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            <title>Jungfer Mutter : ELTeC ausgabe</title>
            <author ref="http://d-nb.info/gnd/1014783895">Christen, Ada (1839-1901)</author>
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               <resp>ELTeC conversion</resp>
               <name>Leonard Konle</name>
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         </titleStmt>
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            <measure unit="words">47731</measure>
            <measure unit="pages">134</measure>
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         <publicationStmt>
<publisher ref="https://distant-reading.net">COST Action "Distant Reading for European Literary History" (CA16204)</publisher>
<distributor ref="https://zenodo.org/communities/eltec/">Zenodo.org</distributor><date when="2021-04-09"/>
<availability><licence target="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/"/></availability>
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<ref type="doi" target="https://doi.org/10.5281/zenodo.4662444">ELTeC release 1.1.0</ref>
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               <title>Jungfer Mutter</title>
               <author>Christen, Ada</author>
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            </bibl><bibl type="printSource"><author>Ada Christen</author>: <title>Das Haus zur Blauen
                  Gans</title>. Erzählungen und Gedichte. Herausgegeben von
               <respStmt><resp>editor</resp><name>Hanna-Heide Kraze</name></respStmt>, <pubPlace>Berlin</pubPlace>: <publisher>Union
                  Verlag</publisher>, <date>1964</date>. </bibl><bibl type="firstEdition">Erstdruck: <pubPlace>Dresden</pubPlace> (<publisher>Heinrich
                  Minden</publisher>) <date>1892</date>.</bibl></sourceDesc>
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            <language ident="de">German</language>
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            <authorGender xmlns="http://distantreading.net/eltec/ns" key="F"/>
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            <div type="chapter">
               <head>Ada Christen</head>
               <head>Jungfer Mutter</head>
               <p>
                  <pb/> Die Geschichte, wie die Walter Hanni eine alte Jungfer geworden ist und
                  warum sie von den Leuten in der Blauen Gans Jungfer Mutter genannt wurde, ist
                  nicht so leicht und schnell zu erzählen, als man meinen könnte, daß sich ein armes
                  kleines Leben erzählen läßt. Sie wundert sich heute noch, wenn man ihr sagt, daß
                  sie viel erlebte, denn so eigentlich weiß sie nur, daß sie immer fleißig
                  gearbeitet hat.</p>
               <p>Sie ist vor der Zeit schneeweiß und alt geworden und hat nie eine andere Freude
                  gehabt als ihr Kind.</p>
               <p>Ihr Kind war der eheliche Sohn ihrer Jugendfreundin, der Weis Leni, welche sich
                  längst Madame Madeleine Weis nennt. Der kleine Ziehsohn der Hanni wurde nach
                  seinem Vater Leopold Weis getauft und wußte seit seinem zehnten Jahre, daß sein
                  Vater sich ein Taschenmesser in das Herz stieß und zu Füßen seines wunderschönen
                  Weibes starb. Sooft der kleine Polderl seine »Frau Mutter« sah, ging ihm das, was
                  er gehört, durch den Kopf, mehr als einmal wollte er sie fragen: Warum? – aber er
                  getraute sich nicht, sie war so schön und sah so vornehm aus und redete wenig mit
                  ihm. Niemand konnte oder wollte ihm die ganze Geschichte von dem Tode seines
                  Vaters erzählen.</p>
               <p>»Wenn du groß bist und alt genug dazu, wirst schon alles hören«, tröstete ihn
                  seine Ziehmutter, die Hanni, wenn er ihr vorgreinte davon.</p>
               <p>Der kleine Weis Polderl wußte auch nicht, daß sein sterbender Vater ihn als
                  heiliges Vermächtnis der Hanni hinterlassen hatte und daß die Leni, seine »Frau
                  Mutter«, ihn der Hanni nur zugeschickt hatte, weil der sterbende Mann dem Weibe in
                  der wilden, lustigen Art drohte, er werde aus seinem Grabe aufstehen und sie
                  allnächtlich als kohlschwarzer Mann schütteln und beuteln, bis ihr die Seel halb
                  aus ihrem wunderschönen heiligen Leib fliege, wenn sie den letzten Willen nicht
                  erfüllen sollte.</p>
               <p>Die Leni war und ist immer eine ehrbare, tugendhafte, fromme <pb/> Frau und so
                  felsenfest überzeugt von der dies- und jenseitigen Nichtsnutzigkeit ihres
                  Ehemannes, daß sie an seinen nächtlichen Ausflügen nach dem Tode niemals
                  zweifelte. Sie ließ auch darum gleich am nächsten Morgen das Kind zu ihrer
                  »falschen Freundin« tragen und dem Toten ein teures Begräbnis bereiten. Bald stand
                  auch auf seinem wohlgepflegten Grabe ein Kreuz von Stein, und jedes Jahr ließ sie
                  an seinem Todestage eine Seelenmesse lesen. Gewissenhaft kleidete sie sich ein
                  Jahr in schwarze und ein zweites in graue Gewänder, und sie war in der schlichten
                  Trauertracht mit ihrem goldroten Haar schöner als jemals.</p>
               <p>Der Sohn der Leni blieb also bei seiner Ziehmutter, die er, als er erst reden
                  konnte, »Frau Mutter« nannte, wie die anderen Kinder es zu ihren Müttern sagten,
                  obwohl es altmodisch war. Da gab es aber ein großes Entsetzen in der Blauen Gans,
                  aus Respekt vor der Leni wurde es ihm gelinde verwiesen und ihm eindringlich
                  erklärt, seine rechte Frau Mutter habe ihn nur »dem Mädel« – der Hanni – zum
                  Aufheben gegeben; denn die Hanni sei gar keine Frau und werde keinen Mann nicht
                  kriegen und eine alte Jungfer werden!</p>
               <p>Von der ganzen wohlmeinenden Auseinandersetzung behielt das Büblein das, was er
                  oft gehört hatte: »alte Jungfer«, und Gott weiß, wie er sich das in seinem
                  Köpfchen zurechtrückte, aber er nannte von da ab die Hanni »Jungfer Mutter«. Erst
                  wurde der Titel von den Nachbarn spottend wiederholt, als jedoch die Kinder ihn
                  stündlich lallten und schrien, bürgerte er sich ein, und das alte Mädchen heißt
                  nun schon seit fünfundzwanzig Jahren nicht mehr anders unter den Leuten, die sie
                  kennen.</p>
               <p>Gleich nach dem Tode ihres Mannes wollte die Leni den Unterhalt ihres Sohnes
                  bestreiten, aber da erwies sich die falsche Freundin zum erstenmal im Leben ihr
                  gegenüber widerspenstig. Sie nahm keinen Kreuzer und ließ die Frau Mutter des
                  Polderl nur um zwei Dinge bitten: Zuerst, daß sie die alte Einrichtung der Wohnung
                  behalten dürfe für ihren Ziehsohn, als Erbschaft von seinen Urgroßeltern,
                  Großeltern <pb/> und Vater, und dann, daß die Frau Mutter das Geld für den Polderl
                  in die Sparkasse legen möchte bis zu der Zeit, in der er ein Handwerk lernen
                  müßte. Dabei blieb es.</p>
               <p>Der Polderl wurde ein Poldl, ein Leopold endlich, als er die Kunstschlosserei
                  erlernt hatte, aber seine »Jungfer Mutter« hatte von seiner »Frau Mutter« noch
                  immer kein Geld genommen. »Ich laß mich derweil recht schön bedanken, ich kann
                  derweil gar nichts brauchen für unsern Buben«, war immer die gleiche Antwort.</p>
               <p>Als der Poldl Soldat werden mußte, kam wieder eine sauber geschriebene Anfrage, ob
                  denn der Sohn jetzt nichts brauche in dem neuen Stande. Da ging die Hanni in das
                  Stübchen des Advokatenschreibers, der auch ein heimlicher Maler und Dichter war,
                  Virgilius Stramirisko hieß, der Kürze wegen aber der »einsame Spatz« genannt
                  wurde. Nur in besonders wichtigen Dingen ging die Hanni zu dem alten Herrn, dessen
                  rosiges glattes Gesicht nicht zu seinen fünfundsechzig Jahren und seinen
                  schneeweißen Locken passen wollte.</p>
               <p>»Ich bitt, Herr ei ...«, sie mußte schnell den einsamen Spatzen schlucken, so
                  gewohnt war sie ihn, »Virgilius, schreiben Sie mir an meinen Sohn seine Mutter,
                  aber gelten's, Wort für Wort, wie ich's Ihnen vorsag?«</p>
               <p>»Ja, Jungfer Mutter«, sagte er fein lächelnd und setzte sich zurecht.</p>
               <p>Die Hanne streifte mit beiden Händen über ihre Schürze, räusperte sich und
                  begann:</p>

               <p>»Frau Magdalena Weisin!</p>
               <p>Ich danke dir für deinen guten Willen, aber derweil ist kein Geld nicht notwendig,
                  die selige Großmutter vom Poldl hat seinem gottseligen Vatern auch nichts mitgeben
                  können als ihren Segen, und um den tät ich dich für unsern Sohn recht schön
                  bitten, den einen Segen von mir hat er eh' schon, kriegt er deinen dazu, so hat er
                  zweimal so viel als sein gottseliger Vater kriegt hat. Indem ich dir die beste
                  Gesundheit wünschen tue, schließe ich mein Schreiben und danke dir mein
                  Lebtag.</p>
               <!--milestone hi_start-->
               <p>Mit Achtung Johanna Walter.«</p>
               <!--milestone hi_end-->

               <p>
                  <pb/> Die Frau Mutter legte den Brief hübsch zu manchen andern und wartete mit
                  ihrem Segen, bis der Leopold kam und ihn holte und damit versehen nach Bosnien
                  marschierte.</p>
               <p>Für die »Jungfer Mutter« begann eine schwere Zeit, aber sie hielt sich aufrecht
                  und still wie allzeit. Sie saß am Fenster bei ihrer längst neumodischen
                  Handmaschine und dachte an den fernen Sohn ...</p>
               <p>Ach, wie oft tauchte sein Vater, der tote Leopold, vor ihr auf ... der hatte nur
                  einen Arm mit heimgebracht von Italien; sie dankte Gott demütig, daß ihr Poldl
                  noch mit zwei Armen Krieg führte in Bosnien.</p>
               <p>Jeden Abend fuhr sie mit leichter Hand über die alte Wiege, die noch bei ihrem
                  Bett stand, genau wie vor fünfundzwanzig Jahren, als das Kind immer neben ihr
                  schlief.</p>

               <p>Fünfundzwanzig Jahre!</p>
               <p>Heute ist sein Geburtstag, und heute soll er heimkommen aus Bosnien, das hat er
                  seiner Jungfer Mutter sogar von der vorletzten Station noch telegrafiert. Die
                  ganze Blaue Gans lief zusammen über das Ereignis – ein Telegrafenbrief!</p>
               <p>Und nun sitzt sie am Fenster, wartet und murmelt vor sich hin: »Ob er daran denkt,
                  daß heut sein Geburtstag ist?« Sie läßt die Hand von der Maschine gleiten, hält
                  den Atem ein und lauscht.</p>
               <p>Ein kleines, blondes, zerzaustes Mädel kommt zum Fenster gesprungen und plappert
                  hastig: »Laß mich die schönen Blumen sehn, Jungfer Mutter, für den Leopold sein's,
                  gelt?« Sie steckt das Köpfchen ins Fenster, bläht die feingeschwungenen Nüstern,
                  schnuppert und guckt hastig um und um wie ein Eichkätzchen.</p>
               <p>Die Hanni lacht.</p>
               <p>»Wart nur, bis mein Sohn wieder da ist, dann zeig ich dir alles.«</p>
               <p>»Ja – nein – aber, weißt, die Laternenanzünder-Godel erzählt's schon allen großen
                  Leuten, daß 's den Rosenbuschen von seiner Frau Mutter g'sehn hat, und alle Kinder
                  haben ihn unterm Haustor g'rochen, gleich wie ihn der Dienstmann bracht hat, <pb/>
                  mit ein' seidernen Papier! Das seiderne Papier will ich aber auch sehn!« schreit
                  sie herausfordernd und springt wieder davon.</p>
               <p>Die alte Jungfer streicht ihre Scheitel zurecht, glättet ihre frische Schürze und
                  schaut wieder auf den Torbogen. »Er müßt schon da sein, der Eisenbahnzug ist gewiß
                  in Wien ... wenn er keine Verspätung hat«, fügt sie in Gedanken bei.</p>
               <p>Sie soll ihm nicht auf dem Bahnhof entgegenkommen, hat er sie in seinem letzten
                  Briefe gebeten, nicht unter den vielen Leuten, die sie hin und her stoßen, weil
                  sie sich nirgends auskennt, sie soll ihn nur zu Hause erwarten und sich keine
                  Sorgen machen, wenn er etwas später kommt.</p>
               <p>Und sie wartet ... wartet ... wartet.</p>
               <p>Sie sucht die Zeit hinzubringen, wie es nur angeht. Sie hat viel gearbeitet,
                  gebetet, mit den Nachbarn geplaudert, die sich zu ihrem Fenster stellten, sie hat
                  sogar gesungen! Alle die lustigen und empfindsamen Wiener Lieder, die er als Kind
                  mit <pb/> ihr zwitscherte, und so ist der Tag hingegangen, sie aber lauscht und
                  wartet.</p>
               <p>Draußen im Hof verklingen die schrillen Kindersrimmen, der Tageslärm erstirbt, und
                  der Herbstabend fällt ein, schnell, düster, wie von dem wimmernden Wind
                  heruntergedrückt, der noch in der Höhe saust. Jetzt fährt er schon über die
                  Dächer, mit einmal aber stürzt er sich herab, springt durch den Hof und jagt
                  pfeifend alle Papierfetzen, Taubenfedern, Haarbüschel und wirren Kram vor sich
                  her, erwischt die Brunnenstange und schüttelt sie, daß sie wie ein Uhrpendel hin
                  und her baumelt und angstvoll knarrt. Da schlurft ein Mensch über den Hof – hopp!
                  – Der Wind wirft sich über den greisen Laternenanzünder, packt den langen grünen
                  Kittel, zerrt an ihm und bläht ihn auf wie ein Segel. Der Alte stößt atemlos einen
                  Dragonerfluch nach dem andern aus, und der Wind fliegt jählings davon, wieder hoch
                  über die dunklen Hausdächer hinweg.</p>
               <p>Seit langer Zeit brennt in dem großen Hof der Blauen Gans das Gaslicht, aber es
                  brennt in so kleinen Flämmchen, daß es schwer zu unterscheiden ist, ob die dünnen
                  Lichter nicht doch verkappte Öllampen sind.</p>
               <p>Die junge Brut der Blauen Gans behauptet steif und fest: »Der Laternenanzünder-Göd
                  vernagelt die Gasbrenner, so daß nur ein Viertellicht heraus kann, und nachher
                  schimpft er, daß bei dem ›Luftlicht‹ sich alle Leut die Füß brechen müssen.«</p>
               <p>Der alte Mann schleppt seinen Lampenstock bis zu dem Fenster der Hanni; als er ihr
                  blasses verfallenes Gesicht sieht, sagt er gutmütig: »Mußt nimmer warten, Jungfer
                  Mutter, heut kann er nimmer kommen, dein Bub!«</p>
               <p>»Aber schau, Göd, der Kaffee ist schon seit drei Stunden fertig.« Dann zupft sie
                  an seinem grünen Kittel. »Du, ein' Gugelhupf hat ihm dein Weib heimlich g'backen,
                  du darfst aber nichts wissen davon, hat's g'sagt, weil du so schmutzig warst und
                  ihm nur drei Packeln Tabak schenkst zum Geburtstag«, flüstert die Hanni, und die
                  beiden nicken sich zu und lachen lustig.</p>
               <p>
                  <pb/> »Seine Frau Mutter hat ihm einen Rosenbuschen g'schickt mit einer seidernen
                  Einfassung! Fuffzig Rosen beieinander auf einmal, mir scheint, man riecht's bis
                  daher, gelt? Und eine Visitenkarte steckt mittendrin, da steht drauf, sagt der
                  einsame Spatz: Mei-nem Heim-gekehr-ten zum Geburtstage. Siehst, sie denkt halt
                  doch an ihn.«</p>
               <p>»Mei-nem?!« Der Alte lacht kurz auf. »Bin ich mein Weib«, knurrt er dann, »daß ich
                  aus allem, was die Lenerl zu heiligen Zeiten tut, ein blaues Wunder mach? Was hat
                  er denn von die fuffzig Rosen? Laß anschaun!«</p>
               <p>Sie schleppt das große kostbare Bukett zum Fenster, und der Laternenanzünder
                  vergräbt seine lange Nase in die Blumen. »Ah! – ah! Schad', daß man's nicht essen
                  kann! – Der Wind schlägt um, wirst sehn, Hannerl, das wird ein Regen.«</p>
               <p>Gravitätisch zündet er die Laternen vor dem Fenster der alten Jungfer an. »Dem
                  Poldl zu Ehren hab ich's ganz aufgedreht«, sagt er feierlich, »aber du wirst's
                  sehen, er kommt heut nimmer. Denkst dran, wie sein Vater heimkommen ist von
                  Italien aus dem Feldzug mit ein' Arm? – Das ist doch recht was Sonderbares, gelt?
                  – Dem armen Kerl sein ganzes Leben hat der Krieg verpatzt, wär er kein Krüppel
                  worden, so wär er ein lustiger glücklicher Mensch geblieben. – Jetzt schau – der
                  Lepold liegt am Währinger Gottesacker, und sein rechter Arm ist in Italien am
                  Schlachtfeld verscharrt« – er wischt sich seinen großen weißen Schnurrbart ab,
                  seufzt nachdenklich: »Wie wird er den Arm nach Wien kriegen bei der Auferstehung
                  des Fleisches?!«</p>
               <p>»Hab heut viel an den Verstorbenen denkt und unsern Herrgott kniefällig dankt, daß
                  er mir den Buben als ganzen Menschen z'Haus schickt, g'sund und frisch, wie er
                  fort ist.«</p>
               <p>»Hast du's seiner Frau Mutter sagen lassen, daß er kommt?« brummt der
                  Laternenanzünder vorwurfsvoll.</p>
               <p>Die Hanni nickt nur freundlich.</p>
               <p>»Na, hörst! Und sie? Sie kommt nicht g'rennt und hockt sich daher und wart't auf
                  ihn, gelt? – Da ist sie z'nobel, sie kann's kommoder z'Haus tun«, schreit der Alte
                  entrüstet. »Weißt, ich mag mit der Meinigen nimmer streiten, jetzt sein wir schon
                  <pb/> zu alt dazu, aber den Magen dreht's mir um, wenn sie die Lenerl so in Himmel
                  hebt.«</p>
               <p>»Mußt nicht ungerecht sein!«</p>
               <p>»Laß mich aus mit ihr, seit's das Geschäft von der alten Blank, von der
                  Mode-Madam, übernommen hat, tut's ja, als ob's gar nicht mehr reden könnt mit
                  unsereiner. Warum's nimmer g'heirat't hat, sie ist doch allerweil noch eine sehr
                  saubere Person, und jung ausschaun tut's! Von auswendig könntst du ihre Großmutter
                  sein, und ihr seid's doch in ein' Alter?«</p>
               <p>
                  <pb/> »Nein, nein«, sagt die Hanni eifrig, »sie ist um sechs Monat jünger, und
                  nachher hat sie sich halt pflegen können, gut essen und trinken, hat keine schwere
                  Arbeit g'habt, keine Sorgen und keine Kinder!«</p>
               <p>Er lacht und lacht, daß seine hagern Glieder schlottern: »Jetzt fehlt nur noch,
                  daß du dir einbildst, du hast ihren Buben geboren, nachher bist ganz verruckt! –
                  Bist und bleibst halt eine alte dumme Urschel!«</p>
               <p>Der Laternenanzünder schlurft weiter durch den Hof, und als in dem breiten niedern
                  Torbogen ein dünnes Flämmchen aufblitzt, das er angezündet hat, hört sie noch
                  immer sein vergnügtes überlegenes Kichern.</p>
               <p>Die Hanni lehnt den Kopf an das Fensterkreuz und bleibt in dem finstern Zimmer
                  einsam sitzen. Draußen hebt der Wind wieder sachte an, darum zittern und zucken
                  die Gasflämmchen, ihr unsicheres Licht huscht in die große Stube und weckt die
                  Schatten auf, die in allen Winkeln schlafen, sie hasten hervor, fliegen über die
                  Zimmerdecke, rennen an den Wänden hinab, laufen über den Fußboden und flattern
                  über das sanfte Gesicht der alten Jungfer. Die wurmstichigen Kasten krachen und
                  stöhnen, wenn ein Windstoß durch den Ofen hereinschnaubt, und das alte Ledersofa
                  knistert, es steht mit seinen breit ausgespreizten Beinen wie ein schwarzes
                  Ungetüm in der dunkelsten Ecke, und die Lichter hüpfen darüber hin wie gelbe
                  Frösche, sooft der Sturm an der knarrenden Laterne vor dem Fenster rüttelt.</p>
               <p>Ein weicher Duft zieht durch die Stube, so süß und eindringlich, daß er die
                  Einsame fast betäubt, sie denkt nicht mehr daran, woher der Wohlgeruch kommt, sie
                  atmet nur tief, schaut zurück in die Vergangenheit ... und es schüttelt sie ein
                  träumerischer Schreck.</p>
               <p>Vergangenheit!</p>
               <p>Weit, weit liegt sie dahinter mit ihrem unklaren Leid ... Sie sitzt ja schon bald
                  ein Vierteljahrhundert da an dem Fenster und arbeitet für den Sohn des toten
                  Leopold und seiner schönen Frau. Bringt die stille Geburtstagsfeier das holde
                  Gesicht der Jugendfreundin so lebendig vor ihre Augen?... Die Leni <pb/> kommt ja
                  niemals da herunter in die Dunkelheit ... die lebt oben im Licht, geehrt, reich,
                  schön, was soll sie da auf dem vergessenen armen Platz?</p>
               <p>Sie aber, die Einsame, hat sich diesen Platz schwer errungen durch harte Arbeit,
                  stumme Demut, tiefes Mitleid und grenzenlose Liebe. Ein verlorner Posten sitzt da,
                  dessen keiner gedenkt als er ... Die Vergangenheit versinkt ... Er ... ihr Sohn,
                  ist das Glück und die Zukunft.</p>
               <p>Die Rosen duften stärker, die Gewitterluft hat sie erfrischt, und wie jetzt
                  draußen der Regen niederprasselt, tun sie ihre Kelche weit auf, und das Gemach ist
                  ganz erfüllt von schwülem Geruch.</p>
               <p>Sie, »das alte Mädchen«, denkt jetzt nur daran, daß die Blumen für ihn da sind, zu
                  seinem Geburtstag auf ihn warten gleich ihr, und sie weiß, daß es ihn zu ihr
                  drängt, daß er auch auf der ganzen weiten Welt keinen lieberen Platz hat als ihr
                  Herz und den Winkel, in dem seine Wiege steht.</p>
               <p>In der Küche auf dem Herd sprühen plötzlich die glühenden Kohlen – ein Windstoß
                  tobt durch die aufgeschleuderte Türe, und aus der Finsternis jubelt eine junge
                  gute Stimme: »Grüß dich Gott, Jungfer Murter!«</p>
               <p>»Mein Bub!... mein Poldl!... mein ... mei!«</p>
               <p>Der Ton bricht ab, sie kichert, lacht und lacht, daß ihr die Tränen über die
                  Wangen fließen.</p>
               <p>Die zwei blutfremden Menschen halten sich fest umschlungen, eins geworden durch
                  überwundene Leiden, unermeßliche Liebe und eine Treue, die stärker ist als der
                  Tod!</p>
               <p>»Warum kommst du denn so spät, mein Kind?« stammelt sie. »Ich hab mir denkt«, und
                  er blinzelt pfiffig nach dem Hof, »ich möcht heut Ruh haben vor unsern Nachbarn.
                  Weißt noch, was du mir oft erzählt hast, wie's mein' Herrn Vattern seckiert haben
                  mit'n Erzähln, wie er heimkommen ist aus'n Feldzug. Ich hab aber mit dir allein
                  sein wollen, Jungfer Murter! Du, was riecht denn so gut bei uns?«</p>
               <p>»Jesus ja! Laß den Vorhang runter und zünd's Licht an, ich möcht dich ja sehn
                  als'r Ganzer!«</p>
               <p>Er zieht rasch den Vorhang vor und zündet mit einem Griff <pb/> die Lampe an, sie
                  aber rückt die geweihten Kerzen, die auf dem Schubladenkasten neben dem Christus
                  stehen, vorsichtig näher und steckt sie feierlich an, dann nimmt sie den jungen
                  Soldaten bei der Hand, führt ihn zu dem Kasten und fragt geheimnisvoll: »Weißt,
                  was heut für ein Tag ist?«</p>
               <p>»Nein, Murterl, ich hab ja unter den Wilden g'lebt!«</p>
               <p>»Alsdann«, sagt sie immer noch sehr feierlich, »dein Geburtstag!«</p>
               <p>»Der – meiner Seel!«</p>
               <p>»Der noble Rosenbuschen da, der so gut riecht im Zimmer, ist von deiner Frau
                  Mutter, der Gugelhupf da ist von der Laternanzünder-Godel!«</p>
               <p>»Hat's recht stark g'weint, wie's ihn g'macht hat, die Frau Patin?« unterbricht er
                  die Hanne in kläglichem Ton und <pb/> geschraubtem Hochdeutsch, und dann lachen
                  beide gutmütig. »Da sein drei Packeln Tabak vom Laternanzünder-Göden, und da ...
                  zwölf Paar Zwirnsöckeln, die hab ich dir g'strickt bei der Nacht, im Bett, in der
                  Finster, wann ich nicht schlafen hab können und viel hundert Vatterunser für dich
                  bet't hab und für die arme Seel im Fegfeuer, für dein Vattern. Kein Fürscht hat
                  schönere. Und jetzt, jetzt kommt der Oberskaffee!«</p>

               <p>Sie sitzen lange beieinander und reden nur von der Zukunft, von dem glücklichen
                  Beisammenbleiben bis an ihr Lebensende.</p>
               <p>»Ich bin dir so viel schuldig, Jungfer Murter, daß ich es dir nicht zahlen kann,
                  wenn ich hunderttausend Jahr alt würd«, beteuert er treuherzig und tätschelt die
                  hagern Hände der alten Jungfer in den seinen. »Magerer bist word'n.«</p>
               <p>»Ja. Aber akarat wie dein seliger Vatter schaust du aus, so ist er g'sessen auf
                  demselben Sessel, wie er heimkommen ist, und o du mein ... g'nauso hat er an sein'
                  blonden Schnauzbartel zupft ... und hat deine Frau Mutter und mich angelacht.«</p>
               <p>»Und so müd war er auch wie ich ... gelt, Murterl? Es ist ein tüchtiger Marsch von
                  Bosnien bis nach Wien, unter Menschen, die wieder eine ordentliche Sprach reden
                  als wie wir jetzt miteinander.«</p>
               <p>Sie räumt den Tisch ab und verlöscht die Lichter, als sie aber den Vorhang wieder
                  aufzieht, schaut sie verwundert hinaus in die lautlose Nacht.</p>
               <p>»Da schau, wie schön all's worden ist, das klare Mondlicht, die frische Luft und
                  die Stillheit, das tut so wohl ... so wohl ...«</p>
               <p>Und nun bettet sie ihr großes Kind auf das breite alte Ledersofa, schüttelt ihm
                  noch einmal die Polster recht hoch und macht ihm genau wie allzeit in seinen
                  Kindertagen das Zeichen des Kreuzes über die Stirn. Nur wie der Schatten eines
                  Lächelns huscht es dabei über seine hübschen Züge, und mehr zu sich selbst sagt er
                  halblaut: »Bin halt noch allerweil für dich der kleine Bub.«</p>
               <p>
                  <pb/> Als sie das Fenster geschlossen hat, schiebt sie den Bettschirm vor ihr
                  Lager und liegt nun still dahinter mit gefalteten Händen, bewegt die Lippen
                  wortlos und horcht auf die Atemzüge ihres Kindes. Er muß ja heute gut schlafen,
                  zum erstenmal wieder daheim nach Jahren. Eine Weile lauscht die Hanni vergeblich,
                  dann hört sie ihn leise reden, wie im Traum.</p>
               <p>»Jungfer Murter!«</p>
               <p>Sie horcht gespannt, jetzt wieder: »Jungfer Murter!?«</p>
               <p>»Was denn, Poldl?«</p>
               <p>»Ich kann nicht schlafen, schau, da scheint mir der Mond mitten ins Gesicht – der
                  läßt mich nie in Ruh – b'sonders in den letzten Jahren. Wenn ich auch die Fenster
                  mit Kotzen verhängt hab, ich g'spür ihn doch, und er findet mich. Wenn ich aber
                  doch einschlafen kann, so träum ich allerweil eine Menge durcheinander, drum bin
                  ich schon lieber munter, wenn ich auch schnurgrad ins Mondlicht schaun muß.«</p>
               <p>Die Hanni seufzt verzagt und murmelt befangen: »Das hast schon als kleines Kind
                  g'habt, hast's von dein Vattern geerbt, der hat oft lange Reden g'halten im
                  Schlaf, wenn Vollmond war.«</p>
               <p>»So – so –?« sagt der Soldat unvertraut aushorchend: »Aber du, ich glaub, die
                  Rosen von der Frau Mutter riechen jetzt noch stärker, oder sein wir das nicht
                  g'wöhnt?«</p>
               <p>»Wird schon so sein ... wir werden's halt erst g'wöhnen.«</p>
               <p>Die Schwarzwälder Uhr neben dem Bett der alten Jungfer schlägt zwölf. »Gute
                  Nacht«, lispelt die Hanni.</p>
               <p>Das Gemach ist wie in bläuliche Schleier gehüllt, das unbewegliche Mondlicht
                  erfüllt es ganz, und die beiden schauen hinaus in den feucht glitzernden Hof und
                  lauschen den heimlich wispernden Stimmen der träumenden Herbstnacht.</p>
               <p>»Jungfer Murter, heut war ich fünfundzwanzig Jahr alt, schau, sei gut, erzähl mir,
                  weil du auch nicht schlafen kannst, die G'schicht von meinen Eltern. Jetzt bin ich
                  doch alt genug dazu, daß ich alles wissen kann? – Morgen, wenn ich ausgerast't
                  bin, muß ich nachschauen, wie's der Frau Mutter geht.«</p>
               <p>Eine Weile schweigt die Hanni, denn das Herz klopft bleischwer<pb/> , sie setzt
                  sich in ihrem Bett sachte auf und sagt halblaut verlegen: »Ja, das ist halt schwer
                  ... Wissen tu ich alles ganz genau, aber erzählen kann ich's dir nicht so wie es
                  eigentlich war, so nacheinander. Der einsame Spatz hat sich die ganze G'schicht
                  aufgeschrieben, so, wie ich sie ihm einmal erklärt hab. Dann hat er sie mir wieder
                  vorg'lesen, und es war alles ganz recht, nur so, so halt, als ob er besser gewußt
                  hätt, was wir uns alle miteinander denkt haben. Les' das in Gottes Namen, mein
                  Kind, wenn du eh' nicht schlafen kannst. Im Schubladkasten, in der ersten Lad auf
                  der rechten Seiten liegt das geschriebene Büchel.«</p>
               <p>Der junge Soldat zündet die Lampe wieder an, holt sich das Buch, atmet so tief,
                  als ob er den süßen Rosenduft trinken wollte, und beginnt dann zu lesen.</p>

               <!--milestone hi_start-->
               <p> Aus der Chronik der Blauen Gans Niedergeschrieben von Virgilius Stramirisko </p>
               <!--milestone hi_end-->

               <p>Die kleine Walter Hanni war vom Dach gestürzt, als sie dem eben Heimgekehrten, dem
                  Weis Leopold, seinen Kreuzschnabel holen wollte, der davongeflogen war und neben
                  dem hohen Rauchfang saß.</p>
               <p>Sie war damals noch ein halbes Kind und meinte, der junge Invalide, der nur einen
                  Arm aus Italien mitbrachte, sei plötzlich so traurig des entflohenen alten Vogels
                  wegen. Der Kreuzschnabel steckte noch unversehrt in ihrem Jäckchen an ihrer Brust,
                  sie selbst aber hatte Arm und Bein gebrochen, und ich war der erste, der das all
                  den heulenden Weibern sagte und dem Arzte half die Glieder einrichten. In der
                  Blauen Gans, dem langgestreckten Vorstadthaus, war man darüber einig, daß die
                  Hanni nichts Besseres tun könne als rasch sterben, denn: »Nur kein krüppelhaftes
                  Kind, lieber ein totes«, erklärte selbst ihre Mutter, die eine böse Zunge und ein
                  rohes Herz hatte.</p>
               <p>»Die Lenerl ist die Schönste und der Hannerl ihre beste Freundin, die muß schwarz
                  verschleiert mit der abgebrochnen <pb/> Kerzen hinter der Totentruhen gehn als
                  allererste«, bestimmten die halbwüchsigen Mädeln.</p>
               <p>Aber die Hanni ist nicht gestorben, das Kind hat sich langsam erholt, nachdem die
                  Glieder gut eingerichtet waren, und nach einem Jahr gemahnte nichts mehr an das
                  Unglück. Und nun kam die Zeit des Lachens wieder: »Laß nur gehn, bis d' heiratst
                  ist alles gut«, wurde ihr bei jedem Anlaß lustig zugerufen, und so gewöhnte sich
                  das junge Mädchen daran, alles das, was ihr an Freude und Glück fehlte, nur von
                  der Ehe zu erwarten, Arbeit und Ungemach aber als das Notwendige hinzunehmen wie
                  die meisten Bewohner der Blauen Gans.</p>
               <p>Die Jahre gingen hin, und eines Tages stand die Hanni wirklich wohlgemut im weißen
                  Kleide beim Traualtar, doch nur als Brautjungfer, neben der bräutlich geschmückten
                  Lene. Das war eine Braut, an der sich keiner satt sehen konnte! Und dann die
                  Hochzeit! So etwas hatte dort unten, wo die letzten Häuser stehen, seit
                  Menschengedenken niemand erlebt, und will ich ehrlich sein, so muß ich gestehen,
                  daß auch mich das frische, gesunde, lustige Treiben angemutet und erfreut hat. Es
                  war ja eine Heiterkeit, eine jubelnde Lebenssucht unter den schlichten armen
                  Leuten, die mir selbst an ihnen, die das Leben nur in Ausnahmefällen schwerer
                  nahmen, fast fremd erschien.</p>
               <p>Ich sah und horchte wohl darum so genau hin.</p>
               <p>Die Blaue Gans stand wie ausgestorben da, als der Zug in die Kirche ging, sogar
                  der alte Türk und der Schuftl, die beiden Wächterhunde, rannten hinterher. Wo die
                  Menschen in ihren Feiertagskleidern vorüberschritten, lief alles, was Beine hatte,
                  an die Fenster und Haustore, und jeder, der sich auf längere Zeit von der Arbeit
                  losmachen konnte, schloß sich dem Zuge an.</p>
               <p>Das kleine Kirchlein konnte die Menge gar nicht aufnehmen, da wurden denn wieder,
                  wie bei allen besonderen Festen, wenn Mangel an Raum war, die Kinder, die zu
                  erwischen waren, hinausgejagt. Eine Weile heulten sie vor der Kirchentüre, dann
                  kletterten sie auf das niedere Schindeldach, welches <pb/> seitwärts in Manneshöhe
                  von der Kirchenmauer abstand, weil unter diesem Schutze die Feuerleitern und die
                  roten Löscheimer der Gemeinde aufbewahrt hingen. Mit einer langen eisernen Kette
                  und einem großen Anhängeschloß daran waren sie fest zusammengesperrt, das Wetter
                  konnte diesem Gemeindestolz nicht bei, und ich glaube, selbst freundnachbarliche
                  Diebe hatten Ehrfurcht vor ihnen.</p>
               <p>Auf diesem Vordach über den Feuerleitern und Eimern hockten die Ausgewiesenen; die
                  Röcke der Mädeln verfingen sich in den langen Schindelnägeln, die Sonntagshosen
                  der Buben bekamen ausgebohrte Knie, alle saßen elendiglich da oben, aber halb aus
                  Trotz über ihre Verweisung, halb aus Behagen an der Gefährlichkeit ihres
                  Vergnügens fanden sie doch den Platz viel schöner als die heiße, vollgestopfte
                  Kirche.</p>
               <p>Es war ein wunderheller Frühlingstag, die Sonne schien so warm auf die weiße
                  Kirchenmauer und auf das rohe Schindeldach, die Tauben flatterten hin und her,
                  denn sie nisteten in den Luken des Türmchens, die Spatzen schrien und zankten sich
                  in den Kirchenfenstern genauso keck wie unten auf der staubigen Straße. Die
                  Ausgewiesenen aber saßen unbeweglich und lauschten, ob sie nichts erhaschen
                  könnten von der langen Rede, die drinnen der Priester dem Brautpaare hielt; als
                  sie jedoch nichts hörten, begannen sie sich erst zu hecheln und zu knuffen, und
                  endlich schwatzten sie über das Ereignis des Tages, zuerst halblaut, dann mit der
                  schrillen Verbissenheit ärgerlicher junger Stimmen, so daß man sie bis in die
                  stille Kirche hinein streiten hörte.</p>
               <p>»Dem Leopold wachst doch kein neuer Arm, wenn er auch heut heiraten tut!« keifte
                  ein dürres kleines Ding mit Sommersprossen und Blatternarben im Gesichte.</p>
               <p>»Aber die Lene ist heut schön!« sagte das älteste Mädchen und schaute mit großen
                  ahnungsvollen Augen hinauf in die goldflimmernde Luft, und als ein
                  duckmäuserischer Knirps von einem Buben, der neben ihr saß, nicht gleich
                  beistimmte, gab sie ihm mit dem Ellenbogen einen Stoß und sah ihn herausfordernd
                  an.</p>
               <p>»Was willst denn?... Schaust am Stephansturm und redst dabei<pb/> !... Auweh!...
                  Freilich ist sie schön!... Ich rück weg von dir!« zeterte der Bursche, setzte sich
                  aber aus Furcht vor ihrem Ellenbogen ganz nahe zu ihr. »Da kann's nicht puffen«,
                  lachte er schlau.</p>
               <p>»Freilich ist sie heute schön, aber rote Haare hat sie doch«, sagte nachdenklich
                  ein blasses kleines Mädchen mit einer stark vorgebauten Stirne. Die Kleine knüpfte
                  ihre dichten blonden Zöpfe unter dem Kinn zu einer Schleife; sie saß ganz vorne am
                  Rand, schief, als ob sie davonreiten wollte, und so ließ sie auch die Beine in der
                  Luft baumeln.</p>
               <p>»Jetzt kann sie aber den ganzen Tag spielen, muß gar nichts arbeiten, kann in der
                  seligen Frau Weis ihrem Zimmer sitzen, muß nicht alleweil Handschuhknöpfe annähen
                  wie wir«, seufzte ein puppenhaft feinzartes Ding, die jüngere Schwester der
                  Brautjungfer, und schaute dabei auf ihre zerstochenen Finger.</p>
               <p>Aus dem Bierhause neben der Kirche scholl jetzt Musik herüber, zwei kernfrische
                  Mädchenstimmen sangen hellaut:</p>


