungsweise noch zu tuenden Schritte
                  entgegensähe. Tout à vous, Drosselstein.«</p>
               <p>Ein jeder empfand die Zweideutigkeit dieser Tschernitscheffschen Zusage, die
                  nötigenfalls auch Rückzug bedeuten konnte, keiner aber gab dieser Empfindung
                  Ausdruck, am wenigsten Bamme, der, um der schlechten Stimmung ein Ende zu machen,
                  von allem Möglichen und Unmöglichen, von Othegraven und den Sottmeiers, von den
                  beiden »letzten Hellern«, dem himmlischen und dem höllischen, und schließlich auch
                  von den zwei Nonnen »mit der blakenden Ewigen Lampe« zu perorieren begann. Zuletzt
                  verschwor er sich, daß es ein gut geplantes Unternehmen sei, vor allem klar in der
                  Anlage; drei Linien, konzentrisch auf einen Punkt gerichtet, garantierten den
                  Erfolg. Die Russen seien gute Kameraden. Hierbei warf er einen Blick auf
                  Vitzewitz, um zu sehen, ob dieser es ernsthaft oder ironisch auffassen würde. Ja,
                  sie seien gute Kameraden, müßten es sein, und es werde glücken. Wenn es aber nicht
                  glücke, so sei die Welt keinen Schuß Pulver wert, einschließlich der ganzen
                  göttlichen Gerechtigkeit, über die er ohnehin so seine Gedanken habe.</p>
               <p>Alles sah verlegen vor sich hin, und die Schorlemmer flüsterte Renaten zu: »Wo
                  will das hinaus?«; Bamme selbst aber, immer neue Löffel voll Baseler Kirschwasser
                  in die längst geleerte Teetasse gießend, begann jetzt in seinem Ärger über
                  Tschernitscheff – gegen den er klugheitshalber nichts sagen durfte – die Schalen
                  seines Zornes auf den »Tout-à-vous-Drosselstein« auszuschütten, der sich
                  mindestens zweierlei hätte sparen können: erstens den erneuten Besuch im
                  russischen Hauptquartier und zweitens diesen Brief. Aber er gehöre ganz und gar zu
                  den vornehmen Herren, die, weil sie nichts Besseres zu tun hätten, immer zwischen
                  artigen Besuchen und artigen Briefen hin und her pendelten. Und das hieße dann
                  Lebensart und Diplomatie.</p>
               <p>
                  <pb/> Nach diesem Trumpfe – denn er hielt es mit »guten Abgängen« – erhob er sich
                  plötzlich, wünschte gute Nacht und ging in sein Zimmer hinüber. Berndt folgte
                  seinem Beispiele, bald auch die andern, und ehe zehn Uhr heran war, war alles
                  still und dunkel im Haus.</p>

               <p>Nur in den Hinterzimmern des Oberstocks brannte noch Licht. Hier hatten sich's die
                  Freunde bequem gemacht und genossen des Behagens, den eben beschlossenen Tag noch
                  einmal durchzuplaudern. Auch des kommenden wurde dabei gedacht.</p>
               <p>Tubal und Hirschfeldt, wie seinerzeit erzählt, waren Schlafkameraden. Ihr Zimmer
                  lag mehr der Treppe zu, jener mittleren Stube gegenüber, in der die drei jungen
                  Mädchen an dem »Einbruchsabend« in eine so tödliche Angst versetzt worden waren.
                  Schon an einem der voraufgegangenen Tage hatte man des kleinen Abenteuers samt des
                  Nachspiels mit Hoppenmarieken eingehender gedacht; heute kam man darauf zurück,
                  und Tubal sagte plötzlich: »Und nun, Hirschfeldt, mit einem Sprunge, der von
                  Hoppenmarieken aus eigentlich kein Sprung mehr ist, wie gefällt Ihnen Bamme? Sie
                  sind heute den ganzen Tag über mit ihm zusammengewesen. Aber auch vor einer Stunde
                  noch, unten am Kamine; hörten Sie's wohl? er mokierte sich über Drosselstein und
                  glaubte es zu dürfen. Und was ist es am Ende? Diogenes in der Tonne, der sich über
                  Alexander ärgert. Ein bißchen Zynismus, ein bißchen Schabernack. Ich lasse das
                  Preußentum gelten, aber dies säbelbeinige Märkertum, das sich am liebsten in einen
                  Husaren verkleidet, jeden Augenblick den alten Zieten spielen möchte und nichts
                  von ihm hat als die Häßlichkeit, das ist mir verhaßt. Ja, die Häßlichkeit. Sehen
                  Sie sich diesen Mann an, der für einen Typus dieser Gegenden gelten kann, und dann
                  beantworten Sie mir die Frage, ob sich in der ganzen Gotteswelt, wenn Sie Kirgisen
                  und Kalmücken außer Spiel lassen, etwas Ähnliches findet wie dieser ›Typus
                  Bamme‹?«</p>
               <p>»Vielleicht nicht«, antwortete Hirschfeldt. »Aber ich kann mich darüber nicht
                  entrüsten. Der ›Typus Bamme‹, wie vieles <pb/> an ihm auszusetzen sein mag, ist
                  wenigstens ehrlich. Und je mehr in diesem Lande geheuchelt wird, vielleicht auch
                  um seiner Entstehung und Geschichte willen geheuchelt werden muß, desto
                  wohltuender berühren mich Einzelfiguren, die, wenn Sie mir den Ausdruck zugute
                  halten wollen, durch En-detail-Ehrlichkeit die nationale En-gros-Schuld zu tilgen
                  trachten. Bewußt oder unbewußt ist gleichgiltig.«</p>
               <p>Tubal hatte sich in seinem Bette aufgerichtet und sah verwundert zu dem Sprecher
                  hinüber. Es war ihm, als ob er Bninski gehört hätte. Hirschfeldt aber, während er
                  die Lichtschnuppe mit seinem Finger wegknipste, fuhr in demselben Gleichmutstone
                  fort: »Es verwundert Sie, Ladalinski, mich so sprechen zu hören. Mich, einen
                  Altpreußen. Aber es erklärt sich leicht. Ich war lange draußen, und draußen lernt
                  es sich. Jeder, der zurückkommt, wird durch nichts so sehr überrascht als durch
                  den naiven Glauben, den er hier überall vorfindet, daß im Lande Preußen alles am
                  besten sei. Das Große und das Kleine, das Ganze und das Einzelne. Am besten, sag
                  ich, und vor allem auch am ehrlichsten. Und doch liegt unser schwacher und
                  schwächster Punkt gerade nach dieser Seite hin. Welche Politik, die wir seit
                  zwanzig Jahren gemacht! Lug und Trug, und wir mußten daran zugrunde gehen. Denn
                  gleichviel, Staat oder Person, wer wankt und schwankt, wer unzuverlässig und
                  unstet ist, wer Gelöbnisse bricht, mit einem Worte, wer nicht Treue hält, der ist
                  des Todes. Und nun Gott befohlen. Löschen wir das Licht und schlafen wir. Morgen
                  sind wir schlechter gebettet.«</p>
               <p>Er löschte das Licht und sah Altes und Neues an sich vorüberziehen. Aber eines sah
                  er nicht: wie seine letzten Worte das Herz seines Schlafkameraden getroffen
                  hatten.</p>

               <p>In dem Zimmer nebenan plauderten Lewin und Grell.</p>
               <p>»Morgen um diese Zeit sind wir auf dem Marsch«, sagte Lewin. »Ist Ihnen leicht ums
                  Herz?«</p>
               <p>»Nein«, antwortete Grell. »Ich war nie im Feuer und bin deshalb in Furcht,
                  vielleicht Furcht zu zeigen. Auch ist es ein eigen Ding mit den Vorahnungen.«</p>
               <p>
                  <pb/> »Glauben Sie daran?«</p>
               <p>»Ja«, bemerkte Grell. »Nicht jeder hat sie; aber wir haben es von der Mutter her.
                  Im Schleswigschen ist es häufig.«</p>
               <p>Eine kurze Pause folgte. Dann sagte Lewin: »Ich mag nicht in Sie dringen, Grell,
                  über Dinge zu sprechen, von denen Sie vielleicht lieber schweigen. Aber eines
                  möcht ich doch sagen dürfen: ich habe den Eindruck, als ob Sie das, was wir
                  vorhaben, um einen Grad ernsthafter nehmen, als es genommen sein will. Es ist ein
                  Coup, der entweder glückt oder nicht glückt; das ist alles. Überraschen wir den
                  Feind, so gibt er sich gefangen, überraschen wir ihn nicht oder lassen uns die
                  Russen im Stich, so ziehen wir uns zu rück; aber im einen wie im anderen Falle,
                  nennenswerte Verluste werden schwerlich zu verzeichnen sein. Der Feind ist eben
                  eingeschüchtert und wird sich, selbst wenn er unsern Angriff siegreich abschlägt,
                  auf bloße Defensive beschränken müssen.«</p>
               <p>Grell lächelte. »Möglich, daß Sie recht haben, Vitzewitz. Jedenfalls wünsch ich
                  es. Aber Sie kennen die Frühjahrsgewitter: ein Blitz aus heiterem Himmel, und dann
                  ist es wieder vorbei. Ein Schlag nur, aber er fordert jedesmal sein Opfer. Und wer
                  will sagen, wer gefordert wird oder wen es trifft.«</p>
               <p>Beide schwiegen und hingen ernsten Gedanken nach. Dann sagte Lewin, der dem
                  Gespräch eine andere Wendung zu geben trachtete: »Haben Sie Kleists Grabmal
                  besucht? Es wirkt etwas zopfig mit seinem Schmetterling und seiner Inschrift in
                  drei Sprachen, und doch hab ich immer einen tiefen Eindruck davon empfangen.«</p>
               <p>»Ja«, bestätigte Grell. »Aber der Eindruck, den ich vorher von dem
                  Herzog-Leopold-Denkmal empfing, war tiefer.«</p>
               <p>»Und weshalb?«</p>
               <p>»Weil es mir noch deutlicher und entschiedener meinen Lieblingssatz predigte, daß
                  es erst der Tod ist, der uns unser eigentliches Leben gibt. Auch hienieden schon.
                  Wer würde von dem armen Herzoge noch wissen, wenn er sein Leben einfach ausgelebt
                  hätte bis auf den letzten Tag. Er unterbrach aber den <pb/> Gang seiner Stunden
                  und opferte sich; und nun lebt er fort, weil er zu sterben verstand.«</p>
               <p>»Es ist unser Tun, nicht unser Tod, was uns ein schöneres Leben sichert.«</p>
               <p>»Aber doppelt gesichert ist es uns, wenn es ein Tun im Tode ist.«</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Siebzehntes Kapitel</head>
               <head>Die Revue</head>
               <p>Und nun kam der Tag, an dem es sich entscheiden sollte.</p>
               <p>Schon in aller Frühe war der alte General außer Bett gewesen, hatte nach Jeetze
                  geklingelt und Hirschfeldt rufen lassen, der dann auch sofort erschienen und eine
                  halbe Stunde später abgeritten war, um die ordre du jour an alle im halbmeiligen
                  Umkreise stehenden Bataillone zu überbringen. Diese ordre du jour ging dahin, daß
                  eben diese Bataillone Punkt zwölf behufs abzuhaltender Revue in unmittelbarer Nähe
                  von Hohen-Vietz eintreffen, gleich nach der Revue in eben diesem Dorfe
                  Alarmquartiere beziehen und neun Uhr abends zum Abmarsche gegen Frankfurt
                  bereitstehen sollten.</p>
               <p>Mit Abfassung dieser Ordres hatte sich Bamme während seiner schlaflosen Stunden
                  beschäftigt. Jetzt erst, wo Hirschfeldt unterwegs war, wurde der Alte ruhiger; es
                  gab nun kein Zurück mehr, oder um ihn selber sprechen zu lassen, »die Zettel waren
                  gedruckt, und das Stück mußte wohl oder übel gespielt werden«.</p>
               <p>Er hatte seine Ruhe wieder, aber freilich nicht sein Behagen. Denn so groß sein
                  Selbstbewußtsein war, so groß war auch, selbst unter gewöhnlichen Verhältnissen,
                  seine Selbsterkenntnis. Und nun gar heute! Er fühlte sich der ihm zugefallenen
                  Aufgabe nicht recht gewachsen und gestand sich unverhohlen, daß er alles, was er
                  an Gaben besaß, nicht recht brauchen und alles, was er nicht besaß, in der Eile
                  weder beschaffen noch durch Eifer und guten Willen ersetzen konnte.</p>
               <p>
                  <pb/> Zur Abhaltung der Revue war ein großes Brachfeld ausgewählt worden, das
                  zwischen dem Fichtenwäldchen und der Chaussee lag, dicht neben dem Pflugacker,
                  über den hin, am dritten oder vierten Weihnachtstage, die von ihrem Kirch-Göritzer
                  Besuche heimkehrenden Freunde ihren Wettlauf zur Rettung Hoppenmariekens gemacht
                  hatten. Aber bis zwölf Uhr war noch eine lange Zeit, und jeder suchte sie zu
                  kürzen. Tubal und Lewin fuhren nach Reitwein hinüber, um sich ein Grabmonument
                  anzusehen, das daselbst aufgestellt werden sollte, der alte Vitzewitz traf »auf
                  alle Fälle hin« einige Anordnungen, und Grell ging in die Pfarre; so schien es in
                  der Tat, als ob Bamme, der allein blieb, die ganze Pein des Abwartens und
                  Stundenzählens am vollsten und ausschließlichsten durchkosten solle. Aber Kniehase
                  half ihm aus der Verlegenheit, ihm meldend, daß von den Nachbargütern her einige
                  Reitpferde zur Auswahl für den »Herrn General und seinen Adjutanten« gestellt
                  worden seien. Sie ständen am Spritzenhause, zwischen dem Krug und dem
                  Schulzenhof.</p>
               <p>Unter diesen Pferden war auch eine Fuchsstute, die Drosselstein geschickt hatte,
                  ein schönes Tier, beinahe brandrot, das dem Alten außerordentlich gefiel. Dennoch
                  war er in Zweifel, ob er sich dafür entscheiden sollte.</p>
               <p>»Die Fuchsstute gefällt mir«, sagte er, »aber es hat sein Mißliches damit.
                  Eigentlich halt ich es mit meinem kleinen Isabellfarbenen, den Sie ja kennen; wir
                  haben dasselbe Maß und passen zusammen. Was meinen Sie, Kniehase, nehm ich den
                  Shetländer, oder nehm ich die Fuchsstute?«</p>
               <p>»Mit Permission, Herr General«, sagte Kniehase, »wenn der Herr General mich
                  fragen, der kleine Shetländer geht nicht. Ein General muß hoch sitzen, höher als
                  alle anderen; man muß ihn sehen können wie die Fahne. Dies hier ist das
                  Generalspferd!« und damit gab er der Fuchsstute einen Schlag auf die Kruppe.</p>
               <p>»Gut, Kniehase, Sie sind ein verständiger Mann. Also die Fuchsstute für mich. Und
                  festgesattelt und die Steigbügel hochgeschnallt, daß sie nicht bloß so nebenher
                  läuten. Und nun <pb/> noch eins, Kniehase; muß ich zu den Leuten sprechen, muß ich
                  ihnen eine Rede halten?«</p>
               <p>»Ja, Herr General, das müssen Sie schon, das geht nicht anders. Und immer scharf
                  ins Gewissen, das haben sie gern, und die Alten sagen dann: ›Der versteht's.‹ Und
                  wer's versteht, dem gehorchen sie und dem folgen sie, und wenn's ihnen auch an
                  Kopf und Kragen ginge. So kenn ich unsere Leute, gut Beispiel ist alles, gut
                  Beispiel und Mut.«</p>
               <p>Bamme nickte.</p>
               <p>»Und, Herr General«, fuhr Kniehase fort, »eines wollt ich mit Permission noch
                  gefragt haben: Wollen der Herr General nicht eine Uniform anlegen? Es ist immer
                  gut, so zweierlei Tuch.«</p>
               <p>»Nein, Kniehase, Uniform und Uniform ist ein Unterschied. Ein alter Husarenrock
                  ist nur gut unter seinesgleichen, jeder drückt dann ein Auge zu. Aber allein ist
                  er gefährlich und hat dann so seine Beinamen. Mantel und Pelzmütze, das muß
                  ausreichen, und meine Karbatsche hier.« Und dabei fuchtelte er mit einem dicken
                  Fischbein, das ihm je nach Bedürfnis als Stock und Gerte diente, in der Luft
                  umher.</p>
               <p>Während dieser Worte war die Fuchsstute beiseite geführt worden, mit ihr auch ein
                  schöner Grauschimmel, den man als Reservepferd für Hirschfeldt ausgesucht hatte.
                  So vergingen einige Minuten, dann sagte Bamme, der mit dem Schulzen auf und ab
                  geschritten war: »Wie spät ist es, Kniehase?«</p>
               <p>»Halb zwölf.«</p>
               <p>»Da haben wir noch eine halbe Stunde; wo bleib ich so lange?«</p>
               <p>»Der Herr Pastor steht am Fenster. Wollen der Herr General nicht bei ihm
                  eintreten?«</p>
               <p>»Nein, Kniehase, mir ist nicht nach Seidentopf. Und die Totentöpfe hab ich gestern
                  erst gesehen. Es ist Schlackerwetter, und drüben ist ja der Krug; wem gehört er
                  doch?«</p>
               <p>»Den Scharwenkas.«</p>
               <p>»Richtig, den Scharwenkas, böhmische Kolonisten.«</p>
               <p>»Ja, Herr General; aber alle Stuben sind voll, von wegen der <pb/> Revue, Bauern
                  und Knechte. Wenn der Herr General mit in den Schulzenhof kommen wollten?«</p>
               <p>»Gewiß, Kniehase, mir sehr willkommen. Habe bei den Vitzewitzes allerlei gehört.
                  Sollen eine schöne Tochter haben, einen wahren Ausbund.«</p>
               <p>»Pflegetochter, Herr General.«</p>
               <p>»Macht mir keinen Unterschied. Die alte herrnhutsche Klucke drüben, die aus Furcht
                  vor mir immer drei Sprüche auf der Zunge hat, hat uns gestern von dem Töchterchen
                  erzählt, so was von Hühnerhof und Schwanenei. Ich gebe nicht viel auf altes
                  Weibergeschwätz, aber ich bin doch neugierig, das Mirakel, das junge Schwänchen,
                  kennenzulernen.«</p>
               <p>Damit hatten sie den Schulzenhof erreicht und traten nach links hin ein, wo Marie,
                  die das Vorführen und Aussuchen der schönen Pferde mit vielem Interesse beobachtet
                  hatte, am Fenster saß. Sie stand jetzt auf, um das Zimmer zu verlassen; der alte
                  General aber, während er sie mit listigen Augen musterte, sagte: »Bitte, bleiben
                  Sie, Sie sollen mit mir zufrieden sein.«</p>
               <p>Und Marie blieb. Bamme nahm einen Stuhl und bemerkte zu dem Schulzen: »Bitte,
                  Kniehase, sagen Sie dem Rittmeister, daß er mich draußen auf der Chaussee
                  erwartet. Ich will von hier aus reiten, und lassen Sie der Stute draußen noch eine
                  Decke auflegen; sie kommt von Drosselstein, wird also wohl verwöhnt sein. Ihr
                  Töchterchen erzählt mir unterdessen alte Geschichten. Alte Geschichten, die Sie
                  schon kennen.«</p>
               <p>Kniehase ging.</p>
               <p>Marie, die nicht das Beste von dem Alten wußte, blieb ziemlich ruhig, ruhiger als
                  gestern in der Kirche. Sie hörte bald heraus, daß er es gut mit ihr meinte und daß
                  Teilnahme und selbst Respekt aus seinen Worten sprachen.</p>
               <p>»Ich bin ein alter Mann«, begann er, »und plaudere gern. Am liebsten aber hab ich
                  Menschen, die anders sind als andere. Und dabei bin ich neugierig wie eine
                  Nachtigall. Da müssen Sie mir denn schon ein paar Fragen zugute halten. Nicht
                  wahr, Sie sind kein Hohen-Vietzer Kind, nicht aus dem Bruch?«</p>
               <pb/>
               <p>»Nein, ich bin aus dem Sächsischen«, sagte Marie.</p>
               <p>»Ah, aus Sachsen«, fuhr Bamme fort. »Ich dacht es beinah, es hat was auf sich mit
                  dem alten Reim. Und Sie verloren Ihre Eltern früh?«</p>
               <p>»Ja, meine Mutter hab ich kaum gekannt. Dann zog ich mit meinem Vater über Land;
                  aber er kränkelte viel.«</p>
               <p>»Sie zogen mit ihm, wie darf ich das verstehen?«</p>
               <p>»Wir zogen umher und gaben Vorstellungen: Tanz und Deklamation und Zauberei. Erst
                  in kleinen Städten, dann in Dörfern; und hier starb er. Er hat sein Grab oben auf
                  dem Kirchhof, und der alte Jeserich Kubalke, unser Küster und der Vater von der
                  hübschen Maline, hat ihm eine Grabschrift geschrieben.«</p>
               <p>»Und wie kam es dann?«</p>
               <p>»Ich weinte herzlich, nicht um meiner Not willen, denn ich hatte nicht das Gefühl
                  davon, aber weil ich ihn so sehr geliebt hatte. Noch jetzt häng ich an ihm und
                  träume von ihm. Sie sehen mich an, Herr General, so freundlich, wie ich nicht
                  gedacht hätte, daß Sie jemanden ansehen könnten. Und das gibt mir einen Mut, von
                  meinem Vater zu sprechen. Ach, die verachteten Menschen, wenn sie gut sind, sind
                  es die besten. Ich habe früh erfahren, wie wenig der Schein bedeutet. Und wie
                  müssen erst unsere Herzen vor Gott liegen, der alles sieht und alles weiß!«</p>
               <p>Sie hatte das mit tiefer Bewegung gesprochen; jetzt schwieg sie und sah ein
                  nervöses Zucken um den Mund des Alten, der seinerseits die Frage wiederholte:</p>
               <p>»Und wie kam es dann?«</p>
               <p>»Es kam dann, was Sie jetzt sehen; die Kniehases nahmen mich in den Schulzenhof
                  hinüber. Es war vor Weihnachten, und er baute mich seiner Frau auf, und ich war
                  ihre Puppe. Ich hatt es gut, zu gut, aber da war die verstorbene gnädige Frau, die
                  sah es, und als sie gewahr wurde, daß ich wild aufwuchs und zu sehr meinen Willen
                  hatte, da sorgte sie für das Rechte. Oder, wenn's nicht das Rechte war, doch für
                  das, was sie für das Rechte hielt. Sie nahm mich in das Herrenhaus, <pb/> und da
                  wurden wir zusammen erzogen, Renate und ich, ich meine das Fräulein und ich. Wir
                  waren in gleichem Alter und immer miteinander.«</p>
               <p>»Und mit Lewin?« fragte Bamme, den wieder die Lust zu necken anwandelte.</p>
               <p>»Ja, auch mit Lewin, bis er in die Stadt kam. Aber wir sind gute Kameraden
                  geblieben.«</p>
               <p>»Und bleiben es auch wohl?«</p>
               <p>»Ich hoff es.«</p>
               <p>Bei dieser Wendung des Gesprächs war Kniehase wieder eingetreten, um zu melden,
                  daß es Zeit sei; drei von den Bataillonen seien schon auf dem Rendezvous am
                  Wäldchen eingetroffen, und das vierte würde sofort antreten. Das war eine
                  willkommene Nachricht. Der alte General empfahl sich, wickelte sich draußen auf
                  dem Flur in seinen Husarenmantel und schwor ein Mal über das andere, während er
                  mit unsicherer Hand an seinen Kragenösen herumnestelte, daß er sechs Pflegetöchter
                  ins Haus nehmen wolle, wenn nur eine so geriete wie diese kleine Fee. Denn eine
                  Fee sei sie, trotzdem die richtigen Feen blaue Augen haben müßten. Und darnach hob
                  er sich in den Sattel, rückte sich zurecht und warf der am Fenster stehenden Marie
                  Kußhändchen zu, aber mehr freundlich als geckenhaft. Und gleich darauf ritt er ab.
                  Ein sonderbares Bild, der kleine Mann auf dem hohen brandroten Pferde, in Mantel
                  und Pelzmütze und die Steigbügel hochgeschnallt.</p>
               <p>Im übrigen war alles, wie Schulze Kniehase gesagt hatte, und als Bamme jetzt in
                  Nähe des zur Revue bestimmten Blachfeldes eintraf, sah er, daß drei der Bataillone
                  bereits regelrecht aufmarschiert waren. Sie standen hufeisenförmig oder in einem
                  Carré, dessen vordere Seite geöffnet war. In diesem Augenblicke meldeten
                  Drosselstein und Vitzewitz, daß auch Bataillon Lebus im Anmarsch sei. Dasselbe
                  rapportierte Hirschfeldt und der kleine Mann wuchs ordentlich auf seinem hohen
                  Pferde, als er sich von den verschiedensten Seiten her so begrüßt und zum
                  Mittelpunkt aller dienstlichen Meldungen gemacht sah.</p>
               <p>
                  <pb/> Diese Meldungen waren kaum beendet, als man auch schon vom Dorfe her
                  Trommelschlag hörte und zwischen den Pappeln hin einer lang heranziehenden Kolonne
                  gewahr wurde. Es waren unsre Lebuser. Sie marschierten in Abständen von
                  hundertundfünfzig Schritt. Und jetzt waren die Vordersten deutlich erkennbar
                  geworden: Compagnie Lietzen-Dolgelin. Ein Alter mit einer Fahne, deren Stock in
                  einem breiten Gurt steckte, schritt rüstig voran, trotzdem sein rechter Fuß etwas
                  kürzer war als der linke.</p>
               <p>»Wer ist der Alte?« fragte Bamme den neben ihm haltenden Vitzewitz.</p>
               <p>»Rentamtmann Mollhausen von Lietzen. Hat noch unter Markgraf Karl gedient. Bei
                  Kunersdorf Schuß durch die Hüfte.«</p>
               <p>»So, so. Und die Fahne, die der Alte führt? Rot und weiß. Hab ich all mein Lebtag
                  nicht gesehen.«</p>
               <p>»Das ist die Komtureifahne mit dem achtspitzigen Johanniterkreuz. Lietzen war
                  Ordensgut.«</p>
               <p>Unter diesem Gespräche war »Lietzen-Dolgelin« bis dicht herangekommen und
                  schwenkte rechts, um an den einen Flügel des offenen Carrés zu rücken. Dadurch
                  wurde die zunächst kommende Compagnie sichtbar. Es war die von Hohen-Ziesar. Sie
                  hatte die meiste Musik: zwei Trommler und zwei Pfeifer, und die ganze vorderste
                  Sektion bestand aus lauter berittenen Mannschaften: Verwalter und Meier von den
                  verschiedenen Gütern und Vorwerken des Grafen. Dieser selbst, als er seine Leute
                  herankommen sah, setzte sich an ihre Front und führte sie, die Degenspitze
                  neigend, an dem alten Bamme vorüber.</p>
               <p>Jetzt kam Compagnie Hohen-Vietz. Sie hatte das meiste Ansehen und wurde von den
                  anderen wie eine alte vornehme Familie behandelt. Das machte, weil sie die
                  historische war. Die Lietzner Komtureifahne mit dem achtspitzigen Kreuz wollte
                  nicht viel besagen, denn ihr Fahnentuch war neu, keine dreißig Jahre alt;
                  Compagnie Hohen-Vietz aber hatte noch das siegreiche Kirchenbanner aus den
                  Hussitentagen her und vor allem die große Schwedentrommel, von der jedes Kind in
                  den Bruchdörfern <pb/> wußte und die jetzt dumpf und eintönig ihren Marsch
                  wirbelte. Es war der Schmied, der sie trug, an einem breiten, mit Muscheln
                  besetzten Lederbande, nicht viel schmäler als der Ledergurt eines
                  Schlittengeläuts. Die Trommelwandung war blau, und der krause Mohrenkopf, der sich
                  in gelbem Schilde auf eben dieser Wandung befand, war durch Seidentopf als der
                  Kopf der Königin Christine festgestellt worden.</p>
               <p>Und nun kam Compagnie Protzhagen, Hauptmann von Rutze am rechten Flügel und statt
                  des Trommelschlägers einen Hornisten in der Front. Dieser, ein dicker,
                  kurzhalsiger Mann und seines Zeichens Protzhagener Kuhhirt, steckte wie verloren
                  in den Windungen eines riesigen Horns, von dem es hieß, daß es dasselbe sei, drin
                  Junker Hans von Rutze vor hundertundfünfzig Jahren den Hals gebrochen habe. Es gab
                  nur zwei Töne von sich, einen tiefen und einen hohen, von denen der tiefe zum
                  Angriffs- und der hohe zum Rückzugssignal bestimmt worden war. Die Compagnie
                  selbst aber, nach wie vor die beste, war in all ihren Gliedern mit Piken
                  bewaffnet, eingedenk der historischen Tatsache, daß Eusebius von Rutze in der
                  großen Schlacht bei Budapest mit einer Pikeniercompagnie das türkische Zentrum
                  durchbrochen hatte. Daraufhin hatte sein Urenkel, unser Hauptmann, allem
                  Dreinreden einzelner zum Trotz, auf Piken bestanden, und Bamme – selber ein Freund
                  der blanken Waffe und des Mann gegen Mann – war ihm gern zu Willen gewesen. Er sah
                  jetzt schmunzelnd auf Rutze, der, das sechs Fuß lange Sponton in beiden Händen,
                  gravitätisch an ihm vorbeidefilierte, und wandte sich zu Berndt: »Voilà, der
                  Anmarsch der Protzhagener Gebirgsvölker. Sehen Sie, Vitzewitz, das Monstrum in der
                  blechernen Boa constrictor. Das reine Horn von Uri.«</p>
               <p>Und damit schwenkten auch die Rutzeschen nach rechts hin ein.</p>
               <p>Ihr Einschwenken, wie das der letztgenannten Compagnien überhaupt, hätte, wenn es
                  en ligne erfolgt wäre, das bis dahin offene Carré schließen müssen, dadurch aber,
                  daß sie <pb/> hintereinander, zu je zwei und zwei, am rechten und linken Flügel
                  des Hufeisens aufmarschierten, war zwischen ihnen eine breite Gasse frei
                  geblieben, durch die jetzt erst Bamme und dann alle Bataillonskommandeure, die mit
                  auf der Chaussee gehalten hatten, in das Carré einritten.</p>
               <p>Die Barnimschen Bataillone, zum Unterschiede von den Lebusischen, hatten viele
                  kleine Compagniefahnen mitgebracht, rote Frieslappen, in die, wie sich die
                  Landsturmmänner ausdrückten, der »preußische Kuckuck« eingenäht worden war. Diese
                  Fahnen senkten sie jetzt, während zugleich alle Trommeln, große und kleine,
                  gerührt wurden. Der alte General salutierte, ritt die Fronten ab und nahm dann
                  seine Stellung inmitten des Carrés, von seiner Suite und mehreren der Barnimschen
                  Fahnenträger umgeben. Der Moment war nun da, wo gesprochen werden mußte.</p>
               <p>Bamme war nicht ängstlich und wußte zu reden wie jeder, dem es gleichgültig ist,
                  ob seine Rede gefällt oder nicht.</p>
               <p>»Leute!« begann er, »in Frankfurt sind funfzig Kanonen und bloß zweitausend
                  Franzosen. Ein paar hundert mehr oder weniger tut nichts. Wir wollen sie
                  überrumpeln; wollt ihr?«</p>
               <p>»Ja, Herr General!«</p>
               <p>»Gut, ich hab es nicht anders von euch erwartet. Denn was sagte der Alte Fritz?
                  ›Wenn ich Soldaten sehen will‹, sagte er, ›so seh ich das Regiment Itzen plitz.‹
                  Und das andere Mal sagte er: ›Wenn ich Soldaten sehen will, so seh ich das
                  Regiment Markgraf Karl.‹ Ja, Leute, so sagte der Alte Fritz. Habt ihr verstanden,
                  was ich meine?«</p>
               <p>»Ja, Herr General.«</p>
               <p>»Regiment Itzenplitz und Regiment Markgraf Karl, wo waren sie zu Hause?«</p>
               <p>»Hier, Herr General.«</p>
               <p>»Richtig, hier in Barnim und Lebus. Kerls, sollen wir schlechter sein, als unsere
                  Väter waren? Sollen wir, wenn uns der Alte Fritz ansieht, die Augen
                  niederschlagen?«</p>
               <p>»Nein, nein!«</p>
               <p>»Es wird nicht viel kosten; die Bürger helfen und die Russen <pb/> auch. Aber ›wo
                  Holz gehauen wird, fallen Späne‹. Ein paar von uns werden die Zeche bezahlen
                  müssen. Wollt ihr?«</p>
               <p>»Ja!«</p>
               <p>»Ich wußt es. Aber nun die Ohren steif. Wer ein Hundsfott ist, kriegt die Kugel
                  vor den Kopf. Ich bin ein spaßhafter Mann, aber wenn es Ernst wird, versteh ich
                  keinen Spaß. Und nun vorwärts! Feldgeschrei ›Zieten!‹ und Losung ›Hohen-Vietz!‹
                  Das können sie nicht nachplappern... Und wißt ihr, wer sie holen soll, sie und
                  ihren Kaiser?«</p>
               <p>»Ja, wir.«</p>
               <p>»Nein, der ›Kuckuck‹ soll sie holen«, und dabei wies er auf die kleinen
                  Compagniefahnen der neben ihm stehenden Barnimschen Fahnenträger.</p>
               <p>Diese schwenkten jetzt wieder ihre roten Frieslappen, alle Spielleute fielen ein,
                  und Bamme hatte die Genugtuung, seinen letzten Redetrumpf durch nicht enden
                  wollende Hurras begleitet zu sehen.</p>
               <p>Als sich der Lärm einigermaßen wieder gelegt hatte, ritt er grüßend aus dem
                  Viereck auf die Chaussee zurück. Die Bataillone brachen rasch in Sektionen ab und
                  folgten ihm unter Trommelschlag in das Dorf.</p>
               <p>Auch das »Horn von Uri« klang abwechselnd mit seinem tiefen und seinem hohen Ton
                  dazwischen.</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Achtzehntes Kapitel</head>
               <head>Der Aufbruch</head>
               <p>Die Nachmittagsstunden vergingen rascher, als man erwartet hatte; sämtliche
                  Kommandeure waren zu Tisch geladen, und das Gespräch mit ihnen kürzte die Zeit.
                  Selbst Bamme, als er erst wahrnahm, daß es seinen Geschichten und Anekdoten, aller
                  pressanten Lage zum Trotz, an einem aufmerksamen und dankbaren Publikum nicht
                  fehlte, kam über die gefürchteten Stunden in guter Laune hinweg.</p>
               <p>Schon lange vor neun begannen sich die Bataillone zu sammeln <pb/> und standen nun
                  das Dorf hinauf und hinunter: bei Miekleys Mühle die Vorhut, auf der
                  Straßenerweiterung zwischen dem Krug und dem Schulzenhof die beiden Barnimschen
                  Bataillone, vor dem Herrenhause das Bataillon Lebus. Es war ziemlich dunkel, aber
                  bei dem Lichterschein, der von rechts und links her auf die Gasse fiel, ließen
                  sich die aus Piken und Gewehren zusammengesetzten Pyramiden deutlich erkennen. Vor
                  den Häusern standen die Landsturmmänner im Gespräch mit den Frauen und Mädchen,
                  denn alles, was Waffen tragen konnte, war in Reih und Glied.</p>
               <p>Bamme hielt bei Miekleys Mühle neben einer Art Biwaksfeuer, das hier mitten auf
                  dem Fahrdamme angezündet worden war. Die Pelzmütze tief ins Gesicht gerückt, den
                  Husarensäbel über den grauen Mantel geschnallt, gewährte er jetzt, angeglüht von
                  dem Flammenschein, auf seiner hochbeinigen roten Fuchsstute einen noch groteskeren
                  Anblick als bei seinem Ritte zur Revue. Neben ihm hielt Hirschfeldt.</p>

