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            <title>Ninive : ELTeC ausgabe</title>
            <author ref="http://d-nb.info/gnd/117078719">Janitschek, Maria (1859-1927)</author>
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               <resp>ELTeC conversion</resp>
               <name>Leonard Konle</name>
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            <measure unit="pages">249</measure>
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<publisher ref="https://distant-reading.net">COST Action "Distant Reading for European Literary History" (CA16204)</publisher>
<distributor ref="https://zenodo.org/communities/eltec/">Zenodo.org</distributor><date when="2021-04-09"/>
<availability><licence target="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/"/></availability>
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               <title>Ninive</title>
               <author>Janitschek, Maria</author>
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            </bibl><bibl type="printSource"><author>Maria Janitschek</author>: <title>Ninive</title>.
               Roman, <pubPlace>Leipzig</pubPlace>: <publisher>Verlag Kreisende Ringe</publisher>
                  (<respStmt><resp>editor</resp><name>Max Spohr</name></respStmt>), <date>1896</date>.</bibl><bibl type="firstEdition">Erstdruck: <pubPlace>Leipzig</pubPlace> (<publisher>Verlag
                  Kreisende Ringe</publisher>, <respStmt><resp>editor</resp><name>Max Spohr</name></respStmt>) <date>1896</date>.</bibl></sourceDesc>
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         <div type="chapter">
            <head>
               <pb/> 1</head>
            <p>Es war eine lange Gasse mit niedern Häuschen und Bäumen davor, in der Frau Lobreis
               wohnte. Am Ende der Gasse stand die alte Kirche mit ihrem etwas schiefen Thurm und
               der grünlichen Patina auf dem steil abfallenden Dach. Früher, vor Jahrhunderten, war
               das Kirchlein katholisch gewesen; jetzt gehörte es den Evangelischen.</p>
            <p>Alle Sonntage war Gottesdienst. Dann erklang eine alte wundersame Orgel, und der
               Pfarrer, ein weißhaariger Greis, sprach von der Güte Gottes. Manchmal, wenn die
               Kirchthüre geöffnet blieb, schlüpfte wohl gar eine Schwalbe in den dämmerigen
               Gottesraum. Dann kicherten die Kinder und stießen sich verstohlen an. Es war ein
               stiller Winkel, dieses Sienenthal, und wie für müde Menschen zum Ausruhen geschaffen.
               Die aber noch nicht müde waren, fanden es unerträglich langweilig. Zu diesen gehörte
               auch Johanne Grün, die achtzehnjährige <pb/> Enkelin der Frau Lobreis. Ihre Eltern
               waren schon vor Jahren gestorben; sie selbst war damals noch so jung gewesen, daß sie
               sich ihrer fast nicht mehr erinnerte. Sie lebte mit ihrer Großmutter zusammen. Seit
               die alte Frau das Gehör verloren hatte, sprachen sie wenig miteinander. Johanne
               besorgte die kleine Wirtschaft. Das Häuschen enthielt nur drei Stuben, die bald in
               Ordnung gebracht waren. Ebenso der kleine Garten, in dem sie ihr Gemüse pflanzten.
               Hie und da erschien ein oder das andere flachshaarige junge Mädchen bei Großmuttern,
               um Grüße von den Eltern zu bestellen, – die Alte ging nie aus – oder mit Johannen ein
               Viertelstündchen zu plaudern.</p>
            <p>Aber das geschah nicht zu häufig.</p>
            <p>Da wars denn recht ruhig in dem kleinen Haus. Johanne blieb sehr viel sich selbst
               überlassen. Sie strickte Strümpfe in allen Farben und Längen und beschenkte
               alljährlich die Großmutter mit verschiedenen »Haussegen«, Nadelkissen und ähnlichen
               mühsam und zierlich hergestellten Arbeiten. Aber die Zeit wollte ihr trotz des
               Fleißes nicht schneller vergehen.</p>
            <p>Manchmal, wenn es ihr gar zu einsam wurde, verließ sie das Haus und besuchte einen
               der beiden Orte, die ihre einzige Freude bildeten. Da war die Kirche mit ihrer
               dämmerigen Halle, wo sichs so herrlich träumen ließ, oder der alte Kaffee- und
               Zuckerladen an<pb/> der nächsten Ecke, wo man gegen geringes Entgelt auch Bücher zu
               leihen bekam. Die Bücher, die sie da holte, hatten ebenfalls einen leisen Modergeruch
               an sich. Es waren verschiedene alte Autoren, die mit fleckig gewordenen Kupfern
               geziert waren. Fräulein und Frauen im Keifrock mit hohen Frisuren und süßlichem
               Lächeln, oder Jünglinge mit stolzen Zügen, die irgend eine Heldenthat vollführten,
               sah man da.</p>
            <p>Seit der bejahrte Ladenbesitzer gestorben war und eine entfernte Verwandte – man
               hielt sie wenigstens dafür – das Geschäft übernommen hatte, gabs auch neue Bücher zu
               lesen. Johanne brauchte keine Leihgebühr zu bezahlen, da sie sämtlichen Hausbedarf in
               dem Laden kaufte. Die Ladeninhaberin, die aus einer großen Stadt gekommen war,
               schwärmte mit ihr um die Wette für »interessante Geschichten«. Sie war ein älteres
               Fräulein, das wenig Aussicht mehr im Leben hatte und deshalb sofort hierhereilte, das
               Erbe zu übernehmen. Sie lasen Erzählungen von Christoph Schmid und Clauren mit
               derselben Andacht, sie weinten über das Schicksal der Helden Bulvers, und regten sich
               über Eugen Sue auf. Am meisten ergriff Johanne in jener Zeit ein Band von der seligen
               Mühlbach, der »Berlin vor fünfzehn Jahren« hieß und sehr rührselig geschrieben war.
               Manchmal kamen dann einige moderne Autoren hereingeschneit, die im Auftrage des
               Fräuleins von den Verwandten in der <pb/> Stadt für das Geschäft zu billigem Preise
               eingekauft wurden. Dann saß Johanne halbe Nächte über die Blätter geneigt, das heiße
               Gesicht in die Hände gestützt, und las. Und die Großmutter schüttelte mißbilligend
               den Kopf und schalt über den Lichtverbrauch, wenn sie am andern Tag den langen
               verkohlten Docht in der Oellampe sah.</p>
            <p>Die Leute im Markte nannten Johanne wegen ihrer Lesewut scherzend: die
               Märchenprinzessin. Aeußerlich sah sie aber keiner Prinzessin ähnlich. Sie war
               mittelgroß, besaß ein etwas stumpfes Näschen, einen kindischen Mund, der fast immer
               ein wenig geöffnet stand, eine schmale, nicht besonders schön geformte Stirne, und
               reiches braungoldnes Haar, das sie aber recht ungeschickt aufsteckte. Nur eine
               Schönheit war ihr eigen. Ein Paar großer, lieber, blauer Augen, voll träumender
               Sehnsucht und Kindergüte. Ueber diesen Augen wölbten sich tiefschwarze Brauen, in
               schönen Bogen gezeichnet. Der alte Pfarrer pflegte, wenn er die Großmutter besuchte,
               mit den Fingern über diese Brauen zu fahren.</p>
            <p>»Wirklich nicht gefärbt?« sagte er dann jedesmal, die Spitzen seiner Finger
               aufmerksam betrachtend. Johanne, wurde immer sehr rot und lachte. Einmal, als er kam
               fand er sie strickend und dabei lesend.</p>
            <p>»Was liest du denn da?« fragte er. Sie reichte ihm das Buch hin. Es war ein Roman
               Walter Scotts. Der Pfarrer sah sie mißbilligend an.</p>
            <p>
               <pb/> »Wie kannst du solches Zeug lesen? Das verdreht dir den Kopf. Du müßtest
               weniger lesen und mehr im Haus arbeiten«.</p>
            <p>Solange die Großmutter lebte, ließ sich wenig thun.</p>
            <p>Abends ging Johanne zu Fräulein Wewerka und klagte ihr, daß der Pfarrer sie
               ausgescholten hätte.</p>
            <p>»Ach in einem so langweiligen Nest« meinte das Ladenfräulein, »was soll man denn
               anders thun als lesen, besonders wenn man so allein steht wie Sie. Lesen Sie nur
               weiter, das ist kein Unrecht«.</p>
            <p>Da augenblicklich niemand in den Laden kam, setzten sich die Beiden auf das alte
               schwarze Ledersopha und plauderten.</p>
            <p>»Nirgends ists so gemütlich wie bei Ihnen« meinte das junge Mädchen und blickte in
               dem engen verräucherten Stübchen umher.</p>
            <p>»Das machen wohl nur die vielen Bücher auf den Wandregalen« sagte Fräulein Wewerka,
               »mir kommts schrecklich ungemütlich hier vor. Ich bin an die großen Räume in der
               Stadt gewöhnt, aber was will man machen. Hätte ich das Geschäft verkauft, so wäre ich
               sicher dabei zu kurz gekommen. So trägt es mir, wenn auch nicht hohen, aber sichern
               Gewinn, von dem ich später einmal in der Stadt leben kann«.</p>
            <p>»Also Sie gehen wieder dahin zurück?« Johanne blickte sie neidvoll an.</p>
            <p>
               <pb/> »Ja später, nach einigen Jahren; sagen Sie es aber noch niemandem«.</p>
            <p>»Mein Gott, wie schön muß es dort sein« seufzte die Kleine.</p>
            <p>»Und die vielen berühmten Leute, die in so einer Stadt wohnen, der Kaiser und die
               Generale, und die Künstler alle« setzte Fräulein Wewerka hinzu. »Mein Bruder ist
               Redakteur einer Zeitung und selbst Schriftsteller; alle die bekanntesten Dichter
               kommen zu ihm und unterhalten sich mit ihm. Auch große Schauspieler und deren Frauen.
               Das ist herrlich. Da weiß man doch, daß man lebt und auf der Höhe seiner Zeit
               steht.«</p>
            <p>»Ach ja, jawohl« die Augen des jungen Mädchens glänzten, »wenn ich doch auch einmal
               dahin könnte. Aber ich habe keinen einzigen Menschen da«.</p>
            <p>»O was das betrifft« meinte das alte Fräulein, »ist man erst dort, so macht man genug
               Bekanntschaften«.</p>
            <p>In diesem Augenblick ertönte mit dünnem Klang die Ladenklingel. Betty Wewerka erhob
               sich, um die eintretenden Kunden zu bedienen. Johanne schüttelte ihr die Hand und
               entfernte sich, das erhaltene Buch sorgsam unter ihrem Tuche verbergend.</p>
            <p>So wenig inhaltreich das Gespräch war, für Johanne barg es dennoch eine Fülle Stoffes
               zum Nachdenken. Sie konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Sie hatte noch keine große
               Stadt gesehen, und ihre Phantasie <pb/> zauberte ihr Bulvers Pompeji vor. Marmor auf
               den Straßen, herrlich gekleidete Menschen, Häuser aus edlem Gestein, Gärten voll
               köstlicher Gewächse. Und in dieser prächtigen Umgebung schritten sie dahin, die
               Berühmten, klassisch schöne Gestalten, denen man es ansah, daß sie wunderbare Bücher
               schrieben und himmlische Musik machten.</p>
            <p>»Da weiß man, daß man auf der Höhe seiner Zeit steht«. Ach Gott, ja. Mit einem
               Seufzer kehrte sich Johanne zum dreißigsten Mal in dieser Nacht in ihrem Bettchen um
               und entschlief endlich. Am Morgen saß sie verträumt am Herde und bereitete das
               Frühstück. Drin in der Stube gröhlte die Großmutter, daß der Kaffee so lange auf sich
               warten lasse. Johanne machte ein Mäulchen. Heute zum ersten Mal fand sie, daß die
               Großmutter doch gar zu wenig auf sich hielt. Sah sie eigentlich – nicht aus wie eine
               Hexe in ihrem blauen altmodischen Tuchspenzer über dem schwarzen, kurzen Rock, der
               die in Filzschuhen steckenden Füße sehen ließ? Und diese große, schwarze Bänderhaube,
               die sie wer weiß wie lange schon trug, und aus der ihr verrunzeltes blasses Gesicht
               fast unheimlich hervorblickte. Auch krochen immer ein paar Büschel fahler Haare aus
               der Haube an den Schläfen hervor. Und manchmal konnte sie ordentlich wild aussehen,
               die Großmutter, wenn ihr etwas gegen den Willen geschah, denn sie hatte noch recht
               lebendige <pb/> Augen, graue, durchdringende, und es wäre schwer gewesen, sie
               anzulügen. Freilich, in dieser verblichenen, wenig schönen Hülle steckte ein
               wackeres, braves Herz, das viel gelitten und viel gekämpft hatte.</p>
            <p>Während Johanne sie mit weniger zärtlichen Blicken als sonst betrachtete, fiel ihr
               dies plötzlich ein, und sie trat leise zu ihr und zog ihre Hand an die Lippen.</p>
            <p>Dann ging sie, um Raupen von den Kohlköpfen zu suchen. –</p>
            <p>Trotzdem äußerlich alles war wie gestern, innerlich, tief in ihr, drängten sich
               fremde, neue Bilder. Am Nachmittag besuchten sie zwei junge Mädchen.</p>
            <p>Sie plauderten wie immer ihre harmlosen Neuigkeiten aus. Nachbar Hausners Hahn war
               abgestochen worden, weil er von Alter blind war und die Körner im Futtertrog nicht
               mehr sah. Fiedlers Karl hatte seinen Schuhladen neu angestrichen, und die Bäckerliese
               hatte endlich das ersehnte kleine Mädchen zu ihren fünf Buben gekriegt.</p>
            <p>Johanne bemühte sich, ein interessiertes Gesicht zu zeigen. Aber bei sich dachte sie:
               sonst giebts nichts? Die jungen Mädchen fanden sie einsilbig, und sie fand die jungen
               Mädchen langweilig, und so trennten sie sich zum ersten Mal weniger herzlich als
               sonst. Als sie fort waren, und die Großmutter wie gewöhnlich in ihrem Sessel
               schlafend saß, während das Strickzeug müßig in <pb/> ihrem Schooß lag, zog Johanne
               ihr Buch hervor. Es waren Gedichte, und der Mann der sie geschrieben hatte, hieß Hans
               Tage.</p>
            <p>Johanne las von blauen Lüften mit singenden Sternen, von heimlichen Wäldern mit
               Vögeln, die träumten und im Schlaf ihr goldenes Gefieder wiegten. Sie las von
               Menschen, die mit Kronen auf den Häuptern umherschritten und jeden sie Begegnenden
               »du« und »Bruder« nannten; von großen Festtafeln, die sich von einem Ende der Stadt
               zum andern zogen und nie leer wurden, so daß es keinen Hunger mehr im Lande gab. Von
               köstlichen Spielen, an denen alle, auch die keinen Reichtum besaßen, teilnehmen
               durften. Von Kraft, Schönheit, Gesundheit, die Jeder haben konnte, der sie begehrte.
               Sie las und las, und weinte warme, junge Thränen über diese Welt voll herrlicher
               Güte, die der edle Dichter den Armen schenken wollte, und auch schenkte, wenn auch
               nur auf den – Buchseiten. Johanne küßte den Namen des Autors und saß, die Hände im
               Schooß gefaltet, lange Stunden in seligem Rausche da. Was mußte das für ein Mensch
               sein, der so Herrliches schrieb?</p>
            <p>Eine Art Christus, ein ganz Großartiger.</p>
            <p>Und schön mußte er sein, der so dichten konnte!</p>
            <p>Gleich einem Menschen der Vorzeit, mit Schultern stark wie aus Marmor, die mitleidig
               das ganze Leid der Menschheit auf sich laden wollten; mit Händen die <pb/> vor Gnade
               tropften, mit Augen, leuchtend und groß und blau wie die Südsee.</p>
            <p>Der stand auf der Höhe seiner Zeit. Wer doch seine Hand berühren, ihm ins begeisterte
               Auge schauen durfte. Mit ihm sprechen, Geist von seinem Geist empfangen! .....
               Johanne suchte schauernd und glühend ihr Schlafstübchen auf .....</p>
            <p>Im Sommer glich Sienenthal einem blühenden Garten, in dem sich die kleinen Häuser wie
               Lusthäuschen ausnahmen. Auch die »Hauptstraße«, die lange Gasse, in der Johanne
               wohnte, war voll vom Dufte der Linden, dem Gezwitscher der Vögel.</p>
            <p>Man konnte sich sehr wohl fühlen in diesen Gäßlein, auf diesen Plätzen wo das Gras
               zwischen den Steinen wucherte, und Gänse, Enten und gackernde Hühner
               umherstiegen.</p>
            <p>Aber im Winter! Als ob alles ausgestorben wäre! Selbst der Klang der alten Orgel
               drang nur spärlich herüber und besaß nicht die Macht, den dicken eisigen Nebel zu
               durchbrechen, der über der Gegend lagerte. Dann schlichen die Leute in große, grobe
               Tücher gehüllt umher, und nur ihre vor Kälte bläulichen Nasen guckten aus den Hüllen.
               Und jeder hielt sich soviel wie möglich im Innern seiner Wohnung auf, und draußen war
               alles voll unbetretnen Schnees und voll Einsamkeit. Johanne erschienen diese leeren
               langen Tage und Abende an der <pb/> Seite der tauben Großmutter unbeschreiblich
               traurig. Sie saßen dann einander gegenüber, die Alte nickte und die Junge
               beschäftigte sich mit irgend einer Handarbeit und beobachtete dabei das Gesicht der
               Greisin.</p>
            <p>Und dann dachte sie: so werde auch ich einst aussehen wenn ich alt bin; und sie
               konnte nicht genug staunen, wie diese Frau mit dem eingetrockneten, fahlen Gesichte
               einmal rund und rosig und schön war und Liebe und Gefallen erregt hatte.</p>
            <p>Und doch war ihr oft genug erzählt worden, daß ihre Großmutter die schönste Frau in
               Sienenthal gewesen sei und ehe sie ihren Mann, den Gemeindeschreiber, geheiratet
               hatte, von Freiern umlagert war.</p>
            <p>Einmal sagte der Pfarrer zu Johanne: »Du müßtest frömmer sein, Kind, dann vergingen
               auch deine schwermütigen Gedanken.</p>
            <p>Siehst du, wer einen liebenden Vater über sich im Himmel weiß, und ein reines Herz
               hat, wen keine Sorgen und Krankheiten plagen, der ist doch thöricht, wenn er sich
               nicht glücklich und zufrieden fühlt«. Der gute Pfarrer! Das war alles schön und wahr,
               aber –</p>
            <p>Wenn doch der liebe Vater im Himmel ein wenig näher gewohnt oder sich manchmal herab
               bemüht hätte, daß man den Kopf auf seine Füße drücken und ihm hätte sagen können, wie
               lieb man ihn habe. Johanne sehnte sich leidenschaftlich nach einer blutvollen
               Wirklichkeit. <pb/> Und da sie durch ihr beständiges Denken und Grübeln, und durch
               das viele Lesen über die Interessen junger Mädchen ihres Alters hinausgewachsen war,
               so blieb ihr nur ein Mensch, mit dem sie sich leidlich unterhalten konnte: das
               Ladenfräulein an der Ecke. Fast jeden Abend saß Johanne ein Stündchen dort und hörte
               mit glänzenden Augen den wahren und erdichteten Geschichten zu, die Betty Wewerka ihr
               erzählte. Manchmal brachte sie auch konfuses Zeug vor, daß das junge Mädchen an ihrem
               gesunden Menschenverstand zu zweifeln begann. Dann rötete sich ihre spitze Nase und
               die kleinen schwarzen Augen nahmen einen irren unbestimmten Ausdruck an. Aber sie
               fand sich meist wieder zurecht und ging dann schnell über ihren seltsamen Zustand
               hinweg.</p>
            <p>Natürlich bildete die große Stadt den Schauplatz ihrer Erzählungen, und ihr Bruder,
               der berühmte Schriftsteller war der Held.</p>
            <p>Johanne kannte bereits jede Straße, jeden Platz, jedes größere Gebäude dieser
               gerühmten Stadt. Einmal erzählte ihr Betty von den köstlichen Gartenanlagen, die sich
               dort befänden. »Das muß ja das reine Ninive sein« rief Johanne, die eben einen
               exotischen Roman las, in dem Frau Semiramis vorkam.</p>
            <p>Und seit dieser Zeit nannte sie den Schauplatz von Bettys Geschichten scherzend:
               Ninive. Man wird unwillkürlich <pb/> zu Uebertreibungen geneigt, wenn man seine
               Lieblingsstätten jemandem schildert, umsomehr, wenn dieser Jemand gar so wenig mit
               seiner Verwunderung und naiven Freude geizt wie Johanne. Sie hetzte die Andere
               förmlich, die Wunder der Großstadt noch wunderbarer zu schildern als sie waren. Und
               jemehr Johanne mit ihrer Phantasie sich in die Ferne hineinlebte und wünschte, um so
               entfremdeter wurde ihr die Nähe. Der Ort, wo man nichts erfahren hat, läßt einen
               kalt, sei er auch noch so schön. Erst das Erlebnis giebt ihm die Weihe, macht ihn
               lieb, interessant. Johanne hatte hier nichts durchlebt als eine Schulzeit, die ihr
               heute sehr langweilig erschien, viele, viele mit Handarbeit ausgefüllte Stunden,
               Nächte, in denen ihr nichts träumte, und Tage, die kein Ende zu nehmen schienen.</p>
            <p>Ihr war es, als ob drüben in »Ninive« mächtige Ereignisse auf sie warteten, große
               Wandlungen ihres Lebens ihrer harrten. Ihre junge Seele war überaus hungrig, denn sie
               war ganz leer, – weder schlecht noch gut, weder zum Höchsten noch zu Niederm geneigt,
               die Seele eben eines jungen Mädchens, das noch nichts erfahren hat, als den Frieden
               seines Hauses. Augenblicklich lebte in ihr eine große warme Liebe zu jenen Menschen,
               deren Werke sie las. Alle zusammen könnte sie persönlich kennen lernen, wenn sie
               hinüberkäme in die »Wunderstadt«, meinte Betty. Auch <pb/> Hans Tage lebte dort, der
               Dichter mit dem weichen, gnädigen Herzen.</p>
            <p>Eines Tages schob die Großmutter die Suppe mit einer Bewegung des Widerwillens
               zurück.</p>
            <p>»Versalzen«.</p>
            <p>Am andern Tage brummte sie: »Der Kaffee ist verbrannt, er schmeckt gallig«.</p>
            <p>Am dritten Tage schlief sie immerfort und war kaum zu bewegen, die Augen zu öffnen.