               <l>»Ist wieder einmal Hochzeit,</l>
               <l>Gibt's wieder ein neues Paar.</l>
               <l>Das Mädel – war eine Gredel,</l>
               <l>Und das Mannsbild ein Narr.</l>
               <l>Na? – ist's etwa nicht wahr?«</l>


               <p>Schallendes Gelächter war die Antwort der Bierhausgäste. Die Türe flog auf, und im
                  Tanzschritt sprangen zwei junge ganz gleich gekleidete Mädchen heraus. Sie hatten
                  ihre nachtschwarzen Haare sorgfältig geordnet, als gingen auch sie zu einem Feste,
                  ihre knappen blaugestreiften und gesteiften Kleider, die blütenweißen Schürzen,
                  die buntseidenen Halstücher waren der echte Wäschermädchenstaat. Jede der im
                  Äußeren so gleichen und eigentlich doch ungleichen Gestalten trug einen schmalen
                  Korb am Arme, der war sauber und zierlich, als ob er gerade aus dem Kaufladen
                  käme, trotzdem man die beiden nie ohne Deckelkörbe sah. Hinter ihnen gab es eine
                  bunte Gesellschaft, die nachzottelte mit den Händen in den Taschen. Da waren drei
                  oder vier Hausherrensöhne der Vorstadt<pb/> , ein paar Soldaten, Gesellen, die bis
                  Mitte der Woche blauen Montag machten, ein bekannter alter Fabrikant, der die
                  große üppige Klara ins Herz geschlossen hatte, aber von einer Heirat nichts wissen
                  wollte. Als die übermütigen Leute an der Kirche vorbeizogen, lachten sie laut auf,
                  und mit heiserer Stimme sang einer der Soldaten: »Ist wieder einmal Hochzeit.«</p>
               <p>»Möchtest mich nicht heiraten, Marie? Schau, es ginge jetzt gleich in einem«, rief
                  mit ironischer Zutunlichkeit das jüngste Hausherrnsöhnlein der zierlicheren von
                  den beiden zu.</p>
               <p>»Dich?... Lieber den alten Mesner, der drei Nasen übereinander hat. Zu ebener Erde
                  die natürliche, im ersten Stock die Wein- und im zweiten Stock die
                  Schnapsnase.«</p>
               <p>Das weiße zarte Gesicht, das sich ansah wie ein Heiligenbild, wenn das Mädchen
                  schwieg, wurde zur widerlichen Fratze, wenn sie im derben Volkston ihre
                  Spitzfindigkeiten hinwarf. »Nein, das ist zu arg«, sagte das jüngste Mädchen oben
                  auf dem Schindeldach entrüstet, »das muß ich meiner Frau Mutter erzählen, die hat
                  alle zwei zur Firmung geführt.«</p>
               <p>»Was denn? was denn?« fragten die Kleineren neugierig und schauten hinab auf die
                  lärmende Schar.</p>
               <p>»Daß die Strohschneidermädeln schon vor der Kirche singen und schreien, gelt?«
                  fragte das größte Kind, »die tun mehr, was unserm Herrgott nicht recht ist«,
                  betonte sie dann mit halbem Verständnis.</p>
               <p>Das spielte sich draußen auf der Straße ab, während drinnen in der Kirche der
                  Leopold und die Lene das bindende »Ja« sprachen und alle Weiber wie bei einem
                  Begräbnis einige Minuten lang in die weißen Taschentücher weinten.</p>
               <p>»Na ja! Sind halt doch ein paar arme Waisen. Wie schnell dem Leopold seine Mutter
                  gestorben ist, gleich nach ihrem Alten. Und der Lene ihre Leut erst, was die für
                  eine Freud gehabt hätten an ihren Kindern, wenn sie das erlebt hätten!« schluchzte
                  die Laternenanzünderin.</p>
               <p>»Aber Nachbarin«, flüsterte ein hochbusiges, lebensfrohes Weib, »heut haben wir ja
                  keine Leiche, sondern eine Hochzeit!«</p>
               <p>
                  <pb/> »Freilich, wahr ist's«, seufzte die Frau und weinte weiter, da sie einmal
                  begonnen.</p>
               <p>»Sie, Jungfer Braut, Sie müssen mehr denn je Ihrer Pflichten eingedenk sein, Sie
                  müssen Ihrem Manne mehr sein als jedes andere Weib dem Manne ist, Sie müssen seine
                  rechte Hand sein, und Ihr werdet wahrhaftig den Weg des Herrn in Frieden wandeln
                  und in Ehren.« – So schloß der Pfarrer seine Rede, noch ein tiefes »Amen«, und die
                  zwei waren eines. –</p>
               <p>»Und da soll ein Mensch nicht weinen, wenn einer so schön redet wie der Herr
                  Pfarrer?« wimmerte die Laternenanzünderin.</p>
               <p>Auch der Leopold fuhr bei dem Schluß der Rede mit der Faust über die Augen, dann
                  blickte er auf seinen leeren Ärmel und dann mit glückleuchtenden Augen auf sein
                  junges blühendes Weib. Er hatte während der Trauung ihre Hand nur auf die eine
                  Sekunde losgelassen, es war ihm auf dem Herzensgrunde so gruselnd-ängstlich, als
                  könnte ihm das Mädchen da an seiner Seite noch im letzten Augenblicke genommen
                  werden, und was hatte er dann auf der Welt?</p>

               <p>Seit er heimgekehrt war, hatte er an dem Kinde seine Freude, die Schönheit des
                  jungen Geschöpfes machte ihn weich, wenn er grollen wollte, und lustig, wenn ihn
                  sein Schicksal traurig dünkte, und stark, wenn er sich schwach und gedrückt fühlte
                  gegenüber der alten fröhlichen Zeit. Je länger das währte, desto näher rückte der
                  Wunsch heran, sie zu seinem Weibe zu machen. Und er hätschelte sie heimlich und
                  offen und sagte ihr oft, wie draußen in der Welt, gleich in Italien, da, wo er
                  war, die Männer ihre Weiber gut hielten, und ihre Kinder, setzte er meist hinzu,
                  denn sie war ja noch ein halbes Kind damals. Und als die Alten dann eines nach dem
                  andern starben, seine große Elternstube leer wurde, als er Brot genug erwarb für
                  zwei, er war Straßenaufseher geworden, da fragte er: »Lene, möchtest du nicht die
                  Meinige werden?« Ei, wie ihm bei der Frage etwas im Hals zitterte und wie er eine
                  Faust machte aus purer Verliebtheit, weil er sich nicht zu helfen wußte.</p>
               <p>
                  <pb/> Sie schaute ihn an, schmiegte sich ein wenig an ihn, lächelte und lief
                  davon, ohne ein Wort zu sagen. Acht Tage später aber fragte sie in ihrer faulen,
                  zurückhaltenden, kindischen Weise unauffällig, so wenn es sich schickte nur, alle
                  alten Leute in der Blauen Gans: ob der Leopold hübsch sei, ob er eine Frau
                  erhalten könne, ob er nie trinken würde so wie die andern paar leichtsinnigen
                  Männer, die im Hause lebten, und ob er nicht sein Weib schlagen würde, so wie es
                  im Zorn oder im Rausch fast jeder einmal wenigstens getan hätte.</p>
               <p>Die Leute antworteten erst lachend, dann ernst dem Mädel, das kaum aus den
                  Kinderschuhen gesprungen war, kein rechtes Anschicken zur Arbeit hatte und
                  eigentlich von dem ganzen Hause verzogen und erhalten wurde.</p>
               <p>»Weil sie ein armes Waiserl ist und so viel schön«, meinten die Weiber, und die
                  Männer dachten sich dasselbe.</p>
               <p>»Sollst den Leopold heiraten, Lene!« sagte der Laternenanzünder, der ihr Vormund
                  war seit ihres Vaters Tod, »bist ein Waisenkind jetzt, und der Leopold hat ein
                  gutes Einkommen, kann sich schon so eine Prinzessin nehmen, und der Leopold ist
                  ein ehrlicher Kerl und hat eine Manier gelernt in der Welt, und der Leopold schaut
                  am Sonntag aus wie ein gnädiger Herr, und er hat dich gern und verzieht dich von
                  klein auf. Soll ich mit ihm reden?«</p>
               <p>»Nein, nein! Laß der Herr Laternanzünder-Göd das nur sein«, sagte sie leichthin
                  und schlenderte davon. Noch am selben Abend aber, als sie am Brunnen stand, fragte
                  sie den Leopold:</p>
               <p>»Wirst du nie viel Wein und Bier trinken?«</p>
               <p>»Hab ich nie getan, du Kindskopf«, lachte er.</p>
               <p>»Wirst du dein Weib niemals schlagen?«</p>
               <p>»Schäm dich, Mädel, daß du um so etwas fragst«, erwiderte er ernst.</p>
               <p>»Wirst's nicht?« fragte sie ruhig, mit Beharrlichkeit.</p>
               <p>»Die Weiber in unserem Stand sind geschlagen genug mit Sorge, Arbeit und kleinen
                  Kindern«, sprach er mitleidig vor sich hin.</p>
               <p>»Kleine Kinder?« fragte sie erschreckt aufhorchend.</p>
               <p>»Na ja, glaubst, sie kommen schon so groß auf die Welt und <pb/> so schön wie du?
                  Bis sie so werden, denk nur zurück, kosten sie viel Sorg und Pflege.«</p>
               <p>»Ich mag aber keine kleinen Kinder«, flüsterte sie trotzig. »Auch recht!« schrie
                  der Leopold übermütig und lachte wie toll in das junge blühende Gesicht.</p>
               <p>»Wenn du mir das alles versprichst, dann heirate ich dich«, sagte sie ernst und
                  setzte sich wie vor Jahren auf seinen Schoß und lehnte ihren Kopf an seine
                  Schultern.</p>
               <p>»Goldfuchs! Wer würde nicht der bravste Mann, wenn er so ein schönes Mädel zum
                  Weib kriegt; gut sollst du es haben bei mir wie keine in der Blauen Gans!«</p>

               <p>Vier Wochen später war die Hochzeit, und Leopold dachte schmunzelnd zurück an die
                  drollige Verlobung am Brunnen, und darum hielt er seine Lene so fest an der Hand,
                  damit der Kindskopf nicht fortlaufe, damit sie ihm keiner mehr nehmen <pb/> könne
                  ... Ah, bah! Jetzt waren sie ja wirklich Mann und Frau, jetzt gehörte sie ihm an,
                  er schlug seinen Arm um ihren Leib und drückte sie fest an sich, sie aber
                  blinzelte hinauf zu ihm und wisperte: »Aber Leopold! Du tust mir weh!« Und sie
                  kicherte schon in dem Augenblicke, als sich der Pfarrer umwendete und
                  hinausschritt.</p>
               <p>»O du!... du meine! Ich möcht dir dein Lebtag nicht weh tun«, sagte der junge
                  Ehemann fast zu laut und küßte sie schallend auf die roten, vollen Lippen.</p>
               <p>»Zerzaus mich nicht, Leopold«, lispelte sie geziert und zog den Schleier über das
                  feingefärbte Gesicht, ordnete ihre Locken und das dünne lange Kleid, dann erst
                  horchte sie selbstgefällig zu den Nachbarn hin, die ihre Glückwünsche
                  darbrachten.</p>
               <p>»Jetzt geht die ganze Hochzeit in die Sakristei, dort wird die ganze Hochzeit
                  eingeschrieben, und nachher wird gegessen, getrunken und getanzt!« rief der
                  Laternenanzünder und streckte sich in seiner vollen Länge. Der alte Dragoner
                  führte heute das große Wort, er war ja Brautvater, war Vormund und Beistand, er
                  hatte zu dieser Feier sogar seine alte Uniform herausgesucht. »Wie eine Prinzessin
                  schaut das Mädel aus!« brummte er vor sich hin.</p>
               <p>»Gelt, Laternanzünder, ich hab's erraten mit dem Goldfuchs?«</p>
               <p>»Ob es aber so gegangen wäre ohne mein Dreinreden?« fragte der Laternenanzünder.
                  Der Leopold nickte dankbar, zog den Arm der Lene in seinen und führte sie aus der
                  Kirche. Draußen stand der Nachbar Krippelmacher mit seinem Sohne, sie hatten ihre
                  Geigen mit, und noch ein dritter Musikant war dabei, der blies die Klarinette, daß
                  es jedem durch Mark und Bein ging; alle drei empfingen die Hochzeiter mit einem
                  lustigen Marsch, dann stellten sie sich an die Spitze und gingen musizierend dem
                  Zuge voran in die Blaue Gans.</p>
               <p>War das eine Herrlichkeit! Die große Waschküche war zum Speisesaal und Tanzsaal
                  mit bunten Öllämpchen, Tannenreisig und weißem Zeug hergerichtet, der glitzernde
                  blanke Sand auf der Diele knirschte, und als sie nach der großen <pb/> Esserei die
                  Tische beiseite rückten und zu tanzen begannen, da liefen alle Nachbarn aus den
                  nächsten Häusern herbei zu den Fenstern, machten lange Hälse und guckten hinein zu
                  den lustigen Hochzeitsleuten.</p>
               <p>Der junge Hausherrnsohn, der fast immer mit den Strohschneidermädeln herumzog, und
                  noch ein zweiter leichtsinniger Mann, der geschieden von seiner Frau lebte und
                  seines Vaters Geld vertat, die beiden gingen frischweg hinein, schüttelten dem
                  Leopold die Hand, fragten nach seiner Braut und schauten sich alle die anderen
                  hübschen Mädchen an. Der junge Ehemann holte sein Weib, und wie sich das Paar fast
                  ganz allein bei dem Ehrentanz drehte, die mädchenhafte Frau sich so biegsam und
                  lässig bewegte und mit halbgeschlossenen Augen auf den Arm ihres Mannes stützte,
                  da kam es den neuen Gästen vor, als hätten sie die Lene noch nie gesehen.</p>
               <p>»Du, wie ist denn die so in die Höhe geschossen, ohne daß wir sie bemerkt haben?«
                  lallte der Jüngere.</p>
               <p>»Ward uns weggeschnappt!« erwiderte sein Begleiter.</p>
               <p>Gleich nachdem der Walzer vorbei war, bot der Leopold seiner Frau einen Stuhl, er
                  trocknete sich die Stirn, küßte die Lene auf die Schultern und lief zu den
                  Musikanten hinüber, die zwei Nachtschwärmer aber drängten sich hinter die Braut.
                  »Das schönste Mädel, das ich mein Lebtag gesehen hab!« flüsterte der bartlose
                  Bursche, jedoch so laut, daß es die Lene hören mußte.</p>
               <p>»Aber Franz, Frau! Frau, mußt du sagen. Die hätte einen Ganzen kriegen können,
                  nicht so einen Dreiviertelmann, der sich anschaut wie ein Vogelschrecker im
                  Saatfeld, an dem die leeren Ärmel herumfliegen, wenn der Wind geht«, spottete der
                  andere.</p>
               <p>Die Lene blickte zu ihrem Manne hin und schrak zusammen, dann wandte sie sich nach
                  den beiden um, ließ einen langen Blick über die Eindringlinge gleiten und zuckte
                  die Achseln bedauernd und aburteilend. Als der Leopold kam, hängte sie sich an
                  seinen Arm und sagte so laut, daß es die beiden als Antwort nehmen konnten: »Führ
                  mich bald heim, es sind Leut da, die nicht hergehören.«</p>
               <pb/>
               <p>Das junge Ehepaar ging auch davon, ohne Abschied zu nehmen, sie liefen hinüber in
                  die stille große Stube. Die blendend weißen Vorhänge waren niedergelassen, der
                  Tisch war weiß gedeckt, und ein bunter Strauß stand neben dem Nachtlicht. Die
                  hochaufgebauschten Betten glänzten, so weiß und fein war das Leinenzeug, das die
                  Waschfrauen der Lene zur Aussteuer geschenkt hatten. Mit einem leichten Seufzer
                  schaute sich das junge Weib in dem friedlichen Gemache um. – Auch der Leopold
                  blickte in alle Winkel, überall nickten ihm Erinnerungen entgegen. Es ist doch
                  etwas wert, so ein altes, liebes Heim zu haben, dachte er, setzte sich nieder, zog
                  seine schöne bräutliche Frau auf den Schoß und sagte: »Weißt, Lene, so sind wir
                  gesessen, wie ich heimkommen bin.«</p>
               <p>Bis in den hellichten Tag hinein tanzten die Nachbarn, und noch in den Schlummer
                  des jungen Paares schlichen sich die schmeichelnden Töne des Walzers, den sie
                  zuletzt miteinander getanzt hatten.</p>
               <p>Am Himmel stand die blasse Mondsichel.</p>
               <p>Ein böses Wort verfolgte die junge Frau bis in ihre Träume, scheuchte sie auf, und
                  mit Grauen sah sie beim blassen Schein des Nachtlichtes, daß der Traum
                  Wirklichkeit wurde.</p>

