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            <title>Das Geheimnis der alten Mamsell : ELTeC ausgabe</title>
            <author ref="http://d-nb.info/gnd/1014122880">Marlitt, Eugenie (1825-1887)</author>
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               <resp>ELTeC conversion</resp>
               <name>Leonard Konle</name>
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            <measure unit="pages">297</measure>
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<publisher ref="https://distant-reading.net">COST Action "Distant Reading for European Literary History" (CA16204)</publisher>
<distributor ref="https://zenodo.org/communities/eltec/">Zenodo.org</distributor><date when="2021-04-09"/>
<availability><licence target="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/"/></availability>
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               <title>Das Geheimnis der alten Mamsell</title>
               <author>Marlitt, Eugenie</author>
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            </bibl><bibl type="printSource"><author>Eugenie Marlitt</author>: <title>Gesammelte Romane und
                  Novellen</title>. 2. Auflage, Band 1–10, <pubPlace>Leipzig</pubPlace>:
                  <publisher>Verlag von Ernst Keil’s Nachfolger G.m.b.H.</publisher>,
                  <date>1900</date>.</bibl><bibl type="firstEdition">Erstdruck in: <publisher>Gartenlaube</publisher>,
                  <pubPlace>Leipzig</pubPlace> (<respStmt><resp>editor</resp><name>Ernst Keil</name></respStmt>) 1867; erste
               Buchausgabe: <pubPlace>Leipzig</pubPlace> (<respStmt><resp>editor</resp><name>Ernst Keil</name></respStmt>)
                  <date>1868</date>.</bibl></sourceDesc>
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         <div type="chapter">
            <head>
               <pb/> 1</head>
            <p>Na, jetzt sag mir nur um Gotteswillen, wo willst du eigentlich hin, Hellwig?«</p>
            <p>»Direkt nach X., wenn du erlaubst!« klang es halb trotzig, halb spöttisch zurück.</p>
            <p>»Aber dahin geht es doch in seinem ganzen Leben nicht über eine Anhöhe! ... Du bist
               nicht gescheit, Hellwig ... Heda, ich will aussteigen! Ich habe durchaus keine Lust,
               mich umwerfen zu lassen und meine heilen Knochen einzubüßen – wirst du wohl
               halten?«</p>
            <p>»Umwerfen? Ich? ... I, das wäre doch das erste Mal in meinem Leben« – wollte er
               vermutlich sagen, aber ein entsetzlicher Krach erfolgte, und mit demselben
               verstummten die Lippen des Sprechenden wie die eines Toten. Das Schnauben und
               Stampfen eines Pferdes wurde für einen Augenblick hörbar; dann stand das Tier auf
               seinen vier Hufen und jagte wie rasend querfeldein.</p>
            <p>»Na, da haben wir die Bescherung!« brummte endlich der erste Sprecher, indem er sich
               auf dem nassen, frisch gepflügten Ackerfelde aufsetzte. »He, Hellwig, Böhm, seid ihr
               noch am Leben?«</p>
            <p>»Ja,« rief Hellwig nicht weit von ihm und tastete suchend auf den triefenden
               Erdschollen nach seiner Perücke. Alles Selbstvertrauen, aller Spott waren wie
               weggeblasen von dieser schwachen Stimme. Auch das dritte Opfer versuchte es zunächst
               mit einer <pb/> Bewegung auf allen vieren, wobei es entsetzlich fluchte und stöhnte;
               denn seine gewaltige Korpulenz fühlte sich unwiderstehlich zur Mutter Erde
               hingezogen. Endlich war die edle Stellung, die den Menschen als die bevorzugteste
               Kreatur in Gottes weiter Schöpfung kennzeichnet, wiedergewonnen; die drei Gefallenen
               standen auf ihren Füßen und besannen sich, was eigentlich geschehen sei, und was nun
               geschehen müsse.</p>
            <p>Fürs erste lag die kleine Chaise, in welcher die drei Herren heute morgen ihr
               Vaterstädtchen X. verlassen hatten, um zu jagen, umgestürzt neben der unglückseligen
               Anhöhe und zeigte dem Himmel ihre vier Räder, wie die drei tastend bemerkten; der
               Hufschlag des entfliehenden Rappen war längst verhallt, und eine stockfinstere Nacht
               bedeckte die traurigen Folgen des Hellwigschen Selbstvertrauens.</p>
            <p>»Na, hier übernachten können wir nicht – das steht fest. Machen wir, daß wir
               fortkommen!« mahnte endlich Hellwig mit ermutigter Stimme.</p>
            <p>»Ja, nun kommandiere auch noch!« grollte der Dicke, indem er sich heimlich
               überzeugte, daß nicht eine seiner Rippen, sondern die Scherben seines schönen
               Pfeifenkopfes das beängstigende, knirschende Geräusch an seiner Herzwand
               verursachten. »Kommandiere auch noch, das steht dir gut an, nachdem du um ein Haar in
               deinem schandbaren Leichtsinn zwei Familienväter gemordet hättest ... Uebernachten
               will ich freilich nicht in dieser Löwengrube; aber nun siehe du auch, wie du Rat
               schaffst ... Nicht zehn Pferde bringen mich ohne Licht von dieser Stelle! Ich
               versinke zwar im Ackerschlamme, und von da drüben her kommt eine Luft, die mir für
               ein halbes Jahr meinen Rheumatismus in die Knochen jagt – da drein ergebe ich mich,
               du magst es verantworten, Hellwig! Aber ich werde nicht so verrückt sein, mir
               mutwillig in den tausend Löchern und Gräben, die diese gesegnete Gegend aufzuweisen
               hat, Arme und Beine zu brechen oder die Augen einzuschlagen.«</p>
            <p>»Sei kein Narr, Doktor,« sagte der dritte. »Du kannst nicht wie ein Meilenzeiger
               abwechselnd auf einem Beine hier stehen und abwarten, bis Hellwig und ich in die
               Stadt tappen und Hilfe holen. Ich hatte längst gemerkt, daß dieser ausgezeichnete
               Rosselenker zu viel nach links fuhr. Wir gehen jetzt schnurstracks über den Acker
               nach rechts und kommen an den Fahrweg, dafür stehe ich ein. Und nun komm und mache
               keine Flausen; denk an Weib und Kind, die vielleicht jetzt schon jammern und
               schreien, weil du bei der Abendsuppe fehlst.«</p>
            <p>
               <pb/> Der Dicke brummte etwas von »heilloser Wirtschaft« in den Bart; aber er verließ
               seinen Posten und tappte mit den anderen vorwärts. Das war ein schreckliches Stück
               Arbeit! Faustdick hingen sich Erdsohlen an die Jagdstiefeln, und hier und da sank ein
               unsicher tappender Fuß mit aller Vehemenz in eine Pfütze, deren alterierter
               Wasserspiegel sich sofort in Fontänenform über die Köpfe und Flausröcke der drei
               Unglücklichen ergoß. Sie erreichten aber doch ohne ernstlichen Unfall den Fahrweg,
               und nun wurde tapfer und wohlgemut drauf losgeschritten. Selbst der Doktor gewann
               allmählich seine gute Laune wieder; er brummte mit einem fürchterlichen Basse: »Zu
               Fuß sind wir gar wohl bestellt, juchhe!« etc.</p>
            <p>In der Nähe der Stadt tauchte ein Licht aus der Finsternis auf; es kam in stürmischer
               Eile auf die Wandernden zu, und Hellwig erkannte alsbald in dem breiten, fröhlich
               lachenden Gesicht, das sich in greller Beleuchtung über die Laterne erhob, seinen
               Hausknecht Heinrich.</p>
            <p>»Ja, herrje, Herr Hellwig, sind Sie's denn wirklich?« schrie der Bursche. »Die Madame
               denkt, Sie liegen mausetot da draußen!«</p>
            <p>»Woher weiß denn meine Frau schon, daß wir Unglück gehabt haben?«</p>
            <p>»Ja, sehen Sie, Herr Hellwig, da ist heute abend eine Kutsche mit Spielern
               angekommen« – der ehrliche Bursche hatte für Schauspieler, Taschenspieler, Seiltänzer
               und dergleichen nur diese eine Rubrik – »und wie die Kutsche in den Löwen eingefahren
               ist, da war das Beest, unser Rappe, hintendran, als ob er dazu gehörte. Der Löwenwirt
               kennt ihn ja, unseren Alten, und hat ihn gleich selbst gebracht ... Na, aber der
               Schreck von der Madame! Sie hat mich gleich fortgeschickt mit der Laterne, und
               Friederike muß einen Kamillenthee kochen.«</p>
            <p>»Kamillenthee? ... Hm, ich meine, ein Glas Glühwein oder wenigstens ein Warmbier wäre
               vielleicht zweckmäßiger gewesen.«</p>
            <p>»Ja, das meinte ich auch, Herr Hellwig; aber Sie wissen ja, wie die Madame –«</p>
            <p>»Schon gut, Heinrich, schon gut. Jetzt gehe du voran mit der Laterne. Wir wollen
               machen, daß wir heimkommen.«</p>
            <p>Auf dem Marktplatze trennten sich die drei Leidensgefährten mit stummem Händedrucke;
               der eine, um pflichtschuldigst seinen Kamillenthee zu trinken, und die anderen in dem
               niederschlagenden Bewußtsein, daß ihrer eine Gardinenpredigt daheim warte. Denn die
               Frauen waren der »noblen Passion« ihrer Eheherren ohnehin <pb/> nicht hold, und nun
               lag die Jagdbeute, das einzige Beschwichtigungsmittel, zerquetscht draußen unter der
               umgestürzten Chaise, und das mit zähem Schlamme bedeckte Jagdkostüm verwandelte
               sicherlich schon die erste Umarmung in einen jähen Zornausbruch.</p>
            <p>Am anderen Morgen klebten an allen Straßenecken rote Zettel, welche die Ankunft des
               berühmten Eskamoteurs Orlowsky und seine ausgezeichneten Kunstleistungen ankündigten,
               und eine junge Frau ging von Haus zu Haus, um Billets zu den Vorstellungen anzubieten
               ... Sie war sehr schön, diese Frau, mit ihrem prächtigen, blonden Haare und der
               imposanten Gestalt voll Adel und Anmut; aber das liebliche Gesicht war blaß, »blaß
               wie der Tod«, sagten die Leute, und wenn sie die goldig bewimperten Lider hob, was
               nicht häufig geschah, da brach ein rührend sanfter, aber thränenvoller Blick aus den
               dunkelgrauen Augensternen.</p>
            <p>Sie kam auch in Hellwigs Haus, das stattlichste am Marktplatz.</p>
            <p>»Madame,« rief Heinrich in das Zimmer im Erdgeschosse, während er den hellpolierten
               Messingknopf an der glänzend weißen Thür in der Hand behielt, »die Spielersfrau ist
               draußen!«</p>
            <p>»Was will sie?« rief eine weibliche Stimme streng zurück.</p>
            <p>»Ihr Mann spielt morgen, und da möchte sie gern eine Karte an die Madame
               verkaufen.«</p>
            <p>»Wir sind anständige Christen und haben kein Geld für solche Faxereien – schick sie
               fort, Heinrich!«</p>
            <p>Der Bursche schloß die Thür wieder. Er kratzte sich hinter den Ohren und machte ein
               sehr verlegenes Gesicht; denn die »Spielersfrau« mußte ja jedes Wort gehört haben.
               Sie stand auch einen Augenblick wie zusammengebrochen vor ihm: eine fliegende Röte
               war in ihr bleiches Gesicht getreten, und ein schwerer Seufzer hob ihre Brust ... Da
               wurde leise ein kleines Fenster geöffnet, das in die Hausflur mündete; eine
               unterdrückte Männerstimme verlangte ein Billet – es wurde in Empfang genommen, und
               ein harter <pb/> Thaler glitt dafür in die Hand der jungen Frau. Ehe sie nur
               aufblicken konnte, war der Fensterflügel wieder geschlossen, und ein grüner Vorhang
               hing in dichten, undurchdringlichen Falten hinter den Scheiben. Heinrich öffnete mit
               einem linkischen Kratzfuße und gutmütig lächelnd die Hausthür, und die Frau schwankte
               hinaus, schwankte weiter auf dem Wege voller Dornen und Stacheln.</p>
            <p>Der Hausknecht nahm ein Paar blankgewichster Stiefel, die er vorhin bei dem
               Erscheinen der Frau niedergesetzt hatte, wieder auf und trat in das Zimmer seines
               Herrn, der sich uns jetzt im vollen Tageslichte als einen kleinen, älteren Mann mit
               einem mageren, blassen, aber unendlich gutmütigen Gesicht zeigt.</p>
            <p>»Ach, Herr Hellwig,« meinte Heinrich, nachdem er die Stiefel an den gehörigen Platz
               gestellt hatte, »das war wirklich recht schön, daß Sie eine Karte gekauft haben! Die
               arme Frau sieht ja aus wie 's Leiden Christi; sie dauert mich, und wenn zehnmal ihr
               Mann sein Brot nicht ehrlich verdient ... Er hat hier so kein Glück – denken Sie
               einmal an mich, Herr Hellwig!«</p>
            <p>»Warum denn nicht, Heinrich?«</p>
            <p>»Ja, weil der Racker, unser Rappe, sich wie eine Klette an den Wagen gehängt hat, wie
               er zum Thore hereingefahren ist – das bedeutet nicht Gutes – das Unglücksvieh kam ja
               justament von einem Unglücksplatze ... Passen Sie mal auf, Herr Hellwig, was ich
               gesagt habe, die Leute haben kein Glück!«</p>
            <p>Er schüttelte seinen dicken Kopf und ging, da sein Herr auf die Prophezeiung hin
               weder ein Für noch Wider verlauten ließ, wieder in die Hausflur, um die Strohmatte
               vor der Thür der strengen Madame regelrecht zu placieren; die fremde Frau hatte
               unbewußt mit dem Fuße daran gestoßen.</p>
            <pb/>
         </div>
         <div type="chapter">
            <head>2</head>
            <p>Der Rathaussaal war gedrängt voll Zuschauer, und immer noch strömten die Menschen die
               Treppe herauf. Heinrich stand im dichtesten Gedränge und suchte sich schimpfend Luft
               zu machen mittels derber Püffe und heimlicher Attacken auf die Hühneraugen seiner
               Nächsten. »Herr Jesus, wenn das die Madame wüßte, das gäb' ein Donnerwetter! – Der
               Herr müßte gleich morgen in aller Frühe zur Beichte,« flüsterte er vergnüglich
               schmunzelnd einem Nachbar zu, indem er seinen schwieligen Zeigefinger nach einem der
               erhöhten Sitze an der Seitenwand des Saales ausstreckte. Dort saß Herr Hellwig in
               Gesellschaft seines Leidensgefährten, des Doktor Böhm. Es hatte dem ehrlichen
               Burschen Mühe genug gekostet, seinen schmächtigen Herrn herauszufinden: denn die
               Honoratioren waren stark vertreten. Das Programm versprach aber auch lauter neue
               Wunderdinge, und der Schluß desselben lautete folgendermaßen:</p>
            <p>Madame d'Orlowska erscheint als Schildjungfrau. Sechs Mann Militär werden mit
               scharfgeladenem Gewehre auf sie schießen, und sie wird mit einem Hiebe ihres
               Schwertes die sechs Kugeln in der Luft zerhauen.«</p>
            <p>Die Bewohner von X. waren hauptsächlich gekommen, um sich von der Wahrheit dieses
               Wunders überzeugen zu lassen. Die schöne, junge Frau hatte das allgemeine Interesse
               geweckt, und jeder mochte gern wissen, wie sie wohl aussehe, wenn sie die Feuerrohre
               auf sich gerichtet wüßte ... Es gelang übrigens auch<pb/> dem Taschenspieler, die
               Aufmerksamkeit des Publikums für seine Kunstleistungen zu gewinnen. Er war, was die
               Frauen einen interessanten Mann zu nennen pflegen. Mittelgroß, von schlanker,
               biegsamer Gestalt, mit regelmäßigen, aber bleichen Zügen, braunen Locken und
               ausdrucksvollen Augen, zeigte er sehr elegante Manieren, und sein eigentümlich
               klingendes Deutsch, das ihn als den Sohn jenes unglücklichen, auseinander gerissenen
               Volkes kennzeichnete, machte ihn noch anziehender ... Das alles war aber sofort
               vergessen, als die annoncierten sechs Soldaten unter Kommando eines Unteroffiziers
               aufmarschierten. Ein Geräusch entstand im Publikum, wie das Tosen einer Brandung –
               dann folgte plötzlich bängliche Stille.</p>
            <p>Der Pole trat an einen Tisch und machte die Patronen angesichts des Publikums. Mit
               einem Hammer klopfte er auf jede einzelne Kugel, um die atemlosen Zuschauer durch den
               Klang zu überzeugen, daß es wirkliche, zweilötige Gewehrkugeln seien. Dann gab er
               jedem der Soldaten eine Patrone und ließ vor den Augen des Publikums laden ... Der
               Taschenspieler klingelte.</p>
            <p>Gleich darauf trat die Frau hinter einem breiten Schirme hervor. Sie schritt langsam
               seitwärts und stellte sich den Soldaten gegenüber. Es war eine wundervolle
               Erscheinung, den linken Arm deckte der Schild und in der Rechten hielt sie das
               Schwert. Ein weißes Gewand floß in reichen Falten auf die Füße nieder; um die Hüften
               legten sich silberglänzende Schuppen, und ein strahlender Harnisch deckte die
               herrliche Büste ... Was war aber all dieser Glanz gegen den matten Goldschimmer der
               Haarwellen, die unter dem Helme hervorquollen und fast bis auf den Saum des Gewandes
               herabfielen!</p>
            <p>Das bleiche, schwermütige Gesicht richtete den traurigen Blick auf die Mündungen der
               todbringenden Waffen, die hinüber starrten. <pb/> Keine Wimper zuckte. Nicht die
               leiseste Bewegung war an dem leicht wallenden Gewande zu bemerken – sie stand dort
               wie ein Steinbild ... Das letzte Kommando schallte durch den totenstillen Saal; die
               sechs Schüsse krachten wie aus einem Rohre – sausend durchschnitt das Schwert die
               Luft, und zwölf halbe Kugeln rasselten auf den Boden.</p>
            <p>Einen Augenblick noch sah man die hohe Gestalt der Schildjungfrau unbeweglich stehen
               – der Pulverdampf verwischte ihre Züge, und nur matt schimmerte die Rüstung durch die
               Wolke ... dann schwankte sie plötzlich, Schild und Schwert sanken klirrend zu Boden,
               mit der Rechten griff sie, wie nach einem Halt suchend, krampfhaft zuckend in die
               Luft und taumelte mit dem herzzerreißenden Schrei: »O Gott, ich bin getroffen!« in
               die Arme ihres herbeieilenden Mannes ... Er trug sie hinter den Schirm und stürzte
               gleich darauf wie ein Rasender auf die Soldaten zu.</p>
            <p>Sie hatten sämtlich die Weisung erhalten, beim Laden der Gewehre die Kugeln
               abzubeißen und im Munde zu behalten, das war das ganze Wunder. Einer derselben
               jedoch, ein ungelenkes Bauernkind, hatte, völlig verwirrt durch den Anblick der
               versammelten Menschenmenge, in jenem verhängnisvollen Momente den Kopf verloren – als
               die fünf anderen auf den leidenschaftlich herausgestoßenen Befehl des Taschenspielers
               die Kugeln sofort aus dem Munde holten, da brachte er zu seinem eigenen Entsetzen ein
               wenig Pulver zum Vorschein – seine Kugel hatte die unglückliche Frau durchbohrt.</p>
            <p>Die Züge des Polen verzerrten sich bei diesem Ergebnis in Schmerz und Verzweiflung,
               und er schlug, ganz außer sich, den unfreiwilligen Verbrecher ins Gesicht.</p>
            <p>Augenblicklich entstand eine unglaubliche Verwirrung im Saale. Mehrere Damen wurden
               ohnmächtig, und zahllose Stimmen <pb/> schrieen nach einem Arzte. Doktor Böhm aber,
               der den Vorfall schneller begriffen hatte, als alle anderen, war schon längst hinter
               dem Schirme bei der Verwundeten. Als er endlich mit erblaßtem Gesichte wieder
               hervortrat, sagte er leise zu Hellwig: »Muß ohne Gnade sterben, das arme, prächtige
               Weib!«</p>
            <p>Eine Stunde später lag die Frau des Taschenspielers auf einem Bette im Gasthofe »zum
               Löwen«. Man hatte sie auf einem Sofa aus dem Saale getragen; Heinrich war einer der
               Träger gewesen. »Na, Herr Hellwig, habe ich recht oder unrecht mit dem Unglücksvieh,
               dem Rappen?« hatte er seinen Herrn im Vorübergehen gefragt, und dabei waren ihm dicke
               Thränen über die Backen gelaufen.</p>
            <p>Die Frau lag still, mit geschlossenen Augen da. Ihre entfesselten Haare fielen in
               einzelnen Strähnen über die weißen Kissen und den Bettrand hinab, und die goldigen
               Spitzen ringelten sich auf dem dunklen Fußteppich ... Vor dem Bette kniete der
               Taschenspieler; die Hand der Verwundeten ruhte auf seinem Kopfe, den er tief
               eingewühlt hatte in die Bettdecke.</p>
            <p>»Schläft Fee?« flüsterte die Frau fast unhörbar, während sie mühsam die Lider
               öffnete.</p>
            <p>Der Taschenspieler hob den Kopf und nahm die bleiche Hand zwischen die seinigen.</p>
            <p>»Ja,« murmelte er mit schmerzverzogenen Lippen. »Die Tochter des Hauses hat sie
               mitgenommen in ihr Schlafzimmer; sie liegt dort in einem weißen Bettchen – unser Kind
               ist gut aufgehoben, Meta, mein süßes Leben!«</p>
            <p>Die Frau blickte mit einem unaussprechlichen Ausdrucke innerer Leiden auf ihren Mann,
               dem die Verzweiflung aus den Augen glühte.</p>
            <p>»Jasko – ich sterbe!« seufzte sie.</p>
            <p>Der Taschenspieler sank auf den Teppich zurück und wand sich wie in den heftigsten
               körperlichen Schmerzen.</p>
            <p>»Meta, Meta, gehe nicht von mir!« rief er außer sich. »Du bist das Licht auf meinem
               dunklen Wege! Du bist der Engel, der die Dornen meines verfemten Berufes sich ins
               Herz gestoßen hat, damit sie mich nicht berühren sollten! ... Meta, wie soll ich
               leben, wenn du nicht mehr neben mir stehst mit dem behütenden Auge und dem Herzen
               voll unsäglicher Liebe? Wie soll ich leben, wenn ich deine berauschende Stimme nicht
               mehr höre, dein himmlisches Lächeln nicht mehr sehe? Wie soll ich leben mit dem
               marternden Bewußtsein, daß ich dich an mich gerissen <pb/> habe, um dich namenlos
               elend zu machen? ... Gott, Gott, da droben, du kannst mich nicht in diese Hölle
               stoßen! ...« Er weinte leise. »Ich will erst sühnen, was ich an dir gefrevelt habe,
               Meta. Ich will für dich arbeiten, ehrlich arbeiten, bis mir das Blut unter den Nägeln
               hervorspringt – ich will arbeiten mit Hacke und Spaten. Wir wollen uns still und
               zufrieden in einen Winkel der Erde zurückziehen« – er riß das schwarze, mit
               Goldflitter besäte Samtwamms von den Schultern – »fort mit dem Plunder! Er soll mich
               nie mehr berühren ... Meta, bleibe bei mir, wir wollen ein neues Leben anfangen!«</p>
            <p>Ein schmerzliches Lächeln flog um die Lippen der Sterbenden. Mühsam erhob sie den
               Kopf; er schob seinen Arm unter und preßte mit der linken Hand ihr Gesicht wie
               wahnsinnig an seine Brust.</p>
            <p>»Jasko, fasse dich – sei ein Mann!« stöhnte sie; ihr Haupt sank wie leblos zurück,
               aber sie öffnete die halb gebrochenen Augen wieder, und es schien, als klammere sich
               die scheidende Seele noch einmal verzweiflungsvoll an die zusammenbrechende Hülle –
               diese Lippen, die in Staub zerfallen sollten, mußten noch einmal sprechen; das Herz
               durfte nicht stillstehen und die Qualen unausgesprochener Mutterangst mit unter die
               Erde nehmen.</p>
            <p>»Du bist ungerecht gegen dich selbst, Jasko,« sagte sie nach einer Pause, während
               welcher sie noch einmal den Rest ihrer Kräfte zusammengerafft hatte; »ich bin nicht
               elend geworden durch dich ... ich bin geliebt worden, wie selten ein Weib, und diese
               Jahre des Liebesglückes wiegen wohl ein ganzes, langes Menschenleben auf ... Ich habe
               gewußt, daß ich dem Taschenspieler meine Hand reiche – ich bin aus dem Vaterhause,
               das mich um meiner Liebe willen verstieß, hellen Blickes gegangen, um an deiner Seite
               zu leben ... Wenn Schatten mein Glück getrübt haben, so trifft mich, mich allein die
               Schuld, die ich meine Kraft überschätzt hatte, und die kleinmütig zusammenbrach unter
               der Misere deiner Stellung ... Jasko,« fuhr sie leiser fort, »den Mann erhebt der
               Gedanke, daß seine Kunst, gleichviel welche, ihn adle, über die engherzigen Ansichten
               der Menschen – das Weib aber zuckt unter den Nadelstichen einer geringschätzenden
               Behandlung ... O Jasko, die Sorge um Fee macht meine Sterbestunde zu einer
               qualvollen, schrecklichen! Ich beschwöre dich, halte das Kind fern von deinem
               Berufe!«</p>
            <p>Sie faßte nach seiner Hand und zog sie an sich. Ihre ganze Seele drängte sich noch
               einmal in diese schönen Augen, die sich binnen kurzem verdunkeln sollten im
               Todeskampfe.</p>
            <p>
               <pb/> »Ich fordre unsäglich Schweres von dir, Jasko!« fuhr sie flehentlich fort.
               »Trenne dich von Fee – gib sie unter die Obhut einfacher, braver Menschen, lasse sie
               inmitten eines ruhigen, stillen Familienlebens aufwachsen – versprich mir das, mein
               einzig geliebter Mann.«</p>
            <p>Mit von Thränen erstickter Stimme gelobte es ihr der Mann. Es folgte eine
               schreckliche Nacht, der Todeskampf wollte nicht enden. Als aber das Frührot durch die
               Fenster brach, da warf es seine Rosen auf eine schöne Frauenleiche, deren verklärte
               Züge die Kämpfe der letzten Stunden nicht mehr ahnen ließen. Orlowsky hatte sich über
               die erkaltende Hülle geworfen, und nur der Anstrengung mehrerer Männer gelang es, ihn
               hinwegzureißen und in ein anderes Zimmer zu bringen.</p>
            <p>Am dritten Tage gegen Abend wurde die »Spielersfrau« unter großem Zudrange zur Erde
               bestattet. Mitleidige Herzen hatten den Totenschrein mit Blumen bedeckt, und unter
               den angesehenen Männern der Stadt, die im Leichenzuge schritten, war auch Hellwig ...
               Der Taschenspieler brach zusammen, als die ersten Schollen auf den Sarg fielen; aber
               Hellwig, der neben ihm stand, stützte ihn und führte ihn in die Stadt zurück. Er
               blieb mehrere Stunden allein bei dem Tiefgebeugten, der bis dahin jeden Zuspruch
               zurückgewiesen und sogar versucht hatte, Hand an sich zu legen ... Die an der Thür
               des Sterbezimmers vorübergingen, hörten bisweilen ein heftiges Aufschluchzen des
               unglücklichen Mannes oder Ausbrüche leidenschaftlicher Zärtlichkeit, auf die süßes
               Kindergeschwätz antwortete – sie klangen herzzerreißend zusammen, jene
               thränenerstickte Stimme und die lachenden Silbertöne des Kindes.</p>
            <pb/>
         </div>
         <div type="chapter">
            <head>3</head>
            <p>Der Abend war weit vorgerückt. Ein scharfer Novemberwind fegte durch die Straßen, und
               die ersten Schneeflocken taumelten auf Dächer und Straßenpflaster und auf die dunkle,
               frisch aufgeworfene Erde des Grabhügels, der sich über der jungen Frau des Polen
               wölbte.</p>
            <p>Inmitten des Hellwigschen Wohnzimmers stand ein gedeckter Tisch. Es waren massive
               silberne Bestecke, die neben den Tellern lagen, und das weiße Damasttischtuch hatte
               Atlasglanz und zeigte ein prachtvolles Muster. Die Lampe stand auf dem kleinen,
               runden Sofatische, hinter welchem die Frau Hellwig saß und an einem langen, wollenen
               Strumpfe strickte. Sie war eine große, breitschultrige Frau, im Anfange der vierziger
               Jahre. Vielleicht war dies Gesicht im Schimmer der Jugend schön gewesen, wenigstens
               hatte das Profil jene klassische Linie, welche die Gesetze der regelmäßigen Schönheit
               verlangen; aber hinreißenden Zauber hatte die Frau wohl nie besessen. Und mochte ihr
               großes Auge auch noch so schön geschnitten und glänzend, ihr Teint noch so strahlend
               gewesen sein, sie hatten sicher nicht jenen Schmelz zu ersetzen vermocht, den ein
               reiches Seelenleben über die Züge haucht – wie hätte sich dies Gesicht so versteinern
               können bei innerer Wärme? Wie wäre es möglich gewesen, nach einer Jugend voll seligen
               Gebens und Nehmens, nach den zahllosen Anregungen <pb/> und Empfindungen, die das
               Leben in der empfänglichen Seele weckt, noch so eisig zu blicken, wie diese starren,
               grauen Augen blickten? ... Ein dunkler Scheitel legte sich in einer strengen, festen
               Linie um die noch immer weiße Stirn. Das übrige Haar dagegen verschwand unter einem
               Mullhäubchen von tadelloser Frische. Diese Kopfbedeckung und ein schwarzes Kleid von
               gesucht einfachem Schnitt mit eng anliegenden Aermeln und schmalen, weißen
               Manschettenstreifen am Handgelenke gaben der gesamten Erscheinung etwas
               Puritanerhaftes.</p>
            <p>Dann und wann wurde eine Seitenthür geöffnet, und das runzelvolle Gesicht einer alten
               Köchin erschien forschend in der Spalte.</p>
            <p>»Noch nicht, Friederike!« sagte Frau Hellwig jedesmal mit eintöniger Stimme, ohne
               aufzublicken; aber die Nadeln flogen immer rascher durch die Finger, und ein
               eigentümlicher Zug von Verbissenheit lagerte um die schmalen Lippen. Die alte Köchin
               wußte genau, daß »die Madame« ungeduldig sei; sie liebte es, zu schüren, und rief
               endlich in weinerlichem Tone in das Zimmer:</p>
            <p>»Du lieber Gott, wo aber auch nur der Herr bleibt! Der Braten wird schlecht, und wann
               soll ich denn heute fertig werden?«</p>
            <p>Diese Bemerkung trug ihr zwar eine Rüge ein, denn Frau Hellwig litt es nicht, daß
               ihre Leute unaufgefordert ihre Meinung äußerten; aber sie zog sich vergnüglich samt
               ihrem Verweise in die Küche zurück, hatte sie doch gesehen, daß die Madame nun auch
               eine tiefe Falte zwischen den Augenbrauen hatte.</p>
            <p>Endlich wurde die Hausthür aufgemacht. Der volle, tiefe Klang der Thürglocke scholl
               durch die Hausflur.</p>
            <p>»Ach, das hübsche Klingkling da oben!« rief draußen eine klare Kinderstimme.</p>
            <p>Frau Hellwig legte den Strickstrumpf in ein vor ihr stehendes Körbchen und erhob
               sich. Befremden und Erstaunen hatten den Ausdruck der Ungeduld verdrängt – sie sah
               gespannt über die Lampe hinweg nach der Thür. Draußen kratzte jemand unzählige Male
               mit den Füßen über die Strohmatte, das war ihr Mann. Gleich darauf trat er in das
               Zimmer und ging mit etwas unsicheren Schritten auf seine Frau zu. Er trug ein kleines
               Mädchen, das ungefähr vier Jahre alt sein mochte, auf dem Arme.</p>
            <p>»Ich bringe dir hier etwas mit nach Hause, Brigittchen,« sagte er bittend, aber er
               verstummte sogleich wieder, als sein Auge das seiner Frau traf.</p>
            <p>
               <pb/> »Nun?« fragte sie, ohne sich zu bewegen.</p>
            <p>»Ich bringe dir ein armes Kind –«</p>
            <p>»Wem gehört es?« unterbrach sie ihn kalt.</p>
            <p>»Dem unglücklichen Polen, der seine junge Frau auf eine so schreckliche Weise
               verloren hat ... Liebes Brigittchen, nimm die Kleine gütig auf!«</p>
            <p>»Doch wohl nur für diese Nacht?«</p>
            <p>»Nein – ich habe dem Manne heilig versprochen, daß das Kind in meinem Hause
               aufwachsen soll.«</p>
            <p>Er sprach diese Worte rasch und fest; denn es mußte ja doch einmal gesagt werden.</p>
            <p>Das weiße Gesicht der Frau war plötzlich mit einer hellen Röte übergossen, und ein
               schneidender Zug flog um ihre Lippen. Sie verließ ihren bisherigen Platz um einen
               Schritt und tippte mit einer unbeschreiblich maliziösen Bewegung den Zeigefinger
               gegen die Stirn.</p>
            <p>»Ich fürchte, es ist nicht richtig bei dir, Hellwig,« sagte sie. <pb/> Ihre Stimme
               hatte noch immer die kalte Ruhe, was in diesem Augenblicke um so verletzender klang.
               »Mir, mir eine solche Zumutung? ... Mir, die ich mein Haus zu einem Tempel des Herrn
               zu machen suche, Komödiantenbrut unter das Dach zu bringen, dazu gehört mehr noch,
               als – Einfalt.«</p>
            <p>Hellwig fuhr zurück, und ein Blitz zuckte aus seinen sonst so gutmütigen Augen.</p>
            <p>»Du hast dich gewaltig geirrt, Hellwig!« fuhr sie fort. »Ich nehme dies Kind der
               Sünde nicht in mein Haus – das Kind eines verlorenen Weibes, das so sichtbar vom
               Strafgerichte des Herrn ereilt worden ist.«</p>
            <p>»So – ist das deine Meinung, Brigitte? Nun, so frage ich dich, welcher Sünden hat
               sich dein Bruder schuldig gemacht, als er auf der Jagd von einem unvorsichtigen
               Schützen erschossen wurde? Er war seinem Vergnügen nachgegangen – das arme Weib aber
               starb in Erfüllung einer schweren Pflicht.«</p>
            <p>Das Blut wich der Frau aus dem Gesicht, sie wurde plötzlich kreideweiß. Einen Moment
               schwieg sie und richtete das Auge erstaunt und lauernd zugleich auf ihren Mann, der
               plötzlich eine solche Energie ihr gegenüber entwickelte.</p>
            <p>Währenddem zog das kleine Mädchen, das Hellwig auf den Boden gestellt hatte, die
               rosenfarbene Kapuze herunter, und ein reizendes Köpfchen voll kastanienbrauner Locken
               kam zum Vorschein; auch das Mäntelchen flog zur Erde ... Wie verhärtet mußte das Herz
               der Frau sein, daß sie nicht sofort beide Arme ausbreitete und das Kind kosend an die
               Brust drückte! War sie völlig blind gegen den unsäglichen Liebreiz der kleinen
               Gestalt, die auf den zierlichsten Füßchen, die je in einem Kinderschuhe gesteckt,
               durch das Zimmer trippelte und mit großen Augen die neue Umgebung betrachtete? ...
               Das rosige Fleisch der runden Schultern quoll aus einem hellblauen Wollkleidchen,
               dessen Bändchen und Säume zierliche Stickerei zeigten – vielleicht war dieser Schmuck
               des Lieblings die letzte Arbeit der Hände gewesen, die nun im Tode erstarrt
               waren.</p>
            <p>Aber gerade der elegante Anzug, der ungezwungene, geniale Fall der Locken auf Stirn
               und Hals, die graziösen Bewegungen des Kindes empörten die Frau.</p>
            <p>»Nicht zwei Stunden möchte ich diesen Irrwisch um mich leiden,« sagte sie plötzlich,
               ohne auf die eklatante Zurechtweisung ihres Mannes auch nur eine Silbe zu erwidern.
               »Das zudringliche <pb/> kleine Ding mit den wilden Haaren und der entblößten Brust
               paßt nicht in unseren ernsthaften, strengen Haushalt – das hieße geradezu der
               Leichtfertigkeit und Liederlichkeit Thür und Thor öffnen. Hellwig, du wirst diesen
               Zankapfel nicht zwischen uns werfen, sondern dafür sorgen, daß die Kleine wieder
               dahin zurückgebracht wird, wohin sie gehört.«</p>
            <p>Sie öffnete die Thür, die nach der Küche führte, und rief die Köchin herein.</p>
            <p>»Friederike, ziehe dem Kinde die Sachen wieder an,« befahl sie, auf Kapuze und Mantel
               der Kleinen deutend, die noch am Boden lagen.</p>
            <p>»Du gehst augenblicklich in die Küche zurück!« gebot Hellwig mit lauter, zorniger
               Stimme und zeigte nach der Thür.</p>
            <p>Die verblüffte Magd verschwand.</p>
            <p>»Du treibst mich zum Aeußersten durch deine Härte und Grausamkeit, Brigitte!« rief
               der erbitterte Mann. »Schreibe es daher dir und deinen Vorurteilen zu, wenn ich dir
               jetzt Dinge sage, die sonst nie über meine Lippen gekommen wären ... Wem gehört das
               Haus, das du, wie du sehr irrigerweise behauptest, zu einem Tempel des Herrn gemacht
               haben willst? – Mir ... Brigitte, du bist auch als arme Waise in dies Haus gekommen –
               im Laufe der Jahre hast du das vergessen, und, Gott sei es geklagt, je eifriger du an
               diesem sogenannten Tempel gebaut, je mehr du dich befleißigt hast, den Herrn und die
               christliche Liebe und Demut auf den Lippen zu führen, um so hochmütiger und
               hartherziger bist du geworden ... Dies Haus ist mein Haus, und das Brot, welches wir
               essen, bezahle ich, und so erkläre ich dir entschieden, daß das Kind bleibt, wo es
               ist ... Und ist dein Herz zu eng und liebeleer, um mütterlich für die arme Waise zu
               fühlen, so verlange ich wenigstens von meiner Frau, daß sie in Rücksicht auf meinen
               Willen dem Kinde den nötigen weiblichen Schutz zu teil werden läßt ... Wenn du nicht
               dein Ansehen bei unseren Leuten verlieren willst, so triff jetzt die nötigen
               Anordnungen zur Aufnahme des Kindes – außerdem werde ich die Befehle geben.«</p>
            <p>Nicht ein Wort mehr kam über die weißgewordenen Lippen der Frau. Jede andere würde
               wohl in einem solchen Augenblicke der völligen Ohnmacht zu der letzten Waffe, den
               Thränen, gegriffen haben; aber diese kalten Augen schienen den süßen, erleichternden
               Quell nicht zu kennen. Dieses völlige Verstummen, diese <pb/> eisige Kälte, mit der
               sich die ganze Frauengestalt förmlich panzerte, hatte etwas Beängstigendes und mußte
               jedem anderen die Brust zuschnüren ... Sie griff schweigend nach einem Schlüsselbunde
               und ging hinaus.</p>
            <p>Mit einem tiefen Seufzer nahm Hellwig die Kleine bei der Hand und ging mit ihr im
               Zimmer auf und ab. Er hatte einen furchtbaren Kampf gekämpft, um diesem verlassenen
               Wesen eine Heimat in seinem Hause zu sichern, er hatte seine Frau tödlich beleidigt;
               nie, nie – das wußte er – vergab sie ihm die bitteren Wahrheiten, die er ihr eben
               gesagt hatte, denn sie war unversöhnlich.</p>
            <pb/>
         </div>
         <div type="chapter">
            <head>4</head>
            <p>Unterdes stellte Friederike einen kleinen Zinnteller mit einem Kinder-Eßbesteck und
               einer frischen Serviette auf den Tisch. Zugleich klingelte es draußen, und gleich
               darauf öffnete Heinrich die Zimmerthür und ließ einen kleinen, ungefähr
               siebenjährigen Knaben eintreten.</p>
            <p>»Guten Abend, Papa!« rief der Kleine und schleuderte die Schneeflocken von seiner
               Pelzmütze.</p>
            <p>Hellwig nahm den blonden Kopf seines Kindes zärtlich zwischen seine Hände und küßte
               es auf die Stirn.</p>
            <p>»Guten Abend, mein Junge,« sagte er; »nun, war es hübsch bei deinem kleinen
               Freunde?«</p>
            <p>»Ja; aber der dumme Heinrich hat mich viel zu früh geholt.«</p>
            <p>»Das hat die Mama so gewünscht, mein Kind ... Komm her, Nathanael, sieh dir einmal
               dies kleine Mädchen an – es heißt Fee –«</p>
            <p>»Dummheit! ... wie kann sie denn ›Fee‹ heißen – das ist ja gar kein Name!«</p>
            <p>Hellwigs Auge streifte gerührt über das kleine Geschöpfchen, das Elternzärtlichkeit
               selbst mittels des Rufnamens poetisch zu verklären gesucht hatte.</p>
            <p>»Ihr Mütterchen hat sie so genannt, Nathanael,« sagte er weich; »sie heißt eigentlich
               Felicitas ... Ist sie nicht ein armes, armes Ding? Ihre Mama ist heute begraben
               worden; sie wird nun bei uns wohnen, und du wirst sie lieb haben, wie ein
               Schwesterchen, gelt?«</p>
            <p>
               <pb/> »Nein, Papa, ich will kein Schwesterchen haben.«</p>
            <p>Der Knabe war das treue Abbild seiner Mutter. Er hatte schöne Züge und einen
               merkwürdig klaren rosigen Teint; aber er hatte auch die häßliche Gewohnheit, das Kinn
               auf die Brust zu drücken und mit seinen großen Augen unter der gewölbten Stirn hervor
               nach oben zu schielen, was ihm einen Ausdruck von Heimtücke und Verschlagenheit gab.
               In diesem Augenblicke bog er den Kopf noch tiefer als sonst gegen die Brust, hob den
               rechten Ellbogen wie zu trotziger Abwehr in die Höhe und sah unter demselben mit
               einem bösartigen Ausdrucke nach dem Kinde hinüber.</p>
            <p>Die Kleine stand dort und zog und zerrte verlegen an ihrem Röckchen; der bedeutend
               größere Junge imponierte ihr offenbar, aber allmählich kam sie näher, und ohne sich
               durch seine gehässige Stellung abschrecken zu lassen, griff sie mit leuchtenden Augen
               nach dem Kindersäbel, der an seinem Gürtel hing. Er stieß sie zornig zurück und lief
               seiner Mutter entgegen, die eben wieder eintrat.</p>
            <p>»Ich will aber kein Schwesterchen haben!« wiederholte er <pb/> weinerlich. »Mama,
               schicke das ungezogene Mädchen fort; ich will allein sein bei dir und dem Papa!«</p>
            <p>Frau Hellwig zuckte schweigend die Achseln und trat hinter ihren Stuhl am
               Eßtische.</p>
            <p>»Bete, Nathanael!« gebot sie eintönig und faltete die Hände. Sofort fuhren die zehn
               Finger des Knaben ineinander; er senkte demütig den Kopf und sprach ein langes
               Tischgebet ... Unter den obwaltenden Umständen war dies Gebet die abscheulichste
               Profanation einer schönen christlichen Sitte.</p>
            <p>Der Hausherr rührte das Essen nicht an. Auf seiner sonst so blassen Stirn lag die
               Röte innerer Aufregung, und während er mechanisch mit der Gabel spielte, flog sein
               getrübter Blick unruhig über die mürrischen Gesichter der Seinen. Das kleine Mädchen
               ließ es sich dagegen vortrefflich schmecken. Sie steckte einige Bonbons, die er neben
               ihren Teller gelegt hatte, gewissenhaft in ihr Täschchen.</p>
            <p>»Das ist für Mama,« sagte sie zutraulich; »die ißt Bonbons zu gern; Papa bringt ihr
               immer ganze große Düten voll mit.«</p>
            <p>»Du hast gar keine Mama!« rief Nathanael feindselig herüber.</p>
            <p>»O, das weißt du ja gar nicht!« entgegnete die Kleine sehr aufgeregt. »Ich habe eine
               viel schönere Mama, als du!«</p>
            <p>Hellwig sah tieferschrocken und scheu nach seiner Frau, und seine Hand hob sich
               unwillkürlich, als wollte sie sich auf den kleinen rosigen Mund legen, der das eigene
               Interesse so schlecht zu wahren verstand.</p>
            <p>»Hast du für ein Bettchen gesorgt, Brigittchen?« fragte er hastig, aber mit sanfter,
               bittender Stimme.</p>
            <p>»Ja.«</p>
            <p>»Und wo wird sie schlafen?«</p>
            <p>»Bei Friederike.«</p>
            <p>»Wäre nicht so viel Platz – wenigstens für die erste Zeit – in unserem
               Schlafzimmer?«</p>
            <p>»Wenn du Nathanaels Bett hinausschaffen willst, ja.«</p>
            <p>Er wandte sich empört ab und rief das Dienstmädchen herein.</p>
            <p>»Friederike,« sagte er, »du wirst des Nachts dies Kind unter deiner Obhut haben – sei
               gut und freundlich mit ihm; es ist eine arme Waise und an die Zärtlichkeit einer
               guten, sanften Mutter gewöhnt.«</p>
            <p>»Ich werde dem Mädchen nichts in den Weg legen, Herr Hellwig,« entgegnete die Alte,
               die offenbar gehorcht hatte; »aber <pb/> ich bin ehrlicher Leute Kind und hab' in
               meinem ganzen Leben nichts mit Spielersleuten zu schaffen gehabt – wenn man nur
               wenigstens wüßte, ob die Menschen getraut gewesen sind.«</p>
            <p>Sie schielte hinüber nach Frau Hellwig und erwartete ohne Zweifel einen belobenden
               Blick für ihre »herzhafte« Antwort, allein die Madame band eben Nathanael die
               Serviette ab und sah überhaupt drein, als sehe und höre sie von dem ganzen Handel
               nichts.</p>
            <p>»Das ist stark!« rief Hellwig entrüstet. »Muß ich denn erst heute erfahren, daß in
               meinem ganzen Hause weder Mitleiden noch Erbarmen zu finden ist? Und Du meinst, du
               dürftest unbarmherzig sein, weil du ehrlicher Leute Kind bist, Friederike? ... Nun,
               zu deiner Beruhigung sollst du wissen, daß die Leute in rechtlicher Ehe gelebt haben;
               aber ich sage dir auch hiermit, daß ich von nun an sehr streng mit dir verfahren
               werde, sobald ich merke, daß du dem Kinde irgendwie zu nahe trittst.«</p>
            <p>Es schien, als sei er des Kampfes müde. Er stand auf und trug die Kleine in die
               Kammer der Köchin. Sie ließ sich gutwillig zu Bett bringen und schlief bald ein,
               nachdem sie mit süßer Stimme für Papa und Mama, für den guten Onkel, der sie morgen
               wieder zu Mama tragen werde, und – für »die große Frau mit dem bösen Gesichte«
               gebetet hatte.</p>
            <p>Spät in der Nacht ging Friederike zu Bett. Sie war zornig, daß sie so lange hatte
               aufbleiben müssen, und rumorte rücksichtslos in der Kammer. Die kleine Felicitas fuhr
               jäh aus dem Schlafe empor; sie setzte sich im Bette auf, strich die wirren Locken aus
               der Stirn, und ihre Augen glitten angstvoll suchend über die räucherigen Wände und
               dürftigen Möbel der engen, schwach beleuchteten Kammer.</p>
            <p>»Mama, Mama!« rief sie mit lauter Stimme.</p>
            <p>»Sei still, Kind, deine Mutter ist nicht da; schlafe wieder ein,« sagte die Köchin
               mürrisch, während sie sich entkleidete.</p>
            <p>Die Kleine sah erschreckt zu ihr hinüber; dann fing sie an, leise zu weinen – sie
               fürchtete sich offenbar in der fremden Umgebung.</p>
            <p>»Na, jetzt heult die Range auch noch, das könnte mir fehlen – gleich bist du still,
               du Komödiantenbalg!« Sie hob drohend die Hand. Die Kleine steckte erschrocken das
               Köpfchen unter die Decke.</p>
            <p>»Ach, Mama, liebe Mama,« flüsterte sie, »wo bist du nur? <pb/> Nimm mich doch in dein
               Bett – ich fürchte mich so ... ich will auch ganz artig sein und gleich einschlafen
               ... Ich habe dir auch etwas aufgehoben, ich habe nicht alles gegessen – Fee bringt
               dir etwas mit, liebe Mama ... Oder gib mir nur deine Hand, dann will ich in meinem
               Bettchen bleiben und –«</p>
            <p>»Bist du wohl still!« rief Friederike und rannte wie wütend nach dem Bette des Kindes
               ... Es rührte sich nicht mehr – nur dann und wann drang ein unterdrücktes Schluchzen
               unter der Decke hervor.</p>
            <p>Die alte Köchin schlief längst den Schlaf des Gerechten, als das arme Kind, die
               aufgeschreckte Sehnsucht im kleinen Herzen, noch leise nach der toten Mutter
               jammerte.</p>
            <pb/>
         </div>
         <div type="chapter">
            <head>5</head>
            <p>Hellwig war Kaufmann. Erbe eines bedeutenden Vermögens, hatte er dasselbe durch
               verschiedene industrielle Unternehmungen noch vermehrt. Er zog sich jedoch, weil er
               kränkelte, ziemlich früh aus der Geschäftswelt zurück und privatisierte in seiner
               kleinen Vaterstadt. Der Name Hellwig hatte da einen gewichtigen Klang. Die Familie
               war seit undenklichen Zeiten eine der angesehensten, und durch viele Generationen
               hindurch hatte immer einer der Träger des geachteten Namens irgend ein Ehrenamt der
               Stadt bekleidet. Der schönste Garten vor den Thoren des Städtchens und das Haus am
               Markte waren seit Menschengedenken im Besitze der Familie. Das Haus bildete die Ecke
               des Marktplatzes und einer steil bergaufsteigenden Straße, und an dieser Ecke lief
               die stattliche Fronte des Gebäudes in einen weit hervorspringenden Erker aus. In den
               zwei oberen Stockwerken hingen jahraus, jahrein schneeweiße Rouleaus hinter den
               Scheiben; nur dreimal im Jahre und dann stets einige Tage vor den hohen Festen
               verschwanden die Hüllen – es wurde gelüftet und gescheuert. Die mächtigen, erzenen
               Drachenköpfe hoch oben am Dache, die das Regenwasser aus der Dachrinne hinunter auf
               das Pflaster spieen, die Vögel, welche vorüberflatterten, sahen dann die
               aufgespeicherten Schätze des alten Kaufmannshauses, sahen die altmodische Pracht der
               Zimmer – jene hohen Schränke von kostbarer eingelegter Arbeit mit den blitzenden
               Schlössern und Handhaben, die reichen seidendamastenen Ueberzüge auf den strotzenden
               Daunenkissen der <pb/> Kanapees und den hochgepolsterten Stühlen, die deckenhohen, in
               die Wand eingefügten, venezianischen Spiegel und in den Kammern die
               hochaufgestapelten Gastbetten, deren Leinenüberzügen ein starker Lavendelduft
               entquoll.</p>
            <p>Diese Räume wurden nicht bewohnt. Es war niemals Sitte in der Familie Hellwig
               gewesen, einen Teil des geräumigen Hauses zu vermieten. Durch alle Zeiten hatte da
               droben vornehmes, feierliches Schweigen geherrscht, das nur unterbrochen wurde durch
               eine glänzende Hochzeit oder Kindtaufe und im Laufe des Jahres dann und wann durch
               den hallenden Schritt der Hausfrau, die dort ihre Leinenschätze, ihr Silber- und
               Porzellangeschirr verwahrt hielt.</p>
            <p>Frau Hellwig war als zwölfjähriges Kind in dies Haus gekommen. Die Hellwigs waren ihr
               verwandt und nahmen sie auf, als ihre Eltern rasch hintereinander starben und sie und
               ihre Geschwister mittellos hinterließen. Das junge Mädchen hatte einen schweren Stand
               der alten Tante gegenüber, die eine strenge und stolze Frau war. Hellwig, der einzige
               Sohn des Hauses, empfand anfänglich Mitleiden für sie, später aber verwandelte sich
               die Teilnahme in Liebe. Seine Mutter war entschieden gegen seine Wahl, und es kam
               deshalb zu schlimmen Auftritten, allein der Liebende setzte schließlich seinen Willen
               durch und führte das Mädchen heim. Er hatte die mürrische Schweigsamkeit der
               Geliebten für mädchenhafte Schüchternheit, ihre Herzenskälte für sittliche Strenge,
               ihren starren Sinn für Charakter gehalten und stürzte mit dem Eintritt in die Ehe aus
               all seinen Himmeln. Binnen kurzem fühlte der gutmütige Mann die eiserne Faust einer
               despotischen Seele im Genicke, und da, wo er dankbare Hingebung gehofft hatte, trat
               ihm plötzlich der krasseste Egoismus entgegen.</p>
            <p>Seine Frau schenkte ihm zwei Kinder, den kleinen Nathanael und seinen um acht Jahre
               älteren Bruder Johannes. Den letzteren hatte Hellwig schon als elfjähriges Kind zu
               einem Verwandten, einem Gelehrten, gebracht, der am Rhein lebte und Vorstand eines
               großen Knabeninstituts war.</p>
            <p>Das waren Hellwigs Familienverhältnisse zu der Zeit, wo er das Kind des
               Taschenspielers in sein Haus nahm. Das schreckliche Ereignis, dessen Zeuge er gewesen
               war, hatte ihn tief erschüttert. Er konnte den flehenden, unsäglich schmerzlichen
               Blick der Unglücklichen nicht vergessen, als sie gedemütigt in seiner Hausflur
               gestanden und seinen Thaler in Empfang genommen hatte. <pb/> Sein weiches Herz litt
               unter dem Gedanken, daß es vielleicht sein Haus gewesen war, wo das arme Weib den
               letzten verwundenden Stachel ihrer unglückseligen Lebensstellung hatte empfinden
               müssen. Als daher der Pole ihm die letzte Bitte der Verstorbenen mitteilte, da erbot
               er sich rasch, das Kind erziehen zu wollen. Erst als er auf die dunkle Straße
               hinaustrat, wohin ihm der letzte, herzzerreißende Abschiedsruf des unglücklichen
               Mannes nachscholl, und wo die Kleine, ihre Aermchen fester um seinen Hals schlingend,
               nach der Mama frug, erst da dachte er an den Widerspruch, der ihn voraussichtlich
               daheim erwartete; allein er rechnete auf den Liebreiz des Kindes und auf den Umstand,
               daß seiner eigenen Ehe ja ein Töchterchen versagt sei – er hatte trotz aller
               schlimmen Erfahrungen noch immer keinen vollkommenen Begriff von dem Charakter seines
               Weibes, sonst hätte er sofort umkehren und das Kind in die Arme des Vaters
               zurückbringen müssen.</p>
            <p>War bis dahin das Verhältnis zwischen Hellwig und seiner Frau ein frostiges gewesen,
               so hatte es jetzt nach der Aufnahme der kleinen Waise den Anschein, als seien
               granitene Mauern zwischen dem Ehepaar aufgestiegen. Im Hause ging zwar alles seinen
               Gang unbeirrt fort. Frau Hellwig wanderte täglich mehrere Male durch die Haus- und
               Wirtschaftsräume – sie hatte durchaus keinen schwebenden Gang, und für ein feines
               oder gar ein ängstliches Ohr hatten diese harten, festen Schritte etwas
               Nervenaufregendes. Fortwährend glitt dabei ihre rechte Hand über Möbel, Fenstersimse
               und Treppengeländer – es war ein unbezwinglicher Hang, eine Manie dieser Frau, die
               große, weiße Hand mit den kolbigen Fingerspitzen und den breiten Nägeln über alles
               hinstreifen zu lassen und dann die innere Fläche sorgsam zu prüfen, ob nicht
               Staubatome oder das verpönte Fädchen eines Spinnewebenversuchs daran hänge ... Es
               wurde gebetet nach wie vor, und die Stimmen, die Gottes ewige Liebe und
               Barmherzigkeit priesen, die sein Gebot wiederholten, nach welchem wir selbst unsere
               Feinde lieben sollen, sie klangen genau so eintönig und unbewegt, wie vorher auch.
               Man nahm die Mahlzeiten gemeinschaftlich ein, und Sonntags schritt das Ehepaar
               einträchtig nebeneinander zur Kirche. Aber Frau Hellwig vermied es mit eiserner
               Konsequenz, ihren Mann anzureden. Sie fertigte seine Annäherungsversuche mit der
               knappesten Kürze ab und machte es möglich, stets neben oder über der kleinen Gestalt
               des Hausherrn hinwegzusehen. Ebensowenig existierte der kleine Eindringling für <pb/>
               sie. Sie hatte an jenem stürmischen Abende der Köchin ein für allemal befohlen,
               täglich eine Portion Essen mehr anzurichten, und in die Kammer derselben einige
               Bettstücke nebst Leinzeug geworfen. Den kleinen Koffer mit Felicitas' Habseligkeiten,
               den unterdes der Hausknecht aus dem »Löwen« gebracht, mußte Friederike vor den Augen
               der Hausfrau öffnen, und die äußerst sauber gehaltene, kleine Garderobe, welcher der
               Hauch eines sehr feinen Odeurs entquoll, sofort auf einen offenen Gang zum Auslüften
               hängen ... Hiermit begann und beschloß sie die ihr aufgedrungene Fürsorge für das
               »Spielerskind«, und als sie danach wieder in das Zimmer trat, war sie mit diesem
               Kapitel innerlich fertig für alle Zeiten. Nur ein einziges Mal schien es, als ob ein
               Funke Teilnahme in ihr aufglimme. Eines Tages nämlich saß eine Nähterin im Wohnzimmer
               und fertigte aus einem dunklen Stoffe zwei Kleider für Felicitas, genau nach dem
               strengen Schnitte, wie <pb/> die Frau des Hauses sich trug. Zu gleicher Zeit preßte
               Frau Hellwig die widerstrebende Kleine zwischen ihre Kniee und bearbeitete deren Kopf
               so lange mit Bürste, Kamm und Pomade, bis das wundervolle Lockengeringel die
               erwünschte Glätte und Nachgiebigkeit erhielt und sich in zwei häßliche, steife Zöpfe
               am Hinterkopfe zwängen ließ ... Die Abneigung dieses Weibes gegen Grazie und Anmut,
               gegen alles, was wider die Gebote ihrer verknöcherten Ansichten stritt, und was seine
               Linien und Formen aus dem Gebiete des Idealen entnahm – jener Widerwille war stärker
               noch als ihr Starrsinn, als der Vorsatz, die Anwesenheit des Kindes im Hause völlig
               zu ignorieren ... Hellwig hätte weinen mögen, als ihm sein kleiner Liebling so
               entstellt entgegentrat, während seine Frau nach der Sühne, die ihr
               schönheitsfeindlicher Sinn gebieterisch verlangt hatte, womöglich noch
               zurückweisender gegen das Kind war als vorher.</p>
            <p>Noch war indes die Kleine nicht zu beklagen; noch konnte sie aus dem Bereiche jener
               Medusenaugen an ein warmes Herz flüchten – Hellwig liebte sie wie seine eigenen
               Kinder. Freilich fand er nicht den Mut, dies offen auszusprechen, – seinen Fonds von
               Energie hatte er an jenem ereignisvollen Abende seiner Frau gegenüber völlig
               erschöpft – aber sein Auge wachte unablässig über Felicitas. Gleich Nathanael hatte
               sie ihr Spielwinkelchen in ihres Pflegevaters Zimmer; dort durfte sie ungestört ihre
               Puppen herzen und sie einwiegen mit den Melodien, die sie noch gelernt hatte auf den
               Knieen der Mutter. Nathanael ging nicht in die öffentliche Schule; er erhielt seinen
               Unterricht von Privatlehrern unter den Augen des Vaters, und als Felicitas ihr
               sechstes Jahr erreicht hatte, begann dieser Unterricht auch für sie. Sobald aber der
               Schnee schmolz und Krokus und Schneeglöckchen die noch leeren, schwarzen Rabatten
               besäumten, wanderte Hellwig täglich mit den Kindern hinaus in seinen großen Garten;
               da draußen wurde gelernt und gespielt, während man nur zur Essenszeit das Haus am
               Marktplatze aufsuchte. Frau Hellwig betrat sehr selten den Garten; sie zog es vor,
               mit dem Strickstrumpfe in ihrer großen, stillen Stube, hinter dem makellos weißen, in
               regelrechte Fältchen gebrochenen Fenstervorhange zu sitzen, und zu diesem Vorzuge
               hatte sie einen ganz besonderen Grund. Ein Vorfahr Hellwigs hatte den Garten in
               altfranzösischem Stile angelegt. Es war sicher eine Meisterhand gewesen, von welcher
               die rings verteilten, lebensgroßen mythologischen Figuren und Gruppen aus Sandstein
               <pb/> herrührten. Freilich hoben sich die hellen Gestalten scharf ab von den
               düsteren, steifen Taxuswänden. Die reizenden, aber ziemlich unverhüllten Formen einer
               Flora, die entblößten zarten Schultern und Arme der sich sträubenden Proserpina und
               die muskulöse Nacktheit ihres gewaltigen Entführers mußten den Blick des Eintretenden
               sogleich auf sich ziehen – und das waren in der That Steine des Anstoßes für Frau
               Hellwig. Sie hatte anfänglich die Hinwegschaffung dieser »sündhaften Darstellung des
               menschlichen Leibes« gebieterisch verlangt, allein Hellwig rettete seine Lieblinge
               durch Vorzeigung des väterlichen Testaments, in welchem ausdrücklich die Entfernung
               der Statuen untersagt wurde. Hierauf hatte Frau Hellwig nichts Eiligeres zu thun, als
               zu Füßen der mythologischen Zankäpfel eine Wildnis von Schlingpflanzen anlegen zu
               lassen, und nicht lange dauerte es, so erschien Herrn Plutos grimmiges Gesicht unter
               einer ehrwürdigen, grünen Allongeperücke. Eines schönen Morgens aber riß Heinrich auf
               Befehl seines Herrn mit einem wahren Wonnegefühl die grünen Schmarotzer bis auf das
               kleinste Wurzelfäserchen aus der Erde, und seit der Zeit vermied es Frau Hellwig im
               Interesse ihres Seelenheils, noch mehr aber darum, weil die Statuen hohnlächelnde
               Zeugen ihrer Niederlage waren, den Garten zu betreten. Gerade deshalb wurde er aber
               auch die eigentliche Heimat der kleinen Felicitas.</p>
            <p>Hinter den großen Taxuswänden dehnte sich ein großer, prächtiger Rasenfleck. Riesige
               Nußbäume senkten die Stämme tief ein in das blumengesprenkelte Gras, und ein
               rauschender Mühlbach durchschnitt zum Teil die grüne Fläche; seine Borde umsäumte
               dichtes Haselgesträuch, und der kleine beraste Damm, den man zum Schutze gegen das im
               Frühling reißende Gewässer aufgeworfen hatte, schimmerte im Mai gelb von
               Schlüsselblumen, und später lugten die rosenroten Aeuglein der Feldnelken zwischen
               den wehenden Halmen.</p>
            <p>Felicitas lernte unermüdlich und saß mit merkwürdig beherrschter Haltung in den
               Lehrstunden. Wenn aber Hellwig am späten Nachmittage den Unterricht für beendet
               erklärte, dann erschien sie plötzlich völlig umgewandelt. Noch hochrot vom Lerneifer,
               war sie doch wie toll, wie berauscht von der Freiheit: sie konnte immer und immer
               wieder mit hochgehobenen Armen, wie ohne Zweck und Ziel, über den Rasenplatz jagen,
               ungebändigt, in wilder Grazie, wie das junge Roß der Steppe. Dann glitt <pb/> sie
               blitzschnell am Stamme eines Nußbaumes empor, tauchte den Kopf, umwogt von
               aufgelösten Haarmassen, jauchzend aus der höchsten Spitze des Wipfels und lag dann
               plötzlich wieder drunten am Mühlbache; die gefalteten Hände unter den Kopf gelegt und
               in das grüne Düster der droben leise auf und ab wehenden gefiederten Nußblätter
               schauend, träumte sie, träumte jene hellen, trügerischen Gebilde von Welt und
               Zukunft, die sich wohl hinter jeder lebhaft denkenden Kinderstirne aus gehörten
               goldenen Märchen und der eigenen Einbildungskraft zusammenweben ... Drunten rauschte
               das Wasser eintönig vorüber; die Sonnenstrahlen taumelten auf den Wellen und drangen
               gedämpft durch die dunklen Haselbüsche wie halbverschleierte, geheimnisvolle
               Glutaugen; Bienen und Hummeln summten vorüber, und die Schmetterlinge, die, im
               Vordergarten gelangweilt, die sorgfältig gepflegten exotischen Gewächse umflattert
               hatten, fanden hier das gelobte Land und hingen sich furchtlos an die Blumenkelche
               dicht neben der Wange des kleinen Mädchens ...</p>
            <p>Es zogen wohl auch phantastisch geformte, weiße leuchtende Wölkchen droben über den
               Baumwipfel – dann stand plötzlich eine rätselhafte Vergangenheit vor den Augen des
               tief sinnenden Kindes. Weiß und leuchtend war ja auch das Gewand der Mutter gewesen;
               das Kerzenlicht hatte sich förmlich in dem milchweißen Glanze des Stoffes gespiegelt,
               der lang und mit Blumen bestreut über das vermeintliche schmale Bett herabgeflossen
               war. Felicitas wunderte sich noch immer, daß die Mutter Blumen in den Händen gehabt
               und ihr keine einzige geschenkt hatte; sie grübelte und sann, weshalb man ihr damals
               nicht erlauben wollte, die Mama wach zu küssen, was doch sonst jeden Morgen unter
               gegenseitiger Schelmerei, zum großen Jubel des Kindes, hatte geschehen dürfen – sie
               wußte nicht, daß das bezaubernde Mutterantlitz, welches sich stets in
               leidenschaftlicher Zärtlichkeit über sie herabgeneigt, längst unter der Erde moderte.
               Hellwig hatte nie gewagt, ihr die Wahrheit zu sagen; denn wenn sie auch nach einem
               Zeitraume von fünf Jahren nicht mehr so bitterlich weinend und mit stürmischer
               Heftigkeit nach den Eltern verlangte, so sprach sie doch stets mit rührender
               Zärtlichkeit von ihnen und hielt ihres Pflegevaters doppelsinniges Versprechen, daß
               sie die Ihrigen dereinst wiedersehen werde, mit unzerstörbarer Ueberzeugung fest.
               Ebensowenig kannte sie den Beruf ihres Vaters; er selbst hatte es so gewünscht, und
               deshalb sah Hellwig streng darauf, daß niemand im Hause mit <pb/> der Kleinen von der
               Vergangenheit spreche. Es fiel ihm nicht ein, daß der wohlthätige Schleier, den er
               vor ihren Augen festhielt, vor der Zeit seiner Hand entfallen könne – er dachte nicht
               an seinen eigenen Tod; und doch schritt dies furchtbare Gespenst längst unhörbar,
               aber sicher neben ihm. Er war unheilbar brustleidend, allein, wie alle derartigen
               Kranken, hatte er die unerschütterlichsten Lebenshoffnungen. Er mußte bereits auf dem
               Rollstuhle in seinen geliebten Garten gefahren werden – das nannte er vorübergehende
               Schwäche, die ihn durchaus nicht hinderte, großartige Bau- und Reisepläne zu
               entwerfen.</p>
            <p>Eines Nachmittags trat Doktor Böhm in Hellwigs Zimmer. Der Kranke saß an seinem
               Schreibtische und schrieb emsig; verschiedene Kissen, die man hinter seinem Rücken
               und zu beiden Seiten in den Lehnstuhl gesteckt hatte, hielten die abgezehrte
               gebrochene Gestalt aufrecht.</p>
            <p>»Heda!« rief der Doktor, indem er mit dem Stocke drohte. »Was sind denn das für
               Extravaganzen? .. Wer, ins Henkers Namen, hat dir denn das Schreiben erlaubt? Willst
               du wohl gleich die Feder hinlegen!«</p>
            <p>Hellwig drehte sich um – ein heiteres Lächeln spielte um seine Lippen. »Da hast du
               wieder einmal das Exempel!« erwiderte er sarkastisch. »Doktor und Tod gehören
               zusammen ... Ich schreibe da an den Jungen, den Johannes, über die kleine Fee, und da
               fällt mir, der ich in meinem ganzen Leben nie weniger ans Sterben gedacht hatte, als
               gerade jetzt, in dem Augenblicke, wo du ins Haus trittst, der Satz da aus der
               Feder.«</p>
            <p>Der Doktor bog sich nieder und las laut: »Ich halte viel von Deinem Charakter,
               Johannes, und würde deshalb auch unbedingt die Sorge um das mir anvertraute Kind in
               Deine Hände legen, falls ich früher aus der Welt gehen sollte, als –«</p>
            <p>»Basta, und nun für heute kein Wort weiter!« sagte der Lesende, während er einen
               Kasten aufzog und den halbvollendeten Brief hineinlegte. Dann griff er rasch nach dem
               Pulse des Kranken, und sein Blick glitt verstohlen über die zwei zirkelrunden roten
               Flecken, die auf den scharf hervortretenden Backenknochen glühten.</p>
            <p>»Du bist wie ein Kind, Hellwig!« schalt er. »Ich darf nur den Rücken wenden, so
               machst du sicher dumme Streiche.«</p>
            <p>»Und du tyrannisierst mich himmelschreiend. Aber warte nur, mit nächstem Mai brenne
               ich dir durch, und dann magst du mir meinetwegen bis in die Schweiz nachlaufen.«</p>
            <p>
               <pb/> Tags darauf standen die Fenster des Krankenzimmers im Hellwig'schen Hause weit
               offen. Ein durchdringender Moschusduft quoll hinaus in die Straße, und ein Mann in
               Trauerkleidung schritt durch die Stadt, um den Honoratioren im Auftrage der
               trauernden Witwe anzuzeigen, daß Herr Hellwig vor einer Stunde das Zeitliche gesegnet
               habe.</p>
            <pb/>
         </div>
         <div type="chapter">
            <head>6</head>
            <p>Unter dem grünverhangenen, nach der Hausflur mündenden Fenster, da, wo vor fünf
               Jahren die schöne unglückliche Frau des Taschenspielers die Pein tiefer Demütigung
               erlitten hatte, stand der Sarg mit Hellwigs sterblichen Ueberresten. Man hatte die
               Hülle des ehemaligen Kauf- und Handelsherrn noch einmal mit allem Glanze des
               Reichtums umgeben. Massiv silberne Handhaben schimmerten am Totenschreine, und das
               Haupt des Heimgegangenen ruhte auf einem weißen Atlaskissen. – Schrecklicher
               Kontrast! Neben dem eingefallenen Totengesichte dufteten frisch abgeschnittene
               Blumen, junges, unschuldiges Leben, bestimmt, vor der Zeit zu sterben, zur Ehre des
               Toten!</p>
            <p>Viele Leute kamen und gingen, flüsternd und geräuschlos. Der da lag, war ein reicher,
               angesehener und sehr freigebiger Mann gewesen, aber nun war er ja tot. Fast aller
               Augen huschten scheu und rasch über die bleichen, zerstörten Züge und konnten sich
               nicht satt sehen an dem Prunke, dem letzten Aufflackern irdischer Herrlichkeit.</p>
            <p>Felicitas kauerte in einer dunklen Ecke, hinter den Kübeln mehrerer Oleander und
               Orangenbäume. Zwei Tage hatte sie den Onkel nicht sehen dürfen, das Sterbezimmer war
               fest verschlossen gewesen, und nun kniete sie da auf den kalten Steinfliesen und
               starrte hinüber auf dies völlig fremde Haupt, dem der Tod selbst</p>
            <p>
               <pb/>
               <pb/>das Gepräge unbegrenzter Gutmütigkeit weggewischt hatte ... Was hatte das Kind
               vom Sterben gewußt! Sie war in seinen letzten Augenblicken bei ihm gewesen und hatte
               doch nicht verstanden, daß mit dem Blutstrome, der über seine Lippen geflossen,
               plötzlich alles enden müsse. Er hatte die Augen mit einem unbeschreiblichen Ausdrucke
               auf sie geheftet, als sie aus dem Zimmer geschickt worden. Draußen in der Straße war
               sie tief besorgt und zornig vor den weit offenen Fenstern des Krankenzimmers auf und
               ab gelaufen – sie wußte ja, er hütete sich ängstlich vor jedem Zuglüftchen, und nun
               waren sie so rücksichtslos da drinnen. Sie hatte sich gewundert, daß abends kein
               Feuer im Kamin gemacht werde, und auf ihre endliche Bitte, dem Onkel die Lampe und
               den Thee hineintragen zu dürfen, hatte Friederike ärgerlich gerufen: »Ja, Kind, ist's
               denn nicht richtig bei dir, oder verstehst du kein Deutsch? Er ist ja tot, tot!« Nun
               sah sie ihn wieder, bis zur Unkenntlichkeit entstellt, und jetzt fing das Kind an, zu
               begreifen, was Tod sei.</p>
            <p>Sobald ein frischer Strom Neugieriger die Hausflur füllte, kam Friederike aus der
               Küche, hielt den Schürzenzipfel vor die Augen und pries die Tugenden des Mannes, den
               sie zu ärgern gesucht hatte, wo sie konnte.</p>
            <p>»Da seh' einer das Mädchen an!« unterbrach sie sich zornig, als sie Felicitas'
               blasses Gesichtchen mit den heißen, trockenen Augen zwischen den Orangenbäumen
               entdeckte. »Ob sie auch nur eine einzige Thräne vergießt! ... Undankbares Ding! Sie
               muß doch auch keinen Funken von Liebe in sich haben!«</p>
            <p>»Du hast ihn nie lieb gehabt und weinst, Friederike!« entgegnete die Kleine
               schlagend, aber mit völlig tonloser Stimme, und zog sich tiefer in ihre Ecke
               zurück.</p>
            <p>Die Hausflur leerte sich allmählich. Statt der Schaulustigen aus den niederen
               Ständen, die sich jetzt draußen auf dem Markte postierten, um den Leichenzug mit
               anzusehen, erschienen vornehme, schwarzbefrackte Herren; sie gingen, nach kurzem
               Aufenthalte am Sarge, in das Wohnzimmer, um der Witwe ihr Beileid auszusprechen. In
               der großen, hochgewölbten Flur herrschte augenblickliche Stille, sie hätte eine
               feierliche genannt werden können, wäre sie nicht hier und da durch das Stimmengesurr
               drin im Zimmer unterbrochen worden.</p>
            <p>Da fuhr die kleine Felicitas jäh aus ihrem tiefen Sinnen auf und starrte erschrocken
               nach der Glasthür, die in den Hofraum führte. Dort hinter den Scheiben erschien ein
               merkwürdiges <pb/> Gesicht – er lag doch hier mit den tief eingesunkenen Augen und
               den unbekannten Zügen um den festgeschlossenen Mund, und dort blickte er forschend in
               die menschenleere Flur, wiedererstanden mit dem gütevollen Ausdruck des Gesichts,
               wenn auch der Kopf in fremdartiger Weise umhüllt erschien ... War es doch fast
               gespenstig, als das Thürschloß sich leise bewegte, und gleich darauf die Thür
               geräuschlos aufging ... Die seltsame Erscheinung trat auf die Schwelle. Ja, es waren
               Hellwigs Züge in frappanter Aehnlichkeit, aber sie gehörten einem weiblichen Wesen,
               einer kleinen alten Dame, die in wunderlicher, dem Reiche der Mode längst entrückter
               Tracht langsam auf den Sarg zuschritt. Ein sogenanntes Zwickelkleid von schwerem
               schwarzen Seidenstoffe, vollkommen faltenlos, spannte sich förmlich über sehr eckige,
               magere Formen; es war kurz und ließ ein Paar wunderkleiner Füßchen sehen, die jedoch
               ziemlich unsicher auftraten. Ueber der Stirn kräuselte sich eine Fülle
               schöngeordneter, schneeweißer Locken, und darüber lag ein klar durchsichtiges,
               schwarzes Spitzentuch, das unter dem Kinne gebunden war.</p>
            <p>Die alte Dame bemerkte das Kind nicht, das unbeweglich und atemlos zu ihre aufsah,
               und trat an den Sarg heran. Sie fuhr bei Erblicken des Totenantlitzes sichtlich
               entsetzt zurück, und ihre linke Hand ließ wie unbewußt ein Bouquet köstlicher Blumen
               auf die Brust der Leiche fallen. Einen Augenblick verbarg sie ihre Augen im
               Taschentuche, dann aber legte sie die Rechte, tief erschüttert, in feierlich
               beschwörender Weise auf die kalte Stirn des Toten.</p>
            <p>»Weißt du nun, wie alles zusammenhing, Fritz?« flüsterte sie. »Ja, du weißt es – du
               weißt es, wie ja auch längst dein Vater und deine Mutter es wissen! ... Ich habe dir
               verziehen, Fritz – du wußtest ja nicht, daß du unrecht thatest! ... Schlaf wohl –
               schlaf wohl!«</p>
            <p>Sie nahm die wachsbleiche Hand des Verstorbenen noch einmal zärtlich zwischen ihre
               beiden Hände; dann trat sie vom Sarge zurück und wollte sich ebenso geräuschlos
               entfernen, wie sie gekommen war. In diesem Augenblicke öffnete sich die Thür des
               Wohnzimmers, und Frau Hellwig trat heraus. Ihr Gesicht erschien unter der schwarzen
               Krepphaube weißer als Marmor, aber die Unbeweglichkeit ihrer Züge trat auch schärfer
               hervor denn je – man suchte vergebens nach der leisesten Spur vergossener Thränen an
               diesen Augen. Sie hielt einen plumpen Kranz von Dahlien in den Händen, offenbar, um
               ihn als letzte »Liebesgabe« auf den Sarg zu legen.</p>
            <p>Ihr überraschter Blick begegnete dem der alten Dame. Beide <pb/> blieben einen Moment
               wie angewurzelt stehen, aber in den Augen der Witwe begann es unheimlich zu glühen,
               ihre Oberlippe hob sich ein wenig und ließ einen der weißen Vorderzähne sehen – es
               lag etwas wie von unauslöschlicher Rachsucht in diesem Ausdrucke ... Auch die Züge
               der alten Dame verrieten eine tiefe Erregung, sie schien mit einem unsäglichen
               Widerwillen zu kämpfen, aber sie überwand ihn, und mit einem sanften, feuchten Blicke
               auf den Verstorbenen hielt sie Frau Hellwig die Rechte hin.</p>
            <p>»Was wollen Sie hier, Tante?« fragte die Witwe kurz, indem sie die Bewegung der
               kleinen Dame völlig ignorierte.</p>
            <p>»Ihn segnen!« lautete die milde Antwort.</p>
            <p>»Der Segen einer Ungläubigen hat keine Macht.«</p>
            <p>»Gott hört ihn – Seine ewige Weisheit und Liebe wägt nicht zwischen der armseligen
               Form – wenn er aus treuem Herzen kommt –«</p>
            <p>»Und aus schuldbeladener Seele!« ergänzte Frau Hellwig in beißendem Hohne.</p>
            <p>Die alte Dame richtete sich hoch auf.</p>
            <p>»Richtet nicht,« begann sie und hob feierlich drohend den Zeigefinger – »doch nein,«
               unterbrach sie sich mit unbeschreiblicher Milde und blickte auf den Toten, »auch
               nicht ein Wort mehr soll deinen heiligen Frieden stören ... Leb wohl, Fritz!«</p>
            <p>Sie ging langsamen Schrittes zurück in den Hofraum und verschwand hinter einer Thür,
               die Felicitas bis dahin stets verschlossen gefunden hatte.</p>
            <p>»Nun, das war doch stark von der alten Mamsell!« zischelte Friederike, die von der
               Küchenthür aus den Vorgang beobachtet hatte.</p>
            <p>Frau Hellwig zuckte schweigend die Achseln und legte den Kranz zu Füßen der Leiche.
               Noch war sie nicht Herr ihrer inneren Erregung. So ungeübt die Züge dieser Frau im
               Ausdrucke weiblicher Milde und Sanftmut waren, so unbeweglich und wandellos sie auch
               in ihrer eisernen Strenge erschienen, in Haß und Verachtung wurden sie unheimlich
               lebendig – wer einmal das schlimme Lächeln gesehen hatte, das in solchen Momenten
               ihre Mundwinkel tief herabzog, der traute der Ruhe dieses Gesichts nicht mehr. Sie
               bog sich über den Verstorbenen, anscheinend, um etwas an dem Arrangement zu ändern;
               ihre Hand stieß dabei an das Bouquet der alten Dame – es rollte über den Rand des
               Sarges und fiel zu Felicitas' Füßen nieder.</p>
            <p>Draußen schlug es drei. Mehrere Geistliche im Ornate traten in die Hausflur; auch die
               Herren kamen aus dem Wohnzimmer, und ihnen folgte Nathanael neben einer
               hochaufgeschossenen, schmächtigen<pb/> Jünglingsgestalt. Die Witwe hatte ihrem Sohne
               Johannes die Todesnachricht telegraphisch mitgeteilt, und heute morgen war er
               gekommen, um der Begräbnisfeierlichkeit beizuwohnen. Die kleine Felicitas vergaß für
               einen Augenblick ihre Leid und sah mit der ganzen Neugier des neunjährigen Kindes zu
               ihm empor, welcher der Liebling des Vaters gewesen war ... Weinte er wohl hinter der
               schmalen, mageren aber wohlgepflegten Hand, die er beim Anblicke des
               Dahingeschiedenen über seine Augen gelegt hatte? ... Nein, es rollte keine Thräne
               herab, und ein ungeübtes Auge, wie das des Kindes, konnte außer einer ungewöhnlichen
               Blässe auch sonst kein Merkmal der Erschütterung an dem ernsten Gesichte
               bemerken.</p>
            <p>Nathanael stand neben ihm. Er vergoß viele Thränen, aber sein Kummer hinderte ihn
               nicht, den Bruder leise flüsternd anzustoßen, als er Felicitas in ihrem Schlupfwinkel
               entdeckte. Johannes' Blick folgte der Richtung des brüderlichen Zeigefingers. Zum
               ersten Male hefteten sich diese Augen auf das Gesicht des Kindes – es waren
               schreckliche Augen, ernst, finster, ohne das Licht des Wohlwollens und der inneren
               Wärme. In der Bibel war ein Bild des Evangelisten, des Lieblingsschülers Jesu, ein
               sanftes, schönes Gesicht mit fast weiblich weichen Linien – »das ist der Johannes am
               Rhein«, hatte sie stets behauptet, und der Onkel hatte lächelnd dazu genickt ... Sie
               hatten nichts miteinander gemein, jene lieblichen, von hellem Gelock umrahmten Züge
               und dieser Kopf mit den schlichten, kurzgeschnittenen Haaren und dem tiefernsten,
               blassen, unregelmäßigen Profil.</p>
            <p>»Geh fort, Kind, du bist hier im Wege!« gebot er streng, als er sah, daß man
               Anstalten machte, den Sarg zu schließen. Felicitas verließ beschämt und erschrocken,
               als habe sie Strafe verdient, den Winkel und schlich, ungesehen von den anderen, in
               ihres Pflegevaters ehemaliges Zimmer.</p>
            <p>Jetzt weinte sie bitterlich ... Ihm war sie nicht im Wege gewesen! Sie fühlte seine
               fieberhafte Hand wieder auf ihrem Scheitel und hörte seine gute, schwache Stimme, wie
               in den letzten Tagen, heiser flüstern: »Komm, Fee, mein Kind, ich hab' es so gern,
               wenn du bei mir bist ...!«</p>
            <p>Horch, was war das für ein Hämmern draußen? Es scholl mißtönig durch den
               hochgewölbten Raum, wo doch die vielen Menschen kaum zu flüstern wagten. Felicitas
               hob verstohlen den grünen Vorhang und sah hinaus in die Flur ... Schrecklich! die
               Gestalt des Onkels war verschwunden; dort der schwarze Deckel lag<pb/> auf seinem
               lieben Gesichte und hielt ihn für immer unerbittlich fest in der ausgestreckten
               Stellung. Wenn er nur ein wenig die Hand hob, stieß sie überall an harte, fest
               zusammengefügte Bretter ... und dort klopfte der Mann abermals und rüttelte an dem
               Deckel, ob er auch fest säße, ob ihn nicht die Hand da drin zurückstoßen könne, – da
               drin in der tiefen Dunkelheit des engen Kastens, da drin, wo man nicht atmen konnte,
               wo man so furchtbar allein war ... Die Kleine schrie laut auf vor Entsetzen.</p>
            <p>Aller Augen richteten sich verwundert auf das Fenster, aber Felicitas sah nur die
               großen, grauen, deren Blick sie vorhin so tief erschreckt hatte. Er blickte strafend
               herüber; sie verließ das Fenster und flüchtete sich hinter den großen, dunklen
               Vorhang, der das Zimmer in zwei Hälften teilte. Dort kauerte sie sich nieder und
               blickte furchtsam nach der Thür, wo er gewiß eintreten und sie scheltend hinausführen
               würde.</p>
            <p>In ihrem Verstecke sah sie nicht, wie draußen die Träger den Sarg auf die Schultern
               nahmen, wie der Onkel sein Haus verließ für immer. Sie sah nicht den langen,
               schwarzen, unheimlichen Zug, der dem Verstorbenen folgte, wie der letzte Schatten auf
               dem nun vollendeten Lebenswege ... Dort an der Ecke hob ein Luftzug alle die
               prächtigen weißen Atlasbänder, die am Sarge niederhingen – sie flatterten hoch auf;
               war es der letzte Gruß des Geschiedenen für das verlassene Kind, das eine zärtlich
               besorgte Mutter dem trüben Sumpfe der väterlichen Laufbahn entrissen hatte, um es
               unwissentlich an einen öden, unwirtbaren Strand zu werfen?</p>
            <pb/>
         </div>
         <div type="chapter">
            <head>7</head>
            <p>Das Stimmengemurmel in der Flur war plötzlich verstummt – und es folgte tiefe Stille.
               Felicitas hörte, wie die Hausthür geschlossen wurde; aber sie wußte nicht, daß damit
               das Drama in der Hausflur zu Ende sei. Noch wagte sie sich nicht aus ihrem Winkel
               hervor. Sie saß auf dem kleinen, gepolsterten Lehnstuhle, den der Onkel ihr am
               letzten Weihnachtsabend geschenkt, und das Köpfchen ruhte auf ihren beiden Händen,
               die sich auf dem Tische kreuzten. Ihr Herz klopfte nicht mehr so ängstlich, aber
               hinter der kleinen, gesenkten Stirn hämmerte es, und die Gedanken reihten sich in
               fieberhafter Schnelligkeit aneinander. Sie dachte auch an die kleine, alte Dame,
               deren Bouquet draußen auf den Steinfliesen lag und wahrscheinlich von den unachtsamen
               Leuten zertreten wurde ... Das war also die »alte Mamsell« gewesen, jene Einsame hoch
               droben unter dem Dache des Hinterhauses, der stete Zankapfel zwischen der Köchin und
               Heinrich! Nach Friederikes Aussage hatte die alte Mamsell Furchtbares auf dem
               Gewissen – sie sollte schuld sein an ihres Vaters Tode. Die haarsträubende Geschichte
               hatte der kleinen Felicitas stets Furcht und Entsetzen eingeflößt; aber jetzt war das
               vorbei ... Die kleine Dame mit dem guten Gesichte und den Augen voll sanfter Thränen
               eine Vatermörderin! Da hatte Heinrich sicher recht, wenn er beharrlich den dicken
               Kopf schüttelte und ebenso konsequent den geistreichen Satz aufstellte, das müsse
               anders zusammenhängen!</p>
            <p>
               <pb/> Vor Jahren hatte die alte Mamsell auch hier unten im Vorderhause gewohnt, aber,
               wie sich die alte Köchin mit immer neu aufloderndem Zorne ausdrückte – sie war nicht
               davon abzubringen gewesen, Sonntagnachmittags unheilige Lieder und lustige Weisen zu
               spielen. Die »Madame« hatte ihr Himmel und Hölle vorgestellt, aber das war alles
               umsonst gewesen, bis kein Mensch im Hause den Greuel mehr mit anhören konnte – da
               hatte Herr Hellwig seiner Frau den Willen gethan, und die alte Mamsell hatte hinauf
               gemußt unters Dach ... Dort wäre sie unschädlich, meinte Friederike stets, und man
               mußte ihr recht geben, denn man hörte nie auch nur einen Laut des verpönten
               Klavierspiels im Hause ... Der Onkel mußte jedenfalls sehr böse auf die alte Mamsell
               gewesen sein, denn er hatte nie von ihr gesprochen; und doch war sie seines Vaters
               Schwester und sah ihm so ähnlich ... Eine heiße Sehnsucht erfaßte die kleine
               Felicitas bei dem Gedanken an diese Aehnlichkeit – sie wollte hinauf in die
               Dachwohnung, aber da stand ja der finstere Johannes – das Kind schüttelte sich vor
               Angst – und die alte Mamsell steckte jahraus, jahrein hinter Riegeln und
               Schlössern.</p>
            <p>Am Ende eines langen abgelegenen Korridors, dicht an der Treppe, die aus den unteren
               Stockwerken herauf führte, war eine Thür. Nathanael hatte einmal, als sie da droben
               spielten, leise zu ihr gesagt: »Du, da droben wohnt sie!« dann hatte er, mit beiden
               Fäusten auf die Thür schlagend, laut geschrieen: »Alte Dachhexe, komm herunter!« und
               war in schleuniger Flucht die Treppe hinabgelaufen. Wie hatte da das Herz der kleinen
               Felicitas vor Angst und Schrecken geklopft! denn sie war keinen Augenblick im Zweifel
               gewesen, es müsse ein schreckliches Weib mit einem großen Messer in der Hand
               hervorstürzen und sie bei den Haaren fassen ...</p>
            <p>Es fing an, leise zu dämmern. Drüben am Rathause huschte der letzte goldene Schein
               der Herbstsonne um das Giebelkreuz, und auf der großen Wanduhr drin im Zimmer schlug
               es langsam und rasselnd fünf – sie hatte genau so eintönig und langsam jene drei
               Schläge herabgerasselt, nach welchen ihr ehemaliger Besitzer, der sie lange Jahre
               hindurch pünktlich und mit liebevoller Vorsicht bedient, hinausgetragen worden
               war.</p>
            <p>Bis dahin war es ziemlich still im ganzen Hause geblieben; aber jetzt wurde die Thür
               des Wohnzimmers plötzlich geöffnet, und harte, feste Schritte schollen durch die
               Flur. Felicitas zog ängstlich <pb/> den Vorhang an sich heran, denn Frau Hellwig
               näherte sich dem Zimmer des Onkels. Das erschien dem Kinde wunderbar neu; es war nie
               vorgekommen, daß die große Frau bei Lebzeiten ihres Mannes je diese Schwelle betreten
               hatte ... Sie kam ungewöhnlich rasch herein, schob leise den Nachtriegel vor und
               blieb dann einen Augenblick mitten im Zimmer stehen. Es war ein Ausdruck unsäglichen
               Triumphes, mit welchem diese Frau ihre Blicke langsam durch den so lange streng
               gemiedenen Raum gleiten ließ.</p>
            <p>Ueber Hellwigs Schreibtisch hingen zwei schöngemalte Oelbilder, ein Herr und eine
               Dame. Die letztere, ein stolzes Gesicht, aus dessen Augen aber Geist und Lebenslust
               sprühte, war in jener Tracht, welche so unschön die altgriechische nachzuahmen sucht.