               <p>Und nun schlug es neun, und ehe noch der letzte Schlag verklungen war, hieß es:
                  »An die Gewehre!« Jeder, der das Kommando hörte, wußte, von wem es kam. Diese
                  scharfe Krähstimme hatte nur einer. Die Landsturmmänner des zunächststehenden
                  Bataillons gehorchten augenblicklich und mit der Präzision alter Soldaten, während
                  Hirschfeldt die Dorfgasse hinaufjagte, um den Befehl von Bataillon zu Bataillon zu
                  bringen. Dann warf Bamme die Fuchsstute links herum, nahm zwischen zwei
                  Holzpfeilern, die den Eingang zum Mühlengehöft bildeten, Stellung und
                  kommandierte: »Bataillon, marsch!«. Die Tambours schlugen an, und unter Hurra ging
                  es im Geschwindschritt an dem Alten vorbei, der immer, wenn ein neues Bataillon
                  herankam, die Pelzmütze lüpfte, um wenigstens die vordersten Rotten zu begrüßen.
                  Jetzt kam auch das Bataillon Lebus, das die Nachhut bildete; die Schwedentrommel
                  lärmte, und der Protzhagener Kuhhirt, mit dem Junker-Hansen-Horn, blies unablässig
                  dazwischen. Es klang wie Feuerruf.</p>
               <p>
                  <pb/> Vitzewitz und Drosselstein ließen im Vorbeimarsch präsentieren, und erst als
                  der letzte Mann ihres Nachhut-Bataillons vorüber war, gab auch Bamme seinen Platz
                  zwischen den zwei Pfeilern auf und folgte an der Queue der Kolonne.</p>
               <p>Eine halbe Stunde später war wieder alles still in der Dorfgasse, und nur die
                  Lichter brannten noch bis tief in die Nacht hinein; denn da war kein Haus, dessen
                  Insassen nicht den Zug in Furcht und Hoffnung, mit Sorgen und Gebet begleitet
                  hätten.</p>
               <p>So war es auch in der Pfarre. Hier saßen Renate und die Schorlemmer, die gekommen
                  waren, sich Rat und Trost zu holen. Wenigstens galt dies von Renate. Die
                  Schorlemmer hatte selber, was sie brauchte, und nahm ihre Zuflucht lieber zu dem
                  eisernen Bestand ihrer Lieder und Sprüche, die sie, nicht ganz mit Unrecht, für
                  heilskräftiger ansah als alles, was ihr Seidentopf bieten konnte.</p>
               <p>Beide (Renate wie die Schorlemmer) waren noch nicht lange zugegen, als auch Marie
                  vom Schulzenhofe her eintrat. Man begrüßte sich herzlich, aber es wollte kein
                  rechtes Gespräch aufkommen, und nachdem einige gleichgültige Worte gewechselt
                  waren, sahen alle schweigend vor sich hin. Immer wieder im Laufe des Tages war
                  versichert worden, daß es sich aller Wahrscheinlichkeit nach nur um ein leichtes
                  Unternehmen handle, daß die Franzosen demoralisiert seien und daß man angesichts
                  dieser Tatsachen einen regelrechten oder gar hartnäckigen Widerstand kaum zu
                  gewärtigen habe; nichtsdestoweniger hatte Hirschfeldts ernste Miene und mehr noch
                  Bammes inmitten aller Heiterkeit unverkennbar hervortretende Unruhe deutlicher
                  gesprochen als alle jene hoffnungsreichen Versicherungen. Die Gefahr sollte
                  geleugnet werden, aber sie war da. So hing jeder allerlei trüben Gedanken nach, am
                  meisten aber Marie. Für Lewin fürchtete sie nichts, es war ihr, als ob irgendein
                  Flammenschild ihn schützen müsse; aber Tubals gedachte sie mit Zittern. War es
                  eine Neigung, ihr selbst zum Trotz? Nein. Es lag nur tief in ihrer Natur, an einen
                  Ausgleich zu glauben, das Mysterium von Schuld und Sühne <pb/> war ihr ins Herz
                  geschrieben, und ihre geschäftige Phantasie malte ihr dunkle Bilder, wechselnd in
                  der Szenerie, aber ihr Inhalt immer derselbe.</p>
               <p>So vergingen Minuten; das Schweigen wurde peinlich, um so peinlicher, als auch der
                  sanguinische Seidentopf, der seiner Natur nach immer mehr hoffte als fürchtete, an
                  diesem Schweigen teilnahm.</p>
               <p>Endlich sagte Renate: »Welchen Weg werden sie nehmen? Ich habe den Papa zu fragen
                  vergessen. Am Fluß hin ist es näher, aber der Höhenweg ist besser und nicht so
                  trist und öde.«</p>
               <p>»Soweit ich Bamme verstanden habe«, antwortete Seidentopf, »wollen sie bei
                  Reitwein oder doch spätestens bei Podelzig die Kolonne teilen und auf beiden
                  Straßen vorgehen, die Barnimschen unten an der Oder, unser Bataillon und die
                  Münchebergschen über das Plateau hin. Beim Spitzkrug treffen sie dann wieder
                  zusammen. Hirschfeldt hatte den Platz an der kleinen Georgenkirche vorgeschlagen,
                  aber Bamme bestand auf dem Spitzkrug.«</p>
               <p>»Das glaub ich«, sagte die Schorlemmer. »Er ist immer mehr für Krug als Kirche.
                  Und das ist es, was mich ängstigt und meine Hoffnung so niederdrückt.«</p>
               <p>Renate nahm die Hand der alten Freundin und sagte: »Ich sehe nicht ein, warum.
                  Weißt du doch nichts von ihm, als was die Leute sagen.«</p>
               <p>»Und das ist auch gerade genug. Was die Leute sagen, ist immer wahr, trotzdem die
                  Welt voll Lüge ist. Aber die Lüge läuft sich tot, und was dann bleibt, das ist die
                  Wahrheit. Hast du je gehört, daß sie von dem Grafen drüben etwas Böses sprechen?
                  Nein, und warum nicht? Weil er ein reines Herz hat. Es hat ihm bloß die Erweckung
                  gefehlt und das Licht des Glaubens. Aber was diesem garstigen Bamme fehlt, das ist
                  nicht mehr und nicht weniger als alles, und was er dafür hat, das ist Qualm und
                  Rauch. Und er raucht auch immer (aus einer häßlichen kurzen Pfeife), und durch die
                  ganze Stube hin liegt Asche und Fidibus und Schwamm. Er hat uns Löcher in die
                  Dielen gebrannt, und überall sieht es aus, als ob, ich will <pb/> nicht sagen wer,
                  fünf Tage lang bei uns im Quartier gelegen hätte. Was soll Gutes davon kommen? O
                  nein, Renatchen, was wir brauchen, das ist die Hilfe Gottes. Der muß seine Engel
                  schicken, daß sie für uns streiten; aber sie können nicht streiten an dieses
                  Mannes Seite, denn das Reine verträgt sich nicht mit dem Unreinen.«</p>
               <p>»Liebe Schorlemmer«, sagte Marie, »du tust ihm doch wohl unrecht, er wird
                  schwärzer gemalt, als er ist; das hat er mit seinem Vorbilde gemein. Er kam heute
                  vormittag in unser Haus und setzte sich zu mir und sprach mit mir, wohl eine halbe
                  Stunde lang. Ich fürchtete mich keinen Augenblick und jedenfalls ein gut Teil
                  weniger als vor vielen anderen, die keine Bammes sind. Er war sehr artig und sehr
                  teilnehmend, und ich muß sagen, ich habe nichts Häßliches aus seinem Munde gehört.
                  Vielleicht, daß er früher anders war. Er ist klug und kennt die Menschen, und ich
                  glaube, er weiß recht gut, was er sagen darf und was nicht.«</p>
               <p>»Marie hat recht«, sagte Seidentopf. »Und zudem, er hat noch eine große Tugend: er
                  heuchelt nicht und macht sich nicht besser, als er ist. Im Gegenteil, er legt sich
                  allerhand Tollheiten zu, denn das menschliche Herz ist wunderlich in seinen
                  Eitelkeiten. Die meisten suchen ihren Vorteil im Tugendschein, er ge fällt sich im
                  Schein der Sünde. Ich will nicht alles an ihm loben, aber wenn ich die Summe
                  seiner Fehler ziehen sollte, so würd ich sagen, er ist eitel und gefallsüchtig und
                  nicht fest in Grundsätzen.«</p>
               <p>»Nicht fest in Grundsätzen«, brauste jetzt die Schorlemmer auf. »Das nenn ich denn
                  doch Beschönigung. Grundsätze? Er hat überhaupt keine, und das ist das Schlimmste.
                  Denn wer keine Grundsätze hat, der ist wie ein Raubtier oder eine Katze. Und wie
                  macht es die Katze? Jetzt schnurrt und spinnt sie noch und wärmt sich an der
                  Ofenecke, aber im nächsten Augenblicke springt sie dem schlafenden Kind an die
                  Kehle. ›Sie hat es für eine Maus gehalten‹, sagen dann die Leute, die für alles
                  eine Entschuldigung haben. Aber ich mag nichts davon wissen. Maus hin, Maus her,
                  die kleine Unschuld ist tot.«</p>
               <p>
                  <pb/> Renate und Marie wechselten Blicke, die Schorlemmer aber, die, so gut sie
                  war, in ihrem Eifer oft aller Liebe vergaß, fuhr immer heftiger fort: »Und mit
                  diesem Manne ziehen sie gegen die Mauern einer festen Stadt, als ob er ein Mann
                  Gottes und ein Auserwählter wäre. Er wird aber den dicken Mann von Protzhagen, dem
                  sie das alte Rutzenhorn um den Nacken gelegt haben, umsonst blasen lassen, denn
                  das alte Rutzenhorn ist keine Posaune, und Bamme, Gott weiß es, ist kein Josua.
                  Denn der hatte das Gesetz, das Gott dem Mose gegeben, und wich nicht zur Rechten
                  und nicht zur Linken. Und so blieb es in Israel, und wenn es arg wurde, weil sie
                  sich mit den heidnischen Völkern mischten und den heidnischen Göttern dienten,
                  dann weckte Gott einen Gottesmann unter ihnen, der schlug dann die Moabiter und
                  Amalekiter und viele andere noch. Und warum schlug er sie? Weil sein Auserwählter
                  dem rechten Gotte diente und die Baalstempel stürzte. Aber dieser Bamme, der nun
                  auszieht, um unsere Feinde zu schlagen, der ist selber ein Heidenkind und möchte
                  jeden Tag dem Baal Tempel und Altäre bauen. Und was ist sein Baal? Das Spiel und
                  der Trunk und die Fleischeslust. Und deshalb sage ich, er wird nicht wiederkehren
                  wie Gideon...«</p>
               <p>»Aber vielleicht wie Jephtha«, scherzte Renate, »und ich werde ihm, wenn er
                  siegreich heimkehrt, mit Pauken und Zimbeln entgegenziehen.«</p>
               <p>Seidentopf und Marie vergaßen angesichts dieses Bildes auf Augenblicke wenigstens
                  den Ernst ihrer Lage, Renate selbst aber, während sie die Hand der Alten nahm,
                  setzte beschwichtigend hinzu: »Sieh nicht so böse darein, liebe Schorlemmer, aber
                  es ist nicht gut, wie du sprichst. Sind wir doch hier in schwerer Stunde
                  beisammen, und die Liebsten, die wir haben, sind ausgezogen, um dem Lande das
                  Zeichen der Erhebung zu geben. Und was tust du? Du malst uns schwarze Bilder, als
                  ob alles untergehen müßte um dieses einen Mannes willen. Das ist nicht recht, und
                  ich kenne dich nicht wieder. Um eines Guten willen übt Gott viel Gnade, so hast du
                  mich früher gelehrt, aber er bereitet nicht um eines Schuldigen willen <pb/>
                  hundert Unschuldigen ihr Verderben. Habe ich recht, lieber Pastor?«</p>
               <p>»Ja und wieder ja«, sagte Seidentopf, »und es führt zu nichts, unsere Herzen immer
                  bänger und schwerer zu machen, wo wir uns aufrichten sollen. Der Eifer hat meine
                  alte Freundin hingerissen. Wir haben all einen Punkt, der eine diesen, der andere
                  jenen, wo wir, wenn wir am gerechtesten zu sein vermeinen, am ungerechtesten
                  werden. Und bei meiner Freundin heißt er: Bamme. Lassen wir den Streit und das
                  Trübesehen und lesen wir ein Wort von der Allmacht und der Gnade Gottes.«</p>
               <p>Marie war aufgestanden und holte von der Camera theologica her die große
                  Augsburgsche mit den Eisenzwingen und öffnete die Klammern. Der alte Seidentopf
                  aber las den neunzigsten Psalm: »Herr Gott, du bist unsere Zuflucht für und für.
                  Ehe denn die Berge worden und die Erde und die Welt geschaffen worden, bist du,
                  Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit.«</p>
               <p>Darnach erhoben sich die Schorlemmer und Renate, um in das Herrenhaus
                  zurückzukehren. Mit ihnen auch Marie, denn sie wollten die Nacht
                  zusammenbleiben.</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Neunzehntes Kapitel</head>
               <head>Der Überfall</head>
               <p>Während in der Pfarre Seidentopf und die drei Frauen in dieser Weise plauderten,
                  rückten die Compagnien auf Frankfurt zu. Einzelne Sterne, kaum hervorgekommen,
                  hatten sich ebenso rasch wieder versteckt, und nur der Schnee, der lag, gab gerade
                  Licht genug, um des Weges nicht zu fehlen. Schweigsam, in dunkler Kolonne ging der
                  Marsch, und wer hundert Schritte seitwärts gestanden hätte, hätte nichts
                  wahrgenommen als einen langen Schattenstrich und dann und wann ein paar Funken aus
                  den kurzen Pfeifen der Landsturmmänner. Die Krähen sahen dem Zuge nach,
                  verwundert, aber ohne sich zu rühren, und nur ein paar von ihnen flogen krächzend
                  auf, <pb/> um es am Wege hin den andern zu melden. Dabei senkte sich das Gewölk
                  immer tiefer, und jeder empfand es wie Schwüle, trotzdem eine kalte Luft
                  strich.</p>
               <p>So kamen sie bis Reitwein, wo noch überall Licht war. Viele von den Dörflern, auch
                  hier meistens Frauen, waren bis auf den Fahrweg hinausgetreten, um ihre in der
                  Kolonne befindlichen Angehörigen zu begrüßen, andere blieben in den Türen stehen
                  und wehten und winkten mit weißen Tüchern, was in dem Dunkel, das herrschte, einen
                  unheimlichen Eindruck machte.</p>
               <p>Hinter dem Dorfe teilte sich der Weg. Als die Kolonnenspitze den Gabelpunkt
                  erreicht hatte, schwenkten die Barnimschen Bataillone, ganz wie es Seidentopf
                  vermutet hatte, nach links hin in die Niederung ab, während die andere Hälfte des
                  Zuges auf dem Plateau hin weitermarschierte. Bei dieser zweiten Hälfte befand
                  sich, außer dem Kommandierenden und seinem Adjutanten, auch unser
                  Landsturmbataillon Lebus.</p>
               <p>An der Spitze desselben, den vordersten Rotten um fünfzig Schritte voraus, ritten
                  Drosselstein und Vitzewitz. Sie kannten Weg und Steg und hatten auf Bammes
                  ausdrücklichen Wunsch die Führung während des Marsches übernommen. Beiden war
                  nicht plauderhaft zu Sinn; endlich aber, als die letzten Reitweinschen Häuser
                  schon in Büchsenschußentfernung hinter ihnen lagen, begann Drosselstein: »Ein
                  Glück, daß wir Hirschfeldt an der Seite des Generals haben. Er ist kaltblütig und
                  kennt den Krieg.«</p>
               <p>»Ja«, bestätigte Vitzewitz. »Und ein Glück um so mehr, als der Alte sich selber
                  mißtraut. Er war eitel genug, das Kommando, das wir ihm anboten und in Anbetracht
                  aller Umstände wohl oder übel anbieten mußten, auch wirklich anzunehmen; jetzt
                  aber ist er unsicher, weil er sich seiner Aufgabe nicht gewachsen fühlt. Am
                  liebsten würd er es jedem einzelnen sagen, und ich rechne es ihm hoch an, daß er
                  darauf verzichtet und sich wenigstens den Leuten gegenüber zum Schweigen zwingt.
                  Er ist kein Mann der ruhigen Überlegung und nur waghalsig für seine Person. Die
                  Verantwortlichkeit drückt ihn.</p>
               <p>
                  <pb/> Diese Stunden sind übrigens die schlimmsten. Ist er erst in Aktion, wird er
                  sich selber wiederfinden.«</p>
               <p>»Und diese Aktion, wie wird sie ablaufen?« fragte der Graf.</p>
               <p>»Ich hoffe gut; es wäre denn...«</p>
               <p>Drosselstein sah ihn fragend an.</p>
               <p>»Es wäre denn«, wiederholte Vitzewitz, »daß uns die Russen im Stich ließen.«</p>
               <p>»Ich habe nicht nur Tschernitscheffs Zusicherung, ich habe sie, wie Sie wissen,
                  gestern zum zweiten Male empfangen. Er ist kein Mann der Eifersüchteleien.«</p>
               <p>»Vielleicht nicht«, antwortete Vitzewitz. »Aber ich kenne die Russen, sie sind
                  launenhaft und lassen es an sich kommen. Dabei haben sie jene glatten
                  gesellschaftlichen Formen, die die Sache nur noch schlimmer machen. Sie
                  versprechen alles und wissen im voraus, daß sie das Versprochene nicht halten
                  werden, wenigstens fühlen sie sich nicht in ihrem Gewissen gebunden. Es fehlt
                  ihnen zweierlei: Ehrgefühl und Mitgefühl. Und Tschernitscheff ist wie die anderen.
                  Es ist möglich, daß er kommt, aber es ist andererseits nicht unmöglich, daß er
                  nicht kommt. Und das ist es, was mir Furcht und Sorge macht.«</p>
               <p>Drosselstein suchte zu widerlegen, aber seine Worte verrieten deutlich, daß er im
                  Grunde seines Herzens Berndts Befürchtungen teilte.</p>

               <p>In der nachrückenden Kolonne war nach wie vor alles still. Schulze Kniehase führte
                  den ersten Zug, Lewin den zweiten, Tubal den dritten. Zwischen dem zweiten und
                  dritten Zuge ging Hanne Bogun. Bamme, seiner hohen Fuchsstute mißtrauend, hatte
                  auf ein Reservepferd bestanden, und der Scharwenkasche Hütejunge war ausersehen
                  worden, den Shetländer am Zaume nachzuführen. In der ganzen Kolonne war er der
                  einzige, dem es wirklich wohl ums Herze war. Eitel und seit dem Tage, wo die
                  »Suche« stattgefunden hatte, von einem immer wachsenden Dünkel gequält, war er
                  auch jetzt wieder begierig, sich hervorzutun, und zweifelte keinen Augenblick,
                  <pb/> daß sich die Gelegenheit dazu finden würde. Schon sein Aufzug deutete darauf
                  hin; er trug eine Friesjacke und Leinwandhose wie gewöhnlich, aber über die Jacke
                  war ein breiter Ledergurt geschnallt, in den er einen Schlitz gemacht und ein
                  langes, in der Mitte ausgeschliffenes Messer hineingesteckt hatte. Der ganze Junge
                  das Bild eines frechen Tunichtgut.</p>
               <p>Tubal, den die Stille bedrückte, trat ein paar Schritte vor und sagte zu dem
                  Einarm: »Hanne, wie heißt das nächste Dorf?«</p>
               <p>»Podelzig.«</p>
               <p>»Eine halbe Meile, nicht wahr?«</p>
               <p>»Joa; awers de de Voß 'meten hett.«</p>
               <p>»Wieso?«</p>
               <p>»De giwt immer sien'n Swans noch to.«</p>
               <p>»Und Podelzig ist halber Weg bis Frankfurt?«</p>
               <p>Hanne Bogun nickte.</p>
               <p>»Höre, Hanne«, fuhr Tubal fort, »wie war es doch damals, war nicht einer von den
                  Rohrwerderschen aus Podelzig?«</p>
               <p>»Joa, Rosentreter.«</p>
               <p>»Richtig, Muschwitz und Rosentreter. Nun hab ich sie wieder. Muschwitz, das war
                  der mit der französischen Uniform und dem Czako. Weißt du noch?! Was ist denn aus
                  ihm geworden und aus dem andern?«</p>
               <p>»De sitten beed noch.«</p>
               <p>»Und die hübsche Frau, die das Kind in dem Schlittenkasten nachfuhr?«</p>
               <p>»De sitt ooch noch.«</p>
               <p>»Arme Frau.« – Hanne grinste.</p>
               <p>»Dat's all nich so schlimm, junge Herr. Rysselmann kachelt in, und upp 'n
                  Rohrwerder, doa wihr et man küll. Bi Winterdag wüll'n se all insitten; awers wenn
                  de Kalmus kümmt, denn is et wat anners, denn wüll'n se all wedder rut.«</p>
               <p>Tubal fragte noch nach dem Spitzkrug und wie weit er vor der Stadt läge. Hanne
                  Bogun wußte aber nichts davon; er war über Podelzig nicht hinausgekommen.</p>
               <p>
                  <pb/> An der Queue der Kolonne ritten Bamme und Hirschfeldt.</p>
               <p>»Nun, Hirschfeldt, wie ist Ihnen?«</p>
               <p>»Gut, Herr General.«</p>
               <p>»Freut mich. Ehrlich gestanden, mir will es nicht glücken; ich bin nicht recht in
                  meinem esse, alles kommt mir zu hochbeinig vor, besonders meine Stute. Und solch
                  Überfall ist doch ein eigen Ding, ein Pferd wiehert, ein Hund blafft, und alle
                  Chancen sind hin. Spielen Sie, Hirschfeldt?«</p>
               <p>»Ich habe gespielt.«</p>
               <p>»Nun, dann wissen Sie, den einen Tag weiß man ganz genau, daß Treff sieben
                  gewinnen wird, und den andern Tag weiß man es nicht.«</p>
               <p>»Und solch ein Tag ist heute?«</p>
               <p>»Hol mich der Geier, ja. Sehen Sie die Krähen an, die hier oben sitzen, sie rühren
                  sich nicht einmal. Sie wissen, daß wir ihnen vor Angst nichts tun werden. Kluge
                  Tiere. Eben ritt ich die Kolonne herunter, Gott, wie das alles schleicht, so
                  schwarz und still, als ob dieser Graben der Fluß in der Unterwelt wäre.</p>
               <p>Wie hieß er doch?«</p>
               <p>»Styx.«</p>
               <p>»Richtig, Styx. Der reine Leichenzug. Und ich wette, den Kerls ist auch so zumute.
                  Jeder wäre lieber zu Haus.«</p>
               <p>Hirschfeldt lächelte.</p>
               <p>»Es ist immer so, General. Die beste Truppe macht ein schief Gesicht, eh es
                  losgeht. Und nun gar bei Nacht. Die Nacht ist keines Menschen Freund, sagt das
                  Sprüchwort, und der Soldat ist auch ein Mensch. Aber die Leute sind gut. Die
                  Pikencompagnie unter dem hagern alten Herrn...«</p>
               <p>»Rutze.«</p>
               <p>»... Diese Pikencompagnie kann als Muster gelten, und die Compagnie Hohen-Vietz
                  kommt ihr gleich. Sehen Sie solchen Mann wie diesen Kniehase, ein Herz wie ein
                  Kind und ein Paar Arme wie ein Athlet. Ich habe mir heute bei der Revue jeden
                  einzelnen scharf angesehen. Es wird alles in allem gut ablaufen, immer
                  vorausgesetzt...«</p>
               <p>»Nun?«</p>
               <p>
                  <pb/> »Immer vorausgesetzt, daß uns die Russen nicht im Stiche lassen.«</p>
               <p>Bamme nickte und sagte dann zustimmend: »Ich traue dem Tettenborn nicht.
                  Flausenmacher. Will sich in die Zeitungen bringen. Berlin, Berlin. Alles dies hier
                  ist ihm zuwenig, macht nicht Aufsehen genug.«</p>
               <p>Es war ganz ersichtlich, daß Bamme den ernsten und beinahe feierlichen
                  Tschernitscheff mit dem etwas leichtfüßigen Tettenborn, der seit vollen drei Tagen
                  auf dem Hohen-Barnim, zwischen Küstrin und Berlin, umherschwärmte, verwechselte.
                  Hirschfeldt war auch willens, den Alten respektvollst darüber aufzuklären, dieser
                  aber fuhr ohne Pause fort: »Sie glauben nicht, Hirschfeldt, was ich an solchen
                  Eitelkeiten alles habe scheitern sehen! Und was noch schlimmer ist als die
                  Eitelkeiten, das sind die Rivalitäten, doppelt und dreifach, wenn sie sich ein
                  politisches oder nationales Mäntelchen umhängen können. Und nun gar diese Russen!
                  Ich wette, daß uns jeder von ihnen eine Schlappe gönnt. Es liegt ihnen daran, der
                  Welt und vielleicht auch sich selber weiszumachen, daß es ohne Kosaken nicht geht
                  und daß überall, wo diese Hilfe fehlt, eine Niederlage sicher ist. Sie gefallen
                  sich in ihrer Befreierrolle, und um so mehr, je neuer ihnen die Rolle ist.«</p>