               <p>Seit jenem fröhlichen Hochzeitsfeste waren nun wie der zwei Jahre um. Die Lene saß
                  in der großen Stube auf dem Fensterbrett und musterte aufmerksam die kostbar
                  gestickten Sommerkleider und Röcke, die draußen im Hof an der Waschleine
                  hingen.</p>
               <p>Ein Kind lag in ihrem Arme, das sog und sog und schmatzte mit den Lippen. Die Lene
                  strich sich die Scheitel glatt, zog die schweren Flechten tiefer ins Genick,
                  betrachtete aufmerksam ihre schlanke Hand, schaute auf die atlasweiße Haut ihres
                  Busens, hob dann das Kind ein wenig und knöpfte ihr Kleid bis an den Hals hinauf
                  zu. Gleichmäßig wie eine Maschine schaukelte sie den Kleinen hin und her und sang
                  leise.</p>
               <p>»Grüß dich Gott, Lene, wie geht's mit dem Buben jetzt?«</p>
               <p>»Na, es geht halt wie immer.«</p>
               <p>
                  <pb/> »Du lieber kleiner Kerl, du!« sagte die Hanne lachend und beugte ihren
                  schmalen Körper zum Fenster hinein, küßte das Kind und setzte sich von außen der
                  Lene gegenüber auf das Fensterbrett.</p>
               <p>»Kommst aus der Stadt?«</p>
               <p>»Ja, ich war die Handschuhe abliefern. Ich bin alleweil froh, wenn ich wieder
                  daheraußen bin, die vielen Leut, die Wagen, der Lärm! Ganz dumm komm ich mir vor,
                  wenn ich außer unserem Haus bin.«</p>
               <p>Die Lene nickte und schaute nachsinnend auf das dunkle Kleid der Hanne. Es war
                  auch ein gar schlichtes Gewand, zugeschnitten wie für eine Nonne, ohne jeden
                  Aufputz, und <pb/> als die Augen des schönen Weibes hinaufrückten bis zu dem Kopf
                  der andern, da lächelte sie bedauernd.</p>
               <p>Wer wird sich die Haare so glatt hinter die Ohren streichen; wie das Mädel
                  aussieht! dachte die Lene.</p>
               <p>Eigentlich war die Hanne nur größer geworden und sah geordneter aus, sonst war
                  alles gleichgeblieben an ihr, dasselbe still-freundliche Kindergesicht, die
                  anspruchslose schmale Gestalt, das verschüchterte Gebaren, die weiche, sich
                  gleichsam in sich selbst verbergende Art.</p>
               <p>»Dein Mann ist mir auch begegnet«, hub die Hanne mit unsicherer Stimme an, »hast
                  du Verdruß mit ihm gehabt?« »Warum?« fragte die Frau gähnend.</p>
               <p>»Weißt, weil er halt so wild dreingeschaut hat. Seine Straßenkehrer hat er auch
                  zusammengeschimpft; so ist er meistens, wenn es zu Hause ... wenn du ...«</p>
               <p>»Ich?«</p>
               <p>»Ja weißt, du sollst halt freundlicher mit ihm sein, er tut ja alles, was er dir
                  von den Augen absieht«, erwiderte das Mädchen kleinlaut.</p>
               <p>»Jetzt ist der Bub fast sechs Monat alt, und die ganze Zeit hat er Tag und Nacht
                  geschrien, soll ich da vielleicht alleweil lachen?«</p>
               <p>»Aber dafür kann doch dein Mann nichts! So ist es deiner Mutter und meiner und
                  allen Weibern gegangen. Kleine Kinder machen halt Verdruß und Sorgen«, klagte sie
                  kleinlaut und frauenhaft. Die Hanne hatte ja ihre jüngeren Geschwister aufziehen
                  helfen, sie wußte ein Lied davon zu singen. »Verdruß und Sorgen genug!« greinte
                  die Lene. »Der Bub nimmt mir die schönste Zeit weg, immer muß ich da hocken, er
                  macht mich um zehn Jahre früher alt und vor der Zeit häßlich, das weiß ich.«</p>
               <p>»Aber Lene, das ist ja eine schwarze Sünd, so zu reden ... Tag und Nacht plagt
                  sich dein Mann für dich! Er kann doch nicht auch Kinder warten? Denk doch nur nach
                  darüber. Du hättest keinen besseren Mann kriegen können.«</p>
               <p>Die Hanne hatte sich atemlos geredet, sie schwieg plötzlich erschrocken, das Kind
                  weinte auch wieder, und die Lene, die <pb/> keine Antwort zu geben wußte, brütete
                  vor sich hin. Sie schüttelte das Kind mehr, als sie es wiegte, mit einmal aber
                  fragte sie hochfahrend: »Bin ich vielleicht nicht mehr wert als die andern Weiber?
                  Bin ich nicht schöner?«</p>
               <p>Das war nun freilich für alle Bewohner der Blauen Gans ein überzeugender Grund.
                  Die Schönheit des jungen Weibes wurde wie etwas Kostbares, Wertvolles anerkannt
                  und von ihr selbst als solches hingestellt. Fremde konnten über dieses naive
                  Selbstgefühl lächeln, die Nachbarn aber nickten beifällig, wenn die Lene von ihrer
                  eigenen Schönheit sprach. Sie war nie auf Widerspruch oder Neid in ihrem Kreise
                  gestoßen, sie hatte nie die böswilligen Nörgeleien zu ertragen gehabt gleich
                  anderen hübschen Mädchen, sie war anerkannt worden und blieb es auch, seit sie dem
                  Leopold sein Weib war. Auch jetzt schien die Hanne verblüfft über die Frage, sie
                  blickte mit scheuer Bewunderung in das reizvolle Gesicht der Freundin und
                  beteuerte ehrlich: »Natürlich! so schön, wie du bist, hat es ja noch keine
                  gegeben. Heute habe ich an dich gedacht, hab gedacht, wenn ich so schön wäre wie
                  du und gewachsen wie du, könnt ich jetzt mein Glück machen.«</p>
               <p>»So, wie denn?« fragte die Frau und lächelte befriedigt.</p>
               <p>»Denk nur, dreißig Gulden jeden Monat zahlt, unserem Herrn' seine Schwester, die
                  Französin, dem Blank seine geschiedene Frau, einem schönen jungen Mädel. Weißt,
                  sie hat das Handschuhgeschäft aufgegeben, sie hat jetzt einen Salon, wo sie
                  Kleider machen läßt für die nobelsten Leut. Die Kleider muß eine schöne, schlanke
                  Person anziehen, hin und her gehen, niedersetzen damit, weißt, daß es halt die
                  noblen Damen sehen, wie das paßt. Dreißig Gulden! Das wäre mein meistes Geld, das
                  ich je in der Hand gehabt hätte. Und dann noch –«, die Hanne hielt inne, so rasch
                  hatte sie gesprochen. »Und dann noch?« wiederholte die Lene gespannt.</p>
               <p>»Noch zwei schwarze Kleider im Jahre und ein Christgeschenk und Neujahrsgeld und
                  Trinkgelder von den Damen.«</p>
               <p>»Den ganzen Tag schöne Kleider anprobieren, bei lauter noblen Leuten sein, kein
                  Kindergeschrei hören«, sagte die Lene mehr zu sich selbst und schaute nachsinnend
                  auf das Mädchen<pb/> , und nach einer Weile sprach sie laut, als ob sie eine lange
                  Gedankenreihe abschließen würde: »Hätt sollen dich heiraten, der Leopold.«</p>
               <p>Zwei-, dreimal flogen dunkelrote Schatten über das blasse Gesicht der Hanne, sie
                  zog die Ellenbogen an die Hüften und schob die Schultern hinauf, so, als ob sie
                  ihren dürftigen Leib noch schmaler machen wollte, und als sie endlich zaghaft zu
                  der jungen Frau aufblickte, da waren ihre großen klugen Augen voll Wasser.
                  Behutsam griff sie nach den zarten Händchen des Kindes, schlug sich damit sachte
                  auf die Stirn und murmelte, nur so die Worte zusammenraffend: »Hörst, Polderl –
                  was deine – Frau Mutter – für spaßige Sachen redet!« Das Kindchen lächelte mit
                  jenem zerflossenen Lächeln, das sich nirgends regt, das nirgends haftet, die
                  ausdruckslosen Augen stierten in das blasse Gesicht, und da verzogen sich
                  plötzlich die vollen roten Lippen wirklich, und nun sah der Kleine seiner schönen
                  Mutter ähnlich.</p>
               <p>»Und dein Bub wird genau wie du«, rief die Hanne und schaute in die Augen des
                  Männleins, »nur die Augen, die Augen, die hat er von seinem Vater.«</p>
               <p>Der kleine Bursche krabbelte mit allen zehn Fingern über das Gesicht des Mädchens,
                  endlich erwischte er auf ihrer Stirn ein Büschel Haare, daran klammerte er sich
                  nun. Die Lene duselte wieder so mit halbgeschlossenen Lidern, sie blinzelte nur
                  manchmal seitwärts hinüber auf die wehenden gestickten Falbeln der Kleider und
                  Unterröcke. »Wer solches Zeug an sich tragen kann! Das gibt doch gleich eine
                  andere Form als so ein Kattunkittel da. Den ganzen Tag solche und noch weit
                  schönere Kleider anprobieren!«... Der Kleine schrie gellend mitten in diese
                  rosigen Träume.</p>
               <p>»Grüß dich Gott, Lenerl! Servus, Kronprinz!« rief es vom Haustor her, und der
                  Leopold, der eben heimkam, schwenkte seinen Hut fröhlich, pfiff laut und rein den
                  Anfang eines Volksliedes, und als er den halben Weg zurückgelegt hatte, sprang er
                  mit großen Sätzen heran. »Bist auch da, Hanne? So schön! Mein Bub reißt dir alle
                  Haare aus; wirst das bleibenlassen, kleiner Racker?«</p>
               <p>
                  <pb/> Er löste die Hand des Bübleins los, blickte aber dabei immer auf sein Weib,
                  das sich nicht regte noch rührte, nur jetzt ein klein wenig den Kopf rückte, als
                  er sie schallend küßte. »Ist's dir schon wieder nicht recht?« fragte er und nahm
                  sie am Kinn, »soll ich dir nicht ›Grüß Gott‹ sagen in meiner Weis?«</p>
               <p>»Vor alle Leut?«</p>
               <p>»Und was weiter? Seit wann ist die Blaue Gans so nobel worden, daß sie es nicht
                  sehen kann, wenn sich Eheleut küssen?« rief er, lachte gezwungen und küßte sie
                  wieder.</p>
               <p>Die Lene drückte das Kind fester an sich, stand auf und ging langsam in der Stube
                  auf und nieder, die Hanne schüttelte dem Leopold die Hand und schritt durch den
                  Hof hinüber in ihre Kammer.</p>
               <p>»Sag mir nur, Weib, was du willst?« fragte der Mann durch das Fenster hinein, als
                  aber die Lene keine Antwort gab und nur rascher auf und nieder ging, schwang er
                  sich über die Brüstung und stand jählings mitten in der Stube. Er schleuderte
                  seinen Hut in eine Ecke und setzte sich an den Tisch.</p>
               <p>Es war nichts verändert in dem Gemache, nur die beiden Ehebetten waren in das
                  dunkle hintere Ende geschoben und auseinandergerückt, weil das Wiegenbettchen des
                  Kindes dazwischen stand. Und noch etwas fiel auf, gegenüber dem Fenster, soviel
                  als möglich im Lichte, stand eine rohe Kiste, die mit weißem billigem Vorhangzeug
                  überkleidet war. Auf diesem sonderbaren Putztisch lagen grellfarbige
                  Neujahrskarten und übel aussehende Tanzorden, es standen auch ein paar schreiend
                  bemalte Gipsfigürchen dort, und das Bild der jungen Hausfrau schaute durch ein
                  grünliches Glas geziert und steif zugleich auf die Schätze, die es umgaben. Über
                  dem Tisch hing der alte Spiegel, der die Menschengesichter im vollen Licht noch
                  mehr verzerrte.</p>
               <p>Der Leopold saß da und pfiff leise durch die Zähne, er wartete eine geraume Zeit,
                  dann sagte er: »Lene, ich möcht essen.«</p>
               <p>»Hab nicht gekocht.«</p>
               <p>Der Mann schaute überrascht auf, dann lächelte er vergnügt, sie hatte ja seit
                  langer Zeit kein einziges Mal gescherzt, und <pb/> jetzt machte sie ein ganz
                  ernsthaftes Gesicht zu dem Spaß; er wartete wieder, die Lene aber ging wie ein
                  Pendel so gleichmäßig auf und nieder und wiegte das Kind, sonst aber rührte sie
                  keinen Finger.</p>
               <p>»Du, das wird doch nicht dein Ernst sein?« sagte er plötzlich und wurde
                  blutrot.</p>
               <p>»Schau.«</p>
               <p>Er stand auf, sah über die Achsel nach dem Weibe und ging rasch in die Küche. Dort
                  fand er den Herd kalt, alles blank und sauber geputzt, sie hatte richtig nichts
                  gekocht. Er biß sich in die Unterlippe und kehrte zurück in die Stube.</p>
               <p>»Was hast du denn gar so Notwendiges zu tun gehabt, daß du nicht die Stund für
                  mich gehabt hast?« warf er nur leicht hin, als ginge es ihm nicht zu nahe.</p>
               <p>»Schlafen.«</p>
               <p>»Schlafen!« fuhr er auf, »beim hellichten Tag, bist verrückt?« »Nein. Aber die
                  ganze Nacht hab ich den Schreihals da herumgeschleppt.«</p>
               <p>»Na und?«</p>
               <p>»Und da muß ich mich am Tag ausschlafen«, erwiderte sie bestimmt.</p>
               <p>»Was tun die Weiber, die den ganzen Tag arbeiten müssen?« Sie schaute ihn
                  überrascht an und klagte dann weinerlich:</p>
               <p>»Soll ich auch so geschwind alt und häßlich werden wie die anderen und das alles
                  wegen dem Kind?« Sie warf im Vorübergehen einen Blick in den Spiegel, trat dann
                  auf ihn zu und sagte: »Da schau mich nur an.«</p>
               <p>»Ich seh nichts Besonderes«, sagte er und bemühte sich, gleichgültig hinzusehen
                  auf das schöne Weib, das vor ihm stand und ihn mit den feuchtschimmernden Augen
                  anstarrte. »Schau meine Augen an, die schwarzen Ränder. Und da, da und da«, sie
                  schob die runde weiße Achsel aus dem Kleide und streifte den Ärmel über Gelenk und
                  Ellenbogen, »da überall sieht man schon die Knochen.«</p>
               <p>»Aber Lene!« flüsterte der Mann begütigend und legte seinen Arm um ihre Schultern,
                  »du bist viel schöner, als du warst!«</p>
               <p>
                  <pb/> Und seine Lippen suchten ihren Mund, sie aber entwand sich ihm.</p>
               <p>»Es ist nicht wahr! Seit dem Kind bin ich ganz anders. Was soll ich anfangen?«</p>
               <p>»Freundlich sein.«</p>
               <p>Sie antwortete nicht, nur ihre Oberlippe hob sich. Endlich schlief das Kind, sie
                  legte es vorsichtig in die Wiege, ließ die Arme sinken und jammerte: »Kein Glied
                  kann ich rühren.« »Und was hat denn die gnädige Frau zu Mittag gespeist?« fragte
                  er spottend, um seine Fürsorge zu verbergen.</p>
               <p>»Die Hanne hat drüben bei ihr mitgekocht in der Rastzeit.« »Schämst du dich nicht
                  vor dem armen, fleißigen Mädel?« brauste er auf.</p>
               <p>»Nein!«</p>
               <p>»Ich geh ins Wirtshaus.«</p>
               <p>»Recht hast«, sagte sie nachlässig. »Bring mir etwas heim, ich geh bald
                  schlafen.«</p>
               <p>Sie kauerte sich wieder in die Fensternische und sah aufmerksam zu, wie eine
                  Nachbarin die gestickten Unterröcke von der Leine nahm. Ihr Mann ging ohne Gruß
                  davon, nur zufällig schaute sie ihm nach, der Hof war so lang, und durch den
                  großen Torbogen flog der feine Straßenstaub herein, so daß sich die dunkle Gestalt
                  des Leopold genau abhob. Der Abendwind bewegte den losen Ärmel seines Rockes, und
                  sie mußte immer das flatternde Stück an der Figur des Mannes im Auge behalten ...
                  da waren der Traum und die Wirklichkeit der Hochzeitsnacht wieder.</p>
               <p>Der ganze Mensch war verändert, wenn er einmal den leeren Ärmel nicht in die
                  Tasche steckte, als ob er auseinanderfliegen könnte, so schaute sich dieses
                  unruhige Flattern aus der Ferne an. Dazu ging er auch nicht so stramm wie sonst,
                  er ließ die Schultern vorhängen und hieb mit einer aufgelesenen Gerte vor sich und
                  hinter sich, als wolle er ein müdes Pferd, das ihn schlecht weitertrug, antreiben.
                  So schlenderte er zum Tore hinaus, und die Lene starrte ihm nach, allmählich war
                  sie befriedigt, weil der Kleine schlief und ihr Mann nicht sprach.</p>
               <p>
                  <pb/> Auf dem Hofe draußen wurde es lebendig, Feierabend war, die Weiber kamen aus
                  ihren Küchen und riefen laut nach ihren Kindern, die Männer kehrten von ihrer
                  Arbeit heim, und so saß den großen Hof entlang vor jeder Türe ein Häuflein
                  beisammen, alle aßen und plauderten, schrien einander zu und waren so fröhlich,
                  als säßen sie mitten im Überfluß. Die Lene hockte in ihrem Fenster, lauschte mit
                  halbem Ohr und schaute mit halbem Blick nach ihnen, nur wenn ein Kind aufschrie,
                  zuckte sie zusammen und horchte in die dunkle Ecke. Als die Hanne und noch ein
                  paar Jüngere dem Fenster nahe kamen, winkte sie ihnen nicht, sondern legte einen
                  Finger an die Lippen und deutete in die Stube. Sie wollte allein sein. Ich weiß
                  ja, wovon die alle reden, dachte sie, während sie hinüberschielte zu den
                  Nachbarn.</p>
               <p>Und sie wußte auch wirklich, wovon die andern sprachen, von Kindesbeinen an hatte
                  sie das eintönige, lustige oder schwermütige Gesumme mit angehört: Arbeit,
                  Liebschaften, Neuverheiratete, kleine Kinder, Tote, das war alles. Zuweilen
                  sprachen sie von jenen, die aus der alten Tretmühle hinausgekommen waren, die ihr
                  Glück gemacht hatten in der Welt, so wie die Gretel, die unter die Theaterleute
                  gegangen war und erst vor kurzer Zeit sich wieder um die Blaue Gans geschlichen
                  hatte, ein seidenes Kleid am Leibe, so erzählte der Hausherr. Das ging über die
                  Begriffe des schönen Weibes. Wie kann man wieder dahergehen, wenn man ein seidenes
                  Kleid trägt, daher, in diesen Winkel voll Waschdunst, Lärm und kleinen
                  Kindern?</p>
               <p>Sie blickte wieder flüchtig zu den Nachbarn hin. Jetzt steckten sie die Köpfe
                  zusammen und wisperten, warum? wovon? – Von ihr selbst natürlich! Sie erzählten
                  einander, daß sie heute nicht gekocht habe und daß ihr Mann ins Wirtshaus
                  gegangen, das war ja etwas Neues für die Blaue Gans. Sie schlug das Fenster zu,
                  ließ die Vorhänge nieder und zündete die Lampe an.</p>
               <p>»Ei, sollen reden«, murrte sie vor sich hin. Sie richtete mißmutig die Betten für
                  die Nacht zurecht, und als das Kind halb im Schlafe leise aufweinte, gab sie im
                  Vorübergehen der <pb/> Wiege einen sachten Stoß, daß sie sanft weiterschaukelte.
                  Immer vor sich hin brütend, löste sie ihr prächtiges rotes Haar, schüttelte es
                  über die marmorweißen Schultern und liebäugelte mit ihrem Bilde, das selbst in
                  diesem Spiegel noch schön blieb. Mit einmal nahm sie ein Kästchen von dem
                  Putztische, kramte unter den Seidenbändern, die drin lagen, und zog endlich ein
                  Päckchen Spielkarten hervor. Träge setzte sie sich an den Tisch, rückte die Lampe
                  heran, mengte die Karten langsam und legte dann die Blätter in vier Reihen, eine
                  unter die andere, vor sich hin. Da saß sie nun, und das feine kindliche Antlitz
                  ruhte mit dem Kinn in der hohlen Hand, und die graugrünen Augen rückten spähend
                  von einem Blatt auf das andere.</p>
               <p>»Eins ... zwei ... drei ... vier ... fünf ... sechs ... sieben! Verdruß!« Sie
                  seufzte leise und zählte weiter bis zur nächsten Sieben. »Veränderung?!...
                  Richtig, drei Aß nebeneinander! Kummer! Unglück!... Und da wieder ein kleines
                  Kind!«</p>
               <p>Das junge Weib wurde kreidebleich, sie streifte entsetzt die Karten zusammen,
                  verbarg sie wieder und ging niedergeschlagen zu ihrem Lager. Noch aus dem Bette
                  schaute sie nachdenkend auf den kleinen Buben hinab, der unruhig in seiner Wiege
                  schlief, dann drehte sich die Lene unmutig gegen die Wand, als aber das Kind
                  schluchzend seufzte, wandte sie sich um und spähte in das rosige Gesichtchen, bis
                  ihr die Augen zufielen. Bald bewegten ihre Atemzüge gleichmäßig die Flamme des
                  Nachtlämpchens, das neben ihr stand.</p>
               <p>Sie machte große Augen, als sie aufwachte und ihren Mann vor dem Spiegel stehen
                  sah. Er bürstete sich die Haare zurecht.</p>
               <p>»Gehst du fort?« fragte sie schlaftrunken, ohne Erinnerung an den letzten
                  Abend.</p>
               <p>»Nein, Schatz!« stieß er heraus und kicherte wie ein Weib, »ich komm heim.«</p>
               <p>»Jetzt?«</p>
               <p>»Ja, es ist erst fünf Uhr.«</p>
               <p>»Ah!... das ist arg«, sagte die Lene und setzte sich jäh im Bette auf, »wo warst
                  du?«</p>
               <p>
                  <pb/> »Alleweil im Wirtshaus. Hab aufs Heimgehen vergessen, weil es dort so lustig
                  war und weil die Leut alle so freundlich mit mir waren. Die Allerhand-Mädeln haben
                  gesungen, ein paar alte Kameraden waren da, getanzt ist worden und da ha ...«</p>
               <p>»Sei still!«</p>
               <p>»Oho!«</p>
               <p>»Sei still. Ich bitt dich. Geh bald wieder fort«, sagte sie tonlos.</p>
               <p>»Und warum?«</p>
               <p>»Ich kann dich in einem solchen Zustand nicht anschaun.«</p>
               <p>Der Leopold stand jetzt neben dem Lager seines Weibes, er hatte die Hand in der
                  Hosentasche stecken, und eine erloschene Zigarre hing aus dem Mundwinkel nieder,
                  er spreizte die Beine weit auseinander und ließ sich immer von den Fersen <pb/>
                  auf die Zehen und von den Zehen wieder auf die Fersen sinken, dabei musterte er
                  die Lene mit seinen rotunterlaufenen Augen und lachte ihr manchmal kurzweg ins
                  Gesicht.</p>
               <p>»Geh, sag ich dir!« rief sie eindringlich.</p>
               <p>»Und wenn ich nicht gehen will? Wenn ich mich jetzt niederlegen will und schlafen,
                  wer könnte mir das verbieten? Wer? Wer ist der Herr im Hause?«</p>
               <p>»Du hast zu tief ins Glas geschaut.«</p>
               <p>»Daß ich nicht zu tief in die Teller schaue, dafür sorgst du! Kochst nichts, legst
                  dich am hellichten Tage schlafen. Was wirst du tun, wenn wir erst fünf, sechs
                  Kinder haben? Da bleibt die ganze Familie alleweil im Bett liegen, gelt?« schrie
                  der Leopold und lachte verbissen. Die Frau schaute ihm plötzlich voll ins Gesicht,
                  ein Schauer lief durch ihre Glieder, sie zog ihr Nachtleibchen höher hinauf, warf
                  einen Rock über, sprang aus dem Bette und huschte an ihm vorbei in die Küche
                  hinaus. Der Leopold ließ die Zigarre aus dem Munde fallen und warf sich auf sein
                  Bett, er schleuderte die Stiefel polternd von den Füßen, streckte und reckte sich
                  und gähnte mit aufgesperrtem Mund, dann rief er nach seinem Weibe, schnarchte aber
                  schon, ehe sie ihm hätte Antwort geben können.</p>
               <p>Die Lene öffnete leise die Türe und blickte vorsichtig nach ihrem Manne; als er
                  ungestört weiterschlief, schlich sie geräuschlos in die Stube, kleidete sich
                  allmählich an, nahm das Kind aus der Wiege und schob sich dann geduckt und lauernd
                  hinaus; sie verschloß die Küchentüre und glitt, ohne sich umzuwenden, dahin über
                  den stillen Hof. Bei dem Kammerfenster der Hanne blieb sie stehen und atmete zum
                  ersten Male aus voller Brust, dann pochte sie hastig an die Scheiben. Das junge
                  Mädchen hob den Kopf, ließ die Arbeit erschreckt in den Schoß fallen und machte
                  ein Zeichen gegen die Türe; sie stand mühsam auf und öffnete. Die Lene schlüpfte
                  hinein, ließ das Kind in die Arme der Hanne gleiten und kauerte sich auf den
                  einzigen Lehnstuhl, der in der Kammer stand.</p>
               <p>»Ist dem Leopold etwas geschehen?« fragte das Mädchen zitternd.</p>
               <p>
                  <pb/> »Ah! Jetzt ist er heimgekommen! Die ganze Nacht im Wirtshaus, hat gesungen
                  und getrunken und getanzt mit den verrufenen Weibsbildern, mit den
                  Allerhand-Mädeln!«</p>
               <p>»Aber was ist ihm da nur eingefallen?« klagte die Hanne hilflos, »und warum laufst
                  du so verstört herüber?«</p>
               <p>»Weil mich ein Grausen anpackt, wenn ich einen betrunkenen Menschen seh. Und mein
                  Mann? Ob ich ihn noch einmal anschauen kann, seit ich ihn so gesehen hab, weiß ich
                  nicht. Brr ...« Es schüttelte die Lene, als ob sie aus einem Schneegestöber
                  käme.</p>
               <p>»Aber denk nur, da müßten Sonntag und Montag fast alle Weiber von ihren Männern
                  davonlaufen. So was kommt manchmal vor, und jede ertragt es.«</p>
               <p>»Ich bin nicht wie eine jede. Ich hab ihm das gesagt, eh' ich ihn genommen hab.
                  Ich trag es nicht.« Sie sagte das ruhig und bestimmt, lehnte den Kopf zurück und
                  schaute an die Zimmerdecke, dann setzte sie halblaut hinzu: »Der hat doch recht
                  gehabt. Wo hab ich nur hingeschaut?«</p>
               <p>Der Leopold erwachte erst gegen Mittag, und als er die Türe verschlossen fand,
                  stieg er durch das Fenster in den Hof hinaus. Er schaute sich nach allen Seiten
                  um, da er aber sein Weib nirgends sah, ging er weiter und pfiff recht laut und
                  auffallend. Die Nachbarn sollten nichts merken davon, daß es etwas gegeben hatte
                  in der Wirtschaft, er eilte vorwärts, und so wie am Abend früher flatterte sein
                  Ärmel in der Luft herum. Der Leopold dachte nicht daran, daß sein Weib aufpaßte
                  und hinter dem Fensterkreuz, solange sie ihn sehen konnte, auf den leeren Ärmel
                  stierte. Als sie ihren Mann weit genug entfernt wußte, lief sie mit ihrem Kinde
                  hinüber in ihre eigene Stube. Sie ordnete langsam, was da herumlag, aber es ging
                  ihr nichts von der Hand. Es war auch, als ob der Kleine die ängstliche
                  Verdrossenheit seiner Mutter eingesogen hätte, so böswillig greinte und quiekte er
                  und wollte nicht in seiner Wiege bleiben; wenn sie ihn aufnahm, schwieg er; wie
                  aber konnte sie das Kind in den Armen halten, sie hatte doch über und über zu
                  schaffen?</p>
               <p>Mit beschmutzten Stiefeln war der Leopold in der Stube herumgetrottet<pb/> , die
                  Betten standen zerwühlt da, Mitte der Woche war bereits, und sie mußte daran
                  denken, das Bündel Wäsche rein zu machen, das unter dem Putztisch seit der
                  vergangenen Woche versteckt lag, kochen sollte sie und den Schreihals warten. Sie
                  dachte dabei fortwährend an ihren Mann, seit einigen Stunden wußte sie, daß sie
                  das alles tun müsse. Das Kind hielt sie lässig in den Armen und reihte sich so
                  aneinander, was geschehen würde, wenn sie nicht so wie die anderen Weiber
                  zugreifen und sich abplacken wollte. Dieses innerliche Zurechtlegen und Nachdenken
                  über eine Menge Dinge, die ihr, ohne daß sie sich früher klar darüber wurde,
                  zuwider waren, erschien ihr jetzt noch unerträglicher als die gewohnten, täglich
                  wiederholten Handgriffe. Eines hing aber mit dem andern zusammen; wenn sie nicht
                  arbeiten, nicht alt und häßlich werden wollte vor der Zeit, wenn sie nicht jedes
                  Stück, das da stand und lag, Tag um Tag reiben, fegen, waschen wollte, wenn die
                  Suppe nicht auf ihn wartete, wenn sie das Kind nicht herumschleppte, so durfte ihr
                  Mann sie ausschelten und die Nächte hindurch im Wirtshaus bleiben, er brauchte ihr
                  kein Geld zu geben für sie und sein Kind, er konnte sie am Ende sogar noch
                  schlagen, wenn er volltrunken heimkam ... Das durfte er, weil sie sein Weib war.
                  Sie mußte also wie er das tägliche Brot erwerben, sie mußte arbeiten für ihn und
                  für die Kinder, die sie noch mit tausend Schmerzen so wie das eine schreiende da
                  zur Welt bringen sollte; sie kroch in sich zusammen vor Angst und Zorn. Und
                  niemals soll das anders werden, bis an das Ende immer derselbe mühseliglangweilige
                  Weg? Jetzt erinnerte sie sich an die unscheinbare, unschöne Mutter ihres Mannes,
                  die sich immer abgequält und abgemüht hatte, die so arm und klein war neben ihrem
                  rechthaberischen Eheherrn, dem Vater des Leopold. Wenn der seinem Vater
                  nachschlagen würde, dann müßte sie unausbleiblich solch ein verkümmertes,
                  zusammengerackertes Geschöpf werden, wie die alte Frau Weis gewesen. Und warum muß
                  das sein?</p>
               <p>Zum ersten Male, seit sie die Frau des Leopold war, kamen ihr die Worte des
                  Pfarrers in den Sinn, es war ihr, als hörte <pb/> sie die Trauungsrede mit einer
                  Deutlichkeit, daß sie nach der Ecke hinhorchte, denn von dort her sprach die
                  eintönig pathetische Stimme zu ihr: »Freud und Leid miteinander tragen. Treu
                  bleiben bis in den Tod. Streng jede Pflicht erfüllen. Stets der Pflicht eingedenk
                  sein. In Wahrheit seine rechte Hand werden. In Frieden wandeln ...«</p>
               <p>Sie schüttelte sich bei dieser Erinnerung. Ja, ja! Das hat er alles gesagt, und
                  jetzt wußte sie auch, was das Wort Pflicht heißt. Warum hat ihr damals kein Mensch
                  ihre Pflichten haarklein vorgesagt, vor dem Altare hörte sich die Geschichte wie
                  eine lange schöne Rede an, sie hatte hingehorcht mit halbem Ohr und mit lachendem
                  Herzen, es war ja so lustig, von allen Leuten angeschaut zu werden, schön
                  aufgeputzt zu sein und Hochzeit zu halten. Und was der Leopold alles versprochen
                  hatte, als er beim Altar stand und ihre Hand so fest drückte! – Was ist aus dem
                  Versprechen geworden? – Ja, er ist treu geblieben, er hat für sie gesorgt, aber
                  was er zu geben hatte, war wenig genug. Sie mußte es doch besser haben können auf
                  der Welt, sie ist ja schöner als alle Mädchen und Weiber der Vorstadt.</p>
               <p>Mochte sie es anstellen, wie sie wollte, sie kam immer zu diesem Schlusse. Sie
                  hatte schon ein schmerzhaftes Pochen und Zerren im Genicke, hinter den Schläfen
                  fühlte sie ab und zu ein Krachen, als ob eine Stecknadel hineingestoßen würde,
                  ihre Arme zitterten, so sehr erregte sie das Nachgrübeln über die Vergangenheit
                  und Zukunft, dabei wurde die Arbeit in ihren Händen immer mehr, so widerwillig
                  packte die Lene sie an.</p>
               <p>Von jenem Tage ab war kein Stäubchen in der Stube zu sehen, kein Knopf fehlte an
                  den Hemden des Leopold, kein Fleck war in der Wäsche, und kam er heim, so dampfte
                  die Suppe schon auf dem Tische. Das junge Weib hatte sich mit schwerfälliger
                  Genauigkeit eingeprägt, was sie zu tun habe, um den Frieden zu erhalten, und von
                  jenem Tage ab durfte der Mann nimmer über sein Hauswesen klagen. Was konnte ihm
                  das helfen, nach kurzer Zeit schon hätte er über jede Nachlässigkeit geschwiegen,
                  wenn ihn ihre roten Lippen mit einem Kuß <pb/> begrüßt hätten, und selbst wenn er
                  sie halb im Zorn, halb in auflodernder Zärtlichkeit an seine Brust riß, konnte er
                  doch kein liebevolles Wort aus ihr herauspressen. Und das ging Woche um Woche so
                  fort.</p>
               <p>»Was soll ich denn anfangen mit ihr?« sagte der Leopold zu dem Laternanzünder,
                  »sie ist jetzt für das Haus ein ganz tüchtiges Weib, sie ist nicht trotzig und
                  keift auch nicht wie die andern, aber man kommt halt zu keiner rechten Freud neben
                  ihr, sie geht um und um, hin und her bei einem, als ob sie ganz allein auf der
                  Welt wär.« »Kauf ihr ein neues Kleid«, sagte der Laternanzünder, nachdem er sich
                  schweigend besonnen hatte; mit behaglicher Pfiffigkeit setzte er hinzu: »Und wenn
                  sie sich am nächsten Sonntag damit aufdonnert, so führ sie am Arm durch die ganze
                  Vorstadt, das wird sie schon wieder lebendig machen, sie ist halt ein verzogenes
                  Ding, die Rote!«</p>
               <p>»Ja freilich!« seufzte der junge Ehemann, »wir alle miteinander haben sie
                  verzogen, sie hat es viel zu oft gehört, daß sie schön ist«, er kaute an den
                  Schnurrbartenden und wurde rot bis hinter die Ohren.</p>
               <p>»Hm! – ja – schon möglich«, knurrte der Laternanzünder, »die Meinige war kein so
                  schönes Frauenzimmer, und es hat aber doch so seine drei-, viermal genützt, wenn
                  sie stützig worden ist, das neue Kleid hat sie gebogen, und in solchen Sachen sind
                  die Weibsleut alleweil gleichgesinnt.«</p>
               <p>Der Leopold hörte den erfahrenen Ehemann aufmerksam an, er preßte den Kopf in die
                  Hand und schaute mit traurigen Blicken auf die verwitterte Gestalt mit dem
                  verschmierten grünen Kittel. Der hatte sein maulendes Weib zu Paaren getrieben,
                  aber die beiden waren nun alt. Doch er und sein Weib waren jung, hatten das ganze
                  Leben vor sich, konnten noch so glücklich sein, warum all die Reibereien, die
                  Kleinlichkeiten, warum das armselige Bestechen des Weibes, dieses Spekulieren auf
                  ihre Eitelkeit, was half das alles, wenn ihr Herz kalt war?</p>
               <p>»Jetzt ist die Meinige alt«, knurrte der Laternanzünder in die schwermütigen
                  Gedanken des Leopold, »jetzt ist sie alleweil <pb/> gerührt über alles, ich glaub,
                  das hat sie sich von der Christl ihrer Mutter angelernt, jetzt heult sie über
                  jeden Knopf, wenn sie vergessen hat, einen anzunähen. Wenn es aber manchmal, so
                  zum Quartal, einen tüchtigen Sturm im Haus gibt, dann kriegt sie keinen Atem, weil
                  sie halt dick ist – dann schütt ich ihr einen Krug Wasser ins Genick, dann
                  schnappt sie eine Weile wie ein Fisch, hockt sich in einen Winkel und jammert den
                  ganzen Tag, als wenn ich ihr weiß Gott was tät. Neues Kleid aber kriegt sie doch
                  keines!« Er schleuderte die Arme mit einer großartig verneinenden Bewegung
                  auseinander.</p>
               <p>Der Leopold war ganz still und weich geworden, er rieb den lackierten Schirm
                  seiner Mütze auf dem Knie und sagte dann recht gedrückt: »Ich dank dir,
                  Laternanzünder, für deinen guten Rat, du bist ja doch ihr Vormund und hast
                  mitzureden.«</p>
               <p>»Ja!« erwiderte der alte Dragoner und streckte die Brust würdevoll heraus.</p>
               <p>»Jetzt kaufe ich gleich das Kleid«, sagte der Leopold entschlossen, als ob es sich
                  um etwas ganz Besonderes handelte, und noch als er an der Türe stand, rief er
                  zurück: »Gleich, grüß Gott!«</p>
               <p>»Behüt Gott!« schrie ihm der Laternanzünder nach. »Hast doch keine Courage, bist
                  wie ein Waschlappen wegen dem Rotschädel!« brummte er für sich, als der junge
                  Ehemann die Türe hinter sich geschlossen hatte.</p>
               <p>Er schüttelte seine Truhe mit den Öllämpchen sehr energisch, hielt noch eine
                  liebevolle Anrede, als ob er zu lebenden Wesen spräche, und ging dann seine
                  dunklen Wege, um den Menschen Licht zu bringen. Er ging sehr tiefsinnig dahin.</p>
               <p>Peter Michl hatte zwei Schwächen, welche seinem stets gerührten Weibe das Leben
                  schwer machten. Die erste war, daß er sich gern auf den Unwiderstehlichen
                  hinausspielte – trotzdem es keinen treueren und besseren Ehemann in der Blauen
                  Gans gab –, aber das war eine Gewohnheit aus seiner lustigen Soldatenzeit her. Die
                  zweite Schwäche war gefährlicher, und sein Weib stand ihr vollständig hilflos
                  gegenüber. Michl<pb/> hatte sich nämlich aus den sonderbarsten Scharteken eine Art
                  entsetzlicher Bildung und aus allerlei Erlebnissen und Erfahrungen, die sich in
                  seinem Gehirn als Besonderes widerspiegelten, einen »philosophischen Standpunkt«
                  aufgebaut. Die runde Frau wagte nicht zu atmen, wenn er ihr von dieser Höhe herab
                  ihre Fehler vorhielt, sie verstand sein Kunterbunt beinahe ebensowenig wie er. War
                  er aber einmal im Zuge, so mußte er sehr viel reden, das gab ihm Respekt vor sich
                  selbst, und zum Schlusse erklärte er immer, daß die Blaue Gans ohne ihn und den
                  einsamen Spatzen weder Licht noch Bildung hätte.</p>
               <p>Er hatte das Bedürfnis, vielen Leuten klarzumachen, daß er ein unentbehrlicher
                  Mensch sei, und diese vielen fand er nur in der Schenke; aber je eindringlicher er
                  redete, desto mehr wurde ihm zugetrunken, und je öfter er Bescheid tat, desto
                  unklarer wurde ihm selbst dabei zumut. Der würdige Mann hatte das Unglück, gerade
                  jetzt in lustige Gesellschaft zu kommen, als er ein Glas Wein trinken wollte.
                  Wirtshausbrüder setzten sich zu ihm, und die Strohschneidermädeln standen
                  aneinandergelehnt, hörten lachend seine lange Rede über das neue Licht und
                  liebäugelten mit ihm.</p>
               <p>»Jetzt muß ich zum Geschäft schauen«, schloß er, »aber wie sie alle brennen, komm
                  ich wieder, und dann werd ich euch beweisen, daß es auf einmal finster sein wird.
                  Keine Luft! – Alsdann später.«</p>
               <p>Der Laternanzünder ging kerzengrade, aber seine Lämpchen klirrten, und wenn er um
                  die Ecke bog, so zog es ihn immer um ein paar Schritte über die Laternen hinaus.
                  Er bohrte dann die Absätze ein, beugte den Oberkörper zurück und blinzelte mit
                  zusammengezogenen Augen hinauf zu den Laternen, ging ein paar Schritte rücklings,
                  und sowohl er als die Öllämpchen schwankten bedenklich, wenn sie nach langem
                  Zielen am rechten Platz waren. An diesem Abend war es da draußen recht übel
                  beleuchtet, und als das letzte Lämpchen festsaß, beeilte sich der Laternanzünder,
                  wieder seine Zuhörerschaft im Wirtshaus aufzusuchen. Oben auf der Hauptstraße lief
                  der Leopold von Laden zu <pb/> Laden und suchte lange, bis er ein Kleid kaufte,
                  das den Farben nach Aufsehen machen mußte in der Blauen Gans. Als Feierabend war,
                  rannte er mit dem Zeuge heim, je näher er dem Hause kam, desto mehr freute er sich
                  über die großen Augen seiner Lene.</p>
               <p>»Die wird dreinschauen!« Das Herz schlug ihm, als er in die Stube trat, und er
                  hätte gern aufgejauchzt vor Freude, anstatt daß er mit prahlerischer
                  Gleichgültigkeit das Umschlagpapier abwickelte und sein Geschenk auf den Tisch
                  legte. Er ließ den Stoff im Lichte glänzen, bauschte ihn so auf in Falten, wie er
                  es in den Schaufenstern gesehen hatte, und sagte endlich schmeichelnd, weil er
                  wußte, daß sie das am liebsten hörte: »Du, Frau, laß dir dein neues Kleid da bald
                  machen.«</p>
               <p>Es verlegte ihm die Stimme, er schwieg; wenn sie nur aufstehen und herkommen
                  würde; er steckte rasch seine Hand in die Tasche, damit er nicht den Arm nach ihr
                  ausstrecken konnte. Von der Seite hatte sie sein Tun beobachtet, aus dem
                  Bettwinkel hervor, in dem sie mit der Wiege verschanzt hockte und ihr Kind
                  einschläferte. Sie rührte sich nicht und sagte nur halblaut: »Ich dank dir
                  schön.«</p>
               <p>»Was, sonst sagst du nichts?« fragte er enttäuscht.</p>
               <p>»Was sonst?«</p>
               <p>Er biß die Zähne übereinander, daß sie es bis in ihren Winkel hin krachen hörte,
                  denn der Leopold hatte weiße, breite Zähne, die stark wie von Eisen waren.</p>
               <p>»Meinen Namen mußt vergessen haben, denn ich hör ihn nimmer von dir, und lachen,
                  scheint mir, gehst auf den Dachboden, denn ich schau immer nur in dein mürrisches
                  Gesicht. Sei gut, Lene! Gib mir freundlich die Hand, und denk doch daran, daß wir
                  für alle Lebenszeit beieinander bleiben müssen. Was soll denn unser Herr Sohn für
                  eine Meinung von uns kriegen?« Er lächelte ihr treuherzig zu und versuchte wieder,
                  das Kleid aufzubauschen.</p>
               <p>Das Weib hob die Augen nicht zu ihm auf, aber plötzlich schüttelte ihren schlanken
                  Leib ein verhaltenes Schluchzen. Das war es ja, beieinander bleiben für alle
                  Lebenszeit, immer <pb/> freundlich sein und ein heiteres Gesicht machen, wenn
                  einem auch gar nicht so zumute ist; immer arbeiten, Tag um Tag das nämliche,
                  Freude haben, wenn der Mann solches Zeug daherbringt. Das grellfarbige Ding sollte
                  ihr Freude machen! Ein Falbel von den Röcken, die im Trockenhofe hingen, war mehr
                  wert als das ganze neue Kleid. Und wie der Leopold nur so dastehen konnte vor ihr?
                  Mit jeder Woche sah er nachlässiger aus, sie hatte aufgemerkt, sogar sein
                  Schnurrbart war zerwirbelt und zerzaust, und immer baumelte der leere Ärmel herum.
                  Ehemals war der Mann viel hübscher, und wenn sie ihn auch nicht so liebhaben
                  konnte wie er sie, so gefielen ihr doch seine Gestalt und sein Wesen besser. Aber
                  schon an ihrem Hochzeitsabend mußte sie anhören, daß er ein Krüppel war. – Sie
                  hatte es verwinden wollen; wo hab ich nur hing'schaut? – sann sie doch wieder. Sie
                  wußte nicht, warum ihr jetzt der Mann und die andern Leut, die Wirtschaft, ja
                  sogar die Blaue Gans zuwider waren. Daß sie alles das, wie es war, für die ganze
                  Lebenszeit ansehen und aushalten müsse, das ging ihr immer durch den Sinn, und
                  darauf pochte er noch und stand vor ihr und wartete auf eine freundliche Antwort.
                  Woher nehmen?</p>
               <p>»Ich will gar nicht davon reden, wie lang du mir nicht ein einziges Bussel geben
                  hast ... Schau, Lene, ich bin halt anders wie die anderen Männer, die du kennst da
                  bei uns herunten. Ich hab die Welt gesehen, hab ein wenig etwas gelernt draußen
                  und gelesen ... Du bist so schön, und ich hab dich gern gehabt, wie du noch ein
                  kleinwinziges Ding warst, und ich hab dich immer lieber kriegt und gar nichts
                  sonst gedacht, als daß ich dich heiraten und dich recht glücklich machen will.
                  Wenn du dir nur überlegen könntest, wie weh du mir tust.«</p>
               <p>»Ich kann nicht anders sein, als ich bin«, antwortete sie leise.</p>
               <p>»Kannst nicht anders sein?... Warst doch vor der Hochzeit zutraulicher. Sitze doch
                  nicht so dort, komm hervor, und schau dir wenigstens das neue Kleid in der Nähe
                  an.«</p>
               <p>Sie knüpfte sich das Tuch fester auf dem Rücken, ließ die Schultern einsinken und
                  schob sich langsam zwischen dem <pb/> Bett und der Wiege hervor. Wie ein
                  gescholtenes Schulmädchen stand sie neben dem Tische und zog die Ellenbogen an die
                  Hüften.</p>
               <p>»Du tust ja, als ob du alle Tage eine Tracht Prügel kriegen tätst!« rief er und
                  hob ihren Kopf am Kinn auf. »Geh, Frau, sei nicht trotzig, es paßt nicht zu deinem
                  schönen Gesichtl, sei gut.« Als sie nichts erwiderte, glaubte er auf den roten
                  Lippen ein leichtes Lächeln zu sehen, er nahm sie um die Mitte und wollte sie an
                  die Brust ziehen, aber als sie mit ihrer Wange seine Schulter berührte, taumelte
                  sie zurück wie fortgestoßen und schaute mit dem Ausdruck des Grausens nach dem
                  leeren Ärmel.</p>
               <p>»Was hast du?« frug der Leopold erstaunt.</p>
               <p>»Ich – du – weil«, stotterte sie zagend und deutete auf seinen Arm.</p>
               <p>»Mein Arm?« Er griff mit der Hand an den Stumpf, und es blitzte etwas in seinen
                  Augen, das sie noch ängstlicher machte.</p>
               <p>»Dein Armstumpf, freilich – ich hab mich angestoßen, da« – sie zeigte auf ihre
                  Wange und schüttelte sich.</p>
               <p>»Na und?«</p>
               <p>»Stopf was hinein, laß dir einen hölzernen Arm machen, nur laß den leeren Ärmel
                  nicht so herumfliegen.« »Warum?«</p>
               <p>»Ich – ich fürcht mich, und die Leut lachen, weil ...«</p>
               <p>Sie konnte nicht weiterreden, der Leopold hatte sie rückwärts am Halse gepackt und
                  sie auf einen Sessel niedergedrückt, er schaute ihr ganz nahe in die Augen und
                  sagte mit trockenen Lippen und dürrer Zunge wie ein Kranker: »Red nur fort, über
                  was lachen die Leut?«</p>
               <p>Lene bog sich ein wenig beiseite und blickte mit zuckenden Wimpern zu ihm hinauf,
                  als ob sie sein Gesicht sehen wollte, wenn sie ihm einen Hieb gab dafür, daß er
                  sie, die Prinzessin, rauh angefaßt hatte; ihre graugrünen Augen flimmerten fast
                  gehässig, als sie weitersprach: »Die Leut lachen mich aus, weil – weil ich einen
                  Dreiviertelmann geheiratet hab!« »Einen ...«, keuchte er.</p>
               <p>
                  <pb/> »Einen Krüppel!«</p>
               <p>»Weib!« schrie der Leopold auf und stand mit erhobenem Arm vor ihr, »hat dir das
                  Gesindel nicht gesagt, daß ich dich und mein Kind mit dem einen Arm besser erhalte
                  als die andern Männer die ihrigen mit zwei Händen?«</p>
               <p>Die Frau duckte sich zusammen, hielt sich die Ohren zu und schloß die Augen.</p>
               <p>»Und du denkst auch so von deinem Mann? Ich soll mir einen Arm machen lassen?«
                  Jählings wurde er dunkelrot und schrie heiser: »Es graust dir also vor mir, weil
                  ich ein Krüppel bin?«</p>
               <p>»Ja!« stieß sie rücksichtslos trotzig heraus, gleich dahinter aber rief sie
                  bittend: »Schlag nicht!«</p>
               <p>Es war zu spät, seine wuchtige Faust fiel auf ihren Nacken nieder ... Der Leopold
                  wankte und torkelte, als ob er den <pb/> Schlag bekommen hätte, das wutverzerrte
                  Gesicht wurde nach und nach schlaff und fahl, er schleppte sich an das Fenster,
                  ohne sein Weib anzusehen, er horchte und wußte nicht auf welchen Laut; als sich
                  aber minutenlang nichts regte in der Stube, stöhnte er: »So weit kann ein Weib
                  einen Mann bringen«, und ohne daß er den Kopf erhob, tappte er aus der Stube.</p>
               <p>Ohne Mütze, mit weitoffenem Rock und flatterndem Ärmel schritt er schwerfällig
                  durch den Hof, über die Straße und hinaus auf die Trockenwiese. Dort stand er
                  jetzt still, sah sich um und holte tief Atem, dann ging er langsam weiter über das
                  Feld, querdurch, wie ihn seine unsicheren Füße trugen, und so kam er zu dem
                  Feldrain, auf dem er damals ausrastete, als er heimkehrte. – Schier auf demselben
                  Platz setzte er sich nieder, er hatte ja damals hier Frieden gefunden.</p>
               <p>Damals.</p>
               <p>Der Menschenlärm, der Schreck über den Sturz der kleinen Hanne, das Herzleid und
                  die Körperschwäche, die ihn angefallen hatten, alles war hier zurückgewichen, und
                  er saß damals still da mit der Lene, mit demselben Kinde, das heute sein Weib war
                  – und dasselbe Geschöpf hatte ihn auch diesmal hierhergetrieben, heute saß er aber
                  allein, verlassen, von ihr beschimpft mit dem schlimmsten Schmähwort, das es für
                  ihn gab.</p>
               <p>Von jetzt ab erst war er ein Krüppel, er wußte, daß seinem Weibe vor ihm grauste
                  und daß ihn die Leute verlachten, weil er den Mut gehabt hatte, das schönste
                  Mädchen zu heiraten, er, der Einarmige, der Dreiviertelmann. – Ach! – die
                  Schmerzen, die Schmerzen! Er litt alles wieder durch, was er auf dem Schlachtfelde
                  und im Spital ertragen hatte, und der Armstumpf zuckte und zitterte an seinem
                  Leibe. – Da plötzlich spürte er seine verlorene Hand wieder; als er mit der
                  lebendigen Hand verzweifelt an die linke Schläfe fuhr und die Faust fest
                  andrückte, da war ihm, als ob die rechte entgegenpreßte, und als er die linke
                  mutlos zwischen die Knie sinken ließ, da fühlte er, wie die Finger, die längst
                  vermodert <pb/> waren, sich rührten und zwischen die lebendigen schlüpften, wie
                  die beiden Hände sich ineinanderkrallten und flehend hinaufreckten zu dem
                  dämmergrauen, stummen, mitleidlosen Herbsthimmel. – Der Rest seines Armes bewegte
                  sich fort und fort, alle Muskeln dehnten sich, er spürte sein begrabenes Stück
                  Körper wirklich wieder, das Herzleid hatte es lebendig gemacht, die Seele schrie
                  nach diesem Glied, als könnte sich dann der gequälte Mensch wehren, als müßte sie
                  nicht hilflos erdulden, was sie schädigte für alle Zeit.</p>
               <p>Das war ein ganz anderer, der jetzt da auf dem Feldrain hockte, das war der
                  Leopold, den man nie äußerlich sah, das war der Mensch, der jetzt sich selbst
                  genau anschaute, als ob sein heimliches verborgenes Ich wie ein Zwillingsbruder,
                  den er versteckte, da ihm gegenübersitzen würde. Es jammerte ihn, was sie alles
                  gemacht haben aus dem blonden, lustigen Burschen: »Die Zeit ... und die Leut ...
                  und das Weib!...« Er hatte so redlich gesorgt für sie, er liebte sie so dumm, so
                  unsinnig, daß er sich schämte, es ihr zu sagen; die sonderbarsten Dinge flüsterte
                  er vor sich hin, wenn er sie <pb/> umarmte, so schöne Worte, wie er sie sprach,
                  standen ja nur in den Büchern oder sagten die Leute auf dem Theater, das durfte
                  sie nie hören, beileibe nicht, sie hätte ihn ja doch nicht verstanden – wenn es
                  gut gegangen wäre, höchstens gelacht. Dafür aber konnte sie nichts, das war nicht
                  ihre Schuld. Alle können ja nicht so sein wie der, welcher ihm gegenübersitzt und
                  mit traurigen Augen auf die fahlen Grashalme schaut.</p>
               <p>Sie ist so schön! – Wie liebte er sie, und sie konnte es dahin bringen, daß er
                  seinen männlichen Arm entehrte und den anderen noch im Grabe zuschanden machte
                  dadurch, daß er ein Weib schlug – sein Weib, dieselbe Lene, die er doch bis zur
                  Stunde noch mit allen Qualen des Gekränkten liebte. »So weit kann nur ein Weib
                  einen Mann bringen!« schrie er jählings, so daß die Hunde aufbellten, die noch
                  unten in den Feldern herumtollten.</p>
               <p>Was soll nun daraus werden? – Wie wird das Leben jetzt weitergehen? – Was soll er
                  ihr sagen, wenn er heimkommt? – Der Blick, mit dem sie ihn ansah, als sie die
                  Abscheulichkeit aussprach, brannte ihm noch auf der Stirne und in der Brust; das
                  war ein gehässiger Blick, so schaut jemand, der nicht in der Zornwütigkeit
                  hinschlägt, wie er es getan hat. »Die kann nicht vergessen und verzeihen«, stöhnte
                  der Mann.</p>
               <p>Dieweil war geräuschlos ein großer Hund herangezottelt, legte sich auf ein paar
                  Schritte entfernt nieder, streckte alle vier Pfoten von sich und kläffte, als ob
                  er den Leopold rufen wollte. Es war ein junges Tier mit ungelenken Gliedern und
                  einem dummen Gesicht. Langsam schob und kollerte er sich näher, sprang spielend
                  rund um den Mann, bis er endlich mit einem plumpen Satz hinter ihm war. Jetzt
                  richtete er sich auf, legte die Vorderpfoten auf die Schultern des Leopold,
                  streckte den großen Schädel hervor und begann seine Ohren und Wange
                  abzulecken.</p>
               <p>»Ah, du bist's, Schuftl! Du suchst mich auf?«</p>
               <p>Das Tier kroch hervor, machte wieder ein paar Sprünge, hielt plötzlich inne,
                  horchte auf und stellte sich dann leise knurrend neben den Mann.</p>
               <p>
                  <pb/> »Was gibt's?«</p>
               <p>Der Hund schnupperte dem Trockenplatz zu.</p>
               <p>»Paß auf, Schuftl!«</p>
               <p>Jetzt schlug das Tier dreimal nacheinander laut an, wie immer, wenn jemand dem
                  Trockenplatze nahe kam.</p>
               <p>»Es ist ja keine Wäsche im Freien mehr?! Warum er nur bellt?«</p>
               <p>Wieder kläffte der Wachhund und winselte, als ob jemand die großen leeren Stangen
                  forttragen wollte, denn sonst war nichts unten auf den Trockenstätten. Jetzt aber
                  hörte der Leopold gedämpfte Stimmen, die immer näher und näher heraufkamen.</p>
               <p>Was das Tier für ein feines Gehör hat, dachte er verwundert und streichelte das
                  weiche Fell des Schuftl. Nun lachten und plauderten die Leute unten lauter, und
                  ein heiserer Mensch jauchzte plötzlich so schrill, daß der Lauscher
                  zusammenschrak.</p>
               <p>»Singen! singen!« grölte einer, dessen kurzer raspelnder Ton dem Leopold bekannt
                  war, aber er dachte nicht darüber nach, denn das Jauchzen und Schreien wurde immer
                  wilder.</p>
               <p>»Na ja. Aber jetzt kusch!« überschrie das Gelärme eine kräftige Mädchenstimme, und
                  es wurde auch jählings still.</p>
               <p>Leise hub nun eine sanfte Stimme zu singen an, wie für sich allein, so sacht und
                  weich. – Es waren schier schwermütige Laute, die aus einer jungen Kehle
                  emporstiegen und wie Wellen dahinschwammen, die ganze Luft schien erfüllt von dem
                  flüsternden süßen Gesang.</p>
               <p>»Aha, die Marie!« murmelte der Lauscher.</p>
               <p>Die unsichtbaren Begleiter der Sängerin schrien und klatschten in die Hände, bis
                  wieder der kräftige Ton dareinfuhr: »Still! Weißt, Marie, wir singen jetzt
                  miteinander das Mariahilfer G'läut.«</p>
               <p>Nun begannen die zwei Mädchen gleichzeitig und sangen eines jener wortlosen
                  Lieder, die nur die kleinen Leute, die an den äußersten Enden der großen Stadt
                  wohnen, erfinden, aus der Luft holen und ein paar Wochen lang in die Luft
                  hinaussingen und pfeifen.</p>
               <p>
                  <pb/> Richtig, die Strohschneidermädeln, dachte der Leopold, hielt dem Hund die
                  Schnauze zu, damit er nicht knurren oder bellen konnte, grub sein Gesicht in das
                  wollige Fell des Schuftl und horchte.</p>
               <p>Der Gesang hub wieder an, ernst, fast melancholisch, die beiden Stimmen erklangen
                  wirklich wie abgetönte Glocken, abwechselnd schwang sich jetzt eine über die
                  andere, immer reiner, immer höher, immer fröhlicher, und nun einigten sie sich in
                  einem letzten kecken Hinaufwirbeln und schlossen mit einem hellen Jauchzen jäh
                  ab.</p>
               <p>»Heiß ich singen«, sagte beistimmend der Grölende, und der Leopold erkannte jetzt,
                  da die Schar schon näher herankam, den Laternenanzünder.</p>
               <p>»Was fallt nur dem ein, daß er mit der Gesellschaft herumzieht?«</p>
               <p>Er wußte nicht, daß auch der alte Dragoner heute sein Teil zu tragen hatte und daß
                  die lustige Bande eine Gefälligkeit für die andere begehrte. Sie hatten geduldig
                  seine Auseinandersetzung über das neue Licht angehört, ihm beigestimmt und
                  zugetrunken, ihn aber dafür durch alle Straßen geschleppt, hinter den anrüchigen
                  Strohschneidermädeln her, sie hatten Staat gemacht mit dem würdigen
                  Laternenanzünder und führten ihn, den der Gesang verlockte, in dieselbe Schenke,
                  in welcher vor Wochen der Leopold die ganze Nacht gelumpt und gezecht hatte.</p>
               <p>Die fröhlichen Menschen zogen an dem einsamen Mann vorüber, er drückte sich enger
                  an das Tier, damit sie ihn nicht sehen mögen, und als er nach einer Weile den Kopf
                  erhob, gingen sie schon seitwärts die Straße entlang und jauchzten, daß die
                  leichtbewegte Luft das Echo wiedergab. Das eine der beiden Mädchen lachte und
                  kicherte herausfordernd, die Stimme der anderen tönte mild, schier beruhigend
                  hinüber zu dem Lauschenden.</p>
               <p>»Mitten dahinein in den Trubel, das wäre vielleicht das beste! – - Ganz den Herrn
                  zeigen, vielleicht hilft die Grobheit mehr als die dumme Lieb. Sie hat Respekt
                  gekriegt vor dem einen Arm und kriegt viel leicht mehr Respekt vor dem <pb/> Mann,
                  der jetzt nicht heimkriecht und um Verzeihung bittet«, so grübelte der Leopold,
                  während er noch den lustigen Menschen nachhorchte. »Ich könnt ihr heut nicht in
                  die falschen Augen schauen, ob sie mich wieder so anblitzen täten oder verweint
                  wären ... Verweint?... Es ist doch eine schmutzige Sache, so auf ein wehrloses
                  Frauenzimmer hinschlagen wie auf einen Lumpen, der einen bei der Nacht anfallen
                  will ... Es ist eine Schand! Ja ... es ist eine Schand!«</p>
               <p>Jetzt war es totenstill um ihn, ein kühler, schwerer, trauriger Herbstabend brach
                  an; weit drüben lag ein leichtgeröteter Nebel, unter dem die Stadt steckte, und
                  die tausend und tausend Lichter gossen das feine Rot auf die schwere Nebelhülle.
                  Lange starrte der einsame Mann dahin, wo seine Arbeitsstrecke war, dahin sollte er
                  morgen wieder mit einem ruhigen Gesichte gehen, die Lene mußte wenigstens nicht
                  unter die Leute, wenn sie nicht wollte, aber er. – Zwischen der Nebelmauer und dem
                  Platze, wo er jetzt saß, wurde es immer schwärzer, die Öllämpchen der Vorstadt
                  verschwanden ganz, nur in der Nähe, unten vor der Blauen Gans, da glitzerten ein
                  paar Lampen rötlich, wie verkommene Sternlein ohne Rand und Strahlen. – - – Wie
                  traurig erschienen ihm die karg erleuchteten Fenster des Hauses.</p>
               <p>»Was soll jetzt draus werden?... So etwas geschieht da unten alle Tage, und die
                  Leute leben vergnügt weiter. Der Laternanzünder hat der ›Seinigen‹ auch den Kopf
                  zurechtgesetzt ... Aber die ›Seinige‹ ist halt anders als die ›Meinige‹, das zarte
                  junge Weib. Und bin ich so einer wie er?« Der Leopold wies mit dem Daumen hinter
                  sich, der Schenke zu. »Ei, hol's der Teufel, das Nachdenken macht's nur noch
                  schlimmer.«</p>
               <p>Er sprang auf, schüttelte die Erdklümpchen von seinen Kleidern, strich sich die
                  Haare zurecht und ging langsam den Weg, der hinauf in die Schenke führte. – Der
                  Mond guckte mit halbem Gesicht über die Berge hervor, und sein mattes Licht rann
                  über den Nebel, der sich jetzt ansah, als ob er beweglich wäre, als ob sich da
                  unten ein geräuschloses Wasser ganz sachte heben und senken täte. Der Hund
                  spreizte alle<pb/> vier Beine steif von sich, zog den Schweif ein und heulte
                  hinauf zu der gelbblassen Halbscheibe, und als ihn der Leopold am Ohre nachziehen
                  wollte, winselte er jämmerlich und schmiegte sich eng an die Füße des Mannes. Der
                  Mond kam immer höher herauf, und der Leopold ertappte sich dabei, daß er wohl eine
                  Viertelstunde dagestanden war und so wie der Schuftl hinaufgestarrt hatte, jetzt
                  aber schritt er rascher aus, und der Hund lief leise klagend neben ihm her.</p>
               <p>Da waren sie endlich; der Leopold stieß die feuchte Wirtshaustür weit auf,
                  Tabakrauch, Wein- und Bierdunst qualmte ihm entgegen, so daß er wie betäubt in das
                  Gewühl glotzte und wieder umkehren wollte, aber da johlten sie ihm schon zu: »Du
                  bist da?«</p>
               <p>»Servus!«</p>
               <p>»Grüß Gott!«</p>
               <p>»Wo kommst her?«</p>
               <p>»Setz dich nieder.«</p>
               <p>»Daher!« grölte der Laternanzünder und wies auf einen klebrigen Stuhl.</p>
               <p>»Wie schaust aber aus?«</p>
               <p>»Seid's ja ganz naß, du und der Schuftl.«</p>
               <p>»Schufterl, hupf, da herauf!« rief die Marie. »Das ist gescheit, daß du endlich da
                  bist!« sagte sie seitwärts zu dem Manne.</p>
               <p>»Trink, Leopold!«</p>
               <p>»Da auch.«</p>
               <p>»Zu uns setz dich!«</p>
               <p>»Daher! daher! daher!«</p>
               <p>Etwa zwanzig drängten sich mit jener angeheiterten Zärtlichkeit an ihn, die bei
                  dem nächsten Glas Wein schon so derb wird, daß sie jedem kurz die Wahl läßt:
                  weiter und weiter trinken oder tüchtig geprügelt werden. »Wenn so ein hübscher
                  junger Ehemann zu uns kommt, müssen wir ihm was Besonderes vorsingen, daß er das
                  Wiederkommen nicht vergißt«, flüsterte ihm die Marie zu und sah mit zwinkernden
                  Augen zu ihm auf.</p>
               <p>»Probier's«, warf der Leopold leicht hin.</p>
               <p>»Hat das neue Kleid geholfen?« frug der Laternanzünder <pb/> und kam mit
                  verglasten Augen, aber mit militärisch strammer Haltung kerzengerade auf ihn
                  zu.</p>
               <p>»Und wie es geholfen hat«, erwiderte der Leopold, er lachte dabei und ließ sich
                  von der Marie an einen Tisch ziehen, der in einer Ecke stand.</p>
               <p>Das Mädchen sang ihm zuerst ganz laut eines ihrer vierzeiligen Lieder vor, einen
                  Gassenhauer, doch als er vor sich hin stierte und sich um ihren Gesang nicht
                  kümmerte, preßte sie ihre Schulter an seinen Arm, nahm seine Finger spielend in
                  die ihren und summte mit gedämpfter, weicher Stimme:</p>