               Da nahm Johanne die Hände der alten Frau in die ihren und hauchte darauf, denn sie
               waren eiskalt. Sie sah ratlos im Stübchen umher. Die alten, bräunlichen Möbel in
               ihrer großen derben Eckigkeit konnten ihr nicht raten.</p>
            <p>Sie breitete eine gewärmte Decke über die Großmutter und ging zum Arzt. Das war ein
               alter grober Mann, der schon seit mehreren Dezennien hier Kranke heilte und tötete,
               wies eben kam. Aber man rief doch lieber ihn, als den modischen Medizindoktor, der
               einen goldnen Klemmer auf der Nase sitzen hatte, feine gestickte Wäsche trug, und
               furchtbar über die dummen Sienenthaler schimpfte. Der Doktor verordnete der alten
               Frau heißen Wein, in den Eierdotter gesprudelt waren, einen warmen Ziegelstein unter
               die Füße, und wenn dies nicht half, den Pfarrer.</p>
            <p>Es half wirklich nicht. Sie that immerzu, als schliefe sie, und stand auf nichts Rede
               und Antwort. <pb/> Johanne holte ein paar Nachbarinnen, weinte und ging endlich zum
               Pastor. Der kam, legte seine Hand der Kranken auf die Stirne und sah ihr lange in das
               wachsfarbene Gesicht. Er sprach auch einige leise Worte zu ihr; als sie aber
               regungslos blieb, faltete er die Hände zu einem stummen Gebet und schritt leise
               hinaus. Draußen stand Johanne zitternd und sah ihn an. Er lächelte mild und nahm ihre
               Hand in die seine.</p>
            <p>»Sie schläft hinüber; sei ganz ruhig und laß sie. Gegen Abend komme ich wieder«.</p>
            <p>Und als abends die Lichtlein im Orte angezündet wurden und der Hofhund des Nachbars
               kläglich zu weinen begann, öffnete der Geistliche behutsam die Thür und sah die
               Großmutter wie nachmittags in ihrem Bette ruhen, aber ein weißes Tüchlein lag auf
               ihrem Antlitz. –</p>
            <p>Da nahm er das am Bett schluchzende Kind, das er getauft und konfirmiert hatte, in
               seine Arme und sagte:</p>
            <p>»Nun stark sein Kleine. Wir alle haben einen Tag vor uns, da man ein Tüchlein über
               unser Gesicht breitet« .....</p>
            <pb/>
         </div>
         <div type="chapter">
            <head>2</head>
            <p>Johanne erhielt einen Vormund.</p>
            <p>Es war ein alter Mann, der früher das Schlächtergeschäft betrieben hatte und jetzt in
               einem kleinen Hause mit seiner kränklichen Frau der Ruhe pflegte.</p>
            <p>Er war ein guter Freund der Großmutter gewesen, und es schien allen natürlich, daß er
               die Sorge um das junge Mädchen übernahm. Seltsam, weder die alte Frau noch der
               Pfarrer, noch Ritter, der Vormund, hatten sich jemals die Frage vorgelegt: was
               geschieht mit dem jungen Mädchen, wenn es einmal allein in der Welt steht? Der
               Verkauf des Häuschens mit dem Garten würde kaum mehr als vier-, fünftausend Mark
               ergeben haben. Davon konnte aber kein Mensch leben. Also lag es nahe, daß Johanne
               sich irgendwo als Magd verdingte.</p>
            <p>Auf dem Lande brauchen sie aber kräftige Dirnen, die gut feldarbeiten können. Und
               Johanne war eher schwächlich als stark. Außerdem verstand sie gar nichts von der
               Landwirtschaft. <pb/> Was sollte man mit ihr beginnen? Ritter meinte: du bleibst
               jetzt ruhig bei uns. Das Häuschen suchen wir zu verpachten; wenn du dich einmal
               verheiratest, hast dus bequem und kannst dich gleich in dein Eigentum
               hineinsetzen.</p>
            <p>Johanne wohnte nun bei den beiden alten Leuten. Die Frau war sehr wunderlich und
               konnte es nicht leiden, wenn Johanne las oder sich mit feinen Handarbeiten
               beschäftigte. Sie ließ sie unaufhörlich scheuern und putzen, obzwar alles in Küche
               und Haus vor Sauberkeit glänzte. Man zeichnete ihr jeden ihrer Schritte vor, und wenn
               sie etwas länger ausblieb als gewöhnlich, gabs Schelte. Und dabei hatte sie ein
               kleines unfreundliches Stübchen, in dem sich kein Ofen befand und wo sie Winters
               frieren mußte. Sie wurde von Tag zu Tag trauriger. Die schöne Welt war nun versunken,
               die ihr von den Büchern, in denen sie früher lesen durfte, in ihre Einsamkeit
               gezaubert wurde. Die beiden greisen wunderlichen Leute waren kein Ersatz für die
               Großmutter. Die Sehnsucht nach jungen Menschen, nach Leben, nach Freude wurde täglich
               mächtiger in ihr. Da draußen in der Welt wars so herrlich! und sie in diese
               schreckliche Wüste verbannt!</p>
            <p>Eines Tages lief sie ohne Erlaubnis davon, in den Laden des alten Fräuleins und
               klagte ihr Leid. Betty strich ihr beschwichtigend über das Haar und zog sie auf das
               alte Ledersopha im Stübchen neben dem Laden.</p>
            <p>
               <pb/> »Wenn ich so ein lieb jung Mädchen wäre wie Sie, ich wüßte wohl, was ich thät.
               Ich ginge nach ›Ninive‹, lernte da etwas, z.B. Kindergärtnerei, erhielte eine feine
               Stellung, machte nette Bekanntschaften, und vergnügte mich«.</p>
            <p>Johanne faßte die Sprecherin an den Händen.</p>
            <p>»Ach Gott, könnt ichs doch, könnt ichs doch! Aber es geht ja nicht. Hab ich doch
               keine Seele dort, die sich meiner annehmen würde«.</p>
            <p>»Und wenn Sie jemand dort fänden – ein bischen Geld besitzen Sie ja auch, um sich
               irgendwo in einem anständigen Hause einzulogieren – würden Sie hinreisen?«</p>
            <p>»Und ob, und ob« rief Johanne mit glänzenden Augen.</p>
            <p>»Dann will ich an meinen Bruder schreiben, er soll etwas für Sie Passendes
               suchen«.</p>
            <p>Johanne schrie glückselig auf.</p>
            <p>»Ach Gott, wird das herrlich, mit ihnen allen, die ich so lieb habe, die meine
               Freunde sind, in derselben Stadt sein, dieselbe Luft atmen dürfen, Betty, Betty!«
               Plötzlich machte sie ein ernstes Gesicht.</p>
            <p>»Aber der Vormund? wird ers erlauben, wird er drauf eingehen?«</p>
            <p>»Ich rede mit ihm« versprach Betty Wewerka, in deren Interesse es zu liegen schien,
               Johannes Wunsch zu unterstützen.</p>
            <p>
               <pb/> In Wahrheit befand sich ihr Bruder in mißlichen Verhältnissen, in denen ihm
               jede, auch die kleinste Einnahme zu gute kam. Erhielt er Johanne in Pension, so
               flossen ihm ein paar hundert Mark jährlich mehr zu.</p>
            <p>Fräulein Wewerka bearbeitete nun die beiden alten Ritters, stellte ihnen vor, wieviel
               gute Anregung Johanne im Haus ihres Bruders empfinge, wie sie in der Stadt tüchtig
               lernen würde; es seien dort viele Fortbildungsschulen für junge Mädchen, man dürfe
               dem »Bildungsdrang« eines jungen Menschen kein Hindernis in den Weg legen u.s.w.</p>
            <p>Schließlich gaben die beiden Alten nach und willigten in die Uebersiedelung ihres
               Mündels nach der Stadt ein.</p>
            <p>Es wurde ein Termin festgesetzt, an dem Johanne reisen sollte.</p>
            <p>Das junge Mädchen ging wie im Traum umher. Die Seligkeit ließ sie Essen und Trinken
               vergessen, ließ sie den Bekannten, die sie anhielten, um ihr ein paar freundliche
               Worte zu sagen, die Antwort schuldig bleiben. Wenn sie an ihrem lieben alten
               Häuschen, in dem sie ihre Kindheit verbracht hatte, vorüberschritt, lachte sie
               heimlich und sagte: du altes schräges Ding, nun werde ich bald anderes als dich zu
               sehen bekommen. Es war sehr undankbar, aber sie hatte noch kein Leid kennen gelernt,
               wie sollte sie den Frieden zu schätzen wissen?</p>
            <p>Sie nähte sich schnell eine Aussteuer, die ihr großartig <pb/> erschien. Als sie ein
               halb Dutzend grober Hemden, etliche Röcke und Leibchen zusammengearbeitet hatte,
               packte sie alles in einen großen alten Holzkoffer, den sie noch von ihren Eltern
               besaß, und stellte sich ihrem Vormund als reisefertig vor. Man wartete noch etliche
               Tage, bis der Brief von Bettys Bruder kam. Er lautete sehr freundlich. Das junge
               Mädchen möge nur kommen. Er und seine Frau würden es selbst überwachen und ihm
               hülfreich in seinen Bestrebungen an die Hand gehen. »Und – früher oder später sehen
               Sie mich auch« sagte Fräulein Wewerka. »Ich warte nur, bis ich eine bestimmte Summe
               beisammen habe; dann komme ich für immer nach ›Ninive‹.«</p>
            <p>Nun galts noch zwei Besuche. Der eine war schnell gethan. Es war der auf den
               Kirchhof. Mutter und Vater hörten still und unbekümmert unter ihren Blumenhügeln die
               Abschiedsworte der Fortziehenden. Die Toten ereifern sich nicht, denn sie wissen
               vieles, das da kommt.</p>
            <p>Auch der zweite Abschiedsbesuch verlief friedlich. Er galt dem Pfarrer.</p>
            <p>»Weißt du« sagte der alte Herr ruhig zu dem jungen Mädchen, »dir abraten, dein Glück
               in der Fremde zu suchen, würde zu nichts führen. Du gingest doch. Zieh denn. Vergiß
               nicht dein Abendgebet täglich zu sprechen, und vergiß noch etwas nicht: Du kommst
               dereinst wieder, Johanne, und dann wirst du kaum erwarten <pb/> können, diesen alten
               treuen Boden unter deinen Sohlen zu spüren. Ich werde es vielleicht nicht erleben,
               aber denke manchmal daran. Es wird dir ein Trost und eine Mahnung sein«.</p>
            <p>Und dann segnete er sie und entließ sie. Weinend und doch lachend sah sie einige Tage
               später nach einem langen Abschied von ihren Bekannten die letzten Häuschen ihres
               Heimatsortes hinter sich entschwinden. Ein Wäglein brachte sie zur Eisenbahnstation.
               Noch einen letzten Blick auf die beiden Pappeln vor dem Kirchlein, dann verbarg ein
               Hügel den Ort, der wie eine treue Mutter ihre ersten Schritte bewacht hatte.</p>
            <p>Aber Kinder entlaufen oft ihren Müttern, um in der Fremde zu weinen .....</p>
            <pb/>
         </div>
         <div type="chapter">
            <head>3</head>
            <p>Also das ist sie, die heißerträumte, heißerwünschte Stadt der Großen, Ninive!
               .....</p>
            <p>In die Ecke einer Droschke gedrückt, ihren großen Holzkoffer vor sich, durchsauste
               Johanne die Straßen, die nach der Wohnung Herrn Wewerkas führten. Sie sah zum ersten
               Mal drei, vier Stock hohe Häuser, Pferdebahnen, Schutzleute, Reklamewagen,
               Dampfbahnen, dazwischen ein schwarzes Gewimmel von tausend und abertausend geschäftig
               hineilenden Menschen.</p>
            <p>Der Lärm der Großstadt erschien ihr ohrenzerreißend; die hinfliegenden Wagen, die
               Reiter, die Dampfbahnen machten sie schwindlig. Sie hatte sich das alles anders
               vorgestellt, märchenhaft, still, harmonisch; diese lebenrauchende, brutale
               Wirklichkeit erschreckte sie. Vor einer riesenhaften Mietskaserne hielt der Wagen.
               Sie bezahlte und ließ ihren Koffer in den Hausflur stellen; der herbeieilende Portier
               versprach, ihn gleich hinauf zu Wewerkas <pb/> zu schaffen. Dann schritt sie über
               vier Treppen, die mit einem nicht allzu saubern Läufer bedeckt waren, und klingelte
               an einer Wohnung. Ein »Ah«, eine Hand, die sie faßte und hineinzog, und das Schicksal
               schloß hinter ihr die Thür. – Die ersten zehn Minuten war sie so befangen, daß sie
               nichts sah, als die Frau, die sie neben sich aufs Sopha gezogen hatte und freundlich
               mit ihr sprach.</p>
            <p>Frau Wewerka, eine Vierzigerin mit blassem Teint und verschleierten melancholischen
               Augen, einem schmalen Mund, der das Verschweigen gewohnt schien, war eine nicht
               unsympathische Person. Ihre Kleidung mochte als nachlässig gelten, nach Johannes
               Begriffen schien sie sehr elegant.</p>
            <p>»Meine Schwägerin hat sehr recht gethan, Sie an uns zu adressieren« sagte sie, »wir
               werden unser Möglichstes für Sie thun. Morgen gleich wollen wir nach dem Fröbelhaus
               gehn, wo die jungen Mädchen im Unterricht unterwiesen werden. Ich freue mich sehr,
               Sie bei uns zu haben, ich liebe die jungen Mädchen sehr, bin selbst ziemlich
               vereinsamt, wir besitzen keine Kinder; jedenfalls hoffe ich, daß wir manch angenehmes
               Plauderstündchen miteinander zubringen werden, nichtwahr?«</p>
            <p>Durch so viel Freundlichkeit thaute endlich Johannes Verlegenheit hinweg und sie fand
               einige herzliche Worte. Sie sprach von Sienenthal und wie glühend sie sich
               hierhergesehnt <pb/> habe, daß Betty ihr soviel Herrliches von »Ninive« erzählt habe
               u.s.w.</p>
            <p>Als bei dem Worte: Ninive Frau Wewerka fragende Augen machte, teilte ihr Johanne mit,
               wie sie der großen Stadt um ihrer schönen Gärten und Anlagen, um der herrlichen
               Bauwerke willen, die sich da befinden sollten, den Namen beigelegt habe.</p>
            <p>»Ich glaube, meine Schwägerin hat sehr übertrieben« lächelte mit ihrem müden Munde
               Frau Wewerka, »übrigens: Ninive ist gut und – bezeichnend. Wir wollen den Namen
               beibehalten. Und nun will ich Sie aber in Ihr Stübchen führen, damit Sie sich waschen
               und umkleiden können«.</p>
            <p>Sie durchschritten eine Stube, in der viel Schriften und ganze Ballen Papier
               herumlagen. Ein riesiger Schreibtisch, einige Regale von Büchern vollgepfropft, ein
               hoher Wandschirm, der irgend etwas verbergen sollte, vervollständigte die Einrichtung
               dieses Zimmers. Dann folgte ein kleines Gemach, eine Art Eßstube mit Tisch, Stühlen,
               Büffet, einer Nähmaschine, einem Pianino und endlich das Johanne zugedachte
               Zimmerchen.</p>
            <p>»Sehr hübsch« rief das junge Mädchen und sah sich freudig um.</p>
            <p>Die Wirtin lächelte. »Gefällt es Ihnen? Das freut mich. Nun machen Sie sichs bequem.
               In einer <pb/> Stunde klopfe ich. Wir essen um drei. Ja richtig, Ihren Koffer –«</p>
            <p>»Der Portier bringt ihn eben« sagte ein älteres Dienstmädchen und öffnete dem unter
               seiner Last keuchenden Mann die Thür.</p>
            <p>»Ist das alles?« fragte Frau Wewerka, während die Magd mit geringschätzigem Blick den
               alten Holzkoffer musterte.</p>
            <p>Johanne nickte. »Ja alles«.</p>
            <p>»Nun dann, auf Wiedersehen«.</p>
            <p>Das junge Mädchen trat an das schäbig aussehende Eisengestell mit dem Waschservice,
               wusch sich, brachte ihr Haar in Ordnung und kauerte sich nieder, den Koffer
               auszupacken. Sie öffnete die Laden der Kommode. In der einen befanden sich etliche
               Herrenhemden, doch die andern waren leer. Ihre zwei Kleider hing sie in eine Ecke,
               vor die ein Vorhang gezogen war, um die Garderobe vor Staub zu schützen. Ein Tisch
               mit einer verschossenen roten Sammetdecke, zwei Stühle, ein grüner Plüschfauteuil,
               ein Bett, über das eine bunte Kattundecke gebreitet lag, bildeten das Innere der
               Stube. Bis gestern hatte es den Gatten als Schlafzimmer gedient, nun hatten sie ihre
               Betten hinter den Wandschirm in Herrn Wewerkas Arbeitszimmer gestellt, um dieses hier
               vermieten zu können. Johanne bewunderte die kleinen Gipsbüsten des Kaisers und der
               Kaiserin an der Wand, <pb/> erfreute sich an zwei Oeldrucken, die Rotkäppchen und
               Schneewittchens Abenteuer darstellten, und fand die Aussicht aus der vier Stock hoch
               gelegenen Wohnung in die breite endlos sich hinziehende graue Straße
               bewundernswert.</p>
            <p>Als sie so im Anschauen des ihr fremden Lebens vertieft am Fenster lag, klopfte es.
               Frau Wewerka und ein Herr traten herein.</p>
            <p>»Mein Mann möchte Sie gerne begrüßen, Fräulein«.</p>
            <p>Er schüttelte dem verlegenen jungen Mädchen die Hand und bot ihm den Arm.</p>
            <p>»Herzlich willkommen. Darf ich Sie zu Tisch führen? Wir haben nicht weit zu gehen,
               unsere Wohnung ist klein wie ein Taubenschlag. Hier bitte!«</p>
            <p>Er rückte ihr im Nebenzimmer einen Stuhl zwischen sich und seiner Frau zurecht. Das
               Dienstmädchen stellte mit unfreundlichem Gesicht eine Suppenterrine auf den Tisch.
               Johanne war sehr verlegen und brannte sich den Mund mit der heißen Suppe.</p>
            <p>Die Hausfrau gewahrte die Unsicherheit der Kleinen, wandte sich an ihren Mann und
               begann mit diesem zu plaudern.</p>
            <p>»Nun und was wars heute? Wird Lohringer kommen?«</p>
            <p>Herr Wewerka, der hastig in seinem Teller herumlöffelte, wischte sich den Mund mit
               der nicht sehr sauberen Serviette.</p>
            <p>
               <pb/> »Keine Rede. Ich sagte dir ja, er hat wieder den Spleen. Seit einer Woche läßt
               er Niemanden vor; die leeren Flaschen, die die Dienerin jeden Morgen aus seinem
               Zimmer nimmt, geben vielleicht die Erklärung dazu«.</p>
            <p>Die Frau schüttelte den Kopf und warf etliche Worte des Bedauerns über den
               wunderlichen Menschen hin. Währenddessen betrachtete Johanne Wewerka von der Seite.
               Er stand ungefähr im gleichen Alter wie seine Gattin. Sein Gesicht war wie tättowiert
               von hundert Falten und Fältchen, die sich um Augen und Mund zogen. Das fahlblonde
               Haar, an den Schläfen schon spärlich, fiel glatt aus der hohen, hügeligen Stirn.
               Seine Mundwinkel waren etwas schlapp und erzählten mancherlei. Er sah Betty Wewerka
               nicht im geringsten ähnlich.</p>
            <p>»Sagen Sie mal, Fräulein Grün« wandte er sich plötzlich an seine Beobachterin, »wie
               findet sich meine Schwester eigentlich in die Rolle einer Kaffee-und
               Zuckerverkäuferin? Macht sie Geschäfte oder bleibt man ihr alles schuldig?«</p>
            <p>Er lachte, und Johanne bemerkte seine bräunlichen Zähne, die von starkem Nikotingenuß
               zeugten.</p>
            <p>»O sie ist nicht gern in Sienenthal, sie –«</p>
            <p>»Essen Sie zuerst und erzählen Sie dann«. Frau Wewerka legte ihr etwas Gemüse und
               zwei dünne Scheibchen Hammelfleisch auf den Teller.</p>
            <p>Johanne aß einige Bissen, dann sagte sie schüchtern:</p>
            <p>
               <pb/> »Fräulein Betty will ja auch bald hierherkommen; nur eine gewisse Summe müßte
               sie beisammen haben, meint sie«.</p>
            <p>Das Ehepaar warf sich einen Blick zu.</p>
            <p>»Es war eine Thorheit« meinte Wewerka, »daß sie das Geschäft nicht gleich verkaufte.
               Ihr und uns wäre mit dem Gelde gedient gewesen, so hat keiner etwas. Was für ein
               Mensch war denn eigentlich der alte Nehring, der Besitzer des Geschäfts?«</p>
            <p>»O der war ja schon achtzig Jahr alt« versetzte Johanne.</p>
            <p>Wewerka lächelte. »Das weiß ich. Er hatte einen Sohn, dieser war mit meiner Schwester
               verlobt. Sie hatten einander schrecklich gerne; der Alte widersetzte sich aber ihrer
               Verbindung. Eines Tages gingen die verrückten Liebesleute in den Wald, und er schoß
               zuerst ihr, dann sich eine Kugel in den Kopf. Er blieb auf der Stelle tot, sie wurde
               gerettet; doch trug sie eine große Gedächtnisschwäche davon. Sie lag monatelang im
               Spital, verlor natürlich ihre Stellung; sie war Leiterin eines großen Putzgeschäftes
               hier gewesen. Nun – es war ein Elend« – der Sprecher nahm einen Schluck Wasser aus
               dem Glase vor sich, »ein Elend. Später wandten wir uns wiederholt an den Alten, daß
               er doch für das arme Geschöpf etwas thun möge; zwingen konnte man ihn ja zu nichts.
               Er setzte aber allen Vorstellungen <pb/> ein taubes Ohr entgegen. Erst als er starb –
               Verwandte besaß er nicht – erinnerte er sich der unglücklichen Kreatur, die durch
               seine Härte um ihr Lebensglück und ihre Gesundheit ge kommen war. Ihre verlorene
               Jugend und ihren gesunden Verstand hat er ihr aber doch nicht zurückgeben
               können«.</p>
            <p>Johanne saß stumm da. Frau Wewerka seufzte und bat dann, fertig zu essen; das Mädchen
               müßte sich etwas beeilen, weil heute Waschtag sei. Nach dem Hammelfleisch gabs nichts
               mehr, als einige Stückchen Konfekt von dem billigen, das arme Leute für die
               Christbäume ihrer Kinder kaufen. Herr Wewerka plauderte noch ein wenig mit Johanne,
               dann erhob man sich. Nachmittags wollten sie dem jungen Mädchen die Stadt zeigen.</p>
            <p>Da sie weder einen Wagen noch eine Pferdebahn benutzten, ermüdete Frau Wewerka bald,
               überließ Johanne ihrem Mann und kehrte nach Hause zurück.</p>
            <p>Als die beiden auf ihrem Streifzug eben vor einem glänzenden Schaufenster standen und
               er meinte, sie schwelge in der Pracht der ausgestellten Juwelen, sagte sie plötzlich,
               ihm ins Gesicht blickend:</p>
            <p>»Die Geschichte, die Sie mir heute erzählt haben, ist sehr traurig. Ich kann sie gar
               nicht loswerden. Nur eins verstehe ich nicht. Wenn Ihre Schwester ihn so lieb hatte,
               wie kams, daß sie ihn überlebte?«</p>
            <p>
               <pb/> Er sah überrascht in die großen, warmen Kinderaugen, die sich auf ihn gerichtet
               hatten.</p>
            <p>»Wie meinen Sie das, Fräulein?«</p>
            <p>»Mein Gott, wenn – wenn man einen so lieb hat und man weiß, daß er – fort ist, für
               immer – ich hätte mich gleich aus dem Fenster gestürzt« .....</p>
            <p>Er lächelte in ihr erregtes Gesicht.</p>
            <p>»Das sagt man, aber man tötet sich nicht so leicht«.</p>
            <p>»Aber er thats doch«.</p>
            <p>Sie gingen ein Stückchen weiter.</p>
            <p>»Zum Glück giebts nicht viele so entschiedene Naturen da würde die Welt ja nach drei
               Tagen in Trümmer geschlagen«.</p>
            <p>Johanne hatte ein Wort auf den Lippen, doch sie sprach es nicht aus. Später zog
               anderes ihre Aufmerksamkeit auf sich. Abends war sie müde und ging bald nach dem
               Nachtmahl, das noch etwas kärglicher als das Mittagessen war, auf ihr Zimmer. Aber
               Ninive war doch herrlich, trotz allem!</p>

            <p>Am andern Tage machte Frau Wewerka verschiedene Gänge mit ihr, zur Vorsteherin und zu
               den Lehrerinnen des Fröbelhauses, denen sie das junge Mädchen sehr warm empfahl.