               <p>Unter solchen Gesprächen setzte sich der Marsch der Kolonne fort, und durch die
                  Nacht hin hörte man nichts als den schweren Tritt der Landsturmmänner auf dem
                  hartgefrorenen Schnee und von Zeit zu Zeit das Klappern ihrer Piken und Gewehre,
                  wenn sie diese von der einen Schulter auf die andere legten. Um zehn Uhr
                  passierten sie Podelzig, um elf die Lebuser Schäferei. Von hier aus war es noch
                  anderthalb Stunde; immer schwankender wurde der lange schattenhafte Zug, bis man
                  es von der Oberkirche her Mitternacht schlagen hörte; einige Minuten später
                  hielten alle am Spitzkrug. Die beiden Barnimschen Bataillone waren schon da und
                  standen zu beiden Seiten des Wegs. Eine kurze Rast war unerläßlich; Bamme ließ die
                  Gewehre zusammenstellen, und gleich darauf saßen <pb/> die Landsturmmänner auf
                  Zaunplanken und Chausseesteinen und wickelten aus ihren Sacktüchern heraus, was
                  ihnen Weib und Kind an Zehrung mit auf den Weg gegeben hatten. Kein Wort fiel;
                  jeder fragte sich still, ob es wohl seine letzte Mahlzeit sei.</p>
               <p>Bamme war während dieser Lagerszene in den Spitzkrug eingetreten, in dessen
                  großem, aber niedrigen und spärlich erleuchteten Gastzimmer er den erwarteten
                  Vertrauensmann der Frankfurter Bürgerschaften bereits vorfand. Aus seinem Rapport
                  ergab sich, daß alle Häuser am Nikolaikirchplatz mit Bürgerwehren besetzt, in der
                  alten Kirche selbst aber die besten Mannschaften versteckt seien, mit denen
                  Othegraven den General Girard gefangenzunehmen gedenke. All dies wurde mit Freude
                  gehört; eine zweite Mitteilung indessen, dahin gehend, daß unten am Eingang in die
                  Vorstadt, keine hundert Schritt vom »Letzten Heller« entfernt, eine französische
                  Schildwache stehe, war desto unerfreulicher und nur angetan, ernste Verlegenheiten
                  zu bereiten. Was tun, wie sollte man an dieser Schildwache vorbei?</p>
               <p>Der Spitzkrugwirt erbot sich, noch einmal nachzusehen. Bamme war es zufrieden und
                  ließ inzwischen die Brigade wieder antreten. Er selbst hielt am rechten Flügel, in
                  Front des Bataillons Lebus. Nicht lange, so war der Wirt zurück und bestätigte,
                  daß ein französischer Wachtposten vor dem Sankt-Georgs-Hospitale schildere.</p>
               <p>»Verdammt!« sagte Bamme, »dieser Kerl ist mir im Wege. Wir müssen ihn beschleichen
                  und niederstoßen. Freiwillige vor!«</p>
               <p>Aber keiner rührte sich. Nur Hanne Bogun trat aus Reih und Glied und sah dem
                  General entschlossen, aber frech und widerwärtig ins Gesicht. Er hatte das lange
                  Messer, das ihm bis dahin zur Seite gehangen hatte, mehr nach vorn hin in den
                  Ledergurt geschoben und hielt es mit seiner einen Hand umfaßt.</p>
               <p>Bamme gab dem Jungen einen Jagdhieb und sagte: »Nichts für dich, Hanne«, worauf
                  dieser grinsend zurücktrat, um wieder <pb/> den Zaum des Shetländers zu nehmen,
                  den er einen Augenblick abgegeben hatte.</p>
               <p>Eine peinliche Pause folgte.</p>
               <p>Endlich hörte man Kniehases Stimme vom rechten Flügel her: »Wenn es sein muß, Herr
                  General...«</p>
               <p>Und es lag etwas in dem Ton und Ausdruck dieser Worte, das eines tiefen Eindrucks
                  nicht verfehlte. Bamme, der mit unter diesem Eindruck war, preßte seine Fuchsstute
                  dicht an die Schulter des athletischen alten Mannes und sagte dann: »Nein,
                  Kniehase, lassen wir's. Es muß nicht sein.« Und damit fiel ein Stein von aller
                  Brust. Ein Vorschlag, der schon vorher gemacht worden war, wurde wieder
                  aufgenommen und im Einklange damit beschlossen, die lange Vorstadt ganz zu
                  vermeiden, vielmehr dicht neben derselben hin, im Schutze des sogenannten
                  »Donischberges«, eines mit Werft und Strauchwerk bestandenen Hügelrückens, bis an
                  die Altstadt vorzudringen. Erst hier, am Tore selbst, sollte dann coûte que coûte
                  der Kampf aufgenommen werden.</p>
               <p>Und sofort jetzt, unter Belassung eines den Rückzug sicherstellenden Bataillons am
                  Spitzkruge, wurden alle nötigen Kommandos für den Vormarsch gegeben. Die beiden
                  Barnimschen Bataillone setzten sich über das Plateau hin in Bewegung, um die
                  weiter südlich gelegenen Tore zu gewinnen, während das Bataillon Lebus die
                  mehrgenannte Hügelstraße hinunterrückte. Dicht vor dem »Letzten Heller« bog es
                  nach rechts hin ab und marschierte zunächst in aufgelöster Ordnung, immer zwischen
                  den Windungen des Donischberges hin, auf die ringförmige Esplanade zu, die den
                  Kranz der Vorstädte von der Altstadt trennte.</p>
               <p>Compagnie Hohen-Vietz hatte die Tête. Als sie den Platz am Graben erreicht und mit
                  der Raschheit alter Soldaten sich wieder rangiert hatte, setzte sich Vitzewitz an
                  die Spitze der Seinen, zog den Degen und ritt im Galopp gegen die Dammbrücke vor,
                  die, über den Graben weg, auf das alte Lebuser Tor zuführte. Dieses war
                  geschlossen, und durch das obere Gatter fielen einzelne Schüsse. Kümmritz, der
                  schon Anno<pb/> vierundneunzig als »Kugelfang« gegolten hatte, erhielt einen
                  Streifschuß, gleich darauf einen zweiten, ohne daß seine gute Laune oder die der
                  Zunächststehenden gestört worden wäre; jetzt aber stürzte der Sohn des alten
                  Bauers Püschel zusammen, Kugel durch die Brust, und Vitzewitz, zurückprallend,
                  murmelte vor sich hin: »Der erste Tote.«</p>
               <p>Alles stockte; Schreck und Ratlosigkeit. Es ging nicht weiter.</p>
               <p>In diesem Augenblicke jagte Bamme die lange Kolonne herauf, bis in die Front des
                  Zuges, und mit seinem dicken Fischbein auf die zweiräderigen Karren zeigend, die
                  nach rechts hin in der von ihm Tages zuvor schon wohlbemerkten Torausbuchtung
                  standen, rief er Kniehase zu: »Vier Mann vor! Ich kenn unsere Stadttore;
                  wurmstichig wie Bierpfropfen. Ran! Und weg mit dem Bettel!«</p>
               <p>Und krach, da lag es, und unter Hurra brachen jetzt unsere Vordersten in
                  Alt-Frankfurt ein. Alles vom Feinde floh in die Wache; nur der Posten vorm Gewehr,
                  ein Voltigeur mit einem Spitzbart, hielt noch aus, und Vitzewitz hob eben den Arm,
                  um ihn in Revanche für den Toten, der draußen vor dem Gattertore lag,
                  niederzuhauen, als Hanne Bogun aalglatt an ihm vorbeischoß und den Voltigeur von
                  der Seite her niederstach.</p>
               <p>»Petit crevé!« rief der tödlich Getroffene und sank zu Boden.</p>
               <p>Der Rest des Bataillons rückte nach, und als sich in den nächstfolgenden Minuten
                  alles auf dem Brückendamm und zum Teil auch schon unter dem tiefen Torgewölbe
                  gesammelt hatte, gab Bamme Befehl, daß Compagnie Hohen-Vietz, und zwar unter
                  Befehl Kniehases, als zunächst verfügbare Reserve bei der von ihr erstürmten
                  Torwache verbleiben, Vitzewitz selbst aber (dessen Rats er nicht entbehren mochte)
                  ihn auf dem weiteren Vormarsch in die Stadt hinein begleiten solle. Ebenso Hanne
                  Bogun mit dem Shetländer.</p>
               <p>Kaum daß diese Befehle gegeben waren, als sich auch schon die lange Kolonne nach
                  vornhin in Bewegung setzte: Compagnie Hohen-Ziesar vorauf, dann Lietzen-Dolgelin,
                  dann Rutze mit seinen Pikenieren. Als der letzte Mann vorüber war, <pb/> warf
                  Bamme seine Fuchsstute herum, gab ihr die Sporen und setzte sich en ligne mit
                  Drosselstein, der mittlerweile schon das Gassengewirr der Innenstadt erreicht
                  hatte.</p>
               <p>»Links schwenkt!« Die Führer wiederholten das Kommando, und ohne daß irgendeine
                  Stockung oder Unordnung stattgefunden hätte, defilierten alle drei Compagnien auf
                  den öden Kirchplatz, an dessen einer Ecke das Turganysche Haus gelegen war.
                  Diesseits war noch alles in Halbdunkel; kaum aber daß unsere Landsturmmänner, an
                  beiden Seiten der Kirche vorbei, den abwärtsgelegenen Teil des Platzes erreicht
                  hatten, als sich ihren Blicken ein völlig verändertes Bild entgegenstellte. Vor
                  dem Gasthofe mit den verschnittenen Linden standen zahlreiche Bürgerwehren, in
                  allen Etagen schimmerte Licht, und ehe Bamme noch Zeit zu Überblick und
                  Orientierung gefunden hatte, meldete Othegraven, daß General Girard und sein Stab
                  gefangengenommen und auf Ehrenwort in ihren Zimmern belassen worden seien. Nur
                  eine schwache Abteilung unter Major Rudelius habe die Bewachung des Hauses und der
                  Gefangenen übernommen.</p>
               <p>Bamme nickte, lobte das Verhalten der Bürger und führte dann seine Compagnien in
                  die breite, aber kurze Straße hinein, die, wie schon bei früherer Gelegenheit
                  hervorgehoben, vom Kirchplatze her auf den Flußquai mündete. Und jetzt war dieser
                  Quai erreicht, und ein Ausruf allgemeinen Erstaunens wurde laut. An der anderen
                  Seite des Flusses standen der Holzhof und das Bohlenlager in Flammen, während nach
                  rechts hin die Brücke brannte. Das Feuer drüben stieg hoch und hell in den
                  Nachthimmel hinein, über der Brücke aber, die, des nassen Holzes halber, mehr
                  schwelte als brannte, lagen Rauch und Qualm in dichten Wolken, aus denen nur dann
                  und wann eine dunkele Glut auflohte.</p>
               <p>Der alte General kommandierte: »Halt!« und ließ seinen rechten Flügel, die
                  Drosselsteinschen, unmittelbar am Brückenaufgange Stellung nehmen. Hier hielt er
                  auch in Person. Als er aber wahrnahm, daß er von dieser Position aus nicht Umblick
                  genug habe, ritt er auf die Brücke selbst hinauf und <pb/> postierte sich in Nähe
                  des Feuers, das ihm zugleich eine Art Deckung gewährte. Und nun übersah er die
                  langen Linien von Freund und Feind.</p>
               <p>Nach links hin die Seinen; ein Bild, das ein altes Soldatenherz wohl erfreuen
                  konnte. Erst die berittenen Mannschaften von Hohen-Ziesar, dann die Komtureifahne
                  von Lietzen-Dolgelin (achtspitziges Kreuz im roten Feld), dann Rutze mit
                  niedergesenktem Sponton und hinter diesem die schmucken Uniformen der Frankfurter
                  Bürgerschützen, grün und goldbordiert – alles sichtbar im hellen Feuerschein des
                  brennenden Holzhofes. In Front der langen Aufstellung aber Drosselstein und
                  Vitzewitz, als Unterbefehlshaber an beiden Flügeln.</p>
               <p>Und ebenso klar sah er drüben den Feind. In Trupps von zehn und zwanzig Mann
                  standen die Voltigeurs am Ufer hin, ersichtlich ohne Führung. Aber diese sollte
                  nicht lange mehr auf sich warten lassen; Offiziere zu Pferde jagten am Quai hin
                  auf und ab, aus dem Gassengewirr der Dammvorstadt lärmten Trommeln und Hörner, und
                  ehe zehn Minuten um waren, erschienen geschlossene Grenadiercompagnien, an ihren
                  hohen Bärenmützen deutlich erkennbar, und nahmen Stellung zwischen der Brücke und
                  dem brennenden Holzhof, während die Voltigeurs allmählich die Böschung
                  hinabzusteigen und einen Weg über das Eis hin zu gewinnen suchten. Mit vielem
                  Geschick avancierten sie, je nach den Signalen sich sammelnd oder wieder trennend,
                  und stutzten erst, als sie mitten auf dem Fluß der breiten Rinne gewahr wurden,
                  die die Kietzer Fischer in das Eis gehauen hatten. An Überspringen war nicht zu
                  denken, dazu war die Rinne zu breit; so mußten sie wieder zurück, um entweder
                  Bretter herbeizuschaffen oder weiter flußabwärts, wo das Aufeisen mutmaßlich ein
                  Ende hatte, den Übergang zu versuchen.</p>
               <p>Bamme sah diese Rückwärtsbewegung und freute sich ihrer. Aber soviel sie für den
                  Augenblick bedeutete, so bedeutungslos war sie, wenn die Hilfe ausblieb, auf die
                  diesseitig gerechnet war. Waren die Russen in die Dammvorstadt eingedrungen?
                  Hatten sich die Barnimschen Bataillone der beiden <pb/> andern Stadttore
                  bemächtigt? Bammes scharfes Ohr horchte nach rechts und links, aber kein Ton wurde
                  laut, der ihm diese Frage bejaht hätte. Immer gewisser wurd es ihm, daß er, wenn
                  Tschernitscheff ausblieb, in diesem ungleichen Kampfe unterliegen müsse.</p>
               <p>Das Bild, das sich ihm mittlerweile darstellte, konnte dieser trüben Erwartung nur
                  als Bestätigung dienen. Die bis an die Rinne vorgedrungenen Voltigeurs waren kaum
                  wieder am Ufer zurück, als sie mit der dem französischen Soldaten eigenen
                  Raschheit sich in ihrer Lage zurechtzufinden und allerlei Hilfen auszukundschaften
                  wußten. Ohne Kommandos abzuwarten, griffen sie nach dem, was der Moment
                  erheischte, und während einige zupackten, um ein paar der am Ufer liegenden
                  Flachboote die Böschung hinab und auf das Eis zu schieben, hatten sich andere der
                  an den Pappelweiden hin aufgestellten Bootshaken bemächtigt, mit denen sie nun auf
                  den brennenden Holzhof zuliefen und oben in die Bohlen- und Bretterlager
                  einhakten, um diese niederzureißen. Es glückte. Viele dieser Bretter waren erst
                  angeglimmt, und sie rasch durch den Schnee ziehend, bis die Flämmchen erloschen
                  waren, schleppten sie sie jetzt über das Eis hin bis wieder in die Mitte des
                  Flusses, wo denselben Augenblick auch ein paar eben eingetroffene Flachboote rasch
                  und geschickt in die Wasserrinne hinabgelassen wurden. In weniger als einer
                  Viertelstunde war die Pontonbrücke fertig, und über dieselbe weg avancierten jetzt
                  die Vordersten, während sich vom Ufer her immer größere Voltigeurtrupps und
                  zuletzt auch geschlossene Grenadiercompagnien in Bewegung setzten. En avant! Und
                  dazwischen am Quai hin und auf dem Eise das Schmettern der Clairons.</p>
               <p>Diesseitig aller örtlichen Vorteile beraubt, mußte sich's nun zeigen, wer der
                  Stärkere sei. Der erste Ansturm, der sich gegen die Frankfurter richtete, mißlang;
                  aber ohne durch dieses abermalige Scheitern in die geringste Verwirrung zu
                  geraten, schoben sich die französischen Kolonnen einfach weiter links, wo mehrere
                  nebeneinanderliegende Holz- und Torfkähne ihnen eine vorzügliche Deckung
                  gewährten. Um so vorzüglicher, als <pb/> die Schiffsrumpfe gerade mannshoch waren,
                  so daß die Angreifer kaum getroffen werden konnten.</p>
               <p>Über diese Schiffsrumpfe hinweg entspann sich nun ein Feuergefecht, dessen
                  endlicher Ausgang um so weniger zweifelhaft sein konnte, als die hier stehenden
                  Pikeniere den Kampf nicht nur ohne Deckung führen, sondern, schlimmer als das,
                  auch das feindliche Feuer aushalten mußten, ohne es ihrerseits erwidern zu können.
                  Der Mut der Rutzeschen sah sich hier auf eine harte Probe gestellt. Sie kamen
                  zuletzt ins Schwanken, und da Vitzewitz Anstand nahm, sich an die neben ihm
                  stehenden Drosselsteinschen um Hilfe zu wenden, die bei der immer wachsenden
                  Ausdehnung des Gefechts jeden Augenblick selbst angegriffen werden konnten,
                  entschloß er sich, auf eigene Verantwortung bis an die Torwache zurückzureiten und
                  seine daselbst untätig haltenden Hohen-Vietzer heranzuholen.</p>
               <p>Auch Bamme, von seiner Brückenstellung aus, hatte die Rückwärtsbewegung der
                  Rutzeschen Pikenmänner wahrgenommen, und in voller Wut auf sie losjagend, rief er
                  ihnen schon von weitem zu: »Stillgestanden! Gewehr zur Attacke rechts!« Und siehe
                  da, sie gehorchten wirklich, legten die Piken ein und gingen wieder bis halb an
                  die Böschung vor. Aber eben jetzt von links und rechts her einschlagende Kugeln
                  erneuerten nicht bloß das Schwanken, sondern steigerten es noch, und Bamme sah im
                  Nu, daß es unmöglich sein werde, die Rutzeschen en ligne mit den übrigen
                  Compagnien zu halten. Nichtsdestoweniger warf er sein Pferd herum, um wenigstens
                  einen Versuch zu machen, die Weichenden von hinten her wieder vorzutreiben. Und
                  hierbei traf er auf den Protzhagenschen Hornisten, der ängstlicher noch als alle
                  anderen nach Deckung suchte.</p>
               <p>»Ins drei Deibels Namen, Horn von Uri, blas!« rief er und hieb mit dem Fischbein
                  auf den verwirrten Hornbläser ein. Dieser, der Macht des Kommandoworts gehorchend,
                  schob, ohne zu wissen, was er tat, sein altes Rutzenhorn zurecht und begann zu
                  blasen, aber, in der Angst seines Herzens, statt des <pb/> Angriffs-das
                  Rückzugssignal. In diesem Augenblicke (ein Glück für den Protzhagenschen) erhielt
                  die rote Fuchsstute Bammes eine Kugel, so daß diese mitsamt ihrem Reiter
                  zusammenstürzte. Aber mit merkwürdiger Raschheit war der Alte wieder auf, bestieg
                  den Shetländer, den Hanne Bogun in Bereitschaft gehalten hatte, und saß im
                  nächsten Augenblicke wieder fest im Sattel.</p>
               <p>»Ah!« sagte er, während er sich behaglich zurechtrückte, und alles Zwanges los,
                  den ihm das »Generalspferd« von Anfang an auferlegt hatte, hatte er nun endlich
                  sich selber wieder. Er schob das Fischbein unter den Sattel und zog den
                  Husarensäbel, den er »Anno 95« geschworen hatte nicht wieder ziehen zu wollen.</p>
               <p>Er hatte sich selber wieder, aber auch nichts mehr, denn die gesamte Lage war
                  inzwischen nicht besser geworden. Die Voltigeurs, immer weiter nach rechts sich
                  dehnend, hatten flußabwärts, an Stellen, wo das Aufeisen ein Ende nahm, ihren
                  Übergang bewerkstelligt und schickten sich an, aus allen Nebengassen vorbrechend,
                  unsere gesamte Aufstellung von Seite und Rücken her zu nehmen. Und schlimmer als
                  alles, auch die wenigen, diesseits in Bürgerquartieren untergebrachten Franzosen,
                  die sich bis dahin ruhig und versteckt gehalten hatten, gewannen jetzt wieder Mut
                  und schossen aus den Fenstern ihrer Häuser. Es waren namentlich die
                  Drosselsteinschen, die von diesem Fensterfeuer arg betroffen wurden, und als
                  gleich darauf, »pour combler le malheur«, wie der Graf vor sich hin murmelte, auch
                  die drüben am »Goldenen Löwen« stehenden Grenadierabteilungen ein Salvenfeuer
                  mitten durch den Qualm und Rauch der brennenden Brücke hin abgaben, kam ein
                  Schwanken in die ganze Linie.</p>
               <p>Es stand in Wahrheit hoffnungslos; nichtsdestoweniger flackerte die Hoffnung noch
                  einmal auf, als in eben diesem bedrohtesten Augenblicke vom Kirchplatze her der
                  feste Tritt der heranmarschierenden Hohen-Vietzer vernehmbar wurde.</p>
               <p>»Hurra, Kinder!« rief Bamme, »das ist die Schwedentrommel«, und unter dem Jubel
                  der Pikeniere, die momentan wieder <pb/> zum Stehen gebracht worden waren, rückten
                  jetzt unsere Freunde in die vorderste Linie ein.</p>
               <p>Berndt erkannte vom Sattel aus sofort, daß sich, eben jetzt, um die bis dahin
                  siegreich verbliebenen Frankfurter Bürgerschützen eine geschickt angelegte
                  Schleife zusammenzuziehen begann, und in höchster Erregung seinen drei vordersten
                  Sektionen zurufend: »Vorwärts...! Nicht schießen, Bajonett!«, spornte er, bevor er
                  noch wahrnehmen konnte, ob man ihm folge oder nicht, sein Pferd mitten in den
                  Knäuel hinein, gerade auf die Stelle zu, wo er den mit einem alten Kavalleriesäbel
                  sich nach links und rechts hin wie wahnsinnig verteidigenden Konrektor deutlich
                  erkannt hatte. Aber freilich, eh er noch an diesen herankonnte, wär er sicherlich
                  vom Pferde gerissen und ein Opfer seines Muts und seiner Hilfebereitschaft
                  geworden, wenn ihm nicht seine Hohen-Vietzer dicht und mit Ungestüm gefolgt wären,
                  so dicht, daß er inmitten aller Aufregung und Verwirrung dennoch jeden einzelnen
                  zu erkennen glaubte. Er sah, daß Kniehases Stirn blutete und daß Grell, der in dem
                  wirren Durcheinander seine Kappe verloren hatte, von einem französischen Offizier
                  niedergehauen wurde. Dann aber umschleierte sich alles vor seinen Augen, Schüsse
                  fielen, französische und deutsche Fluchwörter, und als er eine Minute später aus
                  dem Knäuel wieder heraus war, mußte er wahrnehmen, daß all ihre Anstrengungen
                  nichts erreicht hatten und daß es mißglückt war, Othegraven zu befreien. Wer außer
                  Grell noch gefallen oder gefangen war, ließ sich im Momente nicht mit Bestimmtheit
                  übersehen. Lewin wurde vermißt; aber er konnte zu den Versprengten und
                  Abgedrängten gehören, von denen sich in jedem Augenblick verschiedene wieder
                  einfanden.</p>
               <p>Nach diesem allem konnt es sich nur noch darum handeln, möglichst rasch und mit
                  möglichst wenig Verlust aus der Frankfurter Falle wieder herauszukommen. Bamme gab
                  Befehl erst zum Abbrechen des Gefechtes, dann zum Rückzuge. Die Pikeniere rückten
                  über den inzwischen leer und lichtlos gewordenen Platz, dann folgte Hohen-Ziesar,
                  dann Lietzen- <pb/> Dolgelin. Die Hohen-Vietzer, die noch den meisten Halt hatten,
                  deckten den Rückzug. Dieser ging in Ordnung, bis die Spitze der Kolonne das alte
                  Lebuser Tor erreichte. Hier, von Flintenschüssen des wieder ins Gewehr getretenen
                  französischen Wachkommandos empfangen, gerieten die Vordersten ins Schwanken und
                  gleich darauf in eine Verwirrung, die sich bald dem ganzen Zuge mitteilte und
                  während des Marsches durch die Vorstadt hin eher steigerte als minderte. Die lange
                  Straße lag im Dunkel, hier Wagen, dort umgestülpte Fischerboote hemmten die
                  Passage, und viele der ermüdeten Landsturmmänner glitten aus oder stürzten in die
                  Gossen und Löcher, an denen kein Mangel war.</p>
               <p>»Licht!« schrie Bamme, »verdammte Sottmeiers, stecken Häuser an und wollen Lichter
                  sparen. Licht, sag ich, oder den roten Hahn auf euer Dach.«</p>
               <p>Und dabei schlug er mit seinem Fischbein, zu dem er wieder seine Zuflucht genommen
                  hatte, an die Haustüren und Fensterläden. Das half; einzelne Lichter erschienen,
                  und man sah jetzt wenigstens, wo man war. So ging es in schwankender Linie die
                  nicht enden wollende Vorstadt entlang, am Sankt-Georgs-Hospitale vorbei, bis sie
                  zuletzt am »Letzten Heller« hielten. Die Rotten wurden abgezählt; Lewin fehlte
                  noch immer.</p>
               <p>Das am Spitzkrug zurückgelassene Bataillon war schon vorher aus freiem Entschluß
                  bis an den Fuß des Berges hinabgestiegen.</p>
               <p> Ein Trost, aber auch der einzige.</p>
               <p>Das Lämpchen brannte noch immer in der vergitterten Nische, und die beiden
                  »Nonnen« hielten nach wie vor ihre welken Kränze dem Gekreuzigten entgegen.</p>
               <p>Bamme sah eine Weile in die Nische hinein und sagte dann zu dem neben ihm
                  stehenden Hirschfeldt: »Hier, Hirschfeldt, hier ist unser Platz, hier am ›Letzten
                  Heller‹. Hier wurd es geplant, und hier geht es zu Ende. Ich hatt eine Ahnung
                  davon. Der letzte Heller. Da haben wir ihn!«</p>
               <pb/>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Zwanzigstes Kapitel</head>
               <head>Der andere Morgen</head>
               <p>In die Nacht und dann allmählich in den dämmernden Tag hinein war der Rückzug
                  gegangen, die Kolonne während des Marsches immer kleiner werdend. Schon am
                  Spitzkrug waren die Barnimschen Bataillone, bei Reitwein die Compagnien
                  Hohen-Ziesar und Lietzen-Dolgelin abgeschwenkt, und nur der verbleibende Rest,
                  darunter die Rutzeschen Pikeniere, rückte bis Hohen-Vietz.</p>
               <p>Es schlug sieben, als sie bis dicht an Miekleys Mühle heran waren. Ein schwerer,
                  graugelber Nebel senkte sich, und nur die Vordersten konnten das Gehöft erkennen.
                  Dazu herrschte peinliche Stille; die dicke Luft dämpfte den Ton, und es war, als
                  schlichen sie heran. Bamme fühlte das und wollte damit ein Ende machen. »Vorwärts,
                  Hirschfeldt«, rief er, »vorwärts mit der ganzen Janitscharenmusik! Wir wollen
                  nicht ohne Sang und Klang einrücken, als kämen wir recte von der Armensünderbank.
                  Zeigen wir unser gutes Gewissen, oder tuen wir wenigstens so.« Und durch den Nebel
                  hin wirbelte die Hohen-Vietzer Trommel, und einzelne Töne des Rutzeschen Hornes
                  fielen ein. Alles dumpf und trübe, und jedem, der es hörte, ging es durch Mark und
                  Bein. Endlich hielten sie. »Gewehr ab!« Es war der Platz zwischen dem Krug und dem
                  Schulzenhof; in den Häusern war Licht, aber niemand zeigte sich auf der Straße.
                  Berndt und Bamme hatten noch eine kurze Beratung wegen Unterbringung der
                  Pikeniere; dann gab die Trommel das Signal, und alles rückte in die Quartiere ab.
                  Ehe fünf Minuten um waren, waren nur noch unsere Freunde da, schweigsam und
                  unschlüssig, was zu tun. Keinen drängte es, die Schwelle des Herrenhauses wieder
                  zu betreten, wußte doch jeder: Unglücksboten kommen immer zu früh. Endlich sagte
                  Berndt, indem er auf den Schulzenhof hinwies: »Ich habe noch ein Wort mit Kniehase
                  zu sprechen. Bitte, General, melden Sie mich bei meiner Tochter. Oder Tubal,
                  du.«</p>
               <p>Bamme nahm Hirschfeldts Arm, und Tubal folgte. So schritten <pb/> sie die
                  Dorfgasse hinauf bis an das Herrenhaus. Jeetze stand in der Glastür und schien mit
                  seinem verwunderten Blick nach dem alten und jungen Herrn zu fragen. »Noch im
                  Dorf«, sagte Bamme und setzte dann in halblautem Tone hinzu: »Kommen Sie,
                  Hirschfeldt, ich liebe keine Familienszenen. Am wenigsten solche.« Und damit ging
                  er nach dem Korridor, der in sein Zimmer führte. Nur Tubal blieb zurück. Was war
                  zu tun? Sollte er bei Renaten eintreten? Er konnt es nicht; so warf er sich in
                  einen alten, neben dem Kamin stehenden Lehnstuhl, in dem Jeetze die Nacht
                  zugebracht hatte.</p>
               <p>Berndt war nicht auf den Schulzenhof zugeschritten; er hatte nur allein sein
                  wollen und folgte jetzt den Voraufgegangenen in kurzer Entfernung. Ihm schlug das
                  Herz, und langsam, als ob er eine zu schwere Last trüge, schwankte er erst an der
                  Pfarre und dann an Bauer Püschels großem Gehöft vorüber. Da drinnen war auch
                  Trauer: der einzige Sohn gefallen.</p>
               <p>Das nächste Gehöft war das von Kallies. Zwischen beiden lief ein Ligusterzaun, und
                  einige der dürren Zweige streiften ihm das Gesicht, als er daran vorüberging. Er
                  blieb stehen und sann und horchte und griff dann in die Zweige hinein, um sich zu
                  halten, denn er fühlte, daß er dem Umfallen nahe sei.</p>
               <p>»Alles gescheitert«, sagte er. »Und ich hab es so gewollt. Gescheitert, ganz und
                  gar. Soll es mir ein Zeichen sein? Ja. Aber ein Zeichen, daß wir unser Liebstes an
                  ein Höchstes setzen müssen. Nichts anderes. Dies ist keine Welt der Glattheiten.
                  Alles hat seinen Preis, und wir müssen ihn freudig zahlen, wenn er für die rechte
                  Sache gefordert wird.«</p>
               <p>So sprach er zu sich selbst. Aber inmitten dieses Zuspruchs, an dem er sich
                  aufzurichten gedachte, ergriff es ihn mit neuer und immer tieferer Herzensangst,
                  und sich vor die Stirn schlagend, rief er jetzt: »Berndt, täusche dich nicht,
                  belüge dich nicht selbst. Was war es? War es Vaterland und heilige Rache, oder war
                  es Ehrgeiz und Eitelkeit? Lag bei dir die Entscheidung? Oder wolltest du glänzen?
                  Wolltest du der erste sein? Stehe mir Rede, ich will es wissen; ich will die
                  Wahrheit wissen.«</p>
               <p>Er schwieg eine Weile; dann ließ er den Zweig los, an dem <pb/> er sich gehalten
                  hatte, und sagte: »Ich weiß es nicht. Bah, es wird gewesen sein, wie es immer war
                  und immer ist, ein bißchen gut, ein bißchen böse. Arme kleine Menschennatur! Und
                  ich dachte mich doch größer und besser. Ja, sich besser dünken, da liegt es;
                  Hochmut kommt vor dem Fall. Und nun welch ein Fall! Aber ich bin gestraft, und
                  diese Stunde bereitet mir meinen Lohn.«</p>
               <p>So war er bis auf den Hof seines Hauses gekommen. In der Halle fand er Tubal, der,
                  erschöpft von der Anstrengung, in Jeetzes Lehnstuhl eingeschlafen war. Neben ihm
                  lag Hektor. Als dieser seines Herrn ansichtig wurde, sprang er auf und drängte
                  sich an ihn, aber ohne sonst ein Zeichen der Freude zu geben. Berndt streichelte
                  das kluge Tier, warf einen Blick voll stillen Neides auf den schlafenden Tubal und
                  schritt dann auf die Tür zu, die nach dem Eckzimmer führte. Er legte die Hand auf
                  den Griff und zögerte noch einmal. Aber es mußte sein. Nur die beiden Mädchen
                  waren da. Renate flog ihm entgegen. »Mein einzig lieber Papa«, rief sie und hing
                  an seinem Halse. Dann ließ sie von ihm ab und fragte wie sein Gewissen: »Wo ist
                  Lewin?«</p>
               <p>Der alte Vitzewitz rang, ein Wort zu finden. Endlich, in einem Tone, in dem sich
                  der ganze Jammer seines eigenen Herzens aussprach, sagte er: »Ich weiß es
                  nicht.«</p>
               <p>»Also gefangen, tot?«</p>
               <p>»Nein, nicht tot, noch nicht.«</p>
               <p>Angst und Zittern ergriffen Renaten, aber in demselben Momente sah sie, daß Marie
                  schwankte und wie leblos zu Boden stürzte. Berndt war von dem Anblick wie
                  mitgetroffen. Ihm schwindelte unter dem Andrang alles dessen, was auf ihn
                  einstürmte; endlich riß er sich aus seiner Betäubung und zog die Klingel. Jeetze
                  kam, gleich darauf auch die Schorlemmer; alles lief und rannte; er selber aber war
                  geschäftig, Marie wieder aufzurichten. Als ihm dies geglückt, sah er, daß sie aus
                  einer Stirnwunde dicht neben der linken Schläfe blutete; sie war auf den scharf
                  vorspringenden Kaminfuß gefallen. Endlich von ihrer Ohnmacht sich wieder erholend,
                  verlangte sie nach dem <pb/> Schulzenhofe gebracht zu werden, wozu sich Maline
                  weniger aus Mitleid als Neugier sofort bereit erklärte. Durfte sie doch hoffen,
                  unten im Dorfe mehr zu hören als im Herrenhause, wo jeder sich einschloß und
                  schwieg. Selbst auf Bamme, trotzdem seine Klausur aufgehört hatte, war nicht viel
                  zu rechnen.</p>
               <p>Als Berndt und Renate wieder allein waren, sagte jener: »Was war es mit Marie? Ich
                  hätte sie für fester gehalten.«</p>
               <p>Renate schwieg.</p>
               <p>»Er ist dein Bruder«, fuhr Berndt fort. »Und doch, du trugst es.«</p>
               <p>Eine Pause folgte, während welcher Renate den Blick zu Boden senkte. Endlich
                  antwortete sie: »Sie liebt ihn.«</p>
               <p>Der alte Vitzewitz, nach allem, was er eben mit Augen gesehen hatte, schien eine
                  Antwort wie diese erwartet zu haben und sagte deshalb ruhig: »Und er – weiß er
                  davon?«</p>
               <p>»Nein.«</p>
               <p>»Bist du dessen gewiß?«</p>
               <p>»Ja, ganz gewiß. Nie verriet sie sich, weder mit Wort noch Blick. Und hätte sie's,
                  Lewin hätte kein Auge dafür gehabt; er war blind in seiner Liebe zu Kathinka.«</p>
               <p>Berndt schritt im Zimmer auf und ab, und die widerstreitendsten Empfindungen
                  bekämpften sich in seiner Brust. Einen Augenblick zuckte es spöttisch um seinen
                  Mund, daß des »starken Mannes« Kind in das alte Haus der Vitzewitze kommen solle,
                  aber dann schwand aller Spott wieder, und die nächstliegende Not gewann allein
                  Gewalt in seinem Herzen, die Not um den einzigen Sohn. »Wie rette ich ihn?« Und es
                  war, als ob er vor sich selber ein Gelübde täte: »Gott, ich lege jeden Stolz zu
                  deinen Füßen; demütige mich, ich will stillhalten; alles, alles; nur erhalte mir
                  ihn.«</p>
               <p>Renate, während Berndt auf und ab geschritten war, war ihm mit den Augen gefolgt.
                  Sie wußte genau, was in seiner Seele vorging, und sagte jetzt: »Bitte, Papa, sage
                  mir alles. Was ist es mit ihm? Verschweige mir nichts!«</p>
               <p>Er nahm ihre Hand. »Ich habe dir nichts verschwiegen, Kind. Dunkel und Ungewißheit
                  ist alles. Ich weiß nicht mehr als du. Aber eines weiß ich nur zu gut: wir müssen
                  alles <pb/> fürchten, alles, auch wenn in diesem Augenblicke Gottes Sonne noch
                  über ihm scheint. Mit den Waffen in der Hand gefangen! Sie werden ihn vors
                  Kriegsgericht bringen, und...«</p>
               <p>»Wie kam es?« unterbrach ihn Renate. »Sprich, ich möchte von ihm hören, mich an
                  etwas aufrichten, und wenn es an nichts anderem wäre als an dem eitlen Troste
                  getaner Pflicht oder bewiesenen Mutes.«</p>
               <p>»Und diesen Trost kann ich dir gewähren. Es war ein Handgemenge; sie hatten
                  Othegraven umzingelt, und wir wollten ihn frei machen. So ging es hinein in den
                  Knäuel. Als wir wieder heraus waren, fehlte Lewin. Anfangs hofften wir noch, denn
                  es fehlten viele, die sich nach und nach wieder zu uns fanden; aber Lewin blieb
                  aus. Kein Zweifel, er ist gefangen.«</p>
               <p>»Und was tun wir?«</p>
               <p>»Was uns allein noch bleibt: Gottes Barmherzigkeit anrufen. Mögen ihm alle guten
                  Engel zur Seite stehen! Wir können nichts mehr.« Und damit verließ er das Zimmer
                  und ging in sein Cabinet hinüber.</p>
               <p>Hier war es kalt und unwirsch. Jeetze hatte zu heizen vergessen; dazu lag Staub
                  auf Tisch und Stühlen. Aber Berndt sah es nicht oder glitt gleichgiltig mit dem
                  Auge darüber hin, während er doch in dem Widerstreit, der in solchen Momenten
                  unsere Seele zu füllen pflegt, seinen Sinn auf andere, fast noch gleichgiltigere
                  Dinge richtete. Er sah, daß an dem Schlüsselbrett die Schlüssel falsch hingen, und
                  begann nun alles nach Nummer und Reihe zu ordnen. Dann schritt er auf das Fenster
                  zu und starrte minutenlang auf die russischen Karten und Pläne, die hier immer
                  noch an den breiten Klappläden angeklebt waren. »Minsk, Smolensk, Bialystok.« Und
                  er wiederholte die Namen, auf und ab schreitend, immer wieder und wieder. Endlich
                  blieb er vor dem Bilde stehen, das über seinem Arbeitstische hing, und seine Augen
                  füllten sich mit Tränen. »Geliebte«, sprach er vor sich hin, »wie preis ich Gott,
                  daß dir diese Stunde nach seinem gnädigen Ratschluß erspart geblieben ist. Ach,
                  daß ich wäre, wo du bist. Frieden allein ist bei den Toten.«</p>
               <p>
                  <pb/> Er ließ sich auf das Sofa nieder und begann ein Frösteln zu fühlen. Da lag
                  sein Mantel, den Jeetze, statt ihn anzuhängen, einfach über die Lehne geworfen
                  hatte. Das traf sich gut. Er zog ihn an sich und wickelte sich ein. »Minsk,
                  Smolensk...«, aber nun schwand ihm das Bewußtsein, und er schlief.</p>