               <l>»Geh, sei nicht so traurig,</l>
               <l>Schau nicht so trüb drein.</l>
               <l>Tust mir bitterlich weh,</l>
               <l>Denn mein Herz g'hört noch dein.«</l>



               <l>»Wem?« frug der Leopold spitz, rückte ganz in die Ecke und goß ein großes Glas
                  Wein hinab.</l>



               <l>»Rück nicht von mir weg,</l>
               <l>Rück näher noch her,</l>
               <l>Hast bis jetzt noch kein' Fleck,</l>
               <l>So war's Bravsein nicht schwer«,</l>


               <p>sang die Marie mit fieberhaftem Flüsterton, und der Mann schaute halb neugierig,
                  halb verachtungsvoll in das blasse Gesicht des Mädchens.</p>
               <p>»Eh, Faxen! Ich weiß schon, daß du dir deine Liedeln selbst zusammendichtst, bist
                  flink mit deinem Kopf, darum singst auch einem jeden, was er gern hört«, spottete
                  der Leopold; »bei mir aber kommst nicht gut an, überleg es dir, so ein
                  Dreiviertelmann, der um einen Flügel zu wenig hat, der will anders betrogen werden
                  als die ganzen Männer.«</p>
               <p>Die Marie öffnete den Mund, sprach aber kein Wort, sie zeigte nur ihre blanken
                  Zähne, warf einen flüchtigen Blick auf den leeren Ärmel, und dann schaute sie
                  stumm vor sich hin auf die Tischplatte. Über den Augenbrauenenden, gegen die Nase
                  <pb/> herab, traten zwei scharfe Buckeln hervor, und ihr feiner, weißer Hals wurde
                  allmählich rosig gefärbt, rasch schlang sie ihren Arm um den Hals des Leopold,
                  legte ihre Lippen an sein Ohr und sang, als ob sie ihn küßte:</p>


               <l>»Red nicht von Betrug,</l>
               <l>Hast zwei Augen wie Stern,</l>
               <l>Hast zwei schnurg'rade Füß,</l>
               <l>Und ich hab dich halt gern!</l>
               <l>Hast ein butterweich's Herz</l>
               <l>Und zum Küssen ein' Mund</l>
               <l>Und zum Halsen ein' Arm,</l>
               <l>Das ist g'nug für ein' Stund.«</l>


               <p>»Aus dir könnt auch was Besseres werden als so ein ausgeschrienes
                  Bierhäuselgewächs«, sagte der Besungene nachdenklich und schüttelte ihren Arm von
                  seinem Halse.</p>
               <p>»Meinst? – Na so such halt einen, der mich jetzt auf den rechten Weg bringt. Aber
                  von denen dort«, sie schlenkerte die Finger gegen die Nachtschwärmer, »darf er
                  nicht sein.«</p>
               <p>»Brauchst denn just ein Mannsbild auf den rechten Weg?« »Ich kenn einen, der sich
                  vor Jahren sogar auf mein' unrechten Weg g'stellt hat, so lang, bis ich wirklich
                  g'stolpert bin – und g'falln. Hat er mich aufgehoben? – Frag ihn! – Und der weiß
                  es doch ganz genau, wie er mich gefunden hat.«</p>
               <p>Der Leopold zog rechts und links an seinem Schnurrbart und murmelte befangen:
                  »Nicht reden – du warst damals lieber alle Tag unter dem G'sindel als
                  woanders.«</p>
               <p>»Eine gute Ausred ist einen Taler wert«, spottete die Sängerin, »der Gewisse hat
                  aber damals gar keine Ausred braucht, er hat mich nur nimmer g'sehn, wenn er mir
                  zufällig begegnet ist. War recht lustig die Zeit, besonders wenn man mäuserlstill
                  sein muß, daß einen die Leut nicht noch auslachen – und wenn man
                  mutterseelenallein seine Schand und sein Leid hinunter würgen muß. Kannst du dich
                  vielleicht zufällig an die Zeit erinnern?«</p>
               <p>Ein harter Blick glitt über das Mädchen. »Nein. – Besser <pb/> wirst du's nicht
                  verdient haben. Red von was anderem, wenn ich dich anhören soll.«</p>
               <p>»Nur anschaffen, das bist ja jetzt g'wöhnt als Eh'mann«, spöttelte Marie, zog aber
                  dann ein abgegriffenes Büchlein aus ihrer Schürzentasche und kritzelte ernsthaft,
                  nachsinnend eine Seite voll.</p>
               <p>Leopold schaute auf den gesenkten kleinen Kopf der Sängerin, ihre schwarzen Haare
                  waren so geölt und glatt, daß sie glänzten, und ihre Stirne war weiß und rein;
                  sogar der kecke Zug verlor sich allmählich aus ihrem Antlitz, während sie schrieb
                  und leise vor sich hin sang. »Schreibst dir die neuen Liedeln auf, daß du sie
                  morgen wieder einem andern vorsingen kannst?« fragte er lachend.</p>
               <p>»Müßt ich da bis morgen warten? Meinst, die horchten nicht gleich alle? Und gibt's
                  so mir und dir nichts geschwind einen, auf den meine Liedeln passen? Das ist mein
                  Dank von dir«, schmollte sie.</p>
               <p>
                  <pb/> Rundum kicherten und brüllten lachend die Wirtshausgäste, wenn sie in die
                  Ecke blinzelten, denn sie hielten sich fern von den beiden.</p>
               <p>»Hat ihn schon erwischt, die Feine, bis in den grauen Tag halten wir ihn fest, die
                  Lene wird sich giften«, eiferte ein alter Kamerad des jungen Ehemannes.</p>
               <p>»Na, und wer soll denn nachher singen?« schrie die Klara, »ich hab heut schon den
                  ganzen Tag kräht – soll ich allein weitertun, was? – Wird der vielleicht«, sie
                  wendete nur die Augen, ohne den Kopf zu bewegen, gegen Leopold, »den ganzen Abend
                  zahlen heut?«</p>
               <p>»Muß er«, betonte der Laternanzünder.</p>
               <p>Der Leopold konnte nichts hören und sehen von dem, was da vorging, er war in einer
                  mitleidsvollen Stimmung und schaute sich darum die Strohschneider-Marie zum ersten
                  Male genauer an. Alles war so fein und zart an dem Mädchen, das klare
                  Heiligenbilder-Gesicht. Aber die blauen Ränder um die Augen und die kecken Reden
                  und das leichtsinnige Lachen manchmal, rechnete der Mann zusammen.</p>
               <p>»Warum singst du denn in allen Kneipen und unter der Sippschaft herum, wenn's dir
                  keine Freud macht?« Er nahm mit trotzigen Mienen das Gespräch von früher wieder
                  auf.</p>
               <p>»Frag meine Frau Mutter. Umsonst sing ich nicht, da schau, am Fenster stehen
                  unsere Körberln, gerade früher war mein kleiner Bruder, der Xanderl, da und hat
                  sie ausgeleert, jeder Wirt füllt sie uns voll, morgen in aller Früh schleppen wir
                  das heim, was wir da kriegen. Meinst, es ist ein Spaß, die Mutter und die acht
                  jüngeren Geschwister zu erhalten? Wie die Wilden fallen sie über die Körb her,
                  wenn wir hundsmüd heimkommen.«</p>
               <p>»Deswegen brauchst aber nicht alle Tag einen andern Schatz?«</p>
               <p>»Ich? – Die Leut sagen das! Ist es darum wahr? Eh! Ich wollt, ich wär weiter, als
                  mich meine Füß tragen.«</p>
               <p>Das Mädchen schmiegte sich an den Leopold und schloß die Augen.</p>
               <p>»Da schau hin, Klara!« zischelte einer.</p>
               <p>
                  <pb/> »Auch nicht übel!« brummte die ältere Schwester und ging zögernd in die
                  Ecke, sie stemmte die Hände auf die Tischplatte, neigte sich vornüber und musterte
                  das schweigende Paar mit einem wegwerfenden Lachen.</p>
               <p>»He! Marie! Schlafst ein bei dem fidelen G'spann da? – Die Herren wollen ein neues
                  Lied von dir hören. Pack zusamm' und laß den allein sitzen.« Sie schlug dem
                  Mädchen leicht auf die Schulter und zog sie fort. »Es kann angehen« rief sie den
                  Musikanten zu.</p>
               <p>Gleich quiekte die Klarinette, die schlecht behandelte Gitarre trommelte einen
                  Wirbel, und der Lärm verstummte, als die beiden Mädchen Hand in Hand mitten unter
                  das Männervolk traten. Der Leopold wartete, bis sich alle den Sängerinnen
                  zugewendet hatten, dann stand er auf und schaute über die Köpfe der anderen
                  hinüber zu den Schwestern. Dicht aneinandergedrängt hielten sie sich umschlungen,
                  der Kopf der Jüngeren lag halb auf der Schulter der Älteren, und so zwitscherten
                  und jodelten die zwei Mädchen, daß dem Leopold schier der Atem verging vom Anhören
                  und Ansehen. Er trat zurück, stürzte zwei Gläser Wein schnell nacheinander hinab,
                  warf noch einen Seitenblick auf die Marie und ging davon, ohne daß ihn jemand
                  beachtet hatte.</p>
               <p>Draußen fiel ihn die kalte Nachtluft an wie ein nasses Tuch, der Nebel war dünner
                  und heller geworden und das Mondlicht ganz klar. Er sah seinen Weg deutlich vor
                  sich, feuchtglänzend zog sich die ausgetretene Spur durch die kahlen Felder. Er
                  taumelte. Der jähe Umschlag aus der Hitze in die Nachtkälte machte ihn ganz wirr,
                  und sein weinheißer Kopf, sein ganzes fieberhaftes Wesen trieben ihn mehr, als daß
                  er bewußt ging. Wenn nur der heutige Tag nicht gewesen wäre, wenn ich nur wüßt,
                  daß sie die Augen aufmacht und sagt: »Grüß dich Gott, Leopold!«</p>


               <l>»Tust mir bitterlich weh,</l>
               <l>Denn mein Herz g'hört noch dein ...«</l>


               <p>Das kam ihm so über die Lippen, ohne daß er recht wußte wie, es war ihm doch gar
                  nicht darnach zumut, an eine andere <pb/> zu denken, aber das traurige bleiche
                  Gesicht des leichtfertigen Mädels stieg doch vor ihm auf, als er die Verse vor
                  sich hin summte.</p>
               <p>»Glaub fast, die tät keinen Mann, der es ehrlich mit ihr meint, so beschimpfen,
                  und sie ist doch ...« Der Leopold redete laut mit sich selbst und stolperte
                  weiter. Je näher er der Blauen Gans kam, desto langsamer ging er.</p>
               <p>»Tust mir bitterlich weh!«</p>
               <p>»Ja, ja, Weib! Tust mir so bitterlich weh, wie mir noch kein Mensch getan
                  hat.«</p>
               <p>Jetzt stand er vor dem Haustor, er seufzte schwer, preßte die Stirn an den
                  eiskalten Steinpfeiler, dann zog er plötzlich so scharf an der Klingel, daß er es
                  bis heraus auf die Straße läuten hörte.</p>

               <p>Die Lene ist, nachdem er davongelaufen war, noch eine Weile still sitzen
                  geblieben, freilich mit gebeugtem Rücken und zusammengekrallten Fingern. Sie
                  weinte nicht, sie sprach nichts, nur der Nacken tat ihr weh, und langsam, als ob
                  sie sich überzeugen wollte, daß ihr der Kopf nicht von den Schultern falle,
                  bewegte sie ihn nach rechts und links, dann erhob sie den Oberkörper, zog aber
                  rasch das Genick ein und langte nach der schmerzenden Stelle. Ihr weißes Gesicht
                  wurde blutrot, die graugrünen Augen liefen hastig durch die ganze Stube, sie nagte
                  an der Unterlippe und fuhr mit dem Fuße, als ob sie etwas wegstoßen wollte, über
                  die Diele. »Aus ist's«, sagte sie kurz.</p>
               <p>Jetzt aber begann ein seltsames Treiben; sie probierte eines ihrer Kleider nach
                  dem anderen und spähte aufmerksam, welches davon ihrem Leib die schönste Form
                  geben konnte. Sie hatte nicht viel Auswahl, darum behielt sie ein schwarzes Kleid,
                  das glatt anpaßte, sie erkannte auch, daß ihr weißes Gesicht und ihre roten Haare
                  sich noch schärfer abhoben. Nun wand sie ein schwarzes Schleiertüchelchen um den
                  Kopf, nahm ein warmes dunkles Tuch über die Schultern, und sie war fertig
                  hergerichtet wie zu einem Abendspaziergang mit ihrem Manne. Sie holte ihren
                  Handkorb und packte einen <pb/> Kamm, ein Paar Schuhe und ihr Gebetbuch ein, dann
                  füllte sie den übrigen leeren Raum mit Wäsche. Sorgfältig versperrte sie die
                  Schubladen und den großen Kleiderkasten und legte alle Schlüssel mitten auf den
                  Tisch, dann richtete sie das Nachtlämpchen zurecht, stellte die Milch für den
                  Kleinen daneben, legte Kandiszucker und Zwieback dazu, und nun, da alles besorgt
                  war, wollte sie gehen. – Als sie die Türklinke in der Hand hatte, blieb sie stehen
                  und schaute durch die dämmrige Stube hinüber auf die Wiege, die zwischen den
                  beiden Betten stand; sie tauchte die Finger in den Weihwasserkessel, der neben der
                  Türe hing, und ging zurück zu dem Kinde. – Etwas Ernstes, Feierliches umfloß die
                  schlanke Gestalt, und ihr ausdrucksloses schönes Gesicht wurde traurig. Sie kniete
                  vor der Wiege nie der und küßte leicht und sanft die roten Lippen des kleinen
                  Leopold, und damit sie ihn nicht wecke, machte sie mit dem Daumen in der Luft das
                  Kreuzzeichen über seine Stirne, seinen Mund und seine Brust. – Sie hockte lange
                  dort und horchte, sie <pb/> dachte, jetzt und jetzt müsse das Kind die Augen
                  öffnen und – und was dann? Erschreckt stand sie auf, fuhr mit zitternden Händen
                  über das Gesicht, bekreuzte sich selbst und ging mit festen, sicheren Schritten
                  aus der Stube.</p>
               <p>Die Lene versperrte die Küchentür, rüttelte an der Klinke, um zu prüfen, ob auch
                  gut zugeschlossen sei, und eilte hinüber zu der Hanne.</p>
               <p>»Gelt, du schaust später hinüber zu meinem Buben, in einer Stund bin ich wieder
                  da, ich muß allerhand abmachen heut«, sagte sie ruhig zu dem Mädchen. »Versteht
                  sich, solang du willst, bleib ich drüben, ich kann gleich hinübergehen und drüben
                  arbeiten«, meinte die Hanne.</p>
               <p>»Wie du willst. Behüt dich Gott.«</p>
               <p>Lässig wie immer ging die Lene durch den Hof; sie warf noch einen scheuen Blick
                  auf ihr verhängtes Stubenfenster und schlenkerte leicht mit dem Korbe hin und her,
                  als ob er leer wäre.</p>
               <p>Die Hanne packte ihre Arbeit zusammen, nahm das alte Handwerkszeug, die
                  Einspannmaschine, unter den Arm und ging hinüber in das Zimmer ihrer
                  Jugendfreundin. Sie zog den Vorhang zurück, breitete feines Seidenpapier auf das
                  Fensterbrett, legte die ungenähten Handschuhe zurecht und sah nach dem Kinde, ehe
                  sie sich an ihre Arbeit setzte. Bald jedoch trieb der blanke Fingerhut an ihrer
                  schlanken Hand die winzige Nadel durch die feingefeilten Zähne der zwei
                  Messingplatten, welche den Handschuh eingeklemmt hielten. Gleichmäßig wie die alte
                  Uhr, nur rascher, pochte der Fingerhut an die Platten, und nach jedem Stiche lag
                  der Seidenfaden, der die Lederteile zusammennähte, wie eine Perle gleich und glatt
                  über den glitzernden Zähnen der Maschine. Die Hanne war auch nach der Käthe die
                  flinkste Näherin in der Blauen Gans, und sie hatte ihre Freude an der eigenen
                  Arbeit. Wenn ein Handschuh fertig war, blies sie mit vollen Backen hinein, damit
                  sie sah, ob sich kein Finger daran verdrehte, zog ihn über dem Knie glatt und
                  richtete ihn so zurecht, daß der alte Herr Fuchs oft gesagt hatte: »Über meiner
                  <pb/> Käthe und der Walter Hanne ihre Handschuhe braucht man nur ein einziges Mal
                  mit dem Zurichtholz zu fahren.« He! Mit fünfundsiebzig Jahren hatte der alte
                  Handschuhzurichter das noch gesagt, und es fiel ihr jetzt wieder ein, als sie
                  einen fertigen blütenweißen Ballhandschuh auf das Seidenpapier legte.</p>
               <p>Bald sah sie nichts mehr, die Dunkelheit war so jäh hereingebrochen, daß die Hanne
                  die Hände in den Schoß sinken ließ und in den grauen Nebel hinausträumte. Es war
                  so friedlich, so heimlich da, von ihren Kindertagen ab zogen alle ihre Wünsche,
                  ihre Hoffnungen, ihre Freuden und Leiden hinüber in die Stube der Frau Weis. An
                  diesen Fenstern saß vor langen Jahren, als die Hanne noch ein kleines Mädel war,
                  die Schwester des Leopold, die so schöne künstliche Blumen machte; einen Tag,
                  bevor sie starb, saß sie noch da; und als der Leopold heimkam aus dem Kriege, saß
                  er tagelang auf dem Fensterbrett, mutlos und traurig; später richtete sich die
                  Lene da ein mit seinem Kinde. Die Hanne seufzte heimlich, sie hatte ausgeträumt.
                  Rasch ließ sie die Vorhänge nieder, zündete die grüne Studierlampe an und setzte
                  sich mit ihrer Arbeit an den Tisch.</p>
               <p>»Ein Glück, daß der Bub so still bleibt«, sagte sie leise und ging zur Wiege. Der
                  Kleine hatte sich glühendrote Backen erschlafen, Schweißperlen standen auf seiner
                  Stirne, und der Atem ging so schnell, daß sich sein Brüstchen hob, und manchmal
                  kam ein leises Pfeifen aus der Kehle. Hanne legte ihr Ohr an die keuchende Brust
                  des Kindes und trocknete sein heißes Gesichtlein, dann setzte sie sich wieder an
                  die Maschine, blickte aber immer besorgt hinüber nach der Wiege.</p>
               <p>Je später es wurde, desto mehr schlich die Zeit für sie hin. Draußen auf dem Hofe
                  war es still geworden, das Geplauder der Nachbarn, die lärmenden Kinderstimmen
                  waren mählich verklungen, hie und da rief einer der Männer im Vorbeigehen »Gute
                  Nacht!«, und bald regte sich gar nichts mehr, denn in der Blauen Gans gingen die
                  Leute früh zu Bette wie die Hühner und krochen schier noch früher aus den
                  Federn.</p>
               <p>
                  <pb/> Neun Uhr! So lange war die Lene noch nie fortgeblieben, und sie selbst, die
                  Hanne, sie war zu jeder Nachtstunde bis in den grauenden Morgen oft vor ihrem
                  Holzrößlein mit den Messingplatten gesessen, doch über die Sperrstunde war sie ihr
                  Lebtag nicht außer dem Hause.</p>
               <p>Sie kannte die Stimmen der Nacht genau, das seufzende Weinen des Windes, der
                  zuweilen durch den kleinen Blechofen hereinwimmerte, den geheimnisvollen,
                  duftschweren Ton der Sommernächte, der gleichsam von der durchhitzten Erde
                  aufstieg und in die kühle Luft schwamm. – Es beirrte sie auch nichts in ihrer
                  Arbeit; das ächzende Knarren der hochgepackten Frachtwagen, die in langen Reihen
                  der Stadt zukrochen, hatte sie oft in den Schlaf gewiegt, und wenn sie wach
                  bleiben wollte, so horchte sie auf das dumpfe stoßweise Pfeifen, das aus einem
                  langen dunklen Schlot kam, der eine eiserne Netzkappe auf dem Kopf hatte. Bei
                  jedem Pfiff warf der Fabrikschlot Funken aus, und oft meinte sie, jetzt und jetzt
                  müßten die Flammen emporschlagen, so feuerrot färbte sich der Rauch. Manchmal
                  jammerte ein Nachbarkind, zuweilen erschreckten Streit und Gezänke das junge
                  Mädchen, es endete aber zumeist mit Schluchzen und Weinen des Weibes, der Mann
                  schnarchte oft schon, wenn die Frau noch unterdrückt weiterjammerte. – Dem alten
                  Uhrwerk gab es einen Ruck, der Hammer hob aus und schlug die zehnte Stunde. Der
                  Hausmeister trabte durch den Hof und löschte die Lampe aus, dann polterte er in
                  der Einfahrt herum, verschimpfte die Katzen, die lärmende Zusammenkünfte in einem
                  Hofwinkel hatten, dann warf er das Haustor zu, daß es wie ein Kanonenschuß
                  krachte, drehte den großen Schlüssel knarrend um und trabte wieder zurück. Zehn
                  Uhr vorbei und die Lene hinausgesperrt!</p>
               <p>»Vielleicht ist sie ihrem Manne begegnet, und er hat sie ins Wirtshaus geführt
                  oder gar ins Theater«, simulierte die Hanne, »aber daß sie nicht an das Kind
                  denkt.«</p>
               <p>Sooft die Torglocke läutete, stand das Mädchen von ihrer Arbeit auf, doch die
                  Ankömmlinge klopften an alle Fenster, nur nicht an das der Lene. Elf Uhr! – Zwölf
                  Uhr! – Jetzt <pb/> fehlte niemand mehr in der Blauen Gans außer dem Leopold und
                  seinem Weibe. Der Fingerhut klopfte gleichmäßig an die Metallplatten, die Hanne
                  arbeitete immer rascher, um ihre Unruhe zu verscheuchen, sie wollte nicht denken
                  und träumen, dort lag ja das Kind im Fieber und fingerte mit den kleinen Händen in
                  der Luft oder preßte die Fäustchen an die glühenden Wangen. Langsam und
                  widerwillig sog es die Milch ein, die sie ihm gab, und wenn es auf eine
                  Pulsschlaglänge die Lider hob, so waren die Augen glanzlos. Plötzlich wurde so
                  scharf an der Glocke gezogen, daß sie noch eine Weile bimmelte, als der
                  Hausmeister schon das Tor aufgeschlossen hatte und wieder polternd zufallen
                  ließ.</p>
               <p>Unsichere, schnelle Schritte kamen näher und näher; die Hanne rückte ihr
                  Arbeitszeug beiseite und harrte, sie wußte, daß es der Leopold sei, aber allein –
                  und die Lene? Sie faltete die Hände und horchte. Jetzt stand er am Fenster und
                  spähte hinein, sie fühlte beinahe seinen Blick. »Was ist mit der Lene geschehen?
                  Was wird er sagen, wenn er sein Weib jetzt nicht daheim findet?« fragte sie
                  lautlos.</p>
               <p>Der Leopold sah nur den Schatten der Frauengestalt, die nach vorne gebeugt wie
                  eingeschlummert neben dem Tisch saß. »Sie hat also auf mich gewartet, zum ersten
                  Mal, seit wir verheiratet sind, und gerad heut, nach dem Tag«, das packte ihn an,
                  er frug sich, was er getan hatte zum Austragen der Schuld.</p>
               <p>»Tust mir bitterlich weh ...«</p>
               <p>Scham und Mitleid machten ihn mutlos, er preßte seine Zähne in die Hand, die nach
                  seinem Weibe geschlagen hatte. Lange stand er da und wagte nicht zu klopfen. Der
                  Schatten verschwamm zuletzt vor seinen Augen, obgleich das Weib drinnen
                  unbeweglich saß. Er mühte sich ab, die rechten Worte zu finden, die er der Lene
                  sagen könne, aber sein übervolles gepeinigtes Herz hämmerte, daß er es am Halse
                  und in den Schläfen spürte.</p>
               <p>Und wenn ich auf die Knie fallen müßte, da auf der Schwelle, und sie bitten, daß
                  sie mir verzeihen soll, wie ich ihr verzeih, ich tat es jetzt, ging ihm verworren
                  durch den <pb/> Kopf; er klopfte leise an die Scheiben und schritt rasch zu der
                  Türe ... Die Hanne ging hinaus, schob den Riegel zurück und trat dann weg, um ihm
                  Raum zu lassen, damit er an ihr vorbei in die Stube konnte; aber der Mann drehte
                  hastig den Schlüssel um und langte in der Finsternis nach der Frauengestalt,
                  zitternd ergriff er das Kleid, das er in seiner Nähe knistern hörte, klammerte
                  sich daran und stotterte: »Ich ... ich hab einen brennenden Schädel ... der Schlag
                  ... und der Wein ... und der Zorn, den ich so lang verschluckt hab ... und die
                  Lieb zu dir. Weib! Weib, ich bitte dich ... ich will alles vergessen ... so wär es
                  ja ein elendes Leben!«</p>
               <p>Die Hanne wollte sich losmachen, sie wollte reden, aber der Schreck und ein
                  anderes beklemmend-erstarrendes Gefühl, das ihr die Kehle zuschnürte, ließ sie zu
                  keinem Wort kommen.</p>
               <p>»Du hast mir heut so weh getan ... schau, vergessen ist der Schmerz ... verziehen.
                  Ich hab ja auch gefehlt an dir!... Red, ich bitt dich, red!«</p>
               <p>Ein unterdrücktes, bitterliches Weinen war die einzige Erwiderung.</p>
               <p>»Wein nicht«, stammelte der Mann ermutigt, »ich bitt dich«, er ließ das Kleid los,
                  legte jählings seinen Arm um ihren Nacken, riß sie an seine Brust, und als ob ihm
                  jemand einen Stoß in die Kniebeuge gegeben hätte, so brach er mit einem Male
                  zusammen und lag vor ihr auf beiden Knien. Er reckte den Arm hinauf und erfaßte
                  eine niederhängende Hand, fest drückte er sein heißes Gesicht an ihre Hüfte, und
                  er fühlte, wie die Hand zitterte, wie die ganze Gestalt bebte und schwankte. Er
                  hörte ihren Herzschlag, und es überkam ihn, daß jetzt die entscheidende Stunde da
                  sei für alle Zeit. Wie ein Sturm flog die Anklage, der Schmerz, die heiße
                  Liebessehnsucht von seinen Lippen zu ihr hinauf, da in der Finsternis, in der
                  Erregtheit, in der Verzweiflung und Furcht vor der Zukunft sprach der Mann, wie er
                  sonst nur in seinen Gedanken zu ihr redete. Sie sah ihn ja nicht, er brauchte sich
                  nicht zu schämen, einmal, ein einziges Mal mußte er doch die Last von seinem
                  Herzen werfen. Er dachte nicht daran, ob <pb/> sie ihn verstehen könne, ob sie
                  seine leidenschaftlichen Worte nicht ängstigten, er wußte kaum, daß er ihr Kleid,
                  ihre Hüfte, ihre Hand küßte und wieder küßte, als aber Tropfen um Tropfen aus
                  ihren Augen auf seine Stirn fiel und das stumme Weinen des Weibes in ein
                  krampfhaftes Schluchzen überging, da richtete er sich an dem Leib der Fiebernden
                  mühsam auf, küßte gewaltsam zwei bebende Lippen, die seinen Kuß nicht erwiderten,
                  und zog die Gestalt in das erleuchtete Zimmer ... Die Hanne entwand sich seinem
                  Arm und wankte mit einer abwehrenden Handbewegung an den Tisch, sie setzte sich
                  vor ihr Arbeitszeug und verhüllte das Gesicht mit dem Tuche, das sie um den Nacken
                  geschlungen trug.</p>
               <p>Zuerst rieb sich der Leopold die Augen, nachher sperrte er sie weit auf und
                  glotzte die Hanne an, dann griff er nach der Lampe, schleuderte die Türe mit dem
                  Ellenbogen zurück und leuchtete hinaus in die Küche; als er sah, daß nur sie
                  allein, die dort hinter ihm am Tische saß, da sei, stellte er die Lampe wieder hin
                  und frug erstaunt: »Du hast mir die Tür aufgemacht?«</p>
               <p>Die Hanne nickte, ohne aufzublicken. Jetzt wird er um sein Weib fragen, schwebte
                  ihr undeutlich vor, was soll ich sagen? Aus dem, was er gesprochen hatte vor ein
                  paar Minuten, hatte sie herausgefunden, daß Schlimmes zwischen den Eheleuten
                  vorgefallen war. Wo aber mag die Lene hingelaufen sein, und was wird er sagen –
                  was wird er tun?</p>
               <p>Das Mädchen wußte nicht, wie das erstaunte Gesicht des Leopold sich allmählich
                  verwandelte, wie er an dem Schnurrbart zupfte und zweifelnd auf die dürftige
                  Gestalt blickte, wie endlich ein ingrimmiger, häßlicher Zug sein Antlitz
                  entstellte. Erst als er brutal auflachte, schrak sie zusammen, ließ die Hände
                  niederfallen und wandte sich ihm zu.</p>
               <p>»Ist ein dummer Spaß gewesen«, und er zuckte geringschätzend die Achseln.</p>
               <p>»Was?«</p>
               <p>»Na, daß sie dich da hinausgeschickt hat und kommod weiterschlaft«, er dehnte die
                  Worte und sprach laut, als ob er jemand wachrufen wollte.</p>
               <p>
                  <pb/> »Lepold!«</p>
               <p>»War dir vielleicht um das Bussel z'tun, scheinheiliges Ding? Komm, ich geb dir
                  noch eins, mein Weib ist nicht eifersüchtig, das siehst du!«</p>
               <p>Alles das war für die Lene geredet, er wähnte, daß sie dort in ihren Kissen
                  verborgen trotzig hinhorchen täte auf jedes Wort und daß die Hanne nur da sei, um
                  neuen Zank unmöglich zu machen. Jetzt regten sich Zorn und Scham wieder in ihm,
                  das dumme Mädel da hatte seinen Jammer gehört, hatte ihn auf den Knien gesehen,
                  und sein Weib hat geschlafen oder ihn neuerdings verspottet. Da krampfte sich
                  schon wieder die Hand zusammen. Auseinander mit den Fingern! Herrgott! Was macht
                  das Weib mit ihrer Unsinnigkeit aus mir!</p>
               <p>»Hast du dein Weib nicht gesehen, Lepold?«</p>
               <p>
                  <pb/> Das fuhr in seine peinvollen Gedanken, er setzte sich matt nieder und frug:
                  »Was hast du gesagt?«</p>
               <p>»Die Lene ist in der Abendzeit fortgegangen und ist – erschrick nicht, ich bitt
                  dich – ist noch nicht heimgekommen«, sagte das Mädchen leise.</p>
               <p>»Nicht daheim! Jetzt? Mein Weib?« stammelte der Leopold, er stieß die Hanne
                  beiseite, rannte zu dem Bette seiner Frau, schüttelte die Kissen und Decken,
                  wühlte alles durcheinander, er meinte, daß sie versteckt sein könnte. »Nichts da
                  ... wo ... wo ist ... sie hin?« gurgelte er, als ob er aus einem Wasser
                  herausriefe, das ihm über den Kopf ging.</p>
               <p>»Jesus, Maria! Schau nicht so drein, komm zu dir! Es kann ihr ja etwas geschehen
                  sein – in der Früh wird sie schon kommen«, tröstete entsetzt und zaghaft die
                  Hanne.</p>
               <p>»Was geschehen ... freilich, das könnt möglich sein«, lallte er, »aber ... Hanne,
                  es gibt auch Weiber, die ihren Männern davonlaufen.«</p>
               <p>»Davonlaufen?« sagte die Hanne erschreckt. »Durchgehen!... Wo ist mein Bub?«
                  schrie der Mann jählings und tappte nach der Wiege.</p>
               <p>»Sei nur still, ich bitt dich, das Kind ist da, ich bin ja darum
                  herübergekommen.«</p>
               <p>»Armes Ding du«, murmelte der Leopold, »du bist immer gut und ehrlich ... du hast
                  den Hieb parieren müssen, den sie mir zurückgegeben hat ... Hanne, sag mir alles
                  von ihr.«</p>
               <p>Er zog einen Stuhl herbei und stieß ihn derb zu Boden, der Kleine schrie im
                  Schlafe auf und hustete gleich danach kurz und schrill, daß es wie ein heiseres
                  Bellen klang. Die Hanne horchte ängstlich und wollte zu dem Kinde, doch der Mann
                  setzte sich ihr gegenüber, hielt sie am Arme fest und sagte wie ein
                  Stumpfsinniger: »Alles sag mir ... alles!«</p>
               <p>Was sie zu erzählen wußte, erzählte sie ihm, es war wenig genug. Er ließ sich die
                  letzten Worte seines Weibes immer wiederholen, er sagte selbst jede Silbe nach,
                  aber er konnte nichts herausfinden, als daß sie mit einer Lüge ihn und das Kind
                  verlassen hatte.</p>
               <p>»Lepold, sei doch ein wenig gefaßt«, bat die Hanne, »laß <pb/> mich aus, ich muß
                  zu dem Buben, der Husten ist so – dein Kind ist krank, hörst?«</p>
               <p>»Auch das noch ...«</p>
               <p>Er nahm die Lampe und leuchtete dem Mädchen, das fürsorglich wie eine Mutter das
                  Kind aufhob.</p>
               <p>»Da schau, Lepold, wie der Kleine fiebert.« Mit dem Stiele eines Löffels drückte
                  sie die Zunge des Knaben nieder und schaute in sein Mündchen. »Ich mein«, sagte
                  sie erregt und suchte die Tränen zu verschlucken, »ich mein, du sollst schnell
                  einen Doktor holen, das wäre das beste.«</p>
               <p>»Warum?« fragte der Mann gedankenlos, denn das Bild seines Weibes flimmerte dort
                  auf dem Putztische, und er konnte an nichts mehr sonst denken als an sie. Wo, wo,
                  wo ist sie?... Bei wem?... Bei wem? Herrgott!... Er konnte nicht weiter fort mit
                  seinen Gedanken, eiskalt rieselte und rann es ihm über den Rücken, er nahm das
                  Bild und stierte es an, als ob er es sein Lebtag nicht gesehen hätte. »Bei wem?«
                  murmelte er, und als er sich reden hörte, da hub auch sein Gehirn wieder mühselig
                  zu arbeiten an. »Vielleicht jetzt schon ein nichtsnutziges Weib«, summte es in
                  seinem Kopfe.</p>
               <p>Das Bild glitt aus seiner Hand und fiel vor ihm nieder, er blickte auf den
                  Fußboden, und als er hinter dem grünlichen Glas ihr Gesicht heraufschillern sah,
                  trat er mit dem Absatz darauf, daß die Scherben knirschten.</p>
               <p>»Aber Lepold! Hab doch Erbarmen mit deinem Kind, ich kann den Buben nicht
                  auslassen, das ist die Bräune! Hol den Doktor, das Kind könnte die Nacht
                  ersticken.«</p>
               <p>Mit stumpfsinniger Neugierde bog sich der Mann nieder und schaute in das kleine
                  Gesicht. Das Mündchen war halboffen, und es wehte den Leopold heiß an, als er mit
                  seinem Finger die trockenen Lippen berührte; die Augenlider hoben sich langsam,
                  nur die halben Sterne waren zu sehen, der weiße Augapfel aber hatte den bläulichen
                  Glanz verloren, und darum hatte der Kleine das Ansehen einer Leiche trotz der
                  Fieberröte.</p>
               <p>»Schau nur, Lepold, schau!« klagte die Hanne bittend und legte ihre Hand auf
                  seinen Arm.</p>
               <p>
                  <pb/> Der Mann aber blickte über die Achsel auf die zitternde hagere Mädchenhand
                  nieder. Das fremde Geschöpf da ängstigte sich um seinen Buben, dasselbe
                  unbeachtete stille Mädchen hatte schon als Kind den ganzen Reichtum der Armen, die
                  geraden Glieder, hinaufgetragen auf das Hausdach und sie zerbrochen und zerschellt
                  heruntergebracht, und das um seinetwillen, um ihm eine Freude zu machen ... Und
                  nun steht sie wieder da neben ihm und zittert für sein Kind und verteidigt die
                  nichtsnutzige Mutter ... sein Weib.</p>
               <p>»Ein nichtsnutziges Weib«, murmelte er ingrimmig, und die Hanne schlang angstvoll
                  die Finger ineinander und drückte ihre Wange an das heiße Gesicht des Kleinen.</p>
               <p>»Lepold, ich bitt dich! – Oder da, bleib bei ihm, ich hol den Doktor!« Sie legte
                  ihm das Kind in den Arm und lief aus der Stube, ehe er etwas erwidern konnte.</p>
               <p>Die Lampe zuckte, flackerte und malte unruhige Schatten an die Wände; eine große
                  Fliege surrte immer um das Köpfchen des Kranken, und der Vater konnte sie nicht
                  haschen, nicht verjagen, er blies nach ihr, doch sie ließ sich nicht vertreiben.
                  Das Summen und Kreisen des Tieres erbitterte ihn, denn es machte seinen
                  weinschweren Kopf wieder wirbliger, und das Kind lag wie ein Stück Blei in seinem
                  Arm, der kleine Körper strömte eine fühlbare Hitze aus. Jetzt zuckte und knisterte
                  die Lampe, sie mußte bald erlöschen, ein brenzlicher Geruch zog durch die Stube
                  und verlegte ihm schier den Atem, langsam schleppte er sich auf und nieder und
                  wiegte seinen Buben, der recht jammervoll stöhnte. Niemals war dem Leopold das
                  altbekannte liebe Gemach so leer und fremd gewesen, selbst als seine Eltern tot
                  waren und er allein da hauste, war es freundlicher; aber heute!... Es sah aus, als
                  ob sich die Decke gesenkt hätte, ja als ob sie sogar jetzt noch Zoll um Zoll
                  herabrückte, und dabei war es zum Ersticken schwül, dumpf und beängstigend ... Das
                  ersterbende Licht warf nur mehr einen fingerbreiten Streifen über den Tisch, das
                  ganze Gemach lag in schwarzer Dunkelheit. Die Finsternis verwirrte den erregten
                  Mann noch mehr, er wollte das Fenster öffnen, darum legte er den Knaben auf sein
                  Bett ... Oh!... Das ist ja <pb/> nicht das seine, er hatte sich nur so hingetastet
                  in der Finsternis, das ist ihr Lager ... sie hatte die weichsten Kissen, und da,
                  wo ihr schöner Kopf ruhte, da roch es immer so frisch von ihren Haaren, als ob man
                  den zarten Flaumduft eines jungen Huhnes einatmen würde. Wie liebte er dieses
                  rote, gesunde, duftende Haar ... und da, freilich, da lag ihr Nachthäubchen und
                  geriet ihm zwischen die Finger, und er ließ sein glühendes Gesicht darauf
                  fallen.</p>
               <p>Kam wirklich die Zimmerdecke langsam herunter, herabgedreht durch eine unsichtbare
                  Kurbel, die aber scharf kreischte?... Schrie sein Kind so heiser und hustete so
                  bellend?... Wahrhaftig! Da hatte er mit einmal seinen zweiten Arm wieder ...
                  Drüben in der großen Waschküche spielten die Musikanten den Walzer, den er mit
                  seinem jungen Weibe soeben getanzt hatte; Hochzeitsnacht?... Oho! Das ist mehr
                  Lärm, als er heute ertragen kann ... Noch ein Glas Wein?</p>
               <p>»Laß den Spaß sein mit der Marie«, grollte der Leopold, und dann seufzte er: »Tust
                  mir bitterlich weh ...« Jetzt raffte er sich auf und schüttelte suchend die Kissen
                  durcheinander; freilich, so ist es ... das ist ihr Bett und leer, nur sein Bub ist
                  da bei ihm, sie ist fort, ist ein nichtsnutziges Weib!</p>
               <p>Die Lampe knisterte, warf ein paar kleine Fünkchen ab, flammte auf und
                  erlosch.</p>
               <p>
                  <pb/> Zwischen den beiden Betten am Boden lag der Leopold lang ausgestreckt, ohne
                  Atem, wie ein Erstickter, und sein Söhnlein wimmerte, als es nimmer schreien
                  konnte. Der Mann hörte nichts, seine letzte krampfhafte Bewegung war, mit
                  ausgespreizten Fingern die Decke zu halten, denn er sah, wie sie tiefer und tiefer
                  herabsank ... sah, daß sie nur mehr handbreit von seinem Kopf entfernt ist und ihm
                  jetzt das Hirn zusammendrücken werde.</p>