               Die kurze Taille, die ein weißer leuchtender Seidenstoff umschloß, wurde noch
               verkürzt durch einen roten, golddurchwirkten Gürtel; Brust und Oberarme, fast zu
               üppig geformt und nur sehr wenig bedeckt, harmonierten in ihrer herausfordernden
               Schönheit durchaus nicht mit dem anspruchslosen, züchtigen Veilchenstrauße, der im
               Gürtel steckte ... Es war Hellwigs Mutter.</p>
            <p>Vor dieses Bild trat die Witwe jetzt; sie schien sich einen Moment daran zu weiden.
               Dann stieg sie auf einen Stuhl, hob es von seiner gewohnten, langjährigen Stell und
               schlug vorsichtig, ohne großes Geräusch einen neuen Nagel inmitten der zwei alten,
               <pb/> an welchen sie das männliche Brustbild, Hellwigs Vater, hing. Es blickte jetzt
               einsam hernieder, während die Witwe den Stuhl verließ und, das weibliche Porträt in
               der Hand, aus dem Zimmer ging ... Felicitas' gespanntes Ohr folgte ihren Schritten
               durch die Hausflur, über die erste Treppe – sie stieg immer höher in dem
               widerhallenden Treppenhause – wahrscheinlich bis in den Bodenraum.</p>
            <p>Sie hatte die Thür nicht völlig hinter sich geschlossen, und als ihr letzter Schritt
               droben verhallt war, da erschien Heinrichs scheues Gesicht in der Spalte.</p>
            <p>»Na, da haben wir's, Friederike!« rief er mit gedämpfter Stimme, der man aber den
               Schrecken anhörte, in die Flur zurück. »Es war richtig der sel'gen Frau
               Kommerzienrätin ihr Bild!«</p>
            <p>Die alte Köchin riß die Thür weit auf und sah herein.</p>
            <p>»Ach, du meine Güte, wirklich!« rief sie, die Hände zusammenschlagend. »Herr Je, wenn
               das die stolze Frau wüßte, die drehte sich in der Erde um – und der sel'ge Herr erst!
               ... Na, sie war aber auch zu schrecklich angezogen – so bloß auf der Brust – ein
               Christenmensch mußte sich schämen!«</p>
            <p>»Meinst du?« entgegnete Heinrich, schlau mit den Augen blinzelnd. »Ich will dir was
               sagen, Friederike,« fuhr er fort und legte abzählend den Zeigefinger der Rechten
               gegen den linken Daumen. »Die alte Frau Kommerzienrätin hat's durchaus nicht leiden
               wollen, daß unser Herr die ›Madame‹ genommen hat – das kann ihr die Madame zum ersten
               nicht vergessen. Zum zweiten war sie eine fidele Frau, die gern was mitmachte und am
               liebsten da war, wo lustig aufgespielt wurde, und zum dritten – hat sie unsere Madame
               einmal eine herzlose Betschwester geschimpft ... Merkst du was?«</p>
            <p>Während Heinrichs Beweisführung war Felicitas aus ihrem Verstecke hervorgekommen. Das
               Kind fühlte instinktmäßig, daß es an dem rauhen, aber grundgutmütigen alten Burschen
               von nun an die einzige Stütze im Hause haben werde. Er hatte sie sehr lieb, und
               seinen stets wachsamen Augen dankte es die Kleine hauptsächlich, daß sie bis dahin in
               glücklicher Unwissenheit über ihre Vergangenheit geblieben war.</p>
            <p>»Na, Feechen, da bist du ja!« sagte er freundlich und nahm ihre kleine Hand fest in
               seine schwielige Rechte. »Ich hab' dich schon in allen Ecken gesucht ... Komm mit
               'nüber in die Gesindestube; denn hier wirst du ja doch nicht mehr gelitten, <pb/>
               armes Ding! ... wenn gar die alten Bilder fort müssen, nachher –«</p>
            <p>Er seufzte und drückte die Thür zu; Friederike war bereits eilig in die Küche
               zurückgekehrt, denn man hörte die Schritte der herabsteigenden Frau Hellwig.</p>
            <p>Felicitas sah sich scheu um in der Hausflur – sie war leer; da, wo der Sarg gestanden
               hatte, lagen zertretene Blumen und Blätter am Boden.</p>
            <p>»Wo ist der Onkel?« fragte sie flüsternd, indem sie sich widerstandslos von Heinrich
               nach der Gesindestube führen ließ.</p>
            <p>»Nu, sie haben ihn fortgetragen; aber du weißt ja doch, Kindchen, er ist nun im
               Himmel – da hat er's gut, besser als auf der Erde,« antwortete Heinrich wehmütig.</p>
            <p>Er nahm seine Mütze vom Nagel und ging fort, um einen Auftrag in der Stadt zu
               besorgen.</p>
            <p>In der Gesindestube herrschte bereits starke Dämmerung. Seit Heinrichs Weggange
               kniete Felicitas auf der Holzbank, die unter den eng vergitterten Fenstern weglief,
               und blickte unablässig in das Stückchen dunkelnden Himmels droben über den
               Giebelhäusern der schmalen, steilen Gasse, wo ja der Onkel nun sein sollte ... Sie
               fuhr erschrocken zusammen, als Friederike mit der Küchenlampe eintrat. Die alte
               Köchin stellte einen Teller mit Butterbrot auf den Tisch.</p>
            <p>»Komm her, Kind, und iß – da ist dein Abendbrot!« sagte sie.</p>
            <p>Die Kleine kam näher, aber sie rührte das Essen nicht an; sie griff nach ihrer
               Schiefertafel, die Heinrich aus des Onkels Zimmer herübergebracht, und fing an zu
               schreiben. Da kamen hastige Schritte durch die anstoßende Küche, und gleich darauf
               steckte Nathanael seinen blonden Kopf durch die offenen Thür. Felicitas zitterte,
               denn er war stets sehr ungezogen, wenn er sich mit ihr allein sah.</p>
            <p>»Ah, da sitzt ja Jungfer Fee!« rief er in einem Tone, den Felicitas so sehr an ihm
               fürchtete. »Hör mal, du ungezogenes Ding, wo hast du denn die ganze Zeit über
               gesteckt?«</p>
            <p>»In der grünen Stube,« antwortete sie, ohne aufzublicken.</p>
            <p>»Du, das probiere nicht noch einmal!« sagte er drohend. »Da hinein gehörst du jetzt
               nicht mehr, hat die Mama gesagt ... Was schreibst du denn da?«</p>
            <p>»Meine Arbeit für Herrn Richter.«</p>
            <p>
               <pb/> »So – für Herrn Richter,« wiederholte er und wischte dabei mit einer raschen
               Bewegung das Geschriebene von der Tafel. »Also du bildest dir ein, Mama wäre so dumm,
               die teuren Privatstunden noch für dich zu bezahlen? ... Sie wird sich hüten. Das ist
               alles vorbei, hat sie gesagt ... Du kannst nun wieder dahin gehen, wo du hergekommen
               bist – nachher wirst du das, was deine Mutter war, und dann machen sie es mit dir
               auch so« – er legte die Hände gegen die Wange, machte die Pantomime des Schießens und
               schrie: »Puff!«</p>
            <p>Die Kleine sah ihn mit weitgeöffneten Augen an. Er sprach von ihrem Mütterchen – das
               war ja noch nicht geschehen, aber was er sagte, klang so unverständlich.</p>
            <p>»Du kennst doch meine Mama gar nicht!« sagte sie halb fragend und ungewiß; es schien,
               als ob sie den Atem anhielt.</p>
            <p>»O, ich weiß viel mehr von ihr, als du!« erwiderte er und setzte nach einer Pause
               hinzu, während sein Blick heimtückisch unter der gesenkten Stirn hervorschielte:
               »Gelt, du weißt noch nicht einmal, was deine Eltern waren?«</p>
            <p>Die Kleine schüttelte das Köpfchen mit einer lieblich unschuldigen Bewegung, aber
               zugleich hefteten sich ihre Augen wie ängstlich flehend an seine Lippen – sie kannte
               die Art und Weise des Knaben viel zu gut, um nicht zu wissen, daß jetzt etwas kommen
               müsse, was ihr wehe thun sollte.</p>
            <p>»Spielersleute waren sie!« schrie er mit hämischer Betonung. »Weißt du, solche Leute,
               wie wir sie auf dem Vogelschießen gesehen haben – sie machen Kunststücke, Purzelbäume
               und solches Zeug und gehen nachher mit dem Teller herum und betteln.«</p>
            <p>Die Schiefertafel fiel auf den Boden und zerbrach in kleine Stücke. Felicitas war
               aufgesprungen und stürzte wie toll an dem verblüfften Knaben vorüber hinaus in die
               Küche.</p>
            <p>»Er lügt, gelt, er lügt, Friederike?« rief sie in schneidenden Tönen und faßte den
               Arm der Köchin.</p>
            <p>»Das kann ich gerade nicht sagen, aber übertrieben hat er,« entgegnete Friederike,
               deren hartes Herz beim Anblick des furchtbar aufgeregten Kindes ein menschliches
               Rühren empfand. »Gebettelt haben sie nicht; freilich – das ist wahr – Spielersleute
               sind sie gewesen –«</p>
            <p>»Und sehr schlechte Kunststücke haben sie gemacht!« ergänzte Nathanael, indem er an
               den Herd trat und forschend in Felicitas' Gesicht sah – sie weinte ja noch nicht; ja,
               sie sah ihn so »unverschämt <pb/> wild« an mit ihren heißen, funkelnden Augen, daß er
               in eine förmliche Wut geriet.</p>
            <p>»Greuliche Kunststücke haben sie gemacht!« wiederholte er. »Deine Mutter hat Gott,
               den Herrn, versucht, und deshalb kommt sie auch nie in den Himmel, sagte die
               Mama.«</p>
            <p>»Sie ist ja gar nicht gestorben!« stieß Felicitas hervor. Ihr kleiner, blasser Mund
               zuckte fieberisch, und ihre Hand umschloß krampfhaft die Rockfalten der Köchin.</p>
            <p>»O, freilich, du dummes Ding, längst, längst – der sel'ge Papa hat dir's nur nicht
               gesagt ... Drüben im Rathaussaale ist sie bei einem Kunststücke von den Soldaten
               erschossen worden.«</p>
            <p>Das gequälte Kind stieß ein herzzerreißendes Jammergeschrei aus; Friederike hatte bei
               Nathanaels letzten Worten bestätigend mit dem Kopfe genickt – er hatte also nicht
               gelogen.</p>
            <p>In diesem Augenblicke kehrte Heinrich von seinem Ausgange zurück. Nathanael machte
               sich aus dem Staube, als die breitschultrige Gestalt des Hausknechts auf der Schwelle
               erschien ... Heimtückische Naturen haben stets eine unüberwindliche Scheu vor einem
               geraden, ehrlichen Gesichte. Auch der Köchin schlug das Gewissen – sie hantierte
               emsig bei ihrem Herde.</p>
            <p>Felicitas schrie nicht mehr. Sie hatte die hochgehobenen, verschränkten Arme gegen
               die Wand geworfen und ihre Stirn darauf gepreßt, aber man hörte, wie sie gegen ein
               heftiges Schluchzen ankämpfte.</p>
            <p>Der durchdringende Schrei des Kindes war bis in die Hausflur gedrungen, Heinrich
               hatte ihn gehört; er sah noch, wie Nathanael hinter der Zimmerthür verschwand, und
               wußte sogleich, daß hier irgend eine Bosheit verübt worden war. Ohne ein Wort zu
               sagen, drehte er die Kleine von der Wand weg und hob das Gesichtchen empor – es war
               furchtbar entstellt. Bei seinem Anblicke brach das Kind abermals in ein lautes Weinen
               aus und stieß schluchzend die Worte hervor: »Sie haben mein armes Mütterchen
               totgeschossen – meine liebe, gute Mama!«</p>
            <p>Heinrichs breites, gutmütiges Gesicht wurde ganz blaß vor innerem Grimme – er schien
               einen Fluch zu unterdrücken.</p>
            <p>»Wer hat dir denn das gesagt?« fragte er und sah drohend nach Friederike hinüber.</p>
            <p>Das Kind schwieg; aber die Köchin begann den Hergang zu erzählen, wobei sie das Feuer
               schürte den eben begossenen <pb/> Braten noch einmal begoß und allerlei unnötige
               Dinge verrichtete, um nicht in Heinrichs Gesicht blicken zu müssen.</p>
            <p>»Na, ich meine auch, Nathanael hätte es ihr just heute noch nicht zu sagen
               gebraucht,« schloß sie endlich, »aber morgen oder übermorgen nimmt sie die Madame
               doch ins Gebet, und da wird sie ganz gewiß nicht mit Handschuhen angefaßt – darauf
               kannst du dich verlassen!«</p>
            <p>Heinrich führte Felicitas in die Gesindestube, setzte sich neben sie auf die Holzbank
               und suchte sie zu beruhigen soweit er es in seiner ungelenken Redeweise vermochte. Er
               erzählte ihr schonend den schrecklichen Vorfall im Rathaussaale und sagte
               schließlich, daß ja die Mama, von der die Leute schon damals gesagt hätten, sie sähe
               aus wie ein Engel, nun auch droben im Himmel sei und jeden Augenblick ihre kleine Fee
               sehen könne. Dann streichelte er zärtlich das Köpfchen des Kindes, das aufs neue in
               krampfhaftes Weinen ausbrach.</p>
            <pb/>
         </div>
         <div type="chapter">
            <head>8</head>
            <p>Am anderen Morgen hallte das Ausläuten der Glocken feierlich über die Stadt. Die
               schmale, steile Gasse hinauf strömten die Andächtigen nach der hochgelegenen
               Barfüßerkirche. Samt und Seide und auch minder kostbare, aber doch sonntägige Stoffe
               wurden in die Kirche getragen, nicht allein zur Ehre Gottes, sondern auch um der
               Augen des lieben Nächsten willen.</p>
            <p>Aus dem stattlichen Eckhause am Marktplatze schlüpfte eine kleine, schwarz umhüllte
               Gestalt. Niemand hätte unter dem großen, plumpen Umhängetuche, das eine Nadel unter
               dem Kinne zusammenhielt, die feinen, graziösen Formen der kleinen Felicitas zu
               entdecken vermocht. Friederike hatte der Kleinen das häßliche, grobe Gewebe mit den
               wichtig betonten Worten umgelegt, daß die Madame ihr das schöne Tuch zur Trauer
               schenke; dann hatte sie die Hausthür geöffnet und dem hinauseilenden Kinde streng
               anbefohlen, ja nicht etwa, wie sonst, in den Familienkirchenstuhl zu gehen – es sei
               Platz für sie auf den Bänkchen der Schulkinder.</p>
            <p>Felicitas drückte das Gesangbuch unter den Arm und schritt hastig um die Ecke. Es war
               unverkennbar, sie strebte ungeduldig vorwärts zu kommen; aber da drüben schritten
               feierlich gemessenen <pb/> Ganges drei schwarzgekleidete Gestalten, deren Anblick
               sofort ihre Schritte verlangsamte ... Ja, dort ging sie, die große Frau inmitten
               ihrer zwei Söhne, und alle Menschen, die vorüberkamen, neigten sich tief und
               respektvoll. Sie hatte zwar das ganze Jahr über fast für niemand einen guten Blick,
               und der Mund sprach oft unbarmherzig zu denen, die Hilfe suchten; und dort der
               kleinere Knabe an ihrer Linken schlug die Bettelkinder, die sich ins Haus wagten, und
               trat mit Füßen nach ihnen. Er log auch abscheulich und schwur dann heilig und teuer,
               daß er nicht gelogen habe – aber das schadete alles nicht. Sie gingen jetzt in die
               Kirche, setzten sich in den streng abgeschlossenen Kirchenstuhl, hinter vornehme
               Glasscheiben, und beteten zum lieben Gott, und er hatte sie lieb, und sie kamen in
               seinen Himmel: denn – sie waren ja keine Spielersleute.</p>
            <p>Die drei Gestalten verschwanden in der Kirchenthür. Das Kind folgte ihnen mit den
               ängstlichen Augen, dann huschte es vorüber, vorüber an all den offenen Thüren, aus
               denen bereits der Orgelklang scholl, und die einen Blick gewährten in das magische
               Düster der Kirchenhalle, über die dichtgedrängten Reihen der Andächtigen. An das
               trotzig empörte, heftig pochende Kinderherz aber, das da draußen vorübereilte, schlug
               der Orgelton vergeblich. Es konnte heute nicht zum lieben Gott beten; er wollte ja
               nichts wissen von dem armen, erschossenen Mütterchen, er litt es nicht in seinem
               großen, blauen Himmel – es lag einsam draußen auf dem Gottesacker, und da mußte das
               Kind hin und mußte es besuchen.</p>
            <p>Felicitas bog ein in eine zweite Gasse, die noch steiler den Berg hinauflief, als die
               drunten neben dem Hause. Dann kam das häßliche Stadtthor mit dem noch viel
               häßlicheren Turme, der auf seinem Rücken dräute, aber durch die Thorwölbung leuchtete
               es grün. Da schlangen sich die prächtigen, wohlgepflegten Lindenalleen in
               wunderlichem Kontraste um alte, geschwärzte Stadtmauern, wie ein frischer Myrtenkranz
               um einen ergrauten Scheitel ... Wie war es so feierlich still hier oben! Das Kind
               erschrak vor seinen eigenen Schritten, unter denen der Kies knirschte – es ging ja
               auf verbotenem Wege. Aber es lief immer rascher und stand endlich, tief Atem
               schöpfend, vor dem Eingangsthore des Gottesackers.</p>
            <p>Noch nie hatte Felicitas diesen stillen Ort betreten – sie <pb/> kannte jene kleinen,
               gleichförmig nebeneinander liegenden Felder noch nicht, jene Schlußsteine, unter
               denen das vielgestaltige Leben urplötzlich verbraust und verklingt. Neben dem
               schwarzen Eisengitter der Thür streckten zwei große Holunderbüsche die Zweige hervor,
               gebeugt von der Last ihrer schwarzen, glänzenden Beerendolden, und da seitwärts erhob
               sich das graue Gemäuer einer alten Kirche – das sah düster aus: aber dort hinüber
               dehnte sich ein weiter Plan, bunt besät mit Blumen und Büschen, auf denen das Gold
               der milden Herbstsonne lag.</p>
            <p>»Wenn willst du denn besuchen, Kleine?« fragte ein Mann, der in Hemdärmeln an der
               Thür des Leichenhauses lehnte und blaue Wolken aus seiner Tabakspfeife in die klare
               Luft blies.</p>
            <p>»Meine Mama,« entgegnete Felicitas hastig und ließ ihre Augen suchend über das große
               Blumenfeld gleiten.</p>
            <p>»So – ist die schon hier? – Wer war sie denn?«</p>
            <p>»Sie war eine Spielersfrau.«</p>
            <p>»Ah, die vor fünf Jahren auf dem Rathause umgekommen ist? ... Die liegt da drüben,
               gleich neben der Kirchenecke.«</p>
            <p>Da stand nun das kleine, verlassene Wesen vor dem Fleckchen Erde, das den Gegenstand
               all seiner süßen, sehnsüchtigen Kindesträume deckte! ... Ringsum lagen geschmückte
               Gräber; die meisten waren mit buntfarbigen Astern so völlig bedeckt, als habe der
               liebe Gott alle seine Sterne vom Himmel schneien lassen. Nur der schmale Streifen zu
               des Kindes Füßen zeigte dürres, verbranntes Gras, gemischt mit üppig wuchernden
               Queckenranken. Unachtsame Füße hatten bereits einen Weg darüber gebahnt; die anfangs
               lockere, von Regengüssen durchwühlte Erde war tief eingesunken, und mit ihr der
               weiße, schmucklose Stein zu Füßen des vernachlässigten Grabes – »Meta d'Orlowska«
               stand in großen, schwarzen Lettern dicht am Erdrande ... An diesem Steine kauerte
               sich Felicitas nieder, und ihre kleinen Hände wühlten in eienr von Gras entblößten
               Stelle ... Erde, nichts als Erde! Diese schwere, fühllose Masse lag auf dem
               zärtlichen Gesichte, auf der lieben Gestalt im lichtglänzenden Atlasgewande, auf den
               Blumen in den lilienweißen, erstarrten Händen. Jetzt wußte das Kind, daß die Mutter
               damals nicht bloß geschlafen habe.</p>
            <p>»Liebe Mama,« flüsterte sie, »du kannst mich nicht sehen, aber ich bin da, bei dir!
               Und wenn auch der liebe Gott nichts von dir wissen will – er hat dir ja nicht ein
               einziges Blümchen <pb/> geschenkt – und kein Mensch kümmert sich um dich, ich hab'
               dich lieb und will immer zu dir kommen! ... Ich will auch nur dich allein lieb haben,
               nicht einmal den lieben Gott, denn er ist so streng und schlimm gegen dich!«</p>
            <p>Das war das erste Gebet des Kindes am Grabe der verfemten Mutter ... Ein leichtes
               Lüftchen strich vorüber, weich und kühlend, wie sich die beschwichtigende Mutterhand
               um die klopfenden Schläfe des fieberkranken Lieblings legt. Die Astern nickten
               herüber zu dem tieftraurigen Kinde, und auch durch die dürren Blütenrispen der Gräser
               zog es leise flüsternd; und droben dehnte sich der Himmel in durchsichtiger Klarheit
               – der ewige, wandellose Himmel, den Menschenbegriffe zu einem Tummelplatze irdischer
               Leidenschaften machen.</p>
            <p>Als Felicitas später in das düstere Haus am Marktplatze zurückkehrte – das Kind wußte
               nicht, wie lange es träumend da draußen auf dem weiten, stillen Totenfelde gesessen
               hatte – fand sie die Hausthür nur angelehnt. Sie schlüpfte hinein, blieb aber sofort
               erschrocken in der nächsten Ecke stehen, denn die Thür<pb/> zu des Onkels Zimmer
               stand ziemlich weit offen, Johannes' Stimme klang heraus, und Felicitas hörte, wie er
               mit festen, langsamen Schritten auf und ab ging.</p>
            <p>Ein so eigentümlich wilder Trotz auch seit gestern über die Kleine gekommen war, die
               Furcht vor jener unbewegten, grausam kalten Stimme und den unerbittlichen, grauen
               Augen war doch noch größer. Sie konnte unmöglich in das Bereich der halboffenen Thür
               treten – ihre kleinen Füße standen wie eingewurzelt auf den Steinplatten.</p>
            <p>»Ich gebe dir vollkommen recht, Mama,« sagte Johannes drinnen, indem er stehen blieb;
               »das kleine, lästige Geschöpf wäre am besten in irgend einer braven Handwerkerfamilie
               aufgehoben. Aber dieser unvollendete Brief hier ist für mich so maßgebend, wie ein
               rechtskräftiges Testament ... Einmal sagt der Papa, daß er das Kind um keinen Preis
               aus dem Schutze seines Hauses entlassen werden – es sei denn, daß es der Vater selbst
               zurückfordere – und hier mit den Worten: ›- ich würde deshalb auch unbedingt die
               Sorge um das mir anvertraute Kind in deine Hände legen –‹ macht er mich
               unwiderleglich zum Vollstrecker seines Willens ... Es kommt mir durchaus nicht zu, an
               der Handlungsweise meines Vaters irgendwie zu mäkeln, aber wenn er gewußt hätte, wie
               unsagbar zuwider mir die Menschenklasse ist, aus der das Kind stammt – er würde mich
               mit dieser Vormundschaft verschont haben.«</p>
            <p>»Du weißt nicht, was du von mir verlangst, Johannes!« entgegnete die Witwe im Tone
               tiefsten Verdrusses. »Fünf lange Jahre habe ich diesen Auswürfling, dies
               gottverlassene Wesen stillschweigend neben mir dulden müssen – ich kann es nicht
               länger!«</p>
            <p>»Nun, dann bleibt uns kein anderer Ausweg, als ein Aufruf an den Vater des
               Kindes.«</p>
            <p>»Ja, da kannst du rufen!« erwiderte Frau Hellwig mit einem kurzen, höhnischen
               Auflachen. »Der dankt Gott, daß er den Brotesser los ist! Doktor Böhm sagt mir,
               soviel er wisse, habe der Mann zu Anfang ein einziges Mal von Hamburg aus geschrieben
               – seit der Zeit nicht wieder.«</p>
            <p>»Als gute Christin wirst du übrigens auch nicht zugeben, liebe Mama, daß das Kind
               dahin zurückkehrt, wo seine Seele verloren geht –«</p>
            <p>»Sie ist so wie so verloren!«</p>
            <p>
               <pb/> »Nein, Mama! Wenn ich auch nicht leugnen will, daß der Leichtsinn in diesem
               Blute stecken muß, so glaube ich doch auch fest an den Segen einer guten
               Erziehung.«</p>
            <p>»Du meinst also, wir bezahlen das schwere Geld noch so und so viel Jahre länger für
               ein Geschöpf, das uns auf der Gotteswelt nichts angeht? – Sie hat Unterricht im
               Französischen, im Zeichnen –«</p>
            <p>»Ei behüte, das fällt mir nicht ein!« unterbrach Johannes die Aufzählung – zum
               erstenmal erhielt diese monotone Stimme eine etwas lebhaftere Klangfarbe. »Das fällt
               mir nicht ein,« wiederholte er. »Mir ist diese moderne weibliche Erziehung ohnehin
               ein Greuel ... Solche Frauen wie dich, die, echt christlichen Sinnes und in
               wahrhafter Weiblichkeit, nie die ihnen gesteckten Grenzen überschreiten, die wird man
               in kurzem suchen müssen ... Nein, das alles hat von jetzt ab ein Ende! Erziehe das
               Mädchen häuslich, zu dem, was einst seine Bestimmung sein wird – zur Dienstbarkeit
               ... Ich lege die Angelegenheit völlig und unbesorgt in deine Hände. Mit deinem
               starken Willen, deinem Christentum –«</p>
            <p>Hier wurde die Thür plötzlich weiter aufgerissen, und Nathanael, der sich bei dem
               Zwiegespräche langweilen mochte, sprang heraus. Felicitas drückte sich gegen die
               Wand; aber er sah sie doch und stürzte wie ein Stoßvogel auf die Zitternde zu.</p>
            <p>»Ja, verstecke dich nur, das hilft dir nichts!« rief er und preßte ihr zartes
               Handgelenk beim Weiterzerren so heftig, daß sie aufschrie. »Jetzt kommst du mit und
               sagst der Mama gleich den Text der Predigt! Gelt, das kannst du nicht? Du warst nicht
               auf den Schulbänkchen, ich hab' genau aufgepaßt ... Und wie siehst du denn aus? ...
               Nein, Mama, sieh dir nur einmal dies Kleid an!«</p>
            <p>Mit diesen Worten zog er die widerstrebende Kleine an die Thür.</p>
            <p>»Komm herein, Kind!« gebot Johannes, der mitten im Zimmer stand und den Brief seines
               Vaters noch in der Hand hielt.</p>
            <p>Felicitas trat zögernd über die Schwelle. Sie sah einen Moment an der hohen, schmalen
               Gestalt empor, die vor ihr stand. Da lag kein Stäubchen auf dem ausgesucht feinen,
               schwarzen Anzuge; das Weißzeug leuchtete in blendender Frische; nicht ein Härchen auf
               der Stirn krümmte sich gegen die Hand, die unablässig, <pb/> fast ängstlich darüber
               hinstrich – da war alles peinlich geordnet und sauber. Er blickte mit einer Art von
               Abscheu auf den Kleidersaum des Kindes.</p>
            <p>»Wo hast du dir das geholt?« fragte er und zeigte nach der Stelle, die seinen Blick
               auf sich zog.</p>
            <p>Die Kleine sah scheu hinab – das sah freilich schlimm aus. Gras und Wege draußen
               waren noch taunaß gewesen; sie hatte beim Niederwerfen am Grabe nicht daran gedacht,
               daß solche auffallende Spuren an dem schwarzen Kleide zurückbleiben könnten ... Sie
               stand schweigend mit gesenkten Augen da.</p>
            <p>»Nun, keine Antwort? ... Du siehst aus wie das böse Gewissen selbst – du warst nicht
               in der Kirche, wie?«</p>
            <p>»Nein,« sagte die Kleine aufrichtig.</p>
            <p>»Und wo warst du?«</p>
            <p>Sie schwieg. Sie hätte sich lieber totschlagen lassen, ehe der Muttername vor diesen
               Ohren über ihre Lippen gekommen wäre.</p>
            <p>»Ich will dir's sagen, Johannes,« entgegnete Nathanael an ihrer Stelle; »sie war
               draußen in unserem Garten und hat Obst genascht – so macht sie's immer.«</p>
            <p>Felicitas warf ihm einen funkelnden Blick zu, aber sie öffnete die Lippen nicht.</p>
            <p>»Antworte,« gebot Johannes, »hat Nathanael recht?«</p>
            <p>»Nein; er hat gelogen, wie er immer lügt!« entgegnete das Kind fest.</p>
            <p>Johannes streckte in diesem Augenblicke ruhig den Arm aus, um Nathanael
               zurückzuhalten, der wütend auf seine Anklägerin losstürzen wollte.</p>
            <p>»Rühr sie nicht an, Nathanael!« gebot auch Frau Hellwig dem Knaben. Sie hatte bis
               dahin schweigend im Lehnstuhle des Onkels am Fenster gesessen. Jetzt erhob sie sich –
               hu, was warf die große Frau für einen düstern Schatten in das Zimmer!</p>
            <p>»Du wirst mir glauben, Johannes,« wendete sie sich an ihren Sohn, »wenn ich dir
               versichere, daß Nathanael niemals die Unwahrheit sagt. Er ist fromm und lebt in der
               Furcht des Herrn, wie selten ein Kind – ich habe ihn behütet und geleitet, das wird
               dir genügen ... Es hat noch gefehlt, daß sich dies erbärmliche Geschöpf zwischen die
               Geschwister stellt, wie es bereits <pb/> zwischen den Eltern der Fall gewesen ist ...
               Ist es nicht an sich unverzeihlich, daß sie, statt in die Kirche zu gehen, sich an
               anderen Orten herumtreibt? – mag sie nun gewesen sein, wo sie will!«</p>
            <p>Ihre Augen glitten mit tödlicher Kälte über die kleine Gestalt.</p>
            <p>»Wo ist das neue Tuch, daß du heute Morgen bekommen hast?« fragte sie plötzlich.</p>
            <p>Felicitas fuhr erschreckt mit den Händen nach den Schultern – o Himmel, es war
               verschwunden, es lag sicher draußen auf dem Gottesacker! Sie fühlte recht gut, daß
               sie sich einer großen Unachtsamkeit schuldig gemacht habe – sie war tief beschämt;
               ihre gesenkten Augen füllten sich mit Thränen, und die Bitte um Verzeihung drängte
               sich auf ihre Lippen.</p>
            <p>»Nun, was sagst du dazu, Johannes?« fragte Frau Hellwig mit schneidender Stimme. »Ich
               schenke ihr das Tuch vor wenig Stunden, und an ihrem Gesicht wirst du sehen, daß es
               bereits verloren ist ... Ich möchte wissen, wieviel diese Garderobe deinem seligen
               Vater das Jahr über gekostet hat ... Gib sie auf, sag ich dir! Da ist Hopfen und Malz
               verloren – du wirst nie ausrotten können, was von einer leichtfertigen, liederlichen
               Mutter aufgeerbt ist!«</p>
            <p>In diesem Augenblicke ging eine schreckliche Veränderung in Felicitas' Aeußerem vor.
               Eine tiefe Scharlachröte ergoß sich über das ganze Gesicht und den lilienweißen Hals
               bis unter den Ausschnitt des groben schwarzen Wollkleides. Ihre dunklen Augen, in
               denen noch die Thränen der Reue funkelten, blickten sprühend empor zu dem Gesichte
               der Frau Hellwig. Jene ängstliche Scheu vor der Frau, die fünf Jahre lang auf dem
               kleinen Herzen gelastet und ihr stets die Lippen verschlossen hatte, war
               verschwunden. Alles, was seit gestern ihre kindlichen Nerven in die furchtbarste
               Spannung versetzt hatte, es trat plötzlich überwältigend in den Vordergrund und nahm
               ihr den letzten Rest von Selbstbeherrschung – sie war außer sich.</p>
            <p>»Sagen Sie nichts über mein armes Mütterchen, ich leide es nicht!« rief sie; ihre
               sonst so weiche Stimme klang fast gellend. »Es hat Ihnen nichts zuleide gethan! ...
               Wir sollen nie Böses von den Toten sprechen – hat der Onkel immer gesagt, denn sie
               können sich nicht verteidigen – Sie thun es aber doch, und das ist schlecht, ganz
               schlecht!«</p>
            <p>
               <pb/> »Siehst du die kleine Furie, Johannes?« rief Frau Hellwig höhnisch. »Das ist
               das Resultat der freisinnigen Erziehung deines Vaters! Das ist ›das feenhafte
               Geschöpfchen‹, wie er das Mädchen in dem Briefe da nennt!«</p>
            <p>»Sie hat recht, wenn sie ihre Mutter verteidigt,« sagte Johannes halblaut mit ernstem
               Blicke; »aber die Art und Weise, wie sie es thut, ist eine ungebärdige, abscheuliche
               ... Wie kannst du dich unterstehen, in so ungebührlicher Weise zu dieser Dame zu
               reden?« wandte er sich zu Felicitas, und ein schwacher Schimmer von Rot flog über
               sein bleiches Gesicht. »Weißt du nicht, daß du verhungern mußt, wenn sie dir kein
               Brot gibt, und daß draußen das Straßenpflaster dein Kopfkissen sein wird, wenn sie
               dich aus dem Hause stößt?«</p>
            <p>»Ich will ihr Brot nicht!« preßte das Kind hervor. »Sie ist eine böse, böse Frau –
               sie hat so schreckliche Augen ... Ich will nicht hier bleiben in euerem Hause, wo
               gelogen wird, und wo man sich den ganzen Tag fürchten muß vor der schlechten
               Behandlung – lieber will ich gleich unter die dunkle Erde zu meiner Mutter, lieber
               will ich verhungern –«</p>
            <p>Sie konnte nicht weiter sprechen; Johannes hatte ihren Arm gefaßt, seine mageren
               Finger drückten sich wie eiserne Klammern in das Fleisch – er schüttelte sie einige
               Male heftig.</p>
            <p>»Komm zu dir, komm zur Besinnung, abscheuliches Kind!« rief er. »Pfui, ein Mädchen
               und so zügellos! Bei dem unverzeihlichen Hange zu Leichtsinn und Liederlichkeit auch
               noch diese maßlose Heftigkeit! ... Ich sehe ein, hier ist viel versehen worden,«
               wandte er sich an seine Mutter, »aber unter deiner Zucht, Mama, wird das anders
               werden.«</p>
            <p>Er ließ den Arm der Kleinen nicht los und führte sie unsanft aus dem Zimmer hinüber
               in die Gesindestube.</p>
            <p>»Von heute an habe ich über dich zu gebieten – merke dir das!« sagte er rauh; »und
               wenn ich auch fern bin, ich werde dich doch exemplarisch zu strafen wissen, sobald
               ich erfahre, daß du meiner Mutter nicht in allen Stücken ohne Widerrede gehorchst ...
               Für dein heutiges Benehmen hast du auf längere Zeit Hausarrest, um so mehr, als du
               von der Freiheit einen so schlechten Gebrauch machst. Du betrittst den Garten ohne
               ganz spezielle Erlaubnis meiner Mutter nicht wieder; ebensowenig gehst du auf die
               Straße, die Wege nach der Bürgerschule ausgenommen, die du von nun an besuchen wirst;
               und hier in der Gesindestube <pb/> magst du essen und dich tagüber aufhalten, bis du
               bessere Sitten zeigst ... Hast du mich verstanden?«</p>
            <p>Die Kleine wandte schweigend das Gesicht ab, und er verließ die Stube.</p>
            <pb/>
         </div>
         <div type="chapter">
            <head>9</head>
            <p>Nachmittags trank die Familie Hellwig den Kaffee draußen im Garten. Friederike hatte
               ihren kattunenen, flanellgefütterten Sonntagsmantel über die Schultern geworfen, die
               schwarzseidene, wattierte Staatsmütze aufgesetzt und war zuerst in die Kirche und
               dann zu einer »Frau Muhme« auf Besuch gegangen. Heinrich und Felicitas waren allein
               in dem großen, kirchenstillen Hause. Ersterer war längst heimlicherweise draußen auf
               dem Gottesacker gewesen und hatte das verhängnisvolle Tuch heimgeholt – es lag nun
               gesäubert und regelrecht zusammengelegt im Kasten.</p>
            <p>Der ehrliche Bursche hatte die vormittägige Szene von der Küche aus mit angehört und
               zum Teil auch gesehen; er war sehr in Versuchung gewesen, hervorzuspringen und mit
               seinen derben Fäusten den Sohn des Hauses ebenso zu schütteln, wie die zarte Gestalt
               des aufrührerischen Kindes hin und her geschüttelt wurde. Jetzt saß er da in der
               Gesindestube und schnitzelte an seinem defekten Ausgehstock herum, wobei er leise und
               zwar sehr ungeschickt und unmelodisch pfiff. Er war ja aber auch gar nicht bei der
               Sache; seine Blicke huschten rastlos und verstohlen hinüber<pb/> nach dem
               schweigenden Kinde ... Das war gar nicht mehr das Gesicht der kleinen Felicitas! Sie
               saß dort wie ein gefangener Vogel, aber wie ein Vogel, dem die Wildheit in der Brust
               brennt und der voll unversöhnlichen Grolles der Hände denkt, die ihn gefesselt haben
               ... Auf ihren Knieen lag der Robinson, den Heinrich auf eigene Gefahr hin von
               Nathanaels Bücherbrett geholt hatte, aber sie warf keinen Blick hinein. Der Einsame
               hatte es gut auf seiner Insel, da gab es doch keine bösen Menschen, die seine Mutter
               leichtsinnig und liederlich schalten; da lag der funkelnde Sonnenschein auf den
               Palmenkronen, auf den grünen Wogen des fetten Wiesengrases – und hier brach das
               Gotteslicht gedämpft, als trübe Dämmerung durch die engvergitterten Fenster, und
               nirgends, weder draußen in der schmalen Gasse noch hier im ganzen Hause, erquickte
               ein grünes Blatt das Auge ... Ja, drin im Wohnzimmer, da stand freilich ein
               Asklepiasstock im Fenster – die einzige Blume, die Frau Hellwig pflegte, aber
               Felicitas konnte diese regelmäßigen, wie aus kaltem Porzellan geformten
               Blütenbüschel, die starren, harten Blätter nicht leiden, die stocksteif und ungerührt
               dahingen, mochte auch der Luftzug durchstreichen, soviel er wollte – was gab es denn
               Schöneres, als draußen die leichtbeweglichen, grünen Zungen an Büschen und Bäumen mit
               ihrem unaufhörlichen Rauschen und Flüstern?</p>
            <p>Die Kleine sprang plötzlich auf. Droben auf dem Dachboden, da konnte man weit hinaus
               in die Gegend sehen, da war sonnige Luft – wie ein Schatten glitt sie die gewundene
               steinerne Haupttreppe hinauf.</p>
            <p>Das alte Kaufmannshaus war eigentlich nach gewissen Begriffen degradiert worden. Vor
               langen Zeiten war es ein Edelsitz gewesen. Es hatte auch noch etwas Ehrgeiziges in
               seiner Physiognomie – wenn auch nicht in dem Maße, wie die Türme, die alles unter
               sich lassen und, wenn es ginge, am liebsten auch den Himmel als alleiniges Eigentum
               auf ihre Spitze spießen möchten – aber es zeigte doch hier und da dies Emporstreben
               in dem Turmansatze des Erkers und vor allem in den mächtigen Schornsteinen, die sich
               in jenen Zeiten so nötig machten, wo noch die Wildbraten in ihrer natürlichen Größe
               und Urwüchsigkeit auf den Bratspießen adeliger Küchen steckten ... Das blaue Blut,
               das die Herzen der ehemaligen ritterlichen Bewohner klopfen gemacht, war längst
               versiegt, ja, in den letzten Stadien war es ihm ergangen, wie dem alten Hause auch –
               es war degradiert worden.</p>
            <p>
               <pb/> Die vordere, nach dem Marktplatz gewendete Front des Hauses hatte sich
               allmählich in etwas modernisiert, die Hintergebäude dagegen, drei gewaltige Flügel,
               standen noch in keuscher Unberührtheit, wie sie aus der Hand ihres Schöpfers
               hervorgegangen waren. Da gab es noch jene langen, hallenden Gänge mit schiefen Wänden
               und tief ausgetretenem Estrich, in denen selbst bei strahlendem Mittagssonnenscheine
               eine traumähnliche Dämmerung webt, und die es einer sagenhaften Ahnfrau so leicht
               machen, in grauer Schleppe, mit verblichenem Antlitz und schattenhaft gekreuzten
               Händen umherzuspuken. Da waren noch jene unvorhergesehenen, unter dem leisesten
               Tritte kreischenden Hintertreppchen, die plötzlich am Ende eines Korridors
               auftauchen, um drunten vor irgend einer unheimlichen, siebenfach verriegelten Thür zu
               münden – jene abgelegenen, scheinbar zwecklosen Ecken mit einem einsamen Fenster,
               durch dessen runde, bleigefaßte Scheiben fahle Lichtsäulen auf den zerbröckelnden
               Backsteinfußboden fallen. Der Staub, der hier auf die Köpfe der Vorüberwandelnden
               herabrieselte, war historisch; er hatte als jugendliche Holzfaser irgend eines
               Balkens oder als neuer Mörtel die hochgehenden Wogen des blauen Blutes mit
               angesehen.</p>
            <p>Wo es irgend möglich gewesen, hatte der Steinmetz das Wappen des Erbauers des Hauses,
               eines Ritters von Hirschsprung, angebracht. Die steinernen Thür-und
               Fenstereinfassungen, ja selbst einzelne Quadern des Fußbodens zeigten den
               majestätischen Hirsch, wie er, die Vorderläufe hochhebend, zum grausigen Sprunge über
               einen Abgrund ansetzte. Auf den Thürpfosten einer der großen Staatsstuben im
               Vorderhause befanden sich auch die Bildnisse des Erbauers und seiner Ehegesponsin,
               langgestreckte Gestalten in Barett und Schneppenhaube. Der ehrenfeste Ritter blickte
               mit unvergänglich herausforderndem Stolze in die Welt, aus der längst sein Staub und
               seine »für ewig« besiegelten und verbrieften Ansprüche hinweggeweht waren.</p>
            <p>Felicitas stand droben an der Mündung der Treppe und sah mit großen, verwunderten
               Augen in eine halboffene Thür, die sie nicht anders als verschlossen kannte ... Wie
               sehr mußte die Ausführung ihres Racheaktes alles Denken der sonst so peinlich
               pünktlichen Hausfrau in Anspruch genommen haben, daß sie darüber Schloß und Riegel
               vergessen konnte! ... Hinter der Thür lag ein scheinbar endloser Korridor, der über
               eines der Hintergebäude hinlief, und in welchen verschiedene Thüren mündeten. <pb/>
               Eine derselben stand offen und ließ in eine Rumpelkammer mit einem sehr hochliegenden
               Mansardenfenster sehen. Sie war vollgepfropft mit altem Gerümpel, und da seitwärts an
               einem Rokokoarmsessel lehnte auch das Bild der Frau Kommerzienrätin. Es war nicht
               einmal gegen eine schützende Wand gekehrt; Staub und Spinnen durften sich nun
               ungestört des Gesichts bemächtigen, das dem Maler in der stolzen Ueberzeugung
               gesessen hatte, es werde für Kind und Kindeskinder bis in die fernste Zeit ein
               Gegenstand hoher Verehrung sein.</p>
            <p>Die großen, hervortretenden, etwas lüsternen Augen hatten, so nahe gesehen, etwas
               Furchterregendes für das Kind – es wandte sich ängstlich ab, aber in dem Momente fuhr
               es wie ein Stich durch das kleine Herz und das Blut brauste nach dem Kopfe – den mit
               Seehundsfell überzogenen Koffer dort am Boden kannte ja die kleine Felicitas ganz
               genau! ... Scheu, mit angehaltenem Atem – schlug sie den Deckel zurück – da lag
               obenauf ein hellblaues Wollkleidchen, dessen Säume und Bündchen zierliche Stickerei
               zeigten. Ach ja, das hatte ihr Friederike eines Abends ausgezogen, und dann war es
               verschwunden, und die kleine Felicitas mußte dafür ein abscheuliches, dunkles Kleid
               anlegen.</p>
            <p>Immer tiefer und heftiger wühlten die kleinen Hände, – was kam da alles zum
               Vorschein, und wie stürmte es in der Kinderseele bei diesem Wiedersehen! ... All
               diese Gegenstände, so elegant, als sollten sie den vornehmen Körper einer kleinen
               Prinzessin umhüllen, hatte die tote Mutter in den Händen gehabt. Felicitas erinnerte
               sich mit peinlicher Schärfe des süßen Gefühls, wenn die Mama sie angekleidet und mit
               ihren samtweichen, zarten Fingern berührt hatte ... Ach, hier tauchte auch das
               buntscheckige Kätzchen auf, das einst der ganze Stolz des Kindes gewesen! Es war auf
               eine kleine Tasche gestickt. – Halt, da steckte auch etwas drin, aber es war kein
               Spielzeug, wie das Kind anfänglich meinte, es war ein hübsches Petschaft von Achat,
               auf dessen silberner Platte derselbe majestätische Hirsch sich bäumte, den das
               Mauerwerk des Hellwigschen Hauses bis zum Ueberdruß zeigte. Unter dem Wappen stand in
               feinen, flüchtigen Zügen M. v. H.... Das hatte gewiß der Mama gehört, und das Kind
               hatte einst die räuberische kleine Hand danach ausgestreckt. –</p>
            <p>Höher und höher wuchs die Flut der Erinnerungen und auf manche fiel ein Strahl des
               gereiften Verständnisses. Jetzt begriff sie jene Momente, wo sie, aus dem ersten
               Schlafe aufschreckend, <pb/> den Vater im goldblitzenden Wams und die Mutter mit den
               aufgelösten blonden Locken an ihrem Bettchen stehen sah – sie waren aus der
               Vorstellung heimgekommen ... und da war auch jedesmal auf die arme Mama geschossen
               worden, und das Kind hatte so ahnungslos in das totenbleiche Gesicht gesehen; es
               wußte aber noch, daß es an solchen Abenden stets stürmisch, wie in atemloser Hast, an
               das Mutterherz emporgerissen worden war ...</p>
            <p>Stück um Stück der neuentdeckten Schätze wurde gestreichelt und geliebkost und dann
               sorgsam in den Koffer zurückgelegt, und als der Deckel alles wieder verschloß, da
               schlang das Kind seine Arme um den kleinen, vielgereisten Kasten und legte das
               Köpfchen darauf – sie waren ja alte Kameraden, zwei, die zusammengehörten in der
               weiten Welt, welche nicht so viel Heimatboden für das Spielerskind hatte, als auch
               nur sein kleiner Fuß bedeckte .. Jetzt sah das erst so wildtrotzige Gesichtchen mild
               und versöhnt aus, als es, die zarte Wange auf die von den Motten halbzerfressene
               Decke des Koffers gepreßt, mit geschlossenen Augen regungslos dalag.</p>
            <p>Durch das Fenster zog die laue Luft aus und ein und hauchte einen Strom balsamischer
               Düfte in den abgelegenen, stillen Bodenwinkel ... wie konnte sich dies berauschende
               Aroma, das ganzen Resedabeeten entquellen mußte, so hoch in die Lüfte versteigen? Und
               was waren das für Töne, die jetzt von fern herüber mit ihm herein strömten? ...
               Felicitas öffnete die Augen und setzte sich horchend auf. Das konnte nicht die Orgel
               der nahen Barfüßerkirche sein – der Gottesdienst war ja längst aus. Ein gebildeteres
               Ohr als das des harmlosen, unwissenden Kindes würde auch eher alles andere, als diese
               Harmonien mit der Orgel in Verbindung gebracht haben – die Ouvertüre zum Don Juan
               wurde meisterhaft auf dem Klavier gespielt.</p>
            <p>Felicitas schob einen wackeligen Tisch unter das Fenster und stieg hinauf. Ah, was
               war das! ... Freilich, mit der geträumten Ausschau in die weite Gotteswelt war es
               hier nichts; vier Dächer bildeten ein festgeschlossenes Quadrat, von denen das
               gegenüberliegende die anderen überragte und dem Blicke jede Fernsicht verwehrte; aber
               gerade dies Dach-Vis-a-vis war für die zwei erstaunten, weitgeöffneten Kinderaugen
               ein Wunder, wie es die schönsten Märchenbücher nicht wunderbarer erzählen konnten.
               Dort auf der hohen, doch sanft geneigten Schrägseite gab es nicht etwa Ziegel, wie
               sie die anderen Dächer schwarzbraun, schmutzig und <pb/> bemoost zeigten – nein, es
               war förmlich überschüttet mit Blumen, mit Astern und Dahlien, welche ihre bunten
               Häupter hoch droben in den Lüften mit derselben Sicherheit wiegten, wie drunten,
               dicht an der starken Muttererde. Soweit ein pflegender menschlicher Arm von der am
               unteren Rande des Daches hängenden Galerie aus reichen konnte, stiegen Blumenreihen
               empor, dann aber schloß sich ihnen ein in allen Nüancen des Rot spielendes
               Blättergewirr an, fast wie ein Mantel, der sich um die Schultern einer glänzenden
               Schönheit legt – die wilde Weinrebe reckte und streckte sich bis hinauf zum First;
               selbst auf die Nachbardächer krochen die Ranken noch mit ihren leuchtenden,
               gefingerten Blättern und den schwarzblauen Trauben. Die Galerie hatte die ganze Länge
               des Daches und hing so luftig und leicht da, als sei sie hingeweht, und doch trug die
               Brüstung ihres Geländers schwere Kasten voll Erde, aus denen dicke Resedabüsche
               quollen und Hunderte von Monatsrosen ihre lachenden Köpfchen steckten.</p>
            <p>Ein weißer, ziemlich plumper Gartenstuhl neben einem runden Tischchen, auf welchem
               ein Porzellankaffeegeschirr stand, bewies unwiderleglich, daß Geschöpfe von Fleisch
               und Blut hier oben hausten; gleichwohl behielt die ursprüngliche Vermutung des Kindes
               etwas für sich, nach welcher dort der kleine Vorbau, den eine Glasthür von der
               Galerie abschloß, das Hüttchen der Blumenfee sein mußte. Man sah weder Dach noch
               Mauern; es war alles überwuchert von großblätterigem, schottischem Epheu; die
               Kapuzinerkresse rankte sich hinauf, verstreute droben über die grüne Kuppel ihre
               gespornten Blütenkelche mit den feurig orangegelben Samtblättern und hing sie
               mutwillig schaukelnd über die Glasthür. Diese Thür klaffte ein wenig, und aus ihr
               quollen die Töne, die das Kind ans Fenster gelockt hatten.</p>
            <p>Ein Blick hinunter in den Raum, den die vier Hintergebäude umschlossen, ließ
               plötzlich eine Ahnung in der kleinen Felicitas aufdämmern. Da drunten krakeelte und
               krähte es um die Wette – es war der Geflügelhof. Felicitas hatte ihn noch nie
               gesehen; denn aus Furcht, daß eines der schnarrenden Geschöpfe in den Vorderhof oder
               wohl gar in die Hausflur dringen könne, trug Friederike den Thürschlüssel stets in
               der Tasche. Wie oft aber war sie mit zornigem Gesichte in die Küche gekommen und
               hatte zu Heinrich hinübergescholten: »Die Alte da oben gießt wieder einmal ihr
               nichtsnutziges Gras, daß die Rinnen überlaufen ...!« Ach, das nichtsnutzige Gras
               waren die Tausende süßer Blumengesichtchen <pb/> da drüben, und das Wesen, das sie
               pflegte und behütete, war – die alte Mamsell, die ja auch in diesem Augenblicke
               wieder den Sonntagnachmittag »entheiligte durch unheilige und lustige Weisen«.</p>
            <p>Diese Gedanken waren kaum in dem Köpfchen aufgetaucht, als auch schon die kleinen
               Füße auf der Fensterbrüstung standen. Die ganze Elastizität der Kinderseele, die Leid
               und Kummer über etwas Neuem für einen Moment völlig vergessen kann, machte sich auch
               hier geltend ... Das Kind konnte ja klettern wie ein Eichhörnchen, und über die
               Dächer hinzulaufen, war eine Kleinigkeit. Da unten auf den zwei an den Dächern
               hängenden Rinnen ließ es sich jedenfalls prächtig marschieren; sie sahen zwar etwas
               bemoost und wackelig aus, und dort in der Ecke, wo sie zusammenstießen, hingen beide
               schief, allein sie zerbrachen jedenfalls noch lange, lange nicht und ließen sich ja
               gar nicht vergleichen mit dem dünnen Seile, auf welchem Felicitas noch viel kleinere
               Mädchen, als sie selbst war, hatte tanzen sehen. Sie schlüpfte zum Fenster hinaus,
               und nach zwei Schritten über das abschüssige Dach stand sie in der Rinne. Es ächzte
               und knackte widerwillig unter den Füßchen, die tapfer vorwärts trippelten – rechts
               nicht der mindeste Halt, und links eine gähnende Tiefe von vier Stockwerken – wenn
               das die Mutteraugen gesehen hätten! – aber es ging vortrefflich. <pb/> Noch ein
               Hinaufklettern auf das bedeutend höhere Dach, dann ein Sprung über das Geländer und
               das Kind stand mit glühenden Wangen und leuchtenden Augen mitten unter den Blumen und
               sah über die anderen Gebäude hinaus in die weite, weite Welt, auf die ein
               purpurglühender Abendhimmel niederstrahlte.</p>
            <p>Auf dem runden Tischchen lagen auch verschiedene Zeitungen, und auf einer derselben
               las das Kind im Vorüberschreiten lächelnd den Titel: »Die Gartenlaube«. Eine
               Gartenlaube, ja, die paßte freilich prächtig hierher, wo es hell und sonnig war, und
               wo eine so reine, frische Luft wehte!</p>
            <p>Und nun stand das kleine Mädchen da und blickte schüchtern durch die Glasscheiben,
               die vielleicht noch nie ein Kindergesicht widergespiegelt hatten ... Wuchsen denn die
               Epheuzweige durch das Dach und rankten sich da drinnen in dem großen Zimmer weiter?
               Von der Wandbekleidung konnte man nichts sehen, sie war völlig überstrickt von
               Gezweig, aber in kleinen Zwischenräumen traten Postamente aus der Wand hervor, auf
               denen große Gipsbüsten standen – eine merkwürdige Versammlung ernster, bewegungsloser
               Köpfe, die sich leuchtend und geisterhaft abhoben von dem kräftigen Grün der
               Blätterwand. Sie ließen es sich schweigend gefallen, daß die Epheuranken Allotria
               trieben und sich hier quer um die Brust des einen und dort als Kranz um eines anderen
               ernste Stirn schlangen. Die Mutwilligen machten es ja mit den Fenstern nicht besser;
               sie hingen wie eine grüne Wolke verdunkelnd über den Vorhängen, und doch waren diese
               zwei Fenster zwei prächtige Landschaftsbilder, sie ließen draußen die Straßendächer
               weit unter sich und faßten da drüben den herbstlichen bunten Wald auf dem Bergrücken
               und die fahlen Streifen der Stoppelfelder in ihren Rahmen.</p>
            <p>Unter den Fenstern stand ein Flügel. Die alte Mamsell, genau so gekleidet wie
               gestern, saß davor, und ihre zarten Hände griffen mit gewaltiger Kraft in die Tasten.
               Das Gesicht sah etwas verändert aus; sie trug eine Brille, und ihre gestern so
               schneebleichen Wangen waren gerötet.</p>
            <p>Die kleine Felicitas war leise eingetreten und stand in dem Bogen, welchen der Vorbau
               bildete ... Fühlte die alte Dame die Nähe eines menschlichen Wesens, oder hatte sie
               ein Geräusch gehört – sie brach plötzlich mitten in einem rauschenden Akkorde ab, und
               ihre großen Augen richteten sich sofort über die Brille hinweg auf das Kind. Wie ein
               elektrischer Schlag fuhr es durch <pb/> die schwächliche Gestalt der Einsamen, ein
               leiser Schrei entfloh ihren Lippen; sie nahm mit der zitternden Rechten die Brille ab
               und erhob sich, während sie sich auf das Instrument stützte.</p>
            <p>»Wie kommst du hierher, mein Kind?« fragte sie endlich mit unsicherer Stimme, die
               jedoch trotz des Schreckens sanft und mild blieb.</p>
            <p>»Ueber die Dächer,« versetzte das ängstlich gewordene kleine Mädchen beklommen und
               zeigte mit der Hand zurück nach dem Hofe.</p>
            <p>»Ueber die Dächer? – Das ist unmöglich! Komm her, zeige mir, wie du gegangen bist.«
               Sie faßte die Hand des Kindes und trat mit ihm auf die Galerie. Felicitas deutete auf
               das Mansardenfenster und nach den Rinnen. Die alte Dame schlug entsetzt die Hände vor
               das Gesicht.</p>
            <p>»Ach, erschrecken Sie ja nicht!« sagte Felicitas mit ihrer lieblich unschuldigen
               Stimme. »Es ging wirklich ganz gut. Ich kann klettern wie ein Junge, und Doktor Böhm
               sagt immer, ich sei ein Flederwisch und hätte keine Knochen.«</p>
            <p>Die alte Mamsell ließ die Hände vom Gesicht fallen und lächelte – es lag noch so viel
               Anmut in diesem Lächeln, das zwei Reihen sehr schöner, weißer Zähne sehen ließ. Sie
               führte die Kleine in das Zimmer zurück und setzte sich in einen Lehnstuhl.</p>
            <p>»Du bist die kleine Fee, gelt?« sagte sie, indem sie Felicitas an ihre Kniee
               heranzog. »Ich weiß es, wenn du auch nicht auf rosa Gazewolken zu mir hereingeflogen
               bist ... Dein alter Freund Heinrich hat mir heute mittag von dir erzählt.«</p>
            <p>Bei Heinrichs Namen kam die ganze Wucht des Leides wieder über das Kind. Wie heute
               morgen stieg eine glühende Röte in die Wangen, und Groll und Weh zogen jene herben
               Linien um den kleinen Mund, die über Nacht den Ausdruck des Kindergesichts zu einem
               völlig anderen gemacht hatten ... Den Augen der alten Mamsell entging diese
               plötzliche Veränderung nicht. Sie nahm schmeichelnd das Gesicht des kleinen Mädchens
               zwischen ihre Hände und bog es zu sich herab.</p>
            <p>»Siehst du, mein Töchterchen,« fuhr sie fort, »seit vielen Jahren kommt der Heinrich
               allsonntäglich herauf zu mir, um Verschiedenes für mich zu besorgen ... Er weiß, daß
               er nie gegen mich erwähnen darf, was sich drunten im Vorderhause ereignet, und bisher
               hat er auch nie das Gebot überschritten ... Wie lieb muß er die kleine Fee haben, daß
               er plötzlich gegen meinen so streng ausgesprochenen Wunsch handeln konnte!«</p>
            <p>
               <pb/> Die trotzigen Augen des Kindes schmolzen.</p>
            <p>»Ja, er hat mich lieb – sonst niemand,« sagte sie, und ihre Stimme brach.</p>
            <p>»Sonst niemand?« wiederholte die alte Dame, während ihr unaussprechlich sanfter Blick
               ernst liebevoll auf dem Gesichte der Kleinen ruhte. »Weißt du denn nicht, daß einer
               da ist, der dich immer lieb haben wird, auch wenn sich alle Menschen von dir abwenden
               sollten? ... Der liebe Gott –«</p>
            <p>»O, der will mich ja gar nicht, weil ich ein Spielerskind bin!« unterbrach Felicitas
               die Sprecherin mit ausbrechender Heftigkeit. »Frau Hellwig hat heute morgen gesagt,
               meine Seele sei so wie so verloren, und alle drunten im Vorderhause sagen, er habe
               meine arme Mama verstoßen, sie sei nicht bei ihm ... Ich habe ihn aber auch nicht
               mehr lieb – ganz und gar nicht, und ich will auch nicht zu ihm, wenn ich gestorben
               bin – was soll ich denn dort, wo meine Mama nicht ist?«</p>
            <p>»Gerechter Gott, was haben diese Grausamen mit ihrem sogenannten christlichen Glauben
               aus dir gemacht, armes Kind!«</p>
            <p>Die alte Dame erhob sich hastig und öffnete eine Seitenthür. Es war dem Kinde, als
               umflatterten hier weiße Wölkchen des Himmels sein Haupt. Ueber das in einer Ecke
               stehende Bett, über Thüren und Fenster floßen weiße Mullvorhänge herab. Die blaßgrüne
               Wand des kleinen Gemachs tauchte nur in einzelnen schmalen Streifen zwischen dem
               wolkigen Gewebe auf ... Welch ein Kontrast zwischen diesem kleinen Raume, so frisch
               und makellos rein, wie der Gedanke, der aus einer gesunden, unbefleckten Seele kommt,
               und jenem düsteren Boudoir drunten im Vorderhause, in welchem Frau Hellwig während
               der frühen Morgenstunden auf dem Betstuhle kniete, auf jenem Betstuhle, dessen
               gestickte Polster wohl für die grausigen Marterwerkzeuge, nirgends aber für ein
               Symbol des Friedens und der Versöhnung Raum hatten.</p>
            <p>Auf dem Nachttische, neben dem Bette, lag eine große, vielgebrauchte Bibel. Die alte
               Dame schlug sie mit sicherer, kundiger Hand auf und las laut und tiefbewegt: »Wenn
               ich mit Menschen- und Engelszungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein
               tönendes Erz oder eine klingende Schelle.« Und sie las weiter und weiter und schloß
               mit dem Verse: »Die Liebe hört nimmer auf, so doch die Weissagungen aufhören werden
               und die Sprachen aufhören werden und das Erkenntnis aufhören wird.«</p>
            <p>»Und diese Liebe kommt von ihm, ja, Gott ist diese Liebe <pb/> selbst,« sagte sie und
               legte ihren Arm um die Schultern des Kindes. »Deine Mama ist sein Kind, wie wir alle,
               und sie ist eingegangen zu ihm, denn ›die Liebe hört nimmer auf‹ ... Suche sie
               getrost da droben, und wenn du nachts aufblickst zum Himmel mit seinen Millionen
               wundervoller Sterne, so denke du fest und sicher: ›Neben einem solchen Himmel gibt es
               keine Hölle!‹ ... Und nun hast du ihn auch wieder lieb, gelt, recht von Herzen lieb,
               meine kleine Fee?«</p>
            <p>Das Kind antwortete nicht, aber es schlug leidenschaftlich beide Arme um die milde
               Trösterin, und ein heißer Thränenstrom stürzte aus seinen Augen. –</p>
            <p>Zwei Tage darauf hielt ein Wagen vor dem Hellwigschen Hause. Die Witwe stieg ein mit
               ihren zwei Söhnen, um ihnen das Geleit bis zur nächsten Stadt zu geben. Johannes ging
               nach Bonn, um Medizin zu studieren, zuvor aber sollte er Nathanael demselben Institut
               übergeben, in welchem er erzogen worden war.</p>
            <p>Heinrich stand breitspurig und behaglich in der offenen Hausthür neben Friederike und
               sah dem Wagen nach, der langsam und schwerfällig über das holprige Pflaster des
               Marktplatzes hinschwankte. Es zog etwas wie ein leiser Pfiff über seine gespitzten
               Lippen – bei ihm stets das Anzeichen einer wohligen Stimmung – und beide Daumen
               steckten fest eingeklemmt in den gewaltigen Fäusten, was der Volksmund ungefähr in
               die Worte übersetzt: »Herr, behüte uns, daß das Unheil nicht wiederkehre!«</p>
            <p>»Da können nun so ein halb Mandel Jährchen vergehen, bis wir den einen oder den
               anderen wieder ins Haus kriegen,« sagte er seelenvergnügt zu Friederike, die sich
               pflichtschuldigst mit dem Schürzenzipfel über die Augen fuhr.</p>
            <p>»Und das ist dir wohl ganz recht, du Dickkopf?« fuhr sie ihn an. »Ein schöner Dank
               für das Trinkgeld, das du vom jungen Herrn gekriegt hast!«</p>
            <p>»Geh in deine Küche – auf dem Herde liegt das Zeug noch; ich rühr's mit keinem Finger
               an! Kannst dir meinetwegen einen roten Rock und gelbe Schuhe zum Vogelschießen dafür
               kaufen.«</p>
            <p>»Ach, du gottheilloser Mensch! ... Einen roten Rock und gelbe Schuhe, wie eine, die
               auf dem Seile tanzt!« rief die alte Köchin erbittert. »Na, es ist nur gut, daß man
               weiß, warum du so wütend bist – der junge Herr hat dir's heute morgen gut
               gegeigt!«</p>
            <p>
               <pb/> »I, was du nicht alles weißt!« warf der Hausknecht gleichmütig ein. Er steckte
               die Hände in die Seitentaschen seines Rockes, zog die Schultern in die Höhe und
               pflanzte sich noch breiter auf die Schwelle als bisher. Diese Haltung empörte
               Friederikes Gemüt stets bis zur Leidenschaft, denn es lag die äußerste Verachtung
               dessen drin, was sie sagte.</p>
            <p>»Hat der Mensch da zwanzig Thaler Lohn und höchstens fünfzig Thaler in der
               Sparkasse,« fuhr sie giftig fort, »und stellt sich vor seine reiche Herrschaft hin
               wie der Großmogul und spricht: ›Geben Sie mir das fremde Kind, ich bringe es bei
               meiner Schwester unter, es soll Ihnen keinen Heller kosten,‹ und –«</p>
            <p>»Und da hat der junge Herr geantwortet,« ergänzte Heinrich, indem er das Gesicht
               langsam der Erzürnten zuwendete: »›Das Kind ist in den besten Händen, Heinrich; es
               bleibt bis zu seinem achtzehnten Lebensjahre unter allen Umständen hier im Hause, und
               du wirst dich nicht unterstehen, es je zu bestärken, wenn es widerspenstig gegen
               meine Mutter ist, und – solltest du einmal wieder die alte Küchenhexe draußen beim
               Horchen ertappen, so nagle sie ohne Gnade am Ohrläppchen auf der Thür fest.‹ Was
               meinst du denn, Friederike, wenn ich jetzt –« er hob den Arm, und die alte Köchin
               floh schimpfend in die Küche.</p>
            <pb/>
         </div>
         <div type="chapter">
            <head>10</head>
            <p>Neun Jahre waren an dem stattlichen Hause auf dem Marktplatze vorübergestrichen; aber
               weder auf die eisenfesten Mauern, noch in das Frauenprofil am wohlbekannten Fenster
               des Erdgeschosses hatten sie einen Zug des Verfalles zu zeichnen vermocht ...
               Vielleicht sahen die Drachenköpfe hoch oben am Dache für den aufmerksamen Beschauer
               etwas mitgenommen aus – kein Wunder, wenn auch Drachenköpfe, weinten sie doch jahraus
               jahrein mit dem Himmel und gossen seine Thränenströme auf das Pflaster; nachher kam
               wieder die Sonne und durchglühte sie, solcher Wechsel verändert die Physiognomie. Die
               Frau da drunten aber stand auf dem Boden der starren Ueberzeugung, auf dem hohen
               Piedestal der eigenen Unfehlbarkeit – in dieser wandellosen, eisigkalten Region gibt
               es keinen Zweifel, keine Kämpfe, kein inneres Ringen, daher die äußere Versteinerung,
               die man eine gute Konservation zu nennen pflegt.</p>
            <p>Eine auffallende Veränderung zeigte das alte Haus aber doch: die Rouleaux in der
               großen Erkerstube des ersten Stockes waren seit einigen Wochen stets aufgerollt und
               Blumentöpfe standen auf den Fenstersimsen. Der Blick der Vorübergehenden suchte
               pflichtschuldigst nach wie vor zuerst das Fenster mit dem Asklepiasstocke, und Frau
               Hellwig konnte der ehrerbietigen Grüße stets sicher sein, aber dann huschten die
               Augen verstohlen hinauf nach <pb/> dem Erker. Dort, inmitten der steinernen
               Fenstereinfassung, erschien häufig ein reizendes Frauengesicht von förmlich
               blendender Frische, ein Kopf voll aschblonder Locken, mit blauen Taubenaugen, die
               fast kinderhaft groß und rund in die Welt schauten, und dieser Kopf saß auf einem
               blühenden Leibe vom schönsten Ebenmaße, den meist ein weißes Mullkleid umhüllte.
               Manchmal, freilich nicht oft, erhielt das liebliche Bild im Fensterrahmen aber auch
               eine entstellende Zugabe – eine Kindergestalt war dann auf einen Stuhl geklettert und
               sah neugierig über die Schultern der Dame hinunter auf den Marktplatz; es war ein
               armes, durch die Skrofelkrankheit furchtbar entstelltes Köpfchen; die Hand, welche
               das spärliche, weißblonde Haar so sorgfältig in zierliche Ringel kräuselte, machte
               sich vergebliche Mühe – unter dem künstlichen Lockenbau trat die Häßlichkeit des
               fahlen, aufgedunsenen Gesichtchens nur um so grotesker hervor, und der stets höchst
               elegante Anzug war auch selten geeignet, die unförmliche Taille und die
               aufgetriebenen Gelenke des Kindes zu verbergen. Allein bei allem Kontraste in der
               äußeren Erscheinung waren beide doch Mutter und Kind, und um des letzteren willen
               waren sie nach Thüringen gekommen.</p>
            <p>Innerhalb der letztverflossenen neun Jahre nämlich hatte ein Ingenieur seine
               Wünschelrute ziemlich nahe dem Weichbilde der Stadt X. spielen lassen; der moderne
               Mosesstab hatte dem Boden einen bitteren Quell entlockt, der an der Luft, wenn auch
               nicht zu Gold und Silber, so doch zu sehr schätzenswerten Salzkrystallen erhärtete.
               Das war ein Fingerzeig für die Bewohner von X. Sie etablierten ein Soolbad, das im
               Vereine mit dem ausgezeichneten Renommee der Thüringer Luft sehr bald Hilfesuchende
               aus aller Herren Länder herbeizog.</p>
            <p>Die junge Dame war auch in die Stadt gekommen, um ihr Kind in der Salzflut zu baden,
               und zwar auf Anraten des Professors Johannes Hellwig in Bonn ... Ja, die Frau da
               drunten hinter dem Asklepiasstocke hatte viel für ihren Sohn gethan! Sie hatte es
               durchgesetzt, daß er frühzeitig unter das Regiment des strenggläubigen Verwandten am
               Rhein gekommen war; sie hatte es nie geduldet, daß er während seines siebenjährigen
               Fernseins auch nur ein einziges Mal auf Ferien nach Hause kommen durfte; sie hatte
               jeden Morgen pünktlich und regelrecht seinen Namen auf dem Betstuhle genannt und war
               nie müde geworden, die Zahl und Beschaffenheit seiner Hemden von der <pb/> Ferne aus
               streng zu kontrollieren – und da war er nun auch ein berühmter Mann geworden.</p>
            <p>Es würde übrigens dem jungen Professor bei all seiner Berühmtheit und Wohlerzogenheit
               schwerlich gelungen sein, einen seiner Patienten in der geschonten Erkerstube seiner
               Mutter unterzubringen, wären nicht seine beiden Schützlinge Tochter und Enkelin jenes
               strenggläubigen Verwandten am Rhein gewesen, auf welchen Frau Hellwig große Stücke
               hielt. Nebenbei hatte auch die schöne junge Frau den Vorzug eines hübschen Titels –
               sie war die Witwe eines Regierungsrates in Bonn. Es konnte der Welt gegenüber ganz
               und gar nichts schaden, wenigstens eine kleine Regierungsrätin in der Familie zu
               haben, da Herr Hellwig sich stets starrköpfig geweigert hatte, seine Gattin zu einer
               Frau Kommissionsrätin oder dergleichen zu machen.</p>
            <p>Frau Hellwig saß am Fenster auf der Estrade. Man hätte meinen können, die Zeit sei
               auch spurlos an dem feinen, schwarzen Wollkleide, an Kragen und Manschetten
               vorübergegangen; bis auf die kleine Nadel, die den Kragen unter dem Kinne
               zusammenhielt, war der Anzug genau derselbe, wie wir ihn am ersten Abend an der
               großen Frau kennen gelernt haben. Nur erschien die Büste voller; die engen Aermel
               umschloßen drall die starken Oberarme, und der Schneider hatte, vielleicht
               heimlicherweise, den Rock faltenreicher um die plumpe, sehr ungraziöse Taille gereiht
               ... Ihre großen weißen Hände lagen mit dem Strickzeuge feiernd im Schoße – sie hatte
               in diesem Augenblicke Wichtigeres zu thun.</p>
            <p>An der Thür, in sehr ehrerbietiger Entfernung stand ein Mann; seine schmale Gestalt
               steckte in einem abgeschabten Rocke, und die Hand, die er öfter beim Sprechen hob,
               war voller Schwielen. Er sprach leise und stockend – war es doch so unheimlich still
               im Zimmer; nur das Ticken der Wanduhr begleitete seinen Vortrag. Aus dem Munde der
               gestrengen Frau kam kein ermutigendes Wort, ja, es schien, als fehle dieser
               regungslosen Gestalt sogar der Atemzug, als könne der starre, unbewegliche Blick
               stets und immer nur das eine Ziel haben – das ängstliche, blasse Gesicht des Mannes,
               der endlich erschöpft schwieg und sich mit seinem kattunenen Taschentuche den Schweiß
               von der Stirn wischte.</p>
            <p>»Sie sind an die Unrechte gekommen, Meister Thienemann,« sagte Frau Hellwig nach
               einer abermaligen Pause kalt. »Ich zersplittere mein Geld nicht in so kleine
               Kapitalien.«</p>
            <p>
               <pb/> »Ach, Madame Hellwig, so ist's ja auch gar nicht gemeint; ich werde doch nicht
               so unbescheiden sein!« entgegnete der Mann lebhaft und trat einen Schritt näher.
               »Aber Sie sind bekannt als eine wohlthätige Dame, denn Sie sammeln jahraus jahrein
               für die Armen und stehen so oft im Wochenblatte mit Lotterien und dergleichen, und da
               wollte ich nur bitten, mir für ein halbes Jahr gegen Zinsen das Kapitälchen von
               fünfundzwanzig Thalern aus dem Gesammelten vorzustrecken.«</p>
            <p>Frau Hellwig lächelte – der Mann wußte nicht, daß dies ein Todesurteil für seine
               Hoffnung war.</p>
            <p>»Ich könnte beinahe denken, es sei nicht ganz richtig bei Ihnen, Meister Thienemann –
               diese Zumutung ist wirklich neu!« <pb/> sagte sie beißend. »Allein ich weiß ja, daß
               Sie sich um die Bestrebungen der Gläubigen für die heilige Kirche nicht kümmern, und
               deshalb will ich Ihnen sagen, daß von den dreihundert Thalern, die gegenwärtig
               disponibel in meinen Händen sind, nicht ein Heller hier in der Stadt bleibt. Ich habe
               es für die Mission gesammelt – es ist heiliges Geld, – bestimmt zu einem Gott
               wohlgefälligen Werke, nicht aber, um Leute zu unterstützen, die arbeiten können.«</p>
            <p>»Madame Hellwig, an Fleiß lass' ich's nicht fehlen!« rief der Mann mit halberstickter
               Stimme. »Aber die Krankheit hat mich ins Elend gebracht ... Du lieber Gott, wie noch
               bessere Zeiten für mich waren, da hab' ich über Feierabend Kleinigkeiten gearbeitet
               und hab' sie in Ihre Lotterien gegeben, weil ich dachte, sie kämen unseren Armen zu
               gute, und nun geht das Geld hinaus in die weite Welt, und bei uns gibt's doch auch
               viele, die keinen Schuh an den Füßen und im Winter kein Scheit Holz auf dem Boden
               haben.«</p>
            <p>»Ich verbitte mir alle Anzüglichkeiten! ... Wir thun übrigens hier auch Gutes, aber
               mit Auswahl, Meister Thienemann ... Solche Männer, die im Handwerkervereine Vorträge
               voller Irrlehren mit anhören, bekommen natürlich nichts. Sie thäten auch besser, bei
               Ihrer Hobelbank zu stehen, als daß Sie in die Sterne und in die Steine gucken und
               behaupten, es sei da auch vieles anders, als die heilige Schrift aussage ... Ja, ja,
               dergleichen gotteslästerliche Reden kommen uns schon zu Ohren, und wir merken sie uns
               fleißig für vorkommende Fälle ... Sie kennen nun meine Ansicht und haben bei mir gar
               nichts zu hoffen.«</p>
            <p>Frau Hellwig wandte sich ab und sah zum Fenster hinaus.</p>
            <p>»Lieber Gott, was muß man sich doch alles sagen lassen, wenn man in Not ist!« seufzte
               der Mann. »Das verdanke ich meiner Frau; sie hat nicht geruht, bis ich in dies Haus
               gegangen bin.«</p>
            <p>Er sah noch einmal nach dem zweiten Fenster des Zimmers, und als ihm auch von dort
               her weder Hilfe noch ein tröstendes Wort kam, ging er zur Thür hinaus. Der letzte
               Blick des armen Handwerkers hatte der Regierungsrätin gegolten, die Frau Hellwig
               gegenüber saß. War je eine weibliche Erscheinung geeignet, eine frohe Hoffnung in dem
               Herzen Hilfsbedürftiger zu erwecken, so war es jene rosige Gestalt im duftigen,
               fleckenlos <pb/> weißen Kleide. Die weichen Linien des Profils, der Glorienschein der
               hellen Locken über der Stirne, die blauen Augen, – das alles machte den
               Gesamteindruck eines Engelkopfes – für den aufmerksamen Beobachter jedoch den eines
               gemeißelten; denn während mehr als einmal das Rot der Entrüstung über Frau Hellwigs
               Stirne geflogen war, und der Bittende so beweglich in Stimme und Gebärden seine
               sorgenvolle Angst an den Tag gelegt hatte, war von jenem lieblichen Oval auch nicht
               einen Augenblick der Ausdruck lächelnder Ruhe gewichen. Der schöne Busen hob und
               senkte sich in gleichmäßigen Atemzügen; die halbgestickte Rose unter ihren Fingern
               hatte sich während der kleinen Szene um ein Blatt vermehrt, und das strengste Auge
               würde an den sorgfältig abgezählten Kreuzstichen auch nicht den geringsten Makel
               entdeckt haben.</p>
            <p>»Du hast dich doch nicht geärgert, Tantchen?« fragte sie aufblickend mit lieblich
               schmeichelnder Stimme, als der Meister das Zimmer verlassen hatte. »Mein seliger Mann
               stand auch mit diesen Fortschrittlern stets auf sehr gespanntem Fuße, und das
               Vereinswesen war ihm ein Greuel ... Ah, sieh da, Karoline!«</p>
            <p>Bei diesem Ausrufe winkte sie nach der Küchenthür. Dort war schon längst, noch
               während der Anwesenheit des Tischlermeisters, ein junges Mädchen leise und
               geräuschlos eingetreten ... Wer vor vierzehn Jahren die schöne junge Frau des
               Taschenspielers vor den Gewehrläufen der Soldaten hatte stehen sehen, der mußte
               unwillkürlich erschrecken bei dieser wiedererstandenen Erscheinung. Es waren
               dieselben Körperformen, wenn auch zarter und mädchenhafter und hier in einen groben,
               dunklen Stoff gehüllt, während jenes unglückliche Weib der gleißende Schimmer
               theatralischen Pompes umgeben hatte. Es waren dieselben tadellosen Linien des Kopfes
               mit der perlmutterweißen, schmalen Stirne und den unmerklich herabgesenkten
               Mundwinkeln, die dem Gesicht einen hinreißenden Ausdruck leiser Schwermut verliehen.
               Bei jener Unglücklichen hatte der thränenvolle Blick aus dunkelgrauen Augensternen
               diesen Ausdruck vollendet; das junge Mädchen dagegen hob in diesem Momente die
               schwarzbewimperten Lider, und ein Paar brauner leuchtender Augen wurden sichtbar. Sie
               zeugten von einer Seele, die sich nicht überwunden gab, die sich nicht hatte beugen
               lassen zu widerstandsloser Duldung; es lag Kraft und Opposition in diesem Blicke –
               rollte doch auch polnisches <pb/> Blut in den Adern dieses jungen Geschöpfes, ein
               versprengter Tropfen jenes edlen, heißen Stromes, der sich immer wieder erhebt zu
               erfolglosem Kampfe gegen die Uebermacht.</p>
            <p>Wir wissen jetzt, daß das an der Thür stehende junge Mädchen Felicitas ist, wenn sie
               auch notgedrungen auf den simplen Namen Karoline hört – den »Komödiantennamen« hatte
               Frau Hellwig sofort bei Beginn ihrer Selbstherrschaft zu dem »Theaterplun der« in die
               Dachkammer geworfen.</p>
            <p>Felicitas näherte sich der Herrin des Hauses und legte ein bewunderungswürdig
               gesticktes Batisttaschentuch auf den Nähtisch derselben. Die Regierungsrätin griff
               hastig danach.</p>
            <p>»Soll das auch verkauft werden zum Besten der Missionskasse, Tante?« fragte sie,
               während sie das Tuch entfaltete und die Stickerei prüfte.</p>
            <p>»Je nun, freilich,« versetzte Frau Hellwig; »Karoline hat es ja zu diesem Zwecke
               arbeiten müssen – sie hat lange genug damit getrödelt. Ich denke, drei Thaler wird es
               doch wohl wert sein.«</p>
            <p>»Vielleicht,« meinte die Regierungsrätin achselzuckend. »Woher haben Sie denn die
               Zeichnung zu den Ecken, liebes Kind?«</p>
            <p>Ein leises Rot stieg in Felicitas' Gesicht. »Ich habe sie selbst entworfen,«
               antwortete sie mit leiser Stimme.</p>
            <p>Die junge Witwe sah rasch auf. Ihr blaues Auge veränderte sich für einen Moment – es
               schillerte fast ins Grünliche.</p>
            <p>»So, selbst entworfen?« wiederholte sie langsam. »Nehmen Sie mir's nicht übel,
               Kindchen, aber das ist eine Kühnheit, die ich mit dem besten Willen nicht fasse. Wie
               kann man nur so etwas wagen ohne die erforderlichen Kenntnisse! ... Das ist echter
               Batist, der Tante kostet dies Stück mindestens einen Thaler – es ist verdorben durch
               die stümperhafte Zeichnung.«</p>
            <p>Frau Hellwig fuhr heftig empor.</p>
            <p>»Ach, sei nicht böse auf Karoline, liebe Tante, sie hat es gewiß nur gut gemeint,«
               bat begütigend mit sanfter Stimme die junge Dame. »Vielleicht läßt es sich doch noch
               verwerten ... Sehen Sie, liebes Kind, ich habe mich grundsätzlich nie mit Zeichnen
               abgegeben, der Stift in der weiblichen Hand gefällt mir nicht, aber
               nichtsdestoweniger habe ich ein sehr, sehr scharfes Auge für eine fehlerhafte
               Zeichnung ... Gott im Himmel, was ist das für ein monströses Blatt hier!«</p>
            <p>Sie zeigte auf ein längliches Blatt, dessen Spitze umgebogen <pb/> war, und das sich
               in täuschenden Umrissen abhob von dem durchsichtigen Gewebe. Felicitas erwiderte kein
               Wort, doch sie preßte die zarten Lippen aufeinander und sah fest in das Gesicht der
               Tadlerin ... Die Regierungsrätin wandte sich hastig ab und legte die rechte Hand über
               die Augen.</p>
            <p>»Ach, liebes Kind, jetzt hatten Sie wieder einmal Ihren stechenden Blick!« klagte
               sie. »Es schickt sich wirklich nicht für ein junges Mädchen in Ihren Verhältnissen,
               andere so herausfordernd anzusehen. Denken Sie nur an das, was Ihnen Ihr wahrer
               Freund, unser guter Sekretär Wellner, immer sagt: ›Hübsch demütig, liebe Karoline!
               ... Sehen Sie, da haben Sie nun gleich wieder einen verächtlichen Zug um den Mund –
               das könnte einen beinahe ärgern! ... Wollen Sie sich denn wirklich auf das
               Romantische spielen und das Anerbieten dieses Ehrenmannes hartnäckig zurückweisen,
               weil – Sie ihn nicht lieben? ... Lächerlich! Da wird schließlich mein Vetter Johannes
               doch einen Machtspruch thun müssen!«</p>
            <p>Wie mußte sich das junge Mädchen in der Selbstbeherrschung geübt haben! Bei den
               letzten Worten der Regierungsrätin fuhr sie empor; man sah, wie ihr das rebellische
               Blut nach dem Kopfe stürmte; das plötzlich hoch empor gerichtete Haupt erhielt einen
               Augenblick etwas Dämonisches durch den Ausdruck des Hasses und der Verachtung.
               Dennoch sagte sie gleich darauf ruhig und kalt: »Ich werde es darauf ankommen
               lassen.«</p>
            <p>»Wie oft soll ich denn noch bitten, Adele, diesen widerwärtigen Handel nicht mehr zu
               berühren!« sagte Frau Hellwig erbittert. »Bildest du dir denn ein, in wenig Wochen
               diesen Starrkopf, dieses Stück Holz zu brechen, nachdem ich's neun Jahre umsonst
               versucht habe? Sobald Johannes kommt, wird die Sache ein Ende nehmen, und ich mache
               meine drei Kreuze ... Jetzt geh und hole mir Hut und Mantille,« herrschte sie
               Felicitas zu. »Ich hoffe zu Gott, daß diese Stümperei,« sie warf das Taschentuch
               verächtlich beiseite, »die letzte ist, die du dir in meinem Dienste hast zu schulden
               kommen lassen!«</p>
            <p>Felicitas ging schweigend hinaus. Bald darauf schritten Frau Hellwig und ihr Gast
               über den Marktplatz. Die schöne Frau führte ihr krankes Kind mütterlich zärtlich an
               der Hand. Verschiedene Köpfe fuhren aus den Fenstern und sahen der reizenden
               Erscheinung nach, die für alle ein sanftes, kinderfrohes Lächeln hatte. Rosa, ihr
               Dienstmädchen, und Friederike folgten mit Körben <pb/> am Arme; das Abendbrot sollte
               draußen im Garten gegessen werden, zugleich wollte man Kränze und Guirlanden binden.
               Morgen wurde der junge Professor nach neunjähriger Abwesenheit im Elternhause
               erwartet, und obgleich Frau Hellwig über die »Alfanzereien« brummte, ließ es sich die
               Regierungsrätin doch nicht nehmen, das Zimmer des Ankömmlings zum Willkommen zu
               schmücken.</p>
            <pb/>
         </div>
         <div type="chapter">
            <head>11</head>
            <p>Heinrich schloß die Hausthür, und Felicitas stieg die Treppe hinauf. Der schmale Gang
               mit seiner dumpfen, eingeschlossenen Luft, der sich da oben seitwärts abzweigte, wie
               lieb und traut umfing er das junge Mädchen, das eilig hindurch schlüpfte! Dann kam
               ein stiller, abgelegener Vorplatz; auf schiefe Wände, ein plumpes, wurmzerfressenes
               Treppengeländer, das unten aus unheimlicher Dämmerung emporstieg, und auf eine
               uralte, mit steifgemalten Tulpen und ziegelroten Rosen bedeckte Thür fiel hier ein
               falber Lichtschein, den bouteillengrüne Gläser hineinwarfen. Felicitas zog einen
               Schlüssel aus der Tasche und öffnete geräuschlos die Thür, hinter welcher eine
               schmale, dunkle Treppe nach der Mansarde führte.</p>
            <p>Das junge Mädchen hatte den halsbrechenden Weg über die Dächer nur ein einziges Mal
               machen müssen, von jenem Momente an war ihr der Eintritt in die abgeschiedene Klause
               der alten Mamsell unverwehrt. Während der ersten Jahre hatten sich ihre Besuche auf
               den Sonntag beschränkt, sie war dann in Heinrichs Begleitung hinaufgegangen. Nach
               ihrer Konfirmation jedoch hatte ihr die alte Mamsell den Schlüssel zu der gemalten
               Thür übergeben, und seitdem benutzte sie jeden freien Augenblick, <pb/> um
               hinaufzuschlüpfen ... sie führte sonach ein Doppelleben. Es war nicht nur äußerlich,
               daß sie dabei Höhe und Tiefe berührte, zwischen trüber Dämmerung und klarem
               Sonnenlichte wechselte – ihre Seele machte dieselbe Wandelung durch, und allmählich
               war sie so erstarkt, daß zuletzt alle Schatten, alles Trübe der unteren Region hinter
               ihr blieben, sobald sie die schmale, dunkle Treppe hinaufstieg ... Unten handhabte
               sie Bügeleisen und Kochlöffel; ihre sogenannte Erholungszeit mußte sie ausfüllen mit
               Stickereien, deren Ertrag zu wohlthätigen Zwecken bestimmt war, wie wir bereits
               gesehen haben, und außer der Bibel und einem Gebetbuche wurde ihr jede Lektüre streng
               verweigert. In der Mansarde dagegen erschlossen sich ihr die Wunder des menschlichen
               Geistes. Sie lernte mit wahrer Begierde, und das Wissen der rätselhaften Einsamen da
               droben war wie ein unerschöpflicher Quell, wie ein geschliffener Diamant, dem nach
               jeder Richtung hin Funken entsprühen ... Außer Heinrich wußte niemand im Hause um
               diesen Verkehr, die leiseste Ahnung seitens der Frau Hellwig würde ihm
               natürlicherweise sofort den Todesstoß versetzt haben. Trotzdem hatte die alte Mamsell
               dem Kinde stets eingeschärft, streng die Wahrheit zu sagen, wenn es jemals darum
               befragt werden sollte. Dazu kam es indes niemals; Heinrich wachte treulich, er stand
               auf der Lauer und hatte Augen und Ohren offen.</p>
            <p>Die dunkle Treppe war erklommen. Felicitas blieb horchend vor einer Thür stehen,
               schob einen kleinen Schieber an derselben seitwärts und blickte lächelnd hinein. Da
               drin ging es toll zu – es war ein seltsames Gemengsel von Singen, Piepen und
               Schreien. Inmitten des Raumes erhoben sich zwei Tannen; die Wände entlang liefen
               Boskette, wie sie ein Garten nicht frischer aufweisen konnte, und auf dem Gezweige
               hauste ein lustiges Vogelgesindel. Das war das Lebendige, das sich die alte Mamsell
               in ihre stille Einsiedelei heraufgeholt hatte. Die kleinen melodischen Kehlen sangen
               zwar immer die nämlichen Weisen, aber dafür hatten sie auch nicht jene unselige
               Wandelung der Menschenzunge, die heute »hosianna« und morgen »kreuzige« ruft.</p>
            <p>Felicitas schloß den Schieber und öffnete eine zweite Thür. Der Leser hat bereits vor
               Jahren einen Blick in diesen epheuumsponnenen Raum geworfen, er kennt die Versammlung
               ernster Köpfe, die sich an den Wänden hinreiht, aber er weiß nicht, daß sie in
               innigem Zusammenhange stehen mit jenen großen, in roten <pb/> Maroquin gebundenen
               Büchern, welche dort in einem altväterischen Glasschranke aufgeschichtet liegen ...
               Es ist eine gewaltige Flut, die von jenen Stirnen ausgegangen – wer sie zu entfesseln
               versteht, der kennt keine Einsamkeit, kein Verlassensein ... Die großen Tonmeister
               verschiedener Zeiten waren es, welche in Bild und Werken das Asyl der alten Mamsell
               teilten, und wie sich die Epheuranken vermittelnd und unparteiisch um alle Büsten
               schlangen, ebenso vorurteilslos begeisterte sich die einsame Klavierspielerin an der
               altitalienischen, wie an der deutschen Musik. Der Glasschrank barg aber auch noch
               Schätze, die einen Autographensammler <pb/> in Ekstase hätten versetzen können.