               <p>Er schlief fest und lange. Mittag war vorüber, als ihn ein Klopfen an der Tür
                  weckte. Es war schon das dritte Mal. »Herein!« Jeetze meldete, daß der alte
                  Rysselmann gekommen sei.</p>
               <p>»Laß ihn vor. Gleich.«</p>
               <p>Der alte Rysselmann trat ein, steif und geradlinig wie immer, das Haar nach hinten
                  gekämmt, seinen Rohrstock unterm Arm und das Gerichtsdienerblechschild auf dem
                  langen blauen Stehkragenrock. Er blieb an der Tür stehen und grüßte militärisch;
                  neben ihm Jeetze, der das Zimmer zu verlassen zögerte. »Bleib nur«, sagte Berndt,
                  der das Zögern des Alten wohl verstand, »du willst auch wissen, wie es steht. Du
                  liebst ihn auch... Ach, wer nicht?« Und dabei strich er sich leis und verstohlen
                  über Stirn und Augen. Dann erst trat er auf den alten Gerichtsdiener zu und sagte:
                  »Nun, Rysselmann, was bringt Ihr?«</p>
               <p>»'n Brief vom Herrn Justizrat.«</p>
               <p>»Gutes drin?«</p>
               <p>Der Alte schwieg. Er konnte nicht ja sagen, und das Nein wollte ihm nicht über die
                  Lippen.</p>
               <p>Berndt wog den Brief hin und her, den er sich zu öffnen scheute, denn jetzt mußt
                  es sich entscheiden. Er musterte den Alten einmal, zweimal und fand zuletzt, daß
                  er alles in allem nicht aussah wie einer, der eine Todesnachricht bringe. »Ich
                  will den Brief lesen – aber allein... Und dann noch eins, Rysselmann; wißt
                  Ihr...«</p>
               <p>»Ja, gnädiger Herr, eins weiß ich.«</p>
               <p>»Und?«</p>
               <p>»Der junge Herr lebt.«</p>
               <p>Des alten Vitzewitz Händen entfiel der Brief, und seine Lippen flogen. Er konnte
                  nicht sprechen. Als er sich wieder gefaßt <pb/> hatte, trat er auf Jeetze zu,
                  legte seine Hand auf des alten Dieners Schulter und sagte, während er ihn in
                  freudiger Erregung schüttelte: »Hast du's gehört, Alter? Er lebt! Und nun sorge
                  mir für Rysselmann. Er hat uns Gutes gebracht, bring ihm wieder Gutes. Nein, bring
                  ihm das Beste. Hier hast du den Schlüssel; unten links, wo der spanische liegt.
                  Hol ihm eine Flasche, mein alter Jeetze. Und du sollst mittrinken. Hast du's
                  gehört? Er lebt!«</p>
               <p>Jeetze küßte seinem Herrn die Hand und zitterte und zimperte hin und her. Dann
                  ging er, während Rysselmann ihm folgte. Berndt, als er allein war, öffnete den
                  Brief und überflog ihn. Es war, wie der alte Gerichtsdiener gesagt hatte. Er
                  verließ nun selber das Cabinet, um sich in das Eckzimmer zu den Frauen
                  hinüberzubegeben. Er traf nur Renate, die bang und fragend auf ihn zueilte. »Noch
                  ist Hoffnung, Kind. Und nun rufe die Schorlemmer.« Erst als diese gekommen war,
                  setzten sie sich um den runden Tisch, und Berndt las:</p>

               <p>»Hochgeehrter Herr und Freund!</p>
               <p>Ich habe die traurige Pflicht, Ihnen anzuzeigen, daß der Kampf dem Feinde zwei
                  Gefangene in die Hände fallen ließ: Ihren Sohn und den Konrektor Othegraven. Ihr
                  Sohn wird im Laufe des Vormittags unter Eskorte nach Küstrin geschafft werden,
                  Konrektor Othegraven wurde bei Tagesanbruch am Lohhof erschossen. Mir liegt nach
                  dieser kurzen vorgängigen Mitteilung nur noch ob, Ihnen über den Tod dieses
                  Tapferen zu berichten. Ich schlief seit kaum einer Stunde, als ich durch eine
                  französische Ordonnanz geweckt wurde, die mir anzuzeigen kam, daß einer der
                  Gefangenen, der Konrektor Othegraven, mich zu sprechen wünsche. Ich kleidete mich
                  rasch an, und der junge Soldat führte mich nach der alten Nikolaikirche hinüber,
                  an deren Ausgängen französische Doppelposten standen. Innen sah es scharf aus; auf
                  einer Schütte Stroh lagen die Toten; der erste, den ich sah, war Kandidat
                  Grell.</p>
               <p>In der Sakristei traf ich Othegraven. Er saß in einem hochlehnigen alten
                  Chorstuhl, und die Tür stand offen, so daß er <pb/> den Blick auf die Kanzel frei
                  hatte. Er wies darauf hin und sagte: ›Sehen Sie, Turgany, hier hab ich zum ersten
                  Male gepredigt. Mein Text war: »Selig sind die Friedfertigen«. Und dies ist nun
                  das Ende. Das Kriegsgericht hat gesprochen, und binnen hier und einer Stunde ist
                  es mit mir vorbei.‹ Ich nahm seine Hand, und da von Rettung oder Begnadigung keine
                  Rede sein konnte, so fragte ich nach seinem Letzten Willen, und ob ihm das
                  Scheiden schwer würde. Er verneinte es und setzte hinzu, daß er einmal gelesen
                  habe, wie das Leben einem Gastmahl gleiche. Jeder habe den Wunsch auszudauern;
                  aber wer in der Mitte des Mahles abgerufen würde, fühle bald nachher, daß er wenig
                  versäumt habe. Und das sei wahr. Er für seinen Teil wünsche nur erst über die
                  Trommelwirbel und das Augenverbinden weg zu sein; auch mißtraue er den Franzosen
                  und ihrem Schießen. ›Sie tuen alles unordentlich, und den Hofer haben sie
                  massakriert.‹ Er hing diesem Gedanken eine Weile nach und sagte dann, ehe ich noch
                  eine weitere Frage an ihn gerichtet hatte: ›Ich habe niemand; meine kleine
                  Sammlung fällt an Seidentopf, alles andere an das Hospital dieser Kirche. Und nun
                  wollen wir Abschied nehmen, Turgany. Grüßen Sie diese tapfere Stadt, die mir so
                  teuer geworden ist, und sagen Sie jedem, der es hören will, daß ich in der
                  Hoffnung auf Jesum Christum, aber zugleich auch in dem festen Glauben stürbe, mein
                  Leben an eine gute Sache gesetzt zu haben. Ich habe gepredigt: 'Selig sind die
                  Friedfertigen', aber es ist auch geboten, uns zu wehren und für unser Leben und
                  Gesetz zu streiten.‹</p>
               <p>Und danach schieden wir. Für immer.</p>
               <p>Eine Stunde später ward ich zu General Girard befohlen. Ein echter Franzos,
                  menschlich und von edler Gesinnung. ›Ich konnt es nicht ändern‹, empfing er mich.
                  ›Ein Aufstand in unserm Rücken und von ihm geleitet; er mußte sterben. So will es
                  das Gesetz des Krieges und unsere Sicherheit. Nach seinen Mitschuldigen frag ich
                  nicht; Ihr Volk lehnt sich jetzt wider uns auf, und wir müssen sehen, wie wir
                  durchkommen.‹ Und danach entließ er mich sichtlich bewegt, nachdem er hinzugefügt
                  <pb/> hatte, daß der ›Directeur adjoint‹, wie er ihn nannte, ›comme un vieux
                  soldat‹ gestorben sei.</p>
               <p>Wir haben ihn dicht neben der Kirche, wo noch ein eingegittertes Stück von dem
                  alten Kirchhof übrig ist, begraben. Neben ihm Hansen-Grell.</p>
               <p>Ich schließe mit dem herzlichen Wunsche, daß der Transport Ihres Sohnes nach
                  Küstrin ein erster Schritt zu seiner Begnadigung oder vielleicht auch zu seiner
                  Befreiung sein möge.</p>
               <!--milestone hi_start-->
               <p> Turgany«</p>
               <!--milestone hi_end-->

               <p>Das erste Gefühl, als Berndt den Brief aus der Hand legte, war das des tiefsten
                  Dankes.</p>
               <p>Renate umarmte und küßte den Vater, und der Schorlemmer, die nie weinte und stolz
                  darauf war, fielen die Tränen auf die gefalteten welken Hände. Sie hatte kein
                  Wort, und selbst ihre Sprüche versagten ihr.</p>
               <p>Lewin lebte noch, noch also war Hoffnung. Aber eine rechte Freude wollte trotz
                  alledem nicht aufkommen, und wenn alle bis dahin von dem Schrecken beherrscht
                  gewesen waren, ihn vielleicht schon verloren zu haben, so beherrschte sie jetzt
                  die Furcht, ihn jeden Augenblick verlieren zu können.</p>
               <p>So verging eine halbe Stunde; Renate hatte das Zimmer verlassen, um auf dem
                  Schulzenhofe nach Marie, die Schorlemmer, um draußen nach der Wirtschaft zu sehen.
                  Denn was auch geschehen möge, das Herdfeuer brennt und mahnt uns an den Anspruch
                  und das Recht des alltäglichen Lebens. Berndt seinerseits war allein geblieben; er
                  sann und plante und verwarf wieder. Als die Stutzuhr eben zwei schlug, erschien
                  Jeetze und meldete, daß angerichtet sei.</p>
               <p>Wie gewöhnlich, seitdem Besuch im Hause war, war in der Halle gedeckt worden.
                  Bamme trat auf Vitzewitz zu, um ihm zu der »guten Zeitung« zu gratulieren; aber es
                  klang frostig. Jeder konnte den Zweifel heraushören, nicht an der Sache selbst,
                  aber an ihrem Wert. Man setzte sich; Berndt fragte nach Marie, nach Kniehase, nach
                  Rysselmann; bald aber hob er die Tafel auf, an der, aller Anstrengungen
                  unerachtet, nur wenig <pb/> gesprochen worden war. Alles erschien ihm wie
                  Versäumnis, ehe man nicht wenigstens einen Plan verabredet hatte. Er zog sich in
                  sein Arbeitscabinet zurück und ließ eine Viertelstunde später die Herren bitten,
                  ihm dahin folgen zu wollen.</p>
               <p>In dem Zimmerchen war es inzwischen freundlicher geworden; ein Feuer brannte, und
                  der alte Mantel, der über der Lehne gehangen hatte, hing jetzt am Riegel. Der
                  General und Hirschfeldt erschienen zuerst, nach ihnen Tubal. Alle drei zu
                  placieren würde bei der Enge des Raumes nicht leicht gewesen sein, wenn nicht
                  Bamme, der es warm liebte, dicht an den Ofen gerückt wäre. Hier saß er mit
                  untergeschlagenen Füßen und rauchte, mehr einem Götzenbilde als einem Menschen
                  ähnlich.</p>
               <p>Jeetze kam und reichte Kaffee, nach dem jeder mehr oder weniger begierig war. Und
                  wirklich, die Tassen waren kaum geleert, als eine bessere Stimmung Platz zu
                  greifen begann. War denn die Lage wirklich so hoffnungslos? Nein. Berndt nahm das
                  Wort und erklärte, daß er in der Furcht der Franzosen, in ihrer mutmaßlichen Scheu
                  vor einem zweiten zu statuierenden Exempel den besten Teil seiner Hoffnung sehe.
                  »Girard oder Fournier«, so schloß er, »macht keinen Unterschied; sie wissen, daß
                  ihre Tage hier herum gezählt sind, und werden sich hüten, den schon straffen Bogen
                  noch weiter zu überspannen.«</p>
               <p>Bamme wollte von diesem Troste nichts wissen; Hirschfeldt widersprach nicht
                  geradezu, sah aber alles wirkliche Heil nur in einem selbständigen Vorgehen.
                  Solange der Hals in der Schlinge stecke, wiederholte er, sei von Sicherheit keine
                  Rede; ein Ungefähr, eine Laune, und die Schlinge ziehe sich zu. »Können wir uns
                  auf Turganys Brief verlassen (und ich glaube, daß wir es können), so treten die
                  Küstriner Herren nicht eher als morgen mittag oder nachmittag zusammen. Selbst
                  wenn die Würfel schwarz fallen, woran leider nicht zu zweifeln, so haben wir vor
                  übermorgen früh nichts zu befürchten. Füsilladen sind Früh- und Morgensache. Das
                  ist so alter Brauch. Was also unsererseits zu geschehen hat, muß diese Nacht
                  geschehen oder in der nächstfolgenden. Diese Nacht – unmöglich, <pb/>
                  vorausgesetzt, daß wir der Mitwirkung unserer Leute dazu bedürfen. Auch die besten
                  halten solche Schlappe nicht aus. Also morgen; morgen nacht.«</p>
               <p>Berndt und Bamme waren einverstanden, auch damit, daß man es mit List versuchen
                  wolle. Hoppenmarieken sollte dabei helfen. Diese, wie Berndt sehr wohl wußte,
                  lebte mit der Küstriner Garnison auf dem allerbesten Fuße; war sie doch jedem
                  einmal mit Kauf oder Kuppelei zu Diensten gewesen. Westfalen oder Franzosen machte
                  dabei keinen Unterschied, ja, die letzteren hatten eine besondere Vorliebe für sie
                  und gestatteten ihr, um ihrer grotesk-komischen Erscheinung oder vielleicht auch
                  um ihrer gemutmaßten Geistesschwäche willen, überallhin Zutritt. Daß
                  Hoppenmarieken selbst, eitel und abenteuersüchtig, wie sie war, gegen Übernahme
                  der ihr zugeteilten Rolle Bedenken erheben würde, daran war gar nicht zu denken;
                  eine andere Frage blieb freilich, ob ihr auch in allen Stücken zu trauen sei. Man
                  ließ dies indessen fallen, und Berndt schickte nach dem Forstacker, um sie
                  herbeiholen zu lassen. Aber sie war von ihrem gewöhnlichen Tagesmarsche noch nicht
                  zurück. So wurde beschlossen, die Besprechung mit ihr bis auf den andern Morgen zu
                  vertagen. Bamme wollte dabei zugegen sein.</p>
               <p>Hiernach trennten sich alle und zogen sich auf ihr Zimmer zurück. Was noch zu tun
                  war, waren Dinge, die sich mit Kniehase besser als mit jedem anderen erledigen
                  ließen; dieser kam denn auch, beschaffte und ordnete alles Nötige und war bei
                  Dunkelwerden wieder auf dem Schulzenhofe.</p>
               <p>Sein erster Gang, als er wieder daheim war, war zu Marie, bei der er, seiner
                  eignen Wunde wenig achtend, den größten Teil des Tages zugebracht hatte.</p>
               <p>Er setzte sich auch jetzt wieder an ihr Bett und horchte und fragte; ihr aber, als
                  sie diese vom herzlichsten Mitgefühl eingegebenen Fragen hörte, kam der stille
                  Vorwurf zurück, in allen voraufgegangenen Stunden immer nur an Lewin und nicht ein
                  einziges Mal an ihn gedacht zu haben, an ihn, der jetzt so liebreich zu ihr sprach
                  und vom ersten Tage an nur Güte<pb/> und Nachsicht für sie gehabt hatte. Sie
                  klagte sich ihrer Selbstsucht an und vergoß bittere Tränen. Er aber wollte davon
                  nichts wissen und wiederholte nur ein Mal über das andere: »Laß, Kind; das ist die
                  Jugend.« Und dann beruhigte sie sich und ließ sich wieder erzählen. Ach, wie
                  schlug ihr das Herz höher, als sie von Turganys Brief hörte: Othegraven war tot,
                  aber Lewin lebte. Und das bedeutete alles! Dieselbe Selbstsucht, deren sie sich
                  eben noch bezichtigt hatte, war wieder da. Und sie wußte es kaum.</p>
               <p>Ihre Stirn wurde gekühlt; der Blutverlust aus der Wunde galt für ein gutes
                  Zeichen, und ihr Befinden war nicht schlecht. Sie lächelte vor sich hin, wenn
                  Bammes und Rutzes und ihrer Haltung während des Straßenkampfes Erwähnung geschah.
                  Erst gegen Abend stellte sich Fieber ein, und sie begann nun leise vor sich hin zu
                  sprechen: »Wenn nur Othegraven da wäre... der würde helfen... mir zuliebe.« Und
                  dann nannte sie des alten Füllgraf Namen und dann den des alten Küstrinschen
                  Kastellans, der ein Vetter von den Kümmritzens war und den sie nun in ihren
                  Phantasien inständigst bat, den »jungen Herrn« in seinem Schlosse verstecken zu
                  wollen, »mitten im großen Saal, da würd ihn niemand suchen«.</p>
               <p>So vergingen die Stunden, und die Bilder drehten sich im Kreise. Aber eine Stunde
                  nach Mitternacht ließ das Fieber nach, und sie schlief ein.</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Einundzwanzigstes Kapitel</head>
               <head>»Dat möten wi«</head>
               <p>Es war noch nicht sieben am andern Morgen, als Hoppenmarieken in ihrem
                  gewöhnlichen Aufzuge die Dorfgasse heraufkam. In Front des Herrenhauses bog sie
                  nach rechts hin ein und musterte die lange dunkele Fensterreihe. Nur in den zwei
                  Eckfenstern des ersten Stockes war Licht. »He is all bi Weg«, sagte sie und
                  schritt auf die Glastür des Hauses zu.</p>
               <p>Und sie hatte recht gesehen. Berndt war schon seit einer <pb/> Stunde auf und saß
                  oben in seiner Amts- und Gerichtsstube. Mit ihm Bamme, der, nach einem ersten
                  Versuche, sich wieder in Nähe des stark überheizten und beinahe glühenden Ofens zu
                  placieren, schließlich seinen Rückzug auf das Fenster hin hatte nehmen müssen. Von
                  diesem aus sah er jetzt Hoppenmarieken über den Hof kommen. Er war in einem
                  Kostüm, das, kaum minder auffällig als das der alten Forstackerhexe, selbst Berndt
                  einen Augenblick in Erstaunen gesetzt hatte: enger schwarzer Schlafrock von
                  Sammetmanchester, roter Wollshawl und gelbe Filzschuhe. Dazu die kurze
                  Morgenpfeife.</p>
               <p>Und nun klopfte es.</p>
               <p>»Herein!«</p>
               <p>Die Alte trat ein, blieb aber – mit ihrer Kiepe sich an die Türpfosten lehnend –
                  in respektvoller Entfernung von ihrem »gnädigen Herrn« stehen, mehr aus Gewohnheit
                  als aus Furcht, da sie wohl gemerkt hatte, daß man ihrer bedürfe.</p>
               <p>»Dag, gnäd'ger Herr«, sagte sie mit ihrer tiefen und rauhen Stimme und nickte, als
                  Berndt ihren Gruß erwidert hatte, mit derselben Vertraulichkeit auch nach der
                  Fensterecke hinüber. »Dag, Genral.«</p>
               <p>»Kennst du mich denn?« fragte dieser und blies behaglich ein paar Wölkchen aus
                  seinem Meerschaum.</p>
               <p>»I, wat wihr ick denn uns'n lütten Genral nich kennen? Ick wihr jo mit bi de Revü
                  buten un hebb allens siehn: Rutzen un sine Piken un den dicken Protzhagenschen mit
                  sine Füertut. Jott, wie seeg de ut! Un denn Drosselstein'n sine rote Voßstut mit
                  de lange Been. Ne, Genralken, dat wöhr nix för Se.«</p>
               <p>»Da hast du recht, Hoppenmarieken. Ich seh, du hast einen guten Blick, und das
                  nächste Mal werd ich dich fragen.«</p>
               <p>Sie lachte.</p>
               <p>»Dat dohn Se man, Genralken. De Dummen, so as wi ick, de sinn ümmer de
                  Klöksten.«</p>
               <p>Berndt sah, daß er das Gespräch unterbrechen müsse, denn solche Vertraulichkeiten
                  waren gerade das letzte, was er brauchen konnte. »Stell deine Kiepe hin, Marieken,
                  und tritt hier an diesen Tisch. Hierher, daß ich dich besser sehen kann.«</p>
               <p>
                  <pb/> Sie verlor einen Augenblick ihre sichere Haltung, brummte allerhand
                  unverständliches Zeug und tat dann, wie ihr geheißen.</p>
               <p>»Du weißt, Hoppenmarieken –«</p>
               <p>»lck weet.«</p>
               <p>»Und du weißt auch, daß sie kurzen Prozeß machen. Der Konrektor ist erschossen auf
                  dem Lohhof, da, wo die große Pappel steht. Ein Wunder, daß sie Lewin noch
                  aufgespart haben. Aber wie lange? Sie haben ihn nach Küstrin gebracht, und wir
                  müssen ihn freikriegen.«</p>
               <p>»Dat möten wi, dat möten wi.«</p>
               <p>»Und du sollst helfen.«</p>
               <p>»Dat will ick.«</p>
               <p>»Gut, so steck dies Knäuel ein und spiel es ihm heimlich zu. Er sitzt auf Bastion
                  Brandenburg; Mencke hat mir's gestern abend geschrieben. Übereile nichts, laß dir
                  Zeit, und wenn es auch Mittag wird. Aber sei schlau, so schlau, wie du sein
                  kannst, wenn du willst, und vergiß nicht, es hängt Leben und Sterben dran.«</p>
               <p>»Ick weet, ick weet.«</p>
               <p>Der alte Vitzewitz schwieg eine Weile, während welcher Zeit Hoppenmarieken das
                  Knäuel in ihre Kiepe packte; dann fuhr er fort: »Und nun tritt noch einmal hierher
                  und paß auf und höre, was ich dir zu sagen habe.«</p>
               <p>Hoppenmarieken gehorchte.</p>
               <p>»Hier, wo du jetzt stehst, hier hat Lewin für dich gebeten, und weil er für dich
                  bat, und bloß deshalb, hab ich dich laufen lassen. Sonst säßest du jetzt bei
                  Wasser und Brot. Und das schmeckt dir nicht, denn du hast gern was Gutes.«</p>
               <p>»Jo, dat hebb ick.«</p>
               <p>»Sprich nicht. Du sollst mich hören. Und so sag ich dir denn: sieh dich vor. Ich
                  habe viel Nachsicht und Geduld mit dir gehabt und die Augen öfter zugemacht, als
                  recht war, aber wenn du wieder doppeltes Spiel spielst, so sei dir Gott gnädig.
                  Kobold, ich trete dich unter die Füße und würge dich mit diesen meinen
                  Händen.«</p>
               <p>
                  <pb/> Er hatte diese Drohung in innerster Erregung gesprochen; aber ihre Wirkung
                  auf Hoppenmarieken war nur gering. Sie schüttelte bloß den Kopf, und ohne sich im
                  übrigen im geringsten eingeschüchtert zu fühlen, wiederholte sie nur immer:
                  »Gnäd'ge Herr, de junge Herr!« und salutierte dabei mit ihrem Hakenstocke, zum
                  Zeichen, daß man sich auf sie verlassen könne. Es war dies auch besser und
                  bedeutete mehr, als wenn sie bekräftigungshalber ihre Schwurfinger erhoben hätte.
                  Dann griff sie wieder nach der Kiepe, lehnte den Rat, der ihr noch gegeben wurde,
                  »sich wo möglich an die Westfalen zu machen«, mit der Bemerkung ab: »Ne, ick geih
                  to de lütten Franzosen; de passen nich upp«, und verließ einen Augenblick später
                  das Zimmer.</p>
               <p>Erst als sie zwischen den zwei Auffahrtspfeilern war, machte sie noch einmal mit
                  militärischer Promptheit kehrt und grüßte nach dem Eckfenster hinauf. Wußte sie
                  doch ganz bestimmt, daß der alte General ihr nachgesehen habe. Dieser lachte denn
                  auch, nahm seinen kleinen Meerschaum in die Linke und warf ihr mit der Rechten
                  Kußfingerchen zu.</p>
               <p>»'s bleibt doch ein Prachtexemplar, Vitzewitz«, sagte er. »Ich wollte, ich hätte
                  so was in Groß-Quirlsdorf.«</p>
               <p>Berndt schwieg und stützte den Kopf. Nach einer Weile sagte er:</p>
               <p>»Bamme, Sie sind ein Menschenkenner. War es nicht gewagt, unser Spiel auf diese
                  Karte zu setzen? Können wir ihr trauen?«</p>
               <p>»Unbedingt.«</p>
               <p>»Und warum? Weil ihr altes Hexenherz an Lewin hängt?«</p>
               <p>»Vielleicht auch deshalb. Etwas muß das Herz haben. Und je weniger es hat, desto
                  fester hängt es dran. Es stirbt dafür. Gut oder böse macht keinen
                  Unterschied.«</p>
               <p>Berndt nickte.</p>
               <p>»Aber«, fuhr Bamme fort, »das ist es nicht, weshalb ich ihr traue. Ich trau ihr,
                  weil sie klug ist. Wissen Sie, was sie jetzt denkt?«</p>
               <p>»Nun?«</p>
               <p>
                  <pb/> »Die Franzosen werden nicht ewig im Lande Lebus bleiben, aber die Vitzewitze
                  noch lange.«</p>
               <p>»Und?«</p>
               <p>»Und Bündnisse schließt man nur mit Dauermächten. Auch wenn man Hoppenmarieken
                  heißt.«</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Zweiundzwanzigstes Kapitel</head>
               <head>Im Weißkopf</head>
               <p>In denselben Stunden, in denen der über Lewins Gefangenschaft Auskunft gebende
                  Brief den Weg von Frankfurt nach Hohen-Vietz hin machte, machte Lewin in Person
                  den Weg von Frankfurt nach Küstrin. Nur die Breite des Flusses lag zwischen ihnen,
                  und der alte Rysselmann, wenn er schärfer zugesehen hätte, hätte die französischen
                  Eskorte-Mannschaften erkennen müssen, die drüben am neumärkischen Ufer ihre Straße
                  zogen. Es waren Voltigeurs, ausgesuchte Leute, die man unter den Befehl eines
                  alten, schon in Spanien gedienten Sergeanten gestellt hatte. Und solche
                  Vorsichtsmaßregeln waren mit gutem Grunde getroffen worden, denn hatten es die
                  Russen auch tags zuvor an gutem Willen und jedenfalls an Worthalten fehlen lassen,
                  so waren sie doch in der Nähe, durchschwärmten die Neumark und machten sich recht
                  eigentlich eine Aufgabe daraus, kleine feindliche Kommandos wegzufangen. Das
                  erheischte nur geringe Opfer und machte von sich reden. Dieser Sachlage waren sich
                  die Begleitmannschaften auch voll bewußt und ließen es, um schlimmsten Falles
                  nicht ohne Fürsprache zu sein, an Aufmerksamkeit gegen ihren Gefangenen nicht
                  fehlen. Mußten sie doch fürchten, jeden Augenblick selber Gefangene zu werden.</p>
               <p>Aber ihre Befürchtungen erfüllten sich nicht; die Kosaken, nach denen auch Lewin
                  von Zeit zu Zeit ausgesehen hatte, kreuzten nirgends ihren Weg, und nachdem um
                  Mittag die Kirch-Göritzer ausgebauten Häuser und bald darauf auch die <pb/>
                  Pulvermühlen von ihnen passiert worden waren, trafen sie Punkt zwei vor der
                  Festung ein und lieferten ihren Gefangenen auf dem alten Küstriner Schloßhof ab.
                  General Fournier d'Albe tat ein paar Fragen, die trotz aller Kühle doch Teilnahme
                  verrieten, musterte die schlanke Gestalt Lewins und gab dann Befehl, ihn auf dem
                  »Weißkopf« unterzubringen.</p>
               <p>Lewin erschrak, als er diesen Namen hörte.</p>
               <p>Der »Weißkopf« war ein auf Bastion Brandenburg stehender Rundturm, eigentlich nur
                  das mannshohe Fundament eines solchen, von dem die Sage ging, daß es zwei, drei
                  Tage vor der Hinrichtung Kattes als Schafott für diesen aufgemauert worden sei.
                  Dies alles war nun freilich durch einige lebusische Spezialhistoriker, darunter
                  auch unser Seidentopf, als nicht stichhaltig nachgewiesen worden; aber stichhaltig
                  oder nicht, die bloßen Vorstellungen, die sich in Folge dieser Sage an eben diese
                  Örtlichkeit knüpften, reichten gerade hin, den Gedanken eines vor einem
                  Kriegsgericht Stehenden eine sehr trübe Richtung zu geben.</p>
               <p>Und nach diesem »Weißkopf« hin wurde Lewin nun wirklich abgeführt. Ein Gefreiter
                  und zwei Mann nahmen ihn in ihre Mitte, und unser Gefangener fürchtete schon, den
                  Rest des Tages und vielleicht auch die Nacht in einem kellerartigen Gewahrsam
                  zubringen zu müssen, als er im Näherkommen zu seinem Troste wahrnahm, daß auf dem
                  mannshohen Unterbau des Turmes noch ein nicht unfreundlich aussehendes, aus
                  Fachwerkwänden aufgeführtes Turmhäuschen stand, an das sich von außen her eine
                  Holztreppe lehnte, acht oder zehn halb ausgebrochene Stufen.</p>
               <p>Und vor diesen Stufen hielt jetzt das Kommando. Der Schlüssel zu der kleinen
                  eisenbeschlagenen Obertür fehlte, fand sich indes schließlich, als der Kastellan
                  vom Schloß her herbeigeholt worden war, der nun öffnete und den Gefangenen
                  eintreten ließ. Der Alte, solange der Gefreite da war, zeigte sich einsilbig und
                  mürrisch genug; Lewin aber, aller mangelnden Menschenkenntnis unerachtet, konnte
                  doch leicht erkennen, daß dieses einsilbig mürrische Wesen nur äußerlich <pb/>
                  angenommen war. Er durfte sich in der Folge und unter vier Augen mehr
                  Entgegenkommen von dem Alten versprechen. Vorläufig schloß dieser wieder ab, schob
                  zum Überfluß noch einen Riegel vor und folgte dann dem abrückenden
                  Wachkommando.</p>
               <p>Und nun war unser Gefangener in seinem Turmzimmer allein.</p>
               <p>Aber war es denn ein Zimmer? Die Mansardenstuben der alten Hulen hatten ihn nicht
                  verwöhnt, und doch waren es Palasträume, verglichen mit diesem Erstenstock-Zimmer
                  im »Weißkopf«. Es hatte fünf Schritt im Quadrat, und wenn er sich aufrichtete,
                  berührte seine Filzkappe die Decke. »Wie lebendig begraben!« sagte er und schritt
                  auf das Fenster zu, um wenigstens frische Luft einzulassen. Der rechte Flügel, den
                  er zuerst öffnete, hing nur in der oberen Haspe, so daß er ihn um des Windes
                  willen, der wehte, rasch wieder schließen mußte; mit dem linken Flügel aber ging
                  es besser, und er hakte das Ösenstäbchen ein und sah nun den Fluß und das Land
                  hinauf, das als ein Bild winterlicher Schöne vor ihm lag. Und alles in dem Bilde
                  kannte er, und alles war ihm wohlvertraut. Da nach links hin die weite Fläche mit
                  den Weidenbüschen am Ufer, das war die Krampe, wo die Kirch-Göritzer ihre Schlacht
                  geschlagen hatten, und dahinter, an den Kusseln erkennbar, lief der Hohlweg, den
                  er, als er mit Tubal von Doktor Faulstich kam, bei halbem Dunkelwerden passiert
                  hatte. Und nun gar nach rechts hin ins Bruch hinein! Da dehnten sich, nur durch
                  Pappelwege verbunden, die Gorgaster und Neu-Manschnower Gehöfte, und mitunter war
                  es ihm, als sähe er den Hohen-Vietzer Turm und das Kreuz darauf, blitzend in der
                  Nachmittagssonne. Lange hing er dem Bilde nach, dann zog er den Fensterflügel
                  wieder heran und durchmaß den engen Raum.</p>
               <p>Fünf Schritt. In der Quere noch weniger, denn hier stand eine Bettlade. In dieser
                  lagen vier, fünf Bretter, und zu Füßen lehnte ein Binsenstuhl, tief eingesessen,
                  mit einzelnen, nach unten hängenden Halmen. Sonst nichts; nur ein paar
                  eingekratzte <pb/> Herzen in der Wand und vier, fünf Namen darunter. Französische
                  Namen. Also Neues, nichts Altes, nichts aus den Katte-Tagen her, und Lewin war so
                  trostbedürftig, daß er in diesem geringfügigen Umstand einen Trost für seine
                  bedrückte Seele fand.</p>
               <p>Eine Stunde mochte vergangen sein, als er wieder Tritte draußen hörte und gleich
                  darauf den Alten eintreten sah, der inzwischen den Namen seines Gefangenen
                  erfahren hatte und nun kam, um sich nach den Wünschen des »Junkers« zu erkundigen.
                  Der General, so verschwor er sich, habe alles erlaubt, und was er nicht erlaubt
                  habe, darüber würden zwei Landsleute doch miteinander reden können. »Nicht wahr,
                  Junkerchen? Und dann, Junkerchen, es wird nichts so heiß gegessen, wie es vom
                  Feuer kommt. Und der letzte Trost ist immer: ›Einen Tod kann der Mensch bloß
                  sterben.‹«</p>
               <p>»Ja«, sagte Lewin, »aber wann?«</p>
               <p>»Ei, noch lange nicht. Ihr Sand, Junkerchen, ist noch nicht durchgelaufen. Bei
                  Ihnen hat die Predigt erst angefangen. Und der Sand muß durch, eher ist es mit
                  keinem nich vorbei.«</p>
               <p>Lewin dankte dem Alten für seinen Zuspruch und bat ihn um ein Nachtessen, was es
                  sei, am liebsten eine Suppe. Aber nicht vor sieben Uhr. Wenn er ein Buch habe, so
                  solle er es ihm schicken; er wolle sich ans Fenster setzen, solang es noch Tag
                  sei, und sich die Zeit mit Lesen vertreiben.</p>
               <p>Der Alte versprach alles, und nicht lange – die kleine Schloßturmuhr schlug eben
                  vier –, so wurden draußen Stimmen laut, und ein Klappen wie von Holzpantinen ließ
                  sich auf den Treppenstufen vernehmen. Gleich darauf öffnete sich auch wieder die
                  kleine Tür, und ein breitschulteriger, allem Anscheine nach auch riesengroßer
                  Chasseur à pied – der, vornübergebückt, sich abmühte, ein breit
                  zusammengeschnürtes Bündel durch die zu schmale Türöffnung hereinzuziehen – wurde
                  von hinten her sichtbar. Ein altes Weib, mit vielem Kupfer im Gesicht, stand noch
                  auf den Stufen draußen und schob nach. Endlich war das Bündel durch, und der
                  Chasseur machte jetzt Front und begrüßte den Gefangenen mit einem <pb/> halb
                  gutgelaunten, halb spöttischen: »Bon jour, camarade«, in gleichem Tone
                  hinzusetzend: »Voici votre équipage!«</p>
               <p>Lewin erwiderte den Gruß und musterte den jetzt aufrecht vor ihm stehenden
                  Chasseur, der in seiner ganzen Haltung und Ausstaffierung als ein vollkommener
                  Typus südfranzösischer Nonchalance gelten konnte. Sein Collet stand offen, während
                  seine beiden Füße in großen, mit Stroh gefütterten Holzschuhen steckten; offenbar
                  ein gutmütiger, renommistischer Gascogner, der, um anderweitig dienstfrei zu
                  werden, den Kalfakterdienst im Schloß übernommen hatte.</p>
               <p>»Madame de Cognac«, wandte er sich jetzt an die noch immer auf der Treppe stehende
                  Alte, »s'il vous plaît! Komme Sie herein, Madame, und knüppre Sie auf.« Lewin
                  lächelte. »Oui, monsieur; knüppre Sie auf; c'est tout-à-fait allemand. Oh, ich
                  gelernt habe gut Deutsch. Moi. N'est-ce pas, Madame?«</p>
               <p>Diese nickte.</p>
               <p>»Vous voyez, Monsieur, notre marquise de Chaudeau a consenti.«</p>
               <p>Während dieses Gespräches war denn auch wirklich das Bündel aufgeknotet worden,
                  und der Chasseur und seine Begleiterin mühten sich jetzt gemeinschaftlich ab, ein
                  Lager für den Gefangenen herzustellen. Und nun waren sie fertig damit: ein
                  Strohsack, ein Seegraspfühl und ein verschossener Mantel mit Otterfellkragen, den
                  der alte Kastellan, da Betten oder Decken im ganzen Schloß nicht mehr aufzutreiben
                  gewesen waren, aus seinem eigenen Kleiderschranke hergegeben hatte. In dem großen
                  Bündel hatten sich übrigens auch noch drei Bücher befunden, die jetzt von seiten
                  des Chasseurs unter affektiert respektvollen Verbeugungen und »avec les
                  compliments de monsieur le Châtelain« an Lewin überreicht wurden. »Et à sept
                  heures le souper.« Darnach klappten wieder die Pantinen auf der Treppe draußen,
                  und das Kauderwelsch mit der Alten setzte sich fort, bis es in dem Winde, der über
                  Bastion Brandenburg hinstrich, verklungen war.</p>
               <p>Lewin rückte den Stuhl ans Fenster, um in die drei Bücher hineinzusehen, die der
                  Kastellan ihm geschickt hatte. Zwei, <pb/> schwarz gebunden mit zitronengelbem
                  Schnitt, waren, was sich erwarten ließ, Bibel und Gesangbuch. Aber das dritte! Es
                  war nur ein Büchelchen, zwei Pappdeckel, mit marmoriertem Papier, an den Ecken
                  abgestoßen. Und nun las er: »Bericht des Majors von Schack über des Lieutenants
                  von Katte Dekapitation, 6. November 1730.« Das hatte der Alte schlecht getroffen.
                  Es überlief unseren Gefangenen eiskalt, und er legte die Bibel darauf, daß er es
                  nicht sähe.</p>
               <p>Lange, lange Stunden.</p>
               <p>Er ging wieder auf und ab und zählte. »Erst tausend Schritt.« Endlich schlug es
                  sieben. Es war ihm ein unangenehmer Gedanke, den Gascogner noch einmal eintreten
                  zu sehen, aber statt seiner erschien der alte Kastellan selbst und brachte das
                  Nachtessen: eine Suppe, aus Brotrinden und Hagebutten gekocht.</p>
               <p>»Nun, Junkerchen, da haben Sie was Warmes. Das Brot, das haben die Franzosen
                  gebacken, aber die Hagebutten, die sind aus Markgraf Hansen seinem Küchengarten,
                  und meine Lene, was meine Jüngste ist, die hat sie selber gepflückt. Es war ein
                  rechtes Hagebuttenjahr. Hören Sie, Junkerchen, auch für die Franzosen; aber die
                  haben die Hacheln gekriegt.« Und dabei setzte der Alte den Suppentopf und eine
                  Stallaterne, in der ein Lichtstümpfchen schwelte, vor Lewin nieder und sagte,
                  während er schon halb in der Türe stand: »Und nun Gott befohlen, Junkerchen. Es
                  kommt, wie's kommt. Und blasen Sie gleich aus; denn Licht darf nicht sein. Es geht
                  mir sonst an Kopp und Kragen. Hören Sie, gleich ausblasen.«</p>
               <p>Lewin hatte Hunger, und der würzige Duft tat seinen Sinnen wohl. Aber er konnte
                  nicht essen. Es war nicht der verzinnte Löffel, der so bitter schmeckte, es war
                  die Todesfurcht, die sich ihm auf die Zunge legte. Er stellte den Napf aus der
                  Hand, löschte das Licht und warf sich auf das Bett. Im Liegen empfand er, daß ihn
                  die Uhr drücke, und er nahm sie heraus, um sie neben sich auf den Binsenstuhl zu
                  legen. Dann erst wickelte er sich in den Mantel, zog den Kragen bis unter das Kinn
                  und sah von seinem Kissen aus auf die Sterne, die matt <pb/> durch die kleinen
                  Fensterscheiben zu ihm her flimmerten. »Und kann auf Sternen gehn«, klang es in
                  seiner Seele immer leiser, immer ferner, und darüber schlief er ein.</p>
               <p>Er schlief fest, viele Stunden lang; der überanstrengte Körper verlangte sein
                  Recht. Aber gegen Morgen begann er zu träumen. Er sah eine Schlittenfahrt und
                  hörte das Läuten der Glocken, und als die Schlitten hielten, war es vor einem
                  alten Rundbogenportal, durch das winterlich in Mäntel und Muffen gekleidete Paare
                  in ein hochgewölbtes Schiff eintraten. An den Pfeilern hingen vertrocknete Kränze
                  mit langen Bändern, die sich im Zugwind bewegten, und zwischen diesen Pfeilern hin
                  schritten alle, unter denen auch die schöne Matuschka war, auf den Altar der
                  Kirche zu. Und als sie nun dicht heran waren, begann die Orgel zu spielen. Aber in
                  demselben Augenblicke wandelte sich das Bild, und die grauen Steinpfeiler wurden
                  zu weißgetünchten Holzsäulen, um die grüne Girlanden gewunden waren. Und auch die
                  Frauen waren nicht mehr dieselben, andere waren es, sommerlich gekleidete mit
                  Blumen im Haar, und alle folgten einem voranschreitenden Paare, das er nicht
                  erkennen konnte, denn er schritt hinterher, und erst als er den Altar erreicht
                  hatte, vor dem ein Grabstein lag, sah er, daß er es selber war, der an dieser
                  Stelle getraut werden sollte. Aber er wußte nicht mit wem, denn die Braut war über
                  und über in einen weißen Schleier gehüllt, und auf dem weißen Schleier leuchteten
                  goldene Sterne.</p>
               <p>Als nun aber die Orgel schwieg und der Geistliche nach dem »Ja« fragte, da schlug
                  die Braut den Schleier zurück, und statt des »Ja«, das ihm auf der Lippe war,
                  sagte er: »Marie«.</p>
               <p>Er hatte das Wort laut gesprochen und fuhr auf, als ob er eine schwindende
                  Erscheinung festhalten wolle. Wo war er? Er sah den Sternenhimmel und fühlte den
                  von seinem eigenen Atem feucht und eisig gewordenen Mantelkragen. Und allmählich
                  stieg die ganze furchtbare Wirklichkeit vor ihm herauf, und er lauschte, ob er
                  nicht schon den Tritt eines ihn abholenden Wachkommandos hören könne. Wußte er
                  doch, daß die Morgendämmerung die Zeit für solche Szenen sei.</p>
               <p>
                  <pb/> Aber was war die Stunde? Er griff nach der Uhr und ließ sie repetieren.
                  Fünf. Das war noch zu früh; es konnte nicht vor sechs geschehen. Also noch eine
                  Stunde Leben, aber auch noch eine Stunde Tod, und er wünschte sich die Minuten
                  weg, um Gewißheit zu haben. Das Letzte, das Schreckliche konnte nicht so
                  schrecklich sein wie diese Qual. Er sprang auf, öffnete das Fenster und sog
                  begierig die Nachtluft ein, aber umsonst; er sah alles, wie es kommen mußte, und
                  rief Gott an, nicht mehr um sein Leben, das war hin, sondern um Kraft in seiner
                  letzten Stunde. »Nur nicht gemein aus diesem Leben gehen!« Und dann sah er wieder
                  nach Hohen-Vietz hinüber, nach dem Fleckchen Erde, das ihm vor allem teuer war,
                  und er winkte und grüßte mit der Hand. »Lebt wohl, all ihr Geliebten.«</p>
               <p>In diesem Augenblicke schoß ein Lichtstrahl am östlichen Himmel auf und verschwand
                  wieder. Es war der erste Bote, den der Tag sendet, lange bevor er selber mit
                  seinem goldnen Wagen heraufzieht. »Soll es mir ein Zeichen sein?«</p>
               <p>Und er wurde ruhiger.</p>
               <p>Sechs Uhr. Der Tritt keines Wachkommandos wurde draußen hörbar, und so festigte
                  sich in ihm die Überzeugung, daß er wenigstens diesen Tag noch zu leben haben
                  werde. Und ein Tag war viel; was konnte dieser eine Tag nicht alles bringen? Und
                  er sprach wieder die Strophe vor sich hin, die schon einmal in allertrübster
                  Stimmung ihn aufgerichtet hatte:</p>