               <p>»Einmal muß aber die Geschichte doch ein End neh men, meinst nicht?« zischelte die
                  alte Frau Walter. Sie stand in der Küche des Leopold und schielte nach seiner
                  Zimmertür.</p>
               <p>»Sobald er wieder hinaus kann, komm ich heim«, erwiderte die Hanne kleinlaut.</p>
               <p>Die Alte rang die Hände und schüttelte dann alle zehn Finger knapp vor den Augen
                  ihrer Tochter.</p>
               <p>»Weißt du, daß es jetzt volle sechs Wochen sind? – Tag und Nacht bist du da
                  herumgehockt. Ich will nichts von der versäumten Arbeitszeit sagen, aber schau,
                  wie du zugerichtet bist«, belferte halblaut die Frau.</p>
               <p>»Ah, und wie denn? – Überleg sich doch die Frau Mutter alles. Das Kind war zum
                  Auslöschen, der Leopold ein schlaghafter Mensch, und die Lene ...«</p>
               <p>»War eine gescheite Person, die auf und davon ist, wie sie ihr versoffener Mann
                  zum erstenmal geprügelt hat. Wenn wir es alle so gemacht hätten, so wären unsere
                  Männer auch anders worden.«</p>
               <p>»Eine gescheite Person?« wiederholte das Mädchen erstaunt.</p>
               <p>»Ja. Und du? Eine dumme Gans, die ihre Zeit versäumt, weil sie wildfremde Leute
                  pflegen muß.«</p>
               <p>»Wildfremde Leut? Der Weis Leopold und sein Bub?«</p>
               <p>»Na, Nachbarn halt. Wer hat sich denn sonst im Haus so geschäftig gemacht außer
                  dir?« frug die Mutter boshaft und stemmte herausfordernd beide Arme in die Hüften.
                  »Ist denn das ganze Haus verändert, sind alle Leute anders worden in sechs
                  Wochen?« sagte die Hanne kleinmütig. »Vor sechs Wochen war ja der Leopold für alle
                  ein braver, ehrlicher <pb/> Mensch und die Lene für die meisten eine schöne, aber
                  faule Gredel, und jetzt ...«</p>
               <p>»Das verstehst du nicht; eine Frau, die so schön ist, verdient eine schönere
                  Behandlung, alle Leut sagen das, die nobelsten Leut, und das G'richt gibt ihr
                  recht, nicht ihm.«</p>
               <p>Der Wisperton, in dem die beiden sprachen, erregte die zürnende Frau immer mehr,
                  sie keifte ihrem Kinde beinahe in die Ohren, verzog spöttisch den Mund, rieb die
                  Handballen ineinander, daß es knarrte, und freute sich fast, als sie das
                  graubleiche Gesicht der Hanne so verstört und furchtsam sah.</p>
               <p>»Aber Frau Mutter«, flüsterte sie besänftigend.</p>
               <p>»Gered't ist gered't. Schau, daß du bald heimkommst, sonst hol ich dich, aber
                  anders!«</p>
               <p>Frau Walter streifte die Ärmel so weit hinauf, als sie sich schieben ließen, und
                  ging breitspurig durch die Küchentüre hinaus in den Hof. Draußen lauerten schon
                  die Nachbarinnen, neugierig, ob die resolute Mutter das dumme Mädel <pb/>
                  mitbrachte oder ob die Wirtschaft so weitergehen würde. Sie zuckten nur mitleidig
                  die Achseln, als die Alte allein kam, und steckten die Köpfe zusammen, als sie,
                  ohne ihnen lange Rede zu stehen, davonging.</p>
               <p>Sechs Wochen hatten wirklich genügt, um die Menschen in der Blauen Gans zu ändern,
                  ihre Stimmung zu festigen und ihre Meinungen abzuklären. Die Weiber redeten ja Tag
                  und Nacht über die Geschichte mit der Lene, und so hatten sie gerade genug Zeit
                  gehabt, um die meisten Männer windelweich zu schwatzen. Daß die Weiber recht
                  hatten, bestätigte das Gericht, weil es die junge Frau nicht dazu verhielt, zu
                  ihrem Manne zurückzukehren.</p>
               <p>Die Weisen der Blauen Gans und vor allem der Laternanzünder hatten vorhergesagt,
                  daß die Ausreißerin mit Schande und Spott heimgebracht werde, und nun nahm sie das
                  Gericht in Schutz. Sie mußte nicht in die große Stube der seligen Frau Weis, das
                  wollte etwas sagen in jenem Winkel, wo sich die armen kleinen Leute von der Gewalt
                  des Gerichtes auch den Begriff der Unfehlbarkeit machten und davor eine gruselnde
                  Scheu wie die Kinder vor Gespenstern hatten. Darum war und blieb der Leopold jetzt
                  für sie im Unrecht, und die Lene hatte den Weg eingeschlagen, den ein junges
                  schönes Weib geht, wenn sie ihr Mann schlecht behandelt.</p>
               <p>Die junge schöne Frau hatte auch wirklich schnell Freunde gefunden, die ihr bald
                  ihr Recht begreiflich machten.</p>
               <p>Da war zuerst die Schwester des »Herrn«, des großen »Handschuhmachers«, wie sie
                  den Fabrikanten bezeichneten, für den die Hälfte der Leute in der Blauen Gans
                  arbeitete. Die zierliche kleine Frau, eine unternehmende Französin, hatte sich von
                  ihrem Bruder getrennt und auf eigene Faust einen »Salon für Damenbekleidung«
                  eröffnet; das wollte sagen, daß sie von den ungewöhnlichsten Hütchen angefangen
                  bis zu den geschmackvollsten Stiefeletten herab alles feil hatte, was zu dem Putz
                  einer eleganten Frau gehört. Sie hatte diese neue und vornehme Idee von ihrer
                  Vaterstadt, von Paris, hergebracht und sie klug zu verwerten begonnen. Alle
                  älteren Geschäftsleute sperrten Maul und Augen auf, denn mit einigen <pb/>
                  wandhohen Spiegeln, Samtsofas und einer Menge künstlicher Blumen, kurz, mit
                  allerhand solchem Firlefanz, an den ein aufrechter Kaufmann gar nicht denkt,
                  schnappte sie ihnen doch die allerschönsten Kunden vor der Nase weg.</p>
               <p>In dem Salon der »Madame Margot« gab es auch keine bedienenden jungen Herren, die
                  regelrecht frisiert in den elegantesten Modezeitungstellungen herumlehnten oder
                  mit krebsroten, aber zierlich gebogenen Fingern die Stoffe in genial hingehauchte
                  Wogen zu bauschen wissen. Einfache, schwarzgekleidete Frauen sprachen sachkundig
                  mit der Modedamenwelt, sie prüften Gesichtszüge, Haarfarbe und Gestalt genau,
                  unterzogen die Abstufungen der Farben einem ernsten Studium und wählten dann erst
                  Form und Stoffe.</p>
               <p>Diesen sorgfältig zu Werke gehenden Frauen waren zwei schöne junge Mädchen
                  beigegeben, eine üppige Brünette und eine schlanke Blondine; die beiden mußten die
                  gewählten Gegenstände versuchsweise in Gebrauch nehmen und in diesem meist
                  kostbaren Putz auf und nieder gehen, sitzen, sich drehen und wenden, so daß die
                  Käuferinnen die Wirkung an einer lebendigen Gestalt erproben konnten.</p>
               <p>Seit fünf Wochen war anstelle der allzu schlanken Blondine ein Rotkopf getreten,
                  der die Damen durch seine Schönheit entzückte, es war die Lene, die »Mademoiselle
                  Madeleine« hieß.</p>
               <p>Als sie ihrem Manne davonlief, ging sie geradenwegs zu Madame Margot und erzählte
                  ihr den ganzen Jammer. Die kleine Frau hörte aus der Geschichte mehr und anderes,
                  als darin lag, dafür aber sah sie die schöne Gestalt des jungen Weibes ganz genau.
                  Madame Margot war seit Jahren von ihrem Gatten getrennt, und das traurige
                  Ereignis, das sie da hörte, war nach ihrer Auffassung nur ein neuer Beweis für die
                  Niederträchtigkeit »von die Mann«. Es gab demnach mehr als einen Grund, daß sie
                  diesen empörenden Fall in die winzigen Hände nahm, nachdem er von ihr
                  zurechtgelegt war, einem geschickten Advokaten über gab und das mißhandelte schöne
                  Weib frischweg in ihr Geschäft nahm.</p>
               <p>Ehe die Lene sich noch ganz mit sich zurechtgefunden hatte, <pb/> waren schon ein
                  Bündel Federn zerschrieben an einer langen Anklageschrift. Darin stand, daß der
                  Leopold ein Wüstling sei, ein Säufer, daß er sein Weib fast erschlagen und daß die
                  Lene einen solchen Widerwillen gegen ihn habe, daß sie in ehelicher Gemeinschaft
                  nicht mehr mit ihm weiterleben könne.</p>
               <p>Der Leopold lag aber schon drei Wochen todkrank da, als ihm die Schrift in sein
                  Haus flog, er konnte sie nur mühsam lesen und verstand sie kaum, er wußte auch
                  nicht viel zu erwidern, als acht Tage darauf der Advokat kam und ihm das alles
                  mündlich sagte. Der Mann mußte zugeben, daß er sein entlaufenes Weib geschlagen
                  habe, daß sie ihm treu gewesen, daß sie nichts verschwendet und seine Wirtschaft
                  in gutem Stand erhalten.</p>
               <p>
                  <pb/> »Gegen die Abneigung Ihrer geschätzten Frau gibt es kein Mittel, Zwang würde
                  nichts nützen«, meinte der Advokat, »und, verzeihen Sie, lieber Mann, Sie dürfen
                  sich bei alldem, was Sie getan haben, gar nicht wundern, wenn sich eine schöne
                  ehrbare Frau von Ihnen lossagt«, schloß der Geschickte mit einem Hinblinzeln über
                  die hilflose, krüppelhafte Gestalt des Kranken und mit einer würdevollen
                  Handbewegung, die sich wie eine Verurteilung ansah.</p>
               <p>Der Leopold glotzte den Advokaten an, er wunderte sich gar nicht über das Gebaren
                  seiner Frau, er besann sich nur, daß alles, was ihm dieser abgeschliffene und
                  gemessene Herr da sagte, schon in der langen Schrift zu lesen war, und dann – ja –
                  das gute Gedächtnis seiner Lene brachte ihn ein wenig aus dem Geleise; jede
                  Kleinigkeit, die vorgekommen war, während sie noch im Frieden miteinander gelebt
                  hatten, wußte sie und hatte sie den fremden Leuten erzählt, nur um ihn zu
                  verkleinern ... Wie lange muß sie da in einem Atem geredet haben, und immer nur
                  Böses von mir, dachte er, und da wußte er auch mit einem Male, daß sie ihm niemals
                  auch nur gut gewesen sei und daß ihr kein Fünklein von der Liebe, die er allzeit
                  für sie gefühlt hatte, im Sinn geblieben war.</p>
               <p>Der Advokat stand geräuschlos auf und frug noch einmal:</p>
               <p>»Ist nicht alles so? Hat Ihre geschätzte Frau eine Unwahrheit gesagt?«</p>
               <p>»Ach Gott! Nein ... Es ist so ... meine geschätzte Frau hat nicht gelogen. Ja, ja,
                  ja!«</p>
               <p>Seine Wangen glühten vor Fieberhitze und Scham, weil er sein Unglück so ruhig
                  anhören mußte, als ob ihm einer die Geschichte zweier anderer ihm fernstehender
                  Menschen erzählen würde, aber rechtfertigen wollte er sich vor dem eiskalten Manne
                  da nicht. Er verschwieg, wie tief ihn die Lene gekränkt und beschimpft hatte, und
                  jede Leichtfertigkeit, der sie ihn beschuldigte, empfand er weniger beschämend als
                  die Mißachtung, die Abneigung, die sie für den Krüppel hatte. Als aber der Advokat
                  noch an der Türe umkehrte und sich wieder an das Krankenbett setzte und über die
                  Scheidungsfrage deutlich zu unterhandeln anfing, da wurde der Leopold <pb/> wild,
                  denn ganz im Hintergrunde aller seiner Gedanken stand doch die Hoffnung, daß sie
                  bald wieder heimkehren werde; jetzt aber wurde der Gedanke durch untilgbare Furcht
                  verdrängt, sie könne einem anderen angehören, wenn er sich für immer von ihr
                  lossagte.</p>
               <p>Er biß die Zähne übereinander und konnte das Bild nicht loswerden. – Der schöne,
                  weiße, kühle Leib in den Armen eines anderen Mannes, die roten Lippen geküßt von
                  anderen, fremden Lippen, die schöne Statue vielleicht lebendig.</p>
               <p>»Jetzt ist es genug, jetzt gehen Sie, das ist mein Zimmer, Herr, und wenn ich ein
                  Flegel bin, so sollen Sie sehen, was ein Flegel tut«, würgte Leopold heraus und
                  zeigte nach der Türe.</p>
               <p>Ein höfliches Schwingen der feinen Gestalt, und der Advokat war verschwunden. Dem
                  Kranken aber war der Kopf wieder recht schwer.</p>
               <p>»Weißt, Hanne, mir tut alles weh, der Kopf und ...« Der Leopold redete nicht aus,
                  er griff nur nach dem Herzen. Sie ist eine ehrbare Frau, hatte der Advokat gesagt,
                  und daß sie dreißig Gulden Monatsgehalt bei der Madame Margot hat, daß sie dort
                  nur mit Damen verkehren muß, gar keinen Mann zu sehen bekomme, daß sie sehr
                  sparsam und allein lebe und sonst keinen Wunsch habe, als von ihrem Manne
                  loszukommen.</p>
               <p>»Bin ich ein miserabler Lump!« sagte er ingrimmig, »hab ich das arme Weib so
                  unglücklich gemacht, so beschimpft und geschlagen.«</p>
               <p>Er ließ seine Augen langsam von einem Gegenstand zum andern gehen; das alles, was
                  für ihn so großen Wert hatte, das alte Hausgeräte von Großvaterszeit her, das sie
                  Stück um Stück so oft berührt hatte, das stand da auf demselben Flecke, sie aber
                  war auf und davon, nichts hatte sie zurückhalten können, nicht die Gewohnheit, die
                  alle Leute festhielt da in dem Winkel, nicht das kranke Kind, das ihrem eigenen
                  Leib entsprossen, nicht er, der alles für sie tat und ließ, seit sie zueinander
                  gehörten, nichts, gar nichts hatte Macht gehabt über das wortkarge, gedankenscheue
                  Weib. Und sie sei in ihrem Rechte, hatte der studierte Herr gesagt?... Wenn <pb/>
                  dem Advokaten, der jetzt da bei ihm saß, inzwischen daheim sein eigenes Weib
                  davonliefe, würde er auch diesem das Recht zusprechen? Gewiß nicht, weil ... weil
                  er zwei Arme hat ... mit dem Krüppel durften sie alle umspringen, wie sie
                  wollten.</p>
               <p>Mit solchen Gedanken schlug sich der Leopold herum, und wahrlich nicht zu seinem
                  Heil. Manchmal schlief er die langen Tage vor Erschöpfung, und die Nächte schrie
                  und jammerte er im Fieber. Wie die Zeit hinrann, wußte er sich nicht zu sagen, nur
                  ab und zu frug er einen Kameraden, der nachsehen kam: »Was ist heut für ein Tag?«
                  Und dennoch rechnete er, sobald er zeitweilig heller denken konnte.</p>
               <p>Jetzt aber wußte er bestimmt, daß er sechs Wochen schon da auf ein und derselben
                  Stelle lag, er hatte gehört, wie draußen die alte Walter ihre Tochter abkanzelte,
                  er hatte sich angestrengt, ihre Worte zu vernehmen, aber von dem langen derben
                  Gerede war nichts in seinem Kopfe haftengeblieben als die sechs Wochen.</p>
               <p>»So lang!« seufzte er, »sechs Wochen hab ich sie nicht gesehen. Weiß sie denn
                  nicht, wie elend es mir geht?« Sie wußte es wohl, daß er krank dalag; ein leichter
                  Schlaganfall, das sei vom Trinken gekommen, sagte der Arzt, bei dem Madame Margot
                  anfragen ließ.</p>
               <p>Die Weiber in der Blauen Gans fanden auch diese Krankheit natürlich und stellten
                  sie ihren Männern als abschreckendes Beispiel hin. Der Leopold war eben an jenem
                  Unglückstage bis nach Mitternacht droben in der verschrienen Kneipe gewesen, hatte
                  getrunken, und die Strohschneider-Marie hatte ihn um den Hals gehabt; das hat die
                  Laternenanzünderin, die nach ihrem Mann auf die Suche ging, durch das
                  Wirtshausfenster alles erspäht. »Der Einarmige hat auch meinen armen Mann unter
                  das Gesindel geschleppt«, schluchzte sie, sobald auf dieses Ereignis hingewiesen
                  wurde.</p>
               <p>»Na ja, daß einen da unser Herrgott straft, daß einen wenigstens der Schlag
                  trifft, ist doch ganz natürlich«, sagte gewichtig die Frau Walter.</p>
               <p>
                  <pb/> Somit war das Unglück des Weis Leopold zurechtgelegt und der Lene ein Stein
                  in das Brett geschoben.</p>
               <p>Am Anfang der Krankheit hatte noch hie und da eine der Frauen die Hanne auf einige
                  Stunden vom Nachtwachen abgelöst, als aber das Kind ganz außer Gefahr war, hatten
                  sie die Pflege des Vaters dem jungen Mädchen allein überlassen, und je mehr sich
                  die gute Stimmung der Lene zuwandte, desto weniger kümmerten sich die Nachbarinnen
                  um die Krankenstube, an welcher sie tagsüber doch so oft vorbeigehen mußten. Alles
                  das währte nun gerade sechs Wochen.</p>
               <p>»Also sechs Wochen!« sagte der Leopold sehr laut, als die Hanne in die Stube trat,
                  »das ist recht lang ... Hast du die ganze Zeit nichts von ... von meinem Weib
                  gehört?« »Gar nichts«, erwiderte das Mädchen und setzte sich verstört an das
                  Fenster.</p>
               <p>»Bist müd? Ich glaub es dir.« In dem Gesichte des Kranken begannen die Muskeln zu
                  zucken. »Du, Lene!... ah! Hanne wollt ich sagen, deine Alte kann wild sein ...
                  morgen steh ich auf ... morgen.«</p>
               <p>Die Hanne wendete sich erschrocken um und murmelte etwas, dann erhob sie sich und
                  sagte langsam: »Das muß dir erst der Herr Doktor erlauben.«</p>
               <p>»Ich halte es aber so nimmermehr aus, ich muß schauen, daß ich wieder zu meinem
                  Straßendienst komme ... sechs Wochen!... Du, da wird bald Schmalhans der
                  Kuchelmeister.«</p>
               <p>»Es reicht schon noch eine Weile mit deinem Ersparten«, sagte das Mädchen
                  verlegen.</p>
               <p>»Freilich, das Geld hat sie uns ja im Haus gelassen. So viel Ehre hat sie doch
                  gehabt.«</p>
               <p>»Lepold! Kannst du sie denn keinen Augenblick vergessen, denkst du denn alleweil
                  und alleweil nur an die Davongelaufene?« frug die Hanne mit zitternder Stimme.</p>
               <p>»Aufgeschaut!... sie ist eine ehrbare Frau, hat der Herr Advokat gesagt. Mußt
                  niemals so eine ehrbare Frau werden, Mädel!«</p>
               <p>»Ich! – Dummes Zeug!« Die Hanne drehte sich jäh um und nahm wieder ihre Arbeit
                  auf; nach einer Weile pochte der <pb/> blanke Fingerhut gleichmäßig und flink an
                  die flimmernde Metallplatte.</p>
               <p>Seit kurzer Zeit konnte es der Leopold schon ertragen, daß sie in der Stube nähte,
                  früher war sie draußen in der Küche gesessen, recht nahe an der Türe, die nach dem
                  Hofe führte, so daß ein schwacher Lichtschein durch das Guckloch gerade auf ihre
                  Maschine fiel. Das war ein mühseliges Arbeiten gewesen, und mit geschwächten Augen
                  schaute sie jetzt auf das scharfglänzende Arbeitszeug.</p>
               <p>»Es hilft alles nichts, ich muß morgen aufstehen. Mußt mich halt auf die Strecke
                  führen, wenn ich nicht allein gehen kann«, begann der Kranke und ließ seine
                  abgemagerten Füße über den Bettrand hängen. Langsam versuchte er alsdann, den
                  Körper nachzuschieben, und dazwischen lachte er und machte sich lustig über seine
                  Schwäche.</p>
               <p>Die Hanne schaute nicht nach ihm um, die Späße, die er machte, taten ihr weh; sie
                  verstand die Bitterkeit dieser Selbstbespöttelei nicht, sie dachte nur, wie kann
                  so ein kranker unglücklicher Mensch lustig sein? Manchmal schon wäre sie selbst
                  gerne aus seiner Stube gelaufen, hinüber in ihre stille Kammer. Es war ihr oft,
                  als ob sie da ersticken müßte in der Nähe des fieberhaften Mannes, aber was sollte
                  dann aus dem Kinde und aus ihm werden? Auch jetzt war wieder die schmerzliche,
                  quälende Ungeduld über sie gekommen, zum ersten Male im Leben hatte sie das
                  Gefühl, als müsse sie sich mit einem starken Handgriff selbst herausreißen und
                  etwas, was auf ihren Schultern, auf ihrer Brust lag, abschütteln. – Und doch,
                  hatte sich andererseits nicht ein Lebenswunsch erfüllt, hatte sie nicht alle die
                  Jahre hindurch gewartet und gewartet, daß eine Stunde komme, wo sie für den
                  Leopold etwas tun könne, was ihm Freude machte? Waren nicht alle ihre Gedanken,
                  Träume und Hoffnungen von Kinderzeit her immer und immer herübergeflogen und wie
                  verscheuchte Schwalben um das Fenster geirrt, an dem sie jetzt saß, da er niemand
                  auf der Welt hatte als sie?</p>
               <p>Draußen im Hofe zischelten und keiften die Leute miteinander und schielten von der
                  Seite nach ihr hin. »Wo anpacken?« <pb/> fragte sie sich. Wenn sie es auch
                  versuchen wollte, die Lene umzustimmen, und wenn es ihr auch gelingen würde, die
                  Übermütige heimzuführen, können die Eheleute jemals wieder miteinander in Frieden
                  leben? Wo aber sonst anpacken, um dem Gebrochenen wieder auf- und weiterzuhelfen?
                  Wenn er nur nicht so kichern und wispern würde hinter ihr; glaubt er, sie könne
                  lachen, weiß er denn gar nicht, wie traurig sie ist? Während die Hanne so grübelte
                  und hastig nähte, hatte sich der Leopold in die Decke gewickelt und war bis zu
                  ihrem Stuhl hingeschlichen.</p>
               <p>»Da schau her! Da bin ich!«</p>
               <p>Das Mädchen sprang auf und breitete ihre Arme aus, um den Schwankenden zu halten,
                  wenn er wieder zusammenfallen sollte wie vor sechs Wochen, als sie ihn am Boden
                  fand. Der Leopold schlang aber seinen Arm um ihren Hals, stützte sich fest auf
                  ihre schmalen Schultern und wankte zurück zu seinem Bette.</p>
               <p>»Schau, schau, wie schwach ich bin, und du, Mädel, wie ... stark!« Er setzte sich
                  auf das Lager und lehnte seinen schweren Kopf an ihre Brust. »Ich kann morgen doch
                  nicht auf die Strecke, ich kann dich auch noch nicht entbehren ... Hanne ... deine
                  Frau Mutter ... freilich, freilich ... bist ein blutjunges Mädel ... aber schau
                  ... dem Weis Leopold ist nichts geblieben als dein gutes Herz und sein kleiner
                  Bub.«</p>
               <p>Wo waren jetzt die dunklen, ungeduldigen Gedanken von früher? Daher gehörte sie,
                  mögen die Nachbarn den Leopold schimpfen oder loben.</p>
               <p>»Sei nicht so kleinmütig, wirst bald wieder stark werden. Ich bleibe da bei dir,
                  solange du mich dahaben willst, und gehe halt, wenn du mich nimmer brauchst«,
                  sagte die Hanne fest.</p>
               <p>»Da wirst du lange bleiben müssen, Mädel ...«</p>
               <p>»So lang, bis ...«</p>
               <p>»Bis?«</p>
               <p>Sie verschluckte einen Seufzer und setzte sich schweigend an ihre Arbeit.</p>
               <p>Wieder war über eine Woche um, und der Leopold saß nun <pb/> schon neben der Hanne
                  am Fenster, und sein schwacher Arm zitterte, als er den kleinen Buben vor sich auf
                  dem Schoß halten wollte.</p>
               <p>»Mein Herr Sohn ist stärker, als ich bin«, witzelte er und zog mit den Lippen
                  seinen Schnurrbart zwischen die Zähne.</p>
               <p>Es war Feierabend, und paarweise gingen die Nachbarn an dem Fenster vorüber, nur
                  manchmal winkte einer flüchtig hinein zu den drei Menschen, aus den Mienen der
                  meisten aber las man den Unwillen.</p>
               <p>»Sitzen beisammen wie verheiratete Leut«, brummte der Hausmeister, »bin neugierig,
                  wann die Walterin Ordnung macht; was zuviel ist, ist zuviel!«</p>
               <p>»Jetzt ist er schon auf, Walterin, jetzt kann die barmherzige Schwester, dein
                  Mädel, doch schon wieder zu dir kommen, ein verheirateter Mann ist und bleibt er
                  halt doch«, raunte die Laternenanzünderin der Frau Walter zu und zog die
                  Augenbrauen so bedeutsam in die Höhe, daß die Alte kirschrot im Gesichte wurde und
                  ohne jede Antwort geradenwegs in die Stube des Leopold rannte.</p>
               <p>»Heimgehen!« schrie sie kurz der Hanne zu, die, ohne den Kopf zu heben, in die
                  Tasche griff und aus einem gestrickten Beutelchen zusammengelegtes Papiergeld
                  nahm; sie hielt es ihrer Mutter hin, sah ihr aber nicht in die Augen.</p>
               <p>»Mein Arbeitsgeld von dieser Woche, Frau Mutter«, sagte sie bittend, »es ist so
                  viel wie alleweil, ich habe nichts versäumt.«</p>
               <p>Die Alte riß das Geld an sich, warf dem Leopold einen verachtenden Blick zu und
                  schrie dann wieder: »Aufpacken und heimgehen!«</p>
               <p>»Mutter! Der Bub gibt die ganzen Nächte keine Ruh, der Leopold kann ihn doch nicht
                  ganz allein pflegen, und ...« »Was geht das mich an? Wer hat meine Kinder
                  gepflegt? Ich!«</p>
               <p>»Mutter, ich bitt ...«</p>
               <p>»Schämst dich nicht? Sitzt da bei einem verheirateten Mann! Weißt, was die Leut
                  sagen im Haus, und nicht nur die nächsten Nachbarn, nein, überall, weißt was?«
                  zeterte die Frau.</p>
               <p>
                  <pb/> »Na also, was denn in Dreiteufelsnamen?« brummte der Leopold verbissen.</p>
               <p>»Daß sie eine Liebschaft mit dir hat«, kreischte das Weib und spuckte vor ihm auf
                  den Boden.</p>
               <p>Der Leopold war kreidebleich, und der kleine Bube wackelte bedenklich auf seinen
                  Knien, die erstaunten Augen wendeten sich mit Widerwillen von der Alten und
                  suchten das Gesicht der Hanne.</p>
               <p>»Siehst, Mädel, das ist der Dank für dein gutes Herz. Sei nicht böse; daß die Leut
                  so schlecht sein können, habe ich nicht gewußt. Pack zusammen und geh mit deiner
                  Frau Mutter ... Ich dank dir tausendmal ... ich kann nichts dafür ... Geh, es ist
                  die höchste Zeit ...«</p>
               <p>Er stand auf, legte das Kind in sein Bett, knöpfte sich den Rock mit einem
                  scharfen Rücken der rechten und der linken Achsel fest zu, als ob er hinaus müßte
                  in eine frostige Wetternacht, und dann sagte er laut:</p>
               <p>»Den Leuten, die so niederträchtig über die Walter Hanne und den Weis Leopold
                  geredet haben, sagen Sie, daß sie ein Gesindel sind, mit dem ein ehrlicher Kerl
                  nichts mehr zu schaffen haben will.«</p>
               <p>»Gesindel? Unsere Nachbarn?« stotterte die Frau.</p>
               <p>»Ja, das seid ihr alle miteinander. Hanne, geh!«</p>
               <p>»Du willst es, Leopold, du kannst mich also nimmer brauchen?« fragte das Mädchen
                  mit ersterbender Stimme.</p>
               <p>»Hörst du denn nicht, was sie reden ...«</p>
               <p>»Darum?«</p>
               <p>»Ich meine, das Darum ist genug«, sagte er verwundert. »Und der Bub? Du?«</p>
               <p>»Wir zwei?... Frage nicht nach uns ...«, erwiderte der Mann traurig.</p>
               <p>»Na wird es?« drängte die Alte.</p>
               <p>»Leopold! Frau Mutter! Ich bitt euch.«</p>
               <p>»Willst etwa dableiben bei dem verheirateten Mann, na so tu es nur«, höhnte die
                  Frau; gleichsam um ihr Kind zu erschrecken, setzte sie hinzu: »Es gibt genug wilde
                  Ehen, bist nicht die erste und nicht die letzte.«</p>
               <p>
                  <pb/> Das Mädchen stand auf, wickelte ihre Arbeit zusammen, wischte mit einem
                  Lederlappen die Maschine sorgfältig ab und wollte sie eben vom Boden auf heben,
                  als sie sah, daß der Fenstervorhang, der neben ihrer Maschine niederhing, sich
                  bewegte, als ob er geschüttelt würde, sie wollte nach den Vorhangstangen schauen,
                  ob etwas losgemacht sei, und da begegnete sie plötzlich der Hand des Leopold, der
                  verstohlen das weiße Zeug gepackt hatte und dastand, als ob er sich daran aufrecht
                  hielte. Die zuckende Hand, sein bleiches, verzerrtes Gesicht, die
                  zusammengekniffenen Lippen, die halb ohnmächtige Haltung erschütterten das junge
                  Mädchen, sie streckte beide Hände nach dem Manne aus, als wollte sie ihn stützen
                  und trösten, er aber schaute unverwandt auf das graue Steinpflaster des Hofes
                  nieder.</p>
               <p>»Leopold!«</p>
               <p>Der Vorhang schüttelte sich heftiger, und als sie fragend zu dem Manne trat, da
                  sah sie, wie an den blonden Wimpern zwei schwere Tropfen hingen ... Sie schluckte
                  und schluckte und wollte reden und fand kein einziges Wort. Sie hörte das
                  ungeduldige Seufzen ihrer Mutter nicht mehr. Angst und Mitleid schnürten ihr das
                  Herz zusammen. Sie, die Hanne, die zu ihm hielt, seit sie denken konnte, sie
                  verlor jetzt, wo ihn alle verließen, den Mut und ging auch von dem Manne, der
                  krank, hilflos und wehrlos dastand ... Ist es recht, was sie tut, darf sie so
                  handeln wie die anderen? Was fürchtet sie noch, das Schlimmste haben sie ja schon
                  gesagt von ihr, verurteilt ist sie ohne Schuld.</p>
               <p>Noch immer steht sie vor ihm und sinnt und kriecht in sich zusammen und schämt
                  sich, daß die alte Frau neben ihr wartet und ihr vom Gesichte ablesen kann, wie
                  schwer ihr der Schritt über diese Türschwelle hinaus wird. Der Leopold kann es
                  nicht sehen, denn er hat die Augen geschlossen und seinen Kopf an die Mauer
                  gelehnt.</p>
               <p>»Du armer Mann«, sagte die Hanne leise, und langsam rückte sie ihre Maschine
                  wieder an den alten Platz, rollte das Papier auseinander, legte ihr Arbeitszeug
                  auf dem Fensterbrette zurecht und flüsterte, weil sie nicht laut reden <pb/>
                  konnte vor Zaghaftigkeit: »Behalt mich, Leopold, bis die Lene kommt. Die Leut
                  sollen reden.«</p>
               <p>»Über meinen Türstaffel kommst du nimmer – nimmer – wenn du jetzt nicht mitgehst!«
                  stammelte die Frau Walter, als sie ihre Stimme wiedergefunden hatte.</p>
               <p>Der Mann sprach nicht, er schüttelte der Hanne die Hand wie einem treuen
                  Kameraden, und dann ging er hinter der Alten bis unter die Dachtraufe, dort
                  schwenkte er um, ließ die Tür ins Schloß fallen, drehte den Schlüssel um und schob
                  den Riegel vor, als ob er alles Leid dieser Stunde hinaussperren könne samt jener,
                  die es gebracht hatte.</p>
               <p>Sie blieben also beisammen, der Leopold und die Hanne. In den ersten Wochen nach
                  dieser Entscheidung stand die ganze Blaue Gans wie ein Mann da und erklärte dem
                  Mädchen offenen Krieg; von dem friedfertigsten ältesten Greis bis herab zu den
                  Kindern, die noch nicht laufen konnten, schmähten sie alle und geiferten gegen das
                  stille Geschöpf.</p>
               <p>Zuerst meinte der Leopold, das sei nicht zu ertragen, und er frug sich nur, ob er
                  dreinschlagen solle oder mit seinem Buben und der Hanne aus dem Hause gehen und
                  sich in einer anderen Gasse einmieten. Zum Raufen war er zu schwach, und
                  davongehen? Anderswo mochten sie wirklich für zusammengelaufenes Gesindel gelten,
                  da in der Blauen Gans wußten die Leute doch wenigstens, wer sie seien, und
                  allmählich werden sie doch begreifen, daß die Hanne nur ein seelengutes Mädel ist
                  und nicht sein Schatz ... Nach der Lene! Als ob irgendeine mit seinem Weibe einen
                  Vergleich aushalten könnte, und endlich, die Lene wird ja doch wiederkommen, es
                  ist ja nicht menschenmöglich, daß eine Frau Mann und Kind bei klarer Besinnung für
                  immer im Stiche läßt.</p>
               <p>So beruhigte sich der Leopold, wenn er die Nachbarn schmähen hörte und die
                  boshaften Gesichter sah, die ihm und der Hanne nachglotzten, wenn sie ihn durch
                  den langen Hof auf die Trockenwiese führte, wo er mit seinem Buben die Hälfte des
                  Tages hinbrachte. Luft und Sonnenschein taten dem schwachen Menschenleib so wohl,
                  denn nur langsam kam seine Kraft wieder; die stete Unruhe, der Schmerz um seines
                  Weibes <pb/> willen, die Sehnsucht nach ihr und endlich die Sorge, die jetzt, da
                  er wieder denken konnte, breit vor ihm stand und sich nicht verjagen ließ, das war
                  mehr als zuviel für den kranken Körper und für das weiche Herz des Mannes.</p>
               <p>Bis nun hatte er auch im guten Glauben dahingelebt, daß er von seinen eigenen
                  Ersparnissen esse und trinke, aber ganz zufällig kam er darauf, daß die Hanne
                  ihren Arbeitslohn in seine Wirtschaft schmuggelte; das war auch so ein Spornstoß
                  für ihn, daß er sich aufraffte, einmal von der Trockenwiese davonschlich und auf
                  das Gemeindeamt ging.</p>
               <p>Dieser erste Weg, den er machte, ohne daß er auf den Arm der Hanne gestützt war,
                  wurde ihm recht sauer; aber je weiter er ging, desto mehr fühlte er wieder seinen
                  Mut und seine Kraft wachsen. Freilich, da in der dumpfen Stube neben einem
                  greinenden Kind und einem stillen traurigen Mädchengesicht, auf dem Krankenbett
                  oder auf dem Pranger am Fenster, dem Gespötte und Geschimpfe preisgegeben, wer
                  kann sich da erholen, und selbst die Trockenwiese, wo die Welt mit Leintüchern
                  verhängt ist, »ein wahres Versimpeln das«, murrte der Leopold vor sich hin und
                  trat immer fester auf, und ehe er es versah, war er auch schon oben in der
                  Gemeindekanzlei. Er kam sich aber wie ein Bettler vor, als er mit dem Hute in der
                  Hand neben der Türe stand und auf seinen Bescheid wartete. Er hatte schon soundso
                  oft schriftlich angefragt, wann er wieder seinen Dienst antreten könne, er hatte
                  die Hanne hergeschickt und anfragen lassen, aber sie sagten ihr, er müsse selbst
                  kommen.</p>
               <p>Nun also, jetzt war er da! Warum ließen sie ihn aber so dastehen, als ob er
                  gekommen wäre, sich eine Gnade auszubitten?</p>
               <p>Er wußte ja nicht, daß seine Entlassung schon vor Monaten beschlossen war, daß sie
                  in einem Brief mit großem Siegel in die Blaue Gans geschickt wurde und daß sie
                  hinter der Uhr verborgen steckte von der Hanne, um vorläufig wenigstens eine Sorge
                  von ihm zu nehmen. Die Hanne war auch nie auf das Amt gegangen, sie bog alleweil
                  nur um die nächste Ecke und lief dann auf einem andern Wege nach der
                  Trockenwiese<pb/> , wo sie sitzen blieb und das Kinderzeug zurechtflickte, das sie
                  sonst beiseite schieben mußte. »Ihre Stelle ist längst vergeben, mein lieber Weis,
                  reichen Sie neu ein, wenn – wenn Sie sich ganz erholt haben«, sagte der Vorsteher
                  und musterte den Leopold vom Wirbel bis zur Zehe. – »Aber ...«</p>
               <p>»Ist Ihre Frau schon wieder heimgekehrt, oder leben Sie noch immer so –«, näselte
                  der Beamte.</p>
               <p>»Gehört das auch zu meiner Entlassung, oder ist es genug, daß ich krank war und
                  darum meinen Dienst nicht hab versehen können?« meinte der Mann und biß die Zähne
                  übereinander.</p>
               <p>»Warum wurden Sie krank?« meinte der Beamte hochmütig und lächelte so, als ob er
                  die Menge Dinge wüßte, über welche er nicht reden möchte.</p>
               <p>
                  <pb/> »Weil ... Ei so!« murmelte der Leopold, warf seinen Hut auf den Kopf, zerrte
                  an der Krempe und drehte sich auf den Absätzen um, ohne noch einmal in das
                  rotgetupfte Gesicht des Menschen zu sehen, der ihn halb wie einen Narren und halb
                  wie einen Taugenichts abgefertigt hatte.</p>
               <p>Nicht das, was er zu ihm sagte, war es, sondern wie der Kerl, der allezeit hinter
                  dem Schreibtisch hockte, es sagte, das war es. »Ob das wohl früher einer riskiert
                  hätte, he?«</p>
               <p>... Als er noch im Regiment stand und sich da unten mit zwei heilen Armen
                  herumraufen konnte, und auch noch später, vor Monaten, als er rechtschaffen mit
                  Weib und Kind neben seinen Nachbarn lebte, der Angesehenste fast.</p>
               <p>»Wenn ich nur wüßte warum?« brummte der Leopold und stolperte durch die engen
                  Gassen.</p>
               <p>Da er niemand hatte, dem er sein Mißgeschick erzählen konnte, so wurmte ihn der
                  Gedanke, daß er jetzt vor dem unleidigen Patron da oben eine alberne Rolle
                  gespielt habe, zu der ihm die Hanne verholfen. Obwohl er recht gut erkannte, warum