               Johanne erregte in ihrer geschmacklosen, plumpen Kleidung, mit ihrer bäuerlichen
               Schüchternheit in der Anstalt <pb/> weder Interesse noch besondere Teilnahme. Man
               ließ sie ein kleines Aufnahmeexamen machen, in dem sie nur ihre Lese-und
               Schreibekünste bekunden sollte, und steckte sie dann in die Klasse zu den andern
               Schülerinnen. Sie verbrachte täglich fünf Stunden in der Anstalt, und die Vorsteherin
               versprach ihr, wenn sie sich brav zeige, binnen einem Jahre eine Stellung, wenn auch
               für den Anfang eine sehr bescheidene. Es galt also ein Jahr tapfer auszuhalten.
               Johanne schrieb ihrem Vormund, und legte einige Zeilen Wewerkas bei. Ritter
               antwortete ihr, er würde ihr die nötigen Mittel für ein Jahr geben, damit sie den
               Kursus absolvieren könne. Dann freilich müßte sie für sich selbst sorgen, denn das
               Häuschen zu verkaufen liege ihm fern. Das könne sie einmal thun, wenns ihr beliebe
               und sie volljährig sei.</p>
            <p>Die Stunden, die Johanne nicht im Fröbelhaus verbrachte, war sie zu Hause. Herr
               Wewerka arbeitete viel auf seiner Stube, indeß seine Frau mit dem Dienstmädchen den
               kleinen Haushalt besorgte.</p>
            <p>Dann und wann empfingen sie Besuche.</p>
            <p>Meist von Herren. Dann wurde laut debattiert, geschrieen, manchmal auch deklamiert.
               Es waren wohl Kunstangehörige, die so lebhaft sich bejahten.</p>
            <p>Aber sie gingen nicht in goldenen Gewändern, trugen keine Kränze auf dem Haupt,
               rochen nicht nach den Gärten der Semiramis.</p>
            <p>
               <pb/> Meist waren sie sogar sehr nachlässig gekleidet und nichts weniger als
               berückend. Einmal erzählte Johanne bei Tisch, wie sie sich früher Dichter vorstellte.
               Da brach das Ehepaar in ein nicht endenwollendes Gelächter aus.</p>
            <p>»Du Cajetan in einem weißen Kleide mit einem Kranz aus Rosen in den üppigen
               Locken!«.</p>
            <p>»Nein, Sie dachte ich mir nie so« meinte Johanne zu Wewerka, »ich weiß nicht,
               warum«.</p>
            <p>»Oho« protestierte er scherzend, »das fasse ich als Beleidigung auf, Sie zweifeln an
               meiner ›höheren Veranlagung‹. Heute haben Sie ja recht. Ich bin der Redakteur einer
               kleinen volkswirtschaftlichen Zeitung, der meist über billige Rapskuchenfabrikation,
               über Molkerei, Pferdeställe und ähnliches schreibt. Aber einst war es anders. Da
               machte ich Terzinen und Jamben, daß es nur eine Lust war. Sehen Sie, ich habe schon
               allerlei versucht. Zuerst studierte ich Jura, dann begleitete ich eine
               naturwissenschaftliche Expedition auf ihrer afrikanischen Reise, dann wurde ich
               Sekretär eines reichen Grafen, dann erfand ich ein Instrument, ein Besteck, das als
               Löffel, Gabel und Messer zugleich diente. Auch Schauspieldirektor war ich.«</p>
            <p>»Nein« rief das junge Mädchen mit glänzenden Augen, »wie klug und gelehrt müssen Sie
               doch sein!«</p>
            <p>»Nichtwahr« meinte er mit Humor, »ein famoser Kerl. Ich habe –« Frau Wewerka warf ihm
               einen <pb/> mahnenden Blick zu – »ich habe noch allerhand Interessantes begonnen. Man
               will eben nicht hungern, man braucht täglich, wenn man auch nur von Brot lebt, einige
               Groschen. Woher die nehmen und nicht stehlen? Da wird man schließlich das Mädchen für
               alles«.</p>
            <p>»Aber liebten Sie denn nicht von dem Vielen, das Sie begonnen hatten, Eins
               besonders?«</p>
            <p>»Und ob« meinte er. Zum Beispiel Jura. Aber wovon hätte ich leben sollen, bis ich als
               Professor oder Advokat Geld verdient hätte? Dann, wie gerne wäre ich der edlen
               Dichtkunst treu geblieben. Aber der Magen zieht ein Stück Mettwurst dem duftigsten
               Liebesgedicht vor«.</p>
            <p>Johanne schüttelte eigensinnig den jungen Kopf. Sie war schon vertrauter mit ihren
               Wirten geworden.</p>
            <p>»Ich glaubs nicht, daß Sie Jura besonders liebten. Dann hätten Sie nicht davon lassen
               können«.</p>
            <p>»Auch nicht im Verhungern?«</p>
            <p>»Auch nicht«.</p>
            <p>»Donnerwetter! Aber da wäre ich ja ein Narr gewesen, mein kleines Fräulein! was
               denken Sie denn? Wenn die Welt aus lauter solchen Querköpfen bestünde, würde sie sich
               das Hirn einrennen«.</p>
            <p>An diesem Abend, als Johanne zu Bett ging, gelangs ihr nicht, einzuschlafen. Sie
               mußte immerfort an den Mann denken mit den tausend Fältchen im Gesicht, der alles
               versucht hatte. Er ist untreu, dachte sie. Er <pb/> gleicht seiner Schwester; die
               wars auch, sonst hätte sie nicht leben können. Diese Beiden – aber die andern
               Menschen gleichen ihnen wohl nicht. Wie seltsam. Alles ist anders, als ich mir
               vorstellte, dachte die Kleine, aber so ganz, ganz anders .....</p>

            <p>Eines Tages, eben als sie sich zum Mittagessen niederließen, kam Besuch. Es war ein
               großer junger, aber schon stark gebeugt gehender Mann, der Johanne als Herr Schüler
               vorgestellt wurde.</p>
            <p>»Essen Sie mit uns einen Löffel Suppe« sagte die Hausfrau freundlich, ließ noch ein
               Kouvert auflegen, und rückte ihm einen Platz am Tisch zurecht.</p>
            <p>»Du machst ein so ernstes Gesicht? war dein Weg umsonst?« Wewerka und der
               Neuangekommene wechselten einen Blick.</p>
            <p>»Was wars denn?« Frau Wewerka sah ihren Mann an.</p>
            <p>»Aber liebes Kind, dränge dich doch nicht –«</p>
            <p>»Ja ja, euere ewige Geheimniskrämerei, ich glaube du bist Privatdetektiv geworden,
               und Schüler ist dein Helfer, wie?«</p>
            <p>»Erraten, Gnädige, erraten«.</p>
            <p>Er blickte Johanne forschend an.</p>
            <p>Frau Wewerka machte einige freundliche Bemerkungen über sie, dann setzte sie munter
               hinzu:</p>
            <p>
               <pb/> »Sehen Sie, Johanne, der ist auch einer von den ›Berühmten‹, aber er trägt sich
               ganz simpel, und hat auch keinen Kranz auf, höchstens einen von Dornen, aber den
               sieht man nicht«.</p>
            <p>Als Schüler von der Naivität des jungen Mädchens vernahm, brach er in herzliches
               Lachen aus.</p>
            <p>»Wir wollen unsere Sache später besprechen« meinte er zu Wewerka und wandte sich
               Johanne zu.</p>
            <p>Sie brachte sehr ungeschickte verlegene Antworten vor, und jedesmal, wenn sie eine
               Dummheit gesagt hatte, machte sie einen trotzigen Mund und verteidigte hartnäckig
               ihre Meinung. Nach Tisch gingen sie alle vier in Wewerkas Arbeitszimmer, wo die
               Hausfrau Cigaretten herumreichte. »Wir erlösen euch bald von unserer Gegenwart«
               scherzte sie.</p>
            <p>Die Herren protestierten, und Johanne fand endlich Mut, den neuen Bekannten zu
               mustern. Eine Brille verbarg zum Teil den hungrigen Ausdruck seiner dunklen Augen.
               Seine Züge waren einnehmend, wenn auch nicht hübsch. Ein schwarzer, kurz gehaltener
               Bart umrahmte das schmale, blasse Gesicht, dessen Charakteristikum Johanne in dem
               Worte »übernächtig« zusammenfaßte.</p>
            <p>Er sah aus wie einer, der nicht zur Ruhe kam – wie ein Gehetzter. Mit achtzehn Jahren
               hatte er die kleine Summe seines elterlichen Vermögens verausgabt, sein Maturum
               gemacht, und kam hierher, um philologische Studien an der Universität zu treiben.</p>
            <p>
               <pb/> Er mietete bei einer kleinen Beamtenfamilie ein Stübchen. Die Frau, eine große
               hagere Blondine, bediente ihn. Sie stand kurz vor ihrem vierzigsten Jahre und schien
               mit allen Hoffnungen abgeschlossen zu haben. Sie war eine gute Seele, die mit ihrem
               wortkargen unfreundlichen Mann in stillem Einvernehmen lebte. Er behandelte sie nicht
               gut, nicht schlecht, er war ein armer Teufel, der rein mechanisch, ohne innere Freude
               weiterlebte. Weil es ihnen recht knapp ging, vermieteten sie ein Zimmer ihrer kleinen
               Wohnung. Meist waren es Studenten, die bei ihnen wohnten. Sie hatte immer Glück
               gehabt und ihre Miete von ihnen pünktlich empfangen. Auch Ernst Schüler bezahlte im
               ersten Monat. Aber im zweiten verschob er die Zahlung von Tag zu Tag. Er lief ratlos
               umher, pumpte seine Kollegen an, und brachte es endlich so weit, die Hälfte der
               Mietssumme aufzutreiben.</p>
            <p>»Nehmen Sie vorlieb« lachte er verlegen und drückte Frau Wachmann ein paar Markstücke
               in die Hand, »ich habe beim besten Willen nicht mehr borgen können, schmeißen Sie
               mich hinaus .....«</p>
            <p>Sie hatte Mitleid mit ihm, wie vierzigjährige Frauen mit Jünglingen zu haben pflegen;
               er gewahrte seinen Vorteil. Im nächsten Monat bezahlte er weder den Rest der alten,
               noch die neue Miete. Er sah seine Wirtin treuherzig an.</p>
            <p>
               <pb/> »Ich habe nichts, nichts, Frau Wachmann. Aber Sie können meine Uhr versetzen,
               vielleicht erhalten Sie dafür einen Teil meiner Schuld an Sie, und es giebt überdies
               noch ein Mittagessen für mich, ich bin seit drei Tagen nüchtern«.</p>
            <p>Er war es in der That. Er sah jammervoll aus. Sie eilte in die Küche und brachte ihm
               Suppe und einige Brötchen.</p>
            <p>Während er hastig aß, rannen ihm zwei Thränen über die Backen.</p>
            <p>Sie drehte sich um, dann legte sie die Hand auf sein Haar und sagte leise: »nicht
               verzweifeln!«</p>
            <p>Seit diesem Tage nährte sie ihn, und er wohnte bei ihr, ohne einen Heller zu
               bezahlen. Sie betrog ihren Mann und berechnete ihm alles höher, um das Nötige für
               Ernst herauszuschlagen.</p>
            <p>Einmal umschlang er sie mit beiden Armen: »Wenn ich dich nicht hätte!«</p>
            <p>Da neigte sie ihren Kopf auf seine Schulter und küßte ihn leise auf den Hals. Seit
               diesem Tage verlangte er mehr als Kost und Wohnung von ihr, und sie gab ihm alles,
               was er verlangte. Sie war eine ungeschickte Heuchlerin, und bald hatte ihr Mann alles
               heraus.</p>
            <p>Er jagte sie und ihn aus dem Hause.</p>
            <p>Ernst Schüler nahm die Ratlose, Verzweifelnde an der Hand und sagte ruhig: Geh nur
               mit mir. Er blieb<pb/> die ersten Tage bei einem Freunde, der ein Mansardenstübchen
               bewohnte.</p>
            <p>»Liebst du sie denn?« fragte der Student ironisch. »Sie soll dich doch adoptieren,
               dann ist euch beiden geholfen; vielleicht nimmt sie ihr Mann dann wieder zurück«.</p>
            <p>»Ich liebe sie nicht« antwortete Schüler, »aber sie ist grenzenlos gut gegen mich
               gewesen. Ich werde sie nicht verlassen«.</p>
            <p>»Dann hast du ihre Güte übel vergolten« meinte der andere. »Heute oder morgen setzest
               du sie ja doch sicher auf die Straße; dann kann sie verkommen, denn einen dritten
               findet die nicht«.</p>
            <p>Ernst antwortete nicht. Von diesem Tag an besuchte er die Universität nicht mehr.
               Weder Frau Wachmann, noch der Student, bei dem sie alle beide wohnten, wußten durch
               etliche Wochen, was er trieb. Dann kam er eines Tages nach Hause. Er sah hohläugig
               und finster aus, legte aber einiges Geld auf den Tisch. Eine Assekuranzgesellschaft
               hatte ihn engagiert. Er mietete eine Stube mit einer Küche, setzte seine Freundin in
               die Stube, wohnte in der Küche, und gab sich als ihr »Zimmerherr« aus.</p>
            <p>Niemand legte ihnen etwas in den Weg.</p>
            <p>Herr Wachmann that keinen Schritt, um seine Frau zurückzuholen. Sie führte kein
               glückliches Dasein. Schüler war jeden Abend von Hause fort. Kam er dann in der <pb/>
               Nacht heim, so war er furchtbar aufgeregt. Sie durfte ihn nie fragen, wohin er ging;
               dann wurde er grob. Manchmal kamen etliche, meist junge Leute mit ihm. Dann befahl er
               ihr, unsichtbar zu sein. Sie verkroch sich in einer Ecke der Küche und saß die ganze
               Nacht halbschlafend da, während von drinnen hitziges Stimmengewirr heraustönte. So
               gings ein Jahr fort.</p>
            <p>Schüler war längst nicht mehr in jener Assekuranzgesellschaft, aber was er that,
               konnte sie nicht herausbringen, und zu fragen getraute sie sich nicht.</p>
            <p>Manchmal fasteten sie mehrere Tage, oder sie bereitete ihm mit dem kargen Geld, das
               er ihr brachte, dünne Suppen und mageres Gemüse; dann scherzte er: »Saperlot, du bist
               die schlechteste Köchin meines Lebens, Mathilde«.</p>
            <p>Eines Tages las sie auf allen Plakaten den Namen ihres Freundes. Er sollte am Abend
               in einer antisemitischen Versammlung das Wort führen. Er kam zwei Tage nicht nach
               Hause, dann mit heiterem Gesichte und Geld in der Tasche. Er schlug ihr ihre zwei
               Weingläser entzwei, faßte sie um die Mitte, und tanzte mit ihr.</p>
            <p>»Miet eine bessere Wohnung, Alte, und setz mir wieder was Ordentliches zu essen vor;
               wir werden jetzt reiche Leute«.</p>
            <p>Es erschienen verschiedene gutgekleidete Herren und sprachen lange in der Stube mit
               ihm. Einer sagte gar <pb/> einmal »gnädige Frau« zu ihr, was sie hoch erröten machte.
               Sie bezogen eine nette kleine Wohnung. Aber die Herrlichkeit war von kurzer Dauer.
               Eines Tages wurden ihnen ihre Habseligkeiten gepfändet.</p>
            <p>Nun mieteten sie sich für etliche Wochen in ein kleines Einkehrhaus ein. Sie bekam
               Schüler selten zu sehen und grämte und ängstigte sich. Einmal erschien er sehr elend
               aussehend. Er hatte ein dickes Manuskript in der Tasche. »Wenn das nicht zum Helfer
               in der Not wird, schieß ich mir eine Kugel vor den Kopf« sagte er finster auf das
               Papier deutend. Er ging aufgeregt die ganze Nacht hin und her. Am Morgen entfernte er
               sich. Das Papier enthielt eine mühsame Arbeit. Einige jüdische Familien, deren
               Häupter an der Spitze großer sozialer Unternehmungen standen, wurden darin
               verschiedener privater Ausschreitungen beschuldigt. Ihre Stellung in der Gesellschaft
               war gefährdet. Ein ungeheurer Prozeß mit vielen schmutzigen Enthüllungen drohte. Das
               bekannte Skelett, das ja in jedem Familienhause verborgen sein soll, war hier mit
               erbarmungslosem Griff ans Licht gezerrt. Es gehörte zähe Ausdauer, ungewöhnliche
               Orts- und Personalkenntnis dazu, dies Schriftstück zu verfassen. Es hieß:
               »Enthüllungen« und war nichts weiter, als die letzte verzweifelte Anstrengung eines
               zum Schurken gewordenen Menschen, sich Geld zu verschaffen. Nach einigen Tagen kam
               Schüler heiter und ruhig zurück.</p>
            <p>
               <pb/> »Ich habe in der Theresienstraße eine Wohnung gemietet, bin Redakteur am
               ›Tagesbericht‹ geworden, und bitte dich nun, dir anständige Kleider und anständige
               Mobilien für unsere Wohnung zu kaufen. Hier hast du Geld«. Er drückte ihr einen
               Tausendmarkschein in die Hand.</p>
            <p>Er hatte erreicht, was er wollte.</p>
            <p>Man hatte ihm eine feste Stellung zugesichert, wenn er – schweige. Er erhielt einen
               gut bezahlten Posten an einer nicht übel angeschriebenen Zeitung.</p>
            <p>Nun lebten sie sorgenlos nebeneinander.</p>
            <p>Er ging täglich nach seiner Redaktion, schrieb wütende Artikel gegen die Antisemiten
               und gab sich als braven Judenfreund. Er himmelte Baron Hirsch an, und verfaßte ein
               Adreßbuch der bekanntesten jüdischen Familien. In seinen müßigen Stunden dichtete er
               auch. Nachdem er zwei Jahre am Redaktionstisch gearbeitet hatte, erzwang er sich
               einen Urlaub mit guten Diäten. Unter dem Decknamen eines Berichterstatters reiste er
               ab.</p>
            <p>Zunächst nach Frankreich. Seine Freundin ließ er zu Hause. Er sandte etliche
               Reiseberichte an seine Zeitung. Mathilde Wachmann erhielt dann und wann eine
               Postkarte. Endlich verstummte er ganz. Es vergingen einige Wochen, es verging ein
               Monat. Eines Tages klingelt es. Frau Wachmann geht zu öffnen. Ernst Schüler, ein
               junges, schönes Mädchen an der Hand, tritt ein.</p>
            <p>
               <pb/> »Hier ist Mathilde Wachmann, meine Wirtschafterin, die mir mehr als
               Wirtschafterin, die mir Freundin und Beraterin ist. Sei gut gegen sie. Hier meine
               kleine, süße Frau, die ich deinem Herzen empfehle«. Er warf einen Blick auf die
               beiden Frauen, die einander anstarrten, und ging hinein, sich seiner Reisekleider zu
               entledigen.</p>
            <p>Alice war klein, herzig, neunzehnjährig. Er hatte sie in einem lothringischen
               Städtchen kennen gelernt, wo er ihren Bruder, einen ziemlich bekannten
               Schriftsteller, besuchte. Sie besaß nichts als den Anzug, den sie eben trug, ein
               verschossenes grünes Röcklein mit gelben Seidenrosetten geziert. Er hatte sich rasend
               in sie verliebt und sie halb zur Kirche geschleppt.</p>
            <p>Der Bruder war nicht dagegen gewesen, denn die Sorge um den Unterhalt seiner
               Schwester hatte ihn immer viel beschäftigt. Seine schriftstellerischen Einkünfte
               waren gering, und außerdem hatte er noch für seine beiden Kinder zu sorgen.</p>
            <p>Die kleine Alice mit ihrem brauen Lockenköpfchen, ihren sonnigen, großen Augen und
               wunderbaren Pfirsischfarben lachte gerne, trank mit Vorliebe süße Weine, und brauchte
               täglich drei Stunden, um ihre Stirnlöckchen vor dem Spiegel zu ordnen. Von Wirtschaft
               verstand sie nichts. Aber sie kommandierte brav ihre Haushälterin.</p>
            <p>Das Weib mit den vor Kummer eingefallenen Wangen, <pb/> den stumm anklagenden Augen,
               ging wie ein düsterer Schatten im Hause umher.</p>
            <p>Hätte sie fort sollen? Wohin? Jetzt, wo das Alter vor der Thüre stand, wo sie so viel
               um ihn gelitten, wo sie ihn liebte mit dem Wundgefühl des Weibes, das alles
               hingegeben hat.</p>
            <p>Sie blieb und lauschte vor der Schlafzimmerthür den Liebkosungen des jungen Paares.
               Alice glaubte anfänglich alles, was ihr Mann über Mathilde Wachmann gesagt hatte.
               Aber eines Tages warf sich die ältere Frau an die Brust der Jungen und schluchzte in
               herzzerreißendem Jammer: »Nimm ihn mir doch nicht ganz. Laß ihn mir doch auch ein
               bischen!«. Da begriff das junge Weib. Von der Zeit an war sie zurückhaltender gegen
               Ernst. Manchmal, wenn er nach Hause kam, fand er die beiden Frauen Hand in Hand
               nebeneinander sitzen. Das war ihm nicht recht. Das wollte er nicht. Er verbot seiner
               Frau den gar zu vertraulichen Umgang mit der andern. »So jag sie fort« schrie sie in
               Thränen ausbrechend.</p>
            <p>Das konnte er nicht. Alice stieß ihn, wenn er sie liebkosen wollte, von sich.</p>
            <p>Es kam eine Zeit, wo er in die mütterlichen Arme Mathildens flüchtete, um das Leid,
               das ihm sein Weib bereitete, zu vergessen.</p>
            <p>Die junge Frau weinte sich die Augen rot. Da siegte wieder Mathildens Güte. »Geh zu
               ihr, versöhne <pb/> sie; sie stirbt, oder verläßt dich sonst«. Er warb wie ein
               Liebhaber um sie. Sie wurde wieder gefügig gegen ihn, aber traurig blieb sie, sehr
               traurig. Und ihre rosige Schönheit begann zu verbleichen.</p>
            <p>An einem der Tage in dieser Periode war es, als Schüler zu Wewerka kam. Die beiden
               hatten immer allerlei geheime Geschäfte miteinander, die meist nicht sehr lauterer
               Natur waren. Während Ernst mit dem Ehepaare plauderte, aber die warmen neugierigen
               Kinderblicke Johannens auf seinem Antlitz ruhen fühlte, stieg ein Gedanke in ihm
               auf.</p>
            <p>»Fräulein Grün« wandte er sich an sie, »wissen Sie, wem Sie ähnlich sehen?«</p>
            <p>Das junge Mädchen lachte.</p>
            <p>»Einem Mops; in der Schule in Sienenthal nannten sie mich immer: die Mopsin, weil ich
               eine so kleine Nase habe«.</p>
            <p>»Einem Mops ähnlich zu sehen, wäre keine Schande« meinte Schüler ernsthaft, »das ist
               eine Hunderace, die alle Tage seltner wird, aber leider kann ich die angegebene
               Aehnlichkeit nicht entdecken, hingegen sehen Sie – meiner Frau ähnlich.</p>
            <p>Vielleicht macht das, weil ihr beide gleichalterig und von derselben Statur
               seid«.</p>
            <p>»Ja Sie haben recht« nickte Frau Wewerka, »sie haben Aehnlichkeit miteinander«.</p>
            <p>
               <pb/> »Kann ich nicht finden« meinte der Hausherr.</p>
            <p>»Na egal, Fräulein Grün; möchten Sie nicht einmal meine Frau besuchen? Ihr seid beide
               fremde, eingewanderte Naturkinder, recht unerfahren und müßtet euch gut verstehen.