               <l>»Hoffe, harre; nicht vergebens</l>
               <l>Zählest du der Stunden Schlag,</l>
               <l>Wechsel ist das Los des Lebens,</l>
               <l>Und es kommt ein andrer Tag.«</l>


               <p>Ja, ja, hoffe, harre. Ein Tag noch, ein ganzer Tag noch! Und dieser Tag lag jetzt
                  vor ihm wie das Leben selbst, und er sah ihm entgegen, als ob er ihm eine Welt von
                  Ereignissen bringen müsse.</p>
               <p>Was er ihm aber zunächst brachte, war nur wieder der Chasseur, dessen ohnehin
                  unsoldatischer Aufzug durch einen an seinem linken Arm hängenden Deckelkorb noch
                  gesteigert <pb/> wurde. »Bon jour, monsieur de Vietzewitz. Pardon, si ce n'est pas
                  tout-à-fait correct. Mais votre nom, c'est un nom difficile.«</p>
               <p>Lewin bestätigte.</p>
               <p>»Voici votre café. Un bon café, sans doute. Cela veut dire: de la chicorée. Mais
                  qu'importe! c'est un café allemand.«</p>
               <p>Unter diesen und anderen Worten (denn er zählte zu den Schwatzhaften) hatte der
                  Chasseur den Deckelkorb geöffnet und den braunen Bunzlauer Topf auf das
                  Fensterbrett gesetzt, unterließ auch nicht, Schwarzbrot und ein paar
                  frischgebackene Semmeln hinzuzulegen. Dann hing er statt des Korbes die große
                  Laterne, die vom Abend vorher noch da war, an seinen Arm und empfahl sich mit
                  einem halb spöttischen: »Votre serviteur.«</p>
               <p>Lewin war froh, wieder allein zu sein, rückte den Stuhl an das Fenster und nahm
                  sein Frühstück. Es schmeckte leidlich, und als er damit geendigt, lehnte er sich
                  zurück und sah, aufatmend und neu belebt, in den glühenden Sonnenball, der eben
                  die vor ihm liegende Göritzer Kirchturmspitze vergoldete.</p>
               <p>»Nun will ich lesen.« Und damit nahm er die Bibel und schlug auf:</p>
               <p>»Prophet Daniel!« Ein Lächeln überflog seine Züge, und er sagte vor sich hin:
                  »Nein, nicht Daniel. Jeder in meiner Lage bildet sich ein, in der Löwengrube zu
                  sein.« Und er blätterte weiter, bis er an die Makkabäer, und dann wieder zurück,
                  bis er an das Buch der Richter kam. »Ja, das ist ein hübsches Buch; frisch, mutig,
                  das soll mich aufrichten!«</p>
               <p>Und er begann zu lesen.</p>

               <p>Aber seine Lektüre war noch nicht weit gediehen, als er ein Stapfen und Räuspern
                  hörte und, sich aufrichtend, Hoppenmarieken erkannte, die hart am Rande von
                  Bastion Brandenburg entlangkam. Keine zwölf Schritt von ihm entfernt. Sie sah
                  jetzt hinauf, hob den Stock mit ihrer Linken und warf im selben Augenblick ein
                  Knäuel, das sie rasch aus dem Brusttuch hervorgeholt hatte, in sein Fenster
                  hinein. Zugleich mit dem Knäuel fielen ein paar Scheibensplitter vor ihm nieder,
                  und ehe <pb/> er noch Zeit hatte, sich von seiner Überraschung zu erholen, war die
                  Alte schon wieder fort. Er sah ihr nach und bemerkte jetzt, daß sie mit einem
                  weiter abwärts stehenden Wachtposten ein Gespräch begonnen hatte, natürlich in
                  Zeichensprache. Sie bot ihm aus ihrer Flasche an, und als andere, von den nächsten
                  Schilderhäusern her, herzukamen, gab es Kapriolen und schallendes Gelächter, bis
                  sie schließlich mit ihrem Stock salutierte und um den Schloßhügel herum wieder auf
                  die Stadt zuschritt.</p>
               <p>Jetzt erst nahm Lewin das Knäuel auf. Es war nicht groß, wog aber schwer und mußte
                  mithin noch einen Inhalt haben. Er spaltete zunächst von einem der in der Bettlade
                  liegenden Bretter einen Span ab und begann nun die nur stricknadeldicke, aber sehr
                  feste Hanfleine vorsichtig abzuwickeln, ersichtlich zu dem Zweck, daß er, wenn er
                  überrascht würde, beide Knäuel, das alte und das neue, mit Leichtigkeit verbergen
                  könne. Und jetzt war er fertig und hielt sorglich einen umnähten flachen Stein in
                  Händen, an dessen fester Lederöse das eine Hanfleinenende befestigt war. In
                  derselben Lederöse steckte aber auch ein zusammengerollter Papierstreifen. Diesen
                  rollte er jetzt auseinander und las: »Wirf Schlag zwölf (Ablösung ist erst um
                  eins) dieses Knäuel über das Bastion; halte den Faden fest und sorge, daß er
                  abläuft. Wenn er sich strafft, ziehe die Strickleine hinauf. Dann laß dich hinab.
                  Schlimmsten Falles springe! Unten tiefer Schnee – und wir.«</p>
               <p>Lewin verbarg das Zettelchen; es zerreißen, das konnte er nicht, denn er fühlte,
                  daß er es wieder und immer wieder lesen werde. Dann aber sank er, wo er stand, in
                  die Knie und dankte Gott für die Rettung seines Lebens. Denn er zweifelte nicht
                  mehr, daß er gerettet werden würde, und war fest entschlossen, wenn alles andere
                  scheiterte, den Sprung von dem Bastion aus zu wagen. Sprang er fehl, so starb er
                  wenigstens in den Händen der Seinen, und der Armesündergang, samt dem
                  Trommelwirbel und den verbundenen Augen, blieb ihm erspart. Und vor diesem Apparat
                  erschrak er am meisten. »Der Tod ist erträglich, aber die Exekution ist
                  unerträglich.« Das <pb/> bloße Wort widerte ihn an, und alles, was roh und häßlich
                  ist, stieg bei dem bloßen Klange desselben in einer Reihe fratzenhafter
                  Jahrmarktsbilder vor ihm auf.</p>
               <p>Und diesem Widerwärtigen, was auch kommen mochte, war er nun entronnen. Aber
                  freilich, als der erste Jubel seines Herzens vorüber war, fühlte er bald, daß er
                  nur die Tyrannen gewechselt habe und daß das Horchen auf die Rettungsstunde fast
                  so qualvoll sei wie das Horchen auf den Tod. Er durchmaß den engen Raum immer
                  wieder, öffnete und schloß das Fenster und überflog den Zettel, dessen Inhalt er
                  längst auswendig wußte, zum zehnten und dann zum hundertsten Mal. Der Chasseur
                  brachte das Mittagessen; aber er bat ihn, alles wieder mit fortzunehmen; ihn
                  verlangte nur nach Luft und Frische, und wahrnehmend, daß vom Dache her lange
                  Eiszapfen bis dicht an sein Fenster niederhingen, brach er ein paar davon ab und
                  labte sich an ihrer Kühle. Dann las er wieder und prüfte das Knäuel und berechnete
                  die Höhe des Bastions. Und das letzte war immer, daß es nichts sei und daß jeder
                  Sprung aus einer zweiten Etage viel, viel mehr bedeute. Und unten zehn Fuß Schnee!
                  Es mußte glücken, und er vergaß unter diesen Vorstellungen fast, daß ihm der
                  Sprung überhaupt nur als Notbehelf und letztes Mittel dienen sollte.</p>
               <p>Und nun war Mittag vorüber und endlich auch der Nachmittag. Die Sonne ging unter,
                  das Abendrot erblaßte, und der Tag schwand hin. Nur noch sechs Stunden, bald nur
                  noch fünf. Er zählte die Minuten.</p>
               <p>Um sieben Uhr kam der alte Kastellan. »Junkerchen, sie sitzen jetzt am grünen
                  Tisch; der alte General ist auch da, ein ›bon garçon‹, wie der Tagedieb sagt, den
                  sie mir als Kalfakter zugelegt haben.«</p>
               <p>»Also Kriegsgericht über mich?«</p>
               <p>»Ja, Junkerchen. Ich habe den großen Saal heizen müssen. Das ist der mit dem
                  Balkon, wo Markgraf Hans über dem Kamin hängt, lebensgroß mit gelbledernen
                  Stiefeln, und Sporen so lang wie meine Hand. Der wird sich wundern.«</p>
               <p>»Ich glaub's.«</p>
               <p>
                  <pb/> »Und wenn der junge Herr noch einen Brief schreiben wollen oder eine
                  Bestellung an den Papa...«</p>
               <p>»Steht es so, Kastellan?«</p>
               <p>»Ich sage nicht, daß es so steht; aber es kann so stehen. Ein Kriegsgericht ist
                  ein Kriegsgericht, und es hängt allewege an einem seidenen Faden. Ach, Junkerchen,
                  unser Bestes ist schon immer: gesattelt sein.«</p>
               <p>»Das ist es«, sagte Lewin mechanisch, während sich seine Seele, der ihre Furcht
                  noch einmal wiederkehrte, mit doppelter Gewalt an das Leben klammerte. Aber der
                  Alte sah es nicht; er nahm den Deckelkorb, den der Chasseur zurückgelassen hatte,
                  bot eine »Gute Nacht!« und ließ seinen Gefangenen allein.</p>
               <p>»Sie sitzen also jetzt oben«, sagte dieser, »und Markgraf Hans mag dreinschauen,
                  wie er will, er wird mich vor ihrem Todeswort nicht retten. Es ist mir, als
                  sprächen sie es jetzt. Und ich fühle den Stich hier im Herzen. Aber ich will
                  leben; Gott, erbarme dich meiner und sei mit deiner Gnade über mir. Laß ihr Wort
                  zuschanden werden.« Und er faltete die Hände wieder und preßte seine heiße Stirn
                  an die Scheiben.</p>
               <p>Die Sterne zogen herauf, und er suchte die Bilder zusammen, soviel er deren
                  kannte. Aber im Gewölk verschwanden sie wieder. »Die Stunde rinnt auch durch den
                  längsten Tag.« Und nun endlich schlug es elf.</p>
               <p>»Noch eine Stunde«, murmelte er vor sich hin, »und diese Qual hat ein Ende! So
                  oder so.«</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Dreiundzwanzigstes Kapitel</head>
               <head>Die Befreiung</head>
               <p>Um dieselbe Zeit, wo Lewin diese Worte sprach, hielten zwei Schlitten vor dem
                  Hohen-Vietzer Herrenhause. Der vorderste war eine bloße Schleife und sah dem
                  Planschlitten ähnlich, in dem Lewin am Weihnachtsheiligabend seine Fahrt von
                  Berlin nach Hohen-Vietz gemacht hatte, nur daß die Korbwände<pb/> niedriger waren
                  und der hohe Planbogen völlig fehlte. Statt dieses Planbogens war ein Stück
                  schwarze, nach beiden Seiten hin tief herabhängende Wachsleinwand über den
                  Wagenkorb gelegt und mittels eingeschnittener Löcher an den vier Speichen
                  befestigt worden. In der Gabeldeichsel ging ein kleines struppiges Bauernpferd,
                  und Pachaly, die Leinen in der Hand, saß auf dem Vorderbrett. Das zweite Gefährt
                  war ein gewöhnlicher, aber sehr großer Fahrschlitten, den man sich, um eben dieser
                  Größe willen, von Schulze Kniehase geborgt hatte. In diesem Schlitten saßen sechs
                  Personen: Berndt und Hirschfeldt im Fond, ihnen gegenüber auf dem Rücksitze Tubal
                  und Kniehase, vorne Krist und der junge Scharwenka. Krist fuhr. Die Ponies waren
                  eingespannt, aber ohne Geläut.</p>
               <p>Was am meisten überraschen durfte, war, daß Bamme fehlte, und doch war eben dieses
                  Fehlen für jeden, der ihn genauer kannte, in voller Übereinstimmung mit seinem
                  Charakter. Die Frankfurter Affaire hatte weder innerlich seinen Mut gebrochen noch
                  ihn äußerlich kleinlaut gemacht; aber durch und durch von Spielervorstellungen
                  beherrscht, erging er sich seitdem in Versicherungen, daß er keine »glückliche
                  Hand« habe. »Ohne ihn werd es besser gehen«, versicherte er ein Mal über das
                  andere, und nur einen Augenblick lang, als der Schlitten mit der herabhängenden
                  schwarzen Wachsleinwand vorgefahren war, war er in dieser seiner Überzeugung
                  erschüttert worden. Und dabei hatte folgendes Zwiegespräch zwischen ihm und seinem
                  neben ihm stehenden Aide de camp stattgefunden.</p>
               <p>»Was will nur der schwarze Kasten, Hirschfeldt? Schwarz und schräg und eine
                  Zudecke darüber. Der reine Sarg. Soll mich wundern, wen sie hineinlegen
                  werden.«</p>
               <p>»Vielleicht mich.«</p>
               <p>»Nein, Sie nicht, Hirschfeldt. Sie werden immer mit einem Prellschuß oder einer
                  Kugel ins dicke Fleisch davonkommen... Aber was ist das nur, was dieser Tölpel von
                  Pachaly da heranschleppt und in das Schlittenstroh hineinpackt? Sehen Sie nur,
                  ›sechs Bretter und zwei Brettchen‹. Und jetzt zwei Grabscheite <pb/> und eine
                  Strickleine. Was die soll, weiß ich allenfalls, aber all das andere! Grabscheite
                  und Bretter, und gerade sechs. Es schmeckt so nach Begräbnis.«</p>
               <p>Hirschfeldt, so kaltblütig er war, war doch schließlich durch diese Betrachtungen
                  in eine wenig erbauliche Stimmung versetzt worden, und nur um etwas zu sagen, warf
                  er hin: »Sie sind abergläubisch, General.«</p>
               <p>»Ja, das bin ich, Hirschfeldt, und ich habe meine Freude daran. Nehmen Sie mir das
                  bißchen Aberglauben, so hab ich gar nichts und falle zusammen. Übrigens geht es
                  den meisten Menschen so, und wem es nicht so geht, desto schlimmer. Sehen Sie die
                  Schorlemmer. Die hat keinen Aberglauben. Aber was kommt dabei heraus? Eine
                  Nußschale voll Weisheit und ein Scheffel Langeweile. Und eine Dormeuse
                  darübergestülpt.«</p>
               <p>Bamme drehte sich seinen Schnurrbart und hatte das Gefühl, etwas apart Gutes
                  gesagt zu haben. Aber seine ganze Oratio pro domo war von Hirschfeldt überhört
                  worden, der mit seinen Vorstellungen immer noch bei »Sarg« und »Begräbnis«
                  aushielt und endlich sagte: »So glauben Sie, General, daß wir von Küstrin her
                  nicht viel anders heimkehren werden als von Frankfurt?«</p>
               <p>»Doch, Hirschfeldt. Ich bin nicht mit dabei, das ist eins; und das zweite ist, sie
                  passen nicht auf. Ich meine die Franzosen. Ihr werdet ihn also freikriegen; aber
                  einen Einsatz kostet's, ein Bein oder ein paar Rippen. Billiger habt ihr's nicht.
                  Vielleicht aber teurer. Und deshalb gefällt mir der Kasten nicht.«</p>
               <p>So war das Gespräch zwischen Bamme und Hirschfeldt verlaufen; unmittelbar darauf
                  hatten alle an der Expedition Teilnehmenden ihre Plätze eingenommen und fuhren in
                  leichtem Trabe die Küstriner Chaussee hinauf. Als sie bis an die Stelle gekommen
                  waren, wo vor zwei Tagen erst die »Revue« stattgefunden hatte, bogen sie nach
                  rechts hin ab, passierten das Fichtenwäldchen an seinem nördlichen Rande und
                  hielten sich nun scharf auf den Fluß zu. Die Wege waren hier schmal und <pb/>
                  meist verschneit, so daß sie Schritt fahren mußten. Und doch waren die Minuten
                  berechnet. Berndt und Hirschfeldt wurden ungeduldig. Endlich hatten sie den Fluß
                  vor sich, erkannten trotz der Dunkelheit die inmitten des Eises abgesteckte
                  Fahrstraße und fuhren vorsichtig erst die Böschung hinunter und dann mit einer
                  allmählichen Linksbiegung in die niedrige Kusselallee hinein. Und nun konnten sie
                  wieder traben. Es war aber auch hohe Zeit.</p>
               <p>Noch war kein Wort gesprochen worden. Berndt, den das Schweigen bedrückte, wandte
                  sich an den ihm gegenüber sitzenden Kniehase, dessen noch verbundener Kopf in
                  einer Pelzkappe steckte, und sagte:</p>
               <p>»Alles in Ordnung, Kniehase?«</p>
               <p>»Ja, gnäd'ger Herr.«</p>
               <p>»Strick, Scheite, Bretter?«</p>
               <p>»Alles da. Hab es Pachalyn in die Hand gezählt. Und auch die kleine Leiter und
                  zwei Bund Stroh.«</p>
               <p>»Und Kümmritz?«</p>
               <p>»Ist um neun Uhr abgerückt auf die Manschnower Mühle zu.«</p>
               <p>»Und Krull und Reetzke?«</p>
               <p>»Stehen drüben zwischen Entenfang und Pulvermühlen.«</p>
               <p>»Gut. Und nun komme, was soll.«</p>
               <p>Einen Augenblick schwieg er, und seine Lippen sprachen nur leise vor sich hin.
                  Dann aber, alle Sorge hinter sich werfend, sagte er: »Und nun schärfer zu, Krist,
                  oder wir verpassen's. Sieh, Tubal, alles grau; der Himmel ist mit uns, indem er
                  sich uns verbirgt.«</p>
               <p>Während sie so sprachen, hatten sie sich der Festung bis auf fünfhundert Schritt
                  genähert, und in dem Dunkel, das herrschte, stieg ein noch dunklerer Schatten auf:
                  Bastion Brandenburg. Daß ihr Herankommen von dem einen oder andern Wachtposten
                  bemerkt worden wäre, war wenig glaubhaft, denn ihre niedrigen Fuhrwerke fuhren
                  nicht nur im Schutze einer mannshohen, zu beiden Seiten des Weges aufgeschaufelten
                  Schneemauer, sondern auch im Schatten der von zehn Schritt <pb/> zu zehn Schritt
                  stehenden Kusselpyramiden. Und im Schatten einer solchen hielten jetzt die
                  Schlitten.</p>
               <p>Die kleine Turmuhr, von der Schloßkirche her, schlug halb. Das traf zu; so war es
                  berechnet. Berndt war der erste aus dem Schlitten heraus und schlich sich jetzt
                  über das Eis hin bis an die Festungswerke vor, gerade bis unter den »Weißkopf«.
                  Als er heran war, sah er, daß am Fuße des Bastions alles tief verschneit war; der
                  Westwind hatte hier ganze Schneeberge zusammengetrieben. Aber so hoch der Schnee
                  lag, so war er doch zu locker und hatte nicht Tiefe genug. Es mußte also
                  nachgeholfen werden. Dazu sollten die mitgenommenen Bretter dienen, mit deren
                  Hilfe man eine der zehn Schritt breiten und halb festgewordenen Schneemauern bis
                  hart an das Bastion vorzuschieben gedachte. Sie traten deshalb an den einspännigen
                  Schlitten heran, den Bamme kurzweg, und vielleicht auch vorahnend, als
                  »Sargschlitten« bezeichnet hatte, und wollten eben die zum Schieben bestimmten
                  Bretter hervorziehen, als sich's in dem darübergepackten Stroh zu regen und zu
                  schütteln begann. Und siehe da, gleich darauf stand Hektor – wohl wissend, daß er
                  viel gewagt habe – verlegen wedelnd an der Seite seines Herrn, verlegen, aber doch
                  auch mit einem Ausdruck von Stolz und Freude, und seine klugen Augen schienen zu
                  sagen: »Hier bin ich; ich, Hektor, Freund meines Freundes Lewin. Ich weiß, daß es
                  Ernst wird, und weil ich es weiß, will ich mit dabeisein.«</p>
               <p>Der sich zuerst faßte, war Berndt; er bückte sich nur, um dem Schuldigen mit dem
                  Zeigefinger zu drohen. Als er sich dann wieder aufrichtete, richtete sich auch der
                  Hund auf und legte seine Vorderpfoten auf seines Herrn Schulter; so standen sie
                  und sahen einander an.</p>
               <p>»Pst, Hektor«, flüsterte Berndt und klopfte und streichelte das treue Tier. Dieser
                  aber, als er sich so zu Gnaden angenommen sah, fuhr in leidenschaftlicher Erregung
                  in seines Herrn Bart und Haar umher und nickte und wedelte nur immer wieder, um zu
                  zeigen, daß er alles wohl verstanden habe. Dann endlich ließ er ab von ihm.</p>
               <p>
                  <pb/> Die Bretter waren inzwischen hervorgezogen worden und wurden nun von der
                  einen Seite her eingestemmt. Aber es wollte mit dem Schieben nicht glücken. Das am
                  Tage durchgesickerte Schneewasser war unten mit der Flußdecke zusammengefroren,
                  und so mußten denn die Spaten herbeigeholt werden, um durch Abstechen das Eis
                  wieder zu lösen. Und nun endlich war es geschehen, und die Masse setzte sich in
                  Bewegung, erst langsam, dann immer rascher, bis sie zuletzt den weichen Schnee
                  beiseite drängte und am Fuße des Bastions feststand. Was der Westwind höher hinauf
                  an die Schrägwand geweht hatte, das fiel jetzt herab, ein weiches Polster über der
                  Schneemauer bildend. Und nun kletterte der junge Schwarwenka, der der Flinkste und
                  Geschickteste war, hinauf und zog die Strickleine rasch nach sich, während sich
                  die vier anderen zu beiden Seiten der Mauer niederkauerten. Krist hielt Hektor am
                  Halsband; Pachaly war bei den Schlitten geblieben.</p>
               <p>Alle sahen erwartungsvoll nach der Uhr. Noch fünf Minuten. In jedem Augenblick
                  konnt es oben auf dem Schloß zum Schlagen einsetzen.</p>
               <p>Und jetzt schlug es wirklich. Lewin riß das Fenster auf, zählte bis zwölf, und im
                  selben Augenblicke warf er das Knäuel, dessen loses Ende er um die linke Hand
                  geschlungen hatte, mit der Rechten über den Rand des Bastions. Er hörte, wie es
                  aufschlug; und nun wickelte sich's ab. Eine kleine Weile noch, dann sah er, daß
                  sich die dünne Hanfleine zu straffen anfing. Die Strickleine mußte also von den
                  Freunden unten angeknotet worden sein. Und nun begann er mit aller Kraft zu
                  ziehen. Aber eben jetzt kam ein französischer Wachtposten in Sicht, um seinen
                  vorgeschriebenen Weg von Eck zu Eck zu machen. Er war schon dicht heran; hielt er
                  sich in Nähe des Fensters, so ging das Bajonett unter der Leine weg, hielt er sich
                  aber mehr rechts am Rande des Bastions hin, so traf er die Leine. Lewin war schon
                  darauf gefaßt, sie fallen lassen zu müssen, und dann blieb nur noch der Sprung.
                  Aber der Posten schritt, eine Melodie summend, hart an dem Unterbau des Weißkopfs
                  vorbei.</p>
               <p>
                  <pb/> Das Eck, an dem er wieder kehrtmachen mußte, lag hundertundfünfzig Schritt
                  entfernt. Lewin berechnete sich, daß er zwei Minuten habe. Also schnell. Er zog
                  jetzt rascher und heftiger noch als zuvor, und nun hielt er die Strickleine in
                  seinen beiden Händen. Aber wo sie befestigen? Das Fensterkreuz war viel zu morsch,
                  so schlang er sie, da nichts Besseres da war, um den Fuß der Bettstelle und schob
                  diese, um ihr mehr Halt zu geben, bis an den Fensterpfeiler vor. Und nun hinaus.
                  Draußen warf er sich nieder, kroch bis an den Rand des Bastions und packte den
                  Strick. Und nun noch ein kurzes Stoßgebet, und dann vorwärts und hinab! Als er bis
                  über die Mitte war, brach der Bettfuß, an dem oben die Leine befestigt war, ab
                  oder ging aus den Fugen, aber es waren keine sechs Ellen mehr, und so glitt er an
                  der mit Schnee bedeckten Schrägung ohne Fährlichkeit hinunter. Die ganze
                  Niederfahrt war nur um ein paar Sekunden beschleunigt worden.</p>
               <p>Er war gerettet, und ein seliges Gefühl wiedergewonnenen Lebens durchdrang ihn,
                  als er sich aus den lockeren Schneemassen herauswühlte. Was noch an Gefahr da war,
                  war keine Gefahr mehr; ein Schuß in die Nacht hinein hatte nicht viel zu
                  bedeuten.</p>
               <p>Und jetzt fiel wirklich der erste Schuß. Ein Hurra unten antwortete; alles
                  schwenkte die Mützen, und Hektor, der sich jetzt rühren durfte, sprang an seinem
                  jungen Herrn in die Höhe und fuhr ihm mit der Zunge liebkosend und freudekeuchend
                  über Hand und Gesicht. »Laß, laß!« Aber ehe er noch gehorchen konnte, krachte von
                  oben her eine ganze Salve in das Dunkel hinein, und der Hund, dessen Liebestreue
                  seinen Herrn gedeckt hatte, brach zusammen. Lewin stand unbeweglich und wußte
                  nicht, was tun; endlich rissen Berndt und Hirschfeldt ihn mit sich fort. Alles
                  stürzte den Schlitten zu, und nur Hektor, zurückgelassen, lag winselnd am Fuße des
                  Bastions.</p>
               <p>»Nein«, rief Tubal, »das soll nicht sein.« Und wieder umkehrend, bückte er sich
                  und lud das treue Tier, das sich vergeblich fortzuschleppen trachtete, auf seine
                  beiden Arme. Aber lange bevor er den nächsten Schlitten erreicht hatte, folgte der
                  <pb/> ersten Salve eine zweite, und Tubal, unterm Schulterblatt getroffen,
                  taumelte und fiel.</p>
               <p>»Fort, fort!« und zehn Hände griffen zu, und über den Schnee hin, ihn tragend und
                  ziehend, erreichten sie das Pachalysche Gefährt und legten den Schwerverwundeten
                  auf die Strohbündel nieder, Hektor ihm zu Füßen. So ging es zwischen den schwarzen
                  Kusseln hin in die Nacht hinein. An Verfolgung war nicht zu denken. Hätte sie
                  stattgefunden, so wäre man mit Hilfe der aufgestellten Seitenkommandos stark genug
                  gewesen, ihr zu begegnen.</p>