                  sie ihm die üble Kunde verborgen hatte, konnte er doch den Ärger nicht verwinden;
                  er eilte heim und begehrte den Brief von ihr.</p>
               <p>Verschüchtert kramte das Mädchen die Unheilsschrift hervor, und als er das Ding in
                  Händen hielt, kam auch die Verbittertheit rückhaltlos hervor.</p>
               <p>Das war ein ganz regelrechter Verweis, den die Hanne bekam, etwa so, wie ihn ein
                  Mann seinem Weibe gibt. Alles das, was er in den bittersten Stunden der Lene nicht
                  zu sagen gewagt hätte, alle starrsinnige Rechthaberei, aller niedergehaltene Grimm
                  brach los. Da war ja ein Geschöpf, das widerstandslos schwieg, weil es eine Tat
                  begangen hatte, die ihn schädigte. Beiläufig so stellte sich ihm die Sache dar,
                  und darum schrie er jetzt so und klagte über sein Unglück. Er schrak zusammen, als
                  ihn die Hanne mit gefalteten Händen bat: »Leopold, besinn dich, die Leut.«</p>
               <p>»Die Leut, alleweil die Leut!« sagte er grollend, als er aber sah, daß die Hanne
                  leise vor sich hin schluchzte, nahm er mißmutig seinen Hut und ging.</p>
               <p>
                  <pb/> »Gestritten, die wilden Eh'leut«, kicherte eine Nachbarin, die gehorcht
                  hatte.</p>
               <p>»Jetzt wird sie bald Schläg kriegen«, erwiderte die Laternenanzünderin weinerlich,
                  und beide trugen das Ereignis brühwarm zu der alten Frau Walter.</p>
               <p>Der Leopold ging, so rasch er konnte, immer weiter und weiter, als könnte er allen
                  Wirrnissen, in die er geraten, davonlaufen, als könnte er sich von jedem Ungemach
                  befreien, wenn er das langgestreckte Haus, die große halbdunkle Stube, das hagere,
                  blasse, geduldige Mädchen hinter sich ließe ... Was war aus seinem Leben geworden?
                  Abwehr und Schimpf hatten die für ihn, unter denen er aufgewachsen, das Brot
                  hatten sie ihm boshaft vom Munde genommen, schwach war er, untüchtig an Leib und
                  Seele, und niemand hielt zu ihm als ein armes Geschöpf, das er in einer hilflosen
                  Stunde nicht von sich ließ und das nun überall auf seinem Wege stand und ihn
                  erinnerte, ohne daß sie es wußte und wollte, daß er gestorben und verdorben wäre,
                  wenn sie die Hände in den Schoß gelegt hätte – und alles das hatte er seinem Weibe
                  zu danken. Daß er so erbärmlich, so kraftlos weitertaumelte, hatte sie zuwege
                  gebracht, sie hatte ihm sogar die Hanne hingesetzt – sie – alles sie. – Ach, wo
                  ist sie – wie lange soll er noch leben ohne sie?</p>
               <p>Da war ihm plötzlich sein Ziel gesteckt, zu ihr drängte es ihn, er mußte sie
                  wiedersehen, ei, er wußte sie ja zu finden, er durfte sie ja doch suchen, noch war
                  sie sein Weib und eine ehrbare Frau. Oho! Das sollte ihm keiner wehren und
                  leugnen. Für den Halbgenesenen war es aber ein weiter, langer Weg, er schleppte
                  sich dahin wie einer, dessen Wunden aufgebrochen sind und der Rettung sucht vor
                  dem Verbluten. Ach ja, das war es, was ihn gepeinigt hatte, was ihn unwirsch und
                  ruhelos machte, mehr als Krankheit und Sorge; das rastlose, durstende Sehnen nach
                  seinem Weibe, nach ihrem Anblick, ihren Lippen. Monate und Monate waren jetzt
                  hingegangen, und alle die Zeit war ihm zwischen halber Bewußtlosigkeit, Schwäche,
                  Kindergeschrei, Geschimpfe und leisen Seufzern verflossen. Kein heller Tag in
                  dieser bleischweren Traurigkeit, <pb/> kein lachender Frauenblick, nichts als die
                  rohen Gesichter der Weiber und die ernsten Züge der dürftigen Mädchengestalt. Die
                  Schönheit war mit der Lene aus seinem Leben geschwunden, und darum wohl zerrte
                  unbewußt alles in ihm nach ihr.</p>
               <p>Es dämmerte schon, als er mühsam durch die Straßen der Stadt ging, und wie er
                  endlich bei dem Hause der Madame Margot ankam, war es unten auf der Erde dunkel
                  geworden, und nur oben zwischen den Häusern lag wie ein ausgespanntes lichtes Tuch
                  der graublasse Abendhimmel. – Der Leopold schlich quer über die Straße und lehnte
                  sich gegenüber dem Haustore an die Mauer, so daß er hinaufsehen konnte zu den
                  hellerleuchteten Fenstern des Salons. Er war so müde, so zerschlagen, daß er es
                  nicht fühlte, wieviel Vorübergehende an seine Schulter rannten, nur ab und zu
                  griff er an die kalten Steine, denn seine Hand glühte vor Hitze, und gegen den
                  Kopf wallte es auf so kochend heiß, daß er die Augen schließen mußte, denn das
                  Haus gegenüber bewegte sich und erschien ihm blutrot. – Als er wieder aufblicken
                  konnte, sah er die Lene oben am Fenster stehen, ihre schlanke dunkle Gestalt hob
                  sich von dem hellen Hintergrunde rein ab.</p>
               <p>»Lene!«</p>
               <p>Mit zwei Sätzen stand der Mann in dem Straßengeleise, er rief, winkte und nickte
                  hinauf und wäre wohl schnurgerade zu ihr gerannt, doch da rollten rechts und links
                  die Menge Wagen vorbei, er konnte nicht hinüberkommen zu ihrem Haustore. – Aber er
                  sah sie! – Das war ihr süßes Gesicht, so bewegte sie die Hand oft, wenn sie am
                  Fenster saß daheim. – Jeder andere Gedanke als an sie, jedes Gefühl von Schmerz
                  war ausgelöscht, sie war da, er sah sie wieder, nur zu ihr – zu ihr.</p>
               <p>Sie wendete nicht einmal den Kopf nach jener Richtung, wo er stand, jetzt ging sie
                  sogar von dem Fenster fort, und nur hie und da sah er ihren Schatten auftauchen.
                  Erst als sie ganz verschwunden war, sagte er sich deutlich vor, was er jetzt
                  wollte. Mit ihr reden, sie fragen: Was soll nun aus uns werden? – Aus uns dreien?
                  Er wollte das von keinem geschickten Advokaten mehr hören, sie sollte es ihm
                  sagen, sein Weib,<pb/> das sein Kind geboren hatte und das doch zu ihm gehörte,
                  wenn sie auch da oben saß und nimmer daheim in der großen Stube. – Vielleicht
                  ginge sie gerne wieder zurück in die Blaue Gans, nachdem sie unter den fremden
                  vornehmen Menschen gelebt hatte und einsehen mußte, daß nicht viel dahinter ist
                  bei ihnen. Vielleicht schämt sie sich nur, so ohne weiteres heimzulaufen, und
                  wartet, daß er komme und sie bittet – und endlich, ja, er hatte sie ja vertrieben,
                  Weibergerede soll ein Mann nie so schwernehmen, im schlimmsten Fall hatten sie
                  beide gefehlt, und es war jetzt, da sie sich so lange ferne gewesen, leichter
                  gutzumachen und zu vergessen als damals. Wenn sie erst wieder daheim ist, dann
                  macht ihm das tägliche Brot keine Sorge mehr, dann findet er gewiß rasch wieder
                  eine Stelle, ah, für sie würde er eifrig suchen, laufen und schaffen, wäre sie da,
                  so wüßte er ja, wofür er sich plagte, für sie gäbe er ja seinen letzten
                  Blutstropfen hin.</p>
               <p>Der Leopold stand jetzt neben dem Haustore der Madame Margot, da heraus mußte die
                  Lene kommen, da gab es kein Ausweichen, kein Davonlaufen, sie mußte an ihm vorbei
                  und mußte ihm also Rede stehen.</p>
               <p>Stunden waren hingegangen, und er wußte es nicht. Seine Gedanken waren auf die
                  Zukunft gerichtet, und er suchte sich die Schmerzen der Vergangenheit zu
                  verringern. Jetzt sah er, wie gegenüber an der dunklen Mauer die hellen
                  Fenstervierecke eines nach dem an dern verschwanden, nun wußte er, daß herüben bei
                  der Französin die Lichter ausgelöscht wurden und daß die Lene nun bald herabkommen
                  müsse. Er reckte sich stramm auf und steckte die Hand fest in die Tasche. Jetzt
                  kamen fröhlich lachende Stimmen näher, ach nein, so lachte sie niemals, ein junges
                  Mädchen kichert und plaudert mit der älteren Frau, die neben ihr geht und nicht
                  ernst bleiben kann bei der Geschichte, welche das lustige Ding atemlos
                  herplappert, die Frau preßt das Tuch vor den Mund und krümmt sich zusammen vor
                  Lachen.</p>
               <p>»Warten wir auf Madeleine?« fragte die ältere, als sie durch das Tor gingen und an
                  Leopold vorbeikamen, »das müssen Sie ihr auch erzählen, es ist zu komisch.«</p>
               <p>
                  <pb/> »Nein, gehen wir nur, Madeleine wurde im letzten Augenblick noch zu Madame
                  gerufen, und dann – vielleicht schadet das Lachen auch ihrer Schönheit wie das
                  Weinen, denn sie weint nicht, damit sie ihr Gesicht ...«</p>
               <p>Mehr konnte der Mann nicht hören. Freilich, das war sein Weib, das weder lachte
                  noch weinte, damit ihr Gesicht kein Fältchen bekommt. Das schöne Fleisch galt ihr
                  mehr als Freude oder Leid, ihre Schönheit kam immer zuerst, sie war also
                  geblieben, wie sie ehemals gewesen – das schlug wie der Blitz in seine
                  Zukunftsgedanken, mit ihrer Schönheit, die ihm doch stets vor Augen schwebte,
                  hatte er nicht gerechnet, da oben gedeiht sie leichter als daheim bei Mann und
                  Kind. Seine Hand fuhr aus der Tasche, er rückte sich den Hut tiefer in die Stirne,
                  denn ein Windstoß kam um die Ecke gerast, flog pfeifend durch die Hauseinfahrt und
                  wirbelte seine langen Haare über die Hutkrempe. Der leere Rockärmel baumelte hin
                  und her, und der schlottrig-weite Rock bauschte sich auf oder legte sich eng an
                  seine abgemagerten Glieder, je nachdem sich der Wind drehte.</p>
               <p>Wie er nun so dastand, gegen den Sturm ankämpfte und mit seinem einen Arm Hut und
                  Stock zu halten suchte, da wehte es ihn mit einmal heiß an, er tappte dorthin, wo
                  er ihre Stimme vernahm, er wischte sich den Staub aus den Augen und suchte sie zu
                  sehen, die ihn halblaut bat: »Geh aus dem Wege, Leopold!«</p>
               <p>»Der ... wird ... ich hab ... mein Jesus!... Lene ...« »Mache kein Aufsehen.«</p>
               <p>»Weib, komm, ich bitte dich!« stammelte der Mann.</p>
               <p>»Was willst du?«</p>
               <p>Sie gingen aus dem Tor, bogen hinaus auf die Straße, der Sturm war ihnen jetzt im
                  Rücken und trieb sie vorwärts, immer noch wehrte sich der Leopold gegen seine
                  Haare, die ihm in die Augen flogen, gegen seinen Rock, der sich über die Brust bis
                  unter das Kinn hinauf blähte, und gegen den leeren flattern den Ärmel, den der
                  Wind sogar in das weiße Gesicht des jungen Weibes schlug.</p>
               <p>Die Lene hatte sich eng in ihr langes Umschlagetuch gehüllt, <pb/> der kleine
                  festanschließende Hut und der straffgespannte Schleier ließen an keinem Härchen
                  ihres glatten Scheitels rühren, die schlanke Gestalt war selbst mitten im Sturm
                  ebenmäßig zusammengehalten, unbewegt.</p>
               <p>»Was willst du?« frug sie, leicht Atem holend, während er mit weitgeöffnetem Munde
                  neben ihr her schwankte. »Dich ... sehen ... fragen ... wann ... du heimkommst.«
                  Sie blieb stehen, ließ ihre Augen über den zerfahrenen Mann laufen und sagte dann
                  verlegen: »Zu dir?«</p>
               <p>»Zu deinem Buben, zu mir ... zu uns allen«, keuchte er. Sie besann sich, drückte
                  die Wange sacht an die Achsel, ihre weißen Zähne funkelten, daß er sie deutlich
                  sah, und dann zischelte sie: »Zu der Hanne?«</p>
               <p>»Was meinst?... Ich bitte dich ... bleib stehen ... ich kann nimmer weiter ... Was
                  meinst?« bat der Leopold dringend.</p>
               <p>»Ob Platz war für mich neben der andern«, sagte sie und schlug die Augen
                  nieder.</p>
               <p>»Lene!... Haben sie die sündhafte Lüg zu dir auch g'tragen ... und kannst du das
                  glauben, du?«</p>
               <p>»Lebst du nicht mit ihr?«</p>
               <p>»Ich lebe mit ihr, ja, aber nicht so, wie die Leute meinen, dazu könnt ich doch
                  eine Schlechtere finden!« schrie der Leopold.</p>
               <p>»Freilich.«</p>
               <p>»Das Mädel ist ehrlich und brav, das weißt du doch genau von jeher.«</p>
               <p>»Ja, ja«, beschwichtigte die Lene, »braver wie ein Weib, das ihrem Manne
                  durchgeht, gelt?« frug sie forschend. »Ach laß ... höre mich an ... die Hanne
                  ...«</p>
               <p>»Paßt besser für dich!« unterbrach ihn die Lene und schaute lauernd zu ihm
                  auf.</p>
               <p>»Für mich ... der arme Narr!... Hast sie mir darum hingesetzt? Meinst, der Weis
                  Leopold ist billig worden, weil der Markt aus ist? Also darum hab ich sie statt
                  dir gefunden?«</p>
               <p>»Hast sie aber doch behalten.«</p>
               <p>»Lene ... zuerst ... Aber wie soll ich dir da im Wind das erzählen. Weißt du, wie
                  schlecht bei uns unten oft das Gerede <pb/> ist? Sag, Weib, wer könnt an eine
                  andere denken, wenn er dich hat?«</p>
               <p>»Gehabt hat«, murmelte sie.</p>
               <p>»Frag die Hanne, was ich damals gesagt hab, wie ich bei der Nacht heimkommen bin
                  und gemeint hab, du machst mir die Kucheltür selber auf ... frag ...«</p>
               <p>»Mit dem Weibsbild habe ich nichts zu reden«, unterbrach sie ihn.</p>
               <p>»Ah!... Das mußt du doch nicht sagen. Du sollst ihr danken dafür, daß sie dein
                  Kind gepflegt hat in seiner Todeskrankheit ... was sie für die Wirtschaft und mich
                  getan hat, das dank ich ihr schon selbst. Schön ist sie freilich nicht, aber gut
                  ist sie, wie es schier keine sonst gibt auf der Welt«, sagte der Leopold weich und
                  glaubte sein Weib zu beruhigen, wenn er wiederholte: »Nein, nein, schön ist sie
                  gar nicht.«</p>
               <p>Die Lene faßte den flatternden Rockärmel, rüttelte ein wenig daran, schaute ihrem
                  Manne mit vorgestrecktem Kinn von unten auf in die Augen, biß die Zähne
                  übereinander und sagte dann atemlos: »Wahr ist es, du hast keine Ehr!«</p>
               <p>»Ich?«</p>
               <p>»Ja, die Leut haben recht.«</p>
               <p>»So. Und warum?« frug der Leopold und ergriff ihre Hand, während er leise
                  lachte.</p>
               <p>»Lache nicht so. Warum? Weil du dich mit einer ehrlichen Frau von deiner Dirn zu
                  reden getraust!« schrie ihm die Lene zu, entrang ihm ihre Hand, nahm die Röcke
                  zusammen und rannte jählings an ihm vorbei wie ein verfolgtes Kind; sie bog, ohne
                  sich umzuwenden, rennend um die nächste Ecke, und ehe ihr der Leopold folgen
                  konnte, war sie in dem Gewühle der Menschen und Wagen verschwunden.</p>
               <p>»Was heißt das jetzt?« fragte sich der Mann, und auf einige Pulsschlägelänge
                  schaute sich sein Gesicht an, als ob ein Schimmer von befriedigter Eitelkeit, von
                  plötzlicher Hoffnung darüber hinleuchtete, aber bald erlosch der fremde Schein,
                  und der alte schmerzliche Ausdruck kam wieder. Eine Weile wankte er noch den Weg,
                  den sie gelaufen war, und dachte an das, was sie gesagt und getan hatte; dann, als
                  er die Stadttore <pb/> hinter sich wußte, kletterte er auf einen jener Wagen, die
                  bis über die letzten Häuser hinausfahren und darum stets vollgestopft sind mit
                  armen müden Menschen, die ihre großen Bündel schwer schleppen können und so, mehr
                  ihre Last als sich selbst, bequemer heimbringen.</p>
               <p>Der Wagen rollte schwerfällig den langen Weg hinaus, und der Leopold, der hoch
                  oben neben dem Kutscher saß, schwankte bei jedem Stoß wie ein Betrunkener, er
                  grübelte und träumte und achtete nicht darauf, daß unten im Wagen ein paar
                  Nachbarn von Zeit zu Zeit fast fürsorglich hinaufspähten, ob er noch fest auf
                  seinem Platze säße.</p>
               <p>
                  <pb/> »Für die Besoffenen hat unser Herrgott eigene Schutzengeln«, sagte der eine
                  überzeugungsvoll.</p>
               <p>»Auf eine schnelle Art loskriegen hat sie mich wollen, das ist alles«, schloß der
                  Leopold seine Gedankenkette, als der Wagen einen derben Ruck bekam und ihn
                  aufrüttelte aus seinem trübseligen Brüten. Da waren sie schon in der Nähe der
                  Blauen Gans und hielten an, und der Mann kletterte von dem Kutschbock herab. Jetzt
                  sah er, wie einer um den andern herauskrabbelte, lauter Nachbarsleute, so – und
                  nun huschte da bei der knarrenden Laterne auch noch die Strohschneider-Marie
                  vorbei, blieb stehen und nickte ihm zu. Der Leopold wollte grüßen und ihr ein
                  heiteres Gesicht zeigen, aber das Mädchen schlug die Hände zusammen und fuhr dann
                  mit allen zehn Fingern über ihre Wangen, um ihm zu bedeuten, daß sie sein Aussehen
                  erschreckt habe; er gedachte sie zu trösten und versuchte zu lachen, aber es wurde
                  nur ein grinsendes Verzerren der Muskeln. Die Marie lief weiter, und der Mann
                  schleppte sich heim in seine Stube.</p>
               <p>Die nächsten Tage vermied er es, mit der Hanne viel zu reden, jedoch seine Augen
                  suchten sie fort und fort.</p>
               <p>»Wenn die Lene doch daran glaubte?« sagte er sich und begann abzuwägen, wieviel an
                  Frauenreiz in dieser überschlanken Gestalt sei und ob die Lene wirklich da eine
                  Nebenbuhlerin finden könne, ob – ja – wenn sie ihn so plötzlich mit den großen,
                  ernsten, liebevollen Augen ansah, da wußte er, daß er ein junges Mädchen vor sich
                  hatte, sonst – was kümmerte er sich um ihr stilles Gehaben. – Jetzt merkte er es
                  auch, daß ihr Kopf manchmal viel hübscher war, wenn sie mit ihm sprach, ganz
                  anders, als wenn sie, über ihre Maschine gebeugt, dort am Fenster saß oder mit
                  kurzen Worten irgendwem Rede und Antwort geben mußte.</p>
               <p>Das Mädel da soll seine Geliebte sein, sagen die Leute, sagt sein eigenes Weib. –
                  »Ob wohl eine andere so viel Schimpf und Leid auf sich nähme wie die Hanne?«
                  simulierte er, »keine, nicht einmal die leichtsinnige Strohschneider-Marie, die
                  nicht so viel zu verwetten hat wie das arme Ding ... Warum tut sie es?... Warum
                  ist mir das früher nie eingefallen?«</p>
               <p>
                  <pb/> Der Mann konnte mit einem Male keine Ruhe finden, er dachte zurück, weit
                  zurück bis in ihre Kindertage, immer schauten die ernsten wehmütigen Augen zu ihm
                  herüber, überall tauchte der dunkle Kopf auf neben dem andern leuchtenden,
                  herrlichen. Immer stand sie im Hintergrunde, nur jetzt, jetzt saß sie da an der
                  ersten Stelle in seinem Hause, zuvörderst in seinem Leben, sie saß geduldig da und
                  wartete ... worauf? Daß die Lene heimkommt!</p>
               <p>Aber die kann ja nicht heimkommen, solange die Hanne dasitzt und für ... für mein
                  zweites Weib gilt ... »Ah, eine Ausrede von ihr«, wehrte er zum Schlusse ab, »die
                  will nicht heim, und der arme Teufel kann in alle Ewigkeit da hocken, kann alt
                  werden bei mir ohne Mann und ich ohne Weib ... Warum bleibt sie aber da?« frug er
                  sich hartnäckig und rief plötzlich laut: »Hanne!«</p>
               <p>»Was, Leopold?«</p>
               <p>»Schau mich an!«</p>
               <p>Sie blickte verwundert zu ihm hin, wurde aber mit einem Male verwirrt, bewegte
                  ängstlich den Kopf und fragte schüchtern: »Warum?«</p>
               <p>»Ei, weil du schöne Augen hast, langes Mädel«, sagte er lachend, und sie lachte
                  auch und wurde dunkelrot dabei. »Schau, wenn du nur ganz kleine rote Röserln im
                  Gesichte hättest, könntest bald mitreden«, scherzte der Mann und löste mit seinen
                  erfahrenen Augen den dichten Haarknoten, zog das übelpassende Kleid fester um den
                  schlanken Leib, da trat die Büste feiner heraus, und der eckige Körper bekam
                  gefälligere Formen.</p>
               <p>Na, vielleicht haben die anderen besser gesehen als ich? dachte er und schaute dem
                  Mädchen nach, das den Buben aufgenommen hatte und mit leichten Schritten
                  hinausging.</p>
               <p>Seitwärts der Trockenwiese lag ein kleiner abgegrenzter Garten. Die Planke, die
                  ihn von der Wiese trennte, war altersgrau und morsch, und es bedurfte nur zweier
                  tüchtiger Fäuste, um sie zum Falle zu bringen, und dennoch wagten selbst die
                  schlimmsten Buben nicht daran zu rütteln. Woher die Kinder die Sage hatten, daß da
                  drinnen ein Jude begraben <pb/> liege, das wußte niemand, aber groß und klein
                  sprach mit verständnisvollem Augenzwinkern im Flüstertone davon, sobald die Rede
                  darauf kam. Der abgeplankte Raum hieß auch der Judengarten. Wenn auf der
                  Trockenwiese kein Grashalm mehr grün war, wenn oben auf den Feldern das Korn schon
                  schwer und goldgelb stand, wenn die hohen Fliederbüsche wie krachdürre versengte
                  Baumgerippe im Winde knarrten und klapperten, wenn der Herbst rundum Herr wurde,
                  so sah es in dem kleinen Garten wie mitten in der Sommerszeit aus. Vielleicht kam
                  das von der geschützten Lage und von der Feuchtigkeit, die jene Menge von Steinen
                  gleichsam ausschwitzte, denn immer war es in der Nähe des hohen Mauerteiles, an
                  dem das Gärtchen lehnte, kühl, und wenn die Sonne unterging oder wenn Regenwetter
                  in der Luft lag, liefen an den Steinen große Tropfen herab.</p>
               <p>Der abgeplankte Raum war nicht größer als die große Waschküche in der Blauen Gans,
                  aber die Kinder wußten sich genau die Stelle auszusuchen, wo sie durch ein
                  passendes Astloch hineingucken konnten, ohne in das niedere dichte Blätterdach der
                  Bäume oder in das hohe Gras zu sehen. Kaum zwei Hände breit war Raum zwischen dem
                  federartigen langen Gras und den tief niederhängenden Ästen. Wenn es Obstbäume
                  gewesen wären, so hätte wohl die Naschsucht oder der Hunger über die Furcht
                  gesiegt, und die Buben wären doch über die fast doppelt mannshohe Planke
                  geklettert oder hätten sich sonst Eingang verschafft, aber da standen nur Linden
                  und Buchen und breitblätterige fremdländische Bäume, einer knapp neben dem
                  anderen, es gab nichts zu holen, nicht einmal die Blumen reizten sie, die drinnen
                  wuchsen; oben auf den Feldern gab es ja Korn- und Mohnblumen und Kamillen, so
                  groß, wie sie nirgends sonst zu sehen waren.</p>
               <p>Die rückwärtige Seite des Judengartens lehnte an der hohen Steinmauer, die sich
                  rechts neben der Trockenwiese und neben den Feldern hinzog, den Berg hinanlief,
                  aber immer niederer und niederer wurde, bis sie oben die Gleiche mit einem geraden
                  Wege bekam. Dieser Weg führte dann noch weiter hinaus durch die Felder in ein
                  Dorf, nach Währing, und dann <pb/> ging es fort bis in den Wald. Ein paar
                  armselige Hütten, die Wäscherburg, standen auf dem Hügelgrunde, den die Mauer wie
                  ein Damm abschloß und schützte; aus der Ferne sahen sich die niederen Häuser wie
                  Kinderspielzeug an, und die Mauer, die aus großen ungleichen Bruchsteinen war, wie
                  ein Felsen.</p>
               <p>An dem höchsten Teile der Mauer, etwa drei Stockwerke hoch über der Trockenwiese,
                  genau über dem abgeteilten Garten, hing ein Korbbalkon. Das Haus, zu dem er
                  gehörte, hatte keinen Vorplatz, der Eingang hing in der Luft, wer in den Flur
                  wollte, mußte über eine Treppengasse, die Bleicherstiege hieß, auf diesen
                  schwebenden Vorplatz, der mit einem hohen, seltsam verschnörkelten Eisengitter
                  umgeben war. Von diesem Balkon herab mochte vorzeiten irgendeine Verbindung nach
                  dem Judengarten gegangen sein, nur wie, darüber waren die Weisen der Vorstadt
                  uneinig. Frevler sagten, es seien Dachrinnen hinabgezogen gewesen. Deutlich sah
                  man rechts und links von dem großen Eisenkorbe handtiefe Furchen, die gerade und
                  gleichmäßig von oben bis unten in die Steine gerissen waren.</p>
               <p>Als die Hanne den Kleinen davontrug, ging sie wie immer hinüber auf die
                  Trockenwiese, setzte sich dort nieder und begann ihre Flickarbeit auszukramen, als
                  sie aber sah, daß die Weiber, die eben dort beschäftigt waren, heimgingen und der
                  Wächter sich umwandte und die Runde um die ganze Wiese machte, da lief sie hastig
                  an die Mauer, schob und hob das letzte Brett der Gartenplanke fort, legte den
                  Kleinen hinüber in das hohe Gras und drückte sich dann selbst durch den schmalen
                  Spalt. Sorgfältig schob sie von innen das Brett wieder vor, nahm das Kind auf und
                  watete zusammengebeugt durch das Gras, bis sie sich auf einen grünen Hügel setzte,
                  der wohl ehemals eine Rasenbank war, der aber bei jenen, welche ihn vor Jahren
                  gesehen hatten, für das Judengrab galt.</p>
               <p>Durch Zufall hatte die Hanne vor Monaten das bewegliche Brett entdeckt, vielleicht
                  war es eine Türe, die sich irgendein Strolch zurechtgemacht hatte, der in dieser
                  grünen Wildnis ein geschütztes Nachtlager fand.</p>
               <p>
                  <pb/> Für die Hanne war dieses einsame Versteck ein Ort des Friedens, der Rast und
                  Freude geworden. Da lehnte sie zuweilen mit zitternden Armen und pochenden
                  Schläfen und horchte in das Gesumme und Gezirpe all der fliegenden und laufenden
                  Tiere hinein und war so zufrieden, daß kein boshaftes oder neugieriges
                  Menschenauge sie bis hierher verfolgen konnte. Die Zweige boten ja ein dichtes,
                  schützendes Dach, und wenn der Wind durch die Blätter lief, so klang es oft wie
                  eine Melodie, die sie als ganz kleines Kind da oben auf dem Balkon singen gehört
                  hatte. – Ob der Jude da begraben liegt, dem das Haus und der Balkon einst gehört
                  hatte, und ob er gesungen, als sie noch da draußen im Grase lag, ob er die Melodie
                  von dem Wind und den klingenden rauschenden Blättern gelernt haben mag, oder ob
                  das nur so forttönt aus einer verwehten Zeit herüber -?</p>
               <p>Zum Anfang, als sie da hineinkroch, fragte sie sich, ob sie nicht etwas Übles tue,
                  die Furcht, welche sie und alle Kinder einst vor dem Judengarten hatten, wirkte
                  bis zu dem Tage nach und war stärker als das Behagen; aber allmählich gewöhnte sie
                  sich an die wilde erfrischende Schönheit des einsamen Stückchens Erde, und sie
                  konnte sich nicht satt sehen an den fremdartigen Blumen, die hie und da noch höher
                  waren als das lange Federgras.</p>
               <p>Und erst droben in den schwarzen, wirr verschlungenen Ästen, die sich wie ein
                  dunkles Netz von unten ansahen, weil alle Blätter dem Licht zudrängten und kaum
                  einen Sonnenstrahl durchließen, welch ein Leben war da oben! – Die Vögel kannten
                  sie alle und pfiffen ihre schönsten Lieder beinahe an den Ohren des Mädchens.
                  Manchmal schwangen sie sich auch herab und hüpften neugierig um das schlummernde
                  Kind und pickten wie nach Kirschen sachte nach den vollen Lippen des Kleinen.</p>
               <p>Das waren geheiligte Stunden, in denen sie dasitzen und träumen konnte, sie hatte
                  da auf dem Judengrab ihre Kindheit gefunden, denn ganz im Kern ihres Wesens war
                  das lange, ernste, allzeit auf die Arbeit bedachte Mädchen ein Kind geblieben.</p>
               <p>
                  <pb/> Sie hatte nicht so viel Zeit gehabt, so wie die anderen zu spielen und das
                  Stücklein Kindheit auszuleben; die Aufsicht und die Pflege der Kleineren hatte sie
                  in Atem gehalten, ihr Spiel bestand in lärmenden Narreteien und war berechnet für
                  die schreienden Jüngeren, die dann, anstatt zu weinen, schreiend lachten. Mit
                  gleichalten Nachbarkindern kam sie meist nur im Flug zusammen, da hatte sie nicht
                  Zeit, mitzutun bei jenem köstlichen, atemlosen Ringelreihetanz, dem Verstecken und
                  Fangen. Später schloß sie sich an die Lene, aber spielen mochte die nicht, sie
                  schlief nur oder ließ sich kämmen und putzen von der Hanne oder Märchen erzählen,
                  die niemand so gut wußte wie die Hanne.</p>
               <p>Jetzt aber spielte das große Mädchen zuweilen da für sich selbst ganz allein in
                  dem abgeplankten Garten. Die Märchen, die im verstümmelten Gewände auf weiten
                  Umwegen in die Hütten der Armen kommen, die pochten einst mit weichen Fingern an
                  ihr kleines Herz und schlichen sich lachend und weinend ein. Jetzt waren sie
                  wieder da und breiteten ihre geheimnisvollen Schleier über den verwilderten
                  Garten, schauten sie an mit großen, vertrauten, liebevollen Kinderaugen, und
                  alles, was um sie lebte und webte, wurde plötzlich ihr Spielgenosse.</p>
               <p>Die großen Heuschrecken, die über die höchsten Halme schnellten und an ihr
                  vorbeihüpften, konnten ja vielleicht verwunschene Pferde sein, und die großen
                  Käfer mit breiten Hörnern und festem Rückenschild, waren die etwa nicht gepanzerte
                  Ritter? – Die Libellen, die um einen engen grünlichen Wassertümpel schwebten,
                  waren sie nicht schillernde Damen und die Laubfrösche lärmende Bauern? – Das war
                  ein verzauberter Garten, und sie saß nur da und wartete, bis sie das Wort
                  aussprechen dürfe, das allen wieder die wahre Gestalt gibt. Und wenn sie das Wort
                  ausspricht, dann wachsen mit einmal die Bäume beinahe in den Himmel, und die Wege
                  werden breit, und leuchtende Blumen schießen aus dem hohen Gras, und hinten öffnet
                  sich die Mauer bis hinauf zu dem Korbbalkon, der aber aus purem Gold und
                  glänzenden Edelsteinen ist. Durch das große offene Mauertor geht sie hinein, durch
                  silberne und goldene <pb/> Zimmer, und überall stehen die Ritter, die Damen, die
                  Bauern und viel andere Leute, und alle warten auf den kleinen Prinzen, den seine
                  Pflegemutter, die Hanne, aus der Blauen Gans herüberbringt in die verzauberte
                  Burg. Oben auf dem goldenen Balkon da steht dem Prinzen sein Vater, dem alles
                  gehört und der ganz mit Samt und Seide hergeputzt ist und voll Freude nach dem
                  Kinde und derjenigen ausschaut, die sein Kind auf den Armen trägt. –</p>
               <p>Mit leuchtenden Augen und erhobenem Kopf geht das junge Mädchen durch den kleinen
                  Garten dahin, sie hält den Knaben vor sich, als ob sie ihn jetzt und jetzt in
                  zugreifende Hände legen wollte, und als sie knapp vor der Mauer steht und in einer
                  Ritze ein graues Vöglein zu singen und zu schmettern anhebt, da macht sie einen
                  Knicks. – Das ist der Torwart, der mit seinem Horn die Ankunft des Prinzen
                  ankündigt. – Jetzt kann sie aber nimmer weiter, sie steht da vor der festen Mauer.
                  – Alles ist wie im Märchen, nichts fehlt als das Zauberwort, welches die Tore
                  öffnet und alle Dinge verwandelt. – Die Hanne sinnt und sinnt, sie hat es doch
                  einmal gewußt, als sie noch ein Kind war – alle erwachsenen Menschen vergessen es
                  –, sie kann es nimmer finden. Aber der kleine Bub auf ihren Armen, der weiß es,
                  denn er lächelt und greift mit beiden Händchen nach dem grauen Vöglein in der
                  Mauerritze. – Die Hanne fragt ihn leise-geheimnisvoll, er schließt lächelnd die
                  Augen, als ob auch er darüber nachdächte. – Doch er hat noch nicht reden gelernt,
                  er kann das Wort noch nicht sagen.</p>
               <p>»Hab mir's denkt, daß du dich daher verkriechst«, lachte es schrill hinter der
                  Hanne, und als sie sich umwandte, blitzten sie die dunklen Augen der
                  Strohschneider-Marie an.</p>
               <p>Es hätte nicht viel gefehlt, so wäre der kleine Bursche mitten ins Gras gepurzelt,
                  so erschreckt stand das Mädchen vor der Marie.</p>
               <p>»Ich spionier schon die längste Zeit nach, wo ich dich einmal allein erwischen
                  kann, aber es hat halt niemals klappen wollen, sonst sagen die Blauen Gäns, ich
                  renn deinem Leopold nach«, spöttelte sie.</p>
               <p>
                  <pb/> Die Hanne überhörte den Scherz und frug wie aus dem Schlaf:</p>
               <p>»Warum suchst mich denn?«</p>
               <p>»Ich hab dir sagen wollen, daß ich einen Herrn Vetter hab, der einen ehrlichen
                  Mann zum Geldeinkassieren braucht und einen sucht. Der Leopold wird bei uns
                  herunten an viele Türen klopfen müssen, bis sie irgendwo eine aufmachen. Das hat
                  ihm sein Weib eingebrockt. Ich mein aber, auf die Länge wirst du die Rackerei für
                  euch drei und noch was drüber nicht aushalten.«</p>
               <p>»Wer sagt dir's, da-ß i-ch ...«</p>
               <p>»Halt 's Maul! Glaubst, alle Leut sind aufs Hirn gefalln? Oder meinst, wir sind
                  blind? Wir sind unser zwei, die Klara und ich, und wir verdienen das Geld noch
                  leichter und geschwinder als du mit deinem zaundürren Rössel, und doch wird mir
                  die Plag oft zu dumm. Aber die Frau Mutter ist immer mieselsüchtig, und die Kinder
                  wachsen so langsam und sind allerweil hungrig.«</p>
               <p>»Ja, ja, das kenn ich«, sagte die Hanne frauenhaft.</p>
               <p>»Ob du es kennst!« lachte die Marie mitleidig, »zuerst hast deine Geschwister
                  aufgepäppelt und hast das Futter verdienen helfen, und jetzt – hörst, Mädel, du
                  bist schon die Allerdümmste – jetzt hockst du mit dem hochmütigen Weibsbild ihrem
                  Balg auf dem Hals und rackerst dich zusammen für einen krüppelhaften Mann, der
                  dich nimmt, weil du ihm halt bei der Hand bist. Recht haben die Leut. Schäm
                  dich!«</p>
               <p>Die Hanne drückte das Kind fest an sich, nickte grüßend mit dem Kopfe und wollte
                  davon.</p>
               <p>»Halt aus! – Meinst du, ich kenn das G'sicht nicht? Das hast von der Lene gelernt,
                  die hat so heruntergeschaut auf unsereins. – Na, die ist ja schön genug – und
                  niemand hat ihr was nachsagen können, darauf hat sie sich g'steift. – Aber du und
                  – ich, wir dürfen keine solchen Gesichter aufstecken.«</p>
               <p>Auf eine Antwort wartete die Strohschneider-Marie freilich vergebens, die Hanne
                  blieb mit gesenktem Kopfe stehen und beschwichtigte das Kind, das wieder unruhig
                  wurde.</p>
               <p>»Vielleicht bist doch so g'scheit und nimmst das Zettel da«, sie griff in die
                  Schürzentasche und gab ein zusammengelegtes <pb/> Papier der Hanne, »da steht die
                  Hausnummer und der Name von meinem Herrn Vetter drauf. – Gib's dem Poldl. Sag
                  nicht, daß es von mir ist, es könnt ihm sonst die gute Suppe versalzen. Also,
                  Kameradin, g'scheit sein. Was ich da Zeit verplausch! Wann dich aber der Lepold
                  einmal – ah! was geht das mich an! – Behüt dich Gott!« Sie wollte der Hanne die
                  Hand reichen, besann sich aber wieder, lachte ihr laut ins Gesicht und drehte sich
                  jäh um.</p>
               <p>Rasch sprang sie durch das Gras, das ihr bis an die Hüften reichte, duckte sich,
                  um den niedersten Ästen auszuweichen, spähte erst durch ein Astloch hinaus, ob
                  niemand in der Nähe sei, dann rückte sie gewandt die Plankenbretter auseinander,
                  preßte sich durch den Spalt, lief einige Schritte die Trockenwiese entlang, blieb
                  jählings stehen und hub an zu singen:</p>