               Hm?«</p>
            <p>Johanne dankte erfreut. O ja, sie würde sehr gerne hingehen.</p>
            <p>Die war so unschuldig, dabei ein herziges, harmloses Ding, die konnte Alice
               empfangen. Mehrere Frauen seiner Kollegen, bei denen die junge Frau Besuch gemacht
               hatte, waren so taktlos gewesen, an dem Verhältnis zwischen Mathilde und ihrem Gatten
               zu rühren. Das hatte sie so in Verlegenheit und Wut versetzt, daß sie nicht mehr zu
               bewegen war, mit ihnen zu verkehren. So lebte sie ganz einsam dahin. Johanne mit
               ihrem urwüchsigen Wesen würde ihr sicher Freude machen.</p>
            <p>Es wurde ein Tag verabredet, an dem Frau Wewerka sie hinausführen sollte. Sie wohnten
               in einem ziemlich entlegenen Stadtteile. Später nahm die Hausfrau das junge Mädchen
               bei der Hand.</p>
            <p>»So, jetzt wollen wir diese beiden Männer ihrem geheimen Komplotte überlassen, kommen
               Sie Johanne«.</p>
            <p>Sie entfernten sich.</p>
            <p>»Die Idee ist gut« sagte Wewerka und zündete sich eine neue Cigarette an, »das Mädel
               wird deine Frau<pb/> freuen. Ich habe selten so ein liebes, unschuldiges Ding
               gesehen«.</p>
            <p>»Na, sie wird sich schon abschleifen«.</p>
            <p>Schüler kniff die Augen zu. »Wär schade, wenn sie einem Tölpel in die Hände
               geriete«.</p>
            <p>Und er überlegte, daß dieses kleine Mädchen eigentlich ein Kapital sei, aus dem man
               Nutzen ziehen könnte.</p>
            <p>Dann rückten die Beiden einander näher und redeten mit gedämpfter Stimme von Dingen,
               von denen sie nicht wünschten, daß sie ein Anderer höre. Sie waren einander
               ebenbürtig.</p>
            <p>Der Kampf ums tägliche Brot hatte sie gemein gemacht, verbrecherisch, ohne daß sie
               die Kühnheit und den Mut des wirklichen Verbrechers besessen hätten ....</p>
            <pb/>
         </div>
         <div type="chapter">
            <head>4</head>
            <p>Frau Wewerka stellte die beiden jungen Damen einander vor, blieb noch ein Weilchen
               und empfahl sich mit dem Vorwand, dringende Kommissionen zu haben. Johanne gefiel es
               sehr gut bei Schülers. Es herrschte im Gegensatz zu Wewerkas eine wohlthuende Ordnung
               und Sauberkeit da.</p>
            <p>Hübsche, gutgehaltene, moderne Möbel zierten die freundlichen Räume. Auf einem Sessel
               in Alicens kleinem Zimmerchen, in das sie zuletzt ihren Gast geführt hatte, saß eine
               Taube und gurrte.</p>
            <p>»Das ist meine beste Freundin« sagte die junge Frau, das Tierchen an sich nehmend,
               »es liebt mich und kränkt mich nie«.</p>
            <p>Und ihr rosiger Mund preßte sich auf das blaugraue Gefieder. Johanne sah sie zögernd
               an. Sie hätte gerne gefragt: kann Sie denn jemand kränken, Sie sind ja so lieb und
               schön. Aber die Zurückhaltung Alicens<pb/> machte auch sie kälter und
               zurückhaltender. Frau Schüler, die in ihrem jungen Leben schon so viel Häßliches,
               Mißtrauenerweckendes gesehen hatte, verlor langsam die herzige Zuthunlichkeit, die
               junge Frauen und Mädchen so entzückend kleidet. Nachdem sie Johanne mit ein wenig
               Hausfrauenstolz ihre nette Wohnung gezeigt hatte, setzte sie sich mit großem Ernst an
               ihr Theetischchen und bereitete Thee. Sie redeten allerlei höchst gleichgültige
               Dinge. Alice fragte sie, wie ihr die Kindergärtnerei gefiele, und ob sie auch die
               kleinen unartigen Kinder hauen dürfe. Johanne erzählte von den Eigenarten
               verschiedener Kleinen; dann trat eine Pause ein. Sie blickten einander an und wußten
               nicht weiter.</p>
            <p>»Sie haben eine reizende Bordure an Ihrer Schürze« stotterte Johanne, um etwas zu
               reden, »Haben Sie sie selbst gestickt?«</p>
            <p>»O nein« Alice sah sie treuherzig an, »ich arbeite nicht gern«.</p>
            <p>»So?«</p>
            <p>Wieder Pause.</p>
            <p>»Haben Sie diesen Kuchen selbst gebacken?«</p>
            <p>»Ja, das heißt nicht ich, unsere Wirtschafterin«.</p>
            <p>»Aber Ihre Wohnung ist wirklich nett, hier möchte ich auch wohnen?«</p>
            <p>»Finden Sie sie nicht klein? Drei Zimmer nur. Man sagt, hier in der Stadt mieteten
               die Leute ganze Etagen«.</p>
            <p>
               <pb/> »Wewerkas haben auch nur vier Zimmer«.</p>
            <p>»Ja?«</p>
            <p>»Aber nicht so hübsch eingerichtet wie Sie«.</p>
            <p>»Nein?«</p>
            <p>»Die Möbel sind sehr verbraucht«.</p>
            <p>»Wohl weil sie sehr viele Umzüge mitmachten. Ernst – mein Mann, erzählte es mir. Auch
               übersiedelt sind sie schon mehrmals«.</p>
            <p>»So?« Johanne sah sie fragend an. Sie hätte gern mehr über ihre Hausherren erfahren.
               Aber die kleine Hausfrau schwieg und sagte nichts mehr. Nun werde ich wohl gehen
               müssen, dachte Johanne, warum haben mich Wewerkas nur hierhergeschickt. Dieser
               eleganten jungen Frau bin ich zu bäuerisch. Alice knapperte an ihrem Konfekt und sah
               forschend das junge Mädchen an. Endlich blieb ihr Blick an den plumpen genagelten
               Schuhen ihres Gegenüber hängen. Johanne errötete und zog schnell den Fuß zurück. Dann
               stand sie auf.</p>
            <p>»Entschuldigen Sie, daß ich Sie belästigt habe«.</p>
            <p>Sie schüttelten einander die Hände.</p>
            <p>»Es hat mich sehr gefreut«.</p>
            <p>Draußen zog sie rasch ihr Jaket an und eilte die Treppe hinab. Man hatte noch kein
               Gas angezündet; es war fast dunkel. Als sie auf dem letzten Treppenabsatz stand,
               hörte sie von oben leise hastige Schritte und fühlte eine Hand auf ihrer
               Schulter.</p>
            <p>
               <pb/> »Kommen Sie bald wieder, ja?«</p>
            <p>»O!« mit einem freudigen Ausruf wollte sich Johanne umwenden; doch die andere war
               schon oben verschwunden. Wie lieb von ihr! Das junge Mädchen trat lächelnd auf die
               Straße. Alice war ihr überaus sympatisch gewesen, nur hatte deren Kälte sie ein wenig
               verwirrt.</p>
            <p>Freilich, wie hätte sie auch gleich das erste Mal anders sein sollen? Sie kannte
               Johanne noch gar nicht. Aber von Glück hatte man wenig auf ihrem Gesicht gelesen.
               Sollte Schüler nicht gut gegen sie sein? Das war doch gar nicht zu denken. Sie war in
               Gedanken versunken und verlangsamte ihre Schritte. Plötzlich tauchte ein Mann an
               ihrer Seite auf.</p>
            <p>»So allein, schönes Kind?«</p>
            <p>Er trug einen Cylinder und sah sehr vornehm aus. Johanne blickte ihn erschrocken an
               und beschleunigte ihren Gang. Aber das störte ihn nicht.</p>
            <p>»Gehen Sie weit?« Er wollte nach ihrem Arm fassen. Sie blieb stehen.</p>
            <p>»Ich weiß nicht ... Sie sind sehr komisch ... ich ... kenne Sie doch gar nicht«.</p>
            <p>Ihre erschreckten Augen schienen ihm zu gefallen.</p>
            <p>»Allerliebster Balg, nun sagen Sie aber – haben wir noch weit zu gehen?«</p>
            <p>»Wir? Wohnen Sie denn bei mir im Hause?«</p>
            <p>
               <pb/> Er lachte auf. »Das wohl kaum. Aber ich werde vielleicht oft zu Ihnen kommen,
               wenn wir einander gefallen«.</p>
            <p>Ihr Gesicht färbte sich glühend.</p>
            <p>»Was fällt Ihnen eigentlich ein, Sie –«</p>
            <p>»Pst, pst« er legte den Finger an den Mund, »nicht so laut, machen Sie doch keine so
               langen Geschichten, und kommen Sie. –«</p>
            <p>Da fuhr ihre Hand blitzschnell in sein Gesicht. Sie wußte einen Augenblick nichts von
               sich; erst als jemand ihren Arm ergriff und festhielt, kam sie zur Besinnung.</p>
            <p>»Oho, Madamchen, was treiben Sie denn da?« Ein Mann mit einer Pickelhaube stand vor
               ihr.</p>
            <p>»Der, der – der Freche dort« – sie wandte sich suchend um, entdeckte aber nur ein
               paar fremde Menschen, die sie lachend umstanden, »er wollte mit mir gehen« ...</p>
            <p>»Na, das wird Ihnen nicht zum ersten mal passiert sein« meinte der Wächter des
               Gesetzes.</p>
            <p>»Was?« ...</p>
            <p>Zornbebend trat sie ihm einen Schritt näher und hätte sich wer weiß wozu in ihrer
               Unerfahrenheit hinreißen lassen, wenn nicht der Schutzmann, den die ehrliche
               Entrüstung der Kleinen aufklärte, grob ausgerufen hätte:</p>
            <p>»Wenn Sie sich solchen Angriffen nicht aussetzen wollen, wählen Sie keine
               berüchtigten Gassen zu Ihrem Spaziergang, verstanden?«</p>
            <p>
               <pb/> Sie begriff nicht ganz, was er meinte; dunkel aber dämmerte es in ihr, daß sie
               eiligst diese Gegend verlassen müsse. Laufenden Schrittes machte sie sich davon. Zu
               Hause berührte sie mit keinem Wort ihr häßliches Abenteuer.</p>
            <p>Als sie in ihrem Stübchen war, drückte sie das brennende Gesicht in die Hände und
               weinte. Zum ersten mal in ihrem Leben hatte eine schmutzige Hand in ihre junge, reine
               Seele gegriffen ...</p>
            <p>Das war Ninive, die Stadt der Herrlichen! Wo waren die doch? Wo war das, was sie
               erträumt hatte?</p>

            <p>Mehrere Tage lang fühlte sie sich sehr gedrückt und hätte am liebsten das Haus nicht
               verlassen. Eines Nachmittags jedoch, als die Schule zu Ende war, schlug sie, einem
               innern Wunsche gehorchend, den Weg zu Schülers ein. Er würde wie immer wohl in der
               Redaktion sein, und Alice war allein. Die Mutmaßung traf zu. Die blasse, verhärmt
               aussehende Frau, die ihr öffnete, sagte, Frau Schüler sei anwesend. Alice kam ihr
               freundlich entgegen. Sie hatte ihr Täubchen im Arme.</p>
            <p>»Das ist nett von Ihnen. Sehen Sie, eben habe ich mit meiner Freundin gespielt. Nun
               kann ich sie ja wieder zurücktragen«. Sie lief mit dem Tierchen davon, kehrte schnell
               wieder zurück, zündete den Docht unter ihrer <pb/> Theemaschine an und zog Johanne
               neben sich auf das kleine Sopha neben dem Theetisch.</p>
            <p>»Was machen Sie immer? Ich langweile mich so sehr. Sie auch?«</p>
            <p>»Ich – weiß nicht«, Johanna sah still vor sich hin, »ich langweile mich nicht, aber
               ich bin gar nicht so froh, wie ich geträumt habe, daß ich es hier sein müsse«.</p>
            <p>Alice ergriff sie beim Arm. – »Auch Sie? Sehen Sie, mir gehts ebenso. Ganz genau so.
               Woran liegt das?«</p>
            <p>»Bei Ihnen begreife ichs nicht« meinte Johanne. »Sie müssen doch sehr glücklich sein:
               Sie haben einen lieben Mann, ein reizendes Heim«.</p>
            <p>Alice legte ihre Hand auf Johannens Mund. »Seien Sie still«.</p>
            <p>Das junge Mädchen sah sie erstaunt an.</p>
            <p>»Wie?« ...</p>
            <p>»Haben Sie auch Geschwister?« fragte Alice, hastig weiter plaudernd. »Ich wohnte bei
               meinem einzigen Bruder. Er ist Schriftsteller in einem kleinen lothringischen
               Städtchen an der französischen Grenze. Ich war nicht gerade glücklich, aber doch
               zufrieden bei ihm. Er hatte nämlich ein Verhältnis und zwei Kinder, die sich den
               ganzen Tag bei uns aufhielten. Ich liebte sie nicht diese Kinder. Sie waren schmutzig
               und ungezogen. Und sie erst. Eine Hallendame sag ich Ihnen. Aber trotz <pb/> allem,
               ich wollte, ich wäre dort geblieben. Wir hatten ein kleines Gärtchen vorm Haus; da
               gabs Flieder und Jasmin« – sie stockte und schwieg.</p>
            <p>»Warum hat er sie nicht geheiratet?« fragte Johanne leise.</p>
            <p>»Ach, dazu war sie ihm zu ungebildet«.</p>
            <p>Das junge Mädchen schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, es ist alles so ... so ...
               halb«. Endlich hatte sie das Wort gefunden. »Lauter Halbes, wohin man schaut. Keiner
               giebt sich ganz, jeder nur einen Teil, und begehrt auch wieder nur einen Teil vom
               Andern. Welch seltsame Welt!«</p>
            <p>»Haben auch Sie schon Erfahrungen gemacht?« Alice blickte sie mit wachsender
               Teilnahme an. »Ich glaube wir sind gleich alt. Nicht?«</p>
            <p>»Ich bin bald neunzehn«.</p>
            <p>»Und ich war vor etlichen Tagen zwanzig«.</p>
            <p>»Sie sind auch schon Frau«.</p>
            <p>»Sie werden es wohl bald; oder kennen Sie keinen Mann, den Sie heiraten möchten?«</p>
            <p>»Ich kenne überhaupt nur vier Männer« lachte Johanne, »unsern Pastor, meinen Vormund,
               Herrn Wewerka und Ihren Mann. Nein, unsern alten Doctor in Sienenthal, den ja auch«
               setzte sie hinzu.</p>
            <p>Das harmlose, schlichte, ehrliche Wesen des jungen Mädchens gefiel Alice immer
               besser. Es strömte etwas <pb/> Gesundmachendes, Kraftvolles aus ihrer Nähe. Sie war
               so sauber; ihr roter Mund mit seinen prächtigen, schneeweißen Zähnen glich einer
               silberklaren Quelle, die nur Reines ans Licht trägt. Sie traten einander immer näher.
               Bei einem der nächsten Besuche, den Johanne ihr machte, erfuhr sie alles. Ihre Hände
               waren eiskalt, als sie zum Abschied sie in die ihrer neuen Freundin legte. –</p>
            <p>»Daß wir uns nach dem heutigen Tag nicht mehr Sie sagen können, begreifst Du« meinte
               die junge Frau, sich die letzten Tropfen aus den Augen wischend.</p>
            <p>»Ich will Dir auch eine treue Freundin sein, zähle auf mich« sagte Johanne ernst.
               »Ich hab viel gelesen in früheren Jahren, aber so Trauriges nicht, wie ich hier
               täglich sehe und höre. Sag mir nur, glaubst Du, daß alle Menschen unrein sind?
               Vielleicht haben wir eben nur solche kennen gelernt; wir müssen uns umsehen und
               suchen, damit wir nicht verzweifeln. Diese Frau Wewerka scheint auch eine dunkle
               Vergangenheit zu haben. Jüngst stritten sich die Beiden im Speisezimmer, ich wohne
               nebenan und vernehme jedes Wort. Ihr Mann sagte: Angenehm kann es mir ja nicht sein,
               mit Deinem früheren Anbeter zu verkehren; aber wenn seine Lage wirklich so glänzend
               geworden ist, laß ihn immerhin herkommen, vielleicht erweist er sich nachträglich
               dankbar gegen dich«.</p>
            <p>Alice preßte die Zähne auf die Lippen.</p>
            <p>
               <pb/> »Hast Du Deinen Mann lieb?« fragte Johanne, als sie schon an der Thür war.</p>
            <p>Die junge Frau sah auf die Spitzen ihrer winzigen Lackschuhe und errötete.</p>
            <p>»Er kann – so süß sein. Man schmilzt in seinen Armen dahin. In diesen – solchen
               Momenten liebe ich ihn; aber dann, wenn wir beide nüchtern sind, bei Tage, oder unter
               fremden Leuten, möchte ich ihn oft anspeien vor Verachtung. Sie hat mir noch viel
               anderes von ihm erzählt« ...</p>
            <p>»Sie ists doch, die mir immer die Thüre öffnet?«</p>
            <p>»Ja, die«.</p>
            <p>»Uralt! Wie kann er die nur lieben?«</p>
            <p>»Es ist ja blos Mitleid«.</p>
            <p>»Er ist doch aber kein guter Mensch«.</p>
            <p>»Gott, gut! So'n bischen weich«.</p>
            <p>»Ja, ja. Halb. Nicht kräftig genug zu etwas Ganzem. Nicht dich verlieren, nicht die
               Andere verlieren«.</p>
            <p>An diesem Abend geschah etwas Seltenes. Johanne, die sonst keine besondere Freundin
               des Betens war, warf sich vor dem Schlafengehen auf die Kniee und betete innig. Sie
               betete, daß Gott ihr und ihrer jungen Freundin gute, reine Menschen entgegenführen
               möge, an denen sie sich halten und stützen könnten.</p>
            <p>Sie war erst wenige Monate da und schien innerlich <pb/> um Jahre gealtert. Sie
               erfuhr mit jedem Tage Neues vom Leben.</p>
            <p>Ihre kindliche Bewußtseinsdämmerung war einer grellen blendenden Ahnung gewichen. Das
               Pflaster ihres Ninive schien von Thränen heiß zu sein und von fiebernden Sohlen, die
               über ihm hinwegschritten. – Manchmal ging sie nach der Kirche und hörte eine Predigt
               an. Aber die geistreichen, eiskalten Tiraden dieser eleganten Priester machten sie
               nicht froher. Ihr inneres Leid, zusammen mit der schlechten, wenig gesunden Nahrung,
               ließ sie rasch abmagern und nahm ihrem Gesichte die rosige Farbe. Sie glich jetzt den
               anderen Großstadtmädchen mit heißen, überwachten Augen und fahler Haut. Am Abend fiel
               sie immer totmüde ins Bett. Die Schule lag weit weg von hier, und sie mußte täglich
               viermal den Weg zu Fuß zurücklegen. Auch gestand sie sich ehrlich, daß ihr die
               Pädagogik nicht das geringste Interesse abgewann. Sie lernte ohne Freude, ohne
               Hoffnung. Aber beharrlich, wie sie war, kam es ihr nicht in den Sinn, an einen
               anderen Beruf für sich zu denken. Einmal sagte sie zu Alice: »Weißt Du, es ist auch
               trostlos. Die ewige Schule, Herr und Frau Wewerka! Wenn ich Dich nicht hätte!«
               ...</p>
            <p>»Und Du hast doch so wenig von mir« meinte Alice. »Aber weißt Du, mir ist jüngst ein
               Einfall gekommen. Ich will Ernst bestimmen, daß er nette Leute zu uns bringt. Was
               meinst Du? Leide ich nicht ebenso <pb/> wie Du unter dem Einerlei? Den ganzen Tag
               fast allein, das traurige Gesicht Mathildens vor mir ... Immer kann man auch nicht
               lesen. Wir wollen uns ins Leben stürzen, willst Du?«</p>
            <p>Johanne lächelte. »Aber wie fängt man das an?«</p>
            <pb/>
         </div>
         <div type="chapter">
            <head>5</head>
            <p>Eines Tages sagte Herr Wewerka bei Tisch: »Fräulein Johanne, Ende dieser Woche werden
               wir einige Gäste bei uns sehen. Auch Ihre Freundin Alice mit ihrem Mann. Es ist Ihnen
               doch nicht unangenehm«.</p>
            <p>»O ich freu mich darauf« sagte Johanne überrascht; dann grübelte sie, ob die kleine
               Frau das so eingefädelt hatte, und warum sie nicht bei sich, wo es doch viel hübscher
               war, die Gäste empfinge. Sollte etwa Mathildens Gegenwart daran schuld sein? Schämte
               Alice sich, die Gäste von ihr bedienen zu lassen?</p>
            <p>Der Sonnabend kam heran. Johanne hatte sich auf Frau Wewerkas Rat ein einfaches
               Kleidchen machen lassen, das ihre schöne, schlanke Gestalt vorteilhafter hervorhob,
               als die plumpen Nähkünste von Sienenthal es thaten. Frau Wewerka lieh sich aus einer
               Anstalt das nötige Service aus und bestellte die bekannte Kochfrau. Das unfreundliche
               Dienstmädchen machte zum erstenmal ein etwas heiteres Gesicht. Sie hoffte auf
               Trinkgelder.</p>
            <p>
               <pb/> Die ersten Gäste, die eintrafen, waren Schülers.</p>
            <p>»Frau Borstig hat abgesagt, aber ihr Mann kommt« sagte die Hausfrau.</p>
            <p>»Sie hat wohl ihr gutes Kleid versetzt« meinte Schüler boshaft. Dann machte er
               Johanne den Hof. Alice sah reizend aus in ihrem dekolletierten blauen Kleidchen und
               dem hochfrisierten Haar. Es war nicht zu leugnen, ein wenig kokottenhaft sah sie aus;
               aber jede Französin, wenn sie nicht alt und häßlich ist, sieht geputzt so aus. Man
               saß einige Zeit im Wohnzimmer, wo Frau Wewerka zum erstenmal Johanne empfangen hatte.