               Manuskripte und Handschriften jener gewaltigen Männer, die meisten von seltenem
               Werte, lagen in Mappen hinter den Scheiben. Diese Sammlung war in früheren Jahren
               zusammengetragen worden, wo, wie die alte Mamsell lächelnd meinte, ihr Blut noch
               feurig durch die Adern gerollt sei und hinter den Wünschen noch die Energie gestanden
               habe – manches vergilbte Blatt war mit bedeutenden Opfern und seltener Ausdauer
               errungen worden.</p>
            <p>Felicitas fand die alte Mamsell in einem Zimmer hinter der Schlafstube. Sie kauerte
               auf einem Fußbänkchen vor einem geöffneten Schranke, und um sie her auf Stühlen und
               Fußboden lagen Rollen weißer Leinwand, Flanell und eine Menge jener kleinen
               Gegenstände, die das Menschenkind sofort nach seinem ersten Schrei beansprucht. Die
               alte Dame wandte den Kopf nach der Eintretenden. Ihre feinen Züge hatten sich
               merkwürdig verändert, und wenn sie auch jetzt eben lebhafte Freude ausdrückten, so
               konnten doch damit die Spuren des Verfalles nicht verwischt wer den.</p>
            <p>»Gut, daß du kommst, meine liebe Fee!« rief sie dem jungen Mädchen entgegen. »Bei
               Tischler Thienemann kann alle Augenblicke der Storch ins Haus fliegen, wie mir eben
               die Aufwartefrau sagte, und die Leute haben auch nicht das kleinste Stückchen Wäsche
               für das arme Kindchen ... Unser Vorrat ist noch recht anständig, wir werden ein ganz
               hübsches Bündel zusammenbringen, nur daran fehlt es« – sie setzte ein Mützchen von
               rosa Kattun auf ihre kleine Faust und hielt eine schmale weiße Spitze daran. »Das
               könntest du gleich fertig machen, Fee,« fuhr sie fort; »die Sachen müssen auf jeden
               Fall heute abend noch hingeschafft werden.«</p>
            <p>»Ach, Tante Cordula,« sagte Felicitas, indem sie Nadeln und Faden zur Hand nahm,
               »damit ist den Leuten nicht allein geholfen – ich weiß ganz genau, Meister Thienemann
               braucht auch Geld, und zwar fünfundzwanzig blanke Thaler.«</p>
            <p>Die alte Mamsell überlegte.</p>
            <p>»Hm, es ist ein wenig viel für meine gegenwärtigen Finanzen,« meinte sie, »aber es
               wird doch gehen.«</p>
            <p>Sie erhob sich mühsam. Felicitas reichte ihr den Arm und führte sie nach dem
               Musikzimmer.</p>
            <p>»Tante,« sagte sie plötzlich stehen bleibend, »die Frau Thienemann hat sich vor
               kurzem geweigert, deine Wäsche zu besorgen, <pb/> um es nicht mit Frau Hellwig zu
               verderben – hast du nicht daran gedacht?«</p>
            <p>»Ich glaube gar, du willst deine alte Tante aufs Eis führen!« rief die alte Mamsell
               bitterböse, aber der Schalk leuchtete aus ihren Augen. Sie fuhr leicht mit den
               Fingern über die Wange des jungen Mädchens. Beide lachten und schritten nach dem
               Glasschranke.</p>
            <p>Dies schwerfällige, altväterische Möbel hatte auch seine Geheimnisse. Tante Cordula
               drückte auf eine harmlos scheinende Verzierung, und an der äußeren Seitenwand sprang
               eine schmale Thür auf. Der sichtbar werdende Raum war die Bank der alten Mamsell, und
               in früheren Zeiten hatte er für Felicitas' Kinderaugen den Nimbus einer
               Christbescherung gehabt; denn nur selten durfte sie einen scheuen, halbbefriedigten
               Blick auf all die hier aufgespeicherten Kostbarkeiten und Raritäten werfen. Auf den
               schmalen Regalen lagen einige Geldrollen, Silberzeug und Schmucksachen.</p>
            <p>Während die Tante eine Rolle anbrach und die Thaler bedächtig zählte, ergriff
               Felicitas eine in der dunkelsten Ecke stehende Schachtel und öffnete sie neugierig.
               Es lag ein goldener Armring, weich auf Watte gebettet, darin; kein edler Stein
               blitzte an dem Reifen, allein er wog schwer in der Hand und mußte wohl massiv von
               Gold sein. Was aber ganz besonders an ihm auffiel, das war sein Umfang – einer Dame
               wäre er sicher über die Hand geglitten, er schien somit weit eher für das derbe
               Handgelenk eines kräftigen Mannes bestimmt zu sein. Nach der Mitte zu wurde er
               bedeutend breiter, und hier hatte der Grabstichel in wundervoller Weise Rosen und
               feines Gezweig zu einem Medaillon ineinander geschlungen. Der Kranz umfaßte folgende
               Verse:</p>


            <l>»Swa zwei liep ein ander meinent</l>
            <l>herzelichen âne wanc</l>
            <l>Und sich beidiu sô vereinent,«</l>


            <p>Das junge Mädchen drehte den Ring nach allen Seiten und suchte eine Fortsetzung; denn
               wenn auch des Altdeutschen nicht mächtig, übersetzte sie doch mit Leichtigkeit den
               letzten Vers in die Worte: »Und sich beide so vereinen,« – das war aber kein
               Schluß.</p>
            <p>»Tante, kennst du das weitere nicht?« fragte sie, immer noch eifrig suchend.</p>
            <p>
               <pb/> Die alte Mamsell hielt den Finger auf einen eben hingelegten Thaler und sah
               mitten im Zählen auf.</p>
            <p>»O Kind, über was bist du da geraten!« rief sie heftig – es lagen Unmut, Schrecken
               und Trauer zugleich in ihrer Stimme. Sie griff rasch nach dem Armbande, legte es mit
               bebender Hand in die Schachtel und drückte den Deckel darauf. Ein feiner, roter Fleck
               brannte plötzlich auf der einen Wange, und die gerunzelten Augenbrauen gaben ihrem
               Blick etwas düster Brütendes – ein nie gesehener Anblick für das junge Mädchen. Ja,
               es schien fast, als versänke die Gegenwart völlig vor einer gewaltsamen Flut
               plötzlich heraufbeschworener Erinnerungen, als wisse die alte Dame gar nicht mehr,
               daß Felicitas neben ihr stehe, denn nachdem sie mit fieberhafter Hast die Schachtel
               in die Ecke gestoßen hatte, ergriff sie einen danebenstehenden, mit grauem Papier
               beklebten Kasten und fuhr streichelnd und liebkosend mit der Rechten über die
               abgestoßenen Ecken desselben; ihre Züge wurden milder, sie seufzte und murmelte vor
               sich hin, während sie ihn gegen ihre eingesunkene Brust drückte: »Es muß vor mir
               sterben ... und ich kann es doch nicht sterben sehen!«</p>
            <p>Felicitas schlang ängstlich die Arme um die kleine schwächliche Gestalt, die in
               diesem Augenblick wie hilf- und haltlos vor ihr stand. Es war zum erstenmal seit
               ihrem neunjährigen Verkehr, daß die Tante die Herrschaft über sich selbst verlor. So
               zart und hinfällig in der äußeren Erscheinung, hatte sie doch unter allen Umständen
               einen merkwürdig starken Geist, eine unerschütterliche Seelenruhe gezeigt, die kein
               äußerer Anlaß aus dem Gleichgewichte zu bringen vermochte. Sie hatte sich mit jeder
               Faser ihres Herzens liebend an Felicitas angeschlossen und alle ihre Kenntnisse,
               ihren ganzen Schatz kerngesunder Lebensansichten in die junge Seele niedergelegt,
               aber vor ihrer Vergangenheit lagen heute noch wie vor neun Jahren Siegel und Riegel.
               Und nun hatte Felicitas in unvorsichtiger Hast an dies scheu verschlossene Stück
               Leben gerührt – sie machte sich die bittersten Vorwürfe.</p>
            <p>»Ach, Tante, verzeihe mir!« bat sie flehentlich – wie kindlich rührend konnte dies
               junge Mädchen bitten, das Frau Hellwig einen Starrkopf, ein Stück Holz genannt
               hatte!</p>
            <p>Die alte Mamsell fuhr sich mit der Hand über die Augen.</p>
            <p>»Sei still, Kind, du hast nichts verbrochen, aber ich, ich schwatzte kindisch wie das
               Alter!« sagte sie mit erloschener Stimme. »Ja, ich bin alt, alt und gebrechlich
               geworden! Früher, da biß <pb/> ich die Zähne zusammen, die Zunge lag still dahinter,
               und ich stand stramm nach außen – das will nicht mehr gehen – es ist Zeit, daß ich
               mich hinlege.«</p>
            <p>Sie hielt den kleinen schmalen Kasten noch immer zögernd in den Händen, als ringe sie
               nach Mut, das ausgesprochene Todesurteil jetzt gleich zu vollziehen. Allein nach
               einigen Augenblicken legte sie ihn rasch an seine frühere Stelle und schloß den
               Schrank. Und damit schien auch die äußere Ruhe zurückzukehren. Sie trat an den runden
               Tisch, der neben dem Schranke stand, und auf welchem sie das Geld hingezählt hatte.
               Als sei nicht das mindeste Störende vorgefallen, nahm sie die Rolle wieder auf und
               legte noch zwei Thaler zu den blanken Reihen.</p>
            <p>»Das Geld wollen wir in ein sauberes Papier wickeln,« sagte sie zu Felicitas – an
               ihrer Stimme hörte man freilich noch den schwer bekämpften inneren Aufruhr – »und das
               Päckchen in die kleine rote Mütze stecken, da ist doch schon etwas Segen darin
               gewesen, ehe das junge Köpfchen hineinkommt ... Und Heinrich soll heute abend punkt
               neun Uhr auf seinem Posten sein – vergiß das ja nicht!«</p>
            <p>Die alte Mamsell hatte nämlich auch ihre großen Eigenheiten – sie war lichtscheu, und
               zwar in ihren Thaten. Sie wurden, wie die Fledermäuse, erst mit der Nacht lebendig
               und klopften an die Höhlen der Armut, wenn die Straßen leer und die Menschenaugen
               müde waren ... Heinrich war seit langen Jahren die rechte Hand, von der die linke
               nicht wissen sollte, was sie thue; er trug die Unterstützungen der alten Mamsell mit
               einer Schlauheit und Unsichtbarkeit in die armen Wohnungen, als könne er für
               dergleichen Wege seine schwerfällige Hausknechtshülle völlig abstreifen – so kam es,
               daß viele in der Stadt unwissentlich das Brot der alten Mamsell aßen, von der sie die
               ungeheuerlichsten Dinge glaubten und nötigenfalls beschworen ... Das war gewiß eine
               schwer verständliche Eigenheit für jene frommen Seelen, die mit Inbrunst das
               Bibelwort festhalten, das da heißt: »Lasset euer Licht leuchten!«</p>
            <p>Während Tante Cordula das Geld mit peinlicher Genauigkeit einpackte, öffnete
               Felicitas die Glasthür, die nach der Galerie führte. Es war Ende Mai .. O du
               vielbesungener Frühling, wie wenige wissen um dein Walten im Thüringer Lande! Du bist
               nicht jener blondlockige, ausgelassene Knabe des Südens, dem es wie Champagner durch
               die Adern braust und dessen Fußstapfen <pb/> mühelos Orangeblüten und Myrten
               entsprießen. Hoheit liegt auf deiner Stirn und um deine Lippen blüht das ruhige
               Lächeln tiefsinnigen Schaffens. Du mischest die Farben bedächtig und untermalst deine
               Bilder in langsamer Behaglichkeit; wir folgen deinen Pinselzügen mit stiller Freude –
               sie sind nicht kühn und gewaltig, aber lieblich und voll sinniger Grazie. Den
               bräunlich grünen Flaum, der sich um die Brust der waldigen Berge legt, während droben
               noch unangetastet das Schneekrönchen auf ihrem Scheitel sitzt, das feine, grüne
               Spitzengewebe junger Halme und Gräser über braunen Erdschollen und auf dem verdorrten
               vorjährigen Graswuchse der Wiesen und Abhänge – das wandelst du allmählich und leise
               zu jungen Maienzweigen, zu Schneeglöckchen und Veilchensträußen, und nach ruhigem
               Ueberlegen und Behüten holst du, wie der sorgsame Gärtner, endlich die tausendfältige
               Farbenpracht aus den geschützten Gärten und legst sie auf Hecken, Wiesen und Raine
               ... Und der Hauch deines Mundes ist jene herbkräftige Luft, die Nerven und Sehnen des
               Thüringer Menschenkindes stählt, die sein Herz empfänglich macht für das Lied und es
               zähe ausdauern läßt im Festhalten poetischen Aberglaubens, die ihm erhält seinen Sinn
               für das Recht, seine Neigung zur Opposition, sein naiv treues Gemüt und – seine
               himmlische Grobheit!</p>
            <p>Weit da drüben lösten sich die grünen Streifen der Saatfelder wie breite Bänder vom
               Waldessaume ab und liefen thaleinwärts. Das jüngste Kirschbäumchen, wie der wilde,
               knorrige Birnbaum standen weißflockig und leuchtend an ihren Grenzen, auf
               verschiedenem Piedestal ein gleich jugendliches Haupt – eine Unparteilichkeit der
               Natur, die der Mensch vergeblich ersehnt .. Auf der Brüstung der Galerie blüthen
               Hyacinthen, Maiblumen und Tulpen, und zu beiden Seiten der Glasthür standen mächtige
               Syringen- und Schneeballenbüsche in Kübeln.</p>
            <p>Felicitas rückte den kleinen runden Tisch in den Vorbau und daneben den bequemen
               Lehnsessel der alten Mamsell. Sie legte eine frische Serviette auf und machte die
               kleine Kaffeemaschine zurecht; das noch zu vollendende Kinderzeug wurde daneben
               gelegt, und als es in der kleinen Messingkanne sang und zischte und ein köstlicher
               Mokkaduft auf die Galerie hinausströmte, da saß die alte Mamsell behaglich in ihrem
               Lehnstuhle und blickte träumerisch hinaus in die sonnenbeschienene Frühlingswelt.</p>
            <p>Felicitas hatte ihre Arbeit wieder aufgenommen.</p>
            <p>
               <pb/> »Tante,« sagte sie nach einer kleinen Pause, jedes ihrer Worte betonend, »er
               kommt morgen.«</p>
            <p>»Ja, mein Kind, ich weiß es aus der Zeitung; da steht die Notiz aus Bonn: ›Professor
               Hellwig geht zu seiner Erholung auf zwei Monate nach Thüringen.‹ ... Er ist ein
               berühmter Mann geworden, Fee!«</p>
            <p>»Ihm mag sein Ruhm leicht werden. Er kennt nicht die Qual, die das Mitleiden der
               Pflicht gegenüber verursacht ... Er schneidet in das Fleisch und in die Seelen seiner
               Mitmenschen mit gleichem Behagen.«</p>
            <p>Die alte Mamsell heftete erstaunt ihren Blick auf Felicitas' Gesicht; dieser Ton voll
               unsäglicher Bitterkeit war ihr neu.</p>
            <p>»Hüte dich, ungerecht zu werden, mein Kind!« sagte sie nach einem momentanen
               Schweigen langsam und mit unbeschreiblicher Milde.</p>
            <p>Felicitas sah rasch auf – ihre braunen Augen erschienen in diesem Augenblicke fast
               schwarz.</p>
            <p>»Ich wüßte nicht, wie ich es anfangen sollte, nachsichtiger über ihn zu denken,«
               entgegnete sie; »er hat sich schwer an mir versündigt, und ich weiß – ich würde es
               nie beklagen, wenn ihm ein Leid widerführe, und wenn ich ihm zu einem Glücke
               verhelfen könnte, ich würde keinen Finger bewegen –«</p>
            <p>»Fee –«</p>
            <p>»Ja, Tante, das ist die Wahrheit! ... Ich habe stets ein ruhiges Gesicht zu dir
               heraufgebracht, weil ich dir und mir die kargen Stunden unseres Beisammenseins nicht
               vergällen wollte; du hast oft an den Frieden meiner Seele geglaubt, während es in ihr
               stürmte ... Lasse dich in den Staub treten, täglich, stündlich – höre, wie deine
               Eltern geschmäht werden, wie man sie Gottverfluchte nennt, denen du alle dir
               angedichteten Fehler verdanken sollst – fühle das Streben nach Höherem in dir und
               lasse dich unter Hohnlachen hinabstoßen in die ungebildete Sphäre, weil du arm bist
               und kein Recht hast an höherer Bildung – siehe, wie diese deine Peiniger den Nimbus
               der Frömmigkeit tragen und dich ungestraft im Namen des Herrn geistig vernichten
               dürfen und trägst du das alles ruhig, empört sich nicht jeder Blutstropfen in dir,
               kannst du verzeihen, so ist das nicht die Duldsamkeit eines Engels, sondern die
               feige, sklavische Unterwerfung einer schwachen Seele, die es verdient, daß man ihr
               den Fuß auf den Nacken setzt!«</p>
            <p>Felicitas sprach fest, mit tiefer klangvoller Stimme. Welche <pb/> Gewalt hatte
               dieses merkwürdige, junge Geschöpf über sein Aeußeres! – kaum, daß es die Hand hob
               bei den leidenschaftlichen Worten, die über seine Lippen strömten.</p>
            <p>»Der Gedanke, daß ich jenem Steingesichte wieder gegenüber stehen soll, regt mich
               mehr auf, als ich dir sagen kann, Tante!« fuhr sie nach einem tiefen Atemholen fort.
               »Er wird mit der Stimme ohne Herz und Seele alles wiederholen, was er seit neun
               Jahren schriftlich an mir verbrochen hat ... Wie der grausame Knabe, der ein armes,
               geflügeltes Geschöpf am Faden flattern läßt, so hat er mich an dies schreckliche Haus
               gebunden und dadurch den letzten Willen des Onkels in einen Fluch für mich verkehrt
               ... Kann es etwas Grausameres geben, als seine Handlungsweise mir gegenüber? Ich
               durfte keine geistigen Fähigkeiten, kein weiches Herz, kein empfindliches Ehrgefühl
               haben – das alles war unstatthaft bei einem Spielerskinde; seine schmachvolle Abkunft
               konnte nur gesühnt werden dadurch, daß es eine sogenannte Magd des Herrn werde, eines
               jener armen Geschöpfe mit möglichst engbegrenztem Gesichtskreise.«</p>
            <p>»Nun, darüber sind wir hinausgekommen, mein Kind!« sagte Tante Cordula mit einem
               feinen Lächeln. »Uebrigens wird jedenfalls mit seiner Ankunft ein Wendepunkt für dich
               eintreten,« fügte sie ernst hinzu.</p>
            <p>»Nach verschiedenen Kämpfen sicher – Frau Hellwig gab mir heute den Trost, es werde
               dann alles ein Ende haben.«</p>
            <p>»Nun, und dann werde ich dir nicht mehr zu wiederholen brauchen, daß du drunten
               ausharren müßtest, um den letzten Willen dessen zu ehren, der dich in sein Haus
               genommen und wie ein eigenes Kind geliebt hat ... Dann bist du völlig frei und wirst
               die Pflegerin deiner alten Tante vor aller Welt, und wir dürfen nicht mehr fürchten,
               auseinander gerissen zu werden, denn die drunten haben sich ihres Rechtes
               begeben.«</p>
            <p>Felicitas sah mit leuchtenden Augen auf, sie ergriff rasch die kleine, welke Hand der
               alten Mamsell und zog sie an ihre Lippen.</p>
            <p>»Und denke nicht schlimmer von mir, Tante, seit du tiefer als bisher in mein Inneres
               gesehen hast,« bat sie mit weicher Stimme. »Ich liebe die Menschen und habe eine sehr
               hohe Meinung von ihnen, und wenn ich mich so energisch gegen geistigen Tod gewehrt
               habe, so hat mich zum Teil auch der Gedanke angetrieben, in ihrem Kreise mehr zu
               sein, als ein gewöhnliches <pb/> Lasttier ... Werde ich auch durch einzelne
               mißhandelt, so bin ich doch weit entfernt, meine Anklage über die gesamte Menschheit
               auszudehnen – ich habe nicht einmal Mißtrauen gegen sie ... Dagegen bin ich nicht im
               stande, meine Feinde zu lieben und die zu segnen, die mir fluchen. Ist das ein
               dunkler Punkt in meinem Charakter, so kann ich's nicht ändern, und, Tante – ich will
               auch nicht, denn hier ist die haarscharfe Grenze zwischen Milde und
               Charakterlosigkeit!«</p>
            <p>Tante Cordula schwieg und heftete den trüben Blick auf den Boden ... Hatte sie auch
               einen Moment in ihrem Leben, wo sie nicht oder nur mit unsäglicher Ueberwindung
               verzeihen konnte? ... Sie ließ das Gespräch absichtlich fallen, nahm selbst Nadel und
               Faden zur Hand, und nun wurde ununterbrochen gearbeitet, und als der Abend
               hereindämmerte, war ein stattliches Bündel fertig. Tief in seinem Innern steckte der
               silberne Kern, jenes kleine Kapital, das der arme Tischlermeister von den
               »Gottbegnadeten« vergebens erfleht hatte und welches er nun unbewußt empfing aus den
               Händen der sogenannten Ungläubigen.</p>
            <p>Als Felicitas die Wohnung der alten Mamsell verließ, war es schon lebendig im
               Vorderhause. Sie hörte das Kind der Regierungsrätin, die kleine Anna, lachen und
               plaudern, und der Vorsaal im zweiten Stockwerke hallte wider von kräftigen
               Hammerschlägen. <pb/> Das junge Mädchen flog durch den Korridor, der in den Vorplatz
               mündete. Dort stand Heinrich auf einer Leiter und befestigte Guirlanden über einer
               Thür. Bei Felicitas' Erblicken schnitt er eine urkomische Grimasse, in welcher Grimm,
               Spott und Laune um die Oberhand stritten, und schlug noch einigemal heftig auf die
               unglücklichen Nägelköpfe, als sollten sie zu Brei zermalmt werden, dann stieg er
               herunter.</p>
            <p>Die kleine Anna hatte mit feierlichem Ernste die Leiter gehalten, damit sie nicht
               umfallen sollte, als sie aber Felicitas erblickte, da vergaß sie ihres wichtigen
               Amtes, wackelte schwerfällig auf sie zu und schlang zärtlich die Aermchen um deren
               Knie. Das junge Mädchen hob sie vom Boden auf und nahm sie auf den Arm.</p>
            <p>»Thun die Leute nicht, als ob morgen eine Kopulation im Hause wäre,« sagte Heinrich
               halblaut und geärgert, »und derweil kommt einer, der nicht rechts, noch links sieht
               und den ganzen Tag ein Gesicht macht, als ob er Essig verschluckt hätte« ... Er hob
               das eine Ende der Guirlande auf. »Gucke da, Blümelein Vergißmeinnicht ist auch d'rin
               ... na, die das Dings da gebunden hat, die wird schon wissen warum ... Aber Feechen,«
               unterbrach er sich ärgerlich, als er sah, daß das Kind seine Wange an Felicitas'
               Gesicht legte, »thue mir doch den einzigen Gefallen und nimm das kleine Scheusälchen
               nicht immer auf den Arm – es hat ja keinen gesunden Tropfen Blut im Leibe, und
               vielleicht steckt's doch an.«</p>
            <p>Felicitas legte rasch die Linke um die kleine Gestalt und drückte sie voll tiefen
               Erbarmens an ihre Brust. Das Kind fürchtete sich vor Heinrichs feindseligem Blicke
               und versteckte sein häßliches Gesichtchen, man sah nur den kleinen Lockenkopf, und so
               war das junge Mädchen mitdem Kinde auf dem Arme in diesem Augenblicke das schönste
               Madonnenbild.</p>
            <p>Sie war eben im Begriff, unwillig zu antworten, als die bekränzte Thür aufging; sie
               mochte nur angelehnt gewesen sein, denn langsam und allmählich fiel sie zurück und
               ließ die Draußenstehenden ins Zimmer sehen. Es war in der That, als solle eine junge
               Braut ihren Einzug halten; auf dem Sims des einzigen Fensters da drin standen Vasen
               voll Blumen, und die Regierungsrätin hatte eben eine lange Guirlande in zierlichen
               Festons über den Schreibtisch gehangen. Sie trat zurück, um das Werk ihrer Hände von
               fern zu betrachten, dabei wandte sie <pb/> den Kopf und erblickte die draußen
               stehende Gruppe. Vielleicht mißfiel ihr die Madonnenähnlichkeit, sie runzelte
               mißmutig die feinen Brauen, rief ihr Dienstmädchen herbei, das mit dem Staubtuche
               über die Möbel fuhr, und zeigte nach der Thür.</p>
            <p>»Wirst du denn gleich 'runtergehen, Aennchen,« schalt Rosa herauseilend, »du sollst
               dich ja von niemand auf den Arm nehmen lassen, hat die Mama gesagt ... Die gnädige
               Frau sieht es gar nicht gern,« sagte sie schnippisch zu Felicitas, während sie die
               Kleine nahm und auf den Boden stellte, »wenn Aennchen zu allen Leuten geht und sich
               küssen und hätscheln läßt – es sei nicht gesund, meint sie.«</p>
            <p>Sie führte das bitterlich weinende Kind ins Zimmer und schloß die Thür.</p>
            <p>»Ei, du heiliges Kreuz, ist das ein Volk!« knirschte Heinrich, indem er die Treppe
               hinabstieg. »Siehst du, das hast du nun von deinem guten Willen, Feechen! – Solche
               Leute denken, ihre Krankheiten seien ebenso vornehm, wie sie selber, und man müsse
               Gott danken, wenn man mit seinen gesunden Händen ihre elenden Leiber anrühren
               darf.«</p>
            <p>Felicitas schritt schweigend neben ihm. Als sie die Hausflur betraten, rollte draußen
               ein Wagen über den Marktplatz und hielt vor dem Hause. Ehe Heinrich die Thür
               erreichen konnte, wurde sie mit einem kräftigen Rucke geöffnet. Es dämmerte bereits
               stark in der Flur; man konnte nur an den Umrissen erkennen, daß es eine gedrungene
               Männergestalt war, welche auf die Schwelle trat. Mit wenigen raschen Schritten stand
               der Herr vor der Thür des Wohnzimmers, die von innen aufgemacht wurde. Den Ausruf der
               Ueberraschung von Frau Hellwigs Lippen und die trockenen Worte: »Ei, du bist
               unpünktlich geworden, Johannes, wir erwarteten dich erst morgen!« schollen heraus,
               dann wurde die Thür geschlossen, und nur der draußen harrende Wagen und das
               zurückgebliebene Aroma einer feinen Zigarre bewiesen, daß die Erscheinung wirklich
               gewesen war.</p>
            <p>»Das war er!« flüsterte Felicitas und legte die Hand auf ihr erschrockenes Herz.</p>
            <p>»Nun kann's losgehn!« brummte Heinrich zu gleicher Zeit, aber er schwieg alsbald
               wieder und horchte lächelnd nach dem Treppenhause.</p>
            <p>Da droben kam es herabgebraust wie die wilde Jagd. Die Regierungsrätin flog förmlich
               über die Stufen, die blonden Locken <pb/> flatterten, und das weiße Kleid umwogte die
               schwebende Gestalt wie eine Wolke. Sie ließ Rosa und das langsam herabpolternde Kind
               weit hinter sich und stand nach wenigen Augenblicken im Wohnzimmer.</p>
            <p>»Gelt, Feechen, nun wissen wir doch auch, warum Blümelein Vergißmeinnicht in der
               Guirlande steckt?« lachte Heinrich und ging hinaus, um die Effekten des Ankömmlings
               in Empfang zu nehmen.</p>
            <pb/>
         </div>
         <div type="chapter">
            <head>12</head>
            <p>Um anderen Morgen – es war noch ziemlich früh – benutzte Felicitas einen freien
               Augenblick und schlüpfte hinauf zur Tante Cordula, um ihr mitzuteilen, daß Heinrichs
               Expedition bei der armen Tischlerfamilie geglückt sei. Auf dem Vorplatze des zweiten
               Stockes kam ihr Heinrich entgegen, er schmunzelte seelenvergnügt und deutete mit dem
               Daumen über die Schulter zurück nach der Thür, die er gestern bekränzt hatte. Der
               Blumenschmuck war verschwunden; ein förmlicher Knäuel von Guirlanden lag am Boden,
               und an der Wand hin reihten sich verschiedene Blumenvasen.</p>
            <p>»Hui, das flog 'runter!« flüsterte Heinrich. »Eins, zwei, drei, da lag das Blümelein
               Vergißmeinnicht auf der Erde – ich kam gerade dazu, wie er auf der Leiter stand.«</p>
            <p>»Wer?«</p>
            <p>»Nun, der Professor ... Er machte ein schreckliches Gesicht, ich hatte aber auch das
               Dings für alle Ewigkeit festgenagelt – er hat fürchterlich reißen und zerren müssen
               ... Aber denke dir nur, Feechen, er gab mir die Hand, wie ich ihm guten Morgen
               wünschte – das hat mich doch gewundert.«</p>
            <p>Felicita's Lippen kräuselten sich – sie war im Begriffe, etwas <pb/> Herbes zu sagen,
               aber plötzlich huschte sie um die Ecke in den dunklen Korridor; drin im Zimmer hatten
               sich rasche Schritte der Thür genähert.</p>
            <p>Als sie später aus der Mansarde zurückkehrte und die Treppe hinabgehen wollte, da
               klang die Stimme der Regierungsrätin aus dem ersten Stock herauf; sie sprach in sanft
               klagenden Tönen – es gab wohl nicht leicht etwas Melodischeres, als das Organ dieser
               Frau.</p>
            <p>»Die armen Blumen!« klagte sie.</p>
            <p>»Wie hast du mir aber auch das anthun können, Adele!« antwortete eine männliche
               Stimme. »Du weißt doch, daß mir dergleichen Verherrlichungen ein Greuel sind.«</p>
            <p>Es war dieselbe kalte Stimme, die einst auf die kleine Fee einen so unauslöschlich
               schlimmen Eindruck gemacht; nur klang sie tiefer und hatte in diesem Augenblicke eine
               Beimischung tadelnden Verdrusses. Felicitas bog sich über das Geländer und sah scheu,
               mit angehaltenem Atem hinab. Da schritt er, vorsichtig die kleine Anna an der Hand
               führend, langsam Stufe um Stufe hinunter! Es lag nichts, auch gar nichts in dieser
               Erscheinung, was sich hätte in Einklang bringen lassen mit dem Professortitel. Diese
               Vertreter des Gesamtwissens hatten für das junge Mädchen den Nimbus des Vornehmen und
               der Erhabenheit; hier aber suchte sie vergebens nach diesen Eigenschaften. Eine
               kernige, wie es schien, eisenfest zusammengefügte Gestalt mit eckigen Bewegungen und
               von, wenn auch sicherer, doch nichts weniger als eleganter Haltung; gerade in ihr lag
               etwas Hartnäckiges, Unverbindliches; man hätte meinen können, dieser Nacken habe sich
               noch nie, nicht einmal im Gruße gebeugt. Und wie wenig war der Kopf geeignet, diese
               Meinung zu widerlegen! Er bog einen Moment das Gesicht aufwärts, dies unschöne
               Gesicht, das einst der Vorstellung des Kindes vom fernen Johanneskopfe so wenig
               entsprochen; es war nicht wohlwollender geworden in seinem Ausdrucke. Ein rötlich
               blonder, sehr starker, krauser Bart bedeckte das Kinn und den unteren Teil der Wangen
               und fiel fast bis auf die Brust herab, und zwischen den buschigen Augenbrauen, die in
               diesem Momente wohl auch noch finsterer zusammengezogen wurden im Verdruß über die
               übel angebrachte Verherrlichung, lagerte eine tiefe Falte. Allein diese nichts
               weniger als aristokratisch und einnehmend gebildete Außenseite hatte trotzdem etwas
               Bedeutendes, und zwar durch den unwiderleglichen Ausdruck männlicher Kraft und eines
               starken Willens.</p>
            <p>
               <pb/> Und jetzt bog er sich nieder zu der mühsam hinabkletternden Kleinen und nahm
               sie auf den Arm.</p>
            <p>»Komm her, mein Kind, es will doch nicht so recht gehen mit den armen Beinchen,«
               sagte er. Das klang überraschend mild und mitleidsvoll.</p>
            <p>»Es ist aber auch kein Spielerskind, zu dem er spricht,« dachte Felicitas, und ihr
               Herz schwoll voll Bitterkeit.</p>
            <p>Die Morgenstunden wurden sehr geräuschvoll für das stille Haus; die Glocke an der
               Hausthür hörte fast nicht auf, zu klingeln. Es gab auch in dieser kleinen Stadt, so
               gut wie in jeder anderen, Leute genug, die ihre Alltagsgesichter gar zu gern von der
               Glorie eines berühmten Mannes mit beglänzen lassen, ohne zu bedenken, daß gerade
               dieser Strahl ihr armes Ich unerbittlich beleuchtet. Diese Besuche kamen übrigens für
               Felicitas sehr erwünscht, denn obgleich sie nichts sehnlicher erhoffte, als eine
               rasche Entscheidung, so bebte sie doch vor dem ersten Zusammenstoße, und plötzlich
               fühlte sie, daß sie noch nicht gesammelt und ruhig genug sei – jede Stunde Zeit
               schien ihr deshalb ein Gewinn. Allein die Machthaber in der Wohnstube hatten
               jedenfalls den Wunsch, die Katastrophe möglichst rasch in Szene zu setzen, denn kaum
               nachdem das Mittagessen abgetragen war, kam Heinrich in die Küche; er betrachtete
               Felicitas' Anzug aufmerksam, klopfte ein wenig Mehlstaub von ihrem dunklen Aermel und
               sagte mit einem etwas unsicheren Blicke: »Da am Ohre ist der Zopf ein wenig
               aufgegangen, Feechen – das steck erst fest, der da drin darf so etwas nicht sehen,
               das weißt du ... Du sollst nämlich gleich 'nüber in dem sel'gen Herrn sein Zimmer
               kommen – dort sind sie ... na, na, wer wird denn gleich so erschrecken! – bist ja
               kreideweiß geworden. Tapfer, Feechen – den Kopf kann er dir nicht abreißen!«</p>
            <p>Felicitas öffnete die Thür und trat leise in das ehemalige Zimmer des Onkels. Noch
               lag es schneebleich auf ihren Lippen und Wangen, dadurch erschien aber auch ihr
               Gesicht für den Augenblick fast geisterhaft still und unbeweglich.</p>
            <p>Genau wie vor neun Jahren, an jenem stürmischen Morgen, saß Frau Hellwig im
               Lehnstuhle, nahe dem Fenster. Neben ihr, den Rücken nach der Thür gewendet und die
               gefalteten Hände rückwärts gekreuzt, stand er, der dies Geschöpf dort eigenmächtig
               auf den Weg der Dienstbarkeit gedrängt und nie und nimmer geduldet hatte, daß diese
               dunkle Linie sich auch nur die kleinste Ausbiegung <pb/> erlaube, der es stets von
               weiter Ferne unerbittlich gestraft hatte, ohne je zu fragen: »Bist du auch
               schuldig?«</p>
            <p>Felicitas hatte mit Recht vor dieser ersten Begegnung gezittert, denn jetzt, bei
               seinem Anblicke, fühlte sie, wie Groll und Erbitterung übermächtig in ihr wurden, und
               doch war ihr Selbstbeherrschung nie nötiger gewesen, als in diesem entscheidenden
               Augenblicke.</p>
            <p>»Da ist Karoline,« sagte Frau Hellwig.</p>
            <p>Der Professor drehte sich um und zeigte ein sehr erstauntes Gesicht. Wahrscheinlich
               hatte er nie daran gedacht, daß das Spielerskind, welches einst auf derselben Stelle
               mit dem kleinen Fuße gestampft und sich wie unsinnig gebärdet hatte, auch wachsen und
               ruhig aussehen könne. Jetzt stand die Erwachsene da, hoch und stolz aufgerichtet,
               wenn auch ihr Blick am Boden hing.</p>
            <p>Er schritt auf sie zu und machte eine Bewegung mit dem rechten Arme – wollte er ihr
               auch etwa die Hand reichen, wie er bei Heinrich gethan? Ihr Herz drehte sich fast um
               bei dem Gedanken, die feinen Finger bogen sich krampfhaft nach der innern Handfläche
               und unbeweglich lagen die Arme am Körper, aber die Wimpern hoben sich, und ein Blick
               voll tödlicher Kälte traf den ihr gegenüberstehenden Mann – so mißt ein erbitterter
               Gegner <pb/> den anderen. Das mochte dem Professor auch sofort klar werden; er wich
               unwillkürlich zurück und maß scharf die ganze Gestalt vom Kopfe bis zu den Füßen.</p>
            <p>In diesem Moment wurde an die Thür geklopft, und gleich darauf steckte die
               Regierungsrätin ihr blondes, lachendes Köpfchen herein.</p>
            <p>»Ist's erlaubt?« bat sie mit schmeichelnder Stimme, und ehe geantwortet werden
               konnte, stand sie mitten im Zimmer.</p>
            <p>»Ah, ich komme wohl gerade recht zum peinlichen Verhör?« fragte sie. »Meine liebe
               Karoline, jetzt wer den Sie wohl einsehen lernen, daß es auch noch einen andern
               Willen gibt, als den Ihrigen, und für den armen Wellner kommt endlich die
               Entscheidung.«</p>
            <p>»Ich bitte dich, Adele, lasse jetzt Johannes reden!« rief Frau Hellwig ziemlich kurz
               und ungnädig.</p>
            <p>»Nun, bleiben wir vorläufig bei diesem einen Punkte stehen,« sagte der Professor. Er
               kreuzte die Arme über der Brust und lehnte sich an einen Tisch. »Wollen Sie mir
               sagen, weshalb Sie den ehrenvollen Antrag des Mannes zurückweisen?«</p>
            <p>Sein ruhiges, leidenschaftsloses Auge ruhte prüfend auf dem jungen Mädchen.</p>
            <p>»Weil ich ihn verachte. Er ist ein elender Heuchler, der die Frömmigkeit als
               Deckmantel für seine Habgier und seinen Geiz benutzt,« entgegnete sie fest und
               sicher; es galt jetzt durch ruhige, rücksichtslose Offenheit die Schläge zu
               parieren.</p>
            <p>»Gott, welche Verleumdung!« rief die Regierungsrätin. Sie schlug in schmerzlichem
               Unwillen die weißen Hände zusammen, und ihre großen, blauen Augen suchten anklagend
               den Himmel. Frau Hellwig aber stieß ein kurzes, rauhes Lachen aus.</p>
            <p>»Da hast du ja gleich ein Pröbchen von der Art und Weise deiner sogenannten Mündel,
               Johannes!« rief sie. »Dies Mundwerk ist stets fertig mit Verachtung und dergleichen –
               ich kenne das! ... Mach's kurz! Du kommst nicht um ein Haar breit weiter mit ihr, und
               ich habe keine Lust, ehrbare Leute, die in meinem Hause aus und ein gehen, lästern zu
               hören!«</p>
            <p>Der Professor antwortete nicht. Während er mit der Hand langsam über den Bart strich
               – es war eine merkwürdig schöne schmale Hand – hing sein Blick an der
               Regierungsrätin, die noch wie ein betender Seraph dastand. Es schien fast, als habe
               er nur ihren Ausruf gehört, seine Lippen verzogen sich ein<pb/> wenig – wer vermochte
               in dieser eigenartigen Physiognomie zu lesen?</p>
            <p>»Du hast ja gewaltige Charakterstudien in den wenigen Wochen deines Hierseins
               gemacht, Adele!« sagte er. »Wenn man in der Weise als Anwalt auftreten kann –«</p>
            <p>»Um Gott, Johannes,« unterbrach ihn die junge Witwe lebhaft, »du wirst doch nicht
               denken, daß ein besonderes Interesse –« sie schwieg plötzlich, und ein tiefes Rot
               schoß in ihre Wangen.</p>
            <p>Jetzt blitzte es entschieden wie Spott aus dem Auge des Professors.</p>
            <p>»Sämtliche Damen, die bei der Tante aus und ein gehen, stimmen darin überein, daß
               Wellner ein Ehrenmann ist,« setzte sie nach einer Pause der Sammlung entschuldigend
               hinzu. »Die Missionsgelder gehen durch seine Hände und die Gläubigen finden keinen
               Tadel an ihm –«</p>
            <p>»Und darauf schwörst du nun natürlicherweise,« ergänzte der Professor kurz
               abbrechend. »Ich kenne den Mann nicht,« wandte er sich zu Felicitas, »und kann
               deshalb nicht wissen, inwieweit Ihre Anklage gerechtfertigt ist.«</p>
            <p>»Johannes!« unterbrach ihn Frau Hellwig gereizt.</p>
            <p>»Bitte, Mutter, wir wollen das später allein erörtern,« sagte er ruhig und
               beschwichtigend. »Zwingen wird Sie natürlich niemand,« fuhr er zu dem jungen Mädchen
               gewendet, fort. »Ich habe Ihnen allerdings bis hierher nie das Recht eingeräumt, in
               irgend einer Angelegenheit selbst zu entscheiden, einmal, weil ich Sie unter einer
               Führung wußte, der ich mein unbedingtes Vertrauen schenke, und dann, weil Sie ein
               Charakter sind, der sich gern gefährlicher Uebergriffe schuldig macht und sich stets
               gegen das auflehnt, was zu seinem wahren Wohl geschieht ... In dieser Frage jedoch
               hört meine Macht auf. Ich kann Ihnen sogar in mancher Beziehung nicht unrecht geben,
               denn Sie sind jung, und er steht, wie ich höre, in vorgerücktem Alter – das taugt
               nicht. Ein zweiter Stein des Anstoßes ist die Standesverschiedenheit; für den
               Augenblick wird er wohl über Ihre Herkunft hinwegsehen – später tritt in solchen
               Dingen gewöhnlich ein Rückschlag ein, Störung des Gleichgewichts rächt sich
               stets.«</p>
            <p>Wie klang das vernünftig und – herzlos! Er war in diesem Momente genau der Verfasser
               aller jener schriftlichen Maßregeln, die nie den verfemten Boden aus dem Auge
               verloren, <pb/> dem das Spielerskind entsprossen. Er verließ seinen bisherigen Platz
               und trat vor das junge Mädchen, dessen Lippen in einem bitteren Lächeln zuckten.</p>
            <p>»Sie haben uns schwer zu schaffen gemacht,« sagte er und hob den Zeigefinger. »Sie
               haben es durchaus nicht verstanden und, wie ich annehmen muß, auch nicht gewollt, die
               Zuneigung meiner Mutter zu gewinnen ... So wie die Sachen liegen, werden Sie selbst
               nicht wünschen, länger hier im Hause zu bleiben.«</p>
            <p>»Ich ginge am liebsten in dieser Stunde noch.«</p>
            <p>»Das glaube ich Ihnen gern, Sie haben ja stets deutlich genug gezeigt, daß Ihnen
               unsere strenge und gewissenhafte Fürsorge unerträglich ist.« Sein Ton hatte jetzt
               doch eine Beimischung von Aerger und Gereiztheit. »Es ist eben eine völlig verlorene
               Mühe unsererseits gewesen, die Zugvogelnatur in Ihnen unterdrücken zu wollen ... Nun,
               Sie sollen haben, was Sie wünschen, aber ich halte meine Aufgabe noch nicht für
               beendet – ich will erst noch den Versuch machen, Ihre Angehörigen aufzufinden.«</p>
            <p>»Du warst früher anderer Ansicht über diesen Punkt,« warf Frau Hellwig spöttisch
               ein.</p>
            <p>»Die hat sich im Laufe der Dinge geändert, wie du siehst, Mutter,« erwiderte er
               ruhig.</p>
            <p>Felicitas schwieg und sah vor sich nieder. Sie wußte, daß dieser Schritt ohne Erfolg
               bleiben würde – Tante Cordula hatte ihn längst gethan. Vor vier Jahren war durch die
               Redaktion einer der ersten Zeitungen ein Aufruf an den Taschenspieler d'Orlowsky und
               die Verwandten von dessen Ehefrau ergangen, er hatte alle namhaften Blätter
               durchlaufen, aber bis zur Stunde war niemand erschienen. Das konnte das junge Mädchen
               freilich nicht sagen.</p>
            <p>»Ich werde heute noch die nötigen Schritte thun,« fuhr der Professor fort, »und
               glaube, daß ein Zeitraum von zwei Monaten völlig genügt, um Aufschluß zu gewinnen ...
               Bis dahin stehen Sie noch unter meiner Vormundschaft und im dienstlichen Verhältnisse
               zu meiner Mutter. Sollte sich jedoch, wie ich fürchte, keines Ihrer Anverwandten
               auffinden lassen, dann –«</p>
            <p>»Dann bitte ich um meine sofortige Freiheit nach Ablauf der gestellten Frist!«
               unterbrach ihn Felicitas rasch.</p>
            <p>»Nein, das klingt denn doch zu abscheulich!« rief die Regierungsrätin entrüstet. »Sie
               thun ja wirklich, als hätte man Sie in diesem Hause des Friedens und der christlichen
               Barmherzigkeit gemartert und gekreuzigt! ... Undank!«</p>
            <p>
               <pb/> »Sie meinen also, umseren ferneren Beistand entbehren zu können?« fragte der
               Professor, ohne den Zorneserguß der jungen Witwe zu beachten.</p>
            <p>»Ich muß dafür danken.«</p>
            <p>»Nun gut,« sagte er nach einem Moment des Schweigens kurz, »nach Verlauf von zwei
               Monaten soll Ihnen freistehen, zu thun und zu lassen, was Sie wollen!« Er wandte sich
               ab und schritt nach dem Fenster.</p>
            <p>»Du kannst gehen!« gebot Frau Hellwig rauh.</p>
            <p>Felicitas verließ das Zimmer.</p>
            <p>»Also noch ein achtwöchentlicher Kampf!« flüsterte sie, während sie durch die
               Hausflur schritt. »Es wird ein Kampf auf Leben und Tod werden.«</p>
            <pb/>
         </div>
         <div type="chapter">
            <head>13</head>
            <p>Drei Tage waren seit des Professors Ankunft vergangen; sie hatten das einförmige
               Leben in dem alten Kaufmannshause völlig verwandelt, aber für Felicitas waren sie
               wider alles Erwarten ruhig verflossen. Der Professor hatte sich nicht wieder um sie
               bekümmert; er schien den Verkehr mit ihr auf die erste und einzige Unterredung
               beschränken zu wollen. Sie atmete auf, und doch – seltsamerweise – hatte sie sich nie
               mehr gedemütigt und verletzt gefühlt, als jetzt ... Er war einigemal in der Hausflur
               an ihr vorübergegangen, ohne sie zu sehen – freilich war er da ärgerlich gewesen und
               hatte ein grimmiges Gesicht gemacht, was ihn durchaus nicht verschönte. Frau Hellwig
               ließ es sich nämlich trotz aller seiner Bitten und Vorstellungen nicht nehmen, ihn
               hinunter in das Wohnzimmer zu bescheiden, wenn Besuchende aus ihrem Bekanntenkreise
               kamen, die ihn zu sehen wünschten. Er erschien notgedrungen, aber dann stets als sehr
               unliebenswürdiger, schroffer Gesellschafter ... Es kamen aber auch viele andere
               täglich, die von Heinrich hinaufgewiesen wurden in das zweite Stockwerk –
               Hilfesuchende, oft sehr dürftige, armselige Gestalten, die Friederike zu jeder
               anderen Zeit ohne weiteres an der Schwelle zurückgewiesen haben würde; sie schritten
               jetzt zum Aerger der alten Köchin und eigentlich auch gegen den Wunsch und Willen der
               Frau Hellwig über die schneeweiß gehaltene, förmlich gefeite Treppe des vornehmen
               Hauses <pb/> und fanden droben ohne Unterschied Einlaß und Gehör. Der Professor hatte
               hauptsächlich Ruf als Augenarzt; es waren ihm Kuren gelungen, die andere anerkannt
               tüchtige Fachmänner in das Bereich der Unmöglichkeiten verwiesen hatten – der Name
               des noch sehr jungen Mannes war dadurch plötzlich ein glänzender und gepriesener
               geworden.</p>
            <p>Frau Hellwig hatte Felicitas das Abstäuben und Aufräumen im Zimmer ihres Sohnes
               übertragen. Der kleine Raum erschien völlig verwandelt, seit er bewohnt wurde; vorher
               mit ziemlichem Komfort ausgestattet, glich er jetzt weit eher einer Karthäuserzelle.
               Ein gleiches Schicksal wie den Guirlandenschmuck hatte die bunten Kattunvorhänge
               ereilt – sie waren sofort unter den Händen des Professors als lichtraubend gefallen;
               ebenso hatten einige unkünstlerische, mit großer Farbenverschwendung illuminierte
               Schlachtenbilder an den Wänden weichen müssen; dagegen hing plötzlich ein sehr alter,
               in eine dunkle Ecke des Vorsaales verbannter Kupferstich, trotz seines
               zerbröckelnden, schwarzen Holzrahmens, über dem Schreibtische des Bewohners. Es war
               ein wahres Meisterstück der Kupferstecherkunst, eine junge schöne Mutter vorstellend,
               die ihr Kind zärtlich in ihren pelzverbrämten Seidenmantel hüllt. Die wollene Decke
               auf dem Sofatische und mehrere gestickte Polster waren als »Staubhalter« entfernt
               worden, und auf einer Kommode standen statt der Meißner Porzellanfiguren die Bücher
               des Professors, dicht aneinander gedrängt und symmetrisch geordnet. Da sah man kein
               umgeknicktes Blatt, keine abgestoßene Ecke, und doch wurden sie ohne Zweifel viel
               gebraucht; sie steckten in sehr unscheinbarem Gewande und waren je nach der Sprache,
               in der sie geschrieben, uniformiert – das Latein grau, Deutsch braun etc. ... »Genau
               so versucht er die Menschenseelen zu ordnen,« dachte Felicitas bitter, als sie zum
               erstenmal die Bücherreihen sah, »und wehe, wenn eine über die ihr angewiesene Farbe
               hinaus will!«</p>
            <p>Den Morgenkaffee trank der Professor in Gesellschaft seiner Mutter und der
               Regierungsrätin; dann aber ging er auf sein Zimmer und arbeitete bis zum Mittage. Er
               hatte gleich am ersten Morgen den Wein zurückgewiesen, den Frau Hellwig zu seiner
               Erquickung hinaufgeschickt; dagegen mußte stets neben ihm eine Karaffe voll Wasser
               stehen. Es schien, als vermeide er geflissentlich, sich bedienen zu lassen – nie
               benutzte er die Klingel; war ihm das Trinkwasser nicht mehr frisch genug, so stieg er
               selbst hinunter in den Hof und füllte die Karaffe aufs neue.</p>
            <p>
               <pb/> Am Morgen des vierten Tages waren Briefe an den Professor eingelaufen. Heinrich
               war ausgegangen, und so wurde Felicitas in das zweite Stockwerk geschickt. Sie blieb
               zögernd vor der Thür stehen, drin wurde gesprochen; es war eine Frauenstimme, die,
               wie es schien, eben eine längere Ansprache beendete.</p>
            <p>»Doktor Böhm hat mit mir über das Augenleiden Ihres Sohnes gesprochen,« antwortete
               der Professor in gütigem Tone; »ich will sehen, was sich thun läßt.«</p>
            <p>»Ach, gnäd'ger Herr Professor, ein so berühmter Mann, wie Sie –«</p>
            <p>»Lassen Sie das, Frau!« unterbrach er die Sprechende so rauh, daß sie erschrocken
               schwieg. »Ich will morgen kommen und die Augen untersuchen,« setzte er milder
               hinzu.</p>
            <p>»Aber wir sind arme Leute; der Verdienst ist gering –«</p>
            <p>»Das haben Sie mir bereits zweimal gesagt, liebe Frau!« unterbrach sie der Professor
               abermals ungeduldig. »Gehen Sie jetzt; ich brauche meine Zeit nötiger ... Wenn ich
               Ihrem Sohne helfen kann, so geschieht es – adieu!«</p>
            <p>Die Frau kam heraus, und Felicitas schritt über die Schwelle. Der Professor saß am
               Schreibtische; seine Feder flog bereits wieder über das Papier. Er hatte aber doch
               das junge Mädchen eintreten sehen, und ohne das Auge von seiner Arbeit wegzuwenden,
               streckte er die Linke nach den Briefen aus. Er erbrach einen derselben, während
               Felicitas wieder nach der Thür zu schritt.</p>
            <p>»Apropos,« rief er, schon halb und halb in den Brief vertieft, »wer stäubt denn hier
               im Zimmer ab?«</p>
            <p>»Ich,« antwortete das junge Mädchen stehen bleibend.</p>
            <p>»Nun, dann muß ich Sie ersuchen, künftig meinen Schreibtisch mehr zu respektieren. Es
               ist mir sehr unangenehm, wenn ein Buch auch nur von seiner Stelle gerückt wird, und
               hier fehlt mir sogar eines.«</p>
            <p>Felicitas schritt gelassen nach dem Tische, auf welchem mehrere Bücherstöße
               lagen.</p>
            <p>»Was hat das Buch für einen Titel?« fragte sie ruhig.</p>
            <p>Es zuckte etwas wie ein Lächeln durch das ernste Gesicht des Professors. Diese Frage
               aus einem Mädchenmunde klang aber auch eigentümlich naiv und bedenklich im
               Studierzimmer des Arztes.</p>
            <p>»Sie werden es schwerlich finden – es ist ein französisches Buch,« erwiderte er.
               »Cruveilhier. Anatomie du système <pb/> nerveux steht auf der Rückseite,« setzte er
               hinzu – wieder zuckte es über sein Gesicht.</p>
            <p>Felicitas zog sofort eines der Bücher hervor; es lag zwischen mehreren anderen
               französischen Werken.</p>
            <p>»Hier ist es,« sagte sie. »Es lag jedenfalls noch auf der Stelle, wo Sie es selbst
               hingelegt hatten – ich nehme keines der Bücher in die Hand.«</p>
            <p>Der Professor stützte seine Linke auf den Tisch, drehte sich mit einem Rucke nach dem
               jungen Mädchen um und sah ihm voll ins Gesicht.</p>
            <p>»Sie verstehen Französisch?« fragte er rasch und scharf.</p>
            <p>Felicitas erschrak; sie hatte sich verraten. Freilich verstand sie nicht allein
               Französisch, sie sprach es auch leicht und fließend – die alte Mamsell hatte sie
               vortrefflich unterrichtet. Jetzt sollte sie antworten, und zwar entschieden
               antworten. Die stahlgrauen Augen mit dem unabweisbaren Blicke wichen nicht von ihrem
               Gesichte, sie hätten die Lüge jedenfalls sofort abgelesen – sie mußte die Wahrheit
               sagen.</p>
            <p>»Ich habe Unterricht gehabt,« entgegnete sie.</p>
            <p>»Ach ja, ich entsinne mich, bis zu Ihrem neunten Lebensjahre – und da ist etwas
               hängen geblieben,« sagte er, indem er sich mit der Hand die Stirne rieb.</p>
            <p>Felicitas schwieg.</p>
            <p>»Das ist ja auch der unglückliche Kasus, an welchem wir mit unserem Erziehungsplane
               gescheitert sind, meine Mutter und ich,« fuhr er fort. »Es ist Ihnen zu viel
               weisgemacht worden, und weil wir darüber unsere eigene Ansicht hatten, so
               verabscheuen Sie uns als Ihre Peiniger und Gott weiß was alles, nicht wahr?«</p>
            <p>Felicitas rang einen Augenblick mit sich, aber die Erbitterung siegte. Sie öffnete
               die blaßgewordenen Lippen und sagte kalt: »Ich habe alle Ursache dazu.«</p>
            <p>Einen Moment runzelten sich seine Augenbrauen wie in heftigem Unwillen; allein
               vielleicht erinnerte er sich so mancher trotzigen und unfreundlichen Antwort, die er
               oft als Arzt von ungeduldigen Patienten ruhig hinnehmen mußte ... Das junge Mädchen
               da vor ihm krankte ja auch seiner Meinung nach an einem Irrtume; daraus entsprang
               jedenfalls die Gelassenheit, mit der er sagte: »Nun, von dem Ihnen gemachten Vorwurfe
               der Verstocktheit spreche ich Sie hiermit frei – Sie sind mehr als aufrichtig ...
               <pb/> Uebrigens werden wir uns über Ihre schlechte Meinung zu trösten wissen.«</p>
            <p>Er nahm den Brief wieder auf, und Felicitas entfernte sich. Als sie auf die Schwelle
               der offenen Thür trat, da flog ein Blick des Lesenden ihr nach. Der Vorsaal war
               erfüllt von warmem Sonnenglanze; die Mädchengestalt stand plastisch da in dem
               dunkleren Zimmer wie ein Gemälde auf Goldgrund. Noch fehlte den Formen jene Rundung
               und Fülle, die bei der vollkommen entwickelten Frauenschönheit unerläßlich ist;
               trotzdem erschienen die Linien weich und zeigten in der Bewegung eine
               unbeschreibliche Grazie, man möchte sagen, jene Schmiegsamkeit, wie sie die
               Märchenpoesie ihren schwebenden und huschenden Gestalten andichtet ... Und was war
               das für ein merkwürdiges Haar! Gewöhnlich erschien es kastanienbraun; wenn aber, wie
               in diesem Augenblicke, ein Sonnenstrahl darauf fiel, dann blinkte es rötlich golden.
               Es erinnerte durchaus nicht an jenes geschmeidige, lang herabfließende <pb/>
               Frauenhaar, wie es einst unter dem Helme der schönen Spielersfrau hervorgequollen.
               Ziemlich kurz, aber von mächtiger Fülle, Welle an Welle bildend, sträubte es sich
               noch sichtbar widerwillig in dem dicken, einfach geschlungenen Knoten am Hinterkopfe.
               Einzelne starke Ringel befreiten sich stets eigenmächtig und lagen, wie eben jetzt,
               auf dem weißen Halse.</p>
            <p>Der Professor bog sich wieder über seine Arbeit; aber der Gedankenfluß, den vorhin
               die Bürgersfrau unterbrochen, ließ sich nicht sofort wieder in die rechte Bahn
               lenken. Er rieb sich verdrießlich die Stirne und trank ein Glas Wasser – vergebens.
               Endlich warf er, ärgerlich über die Störungen, die Feder auf den Tisch, nahm den Hut
               vom Nagel und ging die Treppe hinab. ... Hätte der Mohrenkopf, der als Tintenwischer
               seinem gelehrten Herrn seit Jahren gegenüberstand, den großen grinsenden Mund noch
               weiter aufzureißen vermocht, er hätte es sicher gethan, und zwar vor Erstaunen – da
               lag die Feder, dick angefüllt mit frischer Tinte, und der unglückliche Mohr lechzte
               vergeblich nach dem Naß und dem gewohnten Vergnügen, mit seinem Kleide ihre
               vielvermögende Spitze blank zu putzen – unerhört! Der peinlich pünktliche Mann war
               zerstreut.</p>
            <p>»Mutter,« sagte der Professor, im Vorübergehen das Wohnzimmer betretend, »ich wünsche
               ferner nicht, daß du mir das junge Mädchen mit Aufträgen hinaufschickst – überlasse
               das Heinrich, und ist er einmal nicht da, so kann ich schon warten.«</p>
            <p>»Siehst du,« entgegnete Frau Hellwig triumphierend, »dir ist schon nach drei Tagen
               diese Physiognomie unerträglich; mich aber hast du verurteilt, sie neun Jahre lang um
               mich zu dulden!«</p>
            <p>Ihr Sohn zuckte schweigend die Achseln und wollte sich entfernen.</p>
            <p>»Der frühere Unterricht, den sie bis zu des Vaters Tode erhalten, hat völlig
               aufgehört mit ihrem Eintritte in die Bürgerschule?« fragte er, sich nochmals
               umwendend.</p>
            <p>»Was das für närrische Fragen sind, Johannes!« rief Frau Hellwig ärgerlich. »Habe ich
               dir nicht ausführlich genug über diesen Punkt geschrieben, und ich dächte auch
               gesprochen bei meinem Besuche in Bonn? ... Die Schulbücher sind verkauft worden, und
               die Schreibehefte habe ich in derselben Stunde verbrannt.«</p>
            <p>»Und was hat sie für Umgang gehabt?«</p>
            <p>»Was für Umgang? ... Na, eigentlich nur den mit Friederike und Heinrich; sie hat es
               ja selbst nicht anders gewollt.« Jener grausam boshafte Zug erschien in dem Gesicht
               der Frau, <pb/> infolgedessen sich die Oberlippe leicht hob und einen ihrer
               Vorderzähne sehen ließ. »Ich habe es natürlich nicht über mich gewinnen können, sie
               an meinem Tische essen zu lassen und in meiner Stube zu dulden,« fuhr sie fort;
               »einmal war und blieb sie das Wesen, das sich zwischen deinen Vater und mich gedrängt
               hat, und dann wurde sie ja immer unausstehlicher und hoffärtiger. Ich hatte ihr
               übrigens ein paar Töchter aus christlichen Handwerkerfamilien ausgemacht, mit denen
               sie umgehen sollte; aber du weißt ja, daß sie mir erklärt hat, sie wolle nichts mit
               den Leuten zu schaffen haben, das seien Wölfe in Schafskleidern und dergl.... Na, du
               wirst in den acht Wochen, die du dir selbst aufgebürdet hast, schon noch dein blaues
               Wunder sehen!«</p>
            <p>Der Professor verließ das Haus, um einen weiten Spaziergang zu machen.</p>
            <p>Am Nachmittage desselben Tages erwartete Frau Hellwig mehrere Damen, meist fremde
               Badegäste, zum Kaffee. Er sollte im Garten getrunken werden; und weil Friederike
               plötzlich unwohl geworden war, so wurde Felicitas allein hinausgeschickt, um alles
               vorzurichten. Sie war bald fertig mit ihrem Arrangement. Auf dem großen Kiesplatze,
               im Schutze einer hohen Taxuswand stand der schön geordnete Kaffeetisch, und in der
               Küche des Gartenhauses zischte und brodelte das Wasser im Erwarten seiner Umwandlung
               zu dem allgeliebten Mokkatranke. Das junge Mädchen lehnte an einem offenen Fenster
               des Gartenhauses und sah wehmütig sinnend hinaus ... Da draußen duftete, grünte und
               blühte es so lustig und harmlos in die blaue, stille Luft hinein, als habe nie ein
               verheerender Herbststurm an den Zweigen gerüttelt, nie der Winterfrost seinen
               tötenden Krystall um vergehende Blumenhäupter gesponnen. Vor Jahren hatte es ebenso
               farbig geleuchtet auf Büschen und Beeten für ihn, dessen warmes, weiches Herz nun in
               Staub zerfiel, für ihn, der seine helfende, stützende Hand überall anlegte, wo es
               galt – bei seinen emporsprossenden Blumen, wie bei Menschenhilflosigkeit und Elend
               ... Die jungen Blumenaugen da allerorten lächelten jetzt ebenso fröhlich in andere,
               kalte Gesichter, und die Menschen sprachen nicht mehr von ihm ...</p>
            <p>Hierher hatte er sich und die kleine Waise gerettet vor den vernichtenden Blicken und
               der schneidenden Zunge da drin in der Stadt – nicht allein zur lustigen Sommerzeit;
               wenn draußen der Frühling noch mit dem Winter rang, da prasselte hier im weißen
               Porzellanofen ein tüchtiges Feuer; ein dicker Teppich auf<pb/> dem Boden wärmte die
               Füße, die Büsche drückten ihre Knospenansätze gegen die erwärmten Scheiben, auf denen
               einzelne verwegene Schneeflocken rettungslos zerschmolzen, und über den weiten, noch
               wüsten Gartenplan guckte der halbbeschneite Berg herein mit dem wohlbekannten
               Pappelkreise auf der Stirn ... traute, liebe Erinnerungen! Und da drüben standen die
               Nußbäume; die kaum entwickelten Blätterzungen hingen in diesem Augenblicke müßig und
               unbewegt, wie trunken vom goldenen Sonnenlichte, überander ... Was hatten sie einst
               dem Kinde alles zugeflüstert! Süße, selige Verheißungen von Welt und Zukunft, Träume,
               so klar und schattenlos, wie der unbewölkte Himmel droben – und dann war es plötzlich
               dunkel und dräuend über dem schuldlosen Haupte des Spielerskindes geworden, ein
               greller Blitz der Erkenntnis hatte die Blätterzungen zu Lügnern gemacht.</p>
            <p>Näher kommende Männerstimmen und das Knarren der Gartenthür schreckte Felicitas aus
               ihrem trüben Grübeln auf. Durch das nördliche Eckfenster konnte sie sehen, wie der
               Professor in Begleitung eines anderen Herrn den Garten betrat. Sie schritten langsam
               dem Hause zu. Jener Herr kam seit einiger Zeit öfter zu Frau Hellwig; er war der Sohn
               eines sehr angesehenen, der Familie Hellwig befreundeten Hauses. Im Alter mit dem
               Professor gleichstehend, hatte auch er seine Erziehung in dem Institute des
               strenggläubigen Hellwigschen Verwandten am Rhein erhalten. Beide waren dann, freilich
               nur für kurze Zeit, Studiengenossen auf der Universität gewesen, und wenn auch völlig
               verschieden in Charakter und Anschauungsweise, hatten sie doch stets freundschaftlich
               zu einander gestanden. Während Johannes Hellwig fast sofort nach Beendigung seiner
               Studienzeit den Lehrstuhl bestiegen, war der junge Frank auf Reisen gegangen. Erst
               vor kurzem hatte er sich auf Wunsch seiner Eltern herbeigelassen, sein juristisches
               Examen zu machen; er war nun Rechtsanwalt in seiner Vaterstadt und harrte der Dinge
               und Klienten, die da kommen sollten.</p>
            <p>Wie er so näher schritt, war er eine fast vollkommen schöngebildete Männererscheinung
               – ein geistreiches Gesicht über schlank und edel geformten Gliedern. Vielleicht hätte
               dieser sehr zierliche Kopf mit der feinen, etwas weich verlaufenden Profillinie einen
               weiblichen Eindruck gemacht; aber so, wie er getragen wurde, fest und sicher auf den
               Schultern und unterstützt von entschiedenen, wenn auch sehr eleganten Bewegungen der
               gesamten Gestalt, ließ er diesen leisen Tadel nicht aufkommen.</p>
            <p>
               <pb/> Er nahm eben die Zigarre aus dem Munde, betrachtete sie aufmerksam und
               schleuderte sie dann verächtlich von sich. Der Professor holte sein Etui hervor und
               bot es ihm.</p>
            <p>»Ei, Gott bewahre!« rief der Rechtsanwalt, indem er mit komischer Gebärde beide Hände
               abwehrend ausstreckte. »Es könnte mir doch nicht einfallen, die armen Heidenkinder in
               China und Gott weiß wo noch zu bestehlen!«</p>
            <p>Der Professor lächelte.</p>
            <p>»Denn so wie ich dich kenne,« fuhr der andere fort, »hältst du jedenfalls mit
               unbestreitbarem Heroismus dein Kasteiungswerk aus der Jugendzeit fest, das heißt du
               bestimmst dir täglich drei Zigarren, rauchst aber konsequent nur eine, während das
               Geld für die beiden anderen in deine Missionssparbüchse fließt!«</p>
            <p>»Ja, die Gewohnheit habe ich noch,« bestätigte mit ruhigem Lächeln der Professor;
               »aber das Geld hat eine andere Bestimmung – es gehört meinen armen Patienten ohne
               Unterschied.«</p>
            <p>»Nicht möglich! ... Du, der starre Vorkämpfer pietistischen Strebens, der getreueste
               unter den Jüngern unseres rheinischen Institutsdespoten! Befolgst du so seine Lehren,
               Abtrünniger?«</p>
            <p>Der Professor zuckte die Achseln. Er blieb stehen und streifte nachdenklich die Asche
               von seiner Zigarre.</p>
            <p>»Als Arzt lernt man anders denken über die Menschheit und die Pflichten des einzelnen
               ihr gegenüber,« sagte er. »Ich habe stets das eine große Ziel im Auge gehabt, mich
               wahrhaft nützlich zu machen; um das zu erreichen, habe ich vieles vergessen und
               verwerfen müssen.«</p>
            <p>Sie schritten weiter, und ihre Stimmen verhallten. Allein auf dem Kieswege, den sie
               wandelten, lag die Sonne träge und brütend, sie kehrten, in ihr Gespräch vertieft,
               fast instinktmäßig zurück unter die Akaziengruppe, die ihre Zweige über den am Hause
               hinlaufenden, mit breiten Steinplatten belegten Weg hing und ihn kühl und schattig
               machte.</p>
            <p>»Streite nicht!« hörte Felicitas den Professor ein wenig lebhafter als gewöhnlich
               sagen. »Daran änderst du nichts ... Genau, wie vor so und so viel Jahren, langweile
               ich mich entweder entsetzlich, oder ich ärgere mich in weiblicher Gesellschaft; und –
               das kann ich dir sagen – mein Verkehr als Arzt mit dem sogenannten schönen
               Geschlechte ist auch durchaus nicht geeignet, meine Meinung zu erhöhen ... Welch ein
               Gemisch von Gedankenlosigkeit und Charakterschwäche!«</p>
            <p>
               <pb/> »Du langweilst dich in weiblicher Gesellschaft, sehr begreiflich!« eiferte der
               junge Frank, unter dem Eckfenster stehen bleibend. »Suchst du doch geflissentlich die
               geistig einfache, um nicht zu sagen, einfältige ... Du verabscheust die moderne
               weibliche Erziehung – in mancher Hinsicht freilich nicht ohne Grund – ich bin auch
               kein Freund von geistlosem Klaviergeklimper und gedankenloser, französischer
               Plapperei, aber man muß das Kind nicht mit dem Bade verschütten ... In unserer Zeit,
               wo der menschliche Geist fast täglich neue, ungeahnte Bahnen betritt, wo er mitwirkt,
               schafft und genießt bei dem mächtigen Aufschwunge, den das Menschengeschlecht nimmt,
               da wollt ihr das Weib womöglich hinter die mittelalterliche Kunkel, in den Kreis und
               zugleich in den engen Ideengang ihrer Mägde zwingen – das ist nicht allein ungerecht,
               es ist auch thöricht. Das Weib hat die Seele eurer Söhne in den Händen, in einem
               Stadium, wo sie am empfänglichsten ist, wo sie die Eindrücke wie Wachs aufnimmt und
               gerade so unverwischbar durchs ganze Leben trägt, als wären sie in Eisen gegraben!
               ... Regt die Frauen an zu ernstem Denken, erweitert den Kreis, den ihr Egoisten eng
               genug um ihre Seelen zieht und welchen ihr weibliche Bestimmung nennt, und ihr werdet
               sehen, daß Eitelkeit und Charakterschwäche verschwinden!«</p>
            <p>»Lieber Freund, den Weg betrete ich ganz sicher nicht!« sagte der Professor
               sarkastisch, indem er langsam einige Schritte weiter ging.</p>
            <p>»Ich weiß wohl, daß du eine andere Ueberzeugung hast – du meinst, das alles erreiche
               man müheloser durch eine fromme Frau ... Mein sehr verehrter Professor, auch ich
               möchte keine unfromme Lebensgefährtin – ein weibliches Gemüt ohne Frömmigkeit ist
               eine Blume ohne Duft. Aber seht euch wohl vor! Ihr denkt, sie ist fromm, mithin
               besorgt und wohl aufgehoben, und während ihr sie vollkommen und sorglos gewähren
               lasset, erwächst euch eine Tyrannei in eurem Hause, wie ihr sie von einer weniger
               frommen Frau nun und nimmer ertragen würdet. Unter dem Deckmantel der Frömmigkeit
               schießen leicht alle im weiblichen Charakter schlummernden schlimmen Neigungen auf.
               Man darf grausam, rachsüchtig und auch ganz gehörig hochmütig sein und im blinden
               Zelotismus Schönes und Herrliches verdammen und zerstören – alles im Namen des Herrn
               und im sogenannten Interesse des Reiches Gottes.«</p>
            <p>»Du gehst sehr weit.«</p>
            <p>»Gar nicht ... Du wirst schon noch einsehen lernen, daß auch der erwägende Verstand
               gehörig geklärt und ausgebildet und <pb/> das Gemüt der Humanität zugänglich gemacht
               sein muß, wenn die Frömmigkeit der Frau wahrhaft beglückend für uns sein soll.«</p>
            <p>»Das sind Ziele, auf die ich gar nicht Lust habe, loszusteuern,« erwiderte der
               Professor kalt. »Meine Wissenschaft beansprucht mich und mein Leben so völlig –«</p>
            <p>»Ei – und die dort?« unterbrach ihn der Rechtsanwalt leiser, während er nach dem
               Eingange des Gartens zeigte. Dort hinter der Gitterthür erschien die Regierungsrätin
               in Begleitung ihres Kindes und der Frau Hellwig. »Ist sie nicht vollkommen die
               Verwirklichung deines Ideals?« fuhr er mit nicht zu verkennender Ironie fort.
               »Einfach – sie erscheint stets in weißem Mull, der ihr, nebenbei gesagt, vortrefflich
               steht – fromm, wer wollte das bezweifeln, der sie in der Kirche mit den schwärmerisch
               emporgerichteten schönen Augen sieht? Sie verabscheut alles Wissen, Denken und
               Grübeln, weil es dem Wachstum ihres Strickstrumpfes oder ihrer Stickerei hinderlich
               sein könnte – ist eine standesgemäße Partie, denn diese Gleichheit gilt dir ja auch
               als unerläßlich zu einer guten Ehe – enfin, man bezeichnet sie allgemein als
               diejenige, welche dich –«</p>
            <p>»Du bist boshaft und hast Adele nie leiden mögen,« unterbrach ihn der Professor
               gereizt, »ich fürchte, lediglich aus dem Grunde, weil sie die Tochter des Mannes ist,
               der dich sehr streng gehalten hat ... Sie ist gutmütig, harmlos und eine
               vortreffliche Mutter.«</p>
            <p>Er schritt auf die langsam näherkommenden Damen zu und begrüßte sie freundlich.</p>
            <pb/>
         </div>
         <div type="chapter">
            <head>14</head>
            <p>Es dauerte nicht lange, so war der Kiesplatz belebt von anmutigen Frauengestalten,
               die, meist in hellen Musselin oder Gaze gehüllt, wie weiße Sommerwolken auf und ab
               schwebten. Die dunklen, steifen Taxuswände gaben einen vortrefflichen Hintergrund für
               diese graziösen, leichtbeschwingten Wesen; silberhelles Lachen und lebhaftes
               Geplauder schollen durch die weiche Luft, dann und wann unterbrochen durch eine der
               sonoren Männerstimmen. Der geladene Kreis war bald vollzählig, man gruppierte sich um
               den Kaffeetisch, und die Arbeitskörbchen wurden hervorgeholt.</p>
            <p>Auf einen Wink der Frau Hellwig schritt Felicitas mit dem Kaffeebrett über den
               Kiesplatz.</p>
            <p>»Mein Wahlspruch ist: ›Einfach und billig!‹« hörte sie die Regierungsrätin in
               munterem Tone sagen, als sie näher kam. »Ich trage grundsätzlich im Sommer keinen
               Stoff, der mich über drei Thaler kostet.«</p>
            <p>»Sie vergessen aber, meine liebe Regierungsrätin,« widersprach eine andere junge,
               sehr geschmückte Dame, während ihr boshafter Blick über die gerühmte einfache
               Toilette glitt, »daß Sie auf diesem billigen Stoffe eine Menge gestickter, mit
               Spitzen garnierter Einsätze tragen, die den Wert der Robe selbst mindestens um das
               Dreifache übersteigen.«</p>
            <p>»Bah, wer wird diesen Duft nach prosaischen Thalern berechnen!« rief der junge Frank,
               belustigt den feindlichen Blick auffangend, den beide Damen austauschten. »Man sollte
               meinen, er trüge die Damen himmelwärts, wären nicht – ja wären nicht <pb/>
               <pb/>zum Beispiel solche dicke, goldene Armbänder, die unzweifelhaft wieder zur Erde
               niederziehen müssen!«</p>
            <p>Sein Auge haftete mit sichtbarem Interesse auf dem Handgelenke der nicht weit von ihm
               sitzenden Regierungsrätin; es zuckte wie unwillkürlich zurück, und eine hohe Röte
               bedeckte für einen Moment Stirne und Wangen der jungen Witwe.</p>
            <p>»Wissen Sie, meine Gnädige,« sagte er, »daß mich dieses Armband seit einer halben
               Stunde lebhaft beschäftigt? ... Es ist von prächtiger, uralter Arbeit. Was aber meine
               Wißbegierde ganz besonders reizt, das ist die mutmaßliche Inschrift, dort inmitten
               des Kranzes.«</p>
            <p>Das Gesicht der Regierungsrätin hatte bereits wieder seine zartrosige Farbe; ihre
               sanften Augen blickten ruhig auf, während sie unbefangen die Armspange löste und ihm
               hinreichte.</p>
            <p>Felicitas stand in diesem Augenblicke hinter dem Rechtsanwalt. Sie konnte bequem den
               Schmuck in seinen Händen sehen ... Seltsam, es war bis in die kleinsten Einzelheiten
               derselbe Armring, der im Geheimfache der alten Mamsell lag und ohne Zweifel eine
               geheimnisvolle Rolle im Leben der Einsamen spielte; nur war er hier von weit
               geringerem Umfang, er umschloß ziemlich eng das feine Handgelenk der jungen Frau.</p>


            <l>»daz ir liebe ist âne krane,</l>
            <l>Die hât got zesamme geben</l>
            <l>ûf ein wünneclichez leben!«</l>


            <p>las der Rechtsanwalt geläufig. »Merkwürdig,« rief er, »die Strophe hat keinen Anfang
               ... Ah, es ist ja ein Bruchstück aus den Minnesängern, und zwar aus dem Gedicht,
               ›Stete Liebe‹ von Ulrich von Lichtenstein; die ganze Strophe lautet in der
               Uebersetzung ungefähr:</p>


            <l>›Wo zwei Lieb' einander meinen</l>
            <l>Herziglich in rechter Treu'</l>
            <l>Und sich beide so vereinen,</l>
            <l>Daß die Lieb' ist immer neu,</l>
            <l>Die hat Gott zusammengeben,</l>
            <l>Auf ein wonnigliches Leben.‹</l>


            <p>Dieses Armband hat unzweifelhaft einen treuen Kameraden, der ihm eng angefügt ist
               durch den Anfang der Strophe,« bemerkte er lebhaft angeregt. »Ist das Seitenstück
               nicht in Ihrem Besitze?«</p>
            <p>
               <pb/> »Nein,« entgegnete die Regierungsrätin und bückte sich auf ihre Arbeit, während
               der Schmuck von Hand zu Hand ging.</p>
            <p>»Und wie kommst du zu dem sehr merkwürdigen Stück, Adele?« fragte der Professor
               herüber.</p>
            <p>Wieder stieg eine leise Röte in das Gesicht der jungen Dame.</p>
            <p>»Papa hat es mir vor kurzem geschenkt,« antwortete sie, »Gott weiß, von welchem
               Altertümler es stammt!«</p>
            <p>Sie nahm den Schmuck wieder in Empfang, legte ihn um den Arm und richtete dabei eine
               Frage an eine der Damen, wodurch das Gespräch sogleich eine andere Wendung
               erhielt.</p>
            <p>Während die Aufmerksamkeit aller auf das interessante Armband gerichtet gewesen war,
               hatte Felicitas die Runde um den Tisch gemacht; man hatte sich rasch bedient, ohne
               die Trägerin des Kaffeebrettes weiter zu beachten. Sie ging ebenso unbemerkt, wie sie
               gekommen, nach der Küche zurück. Auf Bitten der kleinen Anna, die sich auf dem
               schattigen Wege neben dem Hause tummelte, blieb sie einen Moment stehen, griff, Haupt
               und Oberkörper elastisch zurückbeugend, mit hochgehobenen Armen in die
               niederhängenden Aeste der zunächststehenden Akazie und versuchte, einen Zweig für das
               Kind zu brechen ... Für eine tadellos gebaute weibliche Gestalt kann es nicht leicht
               eine vorteilhaftere Stellung geben, als die, in welcher das junge Mädchen für einige
               Augenblicke verharrte – der Rechtsanwalt nahm plötzlich seine Lorgnette, er war
               ziemlich kurzsichtig; diese zwei dunklen Männeraugen, die mit sichtlichem Erstaunen
               auf der jugendlichen Gestalt unter der Akazie hafteten, wurden scharf beobachtet und
               zwar von der scheinbar sehr eifrig stickenden Regierungsrätin. Nachdem Felicitas ins
               Haus gegangen war, ließ der junge Mann das Glas fallen – er hatte offenbar eine
               hastige Frage auf den Lippen, mit welcher er sich an Frau Hellwig wenden wollte, aber
               die junge Witwe schnitt ihm sofort das Wort ab; sie verlangte Aufklärung über einen
               Unfall, der ihm auf einer seiner Reisen zugestoßen war, und brachte ihn somit
               geschickt auf ein Thema, das er selbst sehr gern berührte.</p>
            <p>Später erhob sie sich geräuschlos und schritt hinüber nach dem Gartenhause.</p>
            <p>»Liebe Karoline,« sagte sie, in die Küche tretend, »es ist nicht nötig, daß Sie
               drüben bedienen ... Ah, ich sehe, da ist ja ein Kaffeewärmer, das macht sich
               vortrefflich ... Füllen Sie die Kanne mit heißem Kaffee; ich werde sie mitnehmen und
               das Einschenken selbst <pb/> besorgen – es ist so gemütlicher für die Gäste und –
               aufrichtig gesagt – Sie sehen zu erbärmlich aus in dem verwaschenen Kattunkleidchen.
               Wie mögen Sie sich nur in diesem kurzen, abscheulichen Rocke vor Männeraugen sehen
               lassen! Es ist geradezu unanständig – fühlen Sie das nicht selbst, Kind?«</p>
            <p>Der geschmähte Rock war der beste des jungen Mädchens, ihr sogenannter Sonntagsrock.
               Freilich war er verwachsen und bereits ziemlich mißfarben; aber er war tadellos
               sauber gewaschen und gebügelt ... Daß ihr nun auch das noch zum Vorwurf gemacht
               wurde, worein sie sich stets stillschweigend und klaglos gefügt hatte, machte sie
               bitter lächeln; aber sie schwieg – war doch jedes verteidigende Wort überflüssig und
               hier geradezu lächerlich.</p>
            <p>Als die Regierungsrätin an den Kaffeetisch zurückkehrte, war ein Gespräch, das sie
               vorhin zu vereiteln gesucht hatte, bereits im vollen Gange.</p>
            <p>»Auffallend schön?« wiederholte Frau Hellwig rauh auflachend. »Pfui, mein lieber
               Frank, was soll ich von Ihnen denken! ... Auffallend, ja, das gebe ich Ihnen eher zu;
               aber auffallend, wie ein Mädchen nicht sein soll ... Sehen Sie sich doch dies blasse
               Gesicht mit den liederlichen Haaren genauer an! Diese herausfordernden Mienen und
               leichtfertigen Bewegungen, diese Augen, die respektablen Leuten unverschämt und
               dreist ins Gesicht starren, – das sind Erbstücke einer elenden, zuchtlosen Mutter.
               Art läßt nicht von Art, und was hinterm Zaune geboren ist, das wird sein Lebtag nicht
               ehrbar ... Ich hab's erfahren; neun Jahre lang hab' ich mir keine Mühe verdrießen
               lassen, dem Herrn eine Seele zuzuführen – dies verstockte Geschöpf hat alle meine
               Sorgfalt zu schanden gemacht.«</p>
            <p>»Ach, Tantchen, das ist ja nun bald überstanden!« begütigte die Regierungsrätin,
               während sie Kaffee einschenkte und herumreichte. »Noch einige Wochen, und der böse
               Störenfried verläßt dein Haus für immer ... Ich fürchte leider auch, daß der gute
               Same auf steinigen Boden gefallen ist – ein edler Zug steckt ganz gewiß nicht in
               einer Seele, die, undankbar genug, bisher nur danach gestrebt hat, die Fesseln der
               Moral und guten Sitten abzuwerfen ... Uebrigens wollen wir, die wir das Glück haben,
               von gesitteten Eltern abzustammen, nicht zu streng mit ihr ins Gericht gehen – der
               Leichtsinn steckt ihr im Blut ... Wenn Sie in Jahr und Tag wieder auf Reisen gehen,
               Herr Frank,« wandte sie sich scherzend an den Rechtsanwalt, »so kann es sich schon
               ereignen, <pb/> daß Sie unter einem fremden Himmelsstriche Tantchens ehemalige
               Hausgenossin als Grazie auf dem Seile oder im Zirkus bewundern dürfen.«</p>
            <p>»So sieht sie nicht aus!« sagte plötzlich der Professor in seinem ruhig entschiedenen
               Tone. Er hatte bis dahin konsequent geschwiegen; sein Widerspruch, der sehr
               mißbilligend klang, mußte daher doppelt auffallen. Frau Hellwig wandte sich jäh und
               zornig nach ihrem Sohne, und die Augen der jungen Witwe verloren für einen Moment die
               stereotype Sanftmut; gleich darauf schüttelte sie jedoch gutmütig lächelnd den
               Lockenkopf und öffnete die Lippen, ohne Zweifel, um Liebes und Freundliches zu sagen;
               aber sie wurde verhindert – ein lautes Weinen Aennchens scholl über den Kiesplatz,
               und infolgedessen, was die Regierungsrätin im Umdrehen erblickte, stieß sie selbst
               einen Schrei des Entsetzens aus. Das Kind lief, so schnell es sein schwerfälliger
               Körper gestattete, auf seine Mutter zu; in der angstvoll emporgestreckten Rechten
               hielt es krampfhaft ein Päckchen Schwefelhölzer fest, das Röckchen aber stand in
               hellen Flammen. Wir sagten, die Mutter stieß einen Schrei des Entsetzens aus,
               zugleich irrte ihr verstörter Blick über die eigene, leicht feuerfangende Toilette –
               wie geistesabwesend, mit tödlich erblaßtem Gesichte streckte sie abwehrend ihre Hände
               dem Kinde entgegen und war mit einem Sprunge hinter der schützenden Taxuswand
               verschwunden.</p>
            <p>Die in »Duft« gekleidete Damengesellschaft zerstob wie eine aufgescheuchte
               Taubenschar unter lauten Angstrufen nach allen Richtungen hin; nur Frau Hellwig erhob
               sich tapfer zur Rettung des Kindes, und die beiden Herren sprangen sofort hinüber;
               allein sie kamen zu spät. Felicitas stand bereits da, sie breitete ihre Kleider aus,
               schlug sie eng um das brennende Kind und suchte die Flammen zu ersticken – sie waren
               zu mächtig; der dünne Kattunrock des jungen Mädchens fing selbst Feuer, es züngelte
               gierig an ihr empor. Rasch entschlossen preßte sie das Kind in ihre Arme, flog durch
               den Grasgarten den Damm hinauf und warf sich in den vorüberrauschenden Mühlbach.</p>
            <p>Todesgefahr und Rettung hatten sich in wenige Augenblicke zusammengedrängt; ehe die
               beiden Herren nur die Absicht des fortstürzenden Mädchens begriffen, war das Feuer
               bereits gelöscht. Sie betraten den Damm in dem Augenblicke, als Felicitas, wieder
               aufrechtstehend und das triefende Kind auf dem rechten Arme haltend, mit der Linken
               in die Zweige eines Haselstrauches griff, <pb/> um sich gegen das hier mit großer
               Gewalt vorüberschießende Wasser zu halten. Mit den Herren zugleich erschien die
               Regierungsrätin auf dem Damme.</p>
            <p>»Mein Kind, rettet mein Aennchen!« rief sie in verzweiflungsvollen Tönen, es sah aus,
               als wolle sie schnurstracks in das Wasser laufen.</p>
            <p>»Mache dir die Schuhe nicht naß, Adele, du könntest leicht den Schnupfen bekommen,«
               sagte der Professor mit beißender Ironie, während er rasch hinabstieg und Felicitas
               beide Hände bot, um sie zu stützen; aber er ließ sie langsam wieder sinken – das erst
               völlig ruhige Gesicht des jungen Mädchens hatte sich plötzlich verwandelt, eine tiefe
               Falte grub sich zwischen ihren Brauen, und jener tödlich kalte, feindselige Blick,
               den er bereits kannte, traf sein Auge. Sie reichte ihm, das Gesicht abwendend, die
               kleine Anna hin und schwang sich dann, die Hand des Rechtsanwalts mit einem schwachen
               Lächeln der Dankbarkeit ergreifend, auf den Damm.</p>
            <p>Der Professor trug das Kind in das Gartenhaus, entkleidete es mit Hilfe der
               jammernden Mutter und forschte nach den mutmaßlichen Brandwunden, aber es war,
               wunderbar genug, fast unverletzt; nur die linke Hand, von welcher, wie es selbst
               weinend erzählte, das Feuer ausgegangen war, zeigte Brandspuren. Die Kleine hatte,
               während die Regierungsrätin in der Küche gewesen, unbemerkt die Schwefelhölzchen vom
               Herde genommen; beim Anzünden draußen im Garten war ein Zeugstreifen, den man infolge
               einer kleinen Schnittwunde um ihren Daumen gewickelt, in Brand geraten; sie hatte die
               Flamme am Kleide abzustreifen gesucht und dadurch das Unglück herbeigeführt.</p>
            <p>Die geflüchteten Damen kehrten nun auch sämtlich zurück. Ein Gemisch von Wehklagen
               und Glückwünschen für die Mutter des geretteten Kindes strömte von all den zarten
               Lippen, und der »arme Engel« wurde mit Liebkosungen überschüttet.</p>
            <p>»Aber, beste Karoline,« sagte die Regierungsrätin mit sanftem Vorwurfe zu dem jungen
               Mädchen, das, bang auf das Ergebnis der Untersuchung harrend, in ihrer Nähe stand,
               »konnten Sie denn Aennchen nicht ein wenig draußen im Garten überwachen?«</p>
            <p>Der Vorwurf war zu ungerecht.</p>
            <p>»Sie hatten mir wenige Augenblicke zuvor verboten, das Haus zu verlassen,« entgegnete
               Felicitas finster, mit einem ihrer <pb/> durchdringenden Blicke auf die Frau, während
               das Rot der Entrüstung in ihre Wangen stieg.</p>
            <p>»So, ei warum denn das, Adele?« fragte Frau Hellwig verwundert.</p>
            <p>»Mein Gott, Tantchen,« antwortete die junge Witwe, ohne jedwedes Zeichen der
               Verlegenheit, »das wirst du leicht begreifen, wenn du dir dies Haar ansiehst ... Ich
               wollte ihr und uns den üblen Eindruck ersparen, den Nachlässigkeit stets hervorrufen
               muß.«</p>
            <p>Felicitas griff bestürzt nach ihrem Kopfe; sie war sich bewußt, ihr Haar mit
               ängstlicher Sorgfalt geordnet zu haben; aber der Kamm, der nie recht fest sitzen
               wollte in den dicken, widerspenstigen Wellen, war entschlüpft – er lag
               höchstwahrscheinlich im Mühlbache. Das aufgelöste, wundervolle Gelock wogte wie ein
               Glorienschein um Wangen und Schultern, noch bestreut mit einzelnen Perlen des
               aufgepeitschten Wassers.</p>
            <p>»Ist das alles der Gesamtausdruck Ihrer Dankgefühle für die rettende Hand, die Ihr
               Kind unversehrt durch Feuer und Wasser getragen hat, meine Gnädige?« fragte der
               Rechtsanwalt scharf – sein Auge hatte bis dahin fast unverwandt auf Felicitas
               geruht.</p>
            <p>»Wie mögen Sie nur so ungerecht von mir denken, Herr Frank!« verteidigte sich die
               junge Witwe tief gekränkt. »Ein Mann wird freilich nie recht das Mutterherz begreifen
               lernen; es zürnt im ersten Augenblicke wider Willen denen, die ein Leiden des
               geliebten Kindes hätten verhüten können, wenn es auch dankbar anerkennt, daß sie ihr
               Versehen durch die schließliche Rettung gesühnt haben ... Meine teure Karoline,«
               wandte sie sich an das junge Mädchen, »ich werde Ihnen den heutigen Tag nie vergessen
               ... Könnte ich doch in diesem Augenblicke schon beweisen, wie dankbar ich Ihnen bin!«
               Rasch, als ob sie einer plötzlichen Eingebung folgte, löste sie das Armband und
               reichte es Felicitas hin. »Da nehmen Sie vorläufig – es ist mir sehr wert; aber für
               die Rettung meines Aennchens könnte ich das Liebste freudig opfern!«</p>
            <p>Felicitas schob tief verletzt die Hände zurück, die ihr den Schmuck um den Arm legen
               wollten.</p>
            <p>»Ich danke,« sagte sie mit jenem stolzen Zurückwerfen des Kopfes, welches die
               demutsvollen Gläubigen an dem Spielerskinde stets so entsetzlich fanden; »ich werde
               mich nie für das Genügen der Nächstenliebe bezahlen lassen; noch weniger aber bin ich
               gesonnen, irgend welches Opfer anzunehmen ... Sie sagen<pb/> selbst, daß ich einfach
               ein Versehen gesühnt habe, und sind mir mithin nicht im mindesten verpflichtet,
               gnädige Frau.«</p>
            <p>Frau Hellwig hatte der Regierungsrätin das Armband bereits weggenommen.</p>
            <p>»Du bist nicht bei Trost, Adele!« schalt sie ärgerlich, ohne Felicitas' stolze
               Antwort weiter zu beachten. »Was soll denn das Mädchen mit dem Dings da anfangen? ...