               <l>»Behüt Gott und bleib g'sund,</l>
               <l>Und vergiß nicht mein Wort,</l>
               <l>Nie wie Katz und wie Hund,</l>
               <l>Wie die Täuberln lebt's fort.«</l>


               <p>Die Marie jodelte lustig, lief wieder einige Schritte weiter, hielt inne und
                  schaute zurück auf den Judengarten. Die Stirne wurde wieder so kantig, wie das
                  immer geschah, wenn in dem hellen Kopfe ein Gedanke arbeitete, für den sie keine
                  rechten Worte fand. Eine Weile blieb sie stehen und hielt die Planke im Auge, dann
                  stand sie neuerdings still und sang:</p>


               <l>»Sei nicht z'wider, sei lustig,</l>
               <l>Es kost' allerweil ein Geld,</l>
               <l>Lern singen – lern lachen! –</l>
               <l>Über die bucklete Welt!«</l>


               <p>Nach dieser frisch gejodelten Lebensweisheit schlenderte die Marie weiter, und wie
                  eine heitere Mahnung klang ihr Gesang zurück in den verzauberten Garten.</p>
               <p>Die Hanne hielt den Zettel fest in der Hand, und als sie die Stimme der Sängerin
                  nimmer hörte, stolperte sie verschüchtert <pb/> und verschreckt den bekannten Weg,
                  schlüpfte durch die Planke und lief heim.</p>
               <p>»Da bring ich dir vielleicht eine gute Stell, Lepold, gelt, du gehst hin und
                  schaust's an?«</p>
               <p>Ohne viel danach zu fragen, woher die Hanne den Zettel brachte, nahm ihn der
                  Leopold an sich und ging zu dem Manne, der die Stelle zu vergeben hatte. Die
                  Strohschneider-Marie mochte wohl schon früher mit ihrem Vetter gesprochen haben,
                  denn als er sich nach Name und Wohnort des Leopold erkundigte und ihn schonend
                  frug, wo sein zweiter Arm geblieben sei, und über alles genaue Antwort bekam,
                  machte er seinen neuen Diener mit dem Notwendigsten bekannt, gab ihm Handgeld, und
                  der Leopold hatte wieder Arbeit und Brot.</p>
               <p>Das war viel, aber wie wenig für den, der mit seiner einen starken Hand noch vor
                  einem Jahre das Glück festhalten wollte für immer. Wo war sein Glück? Wenn er sich
                  den Tag über müde gelaufen hatte, so saß er am Abend schweigend und verdrossen in
                  seiner Stube, er mochte in kein Wirtshaus gehen, es dünkte ihm, als hätten die
                  Leute dort gar nichts zu tun, als nach ihm zu gaffen und von ihm zu reden, und
                  darum ging er nun auch so früh in sein Nest wie alle andern in der Blauen
                  Gans.</p>
               <p>Längst stand sein Bett vorne neben der Türe, wo es seinerzeit gestanden, als noch
                  der alte Weis drinnen schlief; der Lene ihr Bett hatte jetzt die Hanne, und das
                  war auf dem alten Platze in der dunklen Ecke geblieben und daneben das Lager des
                  Buben. Das Mädchen hatte auch den Bilderschirm vom Dachboden herabgekramt und sich
                  damit eine Wand für ihren Winkel gemacht, sie hätte im Nachbarhause schlafen
                  können, der Leopold hätte nicht weniger gesehen und gehört von ihr.</p>
               <p>Diese Ruhe war ihm unerträglich, sie beängstigte ihn, er konnte Nacht um Nacht
                  erst spät einschlafen und erwachte, wenn es noch dunkel war, und in all den
                  schlaflosen Stunden lag das Gefühl der Vereinsamung wie ein schweres Gewicht auf
                  seiner Brust, und ob er sich auch rechts und links wälzte, er konnte es nicht
                  abschütteln.</p>
               <p>
                  <pb/> Manchmal schrie das Kind auf oder lallte im Traum, dann horchte er, aber er
                  hörte keine Bewegung der Hanne, obgleich er wußte, daß sie es war, die den Kleinen
                  so rasch beruhigt hatte. Mit spitzfindiger Grübelei setzte er sich auseinander,
                  daß ihm sein Kind so gleichgültig sei wie die Pflegerin, aber die zwei hatten sich
                  so aneinander gewöhnt, daß er froh sein konnte darüber, er sei ja überflüssig da.
                  Und von Tag zu Tag wurde der Kleine ihm ähnlicher ... wenn er wenigstens das
                  Gesicht seiner schönen Mutter hätte, sagte sich der Leopold.</p>
               <p>Der Mann fühlte sich ganz frei, vogelfrei und doch an allen Enden gebunden. Mit
                  vorwurfsvoller Neugierde sah er zu und wartete, wie lange das junge Mädchen
                  stillschweigend dieses freudlose Zusammenleben mit ihm ertragen werde. Manchmal
                  lauerte er auf einen Blick, auf ein Wort, das ihm eine Handhabe geben könne zu dem
                  letzten und innersten Grund ihrer Opferfähigkeit, oft stand er nahe daran, sie zu
                  fragen: »Warum bist du da?« Was ihm ehemals so natürlich erschienen war, ihre
                  Herzensgüte, ihre Neigung zu dem Kinde und ihm, hatte ein anderes Gesicht
                  bekommen, seit die Lene davon gesprochen hatte, und wenn in den schlaflosen
                  Nachtstunden das Blut rascher durch die Adern trieb, wenn die Liebe, die
                  Sehnsucht, die Gier nach seinem Weibe ihn übermannten, dann war es, als flüsterte
                  ihm jemand in die Ohren:</p>
               <p>»Weib ist Weib, horche nur, da unten schläft eine, die dir gehört mit Leib und
                  Seele, wenn du sie nehmen willst.« »Das muß anders werden!« rief sich der Leopold
                  selbst zu, wenn er heimkehrte und die Hanne still auf ihrem Platze am Fenster
                  fand, denn oft beschlich es ihn leise auf dem Weg:</p>
               <p>»Vielleicht ist sie nicht mehr da ...«</p>
               <p>Was aber beginnen, wenn sie einmal nicht mehr da war? Macht das die Einsamkeit
                  erträglicher?</p>
               <p>Den Buben in Pflege geben zu ihr, zu dem Mädel, meinetwegen, sie sind so
                  aneinander gewöhnt ... und dann allein aus der Blauen Gans wandern! Dann könnte
                  man wieder frei Atem holen ... Ja aber ... aber die alte Frau Walter! Die ist des
                  Teufels, die nimmt ihre Tochter nimmer heim, das <pb/> hat sie verschworen, und
                  dumme, böse Weiber halten alles, was sie schwören. Allein leben kann die Hanne
                  doch auch nicht, jeder Lump könnte keck nach ihr langen, seit sie im Verruf ist
                  mit einem verheirateten Mann ... Rechts und links zugesperrt, flieg nur, Vogel mit
                  den gestutzten Flügeln! Alles so verquickt und so verworren, kein Ausweg ...</p>
               <p>Seit die Brotsorge weggefallen war, trug der Leopold den Kopf wieder ein wenig
                  höher, und wenn er dem Mädchen das Haushaltsgeld am Samstag hinlegte, so tat er
                  dies viel bedachtsamer als früher bei seinem Weibe, er schaute sich auch ihr
                  Rechenbuch genau an, und mehr als einmal sagte er ihr: »Es ist schon gut, daß du
                  so Ordnung hältst in allem, du wirst einmal deinem Mann viel ersparen, denn du
                  weißt selbst, wie schwer sich das Geld verdient.«</p>
               <p>Wenn sie ihn bei solchen Worten mit hellen Augen ansah oder vor sich hin lächelte,
                  wandte er sich ab und grübelte, ob sie ihm niemals eine Antwort geben werde, die
                  ihn hineinsehen ließe in das stille Geschöpf.</p>
               <p>»Entweder hat sie nicht ein Fünkerl Galle oder nicht ein Fünkerl Weiberverstand«,
                  grollte er nach einem solchen Versuche.</p>
               <p>Bald aber ging ihm auch die Neugierde verloren, er wollte das Mädchen nicht mehr
                  versteckt warnen vor der Zukunft, sie wußte ja, was geschehen würde, wenn die Lene
                  wiederkam ... Die Lene!... Mit starrsinniger Hartnäckigkeit begehrte er nur nach
                  ihr, und dieses stumme, trotzige, nagende Begehren erstickte allmählich jeden
                  anderen Gedanken.</p>
               <p>Nun war er schon wieder so von der Sehnsucht nach ihr befangen, daß er seinem
                  Weibe auflauerte an allen Ecken und Enden, wenn sie auch an ihm vorbei ging wie an
                  einem Fremden und nicht grüßte noch dankte. Sie anzureden hatte er nicht mehr den
                  Mut, aber er schlich ihr nach mit der zusammen-gekrampften Hand in der Tasche, und
                  da er nun wußte, wo sie daheim war, so lief er die halben Nächte unter ihrem
                  Fenster hin und her. Sie war wirklich ein ehrbares Weib geblieben, warum also
                  wollte sie nicht mehr zu ihm zurückkommen? Die ganze Gasse, in der sie wohnte,
                  kannte ihn <pb/> schon, die Leute wußten jetzt, daß jenes schöne, rothaarige
                  Mädchen eigentlich eine Frau sei und der »einarmige Vagabund«, der immer da
                  herumlungerte, ihr Mann, ein Nichtsnutz, den sie davongejagt hatte.</p>
               <p>Das erzählten sich die Mägde in den Kaufläden und die Leute, die an den Fenstern
                  standen und ihn hin und her wandern sahen, wenn die Lene daheim war. Die Zeit, wo
                  er sich darum gekümmert hatte, wie er selbst aussehe, war auch vorbei; wenn ihn
                  irgendeiner ansah, fiel es ihm ein, er dachte aber nur an die Lene und zupfte dann
                  an seinen Kleidern und Haaren herum, wenn es auch nicht viel änderte. Er empfand
                  einen Widerwillen gegen alle die wohlgekleideten feinen Herren, die zuweilen
                  vorüberstrichen und manchmal der Lene in die Augen schauten. »Wär ich so ein Aff,
                  wer weiß, ob sie nicht gut getan hätt?« knirschte er und schloß die Faust ... Wäre
                  es nicht ein Modeherr gewesen, der eines Abends an die Lene anrannte, nur um dann
                  ein paar Worte zu sagen und neben ihr herzulaufen, so hätte sich der Leopold noch
                  überwinden können, als er aber sah, daß der geschniegelte Bursche seinem Weibe
                  ganz fremd war und ihr nur seine hergeputzte Figur aufdrängte, da wurde es ihm
                  zuviel. Wie nun die Lene, ohne ein Wort mit dem Zudringlichen zu reden, durch ihr
                  Haustor schritt, stürzte ihr Mann auf das Herrlein los, riß ihm das Stöckchen, mit
                  dem er spielend herumfuchtelte, aus der Hand und trat es mitten entzwei, schlug
                  ihm den Hut vom Kopfe, warf ihm die ärgsten Schimpfnamen zu und kümmerte sich
                  nicht darum, daß allerorts die Fenster aufgerissen wurden und neugierige Gesichter
                  den Betrunkenen, wie sie meinten, anstarrten.</p>
               <p>Am nächsten Morgen, als er wieder an der Ecke lehnte und auf sein Weib wartete,
                  kam die Lene gerade auf ihn zu und fragte: »Kannst du ruhig mit mir reden?«</p>
               <p>»Ich kann ... ich kann alles ... was du willst«, stotterte er.</p>
               <p>»Glaubst du mir, was ich dir sage?«</p>
               <p>»Alles, alles glaub ich dir.«</p>
               <p>»So höre mich an. Ich will dich nicht mehr sehen, verstehst du mich? Du bringst
                  nur Schande über mich.«</p>
               <p>
                  <pb/> »Lene!«</p>
               <p>»Wenn du mir noch ein einziges Mal in den Weg kommst, so schiebe ich dir einen
                  Riegel vor. – Ich reise fort.« Jählings packte sie der Leopold am Arme, zog sie
                  heran und fragte tonlos: »Fort?... Wohin?!«</p>
               <p>»Ich gehe nach Paris. Die Madame Margot hat mir schon neulich gesagt, ich soll
                  mich nicht so martern lassen von dir. Sie wird mich in einem Salon dort
                  empfehlen.« »Schlechtes Weib!« fluchte der Leopold.</p>
               <p>»Schimpfe, wie du willst, die Leute wissen doch, was ich bin.«</p>
               <p>»Geh nicht fort«, flehte zitternd der Mann, »daß ich doch weiß, wo du bist, daß
                  ich dich wenigstens manchmal sehen kann ... daß ich nicht ...«</p>
               <p>»Laß die Redereien. Bleib ruhig unten bei deinem Buben und bei – ihr. Ich mach dir
                  keine Schand. – Mir brauchst du nicht nachzugehen und nachzufragen. Ich will
                  nichts von dir als Ruhe.«</p>
               <p>»Ich habe dich ja nur fragen wollen, ob dir gar nichts mehr an unserm Polderl
                  liegt?... Weib! Ich bin ja ein lebendiger Mensch, ein Mann!... Ich hab mehr Geduld
                  gehabt als zwanzig andere Männer, ich habe gelebt wie ein Pfaff, Lene, hab kein
                  Frauenzimmer angeschaut und mir gedacht, ich will mein Weib nicht verunehren ...
                  sie kommt ja wieder!... Alles muß ein Ende haben, so geht es nicht weiter mit
                  uns.«</p>
               <p>»Du schreist schon wieder«, sagte sie ängstlich und schaute nach allen Seiten.
                  »Ich hab ja ein End gemacht, und geht es so nicht, so gehe ich nach Paris.«</p>
               <p>»Ist das dein letztes Wort?« bat der Mann.</p>
               <p>»Ja, mein allerletztes, bei der ewigen Ruhe von meinen alten Leuten, bei meiner
                  eigenen Seel schwör ich dir, ich geh nimmer zu dir, ich will Ruhe haben.«</p>
               <p>Die Lene zitterte am ganzen Leibe, sie war bleich vor Erregung, und schwere
                  Tropfen rannen über ihre Wangen.</p>
               <p>»Freilich, jetzt sehe ich, daß es dir ernst ist ... Du vergißt sogar, daß das
                  Weinen Falten macht ... vergißt auf deine Schönheit sogar ...«, murmelte der
                  Leopold und schaute sein <pb/> Weib verwundert an. »Ich hab immer noch gemeint, es
                  könnt einen Weg geben, der uns zusammenführt. Keinen mehr!... Sollst Ruh haben,
                  ich geb dir mein Soldatenwort.«</p>
               <p>Stumm gingen die beiden noch eine Weile nebeneinanderher, mit einem Male aber
                  schlang der Leopold seinen Arm um ihren Hals, küßte sie hastig auf die Wangen, die
                  Augen, den Mund und taumelte fort.</p>
               <p>Am kommenden Tage blieb er bis Mittag in seinem Bette liegen, und als ihn die
                  Hanne frug, ob er krank sei, sagte er zu ihr: »Nein, faul!« Dann drehte er sich um
                  und schlief weiter.</p>
               <p>Nachmittags stand er auf, legte seine besten Kleider an, steckte Geld zu sich und
                  ging davon, ohne daß er auch nur nach seinem Buben gefragt hätte. Früh, als es
                  schon zu grauen begann, kam er heim, er pfiff und sang, daß ihn die Hanne schon
                  draußen auf der Straße hörte, und als sie ihm die Türe öffnete, sang er noch
                  immer.</p>
               <p>Vergeblich wartete das Mädchen von einem Tag zum anderen, daß er wieder seine
                  Arbeit aufnehmen werde, es war vorbei damit; sie konnte nicht den Mut aufbringen,
                  ein Wort davon zu sagen, und schlenderte herum und wich sogar jeder Frage aus, die
                  er sonst zuweilen an sie richten mußte.</p>
               <p>Nach Wochen, als er im Fortgehen sagte: »Du, der alte Davidl, der Tandler von der
                  unteren Gasse, holt heute den alten Schubladkasten, räum ihn aus«, schrak sie
                  zusammen.</p>
               <p>Langsam ging der Leopold der Türe zu, da hörte er die schüchterne, zagende Stimme
                  des Mädchens seinen Namen rufen.</p>
               <p>»Ah so, du kannst reden«, kicherte der Mann, wandte sich um und setzte sich ihr
                  gegenüber an den Tisch, er legte ein Bein über das andere und frug: »Also,
                  Mädel?«</p>
               <p>»Du wirst wieder krank werden«, begann sie traurig. »Fürcht dich nicht, ich kann
                  jetzt schon wieder einen Puff aushalten ... Ist das alles?«</p>
               <p>»Ich hab dich bitten wollen, weißt, wegen dem Polderl, geh doch wieder in dein
                  Geschäft.«</p>
               <p>Sie zitterte, daß sie nicht weiterreden konnte, endlich aber übermannte es sie,
                  und wie ein verzweifelter Schrei klang es, <pb/> als sie fragte: »Was muß ich denn
                  tun oder sagen, daß du mir zulieb auch einmal etwas tust?«</p>
               <p>Das gab dem Mann einen Ruck, er ließ den einen Fuß von dem andern gleiten, beugte
                  den Oberkörper vor, stützte seine Hand aufs Knie und schaute die Hanne prüfend
                  an.</p>
               <p>»Dir zuliebe ... armes Mädel, mir selber zuliebe, willst sagen, gelt?« frug er
                  ernst und mit einem warmen, weichen Ton, so wie er öfter zu ihr gesprochen hatte
                  einst, als sie mit gebrochenen Gliedern dalag ... als sie noch ein Kind war ...
                  »Dir zuliebe, Hanne, hätte ich viel tun und lassen müssen ... Ich habe alleweil
                  das Verkehrte getan auf der Welt ... Jetzt bin ich dabei, das Rechte zu tun, und
                  das wird auch dir nützen, langes Mädel.«</p>
               <p>»Mir?«</p>
               <p>»Ich habe dich freilich nicht mitgerechnet gehabt, das ist mir auch erst
                  eingefallen, wie du geredet hast ... Schau, Hanne, warum hast du nie früher
                  gesagt, ich soll dir zuliebe was tun?... Du warst immer so mäuserlstill, und ein
                  schweigsames Frauenzimmer ist, darauf bin ich durch sie ... und dich gekommen, was
                  Seltenes und vielleicht darum nicht anheimelnd, nicht warm. Plausch, Mädel,
                  plausch alleweil ...«</p>
               <p>»Ja, was hätt ich denn sagen sollen?« fragte sie beklommen.</p>
               <p>»Vielleicht hättest du mir die andere aus dem Herzen plaudern können ... jetzt ist
                  alles zu spät!«</p>
               <p>»Was redest du so – so ...«</p>
               <p>»Es ist wirklich aus, Hanne, sie kommt nimmer ... nimmer zu mir ...«, schluchzte
                  er plötzlich, ließ seinen Arm auf den Tisch fallen, legte den Kopf darauf und
                  weinte ... weinte ... weinte.</p>

               <p>Allmählich erzählte er ihr alles, die ganze Leidensgeschichte, die sein Herz
                  durchempfunden, jede Qual, die er lautlos getragen, jede Hoffnung, die er begraben
                  hatte ... Er sprach, als ob sie gar nicht so leichenhaft dort im Halbdunkel säße,
                  als ob er allein wäre und eine verweinte Beichte seiner Schuld und seiner Pein
                  hinsagte vor einem unsichtbaren, gleichfalls <pb/> wehrlosen Wesen, das nichts
                  mehr gutmachen kann, nicht mehr aufhelfen kann, das nur hineinschauen soll in ein
                  zermalmtes, verblutendes Menschenherz.</p>
               <p>In dem großen Gemache erwachten klagende Stimmen allerorts ... wie erweckt von dem
                  haltlosen Schluchzen des Mannes, so wurden alle Erinnerungen aus alten Tagen
                  lebendig, und ein leises Weinen zitterte in allen Ecken, in allen Geräten, in
                  allen Wänden. Der gewaltige, freigewordene Schmerz störte die Geister aller an
                  dieser Stelle stumm getragener Leiden auf, und wie aus einer fernen unbekannten
                  Welt klangen die Töne herüber, schwermütig, geisterhaft, klagend, gleich dem Echo
                  zerrissener Saiten, gleich dem Nachklang gramvoller Sterbeseufzer.</p>
               <p>»Aus ist es, Hanne, ob mich heute oder morgen oder übermorgen die Kugel
                  niederwirft ... ich weiß es nicht, aber ich kann nimmer leben ohne mein Weib, das
                  siehst du doch jetzt ein, Mädel, gelt?« fragte der Leopold am Ende.</p>
               <p>
                  <pb/> »Ja – freilich – das sehe ich jetzt ein –«, erwiderte die Hanne mit fester
                  Stimme.</p>
               <p>Sie redeten so zueinander, aber keines konnte das andere sehen. Das Mädchen hatte
                  den Vorhang niedergelassen und sich in die dunkle Ecke gesetzt neben den Kleinen,
                  als der Mann zu erzählen anhub, und dort war sie unbeweglich sitzen geblieben und
                  hatte nur hingehorcht zu ihm, er aber hatte die Augen geschlossen, während er
                  sprach, als ob sie ihm der Schmerz zugedrückt hätte.</p>
               <p>Jetzt stand die Hanne auf, zündete die Lampe an, nahm ihr Tuch von dem Nagel an
                  der Zimmertüre und sagte bittend: »Jetzt kannst du mir etwas zulieb tun, und ich
                  will es dir mein Lebtag danken.«</p>
               <p>»Was denn?« fragte der Leopold und schaute wie ein todmüder Mensch zu ihr hin.</p>
               <p>»Bleib bei dem Kind, bis ich wiederkomme. Ich komm bald. Warte nur auf mich.«</p>
               <p>»Kindisches Ding ... dir zuliebe ... ich bin froh, daß ich dir noch was zulieb tun
                  kann ... Ich wart schon.« »Alsdann in Gottes Namen«, flüsterte die Hanne, drückte
                  ihm die Hand und eilte davon.</p>

               <p>Wie ein Putztisch sah sich das kleine Zimmer an, in dem die Lene saß und eifrig
                  nähte. Alles Ersparte hatte sie an die Einrichtung gewendet, und nun endlich hing
                  und stand alles genauso da, wie sie es geträumt hatte.</p>
               <p>Auf dem Boden lag ein grauweißer Teppich mit blauen Blümchen, an den Fenstern und
                  über dem Bette hingen weiße Zitzvorhänge mit blauen Blümchen, die Stühle und das
                  kleine Sofa waren überzogen von demselben Stoff mit blauen Blümchen, und mitten in
                  der Stube schwebte eine blaue Glasampel mit hellblauen Blümchen. Die zierlichen
                  Schränke, der Tisch, das Bettgestell waren weiß lackiert und mit blauen Streifen
                  gerändert, und die Tapete war weißgrau mit blauen Blümchen.</p>
               <p>Mitten in diesem verwirklichten Traum saß die glückselige Lene, sogar der weiße
                  Schlafrock mit den gestickten Falbeln <pb/> und den blauen Schleifen gehörte dazu.
                  Wenn sie die Nadel rasten ließ und aufblickte, da wurde das schöne Gesicht noch
                  reizender durch den Ausdruck des innerlichsten, zufriedensten Behagens, aber sie
                  ließ sich nie viel Zeit, ihre Herrlichkeiten zu genießen, sie nähte wieder emsig
                  weiter.</p>
               <p>Seit sie einmal als Kind das Schlafzimmer einer jungen Dame gesehen hatte, seit
                  sie die Kammerfrau, für die der Lene ihre Mutter die Wäsche wusch, in das Stübchen
                  gucken ließ, wollte ihr das Weiß mit den blauen Blümchen nimmer aus dem Sinn. War
                  das bei ihrer Mutter oder in der großen Stube der Frau Weis möglich?</p>
               <p>Nun war sie längst kein Mädchen mehr und endlich ihre eigene Frau, jetzt konnte
                  sie ihren Traum verwirklichen Stück um Stück; und sie, die sonst nichts entbehren
                  wollte, sie kargte mit dem Bissen Brot, sie legte Kreuzer zu Kreuzer, um nach und
                  nach noch eine Elle Zitz zu kaufen, damit die Falbeln an den Vorhängen reicher
                  wurden. Mit ehrlicher Pünktlichkeit bezahlte sie dem Tischler jeden Monat einige
                  Gulden, um rascher ihrer Schuld ledig zu sein, vom grauenden Morgen arbeitete sie
                  daheim, bis sie zu Madame Margot gehen mußte, und wenn sie heimkam, betrachtete
                  sie mit andachtsvollem Entzücken ihre Stube, dann setzte sie sich an die Arbeit
                  und nähte, bis ihr fast die Augen zufielen.</p>
               <p>Jetzt waren ja alle Wünsche ihres Lebens erfüllt, dieses Gemach, keinen Mann, kein
                  Kindergeschrei, von allen gehätschelt, bewundert und begehrt, aber doch allein,
                  ganz allein, eine zufriedene, ehrbare Frau.</p>
               <p>Die Leni war freilich nie so schön gewesen als nun in dieser lichten, duftigen
                  Umrahmung. Friede, Stille und Schönheit umfloß sie, und kein Gedanke verirrte sich
                  zurück in den Winkel, aus welchem ihr Liebreiz emporgeblüht war »wie eine reine,
                  stolze Lilie unter dürftigen blassen Veilchen, schwerfälligen Distelblumen und
                  allerlei farbenschreiendem, niederem Unkraut«.</p>
               <p>Die Lene las nämlich auch jetzt an Sonn- und Feiertagen manchmal Romane, und wenn
                  sie dann darüber nachzudenken versuchte, so machte sie zwischen sich und der
                  Heldin <pb/> und dem Leben in der Blauen Gans Vergleiche und schwang sich zu
                  großen Empfindungen auf, die darin zusammenflossen, daß sie ehemals sehr
                  mißhandelt war. Jetzt war sie schon auf einem Standpunkt, wo sie das weiße
                  Lilienbewußtsein ohne jeden rückdenkenden Vergleich trug, der weißgestickte
                  Mullschlafrock machte sie zu einer Dame, und ihre Tugend war über alle Zweifel,
                  das sagten alle Leute, sie saß in dem weißen Zimmer mit den blauen Blümchen, in
                  aller Zukunft konnte jetzt nichts mehr kommen, was sie aus ihrem Geleise bringen
                  mochte.</p>
               <p>Aber das Alter, die Schönheit vergeht –!</p>
               <p>»Das Alter. Ich werde eine sehr schöne alte Frau werden, hat neulich ein
                  Bildermaler bei der Madame Margot gesagt«, antwortete sie sich selbst und dachte
                  an die weiteste Zukunft, an sehr schöne weiße Haare.</p>
               <p>Nun tat ihr eben diese Denkerei schon wieder weh, das war kein Geschäft für sie,
                  lieber lustig darauflosgenäht, jeder Stich ist ja Geld.</p>
               <p>Mit einem Male war es dunkel geworden, die Lene zündete die Hängeampel an, und der
                  bläulich-weiße Lichtschein ergoß sich über das Gemach. Wie jeden Abend, so staunte
                  sie auch jetzt wieder das Wunder an, daß die blaue Glaslampe einen weißen Schimmer
                  geben konnte, denn eigentlich war jetzt sie und jedes Stücklein ganz wundersam
                  weiß. Gerade war sie wieder daran, nachdenken zu müssen, als es leise an ihre Türe
                  pocht.</p>
               <p>Wer kann das sein? Die Lene streckte das Köpfchen vor und horchte. Die Hauswirtin,
                  der Briefträger? Sie setzte sich aber doch in ihrem Lehnstuhl hübsch zurecht, so
                  vornehm wie die noblen Damen bei der Madame Margot, sie lehnte den Kopf zurück,
                  breitete seitwärts die Schleppe ihres Schlafrockes aus und ließ ihren kleinen Fuß
                  mit dem blauen Pantoffel sehen.</p>
               <p>Da klopfte es zum zweiten Male, lauter, dringlicher. »Herein!«</p>
               <p>Langsam geht die Türe auf, nur ein Stückchen – und durch den engen Spalt schiebt
                  sich mit gesenktem Kopfe eine schmale zaghafte Gestalt. Sie drückt mit den
                  Ellenbogen die Türe <pb/> wieder hinter sich zu, ohne daß sie sich umwendet, dafür
                  aber lehnt sie sich mit den Schulterblättern rasch an.</p>
               <p>Die Lene reißt die Augen weit auf, als ob das leichenhafte Geschöpf mit den
                  dunklen Haarsträhnen, die an ihrer Stirne kleben, ein Gespenst wäre, dann zieht
                  sie die Augen klein zusammen, macht ihre vornehmste Miene und will reden, als aber
                  die andere nur die Lippen bewegt, schüttelt sie den Schreck und die Vornehmheit
                  plötzlich ab, springt auf, stemmt die Hände in die Hüften und sagt mit einem
                  langsamen Blick, der von unten bis oben über die gebeugte Gestalt gleitet:</p>
               <p>»Das ist zu keck!«</p>
               <p>»Ich weiß es«, erwidert die Hanne mit gebrochener Stimme, »aber ich bitte dich,
                  höre mich an.«</p>
               <p>»Schau zu, daß du aus meinem Zimmer kommst!« ruft die Lene drohend.</p>
               <p>»Dein Kind!«</p>
               <p>»Ich hab kein Kind, seit es in solche Händ ist – Pfui!«</p>
               <p>»Dein Mann! Hör mich an ...«</p>
               <p>»Red nicht von ihm.«</p>
               <p>»Gnad und Erbarmen, Lene!« Das junge Mädchen fiel auf die Knie, erhob den Kopf und
                  streckte die gefalteten Hände weit von sich.</p>
               <p>»Wär ich gekommen? Hätte ich mich getraut?« sagte sie erschöpft, »wenn nicht dein
                  – der Leopold – Lene! – er stirbt!«</p>
               <p>Die schmale Gestalt brach zusammen und fiel vornüber, so daß sie mit der Stirne
                  auf den weißen Teppich mit den blauen Blümlein schlug.</p>
               <p>»Wer stirbt?« frug die Lene halblaut, und es schüttelte sie am ganzen Leibe, als
                  sie auf das Wesen vor sich niedersah.</p>
               <p>»Stirbt«, das Wort erweckte alle Sinne der Halbohnmächtigen, sie raffte sich
                  zusammen, kroch auf den Knien der Frau näher und lallte mühsam: »Dein Mann –
                  stirbt – kann nimmer leben – ohne dich – erbarm dich – komm heim.«</p>
               <p>»Sonst nichts? – Ich heim?« frug die Lene spöttisch. Sie blickte sich in dem
                  kostbaren weiß-blauen Zimmer um. »In das Loch dort zurück? – Ich hab es ihm
                  gesagt, und er muß närrisch sein, wenn er glaubt, ich komme.«</p>
               <p>
                  <pb/> »Er glaubt es nicht – er weiß, daß du dein Wort hältst«, beteuerte die Hanne
                  und richtete sich an einem Stuhl wieder auf, »und darum will er sich erschießen –
                  heut – morgen – übermorgen – wer weiß es? – Komm, um Gottes Barmherzigkeit, komm,
                  eh' es zu spät ist.«</p>
               <p>»Hat er dich hergeschickt – und hast dich getraut, zu der Frau von deinem Schatz
                  zu kommen?« fragte die Lene mißtrauisch.</p>
               <p>»Red, was du willst – in allem hast du recht – aber nur glaub, daß er mich nicht –
                  geschickt hat. – Davongerennt bin ich in meiner Todesangst um ihn. – Schlag und
                  schimpfe mich – sag, was du willst zu mir – aber erbarm dich – denk an den Buben,
                  der ein Waiserl wäre«, erwiderte die Hanne demütig.</p>
               <p>»Möcht mich nicht beschmutzen – du, meine beste Freundin, hast so ehrlos sein
                  können?« klagte die Frau und wendete sich ab.</p>
               <p>»Ja, recht hast du. Nimmer wirst mich sehen, und nichts wirst von mir hören – aber
                  geh, geh, sonst könntest du zu spät kommen.«</p>
               <p>
                  <pb/> »Wer es sagt, der tut es nicht«, murrte die Frau abwehrend.</p>
               <p>»Nimm es auf dich!« rief die Hanne erschüttert, »du kennst den Leopold, der tut's!
                  – Mehr als dich bitten kann ich nicht. Soll ich noch was tun? Weißt du was, ich
                  will dir Händ und Füß küssen ... Erbarm dich.«</p>
               <p>»Schämen sollst dich, daß du dich so abwinselst um einen Mann – um meinen Mann! –
                  Mußt ja vernarrt sein in ihn über alles. – Schämst du dich denn gar nicht?« sagte
                  die Frau langsam, wie von Ekel erfüllt.</p>
               <p>»Ich schäme mich, daß ich da bin«, flüsterte die Hanne ergebungsvoll.</p>
               <p>»Muß dir keine Freude machen, wenn dein Schatz sterben will, weil er nicht ohne
                  sein Weib leben kann.«</p>
               <p>»Glaubst du es doch endlich?« schrie die Hanne schluchzend auf.</p>
               <p>»Ja, ich glaub's, weil ich sehe, daß du fast zugrunde gehst daran«, sagte sie kalt
                  und streng, »das ist die Strafe für deine Liederlichkeit.«</p>
               <p>»Ja – ja – so ist's – kommst du aber heim? – zu ihm – jetzt – gute, schöne,
                  heilige Lene! – kommst?!« flehte das Mädchen, und die Zähne schlugen ihr
                  aneinander, und sie zog und zerrte an ihren Fingern.</p>
               <p>»In die Blaue Gans? Mein Lebtag nimmer in den Mistwinkel, wo er in wilder Ehe
                  gelebt hat. Nein. – Das ist mein Haus, da bin ich Frau – und will er ein ehrliches
                  Leben führen, so soll er mit dem Kinde daherkommen.« War es ein Freudenschrei, war
                  es ein Klagelaut, den die Hanne zurückhielt, als sie sich aufbäumte und mit beiden
                  Händen an den Mund fuhr? Rasch sank aber die Gestalt wieder in sich zusammen, und
                  sie nickte nur dankbar: »Ja – ja!«</p>
               <p>»Da nebenan ist eine Kammer frei«, sagte die Lene matt wie ein Mensch, der sich
                  einen Finger abschneiden läßt von seiner kräftigen gesunden Hand, dort soll er mit
                  dem Buben bleiben. Ich bleibe da. Sein Weib will ich nimmer sein. »Hätt ich
                  gewußt, was heiraten heißt, wär ich es nie worden. Und jetzt erst nach dir!«</p>
               <p>
                  <pb/> »Recht hast du – du bist so gut! – Darf ich ihm sagen, daß du –«, flehte das
                  Mädchen.</p>
               <p>»Eine Stelle will ich ihm auch verschaffen bei uns im Geschäft«, betonte die Frau
                  hochmütig und doch geschmeichelt von der Wichtigkeit, die jetzt jedes Wort von ihr
                  hatte.</p>
               <p>»Ich – dann –«, die Hanne unterbrach sich ängstlich und bat dringend, »darf ich
                  ihm das sagen?«</p>
               <p>»Er soll kommen ...«</p>
               <p>»Ja! – Noch eins. – Ich bitte dich – er könnt mir nicht glauben. Weißt, ich hab
                  ihn einmal angelogen wegen dem Brief vom Gericht.«</p>
               <p>»Wirst öfter gelogen haben. Solche Weibsbilder lernen das«, warf die Frau
                  verachtungsvoll hin.</p>
               <p>»Freilich – freilich – öfter, ja – und darum glaubt er mir nichts mehr. Hast
                  recht. Weißt, und darum wird er sich nicht hertrauen zu dir. – Schreib auf ein
                  Stückerl Papier: ›Komm, Leopold!‹ und deinen Namen darunter, dann wird er mir
                  glauben.«</p>
               <p>Die Lene rückte langsam den Lehnstuhl an den kleinen Schreibtisch, setzte sich
                  sehr vornehm nieder und kritzelte:</p>