               In der Abendbeleuchtung machte es sich ganz elegant. Die Nippessachen aus dem
               Fünfzig-Pfennigbazar, die auf Konsolen und Schränken umherstanden, verloren an
               Wertlosigkeit unter dem verklärenden Licht der rotbeschirmten Lampen. Man erwartete
               zehn Gäste. Frau Borstig hatte abgesagt, also kamen nur Herren. Kurz nach der
               anberaumten Stunde stellten sich die Geladenen ein. Herr Borstig und Herr Berner,
               Herr Doctor Lang und noch andere Namen klangen an Johannes Ohren.</p>
            <p>Sie war verlegen und hielt sich beharrlich an Alices Seite. Man redete zu ihr, sie
               antwortete zerstreut; endlich trat ein Herr zu ihr und bat um die Ehre, sie zu Tisch
               führen zu dürfen. Johanne sah ihn ratlos an. Ob er sich ihrer Verlegenheit erbarmen
               würde? Er that es.</p>
            <p>
               <pb/> »Gnädiges Fräulein sind wohl erst kurze Zeit hier, ich hatte noch nirgends das
               Vergnügen, Ihnen zu begegnen«. Er war ein hochaufgeschossener junger Mensch mit einem
               Durchschnittsgesicht und einem faden Lächeln um den süßlichen Frauenmund. Johanne sah
               ihn heimlich an und bemühte sich, aus seinem Aeußern zu erkennen, welchen Standes
               oder wes Geistes Kind er sei.</p>
            <p>»Ja, ich bin noch nicht lange hier« sagte sie unbeholfen.</p>
            <p>»Und gefällt es Ihnen bei uns?«</p>
            <p>»Mit jedem Tage weniger« gestand sie.</p>
            <p>»Warum?« fragte er ein wenig interessiert.</p>
            <p>»Es ist sehr öde in dieser Stadt«.</p>
            <p>»Oede« lachte er, »eher alles, als das. Vielleicht leben Sie nicht, wie man in einer
               solchen Stadt leben muß, um sie kennen und lieben zu lernen«.</p>
            <p>»Ich wüßte nicht, wie ich anders leben sollte. Ich studiere hier«.</p>
            <p>»Ah! Gehen Sie auch in Gesellschaften, Theater?«</p>
            <p>Sie schüttelte den Kopf. »Dieses ist die erste Gesellschaft, die ich mitmache«.</p>
            <p>Ein geringschätziges Lächeln zuckte um seinen Mund. »Wewerkas führen ein sehr
               zurückgezogenes Leben. Früher traf man öfters mit ihnen zusammen«.</p>
            <p>»Sind Sie befreundet mit ihnen?«</p>
            <p>»Gewiß«. Er sah sie ironisch an. »Wir sind alle befreundet hier«.</p>
            <p>
               <pb/> In diesem Augenblick gab die Hausfrau ein Zeichen. Es entstand ein fröhlicher
               Tumult. Da die Damen in der Minderheit vorhanden waren, faßten sich etliche der
               Herren scherzend unter den Arm und führten einander zu Tische. Plötzlich hörte sie
               hinter sich flüstern: »Machen Sie mir das Kind nicht verrückt«. Sie sah sich um und
               blickte in Schülers lächelndes Gesicht.</p>
            <p>Bei Tisch saß ihr gegenüber Alice, deren Nachbar Johannes Begleiter verständnisvolle
               Blicke zuwarf. Während die Andern durcheinander schwatzten und schrieen, sagte
               Johanne leise: »Ich habe Ihren Namen vergessen, entschuldigen Sie«.</p>
            <p>Ihr Nebenmann lachte.</p>
            <p>»Das zeigt mir, wie wenig berühmt ich noch bin, sonst hätten Sie ihn im Gedächtnis
               gehabt, noch bevor Sie mich persönlich kannten. Ich heiße Babinsky«.</p>
            <p>Sie sah ihn fragend an. »Sind Sie Künstler, weil Sie vom Berühmtsein sprechen?«</p>
            <p>»Ach, gnädiges Fräulein« –</p>
            <p>»O bitte, lassen Sie das: gnädig, ich bin ein einfaches Mädchen«.</p>
            <p>»Ich bin Schriftsteller; ob ichs schon zum Künstler gebracht habe, weiß ich nicht.
               Die Welt behauptet es«. Er schluckte ein großes Stück Fleisch hinab. »Aber ich – ich
               bin natürlich unzufrieden mit mir, wie es alle bedeutenden Geister mit sich sind.
               Haben Sie auch von meinem <pb/> Freund Mink noch nichts gehört?« Er deutete auf
               Alicens Tischnachbar hinüber.</p>
            <p>»Was ist er?« Sie schämte sich innerlich über ihre Unwissenheit.</p>
            <p>»Der größte Lyriker der Gegenwart« sagte Babinsky nachlässig. »Ich habe es mindestens
               neulich in meinem Essay ausdrücklich betont«.</p>
            <p>»Ah, Sie sind auch Redakteur?«</p>
            <p>»O nein« sagte er, sich in die Brust werfend, »ich bin dramatischer Dichter, aber
               nebenbei schreibe ich auch Kritiken. Ich wohne mit Mink zusammen. Wir ergänzen uns
               trefflich. Braucht er praktische Winke, irgend eine Handlung, eine besonders
               drastische Szene, so wendet er sich einfach an mich; bedarf ich einer weichen,
               lyrischen Stimmung, eines besonders zarten Bildes, ist er mir behülflich«.</p>
            <p>»Das ist rührend« sagte Johanne. »Und in welchem Theater, hier giebts ja so viele,
               werden Ihre Stücke aufgeführt?«</p>
            <p>Der große Dichter leerte sein Glas in einem Zuge und lehnte sich behaglich
               zurück.</p>
            <p>»Bis jetzt habe ich nur eins aufführen lassen, das närrischste. Die Zeit ist noch
               nicht reif für meine Ideen. Uebrigens behauptete mein Freund neulich in seiner
               Abhandlung über mich als Dramendichter, daß die Aufführung meiner Stücke eine andere
               Szene als die auf unsern Theatern übliche erheischt«.</p>
            <p>
               <pb/> »Herr Mink schreibt über Sie und Sie über Herrn Mink, wie komisch!« Das junge
               Mädchen lachte.</p>
            <p>»Was ist da Komisches dabei?« meinte Babinsky achselzuckend. »Sehen Sie den Herrn
               dort unten am Ende des Tisches, der eben mit Wewerka spricht?«</p>
            <p>Johanne beugte sich vor.</p>
            <p>»Der mit der großen Nase und dem langen Haar?«</p>
            <p>»Ja, ja, der! Nun sehen Sie, der schreibt, er ist Romandichter, beständig über sich
               selbst Kritiken, weil kein Kritiker es thut«.</p>
            <p>»Aber nein« rief Johanne, »lachen denn die Leute nicht darüber?«</p>
            <p>»Die wissen ja nicht, daß die großen Lobeserhebungen, die er sich zollt, von ihm
               selbst geschrieben sind«.</p>
            <p>»Prosit Babinsky!« riefs von gegenüber. »Prosit Mink!« Die Freunde tranken einander
               zu. Alice nickte freundlich zu Johanne hinüber.</p>
            <p>»Wenn das doch mir gälte« scherzte Babinsky.</p>
            <p>»Kennen Sie sie? Sie ist noch nicht lange hier«.</p>
            <p>»Ich hörte viel von ihr, gesehen hatte ich sie bis heute noch nicht. Sie ist ein
               reizendes Weib«.</p>
            <p>»Sie ist meine Freundin« sagte Johanne ernsthaft, ohne zu wissen warum.</p>
            <p>»Gratuliere!« Babinsky verneigte sich vor Johanne. »Ist er auch Ihr Freund?«</p>
            <p>
               <pb/> »Kennen Sie ihn?« fragte das junge Mädchen, ohne vom Teller aufzusehen.</p>
            <p>»Wie meine Westentasche. Sehen Sie, er verdreht sich eben den Hals nach Ihnen; ich
               glaube, er ist verliebt in Sie«.</p>
            <p>»Wer ist der Herr, der neben ihm sitzt?« fragte Johanne kühl.</p>
            <p>»Das ist der bekannte Marschner, ein Verleger«.</p>
            <p>»Weshalb ist er bekannt?«</p>
            <p>Das junge Mädchen sah auf den ältlichen Mann mit der emporstrebenden Nase und den
               herabhängenden Mundwinkeln, der immerfort Frau Wewerka anstierte.</p>
            <p>»Erstens weil er die Kunst versteht, von den Schriftstellern das höchste Honorar
               herauszuschlagen –«.</p>
            <p>»Sie von ihm, meinen Sie«.</p>
            <p>»Nein, Fräulein, er von ihnen. Es giebt Dichter, ich natürlich gehöre nicht zu diesen
               – die den Verleger gut bezahlen, wenn er sie druckt. Sodann ist er der Mann der
               größten Auflagen. Er beginnt nämlich gleich mit der zwölften Auflage eines
               Dichtwerkes in seinem Verlage; auch versteht er es gut, Titelauflagen unters Publikum
               zu schmuggeln; aber pardon, das werden Sie kaum verstehen; endlich – Danke, gnädige
               Frau, ich komme gleich nach«. Er verneigte sich gegen die Hausfrau, die ihm zutrank.
               »Von wem sprach ich doch? Ja richtig: endlich hat er neulich eine Erbschaft gemacht
               und ist augenblicklich im beneidenswerten Besitze eines hübschen Mammons.«</p>
            <p>
               <pb/> Johannes Brauen runzelten sich leicht, und sie preßte die Zähne auf die
               Lippen.</p>
            <p>»Was ist Ihnen?« Babinsky sah sie verblüfft an.</p>
            <p>»O nichts« sagte sie und suchte den feuchten Glanz ihrer Augen zu verbergen. Dann
               blickte sie auf Frau Wewerka und den Alten. »Wissen Sie, ich würde wahnsinnig werden,
               wenn ich ewig hier bleiben müßte«.</p>
            <p>»O« rief Babinsky, »wahrhaftig? warum? Und wohin wollen Sie denn?«</p>
            <p>»Mein Jahr hier studieren, ein Examen machen und dann in eine Provinzstadt in
               Stellung gehen. Das ist ja schrecklich in diesem Ninive«. Sie bemühte sich, ihre
               Erregung zu verbergen und zu scherzen.</p>
            <p>»Ninive?« fragte er.</p>
            <p>Da erzählte sie ihm von ihrer früheren Schwärmerei für die Stadt, deren Boden ihr
               jetzt unter den Füßen brannte. Er belustigte sich höchlich über den Namen.</p>
            <p>»Ich werde in Zukunft auch so sagen, wenn Sie mich nicht auf Diebstahl verklagen«
               scherzte er.</p>
            <p>Die Hausfrau erhob sich, die andern folgten ihr. Jetzt erst bemerkte Johanne, daß ein
               Stuhl am Tische leer geblieben war.</p>
            <p>»Darf ich Ihnen meinen Freund vorstellen?« sagte Babinsky und stellte Mink, der von
               Alice verlassen wurde, Johanne vor. »Das Fräulein ist eine große Pessimistin. Bemühe
               Dich, sie heiter zu machen; sie will Ninive verlassen«. <pb/> Er erklärte Mink heiter
               die Bedeutung des Namens.</p>
            <p>»Es wäre schade«.</p>
            <p>Der kleine blonde Mann mit der Kartoffelnase, der kaum zwanzig Jahr alt schien, aber
               in Wirklichkeit älter war, blickte neugierig in Johannes Gesicht. Er hatte schon die
               ganze Zeit her bei Tische ihre reinen, schönen Züge bewundert. Er nahm den Kneifer
               ab, wie befriedigt über das, was seine scharfen Gläser entdeckt hatten.</p>
            <p>»Ich bin ein schlechter Ueberzeuger, ich selbst möchte zuweilen aus Ihrem Ninive
               durchbrennen. Da müßte man den Hans Tage hier haben, der –«</p>
            <p>»Wie?« rief Johanne, dunkel errötend, »Hans Tage kennen Sie? Ach Sie Glücklicher,
               nein, den!«</p>
            <p>Die beiden Freunde warfen sich einen lächelnden Blick zu. »Kennen Sie ihn?« fragte
               Mink, der bei der backfischhaften Aeußerung etwas Bewunderung für Johanne verlor.</p>
            <p>»Er ist ein Genie« sagte sie freigebig. »Ich war wie im Himmel, als ich Einiges von
               ihm las. Seit einem Jahr wünschte ich nichts sehnlicher, als ihm zu begegnen. Es muß
               ein herrlicher Mensch sein«.</p>
            <p>»Ein herrlicher Mensch« nickte Babinsky und sah zu Mink hinüber, »wo steckt er denn
               augenblicklich? Wir wollen ihn gefesselt vor die Füße seiner Bewunderin legen«.</p>
            <p>»O wenn – nein!« ...</p>
            <p>
               <pb/> Sie ist doch riesig albern, dachte Wewerka, der leise zu den Dreien getreten
               war, und küßte Johanne die Hand.</p>
            <p>»Mahlzeit! Wie haben sich eure Herrlichkeit amüsiert?«</p>
            <p>Mink legte seine Hand leicht auf Babinskys Arm und schlenderte nach dem Sopha, wo
               Frau Wewerka Cercle hielt.</p>
            <p>»Gefallen Ihnen die beiden jungen Leute?« flüsterte Wewerka. »Es sind zwei unserer
               bekanntesten Dichter«.</p>
            <p>»Sie scheinen überhaupt nur Berühmtheiten hier zu haben«. Ihre Blicke glitten über
               die Gäste hin.</p>
            <p>»Ironisch, Johanne?« Der Hausherr sah ihr in die Augen. »Ich habe in der That nur
               bekannte Namen hier«.</p>
            <p>»Einige Herren, zum Beispiel den dort mit den aufgekrempelten Hosen – es ist doch
               nicht naß hier – kenne ich noch nicht; auch den dort mit dem schwarzen Backenbart
               nicht«.</p>
            <p>»Der erstere ist – nicht ernst zu nehmen. Er lebt augenblicklich sehr, wie soll ich
               sagen, primitiv. Uebernachtet meist in Kaffeehäusern und so. Gegenwärtig ohne
               Stellung und Arbeit. Er ist Journalist und zwar ein sehr gewandter. Früher war er
               Priester; dann trat er aus dem Orden aus und ging zur Feder über. Sein Chefredakteur
               kündigte ihm, weil er zu sehr über die Katholiken loszog. Man sagt, er gehe wieder
               ins Kloster zurück. Wahrscheinlich nicht in dasselbe, aus dem er kam. Der Herr mit
               dem Backenbart – saß er nicht rechts von <pb/> Ihnen? – ist Maler, hat eben eine
               eklige Geschichte hinter sich, wegen eines Modells. Na, das paßt nicht für Ihre
               Ohren. Uebrigens, der Eine, auf den ich noch rechnete, ist nicht gekommen«.</p>
            <p>In diesem Augenblick hörte man von draußen heftig die Klingel ziehen, und nach ein
               paar Augenblicken trat ein Mann herein, auf den Herr und Frau Wewerka mit Vorwürfen,
               daß er so spät komme, losstürzten. Der Angekommene mochte Ende der Dreißig oder
               Anfangs der Vierzig sein. Er hatte scharfgeschnittene Züge, einen dunklen Teint, sehr
               wenig Haare auf seinem prächtig gewölbten Schädel und diese wenigen so glatt
               gestrichen, als machte es ihm Freude, die elfenbeinerne Platte noch bedeutender
               erscheinen zu lassen. Mit kühlen Blicken musterte er die Anwesenden und beruhigte die
               stürmische Liebenswürdigkeit der Hausherren.</p>
            <p>»Ihr habt doch genug jeunesse dorée hier; was braucht ihr mein ehrwürdiges
               Greisenhaupt in Euerer Mitte?«</p>
            <p>»Herr Max Lohringer, Fräulein Johanne Grün« stellte die Hausfrau die beiden einander
               vor; dann führte sie ihn zu Alice. Johanne sagte zu Mink, der wieder zu ihr getreten
               war: »Wer ist doch dieser Herr? Ich habe schon irgendwo seinen Namen gehört«.</p>
            <p>Mink ließ durch eine Grimasse den Zwicker von der Nase fallen. »Max Lohringer? Hm.
               Das ist schwer <pb/> zu beantworten. Er ist nämlich – gar nichts. Das wurmt ihn,
               deshalb schimpft er über alles und alle. Besonders über die Kunst und was mit ihr
               zusammenhängt: die Künstler. Er möchte für sein Leben gern auch einer sein, besitzt
               aber auf keinem Gebiet das mindeste Talent«.</p>
            <p>»Wirklich, wie schade« sagte Johanne. Dann näherte sie sich Alice, die eben vorbei
               kam.</p>
            <p>»Du, denk Dir, Mink und Babinsky kennen Tage«.</p>
            <p>Die junge Frau sah die Freundin fragend an. »Tage? Wer ist das?«</p>
            <p>»Wie, den kennst Du nicht? Nun ja, Du bist erst so kurz hier. Dein Mann kennt ihn
               sicher. Er ist einer der berühmtesten Dichter von allen. Du könntest mir einen
               riesigen Gefallen thun. Lade die beiden Freunde zu Euch ein und sage ihnen, sie
               sollen Tage mitbringen. Ja, magst Du? Ich möchte ihn für mein Leben gerne kennen
               lernen. Er erscheint mir als der einzige bedeutende Mensch in diesen trostlosen
               ...«</p>
            <p>»Na, na, Du hast Dich heute doch ganz gut unterhalten. Aber wies mit dem Einladen
               wird? Ernst hat auf meine Bitte, uns Gäste zuzuführen, Frau Wewerka bestimmt, diese
               Gesellschaft zu geben. Sie deutete es mir an. Ich glaube, er will bei uns niemand
               empfangen. Du weißt ja weshalb«.</p>
            <p>»Ich dachte es mir« sagte Johanne.</p>
            <pb/>
            <p>»Aber versuchen, ihn zu bitten, kann ich ja. Schließlich für einen Abend wird wohl
               andere Bedienung zu haben sein«.</p>
            <p>»Was für Weltgeschicke werden hier gebraut?«</p>
            <p>Max Lohringer stand neben den beiden Damen. Johanne fühlte ein Paar weicher, dunkler
               Augen auf sich gerichtet.</p>
            <p>Alice lachte. »Meinen Sie, das sagen wir Ihnen?«</p>
            <p>Er sah von der einen zur andern. Sie schienen ihm beide zu gefallen. Dann wandte er
               sich an die junge Frau.</p>
            <p>»Mir braucht man nichts zu sagen; lassen Sie mich nur ihre Hand fühlen; ich bin
               Gedankenleser«.</p>
            <p>»Ei!« rief Frau Schüler, während es Johanne heiß durch die Wangen strömte. Sie hatte
               in eben demselben Augenblick gedacht: wie kommt der eigentlich hierher; er sieht ganz
               anders aus als die Uebrigen.</p>
            <p>»Wissen Sie, was meine Freundin eben innerlich beschäftigt?« Alice blickte übermütig
               auf Johanne.</p>
            <p>Er sah mit einem langen Blick in das schöne Gesicht des jungen Mädchens.</p>
            <p>»Sie suchen«.</p>
            <p>»Gefehlt« sagte sie, ihre Bestürzung tapfer verbergend. »Das hätte ich garnicht
               nötig!«</p>
            <p>Er verbeugte sich. »Das war königlich gesprochen. Sind Sie angehende Schauspielerin?«
               Nun lachten beide.</p>
            <pb/>
            <p>»Die?« sagte Alice, »sie ist erst ein halb Jahr unter kultivierten Menschen«.</p>
            <p>Johanne blickte zu Lohringer auf.</p>
            <p>»Aber es waren brave Leute, von denen ich kam, wenn sie auch mit dem Messer statt mit
               der Gabel aßen«.</p>
            <p>»Sie schwärmen für Naturzustände. Sind wohl auch Vegetarierin in Wolle«.</p>
            <p>»Was ist das?«</p>
            <p>Er sah sie mit ironischem Lächeln an. Man reichte Bier herum. Er dankte.</p>
            <p>»Aber vielleicht ein Glas Wein oder Thee« sagte Frau Wewerka herantretend.</p>
            <p>»Danke« rief er entschiedener als nötig war und ging auf die beiden Dichterfreunde
               zu, mit denen er sich in ein Gespräch einließ.</p>
            <p>Später trat Schüler zu Johanne und wich für den Rest des Abends nicht mehr von ihrer
               Seite. Lohringer ging gelangweilt bald zu diesem, bald zu jenem. Er war der erste,
               der aufbrach.</p>
            <p>Spät nach Mitternacht entfernten sich auch die Uebrigen. Johanne fühlte sich müde und
               abgespannt, als sie ihr Lager aufsuchte.</p>
            <pb/>
         </div>
         <div type="chapter">
            <head>6</head>
            <p>Es war kein erfreuliches Leben.</p>
            <p>Der Unterricht dieser Kinder mit ihren frühreifen, altklugen Gesichtern, in denen der
               Charakter der Eltern bereits ausgeprägt stand, lastete wie eine schwere Pflicht auf
               Johanne. Man merkte es in ihrem Umgang mit den Kleinen. »Sie sollen mit Liebe den
               Kindern entgegentreten, nicht mit der Miene verdrossenen Pflichtgefühls« sagte die
               Lehrerin.</p>
            <p>»Es sind ja nicht meine eignen« drangs unwillkürlich über die Lippen des Mädchens.
               Nachher schämte sie sich des Wortes. – Eine unendliche Leere und Trostlosigkeit
               bemächtigte sich ihrer.</p>
            <p>Diese riesigen Mietskasernen mit ihren prunkvollen Aufgängen, ihren Telephonen,
               elektrischen Beleuchtungsapparaten, Dampfheizungen, ihren hundertartigen technischen
               Ueberraschungen, diese Mietspaläste, in denen eine bis zur Sinnlosigkeit unruhige,
               hastende Menge aus- und eineilte, erschienen ihr wie mächtige steingewordene Lügen.
               <pb/> Früher hatte sie geglaubt, daß in schönen Palästen glückliche Menschen wohnen
               müssen; nun hatte sie mehr und mehr Einblick in das Leben erhalten. Die Füße aller
               dieser hinstürmenden Menschen waren schmutzig und staubig von den Wegen, die sie
               wandelten. Die Kinder sahen nicht wie Kinder aus, und die Erwachsenen besaßen alle
               etwas greisenhaft Blasiertes, Erschöpftes. Auf der Straße durfte man keinen Moment
               langsam gehen, oder vor einem Schaufenster stehen bleiben, ohne sich den ärgsten
               Insulten auszusetzen.</p>
            <p>In den Kirchen predigten Priester, die eher alles, als das was sie verkündeten, zu
               glauben schienen. Und die Kunst? Waren die Herren Mink und Babinsky nicht typisch für
               die Zustände, die da herrschten.</p>
            <p>»Ninive« stand als Sonnenuhr über den andern Städten des Reiches. Welche Stunde sie
               in Sachen des guten Geschmacks zeigte, die galt für alle Kunstfreunde des Landes.