               <p>Als sie bis in Höhe von Gorgast waren, bogen sie rechts aus ihrer Kiefernallee
                  heraus und fuhren langsam die Böschung des Ufers hinauf. Tubal hatte brennenden
                  Durst, und man gab ihm Schnee; so ging es weiter bis an die Manschnower Mühle.
                  Hier wurde der Weg immer holpriger, und Pachaly mußte des Verwundeten halber im
                  Schritt fahren. Der andere Schlitten trabte vorauf.</p>
               <p>Berndt hatte die Leinen genommen. Als er zwischen den Pfeilern der Auffahrt
                  hindurch wollte, scheuten die Ponies, und er sah jetzt, daß Hoppenmarieken auf dem
                  linken Prellstein saß. Sie lehnte sich wie gewöhnlich an ihre Kiepe und hielt den
                  Hakenstock in ihrer Hand. Aber sie salutierte nicht – und rührte sich nicht.</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Vierundzwanzigstes Kapitel</head>
               <head>Salve caput</head>
               <p>Es war zwölf Stunden später; die helle Mittagssonne stand über Hohen-Vietz, und es
                  taute von allen Dächern. Auch das Eis, das, stumpf geworden, an den Rädern von
                  Miekleys Mühle hing, blitzte wieder durchsichtig und kristallen, und die Tauben
                  saßen auf Kniehases langem Scheunenfirst. Alles war licht und heiter, und ein
                  erstes Frühlingswehen ging durch die Natur.</p>
               <p>
                  <pb/> Und in hellem Sonnenscheine lag auch das Herrenhaus. Wer aber von der
                  Auffahrt her einen Blick auf den Vorplatz und die lange Reihe der Fenster geworfen
                  hätte, der hätte doch wahrnehmen müssen, daß es ein Trauerhaus sei oder, schlimmer
                  als das, in jedem Augenblicke ein solches zu werden drohe. Über den Damm hin war
                  eine dichte Strohlage gebreitet, und hinter den Scheiben wurde niemand sichtbar.
                  Auch nicht hinter der Glastüre der Halle. Alles wie ausgestorben. Nur die
                  Sperlinge waren guter Dinge; sie saßen in Scharen auf dem ausgestreuten Stroh und
                  pickten die verlorenen Körner. Ihr Zwitschern war der einzige Ton, der in der
                  tiefen Stille laut wurde.</p>
               <p>Zwölf Stunden lagen zurück, und nur eine Minute vollen Glücks und höchster Freude
                  hatten sie gebracht: die Minute, wo, nach der ersten Begrüßung mit der Schwester,
                  das in Jubel und Tränen ausbrechende Wiedersehen zwischen Lewin und Marie auch
                  zugleich ihr Verlöbnis bedeutet hatte. Und ein Verlöbnis, wie Menschenaugen kein
                  schöneres gesehen. Denn es war nur gekommen, was kommen sollte; das Natürliche,
                  das von Uranfang an Bestimmte hatte sich vollzogen, und Berndt selber, tiefbewegt
                  in seinem Herzen, hatte sich des Glückes der Glücklichen gefreut.</p>
               <p>Aber welch andere Minuten dann, als eine kleine Weile später der zweite Schlitten
                  vorgefahren war und Krist und Pachaly den auf Betten und Kissen gelegten Tubal
                  langsam und leise treppauf getragen hatten. Und auch Hektor hatte mit hinauf
                  gewollt; aber gleich an der ersten Treppenstufe hatte seine Kraft versagt, und er
                  war den schmalen Küchenkorridor entlang bis an seine Binsenmatte zurückgekrochen.
                  Da lag er nun und schob sich näher an die warme Wandstelle hinter dem Herde; denn
                  ihn fror.</p>

               <p>Um elf Uhr war Doktor Leist von Lebus gekommen. Er stieg – so geräuschlos es seine
                  Gewohnheit und seine Schneestiefel zuließen – in den oberen Stock hinauf und trat
                  hier in das Krankenzimmer ein, in dem die Vorhänge, der prall auf die Fenster
                  stehenden Morgensonne halber, dicht geschlossen <pb/> waren. »Wir müssen Licht
                  haben«, sagte er und schob eine der Gardinen beiseite.</p>
               <p>Nun erst sah er Tubal. Dieser hatte heftige Schmerzen, ertrug aber ohne Zucken das
                  Sondieren seiner Wunde, trotzdem eine »leichte Hand« nicht gerade das war, worüber
                  Doktor Leist Verfügung hatte.</p>
               <p>»Brav, junger Herr, das nenn ich tapfer ausgehalten.«</p>
               <p>»Was ist es?« fragte Tubal.</p>
               <p>»Ein häßlicher Fall; Perforation der Milz. Aber was ist die Milz? Das
                  Überflüssigste, was der Mensch hat. Es gibt welche, die sie sich ausschneiden
                  lassen. Und Jugend überwindet alles. In vier Wochen setzen wir uns hier ans
                  Fenster, zählen die Dohlen auf dem Kirchendach und rauchen eine Pfeife Tabak. Sie
                  rauchen doch, junger Herr?«</p>
               <p>Tubal verneinte.</p>
               <p>»Nun, dann spielen wir Patience oder Mariage.«</p>
               <p>»Patience.«</p>
               <p>Der alte Leist streichelte dem Schwerverwundeten die Hand.</p>
               <p>»Das ist recht; immer Kopf oben und bei Laune geblieben. Gute Laune heilt und ist
                  das beste Pflaster.«</p>
               <p>Und darnach stieg er wieder treppab, um unten in Berndts Arbeitscabinet über den
                  Befund seiner Untersuchung zu berichten.</p>
               <p>»Nun, Doktor?« fragte Vitzewitz.</p>
               <p>Der alte Leist zuckte die Achseln. »Er muß sterben.«</p>
               <p>»Keine Rettung?«</p>
               <p>»Nein; es war ein Schrägschuß, und das sind immer die schlimmsten. Alles durch:
                  Lunge, Leber. Und zum Überfluß auch noch die Milz.«</p>
               <p>»Und wie lange dauert es noch?«</p>
               <p>»Wenn's hoch kommt, bis diese Nacht. Es ist heute sein letzter Tag, und morgen hat
                  er es hinter sich. Wenn Sie seinem Vater, dem Geheimrat, noch Nachricht geben
                  wollen, so ist es höchste Zeit. Freilich... doch zu spät. Er trifft ihn nicht
                  mehr, und wenn er Flügel der Morgenröte nähme. Und das sind die schnellsten, wenn
                  ich meinen Psalm recht verstehe.«</p>
               <p>
                  <pb/> »Dann wollen wir es abwarten. Besser, er erfährt das Ganze als das
                  Halbe.«</p>
               <p>Leist nickte.</p>
               <p>»Ach, Doktor«, fuhr Berndt fort, »welche Tage das! Um Lewin zu retten, dieser
                  Preis! Wie soll ich dem Vater unter die Augen treten! Der einzige Sohn, nein,
                  mehr... das einzige Kind!«</p>
               <p>Berndt stützte seinen Kopf in die Hand und sagte dann nach einer Weile: »Was haben
                  Sie verordnet?«</p>
               <p>»Nichts.«</p>
               <p>»Und was geben wir ihm, wenn er etwas will?«</p>
               <p>»Alles.«</p>
               <p>»Ich verstehe. Und wann kommen Sie wieder? Am Nachmittag oder gegen Abend?«</p>
               <p>»Ich bleibe«, sagte der Alte und ging dann, da nichts mehr zu sagen war, zu Bamme
                  hinüber, den er von Guse her kannte. Und das traf sich gut für beide. Sie setzten
                  sich alsbald an den Ofen und rauchten sich durch ein paar Stunden durch,
                  unerschöpflich in ihrem Diskurse, der bei Tubal begann und bei Hoppenmarieken
                  endete. Diese war am Morgen auf demselben Prellstein, auf dem Berndt sie hatte
                  sitzen sehen, tot vorgefunden worden. Ob erfroren oder vom Schlage getroffen,
                  hatte sich durch Pachaly, der auch dokterte, nicht feststellen lassen, und auch
                  Leist bezeigte keine Lust, den Ursachen ihres Ablebens wissenschaftlich
                  nachzuforschen. Sie war tot, und das genügte. Von Zeit zu Zeit ging er treppauf,
                  um dem Verwundeten, wenn dieser über Schmerzen klagte, von seiner »Crocata« zu
                  verabreichen, deren Überlegenheit über die »Simplex« er bei dieser Veranlassung
                  wieder in enthusiastischen Ausdrücken pries, bis er – als es ihm endlich geglückt
                  war, unter Anwendung dieses Opiats einen schmerzensfreien Zustand herzustellen –
                  auch für sich persönlich den Zeitpunkt für gekommen erachtete, wieder freier
                  aufzutreten und sich eines Café au cognac zu versichern. Jeetze brachte das
                  Verlangte. Bamme nahm teil, und immer seltner ein ernstes Gesicht aufsetzend,
                  einigten sich schließlich beide dahin, im ganzen genommen <pb/> seit längerer Zeit
                  keinen so gemütlichen Nachmittag verplaudert zu haben.</p>

               <p>Und nun kam der Abend. In dem Eckzimmer war alles versammelt, nur Renate hatte
                  sich zurückgezogen. Man sprach über gleichgültige Dinge, als Jeetze, der sich mit
                  Lewin und der Schorlemmer in den Krankendienst teilte, eintrat und meldete, daß
                  der junge Herr Tubal nach dem Herrn Rittmeister verlangt habe.</p>
               <p>Hirschfeldt ging hinauf. Eine Lampe mit einem kleinen grünen Schirm brannte und
                  gab ein spärliches Licht.</p>
               <p>»Ich habe Sie bitten lassen, Hirschfeldt«, sagte Tubal. »Es ist so dunkel, aber
                  ein Stuhl wird ja wohl zu finden sein. Bitte, hierher.«</p>
               <p>Hirschfeldt tat, wie ihm geheißen, und setzte sich an das Bett.</p>
               <p>»Ich sterbe, Freund. Cito mors ruit.«</p>
               <p>Hirschfeldt wollte antworten.</p>
               <p>»Nein, keine Versicherungen vom Gegenteil... Ich fühle es, und wenn ich es nicht
                  fühlte, so würd ich es aus jedem Worte des alten Leist heraushören können. Er
                  versteht sich schlecht auf Verstellung und hat einen Gemütlichkeitston, in dem die
                  Sterbeglocken immer mitklingen. Und am Ende, was tut es? Früher oder später!«</p>
               <p>»Sie regen sich auf, Tubal«, sagte der Rittmeister. »Ich glaube, daß Ihnen der
                  Alte die Wahrheit gesagt hat. Ihnen und uns.«</p>
               <p>Der Kranke schüttelte den Kopf.</p>
               <p>Hirschfeldt aber fuhr fort: »Sie werden leben, und Sie wollen auch leben, Tubal.
                  Es ist niemand, der gern aus dieser Welt scheidet. Nur die Müden ausgenommen.«</p>
               <p>»Ich bin müde. Aber lassen wir das. Ich habe nur noch wenig Stunden. Bitte, lassen
                  Sie mich trinken. Wein; dort. Der Alte hat es erlaubt, er hat alles erlaubt.«</p>
               <p>Hirschfeldt gab ihm.</p>
               <p>»Und nun hören Sie mich. Ich habe zwei Wünsche. Sorgen <pb/> Sie, daß ich in die
                  Kirche hinaufgeschafft werde, so bald wie möglich. Ich will dort vor dem Altar
                  stehen.«</p>
               <p>Das Sprechen griff ihn sichtlich an. Als er aber getrunken und das Glas wieder
                  beiseite gesetzt hatte, fuhr er in ruhigerem Tone fort: »Das ist eins. Und nun das
                  andere. Ich möchte hier bestattet sein. Aber nicht in der Gruft, in der ich
                  vielleicht unruhig würde wie das Fräulein von Gollmitz, die wieder heraus wollte.
                  Nein, fest in Erde.«</p>
               <p>Er schwieg eine Weile und setzte dann unter schmerzlichem Lächeln hinzu: »Sie
                  sehen mich an, Hirschfeldt, als ob ich im Fieber spräche. Nein, ich fiebere nicht.
                  Aber das von dem Fräulein, das müssen Sie sich erzählen lassen, von Renate oder
                  von Marie. Ja, von Marie, die hat es mir erzählt. Also nicht in die Gruft. Und nun
                  schicken Sie mir den Doktor, ich will mich noch einmal trösten lassen. Die
                  Schmerzen kommen wieder, und sein Opium ist mein bester Trost.«</p>
               <p>Hirschfeldt ging, um den alten Leist hinaufzuschicken. Dieser verordnete dem
                  Kranken eine neue Dosis von seiner »Crocata«, sprach eingehend von »Anno
                  zweiundneunzig« und der Kanonade von Valmy und schloß nicht bloß mit der
                  Versicherung, daß in höchstens sechs Wochen alles wieder in Ordnung sein würde,
                  sondern empfahl ihm auch aufs ernsthafteste, bei der bevorstehenden Reise nach
                  Breslau, lieber in Sagan als in Sorau übernachten zu wollen. Er machte dies so gut
                  und so geschickt, daß Tubal einen Augenblick über seine wirkliche Lage getäuscht
                  wurde.</p>
               <p>Aber nicht auf lange. Denn in der Tat, es ging rasch zu Ende, rascher noch, als
                  der alte Doktor erwartet hatte. Um acht kam Seidentopf, und die Schorlemmer ging
                  jetzt nach oben, um den Kranken zu fragen, ob er den »alten Freund des Hauses«
                  vielleicht noch sprechen wolle; sie wollte nicht sagen: »den Geistlichen«.</p>
               <p>Tubal lächelte und verneinte, trotzdem er ein Trostbedürfnis und eine rechte
                  Sehnsucht nach Erhebung fühlte; aber er empfand auch, daß Seidentopf ihm nicht
                  geben könne, wonach er verlangte.</p>
               <p>
                  <pb/> Eine halbe Stunde später stellten sich Phantasien ein: er sprach von der
                  Muttergottes, die das Jesuskindlein habe fallen lassen; dann bat er, daß sie mit
                  dem Trommeln und Blasen aufhören möchten, und zuletzt richtete er sich auf und
                  sagte: »Nein, nein, das soll nicht sein; Hektor, das treue Tier.«</p>
               <p>Aber plötzlich war es, als würd er wieder klar; er verlangte zu trinken, und
                  gleich darauf bat er die Schorlemmer, ihm Renate zu rufen.</p>
               <p>»Und den Doktor?«</p>
               <p>»Nein, den nicht. Er lügt mit jedem Wort, und seine Tropfen lügen auch. Ich will
                  von beiden nicht mehr. Renate soll kommen.« Und Renate kam.</p>
               <p>Als sie da war, war aus allem zu sehen, daß er mit ihr allein sein wollte, und die
                  Schorlemmer verließ das Zimmer.</p>
               <p>»Setze dich zu mir, Renate«, sagte der Kranke. »Ich will Abschied von dir
                  nehmen.«</p>
               <p>Sie brach in krampfhaftes Weinen aus, warf sich auf die Knie und barg ihr Haupt in
                  die Kissen.</p>
               <p>»Nicht doch; mach es mir nicht so schwer. Ach, du weißt nicht, wie schwer. Und du
                  sollst es auch nicht wissen. Nie, ich hoffe, nie... Ach, Renate, das Scheiden ist
                  doch bitterer, als ich dachte, und nur eines ist, das mich tröstet: es war nichts
                  Rechtes mit mir, und ich hätte dich nicht glücklich gemacht.«</p>
               <p>Sie wollte antworten, aber er fuhr abwehrend fort: »Sage nichts, sage nicht nein.
                  Ich weiß es besser. Denn was gibt Glück uns und andern? Fest sein und stetig sein,
                  stetig sein im Guten. Und wir waren immer unstet, alle, alle. Auch mein Vater war
                  es. Land, Glauben, Freunde gab er hin. Und warum? Einem Einfall zuliebe. Und wir
                  haben nichts Gutes davon gehabt.«</p>
               <p>»Verklage dich nicht, mein Geliebter. Ach, Tubal, um was stirbst du jetzt? Um Lieb
                  und Treue willen. Ja, ja. Erst galt es Lewin, und dann, als er gerettet war, da
                  dauerte dich die arme Kreatur, die verlassen dalag und vor Schmerz und Jammer
                  aufwinselte, und du stirbst nun, weil du dich des treuen Tieres erbarmtest.«</p>
               <p>
                  <pb/> »Ja, Mitleid hatt ich! Das hatt ich immer, Mitleid und Erbarmen. Und
                  vielleicht auch, daß meiner ein Erbarmen harrt, um meines Erbarmens willen. Ich
                  kann es brauchen; jeder kann es. Und in der letzten Stunde tut es wohl, etwas von
                  diesem Ankergrund zu haben... Ich entsinne mich eines langen Liedes, das ich in
                  der Predigerstunde bei dem alten Oberkonsistorialrat lernen mußte; ich hatte
                  keinen Sinn dafür, aber eine Strophe gefiel mir, die war schön.«</p>
               <p>»Welche? Sprich sie, oder willst du, daß ich sie spreche?«</p>
               <p>»Es war etwas von Tod und Sterben und von Christi Beistand in der
                  Scheidestunde.«</p>
               <p>Renate hatte seine Hand genommen und sprach jetzt, ohne weiter zu fragen, mit
                  leiser, aber fester Stimme vor sich hin:</p>


               <l>»Wenn ich einmal soll scheiden,</l>
               <l>So scheide nicht von mir,</l>
               <l>Soll ich den Tod erleiden,</l>
               <l>Tritt du für mich herfür;</l>
               <l>Wenn mir am allerbängsten</l>
               <l>Wird um das Herze sein,</l>
               <l>Reiß mich aus meinen Ängsten</l>
               <l>Kraft deiner Angst und Pein.«</l>


               <p>Tubal hatte sich aufgerichtet.</p>
               <p>»Ja, das ist es.«</p>
               <p>Er schien noch weitersprechen zu wollen, sank aber, immer matter werdend, in die
                  Kissen zurück und begann unruhig und hastig, wie die Sterbenden tun, an seiner
                  Bettdecke herumzuzupfen. Dabei war es, als ob er in seiner Erinnerung nach etwas
                  suche.</p>
               <p>Endlich hatte er es und fuhr in abgerissenen Sätzen fort: »Es war noch früher,
                  viel früher, und wir waren noch in der alten Kirche, da sagte mir der Kaplan ein
                  lateinisches Lied vor. Und als Ostern herankam, da mußt ich es hersagen vor meinem
                  Vater und vor meiner Mutter und vor Graf Miekusch. Und meine Mutter lachte, weil
                  sie das Lateinische nicht verstand. Aber mein Vater war ernst geworden und Graf
                  Miekusch auch.«</p>
               <p>
                  <pb/> Er schwieg eine Weile, und Renate sah bang auf ihn.</p>
               <p>»Das ist nun zwanzig Jahre«, fuhr er fort, »oder noch länger, und ich hatt es
                  vergessen. Aber nun hab ich es wieder:</p>


               <l>Salve caput cruentatum</l>
               <l>Totum spinis coronatum</l>
               <l>Conquassatum, vulneratum</l>
               <l>Facie sputis illita...«</l>


               <p>Er hatte sich bei jeder neuen Zeile mehr und mehr erhoben und starrte mit einem
                  Ausdruck, als ob er etwas sähe, auf den Wandpfeiler zu Füßen seines Bettes. Und
                  ein Lächeln, in dem Schmerz und Erlösung miteinander kämpften, verklärte jetzt
                  sein Gesicht.</p>
               <p>»Kathinka hatte recht... aber nun ist es zu spät... Salve caput cruentatum...« Es
                  waren seine letzten Worte.</p>
               <p>Er sank in die Kissen zurück, und seine Augen schlossen sich für immer.</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Fünfundzwanzigstes Kapitel</head>
               <head>Wie bei Plaa</head>
               <p>In derselben Stunde noch war ein reitender Bote nach Berlin hin abgegangen, um dem
                  Vater, in einigen Zeilen Berndts, die Nachricht von dem Tode seines Sohnes zu
                  überbringen. Kein Versäumnis hatte stattgefunden. Nichtsdestoweniger ließ sich das
                  Eintreffen des alten Geheimrats vor nächstem Abend nicht erwarten.</p>
               <p>Am Morgen fanden sich wie gewöhnlich alle Hausgenossen in dem Eckzimmer zusammen,
                  nur Renate fehlte, und Hirschfeldt nahm jetzt Veranlassung, alles, was ihm Tubal
                  als seinen »Letzten Willen« ausgesprochen hatte, zur Kenntnis Berndts zu bringen.
                  Dieser war einverstanden damit, das Hinaufschaffen des Toten in die Kirche soweit
                  wie möglich zu beschleunigen; was aber das Begräbnis angehe, so werde der alte
                  Ladalinski darüber zu bestimmen haben. Darnach trennte <pb/> man sich. Hirschfeldt
                  und Bamme ritten auf eine Stunde zu Drosselstein hinüber, und Lewin ging in die
                  Pfarre, um all sein Freud und Leid an dieser Stelle auszuschütten. Wußte er doch,
                  daß er hier alles sagen durfte, weil er für alles ein Verständnis fand. Und mehr
                  als das: ein stilles Gemüt, das den Frieden geben konnte, den es selber hatte. Und
                  nach diesem Frieden sehnte sich sein Herz.</p>
               <p>Um zwei Uhr mittags fuhr ein großer Leiterwagen auf das Dorf zu, einer von denen,
                  wie man sie zur Erntezeit, mit Garben hoch beladen und einem »Baum« darüber, in
                  die vorn und hinten geöffneten Scheunentore hineinschwanken sieht. Ein sogenannter
                  Oostwagen. Er kam von Küstrin, und jeder Hohen-Vietzer, der ihm irgendwo begegnet
                  wäre, hätte gewußt, daß es ein Kniehasesches Gespann war und ein Kniehasescher
                  Knecht, der fuhr. Dieser saß auf einem etwas vorstehenden Brett und hatte beide
                  Füße auf die Deichsel gesetzt. Auf demselben Brette, dicht hinter ihm, standen
                  zwei Särge, der eine schwarz mit weißem Beschlag, der andere gelb und mit
                  häßlicher blauer Verzierung. Der gelbe viel kleiner. An den schwarzen hatte sich
                  der Knecht angelehnt und rauchte.</p>
               <p>»Hü!« und dabei gab er den Pferden einen Schlag. Als sie bis an die Auffahrt
                  gekommen waren, traten Krist und Pachaly, die schon warteten, vor, um den
                  vordersten Sarg abzuladen. Der Kniehasesche Knecht war ihnen dabei behülflich.</p>
               <p>»Wecke Stunn bringen se 'n rupp?« fragte der Knecht, als er Kristen in den oberen
                  Griff des Sarges einfassen sah.</p>
               <p>»Hüt noch, glieks.«</p>
               <p>»Un vörn Altar?«</p>
               <p>»Joa, so seggen se.«</p>
               <p>»Un woto vörn Altar? Dat's nich Mod bi uns.«</p>
               <p>»Ick weet nich. Et is en Pohlscher. Un da möt et woll so sinn.«</p>
               <p>Damit beruhigte sich der Kniehasesche Knecht und fuhr mit dem gelben Sarge weiter
                  die Dorfstraße hinauf, an dem Schulzenhofe vorüber. Als er bei Miekleys Mühle war,
                  bog er in den Forstacker ein und hielt endlich vor Hoppenmariekens <pb/> Haus.
                  Hier standen alte Weiber, die den gelben, häßlichen Sarg in Empfang nahmen.</p>
               <p>»Kuck«, sagte die eine, »geel un blu, Dat is so wat för Hoppenmarieken.«</p>
               <p>»Un so kleen as en Kinnersark.«</p>
               <p>»Na, vun 'ne Kinner wihr se nu groad nich.«</p>
               <p>»Nei, awers de Düwel is ook mal kleen west. Un wat deiht et ehr, dat se 'ne
                  Hehlersch wihr? Se kümmt jo nu ook rupp, un se kulen ehr inn mang all de annern.
                  Oll-Sidentopp wihr joa daför.«</p>
               <p>»Joa, he. He denkt ook, he kann allens.«</p>
               <p>Und damit brach das Gespräch ab.</p>