               Schenk ihr ein Kleid von derbem, haltbarem Gingham, das kann sie besser brauchen –
               und damit ist die Sache abgemacht, basta!«</p>
            <p>Nach den letzten Worten ging der Rechtsanwalt hinaus. Er holte seinen Hut und trat
               unter das offene Fenster, an welchem Felicitas stand.</p>
            <p>»Ich finde, daß wir samt und sonders sehr grausam gegen Sie sind!« rief er ihr zu.
               »Zuerst werden Sie mit schnödem Golde verwundet, und dann sehen wir Sie ungerührt in
               durchnäßten Kleidern dastehen ... Ich werde in die Stadt laufen und das Nötige für
               Sie und die kleine Brandstifterin herausschicken.«</p>
            <p>Er grüßte und entfernte sich.</p>
            <p>»Er ist ein Narr,« sagte Frau Hellwig zornig zu den Damen, die ihm verdrießlich und
               mit schlecht verhehltem Bedauern über sein Gehen nachblickten.</p>
            <p>Der Professor hatte, mit dem Kinde beschäftigt, kein Wort in die Belohnungsdebatte
               fallen lassen; wer ihm aber nahe gestanden, der mußte wissen, daß seit dem Moment, wo
               die Regierungsrätin dem jungen Mädchen das Armband angeboten hatte, sein Gesicht
               stark gerötet war ... Zum Frauenarzte, oder wohl gar zu einem jener feinen, geheimen
               Medizinalräte, die hohe und höchste Krankheiten und Launen zu ihrem besonderen
               Studium machen, war er sicher nicht geschaffen. Er hatte etwas entsetzlich
               Rücksichtsloses dem zarten Geschlechte gegenüber. Es war doch so natürlich, daß man
               sich über den Unfall des Kindes zu Tode erschreckt hatte und gar zu gern über die
               etwaigen Folgen beruhigt sein mochte; aber auf alle die teilnahmvollen Fragen der
               Damen hatte der Mann der Wissenschaft nur kurze, trockene Antworten, ja, einige etwas
               schuldlos klingende Bemerkungen wurden sogar mit beißendem Sarkasmus gegeißelt.</p>
            <p>Er überließ die in einen dicken, wollenen Shawl gewickelte Kleine endlich den zarten
               Händen und schritt auf die Thür zu. Felicitas hatte sich in die fernste Ecke des
               Salons zurückgezogen – dort glaubte sie sich völlig unbeobachtet. Mit schmerzhaft
               emporgezogenen <pb/> Schultern lehnte sie an der Wand; ihr Gesicht hatte eine fahle
               Blässe angenommen, das vor sich hinstarrende Auge unter den gerunzelten Brauen und
               die fest aufeinander gepreßten Lippen zeigten unverkennbar, daß sie physisch litt –
               sie hatte eine bedeutende Brandwunde am Arme, die ihr unsägliche Schmerzen
               verursachte.</p>
            <p>Im Begriff, die Thür zu schließen, sah der Professor noch einmal forschend in das
               Zimmer zurück; sein Blick fiel auf das junge Mädchen, er fixierte es einen Moment
               scharf und stand plötzlich mit wenig Schritten vor ihr.</p>
            <p>»Sie haben Schmerz?« fragte er rasch.</p>
            <p>»Er läßt sich ertragen,« antwortete sie mit zitternden Lippen, die sich sofort
               krampfhaft wieder schlossen.</p>
            <p>»Die Flamme hat Sie verletzt?«</p>
            <p>»Ja – am Arm.« Trotz ihrer Leiden nahm sie eine zurückweisende Haltung an und wandte
               das Gesicht nach dem Fenster – sie konnte um alles nicht in diese Augen sehen, die
               sie seit ihrer Kindheit verabscheute. Er zögerte einen Augenblick; aber die Pflicht
               des Arztes siegte.</p>
            <p>»Wollen Sie nicht meine Hilfe annehmen?« fragte er geflissentlich langsam und in
               gütigem Tone.</p>
            <p>»Ich will Sie nicht bemühen,« entgegnete sie mit finsterem Blick; »ich kann mir
               selbst helfen, sobald ich in der Stadt sein werde.«</p>
            <p>»Nun, wie Sie wollen!« sagte er kalt. »Uebrigens gebe ich Ihnen doch zu bedenken, daß
               meine Mutter vorläufig noch Anspruch auf Ihre Zeit und Kraft hat. Sie dürfen sich
               schon aus dem Grunde nicht mutwillig krank machen.« Bei den letzten Worten vermied
               er, Felicitas anzusehen.</p>
            <p>»Ich vergesse das nicht,« versetzte sie minder gereizt; sie fühlte recht gut, daß
               dies Zurückführen auf ihre Pflicht nicht geschah, um sie zu demütigen; er wollte sie
               offenbar bestimmen, seine ärztliche Hilfe anzunehmen. »Ich kenne unser Uebereinkommen
               genau,« fügte sie hinzu, »und Sie werden mich bis zu der letzten Stunde auf dem mir
               angewiesenen Platze finden.«</p>
            <p>»Nun, ist auch hier deine ärztliche Hilfe nötig, Johannes?« fragte die
               Regierungsrätin hinzutretend.</p>
            <p>»Nein,« sagte er kurz. »Aber was thust du noch hier, Adele?« fuhr er verweisend fort.
               »Ich habe dir vorhin gesagt, daß Anna sofort in die frische Luft muß, und begreife
               nicht, weshalb <pb/> du den Aufenthalt hier in dem schwülen Zimmer für nötiger
               hältst.«</p>
            <p>Er ging zur Thür hinaus, und die Regierungsrätin beeilte sich, ihr Kind auf den Arm
               zu nehmen; sämtliche Damen folgten ihr. Drüben am Kaffeetische saß Frau Hellwig
               längst in unerschütterter Gemütsruhe. Zwischen der vorletzten Maschentour und dem
               jetzt unter ihren Fingern wachsenden neuen Streifen des Strickstrumpfes lag die
               Todesgefahr zweier Menschen; aber das hatte jenes Gleichgewicht, welches auf
               stählernen Nerven und einer noch härteren Seele beruhte, nicht zu stören
               vermocht.</p>
            <p>Endlich kam Heinrich mit den ersehnten Kleidern. Er war so gelaufen, daß ihm der
               Schweiß von der Stirne rann.</p>
            <p>Mit Heinrich zugleich war Rosa eingetroffen. Felicitas erhielt deshalb von Frau
               Hellwig die Erlaubnis, in die Stadt zurückzukehren. Sie wußte, daß Tante Cordula eine
               ausgezeichnete Brandsalbe in ihrem reichhaltigen Medizinkasten hatte, und eilte
               sofort, indes Heinrich das Haus bewachte, hinauf in die Mansarde.</p>
            <p>Während die alte Mamsell bestürzt die kühlende Salbe hervorholte und mit sanfter Hand
               den verletzten Arm verband, erzählte Felicitas den Vorfall. Sie sprach hastig, in
               fliegenden Worten. Physischer Schmerz und Gemütsbewegung hatten sie in eine
               fieberhafte Aufregung versetzt. Noch siegte indes der starke Wille des Mädchens über
               die Leidenschaftlichkeit; als aber Tante Cordula ruhig einwarf, sie hätte die
               ärztliche Hilfe nicht zurückweisen sollen, da brach die letzte mühsam behauptete
               Schranke.</p>
            <p>»Nein, Tante!« rief sie hastig, »die Hand soll mich nicht berühren, und wenn sie mich
               aus Todesnot erretten könnte! ... Die Menschenklasse, aus der ich stamme, ist ihm
               ›unsäglich zuwider‹. Dieser Ausspruch aus seinem Munde hat einst mein Kinderherz bis
               in den Tod betrübt – ich werde ihn nie vergessen! ... Seine Pflicht als Arzt ließ ihn
               heute für einen Moment den Abscheu überwinden, den er gegen die ›Paria‹ fühlt, ich
               will sein Opfer nicht!«</p>
            <p>Sie schwieg erschöpft, und ihr Gesicht verzog sich im Schmerze, den die Wunde
               verursachte.</p>
            <p>»Er ist nicht mitleidlos,« fuhr sie nach einer Pause fort, »ich weiß es, er versagt
               sich Genüsse um seiner armen Patienten willen. An jedem anderen würden mich solche
               fortgesetzte Opfer, solch stille Tugend zu Thränen rühren, hier aber empören sie mich
               wie an einer anderen Menschenseele das Laster ... Ich bin <pb/> unedel, Tante,
               niedrig denkend – ich fühle es wohl, aber ich kann mir nicht helfen, es verursacht
               mir heftige Pein, Zorn und Groll, an ihm etwas bewundern zu sollen, den ich bis in
               alle Ewigkeit verabscheue!«</p>
            <p>Einmal vom Boden strenger Zurückhaltung und Verschlossenheit gewichen, beklagte sie
               sich auch heute zum erstenmal bitter über das herzlose Benehmen der jungen Witwe.
               Jener eigentümliche rote Fleck erschien, wenn auch flüchtig, unter dem linken Auge
               der alten Mamsell.</p>
            <p>»Kein Wunder – sie ist ja Paul Hellwigs Tochter!« warf sie hin. In diesen wenigen,
               mit schwacher, aber schneidender Stimme gesprochenen Worten lag eine strenge
               Verurteilung. Felicitas horchte überrascht auf. Nie hatte Tante Cordula eine
               Beziehung zu irgend einem Hellwigschen Familiengliede berührt – die Nachricht von der
               Ankunft der Regierungsrätin hatte sie damals schweigend und scheinbar völlig
               teilnahmslos angehört, so daß Felicitas annehmen mußte, die Verwandten am Rhein haben
               ihr zeitlebens fern gestanden.</p>
            <p>»Frau Hellwig nennt ihn den Auserwählten des Herrn, den unermüdlichen Streiter für
               den heiligen Glauben,« sagte das junge Mädchen nach einer kurzen Pause zögernd. »Er
               muß ein glaubensstrenger Mann sein, einer jener finsteren Eiferer, die zwar mit
               eiserner Konsequenz nach Gottes Geboten leben, aber auch eben deshalb unerbittlich
               und unnachsichtlich die Fehler und Schwächen anderer richten.«</p>
            <p>Ein leises, heiseres Gelächter schlug an Felicitas' Ohr. Die alte Mamsell hatte eine
               eigentümliche Art von Gesichtszügen, bei welchen man nie fragt: »sind sie schön oder
               häßlich?« Die herzerquickende Sprache weiblicher Sanftmut und Güte, eines
               tiefsinnigen Geistes vermittelt hier zwischen den strengen Anforderungen der
               Schönheitsgesetze und der eigenwillig formenden Natur – wo die Linie abweicht, da
               ergänzt der Ausdruck, aber eben deshalb kann uns auch diese Gattung Gesichter
               plötzlich vollkommen fremd werden, sobald ihre gewohnte Harmonie gestört wird. Tante
               Cordula erschien in diesem Augenblicke förmlich unheimlich; es war ein Hohngelächter,
               wenn auch ein leises, gedämpftes, welches sie ausstieß; ihr sonst so stilles, liebes
               Gesicht hatte etwas Medusenhaftes durch den plötzlichen Ausdruck unsäglicher
               Bitterkeit und einer namenlosen Verachtung. Jene Aeußerung im Verein mit dem
               seltsamen Gebaren der alten Mamsell warfen abermals <pb/> einen schwachen Lichtreflex
               auf ihre geheimnisvolle Vergangenheit, aber nicht ein leitender Faden wurde sichtbar
               in dem dunklen Gewebe, und auch jetzt that sie alles, um den Eindruck ihres
               momentanen Sichgehenlassens bei dem jungen Mädchen zu verwischen.</p>
            <p>Auf dem großen, runden Tische mitten im Zimmer lagen verschiedene Mappen, sie waren
               geöffnet. Felicitas kannte die zerstreut umherliegenden Blätter und Hefte sehr gut.
               Da, auf grobem, vergilbtem Papiere, mit verblichener Tinte und oft in sehr
               verzwickten Hieroglyphen hingeworfen, leuchteten Namen wie Händel, Gluck, Haydn,
               Mozart – es war Tante Cordulas Handschriftensammlung berühmter Komponisten. Bei
               Felicitas' Eintritt in das Zimmer hatte die alte Dame in den Papieren gekramt, die,
               jahrelang unausgelüftet hinter den Glasscheiben liegend, jetzt einen durchdringenden
               Modergeruch ausströmten. Sie nahm schweigend die Arbeit wieder auf, indem sie die
               Papiere mit großer Vorsicht und Behutsamkeit in die Mappe schob. Der Tisch leerte
               sich allmählich, und dadurch wurde auch ein tiefer unten liegendes, dickes,
               geschriebenes Notenheft sichtbar. »Musik zu der Operette: ›Die Klugheit der Obrigkeit
               in Anordnung des Bierbrauens‹, von Johann Sebastian Bach,« stand auf dem
               Titelblatte.</p>
            <p>Die alte Mamsell legte bedeutungsvoll den Finger auf den Namen des Komponisten.
               »Gelt, das kennst du noch nicht?« fragte sie mit einem wehmütigen Lächeln. »Das hat
               viele Jahre zusammengerollt im obersten Fache meines Geheimschrankes gelegen ...
               Heute morgen gingen allerlei Gedanken durch meinen alten Kopf – sie meinten alle
               miteinander, es sei Zeit, Ordnung für die Heimreise zu machen, und nach dieser
               Ordnung gehört das Heft in die rote Mappe ... Es mag wohl das einzige Exemplar sein,
               das existiert – es wird dereinst mit Gold aufgewogen werden, meine liebe Fee. Das
               Textbuch, ganz speziell für unsere kleine Stadt X. und meist im hiesigen Dialekt
               geschrieben, ist vor beinahe zwei Jahrzehnten hier aufgefunden worden und hat um
               seiner mutmaßlichen Bachschen Komposition willen in der musikalischen Welt Aufsehen
               erregt; diese Komposition, die man noch sucht – hier ist sie. Die Melodien, die für
               die Welt weit über ein Jahrhundert hier auf dem Papiere geschlafen haben, sind für
               die Musiker eine Art Nibelungenhort, umsomehr, als sie die einzigen eigentlichen
               Opernmelodien sind, die Bach je komponiert hat ... Anno 1705 haben die Schüler der
               hiesigen Landesschule <pb/> und verschiedene Bürger drüben im alten Rathaussaale,
               damals der ›Tuchboden‹ genannt, die Operette aufgeführt.«</p>
            <p>Sie schlug das Titelblatt um; da stand auf der Rückseite in zierlicher Schrift:
               »Johann Sebastian Bachs eigenhändig geschriebene Partitur, von ihm erhalten zum
               Andenken im Jahre 1707. Gotthelf v. Hirschsprung.« – »Der da soll mitgesungen haben,«
               fuhr sie mit etwas vibrierender Stimme fort, indem sie auf den letzten Namen
               zeigte.</p>
            <p>»Und wie kam das Heft in deine Hände, Tante?«</p>
            <p>»Durch Erbschaft,« klang es kurz abweisend, fast rauh von Tante Cordulas Lippen,
               während sie die Partitur in die rote Mappe legte.</p>
            <p>In solchen Momenten war es geradezu unmöglich, ein Gespräch verlängern zu wollen,
               welches die alte Mamsell abzubrechen wünschte. In Haltung und Gebärden der kleinen,
               hinfälligen Gestalt lag dann eine so entschiedene Zurückweisung, daß nur
               Taktlosigkeit und unverschämte Neugierde vorzugehen vermochten. Felicitas warf einen
               sehnsüchtigen Blick auf das verschwindende Manuskript; die Melodien, die kein
               Lebender, außer Tante Cordula, kannte, erregten ihr höchstes Interesse, aber sie
               wagte nicht, um einen Einblick zu bitten, wie sie ja auch vorhin bei ihrer Mitteilung
               die Armbandgeschichte völlig unerwähnt gelassen hatte – nie hätte sie eine
               schmerzlich klingende Saite im Innern ihrer Beschützerin zum zweitenmal berühren
               mögen.</p>
            <p>Die alte Mamsell schlug den Flügel auf, und Felicitas zog sich in den Vorbau zurück
               ... Die Sonne war im Untergehen. Dort drüben lag es noch wie ein aufgewirbelter,
               funkelnder Goldstaub, der das Auge blendete und Himmel und Erde formlos ineinander
               schwimmen ließ. Wie aus der Hand des Sämanns die weithin geschleuderten Körner, so
               fielen von dort her Streiflichter purpurn und goldig färbend auf die Wipfel des
               Bergwaldes und auf das blütenbeschneite Thalgelände. Einzelne Partien der Gegend
               traten dadurch überraschend und fremdartig hervor, gleich einem neuen Gedanken in der
               sinnenden Menschenstirne ... Das kleine Dorf dort, das seine letzten Hütten keck den
               Fuß des Berges ersteigen ließ, erreichte der Sonnenstrahl nicht mehr, aber vom Kopfe
               des spitzen Kirchturms zuckten noch Blitze, und die weit offenen Thüren der Häuser
               zeigten das rotglühende Herdfeuer, auf welchem die Abendkartoffeln kochten ... Süßer
               Abendfrieden lag da draußen, und hier oben quoll der Blumenduft betäubend <pb/>
               empor, kein Lüftchen trug ihn weiter, noch rührte es an die sonnenmüden Blätter und
               Zweige. Manchmal fiel ein schwerfälliger Maikäfer klatschend auf die Galerie, oder
               ein Schwalbenpaar schwirrte, von Elternsorgen getrieben, vorüber – sonst war es
               still, feierlich still. Um so ergreifender schwebten die Klänge des Beethovenschen
               Trauermarsches heraus in den Vorbau, aber schon nach wenigen Akkorden hob Felicitas
               erschreckt den tiefgesenkten Kopf und blickte angstvoll in das Zimmer zurück – das
               war kein Klavierspiel mehr; ein Tongeflüster, hinsterbend und geisterhaft, schlug es
               doch mit der ganzen Kraft einer unabweisbaren, urplötzlich begriffenen Mahnung an das
               Herz des jungen Mädchens: die Hände, die über die Tasten hinglitten, waren müde,
               sterbensmüde, und das, was unter ihnen hervorklang, waren die Flügelschläge einer
               Seele, die sich losreißen wollte für immer.</p>
            <pb/>
         </div>
         <div type="chapter">
            <head>15</head>
            <p>Die Feuer- und Wassertaufe hatte für die zwei Beteiligten doch ihre Folgen. Ein
               starkes Schnupfenfieber brach während der Nacht bei dem Kinde aus, und Felicitas
               erwachte am anderen Morgen mit heftigem Kopfweh. Sie besorgte trotzdem die ihr
               übertragenen Geschäfte mit gewohnter Pünktlichkeit, der verletzte Arm hinderte sie
               wenig, denn die vortreffliche Salbe hatte über Nacht bereits ihre Schuldigkeit
               gethan.</p>
            <p>Nachmittags kehrte der Professor nach Hause zurück. Er hatte eben eine
               Augenoperation, an die sich bis dahin kein Arzt gewagt, glücklich ausgeführt. In Gang
               und Haltung offenbarte sich wie immer jenes ruhige, rücksichtslose Sichgehenlassen,
               das scheinbar durch nichts aus dem Gleichgewicht gebracht werden konnte, auch die
               kräftige Hautfarbe seines Gesichts war nicht um eine Nüance erhöhter – wer aber sein
               Auge kannte, dem mußte der ungewohnte Glanz auffallen, der unter den starken Brauen
               hervorleuchtete; diese kalten, stahlgrauen Augen, die nur gemacht schienen, prüfend
               und kühl sondierend in das Seelenleben anderer zu dringen, hatten also doch auch
               Momente, wo sie eigene innere Befriedigung und Wärme ausstrahlten.</p>
            <p>Er blieb an der Hofthür stehen und frug Friederike, die mit einem Eimer voll Wasser
               in die Hausflur trat, nach ihrem Befinden.</p>
            <p>»Mir geht es wieder gut, Herr Professor,« antwortete sie, ihren Eimer hinstellend,
               »aber die da drüben,« sie zeigte über <pb/> den Hof hinweg nach einem Fenster im
               Erdgeschoß, »die Karoline hat gestern bei der Feuergeschichte eins weggekriegt. Ich
               hab' fast kein Auge zuthun können, so hat sie die ganze Nacht im Schlafe vor sich
               hingeschwatzt, und heute geht sie mit einem Kopfe 'rum, der wie Scharlach, und –«</p>
            <p>»Das hätten Sie früher sagen sollen, Friederike,« unterbrach sie der Professor
               streng.</p>
            <p>»Ich hab's auch der Madame gesagt, aber sie meinte, es würde sich schon wieder geben.
               Für die ist sein Lebtag kein Doktor geholt worden, und sie ist auch durchgekommen –
               Unkraut verdirbt nicht, Herr Professor! ... Es hilft ja auch gar nichts, wenn man gut
               mit ihr sein will,« setzte sie entschuldigend hinzu, als sie sah, daß sich sein
               Gesicht auffallend verfinsterte; »sie war von klein auf ein verstocktes Ding und hat
               immer so apart gethan, wie ein Königskind – daß Gott erbarm', so ein Spielersmädchen!
               ... Manchmal, wenn ich für die Madame was Gutes gebacken oder gebraten hatte, da hab'
               ich ihr auch ein paar Bissen hingestellt – lieber Gott, man hat ja doch auch ein
               Herz! Aber glauben Sie denn, sie hätte es angerührt? Ja, Gott bewahre – ich hab's
               allemal wieder forttragen müssen. Sehen Sie, Herr Professor, so machte sie's schon
               als Kind! Sie hat sich überhaupt immer nur halb sattgegessen von der Zeit an, wo der
               sel'ge Herr gestorben ist ... Das ist aber alles die pure Verstocktheit und der
               sündhafte Hochmut, sie will nichts geschenkt haben, partout nicht! Ich hab's mit
               meinen eigenen Ohren gehört, wie sie dem Heinrich gesagt hat, wenn sie erst einmal
               das schreckliche Haus im Rücken hätte, da wollte sie arbeiten, daß ihr das Blut unter
               den Nägeln hervorkäme, und jeden verdienten Groschen an die Madame schicken, bis
               jeder Bissen Brot, den sie hier im Hause gegessen hätte, bezahlt wäre.«</p>
            <p>Die alte Köchin bemerkte nicht, daß ihrem Zuhörer während ihres Herzensergusses das
               Blut immer mehr in das Gesicht stieg. Sie hatte kaum den letzten Satz beendet, als
               er, ohne ein Wort zu entgegnen, sofort über den Hof nach dem ihm bezeichneten Fenster
               schritt. Es war ein großes Bogenfenster mit steinerner Einfassung, das sehr tief auf
               den Boden herabging und zu der Kammer gehörte, in welcher Friederike und Felicitas
               schliefen. Die offenen Flügel ließen nackte, getünchte Wände und elende Gerätschaften
               sehen, es war jener enge, abscheuliche Raum, in welchem einst die kleine vierjährige
               Felicitas die ersten Sehnsuchtsschmerzen <pb/> hatte durchleiden müssen ... Jetzt saß
               sie da am Fenster, die Ausgestoßene, die Verstockte, die sich nicht satt aß in
               fremdem Brote, die arbeiten wollte, bis ihr das Blut unter den Nägeln hervorkam, um
               jede Verpflichtung trotzig abschütteln zu können – ein Stolz, der sich mit wahrhaft
               männlicher Unbeugsamkeit inmitten der tiefsten Demütigungen aufrecht erhalten hatte,
               eine energische Seele voll unerschöpflicher Kraft, und das alles in diesem jungen
               Geschöpfe, das sich da so kindlich lieblich, scheinbar im Schlafe, zusammenschmiegte.
               Ihr Kopf ruhte, vom untergelegten Arme gestützt, auf dem Fenstersims, die atlasweiße
               Haut des Gesichts und die schimmernde Pracht der Haare hoben sich scharf ab von dem
               verwitterten, grauen Gestein. Unschuldig still und leidvoll erschien das reine Profil
               mit den sanftgeschlossenen Lippen und den schwermütig herabgeneigten Mundwinkeln –
               lagen doch die dunklen Wimpern tief auf der bleichen Wange und bedeckten die Augen,
               die so oft in Groll und Erbitterung aufblitzten.</p>
            <p>Der Professor war geräuschlos herangetreten, er betrachtete sie einen Moment
               unbeweglich, dann bog er sich zu ihr nieder.</p>
            <p>»Felicitas!« klang es weich und mitleidsvoll von seinen Lippen.</p>
            <p>Sie fuhr empor und starrte wie ungläubig in die Augen, die auf sie niedersahen – ihr
               Name, von ihm ausgesprochen, hatte sie wie ein elektrischer Schlag berührt. Aber ihre
               Gestalt, die eben noch wie ein harmloses Kind sich elastisch zusammengeschmiegt
               hatte, sie stand urplötzlich da, in jedem Muskel gespannt, gleichsam aufhorchend, als
               gelte es, einen feindlichen Angriff abzuwehren.</p>
            <p>Der Professor ignorierte diese Umwandlung völlig.</p>
            <p>»Ich höre von Friederike, daß Sie leidend sind,« sagte er in dem gewohnten, ruhig
               freundlichen Ton des Arztes.</p>
            <p>»Ich fühle mich wieder wohl,« antwortete sie gepreßt. »Ungestörte Ruhe stellt mich
               stets rasch wieder her.«</p>
            <p>»Hm – Ihr Aussehen jedoch,« er vollendete den Satz nicht, streckte aber ohne weiteres
               den Arm herein und wollte ihr Handgelenk ergreifen. Sie wich einige Schritte tiefer
               ins Zimmer zurück.</p>
            <p>»Seien Sie vernünftig, Felicitas!« ermahnte er, immer noch freundlich ernst, aber
               seine Brauen runzelten sich finster, als das Madchen bewegungslos stehen blieb,
               während sie die Arme <pb/> beinahe krampfhaft fest um ihre Taille legte. Trotz des
               dichten Bartes konnte man sehen, wie er zornig die Lippen zusammenkniff.</p>
            <p>»Nun, so werde ich nicht mehr als Arzt, sondern als Vormund zu Ihnen sprechen,« sagte
               er in hartem Tone, »und als solcher befehle ich Ihnen, sofort hierher zu kommen!«</p>
            <p>Sie sah nicht auf, ihre Wimpern legten sich vielmehr noch tiefer auf die Wangen, die
               eine glühende Röte bedeckte, und ihre Brust hob und senkte sich im schweren inneren
               Kampfe, aber sie kam langsam heran und reichte ihm schweigend, mit weggewandtem
               Gesichte, die Hand hin, die er sanft in die seine nahm ... Diese außerordentlich
               schmale, kleine, aber hartgearbeitete Hand zitterte so heftig, daß es wie ein tiefes
               Erbarmen durch die ernsten Züge des Professors ging.</p>
            <p>»Thörichtes, eigensinniges Kind, da haben Sie mich nun wieder einmal gezwungen, mit
               aller Strenge gegen Sie aufzutreten!« sagte er mit mildem Ernste. »Und ich hätte
               gewünscht, daß wir ohne weitere Feindseligkeiten auseinandergehen sollten ... Haben
               Sie denn gar keinen anderen Blick für mich und meine Mutter, als den eines
               unauslöschlichen Hasses?«</p>
            <p>»Man kann nicht anders ernten wollen, als man gesäet hat!« entgegnete sie mit
               halberstickter Stimme. Sie strebte fortwährend sich loszuwinden, und ihre Augen
               hafteten mit einem so still entsetzten Ausdruck auf den Fingern, die ihr Handgelenk
               weich, aber kräftig umschlossen, als seien sie glühendes Eisen.</p>
            <p>Jetzt ließ er ihre Hand rasch fallen. Milde und Mitleid verschwanden aus seinen
               Zügen, er stieß mit der Spitze seines Stockes ärgerlich nach einigen schuldlosen
               Grashalmen, die zwischen dem Gefüge des Pflasters sproßten – Felicitas atmete auf, so
               sollte er sein, rauh, hart; sein mitleidsvoller Ton war ihr entsetzlich.</p>
            <p>»Immer derselbe Vorwurf,« sagte er endlich kalt. »Ihr übermäßiger Stolz mag freilich
               oft genug verwundet worden sein; war es doch gerade unsere Aufgabe, Sie auf möglichst
               gemäßigte Ansprüche zurückzuführen ... Ich kann getrost Ihren Haß auf mich nehmen,
               denn ich habe nur Ihr Bestes gewollt; und meine Mutter? ... nun, ihre Liebe mag
               schwer zu gewinnen sein, das will ich nicht bestreiten, aber sie ist unbestechlich
               gerecht, und schon ihre Gottesfurcht wird nicht zugelassen haben, daß Ihnen
               wirkliches Leid und Unrecht geschehe ... Sie sind im Begriff, hinauszutreten in die
               Welt und sich auf eigene Füße zu stellen, dazu bedarf <pb/> es in Ihrer Lage vor
               allem der Fügsamkeit ... Wie soll Ihnen der Verkehr mit den Menschen überhaupt
               möglich werden bei Ihren falschen Ansichten, die Sie so eigensinnig festhalten? Wie
               wollen Sie je auch nur ein Herz gewinnen mit diesen trotzigen Augen?«</p>
            <p>Sie hob die Wimpern und sah ihn ruhig und fest an.</p>
            <p>»Wenn man mir beweist, daß meine Ansichten der Moral und der reinen Vernunft
               gegenüber nicht Stich halten, dann will ich sie gern fallen lassen,« entgegnete sie
               mit ihrer tiefen, ausdrucksvollen Stimme. »Aber ich weiß, ich stehe nicht allein mit
               der Ueberzeugung, daß keinem Menschen, und sei er, wer er wolle, das Recht zukommt,
               andere zu geistigem Tode zu verurteilen; ich weiß, daß tausend andere mit mir fühlen,
               wie ungerecht und strafbar es ist, einer Menschenseele die Berechtigung des
               Aufwärtsstrebens abzusprechen, weil sie in einem niedrig geborenen Leibe wohnt ...
               Ich gehe getrost hinaus unter die Menschen, denn ich habe Vertrauen zu ihnen und
               hoffe zuversichtlich, diejenigen zu finden, denen ich ganz gewiß nicht trotzig
               gegenüberstehen will ... Ein unglückliches Menschenkind wie ich, das unter gemütlosen
               Seelen leben muß, hat keine andere Waffe, als seinen Stolz, keine andere Stütze, als
               das Bewußtsein, daß es auch Gottes Kind, Geist von seinem Geiste ist. Ich weiß, daß
               für ihn alle die Stufen und Schranken in der menschlichen Gesellschaft nicht bestehen
               – sie sind Menschenerfindung, und je kleiner und erbärmlicher die Seele, um so fester
               hält sie an ihnen.«</p>
            <p>Sie wandte sich langsam um und verschwand hinter der Thür, die nach der Gesindestube
               führte, und er stand draußen und starrte ihr nach, dann drückte er den Hut tief in
               die Stirne und schritt dem Hause zu. Was in diesem gesenkten Kopfe vorging, vermochte
               wohl niemand zu ergründen; so viel aber war gewiß, jener Glanz seiner Augen, den er
               vorhin mit heimgebracht, war verflogen – es lag wie ein finster brütender Geist auf
               den stark gefurchten Brauen.</p>
            <p>In der Hausflur standen der Rechtsanwalt Frank und Heinrich beisammen. Der Professor
               sah rasch, wie erwachend, auf, als ihre Stimmen sein Ohr berührten.</p>
            <p>»Nun, du hast Patienten im Hause, Professor?« fragte der Rechtsanwalt, indem er ihm
               die Hand reichte. »Die Feuergeschichte hat fatale Folgen, wie ich höre – das Kind
               –«</p>
            <p>»Hat ein tüchtiges Schnupfenfieber,« ergänzte der Professor <pb/> trocken. Er schien
               offenbar nicht in der Laune, sich auf weitere Eröterungen einzulassen.</p>
            <p>»Ach, Herr Professor, das hat ja wohl nicht viel zu bedeuten!« meinte Heinrich. »Das
               Kind ist einmal eine arme kranke Kreatur und pimpelt den ganzen Tag – wenn aber so
               ein Mädchen, wie die Fee, der das ganze Jahr keine Ader weh thut, den Kopf hängt, da
               kommt einem die Angst.«</p>
            <p>»Nun, von der Kopfhängerei habe ich nicht viel bemerken können,« sagte der Professor
               mit auffallend scharfer Stimme, – man sah, wie unter dem Barte die Mundwinkel
               ironisch zuckten. »Der Kopf sitzt fest wie irgend einer, darauf kannst du dich
               verlassen, Heinrich!«</p>
            <p>Er schritt mit dem Rechtsanwalt die Treppe hinauf. Auf den obersten Stufen kam ihnen
               Aennchen entgegen; sie war barfuß und im Nachtkleidchen, auf dem gedunsenen
               Gesichtchen glühten Fieberflecken und die Augen waren geschwollen vom Weinen.</p>
            <p>»Mama fort, Rosa fort, Aennchen will Wasser trinken!« rief sie dem Professor
               entgegen. Er nahm sie erschrocken auf den Arm und trug sie in das Schlafzimmer zurück
               – niemand war zu sehen. Erzürnt rief er nach dem Mädchen. Eine ferne Thür ging auf,
               und mit erhitztem Gesicht, das Bügeleisen in der Hand, kam Rosa herbeigelaufen; dort
               in dem Zimmer blähte sich eine ungeheure, blütenweiße Mullwolke auf dem
               Bügelbrette.</p>
            <p>
               <pb/> »Wo stecken Sie denn? Wie können Sie das Kind allein lassen?« fuhr er sie
               an.</p>
            <p>»Ach, Herr Professor, ich kann mich doch nicht in Stücke teilen,« verteidigte sich
               das junge Mädchen, fast weinend vor Aerger. »Die gnädige Frau muß durchaus ein
               frischgewaschenes Kleid morgen früh haben – das Waschen und Bügeln nimmt ja gar kein
               Ende mehr – wenn Sie nur wüßten, solch ein Kleid ist eine Heidenarbeit –«</p>
            <p>Sie hielt inne, der Rechtsanwalt brach in ein lautes Gelächter aus.</p>
            <p>»O, über die Frau im einfachen weißen Mullkleide!« rief er und hielt sich die Seiten,
               denn das finster verlegene Gesicht des Professors erschien ihm urkomisch.</p>
            <p>»Die gnädige Frau meinten,« nahm Rosa ihre Verteidigungsrede wieder auf, »es sei ja
               doch nur ein leichtes Schnupfenfieber bei Aennchen, sie könnte ganz gut einmal auf
               ein halbes Stündchen allein bleiben; sie hat ihr allerhand Spielzeug aufs Bettchen
               gegeben –«</p>
            <p>»Und wo ist meine Kousine?« unterbrach der Professor sie rauh.</p>
            <p>»Die gnädige Frau sind mit Madame Hellwig in den Missionsverein gegangen.«</p>
            <p>»So,« schnitt er ihren Bericht kurz ab – er sah grimmig aus. »Jetzt gehen Sie und
               machen Sie den Plunder fertig!« befahl er, nach der Thür zeigend, aus der sie
               gekommen war, dann rief er nach Friederike, aber die alte Köchin steckte mit beiden
               Händen in einem eben angerührten Teige und schickte Felicitas.</p>
            <p>Das junge Mädchen kam die Treppe herauf. Noch lag die feine Röte innerer Bewegung auf
               ihren Wangen, doch ihr Auge streifte kühl und ernst das aufgeregte Gesicht des
               Professors. Sie blieb in ruhig fester Haltung stehen und erwartete schweigend seine
               Befehle. Es kostete ihm augenscheinlich große Ueberwindung sie anzureden.</p>
            <p>»Die kleine Anna ist ohne Aufsicht – wollen Sie bei ihr bleiben, bis ihre Mutter
               zurückkommt?« fragte er endlich; einem aufmerksamen Ohre konnte es nicht entgehen,
               daß er seine Stimme zu einem freundlichen Tone zwang.</p>
            <p>»Sehr gern,« antwortete sie unbefangen, »aber ich habe ein Bedenken – die Frau
               Regierungsrätin liebt es nicht, das <pb/> Kind mit mir zusammen zu sehen. Wollen Sie
               die Verantwortlichkeit übernehmen, so bin ich bereit.«</p>
            <p>»Ja wohl, das will ich.«</p>
            <p>Sie schritt ohne weiteres in das Schlafzimmer und schloß die Thür. Der Rechtsanwalt
               sah ihr mit aufleuchtenden Augen nach.</p>
            <p>»Fee nennt sie Heinrich seltsamerweise,« sagte er zu dem Professor, während er neben
               ihm die Treppe nach dem zweiten Stocke hinaufstieg, »und so sonderbar auch der Name
               auf seiner derben Zunge klingt, auf die Erscheinung paßt er prächtig ... Ich muß
               aufrichtig gestehen, ich begreife nicht, wo ihr, du sowohl wie deine Mutter, den Mut
               hernehmt, dies merkwürdige Mädchen eurer alten Köchin und dem naseweisen
               Kammerkätzchen da unten gleichzustellen.«</p>
            <p>»Ah – wir hätten sie in Samt und Seide wickeln sollen, meinst du?« rief der Professor
               so heftig gereizt, wie ihn sein Freund noch nie gesehen. »Und weil dem Hause Hellwig
               eine Tochter versagt ist, so hätte, deiner Ansicht nach, der leere Platz nicht
               vortrefflicher ausgefüllt werden können, als mit dieser Fee, oder besser ›Sphinx‹,
               wie ich sie nenne ... du bist von jeher ein Schwärmer gewesen! ... Uebrigens steht es
               dir frei« – sein Ton vibrierte vor innerer Aufregung – »die Tochter des
               Taschenspielers zur Frau Frank zu machen – meinen Segen als Vormund hast du!«</p>
            <p>Das feine Gesicht des Rechtsanwaltes errötete bis unter den lockigen Haarstreifen
               über der Stirne. Er sah einen Moment angelegentlich durch das Fenster hinunter auf
               den Marktplatz – sie hatten im Gespräch das Zimmer des Professors betreten – dann
               wandte er sich lächelnd um.</p>
            <p>»So, wie ich das innerste Wesen des Mädchens auffasse, wird sie sich schwerlich um
               deinen vormundlichen Segen kümmern; ich würde mithin lediglich auf ihre Entscheidung
               angewiesen sein,« entgegnete er nicht ohne leisen Spott, »und wenn du meinst, mein
               Ohr mit der Bezeichnung ›Taschenspielerstochter‹ zu erschrecken, so irrst du dich
               gewaltig, mein sehr verehrter Professor ... Du freilich, bei deinen Grundsätzen,
               würdest einen solchen Gedanken nicht ohne gewaltige Nervenerschütterung ausdenken –
               ein Spielerskind mit warmem, raschem Herzschlag und das kühle Blut ehrenfester Kauf-
               und Handelsherren, das fein gemessen durch deine Adern fließt – das ginge freilich
               nun und nimmer – die dort müßten sich ja samt und sonders im Grabe umdrehen!«</p>
            <p>
               <pb/> Er zeigte durch die offene Thür in die anstoßende große Erkerstube. Dort an der
               langen Wandseite hing eine Reihe vortrefflich gemalter männlicher Oelbilder,
               stattliche, behäbige Gestalten mit funkelnden Diamanten an den Fingern und auf dem
               zierlich gefältelten Busenstreifen. Das waren verschiedene Bürgermeister und
               Kommerzienräte, die einst den Namen Hellwig getragen hatten.</p>
            <p>Der Professor ging hinüber in das Zimmer – die Nadelstiche des Spottes schienen an
               ihm abzugleiten. Er kreuzte die Arme über der Brust und schritt einigemal unter den
               Bildern auf und ab.</p>
            <p>»Sie haben tadellos dagestanden im Leben,« sagte er plötzlich stehen bleibend. »Ob
               jeder ohne innere Anfechtung und Kämpfe diese makellose äußere Würde und Haltung
               behauptet hat – ich glaube es nicht. Die menschliche Natur hat viel Sprödes, sie
               widerstrebt da meist am hartnäckigsten, wo sie gehorchen muß ... Alle diese Opfer
               sind Steine zu einem soliden Bau gewesen, und dieser Bau heißt ›das Haus Hellwig‹.
               Sollen sie gefordert und gebracht worden sein, damit ein Enkel kommt und sie mit
               einem Fußtritte wie ein Kartenhaus umstößt? ... Gott soll mich bewahren!«</p>
            <p>Es sah fast aus, als habe er mit diesen Worten einen inneren Konflikt gelöst, denn
               die seltene Gereiztheit, die Frank mit Verwunderung an ihm beobachtet hatte, war
               verschwunden, als er in sein Zimmer zurückkehrte. –</p>
            <p>Felicitas mochte vielleicht eine halbe Stunde am Bette des Kindes gesessen haben, als
               die Regierungsrätin nach Hause kam. Ihr Gesicht verfinsterte sich sofort beim
               Erblicken des jungen Mädchens.</p>
            <p>»Wie kommen Sie hierher, Karoline?« fragte sie scharf, indem sie ihren Sonnenschirm
               auf das Sofa warf und hastig ihre feinen dänischen Handschuhe abstreifte. »Ich habe
               Sie doch sicher nicht um diese Dienstleistung ersucht!«</p>
            <p>»Aber ich!« sagte der Professor mit harter Stimme, der plötzlich hinter ihr auf der
               Schwelle der offenen Thür erschien. »Dein Kind brauchte Aufsicht, es kam mir barfuß
               auf der Treppe entgegen.«</p>
            <p>»Nicht möglich! ... Ja, Aennchen, wie konntest du denn so unfolgsam sein?«</p>
            <p>»Bist du wirklich im Zweifel, Adele, wer hier den Vorwurf verdient,« fragte der
               Professor noch immer sich beherrschend, aber es grollte bereits in seiner Stimme.</p>
            <p>
               <pb/> »Mein Gott, ich bin ja trostlos über dies pflichtvergessene Geschöpf, die Rosa!
               ... Sie hat auf der Gotteswelt nichts zu thun, als das Kind zu beaufsichtigen, aber
               ich weiß schon, man darf nur den Rücken wenden, da gafft sie zum Fenster hinaus,
               steht vorm Spiegel –«</p>
            <p>»Zufällig steht sie in diesem Augenblicke am Bügelbrette und richtet im Schweiße
               ihres Angesichtes ein Kleid her, das du à tout prix morgen anziehen mußt,« unterbrach
               sie der Professor, in schneidendem Hohne jedes Wort markierend.</p>
            <p>Sie erschrak heftig. Die tödlichste Verlegenheit spiegelte sich momentan auf ihrem
               Gesichte, allein sie faßte sich rasch.</p>
            <p>
               <pb/> »Gott, wie albern!« rief sie unmutig die weiße Stirne runzelnd, »da hat sie
               mich wieder einmal völlig mißverstanden – ich habe häufig das Unglück!«</p>
            <p>»Gut,« unterbrach er sie beharrlich, »wir wollen dies Mißverständnis gelten lassen,
               aber wie mochtest du ihr, deren Unzuverlässigkeit du eben hervorhobst, dein krankes
               Kind allein anvertrauen?«</p>
            <p>»Johannes, mich rief eine heilige Pflicht!« antwortete die junge Witwe nachdrücklich
               mit einem schwärmerischen Aufschlag ihrer schönen Augen.</p>
            <p>»Deine heiligste ist die Mutterpflicht!« rief er – in diesem Augenblicke war er sehr
               zornig. »Ich habe dich nicht hierhergeschickt, um in Missionsangelegenheiten thätig
               zu sein, sondern einzig und allein des Kindes wegen!«</p>
            <p>»Um Gottes willen, Johannes, wenn die Tante und mein Papa dich hörten! ... Früher
               dachtest du anders!«</p>
            <p>»Das gebe ich dir vollkommen zu. Eigenes Denken aber wird uns stets auf den
               unerschütterlich festen Satz der Moral zurückführen, daß wir zunächst unsere ganzen
               Kräfte dem Boden zuwenden sollen, auf den uns die Vorsehung gestellt hat – und wenn
               du dereinst hundert aus dem Heidentume gerettete Kinderseelen dem Ewigen aufzählen
               kannst, sie werden nicht um ein Jota den Vorwurf rechtfertigen, daß du dein eigenes
               darüber hast zu Grunde gehen lassen!«</p>
            <p>Das Gesicht der Regierungsrätin glühte wie eine Päonie. Sie rang nach Fassung und der
               gewohnten Sanftmut, und es gelang ihr.</p>
            <p>»Sei nicht so streng gegen mich, Johannes!« bat sie. »Bedenke, daß ich ein schwaches
               Weib bin, aber gewiß immer nur das Beste will ... Habe ich gefehlt, so ist es wohl
               auch hauptsächlich aus Liebe zu deiner guten Mutter geschehen, die meine Begleitung
               wünschte – es soll aber gewiß nicht wieder vorkommen.«</p>
            <p>Die Regierungsrätin hatte mit dem weichsten Tone ihrer flötenartigen Stimme
               gesprochen und bot dem Professor lieblich lächelnd die Hand. Sonderbar, der ernste
               Mann errötete wie ein junges Mädchen – es war ihm wohl selbst unbewußt, daß ein
               scheuer Seitenblick rasch nach der hinüberstreifte, die mit gesenkten Lidern am Bette
               des Kindes saß – er erfaßte zögernd die Hand <pb/> mit zwei Fingern und ließ sie
               sofort wieder fallen ... Die zwei Taubenaugen, welche bittend und unverwandt auf
               seinem Gesichte geruht hatten, funkelten auf, und das Gesicht erblaßte, aber die
               Sanftmut wurde tapfer behauptet. Die junge Frau nahm den Kopf ihres Kindes zwischen
               ihre Hände und hauchte einen Kuß auf die kleine, fieberglühende Stirne.</p>
            <p>»Ich kann nun Aennchens Pflege wieder übernehmen und danke Ihnen herzlich, liebe
               Karoline, daß Sie mich einstweilen vertreten haben,« sagte sie freundlich zu
               Felicitas.</p>
            <p>Das junge Mädchen erhob sich rasch, aber die Kleine brach in ein bitterliches Weinen
               aus und umklammerte mit beiden Händchen fest ihren Arm.</p>
            <p>Der Professor prüfte den Puls des Kindes.</p>
            <p>»Sie hat starkes Fieber; ich darf durchaus nicht zulassen, daß sie sich noch mehr
               aufregt,« sagte er mit kalter Freundlichkeit zu Felicitas. »Sie bringen wohl das
               Opfer, dazubleiben, bis sie eingeschlafen sein wird?«</p>
            <p>Sie nahm schweigend ihren Platz wieder ein, und er ging hinaus. Zu gleicher Zeit
               eilte die Regierungsrätin in ihr Wohnzimmer und ließ die Thür hinter sich ziemlich
               unsanft ins Schloß fallen. Felicitas hörte, wie sie drin mit raschen Schritten auf
               und nieder lief. Plötzlich klang ein scharfes Geräusch, wie das Zerreißen irgend
               eines Gewebes, durch die Thür. Aennchen richtete sich horchend auf und fing an zu
               zittern; das Geräusch wiederholte sich und folgte immer rascher aufeinander.</p>
            <p>»Mama, Aennchen will artig sein, will's nicht wieder thun! Ach, Mama, Aennchen nicht
               patschen!« rief das Kind plötzlich wie außer sich.</p>
            <p>In dem Augenblicke trat Rosa in das Zimmer. Das frische Gesicht des Mädchens sah blaß
               und erschreckt aus.</p>
            <p>»Sie zerreißt wieder einmal – ich hörte es auf dem Vorplatze,« murmelte sie mit einem
               unsäglich verächtlichen Ausdruck zu Felicitas hinüber. »Still, Herzchen,« flüsterte
               sie dem Kinde beschwichtigend zu, »Mama thut dir nichts; sie kommt nicht heraus und
               wird bald wieder gut!«</p>
            <p>Drüben wurde eine Thür zugeschlagen, die Regierungsrätin hatte sich entfernt. Rosa
               ging in das Wohnzimmer und kam gleich darauf mit einem Bündel weißer Fetzen in der
               Hand zurück – es waren die Ueberreste eines ehemaligen Batisttaschentuches.</p>
            <p>
               <pb/> »Wenn sie in Wut kommt, so kennt sie sich selbst nicht mehr!« grollte das
               Mädchen flüsternd. »Da zerreißt sie, was sie gerade unter den Händen hat, und schlägt
               auch ohne Gnade und Barmherzigkeit zu – das weiß der arme, kleine Tropf da recht
               gut.«</p>
            <p>Felicitas drückte das Kind an ihre Brust, als müsse sie es vor den Zornausbrüchen der
               leidenschaftlichen Mutter schützen; ihre Besorgnis war jedoch ohne Grund. Die Stimme
               der Regierungsrätin klang plötzlich in ihrer Glockenreinheit vom Vorsaale her; sie
               plauderte heiter mit dem die Treppe herabkommenden Rechtsanwalt, und als sie bald
               darauf das Schlafzimmer wieder betrat, war ihr Aussehen schöner und anmutiger denn
               je. Die Zornröte lag noch als zart hingehauchter Karmin auf den sanft gerundeten
               Wangen, und wer hätte bei dem ganzen lieblichen Gesichtsausdruck den auffallenden
               Glanz der Augen für etwas anderes, als die erhöhten Regungen einer schönen weiblichen
               Seele halten mögen?</p>
            <pb/>
         </div>
         <div type="chapter">
            <head>16</head>
            <p>Als Felicitas auf das Ersuchen des Professors hin den Platz an Annas Bett wieder
               einnahm, hätte sie nicht gedacht, daß sie ein vieltägiges Wärteramt antrete – die
               Kleine wurde gefährlich krank und litt weder ihre Mutter noch Rosa in ihrer Nähe; nur
               der Professor und Felicitas durften sie berühren und ihr die Medizin reichen. In
               ihren Fieberphantasien spielte das zerrissene Batisttuch eine große Rolle. Der
               Professor hörte mit Verwunderung die Angst- und Furchtäußerungen des Kindes und jagte
               mehr als einmal durch seine eindringlichen, forschenden Fragen die Röte des
               Schreckens und der Verlegenheit in das Gesicht der Regierungsrätin. Sie blieb aber,
               von Rosa unterstützt, stets bei dem Ausspruche, daß Aennchen einen schlimmen Traum
               gehabt haben müsse.</p>
            <p>Felicitas fand sich rasch in ihre Aufgabe als Pflegerin, obgleich ihr dieselbe
               anfänglich durch den stündlichen Verkehr mit dem Professor sehr erschwert wurde, aber
               die Sorge um das Leben des Kindes, die sie mit ihm teilte, half ihr schneller über
               das Peinliche ihrer Situation, als sie meinte. Es kam ihr selbst höchst wunderbar
               vor, wie gut sie ihn in seinem Wesen als Arzt verstand. Während er den anderen,
               selbst der Mutter des Kindes, undurchdringlich er schien, wußte sie stets sofort, ob
               er die Gefahr gesteigert fand oder Hoffnung schöpfte. Deshalb bedurfte es aber auch
               fast nie eines erklärenden Wortes seinerseits, um sie auf das <pb/> eingehen zu
               machen, was der Augenblick erheischte. Er wechselte mit ihr im Nachtwachen ab, allein
               auch tagsüber war er sehr viel im Krankenzimmer. Stundenlang saß er geduldig neben
               dem Bettchen und legte seine Hände abwechselnd auf die Stirne des Kindes – dann ruhte
               es still und unbeweglich, es mußte eine eigentümlich beschwichtigende Kraft in diesen
               Händen liegen.</p>
            <p>Unwillig und tief erregt suchte das junge Mädchen die vergleichenden Gedanken
               abzuschütteln, die sie beschlichen, wenn sie, unfern von ihm sitzend, ihn schweigend
               beobachtete. Das waren noch dieselben unregelmäßigen, harten Linien des Gesichts,
               dieselbe wuchtig hervortretende Stirne, über welche das dicke Haar peinlich
               sorgfältig zurückgeschlagen lag – es waren dieselben Augen, dieselbe Stimme, alles in
               allem der Schrecken ihrer Kindheit, aber den finster asketischen Zug, der einst den
               Jünglingskopf so unjugendlich und abstoßend hatte erscheinen lassen, suchte sie
               vergebens ... Von jener nicht schön geformten, jedoch bedeutenden Stirne ging es aus
               wie ein mildes Licht, und wenn sie hörte, wie er dem aufgeregten Kinde mit
               unaussprechlich sanfter Stimme beschwichtigend zuredete, so konnte sie sich nicht
               verhehlen, daß er seinen Beruf in seiner ganzen Heiligkeit erfasse. Er stand nicht
               mit kalt-grausamem Achselzucken den unvermeidlichen Schmerzen anderer gegenüber,
               suchte nicht allein den Körper vor der Vernichtung zu retten – die bangende Seele
               fand an ihm eine Stütze; sie las das Mitgefühl in seinen Augen und schöpfte Mut und
               Trost aus seiner Stimme. Er hatte die Sprache in seiner Gewalt, wie selten ein
               Mensch. Es standen ihm Klänge und Worte zu Gebote, die das Herz des jungen Mädchens
               wie elektrische Schläge berührten ... Wer dachte in solchen Augenblicken an seine
               unschönen, eckigen Bewegungen, an sein abstoßendes Wesen im geselligen Verkehr? Da
               war er eine sittlich schöne Erscheinung, ein Mann im Bewußtsein großer moralischer
               Kraft, der rastlos denkende und kämpfende Vermittler zwischen den zwei erbitterten
               Gegnern »Leben und Tod« ... Aber mochten auch alle diese Gedanken versöhnend an ihr
               vorüberziehen, die Schlußbetrachtung war dieselbe: »Er fühlt und denkt menschlich, er
               hat Erbarmen mit dem hilflosen Zustande des geringsten Nächsten – das verfemte
               Spielerskind hat mithin doppelten Grund, ihn zu verabscheuen, denn ihm war er ein
               mitleidsloser Unterdrücker, ein vorurteilsvoller, ungerechter Richter«.</p>
            <p>
               <pb/> Er hatte bei dem jetzigen täglichen Verkehr nicht ein einziges Mal jenen
               weichen Ton wieder angeschlagen, der ihr schrecklich war, und gegen welchen sie stets
               mit den Waffen des Trotzes und der Zurückweisung kämpfte. Er hielt die kalt höfliche
               Freundschaft fest, die er seit dem letzten Gespräch mit ihr angenommen, und auch
               diese lag mehr in seinem Gesichtsausdruck als in seinen Worten, denn die
               unerläßlichen Fragen ausgenommen, sprach er fast nie mit ihr. Einen schweren Stand
               hatte er der Regierungsrätin gegenüber. Sie gebärdete sich anfänglich wie unsinnig
               und wollte es durchaus nicht zulassen, daß Felicitas ihre und Rosas Stelle am
               Krankenbett einnehme; es bedurfte seiner ganzen Entschiedenheit, um sie zur Ruhe zu
               bringen. Dagegen ließ sie es sich durchaus nicht nehmen, alle Augenblicke den von dem
               Kinde so sehr gefürchteten Lockenkopf lauschend zur Thür hereinzustecken,
               sonderbarerweise traf es sich dann stets, daß ihr Kousin und Felicitas zusammen im
               Krankenzimmer waren ... Sie weinte und rang die weißen Hände – es gibt kein
               menschlisches Gesicht, das in wahrhaft schmerzlicher und angstvoller Aufregung schön
               unter einem Thränenerguß bliebe, mögen die Dichter auch ihre Heldinnen ›hinreißend in
               ihren Thränen‹ sein lassen – hier aber auf diesem rosigen Ovale vertiefte sich kein
               Zug, nicht ein krampfhaft verzogenes Fältchen erschien, die zarte Haut zeigte keinen
               einzigen entstellenden roten Flecken, leise rieselten die hellen Thränenperlen über
               die Wangen – es war ein so vollendet künstlerisches Weinen, wie es sich der Maler zu
               einer Mater dolorosa nicht schöner denken kann ... Welch ein Unterschied zwischen ihr
               und jenem bleichen, überwachten und angstvollen Mädchengesicht am Bett des Kindes!
               ... Jeden Abend erschien sie pünktlich in elegantem Schlafrock; ein wunderfeines
               Spitzenhäubchen umschloß das bezaubernde Gesicht, und die feinen Hände hielten ein
               Andachtsbuch – sie wollte wachen. Ein und dasselbe Wortgefecht erhob sich jedesmal
               zwischen ihr und dem Professor, sie wiederholte stets ein und dieselbe Phrase der
               Verwahrung gegen Eingriffe in ihre mütterlichen Rechte und ging dann sanft weinend
               und klagend, um am anderen Morgen frisch wie eine Mairose aufzustehen.</p>
            <p>Es war der neunte Abend seit Aennchens Erkrankung. Das Kind lag in dumpfer Betäubung;
               nur dann und wann rang sich ein unartikuliertes Lallen von seinen Lippen. Der
               Professor hatte lange, die Stirne sorgenvoll in die verschlungenen Hände gedrückt,
               <pb/> am Bettchen gesessen; da stand er plötzlich auf und winkte Felicitas in das
               Nebenzimmer.</p>
            <p>»Sie haben die vergangene Nacht gewacht und sich auch gestern und heute nicht einen
               Moment der Ruhe gönnen dürfen, und doch verlange ich noch weitere Opfer von Ihnen,«
               sagte er. »Diese Nacht wird entscheidend sein. Ich könnte nun zwar meine Kousine oder
               Rosa in die Nähe des Kindes lassen, denn es ist bewußtlos; aber ich brauche
               wahrgemeinte Hingebung und Besonnenheit neben mir – wollen Sie heute noch einmal
               wachen?«</p>
            <p>»Ja!«</p>
            <p>»Doch es werden voraussichtlich Stunden der Angst und Aufregung, die Sie durchmachen
               müssen – fühlen Sie sich noch stark genug?«</p>
            <p>»O ja – ich habe das Kind lieb und schließlich – will ich.«</p>
            <p>»Haben Sie ein so festes Vertrauen auf die Kraft Ihres Willens?« Seine Stimme nahm
               bereits wieder jene milde Färbung an.</p>
            <p>»Er ist mir bis jetzt noch nicht treulos geworden,« entgegnete sie; ihr bis dahin
               völlig ruhiger Blick wurde sofort eisig und abweisend.</p>
            <p>Die Nacht brach herein – eine süße, lautlos schweigende Frühlingsnacht! Das volle,
               funkelnde Mondlicht schwebte über der schlafenden Stadt; im Erkerzimmer des alten
               Kaufmannshauses streifte es gleichsam mit silbernem Flügel die stillen Bilder an den
               Wänden und hauchte ein fremdartiges Leben über die festgezauberten Gestalten; die
               Blumen im Fußteppich leuchteten auf unter dem bleichen Licht und aus dem
               Krystallkronleuchter an der Decke sprühten Millionen Silberfunken ... Drin aber, im
               dunklen Krankenzimmer, kreiste eine furchtbare Gewalt über dem schmalen Bett – die
               Kreise wurden enger und senkten sich tiefer und tiefer auf den qualvoll ringenden
               kleinen Körper, das Kind lag in den heftigsten Krämpfen ... Der Professor saß neben
               dem Bett; sein Blick ruhte unverwandt auf den zuckenden Gliedern und dem unkenntlich
               gewordenen, verzerrten Gesichtchen. Er hatte alles gethan, was im Bereich ärztlicher
               Kunst und menschlichen Wissens lag, und nun mußte er macht- und thatlos verharren und
               die Naturkräfte ihren erbitterten Streit allein auskämpfen lassen.</p>
            <p>Draußen schlug es zwölf mit lang aushebenden Schlägen. <pb/>
               <pb/>Felicitas, die still am Fußende des Bettes saß, schauerte in sich hinein; es war
               ihr, als müsse eine dieser mächtigen Schwingungen die Kinderseele mit hinwegnehmen
               ... und wirklich wurde der heftig arbeitende Körper plötzlich schlaffer, die kleinen,
               festgeballten Hände lösten sich und fielen matt auf die Decke, und nach wenig
               Augenblicken lag auch das Köpfchen bewegungslos in den Kissen ... Der Professor hatte
               sich über das Bett geneigt – bange zehn Minuten verstrichen, dann hob er den Kopf und
               flüsterte bewegt: »Ich halte sie für gerettet!«</p>
            <p>Das junge Mädchen bog sich forschend über die Kranke; sie hörte tiefe, ruhige
               Atemzüge und sah, wie sich die kleinen, todmüden Glieder behaglich in den Kissen
               streckten. Lautlos erhob sie sich und ging hinaus in das Nebenzimmer. Sie trat in
               eines der weit offenen Fenster. Die würzige Nachtluft, in die sich bereits ein Hauch
               von herber Morgenröte mischte, strich erquickend an ihr vorüber; sie lehnte das müde
               Haupt an die steinerne Fenstereinfassung, während ihre gefalteten Hände schlaff
               niedersanken. Auf dem Simse stand ein Theerosenstrauch; er hatte eine einzige
               prachtvolle Blüte – doppelt bleich im weißen Mondenglanz, hing sie schaukelnd über
               der blassen Stirn, dem flimmernden Haar des Mädchens ... Felicitas' Pulse klopften
               fieberhaft – kein Wunder; da drin in dem dumpfen, schwülen Raum war ja der Tod hart
               an einem Menschen vorübergeschritten; die Spannung ihrer Nerven während der letzten
               Stunden war eine furchtbare gewesen – kein anderer Laut, als das vereinzelte schrille
               Aufkreischen des Kindes hatte ihr Ohr getroffen; sie hatte nichts gesehen, als den
               zuckenden Körper der Kranken und das stumme bleiche Gesicht des Arztes, der nur durch
               Winke und Blicke ihre Hilfeleistungen forderte – vier enge Wände umschlossen ihn und
               sie allein; sie wirkten zusammen in Ausübung der Nächstenpflicht und Barmherzigkeit,
               während die tiefe Kluft des Hasses und des Vorurteils zwischen ihnen lag.</p>
            <p>Die heißen, trockenen Augen des jungen Mädchens starrten durch das gegenüberliegende
               Eckfenster nach der mondbeleuchteten Front des Rathauses. Die Statuen zu beiden
               Seiten der Uhr, eine Muttergottes und der heilige Bonifacius, traten geisterhaft
               lebendig aus ihren Nischen hervor – was half es, daß sie schützend und segnend da
               droben standen? Dicht unter ihnen war doch das Unglück geschehen. Die drei hohen
               Fenster dort, die jetzt silbern glitzerten, hatten an jenem unglückseligen Abend die
               <pb/> rote Glut einer feenhaften Beleuchtung ausgestrahlt, und da, wo jetzt der
               Mondschein einsam und harmlos auf dem Boden spielte, war die wundervolle
               Frauengestalt unerschrocken vor die versammelte Menschenmenge und die dräuenden
               Feuerwaffen hingetreten; aber unter dem Panzer hatte ein warmes, banges Mutterherz
               geklopft – einsam, im fremden Hause schlummerte derweil ihr Kind, für das sie
               erwerben mußte, für das sie immer wieder hinaustrat, bis die letzten sechs Schüsse
               krachten, unter denen sie sterbend zusammenbrach.</p>
            <p>Der Professor trat aus dem Krankenzimmer und schloß die Thür geräuschlos hinter sich.
               Er ging auf Felicitas zu, die unbeweglich im Fenster stehen blieb.</p>
            <p>»Aennchen schläft sanft,« sagte er. »Ich werde den Rest der Nacht bei ihr bleiben;
               ruhen Sie nun auch.«</p>
            <p>Felicitas verließ sofort, ohne das Ende seiner Worte abzuwarten, die Fensternische
               und ging schweigend an ihm vorüber, um das Zimmer zu verlassen.</p>
            <p>»Ich meine, heute sollten wir doch nicht so fremd auseinandergehen!« rief er ihr mit
               gedämpfter Stimme nach – fast klang es, als streife er wider Willen den Bann des
               ernsten Schweigens ab. »Wir haben in den letzten Tagen treulich, wie zwei gute
               Kameraden, zusammengehalten und gemeinschaftlich ein Menschenleben dem Tode
               abzuringen gesucht – bedenken Sie das!« fügte er warm hinzu. »In wenigen Wochen gehen
               wir ja ohnehin auseinander und jedenfalls auf Nimmerwiedersehen ... Ich will Ihnen
               die Genugthuung nicht versagen, einzugestehen, daß Sie durch eigene Kraft vieles
               widerlegt haben, was ich an Vorurteil und übler Meinung Ihnen gegenüber neun Jahre
               hindurch festgehalten; nur in einem dunklen Punkt, in Ihrem unseligen Haß und
               Starrsinn, sind Sie das ungebärdige Kind geblieben, das einst meine ganze Härte und
               Strenge herausgefordert hat!«</p>
            <p>Felicitas war ihm wieder einige Schritte näher getreten. Der Mondschein überstrahlte
               voll ihre Gestalt. So wie sie dastand, den Kopf stolz über die Schulter nach ihm
               zurückbiegend, während das Gesicht mit den strenggeschlossenen Lippen noch tiefer
               erblaßte, lag etwas unerbittlich Feindseliges in der ganzen Erscheinung.</p>
            <p>»Bei den Krankheiten des menschlichen Körpers forschen Sie zuerst nach der Ursache,
               ehe Sie sich ein Urteil bilden –« entgegnete <pb/> sie. »Aus was aber die sogenannte
               Ungebärdigkeit der Menschenseele hervorging, die Sie bessern wollten, das hielten Sie
               nicht der Mühe wert, zu untersuchen ... Sie urteilten blindlings auf Einflüsterungen
               hin und haben sich damit einer ebenso großen Sünde schuldig gemacht, als wenn Sie
               durch ärztliche Nachlässigkeit einen Leidenden zu Grunde gehen lassen ... Entreißen
               Sie einem Menschen sein Ideal, eine ganze erträumte, goldene Zukunft, er wird, und
               sei er der frömmste und tugendhafteste, im ersten Augenblick sicher nicht die Hände
               falten und ergeben in den Schoß legen; wie viel weniger aber ein neunjähriges Kind,
               das sein Auge unablässig auf den Tag gerichtet hielt, an welchem es einst seine
               vergötterte Mutter wiedersehen sollte, durch dessen Seele kein Traum, keine Hoffnung
               ging, die nicht mit diesem Wiedersehen verknüpft gewesen wäre!«</p>
            <p>Sie hielt inne, aber über die Lippen des Professors kam kein Wort; nicht einmal sein
               Auge war ihr zugewendet. Er hatte anfänglich bei ihrer Beschuldigung einmal rasch und
               heftig den Arm ausgestreckt, als wolle er sie unterbrechen; allein je weiter sie
               sprach, desto unbeweglicher und aufhorchender wurde seine Haltung; er hob nicht
               einmal die Hand, um sie über den Bart gleiten zu lassen, eine Bewegung, die er beim
               Zuhören unablässig zu wiederholen pflegte.</p>
            <p>»Der Onkel hat mich in jener glückseligen Unwissenheit gelassen,« fuhr sie nach einer
               Pause fort, »aber er starb und mit ihm das Erbarmen in diesem Hause ... An jenem
               Morgen war ich zum erstenmal am Grabe meiner Mutter gewesen; ich hatte abends zuvor
               ihr schreckliches Ende erfahren – man hatte mir zugleich gesagt, die Spielersfrau sei
               ein verlorenes Geschöpf, das selbst der allbarmherzige Gott nicht in seinem Himmel
               dulde –«</p>
            <p>»Warum sagten Sie mir das alles damals nicht?« unterbrach sie der Professor
               dumpf.</p>
            <p>Felicitas hatte in Rücksicht auf die nebenan schlummernde Kranke mit unterdrückter
               Stimme gesprochen, dadurch wurde der Ausdruck düsteren Grolles noch verschärft. Sie
               sprach auch jetzt in dem angenommenen Ton weiter, während sie ihrem Widersacher das
               schöne, bitterlächelnde Gesicht zuwandte.</p>
            <p>»Warum ich das damals nicht sagte?« wiederholte sie. »Weil Sie von vornherein erklärt
               hatten, die Menschenklasse, aus der <pb/> ich stamme, sei Ihnen unsäglich zuwider,
               und der Leichtsinn müsse in meinem Blute stecken.« – Der Professor legte einen Moment
               die Hand über die Augen. – »So jung ich war und obwohl erst eine einzige große,
               bittere Erfahrung hinter mir lag, wußte ich doch in jenem Augenblick genau, daß ich
               kein Erbarmen, kein Mitgefühl finden würde – und haben Sie je Erbarmen, Mitgefühl für
               das Spielerskind gehabt?« fragte sie, rasch einen Schritt näher tretend und mit
               unsäglicher Bitterkeit jedes Wort betonend. »Ist Ihnen je eingefallen, daß das
               Geschöpf, welches Sie lediglich in das Arbeitsjoch einspannen wollten, doch
               vielleicht auch Gedanken haben könne? Haben Sie seine Seele nicht tausendfach
               gemartert, indem Sie jede nach außen dringende höhere Regung, jeden Ausdruck einer
               sittlichen Selbständigkeit, jeden Trieb zu eigener Veredelung wie wilde Schößlinge
               erstickten? ... Glauben Sie ja nicht, daß ich mit Ihnen rechte, weil Sie mich zur
               Arbeit erzogen haben – Arbeit, und sei es die strengste und härteste, schändet nie –
               ich arbeite gern und freudig; aber daß Sie mich zur willenlosen, dienenden Maschine
               machen und das geistige Element in mir völlig vernichten wollten, welches doch einzig
               und allein ein arbeitsvolles Leben zu veredeln vermag – das ist's, was ich Ihnen nie
               vergessen werde!«</p>
            <p>»Nie, Felicitas?«</p>
            <p>Das junge Mädchen schüttelte energisch, mit einer fast wilden Gebärde den Kopf.</p>
            <p>»Also darein muß ich mich unwiderruflich ergeben,« sagte er mit einem schwachen
               Lächeln, das sich jedoch, wahrscheinlicherweise sehr gegen seinen Willen, merkwürdig
               melancholisch gestaltete. »Ich habe Sie tödlich beleidigt, und doch – ich wiederhole
               es – konnte und durfte ich nicht anders handeln ...« Er ging einigemal im Zimmer auf
               und ab. »Ich muß noch einmal eine schmerzende Stelle in Ihrer Seele berühren, indem
               ich meine Motive verteidige,« fuhr er rasch fort; »Sie sind völlig mittellos und von
               – verfemter Herkunft. Sie sind darauf angewiesen, Ihr Brot selbst zu verdienen. Wenn
               ich Ihrer Erziehung eine höhere Richtung gab, dann erst wäre es grausam gewesen, Sie
               in die niedere Dienstbarkeit zurückzustoßen, und doch hätte ich nicht anders gekonnt;
               oder glauben Sie, daß eine Familie sich dazu verstehen wird, ihren Kindern die
               Tochter eines Taschenspielers als Erzieherin zu geben? ... Wissen Sie nicht, daß ein
               Mann« – er hielt einen Augenblick inne, tief Atem schöpfend, während <pb/> eine fahle
               Blässe sein Gesicht bedeckte – »ja, daß ein Mann aus den höheren Kreisen, der sein
               Leben vielleicht mit dem Ihrigen verknüpfen würde, große innere und äußere Opfer
               bringen müßte? – Welch unausgesetzte Demütigung für Ihr stolzes Herz! ... Das sind
               die sozialen Gesetze, die Sie mißachten, welche aber die Mehrzahl der Menschen oft
               mit unsäglich innerer Anstrengung und Aufopferung aufrecht erhält, aus Pietät vor dem
               Vergangenen, und weil sie politisch unbedingt notwendig sind ... Auch ich muß mich
               ihnen unterwerfen – es steht ja nicht jedem auf der Stirne geschrieben, was er
               innerlich durchmacht – auch von mir verlangen jene Gesetze Entsagung und – einen
               einsamen Lebensweg.«</p>
            <p>Er schwieg. Es durchschauerte Felicitas seltsam, hier in stiller Mitternachtsstunde
               in das Geheimnis eines streng verschlossenen Männerherzens blicken zu können, das in
               scheuer Hast, fast widerwillig und mit bebenden Lippen ausgesprochen wurde ... Er
               liebte, und ohne Zweifel ein weibliches Wesen, das nach sozialen Begriffen hoch über
               ihm stand. Eben noch in Haß und Entrüstung ihm gegenüberstehend, beschlich sie jetzt
               ein ihr bis dahin völlig unbekanntes Weh ... War es möglich, daß sie Mitleid fühlen
               konnte für ihn? Hatte sie in der That einen so unverzeihlich schwachen Charakter,
               sie, die neulich so entschieden ausgesprochen: »Wenn ihm ein Leid widerführe, ich
               würde es nie beklagen!« Und schließlich war er ja gar nicht einmal zu bedauern –
               warum legte er die Hände entsagend in den Schoß, statt mit männlicher Thatkraft um
               den hohen Preis zu ringen?</p>
            <p>»Nun, Felicitas, haben Sie keine Entgegnung?« fragte er, »oder fühlen Sie sich
               abermals gekränkt durch meine Erklärung, die ich nicht umgehen konnte?«</p>
            <p>»Nein,« entgegnete sie kalt. »Das ist Ihre spezielle Ansicht – es liegt mir nichts
               ferner, als der Wunsch, sie geändert zu sehen ... Sie werden hingegen auch mir den
               Glauben nicht nehmen können, daß es brave, vorurteilslose Menschen gibt, die das
               ehrliche Herz und treue Wollen auch in einer Taschenspielerstochter anerkennen ...
               Was soll ich Ihnen noch antworten? Wir würden doch nie zu einem Ende kommen ... Sie
               stehen auf dem Standpunkte der sogenannten Vornehmen, die sich selbst mit Ketten
               anbinden, damit sie um Gottes willen nicht herunterfallen, und ich gehöre in die von
               Ihrer Kaste mißachtete Klasse der Freidenkenden<pb/> ... Sie selber sagen, unsere
               Lebenswege gehen binnen kurzem auseinander auf Nimmerwiedersehen – noch strenger
               geschieden aber sind wir innen ... Haben Sie noch einen Befehl in Bezug auf die
               Kranke für mich?«</p>
            <p>Er schüttelte den Kopf, und ehe er noch ein Wort zu sagen vermochte, hatte sie das
               Zimmer verlassen.</p>
            <pb/>
         </div>
         <div type="chapter">
            <head>17</head>
            <p>Aennchens Genesung schritt rasch vorwärts; gleichwohl wurde Felicitas ihres
               Wärteramtes noch nicht enthoben. Die Kleine, sonst ein stilles, geduldiges Kind,
               wurde heftig und aufgeregt, sobald das junge Mädchen das Zimmer verließ; es blieb
               mithin der Regierungsrätin nichts übrig, als Felicitas zu bitten, so lange bei dem
               Kinde zu bleiben, bis es vollkommen hergestellt sei. Die junge Witwe that dies ohne
               Zweifel mit um so leichterem Herzen, als der Professor sich im Krankenzimmer fast gar
               nicht mehr aufhielt. Er kam jeden Morgen, um nach der Kleinen zu sehen, aber diese
               Besuche währten kaum drei Minuten. Manchmal nahm er das Kind auf den Arm und trug es
               einigemal drunten im sonnigen, geschützten Vorderhof auf und ab – sonst wurde er
               wenig im Hause gesehen. Es war, als habe ihn plötzlich eine wahre Leidenschaft für
               den Garten erfaßt; seine Tageseinteilung war eine ganz andere geworden; er arbeitete
               früh nicht mehr in seinem Zimmer – wer ihn sprechen wollte, wurde hinaus in den
               Garten geschickt. Frau Hellwig fügte sich seltsamerweise der Marotte, wie sie diesen
               Umschlag nannte, und richtete es zur großen Genugthuung der Regierungsrätin so ein,
               daß nun auch die Hauptmahlzeiten meist im Gartenhause gehalten wurden. Das alte
               Kaufmannshaus war dadurch zu Zeiten wieder stiller als je; man kam oft vor zehn Uhr
               abends nicht nach Hause. Es geschah aber <pb/> auch manchmal, daß der Professor
               allein und früher zurückkehrte. Dann hörte ihn Felicitas langsam die Treppe
               heraufkommen; sonderbarerweise wiederholte sich dabei stets etwas Eigentümliches – er
               ging nämlich konsequent einige Schritte wie mechanisch nach dem Krankenzimmer hin,
               dann blieb er plötzlich mitten im Vorsaale stehen, als besinne er sich, und rascher
               als vorher stieg er schließlich in den zweiten Stock hinauf. Sein Zimmer lag über der
               Krankenstube – an solchen Abenden saß er nicht über seinen Büchern – stundenlang ging
               er ruhelos droben auf und ab; diese einsame Wanderung hatte stets etwas Aufregendes
               für Felicitas – sie brachte dieselbe in Einklang mit jenem nächtlichen
               Geständnis.</p>
            <p>Um acht Uhr abends war Aennchen gewöhnlich eingeschlafen; dann nahm Rosa Felicitas'
               Platz am Bette des Kindes ein, und nun kamen auch Erholungsstunden für das junge
               Mädchen – sie ging hinauf in die Mansarde. Tante Kordulas neuliche Körperschwäche und
               Todesahnung schien glücklich überwunden; sie war heiterer als je und konnte froh wie
               ein Kind von der nahen Zeit plaudern, wo sie Felicitas ganz bei sich haben würde. Sie
               wartete gewöhnlich mit dem Abendbrote auf das junge Mädchen. Dann stand der
               sorgfältig arrangierte Theetisch im Vorbau; für irgend ein Lieblingsgebäck Felicitas'
               war stets gesorgt, und ein ganzes Paket neu eingelaufener Zeitungen wartete auf die
               jugendliche Vorleserin. In diesen knapp zugemessenen gemütlichen Stunden versank
               alles, was in jüngster Zeit Felicitas' Herz – oft zu ihrer eigenen Verwunderung –
               bedrückte und quälte. Sie sprach nie über ihre Begegnisse im Vorderhause; die alte
               Mamsell, ihrer Gewohnheit treu, regte sie auch durchaus nicht zu irgend einer
               Mitteilung an, und so traten leicht Felicitas' augenblickliche, ihr selbst
               rätselhafte innere Zerwürfnisse in den Hintergrund.</p>
            <p>An einem schönen, sonnigen Nachmittage saß Felicitas allein bei Aennchen; im ganzen
               Hause herrschte förmliche Kirchenstille – Frau Hellwig und die Regierungsrätin waren
               ausgegangen, um Besuche zu machen, und der Professor hielt sich ohne Zweifel im
               Garten auf, denn im zweiten Stock wurde nicht ein Lebenszeichen laut ... Die Kleine
               hatte lange gespielt, nun legte sie sich müde zurück und sagte bittend: »Liedchen
               singen, Karoline!«</p>
            <p>Das Kind hörte Felicitas leidenschaftlich gern singen. Das junge Mädchen hatte eine
               Altstimme. Ihre Stimme hatte jenen Klang, der wie ein tiefer, voller Glockenschlag
               ohne hörbare Vorbereitung sich gleichsam aus der Brust löst – jene Färbung, wie <pb/>
               sie auch dem Cello eigen; der Ton, der ohne irgendwelche faßbare, scharfe Kante in
               der Luft verschwimmt, trägt einen Hauch leiser Schwermut, den Ausdruck
               unergründlicher Gedankentiefe. Die alte Mamsell mit ihrem seltenen musikalischen
               Verständnis und der großartigen Ausbildung, die ihr eigenes Talent einst durch
               tüchtige Meister erhalten, hatte dieses köstliche Material vortrefflich geschult –
               Felicitas sang namentlich deutsche Lieder in wahrhaft klassischer Weise ... Sie hatte
               gefunden, daß sie die Aufregung des Kindes stets beschwichtigte, wenn sie in leisen
               Tönen irgend eine getragene Melodie anhob; später ließ sie ihre Stimme auch
               gewaltiger ausströmen – begreiflicherweise jedoch nie, wenn sie feindliche Ohren in
               der Nähe wußte.</p>
            <p>»Du junges Grün, du frisches Gras,« dieses tiefsinnige Schumannsche Lied klang jetzt
               durch das stille Krankenzimmer mit so keusch beherrschtem Ausdruck, wie er nur aus
               einer reinen Mädchenseele kommen kann. Felicitas sang die erste Strophe weich, in
               ergreifender Einfachheit und mit zurückgehaltener Kraft, aber mit Beginn der Worte:
               »Was treibt mich von den Menschen fort, mein Leid, das hebt kein Menschenwort,« da
               brauste die mächtige Stimme auf, wie Orgelklang – in diesem Augenblicke wurde droben
               im Zimmer des Professors ein Stuhl nicht gerückt, sondern fortgeschleudert – rasche
               Schritte eilten nach der Thür, und schrill und heftig wie Sturmläuten scholl
               plötzlich eine Klingel durch das menschenleere Haus. Es war das erste Mal, daß im
               Studierzimmer des zweiten Stockes der Glockenzug in Bewegung gesetzt wurde.
               Friederike eilte atemlos die zwei Treppen hinauf und Felicitas schwieg tödlich
               erschrocken. Nach wenig Augenblicken polterte die alte Köchin wieder herab und trat
               in das Krankenzimmer.</p>
            <p>»Der Herr Professor läßt dir sagen, du solltest nicht mehr singen – er könnte nicht
               arbeiten,« rapportierte sie in ihrer rauhen, rücksichtslosen Weise. »Er war
               kreideweiß und konnte kaum sprechen vor Aerger ... Was machst du denn aber auch für
               dumme Sachen? Hab ich doch mein Lebtage so 'was nicht gehört – du singst ja akkurat
               wie ein Mannsbild, und – daß Gott erbarm' – das Lied! – ein reines Nachtwächterlied!
               ... Ich weiß nicht, was du für ein Mädchen bist! Ich hab' auch singen können, wie ich
               noch jung war! Und was gab's damals für Lieder – schöne Lieder: ›Freut Euch des
               Lebens‹ und ›Guter Mond, du gehst so stille‹ ... Laß das ein andermal gut sein,
               Karoline – das kannst<pb/> du nicht! ... Ja, und du sollst das Kind ein bißchen in
               den Hof tragen und herumfahren, hat der Herr Professor gesagt.«</p>
            <p>Felicitas verbarg ihr glühendes Gesicht in den Händen – es war ihr, als habe sie
               einen vernichtenden moralischen Schlag erhalten – wie tief beschämt und gedemütigt
               fühlte sie sich in diesem Augenblicke! So mutig sie sein konnte, wenn es galt, ihre
               Ueberzeugung zu verteidigen und ihren Gegnern die Wahrheit ungeschminkt ins Gesicht
               zu sagen, so scheu und ängstlich war sie in Bezug auf ihre Talente und Kenntnisse.
               Schon der Gedanke, daß ihre Stimme bis zu fremden Ohren dringen könne, schnürte ihr
               den Hals zu und machte sie sofort verstummen, irgend jemand aber gar lästig damit zu
               werden, das hätte sie nicht einmal auszudenken vermocht. Und nun war es wirklich
               geschehen; man hielt sie für aufdringlich, der Verdacht lastete auf ihr, als habe sie
               sich bemerkbar machen wollen, und dafür war sie auf die schonungsloseste Weise
               gestraft und beschämt worden – das war nicht zu ertragen! Die gröbsten
               Ungerechtigkeiten und Mißhandlungen seitens der Frau Hellwig hatten ihr nie eine
               Thräne zu entlocken vermocht – jetzt aber weinte sie bitterlich.</p>
            <p>Eine Viertelstunde später rollte Felicitas den Kinderwagen inmitten des Hofes langsam
               und vorsichtig auf und ab. Die fieberroten Flecken auf den Wangen des jungen Mädchens
               erblichen allmählich unter dem erfrischenden Hauche der Luft, aber den Ausdruck
               finsteren Brütens auf der blassen Stirn vermochte er nicht wegzuwischen ... Es währte
               nicht lange, so kam Frau Hellwig in Begleitung der Regierungsrätin zurück; zu
               gleicher Zeit stieg der Professor die Treppe herab, er war im Begriff, auszugehen,
               denn er hielt Hut und Stock in der Hand. Alle drei traten in den Hof. Die
               Regierungsrätin trug ein großes Paket, und nachdem sie ihr Kind begrüßt und
               geliebkost hatte, schob sie die Papierumhüllung des Pakets ein wenig zurück und
               lächelte in reizend schalkhafter Weise nach ihrem Kousin hinüber.</p>
            <p>»Sieh mal her, Johannes, bin ich nicht eine recht leichtsinnige Frau?« scherzte sie.
               »So sehr mein Herz gegen weiblichen Putz gestählt ist, so wenig widersteht es den
               Verlockungen einer Leinenhandlung. Da sah ich in einer Auslage dies wundervolle
               Tischzeug – glaubst du, ich hätte vorübergehen können? Nicht möglich! Ehe ich mich
               dessen versah, hatte ich das Tischzeug im Arme und dies Schock superfeine Leinwand
               dazu ... Nun adieu, Winterstaat! Wenn ich gewissenhaft sein will, so muß ich <pb/>
               diese Lücke in meinem Etat durch Weglassung verschiedener Wintertoiletten wieder
               ausfüllen – sei's drum – eine echte deutsche Hausfrau kann nun einmal ihren
               Leinenschrank nicht voll genug haben!«</p>
            <p>Der Professor antwortete nicht. Er sah über die Sprechende hinweg nach der Hofthür.
               Dort trat eben die Bürgersfrau herein, die Felicitas neulich im Studierzimmer des
               zweiten Stockes gesehen hatte. Sie schien unter ihrem großen, verhüllenden Mantel
               sehr bepackt zu sein und schritt in fast ehrfurchtsvoller Haltung auf den Professor
               zu.</p>
            <p>»Herr Professor, mein Wilhelm sieht wieder – er sieht so gut, wie ich und alle
               gesunden Menschen,« sagte sie; ihre Stimme bebte und ein Thränenstrom stürzte aus
               ihren Augen. »Wer hätte das gedacht! Ach, was war das für ein unglücklicher Mensch
               und wir alle mit! ... Nun kann er wieder sein Brot verdienen, und ich darf mich
               einmal ruhig hinlegen, denn ich hinterlasse kein blindes, hilfloses Kind ... Ach,
               Herr Professor, alle Schätze der Welt wären mir nicht zu viel für Sie! Aber wir sind
               ja so grundarme Leute – es ist ja gar nicht daran zu denken, daß wir Ihnen das je
               vergelten können, was Sie an uns gethan haben ... Seien Sie nicht böse, Herr
               Professor, ich meinte, wenigstens eine geringe Kleinigkeit –«</p>
            <p>»Nun, was soll's werden?« unterbrach sie der Professor barsch und trat einen Schritt
               zurück.</p>
            <p>Die Frau hatte während ihrer letzten Worte den Mantel zurückgeschlagen; ein großer
               Vogelbauer und eine Rolle Leinwand kamen zum Vorschein.</p>
            <p>»Sie haben die Nachtigall da so gern gehört, wenn Sie bei uns waren,« hob sie wieder
               an; »wenn Sie das Tierchen in einen kleinen Bauer thun, da können Sie's getrost mit
               nach Bonn nehmen ... Und das Stück Leinwand – es ist nicht fein, aber fest, ich habs
               selbst gesponnen – wenn es Madame Hellwig zu Leintüchern gebrauchen wollte –«</p>
            <p>»Sind Sie denn nicht recht gescheit, Frau, daß Sie Ihrem Mann den Vogel da
               wegnehmen?« fuhr sie der Professor grimmig an – man sah seine Augen fast nicht, so
               finster runzelten sich die überhängenden Brauen. – »Ich kann Vögel gar nicht leiden –
               absolut nicht leiden – und meinen Sie denn, Sie seien berufen, für unsere Leibwäsche
               zu sorgen? ... Packen Sie auf der Stelle Ihre Sachen zusammen und gehen Sie nach
               Hause!«</p>
            <p>
               <pb/> Die Frau stand bestürzt und wortlos vor ihm.</p>
            <p>»Das hätten Sie sich und mir ersparen können, Frau Walther!« sagte er milder. »Ich
               haben Ihnen wiederholt erklärt, daß Sie mir damit nicht kommen sollen ... Nun, da
               gehen Sie jetzt und grüßen Sie mir Ihren Wilhelm, morgen werde ich noch einmal nach
               ihm sehen.«</p>
            <p>Er reichte ihr die Hand und schlug den Mantel über die Gegenstände der verunglückten
               Expedition. Die Abgewiesene knixte mit niedergeschlagenen Augen und entfernte sich
               ... Frau Hellwig und die Regierungsrätin waren stumme Zeugen gewesen; das Gesicht der
               ersteren drückte jedoch entschiedene Mißbilligung aus, und einmal hatte es sogar
               geschienen, als wolle sie sich selbst in den Handel mischen.</p>
            <p>»Nun, das verstehe ich aber nicht recht, Johannes,« sagte sie in zurechtweisendem
               Ton, nachdem die Frau das Haus verlassen. »Wenn ich bedenke, was dein Studium
               gekostet hat, so sollte ich meinen, hättest du gar keine Ursache, irgend eine
               Entschädigung zurückzuweisen ... Die Idee mit dem Vogel war freilich dumm – das
               Gezwitscher könnte mir fehlen in meinem stillen Hause – aber die Leinwand hätte die
               Frau hier lassen müssen, wenn es auf mich angekommen wäre – Leinen wirft man nicht so
               mir nichts, dir nichts zum Fenster hinaus!«</p>
            <p>»Ach Tantchen, da wäre ich wohl sehr schlecht bei dir angekommen mit meinen
               barmherzigen Gedanken, die vorhin in mir aufstiegen?« sprach die Regierungsrätin
               leicht scherzend. »Denke dir nur, Johannes,« fuhr sie ernster werdend, mit einem
               sanften Aufschlag ihrer Augen fort, »da haben wir heute morgen von einer
               unglücklichen, aber braven Familie gehört – die armen Kinder haben nicht einmal
               Wäsche unter ihren elenden Kleidern – das dauert mich unsäglich – Tantchen und ich
               haben auch schon an eine Kollekte gedacht ... Hättest du die Leinwand angenommen, da
               wäre ich als Bettlerin zu dir gekommen – du hättest sie mir wohl oder übel schenken
               müssen; sie hätte prächtige Hemden für die Kinder gegeben – ich würde sie selbst
               genäht haben –«</p>
            <p>»O, über diesen Tiefsinn christlicher Barmherzigkeit!« unterbrach sie der Professor
               mit einem ingrimmigen Auflachen. »Das letzte Scherflein einer armen Familie muß her,
               damit die Not anderer Bedürftiger gestillt werde – und über diesem Liebeswerk steht
               die großmütige Vermittlerin und zeigt der zerknirschten Welt den Glorienschein
               weiblicher Mildthätigkeit um ihre blonden Locken!«</p>
            <p>
               <pb/> »Du bist boshaft, Johannes!« rief gekränkt die junge Witwe. »Ich gebe sehr gern
               –«</p>
            <p>»Aber es darf mich ums Himmelswillen nichts kosten, nicht wahr, Adele?« ergänzte er
               in bitterer Ironie. »Warum greift denn die echte, deutsche, fromme Hausfrau nicht in
               ihren vollen Leinenschrank? ... Hier dies völlig überflüssige Stück zum Beispiel« –
               er griff nach der Leinwandrolle auf ihrem Arme. Beide Damen wehrten entsetzt seine
               Hand ab, als beabsichtige sie ein Attentat auf das Leben der jungen Witwe selbst.</p>
            <p>»Nein, das geht denn doch über den Spaß, Johannes!« klagte sie, »dies wunderfeine
               Linnen!«</p>
            <p>»Ich habe vorhin den Vorwurf von dir hören müssen,« wandte sich der Professor an
               seine Mutter, ohne den Kummer seiner tiefbeleidigten Kousine weiter zu beachten, »daß
               ich die Früchte meines sehr teuern Studiums nicht so verwerte, wie es nötig sei ...