               Wenn Herr Babinsky Herrn Mink in langen Berichten lobte und Herr Mink Babinsky als
               das größte Genie pries, mußten die guten Provinzler es nicht glauben? Und der
               Ehrenmann Schüler, der an der Spitze eines großen Blattes stand und im »Brustton
               ehrlicher Ueberzeugung« seine hochherzigen, lieberalen Gesinnungen und Ansichten in
               die Welt posaunte (einstweilen genügte ihm der Gehalt, den sein Chef ihm auszahlte),
               stand er etwa vereinzelt da? War Wewerka <pb/> besser? Daß seine sogenannte
               Redakteurstellung nur ein Scheinamt war, hinter dem er allerlei dunkle Spekulationen
               verbarg, mit denen er von Zeit zu Zeit irgend einen der biederen Landwirte brav
               »hineinlegte«, war Johanne längst klar. Schmutz überall, wo man anfaßte.</p>
            <p>In manchen Augenblicken war ihr, als höre sie langes Gras um sich flüstern und spüre
               frischen Wind auf ihren Wangen spielen. Aber mit ihrer angeborenen Festigkeit – oder
               wars der Trotz der Jugend, die ein einmal ins Auge gefaßtes Ziel nicht lassen will –
               sagte sie sich: nein. Der Kurs mußte hier beendet werden; koste es, was es wolle, und
               wenn selbst ihr körperliches Wohlbefinden darunter leiden sollte. Alle die
               Erfahrungen, die ihre kindlich reine, durch ihr einsames Jugendleben doppelt
               empfindsame Seele trafen, zehrten an ihrer Gesundheit und Kraft. Ihre Wangen wurden
               von Tag zu Tag blasser. Sie unterschied sich jetzt in nichts mehr von den anderen
               Großstadtmädchen, mit ihrer ärmlichen Eleganz, ihrer zierlichen Haltung, ihren alles
               sehenden und sich über nichts verwundernden Augen.</p>
            <p>Ihre braven, genagelten Schuhe hatte sie schon lange in die Ecke geworfen. Sie konnte
               auf diesem heißen Asphaltpflaster nicht darin gehen. Sie trug jetzt dünne Schuhchen,
               die wenig kosteten und bald zerrissen waren.</p>
            <p>Eines Tages erhielt sie ein winziges rosa Briefchen. <pb/> »Meine liebe kleine Hanne,
               komm übermorgen Nachmittag zu mir. Nimm Dir aber vor, stark zu sein, denn Du wirst
               den treffen, nach dem Dein Herz verlangt. Ich möchte beinahe glauben, daß Schüler in
               Dich verliebt sei. Kaum sprach ich Deinen Wunsch aus, als er auch schon Schritte
               that, ihn zu erfüllen. Hüte Dich vor Ernst. Er thut nichts umsonst .....«</p>
            <p>Im ersten Moment sagte sich Johanne: nein, ich gehe nicht hin. Dann, als der Tag
               anbrach, da sie hingehen sollte, faßte sie eine verzehrende Neugierde, eine Hoffnung,
               eine Rührung. Vielleicht kam Gutes aus der Begegnung mit diesem Manne, der doch kein
               niederer Mensch sein konnte, nach all dem, was er geschrieben hatte. Sie zog ihr
               bestes Kleid an und ging zu Schülers. Alice war am Theetisch beschäftigt; um sie
               gruppiert saßen drei Herren. Zwei von ihnen kannte Johanne. Es waren Mink und
               Babinsky; der dritte war ein kleiner, verwachsen aussehender Mensch mit wulstigen
               Lippen, einer birnenförmigen Nase, rötlichem Haar und klugen, spähenden Augen.</p>
            <p>»Herr Tage, Fräulein Grün«, stellte Alice die beiden einander vor. Alle schwiegen und
               blickten auf das junge Mädchen. Sie wurde rot und blaß; dann sagte sie, die innere
               Belustigung der Andern ahnend, zu Tage: »Gerade so habe ich Sie mir gedacht«.</p>
            <p>Alice lachte und zog die Angekommene neben sich<pb/> auf das Sopha. Tage, der sich
               neben den Freunden niederließ, blickte ironisch auf die Andern.</p>
            <p>»Wie schlecht müssen meine Gedichte sein«.</p>
            <p>Mink schlug ihm auf die Schulter. »Sag doch lieber: was muß ich für ein prächtiger
               Junge sein, denn daß deine Gedichte vortrefflich sind, bist du ebenso überzeugt wie
               wir«.</p>
            <p>Es flogen einige Wortwitze hin und her; dann reichte Alice den Thee herum. Tage
               wandte sich an Johanne und zog sie in ein Gespräch. Er hatte etwas Feines, Wählendes
               in seiner Sprache, etwas überaus Beruhigendes. Jedes Wort schien, ehe es
               ausgesprochen war, wohl überdacht zu sein. Auch seine Art sich auszudrücken war
               ungewöhnlich. Man sah, daß er mit Leuten aus der Gesellschaft zu verkehren pflegte.
               Er war nicht der Mann, wie ihn Johanne aus seinen Gedichten erwarten konnte, aber sie
               war nun schon gewohnt, alles anders zu finden, als sie gehofft hatte.</p>
            <p>Im Laufe des Gesprächs fiel ihr auf, daß er gewisse gelehrte, nach
               Litteraturgeschichte riechende Phrasen wieder und wieder gebrauchte; auch daß die
               beiden andern jungen Leute ihn mit besonderer Zuvorkommenheit behandelten. Sie konnte
               nicht recht klug aus ihm werden. Indes sie nach und nach ihre natürliche Lebendigkeit
               und Anmut wiederfand und ihre Augen<pb/> den gewöhnlichen treuherzigen, warmen
               Ausdruck erhielten, fühlte er sich von Wort zu Wort, das sie sprach, mehr
               gefesselt.</p>
            <p>Seine Stärke war es ja, solche kinderreine, liebliche Mädchengestalten zu zeichnen,
               Mädchen mit blauen Bändern im Haar, voll süßer thörichter Einfalt. Und weil jeder
               Mann in jeder Frau nur das sieht und hört, was er in sie hineinlegt, so spürte Tage
               nichts von all dem Starken, Ringenden in dieser jungen Seele. Er hörte nur ihre
               Unschuld und Sehnsucht reden. Alice unterhielt sich mit Mink und Babinsky, indes sie
               von Zeit zu Zeit einen forschenden Blick auf die beiden miteinander Sprechenden
               warf.</p>
            <p>Als Johanne endlich aufstand – sie fühlte, wie ihre Wangen zu brennen begannen –
               erhob sich mit ihr zugleich Tage.</p>
            <p>»Sie gehen? Darf ich Sie geleiten?«</p>
            <p>»Bitte« sagte sie einfach.</p>
            <p>Die Dichterfreunde erhoben sich ebenfalls. Auf der Straße trennten sie sich von
               Johanne und ihrem Begleiter.</p>
            <p>Die Beiden gingen eine zeitlang schweigend hin, dann sagte Tage:</p>
            <p>»Dichter besitzen etwas, was man poetische Licenz nennt, das heißt: die Freiheit, zu
               sagen, was andere nicht sagen dürfen. Und wenn ich nun von diesem<pb/> meinem Rechte
               Gebrauch mache, werden Sie mir hoffentlich nicht zürnen, nichtwahr nein?«</p>
            <p>Sie schwieg verlegen.</p>
            <p>»Sie sind ein wunderbares Geschöpf. Sagen Sie, haben Sie eigentlich schon einmal
               geliebt?« Sie fühlte einen schmerzlichen Stich durch ihr Herz gehen. Sie geliebt? Wen
               etwa? Sie die ganz Einsame.</p>
            <p>»Nein, ich – ich ging immer allein«.</p>
            <p>Klang es nicht wie das Bekenntnis eines mittelalterlichen Gretchens: Ich ging immer
               allein?</p>
            <p>»Geben Sie mir doch Ihren Arm« bat er, »es geht sich so besser in dem Gedränge«. Sie
               legte schüchtern ihre Hand auf seinen Arm. Sie gingen durch elektrisch beleuchtete
               Straßen, mit herrlichen Schaufenstern, tausenden von Menschen, einem Gewimmel von
               Wagen, die sich des riesigen Verkehrs wegen nur stockend fortbewegen konnten.</p>
            <p>Sie fühlte, wie er sie ansah, wie er von Zeit zu Zeit ihren Arm inniger an sich
               drückte. Ein leiser Taumel ergriff sie. Als ob sie träumend dahinschwebe ...</p>
            <p>Als sie endlich bei ihrem Hause hielten, sagte er leise: Fräulein Johanne, wann gehen
               Sie immer nach dem Fröbelhaus? Würden Sie zürnen, wenn ich – Ihnen begegnete?« Sie
               antwortete nicht, sondern schüttelte nach Kinderart den Kopf. Er sah ihr einen Moment
               lang starr in die Augen, zog ihre Hand an seine Lippen, öffnete ihr die Hausthür und
               verschwand <pb/> im Gewühl der Straße. Sie schritt langsam hinauf, berührte kaum ihr
               Nachtessen, und begab sich zu Bette. Lange Stunden lag sie mit offenen Augen da und
               lauschte in sich hinein in heimlicher Verwunderung......</p>
            <p>Am andern Tag, als die Unterrichtsstunden beendet waren, kam er wirklich auf sie
               zugeeilt. Er war elegant gekleidet und überreichte ihr drei rote Rosen. Sie freute
               sich, plauderte ein wenig mit ihm und dachte so oft sie ihn ansah: Gott wie häßlich.
               Aber mit der Zeit würde sie es vielleicht übersehen. Sie blühte wie die Rosen in
               ihren Händen; nur um ihre Augen lag ein ganz feiner träumerischer Ausdruck.</p>
            <p>Tage blickte sie sehr verliebt an.</p>
            <p>Sie machten einen Umweg nach ihrem Hause. Heute sprach er auch von seinen
               Gedichten.</p>
            <p>»Wissen Sie« meinte er unter anderem, »ich verkehre nur selten mit meinen Kollegen.
               Es sind alles rohe und was mehr ist: unfähige Burschen. Im Litteraturverein trifft
               man sich ja zuweilen; aber ich schneide sie, wo ich kann. Man wird gleich um
               Protektion angepumpt und haste nicht gesehen rufen sie einen als ihren Freund und
               Genossen aus. Meine Einzelstellung in der Litteratur verbietet mir solche
               Verbrüderung«.</p>
            <p>»Ja, ich lachte und weinte damals über Ihre Strophen« sagte Johanne, »ich fühlte mich
               erhoben, wenn ich in Ihren Gedichten las«.</p>
            <p>
               <pb/> »Das höre ich oft und es freut mich, sind sie doch –« er seufzte tief auf, »mit
               Herzblut geschrieben. Manches junge Mädchen hat mir schon bekannt: seit ich Ihre
               Poesien kenne, glaube ich wieder an das Gute und Schöne im Leben«.</p>
            <p>Von diesem Tag an begleitete er sie sehr häufig nach Hause.</p>
            <p>Eines Herbstabends, es dunkelte schon früh, zog er sie in den Flur ihres Hauses und
               stammelte: »Johanne, Johanne, ich vergeh vor Sehnsucht«. Und er brachte sein Gesicht
               dem ihren nah. Sie wollte etwas erwidern; da hatte er beide Lippen auf die ihren
               gepreßt, als wollte er ihre Seele schlürfen und war davongeeilt. Sie stand einen
               Augenblick an die Mauer des dunklen Eingangs gelehnt und vermochte sich nicht zu
               rühren. Dann ging sie hinauf und weinte. Am andern Tag wollte sie ihm einen empörten
               Brief schreiben, aber sie kannte seine Adresse nicht.</p>
            <p>Zum Glück erschien er heute nicht. Sie würde vor Scham und Aerger wahrscheinlich auf
               der Straße eine Szene gemacht haben.</p>
            <p>Nachmittags ging sie zu Schülers. Sie wollte dort seine Straße erfahren. Auf dem Wege
               dahin überlegte sie, ob er vielleicht vorhabe, sie zu heiraten. Aber selbst dann,
               schien es ihr, durfte er sich nicht so betragen. Sie war mit sich unzufrieden, obzwar
               sie nicht wußte, wie <pb/> sie sich hätte anders benehmen sollen. Er hatte sie
               überrascht. – –</p>
            <p>Bei Schülers öffnete Alice die Thüre. Sie hatte rotgeweinte Augen und war sehr
               aufgeregt.</p>
            <p>»Denk Dir, Madame ist krank, oder behauptet mindestens es zu sein. Sie arbeitet
               nichts und liegt auf der faulen Haut. Glaubst du, er ließe mich einen andern
               Dienstboten mieten? Keine Spur. Ich, meint er, soll so lange das Nötige besorgen, bis
               sie wieder flott ist. Wie findest du das? Ich finde es unerhört«. –</p>
            <p>Die kleine Frau trippelte nervös in ihrem Zimmer auf und ab. »Unsere alte
               Wirtschafterin in St. Estephe ließ mich nie in die Küche. O, ich bin sehr
               unglücklich«. Sie warf sich in einen Sessel. »Weißt du, was er jetzt thut? Er macht
               sich sein Bett selbst und läßt Essen aus dem Gasthaus kommen. Alles wegen der Alten.
               Welch gutes Herz, wie?«</p>
            <p>Johanne suchte die Freundin so gut sie konnte zu beruhigen. Dann bat sie um Tages
               Adresse.</p>
            <p>»Ich weiß sie nicht« sagte Alice, »aber Mink kennt sie. Er soll sie dir mitteilen.
               Liebst du etwa das Scheusal Hans Tage?«</p>
            <p>Johanne errötete. »Muß man alle gleich lieben, mit denen man auf der Straße
               geht?«</p>
            <p>»Na ich, ich schaff mir jetzt um jeden Preis einen Verehrer an, mir ist dies Leben
               unausstehlich«.</p>
            <p>
               <pb/> Johanne faßte ihre Hände. »Alice, mach nicht so böse Scherze. Du bist eine
               verheiratete Frau«.</p>
            <p>»Wer hat denn angefangen?« rief die junge Frau erregt, »er oder ich? Wer hat mich
               schändlich hintergangen. Und ich hielt so viel von ihm!« Sie brach in Thränen aus.
               »Nun thue ich ihm, was er mir gethan hat«.</p>
            <p>»Harre doch aus. Es muß sich ja ändern, wenn sie stirbt –«</p>
            <p>»Ach was, die stirbt nicht«.</p>
            <p>Johanne ging traurig fort. Nichts als Elend, wohin man blickte. Und in ihrer eignen
               Brust ein Sturm widersprechender Gefühle. Ach, wenn sie doch wirklich Einen besessen
               hätte, der ihr gehörte mit Leib und Seele. Es war zu trostlos, so allein
               dahinzutreiben. Wenn Tage ihr Halt und Stütze sein könnte? Aber durfte sie das
               hoffen? Berechtigte sein Benehmen dazu? Faßte er etwa einen Kuß ebenso ernsthaft auf
               wie sie? Vielleicht. Die Thränen traten ihr in die Augen, als sie das Glück erwog,
               jemanden zu haben, an dessen Brust sie ihr Haupt lehnen könnte.</p>
            <p>Wenn sie ihn jetzt hier gehabt hätte, sie würde ihm weich und hingebend begegnet sein
               .....</p>
            <p>Am andern Tag, als sie aus der Schule kam – er hatte sie wieder nicht erwartet –
               klopfte es und ihr Hausherr trat herein. Die hundert Falten in seinem Gesicht waren
               alle lebendig und zuckten.</p>
            <p>
               <pb/> »Ich bringe Ihnen die gewünschte Adresse« sagte er sich niederlassend, »Mink
               begegnete mir vorhin und teilte sie mir mit. Er wollte selbst zu Ihnen kommen, hatte
               es aber sehr eilig. Fräulein Johanne, Fräulein Johanne, sind Sie eifersüchtig, wollen
               Sie ihn überraschen? Lassen Sie sich von einem Uneigennützigen davor warnen. Sie
               würden keine angenehmen Entdeckungen machen«. Er rückte seinen Stuhl näher dem ihren.
               »Tage ist durchaus kein tadelloser Charakter, Fräulein Johanne. Ich würde dies Ihnen
               nicht mitteilen, wenn mich nicht durch meine liebe Frau Freundschaft mit Ihnen
               verbände«.</p>
            <p>»Aber« stotterte das junge Mädchen, »Herr Tage geht mich ja eigentlich nichts an, ich
               weiß nicht was Sie –«</p>
            <p>»Sie interessieren sich für ihn, Sie gehen mit ihm, ich selbst habe Sie an seinem Arm
               gesehen«, er sah ihr tiefes Erröten – »Sie sind ein unschuldiges, erfahrungsloses
               Mädchen. Ehe Sie es recht wissen, stecken Sie im Unglück«.</p>
            <p>»Was wollen Sie mir also sagen?« fragte sie plötzlich kühl. Dieser Mensch da spielte
               sich auf den Wächter der Unschuld, der Tugend hinaus. War es nicht lächerlich?</p>
            <p>Er! Der! Wewerka erriet aus dem verächtlichen Aufwerfen ihrer Lippen ihre
               Gedanken.</p>
            <p>
               <pb/> »Ich wollte Sie nur warnen« versetzte er in biederem Ton, »sich Hoffnungen zu
               machen, wenn Tage Ihnen Dinge verspricht, wie man sie zuweilen jungen Mädchen
               verspricht. Er ist nicht mehr frei. Er ist durch die verschiedensten Bande an eine
               Frau gefesselt, die ebenso alt und kokett wie hochvermögend ist. Das letztere weniger
               durch ihren Reichtum, als durch ihre Verbindungen. Sie arbeitet für die ersten
               Blätter der Residenz. Sie hat ihm zu seiner Berühmtheit verholfen, sie und sein
               Protektor, der berühmte Professor Kneilenbregg, vor dem Tage auf den Knieen rutscht.
               Früher trieb er philologische Studien unter ihm. Der Mann, der sich so angebetet
               sieht und der als Gesellschaftsfex in den Salons, wo er Sekt trinkt und den Frauen
               den Hof macht, viel für einen jungen Autor thun kann, bestimmte seine Verehrerinnen,
               nicht allein Tages Bücher zu kaufen, sondern auch in ihm eine Zukunftsnummer zu
               erblicken. Die Weiblein gehen ja immer auf den Leim, wenn ein berühmter Mann sie da
               haben will. Innerlich denkt er, zu seiner Ehre will ichs annehmen, ebenso wie die
               andern, nämlich, daß Tage ein Phrasenheld, aber nichts weniger als ein echtes Talent
               sei. Aber der Kerl verstehts, wo es ihm darum zu thun ist, ausgezeichnet zu
               schmeicheln. Und dem ›großen Mann‹ ist das Lob und die Bewunderung, selbst wenn sie
               aus dem Munde des Allerkleinsten kommt, immer willkommen. Der bekannte Dichter Tage
               singt ihm, widmet<pb/> ihm Bücher, was Wunder, wenn er sich gedrängt fühlt, zu
               quittieren.</p>
            <p>Die pikante Baronin, Tages Geliebte und Gönnerin, ist schon etliche Male sehr
               eifersüchtig auf den ›großen Mann‹ gewesen. Aber sie haben sich wieder verständigt.
               Daß Tage, wenn er den Dichterkranz aus dem roten Haar legt, auch ein Mensch sei, dem
               es nach ihren geschminkten Lippen nach frischen dürstet, scheint sie nicht wissen zu
               wollen. Er hintergeht sie fortwährend mit kleinen Ladenmädchen, ohne daß sie es ahnt.
               Und – aber vergeben Sie, Sie sind ganz blaß geworden.« – –</p>
            <p>Johanne hatte sich erhoben und ging heftig auf und nieder.</p>
            <p>»Warum erzählen Sie mir das alles? Herr Tage kann thun, was ihm beliebt. Er ist sein
               eigner Herr. Er kümmert mich nicht«.</p>
            <p>»Mir scheint – ich hätte über diesen Mann nichts Böses sagen sollen. Aber daß das
               Ihnen so nahe geht« –</p>
            <p>»Herr Wewerka« rief sie zornig mit dem Fuße stampfend, »ich verbitte mir jede
               Beleidigung von Ihnen«.</p>
            <p>Er trat zu ihr und wollte besänftigend ihre Hand ergreifen.</p>
            <p>»Aber Fräulein Johanne, nur die Freundschaft für Sie ließ mich von diesem Unwürdigen
               –«</p>
            <p>»Lassen Sie das Wort Unwürdiger, es giebt noch viel Unwürdigere als den«. Ihre Augen
               blitzten.</p>
            <p>
               <pb/> In Wewerkas Gesicht regte sich keine Miene. »Fräulein Johanne, Sie haben recht;
               es giebt noch bösere Burschen als ihn, lassen wir das Thema«.</p>
            <p>In diesem Augenblick wurde geklopft, und Schüler trat herein.</p>
            <p>»Fräulein Johanne, guten Tag, 'n Tag, Wewerka. Laßt Euch nicht stören«.</p>
            <p>»Ich war eben im Begriff zu gehen, Herr Gott« rief Wewerka, seine Uhr hervorziehend,
               »schon so spät! Auf Wiedersehen«.</p>
            <p>Er verneigte sich vor Johanne, zwinkerte Schüler zu und eilte hinaus.</p>
            <p>»Wie gehts, wie gehts, Schönste der Schönen. Irr ich mich, oder sind Sie erregt? Ihre
               Augen blitzen, Ihre Wangen brennen. Hat er das zustande gebracht?« Er deutete nach
               der Thüre, durch die Wewerka verschwunden war. Johanne lächelte schwach.</p>
            <p>»Ja, wir plauderten und ich geriet in Eifer«.</p>
            <p>Schüler sah im Zimmer umher. »Eigentlich ein Käfig hier, viel zu armselig für eine
               Gestalt wie Sie. Na, sagen Sie Fräulein Johanne – apropos, sind Sie mit mir
               zufrieden, daß ich Ihnen so prompt Ihr Ideal, Herrn Tage, offeriert habe?«</p>
            <p>»Reden wir nicht von dem« rief Johanne. Schüler lächelte. »Sie hatten wohl Streit mit
               einander? Na, ich meinte nur, Sie sehen, ich thue <pb/> Ihnen zu Liebe, was ich kann;
               thuen Sie mir auch etwas zu Liebe«.</p>
            <p>»Und das wäre?« Ihre Augen richteten sich fest auf ihn.</p>
            <p>»Kommen Sie öfter zu meiner Frau. Das arme kleine Ding liebt Sie herzlich und fühlt
               sich grenzenlos einsam. Ich kann aber nicht anders. Ich bin tagsüber an meine
               Redaktion gefesselt. Fangen Sie gleich morgen an, ja? Ich möchte sie überraschen mit
               Ihnen; sagen Sie aber nicht, daß Ihr Besuch nur auf meine Bitte erfolgt sei. Ja,
               wollen Sie, schlagen Sie ein«.</p>
            <p>Sie legte flüchtig ihre Fingerspitzen in seine dargebotene Hand. Dann ging er. Sie
               öffnete das Fenster und lehnte sich hinaus.</p>
            <p>Die Geschichte, die ihr Wewerka mitgeteilt hatte, beschäftigte sie. Ob sie wahr wäre?
               Warum nicht? Weshalb sollte er sie erfunden haben? Das häßliche Aeußere des Mannes
               ließ auf ein ähnliches Inneres schließen. In seinen klugen Augen lag Berechnung. Und
               ein anständiger Mensch hätte sich gegen ein junges, schutzloses Mädchen auch nicht so
               betragen. Das war der beste Beweis für seine unvornehme Seele. Schmerz bereitete ihr
               das Gehörte nicht, aber eine leise Beschämung. Hatte sie doch gedacht, ihm wirkliches
               Interesse einzuflößen. Er verkehrte mit jungen Mädchen, um die Zärtlichkeit seiner
               alten Geliebten besser ertragen zu können. <pb/> Dort entschädigte er sich für den
               bitteren Trank, der ihm im vergoldeten Kelche gereicht wurde. Und der »große Mann«
               hielt seine schützenden Fittige über diesen stolzen Charakter gebreitet und baute mit
               seinen weißen, vornehmen Händen an dem Piedestal, auf das er seinen Schützling
               stellte. Wie hochherzig! Wenn es nicht zum Weinen wäre, wäre es zum Lachen. Mein
               Gott, in welche Gesellschaft bin ich geraten, dachte sie, und legte die Hände vor das
               heiße Gesicht ...</p>
            <pb/>
         </div>
         <div type="chapter">
            <head>7</head>
            <p>Als sie am nächsten Tag bei Schülers klingelte, öffnete ihr Alice selbst.</p>
            <p>»Du!?« Sie sah verwundert und erfreut aus. »Weißt Du, wer da ist? Na leg nur erst
               ab.« Sie half der Freundin aus dem Jacket und führte sie in ihr Empfangszimmer. Von
               dem Sopha in der Ecke erhob sich – Lohringer. Er begrüßte Johanne.</p>
            <p>»Ist das nicht nett?« rief Alice, »Sie zum ersten mal hier und nun kommt sie«. Sie
               schenkte der Freundin ein Schälchen Thee ein. »Du siehst schlecht aus, Liebchen,
               fehlt Dir etwas?«</p>
            <p>»O nichts« sagte Johanne, mir gehts gut; ich bin nur schnell gelaufen«.</p>
            <p>»Die Damen haben sich gewiß allerlei mitzuteilen« meinte Lohringer und wollte sich
               erheben.</p>
            <p>»Wie? Sie wollen schon gehen? Sie sind ja erst gekommen«.</p>
            <p>
               <pb/> »Ihr Gemahl erlaubte mir auch nur einen Blick auf Sie zu werfen, Gnädigste.