               <p>Im Herrenhause war inzwischen ein lebhaftes Treiben gewesen, auf und ab, aber wie
                  auf Socken, und kein Wort wurde gesprochen. Um vier Uhr lag der Tote gebettet in
                  seinem Sarge, und eine Stunde später trugen ihn sechs Träger über den oberen
                  Korridor hin und langsam die Treppe hinunter. Als sie die letzten Stufen eben
                  passiert hatten und über den Hinterflur fort, wo das Hausgesinde stand, auf die
                  Halle zu wollten, sahen sie sich aufgehalten, denn Hektor lag mitten in ihrem
                  Wege. Er hatte sich von seiner Binsenmatte her bis an diese Stelle vorgeschleppt
                  und mühte sich jetzt, sich aufzurichten. Aber umsonst; er winselte nur, und den
                  Augen Berndts, der sich bis dahin gehalten hatte, entstürzten Tränen. So
                  durchschritten sie das Haus, den Hof und bogen zuletzt in den oft genannten
                  Hügelweg ein, der zur Kirche hinaufführte. Als sie bis dicht heran waren, erglühte
                  der Horizont im Widerschein der eben untergegangenen Sonne. Der alte Kubalke
                  schloß auf, und eine kleine Weile noch, so stand der Tote vor dem Altar.</p>

               <p>Es war eben neun Uhr, als eine Chaise vor dem Herrenhause hielt, deren Ankunft, da
                  das Stroh noch lag, von niemandem, am wenigsten von Jeetze, der ohnehin schlecht
                  hörte, bemerkt worden war. Endlich ward es hell an den Fenstern, und gleich <pb/>
                  darauf erschien Lewin und trat an den Wagenschlag, um dem alten Ladalinski, denn
                  er war es, beim Aussteigen behilflich zu sein. Das Aussehen des Geheimrats zeigte
                  sich wenig verändert; seine Haltung war gerade und aufrecht, Anzug und Haar
                  geordnet. Er fragte nach Renate, die nicht zugegen war, und folgte dann Berndt in
                  das Eckzimmer, in dem ein hohes Kaminfeuer brannte und der Teetisch nach
                  russischer Art, wie der Gast es liebte, hergerichtet war. Bamme und Hirschfeldt
                  wollten sich zurückziehen, wurden aber aufgefordert zu bleiben, ebenso die
                  Schorlemmer. Alle setzten sich, Tee wurde gereicht und von der Fahrt gesprochen.
                  Es sei nicht möglich gewesen, Berlin vor Mittag zu verlassen; allerhand
                  Anordnungen hätten den Moment der Abreise hinausgeschoben.</p>
               <p>Unter solchem Geplauder vergingen Minuten, ohne daß des Ereignisses, das den
                  Geheimrat hierher geführt hatte, erwähnt worden wäre. Er bat um ein zweites Glas
                  Tee, und erst als er auch dieses geleert und dabei den Wunsch ausgesprochen hatte,
                  seine Weiterreise so bald wie möglich antreten zu können, sagte Berndt:</p>
               <p>»Hab ich recht verstanden? Weiterreise?«</p>
               <p>Der Geheimrat nickte.</p>
               <p>»So werden Sie nicht unmittelbar nach Berlin zurückkehren?«</p>
               <p>»Nein. Ich gedenke gleich von hier aus die Leiche meines Sohnes nach Bjalanowo
                  überzuführen. Alle Ladalinskis stehen dort. Das Leben hat seine Forderungen, aber
                  auch der Tod. Es liegt mir daran, im Sinne meines Sohnes zu handeln, der, wie mir
                  wohl bewußt, diesen Zug nach der Heimat hatte.«</p>
               <p>Hirschfeldt wollte berichtigen; Berndt aber, der den Eigensinn Ladalinskis kannte
                  und von mancher früheren Erfahrung her wußte, daß unbequeme Mitteilungen wohl das
                  Gemüt seines Gastes beunruhigen, aber an seinen Entschlüssen nichts ändern
                  konnten, ergriff deshalb statt des Rittmeisters das Wort und beeilte sich, ohne
                  weiteres seine Zustimmung auszusprechen. Hirschfeldt erriet die Absicht, und so
                  wurde denn festgestellt, daß um neun Uhr früh die Weiterreise stattfinden <pb/>
                  und zur Überführung des Toten ein Schlitten, am besten ein Planschlitten, leicht
                  und einspännig, beschafft werden solle. Alles regelte sich rasch und kurz, und nun
                  erst sagte der Geheimrat, indem er sich erhob:</p>
               <p>»Ich wünsche meinen Sohn zu sehen.«</p>
               <p>»Er steht in der Kirche oben«, bemerkte Berndt. »Vor dem Altar. Es war sein
                  letzter Wunsch.«</p>
               <p>»So will ich hinauf. Aber allein, Vitzewitz. Ich bitte nur um die Begleitung Ihres
                  Küsters. Ein Alter, hoff ich.«</p>
               <p>Dies konnte bejaht werden, und das Gespräch, das sonst ins Stocken geraten wäre,
                  wandte sich jetzt mit Vorliebe und Ausführlichkeit dem Umstande zu, daß es im
                  ganzen Oderbruche kein Dorf gäbe, in dem die Leute so alt würden wie in
                  Hohen-Vietz. Immer neue Beispiele wurden gefunden, erst der alte Wendelin Pyterke
                  und dann Seidentopfs Amtsvorgänger, der seine diamantene Hochzeit gefeiert und
                  drei Tage später einen kleinen Ururenkel getauft habe. Schwäche halber freilich
                  habe er die Taufformel im Sitzen sprechen müssen. Und bei diesem Amtsvorgänger und
                  seinem Ururenkel – dessen Existenz übrigens, wie wenn es sich um eine
                  Unschicklichkeit gehandelt hätte, von der Schorlemmer bestritten wurde – verweilte
                  das Gespräch noch, als Jeetze meldete, daß der alte Kubalke angekommen sei und
                  draußen warte.</p>
               <p>Alle gingen ihm entgegen. Er stand in der Halle und hielt den Kirchenschlüssel und
                  eine große Laterne in seiner linken Hand. Mit der rechten nahm er sein
                  Sammetkäppsel ab und grüßte.</p>
               <p>»'s ist schon spät, Papa«, sagte Ladalinski. »Mehr Bettzeit als Kirchenzeit. Aber
                  Ihr wißt-«</p>
               <p>Und damit verließen beide den Flur und traten in die mit allerhand Strauchwerk
                  besetzten Parkgänge hinaus. Lewin und Hirschfeldt waren ihnen bis an die Hoftüre
                  gefolgt. »Wie bei Plaa«, sagte jener und setzte nach einer kurzen Pause hinzu:
                  »Aber dieser Gang ist schwerer.«</p>
               <p>Hirschfeldt nickte still, und beide kehrten in das Eckzimmer zurück.</p>
               <p>
                  <pb/> Die beiden Alten stiegen inzwischen hügelan, Kubalke zwei, drei Schritt
                  vorauf, um besser leuchten zu können, denn nur wenige Sterne schienen, und hier
                  und dort waren Wurzeln über den Weg gewachsen. Als sie halb hinauf waren, hielt
                  er, bis der Geheimrat heran war, und sagte: »Passen S' Achtung, gnäd'ger Herr,
                  hier ist Glatteis.« Und dann ins Plattdeutsche fallend, was ihm, trotzdem er
                  Schulmeister war, aus Alter und Unachtsamkeit öfters passierte, schloß er seinen
                  Satz: »De verdüwelten Jungens, se hebben hier 'ne Slidderboahn moakt. Un mihr as
                  een. Se weeten nich, dat ook olle Lüd in de Welt rummerlopen. Olle Lüd, as wie
                  ick.«</p>
               <p>»Wir werden so weit nicht auseinander sein«, sagte Ladalinski, dem die Weise, wie
                  der Alte sprach, angenehm im Ohre klang.</p>
               <p>»Doch, doch«, antwortete dieser und fuhr dann, ebenso unwissentlich das
                  Hochdeutsche wieder aufnehmend, fort: »Als ich so war, wie der gnäd'ge Herr jetzt
                  sind, Mitte Sechzig oder so, da war meine Maline noch keine zehn Monat alt, und
                  die Eve, die ja der gnäd'ge Herr auch kennen – drüben in Guse, aber jetzt hab ich
                  sie wieder bei mir, denn es ist unser Nestküken –, ja das Evelchen, das war noch
                  gar nicht geboren.«</p>
               <p>»Da sind Sie über achtzig, Papa?«</p>
               <p>»Dreiundachtzig. Das heißt nächsten dreizehnten August.«</p>
               <p>»... Und müssen also spät geheiratet haben.«</p>
               <p>»Ja, gnäd'ger Herr, das hab ich. Das heißt, es war die zweite Frau. Als ich das
                  erste Mal auf die Freite ging, das war drei Jahr eher, als wir die Russen hier
                  hatten, und ich war eben erst ins Dorf gekommen... Aber da sind wir schon.«</p>
               <p>Und dabei trat er auf die Steinstufen des tief eingeschnittenen Portals und schloß
                  die große Kirchentür auf, die sich nach innen hin öffnete. Sie passierten erst den
                  Turm zwischen dem Stubbenholz und den alten katholischen Altarpuppen hin, die
                  zusammengefegt in der Ecke lagen, und schritten dann, an den Chorstühlen vorbei,
                  den breiten Mittelgang hinauf, auf Altar und Kanzel zu.</p>
               <p>
                  <pb/> Als sie bis an die vorderste Stuhlreihe gekommen waren, wollte der Geheimrat
                  nach links hin eintreten und sich einen Augenblick setzen; denn er bedurfte der
                  Sammlung. Aber der alte Kubalke zog ihn hastig wieder zurück und sagte: »Nicht da,
                  gnäd'ger Herr; das ist der Majorsstuhl.«</p>
               <p>Der Geheimrat sah ihn verwundert an.</p>
               <p>»Nicht da, gnäd'ger Herr«, wiederholte der Alte, »nicht da. Das war Anno 59, und
                  ich seh es noch wie heute. Sie brachten ihn von Kunersdorf her, Grenadiere von
                  Regiment Itzenplitz, und hier legten sie ihn nieder, hier auf diese Bank. Aber er
                  hatte das Leben satt. ›Kinder, ich will sterben‹, sagte er und riß sich die Binden
                  ab. Und da hat er sich verblutet. Es war den 12. August, den Tag vor meinem
                  Geburtstag.«</p>
               <p>Bei diesen Worten hatte der alte Kubalke den Geheimrat nach der andern Seite
                  hinübergezogen. Die vorderste Chorstuhlreihe war hier freilich geschlossen, aber
                  in ihrer Front lief eine schmale Bank, auf der, wenn Konfirmation war, die
                  Einsegnungskinder ihre Plätze hatten. Darauf setzten sich jetzt die beiden Alten
                  und hatten nun die Bahre dicht vor sich, keine drei Schritt ab.</p>
               <p>Als sie sich eine Weile geruht, sagte Ladalinski: »Nun, denk ich, wollen wir den
                  Deckel abnehmen.«</p>
               <p>»Noch nicht, gnäd'ger Herr. Sie müssen den jungen Herrn Sohn doch wenigstens sehen
                  können. Und es ist ja noch so dunkel. Ein lieber junger Herr. Erst letzten
                  Sonntag, da hab ich ihn hier eingeschlossen mit Marie Kniehase; denn ich habe
                  keine Augen mehr. Und als ich nach einer Viertelstunde wiederkam, da stand er hier
                  und hatte rote Backen. Dicht neben dem Majorsstuhl. Aber die Marie war noch röter.
                  Ich will erst die Lichter anstecken, gnäd'ger Herr.«</p>
               <p>Damit ging er auf den Altar zu, nahm die Wachslichter von den großen
                  Messingleuchtern und zündete sie an. Anfangs schien es, daß sie wieder verlöschen
                  wollten, aber zuletzt brannten sie, und der Alte, während er jetzt die Bahrdecke
                  fortnahm und auf die Altarstufen niederlegte, sagte ruhig: »Nu, mit Gott, gnäd'ger
                  Herr.«</p>
               <p>
                  <pb/> Ladalinski hatte sich erhoben und stellte sich an die eine Schmalseite des
                  Sarges.</p>
               <p>»Steh ich zu Häupten oder zu Füßen?« fragte er.</p>
               <p>»Zu Häupten.«</p>
               <p>»Ich will doch lieber zu Füßen stehen.«</p>
               <p>Darnach wechselten sie die Plätze und hoben nun den Deckel ab, der alte Geheimrat
                  mit krampfhaft geschlossenem Auge.</p>
               <p>Und nun erst sah er auf den Sohn, fest und lange, und fand zu seiner eigenen
                  Überraschung, daß sein Herz immer ruhiger schlug. Was war es am Ende? Er war tot.
                  Und er fühlte tief in seiner Seele, daß es nichts Schreckliches sei, nein, nein,
                  Freiheit und Erlösung. Das Leben erschien ihm so arm, der Tod so reich, und nur
                  ein Gefühl beherrschte ihn: »Ach, daß ich an dieses Toten Stelle wäre.«</p>
               <p>Er betete für ihn und für sich selbst; dann, während ihn alles traumhaft umwogte,
                  stand er eine Minute noch und sagte dann: »Nun, Papa, wollen wir wieder
                  schließen.«</p>
               <p>Der war es bereit, und sie legten auch die Bahrdecke wieder über den Sarg, ein
                  verschossenes Stück Wollenzeug, das nur eben bis an die Tragbalken der Bahre
                  reichte. Und siehe, das alte katholische Gefühl, wie es sich erst in Kathinka und
                  dann zuletzt auch in Tubal geregt hatte, es wurde jetzt ebenso in dem Herzen des
                  alten Ladalinski wieder lebendig, und er sagte, während er auf den Sarg und die
                  ärmliche Decke deutete:</p>
               <p>»Es sieht so kahl aus. Was meint Ihr, ich möchte das Kruzifix nehmen und es
                  obenauf legen. Oder glaubt Ihr, daß es Anstoß gibt?«</p>
               <p>»Nicht doch, gnäd'ger Herr. Das ist so recht was für ein Kruzifix. Dafür ist es ja
                  da, für die Toten, die brauchen's. Hier unten geht es noch so; aber drüben, da
                  fängt es an.«</p>
               <p>Und so nahmen sie das Kruzifix vom Altar, legten's auf die Sargdecke und setzten
                  sich wieder, der alte Kubalke aber fuhr in zutraulichem Tone fort: »Es ist noch
                  keine sieben Jahre her, da hab ich es auch vom Altar weggenommen. Denn da war die
                  Löffelgarde hier und die Marodeurs; und auch den andern war nicht viel zu trauen,
                  wenn es was Silbernes war. Und da <pb/> sagt ich zu meiner Frau: ›Frau, wo stecken
                  wir's hin?‹ – ›Steck es in den Bettsack‹, sagte sie, aber das wollt ich ja nicht,
                  und so steckt ich es in mein Kopfkissen und legte mich und wollte darauf schlafen.
                  Aber das war auch nicht das Rechte, und ich hatte keine Ruhe, und mir war es
                  immer, als drückt ich auf die Wunden meines Heilands und tät ihm weh. Da stand ich
                  denn auf und nahm es wieder heraus und hing es an den Spiegelpfeiler. ›Mutter‹,
                  sagt ich, ›es ist nicht nötig, daß wir es verstecken. Und wenn das Franzosenzeug
                  auch in unsere Kirche einbricht, in ein armes Küsterhaus werden sie nicht
                  einbrechen. Da suchen sie nichts. Und wenn sie doch kommen, da wird er sich selber
                  zu schützen und zu helfen wissen. Denn das haben wir hier herum erfahren, er läßt
                  sich nicht spotten. Auch in seinem Bilde nicht.‹«</p>
               <p>Der Geheimrat hatte bewegten Herzens zugehört. Ach, wie wohl ihm diese Sprache tat
                  und dieser kindliche Glaube. Er nahm seines Begleiters Hand und sagte: »Nun wollen
                  wir wieder gehen.«</p>
               <p>Und beide standen auf; der Alte löschte die Lichter, und zwischen den
                  Kirchenstühlen hin schritten sie wieder auf den Ausgang zu. Als sie den Turm eben
                  passierten, schlug es zehn. Der Schlag der Glocke dicht über ihnen erfrischte dem
                  alten Ladalinski das Herz, und so traten sie wieder ins Freie.</p>
               <p>Es war noch dunkler geworden, die letzten Sterne fort, und Kubalke ging wieder
                  vorauf, bis sie halben Weges an die Schlitterbahnstelle kamen.</p>
               <p>»Passen S' Achtung, gnäd'ger Herr, hier ist das Glatteis«, sagte der Alte wie beim
                  Hinaufsteigen und schien auch wieder von den »verdüwelten Jungens« sprechen zu
                  wollen. Aber Ladalinski kam ihm zuvor und sagte, anknüpfend an ihr unterbrochenes
                  Gespräch: »Sie waren zweimal verheiratet, Papa? War es nicht so?«</p>
               <p>»Ja, gnäd'ger Herr.«</p>
               <p>»Und hatten auch Kinder von der ersten Frau?«</p>
               <p>»'ne Tochter.«</p>
               <p>»Und die lebt noch?«</p>
               <pb/>
               <p>»Nein, gnäd'ger Herr. Lange tot; gestorben und verdorben. 'S war so der Nachlaß
                  von der Mutter her.«</p>
               <p>Der alte Geheimrat sah ihn fragend an.</p>
               <p>»Ja, die Mutter. Das war so eine schmucke Person, und alles Mannsvolk lief ihr
                  nach. Und da war auch ein Kandidat hier, und eines Sonntags, als sich der alte
                  Pastor Ledderhose, der hundert Jahr alt wurde, den Fuß ausgerenkt hatte, da stand
                  unser Herr Kandidat auf der Kanzel und predigte, und Wendelin Pyterke, der damals
                  unser Schulze war, sagte zu mir: ›Höre, Kubalke, der versteht's.‹ Und er verstand
                  es auch. Aber was? Am Abend waren sie beide fort. Ins Pommersche, so nach Kammin
                  oder Kolberg zu. Und da wurd er Salzinspektor; aber es dauerte nicht lange, und es
                  hat ein schlechtes Ende genommen.«</p>
               <p>»Und die Tochter?«</p>
               <p>»Die war bei mir, bis sie siebzehn war; da flog sie auch weg, und es war alles
                  ebenso. Wie sich einer bettet, so liegt er. Aber nun ist Gras drüber
                  gewachsen.«</p>
               <p>Bei diesen Worten waren sie wieder bis an die Rückseite des Herrenhauses gekommen,
                  und der alte Kubalke klinkte die Hoftür auf. Auf dem matt erleuchteten Hinterflur
                  trafen sie Jeetze.</p>
               <p>»Gute Nacht, Papa!« sagte Ladalinski. »Haben auch manches erlebt.«</p>
               <p>»Ja, gnäd'ger Herr. Aber Gras wächst über alles.«</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Sechsundzwanzigstes Kapitel</head>
               <head>Zwei Begräbnisse</head>
               <p>Um neun Uhr früh hatte Ladalinski seine Reise nach Bjalanowo hin fortsetzen
                  wollen, und nachdem er sich, als diese Stunde da war, im Hause verabschiedet
                  hatte, stieg er jetzt die winterlich kahle Nußbaumallee hinauf, um den vor dem
                  Altar stehenden Sarg abzuholen. Mit ihm waren nur Berndt und Lewin. Neben ihnen
                  her schwankte ein in Federn hängender <pb/> Chaisewagen, während ein nur mit einem
                  einzigen Pferde bespannter Planschlitten um zehn oder zwanzig Schritt vorauffuhr.
                  Es war derselbe, der schon die Fahrt nach »Bastion Brandenburg« mitgemacht und von
                  Bamme vorahnend den Namen »Sargschlitten« empfangen hatte. Pachaly saß wieder auf
                  dem Deichselbrett, alles wie drei Tage vorher, nur daß sich auf dem hohen Kummet
                  des Pferdes, in einem alten Stahlbügel aufgehängt, ein einziges Schlittenglöckchen
                  hin und her bewegte.</p>
               <p>Nun war man oben; die Planschleife fuhr unmittelbar bis an die Stufen des Portals,
                  während der Chaisewagen in einiger Entfernung halten blieb. Die Kirche stand auf;
                  Pachaly trat mit ein, und einen Augenblick später erschien auch der Ladalinskische
                  Diener. So schritten sie den Mittelgang hinauf bis an den Altar; Berndt erkannte
                  das Kruzifix und wußte wohl, wer es dahin gelegt hatte. Sie stellten sich nun zu
                  beiden Seiten des Sarges, ohne daß ein Wort gesprochen worden wäre; endlich sagte
                  der Geheimrat: »Nun tragt ihn hinaus.« Und dabei nahm er das Kruzifix, um es
                  wieder auf den Altar zu stellen, von dem er es genommen hatte. Aber der alte
                  Vitzewitz kam ihm zuvor und sagte: »Nein, Ladalinski, nicht so, das ist nun Ihre;
                  mein Großvater hat es dieser Kirche gestiftet, und ich werde ein neues stiften.
                  Nehmen Sie es, ich bitte Sie darum. Sie haben mir, wollentlich oder nicht, Ihren
                  Sohn gegeben, und alles, was ich Ihnen wiedergeben kann, ist dieses Kreuz. Ach,
                  ich hab es auch getragen.«</p>
               <p>Ladalinskis Lippen zitterten; er konnte nicht sprechen oder wollte nicht. Dann
                  aber riß er in freudiger Erregung einen Streifen von der Bahrdecke, legte den
                  Streifen, als ob es eine Schärpe wäre, um die Mitte des Sarges und schob das
                  Kruzifix, das sonst keinen Halt gehabt hätte, in den schwarzen Schärpenknoten
                  hinein. Darnach trat er beiseite, und Pachaly und der Diener faßten nun die Bügel
                  und trugen den Toten hinaus.</p>

               <p>Eine Viertelstunde später bog der Schlitten, der sich bis dahin auf der Höhe
                  langsam fortbewegt hatte, nach links hin aus <pb/> und fuhr, als er den Abhang
                  glücklich hinunter war, zwischen den Uferweiden auf Frankfurt zu. Die Chaise
                  folgte, und während ihr überdeckter Polstersitz auf dem holprigen Wege hin und her
                  schwankte, wurden Erinnerungen in dem Herzen des alten Ladalinski wach, und er
                  mußte jener Reise gedenken, die ihn vor langer, langer Zeit auf ebenso
                  verschneiten Wegen nach Bjalanowo hin geführt hatte. Und doch wie anders damals!
                  Eine Hochzeitsreise war es, und die reizendste der Frauen – eben erst die seine –
                  schmiegte sich unter übermütigem Lachen an seine Seite; der Schnee stäubte, die
                  Pferde flogen, und jeder neue Rasteplatz brachte neue Blumen und neue Huldigungen.
                  Erfinderisch war er gewesen, wie die Liebe selbst. Und jetzt sah er nichts vor
                  sich als den Schlitten, den die Uferweiden streiften und der langsam auf eine
                  Gruft zufuhr, die nicht mehr die seine war und an deren Tür er um Gastlichkeit
                  bitten mußte für seinen Toten. Das war mehr, als er tragen konnte. Scharf und
                  leise klang das Glöckchen, und scharf und leise fielen seine Tränen.</p>

               <p>Um dieselbe Stunde, wo der alte Geheimrat, begleitet von Berndt und Lewin, zu der
                  Kirche hinaufgestiegen war, war auch Bamme, nach Anlegung seines Husarenrocks, aus
                  dem Herrenhause getreten, hatte sich aber nach fast entgegengesetzter Seite hin
                  begeben. Es lag ihm daran, dem Begräbnis Hoppenmariekens, das im Laufe des
                  Vormittags stattfinden sollte, beizuwohnen, bei welcher Gelegenheit er noch einen
                  Blick auf diesen Gegenstand seines besonderen Interesses zu tun hoffte. Als er in
                  die Nähe des Heckenzaunes kam, der das Häuschen einfaßte, sah er, daß allerhand
                  Gesindel zu beiden Seiten des Weges Spalier gebildet hatte, zum Teil dieselben
                  alten Weiber, die gestern dem Kniehaseschen Knecht beim Abladen des Sarges
                  behilflich gewesen waren. Bamme grüßte und hörte nicht ohne Befriedigung, daß
                  hinter ihm her gezischelt wurde: »Dat is he; wie schnaaksch he utsieht.« Darnach
                  trat er in das offenstehende Haus. Ein starker Zug wehte, trotz dieses Zuges aber
                  war es warm, denn der Ofen pustete, und <pb/> auf dem Flurherd brannten große
                  Scheite, um die seltsamerweise mehrere Kochtöpfe gestellt waren. Das hatten die
                  Forstackersleute getan, die sich auf Hoppenmariekens Kosten einen guten Tag machen
                  wollten. Erben waren nicht da, und Kniehase sah ihnen durch die Finger.</p>
               <p>Bamme hatte sich was versprochen, aber er fand doch mehr noch, als er erwartet
                  hatte. Auf zwei Stühle, nach Art eines Reisekoffers, war der offene Sarg gestellt,
                  und auf dem Rande des Sarges saß ein schwarzer Vogel, einem Raben ähnlich, nur
                  viel kleiner. Als der Vogel den Eintretenden gewahr wurde, hüpfte er von dem einen
                  Rande auf den andern hin über und von diesem auf den Sargdeckel, der mit seinen
                  blitzblauen Beschlägen auf zwei andern Stühlen lag. Es machte dies Platzwechseln
                  durchaus den Eindruck, als ob es aus Respekt gegen Bamme geschähe, der es denn
                  auch so nahm und, an den Vogel herantretend, ihn belobigte. »Bist ein braver Kerl,
                  hast Lebensart.« Gleich darauf indessen entsann er sich seines eigentlichen
                  Zwecks, schob den am Wandpfeiler stehenden Tisch, darin das Gesangbuch und die
                  Karten lagen, beiseite und probte sich einen Platz aus, um die Tote bequem und in
                  guter Beleuchtung betrachten zu können. Diese lag in Staat, und nichts war
                  vergessen, was zu Hoppenmarieken gehörte. Das weiße Haar war unter das schwarze
                  Kopftuch gebunden, die Zipfel standen hoch nach oben, und ihre zwei dicken
                  Wasserstiefel sahen mit halber Sohle aus dem Sarge heraus. In ihrer Rechten hielt
                  sie den Hakenstock, weil er aber zu lang gewesen war, war er in zwei Hälften
                  zerbrochen worden, und das untere Stück lag nun daneben. Ihr Gesichtsausdruck
                  hatte sich wenig verändert; das Listige hatte der Tod fortgenommen, aber das
                  Trotzige war geblieben. Bamme war entzückt; er drehte den Hakenstock ein wenig zur
                  Seite und sagte dann vor sich hin: »Zwergen-Bischof«, eine Bemerkung, zu der er
                  sich, in Ermangelung eines guten Publikums, vorläufig selber gratulierte. Dann sah
                  er in den Alkoven hinein, in dem sich die großen Gundermannsbüschel im Zugwinde
                  hin und her bewegten, und fand auch hier alles »superbe«.</p>
               <p>
                  <pb/> Als er wieder in die Vorderstube trat, war der schwarze Vogel auf den Rand
                  des Sarges zurückgeflogen, und Bamme, neugierig und verwundert, was das Tier da
                  wolle, trat jetzt heran und sah, daß es von der Toten in aller Wirklichkeit
                  gefüttert wurde. Die Nachbarweiber hatten ihr nämlich Ebereschenbeeren und
                  Weizenkörner in die geöffnete linke Handfläche gelegt. Das war so
                  Forstackerpoesie.</p>
               <p>Bamme nickte und wollte wieder auf seinen Beobachtungsposten zurückkehren, mußte
                  sich aber bald überzeugen, daß es mit dem Zauber dieser Stunde zu Ende gehe.</p>
               <p>Die Neugierde der Hoppenmariekeschen Vögel, die zwischen ihren Gitterstäben
                  hindurch auf ihn und seinen roten Husarenrock niederblickten, hätte sich
                  vielleicht ertragen lassen, aber das Gaffen der draußenstehenden alten Weiber und
                  Kinder fing doch an unbequem und lästig zu werden, so lästig, daß er schließlich
                  froh war, als ihm das Erscheinen der Träger gemeldet wurde. Diese traten denn auch
                  bald darauf ein, schlossen den Sarg und setzten sich auf den Kirchhof zu in
                  Bewegung. Einer der Träger war Hanne Bogun, der den linken Vorderbügel gefaßt
                  hatte, während rechts neben ihm ein lahmer Scherenschleifer ging, dessen untere
                  Beinstellung ein gleichschenkliges Dreieck bildete. »Das laß ich mir gefallen,«
                  sagte Bamme, froh, seinen Meister gefunden zu haben, und schloß sich als erster
                  Leidtragender an, während der ganze »Forstacker« in corpore folgte. Alles war
                  heiter, die Kinder schneeballten sich, und Kniehases Tauben flogen über dem Zuge
                  hin, als würde Schneewittchen oder irgendeine Märchenprinzeß begraben.</p>
               <p>So kamen sie bis an das Kirchhofsportal. Die Träger, müde geworden, wechselten
                  hier ihre Plätze, und nur Hanne Bogun, weil er bloß den rechten Arm hatte, blieb
                  an der linken Seite des Sarges. Und nun zwischen den Gräbern hin setzte sich der
                  Zug wieder in Bewegung, bis er am andern Ende des Kirchhofs hielt. Hier dicht an
                  der Feldsteinmauer war ein Grab gegraben, an einer Stelle, wo zur Sommerzeit
                  Disteln und Schafgarbe wucherten und die Ziegen zu grasen pflegten. Neben dem
                  Grabe standen Seidentopf und Kniehase und beiden gegenüber <pb/> Berndt und Lewin,
                  die nach dem Abschiede von Ladalinski gleich auf dem Kirchhügel geblieben waren,
                  weil sie das Herankommen des Zuges bemerkt hatten. Von den Dörflern, ein paar
                  Kossäten und Büdner ausgenommen, war nur Miekley da, der das »ehrliche Begräbnis«
                  zwar ebenso mißbilligte wie alle andern, aber doch durch zwei Dinge bestimmt
                  worden war, diese seine Mißbilligung nicht zu zeigen. Und zwar erstens, um, wenn
                  »etwas geschähe« – woran er nicht zweifelte –, seinerseits nichts versäumt zu
                  haben, und zweitens und hauptsächlichst, um Uhlenhorsten, der sich auf dem
                  Mühlenhofe zu Mittag und Abend hatte ansagen lassen, mit einer neuen
                  »Seidentopferei« unterhalten zu können.</p>
               <p>Die Träger hatten ihre Last niedergestellt; nun ließen sie den Sarg hinab, und
                  Seidentopf, während alle Forstackerkinder neugierig das Grab umdrängten, sagte mit
                  seiner klaren Stimme: »Empfehlen wir ihre Seele Gott. Es war kein christliches
                  Leben, das sie geführt; aber ihr letzter Tag, so hoffe ich, hat vieles
                  ausgeglichen. Sie hatte keinen Menschen lieb, einen ausgenommen, und diesen einen,
                  der jetzt mit an ihrem Grabe steht, hat sie gerettet oder doch mit zu seiner
                  Rettung geholfen. Ihre List, die sonst ihr Böses war, war hier ihr Gutes. Und wenn
                  dieses Gute nicht schwer genug wiegen sollte, so wird die Barmherzigkeit Gottes
                  hinzutreten und in Gnaden geben, was noch fehlt. Beten wir für sie.« Und dabei
                  nahm er sein Barett ab und sprach das Vaterunser, während zwei seitab stehende
                  Forstackerweiber kicherten.</p>
               <p>»Jott, uns, Oll-Seidentopp; ick weet nich, he beet't ook för allens. Allens sall
                  'inn.«</p>
               <p>»Joa. Awers Hoppenmarieken beet't he nich rinn.«</p>