               Ich kann dir versichern, daß ich auch praktisch bin und es für eine Aufgabe des
               Mannes halte, zu erwerben – aber nebenbei habe ich doch auch noch eine etwas höhere
               Meinung von meinem Berufe; er führt weit mehr als jeder andere Wirkungskreis – der
               des Geistlichen nicht ausgenommen – auf das weite Gebiet menschlicher Barmherzigkeit.
               Ich werde nie zu den Aerzten gehören, die mit der einen Hand einem unbemittelten
               Kranken von seinem Schmerzenslager aufhelfen, um ihn auf der anderen Seite in die
               Sorge, wie er wohl diese Hilfe bezahle, zu stürzen.«</p>
            <p>Er hatte bis dahin Felicitas' Anwesenheit völlig unbeachtet gelassen. Auch jetzt
               streifte sein Blick nur wie unbewußt nach ihr hinüber; aber er blieb an diesem in
               innerer Befriedigung förmlich leuchtenden Gesicht hangen – zum erstenmal begegneten
               sich diese vier Augen mit dem Ausdruck innigen Verständnisses – freilich nur mit der
               Schnelligkeit des Blitzes; das junge Mädchen senkte tödlich erschrocken die Lider,
               und der Professor zog plötzlich seinen Hut mit einer fast zornigen Bewegung so tief
               in die Stirn, daß das stark gerötete Gesicht unter der breiten Krempe beinahe
               verschwand.</p>
            <p>»Nun meinetwegen, das ist deine Sache, Johannes, das magst du halten, wie du willst,«
               sagte Frau Hellwig eiskalt. »Deinem Großvater hättest du übrigens mit der Ansicht
               nicht kommen dürfen. Die ärztliche Praxis ist dein Geschäft, und ›im Geschäft‹,
               pflegte er zu sagen, ›darf man keine sentimentalen Anwandlungen dulden‹.«</p>
            <p>
               <pb/> Sie schob mißgelaunt ihre schwerfällige Gestalt nach der Hofthür. Die
               Regierungsrätin drückte mit einer lieblich schmollenden Gebärde das Paket an ihr Herz
               und folgte ihr, neben dem Professor fortschreitend. In der Hausflur wandte der
               Letztere den Kopf noch einmal nach dem Hofe zurück. Felicitas hob eben Aennchen aus
               dem Wagen, um sie auf ihre Bitten noch einigemal auf und ab zu tragen. Man hätte
               meinen mögen, die zarte, leichte Gestalt müsse zerbrechen in dem Augenblick, wo das
               Kind, die Arme um den feinen Hals des Mädchens schlingend, in seiner ganzen Schwere
               emporgehoben wurde. Der Professor kehrte sofort in den Hof zurück.</p>
            <p>»Ich habe Ihnen schon einigemal das Tragen des Kindes verboten – es ist zu schwer für
               Sie!« rief er ihr verweisend und ärgerlich zu. »Hat Ihnen Friederike nicht gesagt,
               daß Sie Heinrich zu Hilfe nehmen sollen?«</p>
            <p>»Das hat sie vergessen; – Heinrich ist auch nicht zu Hause.«</p>
            <p>Der Professor nahm ihr das Kind vom Arme und setzte es in den Wagen, wobei er ihm
               ernst zuredete. Der Ausdruck seines Gesichts war strenger und finsterer als je – zu
               jeder anderen Zeit würde ihm Felicitas trotzig den Rücken gekehrt haben, aber heute
               war sie schuld an dieser üblen Laune; sie hatte das ernste, tiefe Studium des Arztes
               durch ihren Gesang unterbrochen und ihm möglicherweise eine sich eben gestaltende
               neue Idee verscheucht. Es half nichts, und wenn er auch noch so zornig und gereizt
               war, sie mußte um jeden Preis die Last loswerden, die ihre Seele bedrückte, er mußte
               erfahren, daß sie unwissentlich gefehlt hatte. Der Moment war ihr insofern günstig,
               als sie ihren Gegner nicht anzusehen brauchte; er neigte sich über den Wagen und
               sprach noch mit Aennchen.</p>
            <p>»Ich habe Sie sehr um Verzeihung zu bitten, daß Sie durch mein Lied belästigt worden
               sind,« sagte sie schüchtern. Dieser ihm völlig neue, lieblich bittende Ton ihrer
               Stimme übte eine merkwürdige Wirkung auf ihn aus; er fuhr empor und warf einen
               durchdringenden Blick auf das Gesicht des Mädchens. »Wenn Sie mir doch glauben
               wollten,« fuhr sie eindringlicher fort, »daß ich nicht die entfernteste Ahnung von
               Ihrer Anwesenheit im Hause gehabt habe!«</p>
            <p>Das Wort »Lied« mochte die Erinnerung an Felicitas' Thränen in Aennchen wecken.
               »Böser Onkel! Arme Karoline hat geweint!« schalt sie und hielt ihm drohend die kleine
               geballte Faust entgegen.</p>
            <p>
               <pb/> »Hat das Kind recht, Felicitas?« fragte er rasch.</p>
            <p>Sie vermied es, diese Frage direkt zu beantworten.</p>
            <p>»Ich war sehr unglücklich in dem Gedanken –«</p>
            <p>»Daß man glauben könne, Sie wollten sich hören lassen?« unterbrach er sie, während
               ein flüchtiges Lächeln über sein Gesicht hinhuschte. »Darüber mögen Sie sich
               beruhigen ... Für wie rachsüchtig und bösartig unversöhnlich ich Sie auch halte – an
               Gefallsucht Ihrerseits denkt meine Seele nicht – das brächte ich mit dem besten
               Willen nicht fertig ... Ich habe Sie bitten lassen, zu schweigen – nicht eigentlich,
               daß Sie mich gestört hätten – sondern, weil ich – unfähig bin, Ihre Stimme zu hören
               ... Das kränkt Sie wohl nun über die Maßen?«</p>
            <p>Felicitas schüttelte lächelnd den Kopf.</p>
            <p>»Nun, das ist vernünftig ... Uebrigens will ich Ihnen etwas sagen.« – Er bog den Kopf
               tief herab und sah ihr fest und aufmerksam forschend in die Augen. »Ihr heutiger
               Gesang hat mir ein strengverschlossenes Geheimnis verraten!«</p>
            <p>Felicitas erschrak tödlich. Er war ihrem Verkehr mit Tante Kordula auf die Spur
               gekommen. Sie fühlte, wie sie flammendrot wurde, und sah ihn ängstlich verwirrt
               an.</p>
            <p>»Ich weiß nun, weshalb Sie sich jedweden ferneren Beistand unsererseits für die
               Zukunft verbeten haben. In die Sphäre, in der Sie später leben und wirken wollen,
               reicht freilich unser Arm nicht – Sie werden auf die Bühne gehen!«</p>
            <p>»Da irren Sie sich!« antwortete sie entschieden und sichtlich erleichtert. »Wenn ich
               es auch für eine der herrlichsten Aufgaben halte, seinen Mitmenschen die Schöpfungen
               großer Geister vorführen zu dürfen, so fehlt mir doch dazu gänzlich der Mut. Ich bin
               unsäglich feig der Oeffentlichkeit gegenüber und würde es jedenfalls schon aus Mangel
               an Selbstvertrauen in meinen Leistungen nicht über die Mittelmäßigkeit hinausbringen
               ... Weiter gehören zu diesem Berufe gründliche musikalische Kenntnisse, und die werde
               ich nie besitzen.«</p>
            <p>»Das läge doch ganz und gar in Ihrer Macht.«</p>
            <p>»Eben deshalb. Ich habe mir als Kind eingebildet, die Musik sei ein Ding, das man
               durchaus nicht wie Lesen und Schreiben lernen könne – ein Etwas, das, so ungefähr wie
               die Lehre Jesu, direkt vom Himmel gekommen sein müsse – und diese kindische
               Vorstellung will ich behalten ... Daß das, was mich zu Thränen rühren und mehr
               begeistern kann, als viele andere Herrlichkeiten <pb/> der Welt, auf steifen,
               pedantischen Gesetzen beruhen und auf dem Papiere in einer Anzahl dicker, häßlicher
               Notenköpfe stehen soll, die ängstlich nachgezählt werden müssen – der Gedanke schon
               raubt mir allen Genuß; er berührt mich so abstoßend wie die Thatsache, daß das
               Knochengerüst eines schöngebildeten Menschengesichts ein Totenkopf ist – ich thue
               deshalb grundsätzlich keinen Blick in die leidige Maschinerie.«</p>
            <p>»Da haben wir ja gleich wieder den Grundton in Ihrer Natur, der sich gegen alles
               auflehnt, was Gesetz und Regel heißt,« sagte er sarkastisch, obwohl er mit sichtbarem
               Interesse ihrer eigentümlichen Definition der Musik gefolgt war. »Also mein Schluß
               war falsch und Ihre sehr auffallende Beklommenheit vorhin überflüssig,« fügte er nach
               einer Pause scharf hinzu. »Es muß das ein merkwürdiges Geheimnis sein! ... Ich hätte
               fast Lust, schließlich doch noch kraft meines Amtes als Vormund auf eine Darlegung
               Ihres Lebensplanes zu dringen.«</p>
            <p>»Das würde umsonst sein,« erwiderte sie ruhig und entschieden. »Ich werde nicht
               sprechen ... Sie haben es mir selbst freigestellt, nach Verlauf von zwei Monaten zu
               handeln, wie ich wolle.«</p>
            <p>»Ja, ja, der Fehler ist leider gemacht,« versetzte er gereizt. »Aber ich finde es
               denn doch – gelinde gesagt – verwegen, in Ihrem noch sehr jugendlichen Alter
               Lebensfragen ganz nach eigenem Belieben, ohne jedweden Rat und Beistand eines
               Verständigen, entscheiden zu wollen ... Ich setze den Fall, es handle sich um den
               wichtigsten Schritt im Leben des Weibes – um ein Gebundensein für immer –«</p>
            <p>»In einem solchen Falle wäre mein Vormund der letzte, den ich um Rat bitten würde!«
               unterbrach ihn Felicitas flammendrot im Gesicht. »Ich wäre bereits gebunden, und zwar
               an einen verhaßten, charakterlosen Menschen, besäße ich nicht eben die Verwegenheit,
               in meinen Lebensfragen selbst entscheiden zu wollen ... Sie hätten getrost Ja und
               Amen zu jenem sogenannten ehrenvollen Antrage Wellners gesagt, wenn ich schwach genug
               gewesen wäre, mich durch vorhergehende schlechte Behandlung und Drohungen
               einschüchtern zu lassen!«</p>
            <p>Dieser Vorwurf traf wie ein zweischneidiges Schwert, denn er war gerecht. Der
               Professor biß sich auf die Lippen – sein Blick irrte einen Moment unsicher über die
               Steinplatten zu seinen Füßen.</p>
            <p>
               <pb/> »Ich habe freilich gemeint, die mir von meinem Vater gewordene Aufgabe so am
               besten zum Abschlusse zu bringen,« sagte er nach einer peinlichen Pause – seine
               Stimme hatte bei weitem nicht die gewohnte Festigkeit. »Es war ein Irrtum, aber
               durchaus kein hartnäckig behaupteter, wie Sie wissen. Wenn ich auch auf den Rat und
               das Zeugnis meiner Mutter hin ohne nähere Prüfung meine Einwilligung gegeben habe, so
               bin ich doch weit entfernt gewesen, Ihren Entschluß durch Zureden oder wohl gar
               Strenge beeinflussen zu wollen ... Uebrigens sollen meine Worte von vorhin der letzte
               Versuch gewesen sein, mein Vormundsrecht zu gebrauchen,« fuhr er nicht ohne
               Bitterkeit fort. »Ich muß Sie Ihrem Schicksale überlassen ... Sie gehen ihm froh und
               hoffnungsvoll entgegen?«</p>
            <p>»Ja!« antwortete das junge Mädchen mit leuchtenden Augen.</p>
            <p>»Und glauben, in dem neuen Verhältnis glücklich zu werden?«</p>
            <p>»So gewiß, als ich an ein schöneres Jenseitsglaube!«</p>
            <p>Er hatte bei seiner letzten Frage einen jener durchdringenden, prüfenden Blicke auf
               ihr ruhen lassen, wie er sie wohl bei seinen verstocktesten Patienten anzuwenden
               pflegte; als aber ihr Gesichtsausdruck immer strahlender wurde, wandte er wie
               verletzt oder geärgert den Kopf weg. Er sagte kein Wort mehr. Zerstreut reichte er
               Aennchen die Hand, griff leicht grüßend an seinen Hut und ging langsam nach dem Hause
               zurück. –</p>
            <p>An demselben Abende saß Rosa in der Gesindestube. Ein zartblauer, duftiger Stoff
               bauschte sich auf ihrem Schoße und ihre Finger handhabten die Nähnadel mit beinahe
               fieberhafter Geschwindigkeit. Friederike leistete ihr Gesellschaft. Das Kammermädchen
               sah sich genötigt, bis nach Mitternacht zu arbeiten, und da hatte die alte Köchin den
               vortrefflichen Einfall gehabt, einen »steifen« Kaffee zu kochen, »nur von wegen des
               Munterbleibens«.</p>
            <p>Es hatte längst zehn geschlagen. Felicitas war in die Schlafkammer gegangen, um sich
               zur Ruhe zu begeben, aber das unaufhörliche Geplauder der nebenansitzenden
               Kaffeetrinkerinnen machte ihr den Aufenthalt in dem dumpfen, schwülen Raume
               unerträglich. Sie öffnete das Fenster weit, setzte sich auf den Sims, die gefalteten
               Hände um die Kniee legend und sah hinaus in den Hof. Er war nicht ganz dunkel. Auf
               den Vorsälen des ersten und zweiten Stockes brannten noch die Astrallampen. Durch die
               hohen Fenster fielen lange Lichtsäulen auf das Steinpflaster; sie streiften den
               silbern aufblitzenden Wasserstrahl des rauschenden Röhrenbrunnens, <pb/> ließen in
               unheimlichen Ecken trübe Glasscheiben aufglühen und warfen schließlich noch einen
               falben Schein auf die ziemlich weit entfernte Fassade des Hinterhauses. Ueber das
               große Viereck der Gebäude aber spannte sich der flimmernde Nachthimmel. Unverändert,
               wie vor längst verrauschten Zeiten, sahen seine Sternbilder herein in den Hofraum,
               den die Sage mit haarsträubenden Gespenstergeschichten bevölkerte – sie hatten
               diejenigen, die jetzt als wehklagende Schemen hier angstvoll umherschweben sollten,
               in blühender Leibesgestalt gesehen, edle Ritter und stattliche Handelsherren,
               vornehme Damen in seidener Schleppe und die ehrbar im Leinenkleide einherschreitende
               bürgerliche Hausfrau; zu ihnen hatten Augen aufgeblickt, aus denen Weltlust glühend
               begehrlich sprühte, auch solche, die im aufgeblasenen Eigendünkel kalt und
               teilnahmlos an Gottes wundervollster Schöpfung vorüberstreiften, scheue Augen, hinter
               denen das Verbrechen lauerte, und in Thränen schwimmende, bang blickende Kinderaugen
               – der Glanz war verlöscht, sie alle moderten; aber die große Lehre der Natur, daß
               alles vergehen müsse, bleibt unbegriffen. Geschlecht nach Geschlecht that die Augen
               auf und schloß sie wieder, und was zwischen diesen zwei Momenten lag, das war Kampf
               und Ringen um ein Stück Erde, Titel und Würden, volle Kästen und Kleiderpracht
               gewesen. Und ein die Welt bewegender Zug im Menschencharakter, er trat auch hier
               hervor: die Herrschsucht, der unheimliche Trieb, andere Menschenkinder hinabzudrängen
               und ihnen den Fuß auf den Nacken zu stellen; und wo äußeres Ansehen und eigenes
               Geistesvermögen <pb/> nicht ausreichte, da hüllte man sich in die Weihrauchswolke des
               Glaubens. – Nichts ist mehr verdreht und ausgebeutet worden im Interesse weltlicher
               Zwecke, als Gottes Wort, nie ist mehr gesündigt worden, als in Gottes Namen!</p>
            <p>Während diese Gedanken hinter der Stirn des jungen Mädchens kreisten, wechselten
               drüben in der Gesindestube Friederikens blecherne Stimme und der schneidend hohe
               Sopran der Zofe unaufhörlich im Zwiegespräche.</p>
            <p>»Ja,« sagte Rosa, plötzlich auflachend, »meine Gnädige fiel aus den Wolken, als der
               Professor heute gegen Abend zurückkam und erzählte, daß er mit verschiedenen Herren
               und Damen übermorgen eine Partie auf den Thüringer Wald machen wolle – der und eine
               Partie! Gott im Himmel! In Bonn hockt er jahraus, jahrein hinter den Büchern, geht zu
               seinen Patienten und auf die Universität – das ist alles! Kein Ball, keine Soiree ...
               Greulich! An den Männern kann ich nun einmal das Frommthun nicht ausstehen!«</p>
            <p>»Pfui, schämen Sie sich, Rosa!« schalt Friederike entrüstet. »Wenn das Ihre gnädige
               Frau hörte!«</p>
            <p>»Na ja, alles hat seine Grenzen ... Im Institut ist er so gewesen, daß er am liebsten
               nicht mehr gegessen und getrunken hätte, um heilig und selig zu werden – damals hat
               ihn kein Mitschüler ausstehen können!«</p>
            <p>»Die Menschen sind zu schlecht! – Da können sie ihn wohl jetzt auch noch nicht
               leiden?«</p>
            <p>»Ach nein – jetzt wird er vergöttert ... Wie er's angefangen hat, weiß ich nicht,
               aber seine Studenten hätscheln ihn wie ein Wickelkind, und die Damen – na, das ist
               geradezu schauderhaft – die küssen ihm womöglich die Hände, wenn er ihnen ein Rezept
               verschreibt. Meine Gnädige macht's ja nicht besser – ich möchte mich manchmal grün
               ärgern! Ja, wenn er noch hübsch wäre! Aber so ein häßlicher Mann mit dem roten Bart
               und den ungeleckten Manieren! Mir sollte er kommen, der ungeschliffene Bär! ... Der
               kuriert alles mit Grobheit. Meine Gnädige liegt zum Beispiel in Krämpfen; da tritt er
               an das Bett, sieht sie an, als ob er sie mit den Augen spießen wollte, und spricht:
               ›Nimm dich zusammen, Adele! Auf der Stelle stehst du auf! Ich werde einen Augenblick
               hinausgehen, und wenn ich zurückkomme, wirst du angekleidet dort auf dem Stuhle
               sitzen – hast du mich verstanden?‹ Und er kam wieder herein, und sie saß richtig da –
               <pb/> die Krämpfe sind auch weggeblieben; aber sagen Sie selbst, ob das nicht
               scheußlich ist, eine Dame von Stande so zu behandeln?«</p>
            <p>»Er hätte es höflicher machen können, freilich!« meinte die alte Köchin.</p>
            <p>»Er tyrannisiert sie überhaupt fürchterlich ... Ihre ganze Freude ist, sich gut
               anzuziehen. Ich sage Ihnen, Friederike, wir haben in Bonn Schränke voll Kleider, daß
               man sich nicht satt sehen kann, und was die Mode bringt, das wird mitgemacht. Weil
               aber der Herr Brummbär immer salbungsvoll von der Einfachheit predigt, da läßt sich
               meine Gnädige nie in einem eleganten Anzug vor ihm sehen – Mull, nichts als Mull! ...
               Wenn er nur wüßte, wie teuer die weißen Fähnchen kommen! ... Er wollte ja auch
               durchaus, die arme Frau sollte übermorgen zu Hause bleiben, Aennchens wegen; aber da
               kam die andere Reisegesellschaft und hat vorgebeten – was konnte er da machen? ...
               Dies blaue Kleid wird ihr hübsch anstehen zur Reise, meinen Sie nicht,
               Friederike?«</p>
            <p>Die Enthüllungen der leichtsinnigen Kammerjungfer machten auf Felicitas einen
               peinlichen Eindruck. Sie glitt vom Simse herab, um noch einmal in die Gesindestube
               zurückzukehren; vielleicht verhinderte ihre Anwesenheit weitere Mitteilungen über
               Verhältnisse, die doch sicher nicht zu fremden Ohren dringen sollten. Ohne
               eigentliches Ziel streifte ihr Auge noch einmal das ihr gegenüberliegende
               Seitengebäude – sie stutzte. Die Astrallampe im Vorsaal des zweiten Stockes warf
               ihren Schein auch in den langen Korridor, der nach Tante Cordulas Wohnung führte. Die
               ersten zwei Fenster waren ziemlich hell erleuchtet, man konnte die schlechtgetünchte
               Hinterwand sehen, aus welcher die alten Balken braun heraustraten. An dieser Wand hin
               glitt eine Gestalt, aber nicht als durchsichtiger, spukhafter Schatten – Er war's,
               den die Kammerjungfer so häßlich nannte. Felicitas sah deutlich die kräftigen Linien
               seines Kopfes, die starken Wellen des mächtigen Bartes, den hünenhaften Oberkörper,
               der in seinen Formen, seinen Bewegungen freilich jeden Begriff von Eleganz ausschloß.
               Er durchschritt, mechanisch und unablässig mit der Hand über den Bart gleitend, die
               ganze Länge des Korridors bis an das letzte Fenster, das an den Vorplatz mit der
               gemalten Thür stieß, und hinter welchem der sehr entfernte Lampenschein nur noch matt
               und unheimlich aufdämmerte; dann kehrte er zurück. Er machte ohne Zweifel seine
               nächtliche Promenade, und weil unter seinem Zimmer <pb/> die Regierungsrätin und das
               Kind schliefen, so durchwandelte er ungehört den einsamen, abgelegenen Gang ... Was
               trieb ihn wohl so rastlos auf und ab? Grübelte er über einem medizinischen Problem,
               oder umflatterte ihn das Bild der Entfernten, um deren willen er einen »einsamen
               Lebensweg« gehen mußte?</p>
            <p>Sinnend schloß Felicitas das Fenster und zog die alten, verblichenen, grünwollenen
               Vorhänge dicht zusammen, welche seit Menschengedenken die Träume der Köchinnen im
               alten Kaufmannshause behüteten.</p>
            <pb/>
         </div>
         <div type="chapter">
            <head>18</head>
            <p>Draußen im Garten, auf dem großen Wiesenflecke, den die Nußbäume beschatteten, war
               vor wenigen Tagen das Gras gemäht worden. Ein herzerquickender, kräftiger Duft
               entstieg dem Heuhaufen, auf deren einem Aennchen behaglich die armen kleinen Glieder
               ausstreckte. Felicitas lehnte am Stamme des größten der Nußbäume; er war immer ihr
               Liebling gewesen. Da droben hatten einst ihre leichten Kinderfüße gestanden, und
               nicht allein das Rasenstück unten, sondern die ganze weite, himmlische Welt war ihr
               blumenbestreut erschienen. Ihr Auge glitt an dem Riesenstamm empor bis in das dunkle
               Herz, von wo aus das gewaltige Geäst sich weit und verwegen in die Lüfte
               hinausreckte. Da drin, hinter der rauhen Rinde, pulsierte auch Leben; es stieg hinauf
               und flutete bis in das zarte Geäder der Blätter, die wie Fühlfäden hinaustrieben in
               die Welt und dem alten Stamm wohl schwer zu schaffen machten – sie zitterten in jedem
               Lufthauch, brausten jäh auf, wenn der rauhe Wind über sie hinstrich, und sanken
               schlaff nieder unter dem sengenden Strahl der Sonne; aber mochte es droben auch
               zittern, seufzen und rauschen, der Stamm stand unbewegt – und das Menschenkind? Wie
               leicht brach es zusammen, wenn der Sturm des Schicksals über sein Empfinden
               hinbrauste!</p>
            <p>Dieser ernste Gedanke – so oft er sich auch bewahrheitet – <pb/> hinter der weißen
               Mädchenstirn, die sich leuchtend abhob von der dunklen Baumrinde, war er wohl nicht
               ganz gerechtfertigt. Gerade dies junge Geschöpf, so eigenartig, so zart und tief in
               seinen Empfindungen angelegt, hatte Stürmen getrotzt, die tausend andere seines
               Geschlechts in den Staub niedergeworfen haben würden. Vielleicht entsprang jene trübe
               Reflexion der unbewußten Furcht, der plötzlichen Ahnung einer unbekannten Gefahr,
               unter welcher der gestählte Wille des jungen Mädchens doch dereinst zusammenbrechen
               konnte. Wie wenig vermögen wir selbst, die Vorgänge in unserem Seelenleben zu
               begreifen – wir fassen sie so verkehrt und ungeschickt auf, wie es einem fremden,
               unparteiischen Blick gar nicht einmal möglich sein würde, und erst wenn
               hereinbrechende Katastrophen vorüber sind, erkennen wir, daß wir ihr Eintreten vorher
               gefühlt und gewußt haben.</p>
            <p>Seit der Abreise des Professors und der Regierungsrätin waren bereits zwei Tage
               verstrichen. Der erstere war mit einem Gesichtsausdruck und einer Bewegung in den
               Reisewagen gestiegen, als schüttle er eine schwere Last ab, die er gern und freudig
               der guten kleinen Stadt X. hinterlasse. In der Hausflur hatte er Rosa, Heinrich und
               der alten Köchin abschiednehmend die Hand gereicht, an Felicitas aber war er, die
               Hutkrempe leicht berührend, vorübergeschritten, fremd und so ruhig, als habe dieser
               Mädchenmund nie ein herbes Wort zu ihm gesprochen, als kenne er die Augen nicht, die
               ihn so oft durch ihren trotzigen Ausdruck geärgert hatten. Nun, das war ja recht und
               vernünftig, meinte Felicitas mit zusammengepreßten Lippen, nun war er doch, wie er
               sein sollte ... Ihm gegenüber hatte die junge Witwe Platz genommen. Sie war wie eine
               Fee inmitten bläulicher Wolken an den Abschiednehmenden vorübergeschwebt, und unter
               dem italienischen Strohhütchen hatte das Gesicht so hoffnungsvoll gestrahlt, als sei
               sie gewillt, von dieser Reise ein langersehntes Glück mit heimzubringen.</p>
            <p>Es war der zweite Nachmittag, den Felicitas mit Aennchen allein im Garten verbringen
               durfte – das waren nicht bloß friedliche Stunden, sie hatten ihr auch Angenehmes –
               Wunderbares, wie sie es nannte – von außen her gebracht. Der Nachbargarten, den nur
               ein lebendiger Zaun von dem Hellwigschen Grundstück trennte, war vor einigen Tagen in
               den Besitz der Frankschen Familie gekommen. Gestern hatte der Rechtsanwalt über den
               Zaun hinweg in seiner liebenswürdigen, vertrauenerweckenden Weise freundliche Worte
               mit ihr gewechselt, und heute <pb/> hatte plötzlich eine alte Dame in schwarzem
               Seidenkleide, das liebe, gütevolle Gesicht von einem weißen Häubchen umrahmt, dort
               gestanden und sie angeredet. Es war die Mutter des jungen Frank gewesen. Sie lebte
               äußerst zurückgezogen nur für ihren Mann und den einzigen Sohn und war eine in der
               Stadt hochgeachtete Persönlichkeit. Sie hatte im Hinblick auf Felicitas' baldiges
               Scheiden aus dem Hellwigschen Hause dem jungen Mädchen Rat und Beistand angeboten –
               ein ungeahnter Sonnenstrahl im Leben des mißachteten Spielerskindes! ... Und dennoch
               lehnte Felicitas, jetzt in ernstes Sinnen verloren, da am alten Nußbaume. Ueber ihr
               zog es leise durch den dunklen Wipfel – sie lächelte trübe – in dem Geflüster hörte
               sie Nachklänge eines versunkenen Paradieses. – Ihre halbzertretene erste Jugend zog
               an ihr vorüber, und jetzt klang ihr das leise Rauschen anders in der finsteren
               Prophezeiung: sie sei berufen zu kämpfen, zu leiden bis zum letzten Atemzug ... Daß
               aber das Verhängnis in diesem Augenblick bereits über ihre schwachen Lebenshoffnungen
               zermalmend hinschreite – das hörte sie doch nicht.</p>
            <p>Heinrich war vor wenigen Augenblicken zur Gartenthür hereingekommen; es hatte
               ausgesehen, als wolle er auf Felicitas in stürmischer Eile zulaufen, dann aber war er
               hinter einer Taxuswand verschwunden. Jetzt kam er langsam hervor. Mit dem ersten
               Blick auf dies breite, ehrliche, aber furchtbar verstörte Gesicht wußte das junge
               Mädchen, daß er Unheil bringe – von welcher Seite kam es? Sie sprang ihm entgegen und
               faßte angstvoll seine Hand.</p>
            <p>»Ja, Feechen, ich kann dir nicht helfen – erfahren mußt du's doch einmal,« sagte er
               tonlos, während er sich mit der verkehrten schwieligen Hand über die erhitzte Stirn
               strich und die Augen wegwandte. »Siehst du, armes Ding, das ist ja nun einmal so der
               Welt Lauf –«</p>
            <p>»Weiter!« unterbrach sie ihn rauh, fast aufschreiend; dann biß sie krampfhaft die
               Zähne zusammen.</p>
            <p>»Ja doch – daß Gott erbarm, wenn du so bist, wie soll ich dir's denn da beibringen?
               ... Die alte Mamsell –«</p>
            <p>»Ist tot!« vollendete sie in gellenden Tönen.</p>
            <p>»Noch nicht, Feechen, noch nicht; aber freilich – so gut, als wär's schon vorbei, sie
               kennt schon niemand mehr – der Schlag hat sie gerührt ... Ach du lieber Gott, und so
               mutterseelenallein ist sie gewesen! Die Aufwartefrau hat sie gefunden, <pb/> in der
               Vogelstube, auf dem Boden hat sie gelegen – hat erst noch für die armen Kreaturen
               gesorgt –« Die Stimme versagte ihm, er weinte wie ein Kind.</p>
            <p>Felicitas stand im ersten Augenblick erstarrt, der letzte Blutstropfen war aus ihrem
               weißen Gesichte entwichen; mechanisch preßte sie die schmalen Hände gegen die
               klopfenden Schläfen, aber keine Thräne kam aus ihrem Auge. Nur einen Moment irrte ein
               unsäglich bitteres Lächeln um ihre Lippen, dann griff sie mit unheimlicher Ruhe nach
               ihrem Hute, der auf einem Heuhaufen lag, rief Rosa herbei, die arbeitend unter den
               Akazien saß, und übergab ihr das Kind.</p>
            <p>»Sind Sie unwohl?« fragte das Kammermädchen. Das bildsäulenartige Aussehen, die
               unheimliche Starrheit in dem aschbleichen Gesichte des jungen Mädchens erschreckte
               sie.</p>
            <p>»Ja, sie ist krank,« antwortete Heinrich an Felicitas' Stelle, die rasch nach der
               Gartenthür zuschritt.</p>
            <p>»Feechen, nimm dich zusammen,« mahnte er, ein Stück Weges neben ihr herschreitend,
               »die Madame ist bei ihr – gut, daß das die arme Mamsell nicht weiß! ... Doktor Böhm
               ist schon wieder fort – er kann nichts mehr thun ... Ach, und gerade heute, gerade
               heute! Du bist nun einmal ein Unglückskind!«</p>
            <p>Felicitas hörte nicht, was er sagte; die Worte schwirrten unverstanden an ihren Ohren
               vorüber, wie sie auch die Menschen auf den Straßen nicht sah, die ihr begegneten. Von
               Friederike ungesehen, betrat sie das Haus und stieg die Treppe hinauf. Auf dem
               Vorplatze der Mansarde warf sie ihren Hut in eine Ecke. Die Thür der Vogelstube
               klaffte, ein wildes Geschrei scholl heraus. Wie war diese Thür sonst gehütet worden,
               damit kein Flüchtling entschlüpfe! Jetzt ging das junge Mädchen vorüber, ohne die
               Hand zu bewegen – mochten diese verlassenen Geschöpfe ihre Nahrung unter Gottes
               freiem Himmel suchen, sie hatten ja keine Pflegerin mehr.</p>
            <p>Sie trat in die große Wohnstube; aus dem anstoßenden Schlafkabinett scholl das
               unbiegsame, eintönige Organ der Frau Hellwig herein in den Raum, der seit vielen
               Jahren nur die Sprache der Musik oder den seltenen Wohllaut einer unsäglich milden,
               seelenvollen Frauenstimme gehört hatte. Die große Frau las eines jener sogenannten
               alten Kernlieder, welche, für die Anschauungen eines noch auf niederer Bildungsstufe
               verharrenden Volksgeistes gedichtet, in ihrem leitenden Gedanken, ihrer
               Ausdrucksweise den Zweck als Vermittler zwischen dem Himmel und <pb/> der
               Menschenseele für unsere Zeit völlig verloren haben. Diese grob zugehauenen, von
               gemein sinnlichen Ausdrücken strotzenden Verse vor den Ohren einer Sterbenden, die
               ihr ganzes Leben lang dem wahrhaft Schönen gehuldigt, die ihrer Gottverehrung nur
               Ausdruck gegeben hatte in dem, was von seinem Geiste ausgegangen: in der Poesie, in
               den himmlischen Melodien gottbegnadeter Meister!</p>
            <p>Geräuschlos wie ein Schatten glitt Felicitas in das Sterbezimmer. Frau Hellwig las
               weiter, ohne sie zu bemerken ... Dort, unter den weißen Gardinen des Bettes, die sich
               leise wie Flügel in dem Luftzuge des geöffneten Fensters hoben und senkten, als seien
               sie bereit, die scheidende Seele zu empfangen und hinaufzutragen, lag ein aschgraues
               Gesicht ... O, wie grausam ist der Tod, daß er das, was wir auf Erden nicht
               wiedersehen sollen, vor unseren Augen erst noch so furchtbar entstellt, daß wir mit
               unwillkürlichem Grauen und Entsetzen in Züge blicken müssen, in denen wir gewohnt
               waren, die traute Sprache der Liebe, eines uns innig verwandten Geistes zu lesen!</p>
            <p>Festgeschlossen waren die tief herabgesunkenen Lider dort noch nicht. Die Augäpfel
               irrten rastlos hin und her, ein leises Röcheln begleitete die schweren Atemzüge; in
               kurzen Unterbrechungen hob sich wie zum Schlage ausholend der rechte Arm und ließ
               dann die wachsbleichen gekrümmten Finger kraftlos auf die Decke niedersinken ...
               Welch ein furchtbarer Anblick für das junge Mädchen, dem dort der letzte Liebesstrahl
               in seinem armen Leben erlosch! – Felicitas trat an das Bett. Mit maßlosem Erstaunen
               hob Frau Hellwig die Augen von ihrem Gesangbuche und starrte in das totenbleiche,
               thränenlose Gesicht, das sich über das Bett neigte.</p>
            <p>»Was willst denn du hier, unverschämtes Geschöpf?« fragte sie laut und rücksichtslos;
               ihre große Hand hob sich und deutete gebieterisch nach der Thür.</p>
            <p>Felicitas antwortete nicht, aber die Unterbrechung der eintönigen Vorlesung schien
               Eindruck auf die Sterbende zu machen. Sie suchte ihren Blick zu fixieren – er fiel
               auf Felicitas. In diesem Strahle lag ein freudiges Erkennen; ihre Lippen bewegten
               sich, anfänglich freilich ohne Erfolg – es lag eine namenlose Angst in diesem
               Streben, sich verständlich zu machen; und siehe, die willenskräftige Seele siegte in
               der That und zwang den halbverstorbenen Mechanismus des Körpers noch einmal zum
               Dienste. »Gericht holen!« klang es eigentümlich gurgelnd, aber deutlich von ihren
               Lippen.</p>
            <p>
               <pb/>
               <pb/>Das junge Mädchen verließ sofort das Zimmer – hier war keine Minute zu
               verlieren. Sie flog durch den Vorsaal, allein in diesem Augenblick, als sie an der
               Vogelstube vorüberkam, wurde die Thür derselben weiter aufgerissen – Felicitas fühlte
               sich rückwärts von gewaltigen Fäusten gepackt, ein furchtbarer Stoß schleuderte sie
               mitten in die Stube, während hinter ihr die Thür zugeschlagen und von außen
               verschlossen wurde. Ein wahrhaft höllischer Lärm umtobte sie drinnen; die Vögel
               flatterten erschreckt mit sinnverwirrendem Gekreische durcheinander. Felicitas war zu
               Boden gestürzt; im Vorwärtstaumeln hatte sie eine der inmitten des Raumes stehenden
               Tannen ergriffen und mit niedergerissen ... Was war geschehen? ... Sie richtete sich
               empor und warf das in vollen Strähnen über ihr Gesicht fallende Haar zurück. Sie
               hatte niemand gesehen, keinen Schritt gehört, und doch hatte ein Mensch hinter ihr
               gestanden und sich mit dämonischer Gewalt ihrer bemächtigt in einem Moment, wo es
               galt, den letzten Willen einer Sterbenden auszuführen, wo sie mit jeder Minute Verzug
               die schrecklichste Verantwortung auf ihre Seele nahm.</p>
            <p>Sie stürzte nach der Thür, aber die war fest verschlossen; ihr Pochen und Rütteln
               ging unter in dem entsetzlichen Geschrei, das sich abermals erhob. Die aufgeregten
               Tiere kreisten über ihrem Haupte, fuhren wie sinnlos gegen die Wände und beruhigten
               sich auch dann noch nicht, als das Mädchen in stiller Verzweiflung die Arme sinken
               ließ ... Wer sollte ihr denn auch öffnen? Die Hände, die sie hier hineingestoßen
               hatten, sicher nicht! – Sie kannte diesen eisernen Griff nur zu gut – es waren
               dieselben Hände, die eben noch das Gesangbuch gehalten; sie hatten es fortgeworfen,
               um einen Gewaltstreich auszuführen, und nun saß das schreckliche Weib wieder am
               Sterbebett und las mit eintöniger, unbewegter Stimme weiter; sie ließ es
               erbarmungslos geschehen, daß die Sterbende mit übermenschlicher Willenskraft den
               Todeskampf verlängerte, in dem Wahne, noch einmal, und sei es auch nur für Sekunden,
               hienieden nötig zu sein ... Arme Tante Cordula! Sie schied aus der Welt, die sie
               einsam durchwandelt hatte, mit einer bitteren Täuschung – die letzten Eindrücke, die
               ihre Seele mit hinwegnahm, waren der religiöse Fanatismus in Gestalt jener
               verabscheuten Frau und die sprichwörtlich gewordene menschliche Undankbarkeit, deren
               sich Felicitas scheinbar schuldig machte. Dieser Gedanke trieb dem jungen Mädchen das
               Blut siedend nach dem Kopfe. Sie lief außer sich auf und ab und pochte mit erneuerter
               <pb/> Kraft abermals an die Thür – vergebens ... Warum war sie eingesperrt? Sie
               sollte das Gericht holen, hatte Tante Cordula geboten – galt es ein letztes
               Bekenntnis? Nein, nein, die alte Mamsell hatte nichts zu bekennen! Wenn sie die Last
               einer Schuld durchs Leben hatte tragen müssen, so war es eine fremde gewesen, die sie
               erst da droben abwerfen durfte; denn das war Felicitas allmählich klar geworden: sie
               war unschuldige Mitwisserin, niemals aber Mitschuldige irgend eines verbrecherischen
               Geheimnisses gewesen ... Sie hatte vielleicht über ihr Eigentum verfügen wollen, und
               das war nun durch die Gewaltthätigkeit der großen Frau vereitelt. Wenn Tante Cordula
               ohne Testament starb, so fiel ihr ganzes Vermögen an das Haus Hellwig ... wer weiß,
               wie viele Arme und Unglückliche in diesem Augenblick einer Unterstützung beraubt
               wurden, die sie vielleicht glücklich gemacht hätte für ihr ganzes Leben, während die
               Kaufmannsfamilie, deren Reichtum für sehr groß galt, durch die List einer Frau aufs
               neue ihre Kisten und Kästen füllte.</p>
            <p>Felicitas trat an das Fenster und sah hinab auf die Nachbarhäuser. Sie spähte
               angstvoll nach einem Menschengesicht, das sie um Hilfe anrufen konnte, aber die
               Wohnungen lagen so tief drunten, sie wurde weder gehört, noch gesehen ... Wie
               klopften ihre Pulse in Seelenqual und fieberischer Aufregung! Sie warf sich auf den
               einzigen Stuhl, der im Zimmer stand und brach in Thränen der Verzweiflung aus ...
               Jetzt war es auf alle Fälle zu spät, auch wenn sie in diesem Augenblick noch frei
               wurde. Vielleicht waren die lieben Augen da drüben bereits gebrochen und das Herz
               stand still, das in seinen letzten Augenblicken mit gesteigerter Angst vergebens auf
               Felicitas' Wiedererscheinen gehofft hatte ... Den allgemeinen Trost, daß die
               verklärte Seele nun wisse, woran ihr letzter Wunsch gescheitert sei, hatte dies
               junge, sehr scharf und logisch erwägende Mädchen nicht – es ist schwer zu denken, daß
               der menschliche Geist, der, wie alles Geschaffene, dem großen Gottesgedanken gemäß,
               zahllose Phasen bis zu seiner höchsten Vollkommenheit allmählich durchlaufen muß,
               nach der beschränkten irdischen Kurzsichtigkeit sofort die göttliche Eigenschaft der
               Allwissenheit annehmen und aus dem Jenseits herüber in das Handeln und Treiben der
               Erdbewohner, in die geheimsten Motive der Menschenbrust wie in ein aufgeschlagenes
               Buch blicken könne.</p>
            <p>Sie mochte weit über zwei Stunden abwechselnd in dumpfem Hinbrüten und
               verzweiflungsvollen Anstrengungen, sich zu befreien, <pb/> in ihrer Haft zugebracht
               haben. Ihre Umgebung war ihr geradezu entsetzlich geworden. Diese unvernünftigen
               Geschöpfe, einst ihre Lieblinge, die bei jeder rascheren Armbewegung ihr furienhaftes
               Gekreisch erhoben und umhertobten, wurden für ihre überreizte Phantasie zu wahren
               Spukgestalten – sie zitterte vor ihren eigenen Bewegungen. Dazu brach der Abend
               herein; es wurde dämmrig in dem unheimlichen Raum, der erste, wilde Schmerz um die
               Verlorene brannte in ihrer Brust – es war eine Situation zum Wahnsinnigwerden! Noch
               einmal lief sie nach der Thür – wie betäubt vor Ueberraschung blieb sie stehen, das
               Schloß wich ohne den geringsten Widerstand unter ihren Händen ... Draußen auf dem
               Vorsaal war es totenstill; Felicitas hätte meinen können, ein schrecklicher Traum
               habe sie gequält, wäre nicht das Wohnzimmer fest verschlossen gewesen. Sie sah durch
               das Schlüsselloch; ein heftiger Zugwind brauste ihr entgegen, die losen Epheuranken
               drin an den Wänden bewegten sich schaukelnd hin und her; man hatte die Fenster
               geöffnet – – ja, es war alles vorüber, vorüber! ...</p>
            <p>Drunten im Vorderhause saß die Köchin strickend an der offenen Hausthür, wie sie an
               schönen Sommerabenden zu thun pflegte. Aus der Küche quoll der Duft frischen
               Gebäckes, sie hatte kaum erst ein Kuchenblech voll kleiner Brezeln, wie sie Frau
               Hellwig stets zum Kaffee genoß, aus der Röhre gezogen – es war also hier unten alles
               in seinem Geleise fortgegangen, während droben ein Glied der Familie aus der Welt
               geschieden war.</p>
            <p>Felicitas ging in die Gesindestube. Gleich darauf trat auch Heinrich herein. Er hing
               still seine Mütze an den Nagel, dann schritt er auf Felilitas zu und reichte ihr
               wortlos die Hand. Der wehmütige Blick der rotgeweinten Augen in diesem alten,
               wetterharten Gesicht drang wie erlösend in das schmerzerstarrte Innere des jungen
               Mädchens – sie sprang auf, schlang ihren Arm um seinen Hals und brach in ein
               leidenschaftliches Weinen aus.</p>
            <p>»Du hast sie nicht noch einmal gesehen, Feechen?« fragte er nach einer Pause leise.
               »Friederike sagt, die Madame habe ihr die Augen zugedrückt – ach, gerade die Hände!
               ... Von dir ist nicht die Rede gewesen, und das kann man sich doch an allen zehn
               Fingern abzählen, die Madame wäre wütend geworden, wenn sie dich da oben gesehen
               hätte ... Wo hast du denn gesteckt?«</p>
            <p>Felicitas' Thränen hörten sofort auf zu fließen. Mit sprühenden <pb/> Augen erzählte
               sie ihm, was geschehen war. Er rannte wie besessen in der Stube auf und ab.</p>
            <p>»Ist denn das menschenmöglich!« rief er einmal um das andere und fuhr sich mit beiden
               Händen in seinen dichten grauen Haarwust. »Und das hat der liebe Gott so mit ansehen
               können? ... Ei, du heiliges Kreuz! ... Ei, du heiliges Kreuz! ... Und nun gehe du hin
               und klage und erzähl's! Bei Gericht schicken sie dich heim, weil du keine Zeugen
               hast, und in der ganzen Stadt glaubt dir's kein Mensch, denn das ist die gerechte,
               fromme Frau Hellwig, und du ... Und wie hinterrücks sie's gemacht hat!« unterbrach er
               sich grimmig auflachend. »Just in einem Moment, wo die Vögel recht geschrieen haben,
               hat sie die Thür sachte wieder aufgeschlossen ... Ja, ja, ich sag's ja immer – 's ist
               eine von den Schlimmsten! ... Feechen, du armes Unglückskind, dich hat sie bestohlen!
               Ich hab' heute morgen die Herren vom Gericht zur alten Mamsell bestellen müssen –
               morgen nachmittag um zwei Uhr wollte sie ihr Testament machen – deinetwegen ... Ja,
               ja, ›wer weiß, wie nahe mir mein Ende‹! Sie war so erstaunlich weltpolitisch,
               unsereiner hat sich ordentlich gegraut vor so viel Gescheitheit in einem Weiberkopfe,
               aber den schönen Vers hat sie doch nicht ordentlich gekonnt, sonst hätte sie nicht so
               lange gewartet!«</p>
            <pb/>
         </div>
         <div type="chapter">
            <head>19</head>
            <p>Es war noch sehr früh am Morgen, als Frau Hellwig im Vorderhof erschien. Statt der
               wohlbekannten, in ihrer Form seit vielen Jahren fast unverändert gebliebenen weißen
               Haube legten sich schwarze Spitzen um die blassen, fleischigen Wangen. Das unselige
               Geschöpf, das so oft den Sabbat des Herrn entheiligt hatte durch unheilige »Lieder
               und lustige Weisen«, war ja nun tot; auch die letzte Spur seines geächteten Daseins
               war aus dem alten Kaufmannshause bereits verwischt – man hatte den Leichnam gestern
               abend noch in das Leichenhaus geschafft ... Trotz alledem hatte die Verstorbene den
               Namen Hellwig getragen – ihm galten die schwarzen Spitzen und der Kreppstreifen, der
               heute den wohlgestärkten Leinwandkragen am Halse der großen Frau verdrängt hatte.</p>
            <p>Sie schloß die Thür auf, in welcher einst Felicitas die alte Mamsell hatte
               verschwinden sehen. Außer der bekannten Treppe, welche hinter der gemalten Thür lag,
               führte noch ein zweiter Aufgang, eine enge, gewundene Stiege, in die Mansarde, und
               zwar direkt von der schmalen, steilen Straße aus; das war der Weg, den Heinrich und
               die Aufwartefrau benutzt hatten, und zu welchem auch die Hofthür führte.</p>
            <p>Wohl sahen die Gipsbüsten noch unangetastet von ihren hohen Postamenten herab, allein
               der Genius war entflohen aus dem Raume, den die große Frau jetzt mit der sichern,
               unanfechtbaren <pb/> Haltung der Besitzergreifenden betrat ... Ein kaltes,
               verächtliches Lächeln umspielte ihre Lippen, während sie die Reihe der Zimmer
               durchschritt, deren jedes einzelne in seiner Einrichtung das poesievolle Gemüt, den
               feinempfindenden Geist seiner ehemaligen Herrin bezeichnete, aber sie runzelte auch
               mit einem haßerfüllten Ausdruck die Brauen, als ihr Auge über die Bücherreihen hinter
               den Scheiben eines Glasschrankes streifte, die auf ihren zierlich gepreßten
               Saffianeinbänden gefeierte Dichter- und Schriftstellernamen trugen.</p>
            <p>Sie ergriff einen starken Schlüsselbund, der auf dem Nachttisch lag und öffnete einen
               Sekretär – das offenbar interessanteste Möbel für sie. Eine musterhafte Ordnung
               herrschte in all den Kästen; einer nach dem andern wurde aufgezogen – vergilbte, mit
               verblaßten Bändern zusammengebundene Briefpakete, Schreibehefte kamen zum Vorschein.
               Die plumpen weißen Hände stopften sie ungeduldig wieder hinein – was interessierte
               sie das Geschreibsel, die große Frau war nicht neugierig! ... Desto wohlwollender
               wurde ein Kästchen behandelt, das sich bis an den Rand mit Dokumenten gefüllt erwies.
               Mit großer Aufmerksamkeit und dem Ausdruck innerer Befriedigung entfaltete Frau
               Hellwig Blatt um Blatt; sie verstand ausgezeichnet zu rechnen, im Nu hatte sie die
               sehr bedeutende Totalsumme dieser einzelnen, sicher und vorteilhaft angelegten
               Kapitalien überschlagen – sie übertraf ihre Erwartung.</p>
            <p>Damit hatte jedoch die Forschung keineswegs ein Ende; es kamen die verschiedenen
               Kommoden und Schränke an die Reihe, und je länger Frau Hellwig suchte, desto
               ungeduldiger und hastiger wurde sie. Allmählich rötete sich ihr Gesicht, mit
               ungewöhnlicher Lebhaftigkeit schritt ihre schwerfällige Gestalt von Zimmer zu Zimmer,
               rücksichtslos durchwühlten ihre Hände die Wäschekästen, warfen die zierlich
               gefältelten Krausen und Hauben der Verstorbenen durcheinander, stießen Glas und
               Porzellan in den Schränken zusammen, daß es klang und klirrte – das, was sie suchte,
               war nicht zu finden. Sie trat endlich aufgeregt hinaus auf die Galerie. Daß sie
               verschiedene Blumentöpfe umstieß und mittelst ihrer schwerfälligen Bewegungen nach
               allen Seiten hin Blüten und Zweige abknickte, war ihr sehr gleichgültig – sie hatte
               in diesem Augenblicke nicht einmal ihr stereotypes verächtliches Lächeln für diesen
               »Quark«, diese »Alfanzereien«.</p>
            <p>Friederike fütterte gerade das Geflügel drunten im Hofe; Frau Hellwig befahl ihr,
               sofort den Hausknecht heraufzuschicken <pb/> und trat wieder zurück, um ihr Suchen
               von neuem zu beginnen.</p>
            <p>»Weißt du nicht, wo die verstorbene Tante ihr Silberzeug aufbewahrt hat?« rief sie
               dem bald darauf eintretenden Heinrich entgegen. »Es muß viel da sein, ich weiß es von
               meiner Schwiegermutter. Sie hat mindestens zwei Dutzend schwere silberne Eßlöffel,
               eine gleiche Anzahl schöner vergoldeter Kaffeelöffel, desgleichen silberne Leuchter,
               Kaffee- und Milchkanne gehabt,« – dieses mit verwunderungswürdiger Gedächtnistreue
               festgehaltene Verzeichnis rollte von den Lippen, als werde es abgelesen – »ich kann
               nichts von alledem finden – wo steckt es?«</p>
            <p>»Das weiß ich nicht, Madame,« versetzte Heinrich ruhig. Er schritt auf einen Tisch
               zu, zog dessen Kasten auf und nahm zwei silberne Eßbestecke heraus. »Das ist alles,
               was ich je von Silber bei der seligen Mamsell gesehen habe,« sagte er, »ich mußte es
               öfters putzen, weil es die Aufwartefrau nicht recht machte.«</p>
            <p>Frau Hellwig schritt hin und her und biß sich zornig auf die Lippen. Die strenge
               Zurückhaltung, die sie dem Gesinde gegenüber stets beobachtete, verließ sie für einen
               Augenblick.</p>
            <p>»Es wäre eine schöne Geschichte, ein wahrer Skandal, wenn die Alte diese wertvollen
               alten Familienstücke verkauft oder wohl gar – verschenkt hätte; ähnlich sähe es ihr
               schon!« sagte sie, freilich mehr wie für sich. »Es muß wieder her, ich ruhe nicht
               eher! ... Sie hat auch Brillanten gehabt, sehr schönen Schmuck; es ist alles, was von
               solchen Sachen der Familie Hellwig je gehört hat, zwischen ihr und meiner
               Schwiegermutter geteilt worden,« sie unterbrach sich, ihr Blick fiel in dem Momente
               auf den Glasschrank, der die Noten enthielt. Ihn hatte sie noch nicht untersucht.</p>
            <p>Der Schrank selbst stand auf einem schwerfälligen Kasten, den sehr schön geschnitzte
               Holzthüren umschlossen; sie riß dieselben auf – hohe Stöße sorgfältig geordneter
               Zeitschriften füllten die zwei Regale aus. Jener grausam boshafte Zug erschien
               verstärkt in dem ungewöhnlich aufgeregten Gesichte, die Oberlippe krümmte sich nach
               innen und ließ fast die ganze obere Reihe ihrer schöngepflegten festen Zähne sehen
               ... Sie zog ein Paket um das andere hervor und schleuderte es auf die Erde, daß die
               einzelnen Hefte weit umherflogen.</p>
            <p>In dem alten Manne kochte der Ingrimm. Er ballte die Fäuste und sah mit einem fast
               wilden Blick auf die Vandalin. Diese Blätter, er hatte sie alle selbst von der Post
               geholt, sie <pb/> waren eine wahre Erquickung und Freude für die Einsame gewesen;
               noch sah er ihre freundlichen Augen aufstrahlen, wenn er ein neuangekommenes Heft auf
               ihren Tisch legte.</p>
            <p>»Da haben wir ja gleich die Erbfeinde der heiligen Kirche beisammen!« murmelte sie.
               »Diese Schandblätter, diese höllischen Sudeleien! Ja, ja, sie hat's arg getrieben,
               die gottvergessene alte Jungfer, und ich bin gezwungen gewesen, so viele Jahre lang
               den unsauberen Geist unter meinem Dache zu dulden.«</p>
            <p>Sie richtete sich empor und sah hinter die Glasscheiben. Bei dem Anblick der Noten
               klang eine Art kurzen, rauhen Gelächters von ihren Lippen. Sie schloß den Schrank auf
               und befahl Heinrich, einen Waschkorb zu holen. Was von Büchern und Notenheften auf
               den Regalen lag, mußte er in den Korb räumen. Er zerbrach sich den Kopf, was wohl das
               Schicksal dieser schönen Bücher sein würde, die so oft dort auf dem Flügel gelegen
               und von denen die alte Mamsell so köstliche Musik abgelesen hatte. Die große Frau
               stand neben ihm und sah streng darauf, daß kein Blättchen zurückblieb; sie selbst
               rührte nichts an, es sah fast aus, als fürchte sie, ihre Finger daran zu
               verbrennen.</p>
            <p>Schließlich befahl sie dem Hausknecht, den Korb in das Vorderhaus zu tragen. Sie
               verschloß alle Thüren der Mansardenwohnung sorgfältig und folgte ihm. Zu Friederikens
               Aerger, der solche Besuche ein Greuel waren, trat sie in die Küche; Heinrich mußte
               seine Last niedersetzen und eine Papierschere aus dem Wohnzimmer bringen. Die alte
               Köchin hatte gerade starkes Bratfeuer.</p>
            <p>»Heute kannst du das Holz sparen, Friederike!« sagte Frau Hellwig, ergriff ein loses
               Heft und warf es in die Flammen. Die zierlichen Mappen mit der kostbaren
               Handschriftensammlung der alten Mamsell lagen obenauf in dem Korbe. Die seidenen
               Bandschleifen, mit denen sie zusammengebunden waren, lösten sich, eine nach der
               andern, unter den ruhig und beharrlich manipulierenden Fingern der großen Frau ...
               Hei, wie das loderte und fraß! Hier strahlte noch einmal der Name »Gluck« im roten
               Glanze, dort glühten die Notenköpfe einer brillanten Schlußkadenz Cimarosas wie
               feurige Perlen, um dann in ein und demselben Flammenmantel unterzugehen, der
               Italiener, Deutsche und Franzosen parteilos umfaßte.</p>
            <p>Heinrich hatte im ersten Augenblick fassungslos dabeigestanden – der Grimm schnürte
               ihm die Kehle zu. Noch lag die Leiche der armen Einsamen über der Erde, und dieses
               gefühllose <pb/> Weib da hauste bereits in der Hinterlassenschaft und plünderte und
               zerstörte, wie kaum der roheste Kriegsknecht in Feindesland.</p>
            <p>»Aber, Madame,« sagte er endlich, »es könnte doch ein Testament da sein!«</p>
            <p>Frau Hellwig erhob ihr von dem Feuer rot angestrahltes Gesicht, es zeigte ein Gemisch
               von Hohn und Unwillen.</p>
            <p>»Seit wann habe ich dir denn erlaubt, mir gegenüber deine weisen Bemerkungen zu
               machen?« fragte sie beißend. Sie hatte eben das Bachsche Opernmanuskript in den
               Händen, von welchem die alte Mamsell neulich gesagt, daß es, als nur in diesem
               einzigen Exemplare vorhanden, dereinst mit Gold aufgewogen werden würde. Energischer
               als vorher und mit einem ganz besonderen Nachdrucke zerriß und zerschnitt sie die
               Blätter in Atome und stopfte sie unter die Bratröhre.</p>
            <p>In diesem Augenblick wurde draußen die Hausglocke stark angezogen. Heinrich ging, zu
               öffnen. Ein Justizbeamter in Begleitung eines Gerichtsdieners trat ein. Er verbeugte
               sich vor der verwundert aus der Küche kommenden Frau des Hauses und stellte sich in
               seiner Eigenschaft als Amtskommissär vor, der beauftragt sei, den Nachlaß der
               verstorbenen Fräulein Cordula Hellwig zu versiegeln.</p>
            <p>Vielleicht zum erstenmale in ihrem Leben verlor Frau Hellwig ihre eiserne Ruhe und
               Kaltblütigkeit.</p>
            <p>»Versiegeln?« stotterte sie.</p>
            <p>»Es liegt ein Testament bei der Justizbehörde.«</p>
            <p>»Das ist ein Irrtum,« fuhr sie heraus. »Ich weiß ganz genau, daß sie nach dem Willen
               ihres Vaters kein Testament machen durfte – es fällt alles an das Haus Hellwig
               zurück.«</p>
            <p>»Thut mir leid,« sagte der Beamte achselzuckend. »Das Testament existiert, und so
               sehr ich auch bedaure, inkommodieren zu müssen, meine Pflicht zwingt mich, die
               Versiegelung sofort vorzunehmen.«</p>
            <p>
               <pb/> Frau Hellwig bis sich auf die Lippen, ergriff den Schlüssel zur
               Mansardenwohnung und schritt dem Herrn voran. Heinrich aber lief triumphierend hinauf
               zu Felicitas, die bereits ihr Amt als Kinderwärterin wieder verwaltete, heute jedoch
               zu Aennchens Verwunderung starr und stumm wie eine Statue neben der plaudernden
               Kleinen saß. Heinrich teilte ihr das Vorgefallene mit. Bei der Beschreibung des
               Autodafé fuhr sie empor.</p>
            <p>»Einzelne Blätter waren es, die sie verbrannte?« fragte sie mit erstickter
               Stimme.</p>
            <p>»Ja, einzelne Blätter. Sie lagen in roten Mappen, schöne Bänder hingen dran –«</p>
            <p>Sie hörte nicht mehr auf ihn und eilte hinab in die Küche. Da stand der Korb, er
               enthielt noch verschiedene Klavierauszüge und Notenhefte, aber die Mappen lagen
               geöffnet und zerstreut auf dem Ziegelfußboden, auch nicht ein einziges Blättchen lag
               mehr darin. Der Zugwind hatte einen kleinen zerrissenen Papierfetzen in die Herdecke
               geweht. Felicitas hob ihn auf. »Johann Sebastian Bachs eigenhändig geschriebene
               Partitur, von ihm erhalten zum Andenken im Jahre 1707. Gotthelf von Hirschsprung« las
               sie mit überströmenden Augen ... Das war das letzte Ueberbleibsel des geheimnisvollen
               Manuskriptes – die Melodien waren verstummt für ewig.</p>
            <p>Allem Anscheine nach hatte Frau Hellwig anfänglich nicht die Absicht gehabt, um des
               Todesfalles willen die Vergnügungsreise ihres Sohnes zu unterbrechen, aber nach der
               Versiegelung, von der sie sehr echauffiert, mit einem unglaublich grimmigen Gesichte
               zurückgekehrt war, warf sie hastig einige zurückrufende Zeilen auf das Papier.
               Bereits am Tage nach der Beerdigung sollte, dem letzten Willen der Verstorbenen
               gemäß, das Testament eröffnet werden. Zu diesem Akte brauchte Frau Hellwig eine
               Stütze, sie war überhaupt fassungslos, wie noch nie in ihrem Leben. Der mögliche
               Verlust eines bedeutenden Vermögens, das sie stets für unverlierbar gehalten, wirkte
               in seiner Schreckgestalt selbst deprimierend auf ihre eisernen Nerven.</p>
            <p>Ein eigentliches Ziel hatte sich die Reisegesellschaft nicht gesteckt. »Eine Reise
               ins Blaue hinein, und wo es uns gefällt, wollen wir Hütten bauen,« hatte das Programm
               gelautet; Frau Hellwig mußte demnach ihren Brief auch ziemlich ins Blaue
               hineinschicken ... Das Suchen, mit welchem sie in der Mansardenwohnung den Tag
               begonnen hatte, wurde nun im Zimmer ihres <pb/> verstorbenen Mannes fortgesetzt.
               Unter den Familienpapieren mußten sich Beweise finden, daß der alten Mamsell nicht
               das Recht zugestanden habe, eigenmächtig über ihren Nachlaß zu verfügen. Sie hatte
               möglicherweise Ersparnisse von ihren Zinsen gemacht, das war bereits gestern abend
               Frau Hellwigs Vermutung gewesen – das Thürschloß der Vogelstube hatte wacker seine
               Schuldigkeit gethan und auch dieses Kapital der Familie erhalten ... Wie die große
               Frau auch sann und grübelte, sie wußte sich selbst nicht mehr zu sagen, woher ihr
               jene Ueberzeugung, die sie viele Jahre hindurch unumstößlich festgehalten, gekommen
               war. Hatte sie die Verfügung von Cordula Hellwigs Vater einst selbst gelesen, oder
               war es die mündliche Ueberlieferung irgend einer glaubwürdigen Person – genug,
               überzeugt war sie noch, und die Papiere mußten sich finden ... Sie suchte und las,
               bis ihr leichte Schweißperlen auf die blasse Stirn traten – es war heute ein wahrer
               Unglückstag – ihre Forschungen waren ebenso erfolglos wie die von heute morgen ...
               Das Glück schüttet am liebsten kaltherzigen, berechnenden, phantasielosen Menschen
               seine Rosen vor die Füße – scheint es doch, als wähne es bei reich angelegten Naturen
               seine Schätze minder sicher als bei solchen, die nicht allein am Geldkasten, sondern
               auch vor der Seele eiserne Riegel haben ... Die große Frau war eines jener verwöhnten
               Glückskinder – sie war daher sehr verwundert über den heutigen Unglückstag.</p>
            <p>Zwei Tage waren vergangen, der abgesandte Brief irrte wahrscheinlicherweise noch
               wohlverpackt in der Postkutsche durch die grünen Thäler des Thüringer Waldes, und die
               alte Mamsell wurde zur Erde bestattet, ohne daß ein Träger des Hellwigschen Namens
               hinter ihrem Sarge geschritten wäre.</p>
            <p>Felicitas trug ihren tiefen Schmerz schweigend, mit jener Selbstbeherrschung, die
               groß angelegten Charakteren eigen. Die Schwäche, welche Trost im Zureden anderer
               sucht, kannte sie nicht – seit ihrer Kindheit war sie gewöhnt, alles Schwere mit sich
               allein auszukämpfen und ihre Seelenwunden ausbluten zu lassen, ohne daß ihre nächste
               Umgebung das Vorhandensein derselben ahnte. Sie hatte es grundsätzlich vermieden, die
               Tote noch einmal zu sehen. Der letzte bewußte Blick der Sterbenden, der noch einmal
               auf ihr geruht, war für sie der Abschied gewesen – sie wollte das liebe Gesicht
               unbeseelt nicht in ihre Erinnerung aufnehmen ... Aber am Nachmittag des
               Begräbnistages, als Frau Hellwig ausgegangen war, nahm sie einen der Schlüssel, die
               in <pb/> der Gesindestube hingen; er schloß den Korridor, in welchen die dem Leser
               bekannte Rumpelkammer mündete. Die mit den Jahren so bedeutend zunehmende Korpulenz
               der Hausfrau ließ sie alles Treppensteigen möglichst vermeiden, aus dem Grunde hatte
               die alte Köchin schon seit länger ungehindert Zutritt in die am höchsten gelegenen
               Räume.</p>
            <p>Tante Cordula sollte und mußte heute noch frische Blumen auf ihrem Grabhügel haben,
               aber nur solche, die sie selbst gepflanzt hatte. Die Mansardenwohnung war, mit
               Ausnahme der Vogelstube, versiegelt – auf diesem Wege konnte man mithin nicht zu dem
               hängenden Garten gelangen, den die Nachlässigkeit des Justizbeamten von aller
               menschlichen Pflege abgeschnitten hatte ... Nach neun Jahren zum erstenmale wieder
               stand Felicitas am Fenster der Dachkammer und sah hinüber nach dem blumenbedeckten
               Dach ... Was alles lag zwischen jenem unglückseligen Tage, wo ihre gemißhandelte
               Kinderseele sich gegen Gott und die Menschen empörte, und heute! Dort drüben war ihr
               Heim – dort hatte die Einsame das geächtete Spielerskind beruhigend an ihr großes,
               edles Frauenherz genommen und mit allen Waffen ihres Geistes den Mordversuch auf
               seine Seele abgewehrt. Dort hatte das Kind unermüdlich gelernt und infolge dieses
               Lernens erst wahrhaft gelebt ... Er, der in diesem Augenblick in schöner
               Damengesellschaft genießend die prächtigen Thüringer Wälder durchstreifte – er ahnte
               nicht, daß sein einstiger, auf Vorurteil und finster zelotischer Anschauungsweise
               basierter Erziehungsplan einzig an einigen wagehalsigen Schritten über die zwei
               schlanken Rinnen da unten gescheitert war.</p>
            <p>Und jetzt sollte dieser Weg noch einmal zurückgelegt werden. Felicitas stieg aus dem
               Fenster und schritt über die Dächer; sie kam rasch und leicht hinüber und hatte bald
               den ebenen Boden der Galerie unter ihren Füßen ... Die armen Dinger da, die so
               harmlos mit den Köpfchen im leisen Zugwind nickten, waren weit schlimmer dran, als
               die Lilie auf dem Felde. Wie durch ein Zauberwort hoch in den Lüften festgehalten,
               wußten sie nichts von der süßen warmen Muttererde, nichts von dem starken
               Heimatboden, der die Grundfesten mächtiger Bäume wie das zarte Wurzelgefaser der
               kleinsten Blume sich fest in das Herz drückt – ihr Wohl und Wehe hatte in den zwei
               kleinen weißen, welken Händen gelegen, die jetzt selbst still in dem Heimatboden
               ruhten und zu Erde wurden. Noch fühlten indes die Herausgesperrten ihre <pb/>
               Verwaisung nicht, es hatte mehreremal zur Nachtzeit stark geregnet – in diesem
               Augenblick blühten und dufteten sie um die Wette.</p>
            <p>Felicitas drückte ihr Gesicht gegen die Scheiben der Glasthür und sah hinein in den
               Vorbau. Da stand der kleine runde Tisch; das Strickzeug mit einer halb abgestrickten
               Nadel lag neben dem Knäuelbecher, als sei es eben nur aus der Hand gelegt worden, um
               im nächsten Augenblick wieder aufgenommen zu werden. Quer über einem aufgeschlagenen
               Buche lag die Brille; das junge Mädchen las tiefbewegt einige Zeilen – der letzte
               geistige Genuß, den die alte Mamsell auf Erden gehabt hatte, war die Rede des
               Antonius in Shakespeares Julius Cäsar gewesen ... Da drüben im Wohnzimmer stand der
               geliebte Flügel, und seitwärts blinkten die Scheiben des großen Glasschrankes – sie
               zeigten die leere Fläche der Regale, das alte Möbel hatte sich treuloserweise seine
               musikalischen Kostbarkeiten entreißen lassen, sie waren zu Asche zerstiebt, andere
               dagegen hielt es um so fester – Frau Hellwig hatte vergebens nach den Silberschätzen
               der alten Mamsell gesucht ... in diesem Augenblick erschrak Felicitas heftig. Das
               Geheimfach des Schrankes enthielt nicht allein Schmuck und Silber, in einer Ecke
               stand auch ein kleiner grauer Pappkasten. »Er muß vor mir sterben!« hatte Tante
               Cordula gesagt ... war er vernichtet? ... Um keinen Preis sollte er in die Hände der
               Erben fallen, und doch war die alte Mamsell stets zu feig gewesen, Hand an ihn zu
               legen. Es war mehr als warscheinlich, daß er noch existierte. Wenn das Testament den
               Ort bezeichnete, wo das Silber lag, dann wurde möglicherweise auch ein Geheimnis
               offenbar, das die Einsame mit allen Kräften der Welt zu entziehen gesucht hatte – das
               durfte nun und nimmer geschehen.</p>
            <p>Die Glasthür des Vorbaues war von innen verriegelt. Rasch entschlossen drückte
               Felicitas eine Scheibe ein und griff nach dem Riegel – er lag nicht vor, wohl aber
               hatte man zugeschlossen und den Schlüssel abgenommen – eine trostlose Entdeckung! ...
               Ein leidenschaftlicher Grimm bemächtigte sich des jungen Mädchens gegen das
               Verhängnis, das ihr konsequent in den Weg trat, wenn sie hoffte, für Tante Cordula
               wirken zu können. In den Schmerz um die Verstorbene mischte sich nun auch die schwere
               Frage um das, was wohl nun kommen werde. War der Inhalt des kleinen grauen Kastens
               geeignet, das Gerücht bezüglich einer Schuld der alten Mamsell zu widerlegen? Oder
               warf er, vielleicht mystisch und unlösbar, einen noch tieferen Schatten auf die
               Heimgegangene?</p>
            <p>
               <pb/> Sie schnitt rasch ein schönes Bouquet ab, steckte zwei Töpfe mit Aurikeln –
               Tante Cordulas Lieblinge – in ihren Korb und legte den Weg über die Dächer mit weit
               schwererem Herzen zurück, als sie gekommen war.</p>
            <p>Nun hatte dies junge Mädchen bereits drei Gräber da draußen auf dem weiten, stillen
               Totenfelde! Die liebsten Menschen, die ihr warmes Herz mit Inbrunst umfaßte, deckte
               die Erde. Sie warf einen unsäglich bitteren Blick gen Himmel, als sie die Blumen auf
               Tante Cordulas frisches Grab streute – er konnte ihr nun nichts mehr nehmen! Ihr
               Vater war seit vielen Jahren verschollen – er moderte wohl längst in fremder Erde;
               dort drüben auf einem kostbaren Marmorblock leuchtete in Goldschrift der Name
               Friedrich Hellwig, und hier – sie schritt auf das Grab ihrer Mutter zu, es war, dank
               der Fürsorge der alten Mamsell, seit neun Jahren zur schönen Jahreszeit stets mit
               köstlichen Blumen bedeckt. Aber heute lag der Grabstein herausgerissen neben dem
               Hügel; Heinrich hatte erst vor einigen Tagen erklärt, die Inschrift müsse endlich
               einmal erneuert werden, sie sei am Erlöschen – wahrscheinlicherweise war auf seinen
               Betrieb der Stein herausgenommen worden. Er war bis dicht an den Namen der
               Verstorbenen eingesunken gewesen; heute nun zeigte er sich in seiner ganzen Länge.
               »Meta d'Orlowska« las Felicitas mit verdunkeltem Blick; aber da stand ja weiter
               drunten noch ein Name, den die Erde bis jetzt vollkommen verdeckt hatte. Von der
               schwarzen Farbe zeigte sich freilich nur noch hier und da ein schwacher Rest an den
               Schriftzügen; allein sie waren in den Sandstein vertieft – »Geborne von Hirschsprung
               aus Kiel« ließ sich ohne Mühe entziffern.</p>
            <p>Felicitas versank in tiefes Sinnen ... Dieser Name hatte auf dem Bachschen
               Opernmanuskript gestanden! er hatte ferner dem uralten thüringischen Rittergeschlecht
               gehört, dessen Wappen noch auf allen Wänden des alten Kaufmannshauses prunkte – das
               kleine silberne Petschaft in Felicitas' Kindertäschchen zeigte aber auch denselben
               springenden Hirsch ... wunderbares Rätsel! Das stolze Geschlecht, das in seinen
               letzten Generationen zu Hobel und Pfrieme hatte greifen müssen, war ja längst
               erloschen. Heinrich hatte als Kind den letzten Träger des alten Namens noch gekannt –
               er war jung und unverheiratet als Student in Leipzig verstorben ... und doch war vor
               vierzehn Jahren aus dem fernen Norden eine junge Frau gekommen, die im Elternhause
               den Namen getragen und das Wappen geführt hatte ... War einst ein Zweig <pb/> vom
               alten Thüringer Stamme losgerissen und in die Ferne geschleudert worden? ... Du
               stolzer Ritter, der du deine Gestalt auf der Steinplatte im alten Kaufmannshause
               verewigen ließest, tritt heraus aus deinem Zinnsarge und wandle über dies Gräberfeld!
               Verschiedene Steine tragen deinen Namen und unter ihnen ruhen Männer mit schwieligen
               Arbeiterhänden, Männer, die im Schweiße ihres Angesichts ihr Brot essen mußten,
               während du die Ansprüche und Vorrechte deines Geschlechts bis in alle Ewigkeit
               verbrieft und besiegelt hinterließest, während du in dem unzerstörbaren Wahne die
               Augen schlossest, dein bevorzugtes Blut, die aristokratischen Hände deiner Nachkommen
               seien gefeit gegen die Befleckung der Arbeit! Tritt her an dies Grab, das den Staub
               einer weither gewanderten Tochter deines Hauses deckt! Das Brot, das sie aß, war ein
               ungleich härteres, ein verachtetes – sie mußte im Gaukelspiel vor die Menschen
               treten, und dies Gaukelspiel zerstörte ihren blühenden Leib ... Du hast nicht an den
               Wechsel gedacht, der in der Welt- und Menschengeschichte dort eine Woge gen Himmel
               trägt und hier einen Abgrund öffnet, um beide dann für einen Augenblick trügerisch
               wieder zu ebnen und auszugleichen.</p>
            <p>Ob noch Verwandte von Felicitas' Mutter existierten? Das junge Mädchen beantwortete
               sich diese Frage selbst mit einem bitteren Lächeln; auf alle Fälle existierten sie
               nicht für die Tochter der Meta von Hirschsprung. Sie waren zweimal öffentlich
               aufgerufen worden und hatten konsequent geschwiegen. Vielleicht hatte diese Linie des
               alten Geschlechts seine ursprüngliche Reinheit behalten bis zu dem Augenblick, wo
               eine Tochter derselben dem Taschenspieler Herz und Hand schenkte – sie wurde
               verstoßen aus dem Paradiese adeligen Glanzes, aus dem Kreise der Ihrigen auf
               Nimmerwiederkehr ... So viel war gewiß, ihr Kind beschritt die Schwelle derer
               niemals, die ihre Familienbeziehung zu der Ehefrau des Taschenspielers öffentlich
               verleugneten.</p>
            <pb/>
         </div>
         <div type="chapter">
            <head>20</head>
            <p>Felicitas kehrte, nachdem sie den Gottesacker verlassen, nicht in das Haus am Markte
               zurück. Rosa und Aennchen erwarteten sie im Garten, gegen Abend wollte auch Frau
               Hellwig kommen, um mit dem Kinde unter den Akazien zu essen ... Die große Frau hatte
               ihre äußere Ruhe scheinbar wiedergewonnen, nur war es auffallend, daß sie viel mehr,
               als sonst, ausging; es hatte fast den Anschein, als sei es ihr Bedürfnis, sich bis
               zur Ankunft ihres Sohnes zu zerstreuen und vielleicht auch ein wenig
               auszusprechen.</p>
            <p>Die Begegnung mit Felicitas in der Mansarde schien sie völlig ignorieren zu wollen.
               Auf die Vermutung, daß das Mädchen Verkehr mit der alten Mamsell gehabt habe, war sie
               augenscheinlich nicht gekommen; sie hatte Felicitas' Eindringen einfach für Neugierde
               gehalten, die sie unter anderen Umständen freilich nicht straflos hätte hingehen
               lassen; aber im Hinblick auf die weiteren Vorgänge jenes Abends war es ihr ohne
               Zweifel wünschenswert, daß das Vorgefallene möglichst rasch vergessen werde.</p>
            <p>Felicitas hatte eilig beinahe die ganze kleine Stadt umschritten und blieb nun vor
               einer Gartenthür stehen. Sie schöpfte tief Atem, dann legte sie rasch entschlossen
               die Hand auf den Drücker und öffnete die Thür; sie führte in den Nachbargarten, in
               das Besitztum der Frankschen Familie ... Das junge Mädchen war jetzt einzig und
               allein auf sich und seine eigenen Entschlüsse angewiesen. So schmerzzerrissen auch
               ihre Seele war, auf die Energie ihres im Kampfe hartgewordenen Charakters hatten
               diese inneren Leiden keinen Einfluß; ihr außerordentlich klarer Kopf stand auch nach
               dem härtesten Schlage sehr bald dem Unvermeidlichen gegenüber, und nie hatten die
               Nebel der Gefühlsseligkeit oder <pb/> Schwärmerei diesen scharfen logischen
               Gedankengang zu beeinflussen vermocht.</p>
            <p>Die zarte, sehr distinguiert aussehende Dame im weißen Häubchen, die Felicitas vor
               wenigen Tagen angeredet hatte, saß zeichnend in einem schattigen Laubengange. Sie
               erkannte die Eintretende sofort und winkte ihr eifrig, näher zu kommen.</p>
            <p>»Ah, da kommt meine kleine, junge Nachbarin und will einen guten Rat, nicht wahr?«
               fragte sie mit herzgewinnender Freundlichkeit und ließ das junge Mädchen neben sich
               niedersetzen. Felicitas sagte ihr, daß sie nach Verlauf von drei Wochen das
               Hellwigsche Haus verlassen müsse und eine Stelle suche.</p>
            <p>»Wollen Sie mir nicht ungefähr sagen, was Sie leisten können, mein Kind?« fragte die
               Frau und ließ ihre großen, klugen Augen, welche lebhaft an die ihres Sohnes
               erinnerten, auf Felicitas' Gesicht ruhen; es wurde flammend rot ... Sie sollte von
               ihren scheu verschwiegenen Kenntnissen sprechen und sie plötzlich auskramen, wie der
               Kaufmann seine Waren – es war ihr ein unsäglich peinliches Gefühl, und doch mußte es
               sein.</p>
            <p>»Ich glaube, ganz leidlich im Französischen und Deutschen, in Geographie und
               Weltgeschichte unterrichten zu können,« antwortete sie zögernd, »auch im Zeichnen
               habe ich mich geübt; musikalisch ausgebildet bin ich nicht, allein ich weiß, was zu
               einem tüchtigen, schulgerechten Gesangsvortrage gehört;« – die Augen der Frau
               Hofrätin vergrößerten sich merklich im Erstaunen – »dann kann ich auch kochen,
               waschen, bügeln und auf Verlangen auch scheuern.« Die letzten Artikel des Berichtes
               kamen ungleich rascher von den Lippen des jungen Mädchens, als die anfänglichen.</p>
            <p>»Hier, in unserem guten, kleinen X. möchten Sie wohl nicht bleiben?« fragte die Dame
               lebhaft.</p>
            <p>»Wünschenswert wäre mir allerdings ein längerer Aufenthalt nicht, aber ich habe liebe
               Gräber hier, allzu rasch möchte ich mich auch nicht von ihnen trennen –«</p>
            <p>»Nun, dann will ich Ihnen etwas sagen. Die Gesellschafterin meiner Schwester in
               Dresden verheiratet sich; diese Stelle wird in sechs Monaten frei, ich werde Sie dort
               empfehlen, und bis dahin bleiben Sie bei mir. Sind Sie damit einverstanden?«</p>
            <p>Felicitas küßte ihr überrascht und dankbar die Hand, aber dann richtete sie sich
               empor und sah die alte Dame mit einem beweglichen Blick an, es war nicht zu
               verkennen, daß ihr noch <pb/> ein Wunsch auf den Lippen schwebte. Die Hofrätin
               bemerkte es sofort.</p>
            <p>»Sie haben noch etwas auf dem Herzen, nicht wahr? ... Wenn wir eine Zeitlang
               miteinander leben wollen, dann müssen wir vor allem offen sein, also heraus mit der
               Sprache!« sagte sie munter.</p>
            <p>»Ich möchte Sie bitten, meiner Stellung in Ihrem Hause, sei sie auch die
               untergeordnetste und von der kürzesten Dauer, eine bestimmte Gestalt zu geben,«
               antwortete Felicitas rasch und fest.</p>
            <p>»Ah, ich verstehe! Sie sind es müde, ein Brot zu essen, das Sie sauer genug verdienen
               mußten und welches – sprechen wir es aus – trotzdem ein Gnadenbrot genannt worden
               ist!«</p>
            <p>Felicitas bejahte eifrig.</p>
            <p>»Nun, in diese drückende Lage sollen Sie bei mir nicht kommen, mein liebes, stolzes
               Kind. Ich engagiere Sie hiermit als meine Gesellschafterin. Waschen, scheuern, bügeln
               sollen Sie natürlich nicht, wohl aber manchmal in der Küche nachsehen, denn ich und
               meine alte Dora werden nachgerade morsch und müde – wollen Sie?«</p>
            <p>»Ach, und wie gern!« Zum erstenmal nach Tante Cordulas Tode glitt es wieder wie ein
               schwaches Lächeln über das ernste Gesicht des jungen Mädchens.</p>
            <p>Ein feiner Sonnenstrahl, der durch das wilde Weinlaub des schattigen Ganges spielend
               auf und ab geglitten war, erlosch plötzlich – es wurde Abend. Felicitas erinnerte
               sich, daß sie auf ihrem Posten sein müsse, bevor Frau Hellwig in den Garten käme, und
               bat deshalb um die Erlaubnis, sich entfernen zu dürfen. Die Hofrätin entließ sie mit
               einem warmen Händedruck, und nach wenigen Augenblicken stand sie drüben im Garten und
               hatte die kleine Anna auf dem Arme. Bald darauf kam auch Friederike; sie trug einen
               schweren Korb voll Geschirr und sah sehr erhitzt aus.</p>
            <p>»Vor einer Stunde sind sie angekommen!« rief sie beinahe atemlos und sichtbar
               ärgerlich, indem sie ihre Last niedersetzte. »'s ist wahr, so kunterbunt wie jetzt
               ist's noch nie bei uns zugegangen! ... Die Madame sagt mir, wie noch der Wagen über
               den Markt 'rüber kommt, es solle nun in der Stadt gegessen werden; ich richte auch im
               guten Glauben alles vor – da heißt's auf einmal wieder, der Professor wolle partout
               in den Garten, und da bin ich nun so gut, packe die ganze Wirtschaft zusammen und
               schleppe sie da heraus.«</p>
            <p>
               <pb/> Damit rannte sie nach einem Beet und schnitt einige Salatköpfe ab.</p>
            <p>»Es hat Spektakel drin gegeben, einen gottheillosen Spektakel!« sagte sie leise,
               während Felicitas in der Küche neben ihr stand und den Salat putzte. »Die Madame
               hatte noch nicht einmal recht ›Guten Tag‹ gesagt, da war auch ihr erstes Wort die
               Testamentsgeschichte ... Höre, Karoline, so fuchswild wie heute hab' ich unsre Madame
               in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen! Der junge Herr brachte aber auch
               närrisches Zeug aufs Tapet; meinte er doch, die alte Tante sei eine Ausgestoßene
               gewesen, niemand in der Familie hätte sich um ihr Leben und Sterben gekümmert, und da
               sähe er gar nicht ein, warum sie den Leuten, die sie verachtet hätten, ihr Geld in
               die Tasche stecken solle – er hätte in seinem ganzen Leben nicht an die Erbschaft
               gedacht ... Und mitten hinein, wenn die Madame einen Augenblick verschnaufte, da
               fragte er allemal, ob auch alles im Hause wohl gewesen sei ... Er kam mir gar kurios
               vor, und die arme gnädige Frau, die sah aus, als wenn ihr die Hühner das Brot
               genommen hätten!«</p>
            <p>Felicitas erwiderte, wie sie es gewohnt war, kein Wort auf die Ausplaudereien der
               alten Köchin. Sie zog sich später mit einer Handarbeit unter den Nußbaum zurück,
               während Aennchen auf der Wiese neben ihr spielte. Von ihrem Platze aus konnte sie
               durch eine schmale Spalte der kulissenartig sich vorschiebenden Taxuswände gerade auf
               die Gartenthür sehen. Dieses feine gußeiserne Gitter, das auf beiden Seiten
               wildblühende Rosensträucher einfaßten, während es hinter ihm in der vorüberlaufenden
               prächtigen Lindenallee dunkelgrün dämmerte, hatte stets für das junge Mädchen einen
               geheimnisvollen Reiz gehabt ... Sie hatte viele Menschen durch diese Thür kommen und
               gehen sehen; freundliche, traute Gesichter, denen sie einst jubelnd entgegengelaufen
               war; aber auch Gestalten, die ihr das Herz beklemmt, und hinter denen sie gern und
               aufatmend das eigentümlich schnurrende Geräusch der zufallenden Thür gehört hatte ...
               Noch nie aber war ihr ein so jäher Schreck, fast ein stechender Schmerz, durch die
               Glieder gefahren, als in diesem Augenblick, wo sich das Gitter knarrend
               vorwärtsschob, während Frau Hellwig, am Arme ihres Sohnes und gefolgt von der
               Regierungsrätin, in den Garten trat ... Was hatte sie von jenen Menschen zu fürchten?
               Frau Hellwig ignorierte möglichst ihre Existenz, und jener Mann dort hatte es <pb/>
               ja auch aufgegeben, die Taschenspielerstochter zu seinen Ansichten zu bekehren, nach
               welchen sie eine Ausgestoßene, Geächtete des Menschengeschlechts war und blieb.</p>
            <p>Friederike hatte gesagt, er sei ihr »gar kurios« vorgekommen, und Felicitas mußte ihr
               zum mindesten zugeben, daß etwas Auffallendes in seinem Wesen liege. Der Begriff
               »Hast« ließ sich mit seinen nachlässigen Bewegungen und der außerordentlich
               indifferenten Haltung im gewöhnlichen Leben eigentlich gar nicht in Verbindung
               bringen, und doch hätte das junge Mädchen in diesem Moment sein Gebaren mit dem
               besten Willen nicht anders zu bezeichnen gewußt ... Er strebte sichtbar ungeduldig
               vorwärts zu kommen – bei Frau Hellwigs schwerfällig gemessenem Gange ein Ding der
               Unmöglichkeit – und ließ mit hochgehobenem Kopfe seine Augen suchend über den Garten
               gleiten – das galt jedenfalls seiner kleinen Patientin.</p>
            <p>Rosa kam über den Kiesplatz gesprungen, um Aennchen zu holen, und Felicitas folgte
               den beiden bis hinter die erste Taxuswand, um das Wiedersehen zwischen Mutter und
               Kind zu beobachten. Die Regierungsrätin schlang freilich ihre Arme um das kleine
               Mädchen und tätschelte seine Wangen, aber währenddem schalt sie Rosa heftig aus, daß
               sie die Schlüssel zur Wohnung mitgenommen und sie gezwungen habe, in dem
               »entsetzlichen Kleid« durch die Stadt zu gehen. Die duftige Reisetoilette hatte in
               der That zum Teil ihre zarte Bläue eingebüßt und hing schlaff, welk und mit einem
               sehr mißfarbenen Saume über der Krinoline.</p>
            <p>»Nun, ich werde mir diese ganze Partie bis zum Schlußmoment zu den unerquicklichsten
               Ereignissen meines Lebens notieren!« sagte die junge Dame verdrießlich und
               schmollend, während sie sich einen Riß in dem verdorbenen Kleide mit einer Nadel
               zusammensteckte. »Wäre ich bei dir geblieben, Tantchen, in deinem stillen Zimmer!