               <p>»Ich nehme dich in meine Wohnung, du kannst kommen.</p>
               <!--milestone hi_start-->
               <p>Madeleine.«</p>
               <!--milestone hi_end-->

               <p>Hinter ihr stand das blasse Mädchen mit gefalteten Händen, sie betete und betete
                  und dankte mit tiefster Demut, mit dem inbrünstigsten Glücksgefühle allen den
                  Heiligen, die sie angerufen hatte, jetzt in den Stunden der bittersten Herzensnot,
                  sie dankte der schmerzensreichen Mutter Maria und dem Jesuskindlein, weil sie dem
                  kleinen Buben den Vater erhalten haben und die Mutter wiedergegeben ... sie dankte
                  der Frau Magdalena Weis wie einer Heiligen, daß sie dem Leopold alles verziehen
                  hatte.</p>
               <p>Die sonderbare Heilige wendete sich um und gab der Hanne den Brief, in dem
                  Augenblicke wäre ihr das Mädchen mit den großen starren Augen am liebsten um den
                  Hals gefallen, aber sie hatte nicht den Mut dazu.</p>
               <p>
                  <pb/> »So, da hast du – laß dich nimmer vor mir sehen.« »Nimmer – nimmer!«</p>
               <p>»Und werde ein ehrliches Mädel, wenn es noch möglich ist.«</p>
               <p>»Vergelt dir Gott alles Gute, was du in der Stund getan hast«, erwiderte die
                  Hanne, und ihre Augen leuchteten, ihr Gesicht glühte, als sie den Brief in ihr
                  Tuch einschlug, an die Brust drückte wie einen Schatz und forteilte, ohne auch nur
                  das köstliche weißblaue Zimmer anzusehen. Die Lene aber setzte sich jetzt ganz
                  gewöhnlich auf den nächsten Stuhl und schluchzte, als ob ihr das Herz brechen
                  sollte. Da war ein Riß mitten durch den lebendig gewordenen Traum, das Kind, der
                  Mann kamen wieder, nur nebenan, nur nebenan, das weißblaue Zimmer war ihr Heim,
                  über die Schwelle soll niemand mehr von der nichtsnutzigen Sippschaft.</p>
               <p>»Was jetzt aus dem liederlichen Mädel werden wird?« frug sie sich nach einer
                  Weile. »Wie häßlich sie ist –«, das junge Weib wusch sich die Augen und schaute
                  dann lange in den Spiegel.</p>

               <p>»Da bin ich wieder, Leopold!« rief die Hanne schon in der Türe, und das mit einer
                  so frischen, mutigen Stimme, daß sich der Angesprochene überrascht umwendete.</p>
               <p>»Ich war nicht lange fort, gelt? Aber ich hab doch viel ausgerichtet.« Sie hängte
                  ihr Tuch wieder an den Türnagel, lief zu dem Bette des Kindes und redete
                  dazwischen immer hastig und laut: »Gute Nachrichten hab ich gebracht für dich, für
                  den Buben, für – nein, was es da für eine Hitze hat!« Sie trocknete sich,
                  unschlüssig, ob sie weiterreden sollte, die Stirne, holte tief Atem und sagte dann
                  eindringlich: »Für dich die allerbesten Nachrichten, Leopold.«</p>
               <p>»Machst dir einen Spaß?... Bist halt doch nur ein Frauenzimmer und kannst nicht
                  begreifen ... ah!...«, sagte er dann mit einer wegwerfenden Gebärde und stand
                  auf.</p>
               <p>»Meinst?« erwiderte sie und lächelte verstört, »willst etwas Neues von der Lene
                  hören?« frug sie vorsichtig. Ein jähzorniges Aufblitzen seiner Augen war die
                  Antwort. »Ich hab sie gesehen«, sagte das Mädchen zögernd, »und ich <pb/> meine,
                  du hast die ganze Sache doch ein wenig zu scharf angepackt.« Sie stockte wieder
                  und streckte, ohne es zu wollen, die Hände nach ihm aus, so als ob sie ihn
                  zurückhalten müßte, aber schnell ließ sie die Arme sinken, als sie in sein
                  starres, wie von einem Krampf verzogenes Gesicht schaute.</p>
               <p>»Red nicht mehr von ihr, ich bin fertig.«</p>
               <p>Er sagte das ganz leise und schlicht, aber die Hanne fühlte es dennoch eiskalt
                  durch ihre Adern rinnen, so ein Ton lag in den Worten.</p>
               <p>»Jetzt wirst du aber doch recht erschrecken, aber – nachher wirst anders denken
                  über allerhand. – Es könnt halt doch noch besser werden, als du meinst. – Bleib
                  nur sitzen, sei nicht ungeduldig, hör mich an.«</p>
               <p>Erschöpft lehnte sich der Mann wieder in den Stuhl zurück und blickte auf den
                  Reifen, welcher in die blankgescheuerte Tischplatte gebrannt war. Da stand, als
                  seine Mutter noch lebte, immer der große Kaffeetopf, nur bei besonderen
                  Festlichkeiten legte sie ein Tischtuch auf, sonst mußte ein Stück Wachsleinwand
                  den Dienst versehen, und trotz dieses Schützers bekam der Tisch doch einen
                  gelbbraunen Reifen, weil der Topf früher immer genau an derselben Stelle stand. –
                  Seltsam, wie der Leopold jetzt auf den eingebrannten Ring starrte, sah er die
                  knöcherne, runzlige Hand der alten Frau, die vor ihm da putzte und putzte – müde
                  Finger mit kurzen, abgestoßenen Nägeln kratzten da, als müßte der Fleck
                  hinwegzuscharren sein.</p>
               <p>Die armen, alten, fleißigen Hände, dachte er und griff danach; aber jetzt erhob
                  sich der Zeigefinger und drohte, wie er oft dem wilden Buben gedroht hatte, und
                  der Mann hörte die klagenden Worte, die seine Mutter oft so warnend, so
                  vorherrschend gesagt hatte: »Bub, Bub, dein Kopf führt dich auf keinen guten Weg!«
                  Anderes konnte sie seinem Eigenwillen nicht entgegensetzen.</p>
               <p>Hat sein Kopf ihn auf einen guten Weg geführt?... Ei, da stand er ja schon am Ende
                  ... Der Finger warnte und drohte nun vergebens. Alt's Weib, du hast recht gehabt;
                  nicht alleweil hat dein dürrer Finger den guten Weg weisen können<pb/> ... und
                  warum hat denn dein Kind wirklich den eigenwilligen Kopf von seinem Vater und das
                  weiche, liebereiche Herz von dir?</p>
               <p>»Studier nicht alleweil so viel nach, Leopold. Die Lene ...« »Aber Mädel, bleibst
                  denn dein Lebtag bei all deiner Gutheit voll Unverstand?« unterbrach sie der Mann
                  mit einem flehenden Blick.</p>
               <p>»Kurz und gut – mach dich gefaßt – ich – ich war bei der Lene!« stieß die Hanne
                  hervor und ließ ihn dabei nicht aus den Augen.</p>
               <p>»Du!« schrie er auffahrend, »und hast ihr gesagt?«... Als er jedoch in das
                  zaghafte Gesicht des Mädchens schaute, sagte er mitleidsvoll: »Ja, ja!... Hast dir
                  eine schöne Freud dort geholt, gelt?«</p>
               <p>»Vielleicht doch, Leopold, vielleicht! – Ich hab sie gebeten, deine Frau, daß sie
                  zu dir heimkommen soll!« erzählte die Hanne fieberhaft, »und sie – sie hat
                  ...«</p>
               <p>»Dich hinausgeworfen, die noble Frau, und nichts hören wollen von ihren Leuten ...
                  dummes Ding, hast glaubt, was ich nicht zuwege bringe, kannst du?... Den Einfall!«
                  Er betrachtete sie kopfschüttelnd, bedauernd, dann setzte er lebhaft hinzu: »Was
                  wird nun aus dir, wenn du allein bleibst?... Am Kraut fressen dich die da
                  herunten, die G'scheiten, die das Gras wachsen hören und alle so ganz gewiß
                  wissen, daß du ein leichtfertiges Mädel bist ... Was wird bei deiner Verdrehtheit
                  aus dir und dem Buben, wenn ... wenn ...«, brütete er und schaute sie noch immer
                  teilnahmsvoll an.</p>
               <p>»Was aus mir wird, wenn du fortgehst, Leopold?« sagte sie unterwürfig. »Ich werd
                  dein Zeug da alles verkaufen und dir das Geld nachschicken. – Dann werd ich meine
                  Frau Mutter bitten, daß sie mich wieder heimnimmt – tut sie es nicht, so, so schau
                  ich mich um eine zweite Ledige um und mach, daß wir so alle zwei die Stuben
                  b'halten können – für zwei kommt's billiger ... Fleißig sein muß ich halt, und
                  nach und nach, wenn die Nachbarn erfahrn, daß du wieder ein glücklicher Mensch
                  bist, werden sie auch mich in Ruh lassen. – So mein ich, werd ich halt langsam alt
                  werden und recht <pb/> froh sein, daß du und der Bub am rechten Ort seid's und daß
                  du zufrieden bist.«</p>
               <p>»Was heißt denn das alles?« frug der Leopold erstaunt, soviel hatte er das Mädchen
                  noch nie reden gehört. »Das ist ja schon helle Narrheit! Was redst du immer nur
                  von mir?«</p>
               <p>»Erschreck nicht, Freud kann auch schaden, hat deine Frau Mutter allerweil
                  g'sagt.«</p>
               <p>»Na, ihr hat sie nicht geschadet ... sie hat nie zuviel gehabt ... und mir!...
                  Mach's kurz, was steckt dahinter?« drängte er unruhig.</p>
               <p>Jetzt aber wurde sie plötzlich leichenfahl, das verstörte, fremdartige Lächeln war
                  wieder da, und ohne daß sie es wußte, ging sie ein paar Schritte rücklings von ihm
                  hinweg, ließ den Kopf sinken, daß ihr Kinn bis auf die Brust fiel, und fingerte
                  mit der rechten Hand in der Tasche.</p>
               <p>»Da hast – siehst – sie ist besser – viel besser, als du g'meint hast!« – Jetzt
                  hielt sie ihm aus der Ferne einen Brief hin, und als er danach langte und ihn
                  packte, da zitterte sie, daß ihre Zähne zusammenschlugen, sie schlang die Finger
                  ineinander und rührte sich nicht von dem Flecke, an dem sie stand.</p>
               <p>Der Leopold zerfetzte den Umschlag mit seinen Zähnen, und als er das Blatt
                  herausgeschält hatte, breitete er es unter die Lampe, legte sich zur Hälfte über
                  den Tisch und las mit verschwimmenden Augen. »Oh!... oh!... oh!...«</p>
               <p>Er legte seine Wange auf den Brief, denn sein Arm konnte das raschelnde Blatt
                  nicht mehr halten, und an den Knien bogen sich seine Beine verdächtig. So lehnte
                  er schweratmend minutenlang, und nur zuweilen drang der wonnewimmernde Laut,
                  dieses Aufstöhnen, als ob allgemach Last um Last von ihm genommen würde, aus
                  seiner Kehle ... Ach, von tiefer her stieg es auf, aus einer glückseligen
                  Betäubung rang es sich heraus, aus dem dumpfen Lustgefühl der jähen
                  Ausgespanntheit, aus dem gedankenlosen Genuß des Lebendigwerdens, des
                  Gerettetseins kam der kurze weh nachklingende Jubelruf: »Oh!... oh!... oh!...«</p>
               <p>Das erfaßte sie nicht. Für sie war es ein Jammerruf, sie stand dort und horchte
                  wie mit gebundenen Händen und Füßen. <pb/> Warum seufzt und jammert er, anstatt zu
                  lachen und zu springen – was soll ich jetzt noch tun? fragte sie sich geängstigt,
                  und sie fürchtete sich, daß ihn vielleicht seine Krankheit wieder angepackt hat,
                  seine Schwäche. »Lepold!«</p>
               <p>Er rührte sich, richtete sich auf und streckte ihr die Hand entgegen.</p>
               <p>»Komm her, du!... du! – - – Meiner Seel, Mädel!... Du brauchst nur zwei weiße
                  Flügel noch ...« Er legte seinen Arm um ihren Nacken, drückte sie fest an seine
                  Brust und küßte sie genau auf den blankweißen Strich, der ihre dunklen Haare
                  teilte, dann ließ er sie los und lief in der Stube auf und nieder.</p>
               <p>»Jetzt erzähl mir ... erzähl mir alles!« sagte er nach einer Weile.</p>
               <p>Und sie erzählte den ganzen Hergang. Hatte sie so viel vergessen in dem
                  Stundenraum? Hatte sie so wenig gehört, gedacht, empfunden? – Das Bild, welches
                  sie dem Manne darstellte, war dasselbe und doch ein anderes; alle scharfen Töne,
                  alle grellen Farben fehlten, ihr eigenes, weißes, gepeinigtes Gesicht war
                  verwischt und verschwommen, und das der Lene trat leuchtend, schön und gütig
                  hervor. – Nur Mitleid, Gekränktheit, Irrtum schien zwischen Mann und Frau gelegen
                  zu sein, und jetzt, so sagte die Hanne, »hat sie halt in ihrer strengen Art
                  verziehen«.</p>
               <p>In solchem Lichte sah der Leopold nun die Lene und die Zukunft, er horchte, nickte
                  und lächelte, sprang auf, klopfte der Hanne dankbar auf die Schulter und setzte
                  sich wieder ihr gegenüber.</p>
               <p>Das Mädchen hatte sich ganz frei geredet, die Beklommenheit war fort, ihre Wangen
                  hatten sich wieder leicht gerötet, sanft und geduldig, mit dem verklärten Ausdruck
                  eines Wesens, das mit schwachen Kräften in der entscheidenden Stunde Schweres
                  vollbringen konnte, saß sie da und schilderte die Lene, wie sie träumte, daß sie
                  sein sollte, vielleicht noch werden würde – eigentlich aber wie sie, die Hanne,
                  unbewußt es selbst war.</p>
               <pb/>
               <p>»In aller Früh morgen pack ich meinen Buben auf und geh zu ihr, gelt? Damit ich
                  sie noch daheim finde, ehe sie in den Salon geht.«</p>
               <p>»Ja freilich«, sagte die Hanne ebenso eifrig, »ich richte dir dein' Koffer und dem
                  Kind« – sie schrak zusammen, blickte nach dem Kleinen, richtete sich aber wieder
                  auf und plauderte weiter, »dem Polderl seine Sach auch dazu, und das soll euch der
                  Hausmeister nachbringen – dann wissen wenigstens gleich alle Leut im Haus, daß du
                  wieder bei deinem Weibe bist.«</p>
               <p>»Das ist ein gescheiter Gedanke«, meinte der Leopold beistimmend.</p>
               <p>»Und eure Einrichtung, die ...«</p>
               <p>»Die behaltest du und wirtschaftest weiter bis ...«, unterbrach sie der Mann.</p>
               <p>»Ah, beileib nicht! Was dir einfallt? Den Tisch da und dein kleines Kasterl, wo du
                  als Bub deine Schulsachen drinnen gehabt hast und später deinen Soldatenrock und
                  die Medaille, den schenk mir, der Kasten ist gar so ein liebes Ding, deine Frau
                  Mutter hat mir erzählt, daß du als Bub ...«</p>
               <p>»Sonst willst du gar nichts?« redete der Mann kleinlaut in ihr hastiges
                  Geplauder.</p>
               <p>»Gar nichts. Oder wenn du willst, so verkauf mir alles, mir ist's ein liebes
                  Andenken an deine alten Leut«, flüsterte sie zaghaft. – »Denn in dein neues Zimmer
                  brauchst nichts, deine Frau hat alles viel schöner.«</p>
               <p>»Hast recht, es wäre doch schad um das alte Gerümpel da ... Aber man lernt
                  leichter vergessen, wenn man nichts mehr sieht von dem alten.«</p>
               <p>»Ja«, seufzte die Hanne leise und begann, Wäsche und Kleider aus den Kasten zu
                  räumen und in Stöße auf die Stühle zu ordnen. Dann machte sie sich auf, richtete
                  dem Leopold das Abendbrot zurecht, sie hätte fast darauf vergessen, und holte,
                  obgleich das Haustor schon geschlossen war, noch einen Schluck aus dem Wirtshaus
                  für den Mann. Als sie mit der gefüllten Flasche zurückkam, frug der Hausmeister:
                  »Na, ist heut Kirchtag bei euch, Hannerl?«</p>
               <p>
                  <pb/> »Das nicht, aber – Abschied. Morgen müßt Ihr so gut sein und dem Lepold sein
                  Koffer und Kisten zu der Lene führen, er geht wieder zu seinem Weibe«, erwiderte
                  die Hanne ernsthaft.</p>
               <p>»Was du nicht sagst! Und sie nimmt ihn?« fragte er zweifelnd.</p>
               <p>»Sie hat ihm ja selber geschrieben, daß er kommen soll.« »So? – Und das Kind nimmt
                  er mit? Und dich?« schrie der Mann und lachte roh.</p>
               <p>»Das Kind nimmt er mit, und ich bleib da, wo ich war«, sagte sie einfach und ließ
                  den Hausmeister mit offenem Munde stehen.</p>
               <p>Der Leopold aß und trank und half der Hanne die Bündel zurechtrichten, er
                  durchstöberte alle Winkel, nahm jedes Stücklein, welches seinem Weibe gehörte,
                  liebkosend in die Hand, sprach fort und fort von den künftigen Tagen, so daß die
                  Nacht hinfloß und die Sterne erblichen, ehe er daran dachte. Mit einem Male fühlte
                  er aber, daß er kein Glied mehr rühren konnte vor Mattigkeit, und da warf er sich
                  so, wie er war, mit den Kleidern auf sein Lager.</p>
               <p>Als ihn das Mädchen schlafen hörte, ließ sie die Arme niedergleiten, sie war ja
                  tausendmal müder als er – aber es jagte und hämmerte doch in ihr, und sie getraute
                  sich nicht eher zu ruhen, als bis alles geschehen war. – Nun schleppte sie noch
                  eine Kiste herbei, packte sie fest und sauber, endlich war sie mit allem fertig.
                  Als die Sonne ein rosiges Wölkchen voranschickte und dann eine ganze Flut von
                  rötlichem Licht, sah der lange Hof aus, als ob er schamrot würde anstatt der
                  Leute, die in seinen Mauern schliefen und sich nur im Traum noch nicht die Steine
                  zurechtlegen konnten, die sie bald auf die Wehrloseste unter ihnen warfen.</p>
               <p>Als die Sonne immer weiter heraufkam und ihr strahlendes Gesicht in den Scheiben
                  spiegelte und mit heißem Blick in alle Fenster lugte, da setzte sich die Hanne
                  still nieder und nahm Abschied von dem Kinde und von dem Vater. – Es war ein
                  stummer, tränenloser Abschied, sie betrachtete die beiden gleich einem hilflosen
                  Tier, dem eine rohe Hand die <pb/> ganze Brut genommen und das Nest zerstört hat –
                  dort liegt das Letzte, und die Hand greift noch einmal – und es bleibt gar nichts
                  mehr zurück als Schmerz. – Was wird die kleine, weiße Hand, von der sie sein Leben
                  erbettelt hat, mit den beiden beginnen? – Da fällt ein Sonnenstrahl über das
                  schlafheiße Gesicht des Leopold. Nimmer, nimmer sehen! – Er geht fort für
                  immer.</p>
               <p>Die Sonne liegt heiß auf seiner Stirne, darum fährt der Leopold auf, fährt mit der
                  Hand über den Kopf, sinnt eine Weile nach, erblickt den vollgestopften Koffer, die
                  Kiste, und er lacht dann hell auf, denn er meinte schon, er hätte die schöne
                  Geschichte von der Lene nur geträumt. Und nun beginnt er sich zu waschen, zu
                  kämmen, zu bürsten, und die Hanne macht sich an das Kind und putzt es her, als ob
                  Feiertag wäre. Der kleine Bursche ist so fröhlich wie lange nicht, öfter als
                  einmal will er von dem Arm der Hanne hinüber zu seinem Vater, der manchmal ruft
                  und lacht, vielleicht ist es das heitere Gesicht des Leopold, das dem Buben so
                  gefällt.</p>
               <p>Je später es wird, desto ruheloser treibt sich der Mann in der Stube herum, sein
                  Herz, seine Seele sind ihm ja vorangeeilt, da tappt und hastet nur der Leib und
                  möchte so rasch als möglich der Seele nachlaufen. – Sooft er in die Nähe der Uhr
                  kommt, bleibt er stehen und lauert auf das unmerkliche Weiterrücken des
                  Zeigers.</p>
               <p>Die Leute gehen auch langsamer durch den Hof als sonst, sie schauen auffällig nach
                  der Türe und dem Fenster des Leopold, sie wissen bereits, daß er fortgeht; der
                  Hausmeister hat es schon weitergetragen. Wie sich der Mann auf seinen alten Platz
                  am Fenster setzt, da grüßt ihn sogar eines der Weiber, er merkt es aber nicht, er
                  schaut nur über den Hof hinweg auf die Straße, die von hellem Sonnenschein
                  vergoldet vor ihm liegt. Der Hausmeister kommt herangeschlurft und sagt mit einem
                  Blick über die Achsel: »Die – hat mir heut nacht gesagt, daß du gehst – ich soll
                  dir die Kisten nachbringen, ist es wahr?«</p>
               <p>»Wahr ist es«, erwiderte der Leopold kurz.</p>
               <p>»Wann?«</p>
               <p>
                  <pb/> »Gegen Mittag.«</p>
               <p>»Zu deinem Weib?«</p>
               <p>»Ja.«</p>
               <p>»Gut, daß die Wirtschaft da ein End hat. War eine Schand für unser Haus«, brummte
                  vergnügt der Mann.</p>
               <p>»Darum hat dich niemand gefragt«, sagte der Leopold, stand auf und ging zurück in
                  die Stube.</p>
               <p>»Es ist Zeit«, mahnte die Hanne und knüpfte dem Kinde noch ein seidenes Tüchlein
                  um den Hals. »Wenn der Bub nur ein wenig hustet, so gebt ihm gleich einen kalten
                  Umschlag um den Hals – merke dir das –, seit der Bräune ist er empfindlich, und
                  einschlafen tut er jetzt nur auf der rechten Seite – sonst kriegt er Herzklopfen –
                  und Grießsuppe darf er keine essen, die vertragt er nicht – und jetzt – jetzt
                  geht, geh in Gottes Namen – jetzt – geh – Lepold.«</p>
               <p>So, da standen nun die Nachbarn alle in der Nähe der Türe und warteten und
                  steckten die Köpfe zusammen. Richtig, jetzt geht die Türe auf, und der Leopold
                  kommt heraus. Zwischen Tür und Angel schüttelt ihm die Hanne noch einmal die Hand,
                  und dann legt sie ihm das Kind in den Arm, und jetzt geht er.</p>
               <p>»Lepold, wart!« ruft die Hanne bei dem ersten Schritt, den er macht. Sie legt ihm
                  die Hand auf die Schulter und flüstert, damit es die Umstehenden nicht hören
                  können: »Ich hab noch vergessen, dir zu sagen, daß du still sein sollst. – Sag der
                  Lene niemals die Wahrheit wegen uns zwei. – Sie tät es dir doch nicht glauben und
                  hätt dann« – die Hanne konnte das Wort nicht finden für das, was sie doch deutlich
                  empfand. »Ich mein halt, sie hätt dir weniger zu verzeihen, wenn sie die Wahrheit
                  wüßt, und sie verzeiht dir halt jetzt gern recht viel.« – Das Mädchen stammelte
                  und verdeckte ihre gramerfüllten Augen mit der Hand, um sie vor den Sonnenstrahlen
                  zu schützen.</p>
               <p>»Ich werd schon in der rechten Stunde das Rechte sagen«, erwiderte der Leopold
                  ernsthaft und ging langsam weiter.</p>
               <p>»Renn ihm nach, deinem Schatz!«</p>
               <p>»Er laßt sich nimmer halten, gelt?«</p>
               <p>
                  <pb/> »Hast dir eingebildet, du bist schöner als die Lene?«</p>
               <p>»Aus der Tanz.«</p>
               <p>So schwirrte es rechts und links um sie, und sie hörte es doch gleichsam aus
                  weiter, weiter Ferne – sie lief in die Stube und eilte wie suchend zu dem Platz am
                  Fenster, wo er noch vor Minuten saß, dort kauerte sie sich hin und blickte ihm
                  nach, der mit festen Schritten weiter und weiter ging. – Jetzt hielt ihn nichts
                  mehr zurück – er hatte den Hof hinter sich – die Einfahrt jetzt – nun ging er
                  durch den Torbogen – und jetzt schritt er schon die sonnenhelle Straße hinab –
                  immer weiter fort – immer kleiner und kleiner wird der Mensch – da wirbelt eine
                  Staubwolke – sie verschwindet – und der Leopold ist nimmer zu sehen.</p>
               <p>Niemand sprach ein freundliches Wort zu ihr, sie glotzten sie nur stumm an oder
                  schmähten sie halblaut, dann kicherten sie und zuckten die Achseln. Als sie aber
                  bewegungslos in der Sonnenhitze sitzen blieb, begannen sie allmählich, an ihr
                  Tagwerk zu gehen, nur die Hanni rührte sich nicht, sie schaute noch immer – immer
                  hinaus auf die Straße. Erst als der Hausmeister kam und all das Zeug für den
                  Leopold holte, da regte sie sich, half ihm heben und schieben, und wie alles auf
                  dem Karren war und der Mann davonfuhr, schloß sie das Fenster, kam heraus, sperrte
                  die Türe ab und eilte hinüber auf den Trockenplatz.</p>
               <p>Vorsichtig spähte sie dort um und um und erhaschte die Minute, wo sie ungesehen
                  ihr Versteck erreichen konnte, sie schob die Bretter beiseite und kroch in den
                  Judengarten.</p>
               <p>»O mein Gott ... mein Gott!« wimmerte sie, watete durch das hohe Gras, schwankte
                  und taumelte mit leichenfahlem Antlitz dem Hügel zu – aber da stierte ihr zwischen
                  den Zweigen ein Gesicht entgegen, so bleich und verstört wie ihr eigenes.</p>
               <p>»Hab lang da auf dich g'wart'! Ich hab g'wußt, du wirst daherkommen, dich
                  ausheulen, weil dein Schatz ein Kalfakter ist und ...«</p>
               <p>Doch die Strohschneider-Marie konnte nicht ausreden, sie sprang auf und breitete
                  die Arme aus, denn das lange Mädchen <pb/> fiel gerade, wie es stand, auf den
                  Hügel und regte sich nicht.</p>
               <p>»So, da hab ich die Bescherung«, seufzte die Kneipensängerin und öffnete behutsam
                  das Kleid der Hanni, setzte sich zu ihren Häupten und nahm den Kopf der
                  Ohnmächtigen in ihren Schoß. Fast zärtlich strich sie ihr das Haar aus der Stirne,
                  und als die Hanne wieder zu atmen begann, sagte sie tröstend: »Leg ein Stein
                  drauf. – Wirst nicht dran sterben, halt dich nur zusammen. Überleben kann man jede
                  traurige Dummheit, freilich, vergessen wirst's dein Lebtag nicht, was die Blauen
                  Gäns für G'sichter g'macht haben, wie dein Schatz von dir fortgangen ist.«</p>
               <p>»Er war nicht –«, schluchzte die Hanni, preßte aber schnell die gefalteten Hände
                  an den Mund.</p>
               <p>»Halt dich zusamm', vielleicht wirft ihn seine tugendhafte Frau mitsamt seinem
                  Buben bald hinaus, dann kommt er g'schwind wieder zu dir, denn eine dümmere als
                  dich find't er gar nirgends, und Charakter hat er schon lang keinen mehr, davon
                  könnt ich dir eine G'schicht erzähln von lang her ... Damals hatte er noch alle
                  zwei Arm g'habt – und ich war ein blutjunges Mädel. Wie er heimkommen ist, hat er
                  mich kaum mehr kennen wollen und mich über die Achsel ang'schaut, und er hat doch
                  recht gut g'wußt, er ganz allein, wie er mich g'funden hat drei Jahr früher. Jetzt
                  weißt's. Wart schön ruhig, er kommt bald wieder ...«</p>
               <p>Er kam aber nie wieder.</p>

               <p>Zur selben Stunde, als die Hanni verstört und zerbrochen auf dem Hügel des
                  Judengartens kauerte, lag in dem Zimmer der Leni auf dem grauweißen Teppich mit
                  den blauen Blümchen ein stiller Mann. Er hatte die Augen weit offen und starrte
                  mit einem klagenden Blick ins Leere. Um seinen Mund stand ein ödes Lächeln, wie
                  von einem Bildhauer mit dem Daumen in weichen Lehm gedrückt, unfertig und halb
                  verwischt.</p>
               <p>Aus der schmalen Brustwunde sickerte noch das Blut, als die Menschen in das
                  blau-weiße Zimmer stürzten und ihn tot fanden<pb/> . Sein Taschenmesser lag neben
                  ihm, er hatte sich gut getroffen damit.</p>
               <p>»Warum?« fragten die Leute seine junge schöne Witwe. Die Leni wurde bleich und
                  rot, zitterte und stammelte züchtig: »Weil ich ihm hab sagen müssen, daß ich
                  nimmer sein Weib sein kann, nachdem er meiner falschen Freundin ihr Schatz war.
                  Ich hab ihm und ihr alles verziehen, aber vergessen kann ich es nicht.«</p>
               <p>Am nächsten Morgen schickte sie den kleinen Polderl zu der falschen Freundin, um
                  den letzten Willen des Sterbenden zu erfüllen, damit er nur gewiß rasch Ruhe fände
                  in seinem Grabe.</p>

               <p>Der junge Soldat hat die Geschichte seiner Eltern zu Ende gelesen, er dreht die
                  Lampe aus und schaut hinauf zu der bleichen Mondscheibe, die in dem grauen
                  Morgenhimmel verschwimmt.</p>
               <p>
                  <pb/> »Jungfer Murter!« sagt er leise und weich, »bist schon munter?«</p>
               <p>»Ich hab nicht g'schlafen, Kind.«</p>
               <p>»Und ganz g'nau hast du dem einsamen Spatz die G'schicht erzählt?«</p>
               <p>»Freilich. So wie's halt war. – G'hört und g'sehn hat er ja selber auch viel, dein
                  Herr Vater hat oft die längste Zeit mit ihm g'redt, besonders nach seiner schweren
                  Krankheit. Alle Leut im Haus hat er auch allerweil ausgefragt und hat über unser
                  ganzes Haus ein großes Buch zusammeng'dicht, mir hat er extra das davon
                  abg'schrieb'n, weil's dich angeht, aber ich kann's halt nicht lesen«, seufzt sie
                  beschämt.</p>
               <p>Er richtet sich auf, sitzt eine Weile nachdenklich auf dem Rand seines Lagers,
                  schlenkert mit den Beinen langsam hin und her, wie er es als Bürschlein getan,
                  wenn er über seinen Aufgaben brüten mußte, nagt an dem kleinen Finger, und dann
                  sagt er langsam mit der sanft klingenden Stimme seiner schönen Mutter: »Sie
                  riechen noch allerweil, die Rosen von – ihr, aber – nimmermehr gut.«</p>
               <p>»So mach's Fenster auf. Weißt, sie verwelken halt g'schwind, weil's auf lauter
                  Draht g'bunden sein.«</p>
               <p>»So wie die falschen Rosen, gelt?« Er nickt ernsthaft und öffnet das Fenster, aber
                  so, als ob er etwas sehr Wichtiges täte, dann setzt er sich wieder bedächtig auf
                  sein Lager und betrachtet aufmerksam die Spitze von seinem kleinen Finger.</p>
               <p>Ein dünner Nebel schwebt draußen über dem Hof; in dem mageren Akazienbaum zirpen
                  die Spatzen, sonst ist es still. Die feuchtkalte Morgenluft strömt in das Zimmer
                  und verdrängt langsam den herben Rosenduft.</p>
               <p>»Murterl! Heut schicken wir der Frau Mutter ihren Buschen zurück!«</p>
               <p>»Warum, mein Kind?«</p>
               <p>»Weil ich nicht selbst damit hingehn mag – und weil ich mein Lebtag nimmer zu ihr
                  geh!«</p>
               <p>»Aber Bub! Warum?« stammelt die Hanni erschreckt. »Weil sie gelogen hat, weil sie
                  gesagt hat, daß du der Schatz von meinem Vater warst, Jungfer Mutter!«</p>
               <p>
                  <pb/> Es ist mit einmal, als sei jeder Laut erstorben in der Natur und in den vier
                  Wänden da. Und jetzt ein verschämtes, schwaches, bitterliches Weinen – und gleich
                  danach das atemlose Schweigen wieder – und nun, jählings, ungestüm, unaufhaltsam,
                  ein widerstandsloses, befreiendes Schluchzen.</p>
               <p>»O mein Herr und Gott! – - Lepold!... Kind!... Wer hat dir die Wahrheit gesagt?...
                  Du bist der erste, der das weiß und glaubt!... Wer hat dir's g'sagt ... wer!?«</p>
               <p>»Ach geh! – Wer? – Mein kleiner Finger – und der Vollmond –«, scherzt der Leopold,
                  und dabei schaut er immer auf das Büchlein, lächelt zufrieden und zwirbelt beide
                  Enden seines Schnurrbärtchens recht selbstbewußt auf.</p>
               <p>Die alte Jungfer bewegt lautlos die Lippen und weint noch immer vor sich hin.</p>
               <p>Da fliegt ein Schatten über sein frisches Gesicht. »Mußt nicht weinen«, er deutet
                  lässig hinauf zu der weißen Mondscheibe, die noch am Morgenhimmel steht, und seine
                  Stimme zittert leicht. »Schau nur den Mond an, wie schneeweiß der worden ist,
                  siehst's, der schämt sich, daß die Leut auf der Welt manchmal keine Augen und kein
                  Hirn im Kopf haben und's Herz nur am Sonntag einhängen, wenn's ausgehn, weil wo
                  was Besonders passieren könnt, wo sie's herzeigen müssen. – Mit den G'schichten,
                  die sie alle Tag sehn und mit denen sie alt werden, strengen sie sich nimmer
                  an.«</p>
               <p>»Poldl, zum Erschrecken ist dir das, du redst wie dein seliger Vater manchmal! –
                  Aber glaub mir, mein Kind, es gibt auch viel gute, gute Leut – ich hab's
                  kenneng'lernt!« »Du!? – Kann schon sein! – Wenn's g'nug g'schimpft haben und wenn
                  man nichts braucht hat von ihnen, nachher sein's die allerbesten. – Wer hat denn
                  dir geholfen?« Der Leopold läßt seine zehn Finger rasch nacheinander knacken und
                  horcht gespannt, dem Bettschirm zugewendet.</p>
               <p>»Na«, erwidert die Hanni, breit herzählend, »die Laternanzünderin hat dir ein
                  Gugelhupf g'macht, und der einsame Spatz hat mir deine Brief vorg'lesen und dir
                  genau so g'schrieben, wie ich's ihm angesagt hab, und nachher«, sagt sie
                  sinnend.</p>
               <p>
                  <pb/> »Nachher?«</p>
               <p>»Unser Herrgott! Der hat mich allerweil g'sund sein lassen, mir Arbeit geben und
                  dich wieder heimg'schickt. Das andere hat halt so sein müssen.«</p>
               <p>»Alte! Du redst wie die türkischen Bosniaken!«</p>
               <p>»Ich red von meinem Herrgott!« sagt die Hanni erstaunt und als ob sie etwas
                  Unheiliges abwehren müßte.</p>
               <p>»Ja, ja, freilich, der ist wer!«</p>
               <p>»Poldl, ich bitt dich um was«, klingt es leise herüber zu ihm durch das graue
                  Dämmerlicht und den letzten faden Hauch der welken Rosen.</p>
               <p>»So? – Mich? – Du? – Na, was denn?« fragt er und starrt auf den alten
                  Bettschirm.</p>
               <p>»Daß du deine Frau Mutter nicht verstoßen tust, weil's gelogen hat. Es könnt dir
                  Unglück bringen.«</p>
               <p>Der Soldat springt auf, packt sich mit beiden Handflächen an den Schläfen und
                  schüttelt so zwei-, dreimal seinen eigenen Kopf gewalttätig nach rechts und
                  links.</p>
               <p>»Schau, sie ist halt doch deine rechte Mutter!« bittet es eindringlich aus dem
                  dunklen Winkel zu ihm.</p>
               <p>»Sie soll meinen Vater wieder lebendig machen!«</p>
            </div>
         </div>
      </body>
   </text>
</TEI>