               <p>Zwei Stunden später saßen Uhlenhorst und Miekley zu Tisch; auch Kallies-Sahnepott
                  war geladen wor den. Es wurde schon die dritte Flasche Graves aus dem Keller
                  geholt, denn alle hielten auf ein »gutes Glas«, und Uhlenhorst zeigte sich von
                  Minute zu Minute besserer Laune. Begreiflich; denn der reiche Sägemüller sägte
                  heute nicht bloß Stämme, sondern auch <pb/> Seidentopfen mitten durch. Als er
                  zuletzt auch von Bammes Besuch in Hoppenmariekens Wohnung berichtet hatte, sagte
                  Uhlenhorst wichtig, und indem er sich etwas vorbeugte: »Nichts natürlicher als
                  das, es sind Geschwister.«</p>
               <p>Miekley, sosehr er aus dem Munde des Kandidaten an Orakelsprüche gewöhnt war,
                  erschrak doch einigermaßen; Uhlenhorst selbst indessen fuhr in demselben Tone
                  fort: »Ich meine nicht von dieser Welt. Aber sie haben beide denselben Vater und
                  wurden beide an derselben Stelle geboren. Wo? Das brauche ich Ihnen nicht erst zu
                  sagen.«</p>
               <p>Sahnepott hatte die Ohren gespitzt (das war etwas für den Krug), und ehe fünf
                  Minuten um waren, waren beide Bauern der Überzeugung, daß ihr Kandidat mal wieder
                  den Seherblick gehabt und den Nagel auf den Kopf getroffen habe. »Ich kann mich
                  irren«, sagte Uhlenhorst, in einen Demutston übergehend, »aber ich zweifle.«</p>
               <p>Und damit schloß das Gespräch.</p>

               <p>Zu Beginn des Nachmittags fuhr der Kaleschewagen vor dem Herrenhause vor; die
                  Ponies waren eingespannt; Bamme wollte mal wieder nach seinem Gut hinüber und nach
                  dem Rechten sehen. »Es ist mir von wegen des Pastors, Vitzewitz«, waren seine
                  letzten Worte gewesen, als Berndt ihn aufgefordert hatte, noch ein paar Tage zu
                  bleiben. »Ich muß ihn in der Furcht des Herrn halten, sonst wird er mir übermütig
                  und erzählt meinen Groß-Quirlsdorfern von der Kanzel her, daß sich Hoppenmarieken
                  aus Liebe zu mir umgebracht habe. Natürlich alles sub rosa. Immer mit
                  Bibelstellen. Im Alten Testament, so nur der gute Wille da ist, findet sich
                  schließlich alles, was einer braucht.« Und darnach hatte der Alte die Zügel
                  genommen und war wie die Wilde Jagd vom Hofe hinuntergefahren, erst an dem
                  Blachfeld und dann an dem Fichtenwäldchen vorbei, immer in der Richtung auf
                  Küstrin zu.</p>

               <p>Das war um drei Uhr gewesen. Schon vor Dunkelwerden erschien Kallies-Sahnepott im
                  Krug, wo er sich vorläufig mit <pb/> Krüger Scharwenka behelfen mußte, denn von
                  den andern Bauern war noch keiner da.</p>
               <p>»Nun ist ja der General auch fort«, sagte Sahnepott und sah so wichtig aus, als ob
                  er wieder von »Tiegel-Schulzen« und dem Schwedter Markgrafen erzählen wollte. »Ich
                  hab ihn heute nachmittag auf der brandroten Fuchsstute nach Frankfurt reiten
                  sehen. Er ritt über den Forstacker. Es war so Klocker vier.«</p>
               <p>»Das kann nicht sein, Sahnepott«, erwiderte Scharwenka.</p>
               <p>»Und warum nicht?«</p>
               <p>»Erstens, weil die Fuchsstute tot ist; ich habe sie selber fallen sehen, keine
                  zehn Schritt von der Pappel, wo sie nachher den Konrektor erschossen haben, und
                  dann zweitens, weil er heute nachmittag (ich meine den General) in unseres Alten
                  Kaleschwagen an mir vorbeigefahren ist. So Klocker drei. Die Ponies waren
                  vorgespannt, und der Shetländer ging als Handpferd.«</p>
               <p>Kallies schüttelte den Kopf. »Du verstehst mich nich, Scharwenka. Das is es ja
                  gerade, was ich meine. Nach Küstrin hin in der Kalesche und nach Frankfurt hin auf
                  der Fuchsstute. Du hast sie fallen sehn. Gut. Aber tot oder nicht, macht keinen
                  Unterschied. So was kommt vor. Du mußt doch wissen, was es mit ihm is.
                  Uhlenhorst...«</p>
               <p>Hier brach das Gespräch ab, weil andere Bauern eintraten, unter ihnen auch
                  Kniehase, vor dem Kallies eine Scheu hatte. Ganz besonders, wenn er sich mit
                  Uhlenhorstschen Federn schmücken und allerhand schabernacksche
                  Konventikler-Visionen in Kurs setzen wollte.</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Siebenundzwanzigstes Kapitel</head>
               <head>»Und eine Prinzessin kommt ins Haus«</head>
               <p>Eine Woche war vergangen. Die Strohschütten, die vor dem Hause lagen, waren
                  weggeschafft worden, aber alles ging leise, als wäre noch jemand da, der nicht
                  gestört werden dürfe. <pb/> Renate hatte seit jenem Abend, wo wir sie zuletzt
                  sahen, das obere Stock nicht mehr verlassen, und um ihretwillen war es, daß sich
                  der Ton des Hauses dämpfte. Berndt arbeitete viel; im Erdgeschoß, auf spezielles
                  Geheiß der Schorlemmer, standen zwei, drei Fenster auf, um das »Bammesche« wieder
                  hinauszulassen, und statt Hoppenmariekens – von der es im Dorfe hieß, daß sie drei
                  Nächte lang auf ihrem Grabe gesessen habe – erschienen abwechselnd Krist und Hanne
                  Bogun, um Briefe und Zeitungen auf den Tisch zu legen. Es war eine rechte
                  Jeetze-Zeit, alles still und grau und mit schwarzen Gamaschen; der alte Jeetze
                  selbst aber, der kaum noch Dienst hatte, saß halbe Stunden lang neben der
                  Binsenmatte und plauderte mit Hektor.</p>
               <p>So vergingen die Tage. Marie kam oft vormittags schon und stieg zu Renaten hinauf,
                  um ihr vorzulesen oder zu erzählen. Nur von Tubal sprach sie nicht. Darnach begab
                  sie sich zu Lewin in das Eckzimmer hinunter, der ihrer schon wartete, und sie
                  saßen dann am Kamin oder in der tiefen Fensternische und gedachten vergangener
                  stiller Tage, am liebsten des letzten Weihnachtsfestes und jenes schönen
                  Plauderabends, wo sie, den hohen Christbaum zwischen sich, über seine hohe Spitze
                  hinweg, die goldenen Nüsse geworfen und gefangen hatten. Von ihrem Glücke
                  schwiegen sie, denn sie hatten eine Scheu, daß es fortfliegen könnte, wenn es
                  genannt würde. Nur einmal kam es wie von ungefähr dazu. Das war an dem Tage, wo
                  der Bohlsdorfsche Pastor, auf einer Dienstreise begriffen, bei seinem
                  Hohen-Vietzer Amtsbruder vorgesprochen und zugleich auch einen Besuch auf dem
                  Schulzenhofe gemacht hatte. Als Marie davon erzählte, sagte Lewin: »Ach, du weißt
                  nicht, Marie, wieviel ich diesem alten Bohlsdorf und seiner Kirche verdanke. Vor
                  allem dich. Dort begann ich zu genesen, noch eh ich wußte, daß ich krank war. Wie
                  blind ich doch war und wie selbstsüchtig! Aber nun hab ich sehen gelernt und habe
                  dich, dich, mein Glück und meine Goldstern-Prinzessin.«</p>
               <p>Es war unmittelbar nach diesen Worten, daß Berndt in das <pb/> Zimmer trat und,
                  das Erröten Maries wahrnehmend, ihr lächelnd und mit väterlicher Zärtlichkeit die
                  Stirn küßte. Sie sah vor sich nieder und zitterte vor Bewegung, denn sie fühlte
                  wohl, was ihr dieser Augenblick bedeute. Gleich darauf verabschiedete sie sich, um
                  Vater und Sohn allein zu lassen.</p>
               <p>Als sie gegangen war, sagte Berndt: »Ich freue mich eures Glücks, Lewin, trotzdem
                  ich noch nicht weiß, was ich all den Vitzewitzes, die draußen in der Halle hängen,
                  zu sagen haben werde, wenn ich über kurz oder lang an anderer Stelle unter ihnen
                  erscheine. Aber ich werde noch manch anderes vor ihnen zu verantworten haben.
                  Ungehorsam und Auflehnung standen auch nicht in unserem Hauskatechismus, und ich
                  denke, eines rechnet sich dann ins andere, und das Kleine wird in dem Großen mit
                  aufgehen. Und nun nichts mehr davon. Ist es in den Sternen anders beschlossen, so
                  wird eine französische Kugel mitsprechen. Gott verhüt es! Haben wir dich aber
                  wieder, so haben wir auch Hochzeit. Und eines weiß ich, sie wird uns freilich den
                  Stammbaum, aber nicht die Profile verderben, nicht die Profile und nicht die
                  Gesinnung. Und das beides ist das Beste, was der Adel hat.«</p>

               <p>Und abermals lagen Tage zurück, und Renate, die sich in ihren einsamen Stunden
                  wenn nicht die Heiterkeit, so doch die Klarheit ihrer Seele zurückgewonnen hatte,
                  saß wieder teilnehmend im Kreise der Ihrigen. Am andern Morgen sollten Lewin und
                  Hirschfeldt nach Breslau hin aufbrechen. Sie waren in Vorbereitung für ihre Reise
                  und packten eben an ihren Mantelsäcken, als sie vom Eckfenster her, zwischen den
                  Pfeilern der Auffahrt, plötzlich eines Reiters gewahr wurden, der auf seinem
                  Shetländer in den Hof einritt. Also Bamme. Alles lief ans Fenster, und selbst die
                  Schorlemmer vergaß auf einen Augenblick ihre Abneigung. Denn sie war streitlustig,
                  und neue Fehden standen jetzt in Aussicht. Am erfreutesten war Berndt, der es
                  längst aufgegeben hatte, sich über die Schrullen und Eitelkeiten des Alten zu
                  ereifern.</p>
               <p>»Nun, Bamme«, hob er an, als dieser sich gesetzt und ein <pb/> Tablett mit Likören
                  rasch hintereinander absolviert hatte, »wie war der Groß-Quirlsdorfer Befund?
                  Dorf, Pfarre, Kanzel?«</p>
               <p>»Gut, Vitzewitz, über Erwarten gut. Er hat eben seinen Frieden mit mir gemacht.
                  Gleich am andern Tage war Kirche. Da mußte sich's also zeigen, und neugierig, wie
                  ich bin, wartete ich nicht einmal das dritte Läuten ab. Das strafte sich nun
                  freilich, denn das Orgelspiel wollte kein Ende nehmen, und mir war ein paarmal,
                  als würde das ganze Gesangbuch durchgesungen. Aber endlich kam er, und was glauben
                  Sie, worüber er predigte? Über Saul und David predigte er. Und immer wieder hieß
                  es: ›Saul hat tausend geschlagen, aber David hat zehntausend geschlagen.‹ Nun,
                  Vitzewitz, wir wissen am besten, daß wir unserer Reputation diese Zehntausend
                  eigentlich noch schuldig sind; aber enfin, der ewige kleine David, wer konnt es am
                  Ende sein? Anfangs sträubt ich mich, bis ich mich schließlich drin ergab. Und so
                  wissen Sie denn jetzt, meine Damen und, worauf ich ein besonderes Gewicht lege,
                  auch Sie, meine liebe Schorlemmer, wer eigentlich unter Ihrem Dache weilt. Ein
                  neuer Beweis für den alten Satz: Wer nur alt genug wird, wird alles.«</p>
               <p>Das Geplauder ging noch weiter, und ehe Mittag heran war – das Diner sollte nicht
                  vor vier Uhr genommen werden –, machte Bamme den Vorschlag, zu Drosselstein
                  hinüberzureiten, um »Ostpreußen mal wieder auf Herz und Nieren zu prüfen«.</p>
               <p>Berndt war es zufrieden, und nach einigen Minuten wurden die Pferde
                  vorgeführt.</p>
               <p>Als sie bei Miekleys Mühle vorüber waren, sagte Berndt: »Was ich Ihnen sagen
                  wollte, Bamme, wir haben ein Brautpaar im Hause.«</p>
               <p>»Das wäre! Die Schorlemmer?«</p>
               <p>»Nein.«</p>
               <p>»Ich dachte, sie hätte sich den Seidentopf rangebetet. Mit Speck fängt man Mäuse.
                  Witwer und Urnensammler gehen ins Garn wie die Wachteln. Und nun gar dieser
                  Seidentopf. Sehen Sie sich seinen Jubiläumsschrank an; er hat alles aufgehoben,
                  <pb/> was ihm seine Selige geschenkt hat. Und solch Kultus ist immer
                  gefährlich.«</p>
               <p>Berndt lachte.</p>
               <p>»Sie verlieben sich in eine Ihrer Vorstellungen, Bamme, wie gewöhnlich. Aber die
                  Tatsachen sind unerbittlich. Es liegt anders. Nicht Seidentopf.«</p>
               <p>»Nun, wer denn?«</p>
               <p>»Lewin.«</p>
               <p>»Gratuliere! Aber das ist erst einer, ein halbes Paar. Wer noch?«</p>
               <p>»Lewin und Marie Kniehase. Des Schulzen Kniehase Pflegetochter.«</p>
               <p>Bamme riß den Shetländer herum, daß er im rechten Winkel zu Vitzewitz stand, und
                  sah diesen aus seinen kleinen Augen mit allen Zeichen aufrichtigsten Erstaunens
                  an.</p>
               <p>»Sie verwundern sich?« sagte dieser.</p>
               <p>»Ja.«</p>
               <p>»Und mißbilligen es?«</p>
               <p>»Nein, Vitzewitz. Au contraire. Ich habe seit zehn Jahren, wenn ich das
                  neunundzwanzigste Bulletin und den großen Diebstahl bei Krach ausnehme, nichts
                  gehört, das mich so erfreut hätte als das. Das ist das reizendste Geschöpf, und
                  ich verlange nach dieser Seite hin etwas, wie alle, die selber nicht viel
                  einzusetzen haben. Also nochmals: gratulor! Wetter, Vitzewitz, das gibt eine
                  Rasse.«</p>
               <p>Berndt wollte antworten, aber der Alte, der sich unerwartet einem Lieblingsthema
                  gegenübersah, hatte wenig Lust, das Wort so schnell wieder aus der Hand zu
                  geben.</p>
               <p>»Frisches Blut,«fuhr er fort, »frisches Blut, Vitzewitz, das ist die Hauptsache.
                  Meine Ansichten sind nicht von heute und gestern, und Sie kennen sie. Ich
                  perhorresziere dies ganze Vettern- und Muhmenprinzip, und am meisten, wenn es ans
                  Heiraten und Fortpflanzen geht. Ihre Schwester, die Gräfin, dachte ebenso, und ich
                  habe sie sich mehr als einmal zu Grundsätzen bekennen hören, die selbst mir
                  imponierten. Ehre ihrem Andenken! Es war eine superbe Frau. Ja, Vitzewitz, wir
                  müssen <pb/> mit dem alten Schlendrian aufräumen. Weg damit. Wie ging es bisher?
                  Ein Zieten eine Bamme, ein Bamme eine Zieten. Und was kam schließlich dabei
                  heraus? Das hier!« Und dabei schlug er mit dem Fischbeinstock an seine hohen
                  Stiefelschäfte. »Ja, das hier, und ich bin nicht dumm genug, Vitzewitz, mich für
                  ein Prachtexemplar der Menschheit zu halten.«</p>
               <p>Berndt schwieg, weil er mehr hören wollte, und Bamme ließ auch nicht lange auf
                  sich warten.</p>
               <p>»Wir sind unter uns, Vitzewitz«, fuhr er fort, »und können uns ohne Gefahr unsere
                  Geständnisse machen. Mitunter ist es mir, als wären wir in einem Narrenhause
                  großgezogen. Es ist nichts mit den zweierlei Menschen. Eines wenigstens glaubten
                  wir gepachtet zu haben: den Mut, und nun kommt dieser Kakerlaken-Grell und stirbt
                  wie ein Held mit dem Säbel in der Hand. Von dem Konrektor sprech ich gar nicht
                  erst; ein solcher Tod kann einen alten Soldaten beschämen. Und woher das alles?
                  Sie wissen es. Von drüben; Westwind. Ich mache mir nichts aus diesen Windbeuteln
                  von Franzosen, aber in all ihrem dummen Zeug steckt immer eine Prise Wahrheit. Mit
                  ihrer Brüderlichkeit wird es nicht viel werden, und mit der Freiheit auch nicht;
                  aber mit dem, was sie dazwischengestellt haben, hat es was auf sich. Denn was
                  heißt es am Ende anders als: Mensch ist Mensch. Ich darf so sprechen, Vitzewitz,
                  denn die Bammes sterben mit mir aus, ein Ereignis, um das der Vorhang des Tempels
                  nicht zerreißen wird, und nicht einmal ein Namensvetter ist da, den ich in seinem
                  Standesbewußtsein kränken oder schädigen könnte. Denn im Vertrauen gesagt, das
                  Kränken fängt bei uns immer erst mit der Schädigung an.«</p>
               <p>Damit waren sie bis an die Parkmauer gekommen und hielten eine Minute später vor
                  dem Drosselsteinschen Gartensaal.</p>

               <p>Während dieses Gespräch auf dem Wege nach Hohen-Ziesar hin geführt wurde,
                  plauderten auch Renate und Marie, die sich in den Hintergrund des Zimmers
                  zurückgezogen und auf dem großblümigen Sofa Platz genommen hatten. Lewin kam
                  herzu, <pb/> war aber ersichtlich zerstreut und saß schon minutenlang zwischen
                  ihnen, ohne daß er Maries Hand genommen oder einen Blick für sie gehabt hätte.</p>
               <p>Marie selbst, ihrer ganzen Natur nach unbefangen und anspruchslos, schien es nicht
                  zu bemerken; aber Renate sagte: »Sonderbares Brautpaar ihr, ihr seid ja nicht
                  einmal zärtlich.«</p>
               <p>»Gib uns nicht auf«, lachte Marie, und Lewin setzte hinzu: »Wir waren zu lange
                  Geschwister. Aber es findet sich wohl noch. Was meinst du, Marie?«</p>
               <p>Und das Rot, das über ihre Wangen flog, überhob sie jeder anderen Antwort.</p>

               <p>Nach diesem – es war wieder ein Sonnabend – gingen Lewin und Hirschfeldt in die
                  Pfarre, um von Seidentopf Abschied zu nehmen. Sie fanden ihn über Bekmann, und
                  nicht bloß die Schranktüre seines Arcus triumphalis stand weit offen, sondern auch
                  das Mittelbrett war vorgezogen, auf dem die drei Hauptstücke der Sammlung ihren
                  Platz hatten und seit dem zweiten Weihnachtstage auch der Wagen Odins. Wer die
                  Seidentopfsche Wocheneinteilung kannte, konnte durch diesen Anblick nicht
                  überrascht werden. Er gehörte nämlich zu den klugen Predigern, die schon freitags
                  mit ihrer Predigt abschließen, um dann den zwischenliegenden Tag zur Erfrischung
                  ihrer Seele verwenden zu können. Und was hätte sich besser dazu geschickt als die
                  Ultima ratio Semnonun! Eine Störung bei diesem Erfrischungsprozesse galt denn auch
                  im allgemeinen als unstatthaft, aber heute, wo Lewin und Hirschfeldt kamen, um ihm
                  Lebewohl zu sagen, konnte von einer solchen Störung nicht wohl die Rede sein. Um
                  neun Uhr früh, so hieß es im Laufe des Gespräches, gedächten sie nach Frankfurt
                  hin aufzubrechen, um daselbst in der Mittagsstunde schon mit Berliner Freunden
                  zusammenzutreffen. Es wurde dies alles nur leicht hingeworfen, Seidentopf aber
                  verstand sehr wohl, daß mit Hilfe dieser genauen Zeitangaben nur ihr
                  Nichterscheinen in der Kirche entschuldigt werden sollte. Es verdroß ihn ein
                  wenig, hatte er doch die Empfindlichkeit aller Pastoren; aber sich schnell wieder
                  fassend, <pb/> gab er seinen Wünschen für Lewin einen allerherzlichsten Ausdruck.
                  Dann wandte er sich zu dem Rittmeister, um von den »zurückliegenden,
                  gemeinschaftlich durchlebten Tagen« zu sprechen.</p>

               <l>»Es waren stürmische Tage«, so schloß er.</l>
               <l>»Und doch Tage vor dem Sturm!« antwortete Hirschfeldt.</l>


               <p>Und nun war es neun Uhr früh. Hektor hatte sich mühsam bis an die Sandsteinstufen
                  geschleppt, und zum letzten Mal in diesem Buche fuhren die Ponies vor. Ihre
                  Schellen klangen hell, und an Krists altem Hut mit der alten Kokarde flatterte
                  heut ein langes grünes Band. Seine Frau hatte rot nehmen wollen, aber er hatte auf
                  grün bestanden.</p>
               <p>Und nun nichts mehr von Abschied.</p>
               <p>Über den Forstacker hin flog der Schlitten, in dem Lewin und Hirschfeldt saßen, an
                  Hoppenmariekens Häuschen vorbei, und als sie gleich darauf wieder hügelab und am
                  Flußufer hinfuhren, rollte plötzlich ein Ton wie dumpfer Donner herauf und
                  verhallte in weiter Ferne.</p>
               <p>»Das Eis birst«, sagte Hirschfeldt. »Ein gutes Zeichen, unter dem wir
                  ausziehen.«</p>
               <p>Und in demselben Augenblicke begannen auch die Hohen-Vietzer Glocken zu klingen,
                  und beide Freunde wandten sich unwillkürlich noch einmal zurück.</p>
               <p>»Was bedeutet uns ihr Klang?« fragte Lewin.</p>
               <p>»Eine Welt von Dingen: Krieg und Frieden und zuletzt auch Hochzeit; Hochzeit, der
                  glücklichsten eine, und ich, ich bin mit unter den Gästen.«</p>
               <p>»Sie sprechen, Hirschfeldt, als ob Sie's wüßten«, antwortete Lewin bewegten
                  Herzens.</p>
               <p>»Ja, Vitzewitz, ich weiß es, ich seh in die Zukunft.«</p>

               <p>An demselben Sonntagnachmittag saßen auch die Frauen in dem Eckzimmer, darin wir
                  ihnen so oft begegnet. Ihre Tränen waren getrocknet, die Schorlemmer hatte sich
                  mit einem Kraftspruch über Abschied und Rührung hinweggeholfen, und nur <pb/> an
                  Mariens langen schwarzen Wimpern hingen noch einzelne Tropfen.</p>
               <p>Renate küßte sie und sagte: »Laß, Marie, denn du mußt wissen, ich glaube an
                  dreierlei.«</p>
               <p>»Das tun alle vernünftigen Menschen«, sagte die Schorlemmer. »Das heißt alle
                  Christen.«</p>
               <p>»Und zwar glaub ich«, fuhr Renate fort, »erstens an den Hundertjährigen Kalender,
                  zweitens an Feuerbesprechen und drittens an Sprüchwörter und Volksreime. Und weißt
                  du, an welchen ich am meisten glaube?«</p>
               <p>»Nun?«</p>
               <p>»Und eine Prinzessin kommt ins Haus.«</p>
               <p>Marie lächelte.</p>
               <p>Die Schorlemmer aber sagte: »Torheit, ich will euch einen bessern Spruch
                  sagen.«</p>
               <p>»Und?«</p>
               <p>»Denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Besten dienen.«</p>
            </div>
            <div type="chapter">
               <head>Achtundzwanzigstes Kapitel</head>
               <head>Aus Renatens Tagebuch</head>
               <p>Erzählungen schließen mit Verlobung oder Hochzeit. Aber ein Tagebuch, das sich bis
                  auf diesen Tag im Hohen-Vietzer Herrenhause vorfindet und als ein teures
                  Vermächtnis daselbst gehütet wird, gönnt uns noch einen Blick in die weitere
                  Zukunft. Es sind Blätter von Renatens Hand, und aus ihnen ist es, daß ich das
                  Folgende entnehme.</p>

               <p>»Lewin ist zurück. Ich habe nur auf diesen Tag gewartet, um, wie ich seit lange
                  wollte, mit einem Tagebuche zu beginnen. Der Säbelhieb über die Stirn kleidet ihn
                  gut; der weiche Zug, den er hatte, ist nun fort; Marie findet es auch. Wie war sie
                  so glücklich! Und doch ebenso ruhig, wie sie glücklich war. Und das freute mich am
                  meisten. Denn mir ist nichts verhaßter als Lärm; und nun gar Lärm in Gefühlen! Es
                  traf sich<pb/> sonderbar, daß wir, eine Stunde vor Lewins Ankunft, den für Grell
                  bestimmten Grabstein ausgepackt hatten. Ein kleiner Marmor. Es war nicht ohne
                  Bewegung, daß wir Namen und Datum und die Hölderlinschen Zeilen lasen. Jeetze
                  wollte den Stein verstecken, aber Maline sagte: ›Nein, nein, das bedeutet Glück‹,
                  was natürlich meine gute Schorlemmer in Feuer und Flamme über die Unausrottbarkeit
                  wendischen Aberglaubens brachte. (Lewin übernimmt Guse; sie werden dort als ein
                  junges Paar leben. Es ist am besten so.)«</p>

               <p>»Gestern war Hochzeit. In Bohlsdorf. Lewin hatte darauf bestanden; er wollte da
                  getraut werden, wo sich sein Leben entschieden habe. So fuhren wir in drei Wagen
                  hinüber. Mit uns Drosselstein und Hirschfeldt (der den Arm verloren hat, leider
                  den rechten). Bamme war geheimnisvoll und erklärte, ›sein Brautgeschenk vorläufig
                  vergraben zu haben‹. Aber der Tag der Auferstehung werde kommen. Die Schorlemmer
                  über diesen Ausdruck empört, wir anderen neugierig. Seidentopf hielt die Rede; nie
                  hat er besser gesprochen; es ist doch wahr, daß das Herz den Redner macht. Er nahm
                  einen Bibeltext; aber eigentlich sprach er über die Zeile: ›Und kann auf Sternen
                  gehen.‹ Nach der Trauung nahmen wir einen Imbiß auf dem Amtshofe. Die junge Frau
                  noch hübscher geworden; wieder an Kathinka erinnert. Rückfahrt im offenen Wagen.
                  Entzückend. Die Sommerfäden flogen und setzten sich in Mariens grünen Kranz. Es
                  war wie ein zweiter Brautschleier. Bamme, der nur den volkstümlichen Namen dieser
                  Fäden kannte, ereiferte sich über die ›Ungalanterie des heurigen Septem bers‹,
                  beruhigte sich aber, als ich ihm sagte, daß diese Fäden auch ›Mariengarn‹ heißen.
                  Übrigens haben Lämmerhirt und Seidentopf Brüderschaft getrunken und wollen
                  korrespondieren. Lämmerhirt sammelt auch Totentöpfe und ist germanisch. Also gegen
                  Turgany.«</p>

               <p>»Heute haben wir unseren lieben Seidentopf zur letzten Ruhe gebracht. Auch Lewin
                  und Marie kamen von Guse herüber <pb/> und die drei ältesten Kinder. Sie brachten
                  große Kränze von Flieder mit, der in diesem Jahre so schön in Guse blüht. Pastor
                  Zabel von Dolgelin hielt die Grabrede; gutgemeint und alltäglich. Papa will es
                  nicht wahrhaben; aber er legt immer aus seinem Eigenen zu. Auch Turgany war da;
                  sehr bewegt. Er führte mich, als wir zurückgingen, und sagte dann in seiner Art:
                  ›Nun kann ich diesen Landesteil unangefochten für wendisch erklären; aber ich tät
                  es lieber nicht.‹«</p>

               <p>»Brief von Kathinka (aus Paris). Teilnehmend, aber sehr vornehm. Wir sind ihr
                  kleine Leute geworden. Sie kennt nur noch zweierlei: Polen und ›die Kirche‹.«</p>

               <p>»Wir waren gestern in Guse drüben, Papa, die Schorlemmer und ich. Als wir bei
                  Tische saßen, wurde der Seelower Gerichtsdirektor gemeldet, der ein auf dem
                  dortigen Gerichte niedergelegtes Dokument in Person überbrachte. Aufschrift: ›An
                  Frau Marie von Vitzewitz. Nach meinem Ableben zu Händen der Adressatin. Bamme,
                  Generalmajor.‹ Wir öffneten und lasen. Er hat Marie sein ganzes Vermögen vermacht,
                  alles in sehr Bammeschen Ausdrücken. Am Schlusse stand: ›Ich hab es früh erfahren,
                  wie wenig der Schein bedeutet.‹ Marie entsann sich, Ähnliches gegen ihn geäußert
                  zu haben. Wir gratulierten alle; nur die Schorlemmer verlangte Zurückweisung, ›es
                  sei kein Segen daran‹. Marie aber meinte, ›dazu sei sie doch nicht fromm genug‹,
                  worüber wir alle herzlich lachten; zuletzt auch die Schorlemmer.«</p>

               <p>»Und nun bin ich allein, ganz allein, und morgen wird Lewin, der nun Guse verläßt,
                  seinen Einzug in dies alte Hohen-Vietz halten, in das mir und ihm so teure Haus,
                  in dem er gesegnet sein möge wie bisher. Und er wird es, denn er bringt seinen
                  guten Engel mit. Meine teure Marie. Sie hat die schwerste Probe bestanden, und das
                  Glück hat sie gelassen, wie sie war: demütig, wahr und schlicht. Und so könnt ich
                  bleiben und weiterleben mit und unter ihnen, aber ich mag doch nicht <pb/> die
                  Tante Schorlemmer ihres Hauses sein. Auch fehlen mir die Lieder und Sprüche. So
                  will ich denn nach ›Kloster Lindow‹, unserem alten Fräuleinsstift. Da gehör ich
                  hin. Denn ich sehne mich nach Einkehr bei mir selbst und nach den stillen Werken
                  der Barmherzigkeit. Und nur eines ist, das ich noch mehr ersehne. Es gibt eine
                  verklärte Welt, mir sagt es das Herz, und es zieht mich zu ihr hinauf.«</p>

               <p>Hier schließt das Tagebuch.</p>

               <p>Auf einer schmalen Landzunge zwischen zwei märkischen Seen liegt das adlige Stift
                  Lindow. Es sind alte Klostergebäude: Kirche, Refektorium, alles in Trümmern, und
                  um die Trümmer her ein stiller Park, der als Begräbnisplatz dient, oder ein
                  Begräbnisplatz, der schon wieder Park geworden ist. Blumenbeete, Grabsteine,
                  Fliederbüsche und dazu Kinder aus der Stadt, die zwischen den Grabsteinen
                  spielen.</p>

               <p>Und auf einem dieser Grabsteine stand ich und sah in die niedersteigende Sonne,
                  die dicht vor mir das Kloster und die stillen Seeflächen vergoldete. Wie schön! Es
                  war ein Blick in Licht und Frieden.</p>
               <p>Im Scheiden erst las ich den Namen, der auf dem Steine stand:</p>

               <p> Renate von Vitzewitz.</p>
            </div>
         </div>
      </body>
   </text>
</TEI>