               Gucken Sie doch morgen nachmittag mal zu meiner Frau, sagte er gestern, als er bei
               mir war, sie langweilt sich so. Ich habe nun seinen Wunsch erfüllt, finde Sie aber
               nichts weniger als gelangweilt«.</p>
            <p>»So, so«. Alice sah schmollend vor sich hin. »Also nur auf Bitten meines Mannes kamen
               Sie hierher. Ich dachte, es geschah aus eigenem Antrieb«.</p>
            <p>Er zerkrümelte gleichgültig ein Stückchen Kuchen zwischen seinen Fingern. »Sie haben
               mich ja gar nicht eingeladen, Frau Schüler«.</p>
            <p>»So« sagte sie linkisch. »Nun, ich will diese Versäumnis nachholen. Ich will sehr
               liebenswürdig gegen Sie sein«.</p>
            <p>»Das ist nett von Ihnen« sagte er lachend und versenkte seine Augen in die ihren.</p>
            <p>Johanne errötete, ohne zu wissen warum.</p>
            <p>»Haben Sie Tage nicht gesehen?« fragte ihn Alice in leichter Verlegenheit. »Er
               versprach mir, zu kommen, kam aber nicht mehr nach dem ersten Male«.</p>
            <p>»Ich habe ihn nicht gesehen, vielleicht aber kann Ihnen Ihre Freundin Auskunft über
               den berühmten Dichter geben«.</p>
            <p>»Sie irren« bemerkte Johanne trocken, »ich bin dem Herrn seit mehreren Tagen nicht
               mehr begegnet.«</p>
            <p>
               <pb/> »Warum sagst du ›dem Herrn‹ mit so verächtlicher Betonung?«</p>
            <p>»That ich das«. Ihre Blicke beschäftigten sich angelegentlich mit der Bordure des
               Serviettchens. »Ich weiß es nicht«.</p>
            <p>»Ja überhaupt, das gnädige Fräulein hat sich merkwürdig verändert«.</p>
            <p>»Sagen Sie nicht das ›gnädige‹, sonst verderben Sie sichs mit ihr«.</p>
            <p>»Ich sah Sie nämlich neulich mit Tage und wunderte mich, nein, nein, Sie sahen mich
               nicht, – wunderte mich, wie ein junges Mädchen sich so schnell verwandeln kann«.</p>
            <p>»Wie sehe ich denn aus?« Ihre Augen begegneten kalt den seinen.</p>
            <p>»Sie waren früher sehr hübsch und – uninteressant, jetzt sind sie sehr interessant
               und – weniger hübsch«.</p>
            <p>Alice konnte eine kleine Bewegung der Freude nicht unterdrücken. Sie würde ihre
               Freundin noch viel inniger geliebt haben, wenn sie weniger schön gewesen wäre. »Ich
               finde Sie haben recht« meinte sie. »Du grämst Dich über etwas, Johanne. Man merkts
               Deinen trüben Augen an«.</p>
            <p>»Ich wüßte nicht, worüber« sagte das junge Mädchen ruhig. »Mir steht Niemand so nahe,
               daß ich mich um seinetwillen grämen könnte«.</p>
            <p>
               <pb/> »Mit neunzehn Jahren« rief Lohringer und schlug scherzhaft die Hände zusammen.
               »Sie reden wie ein über die Welt erhabener indischer Heiliger«.</p>
            <p>»Woher wissen Sie mein Alter?«</p>
            <p>»Kann mich wahrhaftig nicht mehr besinnen.« Er dachte einen Augenblick nach. »Ich
               glaube von Schüler«.</p>
            <p>In diesem Augenblick trat der Genannte herein. Alle waren erstaunt. Er warf einen
               flüchtigen Blick auf Johanne, dann auf Lohringer und lachte.</p>
            <p>»Schaut mich nicht so verblüfft an, ich komme vom Leichenbegängnis eines Freundes, da
               wollte ich, bevor ich ins Bureau gehe, noch einen Blick herauf thun«. Er setzte sich
               zärtlich neben seine Frau.</p>
            <p>»Gieb mir ein Schälchen Thee. Haben Sie die gewünschten Papiere erhalten, Lohringer?
               Wie gehts, Johanne? Blaß und – zum Anbeißen schön. Na, gieb mir einen Kuß, Ali! So;
               adieu, meine Freunde«.</p>
            <p>Lohringer zog seine Uhr und erhob sich.</p>
            <p>»Ich werde mich ebenfalls empfehlen«.</p>
            <p>Schüler blieb unter der Thüre stehen.</p>
            <p>»Sie wollen fort? Und Sie desgleichen, Johanne? Na, dann, weißt Du was, kleine Frau?
               Bist Du im Stande, in zehn Minuten ein Kleid überzuwerfen? Um halb sechs erhalte ich
               einen interessanten Besuch auf meinem Bureau. Ali ben Hirun, der Indier, der
               Schlangen in Nähnadeln verwandelt und kleine böse Frauen in Eichkatzen, <pb/> hat
               sich bei mir angekündigt. Willst Du ihn sehen? Vielleicht verehrt er Dir eine
               indische Kostbarkeit, den Zahn eines heiligen Elephanten, oder einen versteinerten
               Wurm aus den Wunden eines sechstausend Jahre alten Säulenheiligen. Herr Lohringer ist
               gewiß so gütig, Fräulein Johanne nach Hause zu bringen.«</p>
            <p>»Warum denn?« fragte das junge Mädchen, indes Alice sich umzukleiden eilte.</p>
            <p>»Weil ich es nicht für gut halte, daß Sie im Finstern den weiten Weg nach Hause
               machen.«</p>
            <p>»Es ist ja erst sechs«.</p>
            <p>Er lachte. »Es ist November, Fräuleinchen. Bitte wollen wir uns noch einmal setzen,
               wir gehen dann alle miteinander«. Er warf sich in einen Sessel.</p>
            <p>»Ich muß gleich fort« sagte Johanne hastig, »grüßen Sie Alice«.</p>
            <p>»Dann gestatten Sie« bemerkte Lohringer mit kühler Höflichkeit, »daß ich dem Wunsch
               unseres Wirtes Rechnung trage. Adieu, Schüler«.</p>
            <p>Dieser erhob sich. »Also wirklich? Sie sind eine Satanin, Johanne. Möchte wohl
               wissen, was Sie heute vorhaben. Adieu, Lohringer; gute Nacht, gnädiges Fräulein«.</p>
            <p>Sie traten auf den Korridor, wo eben eine ältere, nur notdürftig bekleidete Frau das
               Gas entzündete.</p>
            <p>Schüler fuhr bei ihrem Anblick heftig zurück und<pb/> flüsterte ihr zornig etwas zu.
               Johanne riß ihr Jäckchen vom Kleiderhaken und eilte, von Lohringer gefolgt, hinaus.
               Draußen zog sie es an.</p>
            <p>»Weshalb eilen Sie so« fragte er lächelnd.</p>
            <p>»Das ist leicht zu erraten« antwortete sie.</p>
            <p>»Pflegen Sie durch die Langegasse oder über den Naschmarkt nach Hause zu gehen?«</p>
            <p>»Wos näher ist«.</p>
            <p>Sie schritten ein Stück stillschweigend hin. Sie hatten den nächsten Weg
               eingeschlagen.</p>
            <p>»Die schönen Schaufenster« sagte er nach einer Weile, »nicht einen Blick erhalten sie
               von Ihnen. Sonst ist es das Entzücken der Damen, vor jeder dieser Spiegelscheiben
               stehen zu bleiben«.</p>
            <p>»Ich interessiere mich nicht für Putz« sagte Johanne apathisch.</p>
            <p>»Aber für Juwelen?«</p>
            <p>»Auch nicht«.</p>
            <p>Er lachte. »Aber vielleicht für hübsche Kunstgegenstände, oder auch das nicht?«</p>
            <p>»Augenblicklich auch das nicht«.</p>
            <p>»Wahrhaftig« er betrachtete sie von der Seite, »Sie sind eine seltsame junge Dame.
               Die Liebe interessiert Sie nicht und der Glanz der Welt läßt Sie kalt; sind Sie etwa
               – fromm?«</p>
            <p>»Nein«.</p>
            <p>
               <pb/> »Auch nicht fromm?«</p>
            <p>»Ich bin unzufrieden«.</p>
            <p>»Glückliches Kind« sagte er, »wenn ich noch unzufrieden sein könnte«. Er nahm den
               Cylinder ab und fuhr sich mit seinem Taschentuch über den Schädel. »Unzufriedenheit
               ist das Symptom der Jugend. Unzufriedene haben noch allerlei Wünsche. Sagen Sie doch,
               was wäre der Ihre? Es interessiert mich insofern, als Sie einen ganz besonderen
               Wunsch haben müssen, da Sie die von Andern am meisten begehrten Dinge kalt
               lassen«.</p>
            <p>»Wunsch? Ach Gott, ich möchte von hier fort sein –«</p>
            <p>»Ninive, nannten Sie einmal die Stadt« scherzte er.</p>
            <p>»und vergessen können, daß ich dagewesen sei«.</p>
            <p>»Haben Sie denn so traurige Erfahrungen gemacht?« Er verlangsamte seine Schritte.</p>
            <p>»Ja, recht traurige«.</p>
            <p>»Schade, daß wir nicht näher mit einander bekannt sind, vielleicht würden Sie mir
               einiges mitteilen, vielleicht könnte ich Sie trösten«.</p>
            <p>»Das könnten Sie wohl nicht« meinte sie zögernd, »Sie müßten mich denn blind
               machen«.</p>
            <p>»O, wie meinen sie das?« Er sah sie interessiert an.</p>
            <p>»Ich meine, man sieht allenthalben so Trauriges, daß einem das Herz schwer wird«.</p>
            <p>Er blieb stehen.</p>
            <p>
               <pb/> »Hm. Ich glaube Sie zu verstehen, aber ich kann Ihren Mißmut nicht gut heißen.
               Er ist kindisch. Entschuldigen Sie meine Offenheit. Sie sollten lachen zu dem, was
               Sie sehen, und kein schweres Herz bekommen«.</p>
            <p>»Da müßte ich schlecht sein«.</p>
            <p>»O nein, liebes Fräulein, nur klug. Wenn es schlecht Wetter ist, schürzen Sie Ihr
               Kleid hoch, damit der Straßenschmutz es nicht berührt. Wollen Sie etwa Mitleid mit
               dem armen Schmutz haben und ihm zu Liebe Ihr Kleid unsauber machen? Sollten Sie ihn
               beweinen? Nein, Sie schreiten leichtfüßig drüber hinweg«.</p>
            <p>»Wie seltsam, daß Sie so sprechen. Gehören Sie denn nicht auch zu Jenen, mit denen
               Sie verkehren?«</p>
            <p>Sie sah ihm neugierig ins Gesicht.</p>
            <p>Er schwieg ein Weilchen, dann sagte er nachlässig: »Nicht so ganz. Ich lebe hier,
               verkehre in allen möglichen Kreisen, ohne die Einen zu hoch, die Andern zu gemein zu
               finden. Ich kann nicht behaupten, daß die Fürstin Rammelsburg, bei der ich gestern
               meinen Thee trank, mir mehr imponierte, als – wen kennen wir gemeinschaftlich? als
               etwa Frau Wewerka. Jede besitzt die Fehler und Vorzüge eben ihrer Klasse, die eine
               führt ein Battisttaschentuch an ihr Näschen, die andere ein baumwollenes. Der Effekt
               ist der gleiche. Aber – was ich sagen will, ich gehöre weder zu den Spitzbuben, noch
               zu den Biedermännern. Man braucht Wewerkas, um sich <pb/> ihrer hier und da in
               heiklen Angelegenheiten zu bedienen. Man ist in einer vorgerückten Nachtstunde,
               nachdem man verschiedene Flaschen Sekt hinabgespült hat, nicht abgeneigt, mit
               Babinskys und Konsorten Bruderschaft zu trinken. Was schadet es? Narren sind wir ja
               alle, nur giebt sich jeder anders. Ich meinerseits ziehe ja auch die vor, die ihr
               Narrentum in anständige Form kleiden. Aber –« über sein scharfgeschnittenes Gesicht
               flog ein gutmütiges Lächeln, »wer wird sich die Komik des Lebens zu Herzen
               nehmen!«</p>
            <p>»Ich kann nicht so kalt sein« versetzte Johanne leise, »mich schmerzt all das, was
               ich sehe. Und dann der Gedanke, daß ich werden könnte wie sie.«</p>
            <p>»Warum nicht? Es giebt Menschen, die ein Unrecht auf sich laden müssen, um nachher
               durch ihre Reue zu sittlicher Höhe zu gelangen. Vielleicht gehören Sie zu diesen.
               Ueben Sie immerhin ein bischen Niedertracht; vielleicht finden Sie dadurch den Weg zu
               sich«.</p>
            <p>»Nein, nein« rief sie lebhaft, »lieber will ich nicht übermäßig gut werden, als auf
               unsauberen Nebenwegen zur Vollkommenheit gelangen«.</p>
            <p>Er zuckte die Schultern. »Was ist auch im Grunde unsauber? dem einen dies, dem andern
               das. Was Ihnen schrecklich erscheint, empfindet zum Beispiel Ihr Freund Schüler als
               Verdienst«.</p>
            <p>»Mein Freund Schüler« rief sie mit Nachdruck und <pb/> blieb stehen. »O Herr
               Lohringer, wie können Sie mir so unrecht thun? Ist er nicht der Ihre mehr als der
               meine?«</p>
            <p>Lohringer sah einem auffallend gekleideten hübschen Mädchen nach; dann sagte er
               gleichmütig:</p>
            <p>»Ich habe das Schicksal, ein entfernter Vetter des Herrn von Buch zu sein, des
               Herausgebers der Zeitung, an der Schüler angestellt ist. Wenn er irgend ein Anliegen
               hat, das er sich nicht getraut dem Chef vorzutragen, wendet er sich an mich. Ich habe
               ihn einmal auf einem litterarischen Kongreß kennen gelernt. Das ist die Freundschaft,
               deren Sie mich bezichten, mein Fräulein«.</p>
            <p>»Bat er Sie heute zu sich?« Ihre Augen hingen forschend an seinem Gesichte. Er sah
               sie an, zögerte, während ein fast unmerkliches Lächeln seine Lippen umspielte, und
               sagte dann: »nein«.</p>
            <p>Sie athmete auf. »Aber Sie sagten es doch«.</p>
            <p>»Das that ich nur, um die kleine Frau zu ärgern und ihr recht ungalant zu
               erscheinen«.</p>
            <p>»Wirklich? Ich danke Ihnen«. Sie reichte ihm die Hand. Sie waren vor ihrem Hause
               angekommen. Er las mit seinem Scharfblick in ihrer Seele.</p>
            <p>»Gute Nacht, Fräulein Johanne, und lachen Sie, bitte; Sie doch gewiß«.</p>
            <p>»Wenn ich kann« entgegnete sie, und ging hinauf.</p>
            <pb/>
         </div>
         <div type="chapter">
            <head>8</head>
            <p>Er schlenderte noch eine zeitlang umher; dann begab er sich nach Hause. Er wohnte in
               einem Riesenmietspalast im fashionabelsten Viertel der Stadt, in einem jener Häuser,
               wo man einander jahrelang auf der Treppe, im Flur begegnen kann, ohne zu wissen, wer
               der Andere ist, wie er heißt.</p>
            <p>Lohringers Wohnung, behaupteten boshaft einige seiner Freunde, gliche dem, der in ihr
               hauste. Sie habe schöne Einzelheiten, sei aber im Ganzen kahl. Sie hatten nicht
               unrecht. Aber das war erst nach seiner großen Wandlung so gekommen.</p>
            <p>Als Sohn begüterter Eltern, die längst tot waren, hatte er sich nach seiner
               Majorennerklärung sofort in den Strom des Lebens gestürzt. Vom Gymnasium mit guten
               Zeugnissen entlassen, immatrikulierte er sich auf der Universität, um verschiedene
               Fächer zu studieren. Er liebte Philosophie, hörte aber auch medizinische Collegia,
               trieb <pb/> Nationalökonomie und interessierte sich lebhaft für Sternkunde. Man sah
               ihn am Seziertisch als eifrigsten Hörer Professor Körners, des berühmten Anatomen,
               und vermutete, er würde den andern Wissenschaften untreu und ganz Mediziner. Doch
               bald schlug er sein Quartier im eisernen Turm des Observatoriums auf und versenkte
               sich mit fieberhaftem Eifer in die Geheimnisse des Firmamentes. Eines Tages war er
               ganz von der Universität verschwunden. Er war an die Malerakademie nach Wien gegangen
               und schrieb seinen Freunden, sie sollten ihn in Ruhe lassen. Hier zeichnete und malte
               er ein Jahr.</p>
            <p>Man rühmte ihm gute Befähigung nach, wie ehedem seine Lehrer sein brillantes
               Auffassungstalent bewundert hatten. Er begann nebenher zu modellieren, und war eben
               im Begriff sich ein Atelier zu mieten, als ein Bekannter von ihm, der Musiker war und
               gute Erfolge als Komponist hatte, ihm einredete, er wäre nicht zum Maler, sondern
               vielmehr zum Musiker befähigt. Hierauf komponierte Lohringer mit Hülfe des Freundes
               einige Lieder, die von schönen, gefeierten Sängerinnen in den Musiksälen der Residenz
               gesungen wurden.</p>
            <p>Aber eines Tages war ihm auch dieser Sport langweilig geworden. Er besaß die Gabe,
               seine Empfindungen sehr gut schildern zu können, und ließ auf japanischem
               Büttenpapier, in nur zweihundert Exemplaren, seine fin de siècle-Gefühle drucken.</p>
            <p>
               <pb/> Die Kritiker, meist gute Bekannte von ihm, erhoben ein Beifallsgeschrei und
               begrüßten in ihm ein Talent ersten Ranges. Wenn er nur ein bischen gläubiger gewesen
               wäre! Aber er war ein kluger und ehrlicher Bursche, wenigstens ehrlich gegen sich
               selbst. Er warf die Feder fort, verabschiedete sich von seinen Bekannten und ging auf
               eine Reise um die Welt.</p>
            <p>Er sah viel Neues, genoß alles, was der Besitzer eines gewinnenden Aeußern und einer
               vollen Geldbörse genießen kann, und kam eines Tages hierher.</p>
            <p>Während all der Jahre, da er die verschiedenartigsten Wandlungen in sich durchgemacht
               hatte, war er nach außen hin immer der Gleiche geblieben, ein vornehmer
               Verschwender.</p>
            <p>Die Sektquellen bei ihm schienen von unversiegbarer Tiefe zu sein; man genoß bei ihm
               die raffiniertesten Diners, und die schönsten Frauen stritten um die Ehre, an seinen
               Tafeln die Honneurs zu machen.</p>
            <p>Eines Tages stand er als lustiger Kahlkopf vor dem Spiegel, was ihm aber näher ging:
               als Kahlbeutel. Das schwere Vermögen war dahin, dahin bis auf einen Rest Schulden.
               Max Lohringer war nicht der Mann zu verzweifeln oder in Ratlosigkeit zu versinken. Er
               schaffte seine Geliebten, seine Pferde, seine fürstliche Wohnung ab. In einer
               einsamen Nacht leistete er sich selbst Gesellschaft und fragte den vernünftigen Kerl
               in <pb/> sich, was er wohl thun könnte, um das zu verdienen, was ihm bisher so
               unendlich gleichgültig gewesen war: Geld. Der vernünftige Kerl in ihm sagte: Mein
               Freund, dein Unglück ist deine Universalität. Du kannst alles, deshalb kannst du es
               in nichts zu etwas Bedeutendem bringen. Denn das Geschrei junger Leute von der
               Herrlichkeit vielseitiger Begabung ist Unsinn. Große Künstler, überhaupt große
               Menschen, die mit aller Willenskraft einem Ziel zustrebten, sind immer einseitige
               Leute gewesen. Wenn sie neben ihrer großen Lebensaufgabe noch anderem Sport
               huldigten, so ist dies noch allemal Dilettantenarbeit geblieben, die nur blinde
               Vergötterer als künstlerische That ausschrien. Da jedes Verhängnis aber bekanntlich
               außer einer Unglücks- auch eine Glücksseite hat, so ist diese Salonvirtuosität des
               Geistes, dieses Mädchenfürallestum, für eine Sorte von Leuten von nicht zu
               unterschätzendem Vorteil. Für die, die um Taglohn arbeiten müssen. Sie sind des
               Vormittags Photographen und schreiben des Abends eine Musikkritik. Sie singen den
               Ritter vom Gral und verzapfen Bier. Also Max Lohringer, ein Ganzes auf irgend einem
               Gebiet wirst du nicht leisten, aber es wird dir glücken, Geld zu verdienen, wenn du
               deine zwei Hälften ausspielst. Oder noch besser, teile dich in acht Achtel oder zwölf
               Zwölftel. –</p>
            <p>So sprach der vernünftige Kerl in Max Lohringer, und er predigte nicht tauben Ohren.