               Tausend Unbequemlichkeiten, sag' ich dir – wohin wir uns auch wenden mochten, stets
               einen Gewitterregen auf den Fersen, und dazu die unglaublich schlechte Laune meines
               Herrn Kousin Isegrim! ... Du machst dir keinen Begriff, Tantchen, wie rücksichtslos
               und – liebenswürdig er gewesen ist! Er hätte am liebsten gesehen, wir wären schon am
               ersten Tage wieder umgekehrt. Und was für Mühe haben wir uns gegeben, sein bösartig
               finsteres Gesicht freundlicher zu machen! Fräulein von Sternthal hatte sich mit
               solchem Eifer in ihre Aufgabe versenkt, daß ich jeden Augenblick erwartete, sie werde
               eine Liebeserklärung in Szene setzen. – Nun, sag selber, Johannes, war sie nicht die
               Bereitwilligkeit und Zuvorkommenheit selbst?«</p>
            <p>
               <pb/> Was der Professor antwortete, konnte Felicitas nicht verstehen. Sie war bereits
               unter den Nußbaum zurückgekehrt und arbeitete weiter, in der Hoffnung, daß man sich
               nicht um sie kümmern werde ... Das sah bös und drohend aus da drüben! Noch lag die
               grelle Röte einer heftigen Aufregung auf den Wangen der Frau Hellwig, und die
               schlechte Reiselaune ihrer Sohnes war keinesfalls verbessert worden durch die
               Empfangsszene.</p>
            <p>Eine Zeitlang schien es, als sollte die einsame Näherin unter dem Nußbaume in ihrer
               Zurückgezogenheit unangefochten bleiben; aber einmal schlüpfte ihr Blick durch die
               Lücke der Taxushecke und fiel zugleich auf die Gestalt des Professors. Er kam ruhig
               schlendernd, die Hände auf dem Rücken zusammengelegt, über den Kiesplatz; seine Züge
               hatten jedoch, ganz im Gegensatze zu seiner nachlässigen Haltung, etwas Erregtes,
               Gespanntes, und sein Blick drang unruhig in die verschiedenen Gänge zwischen den
               verschnittenen, grünen Wänden.</p>
            <p>Felicitas saß bewegunslos und beobachtete ihn; unwillkürlich hatte sie die Rechte auf
               ihr klopfendes Herz gelegt – ihr war fast unheimlich zu Mute – sie fürchtete sich vor
               dem Moment, wo sein Blick auf sie fallen mußte ... Noch langsamer als zuvor schritt
               er auf dem schmalen Kieswege weiter, der den großen Wiesenfleck umfaßte. Sein Haupt
               war unbedeckt – war es der eigentümliche, völlig ungewohnte Ausdruck, oder hatte
               seine Gesichtsfarbe den kräftigen Ton verloren – der Kopf erschien dem jungen Mädchen
               verändert.</p>
            <p>Er griff in die Zweige eines Apfelbaumes, zog sie zu sich nieder und betrachtete die
               sich ansetzenden Früchte scheinbar mit ungeteiltem Interesse – er sah jedenfalls das
               Mädchen unter dem Nußbaume nicht. Die Zweige schnellten wieder empor, und er setzte
               seinen Weg fort. Jetzt stand er in gleicher Richtung mit Felicitas; er bückte sich
               rasch und pflückte irgend ein am Wiesenrande befindliches Etwas.</p>
            <p>»Ach, sehen Sie doch, Felicitas, ein vierblätteriges Kleeblatt!« rief er hinüber,
               ohne aufzublicken. Das klang so ruhig und zuversichtlich, als sei sein Verkehr mit
               ihr noch nie unterbrochen oder getrübt gewesen, als sei es selbstverständlich, daß
               sie da drüben unter dem Nußbaume sitze; aber es lag auch zugleich eine gebieterische
               Notwendigkeit in dieser Anrede, er fesselte das Mädchen gewissermaßen an die Stelle,
               wo es sich jetzt erhob.</p>
            <p>»Die Leute sagen, diese vier Blättchen bringen dem Finder Glück,« fuhr er fort, indem
               er rasch über die Wiese herkam. »Nun, ich werde ja gleich sehen, inwieweit es
               leidiger Aberglaube ist!«</p>
            <p>
               <pb/> Er stand vor ihr. Jetzt lag auch etwas Straffes, die ganze Energie des
               willensstarken Mannes in seiner Haltung. Das Kleeblatt entfiel seinen Händen, er
               streckte sie beide Felicitas entgegen.</p>
            <p>»Guten Abend!« sagte er – es waren bebende Laute, in denen diese zwei einfachen Worte
               gesprochen wurden. Hätte er einst vor Jahren diesen Ton angeschlagen, dann wäre er
               dem neunjährigen Kinde gegenüber, das mit aller Heftigkeit eines leidenschaftlichen
               Herzens Liebe und Teilnahme verlangte, gerechtfertigt gewesen – für diese
               verfinsterte, von ihm so lange gemißhandelte Mädchenseele jedoch blieb der
               süßvertrauliche Gruß, in welchem sich unverkennbar die Wonne des Wiedersehens
               abspiegelte, geradezu unverständlich. Gleichwohl hob sie die Hand – sie, die Paria,
               die seine Hand in der höchsten Todesnot zurückstoßen wollte, sie legte, von einer
               unerklärlichen Macht getrieben, für einen Moment leise ihre Rechte in die seine. Es
               war das eine Art von Wunder, und er faßte es wohl selbst so auf – eine einzige
               unachtsame Bewegung konnte es verscheuchen auf Nimmerwiederkehr ... Mit der ganzen
               Selbstbeherrschung, die der Arzt sich errungen, ging er sofort in einen anderen Ton
               über.</p>
            <p>»Hat Ihnen Aennchen viel Last gemacht?« fragte er freundlich und teilnehmend.</p>
            <p>»Im Gegenteil – die Anhänglichkeit des Kindes rührt mich – ich pflege es gern.«</p>
            <p>»Aber Sie sind bleicher als sonst – und da der bitter schwermütige Zug um Ihren Mund
               ist schärfer ausgeprägt als je ... Sie sagten vorhin, die Anhänglichkeit des Kindes
               rühre Sie – andere Leute sind auch anhänglich, Felicitas! Ich werde Ihnen das
               sogleich beweisen. Sie haben gewiß nicht ein einziges Mal an die Menschen gedacht,
               die der kleinen Stadt X. entflohen waren, um sich Seele und Willen in der kräftigen
               Waldluft zu stählen?«</p>
            <p>»Ich hatte weder Zeit noch Anknüpfungspunkte dazu,« entgegnete sie stark errötend,
               aber mit finsterem Ausdruck.</p>
            <p>»Das setzte ich voraus. Ich aber bin menschenfreundlicher gewesen, ich habe an Sie
               gedacht – Sie sollen auch erfahren, wann und wo ... Ich sah eine Edeltanne ganz
               allein auf einer Felsenzacke stehen – es sah aus, als sei sie in dem Nadelwalde zu
               ihren Füßen verwundet und gekränkt worden, und sie habe sich auf die einsame Höhe
               geflüchtet. Dort stand sie fest und finster, und meine Phantasie lieh ihr ein
               Menschengesicht mit wohlbekanntem, stolzverächtlichem Ausdrucke. Da kam ein Gewitter,
               der Regen <pb/> peitschte ihre Zweige und der Sturm schüttelte sie unbarmherzig, aber
               nach jedem Stoße richtete sie sich auf und stand fester als zuvor.«</p>
            <p>Felicitas hatte die Augen halb scheu, halb trotzig zu ihm aufgeschlagen ... Wie
               seltsam verändert war er zurückgekehrt! Der Mann mit den kalten, stahlgrauen Augen,
               der ehemalige Pietist und Mystiker, der eingefleischte Konservative, dem Gesetz und
               Regel jeden Funken poetischer Freiheit erstickt haben mußten, er, der Pedant, den der
               Gesang der menschlichen Stimme belästigte, er erzählte ihr mit seiner tiefen Stimme,
               die der ernsten Wissenschaft mit so mächtigem Erfolge diente, eine Art Märchen, ein
               selbsterfundenes, dessen Sinn sie nicht mißverstehen konnte.</p>
            <p>»Und denken Sie,« fuhr er fort, »da stand ich nun drunten im Thale, und meine
               Begleiter schalten den unpraktischen Professor, weil er sich vollregnen lasse,
               während er doch unter Dach und Fach flüchten konnte. Sie wußten ja nicht, daß ihn,
               den trockenen, nüchternen Doktor, plötzlich eine Vision gepackt hatte, die sich weder
               durch kalte Regenschauer noch durch den Sturm verscheuchen ließ ... Er sah nämlich,
               wie ein Mutiger den Wald verließ, den Felsen hinaufkletterte, droben die Arme um die
               Tanne legte und sagte: ›Du bist mein!‹ ... Und was geschah weiter?« –</p>
            <p>»Ich weiß es,« unterbrach ihn das Mädchen in tiefen, grollenden Tönen; »die Einsame
               blieb sich selbst getreu und brauchte ihre Waffen.«</p>
            <p>»Auch als sie einsah, daß er sie fest und sicher an sein Herz nehmen werde,
               Felicitas? Als sie erkannte, daß sie an diesem Herzen getrost ausruhen könne von
               allen Stürmen, daß er sie zärtlich behüten werde, wie seinen Augapfel, sein ganzes
               Leben lang?«</p>
            <p>Der Erzähler hatte sich offenbar mit einer Art von Leidenschaft in das Geschick
               seiner zwei Visionsgestalten versenkt, denn er sprach mit zuckenden Lippen, und in
               seiner Stimme wurden alle jene Klänge wach, die Felicitas' Herz am Krankenbett des
               Kindes erschüttert hatten – jetzt verhallten sie machtlos.</p>
            <p>»Die Einsame wird erfahrungsreich genug gewesen sein, zu wissen, daß er ihr ein
               Märchen erzählte,« versetzte sie hart. »Sie sagen selbst, sie habe den Sturmstößen
               getrotzt – nun wohl, sie hatte sich selbst gestählt und brauchte keine andere
               Stütze!«</p>
            <p>Es war ihr nicht entgangen, wie ihm allmählich die Farbe aus dem Gesicht wich – er
               sah für wenige Sekunden erdfahl aus. Es schien fast, als wolle er sich abwenden und
               gehen, aber näherkommende Schritte wurden laut. Er blieb dicht neben Felicitas <pb/>
               stehen und erwartete ruhig seine Mutter, die am Arme der Regierungsrätin zwischen den
               Taxuswänden hervortrat.</p>
            <p>»Nun, das nimm mir aber nicht übel, Johannes,« schalt sie, »da stehst du, hältst die
               Karoline von der Arbeit ab und lässest uns unverantwortlich mit dem Abendbrot warten!
               Glaubst du denn, ich liebe es, wenn die Eierkuchen zu Leder werden?«</p>
            <p>Die Regierungsrätin ließ den Arm der Tante los und schritt über die Wiese. Sie sah
               bei weitem nicht so hübsch aus wie gewöhnlich; die blonden Locken hingen wild und
               aufgelöst an den Wangen herab, welche in einem unschönen Rot glühten, aus den
               Taubenaugen aber sprühte es unheimlich.</p>
            <p>»Ich habe Ihnen noch nicht einmal danken können, Karoline, daß Sie Aennchen während
               meiner Abwesenheit beaufsichtigt haben,« sagte sie. Das sollte freundlich klingen,
               aber die sanfte Stimme verschärfte sich, sie klang höher als gewöhnlich und war
               dadurch schneidend. »Sie stehen ja aber auch hier wie eine Einsiedlerin unter dem
               abgelegenen Nußbaume – wie soll man Sie da finden?« fuhr sie fort. »Haben Sie diese
               interessante, zurückgezogene Rolle öfter gespielt? ... Ich würde es dann freilich um
               so leichter begreifen, daß ich Aennchen so unverantwortlich vernachlässigt
               wiederfinden muß. Ich habe Rosa bereits sehr gescholten; das Haar hat nicht die
               mindeste Pflege gehabt, ihre Haut ist so sonnenverbrannt, daß man sie für ein
               Kaffernkind halten möchte, und ich fürchte, sie ist überfüttert worden.«</p>
            <p>»Hast du nicht noch einen Vorwurf für die Pflegerin, Adele? Besinne dich!« mahnte der
               Professor in vernichtendem Hohne. »Vielleicht ist sie auch schuld, daß dein Kind an
               den Skropheln leidet, möglicherweise hat sie die vielen Gewitterregen über den
               Thüringer Wald geschickt, die dir die Laune verdorben haben, wer weiß« – er hielt
               inne und wandte sich mit einer fast verächtlichen Gebärde ab.</p>
            <p>»Ja, es ist besser, du redest nicht aus, Johannes,« klagte die junge Witwe, mit einem
               krampfhaften Weinen kämpfend. »Ich muß fast annehmen, du weißt nicht mehr, was du mir
               gegenüber sprichst. Ich habe Sie nicht beleidigen wollen, Karoline,« wandte sie sich
               an das Mädchen, »und damit Sie sehen, daß ich nicht den mindesten Groll gegen Sie
               hege oder Ihnen gar mein Vertrauen entzogen habe, will ich Sie bitten, heute abend
               Aennchen noch einmal zu überwachen – ich fühle mich sehr angegriffen und
               reisemüde.«</p>
            <p>»Daraus wird nichts!« entschied der Professor hart. »Die Zeit der grenzenlosen
               Aufopferung ist vorüber. Du verstehst es <pb/> vortrefflich, Adele, die Kräfte
               anderer auszunützen; von nun an wirst du dein Kind selbst wieder unter deine Obhut
               nehmen.«</p>
            <p>»Gut – ist mir auch recht!« rief Frau Hellwig herüber. »Dann mag das Mädchen heute
               abend tüchtig jäten; von Heinrich und Friederike kann ich's ohnehin billigerweise
               nicht mehr verlangen – sie werden zu alt.«</p>
            <p>Ein tiefes Rot lief wie eine Flamme über das Gesicht des Professors. So schwer auch
               seine eigenartigen Züge sich entziffern ließen, in diesem Moment zeigten sich
               unverkennbar Scham und Verlegenheit. Vielleicht noch nie war in ihm das Empörende der
               Stellung, in die er selbst dies junge, reichbegabte Wesen gedrängt hatte, so zum
               Bewußtsein gekommen, wie jetzt. Felicitas verließ sofort ihren Platz unter dem
               Nußbaume; sie wußte, die wenigen Worte der Frau Hellwig waren ein Befehl für sie, dem
               sie ohne weiteres Folge leisten mußte, wenn sie nicht eine Flut spitziger Bemerkungen
               hören wollte. Aber der Professor trat ihr in den Weg.</p>
            <p>»Ich glaube, ich habe hier auch noch ein Wort als Vormund mitzusprechen,« sagte er
               scheinbar sehr ruhig, »und als solcher wünsche ich nicht, daß Sie dergleichen
               Arbeiten verrichten.«</p>
            <p>»So – willst du sie etwa in den Glasschrank setzen?« fragte Frau Hellwig, indem sie
               nun auch ihren großen Fuß auf die Wiese setzte und rascher als gewöhnlich sich
               vorwärts bewegte. »Sie ist genau nach deiner Vorschrift erzogen, ganz genau! ... Soll
               ich dir vielleicht deine Briefe vorzeigen, in denen du immer und immer wieder, ja
               wirklich bis zum Ueberdruß, wiederholst, daß sie dienen solle und müsse, daß sie
               nicht streng und scharf genug in der Zucht gehalten werden könne?«</p>
            <p>»Es fällt mir nicht ein, auch nur ein Jota von dem verleugnen zu wollen, was auf mein
               ausdrückliches Verlangen geschehen ist,« entgegnete der Professor mit dumpfer, aber
               fester Stimme, »ebensowenig kann ich mein Verfahren bereuen – es ist damals aus
               reiner, voller Ueberzeugung, aus dem aufrichtigen Wunsch, das allein Zweckmäßige und
               Vernünftige zu thun, hervorgegangen, aber ich werde mich auch nie der Schwäche
               schuldig machen, einen erkannten Irrtum eigensinnig festzuhalten, lediglich der
               Konsequenz halber, und deshalb erkläre ich hiermit, daß ich jetzt anders denke und
               folglich auch anders handeln werde.«</p>
            <p>Die Regierungsrätin bückte sich bei den letzten Worten. Sie pflückte eine einsame
               Kleeblume, welche die Sichel verschont hatte, und zerzupfte sie in Atome. Frau
               Hellwig aber lachte spöttisch auf.</p>
            <p>
               <pb/> »Mache dich nicht lächerlich, Johannes!« sagte sie in eisigem Hohne. »In deinen
               Jahren fängt man nicht noch einmal von vorn an mit seinen Grundsätzen, da müssen sie
               fest und hart sein, sonst wird's eine Stümperei fürs ganze Leben ... Du hast übrigens
               nicht allein in der Sache gehandelt – ich war auch dabei, und ich sollte meinen, mein
               ganzes Leben beweise es, daß ich mit Gottes Gnade stets das Richtige gethan habe ...
               Es sollte mir leid thun, wenn jetzt noch die Hellwigsche Schwäche auch in deinem
               Charakter zum Durchbruch käme, dann – das sage ich dir rundheraus – wären wir
               geschiedene Leute ... Solange das Mädchen noch in meinem Hause ist, bleibt sie mein
               Dienstbote, der nicht einen Augenblick auf der faulen Bärenhaut liegen darf, und
               damit basta! .. Nachher mag sie meinetwegen nichtsnutzig werden, die große Dame
               spielen und ihre Hände in den Schoß legen!«</p>
            <p>»Das wird sie nie, Madame Hellwig!« sagte Felicitas, indem sie mit einem flüchtigen
               Lächeln ihre schöngeformten, aber braunen und hartgearbeiteten Hände betrachtete;
               »Arbeit gehört mit zu ihren Lebensbedingungen ... Wollen Sie die Güte haben, mir die
               Beete zu bezeichnen, damit ich anfangen kann?«</p>
            <p>Der Professor, welcher der herben Standrede seiner Mutter gegenüber seine gelassene
               Haltung angenommen hatte, wandte sich jäh um nach Felicitas, und ein tief erbitterter
               Blick traf ihr Auge.</p>
            <p>»Ich verbiete es Ihnen hiermit nochmals!« befahl er mit finster gerunzelten Brauen
               rauh und entschieden. »Und wenn meine Einsprache als Vormund Ihren unbezähmbaren
               Trotz nicht zu beugen vermag, so appelliere ich jetzt als Arzt an Ihre Vernunft ...
               Sie haben sich bei Aennchens Pflege überangestrengt, Ihr ganzes Aussehen beweist es.
               Binnen kurzem wollen Sie das Haus meiner Mutter verlassen – es ist unsere Pflicht,
               dafür zu sorgen, daß Sie wenigstens einen gesunden Körper in Ihren künftigen
               Wirkungskreis mitbringen.«</p>
            <p>»Nun, das ist doch noch ein Grund, der sich hören läßt,« meinte Frau Hellwig. Für ihr
               Ohr, das bisher vergebens auf einen Tadel ihres Sohnes gewartet hatte, klangen die
               Worte »unbezähmbarer Trotz« offenbar wie Musik. »Sie mag meinetwegen für heute nach
               Hause gehen,« setzte sie hinzu, »obgleich ich eigentlich nicht recht begreife, wie
               das bißchen Pflege sie elend gemacht haben soll. Sie ist jung und hat ihr gutes Essen
               dabei gehabt ... Da sieh dir andere Mädchen in ihren Verhältnissen an, Johannes, die
               müssen Tag und Nacht arbeiten und haben doch rote Backen!«</p>
            <p>
               <pb/> Sie nahm den Arm der jungen Witwe und ging über die Wiese zurück, in der
               Meinung, daß ihr Sohn folge; auch die Regierungsrätin vermied es, offenbar aus Trotz
               und Groll, sich nach ihm umzusehen. Anfänglich hatte es auch den Anschein, als wolle
               er mitgehen, allein schon nach wenigen Schritten wandte er sich um, und während der
               letzte Schimmer des verunglückten blaßblauen Reisekleides hinter der nächsten
               Taxushecke verschwand, schritt er langsam wieder auf den Nußbaum zu. Er blieb einige
               Sekunden lang schweigend neben Felicitas stehen, die eben die Bänder ihres runden
               Strohhutes unter dem Kinn zusammenband ... Plötzlich bog er sich nieder und sah unter
               die breite Hutkrempe, <pb/> welche Stirn und Augen des Mädchens vollkommen bedeckte.
               Noch war die Erbitterung in seinen Zügen vorherrschend; als jedoch ihr Auge dem
               seinen begegnete, da schmolz sein Blick.</p>
            <p>»Sie fühlen wohl gar nicht, daß Sie mir heute sehr weh gethan haben?« fragte er
               kopfschüttelnd und so weich, als ob er zu einem Kinde spräche.</p>
            <p>Sie schwieg.</p>
            <p>»Felicitas, es ist mir nicht möglich, zu denken, daß Sie zu jenen Frauen gehören
               sollten, denen die Bitte um Verzeihung aus einem Männermunde ein ersehnter Genuß
               ist,« sagte er jetzt sehr ernst und nicht ohne eine Beimischung von Schärfe.</p>
            <p>Sie fuhr empor. Ihr weißes Gesicht mit dem wahrhaft keuschen, mädchenhaft reinen
               Ausdruck errötete bis über die Stirn.</p>
            <p>»Eine solche Bitte hat in meinen Augen stets etwas Peinliches für den Gekränkten,«
               antwortete sie nach einer Pause in sanfterem Tone, als sie gewohnt war, ihm gegenüber
               zu sprechen; »von solchen aber, denen in der Welteinrichtung eine besondere Würde
               zugestanden ist, möchte ich sie um keinen Preis hören ... Kinder sollen die Eltern um
               Verzeihung bitten, aber ich kann mir den Fall nicht umgekehrt denken. Ebensowenig –«
               sie schwieg, während abermals die zarte Röte über ihr Gesicht flog.</p>
            <p>»Ebensowenig wollen Sie den Mann gedemütigt vor sich sehen, nicht wahr, Felicitas?«
               ergänzte er rasch den unterbrochenen Satz, in seiner Stimme klang es wie Frohlocken.
               »Aber eine so hochherzige Anschauungsweise hat auch ihre Konsequenzen,« fuhr er nach
               einem momentanen Schweigen fort. »Und nun seien Sie einmal recht gut und ruhig und
               überlegen Sie, ob es nicht die Pflicht des Weibes ist, dem Manne hilfreich die Hand
               zu bieten, wenn er einen Irrtum ausgleichen möchte! ... Halt, jetzt will ich keine
               Antwort hören! Ich sehe schon an Ihrem Auge, daß sie ganz anders ausfallen würde, als
               ich wünsche ... Ich will geduldig warten – einmal kommt doch vielleicht eine Zeit, wo
               die böse Tanne auf dem Felsen ihre Waffen nicht braucht!«</p>
            <p>Er ging. Ihr Auge haftete auf dem Boden, an dem Kleeblatte, das seinen Händen
               entglitten war, und das er als Symbol des Glückes gepflückt hatte. Es lag, die vier
               Blättchen sauber ausbreitend, wie hingemalt auf den Stoppeln des Wiesengrases –
               aufnehmen durfte sie es nicht – sie hatte ja nichts mit seinem Glücke zu schaffen –
               aber – sie umschritt in einem weiten Bogen den kleinen grünen Propheten – zertreten
               wollte sie es auch nicht!</p>
            <pb/>
         </div>
         <div type="chapter">
            <head>21</head>
            <p>Nach einer Reihe blauer Tage voll Sonnenglanz und Frühlingslust hing heute ein
               bleifarbener Regenhimmel über der kleinen Stadt X.; er lag fest auf dem hohen Turme,
               der, eine Art Wahrzeichen des kleinen Städtchens, weiß, rund und mit einer leuchtend
               grünen Kuppel wie ein Spargelstengel in die Lüfte stieg. Das alte Kaufmannshaus am
               Markt nahm in solch trüber Beleuchtung stets den vornehm düsteren, verschlossenen
               Charakter jener Zeiten wieder an, wo noch die Bilder raubritterlicher Ahnen in seinen
               Sälen hingen, und der vor einer neuen Zeit geflüchtete Geist des Mittelalters finster
               und grollend in ihm hauste.</p>
            <p>Heute hingen sämtliche Rouleaus herabgelassen hinter den Fenstern der großen
               Vorderfront. Die Regierungsrätin litt an einer heftigen Migräne und war überhaupt in
               einer unbeschreiblichen Aufregung; man hatte ihr Zimmer verdunkelt und vermied jedes
               laute Geräusch. Auch das Frauengesicht, das jahraus, jahrein jeden Morgen pünktlich
               neben dem Asklepiasstocke am Fenster des Erdgeschosses erschien, ließ sich heute
               nicht sehen. Der graue Himmel droben war eine schlimme Vorbedeutung für den Tag, der
               in der That einer der grauesten, mißfarbigsten im Leben der großen Frau werden sollte
               – es war der Tag der Testamentseröffnung. Mit völliger Uebergehung ihrer Person waren
               nur ihre beiden Söhne und der Hausknecht Heinrich auf das Justizamt <pb/> beschieden
               worden, aber sie vertrat ihren abwesenden Sohn Nathanael und mußte deshalb der
               Eröffnung beiwohnen.</p>
            <p>Gegen Mittag kehrte sie in Begleitung des Professors über den Markt zurück, Heinrich
               folgte in bescheidener Entfernung ... Sterbefälle und gefährliche Krankheiten im
               Kreis ihrer Angehörigen waren einflußlos auf die marmorharten Züge der großen Frau
               geblieben; ihr starker Geist, der sich nicht beugen ließ, ihre tiefe Frömmigkeit, die
               sich stets thränenlos dergleichen Heimsuchungen gefügt hatte, waren gar oft mancher
               schwachen, verzagenden Frauen- und Mutterseele als erhebendes Vorbild hingestellt
               worden ... Heute nun hatte die kleine Stadt das ungewohnte Schauspiel, dies Muster
               unerschütterlicher Charakterstärke aus dem Geleise weichen zu sehen. Auf den Wangen
               der stattlichen Frau lag eine verräterische Glut innerer Aufregung, ihr feierlich
               gemessener, stets im Kirchenstil gehaltener Gang zeigte Hast und Eile, und wenn sie
               auch nur leise in ihren schweigend neben ihr herschreitenden Sohn hineinsprach, so
               ließ sich doch nicht verkennen, daß es heftige Worte waren, die sie flüsterte.</p>
            <p>Die Regierungsrätin hatte trotz ihrer Kopfschmerzen jedenfalls hinter einem der
               Rouleaus auf der Lauer gestanden und die Zurückkehrenden erwartet, denn als sie die
               Hausflur betraten, kam die junge Witwe zwar mit erdfahlen Wangen und eingesunkenen
               Augen, aber trotzdem in äußerst geschmackvoller Morgentoilette die Treppe herab, um
               nach dem Ergebnis zu fragen. Sie traten zusammen in das Wohnzimmer.</p>
            <p>»Nun, gratuliere uns doch, Adele!« rief die große Frau tief erbittert und maliziös
               auflachend. »Zweiundvierzigtausend Thaler Barvermögen ist da, und die Familie
               Hellwig, der das Geld von Gott und Rechts wegen gehört, kriegt keinen Groschen! ...
               Dies Testament ist das hirnverrückteste Machwerk, das sich denken läßt, aber man darf
               um Gottes willen mit keinem Finger daran rühren und muß sich dies himmelschreiende
               Unrecht ruhig gefallen lassen! ... Da sieht man, wohin es führt, wenn die Männer
               Schlafmützen sind; wäre ich Chef des Hauses gewesen, mir hätte das nun und nimmer
               passieren dürfen! ... Ich begreife nicht, wie mein seliger Mann, ohne die mindeste
               Sicherheit in der Tasche, die alte Person unter dem Dache so ohne alle Aufsicht hat
               schalten und walten lassen!«</p>
            <p>Der Professor war, die Hände auf den Rücken gelegt, schweigend hin und wieder
               gegangen. Auf seiner Stirne lag eine <pb/> düstere Wolke, und unter den gefurchten
               Brauen hervor zuckten Blitze der Entrüstung nach seiner Mutter hinüber. Jetzt blieb
               er vor ihr stehen.</p>
            <p>»Wer hat es denn durchgesetzt, daß die alte Tante hinauf unter das Dach verwiesen
               worden ist?« fragte er ernst und nachdrücklich. »Wer hat den damaligen Chef des
               Hauses, meinen Vater, in seiner Abneigung gegen sie bestärkt, und wer ist
               unerbittlich streng gegen eine Annäherung der alten Verwandten an uns Kinder gewesen?
               ... Das warst du, Mutter! ... Wenn du erben wolltest, dann mußtest du ganz anders
               handeln!«</p>
            <p>»Nun, du meinst doch nicht etwa, ich hätte mich zu ihr auf einen guten Fuß stellen
               sollen? Ich, die ich im Herrn gewandelt bin mein lebenlang, und diese schuldbeladene
               Person, die den Sonntag entheiligte, die nie im wahren Glauben gelebt hat! – sie wird
               jetzt wissen, daß sie vor dem Angesicht des Herrn auf ewig verstoßen ist ... Nein,
               dazu hätte mich keine Macht der Erde gebracht! ... Aber sie mußte für
               unzurechnungsfähig erklärt und unter Kuratel gestellt werden, und dazu hätten deinem
               Vater tausend Mittel und Wege zu Gebote gestanden.«</p>
            <p>Das Gesicht des Professors wurde ganz blaß; er warf einen tief erschrockenen Blick
               auf seine Mutter, dann nahm er stillschweigend seinen Hut und ging hinaus ... Er
               hatte eben in einen Abgrund geblickt ... Und dieser starre Buchstabenglaube, dieser
               entsetzliche christliche Hochmut, unter welchem ein bodenloser Egoismus mit dem
               Anschein vollster Berechtigung wuchern durfte, sie waren ihm viele Jahre lang ein
               Glorienschein gewesen, der das Haupt seiner Mutter umstrahlt hatte! ... Das war der
               Frauencharakter, den er so lange als das Urbild der Weiblichkeit festgehalten! Er
               mußte sich eingestehen, daß er einst auf demselben Boden gestanden, wie seine Mutter
               und der Führer seiner Jugend, ja, sie hatten ihm kaum genug gethan in Unduldsamkeit
               und Glaubensstrenge; auch er war damals ein rastloser Kämpfer gewesen, um diese
               Partei zu einer mächtigen zu machen, er hatte um Seelen geworben und sie in sein
               Bereich zu ziehen gesucht, in der starren Ueberzeugung, daß er sie dem ewigen Heil
               zuführe ... Und jene arme, schuldlose Waise mit dem Köpfchen voll klarer, idealer
               Gedanken, mit dem stolzen, rechtschaffenen, tiefsinnigen Gemüt – er hatte sie mit
               harter Hand gepackt und in jene lichtlose, tödlich kalte Region gestoßen ... Wie
               mußte sie gelitten haben, die süße Nachtigall unter – den Raben! ... <pb/> Er legte
               die Hand über die Augen, als ob ihm schwindle, stieg langsam die Treppe hinauf und
               verschloß sich in sein einsames Studierzimmer.</p>
            <p>Während dieser Verhandlungen im Wohnzimmer spielte in der Gesindestube des
               Hellwigschen Hauses eine ähnliche Szene der <pb/> Aufregung und Entrüstung. Die alte
               Köchin lief mit fliegenden Haubenbändern auf und ab, als werde sie gejagt; Heinrich
               aber stand vor dieser weiblichen Gemütsbewegung unerschütterlich wie der Fels am
               Meere. Er war im Sonntagsstaat, und sein Gesicht zeigte ein seltsames Gemisch von
               Freude, Wehmut und Laune.</p>
            <p>»Du mußt nicht etwa denken, daß ich neidisch bin, Heinrich, das wär' ja
               unchristlich!« rief Friederike. »Ich gönn' dir's wirklich! ... Zweitausend Thaler!«
               Sie schlug die Hände zusammen, rang sie und ließ sie zusammengefaltet wieder sinken.
               »Du hast mehr Glück als Verstand, Heinrich! ... Du lieber Gott, was hab' ich mich
               geplagt mein lebenlang, wie bin ich fleißig in die Kirche gegangen, im Winter, in der
               strengsten Kälte, wie hab' ich zum lieben Gott gebetet, er solle mich doch auch
               einmal so glücklich machen – nichts, gar nichts hat mir's geholfen, und dem Menschen
               da fällt so ein unmenschliches Glück zu! ... Zweitausend Thaler, das ist ja ein
               Heidengeld, Heinrich! ... Aber eines will mir dabei noch nicht recht in den Kopf –
               kannst du denn das Geld auch mit gutem Gewissen-annehmen? Eigentlich durfte dir die
               alte Mamsell keinen Pfennig vermachen, denn was da ist, gehört von Gott und Rechts
               wegen unserer Herrschaft ... Wenn man's recht bei Licht besieht, stiehlst du ja
               förmlich das Geld, Heinrich; ich weiß doch nicht, was ich an deiner Stelle thäte
               –«</p>
            <p>»Ich nehm's, ich nehm's, Friederike,« sagte Heinrich in völliger Gemütsruhe.</p>
            <p>Die alte Köchin lief in die Küche und schlug krachend die Thür hinter sich zu.</p>
            <p>Das Testament der alten Mamsell, das so heftige Stürme im alten Kaufmannshause
               hervorrief, war bereits vor zehn Jahren auf dem Justizamte niedergelegt worden. Es
               lautete, von der Testatorin selbst aufgesetzt, nach dem üblichen Eingange, im
               wesentlichen folgendermaßen:</p>
            <p>»1. Im Jahre 1633 hat Lutz von Hirschsprung, ein Sohn des von schwedischen Soldaten
               ermordeten Adrian von Hirschsprung, die Stadt X. verlassen, um sich anderweitig
               anzusiedeln. Dieser Seitenlinie des hier erloschenen alten thüringischen
               Rittergeschlechts vermache ich:</p>
            <p>a) dreißigtausend Thaler aus meinem Barvermögen,</p>
            <p>b) das goldene Armband, in dessen Mitte einige altdeutsche Verse, umgeben von einem
               Blumenkranze, eingraviert sind,</p>
            <p>
               <pb/> c) das Bachsche Opernmanuskript; es ist meiner Handschriftensammlung berühmter
               Komponisten einverleibt, liegt in der Mappe Nr. 1 und trägt den Namen: Gotthelf von
               Hirschsprung.</p>
            <p>Ich ersuche hiermit die wohllöbliche Justizbehörde, sofort einen nötigenfalls
               wiederholten öffentlichen Aufruf an etwaig existierende Abkömmlinge besagter
               Seitenlinie ergehen zu lassen. Sollte sich jedoch binnen Jahresfrist kein
               Ansprucherhebender melden, so ist es mein Wunsch und Wille, daß das Kapital von
               dreißigtausend Thalern, nebst Erlös von dem zu verkaufenden Armbande und dem
               ebenfalls zu veräußernden Opernmanuskripte, dem wohllöblichen Magistrate der Stadt X.
               übergeben werde, und stifte ich hiermit genanntes Kapital als Fonds zu folgendem
               Zwecke:</p>
            <p>2. Die Zinsen des sicher anzulegenden Kapitals sollen für alle Zeiten alljährlich zu
               gleichen Teilen an acht Lehrer der gesamten öffentlichen Unterrichtsanstalten in X.
               verabfolgt werden, und zwar in der Weise, daß in regelmäßiger Abwechselung keiner der
               Herren bevorzugt oder übergangen werde. Direktoren und Professoren haben keinen
               Anspruch.</p>
            <p>Ich gründe diese Stiftung in dem festen Glauben, daß ich ebenso gemeinnützig
               testiere, als wenn ich eine öffentliche wohlthätige Anstalt ins Leben rufe. Noch ist
               der Lehrerstand das Stiefkind des Staates, noch sind die Männer, deren Wirken einen
               gewaltigen Stein in der Basis der Volkswohlfahrt bildet, quälenden pekuniären Sorgen
               ausgesetzt, während an ihren geistigen Anstrengungen Millionen sich bereichern.
               Möchten auch andere ihre Augen auf diesen Schatten in unserer hellen,
               fortschreitenden Zeit richten und einen Beruf heben und stützen, dessen hohe
               Bedeutung noch von so vielen unterschätzt wird!</p>
            <p>3. Mein sämtliches Silberzeug und alles, was ich an Schmuck besitze, mit Ausnahme
               obigen Armbandes, fällt an den derzeitigen Chef des Hauses Hellwig zurück, als alter
               Familienbesitz, der nicht in fremde Hände kommen soll, desgleichen alles, was ich an
               Betten, Wäsche und Möbeln hinterlasse.</p>
            <p>4. Meine Handschriftensammlung berühmter Komponisten, mit Ausnahme des berühmten
               Bachschen Opernmanuskriptes, soll von Gerichts wegen verkauft werden. Den Betrag der
               Verkaufssumme bestimme ich meinen beiden Großneffen, Johannes und Nathanael Hellwig,
               in Anbetracht, daß ich stets beklagt habe, ihnen nie zu Weihnachten etwas bescheren
               zu dürfen.«</p>
            <p>
               <pb/> Es folgten noch Legate an viele arme Handwerker und dergleichen mehr im Betrage
               von zwölftausend Thalern, worunter Heinrich mit zweitausend und die Aufwartefrau mit
               eintausend Thalern bedacht waren.</p>
            <p>Heinrich hatte Felicitas den Inhalt des Testamentes mitgeteilt, so gut er es eben
               vermochte. Der Ort, wo die alte Mamsell das Silber aufbewahrt hatte, war also nicht
               näher bezeichnet, das ging aus seiner Mitteilung hervor. Das junge Mädchen
               frohlockte. Wenn das Geheimfach nicht durch irgend einen Zufall entdeckt wurde, dann
               war es in ihre Hände gegeben, den grauen Kasten zu vernichten, ohne daß ihn das Auge
               irgend eines anderen Sterblichen erblickte.</p>
            <p>»Siehst du, Feechen, das verwinde ich in meinem ganzen Leben nicht!« sagte Heinrich
               traurig – sie saßen allein zusammen in der Gesindestube – »du sollst nun einmal zu
               nichts kommen in der Welt! Hätte die alte Mamsell nur noch vierundzwanzig Stunden
               gelebt, da war das alte Testament jetzt umgestoßen, und du hättest das unmenschlich
               viele Geld gekriegt – sie hatte dich gar lieb.«</p>
            <p>Felicitas lächelte. Der ganze Jugendmut, der sich seiner Kraft bewußt ist, dem nichts
               ferner liegt, als das Ringen um schnöden Gelderwerb, die Sorge um hilflose, alte Tage
               – lag in diesem Lächeln.</p>
            <p>»Es ist ganz gut so, Heinrich,« entgegnete sie. »Alle die Armen, die bedacht worden
               sind, brauchen das Geld viel nötiger als ich, und bei der Verfügung über das
               Hauptkapital hat die Tante jedenfalls ihre sehr gewichtigen Gründe gehabt, die sie
               ohne Zweifel auch bei Abfassung eines späteren Testaments festgehalten haben
               würde.«</p>
            <p>»Ja, ja, mit den Hirschsprungs muß es doch sein eigenes Bewenden gehabt haben!«
               meinte Heinrich nachdenklich. »Der alte Hirschsprung, auf den kann ich mich noch ganz
               gut besinnen; er war ein Schuhmacher und hat mir meine allerersten Stiefel gemacht –
               so was vergißt sich nicht. Er wohnte oben in der Gasse, gleich neben unserem Hause,
               und da hat's denn die Nachbarschaft gemacht, daß sein Junge und die alte Mamsell als
               Kinder miteinander gespielt haben. Der Junge ist später ein Student geworden und soll
               der alten Mamsell ihr Liebster gewesen sein – so sagen die Leute. Sie erzählen auch
               noch immer – und das wurmt mich am allermeisten – die Liebschaft eben wär' dem <pb/>
               alten Herrn Hellwig, ihrem Vater, sein Grab gewesen. Er hätte sie nicht leiden
               wollen, und einmal wär' er mit der alten Mamsell so hart zusammengekommen, und sie
               hätte ihn dermaßen geärgert, daß er auf der Stelle tot umgefallen sei – wenn's wahr
               ist, ich glaub's nicht! ... Gleich nachher soll die alte Mamsell nach Leipzig gereist
               sein; der Student hat das Nervenfieber gehabt, und sie ist bei ihm geblieben und hat
               ihn gepflegt bis zum letzten Augenblick. Darüber sind die Verwandten vollends wütend
               geworden; sie haben sie ein liederliches Weibsbild geschimpft, sie ist verstoßen
               worden, und das haben die Leute in X. gleich nachgemacht, und kein Mensch hat sie
               auch nur angesehen, wie sie endlich wiedergekommen ist. – Mag das nun alles sein,
               wie's will – es kommt mir doch kurios vor, daß da Leute erben sollen, die vor vielen,
               vielen Jahren ausgewandert sind – die waren ja mit dem Studenten schon längst gar
               nicht mehr verwandt – das mache mir einer klar!«</p>
            <p>Am darauffolgenden Tage wurden in der Mansardenwohnung die Gerichtssiegel
               abgenommen.</p>
            <p>Es waren unheimliche Tage, die auf den Akt der Entsiegelung folgten. Die einförmig
               graue, unbewegliche Wolkenschicht am Himmel schien unerschöpflich. Tag und Nacht
               plätscherte es auf Dächer und Straßenpflaster, und aus den Drachenköpfen am alten
               Kaufmannshause schossen die Wasserstrahlen in mächtigen Bogen hinunter auf den
               Marktplatz. Sie sahen grimmiger aus als je, diese metallenen, weit aufgerissenen
               Rachen am Dache; der mißfarbene Gischt, der drunten zwischen den Pflastersteinen
               zerschellend aufspritzte, schien eitel Gift und Galle; sie hatten aber auch viele
               Jahre hindurch gesehen, wie die Schätze im alten Hause sich mehrten und
               aufspeicherten, wie stets ein Geldstrom hineingeflossen war, von dem die Welt nur ein
               schwaches, streng überwachtes Bächlein zurückempfing, und nun geschah das Unerhörte –
               ein bedeutendes Vermögen ging aus diesem Hause hinaus ins Weite, und weder die
               eisenfesten Mauern, noch die Frau mit den eisenharten Zügen neben dem Asklepiasstock
               vermochten es zurückzuhalten.</p>
            <p>Felicitas hatte sich während der Regentage in die Kammer neben der Gesindestube
               zurückgezogen. Sie war, ohne Zweifel auf den ausdrücklichen Befehl des Professors,
               noch immer von den schweren Hausarbeiten dispensiert. Dagegen saß sie in hohe Stöße
               alten Leinenzeugs förmlich vergraben; sie mußte ausbessern, denn ganz umsonst sollte
               sie ihr Brot doch nicht essen.</p>
            <p>
               <pb/> Draußen im Hofe rauschte eintönig der ferne Brunnen, der Regen fiel unermüdlich
               in regelmäßigen Taktschlägen klatschend auf die breiten Blätter des Huflattichs, der
               in einer feuchten Ecke wucherte; bisweilen scholl das Krähen der Hähne aus dem
               Geflügelhof herüber, oder der graue Ton, den das farblose, matte Tageslicht über alle
               Gegenstände hauchte, wurde unterbrochen durch einzelne hereinfliegende Tauben, die
               auf den triefenden Simsen ihr hellleuchtendes Gefieder vollregnen ließen. Licht,
               Geräusch und Bewegung, alles erschien gedämpft und gedrückt, und diese Apathie
               erstreckte sich scheinbar auch über das bleiche Mädchen im Bogenfenster. Zwar hob und
               senkte sich die Hand mit dem Fingerhut unablässig und taktmäßig, aber das herrliche
               Profil neigte sich in fast eherner Unbeweglichkeit über die Arbeit. Das Leben mit
               seinen furchtbaren Erschütterungen hatte bis jetzt vergebens versucht, den Stempel
               des Leidens und der Ergebung in diese Züge zu graben – sie waren nur immer bleicher
               geworden, es hatte den Anschein, als wollten sie in dem Ausdruck eines ungebrochenen
               Geistes, einer zähen Widerstandsfähigkeit allmählich erstarren.</p>
            <p>Allein unter dem groben, dunklen Stoffe, der die zarte Büste umschloß, klopfte ein
               tief beunruhigtes Herz, und während die Hand mechanisch allerlei Schäden zudeckte und
               ausglich, zermarterte sich der Geist über die mögliche Lösung schwerer Aufgaben und
               der damit verbundenen Konflikte ... Auch die Behörde hatte vergebens nach dem
               Silberzeug und dem Schmuck der alten Mamsell gesucht. Anfänglich war dies Ergebnis
               von beschwichtigender Wirkung auf das angstvoll erregte Gemüt des jungen Mädchens
               gewesen; seit jenem Augenblick jedoch ging Heinrich verstört und in unbeschreiblicher
               Aufregung umher; Frau Hellwig hatte der Kommission gegenüber mit sehr zweideutigen
               Blicken nach dem Hausknecht betont, daß er und die Aufwartefrau seit vielen Jahren
               allein bei der alten Mamsell aus und ein gegangen, und auf diese einer Anklage sehr
               ähnliche Aussage der gestrengen Frau hatte man den ehrlichen Burschen ohne weiteres
               und in durchaus nicht schonungsvoller Weise ins Verhör genommen. Er war außer sich
               ... Welche Qual für Felicitas, den bitteren Jammer dieses alten, treuen Freundes mit
               ansehen zu müssen, ohne daß auch nur eine Andeutung des Geheimnisses über ihre Lippen
               schlüpfen durfte! So ruhig und besonnen er sich sonst auch in allen Lebenslagen
               erwiesen, dieser Verdächtigung stand er geradezu fassungslos gegenüber, das junge
               Mädchen fürchtete mit Recht, er werde in dem <pb/> unwiderstehlichen Drange, die
               abscheuliche Beschuldigung abzuschütteln, hastig und unvorsichtig sein, und hier war
               gerade die äußerste Vorsicht und Beharrlichkeit nötig, um das Geheimnis der alten
               Mamsell zu retten.</p>
            <p>Es war jetzt doppelt schwierig, in die Mansardenwohnung zu gelangen. Der Professor
               hatte am Tage der Entsiegelung aufs höchste überrascht die Zimmer der geheimnisvollen
               alten Tante durchschritten und dieselben sofort als Chef des Hauses förmlich mit
               Beschlag belegt. Möglich, daß ihm angesichts der originellen und sinnigen Ausstattung
               der Räume plötzlich ein Licht aufgegangen war über den Geist und das Wesen der
               einsamen Verbannten. Nicht ein Möbel durfte von seiner Stelle gerückt werden, und er
               war zornig geworden, als die Regierungsrätin vor seinen Augen eine Nadel aus einem
               Stecknadelkissen gezogen hatte.</p>
            <p>Es schien, als wolle er den Rest seines Aufenthaltes im mütterlichen Hause da oben
               unter dem Dache zubringen. Er kam nur zur Essenszeit in das Wohnzimmer des
               Erdgeschosses und dann stets mit einem »brummigen Gesicht«, wie Friederike sagte.
               Aber auch die Regierungsrätin hatte eine Art Leidenschaft für das »reizend stille
               Asyl« erfaßt; sie erbat es sich als eine besondere Gunst von ihrem Vetter, sich öfter
               in der Mansardenwohnung aufhalten zu dürfen. Rosa mußte die Fußböden reinigen, und
               die junge Witwe wischte mit höchsteigenen zarten Händen den Staub von den Möbeln.
               Tante Cordulas Zimmer standen somit nicht einen Augenblick unbewacht; zudem hatte der
               Professor das altväterische, unbequeme Schloß an der gemalten Thür entfernen und
               durch ein neues ersetzen lassen – Felicitas' Schlüssel war völlig unbrauchbar
               geworden – sie war jetzt lediglich auf den Weg über die Dächer angewiesen.</p>
            <p>Bei dem Gedanken, daß sie gezwungen sei, wie ein lichtscheuer Verbrecher in
               festverschlossene Räume zu dringen, schüttelte sie sich stets vor Abscheu und
               Aufregung; dies Lauern auf den ersten unbewachten Moment, wo der ahnungslose Bewohner
               sich entfernt haben würde, war ihr entsetzlich. Nichtsdestoweniger behielt sie ihr
               Ziel fest im Auge, und es konnte sie plötzlich ein heißer Angstschauer überlaufen,
               wenn ihr einfiel, daß die Zeit, welche ihr noch zur Erfüllung ihrer Aufgabe verblieb,
               bereits auf zwei Wochen zusammengeschmolzen war.</p>
            <p>Endlich waren die Regentage vorüber. Ein Stück klaren, blauen Himmels hing über dem
               Viereck des Hofes, der Lattich <pb/> trocknete seine gründlich gewaschenen Blätter in
               einem herbkräftigen, frischen Lufthauche, emsig flogen die Schwalben, deren zahllose
               Nester an den Dächern und Fenstersimsen der Gebäude hingen, aus und ein, und ihr
               kleiner blauer Rücken funkelte förmlich in dem neuen warmen Sonnenlichte. Das war ein
               Tag, der ins Freie lockte. Vielleicht wurde heute draußen im Garten gegessen, und
               dann – war der Weg über die Dächer frei. Diese Hoffnung Felicitas' erfüllte sich
               jedoch nicht. Gleich nach Tische kam Rosa an das Bogenfenster und brachte ihr die
               Weisung, mit Aennchen in den Garten zu gehen, der Herr Professor habe es dem Kinde
               versprochen. Später werde die Herrschaft nachfolgen und das Abendbrot draußen
               einnehmen.</p>
            <p>Da schritt nun Felicitas, die kleine Anna an der Hand, »auf Befehl« durch den
               einsamen Garten. Statt der Dachziegel oder des Bretterfußbodens der luftigen Galerie
               hatte sie den Kies der sonnenbeschienenen Gartenwege unter den Füßen ... Während der
               Regenzeit hatten Tausende von Rosen ihre Kelche geöffnet. Auf dem eleganten
               Rasenrunde des Vordergartens standen hohe Stockrosen, der dunkle Samt ihrer Blüten
               schwebte hoch und unnahbar über den demütigen Gräsern, wie ein Königspurpur über dem
               Volke, aber im Gras- und Gemüsegarten, da war das niedrige Zentifoliengesträuch
               minder vornehm, die prachtvollen, strotzenden Kelche mit dem glühroten süßen Munde
               wiegten sich zutraulich neben dem dickköpfigen Kohlrabi, und ihr berauschender Duft
               floß mit dem kräftigen, aber gemeinen Geruch der Dill- und Schnittlauchbeete
               ineinander.</p>
            <p>Felicitas strich mit gesenktem Haupte an der Blütenpracht vorüber, und das gutmütige
               Kind schwankte schwerfällig nebenher; der kleine Mund schwieg, kein Geplauder störte
               das Nachsinnen des jungen Mädchens. Sie dachte mit einer Art von wildem, brennendem
               Schmerz an die Rosenzeit vergangener Jahre – da hatten die Rosen doch anders
               geleuchtet und geduftet, als Tante Cordulas klare, liebestrahlende Augen noch nicht
               erloschen waren, als sie noch in stillen Sonntagnachmittagsstunden, neben der
               bebewegungslos aufhorchenden Schülerin im Vorbau sitzend, mit ihrer ausdrucksvollen
               Stimme begeistert aus den Klassikern vorlas, während von der Galerie die betäubenden
               Duftwogen hereinquollen und weit draußen das grüne Thüringer Land sich hinstreckte
               ... Da war auch allmählich das süße Heimatgefühl in der Seele des jungen Mädchens
               gewachsen, sie hatte sich zu Hause <pb/> gewußt in den friedlichen, trauten Räumen,
               beschützt und geleitet von einer treumütterlichen Liebe; sie war, wenn auch nur auf
               einige Stunden, frei gewesen, ungefesselt in ihren Bewegungen, in den Anschauungen
               und Betrachtungen, die sich auf ihre Lippen drängten – darum wohl auch hatten die
               Rosen anders geleuchtet und geduftet, und die Welt war sonniger gewesen ...</p>
            <p>Sie hob den Kopf und sah über den Zaun in den Nachbargarten. Dort schimmerte das
               weiße Häubchen der Hofrätin Frank. Die alte Dame saß mit ihrem Sohne am Kaffeetische,
               er las ihr vor, während sie, behaglich in einen Fauteuil zurückgelehnt, die
               blitzenden Stricknadeln durch ihre Finger gleiten ließ. Das sah auch heimisch und
               friedlich aus. Felicitas sagte sich selbst, daß sie auch unter jenen Menschen in
               einem gewissen Grade frei sein werde, daß sie im Verkehr mit ihnen, die so human und
               hochgebildet, geistig fortschreiten müsse, auf keinen Fall war sie in den neuen
               Verhältnissen der Automat, der »auf Befehl« gehen und die Hände rühren mußte, während
               Augen und Lippen nie das Vorhandensein eines lebhaften, selbständigen Geistes
               verraten durften.</p>
            <p>Trotz dieser Gedanken wurde es nicht heller in ihr. Es hatte schon vor Tante Cordulas
               Tode ein Etwas in ihrer Seele gelegen, über das sie selbst nicht klar werden konnte –
               eine dunkle Qual, die bei näherer Besichtigung zurückwich wie ein Phantom – nur eines
               stand fest: diese Stimmung hing mit der Anwesenheit ihres einstigen Peinigers
               zusammen. Wohl war sie vor seiner Ankunft der Ueberzeugung gewesen, seine persönliche
               Erscheinung werde ihren Groll, ihre Erbitterung noch verschärfen, aber daß diese
               Empfindungen so mächtig und in fast rätselhafter Weise verdunkelnd auf ihr ganzes
               übriges Seelenleben zurückwirken würden, das hatte sie nicht geahnt.</p>
            <p>Dann und wann drang die erhobene Stimme des Vorlesers über den Zaun herüber – es lag
               viel Wohllaut in den Klängen, aber sie besaßen doch nicht das Markige, die
               Modulation, welche das einst so eintönige Organ des Professors mit den Jahren in so
               auffallender Weise angenommen hatte ... Felicitas schüttelte unwillig den Kopf und
               warf ihn zurück – woher kam ihr nur der Vergleich? ... Sie zwang ihre Gedanken sofort
               in eine andere Bahn, auf ein Thema, das allerdings nahe lag, und welches seit der
               Testamentseröffnung sehr oft Gegenstand ihres Nachdenkens war. Das Gericht hatte den
               Rechtsanwalt Frank zum Kurator für die mutmaßlich existierenden Hirschsprungschen
               Erben ernannt. <pb/> Seit zwei Tagen bereits durchlief ein Aufruf die Zeitungen;
               Felicitas harrte mit einer fast leidenschaftlichen Spannung auf den Erfolg – ihr
               brachte er möglicherweise bittere Schmerzen. Meldete sich die Familie Hirschsprung in
               Kiel auf diesen Aufruf, der eine reiche Erbschaft verhieß, so bestätigte sich die
               Vermutung, daß die Spielersfrau eine Ausgestoßene gewesen war ... Was aber mußten das
               für Menschen sein, in deren Augen ein Familienglied selbst durch ein so tragisches,
               erschütterndes Ende nicht hatte entsühnt werden können! Felicitas knüpfte deshalb
               nicht einen einzigen hoffenden Gedanken an das mögliche Auftreten naher Anverwandten;
               sie wollte ihnen gegenüber auch nie das Dunkel der Verborgenheit verlassen, dennoch
               schlug ihr Herz heftig bei der Vorstellung, daß ein Tag kommen könne, wo die
               grausamen Großeltern ahnungslos dem schweigenden Enkelkinde begegnen würden.</p>
            <p>Die Hofrätin Frank hatte Felicitas am Zaune bemerkt. Sie stand auf und kam in
               Begleitung ihres Sohnes herüber. Beide begrüßten das junge Mädchen sehr herzlich, und
               der Rechtsanwalt sprach seine Freude darüber aus, demnächst als Hausgenosse mit ihr
               verkehren zu dürfen. Damit leitete er leicht und ungezwungen ein längeres Gespräch
               ein. Den formgewandten Weltmann überkam es fast wie eine ungewohnte Verlegenheit dem
               tiefernsten Mädchen gegenüber, das so ruhig und unbefangen in sein Auge sah und in
               merkwürdig klarer und bestimmter Weise ungewöhnliche Gedanken zum Ausdruck brachte.
               Sie unterhielten sich lange und eingehend, und das Gespräch berührte die
               verschiedenartigsten Themen. Schließlich erkundigte sich die Hofrätin nach Aennchen.
               Felicitas nahm das Kind auf den Arm und deutete mit frohem Lächeln auf den Anhauch
               einer frischen, gesunden Röte, welche die früher so fahlen Wangen der Kleinen
               bedeckte.</p>
            <p>Beim Auseinandergehen reichte die alte Dame Felicitas die Hand; auch ihr Sohn
               streckte die Rechte über den Zaun herüber, und das junge Mädchen legte unbedenklich
               und freundlich die ihre hinein ... In dem Augenblick knarrte die Gartenthür und der
               Professor trat auf die Schwelle. Er blieb einige Sekunden wie angewurzelt stehen,
               dann griff er langsam nach dem Hute und grüßte herüber – Felicitas sah, wie ihm eine
               jähe, tiefe Röte über das Gesicht flog ... Der Rechtsanwalt öffnete die Lippen, um
               ihn anzurufen, aber er wandte rasch den Kopf nach der entgegengesetzten Seite und
               ging in das Gartenhaus.</p>
            <p>»Nun, das war wieder einmal ein echter, zerstreuter Professorengruß!« <pb/> sagte der
               junge Frank lachend zu seiner Mutter. »Der gute Johannes hat offenbar irgend einen
               unglücklichen Patienten in effigie unter dem Messer, und in solchen Augenblicken
               kennt er seine besten Freunde nicht.«</p>
            <p>Mutter und Sohn kehrten an den Kaffeetisch zurück, und Felicitas suchte Schutz und
               Schatten im Grasgarten.</p>
            <pb/>
         </div>
         <div type="chapter">
            <head>22</head>
            <p>Die riesigen grünen Schirme des Taxus waren eine vortreffliche Schutzmauer gegen die
               Sonne, den Wind, welcher seit kurzem ziemlich heftig über den weiten Kiesplatz fegte
               – und gegen strafende Blicke, die möglicherweise aus dem Gartenhause herüberfliegen
               konnten ... Felicitas kannte das Gesicht des Professors viel zu gut, um nicht zu
               wissen, daß er vorhin ärgerlich und gereizt, nicht aber zerstreut gewesen war; sie
               meinte sogar auch den Grund seines Unmuts zu kennen. Er verlangte bezüglich seiner
               ärztlichen Maßregeln stets einen unbedingten Gehorsam, und nach allem, was Rosa über
               seine Bonner Praxis erzählt hatte, war er gewohnt, seinen Wunsch und Willen stets
               streng respektiert zu sehen – er hatte Felicitas mehrmals, zuletzt sogar mit großer
               Ungeduld das Tragen Aennchens untersagt, und heute mußte er abermals sehen, daß sie
               sein Verbot mißachte ... So nur konnte sie sich seinen Blick voll ärgerlicher
               Ueberraschung erklären, den er ihr beim Eintreten in den Garten zugeworfen hatte.</p>
            <p>Felicitas setzte sich auf eine Bank des weit abgelegenen Dammes. Eine einsame
               Hängebirke erhob hier ihren feinen weißen Stamm und ließ die elastischen Zweige zum
               Teil laubenartig über die Bank fallen. An dieser geschützten Stelle strich der Wind
               fast unmerklich hin; manchmal zitterten die Gräser auf wie im tieferen Atemholen, und
               die Birkenzweige schüttelten sich leise. Der <pb/>
               <pb/>Mühlbach aber, durch die Regenfluten stark angeschwollen, schoß brausend vorüber
               – ein gurgelndes, mißfarbenes Gewässer, das heimtückisch an den Haselbüschen des
               Ufers riß und wühlte.</p>
            <p>Das Kind pflückte mit unbeholfenen Fingerchen Wiesenblumen, und Felicitas mußte die
               armen, meist nahe am Kelch abgerissenen Dinger zu einem kurzstieligen Sträußchen für
               »den Onkel Professor« zusammenbinden. Dies mühsame Geschäft erforderte Ausdauer und
               Aufmerksamkeit; Felicitas heftete ihre Augen unablässig auf das werdende Bouquet in
               ihren Händen – sie sah nicht, wie der Professor zwischen den Taxuswänden hervortrat
               und über den großen Rasenplatz rasch auf sie zuschritt. Ein Ausruf Aennchens
               schreckte sie endlich auf; allein da stand er auch schon neben ihr. Sie wollte sich
               erheben, er faßte jedoch sanft ihren Arm und drückte sie auf die Bank nieder – dann
               setzte er sich ohne weiteres neben sie.</p>
            <p>Es geschah zum erstenmal, daß sie ihm gegenüber einen Moment völlig fassungslos war.
               Noch vor vier Wochen würde sie entschieden, voll Abscheu seine Hand zurückgestoßen
               und sich sofort entfernt haben ... jetzt saß sie wie gelähmt da, willenlos, als stehe
               sie unter dem Banne eines Zaubers. Es verdroß sie, daß er seit kurzem einen so
               vertraulich unbefangenen Ton gegen sie annahm – sie wünschte nichts sehnlicher, als
               ihn zu überzeugen, daß sie, genau wie ehedem, ihn hasse, verabscheue bis zum Sterben;
               allein plötzlich fand sie weder Mut noch Worte, ihm dies auszusprechen. Ihr scheuer
               Blick streifte seine Züge – sie sahen nichts weniger als zornig oder verdrießlich
               aus, die auffallende Röte war verflogen – Felicitas grollte mit sich selbst, weil sie
               sich eingestehen mußte, daß ihr dies unschöne Gesicht in seiner Kraft und
               Entschlossenheit wider Willen imponiere.</p>
            <p>Er saß einige Sekunden, ohne zu sprechen, neben ihr; sie fühlte mehr, als sie sehen
               konnte, daß sein Blick unverwandt auf ihr ruhe.</p>
            <p>»Thun Sie mir den Gefallen, Felicitas, und nehmen Sie das abscheuliche Ding da vom
               Kopfe,« unterbrach er endlich das Schweigen; auch seine Stimme klang ruhig, fast
               heiter, und ohne die Zustimmung des jungen Mädchens abzuwarten, faßte er leicht die
               Krempe ihres Hutes und schleuderte dies allerdings sehr häßliche, abgetragene
               Exemplar verächtlich auf den Rasen. Ein Sonnenstrahl, der, durch das leichtbewegliche
               Birkenlaub schlüpfend, bisher über das schwarze Strohgeflecht gegaukelt war, lag
               jetzt auf dem <pb/> kastanienfarbenen Haar des Mädchens – ein Streifen flimmerte auf
               wie gesponnenes Gold.</p>
            <p>»So – nun kann ich doch sehen, wie Ihnen die bösen Gedanken hinter der Stirne
               arbeiten!« sagte er mit dem schwachen Anfluge eines Lächelns. »Ein Kampf im Dunkel
               hat für mich Unheimliches – ich muß meinen Gegner sehen können, und daß ich's hier« –
               er deutete auf ihre Stirne – »mit einem sehr schlimmen zu thun haben werde, weiß
               ich.«</p>
            <p>Wo wollte er hinaus mit dieser seltsamen Einleitung? Vielleicht erwartete er irgend
               eine Antwort von ihr, allein sie schwieg beharrlich. Ihre Finger packten ohne jedwede
               Symmetrie alle die Butterblumen, Maßliebchen und Grashalme nebeneinander, die das
               Kind unverdrossen immer wieder herbeitrug ... Diese kleinen Hände da, die sich nicht
               stören ließen in der einmal begonnenen Aufgabe, hatten während der mehrtägigen
               Zurückgezogenheit im Zimmer viel von ihrer braunen Farbe verloren, sie sahen fast
               rosig aus. Der Professor griff plötzlich nach der Rechten des jungen Mädchens, wandte
               sie um und betrachtete die innere Fläche – da waren freilich Spuren, die sich nicht
               so rasch verwischen ließen, harte Schwielen bedeckten die Haut. Das Mädchen, das auf
               den ausdrücklichen Befehl seines unerbittlichen Vormunds zur Dienstbarkeit erzogen
               worden war, hatte sich wacker auf diese Lebensstellung vorbereitet, das ließ sich
               nicht ableugnen.</p>
            <p>Obgleich bei dieser Prüfung eine tiefe Röte über Felicitas' Gesicht flog – auf sehr
               fein empfindende Naturen macht das aufmerksame Betrachten der inneren Handfläche fast
               denselben Eindruck, als wenn die Gesichtszüge stark fixiert werden – fand sie doch
               gerade in diesem Augenblick ihre ganze frühere geschlossene Haltung wieder. Sie sah
               mit einer ruhigen Wendung des Kopfes empor, und er ließ langsam ihre Hand sinken –
               dann rieb er sich mehrmals die Stirne, als gälte es für einen schwierigen Gedanken
               den Ausdruck zu finden.</p>
            <p>»Sie sind gern in die Schule gegangen, nicht wahr?« fragte er plötzlich. »Geistige
               Beschäftigung macht Ihnen Vergnügen?«</p>
            <p>»Ja,« entgegnete sie überrascht. Die Frage klang eigentümlich – sie war förmlich vom
               Zaune gebrochen. Eigentlich diplomatische Wendungen lagen aber auch durchaus nicht in
               der Natur dieses Mannes, so sehr er auch sonst die Sprache in seiner Gewalt
               hatte.</p>
            <p>»Nun gut,« fuhr er fort, »Sie werden ohne Zweifel noch wissen, was ich Ihnen neulich
               zu bedenken gegeben habe?«</p>
            <p>
               <pb/> »Ich weiß es noch.«</p>
            <p>»Und sind natürlich zu der Ansicht gekommen, daß es die Pflicht des Weibes ist, den
               Mann treulich zu unterstützen, wenn er einen Irrtum gut machen möchte?« Er stützte
               die Hand auf das Knie, bog sich vor und sah gespannt in ihr Gesicht.</p>
            <p>»So unbedingt nicht,« versetzte sie fest, während sie die Hände mit dem Bouquet in
               den Schoß sinken ließ und den Fragenden voll ansah. »Ich muß erst wissen, worin die
               Sühne besteht.«</p>
            <p>»Ausflüchte,« murmelte er, und sein Gesicht verfinsterte sich auffallend. Er schien
               zu vergessen, daß er bisher im allgemeinen gesprochen hatte, und fügte ziemlich
               gereizt hinzu: »Sie brauchen sich nicht so entsetzlich zu verwahren – ich kann Ihnen
               versichern, daß schon Ihrem Gesichtsausdruck gegenüber es niemand einfallen wird,
               irgend etwas Uebermenschliches von Ihnen zu verlangen ... Es handelt sich einfach
               darum, daß Sie – mag nun Ihr geheimnisvoller Lebensplan beschaffen sein, wie er will
               – noch ein Jahr unter meiner Vormundschaft bleiben und diese Zeit lediglich auf Ihre
               geistige Ausbildung verwenden ... Lassen Sie mich ausreden!« fuhr er mit erhobener
               Stimme und gerunzelten Brauen fort, als sie versuchte, ihn zu unterbrechen. »Sehen
               Sie einmal ganz davon ab, daß ich es bin, der Ihnen diesen Vorschlag macht, und
               denken Sie, daß ich einzig im Sinne und nach den ausdrücklichen Worten meines Vaters
               handle, indem ich für Ihre höhere Ausbildung sorge!«</p>
            <p>»Dazu ist es viel zu spät.«</p>
            <p>»Zu spät? Bei Ihrer Jugend?«</p>
            <p>»Sie mißverstehen mich. Ich will damit sagen, daß ich einst, als
               unzurechnungsfähiges, hilfloses Kind, gezwungen war, Almosen anzunehmen – ich mußte
               das, wohl oder übel, über mich ergehen lassen. Jetzt stehe ich auf eigenen Füßen, ich
               kann arbeiten und werde nie auch nur einen Groschen annehmen, den ich nicht verdient
               habe.«</p>
            <p>Der Professor biß sich auf die Lippen, und seine Brauen senkten sich so tief, daß die
               Augen fast verschwanden.</p>
            <p>»Ich habe diesen Einwurf vorausgesetzt,« entgegnete er kalt, »denn ich kenne ja Ihren
               unbezähmbaren Stolz bis auf den Grund ... Mein Plan ist der: Sie besuchen ein
               Institut – ich leihe Ihnen die nötigen Mittel, und Sie zahlen mir später, wenn Sie
               selbständig sind, das Geld bei Heller und Pfennig zurück ... Ich kenne in Bonn eine
               ausgezeichnete Erziehungsanstalt <pb/> und bin Hausarzt bei der sehr würdigen
               Vorsteherin derselben. Sie würden dort gut aufgehoben sein und –« fügte er mit leicht
               vibrierender Stimme hinzu – »das Scheiden auf Nimmerwiedersehen wäre dann auch noch
               ein wenig hinausgeschoben ... In vierzehn Tagen gehen meine Ferien zu Ende; ich reise
               in Begleitung meiner Kousine nach Bonn zurück, und Sie würden dann natürlicherweise
               gleich mit uns gehen ... Felicitas, ich habe Sie neulich ersucht, recht gut und ruhig
               zu sein – ich wiederhole jetzt diese Bitte. Folgen Sie einmal nicht den
               Einflüsterungen Ihres verletzten Gefühls; vergessen Sie – wenn auch nur für
               Augenblicke – die Vergangenheit und lassen Sie mich gut machen, was versäumt worden
               ist.«</p>
            <p>Sie hatte beklommen zugehört. Wie neulich bei Erzählung seiner sogenannten Vision
               hatte seine Stimme etwas Bestrickendes. Er war nicht so unerklärlich erregt wie
               damals, aber die wahr und aufrichtig gemeinte Reue, die er, ohne seiner männlichen
               Würde irgend etwas zu vergeben, mit einem so milden Ernst an den Tag legte, ergriff
               sie wider Willen.</p>
            <p>»Dürfte ich noch über meine nächste Zukunft verfügen, so würde ich unbedingt und
               getrost Ihr Anerbieten annehmen,« sagte sie weicher, als sie je zu ihm gesprochen;
               »aber ich bin gebunden – an dem Tage, wo ich Frau Hellwigs Haus verlasse, trete ich
               in einen neuen Wirkungskreis.«</p>
            <p>»Unabänderlich?«</p>
            <p>»Ja – mein einmal gegebenes Wort ist mir heilig, ich ändere oder deutele niemals
               daran, sollte es mir in seiner Konsequenz auch die größten Unannehmlichkeiten
               bringen.«</p>
            <p>Er stand rasch auf und trat aus dem Bereiche der Birke.</p>
            <p>»Und darf man auch jetzt noch nicht erfahren, was Sie vorhaben?« fragte er, ohne das
               Gesicht nach ihr zurückzuwenden.</p>
            <p>»O ja,« entgegnete sie gelassen; »Frau Hellwig würde bereits darum wissen, wenn ich
               Gelegenheit hätte, in ihre Nähe zu kommen – die Frau Hofrätin Frank hat mich als
               Gesellschafterin engagiert.«</p>
            <p>Diese wenigen letzten Worte hatten die Wirkung eines plötzlichen Donnerschlags. Der
               Professor wandte sich jäh um, und über sein Gesicht schoß eine dunkle Flamme.</p>
            <p>»Die Frau da drüben?« fragte er, als traue er seinen Ohren nicht, und deutete mit der
               Hand nach dem Frankschen Garten. Er kehrte rasch unter den Baum zurück. »Das schlagen
               Sie sich <pb/> nur gleich aus dem Sinn,« sagte er entschieden und gebieterisch; »dazu
               werde ich nie meine Einwilligung geben.«</p>
            <p>Jetzt erhob sich das junge Mädchen mit einer unwilligen Bewegung – die mühsam
               gepflückten Blumen fielen auf den Rasen. »Ihre Einwilligung?« fragte sie stolz. »Die
               brauche ich nicht! In vierzehn Tagen bin ich völlig frei und kann gehen, wohin es mir
               beliebt.«</p>
            <p>»Die Sache liegt jetzt anders, Felicitas,« entgegnete er sehr beherrscht. »Ich habe
               mehr Rechte über Sie, als Sie denken. Es können Jahre vergehen, ehe diese Rechte
               erlöschen, und auch dann – ja, auch dann fragt es sich noch, ob ich Sie
               freigebe.«</p>
            <p>»Das werden wir sehen!« sagte sie kalt, mit entschlossener Haltung.</p>
            <p>»Ja, das sollen Sie sehen! ... Ich habe gestern mit Doktor Böhm, dem vertrautesten
               Freunde meines verstorbenen Vaters, ausführlich und eingehend über Ihre damalige
               Aufnahme in meinem elterlichen Hause gesprochen, und es stellt sich folgendes heraus:
               Sie sind meinem Vater mit der ausdrücklichen Bedingung übergeben worden, daß er Sie
               unter seinem Schutz behalten müsse, bis Ihr eigener Vater Sie zurückfordere, oder ein
               anderer braver Beschützer sich finde, der – Ihnen seinen Namen gebe. Mein Vater hat
               mich für den Fall seines Todes schriftlich als Stellvertreter in dieser Angelegenheit
               ernannt, und ich bin fest entschlossen, die Bedingung aufrecht zu erhalten.«</p>
            <p>Jetzt war es um die Fassung des jungen Mädchens geschehen.</p>
            <p>»Gott im Himmel!« rief sie außer sich und schlug die Hände zusammen. »Soll denn dies
               Elend nie aufhören? ... Ich soll gezwungen werden, in dieser entsetzlichen
               Abhängigkeit weiter zu leben? Jahrelang hat mich der Gedanke aufrecht erhalten, daß
               ich mit meinem achtzehnten Lebensjahre erlöst sein würde! Nur in diesem Gedanken habe
               ich vermocht, äußerlich ruhig und unverwundbar zu scheinen, während ich innerlich
               namenlos litt! ... Nein, nein, ich bin nicht mehr das geduldige Geschöpf, das sich
               aus Achtung vor dem Willen der Toten knechten und treten läßt! ... Ich will nicht!
               ... Ich will nichts mehr mit den Hellwigs zu schaffen haben – ich werde diese
               verhaßten Fesseln abschütteln um jeden Preis!«</p>
            <p>Der Professor ergriff ihre beiden Hände, seine Züge waren bei den letzten Worten
               totenbleich geworden.</p>
            <p>»Besinnen Sie sich, Felicitas!« sagte der Professor mit beschwichtigender, <pb/> aber
               völlig erloschener Stimme. »Wüten Sie nicht gegen sich selbst, wie ein kleiner
               ohnmächtiger Vogel, der sich lieber den Kopf einstößt, ehe er sich in das
               Unabänderliche fügt ... Verhaßte Fesseln! ... Kommt es Ihnen denn gar nie zum
               Bewußtsein, daß Sie mir unsäglich weh thun mit Ihren harten, rücksichtslosen Worten?
               ... Sie sollen frei sein, völlig frei in Ihrem Denken und Handeln, nur beschützt und
               behütet, wie – ein zärtlich geliebtes Kind ... Felicitas, Sie sollen jetzt erkennen
               lernen, wie es ist, wenn die Liebe für uns denkt und sorgt ... Nur noch dies eine Mal
               werde ich als gebietender Vormund auftreten, erschweren Sie mir die nötigen Schritte
               nicht durch Ihren Widerstand, der Ihnen ganz und gar nichts helfen wird – das erkläre
               ich Ihnen entschieden. Ich werde die Angelegenheit in meine Hände nehmen und Ihr
               Uebereinkommen mit der Hofrätin Frank rückgängig machen.«</p>
            <p>»Thun Sie das!« stieß Felicitas mit bebenden Lippen fast heiser hervor – aus ihrem
               Gesicht schien der letzte Blutstropfen entwichen. – »Aber auch ich werde handeln, und
               Sie können sicher sein, daß ich mich bis zum letzten Atemzug wehren werde!«</p>
            <p>Nie in ihrem jungen, schwergeprüften Leben hatte ein solcher Sturm ihr Inneres
               durchtobt, wie in diesem Augenblick. Es tauchten plötzlich neue, unbekannte Stimmen
               in ihr auf, die mächtig mitsprachen in diesem Aufruhr – es war, als seien sie nur der
               Widerhall seiner innigen, beschwörenden Worte. Wie eine dunkle Gewitterwolke hing
               eine furchtbare Gefahr über ihrem Haupte, und – das fühlte sie instinktmäßig – sie
               mußte sich um jeden Preis von ihm losreißen, wenn sie nicht dieser Gefahr rettungslos
               verfallen wollte ... War es doch jetzt schon, als habe er eine unbegreifliche Gewalt
               über ihr ganzes Wesen, als schlüge jedes harte Wort, das sie ihm sagte, schmerzend
               auf ihr eigenes Herz zurück.</p>
            <p>Er hatte bis dahin ihre Hände festgehalten, und während sie sprach, ruhte sein Blick
               durchdringend auf ihren Zügen, die für einen Augenblick rückhaltslos das
               leidenschaftlich erregte Innere des Mädchens widerspiegelten – den Augen dieses
               Arztes und Menschenkenners hatten sich wohl schon ganz andere Geheimnisse und
               Vorgänge der Menschenbrust offenbaren müssen, als die einer, wenn auch noch so
               stolzen, doch gerade vermöge ihrer Reinheit und Schuldlosigkeit unbewachten
               Mädchenseele ... »Sie werden nichts ausrichten!« sagte er plötzlich gelassen, mit
               einer fast heiteren <pb/> Ruhe. »Ich habe die Augen offen, und mein Arm reicht
               ziemlich weit ... Sie entgehen mir nicht, Felicitas! ... Hier in X. lasse ich Sie auf
               keinen Fall, und – ebensowenig werde ich ohne Sie nach Bonn zurückreisen.«</p>
            <p>Die Gartenthür hatte längst geknarrt, aber das Geräusch war den Sprechenden
               entgangen. Jetzt kam Rosa und meldete dem Professor, daß Frau Hellwig im Salon warte,
               auch die Frau Regierungsrätin lasse ihn recht sehr bitten, zu kommen.</p>
            <p>»Ist sie unwohl?« fragte der Professor rauh, ohne sich nach der Kammerjungfer
               umzuwenden.</p>
            <p>»Nein,« entgegnete sie verwundert, »aber die gnädige Frau wird bald fertig sein mit
               dem Kaffee, den sie selbst kocht – sie wünscht, der Herr Professor möchte ihn recht
               frisch trinken ... der Herr Rechtsanwalt Frank ist auch im Salon.«</p>
            <p>»Nun gut, ich werde kommen,« sagte der Professor, aber er machte keine Anstalt zu
               gehen. Vielleicht hoffte er, Rosa solle sich wieder entfernen, darin irrte er sich
               jedoch. Das Mädchen machte sich mit Aennchen zu schaffen, die jammernd und wehklagend
               die Händchen zusammenschlug über alle die »totgetretenen Blümchen« auf dem Rasen.
               Endlich schritt er mißmutig den Damm hinab.</p>
            <p>»Halten Sie sich nicht so lange hier auf,« rief er nach Felicitas zurück. »Der Wind
               wird stärker, er bringt uns möglicherweise ein Gewitter. Kommen Sie mit Aennchen in
               das Gartenhaus.«</p>
            <p>Er verschwand hinter den Taxuswänden. Felicitas aber durchschritt hastig die ganze
               Länge des Dammes. In ihrem sonst so klaren Kopf wirbelte es chaotisch durcheinander.
               Sie rang vergebens nach der nötigen Fassung und Ruhe, um ihre augenblickliche Lage
               übersehen und Herr derselben werden zu können ... Also sie sollte ihr Joch
               weiterschleppen, und nicht genug, daß man ihr jedwede Selbständigkeit auf lange Zeit
               hinaus verweigerte, sie sollte sogar in seiner unmittelbaren Nähe leben, jahrelang
               täglich mit ihm verkehren – als ob dies nicht die furchtbarste Aufgabe wäre, die ihr
               je gestellt werden konnte! ... Hatte sie nicht alles gethan, ihm zu beweisen, daß er
               ihr in tiefster Seele verhaßt sei, daß sie unversöhnlich bleiben werde ihr lebenlang?
               War es nicht gerade deshalb die raffinierteste Grausamkeit, sie in der Weise fesseln
               zu wollen? ... Nein, tausendmal lieber wollte sie sich noch auf Jahre hinaus von Frau
               Hellwig mißhandeln lassen, als auch nur einen einzigen Monat länger mit ihm zusammen
               sein, der <pb/> eine wahrhaft dämonische Macht ihr gegenüber entfaltete. Schon allein
               seine Stimme vermochte ihren sonst so geordneten Gedankengang zu verwirren – der
               unbeschreiblich milde und warme Ton, den er jetzt immer annahm, berührte jede Fiber
               ihres Herzens und machte es heftiger klopfen – das war natürlicherweise der alte Haß,
               der sich aufbäumte, aber mußte sie nicht schließlich an diesem einen so furchtbar
               erregten und fortwährend genährten Gefühle physisch und moralisch zu Grunde gehen?
               ... Die neulich erzählte Vision hatte ihr viel zu denken gegeben, jetzt wurde ihr die
               einzige mögliche Lösung durch die Worte bestätigt: »Felicitas, Sie sollen jetzt
               erkennen lernen, wie es ist, wenn die Liebe für uns denkt und sorgt!«</p>
            <p>Er beabsichtigte jedenfalls, trotz ihrer entschiedenen Erklärung in ihren
               Lebensfragen selbst entscheiden zu wollen, später eigenmächtig über ihre Hand zu
               verfügen, sie sollte an irgend einen Mann, den er wählte, gebunden werden – damit war
               sie versorgt und das ihr widerfahrene Unrecht, welches er allerdings eingesehen
               hatte, gut gemacht – das Herz drehte sich ihr um bei dieser Vorstellung ... Wie
               vermessen und unmoralisch war eine solche Absicht! Konnte er irgend einen Menschen
               zwingen, sie zu lieben? Er selbst hatte eine unglückliche Neigung und ging deshalb
               einsam durch das Leben; mit diesem Enschluß gestand er seinem Herzen große Rechte zu
               – es durfte entscheiden über seine ganze Zukunft ... Er sollte sehen, daß auch sie
               für sich selbst genau dasselbe Vorrecht beanspruche, daß sie sich nicht verhandeln
               ließe wie eine Ware ... Was hielt sie ab, sofort zu der Hofrätin Frank zu gehen und
               sich unter deren Schutz zu flüchten? ... Ach, da war ja der kleine graue Kasten, der
               kettete sie fester an das unselige Haus, als es irgend ein menschlicher Wille
               vermocht hätte – um seinetwillen mußte sie ausharren bis zum letzten Augenblick.</p>
            <pb/>
         </div>
         <div type="chapter">
            <head>23</head>
            <p>Aennchen unterbrach das qualvolle Sinnen und Grübeln des jungen Mädchens. Sie nahm
               schmeichelnd Felicitas' Hand und zog sie den Damm hinab. Der Wind sauste bereits mit
               großer Gewalt durch die Baumwipfel, er fuhr auch stoßweise und bissig in die
               geschützteren Regionen – erschrocken beugten sich die kleinen, schüchternen
               Grasblumen vor dem Störenfried. Ueber die Sonne hin jagten einzelne Wolkengebilde,
               deren Schatten sich für Momente wie dunkle Riesenflügel über die Kies- und
               Rasenplätze hinstreckten, Rosenblätter wirbelten hoch in den Lüften, und selbst die
               starren Taxuspyramiden neigten sich steif und gravitätisch wie alte Hofdamen.</p>
            <p>Da war es gemütlich im schützenden Hause. Felicitas setzte sich auf einen Gartenstuhl
               in der Hausflur und zog eine Handarbeit hervor. Die Thür der kleinen Küche und auch
               die des Salons standen weit offen. Es ließ sich wohl nicht leicht etwas Anmutigeres
               denken, als die Regierungsrätin, indem sie »das wirtliche Hausmütterchen«
               repräsentierte. Sie hatte eine reichgarnierte, schwarzseidene Latzschürze
               vorgebunden, in dem blonden Lockengeringel, nahe am Ohre, wiegte sich eine Rose mit
               dunkelpurpurnem <pb/> Kelch – sie war offenbar im Vorübergehen vom Strauche genommen
               und wie in absichtsloser Selbstvergessenheit placiert worden, das war von
               allerliebster Wirkung. Unter dem festonartig aufgenommenen Kleide bewegten sich die
               kleinen, in zimtfarbenen Stiefelchen steckenden Füße mit kinderhafter Leichtigkeit
               und Grazie, auch der augenblickliche Ausdruck des rosigen Gesichts war der eines
               glückseligen, harmlosen Kindes, das mit wichtigem Eifer ein ihm anvertrautes Amt
               versieht – wer hätte bei diesem vollendeten Gepräge unschuldvoller Naivetät an die
               Bezeichnung »Witwe und Mutter« denken mögen?</p>
            <p>Während sie am Küchenherd wirtschaftete, war im Salon zwischen Frau Hellwig und dem
               Rechtsanwalt ein lebhaftes Gespräch im Gange – es drehte sich um das Testament der
               alten Mamsell. Heinrich und Friederike hatten dem jungen Mädchen bereits versichert,
               daß die »Madame« nichts mehr spreche und denke, was nicht mit der unglücklichen
               Testamentsgeschichte zusammenhinge. Felicitas sah für einen Augenblick das Gesicht
               der großen Frau, es erschien ihr merkwürdig grau und gealtert, auch in ihrer Art und
               Weise, zu sprechen, lag eine ungewohnte Hast – Grimm und Groll hatten offenbar noch
               die Oberhand in dieser tief alterierten Frauenseele.</p>
            <p>Der Professor beteiligte sich nicht an der Unterhaltung, ja, es schien, als gleite
               sie völlig unverstanden an ihm ab. Er durchschritt, die Hände auf den Rücken gelegt
               und wie in tiefen Gedanken verloren, unausgesetzt die ganze Länge des Salons, nur
               wenn er an der offenen Thür vorüberkam, hob er den Kopf, und ein prüfender Blick fiel
               auf das arbeitende Mädchen in der Hausflur.</p>
            <p>»Ich beruhige mich mein lebenlang nicht, mein lieber Frank!« wiederholte Frau
               Hellwig. »Ja, wenn nicht jeder Groschen von den Hellwigs sauer erworben gewesen wäre!
               Aber nun kommt da vielleicht irgend ein verkommenes Subjekt und verjubelt in kurzem
               die Ersparnisse eines ehrbaren Hauses – zu welcher Segensquelle hätte dies Geld in
               unseren Händen werden müssen!«</p>
            <p>»Aber, Tantchen,« begütigte die junge Witwe, die eben mit der dampfenden Kaffeekanne
               eintrat und die Tassen füllte, »da vertiefst du dich nun wieder in die leidige
               Geschichte, die dich so sichtbar angreift – du wirst dich noch krank machen ... Denke
               an deine Kinder und auch an mich, Tantchen, um unsertwillen suche zu vergessen!«</p>
            <p>
               <pb/> »Vergessen?« fuhr Frau Hellwig auf. »Niemals! Dafür hat man Charakter, welcher
               leider der jüngeren Welt immer mehr abhanden kommt!« – ein vernichtender Blick
               streifte ihren auf und ab wandelnden Sohn. – »Die Schmach eines erlittenen Unrechts
               geht mir in Blut und Nerven über – ich kann's nicht verwinden ... Wie magst du mir
               nur mit solchen abgedroschenen Phrasen kommen! Du bist doch manchmal entsetzlich
               oberflächlich, Adele!«</p>
            <p>Das Gesicht der Regierungsrätin verfärbte sich, ein trotzig herber Zug erschien um
               ihren Mund, und die Tasse, die sie Frau Hellwig hinreichte, klirrte in ihrer Hand,
               aber sie besaß doch Selbstbeherrschung genug, um die maliziöse Antwort, die sich
               unverkennbar auf ihre Lippen drängte, zu unterdrücken.</p>
            <p>»Den Vorwurf verdiene ich ganz gewiß nicht,« sagte sie nach einem augenblicklichen
               Schweigen sehr sanft. »Niemand kann sich die Abscheulichkeit mehr zu Herzen nehmen,
               als ich. Nicht allein, daß ich für dich, liebe Tante, und die beiden Vettern den
               pekuniären Verlust beklage – es ist für das weibliche Gemüt auch stets ein bitterer
               Schmerz, wenn es der moralischen Versunkenheit begegnen muß ... Da hat diese alte,
               tückische Person unter dem Dache ihr halbes Leben lang darüber nachgedacht, wie sie
               wohl ihre nächsten Verwandten am empfindlichsten kränkt. Sie ist aus der Welt
               gegangen, unversöhnt mit Gott und den Menschen, und ein Sündenregister auf der Seele,
               das ihr den Himmel verschließen muß auf ewig – schrecklich! ... Lieber Johannes, darf
               ich dir eine Tasse Kaffee einschenken?«</p>
            <p>»Ich danke,« antwortete der Professor kurz und setzte seinen Weg fort.</p>
            <p>Felicitas' Händen war die Arbeit entfallen. Sie lauschte atemlos den Worten des
               verleumderischen Mundes da drinnen. Wohl wußte sie durch Heinrich, daß die Welt hart
               und verdammend über die alte Mamsell urteilte; aber es geschah zum erstenmal, daß sie
               selbst Zeugin eines solchen Ausspruchs war ... Wie schoß ihr das Blut siedend nach
               den Schläfen! Jedes Wort traf ihr Herz wie ein Messerstich – das waren Schmerzen, die
               sie um die Tote litt, schneidender noch, als das Trennungsweh selbst!</p>
            <p>»Inwiefern die alte Dame gesündigt hat, weiß ich nicht,« meinte der Rechtsanwalt.
               »Uebrigens, nach allem, was ich höre, kann ihr niemand etwas Positives nachweisen –
               die Klatschchronik <pb/> unserer guten Stadt begnügt sich mit dunklen
               Ueberlieferungen ... Ihr Nachlaß dagegen beweist unzweifelhaft, daß sie eine
               originelle Frau von ungewöhnlichem Geist gewesen sein muß.«</p>
            <p>Frau Hellwig lachte höhnisch auf und wandte dem kühnen Verteidiger verachtungsvoll
               den Rücken.</p>
            <p>»Mein bester Herr Rechtsanwalt, es ist die Aufgabe Ihres Berufs, die schwärzesten
               Vergehen weiß zu waschen, und da, wo bereits die gesamte Welt mit Recht verdammt hat,
               noch Engelsunschuld zu finden – von dem Standpunkt aus läßt sich Ihr Urteil
               begreifen,« sagte die Regierungsrätin unbeschreiblich maliziös. »Ich kenne dagegen
               ein anderes, das mir – verzeihen Sie – ungleich maßgebender ist – Papa hat sie
               gekannt. Ein Starrkopf ohnegleichen, hat sie ihren Vater buchstäblich zu Tode
               geärgert. Wie gleichgültig sie ferner gegen ihren guten Ruf gewesen ist, beweist ihr
               skandalöser Aufenthalt in Leipzig, und mit dem ungewöhnlichen Geist, wie Sie ihn
               nennen, ist sie auf die entsetzlichsten Abwege geraten – sie war ein Freigeist, eine
               Gottesleugnerin.«</p>
            <p>In diesem Augenblick sprang Felicitas empor und trat auf die Schwelle der Salonthür.
               Die Rechte gebieterisch ausgestreckt, das sonst so bleiche Gesicht mit einer
               glühenden Röte übergossen, stand sie dort, schön und zürnend wie ein Racheengel. Die
               rosigen Lippen, die unbedenklich, mit unglaublicher Sicherheit so furchtbare Anklagen
               aussprachen, verstummten unwillkürlich vor dieser Erscheinung.</p>
            <p>»Eine Gottesleugnerin ist sie nie gewesen!« sagte das junge Mädchen entschieden, und
               ihre Augen hafteten flammend auf dem Gesichte der Verleumderin. »Ja, sie war ein
               freier Geist! Sie forschte ohne Angst um ihr Seelenheil oder einen zerbrechlichen
               Glauben in Gottes Werken; denn sie wußte, daß da jeder Weg auf ihn zurückführe. Der
               Konflikt zwischen der Bibel und den Naturwissenschaften beirrte sie niemals. Ihre
               Ueberzeugung wurzelte nicht im Buchstaben, sondern in Gottes Schöpfung selbst, in
               ihrem eigenen Dasein und der himmlischen Gabe zu denken, in dem selbständigen Wirken
               und Schaffen des unsterblichen Menschengeistes ... Sie ging nicht wie tausend andere
               in die Kirche, um Gott im eleganten Hut und Seidenkleid anzubeten; aber wenn die
               Glocken läuteten, da stand auch sie in der Stille demütig vor dem Höchsten, und ich
               zweifle, daß ihm das Gebet derer lieber ist, die stündlich seinen Namen anrufen und
               mit denselben Lippen den Namen des Nächsten ans Kreuz schlagen!«</p>
            <p>Der junge Frank hatte sich unwillkürlich erhoben; er stützte <pb/> seine Hand auf die
               Stuhllehne und blickte mit einem fast ungläubigen Ausdruck nach dem mutigen Mädchen
               hinüber.</p>
            <p>»Sie haben die rätselhafte Frau gekannt?« fragte er wie mit zurückgehaltenem Atem,
               als Felicitas schwieg.</p>
            <p>»Ich habe täglich mit ihr verkehrt.«</p>
            <p>»Das sind ja allerliebste Neuigkeiten!« sagte die Regierungsrätin. Diese Bemerkung
               sollte ironisch klingen; aber die Stimme der jungen Frau hatte bedeutend an
               Sicherheit verloren, und eine auffallende Blässe bedeckte für einen Augenblick das
               schöne Gesicht. »Dann wissen Sie ohne Zweifel auch manches pikante Geschichtchen aus
               der Vergangenheit Ihrer verehrungswürdigen Bekanntschaft zu erzählen?« fragte sie in
               studiert nachlässigem Tone, während ihre Hand mit dem Kaffeelöffel spielte.</p>
            <p>»Die Dame hat nie über ihr vergangenes Leben mit mir gesprochen,« entgegnete
               Felicitas ruhig. Sie wußte, daß sie einen furchtbaren Sturm heraufbeschworen hatte –
               es galt jetzt, ihn besonnen, mit kühlem Blute zu erwarten.</p>
            <p>»Wie schade!« bedauerte die junge Witwe, ironisch den Lockenkopf hin und her wiegend
               – die blühende Farbe war bereits in ihre Wangen zurückgekehrt. »Ich bewundere
               übrigens Ihr vortreffliches Schauspielertalent, Karoline! Sie haben ja diese geheimen
               Zusammenkünfte reizend zu maskieren gewußt ... Lieber Johannes, bereust du auch jetzt
               noch deine vermeintlich falsche Beurteilung dieses Charakters?«</p>
            <p>Der Professor war überrascht stehen geblieben, als das junge Mädchen auf der Schwelle
               erschien. Ihre verteidigenden Worte, herb, geißelnd und doch schwungvoll, sprangen
               ihr förmlich von den Lippen – diesem scharf logischen Geiste, der sich offenbar
               unausgesetzt übte, fehlte es doch nie am sofortigen, schlagenden Ausdruck. Die letzte
               beißende Frage der Regierungsrätin blieb unbeantwortet. Der Blick des Professors hing
               unverwandt an Felicitas – er lächelte, als er sie, bei aller Selbstbeherrschung, doch
               unter jenen Nadelstichen aufzucken sah.</p>
            <p>»War das Ihr eigentliches Geheimnis?« fragte er hinüber.</p>
            <p>»Ja,« antwortete das junge Mädchen, und ihr ernstes Auge leuchtete auf – kam ihr
               doch, wunderbar genug, bei dem Klange dieser Stimme urplötzlich die Ueberzeugung, daß
               sie nicht allein stehen werde in dem unausbleiblichen Kampfe.</p>
            <p>»Sie wollten später mit der alten Tante zusammenleben, und das war das Glück, das Sie
               erhofften?« fragte er weiter.</p>
            <p>
               <pb/> »Ja.«</p>
            <p>Wäre die Regierungsrätin nicht zu lebhaft mit der »entlarvten Heuchlerin« auf der
               Thürschwelle beschäftigt gewesen, sie hätte erschrecken müssen über den vollen
               Glücksstrahl, der aus den Augen des Professors brach und sein tiefernstes Gesicht in
               nie gesehener Weise verklärte.</p>
            <p>Fragen und Antworten waren bisher mit Blitzesschnelle erfolgt und hatten Frau Hellwig
               keine Zeit gelassen, sich von ihrer Ueberraschung zu erholen. Starr wie ein Steinbild
               lehnte sie in ihrem Stuhle; der Strickstrumpf war ihren Händen entglitten und das
               schneeweiße Knäuel rollte unbeachtet bis in die Mitte des Salons.</p>
            <p>»Das ist eine höchst interessante Entdeckung für mich!« rief der Rechtsanwalt, indem
               er sich Felicitas rasch näherte. »Fürchten Sie ja nicht, daß auch ich in die
               mutmaßlichen Geheimnisse der Verstorbenen dringen will, das sei fern von mir! Aber
               vielleicht sind Sie imstande, mir Anhaltspunkte zu geben bezüglich der
               unbegreiflichen Lücken im Nachlasse –«</p>
            <p>Gott im Himmel, sie sollte über das fehlende Silber verhört werden! Sie fühlte, wie
               ein Beben ihren ganzen Körper durchlief, ihr Gesicht wurde weißer als Schnee –
               bestürzt schlug sie die Augen nieder; in diesem Moment war sie allerdings das
               vollendete Bild einer Schuldbewußten.</p>
            <p>»Als leidenschaftlicher Musikfreund und Autographensammler bin ich eigentlich seit
               der Testamentseröffnung in einer gelinden Aufregung,« fuhr der Rechtsanwalt fort,
               nachdem er, betroffen durch die auffallende Veränderung im Aeußeren des Mädchens,
               momentan gezögert hatte. »Das Testament erwähnt ausdrücklich eine
               Handschriftensammlung berühmter Komponisten – wir suchen sie jedoch vergebens. Es
               wird von vielen Seiten behauptet, die Verstorbene habe an Geistesstörung gelitten,
               dieser Teil der Hinterlassenschaft sei ein Hirngespinst, eine Chimäre. Haben Sie je
               eine solche Sammlung im Besitz der alten Dame gesehen?«</p>
            <p>»Ja,« sagte Felicitas aufatmend, aber auch zugleich tief erbittert über diese
               Behauptung. »Ich habe jedes Blatt gekannt.«</p>
            <p>»War sie reichhaltig?«</p>
            <p>»Sie umfaßte hauptsächlich alle Namen des vorigen Jahrhunderts.«</p>
            <p>»Eine Bachsche Oper – ich halte diese Bezeichnung für einen Irrtum – wird mehrfach in
               dem Testamente erwähnt; <pb/> können Sie sich nicht ungefähr auf den Titel dieses
               Werkes besinnen?« examinierte der Rechtsanwalt in höchster Spannung weiter.</p>
            <p>»O ja,« versetzte das junge Mädchen rasch. »Auch darin hat sich die Verstorbene nicht
               geirrt. Es war eine Operette. Johann Sebastian Bach hat sie für die Stadt X.
               komponiert, und sie ist im alten Rathaussaale aufgeführt worden. Der Titel lautet:
               ›Die Klugheit der Obrigkeit in Anordnung des Bierbrauens‹.«</p>
            <p>»Nicht möglich!« rief der junge Mann, er prallte förmlich zurück im Uebermaß des
               Erstaunens. »Diese Komposition, die für die musikalische Welt eine Art Mythe ist,
               sollte in der That existieren?«</p>
            <p>»Es war sogar die von Bach eigenhändig geschriebene Partitur,« fuhr Felicitas fort.
               »Er hatte sie einem gewissen Gotthelf von Hirschsprung geschenkt, und durch Erbschaft
               war sie später in die Hände der Verstorbenen gekommen.«</p>
            <p>»Das sind ja unschätzbare Enthüllungen! – Und nun beschwöre ich Sie auch, mir zu
               sagen, wo diese Sammlung sich befindet.«</p>
            <p>Da stand sie plötzlich vor einer Klippe. Empört darüber, daß nun auch noch Tante
               Cordulas klarer Geist angezweifelt wurde, hatte sie alles aufgeboten, die
               abscheuliche Verleumdung zu widerlegen. Im Verteidigungseifer war ihr nicht
               eingefallen, zu welchem Ausgangspunkte ihre Beweisführungen notwendig kommen mußten
               ... Jetzt mußte sie auf diese peinliche Frage direkt antworten ... sollte sie
               geradezu lügen? Das war unmöglich!</p>
            <p>»Soviel ich weiß, existiert sie nicht mehr,« sagte sie leiser, als sie bisher
               gesprochen.</p>
            <p>»Sie existiert nicht mehr? Damit wollen Sie doch wohl nur sagen, daß sie nicht mehr
               im Zusammenhang vorhanden ist?«</p>
            <p>Felicitas schwieg. Sie wünschte sich meilenweit fort aus dem Bereiche dieses
               leidenschaftlichen Drängers.</p>
            <p>»Oder wie!« fuhr er bestürzt fort, »wäre sie in Wirklichkeit vernichtet? Dann müssen
               Sie mir auch erklären, wie das geschehen konnte.«</p>
            <p>Das war eine qualvolle Lage. Dort saß die Frau, die durch ihre Aussage kompromittiert
               wurde ... Wie oft war in Augenblicken leidenschaftlicher Aufregung ein häßliches
               Rachegefühl gegen ihre herzlose Peinigerin in ihr aufgeflammt! Sie hatte dann
               gemeint, es müsse süß sein, dies abscheuliche Weib auch einmal<pb/>
               <pb/> leiden zu sehen ... Jetzt stand sie vor einem solchen Moment – sie konnte die
               große Frau beschämen, sie einer ungesetzlichen That überführen ... Wie wenig hatte
               sie sich selbst, den Adel ihrer Natur gekannt – sie war vollständig unfähig, sich zu
               rächen! ... Verstohlen sah sie hinüber nach ihrer Feindin, ein wahrhaft tigerartiger
               Blick begegnete dem ihren – das beirrte sie nicht.</p>
            <p>»Ich war nicht zugegen, als die Sammlung vernichtet worden ist, und kann deshalb auch
               nicht das Geringste aussagen,« erklärte sie so fest und entschieden, daß man sofort
               erkennen mußte, sie werde sich nie zu irgend einer Mitteilung herbeilassen ... Diese
               Handlungsweise sollte ihr teuer zu stehen kommen, denn jetzt brach das Gewitter los,
               das bis dahin dumpf grollend über ihrem Haupte geschwebt hatte. Frau Hellwig war
               aufgestanden, sie stützte beide Hände auf den Tisch, und ihre Augen funkelten
               wahrhaft dämonisch aus dem farblosen Gesichte.</p>
            <p>»Elendes Geschöpf, glaubst du, mich schonen zu müssen?« rief sie mit zornbebender
               Stimme. »Du unterstehst dich zu denken, ich hätte Ursache, irgend eine meiner
               Handlungen vor der Welt zu verbergen, und du müßtest die Hehlerin machen, du?« – Sie
               wandte verachtungsvoll den Kopf weg und richtete ihre grauen Augen mit der
               wiedergewonnenen Kälte und stolzen Ueberlegenheit auf den Rechtsanwalt. »Eigentlich
               bin ich gewohnt, nur Gott, meinem Herrn, Rechenschaft abzulegen von meinen Thaten,«
               sagte sie. »Was ich thue, geschieht in seinem Namen, zu seiner Ehre und zur
               Aufrechterhaltung seiner heiligen Kirche. Aber Sie sollen trotzdem erfahren, mein
               lieber Frank, was aus jenen ›unschätzbaren‹ Papieren geworden ist, lediglich aus dem
               Grunde, damit die Person dort nicht einen Augenblick in dem Wahne bleibt, ich hätte
               irgendwie Gemeinschaft mit ihr ... Die verstorbene Cordula Hellwig war eine
               Gottesleugnerin, eine verlorene Seele – wer sie verteidigt, der beweist nur, daß er
               denselben Weg wandelt. Statt zu beten um den verlorenen Frieden, betäubte sie die
               Stimme ihres Gewissens mit dem Gifte weltlicher Musik voll sträflicher Sinnenlust.
               Selbst am Sonntag entweihte sie mein stilles Haus mit ihrem sündhaften Treiben;
               tagelang saß sie vor den unseligen Büchern, und je mehr sie sich hinein vertiefte,
               desto halsstarriger und unzugänglicher wurde sie für mein Bestreben, sie zu retten ..
               Seit jener Zeit kenne ich keinen sehnlicheren Wunsch, als diese nichtswürdige
               Menschenerfindung, an der Gott keinen Teil hat, und welche die Seelen vom Wege des
               <pb/> wahren Heils verlockt, von der Erde vertilgen zu können – ich habe die Papiere
               verbrannt, mein lieber Frank!«</p>
            <p>Diese letzten Worte sprach sie mit erhobener Stimme und dem Ausdruck eines
               unsäglichen Triumphes.</p>
            <p>»Mutter!« rief der Professor entsetzt und eilte auf sie zu.</p>
            <p>»Nun, mein Sohn?« fragte sie zurück mit einer Gebärde der Unnahbarkeit. Ihre ganze
               Gestalt streckte sich – sie stand dort wie in Erz gepanzert. »Du willst mir offenbar
               den Vorwurf machen, daß ich dich und Nathanael um dies kostbare Erbteil gebracht
               habe,« fuhr sie mit unbeschreiblichem Hohne fort. »Beruhige dich, ich habe längst
               beschlossen, die paar Thaler aus meiner eigenen Kasse zu ersetzen – ihr seid da
               jedenfalls im Vorteil.«</p>
            <p>»Die paar Thaler?« wiederholte der Rechtsanwalt; er bebte vor Zorn und Entrüstung.
               »Madame Hellwig, Sie werden das Vergnügen haben, Ihren Herren Söhnen bare fünftausend
               Thaler hinausbezahlen zu müssen!«</p>
            <p>»Fünftausend Thaler?« lachte Frau Hellwig auf. »Das ist lustig! Diese elenden,
               beschmutzten Papiere! ... Machen Sie sich nicht lächerlich, lieber Frank!«</p>
            <p>»Diese elenden, beschmutzten Papiere werden Ihnen teuer zu stehen kommen, wiederhole
               ich!« versetzte der junge Mann, indem er sich zu beherrschen suchte. »Ich werde Ihnen
               morgen eine eigenhändige Notiz der Verstorbenen vorlegen, die den Wert der
               Handschriftensammlung auf volle fünftausend Thaler angibt – das Bachsche Manuskript
               nicht mitgerechnet; verstehen Sie mich recht, Madame Hellwig – in welch bösen Handel
               Sie sich durch die Vernichtung dieses in der That unschätzbaren Werkes, den
               Hirschsprungschen Erben gegenüber, verwickelt haben, das läßt sich noch gar nicht
               absehen!« Er schlug sich im Uebermaß der Empörung mit der Hand gegen die Stirn.
               »Unglaublich!« rief er. »Johannes, in diesem Augenblick erinnere ich dich an meine
               Behauptung, die ich vor wenig Wochen aufgestellt habe – schlagender konntest du nicht
               überführt werden!«</p>
            <p>Der Professor antwortete nicht. Er war an ein Fenster getreten und wandte das Gesicht
               nach dem Garten. Inwieweit ihn die Beweisführung seines tieferregten Freundes traf,
               das ließ sich nicht ermitteln.</p>
            <p>Einen Moment schien es, als ob Frau Hellwig begriffe, daß sie mutwillig ein
               unabsehbares Gefolge von Unannehmlichkeiten sich selbst heraufbeschworen habe; ihre
               Haltung verlor plötzlich das starre Gepräge der Unfehlbarkeit und unerschütterlichen
               Zuversicht, <pb/> und das spöttische Lächeln, das sie zu behaupten suchte, war nur
               noch eine Verzerrung der Lippen. Aber wie hätte je der unerhörte Fall eintreten
               können, daß die große Frau in die Lage gekommen wäre, irgend einen Schritt zu
               bereuen? Sie handelte ja stets im Namen des Herrn, da war kein Irrtum, kein Fehlgehen
               möglich. Sie faßte sich rasch.</p>
            <p>»Ich erinnere Sie an Ihren eigenen Ausspruch von vorhin, Herr Rechtsanwalt,« sagte
               sie kalt und förmlich; »man bezichtigt die Verstorbene mit vollem Recht der
               Geistesstörung – es dürfte mir nicht schwer werden, genügende Beweise dafür zu
               bringen ... Wer will mich denn überführen, daß jene geradezu lächerliche Wertangabe
               nicht im Wahnsinn niedergeschrieben worden ist?«</p>
            <p>»Ich!« rief Felicitas rasch und entschieden, wenn auch ihre Stimme im Widerstreite
               der Empfindungen bebte. »Diese Angriffe werde ich von der Toten abzuwehren suchen,
               solange ich kann, Madame Hellwig! Nie mag es wohl ein gesünderes, lichtvolleres
               Denkvermögen gegeben haben, als sie besessen hat – meine Aussage wird freilich nicht
               in Betracht kommen; aber wenn es Ihnen auch gelingt, jeden Beweis für die ungetrübte
               Geistesklarheit der Verstorbenen umzustoßen, so sind doch noch die Mappen da, in
               denen die Sammlung gewesen ist – ich habe sie gerettet! Jede derselben enthält auf
               der inneren Seite das vollständige Inhaltsverzeichnis; bei jedem einzelnen
               Autographen ist mit strenger Genauigkeit angegeben, wann, von wem und zu welchem
               Preise derselbe angekauft worden ist.«</p>
            <p>»Ei, da habe ich mir ja einen vortrefflichen Gegenzeugen großgefüttert!« stieß Frau
               Hellwig hervor. »Aber jetzt werde ich mit dir ins Gericht gehen! ... Also du hast es
               gewagt, mich jahrelang mit beispielloser Frechheit zu hintergehen? Du hast mein Brot
               gegessen, während du mich hinter meinem Rücken verhöhntest? Von Thür zu Thür hättest
               du betteln gehen müssen, wenn ich nicht war! Fort aus meinen Augen, du ehrlose
               Betrügerin!«</p>
            <p>Felicitas wich nicht von der Schwelle. Es sah aus, als wachse die zarte Gestalt unter
               den Vorwürfen, die zu ihr hinübergeschleudert wurden; ihr Gesicht war totenbleich;
               nie aber hatte es so entschieden den unbeugsamen, furchtlosen Geist des Mädchens
               ausgedrückt, als in diesem Augenblick.</p>
            <p>»Den Vorwurf, daß ich Sie hintergangen habe, verdiene ich!« sagte sie mit
               bewunderungswürdiger Fassung. »Ich habe vorsätzlich geschwiegen und hätte mich lieber
               zu Tode mißhandeln <pb/> lassen, ehe auch nur eine Andeutung über meine Lippen
               gekommen wäre – das ist wahr! Trotzdem stand dieser Vorsatz auf sehr schwachen Füßen
               – ein gutes, herzliches Wort aus Ihrem Munde, ein wohlwollender Blick allein hätten
               ihn umzustoßen vermocht, denn nichts widerstrebt mir mehr, als ein scheues Verbergen
               meiner Handlungen ... Ein sündhafter Betrug aber war es nicht! Wer würde wohl die
               ersten Christengemeinden Betrüger nennen, weil sie in Zeiten der Verfolgung heimlich
               und gegen das Verbot zusammenkamen? – Auch ich mußte meine Seele retten!« Sie
               schöpfte tief Atem und ihre braunen Augen richteten sich mit einem energischen
               Ausdruck auf das Gesicht der großen Frau. »Ich wäre in bodenlose Nacht versunken ohne
               das Asyl und den Schutz, den ich in der Dachstube gefunden habe ... An den ewig
               zürnenden und strafenden Gott, zu welchem Sie beten, Madame Hellwig, der eine Hölle
               neben sich duldet, und welcher seine Kinder zum Bösen verführt, um sie zu prüfen und
               dann strafen zu können, an dieses unversöhnliche höchste Wesen konnte ich nicht
               glauben ... Die Verstorbene hat mich zu dem Einzigen hingeleitet, der ganz Liebe und
               Erbarmen, Weisheit und Allmacht ist, und der allein herrscht im Himmel und auf der
               Erde ... Der Trieb zum Lernen, die Wißbegierde lag unbesiegbar in meiner Kinderseele
               – hätten Sie mich verhungern lassen, Madame Hellwig, es wäre nicht so grausam
               gewesen, als Ihr unermüdliches Bestreben, meinen Geist zu knebeln, ja, ihn
               systematisch zu töten ... Verhöhnt habe ich Sie nicht hinter Ihrem Rücken, aber Ihre
               Absichten habe ich vereitelt – ich bin die Schülerin der alten Mamsell gewesen!«</p>
            <p>»Hinaus!« rief Frau Hellwig, ihrer nicht mehr mächtig, und zeigte nach der Thür.</p>
            <p>»Noch nicht, Tantchen!« bat die Regierungsrätin dringend und erfaßte den
               ausgestreckten Arm der großen Frau. »Du wirst doch einen so kostbaren Augenblick
               nicht unbenutzt vorübergehen lassen! ... Herr Rechtsanwalt, Sie haben vorhin Ihrer
               Pflicht als ›leidenschaftlicher Musikfreund‹ vortrefflich genügt; hiermit ersuche ich
               Sie, mit demselben Eifer zu inquirieren, wo die fehlenden Schmuck- und
               Silbergegenstände stecken – hat Eine die Hand dabei im Spiele gehabt, so ist es Jene
               dort!«</p>
            <p>Der Rechtsanwalt näherte sich dem jungen Mädchen, das sich krampfhaft mit der Linken
               an die Thürbekleidung festhielt, er bot ihr mit einer Verbeugung den Arm und sagte
               freundlich ernst: »Wollen Sie mir erlauben, Sie in das Haus meiner Mutter zu
               führen?«</p>
            <p>
               <pb/> »Hier ist Ihr Platz!« klang es plötzlich laut und entschieden von den Lippen
               des bis dahin lautlos schweigenden Professors. Er stand hochaufgerichtet neben
               Felicitas und hielt ihre Rechte fest in seiner Hand.</p>
            <p>Der junge Frank wich unwillkürlich zurück – beide Männer maßen sich einen Augenblick
               schweigend; in dem seltsamen Blick, den sie austauschten, lag durchaus nichts mehr
               von dem Gefühl ruhiger Freundschaft.</p>
            <p>»Ah, bravo, zwei Ritter auf einmal, das ist ja ein reizendes Bild!« rief die
               Regierungsrätin auflachend – eine Tasse flog zerschmetternd auf den Boden; in jedem
               anderen Augenblicke würde Frau Hellwig diese »Unachtsamkeit« der jungen Witwe bitter
               gerügt haben, aber jetzt stand sie bewegungslos vor Grimm und Ueberraschung.</p>
            <p>»Es scheint, ich komme heute oft in den Fall, an die Vergangenheit appellieren zu
               müssen,« unterbrach der Rechtsanwalt, bitter gereizt, die momentane Stille. »Du wirst
               dich erinnern, Johannes, daß du dich deiner Autorität mir gegenüber vollständig
               entäußert und mich zu dem jetzigen Schritte ermächtigt hast?«</p>
            <p>»Ich leugne nicht ein Jota davon,« antwortete der Professor kalt. »Wünschest du eine
               bündige Erklärung für diese meine Inkonsequenz, so stehe ich dir jederzeit zu
               Diensten – nur hier nicht.«</p>
            <p>Er zog Felicitas von der Schwelle fort und trat mit ihr in den Garten.</p>
            <p>»Gehen Sie jetzt in die Stadt zurück, Felicitas,« sagte er, und seine einst so eisig
               kalten, stahlgrauen Augen ruhten mit unbeschreiblicher Innigkeit auf dem Gesicht des
               jungen Mädchens. »Das soll Ihr letzter Kampf gewesen sein, arme kleine Fee! ... Nur
               noch eine einzige Nacht sollen Sie unter dem Dache meiner Mutter zubringen – von
               morgen ab beginnt ein neues Leben für Sie!«</p>
            <p>Er zog ihre Hand, die er noch festhielt, wie unbewußt näher an sich heran, dann ließ
               er sie fallen und trat in das Haus zurück.</p>
            <pb/>
         </div>
         <div type="chapter">
            <head>24</head>
            <p>Felicitas verließ mit geflügelten Schritten den Garten – der Professor irrte sich,
               nicht einmal der Abend, geschweige denn die Nacht sollte sie noch im alten
               Kaufmannshause finden ... Jetzt war der Moment gekommen, wo sie in Tante Cordulas
               Zimmer dringen konnte. In der Allee begegnete ihr die alte Köchin, die das Abendbrot
               in den Garten trug – es war mithin niemand zu Hause als Heinrich ... Wie das sauste
               und brauste durch die alten, knorrigen Linden! Der Wind trieb das junge Mädchen
               unwiderstehlich vorwärts – das war auf dem ebenen, festen Boden unter dem Schutz
               dichter Baumkronen; was aber stand ihr für ein Gang bevor hoch droben in den
               brausenden Lüften, über abschüssige Dächer hinweg!</p>
            <p>Heinrich öffnete ihr die Hausthür. Felicitas glitt atemlos an ihm vorüber, trat in
               die Gesindestube und nahm den Dachkammerschlüssel von der Wand.</p>
            <p>»Nun, was soll's denn werden, Feechen?« fragte der Alte verwundert.</p>
            <p>»Ich will dir deine Ehre und mir die Freiheit wieder holen! Sei hübsch wachsam
               unterdes, Heinrich!« rief sie zurück und sprang die Treppe hinauf.</p>
            <p>»Du wirst doch keinen dummen Streich machen? Heda, Feechen, 's ist doch nichts
               Gefährliches?« rief er ihr nach; aber <pb/> sie hörte nicht. Er mußte unten auf
               seinem Posten bleiben und schritt aufgeregt in der Hausflur auf und ab.</p>
            <p>Ueber Felicitas' Haupt zog es bald seufzend, bald in lang gezogenen, leise pfeifenden
               Tönen hin, als sie den Korridor unter dem Dache betrat. Das Sparrwerk knarrte, und
               durch die Oeffnungen der sonnenerhitzten Hohlziegel fuhr stoßweise der schwüle, heiße
               Atem des Gewitterwindes. In diesem Augenblick hing eine grau und weiß gemischte
               Hagelwolke über dem Dächerquadrat, ein fahlgelbes Licht zuckte schräg auf den
               blumenbedeckten First, es glitzerte wie ein falscher Blick in den Glasscheiben der
               Vorbauthür, über welche sich losgerissene Ranken des Epheu und der Kapuzinerkresse
               haltlos bäumten, und beleuchtete grell das aufgepeitschte Blättergewirr des wilden
               Weines.</p>
            <p>Als das junge Mädchen den Kopf aus dem Dachfenster steckte, fuhr ihr ein heftiger
               Windstoß über das Gesicht; er raubte ihr den Atem und zwang sie, augenblicklich
               zurückzuweichen – sie ließ den Unhold vorüberbrausen, dann aber schwang sie sich
               hinaus ... Wem es vergönnt gewesen wäre, dies schöne, bleiche Gesicht mit den fest
               aufeinandergepreßten Lippen und dem düster entschlossenen Ausdruck aus dem dunklen
               Dachfenster auftauchen zu sehen, der hätte erkennen müssen, daß das Mädchen einer
               entsetzlichen Gefahr sich vollkommen bewußt und daß es bereit sei, selbst den Tod zu
               erleiden um seiner Mission willen! ... Welch ein wunderbares Gemisch war doch diese
               junge Seele! Ueber einem heißen Herzen, das so glühend hassen konnte, ein so kühler,
               besonnener Kopf!</p>
            <p>Sie lief leichten Fußes über die knirschenden Ziegel, und nicht einen Moment dunkelte
               es vor diesen klaren Augen; ihr brausender Feind aber gönnte sich nicht viel Zeit zum
               Ausschnaufen – ein greller Pfiff, und er kam wieder daher mit niederstürzender Wucht.
               Die Vorbauthür flog klirrend auf, Blumentöpfe stürzten zerschmetternd auf den
               Fußboden der Galerie, und die uralten Sparren ächzten und zitterten unter Felicitas'
               Füßen. Sie stand noch auf dem Nachbardache, aber ihre Hände umklammerten das
               Galeriegeländer, das sie in demselben Augenblicke erreicht hatte.</p>
            <p>Wohl riß ihr der Sturm das Haar auseinander und peitschte die gewaltigen Strähne, als
               sollten sie in alle Lüfte zerstreut werden, allein sie selbst stand fest. Nach einem
               Moment geduldigen Ausharrens konnte sie sich über das Geländer schwingen, <pb/> und
               gleich darauf trat sie in den Vorbau ... Hinter ihr brauste und tobte es weiter – sie
               hörte es nicht mehr, sie dachte auch nicht an den todbringenden Rückweg – die
               gefalteten Hände schlaff niederhängend, stand sie in dem kühlen, epheuumsponnenen
               Raume – sie sah ihn zum letztenmale ... Die stillen, schneeweißen Gesichter an den
               Wänden schauten wohlbekannt und doch auch wieder so verwundert fremdartig hernieder –
               einst hatten sie diesen Raum beseelt, denn ihre lebendigen Gedanken wurden
               heraufbeschworen und umflatterten die kalten Stirnen, jetzt waren sie nur noch ein
               Schmuck, eine Dekoration der Wände, sie starrten ebenso gleichgültig auf die
               jugendstrahlende Gestalt der koketten Regierungsrätin, wie auf das blasse
               Mädchengesicht, das sich thränenüberströmt zu ihnen emporhob.</p>
            <p>Im übrigen erschien das Zimmer so traut wohnlich, wie zu Tante Cordulas Lebzeiten.
               Kein Stäubchen lag auf dem spiegelglatten Mahagonideckel des Flügels, der Epheu
               streckte, als Zeichen, daß es ihm wohlgehe, zahllose junge hellgrüne Triebe aus der
               dunkeln Blätterwand, und in der einen Fensternische standen sorgsam gepflegt der
               prachtvolle Gummibaum und die Palme, zwei Lieblinge der alten Mamsell. Aber die
               andere Fensterecke war verändert, das zierliche Nähtischchen stand nicht mehr dort –
               der Professor hatte sich die Nische als Studierwinkel eingerichtet.</p>
            <p>Ueber Felicitas' Gesicht ergoß sich eine brennende Schamröte ... Also sie stand doch
               wie ein Dieb in seinem Zimmer! Wer weiß, was dort auf dem Schreibtisch für Briefe und
               Papiere lagen, auf die kein fremder Blick fallen durfte! Er hatte sie sorglos, ohne
               Arg offen liegen lassen, denn er trug ja den Zimmerschlüssel in der Tasche – das
               junge Mädchen flog wie gejagt nach dem Glasschranke.</p>
            <p>Auf der Seitenwand des alten Möbels, inmitten einer geschnitzten, seltsam
               verschnörkelten Arabeske befand sich ein feiner, für ein uneingeweihtes Auge kaum
               erkennbarer Metallstift. Felicitas berührte ihn mit festem Druck, und die Thür des
               Geheimfaches sprang auf. Da standen und lagen die vermißten Kostbarkeiten in
               wohlbekannter Ordnung! Die weitgebauchten silbernen Kaffee- und Milchkannen, die mit
               seidenen Bändern zusammengebundenen schweren Löffelpakete, die altmodischen Etuis mit
               dem Brillantschmuck, alle diese Dinge befanden sich genau auf demselben Platze, den
               sie seit vielen Jahren im tiefen Dunkel der Verborgenheit eingenommen hatten ... und
               dort in der Ecke stand die <pb/> Schachtel mit dem Armring, daneben aber – der
               kleine, graue Kasten in schräger Stellung, wie ihn die alte Mamsell vor wenigen
               Wochen hastig hingeschoben – sie hatte ihn offenbar nicht wieder berührt.</p>
            <p>Felicitas nahm ihn mit bebenden Händen heraus – er war nicht leicht – sterben sollte
               sein Inhalt, aber auf welche Weise? Wie war er beschaffen?</p>
            <p>Sie hob vorsichtig den Deckel – ein plump gearbeitetes, in Leder gebundenes Buch lag
               darin – die starren Blätter klafften auseinander, und der Einbanddeckel hatte sich im
               Lauf der Zeit aufwärts gekrümmt. Ein scheuer Blick belehrte das junge Mädchen, daß
               dies grobe Papier da drinnen nicht bedruckt, sondern vollgeschrieben sei.</p>
            <p>Tante Cordula, da ruhen zwei Augen auf deinem Geheimnisse – zwei Augen, in denen du
               unzähligemal treue, kindliche Liebe und Hingebung gelesen hast, und ein junges Herz,
               das nie an dir gezweifelt, steht heftig klopfend vor dem Rätsel deines Lebens! Es ist
               von deiner Schuldlosigkeit so unerschütterlich fest überzeugt wie von dem Dasein der
               leuchtenden Sonne, aber es will wissen, wofür du littest; es will die Größe deines
               lebenslänglichen Opfers in seinem ganzen Umfange ermessen können ... Dein Geheimnis
               soll sterben; diese Blätter werden zu Asche zerstieben, und der Mund, der schon in
               zarter Kindheit unverbrüchlich zu schweigen verstand, wird es so fest verschließen,
               wie der deine!</p>
            <p>Die zitternden Finger des jungen Mädchens schlugen den Deckel zurück. »Joseph von
               Hirschsprung, Studiosus philosophiae« stand in kräftigen Zügen auf dem ersten Blatte
               ... Es war das Tagebuch des Studenten, des adligen Schustersohnes, um dessenwillen
               Tante Cordula ihren Vater buchstäblich zu Tode geärgert haben sollte. Der Schreiber
               hatte stets nur die erste Seite eines jeden Blattes beschrieben und die Rückseite
               desselben, ohne Zweifel zu Anmerkungen, freigelassen. Diese Blattseiten aber zeigten
               in dichtgedrängten Reihen die feinen, zierlichen Schriftzüge der alten Mamsell.</p>
            <p>Felicitas las den Anfang. Tiefe, originelle Gedanken, mit einer seltenen Kraft und
               Knappheit zum Ausdruck gebracht, fesselten sofort das flüchtige Auge und zwangen zum
               Nachdenken. Es mußte ein wunderbarer Mensch gewesen sein, dieser junge Schustersohn,
               mit der Phantasie voll grandioser Bilder, mit dem tiefeinschneidenden Urteil und dem
               feurigen Herzen voll leidenschaftlicher <pb/> Liebe! ... Und darum hatte ihn auch
               Cordula, die Tochter des gestrengen Kauf-und Handelsherrn, geliebt bis in den Tod.
               Sie schrieb:</p>
            <p>»Du schlossest die Augen für ewig, Joseph, und hast nicht gesehen, wie ich vor Deinem
               Lager kniete und mir die Hände wund rang im Gebet zu Gott, daß er Dich mir erhalten
               solle. Du riefst meinen Namen in der Wut des Fiebers unaufhörlich mit dem süßen
               Schmeichellaute der Liebe, aber auch in zürnenden Tönen eines tiefverwundeten
               Herzens, mit dem Aufschrei einer wilden Rache, und wenn ich zu Dir sprach, da
               starrtest Du mich fremd an und stießest meine Hand zurück.</p>
            <p>»Du bist von hinnen gegangen in dem Wahn, daß ich meinen Schwur gebrochen habe – und
               als alles vorüber war und sie Dich hinweggenommen hatten von Deinem Schmerzenslager,
               da fand ich dies Buch unter Deinem Kopfkissen. Es sagt mir, wie ich geliebt worden
               bin; aber Du hast auch an mir gezweifelt, Joseph! ... Nur noch auf einen einzigen
               bewußten Blick wartete ich in Todesangst – er hätte Dich überzeugen müssen, daß ich
               schuldlos war, und mein trostloses Geschick hätte seinen schärfsten Stachel verloren
               – vergebens! ... Ein Auseinandergehen für immer, ohne Versöhnung zwischen den
               scheidenden Seelen – es gibt keine größere Seelenmarter! Und wenn ich die schwersten
               Verbrechen begangen hätte, ich könnte nicht grausamer gestraft werden, als mit diesem
               Herzen, das Tag und Nacht aufschreit und mich ruhelos umherjagt, wie den flüchtigen
               Kain!</p>
            <p>»Dein großer Geist stürmt jetzt weiter auf ungemessenen Bahnen, ich aber wandere noch
               über die arme, kleine Erde und weiß nicht, ob Dir ein Zurückblicken möglich ... Ich
               darf mit niemand über meine inneren Stürme sprechen, und ich will auch nicht; denn wo
               wäre ein Mensch, der meinen Verlust begriffe? Es hat Dich keiner gekannt, als ich!
               ... Aber einmal muß es noch ausgesprochen werden, wie alles kam. In diesem Buche hast
               Du Deine Gedanken niedergelegt; allein so kühn und gewaltig sie sind, nebenher geht
               ein süß erquickender Hauch tiefer, unsterblicher Liebe zu mir, Joseph. Das alles
               spricht zu mir, wie mit lebendigem Atem und Deiner sympathischen Stimme ... ich will
               Dir antworten, hier auf den selben Blättern, wo Deine Hand geruht hat, und will
               denken, Du stehest neben mir und Deine tiefen Augen verfolgen die Feder, wie sie Zug
               um Zug hinzeichnet, bis das Rätsel gelöst vor Dir liegt!</p>
            <p>
               <pb/> »Weißt Du noch, wie die kleine Cordula Hellwig ihr weißes Lieblingshuhn, das
               der Jagdhund verscheucht hatte, auf dem Hausboden suchte? Es war dunkel da droben,
               aber durch eine Bretterritze floß es golden, und die Sonnenstäubchen spielten zu
               Milliarden in der Lichtsäule. Das kleine Mädchen lugte durch die Ritze. Da drüben
               hatte Nachbar Hirschsprung eben die Frucht seines einzigen Ackers eingeheimst, und
               hoch auf den gelben Garben saß der wilde, schwarze Joseph und schaute durch die
               Dachluke.</p>
            <p>»›Such mich doch!‹ rief das Kind durch die Spalte. Der Knabe sprang herab und sah
               sich trotzig um. ›Such mich doch!‹ klang es wieder. Da geschah ein Krach, und eines
               der Bretter, hinter welchen die kleine Cordula steckte, fiel polternd herein auf den
               Dachboden des vornehmen Nachbarhauses ... Ja, so warst Du, Joseph! und ich weiß, Du
               würdest späterhin genug der unwürdigen Schranken in der Menschenwelt und manches
               mühsam erbaute falsche System genau so zertreten haben, wie das Brett, hinter welchem
               Du geneckt wurdest.</p>
            <p>»Ich weinte bitterlich vor Schreck, und da warst Du plötzlich ganz sanft und
               unsäglich gut und führtest mich hinunter in das enge, räucherige Schusterstübchen ...
               Die Bretterwand wurde wieder hergestellt; seit der Zeit aber wanderte ich täglich
               über die Straße und besuchte Dich ... Ach, was waren das für Winternachmittage!
               Draußen stöberte und stürmte es um die Wette; der Rosmarinstock auf dem Fenstersims
               zitterte bei jedem Windstoß, der an den runden, bleigefaßten Scheiben vorüberbrauste,
               und der sonst so beherzte Stieglitz klammerte sich an die innere Wand seines Bauers.
               Auf dem riesigen Kachelofen brodelte der Kaffeetopf; Deine ehrbare Mutter saß am
               schnurrenden Spinnrade und spann Hanf, und der Vater hämmerte tapfer auf seinem
               Schemel und verdiente das tägliche Brot.</p>
            <p>»Ich sehe noch sein edles, melancholisches Gesicht vor mir, wenn er erzählte von
               vergangenen Zeiten. Da waren die Hirschsprungs ein gewaltiges, berühmtes Geschlecht
               gewesen, ein tapferes Hünengeschlecht von riesiger Körperkraft! Welch eine
               unabsehbare Reihe von Heldenthaten hatte ihr starker Arm ausgeführt! Aber mir graute
               vor den Strömen edlen Menschenblutes, das sie vergossen – ich hörte viel lieber die
               Geschichte von dem Ritter, der sein junges Weib so herzlich und treu geliebt hatte.
               Er ließ zwei Armringe machen und auf jedem stand die Hälfte eines Liebesverses
               eingegraben; den einen Ring trug er, den anderen <pb/> sein trautes Gemahl ... Und
               als er in der Schlacht todeswund zu Boden stürzte, da kam ein räuberischer
               Kriegsknecht und wollte ihm das kostbare Liebeszeichen entreißen; aber der Sterbende
               preßte krampfhaft seine Linke auf das Kleinod – er ließ sich die Hand verstümmeln und
               zerhauen, bis sein Knappe zu Hilfe eilte und den Räuber niederschlug ... Die Armringe
               wurden in der Familie als Reliquien aufbewahrt, bis – ja bis die Schweden kamen ...
               Wie haßtest Du damals diese Schweden, Joseph! Sie sollten ja <pb/> schuld sein an dem
               Untergange derer von Hirschsprung ... Das war eine tieftraurige Geschichte, und ich
               mochte sie schon um deshalb nicht hören, als Dein Vater jedesmal sagte: ›Siehst Du,
               Joseph, wenn das Unglück nicht geschehen wäre, da könntest Du studieren und ein
               großer Mann werden, – so aber bleibt Dir nichts als der Schusterschemel.‹ Ach, diese
               Geschichte hat noch eine ganz andere Kehrseite, als der ehrliche Schuster meinte!
               ...</p>
            <p>»Die Hirschsprungs waren gut papistisch geblieben, als auch das ganze Land ringsum
               abfiel und sich zu der neuen lutherischen Lehre bekehrte. Sie lebten von da an streng
               zurückgezogen um ihres Glaubens willen, aber dem alten Adrian von Hirschsprung
               genügte das nicht, denn er war ein wilder Fanatiker, der lieber Haus und Hof und die
               alte Thüringer Heimat verlassen, als unter Ketzern leben wollte. Er hatte sein
               Besitztum, bis auf das Haus am Markt, um bare sechzigtausend Thaler in Gold verkauft,
               und seine zwei Söhne ritten eines Tages davon, um in gut katholischen Landen eine
               neue Heimat zu suchen ... Da geschah es, daß der Schwedenkönig, Gustav Adolph, mit
               einundzwanzigtausend Mann Kriegsvolk durch das Thüringer Land zog. Er rastete auch
               einen Tag in dem kleinen Städchen X. – das war am 22. Oktober 1632 – und seine Leute
               besetzten die Häuser. Auch das Ritterhaus am Marktplatz steckte voll schwedischer
               Reiter, und das mußte den alten Adrian mit Wut und Ingrimm erfüllt haben. Es kam zu
               einem heftigen Wortwechsel zwischen ihm und den Soldaten, die halbtrunken im Hofe
               Wein zechten, und da geschah das Schreckliche – ein Kriegsknecht stieß dem alten,
               finsteren Eiferer das Schwert mitten durch die Brust; er stürzte mit ausgebreiteten
               Armen rücklings auf das Steinpflaster und verschied, ohne einen Laut, auf der Stelle.
               Die wütenden Schweden aber zerschlugen und zertrümmerten alles im Hause, was nicht
               niet- und nagelfest war, und als die Söhne zurückkamen, da lag der alte Adrian längst
               unter den Steinfliesen der Liebfrauenkirche, und sie suchten vergebens nach ihrem
               Erbe. Die sechzigtausend baren Thaler hatten die Schweden fortgeschleppt, Kisten und
               Kästen standen leer, ihr Inhalt lag zerfetzt und zerstampft am Boden, und die
               Familienpapiere waren in alle Winde zerstreut, nicht ein Blättchen ließ sich mehr
               auffinden ... So erzählte Dein Vater, Joseph! Darauf kam das Haus um einen armseligen
               Preis in die Hände des Bürgers Hellwig. Die zwei Söhne des Adrian teilten den Erlös;
               Lutz, der Aeltere, zog von dannen, und es hat<pb/> nie wieder etwas von ihm
               verlautet, die andere Linie aber hing das Ritterschwert an den Nagel, und die
               Nachkommen derer, die gegen die Saracenen gekämpft, die einst wohlgelitten waren an
               Kaiserhöfen um ihrer Tapferkeit und adligen Sitten willen, sie griffen zu Hobel und
               Pfrieme.</p>
            <p>»Du aber nicht, Joseph! Wie die prächtigen Locken über Deiner Stirn sich eigenwillig
               ringelten und aufbäumten, so schweifte Dein Geist weit ab von der engen Lebensbahn
               Deiner letzten Vorfahren; Du gingst Deinen eigenen Weg, ob Du auch wußtest, daß er
               dornenvoll und steinig war, daß Mangel und Entbehrung an Deiner Seite schreiten
               mußten; Du sahst nur das Ziel, das hohe, leuchtende Ziel, und so viel Heldenmut
               endete schmählich in einer Dachkammer! Der Geist entfloh, weil der Körper hungerte!
               ... Allmächtiger, eine Deiner herrlichsten Schöpfungen ging unter aus Mangel an
               Brot!</p>
            <p>»Wer hätte an dies spurlose Verlöschen Deines Daseins gedacht, wenn Du mit
               überzeugender Gewalt Deine neuen, kühnen, ursprünglichen Ideen entwickeltest? Oder
               wenn Du am Klavier saßest und die wundervollen Harmonien unter Deinen Fingern
               emporquollen? ... Es war ein armes, kleines Spinett, das in einer dunklen Ecke Deiner
               elterlichen Stube stand; seine Töne klangen stumpf und rauh, aber Dein Genius
               beseelte sie, sie erbrausten in Sturm und Gewitter und malten den lachenden Himmel
               über einer strahlenden Welt ... Weißt Du noch, wie Dein guter Vater Dich belohnte,
               wenn er zufrieden mit Dir war? Da schloß er mit feierlicher Gebärde eine kleine,
               uralte Spinde auf und legte Dir ein Notenheft auf das Pult – es war die Operette von
               Johann Sebastian Bach; sein Großvater hatte sie von dem Komponisten selbst erhalten
               und sie wurde wie ein Heiligtum in der Familie aufbewahrt ... Sie fanden nicht einen
               Pfennig Geldes, nicht einen Bissen Brot bei Dir, als Du heimgegangen warest, aber das
               Bachsche Opernmanuskript, dessen materiellen Wert Du wohl kanntest, lag unangerührt,
               unter meiner Adresse, auf dem Tisch.</p>
            <p>»Da drüben auf der Seite, genau auf der Stelle, wo ich jetzt schreibe, da steht:
               ›Meine süße, goldlockige Cordula kam herüber im weißen Kleide,‹ das war an meinem
               Konfirmationstag, Joseph! Meine strenge Mutter hatte mir gesagt, es geschehe zum
               letztenmal, von nun an sei ich die erwachsene Tochter des Kauf-und Handelsherrn und
               mein Verkehr mit der Schusterfamilie schicke sich nicht mehr ... Deine Eltern waren
               nicht in der Stube und <pb/> ich teilte Dir das Verbot mit ... Wie wurde Dein Gesicht
               bleich unter den kohlschwarzen Locken! ›Nun, so gehe doch!‹ sagtest Du trotzig und
               stampftest mit dem Fuße auf, aber Deine Stimme brach und in den zornigen Augen
               funkelten Thränen. Ich ging nicht; unsere zitternden Hände schlangen sich plötzlich
               wie unbewußt und unauflöslich ineinander, das war der Uranfang unserer seligen
               Liebe!</p>
            <p>»Ich sollte das je vergessen haben und, nachdem ich jahrelang meinen zürnenden und
               bittenden Eltern widerstanden, plötzlich aus eigenem Antriebe meineidig geworden
               sein? Sie schalten Dich einen Hungerleider, einen mißachteten Schustersohn, der
               brotlose Künste treibe; sie drohten mit Fluch und Enterbung – ich blieb standhaft,
               wie leicht war das damals, Du standest ja neben mir! Aber als Deine Eltern starben
               und Du fortgingst nach Leipzig, da kam eine furchtbare Zeit! ... Da erschien eines
               Tages eine hohe, schlanke Männergestalt im Hause meines Vaters, und auf dieser
               Gestalt saß ein Kopf mit fahlen Wangen, an denen dürftiges dunkles Haar lang und
               glatt niederhing, und den Mund umzogen unheimliche, schlaffe Linien ... Es gibt einen
               Seherblick, Joseph, und das ist der Instinkt in einer reinen Menschenbrust ... ich
               wußte sofort, daß mit jenem Menschen das Unheil über unsere Schwelle geschritten war.
               Mein Vater dachte anders über diesen Paul Hellwig. Er war ja ein naher Anverwandter,
               der Sohn eines Mannes, der sein Glück draußen in der Welt gemacht hatte und einen
               ansehnlichen Posten bekleidete. Da war der Besuch des jungen Vetters eine Ehre für
               das Haus. Und wie diese hohe Gestalt sich demutsvoll bücken konnte, wie das süß und
               salbungsvoll von den Lippen floß!</p>
            <p>»Du weißt, daß der Elende es wagte, mir von Liebe zu sprechen, Du weißt auch, daß ich
               ihn heftig und empört zurückwies; er war erbärmlich und ehrlos genug, die Hilfe
               meines Vaters anzurufen; der wünschte lebhaft diese Verbindung, und nun begannen
               entsetzliche Tage für mich! ... Deine Briefe blieben aus, mein Vater hatte sie
               unterschlagen, ich fand sie nebst den meinigen in seinem Nachlasse. Ich wurde wie
               eine Gefangene behandelt, aber es konnte mich doch niemand zwingen, im Zimmer zu
               bleiben, sobald der Verhaßte eintrat ... Dann floh ich wie gehetzt durch das Haus,
               und die Geister Deiner Ahnen beschützten mich, Joseph. Ich fand Schlupfwinkel genug,
               wo ich vor meinem Verfolger sicher war.</p>
            <p>
               <pb/> »Ob es wohl auch der geheimnisvolle Finger einer unsichtbaren Ahnfrau gewesen
               ist, der eines Tages meinen Blick auf das Goldstück zu meinen Füßen lenkte? ...</p>
            <p>»Eine Mauer im Geflügelhofe hatte sich gesenkt, und nachmittags waren Arbeiter
               dagewesen und hatten den schadhaften Teil niedergerissen. Ich saß still auf dem
               Trümmerwerke und dachte an die Zeit, wo man diese Steine aufeinander getürmt hatte –
               und da lag plötzlich das Goldstück vor mir im Grase; es war nicht das einzige, auch
               zwischen den Mörtelbrocken schimmerte es golden. Ohne Zweifel war ein beträchtliches
               Mauerstück nachgestürzt, als die Arbeiter den Hof bereits verlassen hatten, denn es
               lag alles wild und zerklüftet durcheinander, und zwischen den Bruchstücken hervor
               guckte die scharfe Ecke einer hölzernen Truhe – sie war zum Teil geborsten, dieser
               Spalt erschien förmlich gespickt mit dem geränderten Gold.</p>
            <p>»Joseph, ich hatte den Fingerzeig Deiner Ahnmutter nicht begriffen – ich holte meinen
               Vater, und der Verhaßte kam auch mit. Sie hoben mühelos den Kasten aus den Trümmern
               und schlossen ihn auf mit dem gewaltigen Schlüssel, der noch im Schlosse steckte
               ...</p>
            <p>»Die Schweden waren es nicht gewesen, Joseph! ... Da lagen wohlbehalten die zwei
               Armringe, da lagen die sechzigtausend Thaler in Gold und die vergilbten Pergamente
               und Papiere Derer von Hirschsprung! Der alte Adrian hatte alles hierher gerettet vor
               den heranziehenden Schweden! ... Ich war wie trunken vor Glück. ›Vater,‹ jubelte ich
               auf, ›nun ist der Joseph kein Hungerleider mehr!‹</p>
            <p>»Ich sehe ihn noch, wie er dastand! Du weißt, er hatte ein ernstes, strenges Gesicht,
               das heitere Wort erstarb einem auf den Lippen, wenn man in diese wandellosen Züge
               sah, aber seine ganze Erscheinung trug das Gepräge einer unerschütterlichen
               Rechtschaffenheit – er war der geachtetste Mann in der Stadt. Jetzt stand er vorwärts
               gebeugt da, und seine Hände wühlten in dem Golde. Was war das für ein eigentümlicher
               Blick, der aus dem kalten Auge auf mich fiel! ›Der Schusterjunge?‹ wiederholte er,
               ›was hat der damit zu schaffen?‹</p>
            <p>»›Nun, das ist sein Erbe, Vater!‹ Ich hatte das Testament des alten Adrian in der
               Hand und deutete auf den Namen ›Hirschsprung‹.</p>
            <p>»O, wie entsetzlich veränderte sich plötzlich dies sonst so unbewegliche Gesicht!</p>
            <p>
               <pb/> »›Bist du wahnsinnig?‹ schrie er auf und schüttelte mich heftig am Arme. ›Dies
               Haus gehört mir mit allem, was es enthält, und ich will den sehen, der mir auch nur
               einen Pfennig Wert von meinem Grund und Boden wegholt!‹</p>
            <p>»›Sie sind vollkommen in Ihrem Recht, lieber Vetter,‹ bestätigte Paul Hellwig mit
               seiner sanftesten Stimme. ›Aber vordem hat das Haus mit allem, was es enthalten,
               meinem Großvater gehört.‹</p>
            <p>»›Schon gut, Paul, ich leugne deinen Anspruch nicht!‹ sagte mein Vater ... Sie trugen
               den Kasten vor in das Haus. Niemand wußte um den Raub, als ich und der letzte
               Abendsonnenstrahl, der neugierig über das funkelnde Gold hingeglitten war. Er
               erlosch, um drüben neu aufzugehen und vielleicht auf ein glückseliges
               Menschenangesicht zu fallen; ich aber irrte umher und sah Nacht und Fluch und
               Verbrechen, wohin ich blickte!</p>
            <p>»Noch an demselben Tage hörte ich, wie Paul Hellwig zwanzigtausend Thaler und einen
               der Armringe beanspruchte und erhielt ...</p>
            <p>»Weißt Du nun, was ich litt, während Du mich für treulos, falsch und leichtsinnig
               hieltest? Ich stand allein meinen zwei Peinigern gegenüber – meine strenge, aber
               rechtschaffene Mutter war tot und mein einziger Bruder in fernen Landen ... Es
               handelte sich nicht allein mehr um meine Liebe zu Dir – ich sollte auch schweigen,
               unverbrüchlich schweigen vor Dir und der Welt, und dazu verstand ich mich nun und
               nimmer! ... Hat nie Dein Herz bang und ahnungsvoll geklopft in jenen unseligen
               Momenten, wo ich meinem zürnenden Vater unerschütterlich fest gegenüberstand, wo er
               die Hand hob, um ›die starrsinnige, entartete Tochter‹ zu Boden zu schleudern?
               ...</p>
            <p>»Ich hatte das Testament des alten Adrian zurückbehalten – das wußten sie nicht, und
               als eines Abends Paul Hellwig höhnisch fragte, womit ich denn eigentlich den Fund
               beweisen wolle, da wies ich auf dies Papier hin – und da kam das furchtbare Ende!
               Mein Vater hatte nachmittags einer großen Gasterei beigewohnt, sein Gesicht war stark
               gerötet, er hatte offenbar viel Wein getrunken. Bei meiner Erklärung stürzte er auf
               mich zu, schüttelte mich mit seinen gewaltigen Händen, daß ich aufschrie vor Schmerz,
               und fragte knirschend, ob mir denn seine Ehre und sein Ansehen nicht einen
               Pfifferling wert seien. Noch hatte er das letzte Wort nicht ausgesprochen, als er
               mich zurückstieß – sein <pb/> Gesicht wurde dunkelbraun, er fuhr mit beiden Händen
               nach dem Halse und brach plötzlich wie niedergeschmettert vor mir zusammen – der
               große, stattliche Mann! ... Er atmete noch, als wir ihn aufhoben, ja er hatte sogar
               Bewußtsein, denn sein Blick ruhte unverwandt mit einem furchtbaren Ausdruck auf
               meinem Gesicht, und – da brach mein Widerstand, Joseph! Als der Arzt für einen
               Augenblick das Zimmer verlassen hatte, da zog ich das Papier hervor und hielt es an
               die Flamme des Lichtes. Ich konnte meinen Vater nicht ansehen, aber ich gelobte ihm
               mit weggewandtem Gesicht, daß ich schweigen wolle für immer, daß mit meinem Willen
               kein Flecken auf seine Ehre fallen solle ... Wie lächelte Paul Hellwig teuflisch bei
               diesem Schwur! ... O Joseph, das that ich! Ich sicherte meiner Familie das Dir
               gestohlene Erbe, in dem Augenblick, wo Dich der Mangel auf das Sterbebett warf!«</p>
            <pb/>
         </div>
         <div type="chapter">
            <head>25</head>
            <p>Felicitas schlug erschöpft das Buch zu – sie konnte nicht weiter lesen. Draußen pfiff
               und tobte es an den Fenstern vorüber, daß sie klangen und klirrten – was war dies
               Brauen gegen die Stürme in der Menschenbrust, von denen das Buch erzählte!</p>
            <p>Tante Cordula, du bist gemartert und gekreuzigt worden! Die in dem gestohlenen Gut
               schwelgten, sie stellten sich auf den hohen Standpunkt angestammter Familientugend
               und Rechtschaffenheit; sie verstießen dich als eine Entartete, und die blinde Welt
               bestätigte diesen Urteilsspruch. Hoch droben in den Lüften standest du, verfemt und
               verlästert, und hinter den festgeschlossenen Lippen ruhte dein Geheimnis! Du riefst
               nicht Wehe über die Blinden da drunten – sie aßen gar oft dein Brot und erfaßten
               unbewußt deine rettende Hand in Not und Elend. Dein starker Geist erbaute sich seine
               eigene Welt, und das stille, versöhnliche Lächeln, das im Alter deine Züge
               verschönte, war der Sieg einer erhabenen Seele!</p>
            <p>Welch ein Unding ist die öffentliche Meinung! Die Welt hat nichts Haltloseres, und
               doch darf sie tief und bestimmt eingreifen in das Schicksal der einzelnen! Leiden
               nicht Familien noch nach Jahren für ein einziges Glied, das die öffentliche Stimme
               gerichtet und verfemt hat, und gibt es nicht Geschlechter, die den Nimbus
               angestammter Tugend und Ehrbarkeit mühelos tragen, bloß weil ihr Name dem Volksmunde
               als »gut« geläufig ist? Wie viel unbestrafte Schurkerei hat die öffentliche Meinung
               auf dem Gewissen, und wie oft weint das stille Verdienst unter ihren blinden
               Fußstößen!</p>
            <p>Die Familie Hellwig gehörte auch zu jenen Unantastbaren. Wenn einer gewagt hätte, den
               Finger aufzuheben gegen die stattlichste und stolzeste Erscheinung unter den
               Oelbildern der Erkerstube und zu sagen: »Das ist ein Dieb!« – er wäre gesteinigt
               worden vom großen Haufen. Und doch hatte er den armen <pb/> Schustersohn um sein Erbe
               betrogen; er war gestorben, der Ehrenmann, mit dem Diebstahl auf dem Gewissen, und
               seine Nachkommen waren stolz auf den »sauer und redlich erworbenen« Reichtum des
               alten Handlungshauses ... Wenn er das wüßte, wenn er einen Blick in dies Buch werfen
               könnte, er, der sein eigenes Wünschen derartigen »geheiligten« Traditionen unterwarf,
               der so lange den Satz festgehalten hatte, nach welchem Tugend und Laster, hoher Sinn
               und Gemeinheit sich an die Familie und deren Stellung, nicht aber an das einzelne
               Individuum knüpfen sollten! ...</p>
            <p>Felicitas streckte unwillkürlich die Rechte mit dem Buche wie triumphierend in die
               Höhe und ihre Augen funkelten ... Was hinderte sie, diesen kleinen, grauen Kasten mit
               seinem furchtbaren Inhalt dort auf dem Schreibtisch liegen zu lassen? ... Dann kommt
               er herein und setzt sich arglos in die traute, epheuumhangene Nische. Die wuchtige
               Stirne voll tiefer Gedanken, nimmt er die Feder auf, um an dem dort liegenden
               Manuskript weiterzuarbeiten ... Da steht das kleine, unbekannte Etwas vor ihm – er
               hebt den Deckel auf, nimmt das Buch heraus und liest – und liest, bis er totenbleich
               zurücksinkt, bis die stahlgrauen Augen erlöschen unter der Wucht einer
               schreckensvollen Entdeckung ... Dann ist sein stolzes Bewußtsein lebenslänglich
               geknickt. Er trägt im Verborgenen die Last der Schande ... Will er die
               Annehmlichkeiten seines reichen Erbes genießen – es sind gestohlene Freuden; liest er
               seinen so gepriesenen Namen – es ruht ein häßlicher Flecken darauf ... er ist
               innerlich gebrochen, gemordet für alle Zeiten, der stolze Mann! ...</p>
            <p>Buch und Kasten fielen schallend zur Erde, und ein heißer Thränenstrom stürzte aus
               Felicitas' Augen ... »Nein, tausendmal lieber sterben, als ihm dies Leid anthun!« ...
               War der Mund, der diese Worte bebend herausstieß, derselbe, welcher einst hier,
               zwischen diesen vier Wänden gesagt hatte: »Ich würde es nicht beklagen, wenn ihm ein
               Leid widerführe, und wenn ich ihm zu einem Glücke verhelfen könnte, ich würde keinen
               Finger bewegen!« War das wirklich noch der alte, wilde Haß, der sie weinen machte,
               der ihr Herz mit unsäglichem Weh erfüllte bei dem Gedanken, er könne leiden? War es
               Abscheu, das süße Gefühl, mit welchem sie plötzlich seine kraftvolle, männliche
               Gestalt vor sich heraufbeschwor, und hatte die glückselige Genugthuung, daß sie
               berufen sei, die Hände schützend über seinem Haupte zu halten, ihn vor einer
               niederschmetternden Erfahrung zu bewahren, noch etwas gemein <pb/> mit dem häßlichen
               Gefühl der Rache? ... Haß, Abscheu und Rachedurst – sie waren spurlos verlöscht in
               ihrer Seele! ... Wehe, sie hatte ihr Steuer verloren! ... Sie taumelte zurück und
               schlug die Hände vor das Gesicht – der geheimnisvolle Zwiespalt ihres Herzens lag
               gelöst vor ihr, aber nicht unter jenem Lichte einer himmlischen Erkenntnis, das
               plötzlich ungeahnte, lachende Gefilde bestrahlt – es war ein grelles Wetterleuchten,
               in welchem ein Abgrund zu ihren Füßen sichtbar wurde ...</p>
            <p>Fort, fort – es hielt sie nichts mehr! Noch einmal den Weg über die Dächer zurück,
               dann den letzten eilenden Schritt über die Schwelle des Hellwigschen Hauses, und sie
               war frei, sie war entflohen auf Nimmerwiedersehen!</p>
            <p>Sie raffte das Buch auf und schob es in ihre Tasche – aber da stand sie mit zur
               Flucht gehobenem Fuße und zurückgehaltenem Atem einen Moment wie versteinert –
               draußen im Vorsaal war eine Thür zugeschlagen worden, und jetzt schritt es rasch auf
               das Wohnzimmer zu. Sie floh in den Vorbau und riß die Glasthür auf – der Sturm fuhr
               herein und schleuderte ihr einzelne große Regentropfen in das Gesicht ... Ihre Augen
               irrten über das Dächerquadrat, da hinüber kam sie nicht mehr, dort mußte sie gesehen
               werden – ihre einzige Rettung war ein augenblickliches Versteck.</p>
            <p>Zwischen der Vorbauwand und den Blumentöpfen lief ein schmaler, unbesetzter Raum
               empor. Felicitas flüchtete hinauf und erfaßte droben taumelnd und mit versagenden
               Blicken die Eisenstange des Blitzableiters, der sich über den First hinzog. Sie stand
               hoch über dem Vorbau ... Hei, wie der Sturm die zarte Gestalt packte und schüttelte,
               wie er in erneutem Ingrimm versuchte, sie hinabzustoßen in die Straße, die wie ein
               dunkler Spalt jenseits herauf klaffte ... Ueber den Himmel hin brausten die schwarzen
               Gewitterwolken – war kein Engel droben über der kochenden, gärenden Wetterwand, der
               seine Hände schirmend herniederstreckte auf die mit der furchtbarsten Gefahr
               Ringende?</p>
            <p>Wer es auch sein mochte, der in diesem Augenblick heraustrat auf die Galerie, das
               Mädchen da droben stand als Diebin gebrandmarkt vor ihm ... Sie war in verschlossene
               Räume eingedrungen – die ganze Welt nannte das Einbruch; schon hatte man die Anklage,
               daß sie um den Silberdiebstahl wisse, auf ihr Haupt geschleudert – jetzt lag ihre
               Schuld sonnenklar am Tage! Sie wanderte nicht mehr freiwillig über die Schwelle des
               alten Kaufmannshauses, sie wurde hinausgestoßen als Entehrte, und <pb/> wie Tante
               Cordula mußte sie fortan mit festgeschlossenen Lippen Schimpf und Schmach
               unverschuldet durchs Leben tragen ... War es da so schrecklich, wenn sie sich dem
               Arme des Sturmes willig überließ und nach wenigen qualvollen Augenblicken ihr junges
               Leben drunten auf dem Straßenpflaster aushauchte? ...</p>
            <p>Mit wirren Blicken starrte sie hinab auf das vorspringende Dach des Vorbaues – die
               Person unter blieb nicht vor der Glasthür stehen – Felicitas' letzte verzweifelte
               Hoffnung – sie schritt, trotz Sturm und Wetter, weiter und weiter auf der Galerie,
               und jetzt wurde die Gestalt sichtbar – es war der Professor ... Hatte er die
               fliehenden Schritte des Mädchens gehört? – Noch kehrte er ihr den Rücken, noch war es
               möglich, daß er zurückging, ohne sie gesehen zu haben – aber da kam der Sturm, der
               Verräter; er zwang den Professor, sich umzudrehen, und ließ in dem Augenblick Haar
               und Gewand der Flüchtigen wild aufflattern – und er erblickte die Gestalt mit den
               krampfhaft um das Eisen geschlungenen Armen und dem geisterhaften Gesicht, das aus
               den wogenden Haarmassen verzweiflungsvoll auf ihn niedersah.</p>
            <p>Einen Augenblick war es, als gerinne ihr unter dem entsetzten Blick, der sie traf,
               das Blut in den Adern; dann aber schoß es siedend nach dem Kopfe und raubte ihr den
               letzten Rest von Besonnenheit.</p>
            <p>»Ja, da steht die Diebin! Holen Sie das Gericht, holen Sie Frau Hellwig! Ich bin
               überführt!« rief sie unter bitterem Auflachen hinab. Sie ließ mit der Linken die
               Eisenstange los und warf das Haar zurück, das ihr der Sturm über das Gesicht
               peitschte.</p>
            <p>»Um Gottes willen,« schrie der Professor auf, »fassen Sie die Stange – Sie sind
               verloren!«</p>
            <p>»Wohl mir, wenn's vorüber wäre!« klang es schneidend durch das Brausen und
               Pfeifen.</p>
            <p>Er sah den schmalen Raum nicht, auf welchem Felicitas emporgeklimmt war. In wenig
               Augenblicken hatte er die Blumentöpfe herabgeschleudert und sich einen Weg gebahnt,
               und da stand er plötzlich neben ihr. Er umschlang mit unwiderstehlicher Kraft die
               widerstrebende Gestalt und zog sie herab in den Vorbau – krachend fiel die Thür
               hinter ihnen in das Schloß.</p>
            <p>Der starke, mutige Geist des Mädchens war gebrochen – völlig betäubt, wußte sie
               nicht, daß ihr vermeintlicher Widersacher sie noch stützte; sie hatte die Augen
               geschlossen und sah nicht, wie sein Blick tiefsinnig auf ihrem bleichen Gesicht
               ruhte. »Felicitas,« flüsterte er mit tiefer, bittender Stimme.</p>
            <p>
               <pb/> Sie fuhr empor und begriff sofort ihre Lage. Aller Groll, alle Bitterkeit, an
               denen sich ihre Seele jahre lang genährt, kamen nochmals über sie – sie riß sich
               heftig los, und da war er wieder, der dämonische Ausdruck, der eine tiefe Falte
               zwischen ihre Augenbrauen grub und die Mundwinkel in herben Linien umzog!</p>
            <p>»Wie mögen Sie die Paria anrühren?« rief sie schneidend. Aber ihre hochaufgerichtete
               Gestalt sank sofort wieder in sich zusammen; sie vergrub ihr Gesicht in den Händen
               und murmelte grollend: »Nun, so verhören Sie mich doch – Sie werden zufrieden sein
               mit meinen Aussagen!«</p>
            <p>Er nahm ihre Hände sanft zwischen die seinen.</p>
            <p>»Vor allem werden Sie ruhiger, Felicitas!« sagte er in jenen weichen,
               beschwichtigenden Tönen, die sie schon am Bette des kranken Kindes wider Willen
               bewegt hatten. »Nicht den wilden Trotz, mit dem Sie mich geflissentlich zu verletzen
               suchen! ... Sehen Sie sich um, wo wir sind! Hier haben Sie als Kind gespielt, nicht
               wahr? ... Hier hat Ihnen die Einsiedlerin, für die Sie heute so heiß gekämpft haben,
               Schutz, Belehrung und Liebe gewährt? ... Was Sie auch hier gethan oder gesucht haben
               mögen – es ist kein Unrecht gewesen, ich weiß es, Felicitas! Sie sind trotzig,
               verbittert und über die Maßen stolz, und diese Eigenschaften verleiten Sie oft zur
               Ungerechtigkeit und Härte – aber einer gemeinen Handlung sind Sie nicht fähig ... Ich
               weiß nicht, wie es kam, aber es war mir, als müsse ich Sie hier oben finden –
               Heinrichs scheu es, verlegenes Gesicht, sein unwillkürlicher Blick nach der Treppe,
               als ich nach Ihnen fragte, bestärkten mich in meiner Annahme ... Sagen Sie kein
               Wort!« fuhr er mit erhobener Stimme fort, als sie ihre heißen Augen rasch zu ihm
               aufschlug und die Lippen öffnete. »Verhören will ich Sie freilich, aber in einem ganz
               anderen Sinne, als Sie denken – und ich glaube, ich habe ein Recht dazu, nachdem ich
               durch Sturm und Wetter geschritten bin, um mir meine Tanne herabzuholen.«</p>
            <p>Er zog sie tiefer in das Zimmer hinein – schien es doch, als sei es ihm zu hell im
               Vorbau, als bedürfe er der halben Dämmerung des Wohnzimmers, um weiter sprechen zu
               können. Felicitas fühlte, wie ein leises Beben durch seine Hände ging. Sie standen
               genau auf der Stelle, wo sie vorhin einen furchtbaren Kampf mit sich selbst gekämpft
               hatte, wo sie versucht gewesen war, ihm einen Dolch in das Herz zu stoßen, ihn
               moralisch zu lähmen für seine ganze Lebenszeit ... Sie senkte den Kopf <pb/> tief auf
               die Brust, als eine Schuldbewußte, unter den Augen, die, sonst so tiefernst, jetzt
               eine wunderbare Glut ausstrahlten.</p>
            <p>»Felicitas, wenn Sie hinabgestürzt wären!« hob er wieder an, und es war, als liefe
               noch bei dieser Vorstellung ein Schauder durch seine kräftige Gestalt. »Soll ich
               Ihnen sagen, was Sie mir angethan haben durch diesen verzweifelten Trotz, der lieber
               zu Grunde geht, als daß er an das vernünftige Urteil anderer appelliert? Und meinen
               Sie nicht, daß ein Augenblick voll Todesangst und namenloser Leiden ein jahrelanges
               Unrecht zu sühnen vermag?«</p>
            <p>Er hielt erwartungsvoll inne, aber die erblaßten Lippen des jungen Mädchens blieben
               geschlossen, und ihre dunklen Wimpern lagen tief auf den Wangen.</p>
            <p>»Sie haben sich in Ihre bittere Anschauungsweise förmlich verrannt,« sagte er nach
               vergeblichem Warten herb und mit sinkender Stimme, der man die Entmutigung anhörte;
               »es ist Ihnen geradezu unmöglich, eine Wandlung der Dinge zu begreifen.« Er hatte
               ihre Hände sinken lassen, aber jetzt nahm er nochmals ihre Rechte und zog sie heftig
               gegen seine Brust. »Felicitas, Sie sagten neulich, daß Sie Ihre Mutter vergöttert
               haben – diese Mutter hat Sie ›Fee‹ genannt; ich weiß, alle, die Sie lieben, geben
               Ihnen diesen Namen, und so will auch ich sagen: ›Fee, ich suche Versöhnung!‹«</p>
            <p>»Ich habe keinen Groll mehr!« stieß sie mit erstickter Stimme hervor.</p>
            <p>»Das ist eine vielsagende Versicherung aus Ihrem Munde, sie übertrifft meine
               Erwartungen, allein – sie genügt mir noch lange nicht ... Was hilft es, wenn zwei
               sich versöhnen und dann auf Nimmerwiedersehen scheiden? Was hilft es mir, daß ich
               weiß, Sie grollen mir nicht mehr, und ich kann mich nicht stündlich davon überzeugen?
               ... Wenn zwei sich versöhnt haben, die so getrennt gewesen sind wie wir, dann gehören
               sie zusammen – auch nicht eine Meile Raum dulde ich ferner zwischen uns – gehen Sie
               mit mir, Fee!«</p>
            <p>»Ich habe Abscheu vor dem Aufenthalte in einem Institut – ich könnte mich nie in die
               schablonenmäßige Behandlung fügen,« antwortete sie hastig und gepreßt.</p>
            <p>Der Anflug eines Lächelns glitt über sein Gesicht.</p>
            <p>»Ach, das möchte ich Ihnen auch nicht anthun! ... Die Idee mit dem Institut war nur
               ein Notbehelf, Fee. Ich selbst wäre dann ziemlich ebenso übel daran ... Es könnte
               sich ereignen, daß ich Sie einen, auch zwei Tage nicht sehen dürfte, und dann stände
               ein Dutzend naseweiser Mitschülerinnen um uns her und <pb/> finge jedes Wort auf, das
               zwischen uns fiel; oder Frau von Berg, die strenge Vorsteherin, säße daneben und
               duldete nicht, daß ich auch nur einmal diese kleine Hand in der meinigen behielt ...
               Nein, ich muß zu jeder Stunde in dies liebe, trotzige Gesicht da sehen dürfen – ich
               muß wissen, daß da, wohin ich nach den Anstrengungen meines Berufes zurückkehre,
               meine Fee auf mich wartet und an mich denkt – ich muß am stillen, trauten Abend
               inmitten meiner vier Wände bitten dürfen: ›Fee, ein Lied!‹ Das alles aber kann nur
               geschehen, wenn – Sie mein Weib sind!«</p>
            <p>Felicitas stieß einen Schrei aus und versuchte sich loszureißen; aber er hielt sie
               fest und zog sie näher an sich heran.</p>
            <p>»Der Gedanke erschreckt Sie, Felicitas!« sagte er tief erregt. »Ich will hoffen, daß
               es nur der Schreck des Unerwarteten ist und nichts Schlimmeres ... Ich sage ja mir
               selbst, daß es vielleicht langer Zeit bedürfen wird, ehe Sie mir das sein können, was
               ich ersehne – gerade bei Ihrem Charakter läßt sich eine so rasche Wandlung schwer
               annehmen, nach welcher der ›verabscheute Todfeind‹ ein Gegenstand inniger Neigung
               werden soll. Aber ich will um Sie werben mit aller Ausdauer einer unvergänglichen
               Liebe; ich will warten – so schwer dies auch sein mag – bis Sie mir einst aus eigenem
               Antriebe sagen: ›Ich will, Johannes!‹ ... Ich weiß ja, welche Wunder im
               Menschenherzen vorgehen können. Ich floh aus der kleinen Stadt, um mir selbst und
               meinen furchtbaren inneren Kämpfen zu entrinnen, und da vollzog sich das Wunder erst
               recht! Der qualvollsten Sehnsucht gegenüber zerfielen diese Kämpfe in nichts; ich
               wußte nun, daß das, was ich vermessen und trotzig abschütteln wollte, meines Lebens
               Seligkeit werden würde ... Fee, inmitten nichtssagenden Geschwätzes und koketter
               Gesichter schritt das einsame Mädchen mit der energischen Haltung und der weißen
               Stirne voll kraftvoller Gedanken unablässig neben mir her, über Berg und Thal – sie
               gehörte zu mir, sie war die andere Hälfte meines Lebens, ich sah ein, daß ich mich
               nicht von ihr losreißen könne, ohne mich innerlich zu verbluten! ... Und nun ein
               einziges Wort der Beruhigung, Felicitas!«</p>
            <p>Das junge Mädchen hatte allmählich ihre Hand aus der seinigen gezogen. Wie war es
               möglich, daß ihm, während er sprach, die Veränderung in ihrem Aeußeren entgehen
               konnte! Die Brauen wie in heftigem, physischem Schmerz zusammengezogen, haftete ihr
               erloschener Blick längst am Boden, und die eiskalten Finger verschlangen sich
               krampfhaft ineinander.</p>
            <p>
               <pb/> »Beruhigung wollen Sie von mir?« versetzte sie mit schwacher Stimme. »Vor einer
               Stunde haben Sie mir gesagt: ›Das soll Ihr letzter Kampf gewesen sein‹, und jetzt
               schleudern Sie mich mit eigener Hand in den entsetzlichsten, den die Menschenseele
               durchzumachen hat! ... Was ist ein Kampf wider äußere Feinde gegen das Ringen mit
               sich selbst und den eigenen Wünschen?« Sie hob die festverschlungenen Hände empor und
               warf wie in Verzweiflung den Kopf zurück. »Ich weiß nicht, was ich verbrochen habe,
               daß Gott mir diese unselige Liebe ins Herz gelegt hat!«</p>
            <p>»Fee!«</p>
            <p>Der Professor breitete seine Arme aus, um sie an seine Brust zu ziehen, aber sie
               streckte ihm abwehrend die Hände entgegen, wenngleich ein Schimmer der Verklärung
               über ihr Gesicht flog. »Ja, ich liebe Sie – das sollen Sie wissen!« wiederholte sie
               in Tönen, die zwischen Jauchzen und Thränen schwankten. »Ich würde schon in diesem
               Augenblick sagen können: ›Ich will, Johannes!‹ aber diese Worte werden nie
               ausgesprochen werden!«</p>
            <p>Er wich zurück und Leichenblässe bedeckte sein Gesicht; er kannte »das Mädchen mit
               der energischen Haltung und der weißen Stirne voll kraftvoller Gedanken« viel zu gut,
               um nicht zu wissen, daß sie mit diesem Ausspruch für ihn verloren sei.</p>
            <p>»Sie sind geflohen aus X., und warum?« hob sie fester an; sie richtete sich empor,
               und einer ihrer durchdringendsten Blicke traf die Augen, aus denen plötzlich alles
               Leben entwichen schien. »Ich will es Ihnen sagen. Ihre Liebe zu mir war ein
               Verbrechen gegen Ihre Familie, sie stieß alle Ihre wohlgepflegten Grundsätze um und
               mußte deshalb wie ein Unkraut aus Ihrem Herzen gerissen werden. Daß Sie von Ihrer
               Flucht nicht geheilt zurückgekehrt sind, ist nicht Ihre Schuld – Sie unterlagen
               derselben Macht, die auch mich zwingt, Sie gegen meine Grundsätze zu lieben ... Wohl
               mag es ein erbitterter Kampf gewesen sein, bis alle die stolzen Kauf- und
               Handelsherren dem verachteten Spielerskinde Platz gemacht haben – nichts in der Welt
               wird mich glauben machen, daß ich diesen Platz für meine ganze Lebenszeit behaupten
               werde! ... Sie haben mir vor wenigen Wochen die unerschütterliche Ueberzeugung
               ausgesprochen, daß die Standesverschiedenheit in der Ehe sich unausbleiblich räche –
               dieses Prinzip haben Sie Gott weiß wie viele Jahre hindurch festgehalten, es kann
               unmöglich in den sechs Wochen sich spurlos verflüchtigt haben, es ist nur übertüncht,
               es wird nur verleugnet – und selbst wenn es einer <pb/> anderen Ueberzeugung gewichen
               wäre, was müßte alles geschehen, um die Erinnerung an diesen Ausspruch in meiner
               Seele zu verlöschen!«</p>
            <p>Sie schwieg einen Augenblick erschöpft. Der Professor hatte die Rechte auf die Augen
               gepreßt, und um seine Lippen zuckte es wie ein leichter Krampf. Jetzt ließ er die
               Hand sinken und sagte tonlos: »Ich habe die Vergangenheit gegen mich – aber Sie sind
               doch im Irrtum, Felicitas ... O Gott, wie soll ich Ihnen das beweisen!«</p>
            <p>»In den äußeren Verhältnissen hat sich nicht das mindeste geändert,« fuhr sie
               unerbittlich fort. »Es ist weder ein Flecken auf Ihre Familie gefallen, noch bin ich
               irgendwie meinem verachteten Standpunkte entrückt – meine Persönlichkeit ist es
               mithin allein, welche diese Umkehr bewirkt hat – es wäre vermessen und gewissenlos
               von mir, wollte ich den Moment benutzen, wo Sie die mit Ihnen festverwachsenen
               Prinzipien mühsam niederhalten und nur Ihrer Liebe Gehör geben ... Ich frage Sie aufs
               Gewissen: Nicht wahr, Sie haben eine sehr hohe Meinung von der Vergangenheit Ihrer
               Familie? ... Und haben Sie sich auch nur einen Augenblick einzureden vermocht, daß
               diese Vorfahren, die sämtlich standesgemäß gewählt hatten, eine solche Mißheirat
               ihres Enkels billigen würden?«</p>
            <p>»Felicitas, Sie sagen, Sie lieben mich, und sind fähig, mich so systematisch zu
               martern?« rief er heftig.</p>
            <p>Ihr Blick, der unverwandt auf seinem Gesicht geruht hatte, schmolz – wer hätte in
               diesen stolzen, zurückweisenden Augen den Ausdruck unbeschreiblicher Zärtlichkeit
               gesucht, der sie jetzt beseelte! Sie nahm die Rechte des Professors in ihre beiden
               Hände.</p>
            <p>»Als Sie mir vorhin das Leben an Ihrer Seite schilderten, da habe ich mehr gelitten,
               als sich aussprechen läßt,« sagte sie in tiefster Bewegung; »es würden vielleicht
               hundert andere an meiner Stelle die Augen vor der Zukunft verschließen und nach
               diesem augenblicklichen Glück greifen, aber so wie ich einmal bin, kann ich das nicht
               ... Das, was lebenslänglich zwischen uns stehen wird, ist meine Furcht vor Ihrer
               Reue. Bei jedem finsteren Blick, bei jeder Falte auf Ihrer Stirne würde ich denken:
               ›Jetzt ist der Augenblick da, wo er bedauert, wo er umkehrt zu seinen ursprünglichen
               Ansichten, wo er dich innerlich verstößt als die Ursache seines Abfalles!‹ Ich würde
               Sie unglücklich machen mit diesem Mißtrauen, das ich nicht besiegen könnte.«</p>
            <p>»Das ist eine furchtbare Wiedervergeltung!« sagte er dumpf und schmerzlich.
               »Uebrigens will ich dies Unglück getrost auf mich nehmen ... Ich will Ihr Mißtrauen
               ohne Murren ertragen, so tief verwundend es auch ist – es muß ja doch einmal eine
               Zeit kommen,<pb/> wo es hell zwischen uns wird ... Felicitas, ich werde Ihnen eine
               Häuslichkeit schaffen, in der Ihnen so böse Gedanken gar nicht kommen können.
               Freilich wird es sich ereignen, daß ich manche Falte auf der Stirne, manch' finsteren
               Blick mit nach Hause bringe – die sind unausbleiblich in meinem Wirkungskreise – aber
               dann ist ja eben meine Fee da, die sofort die Falten verwischt und den Blick aufhellt
               ... Könnten Sie es wirklich über das Herz bringen, Ihre eigene Liebe zu zertreten und
               einen Mann, dem Sie das höchste Erdenglück zu geben vermögen, elend zu machen?«</p>
            <p>Felicitas war allmählich nach der Thür zugeschritten, sie fühlte ihre moralische
               Kraft treulos werden dieser angstvollen Beredsamkeit gegenüber, und doch mußte sie
               fest bleiben gerade um seinetwillen.</p>
            <p>»Wenn Sie mit mir in Abgeschiedenheit und Einsamkeit leben könnten, dann würde ich
               Ihnen willig folgen,« entgegnete sie, während sie hastig das Thürschloß ergriff, als
               sei es ihr letzter Halt. »Glauben Sie nicht, daß ich die Welt selbst und ihr Urteil
               scheue – sie urteilt meist blind und einsichtslos – aber im Verkehr mit ihr fürchte
               ich eben den Feind in Ihnen selbst. Dort gilt eine ›respektable‹ Herkunft sehr viel,
               und ich weiß, daß Sie darin mit der Welt harmonieren ... Sie haben einen bedeutenden
               Familienstolz – wenn Sie ihm auch in diesem Augenblick kein Recht einräumen – im
               Umgange mit solchen Bevorzugten wird und muß Ihnen früher oder später der bedauernde
               Gedanke kommen, daß Sie viel, sehr viel für mich aufgegeben haben.«</p>
            <p>
               <pb/> »Das heißt also mit anderen Worten, wenn ich Sie besitzen will, dann muß ich
               entweder meinen Wirkungskreis aufgeben und in einer Einöde leben, oder irgend einen
               Flecken, einen unwürdigen Moment aus der Vergangenheit meiner Familie aufzufinden
               suchen!« rief er gereizt und bitter.</p>
            <p>Eine jähe Röte stieg bei seinen letzten Worten in das Gesicht des jungen Mädchens.
               Unwillkürlich glitt ihre Hand über die Falten ihres Kleides und befühlte die scharfen
               Ecken des grauen Kastens, ob er auch sicher sei in seinem Versteck.</p>
            <p>Der Professor durchmaß in unbeschreiblicher Aufregung das Zimmer.</p>
            <p>»Das trotzige, unbeugsame Element in Ihrem Charakter hat mir bereits viel zu schaffen
               gemacht,« fuhr er in demselben Tone fort, indem er vor Felicitas stehen blieb, »es
               zieht mich an und erbittert mich zugleich; in diesem Augenblick jedoch, wo Sie mit
               rauher Konsequenz mir meine Liebe vor die Füße werfen und sich selbst zu einem so
               unnützen Opfer verurteilen, fühle ich geradezu eine Art Haß, einen wilden Ingrimm –
               ich könnte es zertreten! ... Ich sehe ein, daß ich für jetzt nicht um einen Schritt
               weiter mit Ihnen komme – aber Sie aufgeben, daran denkt meine Seele nicht! ... Ihre
               Versicherung, daß Sie mich lieben, ist für mich ein unverbrüchlicher Schwur – Sie
               werden mir niemals treulos werden, Felicitas?«</p>
            <p>»Nein,« versetzte sie rasch, und wohl gegen ihren Willen brach abermals ein voller
               Strahl der Liebe aus ihren Augen.</p>
            <p>Der Professor legte seine Hand auf den Scheitel des jungen Mädchens, bog ihren Kopf
               leicht zurück und sah ihr mit einem Gemisch von Schmerz, Groll und Leidenschaft in
               das Gesicht ... Er schüttelte leise den Kopf, als unter diesem beschwärenden Blicke
               ihre Wimpern sich tief auf die Wangen legten und die Lippen festgeschlossen blieben –
               ein tiefer Seufzer hob seine Brust.</p>
            <p>»Nun, da gehen Sie!« sagte er gepreßt und tonlos. »Ich willige in eine vorläufige
               Trennung, aber nur unter der Bedingung, daß ich Sie öfter sehen darf, wo Sie auch
               sein mögen, und daß ein schriftlicher Verkehr zwischen uns bleibt.«</p>
            <p>Sie schalt sich innerlich unsäglich schwach, daß sie ihm zusagend die Hand
               hinreichte, doch ihm diesen Trost zu nehmen, vermochte sie nicht ... Er wandte sich
               rasch ab, und sie trat hinaus in den Vorsaal.</p>
            <pb/>
         </div>
         <div type="chapter">
            <head>26</head>
            <p>Draußen streckte sie in namenloser Qual unwillkürlich die Arme gen Himmel. Wie hatte
               sie gelitten in den letzten Augenblicken, die an Bitterkeit und Schmerzen alles
               hinter sich ließen, was dies junge, schwergeprüfte Herz bereits hatte durchkämpfen
               müssen.</p>
            <p>Sie zog wie unbewußt den kleinen Kasten hervor – das Geheimnis da drinnen
               zertrümmerte sofort die Schranke, die sich zwischen ihr und dem geliebten Manne
               auftürmte, es fiel schwer in die Wagschale ihrer verachteten Herkunft gegenüber – kam
               der Versucher nochmals über sie? Nein, Tante Cordula, dein Wille soll geschehen, so
               glänzend auch dies Buch dich rechtfertigt! Und er? ... Ihn wird die Zeit heilen; der
               Schmerz der Entsagung heiligt die Seele – die Mitwissenschaft eines Verbrechens aber
               erniedrigt und lähmt sie für immer ... Noch in dieser Stunde sollte dies kleine,
               unheilvolle Buch zu Asche werden! Felicitas sah noch einmal nach der Thür zurück,
               hinter welcher sie den Professor rastlos auf und ab gehen hörte, dann glitt sie die
               Mansardentreppe hinab und öffnete geräuschlos die gemalte Thür.</p>
            <p>Den Wanderer, der ahnungslos auf den grauenvollen Leib einer Schlange tritt und
               plötzlich das furchtbare Haupt der Gereizten vor sich aufbäumen sieht, ihn kann kein
               größeres Entsetzen <pb/> packen, als Felicitas in dem Augenblick empfand, wo sie in
               den Korridor heraustrat. Fünf Finger legten sich mit raschem Griff wie Eisen um ihre
               Linke, die noch den Kasten hielt, und dicht neben ihrem Gesicht funkelten zwei Augen
               in einem grünlichen Lichte – es waren die süßen, sanften Madonnenaugen der
               Regierungsrätin.</p>
            <p>Das schöne Weib hatte in diesem Moment den bestrickenden Zauber weiblicher Anmut und
               Zartheit völlig abgestreift – wie konnten diese rosigen, im Gebet so weich und
               graziös sich verschlingenden Hände derb und energisch zugreifen und festhalten!
               Welcher Ausdruck satanischer Bosheit lag in diesem Engelsangesicht und verzerrte die
               kindlich weichen Linien bis zur Unkenntlichkeit!</p>
            <p>»Das trifft sich ja scharmant, schöne, stolze Karoline, daß ich Ihnen gerade begegnen
               muß in dem Augenblick, wo Sie dies allerliebste Schmuckkästchen in Sicherheit bringen
               wollen!« rief sie hohnlachend und legte rasch auch noch ihre Linke wie einen
               Schraubstock auf die Hand des Mädchens, das sich loszureißen suchte. »Haben Sie die
               Freundlichkeit, diesen unglücklichen, kleinen Verräter da noch ein wenig in der Hand
               zu behalten – es liegt mir durchaus nichts daran, daß Sie ihn fallen lassen ... Nur
               noch einen Moment Geduld; ich brauche einen Zeugen, um vor Gericht beweisen zu
               können, daß ich die Diebin auf frischer That ertappt habe – Johannes, Johannes!«</p>
            <p>Wie klang es schrill und kreischend durch den Korridor, das sonst so silberreine, in
               Erbarmen und christlicher Milde hinschmelzende Organ der jungen Witwe!</p>
            <p>»Ich bitte Sie um Gottes willen, lassen Sie mich los, gnädige Frau!« bat Felicitas in
               Todesangst, während sie mit ihr rang.</p>
            <p>»Nicht um die Welt! Er soll sehen, wen er heute an seine Seite gestellt hat ... Es
               war wohl recht süß, zu hören: ›Hier ist Ihr Platz?‹ Sie glaubten sich am Ziele, Sie
               ehrlose Kokette, aber ich bin auch noch da!«</p>
            <p>Sie wiederholte ihren Hilferuf – es war unnötig; der Professor kam bereits die Treppe
               herab und trat in die Thür; zu gleicher Zeit erschien Heinrich am anderen Ende des
               Korridors.</p>
            <p>»Ach, da oben warst du, Johannes?« rief die Regierungsrätin. »Ich glaubte dich hier
               unten im zweiten Stock. In dem Falle ist ja die Kunst dieser jungen
               Taschenspielerstochter um so mehr zu bewundern, als sie dir das Erbteil der seligen
               Tante sozusagen unter der Hand wegeskamotiert hat!«</p>
            <p>
               <pb/> »Bist du von Sinnen, Adele?« rief er rasch, die letzte Stufe verlassend, von wo
               aus er erstaunt die unbegreifliche Szene überblickt hatte.</p>
            <p>»Ganz und gar nicht!« klang es ironisch zurück. »Halte mich nicht für gewaltthätig,
               lieber Vetter, weil ich notgedrungen das Amt eines Häschers übernehmen mußte. Aber
               der Herr Rechtsanwalt Frank verweigerte mir indigniert seine Hilfe bei Entdeckung des
               Silberdiebes, du selber nahmst diese Unschuld hier unter deine Flügel – was blieb mir
               da anders übrig, als eigenmächtig zu handeln? Du siehst diese fünf Finger hier, sie
               umklammern den Kasten, den sie von da oben herabgetragen haben – diese Thatsache wäre
               konstatiert, und nun wollen wir sehen, was die Elster in ihr Nest tragen wollte!«</p>
            <p>Sie riß mit Blitzesschnelle den Kasten aus Felicitas' Hand. Das junge Mädchen stieß
               einen Schrei aus und haschte angstvoll nach dem entrissenen Geheimnis, allein die
               Regierungsrätin flog auflachend mit dem Raube einige Schritte tiefer in den Korridor
               und hob in fieberhafter Hast den Deckel ab.</p>
            <p>»Ein Buch!« murmelte sie bestürzt – Kasten und Deckel fielen zur Erde. Sie nahm den
               Einband mit beiden Händen, schüttelte das Buch heftig hin und her und ließ die
               Blätter voneinander klaffen – es sollten und mußten doch wenigstens Banknoten oder
               Dokumente oder irgend etwas Wertvolles herausfallen – nichts von allem dem!</p>
            <p>Unterdes hatte sich Felicitas von ihrem tödlichen Schrecken erholt. Sie ging der Dame
               nach und verlangte mit ernsten Worten das Buch zurück; aber bei aller scheinbaren
               Ruhe hörte man doch die innere Angst deutlich an ihrer Stimme.</p>
            <p>»Ha – meinen Sie wirklich?« rief die junge Witwe hämisch und drehte ihr, das Buch
               fest an ihre Brust drückend, gewandt den Rücken zu. »Sie sehen mir viel zu ängstlich
               aus, als daß ich meinen Verdacht sofort aufgeben sollte,« fuhr sie fort, indem sie
               den Kopf verächtlich über die Schulter nach dem jungen Mädchen zurückbog. »Irgend
               eine Bewandtnis muß es mit dieser Geheimthuerei haben – lassen Sie uns einmal sehen,
               meine Kleine!«</p>
            <p>Sie schlug das Buch auf – es waren keine Banknoten, keine Kostbarkeiten, die auf dem
               gelb gewordenen Blatte dalagen – nur Worte, zart und anmutig geschriebene Worte; aber
               wenn plötzlich aus diesem häßlichen Büchlein ein Dolch nach der Brust <pb/> der
               jungen Witwe gezückt worden wäre, sie hätte nicht entsetzter und fassungsloser
               zurückschrecken können, als bei dem augenblicklichen Ueberfliegen dieser so harmlos
               aussehenden, über die aufgeschlagene Seite hingestreuten kleinen Worte! Das rosige
               Gesicht wurde weiß bis in die Lippen, sie legte instinktmäßig die Hand bedeckend über
               die stieren Augen, und die üppige Gestalt sah für einen Moment aus, als bedürfe sie
               einer Stütze, um nicht zusammenzubrechen.</p>
            <p>Aber diese junge Frau hatte sich ja zeitlebens in der Selbstbeherrschung vor Zeugen
               geübt, um des Nimbus der Gottseligkeit willen. Sie hatte gelernt, die Augen fromm und
               madonnenhaft zum Himmel aufzuschlagen, ob auch ihr Herz in Groll und Rache schwoll;
               sie konnte mit tiefer Inbrunst einer Predigt zuhören, während ihre Seele bei einer
               neuen Toilette verweilte; sie sprach, wo sie konnte, empört und mit dem Rot der
               Entrüstung auf den Wangen über das sündhafte Treiben der Welt, über den nicht zu
               verzeihenden Mangel an Bibellesen und las heimlich die schlüpfrigsten französischen
               Romane.</p>
            <p>Diese unglaubliche Biegsamkeit und Elastizität ihres äußeren Menschen hatte sich in
               entscheidenden Momenten stets bewährt, und auch jetzt bedurfte es kaum einiger
               Sekunden, um ihr die vollständigste Fassung zurückzugeben. Sie schlug das Buch zu,
               und ein vortrefflich gelungener Zug der Enttäuschung spielte um ihre blassen
               Lippen.</p>
            <p>»Es ist wirklich eine elende, alte Scharteke!« rief sie nach dem Professor hinüber,
               während sie wie in halber Zerstreutheit das Buch in ihre Tasche schob. »Ich finde es
               sehr albern von Ihnen, Karoline, daß Sie um dieser Lappalie willen einen solchen Lärm
               veranlassen!«</p>
            <p>»Sie hat diesen Lärm veranlaßt?« fragte der Professor rasch hinzutretend – er bebte
               vor innerer Aufregung. »Ich glaubte, du habest mich zu Hilfe gerufen, um dieses junge
               Mädchen vor Zeugen des Silberdiebstahls zu überführen! ... Willst du wohl die
               Gewogenheit haben, deine nichtswürdige Anschuldigung hier auf dieser Stelle zu
               motivieren?«</p>
            <p>»Du siehst, daß ich augenblicklich außer stande bin –«</p>
            <p>»Augenblicklich?« unterbrach er sie heftig. »Du wirst dies kränkende Wort
               zurücknehmen und der Beleidigten in meiner und Heinrichs Gegenwart sofort volle
               Satisfaktion geben!«</p>
            <p>»Mit tausend Freuden, lieber Johannes! Es ist ja Christenpflicht, <pb/> einen Irrtum
               zu bekennen und gut zu machen ... Meine beste Karoline, verzeihen Sie mir, ich habe
               Ihnen unrecht gethan!«</p>
            <p>»Und nun gib das Buch zurück!« befahl der Professor kurz und unerbittlich weiter.</p>
            <p>»Das Buch?« fragte sie mit ihrer völlig wiedergewonnenen, kindlich unschuldigen
               Miene. »Aber, liebster Johannes, es gehört ja gar nicht der Karoline.«</p>
            <p>»Wer sagt dir denn das?«</p>
            <p>»Nun, ich habe flüchtig den Namen der alten Tante Cordula darin gelesen! ... Wenn
               jemand darüber zu verfügen hat, so bist du es, als Erbe ihrer Mobilien und Bücher ...
               Es hat an sich nicht den geringsten materiellen Wert – wie es scheint, ist es eine
               Abschrift alter Dichtungen ... Was wolltest du mit dem sentimentalen Zeuge da
               anfangen? Aber ich bin eine Freundin solcher alten, vergilbten Bücher – für mich ist
               es trotz seiner Unsauberkeit und Plumpheit eine Art Kabinettstück ... Bitte, schenke
               es mir!«</p>
            <p>»Vielleicht, nachdem ich's gesehen haben werde,« versetzte er kalt und achselzuckend
               und streckte die Hand aus, um das Buch in Empfang zu nehmen.</p>
            <p>»Aber es würde ja dadurch gerade einen erhöhten Wert für mich erhalten, wenn du es
               mir unbesehen überlassen wolltest,« bat sie mit lieblich schmeichelnder Stimme
               weiter. »Müßte ich nicht denken, du hättest materielle Rücksichten bei diesem ersten
               und einzigen Geschenk, um das ich dich bitte?«</p>
            <p>Eine dicke Zornader schwoll auf der Stirn des Professors. »Ich erkläre dir hiermit,
               daß es mir sehr gleichgültig ist, wie du über dieses mein Verhalten denkst,« sagte er
               schneidend ... »Ich verlange unter allen Umständen das buch zurück ... Du bist mir
               sehr verdächtig! Die Abschrift irgend einer alten, sentimentalen Dichtung kann
               unmöglich die ›vollendete Weltdame‹ plötzlich so schreckensbleich gemacht haben.«</p>
            <p>Mit diesen Worten vertrat er der Regierungsrätin den Weg; ihr ungewisser Blick, der
               mit Blitzesschnelle die Länge des Korridors durchmaß, und eine rasche Bewegung
               verrieten unwiderleglich, daß sie das Weite suchen wolle. Der Professor ergriff ihre
               Hand und hielt sie fest.</p>
            <p>Felicitas geriet außer sich bei dem Gedanken, daß er seine Absicht erreichen werde.
               Es war ihr schrecklich, das Buch im Besitz der abscheulichen Heuchlerin zu wissen,
               aber sie mußte sich <pb/> selbst sagen, daß es dort so sicher sei, wie in ihren
               Händen, und jedenfalls heute noch für immer spurlos verschwinden werde. Sie stellte
               sich deshalb an die Seite der Regierungsrätin, um ihr die Flucht zu erleichtern.</p>
            <p>»Ich bitte, Herr Professor, lassen Sie der gnädigen Frau das Buch!« bat sie so ernst
               und ruhig, als es ihr in diesem kritischen Moment möglich war. »Sie wird sich beim
               Lesen desselben völlig überzeugen, daß es voreilig war, irgend eine Kostbarkeit in
               dem kleinen Kasten zu vermuten.«</p>
            <p>Der erste mißtrauische Blick fiel aus den stahlgrauen Augen auf ihr Gesicht – es war,
               als träfe sie ein Messerstich; sie wurde flammendrot und schlug die Augen nieder.</p>
            <p>»Also auch Sie lassen sich zu einer Bitte herbei?« fragte er scharf und sarkastisch.
               »Da handelt es sich ganz gewiß um mehr, als um ›sentimentales Zeug!‹ ... Zudem
               erinnere ich mich, daß meine Kousine vorhin behauptete, Sie sähen sehr ängstlich aus,
               und ich gestehe, daß ich dieselbe Bemerkung gemacht habe ... Ich frage Sie jetzt auch
               aufs Gewissen: Was enthält das Buch?«</p>
            <p>Das war ein entsetzlicher Moment. Felicitas rang mit sich selbst; sie öffnete die
               Lippen, aber kein Laut wurde hörbar.</p>
            <p>»Bemühen Sie sich nicht!« sagte er ironisch lächelnd zu dem jungen Mädchen, während
               er die Hand der Regierungsrätin fester zusammenpreßte, da sie verschiedene
               Manipulationen machte, um sich allmählich loszuwinden. »Sie können mitleidslos, rauh
               und entsetzlich aufrichtig sein, aber lügen können Sie nicht ... Das Buch enthält
               also keine Dichtungen, sondern irgend eine Wahrheit, eine Thatsache, die ich um
               keinen Preis wissen soll ... Wirst du endlich die Freundlichkeit haben, Adele, mir
               mein Eigentum, wie du es selbst genannt hast, herauszugeben?«</p>
            <p>»Mache mit mir, was du willst, aber bekommen wirst du es nie!« rief mit
               verzweiflungsvoller Entschiedenheit die Regierungsrätin, die in ihrer Angst gänzlich
               aus der Rolle des harmlos bittenden Kindes fiel. Sie machte abermals verzweifelte
               Anstrengungen, sich loszureißen, und es gelang – sie floh wie gejagt; aber da stand
               Heinrich mit ausgespreizten Armen und Beinen wie eine Mauer und füllte den schmalen
               Korridor völlig aus. Sie prallte zurück. »Unverschämter Mensch, gehen Sie mir aus dem
               Wege!« schrie sie auf und stampfte außer sich mit dem Fuße.</p>
            <p>»Ja wohl, gleich, gnädige Frau Regierungsrätin,« entgegnete er ruhig und höflich,
               ohne jedoch im geringsten seine Stellung <pb/> zu verändern; »geben Sie nur erst das
               Büchelchen her, nachher will ich schon gern auf die Seite treten.«</p>
            <p>»Heinrich!« rief Felicitas herbeispringend; sie rüttelte verzweiflungsvoll an seinem
               Arme. »Ach, das hift dir nichts, Feechen!« schmunzelte er, als seine alten Knochen
               unter den ohnmächtigen Anstrengungen des jungen Mädchens eisenfest verharrten. »Ich
               bin nicht so auf den Kopf gefallen, wie du denkst – du möchtest aus purer
               Gutmütigkeit gern einen dummen Streich machen, und das leide ich nicht!«</p>
            <p>»Laß die Dame vorüber, Heinrich!« gebot der Professor ernst. »Aber hiermit sollst du
               wissen, Adele, daß ich ohne weiteres den einzigen Weg einschlagen werde, der mir zu
               meinem Eigentum verhilft! Es kann mir niemand verwehren, anzunehmen, daß dies Buch
               wichtige Enthüllungen über den Nachlaß der Tante enthält – möglicherweise gibt es
               Aufschluß über verborgene Gelder –«</p>
            <p>»Nein, nein!« beteuerte Felicitas, ihn unterbrechend.</p>
            <p>»Es ist meine Sache, zu denken, was ich will!« versetzte er streng und unerbittlich,
               »und Sie sowohl wie Heinrich werden mir vor Gericht bezeugen, daß diese Dame hier ein
               vielleicht sehr bedeutendes Erbteil meiner Familie unterschlagen hat.«</p>
            <p>
               <pb/> Die Regierungsrätin fuhr empor, als habe sie eine Natter gebissen. Sie warf
               einen wilden Blick auf ihren unbeugsamen Peiniger, und jetzt kam die rasende
               Leidenschaftlichkeit über sie, mit der sie Taschentücher zerriß und Tassen
               zerschmetterte. Sie riß das Buch aus der Tasche und warf es ihm unter gellendem
               Hohngelächter vor die Füße.</p>
            <p>»Da nimm es, du eigensinniger Thor!« rief sie, und ihr ganzer Körper bebte, als
               schüttele sie ein Krampf. »Ich gratuliere dir zu dem interessanten Schriftstück! ...
               Trage die Schande, von der es dir erzählen wird, mit Würde!«</p>
            <p>Sie flog durch den Korridor die Treppe hinab und warf unten die Zimmerthür
               schmetternd in das Schloß.</p>
            <p>Der Professor sah der Regierungsrätin mit einem entschiedenen Ausdruck von lächelndem
               Hohn und tiefer Verachtung nach; dann betrachtete er einen Moment das plumpe Aeußere
               des Buches, während Felicitas' Blick in namenloser Angst an den Fingern hing, die
               sich zwischen die Blätter legten und sie jeden Augenblick aufschlagen konnten. Ein
               Gemisch von sorgenvollem Sinnen und peinlicher Spannung lag in seinen Zügen – die
               letzten verhängnisvollen Worte der Regierungsrätin hatten ihn nicht eigentlich
               frappiert, er hatte offenbar diese Entwickelung des widerwärtigen Vorganges vermutet;
               es handelte sich für ihn jedenfalls nur noch darum, welcher Art die geweissagte
               Schande sei ... Plötzlich sah er auf und in die flehenden braunen Augen des jungen
               Mädchens – welche Gewalt hatten doch diese Augen über den strengen Mann! Es war, als
               streiche sofort eine sanfte Hand glättend über die finster gerunzelte Stirne, und um
               die Lippen zuckte es wie ein halbes Lächeln.</p>
            <p>»Und nun werde ich über Sie Gericht halten!« hob er an. »Sie haben mich schmählich
               hintergangen. Während Sie mir da droben mit einer Aufrichtigkeit gegenüberstehen, auf
               die ich hätte schwören wollen, tragen Sie ein Hellwigsches Familiengeheimnis in der
               Tasche! ... Was soll ich von Ihnen denken, Fee? ... Sie können diese abscheuliche
               Falschheit nur wieder gut machen, wenn Sie ohne Rückhalt meine Fragen
               beanworten.«</p>
            <p>»Ich will alles sagen, was ich darf, aber dann bitte ich Sie, ach, ich bitte Sie
               inständigst, geben Sie mir das Buch zurück!«</p>
            <p>»Ist das wirklich meine stolze, trotzige, unbeugsame Fee, die so süß bitten
               kann?«</p>
            <p>Bei diesen Worten des Professors entfernte sich Heinrich <pb/> unbemerkt und
               wohlweislich, aber er setzte sich wie zum Tod erschrocken auf die erste Treppenstufe
               nieder und griff an seinen grauen Kopf, ob er nach dem Gehörten wirklich noch an der
               alten Stelle sitze.</p>
            <p>»Sie sind also heute lediglich in die Mansardenwohnung eingedrungen, um dies Buch zu
               holen?« inquirierte der Professor.</p>
            <p>»Ja.«</p>
            <p>»Auf welchem Wege? – Ich fand alle Thüren fest verschlossen.«</p>
            <p>»Ich bin über die Dächer gegangen,« versetzte sie zögernd.</p>
            <p>»Das heißt, durch die Bodenräume?«</p>
            <p>Sie wurde dunkelrot. War sie auch befreit von dem Verdachte einer gemeinen Handlung,
               so trug dieselbe immerhin das tadelnswerte Gepräge des Einbruchs.</p>
            <p>»Nein,« sagte sie gedrückt, »durch die Bodenräume führt kein Weg, ich bin aus einem
               der gegenüberliegenden Mansardenfenster gestiegen und über die Dächer gegangen.«</p>
            <p>»Bei diesem furchtbaren Sturm?« fuhr er erbleichend auf. »Felicitas, Sie sind
               entsetzlich in Ihren Konsequenzen!«</p>
            <p>»Es blieb mir keine Wahl!« erwiderte sie bitter lächelnd.</p>
            <p>»Und warum suchten Sie um jeden Preis in den Besitz des Buches zu gelangen?«</p>
            <p>»Ich betrachtete es als ein heiliges Vermächtnis meiner Tante Cordula. Sie hatte mir
               gesagt, der kleine graue Kasten – seinen Inhalt kannte ich nicht – müsse vor ihr
               sterben. Der Tod überraschte sie, und ich hatte die feste Ueberzeugung, daß der
               Kasten nicht vernichtet sei; zudem stand er in dem Geheimfach, welches das sämtliche
               Silberzeug enthält, ich konnte dieses Versteck nicht angeben, ohne das Buch
               unbefugten Händen mit zu überliefern.«</p>
            <p>»Armes, armes Kind, wie mögen Sie sich geängstigt haben! ... Und nun ist all diese
               heroische Selbstverleugnung umsonst gewesen, das Buch ist doch in ›unbefugten
               Händen‹!«</p>
            <p>»O nein, Sie werden es mir zurückgeben!« bat sie in Todesangst.</p>
            <p>»Felicitas,« sagte er ernst und gebieterisch, »Sie werden mir jetzt streng der
               Wahrheit gemäß zwei Fragen beantworten: Kennen Sie den Inhalt genau?«</p>
            <p>»Zum Teil, seit heute.«</p>
            <p>»Und kompromittiert er Ihre alte Freundin?«</p>
            <p>Sie schwieg unschlüssig. Vielleicht gab er ihr bei Bejahung <pb/> dieser Frage das
               Buch behufs der Vernichtung zurück, aber dann beschimpfte sie Tante Cordulas Andenken
               und bestätigte die abscheulichen Gerüchte von ihrer vermeintlichen Schuld.</p>
            <p>»Es ist Ihrer unwürdig, auf Ausflüchte zu sinnen, mag Ihre Absicht auch noch so gut
               und rein sein!« unterbrach er das momentane Schweigen streng. »Sagen Sie einfach ja
               oder nein!«</p>
            <p>»Nein!«</p>
            <p>»Ich wußte es,« murmelte er. »Und nun seien Sie verständig,« mahnte er, »und fügen
               Sie sich in das Unabänderliche, ich werde das Buch lesen!«</p>
            <p>»Sie wurde blaß wie der Tod, aber aufs Bitten verlegte sie sich nicht mehr. »Thun Sie
               das, wenn es sich mit Ihrer Ehre verträgt!« stieß sie hervor. »Sie legen Hand an ein
               Geheimnis, das Sie nicht wissen sollen ... In dem Augenblick, wo Sie das Buch
               aufschlagen, nehmen Sie den furchtbarsten, fortgesetzten Opfern eines ganzen
               Frauenlebens allen Wert!«</p>
            <p>»Sie kämpfen tapfer, Felicitas,« entgegnete er ruhig, »und wären die letzten Worte
               nicht, die jene Frau« – er deutete nach der Richtung, wo die Regierungsrätin
               verschwunden war – »in ihrer Raserei mir hingeworfen hat, so gäbe ich Ihnen das
               schlimme Geheimnis unbesehen zurück. So aber will und muß ich die Schande kennen, die
               auf meinem Namen liegt, und ist die arme Einsame in der Mansarde stark genug gewesen,
               sie vor fremden Augen zu hüten, so werde ich auch wohl die Kraft finden, sie zu
               ertragen ... Ich bin doppelt gezwungen, der Sache auf den Grund zu gehen. Die Linie
               Hellwig am Rhein ist offenbar im Mitbesitz des Geheimnisses und möglicherweise an
               irgend einer Büberei beteiligt – wenn Sie auch schweigen und die Augen
               niederschlagen, ich sehe doch deutlich an Ihrem Gesicht, daß ich richtig vermute –
               meine Kousine wußte ohne Zweifel um die Familienschande und war nur entsetzt, sie
               plötzlich niedergeschrieben zu finden ... ich werde mit diesen Hehlern abrechnen! ...
               Trösten Sie sich, Fee!« fuhr er weich und zärtlich fort und strich sanft mit der Hand
               über den Scheitel des jungen Mädchens, das in stummer Verzweiflung vor ihm stand.
               »Ich kann nicht anders handeln, und wenn mir als Preis die Versicherung geboten
               würde, daß Sie sofort die Meine werden wollten – ich müßte ›Nein‹ sagen!«</p>
            <p>»Ich kann mich nie wieder beruhigen,« rief sie in ausbrechender <pb/> Klage, »denn
               ich habe Sie unglücklich gemacht durch meine Unvorsichtigkeit!«</p>
            <p>»Sie werden ruhig werden,« sagte er ernst und nachdrücklich, »wenn Sie einsehen
               lernen, daß Ihre Liebe mir alles überwinden hilft, was das Leben Schweres auf meinen
               Weg wirft!«</p>
            <p>Er drückte ihre kleine, eiskalte Hand und ging in sein Zimmer. Felicitas aber preßte
               die heiße Stirne an das Fensterkreuz und starrte hinab in den Vorderhof, wo ein
               furchtbarer Gewitterregen mit solchem Ungestüm niederprasselte, als gelte es, das
               Blut des gemordeten Adrian Hirschsprung von den Steinplatten wegzuwaschen, und mit
               ihm den Schandflecken, der auf dem Namen Hellwig lastete.</p>
            <pb/>
         </div>
         <div type="chapter">
            <head>27</head>
            <p>Eine Stunde später trat der Professor in das Wohnzimmer seiner Mutter. Seine
               Hautfarbe war um einen Hauch bleicher als gewöhnlich; aber Gesichtsausdruck und
               Haltung ließen mehr als je die männliche Entschiedenheit und moralische Kraft
               hervortreten, die seine äußere Erscheinung zu einer bedeutenden machten.</p>
            <p>Frau Hellwig saß hinter ihrem Asklepiasstock und strickte. Masche um Masche wurden
               unter diesen fleischigen weißen Händen zu Sprossen einer Leiter, die schnurstracks
               zum Himmel emporstieg – denn es war ein Missionsstrumpf, an welchem die große Frau
               strickte.</p>
            <p>Der Professor legte ein aufgeschlagenes kleines Buch auf das Tischchen, hinter
               welchem sie saß.</p>
            <p>»Ich habe in einer sehr ernsten Angelegenheit mit dir zu reden, Mutter,« sagte er,
               »zuvor aber muß ich dich bitten, einen Blick in diese Blätter zu werfen.«</p>
            <p>Sie legte erstaunt den Strickstrumpf hin, setzte die Brille auf und nahm das Buch.
               »Ei, das sind ja der alten Cordula ihre Kritzeleien!« meinte sie unwirsch, aber sie
               fing an zu lesen.</p>
            <p>Der Professor legte die linke Hand auf den Rücken, ließ die rechte unablässig über
               den Bart gleiten und ging schweigend im Zimmer auf und ab.</p>
            <p>»Ich sehe nicht ein, inwiefern mich die kindische Liebesgeschichte mit dem
               Schusterjungen interessieren soll!« rief die große Frau unwillig, nachdem sie zwei
               Seiten überlesen hatte »Wie kommst du denn auf die Idee, mir die alte Scharteke zu
               bringen, die mir die ganze Stube verpestet mit ihrem Modergeruch?«</p>
            <p>»Ich bitte dich, lies weiter, Mutter!« rief der Professor ungeduldig. »Du wirst sehr
               bald den Modergeruch vergessen über anderen schlimmen Seiten, die das Buch hat.«</p>
            <p>
               <pb/> Sie nahm es mit sichtbarem Widerwillen auf und überschlug einige Blätter. Aber
               allmählich kam Spannung in dies Steingesicht; die knisternden Blätter flogen immer
               rascher durch ihre Finger. Ein feines Rot trat in die weißen Wangen, es lief über die
               Stirne und wurde plötzlich zu Purpur ... Merkwürdigerweise jedoch war es weder ein
               eigentlicher Schrecken, noch gar Entsetzen, was die Frau erfaßte – mit einem maßlosen
               Erstaunen, in das sich sehr bald ein unsäglicher Hohn mischte, ließ sie das Buch in
               den Schoß sinken.</p>
            <p>»Das sind ja merkwürdige Dinge! Ei sieh da, wer hätte das gedacht! Die ehrenhafte,
               hochangesehene Familie Hellwig!« rief sie, die Hände zusammenschlagend – in ihrer
               Stimme stritten Haß, Triumph und gesättigte Bosheit. – »Also die Geldsäcke, auf denen
               die stolze Frau Kommerzienrätin, meine Frau Schwiegermutter, stand, waren zum Teil
               gestohlen! ... Ei, ei, da rauschte man in Samt und Seide daher – da gab man Feste, wo
               der Champagner in Strömen floß, und wo man sich von den Schmarotzern eine schöne und
               geistreiche Frau nennen ließ! ... Und ich, ich mußte diese jubilierenden Gäste
               bedienen – niemand beachtete neben der leichtfertigen, üppigen Frau die arme, junge
               Verwandte, die in ihrer Tugend und Gottesfurcht hoch stand über den sündhaften,
               elenden Schwelgern ... Da hab' ich oft die Zähne zusammengebissen und im Herzen zu
               meinem Gott gebetet, er möge dieses verruchte Treiben strafen nach seiner
               Gerechtigkeit! ... Er hatte bereits gerichtet ... O, wie wunderbar sind seine Wege! –
               Es war gestohlenes Geld, das sie verpraßten – ihre Seelen sind zwiefach
               verloren!«</p>
            <p>Der Professor war regungslos mitten im Zimmer stehen geblieben. Er hatte diese Art
               Auffassung so wenig vorausgesehen, daß er einen Augenblick fassungslos schwieg.</p>
            <p>»Wie du die Großmutter dafür verantwortlich machen kannst, daß sie unbewußt diese
               veruntreuten Gelder benutzt hat, begreife ich nicht, Mutter,« sagte er nach einer
               kurzen Pause entrüstet. »Dann sind auch unsere Seelen verloren, denn wir sind bis auf
               den heutigen Tag im Genuß der Zinsen verblieben ... Uebrigens wirst du bei dieser
               Ansicht um so mehr mit mir einverstanden sein, daß wir uns das sündhafte, unehrliche
               Geld so bald wie möglich vom Halse schaffen und es bei Heller und Pfennig zurück
               geben.«</p>
            <p>Vorhin, bei ihrem grenzenlosen Erstaunen, war Frau Hellwig sitzen geblieben und hatte
               einfach ihre Hände zusammengeschlagen; <pb/> jetzt stützte sie dieselben auf die
               Armlehnen des Stuhles und fuhr mittels eines Ruckes empor.</p>
            <p>»Zurückgeben?« wiederholte sie, als zweifle sie, recht gehört zu haben. »Wem
               denn?«</p>
            <p>»Nun, selbstverständlich den möglicherweise existierenden Hirschsprungschen
               Erben.«</p>
            <p>»Wie, an die ersten besten Strolche und Tagediebe, die vielleicht daher kommen und
               sich melden, sollten wir eine so enorme Summe hinauszahlen? ... Vierzigtausend Thaler
               blieben ja wohl der Familie Hellwig, nachdem –«</p>
            <p>»Ja, nachdem Paul Hellwig, der Ehrenmann, der echte und gerechte Streiter Gottes, der
               unleugbare Erbe des Himmelreiches, zwanzigtausend Thaler an sich gerissen hatte!«
               unterbrach sie der Professor, bebend vor Entrüstung. »Mutter, du lässest die Seele
               meiner Großmutter zur Hölle fahren, weil sie unwissentlich geraubtes Geld verwendet
               hat – was verdient der, welcher mit teuflischer Ueberlegung und Berechnung ein
               Vermögen stiehlt?«</p>
            <p>»Ja, er ist einen Moment der Versuchung erlegen,« versetzte sie, ohne auch nur im
               mindesten ihre Fassung zu verlieren. »Er war damals ein unbesonnener, junger Mensch,
               der den rechten Weg noch nicht gefunden hatte – der Teufel wählt ja gerade die besten
               und edelsten Seelen, um sie dem Reiche Gottes abwendig zu machen – aber er hat sich
               emporgerafft aus dem Pfuhle der Sünde, und es steht geschrieben: ›Es wird Freude sein
               vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße thut.‹ Er kämpft unermüdlich für
               den heiligen Glauben – das Geld ist entsühnt, geheiligt in seinen Händen; denn er
               benutzt es zu Gott wohlgefälligen Zwecken!«</p>
            <p>»Wir Protestanten haben auch unseren Jesuitenorden, wie ich sehe!« lachte der
               Professor in unsäglicher Bitterkeit auf.</p>
            <p>»Genau so verhält es sich mit dem, was an unser Haus gekommen ist,« fuhr die große
               Frau unerschütterlich fort. »Sieh dich um, ob nicht auf allem, was wir thun und
               wirken, Gottes Hand sichtbar ruht! ... Klebte die Sünde noch an dem Gelde, es könnte
               nicht so herrliche Früchte bringen ... Wir, du, mein Sohn, und ich, haben in Segen
               verwandelt, was einst Verbrechen gewesen ist, durch unseren Eifer im Dienste des
               Herrn, durch unseren gottseligen Wandel.«</p>
            <p>»Ich bitte dich, Mutter, mich lasse unerwähnt!« unterbrach er aufs tiefste empört
               diese haarsträubende Beweisführung. Er <pb/> griff mit der Hand nach der Stirne und
               preßte sie, als ob sie unsäglich schmerze.</p>
            <p>Ein giftiger Blick flog hinüber nach dem protestierenden Sohne, aber
               nichtsdestoweniger fuhr die große Frau mit erhöhter Stimme fort: »Wir sind nicht
               ermächtigt, Mittel, mit denen wir einer heiligen Sache dienen, mir nichts, dir nichts
               fortzuwerfen, damit sie vielleicht in weltlichen Genüssen vergeudet werden ... Das
               ist der Hauptgrund, aus welchem ich mich mit allen Kräften gegen ein Aufrühren dieser
               verschollenen Geschichte sträuben werde – der zweite ist, daß du einen deiner
               Vorfahren beschimpfst.«</p>
            <p>»Beschimpft hat er sich selber und uns alle mit!« sagte der Professor rauh und
               finster. »Aber wir können wenigstens unsere Ehre retten, indem wir es verschmähen,
               die Hehler zu machen.«</p>
            <p>Frau Hellwig verließ die Estrade und trat in ihrer ganzen Ueberlegenheit und
               stattlichen Würde vor ihren Sohn.</p>
            <p>»Gut – setzen wir den Fall, ich gäbe dir nach in dem widerwärtigen Handel,« sagte sie
               kalt. »Wir nähmen also diese vierzigtausend Thaler – deren Verlust uns, nebenbei
               gesagt, zu einer nur mäßig bemittelten Familie machen müßte, aber sehen wir einmal
               auch davon gänzlich ab – also wir nähmen dies Geld und gäben es bei Heller und
               Pfennig zurück – wie nun, wenn die lachenden Erben auch noch die aufgelaufenen Zinsen
               und Zinseszinsen forderten – was dann?«</p>
            <p>»Ich glaube nicht, daß sie dazu berechtigt sind – wenn es aber der Fall wäre, dann
               müßtest du dich eben an das Wort halten: ›Ich will die Sünden der Väter heimsuchen an
               den Kindern.‹«</p>
            <p>»Ich bin keine geborene Hellwig – vergiß das nicht, mein Sohn!« unterbrach sie ihn
               schneidend. »Einen völlig unbefleckten, hochangesehenen Namen habe ich mit in dies
               Haus gebracht – mein Vater war ein fürstlicher Rat – auf mich fällt die Schande
               mithin nicht; ebensowenig bin ich gesonnen, irgend ein pekuniäres Opfer zu bringen,
               um den Flecken abzuwaschen – meinst du, ich sollte in meinen alten Tagen darben um
               dieser fremden Sünde willen?«</p>
            <p>»Darben, wo du einen Sohn hast, der imstande ist, für dich zu sorgen? ... Mutter,
               glaubst du nicht, daß ich dir mit dem, was ich gelernt habe, ein schönes, völlig
               sorgenfreies Alter verschaffen kann?«</p>
            <p>»Ich danke dir, mein Sohn!« sagte sie eisig. »Aber ich ziehe es doch vor, von meinen
               Renten zu leben und mein eigener Herr zu bleiben. Ich hasse die Abhängigkeit – seit
               dem Tode deines Vaters habe ich keinen Willen gekannt als den des Herrn, <pb/> meines
               Gottes, und meinen eigenen – und so soll es bleiben ... Uebrigens streiten wir nicht
               um des Kaisers Bart! Ich erkläre dir hiermit, daß ich diese ganze Geschichte für eine
               Erdichtung der hirnverbrannten Person unter dem Dache halte. – Nichts in der Welt
               wird mich zwingen, sie als wahr, als wirklich geschehen anzuerkennen!«</p>
            <p>In diesem Augenblick wurde die Thür geräuschlos geöffnet, und die Regierungsrätin
               trat herein. Die schöne Frau hatte geweint, aber diesmal nicht als Mater dolorosa –
               man sah die Spuren deutlich an den geröteten Augenlidern, und auf dem zarten Samt der
               Wangen glühten dunkle Flecken. Es war unverkennbar, die Leidenschaft hatte eben noch
               diese Seele derb geschüttelt, wenn auch von seiten der Dame alles geschah, die
               unwiderleglichen Zeugen zu einem Gesamtbilde unverschuldeten Leidens umzustempeln. –
               Sie hatte, um ihr sehr derangiertes Haar zu verstecken, eine weiße, duftige
               Tüllecharpe um den Kopf geschlungen; das ideale Haupt mit den einzelnen, dicken,
               blonden Locken, die sich regellos unter dem Tüllduft hervorstahlen, erhielt dadurch
               etwas Verklärtes. Jedenfalls hatte man versucht, den so lange festgehaltenen Nimbus
               des zart Mädchenhaften und der naiven Kindlichkeit einstweilen durch die unschuldig
               weißen Tüllwogen zu ersetzen.</p>
            <p>Sie sah das verhängnisvolle Buch auf dem Tische liegen und zuckte zusammen. Langsam,
               wie eine Büßende, schritt sie auf den Professor zu und bot ihm mit schamvoll
               abgewandtem Gesicht die Hand – er verweigerte ihr die seinige.</p>
            <p>»Verzeihe mir, Johannes,« bat sie. »Ach, ich bin so ungestüm gewesen, daß ich's vor
               mir selbst nicht verantworten kann! ... Ich, die ich sonst so still und ruhig in
               meinem Gemüt bin, wie konnte ich nur so heftig werden! Aber die unselige Geschichte,
               sie trägt ganz allein die Schuld! ... Bedenke, Johannes, mein lieber Papa ist durch
               dies abscheuliche Buch dort kompromittiert, und dir wollte ich doch auch um jeden
               Preis eine niederschlagende Entdeckung ersparen ... Ich kann mir nicht helfen, aber
               ich muß immer denken, Karoline habe diesen entsetzlichen Zeugen aufgestöbert, nur um
               uns vor ihrem Weggang noch einen recht schlimmen Streich zu spielen ...«</p>
            <p>»Hüte deine verleumderische Zunge!« rief er drohend und so heftig auffahrend, daß sie
               erschrocken schwieg. »Uebrigens will ich dir verzeihen,« setzte er nach einer Pause,
               sich mühsam beherrschend, hinzu, »aber nur unter einer Bedingung.«</p>
            <p>Sie sah ihn fragend an.</p>
            <p>
               <pb/> »Daß du mir ohne jedweden Rückhalt mitteilst, auf welche Weise du in den Besitz
               des Geheimnisses gekommen bist.«</p>
            <p>Einen Augenblick schwieg sie, dann hob sie niedergeschlagen an: »In Papas letzter
               Krankheit, die, wie du weißt, einen tödlichen Verlauf zu nehmen schien, forderte er
               mich auf, ihm verschiedene Papiere aus seinem Sekretär zu bringen – ich mußte sie vor
               seinen Augen vernichten; es waren Hirschsprungsche Dokumente, wahrscheinlich hatte er
               sie als Kuriositäten aufbewahrt ... Machte ihn nun die scheinbare Nähe des Todes
               mitteilsamer, oder hatte er überhaupt das Bedürfnis, einmal über diesen Vorgang zu
               sprechen – genug – er weihte mich ein –«</p>
            <p>»Und schenkte dir ein gewisses Armband, nicht wahr?« warf der Professor ingrimmig
               ein.</p>
            <p>Sie nickte schweigend und sah flehend und hilfsbedürftig zu ihm auf.</p>
            <p>»Hältst du den Vorfall nach dieser Erklärung noch für die Erdichtung einer
               Wahnsinnigen?« wandte sich der Professor kalt lächelnd nach seiner Mutter um.</p>
            <p>»Ich weiß nur, daß diese Person,« sie deutete zornbebend auf die junge Frau, »an
               Faselei und Unverstand alles übertrifft, was mir bis jetzt vorgekommen ist! ... Da
               ist aber der Eitelkeitsteufel, der läßt einem keine Ruhe, da muß man solch ein
               seltenes Armband umlegen, das bewundern die Leute und sehen auch so nebenbei den
               schönen, weißen Arm!«</p>
            <p>Die Regierungsrätin fiel aus ihrer Rolle als schmerzlich Büßende und schleuderte
               einen wilden Blick auf die Tante, die plötzlich eine ihrer schwächsten Seiten
               schonungslos an das Licht zog.</p>
            <p>»Ich will nicht weitern erörtern, Adele, wie es dir bei deinem Gemüt, dessen Reinheit
               und Schuldlosigkeit du bei jeder Gelegenheit betonst, möglich gewesen ist,
               gestohlenen Schmuck zu tragen,« sagte der Professor scheinbar ruhig, aber in seiner
               Stimme grollte es dumpf, wie vor dem Ausbruch eines heranziehenden Gewitters. »Es
               bleibt dir selbst überlassen, zu entscheiden, wer strafbarer ist, ob die arme Mutter,
               die Brot für ihre hungernden Kindern stiehlt, oder die reiche, elegante Frau, die im
               Wohlleben schwimmt und den Diebstahl liebevoll protegiert ... Daß du aber die Stirne
               haben konntest, diesen veruntreuten Schmuck mit großer Ostentation um die reine Hand
               des Mädchens zu legen, welches dir dein Kind gerettet hatte – du sagtest dabei
               ausdrücklich, das Armband sei dir sehr wert, aber für Aennchen könntest du das
               Liebste <pb/> freudig opfern; – daß du es ferner gewagt hast, im Hinblick auf die
               Abkunft jenes Mädchens dich auf den hohen Standpunkt einer makellosen Abstammung zu
               stellen, alle Tugenden des reinen Blutes für dich beanspruchend und sie in die Sphäre
               der Verdorbenheit hinabstoßend, während du um die That deines Vaters wußtest: das ist
               eine empörende Infamie, die nicht streng genug gerichtet werden kann!«</p>
            <p>Die Regierungsrätin wankte, schloß die Augen und griff mit unsicher tappender Hand
               nach der Tischecke, um sich festzuhalten.</p>
            <p>»Nun, ganz unrecht hast du nicht, Johannes,« sagte die große Frau, indem sie die
               Wankende behufs der Erweckung derb am Arme schüttelte, ohnmächtige Frauen waren ihr
               ein Greuel, »ganz unrecht hast du nicht, aber dein letzter Ausspruch klingt denn doch
               zu stark! Eine grenzenlose Dummheit war's freilich, allein deshalb darfst du doch
               nicht vergessen, was du Adelens Stellung schuldig bist ... Der Vergleich mit der
               armen Frau war – nimm mir's nicht übel – ein wenig albern ... Es ist ein bedeutender
               Unterschied, ob man ›herrenloses Gut‹ findet, oder mit allem Vorsatz anderen Brot
               stiehlt ... Aber das ist auch wieder so eine von den abscheulichen neumodischen
               Ideen, daß man Vergleiche macht zwischen dem gemeinen Volke und den Höhergestellten;
               es befremdet mich höchlich, solche Dinge aus deinem Munde zu hören. Ebenso ist es
               geradezu unverantwortlich, ein Mädchen, wie die Karoline, einer Frau vom Stande in
               der Weise gegenüber zu stellen, solch eine Dirne –«</p>
            <p>»Mutter, ich habe dir bereits heute nachmittag im Garten erklärt, daß ich die
               unverzeihlichen Angriffe auf die Ehre dieses Mädchens nicht mehr dulden werde!« rief
               der Professor, und die gewaltige Zornader erschien auf seiner Stirne.</p>
            <p>»Oho, mehr Beherrschung und Achtung, mein Herr Sohn, wenn ich bitten darf! Du stehst
               vor deiner Mutter!« gebot sie, während sie abwehrend die Hand gegen ihn ausstreckte,
               ein vernichtender Blick zuckte aus ihren kalten, grauen Augen. »Du spielst dich ja
               vortrefflich auf als Ritter dieser hergelaufenen Prinzessin; da wird mir freilich
               nichts anderes übrig bleiben, als ihr auch meinen Respekt zu Füßen zu legen!«</p>
            <p>»In den Fall wirst du allerdings kommen, Mutter,« antwortete er mit großer Ruhe auf
               den beißenden Hohn, und seine Augen hefteten sich fest und durchdringend auf ihr
               Gesicht. »Du wirst ihr die Achtung und den Respekt nicht versagen dürfen, denn – sie
               wird mein Weib werden!«</p>
            <p>
               <pb/> Und es geschah wirklich, das Unerhörte – das alte Kaufmannshaus blieb stehen
               nach dieser Erklärung; die Erde öffnete sich nicht, um die kleine Stadt samt dem
               mißratensten aller Hellwige zu verschlingen, wie die große Frau in der ersten
               entsetzensvollen Bestürzung vermutete ... Er selbst stand dort, kaltblütig und
               unerschütterlich, das Bild eines Mannes, der mit sich abgeschlossen hat, und an dem
               Weiberthränen, Krämpfe und Zorneswüten machtlos abprallen, wie die Wellen am
               felsenharten Ufer.</p>
            <p>Frau Hellwig war förmlich sprachlos zurückgetaumelt – die Regierungsrätin aber
               erwachte aus ihrer halben Ohnmacht und stieß ein hysterisches Gelächter aus. Der
               verklärende Schleier fiel vom Haupte herab auf den Nacken, und die zerstörten Locken,
               in welchen noch die halbverwelkte Purpurrose von heute nachmittag hing, ringelten
               sich wie Nattern um die gerötete Stirne.</p>
            <p>»Da hast du deine vielgepriesene Weisheit, Tante!« rief sie gellend. »Jetzt
               triumphiere ich! ... Wer hat dich himmelhoch gebeten, dies Mädchen um jeden Preis zu
               verheiraten, ehe Johannes käme? ... Mir sagte es eine untrügliche Ahnung beim ersten
               Anblick dieser Person, daß sie unser aller Unglück werden würde ... Nimm du nun auch
               die Schande auf dich, gegen welche du dich geflissentlich verblendet hast! – Ich aber
               werde sofort nach Bonn abreisen, um den Professorenfrauen zu verkünden, welcher Art
               die neue, kleine Kollega ist, die nächstens in ihren exklusiven Kreis eintreten
               wird.«</p>
            <p>Sie stürzte zur Thür hinaus.</p>
            <p>Währenddem war die Erstarrung der großen Frau gewichen. Sie umgürtete sich mit ihrer
               ganzen eingebildeten Hoheit und äußeren Würde.</p>
            <p>»Ich habe dich vorhin offenbar falsch verstanden, Johannes,« sagte sie scheinbar sehr
               gelassen.</p>
            <p>»Wenn du das glaubst, so werde ich meine Erklärung wiederholen,« versetzte er kalt
               und unbeugsam. »Ich werde mich mit Felicitas d'Orlowska verheiraten.«</p>
            <p>»Du wagst es, mir gegenüber diese wahnsinnige Idee festzuhalten?«</p>
            <p>»Statt aller Antwort frage ich dich: Würdest du mir auch jetzt noch deinen Segen zu
               einer Verheiratung mit Adele geben?«</p>
            <p>»Ohne weiteres. Sie ist eine standesgemäße Partie – ich kenne keinen größeren
               Wunsch.«</p>
            <p>Der Professor wurde dunkelrot im Gesicht; man sah, wie er die Zähne zusammenbiß, um
               eine Flut heftiger Worte zurückzuhalten.</p>
            <p>
               <pb/> »Mit dieser Erklärung hast du den letzten Rest von Berechtigung verloren, in
               einer meiner wichtigsten Lebensfragen mitzusprechen,« preßte er, sich mühsam
               bezwingend, hervor. »Daß dies moralisch durch und durch verdorbene Geschöpf, diese
               erbärmliche Heuchlerin, mein ganzes Leben vergiften müsse, kommt also nicht in
               Betracht ... Du sitzest ruhig hier in deinem stattlichen Hause, und es genügt dir
               vollkommen, von deinem fernen Sohne sagen zu können: ›Er hat sich standesgemäß
               verheiratet!‹ ... Diesem unbegrenzten Egoismus gegenüber erkläre ich dir, daß ich um
               jeden Preis glücklich werden will, und das kann ich nur mit jenem armen verachteten
               Waisenkinde, das wir einst so grausam gemißhandelt haben!«</p>
            <p>Frau Hellwig stieß ein rauhes Hohngelächter aus.</p>
            <p>»Noch halte ich an mich, nicht das Schlimmste auszusprechen!« rief sie mit zuckenden
               Lippen. »Vergiß nicht: ›Des Vaters Segen bauet den Kindern Häuser, aber der Mutter
               Fluch reißt sie nieder!‹«</p>
            <p>»Willst du behaupten, dein Segen vermöge Adeles moralische Gebrechen wegzuwaschen?
               ... Ebenso wenig kann dein Fluch wirken, wenn er auf ein schuldloses Haupt fällt ...
               Du wirst ihn nicht aussprechen, Mutter! Gott nimmt ihn nicht an – er fällt auf dich
               zurück und macht dein Alter einsam und liebeleer!«</p>
            <p>»Was frage ich danach? ... Ich kenne nur zwei Dinge, an die ich mich halte, die meine
               Richtschnur sind: Ehre und Schande! ... Du hast meinen Willen zu ehren, und kraft
               dieser Pflicht wirst du deinen unsinnigen Ausspruch widerrufen!«</p>
            <p>»Nie! darein ergib dich, Mutter!« rief der Professor zurück und verließ das Zimmer,
               während sie mit ausgestreckten Armen wie eine Bildsäule stehen blieb. Ob diese
               verzerrten, blutlosen Lippen den Fluch gesprochen? Kein Laut drang heraus in die
               Hausflur, und wenn es geschehen, er wäre spurlos verhallt – der Gott der Liebe gibt
               nicht ein so furchtbares Werkzeug in die Hände der Bösen und Rachsüchtigen!</p>
            <p>Durch das große Viereck des Vorderhauses huschten bereits die Schatten der
               hereindämmernden Nacht. Sturm und Gewitter hatten ausgetobt, aber noch flatterten
               dunkle, zerrissene Wolkengebilde über den Himmel, wie zürnende Verlassene, die sich
               gegenseitig mit Riesenarmen zu erreichen suchten, um als vereinte Macht
               herabzustürzen ...</p>
            <p>Droben im ersten Stock wurden Thüren geschlagen, Kasten geschoben, und schwerfällige
               und behende Füße liefen auf und nieder – es wurde eingepackt auf Nimmerwiederkehr.
               »Da hätten <pb/> wir also das Ende vom ›Blümelein Vergißmeinnicht!‹« brummte Heinrich
               seelenvergnügt vor sich hin, indem er einen großen Koffer über den Vorsaal trug.</p>
            <p>Wie ruhig und gelassen gegen das Hasten und Poltern im Vorderhause erschien das
               blasse Mädchengesicht im großen Bogenfenster des Hofes! Eine Küchenlampe brannte auf
               dem Tische, und daneben stand das Köfferchen mit Felicitas' Kindergarderobe. Frau
               Hellwig hatte, den Missionsstrumpf in der Hand, von ihrer Estrade aus vor einer
               Stunde den Befehl gegeben, dem Mädchen ihren »Plunder« auszuliefern, »damit es keine
               Ursache habe, die Nacht noch im Hause zu bleiben ... Felicitas hielt eben noch das
               kleine Petschaft mit dem Hirschsprungschen Wappen gegen das Licht, als das bleiche
               Gesicht des Professors im Bogenfenster erschien.</p>
            <p>
               <pb/> »Kommen Sie, Felicitas! Nicht eine Sekunde länger sollen Sie in diesem Hause
               des Verbrechens und der bodenlosen Selbstsucht bleiben,« sagte er tief erregt.
               »Lassen Sie einstweilen diese Sachen hier, Heinrich wird Ihnen morgen alles
               bringen.«</p>
            <p>Sie warf ihren Shawl über und traf gleich darauf mit dem Professor in der Hausflur
               zusammen. Er nahm ihre Hand fest in seine Rechte und führte sie durch die Straßen. Am
               Hause der Hofrätin Frank läutete er.</p>
            <p>»Ich bringe Ihnen einen Schützling,« sagte er zu der alten Dame, die das Paar im
               erleuchteten, trauten Wohnzimmer freundlich, aber erstaunt empfing. Er ergriff ihre
               Hand und legte die des jungen Mädchens hinein. »Ich vertraute Ihnen viel an, Mama,«
               fuhr er bedeutsam fort, »hüten und beschützen Sie mir Felicitas wie eine Tochter –
               bis ich sie von Ihnen zurückfordern werde.«</p>
            <pb/>
         </div>
         <div type="chapter">
            <head>28</head>
            <p>Das junge Mädchen war nur durch einige Straßen und über zwei Schwellen gegangen; aber
               welch äußeren und inneren Umschwung hatten diese wenigen Schritte bewirkt! ... Die
               gewaltigen Steinmassen des alten Kaufmannshauses lagen hinter ihr und mit ihnen der
               Druck einer unwürdigen Behandlung ... Hell und sonnig war es, wohin sie blickte –
               nicht der leiseste Zug jenes finsteren Zelotentums trat ihr entgegen, das wie ein
               unheimlicher Nachtvogel über dem Hellwigschen Hause kreiste und mit seinen Fängen
               jede arglos nahende Menschenseele zu packen suchte ... Eine freie, gesunde
               Weltanschauung, lebhaftes Interesse für alles, was die Welt Schönes und Herrliches
               hat, und ein fröhliches, inniges Familienleben, das waren die Eigenschaften, die im
               Frankschen Hause vorwalteten. Felicitas befand sich somit in ihrem eigentlichen
               Lebenselemente. Es war ihr ein süß wehmütiges Gefühl, sich plötzlich wieder mit all
               den Schmeichelnamen nennen zu hören, die Tante Cordula ihr gegeben hatte – sie war
               sofort das Schoßkind des Frankschen Ehepaares geworden.</p>
            <p>So sah die äußere Wandlung aus, die mit ihr vorgegangen – vor der inneren,
               tiefgehenden stand sie selbst in süßer Befangenheit ... Sie hatte an jenem Abend auf
               die Aufforderung des Professors hin ohne weiteres ihre wenigen Habseligkeiten liegen
               lassen; in der Hausflur hatte sie stumm ihre kleine Hand in seine Rechte geschmiegt
               und war mit ihm gegangen, ohne wissen zu wollen, wohin ... Und wenn er sie weiter
               geführt hätte durch <pb/> die dunklen Straßen, zum Thore hinaus – sie wäre mit ihm
               gepilgert über die ganze Erde, ohne ein Wort des Widerspruchs oder des Zweifels. Sie
               war ein seltsames Geschöpf, das bei aller feurigen Phantasie, bei einem
               enthusiastischen, hochauffliegenden Geiste doch unerbittlich eine feste Basis für
               alles Thun und Lassen forderte. Die innigen Liebesbeteuerungen des Professors, sein
               angstvolles Flehen hatten ihr das Herz zerrissen, aber sie waren weit davon entfernt
               gewesen, ihren Entschluß zu erschüttern, eine innere Umkehr zu bewirken – es mußte
               etwas ganz anderes gesprochen werden, um dies Mädchen zu gewinnen, und er hatte es
               gethan, jedenfalls ohne es zu wissen. Er hatte ihr bei Verweigerung des Buches
               gesagt: »Ich kann nicht anders handeln, und wenn mir als Preis die Versicherung
               geboten würde, daß Sie sofort die Meine werden wollten, ich müßte ›nein‹ sagen.«
               Trotz der angstvollen Situation, in welcher sie sich damals befand, hatte ihr Herz
               doch aufgejubelt – die Kraft des männlichen Entschlusses, der Nachdruck, mit welchem
               er zur Geltung gebracht wurde, selbst um den höchsten Preis – sie waren die einzige
               Lösung der Frage gewesen, und da war es nun, das Vertrauen, ohne welches sie sich ein
               Zusammenleben mit ihm nicht hatte möglich denken können!</p>
            <p>Der Professor kam jeden Tag in das Franksche Haus. Er war ernster und verschlossener
               als je – es lastete viel auf ihm. Der Aufenthalt in seinem mütterlichen Hause war
               unerträglich. Wahrscheinlicherweise hatte die fortgesetzte, ungewöhnliche innere
               Aufregung endlich doch die stählernen Nerven der großen Frau erschüttert – sie wurde
               krank und mußte das Bett hüten. Sie weigerte sich zwar konsequent, ihren Sohn zu
               sehen – Doktor Böhm mußte sie ärztlich behandeln – aber der Professor war dadurch
               gezwungen, in X. zu bleiben.</p>
            <p>Mittlerweile hatte er den Rechtsanwalt Frank, als Kurator der Hirschsprungschen
               Erben, in das Familiengeheimnis eingeweiht und ihm den festen Entschluß
               ausgesprochen, das Unrecht sühnen zu wollen. Alle Einwürfe, die der Freund vom
               juristischen Standpunkte aus versuchte, diese Sühne wenigstens zu beschränken,
               entkräftete der Professor stets durch die entschiedene Frage, ob er das Geld für ein
               ehrlich erworbenes halte, und das konnte selbst der Advokat nicht mit »ja«
               beantworten. Uebrigens meinte der Rechtsanwalt genau wie Frau Hellwig, wenn auch von
               einem anderen Gesichtspunkte aus, es sei dies ein Streiten um des Kaisers Bart, <pb/>
               denn er glaube nicht an die Existenz der Hirschsprungschen Familie. Aber seiner
               Ansicht nach durfte dem strenggläubigen Verwandten am Rhein, dem hochangesehenen
               Herrn Paul Hellwig, eine tüchtige Nervenerschütterung nicht erspart werden, und
               deshalb wurde der wehrhafte Streiter Gottes zur Herausgabe der veruntreuten
               zwanzigtausend Thaler aufgefordert. Der fromme Mann antwortete ruhig, mit dem
               gewohnten salbungsvollen Schwunge, er habe allerdings diese Summe von seinem Onkel
               erhalten, als Tilgung einer alten Familienschuld, denn sein Vater sei von der
               Hellwigschen Hauptlinie übervorteilt worden. Woher der Onkel das Geld genommen, sei
               ihm völlig gleichgültig gewesen und mache ihm auch jetzt nicht die mindesten Skrupel
               – das sei nicht seine Sache. Das Geld befände sich in den besten Händen; er betrachte
               sich überhaupt nicht als Besitzer seines Vermögens, sondern als Verwalter und zwar im
               Dienste des »Herrn«. Er werde den Besitz der Summe aus diesem Grunde mit allen
               Kräften zu verteidigen wissen und es getrost auf einen Prozeß ankommen lassen ...</p>
            <p>Ziemlich ebenso antwortete Nathanael, der Student. Ihm war es »sehr egal«, was ein
               längst vermoderter Vorfahr vor so und so viel Jahren verschuldet hatte – er hielt
               sich durchaus nicht für verpflichtet, anderer Sünden weiß zu waschen, und wollte sein
               Erbteil auch nicht um einen Pfennig verkürzt sehen; auch er erwartete einen Prozeß in
               aller Gemütsruhe, wie er schrieb, und freute sich bereits auf den Moment, wo die
               mutmaßlichen Erben die Kosten und sein »überspannter« Herr Bruder seinen
               hochangesehenen Namen hinterdrein werfen würden.</p>
            <p>»Da bleibt mir also nichts übrig,« sagte bitter lächelnd der Professor, indem er
               diese schriftlichen Zeugen Hellwigscher Ehrenhaftigkeit auf den Tisch warf, »als
               alles zu opfern, was ich an Erbteil und Ersparnissen besitze, wenn ich nicht auch
               Hehler und Mitwisser einer schlechten Sache sein will!«</p>
            <p>So war allmählich das Ende der Ferien herangekommen. Frau Hellwig war wieder außer
               Bett, hatte aber entschieden erklärt, ihren Sohn vor seiner Abreise nur unter der
               Bedingung noch einmal wiederzusehen, daß er den ganzen »verrückten« Hirschsprungschen
               Handel als niedergeschlagen betrachte und seinen Entschluß, Felicitas zu heiraten,
               widerrufe – das genügte, um Mutter und Sohn für immer zu trennen.</p>
            <p>Felicitas befand sich in einer schwer zu beschreibenden Stimmung. Solange sie im
               Frankschen Hause war, saß sie jeden <pb/> Nachmittag zur bestimmten Stunde mit
               klopfendem Herzen am Fenster und sah verstohlen die Straße hinab – dann kam sie
               endlich um die Ecke, die kräftige, männliche Gestalt mit dem mächtigen Vollbart und
               der ruhigen Haltung. Es bedurfte jedesmal der ungeheuersten Selbstüberwindung, daß
               das junge Mädchen nicht aufsprang und ihm bis auf die Straße entgegenging ... Dann
               kam er näher und näher, er sah nicht rechts, noch links, er grüßte die
               Vorübergehenden nicht – sein Blick haftete unverwandt auf dem Fenster, hinter welchem
               der Mädchenkopf sich scheinbar über die Arbeit neigte; endlich war der Moment
               gekommen, wo man aufsehen durfte – die vier Augen begegneten sich, ach, das Leben
               schloß doch ein Uebermaß der Glückseligkeit in sich, von der das junge Herz bis dahin
               nicht einmal geträumt hatte! – Der Professor sprach zwar nie mit einer Silbe über
               seine Liebe, Felicitas hätte denken können, dies Gefühl sei durch die letzten
               Ereignisse bei ihm völlig in den Hintergrund gedrängt worden, wären nicht eben seine
               Augen gewesen; aber diese stahlfarbenen Augen folgten ihr unablässig, sobald sie
               durch das Zimmer ging oder eine häusliche Verrichtung besorgte; sie leuchteten auf,
               wenn sie eintrat, wenn sie den Kopf von der Arbeit hob und ihm das Gesicht voll
               zuwandte. Sie wußte, daß sie noch »seine Fee« war, »die daheim auf ihn warten und an
               ihn denken sollte«, und in dem Sinne empfing sie ihn auch bei seinen nachmittägigen
               Besuchen. Das Mädchen mit dem einst so eisenharten Sinn, mit dem haßerfüllten Blick
               und der kalt zurückweisenden Haltung ahnte nicht, welch ein Zauber und Liebreiz ihrem
               ganzen Wesen jetzt entströmte; alles Schroffe, alle Härten dieses vielgeprüften
               Charakters waren untergegangen in der süßinnigen, demütigen Liebe des Weibes.</p>
            <p>Und da sollte nun morgen ein Tag werden, wo sie vergebens da am Fenster sitzen und
               ihn erwarten würde. In der stets ersehnten Nachmittagsstunde war er bereits weit,
               weit von ihr entfernt, zahllose fremde Gesichter hatten sich zwischen ihn und seine
               Fee gedrängt – es verging vielleicht ein ganzes, unermeßlich langes Jahr, ehe sie ihn
               wiedersehen durfte; was sollte das für eine Zeit werden, die nun kam? ... Felicitas
               blickte in einen öden, leeren Raum, in welchem sie sich nicht mehr zurechtfinden
               konnte – sie hatte ja ihr Steuer verloren.</p>
            <p>Am Tage vor der Abreise des Professors saßen die Familie Frank und Felicitas beim
               Mittagsessen, als das Dienstmädchen <pb/> eintrat und dem Rechtsanwalt eine Karte
               übergab. Ein jähes Rot der Ueberraschung schoß in sein Gesicht, er warf die Karte auf
               den Tisch und ging hinaus; auf dem kleinen, weißglänzenden Blättchen stand: »Lutz von
               Hirschsprung, Rittergutsbesitzer aus Kiel.« ... Man hörte draußen in der Hausflur
               eine männliche Stimme mit vornehmer Ruhe in elegantem Deutsch sprechen, dann gingen
               die zwei Herren hinauf in das Zimmer des Rechtsanwaltes.</p>
            <p>Während das Franksche Ehepaar sich über das Auftauchen dieses doch gewissermaßen in
               das Reich der Fabel versetzten Erben in einen lebhaften Gedankenaustausch vertiefte,
               saß Felicitas in großer Gemütsbewegung schweigend da ... Das arme Spielerskind, das,
               losgelöst aus jeglicher Familienverbindung, bisher einsam inmitten Fremder gestanden
               hatte, befand sich plötzlich unter einem Dache mit einem unbekannten Blutsverwandten
               ... War es ihr Großvater, oder ein Bruder ihrer Mutter? Hatte diese ernst ruhige
               Stimme da draußen, deren Klang dem jungen Mädchen durch Mark und Bein gegangen, einst
               den Fluch gesprochen über die abtrünnige Tochter derer von Hirschsprung?</p>
            <p>Der Ankömmling nannte sich genau wie sein ausgewanderter Vorfahr. Dieser fast
               antediluvianisch klingende Name lag sehr aristokratisch mit viel Ostentationen auf
               der kleinen Karte. Man liebt es, die alten Kraftnamen aus dem Schutte und Staube
               vergangener Jahrhunderte hervorzusuchen – sie lassen unwillkürlich eine
               eisenklirrende Rittergestalt vor uns aufsteigen und kennzeichnen doch das
               aristokratische Blut, wenn sie auch unserem heutigen Pygmäengeschlechte im schwarzen
               Fracke wunderlich genug anstehen ... Diese Linie der Hirschsprungs legte ersichtlich
               viel Gewicht auf ihre Ahnen; es ließ sich fast mit Gewißheit voraussehen, daß die
               Taschenspielerstochter ihre Verwandtschaft mit dem Herrn Rittergutsbesitzer nicht
               ungestraft würde geltend machen können. Bei dem Gedanken an eine Zurückweisung
               empörte sich jeder Blutstropfen in Felicitas; sie schloß die Lippen fester
               aufeinander, als wolle sie damit jedes rasche Wort zurückdrängen, das ihr
               möglicherweise in der Aufregung entschlüpfen konnte. Dagegen ließ sich ihr lebhaftes
               Verlangen, den Mann zu sehen, nicht unterdrücken, und die Gelegenheit sollte ihr
               werden.</p>
            <p>Bald nach der Ankunft des Fremden hatte der Rechtsanwalt den Professor zu sich
               beschieden. Die Konferenz der drei Herren dauerte weit über zwei Stunden. Während
               dieser Zeit der höchsten <pb/> Spannung hörte Felicitas den Professor oft, aber mit
               ruhigem, gemäßigtem Schritte oben auf und ab gehen. Sie sah im Geist, wie der Mann
               der Wissenschaft gelassen seine schöne, schlanke Hand über den Bart gleiten ließ und
               dem Aristokraten ruhig Geld und Gut bot, um den Schandflecken von der Ehre seines
               Namens zu vertilgen ...</p>
            <p>Später ließ der junge Frank seine Mutter bitten, Kaffee bereit zu halten, er werde
               mit seinem Besuche nach dem Schluß der Geschäfte in das Wohnzimmer kommen. Felicitas
               besorgte das Nötige, und während sie noch in der Küche mit dem Ordnen des
               Kaffeegeschirres beschäftigt war, hörte sie die Herren bereits die Treppe
               herabsteigen. Fast wollte ihr der Mut sinken, als sie den Fremden langsam und in ein
               Gespräch mit dem Professor verwickelt durch die Hausflur schreiten sah. Es war eine
               fast übergroße, schmale Gestalt, die in Haltung und Gebärden den feinen,
               formgewandten Weltmann, aber auch den gebietenden Herrn, den seiner bevorzugten
               Stellung sich bewußten Aristokraten unleugbar verriet ... Ihr Großvater war der
               Fremde keinenfalls, dazu sah der feingemeißelte, sehr kleine Kopf mit dem
               kurzgeschorenen braunen Haar zu jung aus. In diesem Augenblick spielte freilich um
               die schmalen, dünnen Lippen ein verbindliches Lächeln, mit welchem er sich zu dem
               Professor hinüberneigte, aber das schöne, scharfgeschnittene Gesicht mit dem gelblich
               bleichen Teint war offenbar mehr geübt im Ausdruck herrischer Strenge, als in dem der
               Güte und des Wohlwollens.</p>
            <p>Felicitas strich mit bebenden Händen glättend über ihr Haar und trat in das Zimmer,
               nachdem die Köchin den Kaffee hereingetragen hatte. Die Anwesenden standen sämtlich
               in der einen großen Fensternische und wandten der leise Eintretenden den Rücken. Sie
               füllte geräuschlos die Tassen, nahm das Kaffeebrett und bot es mit einigen Worten dem
               Fremden – er drehte sich jäh um bei dem Klange ihrer Stimme, taumelte aber sofort
               zurück, als habe ein heftiger Schlag sein erbleichendes Gesicht getroffen, während
               das entsetzte Auge über die Mädchengestalt irrte.</p>
            <p>»Meta!« stieß er hervor.</p>
            <p>»Meta von Hirschsprung war meine Mutter,« sagte das junge Mädchen mit ihrer tiefen,
               melodischen Stimme, scheinbar sehr ruhig, setzte aber das Brett auf einen Tisch, weil
               die Tassen bedenklich zu klirren begannen.</p>
            <p>»Ihre Mutter? – Ich wußte nicht, daß sie ein Kind hinter- <pb/>
               <pb/>lassen hat,« murmelte Herr von Hirschsprung, indem er Herr seines Schreckens zu
               werden suchte.</p>
            <p>Felicitas lächelte bitter und verächtlich – teilweise wohl über die eigene Schwäche,
               mit der sie sich, trotz aller guten Vorsätze, hatte hinreißen lassen, diesem Mann
               gegenüber ihre Abkunft einzugestehen. In seine schreckensvolle Ueberraschung mischte
               sich auch nicht ein Laut der Liebe oder des schmerzlichen Mitleids – sie fühlte
               sofort, daß sie eine Reihe von Demütigungen für sich heraufbeschworen hatte, sie
               mußte sie nun erleiden und hinnehmen in Gegenwart der Umstehenden, die, lautlos vor
               Erstaunen und Verwunderung, der weiteren Entwickelung des merkwürdigen Vorgangs
               harrten.</p>
            <p>Mittlerweile wich die Bestürzung des Herrn von Hirschsprung, aber nur um einer
               peinlichen Verlegenheit Platz zu machen. Er strich sich mit der Hand über die Augen
               und sagte leise und stockend: »Ja, ja, ganz recht, diese kleine Stadt X. war es ja,
               wo die Nemesis die Unglückliche ereilt hat – eine furchtbare, aber leider gerechte
               Nemesis!«</p>
            <p>Es hatte den Anschein, als kehre ihm mit diesem Ausruf die volle Gewalt über sich
               selbst zurück. Er richtete sich in seiner ganzen Länge auf und sagte mit der
               vornehmen Leichtigkeit des vollendeten Kavaliers zu den Umstehenden: »Ah, Pardon,
               wenn ich mich durch einen augenblicklichen Eindruck hinreißen ließ, zu vergessen, daß
               ich mich in Gesellschaft befinde! ... Aber ich glaubte ein Familiendrama für alle
               Zeiten abgeschlossen und begraben, und nun tritt mir hier ein ungeahntes Nachspiel
               entgegen! ... Sie sind also eine Tochter des Taschenspielers d'Orlowska?« wandte er
               sich an Felicitas, sichtbar bemüht, seiner Stimme einen Anflug von Wohlwollen zu
               geben.</p>
            <p>»Ja,« versetzte sie kurz und stand ebenso hoch aufgerichtet ihm gegenüber. In diesem
               Moment trat die Familienähnlichkeit zwischen den beiden Gestalten scharf und
               schlagend hervor. Stolz war der vorherrschende Ausdruck in diesen edelschönen Linien,
               wenn er auch auf einer vielleicht grundverschiedenen Anschauungsweise beruhte.</p>
            <p>»Ihr Vater hat Sie nach dem Tode seiner Frau in X. zurückgelassen? Sie sind hier
               aufgewachsen?« frug er weiter, unverkennbar betroffen durch die imposante Haltung des
               Mädchens.</p>
            <p>»Ja!«</p>
            <p>»Dem Mann ist freilich nicht viel Zeit verblieben, für Sie <pb/> zu sorgen – soviel
               ich mich erinnere, ist er ja wohl vor acht oder neun Jahren in Hamburg am
               Nervenfieber verstorben.«</p>
            <p>»Ich erfahre erst in diesem Moment, daß er nicht mehr lebt,« entgegnete Felicitas
               bebend, während ihre Mundwinkel krampfhaft zuckten und eine Thräne in ihr heißes Auge
               trat. Aber trotz der Gemütserschütterung, die ihr die Nachricht brachte, fühlte sie
               doch eine Art von schmerzlicher Genugthuung; Frau Hellwig hatte ja oft genug gesagt,
               ihr Vater ziehe als liederlicher Strolch in der Welt umher und frage viel danach, was
               es anderen Leuten koste, sein Kind aufzufüttern.</p>
            <p>»Ah, es thut mir leid, daß ich dazu berufen war, Ihnen diese niederschlagende
               Mitteilung zu machen!« rief Herr von Hirschsprung, bedauernd den Kopf hin und her
               wiegend. »Mit ihm haben Sie freilich den einzigen Verwandten verloren, der Ihnen nach
               dem Tode Ihrer Mutter geblieben ist ... Es gab eine Zeit, wo ich der Vergangenheit
               dieses Mannes nachforschte – er hat von zarter Jugend an allein gestanden in der Welt
               – es ist beklagenswert, aber Sie haben niemand mehr von Ihrer Familie.«</p>
            <p>»Und darf man fragen, Herr von Hirschsprung, in welcher Beziehung die Mutter dieses
               jungen Mädchens zu Ihrer Familie gestanden hat?« rief die Hofrätin, empört über die
               erbarmungslose Art und Weise, wie er Felicitas aus dem Bereiche seiner adeligen Sippe
               hinauswies.</p>
            <p>Ein fahles Rot flackerte über sein Gesicht ... So hinreißend das Erröten auf den
               Wangen der Unschuld ist, so widerwärtig berührt es uns in dem Gesicht eines
               hochmütigen Mannes, den wir im offenbaren Kampfe sehen, ob er etwas ihn Demütigendes
               vor uns verbergen soll oder nicht.</p>
            <p>»Sie war einst meine Schwester,« antwortete er mit klangloser Stimme, aber das Wort
               »einst« scharf markierend; »ich habe es geflissentlich vermieden, diese Beziehung zu
               betonen,« fuhr er nach einer ziemlichen Pause fest fort; »so wie die Sachen liegen,
               bin ich zu Erörterungen gezwungen, die mich möglicherweise rücksichtslos erscheinen
               lassen ... Ich muß dieser jungen Dame Mitteilungen über ihre Mutter machen, die ihr
               besser erspart geblieben wären ... Frau d'Orlowska hat in dem Augenblick, wo sie dem
               Polen die Hand reichte, für alle Zeiten aufgehört, ein Glied der Familie von
               Hirschsprung zu sein ... In unserem Familienbuche steht nicht, wie gebräuchlich,
               hinter ihrem Namen, mit wem diese Tochter des Hauses vermählt war – in dem Moment, wo
               sie <pb/> zum letztenmal über unsere Schwelle geschritten ist, hat mein Vater mit
               eigener Hand ihren Namen durchstrichen – das war tausendmal härter für ihn, als wenn
               er das Totenkreuz hätte hinzeichnen müssen ... Seitdem ist der Name Meta von
               Hirschsprung spurlos verschollen für uns – kein Freund des Hauses, kein Diener hat je
               gewagt, ihn wieder laut werden zu lassen; meine Kinder wissen nicht, daß sie je eine
               Tante gehabt haben – sie ist enterbt, verstoßen, und war längst für uns gestorben,
               ehe sie auf eine so schreckliche Weise endete.«</p>
            <p>Er schwieg einen Augenblick. Die Hofrätin hatte während dieser in wahrhaft
               vernichtender Weise gegebenen Enthüllungen ihren Arm um Felicitas gelegt und sie
               mütterlich liebevoll an sich herangezogen ... Und dort stand der Professor – er
               sprach nicht, aber sein Auge ruhte unverwandt und innig auf dem blassen Gesicht des
               Mädchens, das abermals für seine tote, »vergötterte« Mutter so schwer leiden mußte
               ... Es entstand eine momentane, peinvolle Stille. In diesem Schweigen lag
               unverkennbar eine strenge Verurteilung; auch der Sprechende vermochte nicht, sich
               diesem Eindrucke zu entziehen – stockend, mit unsicherer Stimme fuhr er fort: »Seien
               Sie versichert, daß es für mich eine sehr schwere Aufgabe ist, Ihnen in der Weise weh
               thun zu müssen – ich erscheine mir selbst in einem so – so unritterlichen Lichte,
               aber, mein Gott, wie soll ich denn die Dinge anders beim Namen nennen? ... Ich möchte
               gern etwas für Sie thun ... In welcher Eigenschaft sind Sie denn hier in diesem sehr
               ehrenwerten Hause?«</p>
            <p>»Als mein liebes Töchterchen,« antwortete die Hofrätin an Felicitas' Stelle und sah
               ihn fest und durchdringend an.</p>
            <p>»Nun sehen Sie, da haben Sie ja doch ein sehr glückliches Los gezogen!« sagte er zu
               dem jungen Mädchen, während er sich vor der Hofrätin verbindlich neigte. »Leider ist
               es nicht in meine Hand gegeben, mit Ihrer edlen Beschützerin zu wetteifern – die
               Rechte einer Tochter des Hauses dürfte ich Ihnen schon um deswillen nicht zugestehen,
               als meine Eltern noch leben; in ihren Augen würde leider der Umstand, daß Sie den
               Namen d'Orlowska tragen, vollkommen genügen, um Sie nie vor sich zu lassen.«</p>
            <p>»Wie, die leiblichen Großeltern?« rief die alte Dame entrüstet. »Sie könnten um das
               Dasein einer Enkelin wissen und sterben, ohne sie gesehen zu haben? – Das machen Sie
               mir nicht weis!«</p>
            <p>
               <pb/> »Meine liebe Frau Hofrätin,« entgegnete Herr von Hirschsprung kalt lächelnd,
               »das stark ausgeprägte aristokratische Gefühl, ein hoher Sinn für die unbefleckte
               Ehre des Hauses sind Familieneigentümlichkeiten der Hirschsprungs, denen auch ich
               mich nicht entziehen kann – die Liebe kommt bei uns erst in zweiter Linie. Ich
               begreife die Anschauungsweise meiner Eltern vollkommen und würde genau so handeln,
               wenn sich eine meiner Töchter je vergessen sollte.«</p>
            <p>»Nun, mögen die Männer Ihrer Familie über diesen Punkt denken, wie sie wollen,« sagte
               die Hofrätin beharrlich, »aber die Großmutter – sie müßte ja ein Stein sein, wenn sie
               von diesem Kinde hörte und –«</p>
            <p>»Gerade sie verzeiht am wenigsten,« unterbrach er die alte Dame in sicherer
               Ueberlegenheit. »Meine Mutter hat verschiedene Glieder alter Grafengeschlechter auf
               ihrem Stammbaum und hütet den Glanz des Hauses, wie selten eine Frau ... Uebrigens
               steht es Ihnen frei, meine sehr geehrte Frau Hofrätin,« setzte er, nicht ohne einen
               leisen Anflug von Spott, hinzu, »einen Versuch für Ihren Schützling zu wagen. Ich
               gebe Ihnen die Versicherung, daß ich Ihnen nicht nur nicht entgegen sein, sondern Ihr
               Vorhaben sogar möglichst unterstützen werde.«</p>
            <p>»O bitte, nicht ein Wort mehr!« rief Felicitas in namenloser Qual, während sie sich
               aus den Armen der alten Dame loswand und die Hände derselben beschwörend erfaßte.
               »Seien Sie überzeugt, mein Herr,« wendete sie sich nach einer momentanen Pause ruhig
               und kühl, wenn auch mit zuckenden Lippen, an den Herrn von Hirschsprung, »daß es mir
               nie einfallen wird, mich auf ehemalige Rechte meiner Mutter zu stützen – sie hat sie
               hingeworfen um ihrer Liebe willen, und nach allem, was Sie soeben ausgesprochen, hat
               sie dabei nur gewonnen ... Ich bin in dem Glauben aufgewachsen, daß ich allein stehe
               in der Welt, und so sage ich mir auch jetzt: Ich habe keine Großeltern.«</p>
            <p>»Das klingt scharf und bitter!« sagte er leicht verlegen. »Aber,« fügte er mit einem
               Achselzucken hinzu, »so wie die Verhältnisse nun einmal sind, bin ich genötigt, Sie
               in dieser Art der Auffassung verharren zu lassen ... Im übrigen will ich für Sie
               thun, was in meinen Kräften steht. Ich zweifle keinen Augenblick, daß es mir gelingen
               wird, von meinem Vater eine anständige lebenslängliche Rente für Sie zu
               erwirken.«</p>
            <p>»Ich danke!« unterbrach sie ihn heftig. »Ich habe Ihnen <pb/> eben erklärt, daß ich
               keine Großeltern habe; wie können Sie denken, daß ich von Fremden Almosen annehmen
               werde?«</p>
            <p>Er errötete abermals, allein jetzt war es das dunkle Rot der Beschämung, welche
               vielleicht zum erstenmal im Leben diese hocharistokratische Seele beschlich. In
               offenbarer Verlegenheit griff er nach seinem Hute – niemand hinderte ihn daran. Er
               berührte, sich gegen den Rechtsanwalt wendend, mit einigen fast geflüsterten Worten
               noch einmal das Geschäftliche; dann bot er, wie von einem plötzlichen Impuls bewegt,
               Felicitas die Hand, allein das junge Mädchen verneigte sich tief und zeremoniell vor
               ihm und ließ ihre beiden Hände langsam an den Seiten niedersinken ... Das war eine
               herbe Sühne, die das Spielerskind dem stolzen Herrn von Hirschsprung gegenüber für
               sich verlangte! Er wich bestürzt zurück, neigte sich mit einem Achselzucken und, für
               diesen Augenblick aller aristokratischen Hoheit bar, vor den übrigen und verließ, vom
               Rechtsanwalt begleitet, das Zimmer.</p>
            <p>Als die Thür hinter ihm in das Schloß fiel, schlug Felicitas mit einer heftigen
               Gebärde die Hände vor das Gesicht.</p>
            <p>»Fee!« rief der Professor und breitete seine Arme weit aus. Sie sah empor und –
               flüchtete hinein. Die Arme um seinen Hals schlingend, drückte sie ihren Kopf fest an
               seine Brust ... Der junge, wilde Vogel ergab sich für alle Zeiten, er machte auch
               nicht den leisesten Versuch mehr, aufzufliegen; es war süß, in starken Armen geborgen
               zu rasten, nachdem er im einsamen Fluge durch Sturm und Wetter sich fast zu Tode
               gekämpft und geflattert hatte.</p>
            <p>Bei diesem Anblick gab die Hofrätin ihrem vergnügt lächelnden Gemahl einen Wink, und
               beide gingen geräuschlos aus dem Zimmer.</p>
            <p>»Ich will, Johannes!« rief das junge Mädchen und schlug die Wimpern auf, an denen
               noch die Thränen des kindlichen Schmerzes hingen.</p>
            <p>»Endlich!« sagte er und legte seine Arme fester um die zarte Gestalt, sie war ja mit
               diesem Ausspruche sein eigen. Welch ein Gemisch von Glut und Zärtlichkeit brach aus
               den strengen, stahlgrauen Augen, die auf das glückselig lächelnde Mädchenantlitz
               niedersahen!</p>
            <p>»Ich habe von Stunde zu Stunde auf dies erlösende Wort gewartet,« fuhr er fort; »Gott
               sei Dank, es ist aus eigenem Antriebe gesprochen worden! Ich wäre sonst heute abend
               noch gezwungen gewesen, es zu veranlassen; ob es mir dann so süß geklungen hätte, wie
               eben jetzt, ich bezweifle es! ... Böse Fee, <pb/> mußten erst so bittere Erfahrungen
               über mich kommen, ehe du dich entschließen konntest, mich glücklich zu machen?«</p>
            <p>»Nein!« rief sie entschieden aus und wand sich los. »Nicht der Gedanke, daß Ihre
               äußere Lage sich geändert habe, hat mich besiegt; in dem Augenblick, wo Sie mir
               konsequent und entschieden die Zurückgabe des Buches verweigerten, kam urplötzlich
               das Vertrauen –«</p>
            <p>»Und wenige Augenblicke darauf, als das Geheimnis mir offenbar wurde,« unterbrach er
               sie und zog sie abermals an sich, »da erkannte ich, daß du bei aller Schroffheit, bei
               allem Trotz und Stolz, doch die echte, beseligende Liebe des Weibes im Herzen trägst.
               Du wolltest lieber entsagen, ehe du das Leiden einer schmerzlichen Erfahrung über
               mich kommen ließest ... Wir haben beide eine harte Schule durchgemacht, und – täusche
               dich nicht, Fee, über die Aufgabe, die dir wird! Ich habe meine Mutter verloren, mein
               Vertrauen auf die Menschheit hat einen starken Stoß erlitten und – auch das muß
               gesagt sein – ich besitze in diesem Augenblick fast nichts, als meine
               Wissenschaft!«</p>
            <p>»O, ich Glückselige, daß ich neben Ihnen stehen darf!« unterbrach sie ihn und legte
               die Hand leicht auf seinen Mund. »Ich darf freilich nicht hoffen, Ihnen das alles
               ersetzen zu können, aber was ein demütiges Weib irgend thun und ersinnen kann, um das
               Leben eines edlen Mannes zu erhellen, das soll gewiß geschehen!«</p>
            <p>»Und wann wird dieser stolze Mund sich herablassen, mich ›du‹ zu nennen?« fragte er,
               auf sie herablächelnd.</p>
            <p>Ihr lilienweißes Gesicht errötete bis an die Haarwurzeln.</p>
            <p>»Johannes, bleibe nicht allzulange fern von mir!« flüsterte sie bittend.</p>
            <p>»Ach, hast du im Ernst geglaubt, daß ich ohne dich gehen würde?« rief er leise
               lachend. »Wenn es sich in diesem Augenblick nicht so schön fügte, so würdest du heute
               abend erfahren haben, daß du morgen früh um acht Uhr, in Begleitung unserer lieben
               Hofrätin, mit mir nach Bonn abreisest. Die liebe, alte Mama hat dir ein wenig Komödie
               vorgespielt, mein Kind; droben im Staatszimmer stehen seit gestern die gepackten
               Koffer, und ich habe, unterstützt von ihrem Rat, selbst das Reisehütchen ausgesucht,
               das ich auf der trotzigen Stirne da sehen will ... Du bleibst vier Wochen als meine
               erklärte Braut im Hause der Frau von Berg, und dann – zieht eine kleine Frau neben
               das Studierzimmer des grimmigen Professors, der Falten auf der Stirne und bitterböse
               Blicke mit nach Hause bringt.«</p>

            <p>
               <pb/> Herr von Hirschsprung legitimierte sich, respektive seinen noch lebenden Vater,
               als einzigen Erben, und das Vermächtnis der alten Mamsell wurde ihm ausgehändigt. Er
               erklärte die Ansprüche der Hirschsprungs an die Familie Hellwig bezüglich der
               unterschlagenen sechzigtausend Thaler für vollkommen getilgt, nachdem der Professor
               die dreißigtausend Thaler der Tante Cordula aus seinem eigenen Vermögen verdoppelt
               und somit das Kapital bis zu seiner vollen Höhe ergänzt hatte.</p>
            <p>Für das verbrannte Bachsche Opernmanuskript mußte Frau Hellwig bare tausend Thaler
               erlegen; sie fügte sich knirschend, weil sie von allen Seiten die Versicherung
               erhielt, daß ein Prozeß noch ganz andere Opfer von ihr fordern dürfte.</p>
            <p>»Warum soll ich's leugnen?« sagte am Reisemorgen der Rechtsanwalt errötend und
               lebhaft erregt zu dem Professor, der reisefertig in der Fensternische neben ihm stand
               und auf seine Begleiterinnen wartete. »Ich gönne dir Felicitas nicht! ... Ich habe im
               ersten Augenblick dies seltene Geschöpf erkannt und werde lange Zeit brauchen, um –
               zu vergessen ... Aber einen Trost habe ich dabei: sie hat dich zu einem anderen
               Menschen gemacht und den sittlichen Rechten der Menschheit, ihrer unanfechtbaren
               guten Sache einen neuen Bekenner zugeführt ... Schlagender konnte meine freie und
               gewiß gesunde Ansicht über unsere sozialen Mißverhältnisse nicht motiviert werden,
               als durch den Umstand, daß – verzeihe mir die bittere Wahrheit – die stolzen Hellwigs
               den Angehörigen des verachteten Spielerskindes gegenüber Schwerschuldige waren ... Da
               stehen die einen und sehen hochmütig auf die anderen herab, und die blinde Welt ahnt
               nicht, daß es faul ist unter ihren gerühmten Institutionen, und daß der frische
               Luftzug der Freiheit nötig ist, um sie wegzufegen, die den Hochmut, die Herzlosigkeit
               und mit ihnen eine ganze Reihe der schlimmsten Verbrechen begünstigen.«</p>
            <p>»Du hast recht, und ich nehme diese bittere Schlußfolgerung ruhig hin,« sagte der
               Professor ernst, »denn ich habe in der That schwer geirrt. Aber der Weg, den ich
               zurückzulegen hatte, war steinig, und deshalb gönne mir den Preis, den ich schwer
               erringen mußte.«</p>

            <p>Der Professor hat seine junge Frau in den »exklusiven« Kreis der Professorenfrauen
               eingeführt, und das ideal schöne Wesen an seiner Hand ist, trotz der boshaften
               Einflüsterungen der Regierungsrätin, mit Liebe und Bewunderung aufgenommen worden ...
               <pb/> Es ist Wahrheit, was er sich einst so hinreißend gedacht hatte: Felicitas
               schmeichelt ihm die medizinischen Sorgenfalten von der Stirne, und wenn er abends
               inmitten seiner gemütlichen vier Wände bittet: »Fee, ein Lied!« da braust sofort die
               prachtvolle Altstimme auf, die ihn einst hinausgetrieben hat aus dem mütterlichen
               Hause in die Thüringer Wälder, der er entflohen, weil sie ihn unwiderstehlich
               hinüberriß nach dem wunderbaren Spielerskinde.</p>
            <p>Er hat sämtliche Möbel aus der Mansardenwohnung nach Bonn schaffen lassen. Der Flügel
               und die Büsten samt der üppigen Epheudraperie schmücken jetzt Felicitas' Zimmer. Im
               Geheimfache des Glasschrankes bewahrt die junge Hausfrau auch jetzt noch das kostbare
               altväterische Silberzeug auf; den kleinen grauen Kasten samt Inhalt aber hat der
               Professor an demselben Tage verbrannt, wo die Hirschsprungs das ausgleichende Kapital
               in Empfang genommen haben. Das Schuldbuch ist vernichtet, das Unrecht gesühnt, soweit
               menschliche Kräfte es vermochten, und Tante Cordulas Geist kann unbeirrt seinen hohen
               Flug weiter verfolgen, den er schon auf Erden angenommen.</p>
            <p>Heinrich lebt in Bonn bei dem jungen Paare. Er wird hoch in Ehren gehalten und fühlt
               sich über die Maßen wohl; wenn er aber auf der Straße der in Samt und Seide
               gehüllten, jetzt ungeniert nach der neuesten Mode gekleideten Regierungsrätin
               begegnet, die stets den Kopf wegwendet, als habe sie das ehrliche Gesicht des alten
               Mannes nie gesehen, da schmunzelt er vergnüglich in sich hinein: »Das Blümelein
               Vergißmeinnicht hat doch nichts geholfen, gnädige Frau Regierungsrätin!«</p>
            <p>Die schöne Frau kann übrigens ihren tadellos geformten weißen Arm nicht mehr mit dem
               Armringe schmücken; ihr Vater hat ihn »gewissenhaft« mit dem Bemerken, daß er durch
               »Zufall und Irrtum« in seinen Besitz gekommen, an die Hirschsprungschen Erben
               ausgeliefert. Er lebt auf sehr gespanntem Fuß mit seiner Tochter, weil sie die
               »grenzenlose Dummheit« begangen hat, seinen Anteil an dem Raube zu bestätigen ... Sie
               hat längst den Nimbus der Frömmigkeit und sanften Milde eingebüßt, beteiligt sich
               aber noch immer mit großer Ostentation an frommen Bestrebungen, während ihr Aennchen
               unter fremder Pflege einem sicheren Tode entgegenwelkt ... Und er, der strenggläubige
               Verwandte am Rhein? ... Es ist nicht zu denken, daß ihn die Nemesis auf Erden ereilt,
               er wird mit frommer Ergebenheit alles, was über ihn kommen mag, Prüfung nennen. Wir
               übergeben <pb/> ihn deshalb dem öffentlichen Gerichte; die empfindlichste Strafe für
               den Heuchler ist, daß ihm vor aller Augen die Maske vom Gesicht genommen wird!
               ...</p>
            <p>Frau Hellwig sitzt nach wie vor hinter ihrem Asklepiasstocke. Das Unglück ist endlich
               auch über ihre gefeite Schwelle geschritten; sie hat zwei Kinder verloren: ihren Sohn
               Johannes hat sie verstoßen, und eines Tages lief die Nachricht ein, daß Nathanael im
               Duell geblieben sei. Er hat viele Schulden und einen sehr befleckten Ruf hinterlassen
               ... Die eisernen Züge der großen Frau sind schlaffer geworden, und manchem will es
               scheinen, als neige sich der Kopf mit dem einst so starren Gepräge des Hochmutes und
               der Unfehlbarkeit oft recht müde auf die Brust ... Der Professor hat ihr vor kurzem
               die Geburt seines erstgeborenen Kindes angezeigt. Seit der Zeit liegt in dem
               Strickkörbchen, das bis dahin nur derbe blaue und weiße Knäuel mit grobem Faden
               beherbergt hat, ein zartrosiges Strickzeug, Frau Hellwig arbeitet nur verstohlen und
               ruckweise daran. Friederike schwört, es sei kein Missionsstrumpf, sondern ein
               allerliebstes Kinderstrümpfchen. Ob und wann diese zierlichen, rosenroten Dinger die
               strampelnden Beinchen des jüngsten Hellwigschen Familiengliedes umschließen werden,
               wir wissen es nicht, aber zur Ehre des Menschengeschlechts soll es gesagt sein: Es
               ist keine Seele so verhärtet, daß nicht ein weicher Punkt, eine edle Regung, eine
               süßklingende Saite in ihr schliefen; sie wird sich freilich oft dieses inneren
               Schatzes nicht bewußt, wenn die Erweckung von außen fehlt. Aber vielleicht ist die
               großmütterliche Liebe solch ein ungeahnt warmer Punkt im Herzen der großen Frau, der,
               plötzlich angefacht, ein mildes Licht ausströmt und das übrige Eis des Innern
               schmilzt.</p>
            <p>Hoffen wir, lieber Leser!</p>
         </div>
      </body>
   </text>
</TEI>