               Lohringer verkaufte <pb/> seine Möbel, seine Bilder, alle im Laufe der Jahre
               gesammelten Kunstschätze. Er mietete sich diese kleine Wohnung in dem großen
               Zinshaus, stellte einfache Holzmöbel hinein, und begann Schritte zu thun, sich einen
               Lebensunterhalt zu suchen. Er fühlte sich innerlich nicht gebrochen. Als er alles
               verloren hatte, erkannte er, wie wenig er verloren hatte. Was geschieht da? Als ob
               das Schicksal ihn für seine stoische Gleichgültigkeit belohnen wollte! Eines Tages
               bekommt er eine amtliche Zustellung, daß eine Schwester seiner Mutter, um die er sich
               niemals bekümmert hatte, gestorben sei und ihn zum Erben eingesetzt habe. Viel wars
               nicht. Seine Zinsen betrugen viertausend Mark jährlich, ein Pappenstiel für den
               Lohringer von ehedem. Die Erhaltung seines Stalls hatte ihn mehr gekostet.</p>
            <p>Aber es war doch immerhin um nicht zu verhungern. Ein Anderer hätte sich nun zu dem
               Einkommen noch eine gut honorierte Stellung gesucht. Lohringer that anders. Der
               Müßiggang, das Ideal mancher Naturen, die zum Philister zu viel Künstler und
               vielleicht zum Künstler zu wenig Geniales haben, war seine Schwäche.</p>
            <p>Aufstehen, wenn andere Leute ihr Mittagbrot verzehren, in einem Klub Zeitung lesen
               und frühstücken, einer Matinee im Opernhaus beiwohnen, im Café etliche Billardpartien
               spielen, einige Stunden lang auf dem Sopha ausgestreckt ein gutes Buch lesen,
               vielleicht ein Rundgang <pb/> durch die Kunstschätze der Stadt, später ein kleines
               ausgesuchtes Diner, hierauf ins Schauspiel oder in ein feines Variété-Theater, das
               war nach seiner Meinung ein reichlich ausgefüllter Tag. Er würde auf alle diese
               Genüsse verzichten haben können, wenn es hätte sein müssen. Aber da es nicht sein
               mußte, war er zufrieden und lebte nach diesem Rezept ein bescheidenes, behagliches
               Junggesellenleben, ohne Aufwand, ohne Freunde und Freundinnen. Nur manchmal, so alle
               Vierteljahre einmal, geschah es, daß er sich einschloß und ein Dutzend Flaschen leer
               trank. Man fand ihn dann, wenn er aus seiner freiwilligen Haft wieder hervorkam,
               ernsthaft und würdig. Es schien, als hätte seine Natur es nötig, von Zeit zu Zeit
               einen Exzeß zu begehen, um hernach doppelte Einkehr in sich zu halten. Ob er sich
               besondere Liebenswürdigkeiten in solchen Stunden sagte, wer weiß es. Jedenfalls lag
               ein guter Kern in ihm, viel Ehrlichkeit, und trotz allen wüsten Lebens in seiner
               Vergangenheit, eine gewisse unberührte Naivität Menschen und Dingen gegenüber, die
               ihm imponierten. Das »Kind im Mann« schien bei ihm noch nicht erstorben zu sein.</p>
            <p>– – – – Als er jetzt in sein Wohnzimmer trat, dessen Wände nur ein paar Zeichnungen
               bedeckten und dessen einfache Möbel auf einem blanken Parkettboden standen – er hatte
               seit seiner Verarmung eine Idiosynkrasie gegen Teppiche und Oelgemälde (vielleicht
               weil er <pb/> so auserlesene, wie er besaß, doch nicht mehr haben konnte), blickte
               ihm von seinem Schreibtisch ein rotes Rohrpostbrieflein entgegen.</p>
            <p>»Zu schade! Wir gingen gar nicht fort, d.h. ich nicht! Ich langweilte mich den ganzen
               Abend zu Hause. Bitte kommen Sie morgen. Vielleicht können wir einen Spaziergang mit
               einander verabreden. Alice Schüler«.</p>
            <p>Donnerwetter! – Max zwirbelte seinen Schnurrbart, er war noch sehr schön, weich und
               dunkel – zwischen den Fingern. Er lädt mich ein, sie lädt mich ein. Er für die
               Andere, sie für sich selbst. Ein liebes, gutes Paar! Es ist doch angenehm, wenn man
               der Vetter des Herausgebers einer Zeitung ist, deren Redakteur mehr Gehalt wünscht.
               Wenn die Personen nur etwas interessanter in dieser Geschichte wären. Johanne mit
               ihrem Jungfrauenpathos ...</p>
            <p>Lohringer drückte auf den elektrischen Knopf, daß das Zimmer taghell erleuchtet
               strahlte, trat vor den Spiegel, streichelte seinen Schädel und lachte ...</p>
            <pb/>
         </div>
         <div type="chapter">
            <head>9</head>
            <p>Etliche Tage später saß Johanne Alice gegenüber. Beide schienen sehr unruhig. Beide
               sahen zerstreut nach der Thür und erröteten bei jedem Geräusch. »Er wird kommen«
               sagte Alice und legte die bunte Stickerei, an der sie wie ein Kind mit dicken
               Kreuzstichen arbeitete, zur Seite. »Er wird kommen. Er kommt immer, wenn ich ihn
               darum bitte«.</p>
            <p>»Sonst nicht?« fragte Johanne mit leiser Bosheit.</p>
            <p>»Ich weiß es nicht, ob er sonst käme«. Die junge Frau zuckte die Schultern. »Weißt
               Du, mir ists schon egal. Mag er denken, was er will; wenn er nur kommt und mich
               unterhält. Er ist der einzige Mensch meiner Bekanntschaft, der etwas
               Vertrauenerweckendes hat. Man kann sich auf ihn verlassen«.</p>
            <p>»Ja er ist der Einzige, der wenn auch kein Heiliger, doch ein anständiger Mensch zu
               sein scheint« versetzte Johanne mit einem leisen Seufzer.</p>
            <p>
               <pb/> »Warum meinst Du, daß er kein Heiliger sei?« fragte Alice, der Freundin in die
               Augen blickend.</p>
            <p>»Er thut oft Aeußerungen, die darauf schließen lassen«.</p>
            <p>»Macht er Dir Liebeserklärungen?«</p>
            <p>Johanne lachte. »Nicht die Spur. Im Gegenteil. Als er mich neulich nach Hause
               brachte, sah er unterwegs jedem hübschen Mädchen nach«.</p>
            <p>»Hat es nicht geklingelt?«</p>
            <p>»Ja es hat geklingelt?«</p>
            <p>Alice neigte sich mit errötendem Gesicht über den Theekessel und zündete den Docht
               an.</p>
            <p>»Herr Lohringer« meldete die kleine Zofe. (Sie war erst seit kurzem hier.)</p>
            <p>»Guten Tag! ah, gnädiges Fräulein –« er verbeugte sich vor Johanne, »das ist nett;
               wie gehts Ihnen? sind Sie schon heiterer geworden?«</p>
            <p>Sie ließen sich nieder.</p>
            <p>»Ich bin sehr heiter« meinte Johanne verlegen, »Sie auch?«</p>
            <p>»Sie sehen es ja« scherzte er. »Wenn ich nicht heiter wäre, würde ich dann hierher
               kommen?«</p>
            <p>Er sah ihr in die Augen. Sie schlug die ihren nieder. Seine Bemerkung mißfiel ihr;
               sie wußte nicht warum. Unterdessen hatte Alice den Thee eingegossen und reichte ihn
               in winzigen Schälchen unher.</p>
            <p>»Ich habe die Eukalyptusmarmelade nirgends auftreiben <pb/> können, Lohringer, wir
               wollen morgen zusammen nach Straffs Conditorei gehen, vielleicht finden wir eine
               andere Sorte, die Ihnen schmeckt«.</p>
            <p>»O sehr gütig, liebes, gnädiges Frauchen!«</p>
            <p>»Schon wieder« rief Alice schmollend. »Haben Sie mir nicht neulich versprochen, mich
               einfach Alice zu nennen? Vor der da« – sie deutete auf Johanne, »brauchen Sie sich
               nicht zu hüten, sie ist meine Freundin«.</p>
            <p>Um Lohringers Lippen zuckte es leicht.</p>
            <p>»Es ist nicht die geringste Ihrer guten Eigenschaften, daß Sie so klug in der Wahl
               Ihrer Freundinnen sind«.</p>
            <p>Die jungen Damen sahen einander an. Eine von uns ironisiert er, aber welche? dachten
               beide.</p>
            <p>Lohringer beobachtete die jungen Gesichter, die seinetwegen in heißem Rot prangten.
               Es schien ihm Scherz zu machen, hier den Tausendsassa zu spielen. – Johanne trank
               ihren Thee hastig aus.</p>
            <p>»Ich mag die Leute nicht, die nie ernst sind«.</p>
            <p>»O! ist das auf – Frau Schüler gemünzt?«</p>
            <p>»Nein, auf Sie«.</p>
            <p>»Du brauchst ihn doch auch gar nicht zu mögen« rief Alice.</p>
            <p>»Woher wissen Sie das?« meinte er. »Mir liegt sehr viel daran –«</p>
            <p>»Hoffentlich nur, daß ich Sie mag«.</p>
            <p>»Glauben Sie?« Er sah Alice mit einem unverschämt <pb/> harmlosen Lächeln in die
               Augen. »Ich bin ein guter Mensch, der das Gebot der Nächstenliebe befolgt«.</p>
            <p>»Und wer ist Ihnen der Nächste?« Sie sprang auf und trat so dicht zu ihm, daß ihr
               Kleid ihn streifte.</p>
            <p>»Da nun doch Eine aufgestanden ist, stört es weniger, wenn auch die Andere sich
               erhebt. Leb wohl!«</p>
            <p>Johanne reichte Alice die Hand hin.</p>
            <p>»Du gehst schon? Hast Du es so eilig? Nun, dann adieu«.</p>
            <p>Sie bemühte sich nicht, sie zurückzuhalten. Lohringer stand auf und verneigte sich
               vor Johanne.</p>
            <p>»Gnädiges Fräulein, behalten Sie mich nicht in zu schlechtem Andenken. Sehen Sie, Sie
               gefielen mir riesig, blos Ihr Pathos, Ihre tragische Art der Auffassung ist mir
               ärgerlich«.</p>
            <p>»Das bedauere ich sehr, aber ich bin eben wie ich bin ...«</p>
            <p>Sie versuchte zu lächeln, aber in ihren Augen lag ein Glanz wie von aufsteigenden
               Thränen. Sie schritt rasch hinaus. Draußen auf der Straße wurde sie so müde, daß ihre
               Füße sie kaum trugen. Von allen Menschen hier interessierte sie nur Einer und diesen
               Einen gewann die Freundin. Und diese Freundin war doch verheiratet; hatte ein Heim,
               eine Zukunft, einen Mann, der sie in seiner Weise anbetete. Sie, Johanne, besaß
               nichts, Niemanden. Sie biß die Zähne zusammen. Nun würde <pb/> sie auch Alice
               verlieren. Sie konnte es nicht mit ansehen, wie sie ihn umschmeichelte, umstrickte.
               Erstens lehnte sich ihr Herz dagegen auf, dann aber ihr Rechtsgefühl. Und da schalt
               er sie pathetisch. Empfand er denn nicht selbst das wenig Vornehme seiner
               Handlungsweise? War es notwendig, daß er dem Beispiel der Andern folgte? Heute hatte
               sie es deutlich gesehen, daß Alice mit ihm in vertraulichere Beziehungen trat. Geahnt
               hatte sie es schon früher.</p>
            <p>An diesem Abend weinte sie sich in den Schlaf. In der Nacht erwachte sie alle
               Augenblicke. Es war doch traurig, kaum zu ertragen. Rings nichts wie Elend,
               moralisches, anderes. Wenn sie wenigstens eine Beschäftigung gehabt hätte, die ihren
               Geist ausfüllte. Aber diese Pädagogik, die sie so kalt und gelangweilt ließ! Obs denn
               nichts anderes für sie gab? Aber was?</p>
            <p>Sie erwog alle Beschäftigungen, die eine Frau erwählen kann. Doch überall stand ein
               nicht wegzuräumendes Hindernis im Wege: ihre zu mangelhafte Erziehung. Sie sprach
               keine fremde Sprachen, konnte sich schwer in feineren Formen bewegen. Sie hatte die
               Zeit, in der andere junge Mädchen sich fürs Leben vorbereiten, bei der alten
               Großmutter verträumt. Sie konnte nicht hoffen, jemals eine bessere Stellung zu
               finden. Es war zu traurig.</p>
            <p>Einige Tage ging sie überaus elend umher. Selbst<pb/> Frau Wewerkas freudige
               Mitteilung, daß ihre Mittel es nun erlaubten, eine größere, elegantere Wohnung zu
               mieten, stimmte sie nicht besser. – Einmal, als sie den Schulhof verließ, begegnete
               ihr draußen Tage. Er errötete leicht bei ihrem Anblick und zog tief den Hut.</p>
            <p>»Es wäre abgeschmackt, zu behaupten, daß ich Ihnen zufällig hier begegne. Sie
               schrieben mir einen bösen Brief; ein Anderer würde es nicht gewagt haben, Ihnen
               jemals wieder vor die Augen zu treten. Aber ich versuche es. Zürnen Sie mir
               noch?«</p>
            <p>Er sah ihr flehend ins Gesicht. Zuerst war sie empört, als sie ihn sah, dann that es
               ihr ordentlich wohl, daß ein Mensch so gut zu ihr sprach. Sie schüttelte den
               Kopf.</p>
            <p>»Ich zürne nicht, aber« –</p>
            <p>»Ach den Nachsatz, lassen Sie ihn, Fräulein Johanne«.</p>
            <p>Er nahm ihr die Schulmappe aus der Hand und trug sie, wie er es früher immer gethan
               hatte.</p>
            <p>»Gehen Sie nach Hause?«</p>
            <p>»Ja«.</p>
            <p>»Darf ich Sie begleiten?«</p>
            <p>Sie antwortete nicht.</p>
            <p>»Ach schmollen Sie doch nicht. Seien Sie gut. Die Stärke der Frauen ist ja das
               Verzeihen. Verzeihen Sie. Darf ich Sie begleiten?«</p>
            <p>Er sah sie hartnäckig an. »Uebrigens wissen Sie,<pb/> Sie sehen aus, als wären Sie
               sehr krank. Fehlt Ihnen etwas?«</p>
            <p>»Ja und nein« sagte sie gleichgültig. »Ich langweile mich«.</p>
            <p>»Endlich!« Er seufzte affektiert auf. »Ich habe immer im Stillen gestaunt, daß Sie
               diese gräßliche Kleinkinderbewahranstalt da besuchen«.</p>
            <p>»Was sollt ich sonst?« fragte sie achselzuckend. »Ich verstehe zu wenig, um etwas
               Besseres zu beginnen«.</p>
            <p>»Mein Gott, man braucht doch kein Philo der Gelehrsamkeit zu sein, um im Leben etwas
               zu erreichen«.</p>
            <p>Sie schritten langsam neben einander hin.</p>
            <p>»Wie bin ich glücklich neben Ihnen gehen zu dürfen« sagte er, »Sie glauben nicht
               –«</p>
            <p>»Machen Sie mir keine Liebeserklärungen« bemerkte sie mit der Kälte der Frau, die
               nicht liebt.</p>
            <p>»Das würde ich nicht wagen« sagte er schlau, »ich wollte Ihnen nur eine
               Freundschaftserklärung machen. Sie sind wirklich das einzige junge Mädchen –«</p>
            <p>»Das dumm genug war, einen Augenblick lang an Ihre Idealität zu glauben«.</p>
            <p>»Wieso« fragte er lauernd.</p>
            <p>»Nun, Sie sind doch ein sehr praktischer Mann«.</p>
            <p>»Man scheint mich bei Ihnen verleumdet zu haben« versetzte er mit einem bösen Zucken
               seiner Mundwinkel.</p>
            <p>
               <pb/> »Das schadet nichts. Menschen wie ich haben immer Neider. Was hat man Ihnen
               denn alles erzählt?«</p>
            <p>»O nichts«.</p>
            <p>»Aber bitte, sagen Sies doch. Es interessiert mich wirklich«.</p>
            <p>Sie warf den Kopf zurück und sah ihn etwas geringschätzig an. »Daß Sie sehr schlau in
               der Wahl Ihrer Freunde sind, nicht die Regungen Ihres Herzens, sondern Ihres
               rechnenden Verstandes sprechen lassen«.</p>
            <p>Er zuckte die Schultern. »Sonst nichts? Mein Gott, das ist ja nicht einmal eine
               Verleumdung. Das ist wahr. Finden Sie es schlecht?«</p>
            <p>Jetzt, wie er so sprach, fand sie im Innern eigentlich keinen Grund, ihn zu
               verachten. War sie schlechter oder besser und klüger geworden? Sie vermochte sich
               ihre Selbstfrage nicht zu beantworten.</p>
            <p>»Sie machen eine alte Frau glauben, daß Sie sterblich in sie verliebt sind, um sich
               ihres Einflusses, ihrer Börse zu versichern«.</p>
            <p>Er errötete stark.</p>
            <p>»Also das! Nun, sehen Sie, wenn diese alte Frau so thöricht ist, sich in einen jungen
               Menschen zu vergaffen, sich und ihr Hab und Gut zu seiner Verfügung zu stellen,
               weshalb sollte der junge Mensch nicht das Anerbieten annehmen, sie ›glücklich‹ machen
               und sich gleichzeitig von etlichen dummen Sorgen befreien?«</p>
            <p>
               <pb/> »Das ist aber gemein«.</p>
            <p>»Fragen Sie die Welt, Fräulein Johanne, ob sies gemein findet«.</p>
            <p>»Sie thun keinen Schritt, der Ihnen nicht Vorteil verheißt. Sie hingen sich an einen
               Mann, der großen Einfluß besitzt und verherrlichten ihn. Warum war es kein einfacher,
               schlichter, lieber Mensch, sondern ein Machthaber, der seine Kreaturen gut und reich
               versorgt«.</p>
            <p>Tage lächelte vergnügt. »Mich freuts, daß Sie so ehrlich reden. Auch freuts mich, daß
               Sie sich etwas in der Welt, in der wir leben, umzusehen beginnen. Glauben Sie, ich
               wäre im Unklaren über den Wert der Schätzung Kneilenbreggs?«</p>
            <p>»Aber –«</p>
            <p>»Bitte, lassen Sie mich ausreden; glauben Sie, er wäre im Unklaren über den Grund
               meiner öffentlich betonten Verehrung für ihn? Fräulein Johanne, wir Menschen benützen
               einander, manchmal lieben wir uns dabei, um so besser, manchmal nicht, dann scheinen
               wir etlichen empfindsamen Seelen roh und egoistisch. Aber – glauben Sie mir, aus
               purem Edelmut liebt kein Jüngling sein Mädchen und sei er noch so schwärmerisch
               veranlagt«.</p>
            <p>»Sie reden von Ihresgleichen –«</p>
            <p>»Nein, von – Unseresgleichen. Warum würden Sie lieben? Nicht weil er reich, schön,
               gefeiert ist, beileibe. <pb/> Weil Sie in seinen Armen sich selig fühlten. Sie
               benützten ihn also als Spender beglückender Gefühle für Sie«.</p>
            <p>»Häßlich« sagte sie kurz.</p>
            <p>»Ach gehn Sie. Häßlich! Das Leben ist nun einmal so, dagegen läßt sich nichts machen.
               Ich benütze die Anderen, mögen sie mich auch benützen, wenns ihnen paßt«.</p>
            <p>»Ich möchte wohl wissen –« sie hielt verschämt lächelnd über ihr vorschnelles Wort
               inne, »ich möchte wissen, warum Sie mich –«</p>
            <p>»Warum ich Sie verehre?« Er bemühte sich eines treuherzigen Blickes. »Sehr einfach,
               weil Ihre Anmut meine Dichterphantasie anregt, weil Sie wunderbar reinigend und gut
               auf mich wirken«.</p>
            <p>»So? ist das auch wahr?« fragte sie ernst.</p>
            <p>»Gewiß ists wahr, Fräulein Johanne. Ich verspreche Ihnen, auch immer ungeheuer brav
               zu sein«.</p>
            <p>»Gut, es soll mich freuen«.</p>
            <p>Er blieb stehen. »Dann darf ich also auch hoffen, Sie dann und wann zu sehen?«</p>
            <p>»Gewiß, Sie können mich ja immer sehen, wenn ich zur Schule geh«.</p>
            <p>»Ach diese Schule! Thun Sie doch etwas anderes. Schriftstellern Sie«.</p>
            <p>Er wußte, daß sie ihn jetzt mit zwei halb freudigen, halb fragenden Augen anblickte.
               Er sah weg. Er hatte<pb/> lange darüber gegrübelt, wodurch er sich dieses Mädchens,
               das einen starken Eindruck auf ihn machte, versichern konnte. Er war noch nie im
               Leben der Erste bei Einer gewesen, hier konnte er es werden, wenn er einigermaßen
               klug war. Sein Rat war der glatte Boden, wohin er sie locken wollte.</p>
            <p>»Wie können Sie glauben, daß ich Talent habe, ich bin nie über das Briefschreiben
               hinaus gekommen«.</p>
            <p>»Wenn Sie sich mir ein wenig anvertrauen wollten« –</p>
            <p>»Das ist doch nur Scherz von Ihnen«.</p>
            <p>»Aber gar nicht«. Sie waren bei ihrem Hause angekommen. »Sehen Sie, es wäre doch viel
               schöner, als gefeierte Schriftstellerin große Honorare einzustreichen, als eine arme,
               schlechtbezahlte Bonne bei verzogenen Kindern zu spielen«. Er stand ihr gegenüber und
               sah sie lächelnd an. Sein Gesicht schien ihr den Ausdruck großer Gutmütigkeit zu
               besitzen.</p>
            <p>»Das abzuleugnen wäre dumm, aber wie anfangen?«</p>
            <p>»Pah, wie? Schreiben Sie etwas, irgend eine Kleinigkeit, eine Skizze, was immer. Ich
               brings unter. Als Erstlingsarbeit braucht es keine besondere Sache zu sein«.</p>
            <p>»Aber ich weiß gar nichts«.</p>
            <p>»Ach Gott, beschreiben Sie, wie traurig einem Mädchen zu Mute ist, das allein steht
               und sich sein Brot verdienen soll. Oder die Gefühle einer ganz jungen Dame, <pb/> die
               gern auf einen Ball möchte, aber von ihren Eltern zu Hause gehalten wird u.s.w.«</p>
            <p>Johanne lehnte neben ihrer Hausthür und sah sinnend vor sich nieder.</p>
            <p>»Und wenn es zu dumm wird und niemand es drucken will?«</p>
            <p>»Das lassen Sie nur meine Sorge sein. Ueberhaupt deshalb machen Sie sich keinen
               Kummer. Der Grad seiner Begabung ist nicht Hauptsache beim Schriftsteller. Er muß nur
               in maßgebenden Kreisen, wo die Kritik gemacht wird, verkehren«.</p>
            <p>»Wahrhaftig?«</p>
            <p>»Aber selbstverständlich. Ich kenne ganz talentlose Schriftsteller, die in allen
               Blättern als Genies gepriesen werden. Warum? Sie verkehren in Salons, wo die Größen
               der Presse und Tageskritik aus- und eingehen. Ueber den Mann, mit dem man gestern
               politisiert und angestoßen hat, kann man doch heute nicht vernichtend herfallen.
               Schließlich, ist es nicht vielleicht auch ein armer Teufel? Hat er nicht erzählt, daß
               er drei kleine Kinder und außer seiner Frau noch deren Eltern zu erhalten habe? Man
               fertigt sein Buch, das tief unter der Mittelmäßigkeit steht, mit einigen lobenden
               Worten ab. Man gönnt dem armen Tropf Erfolg«.</p>
            <p>»Und glauben die Leute solche Berichte?«</p>
            <p>»Das Publikum glaubt alles, was gedruckt ist. Bei<pb/> uns kritisieren die Kritiker
               weniger die Bücher, als die Menschen, die sie geschrieben haben.</p>
            <p>Eine Gans mit vornehm klingendem Namen veröffentlichte jüngst in einem großen
               Tagesblatt einen Roman, der so dumm war, daß viele Leute ihn für eine Mystifikation
               ihres gesunden Verstandes hielten. Die Kritik lobte. Wie könnt ihr euch so blamieren?
               fragte ich einen Rezensenten. Was willst du, meinte er, die Frau ist bekannt als
               brillante Reiterin, als gute Mutter, als treffliche Hausfrau. Viele Mädchen und
               Frauen der Gesellschaft verehren sie. Man würde es übelnehmen, ihr nachzusagen, daß
               sie ein Schaf sei. Auch weiß man nie, ob man solche Leute nicht einmal brauchen
               kann«.</p>
            <p>»Unglaublich« meinte Johanne mit bäuerlichem Ernst, »aber jetzt muß ich
               hinaufgehen«.</p>
            <p>»Fräulein Johanne« er griff mit gutgespielter Schüchternheit nach ihrer Hand,
               »versprechen Sie mir, eine Kleinigkeit zu schreiben. Ich mache schon das Uebrige. Sie
               sollen sich einmal so einen Salon ansehen, wo die ›Tagesgrößen‹ verkehren. Es muß Sie
               doch auch interessieren?«</p>
            <p>»Das thut es auch. Nun aber – adieu«.</p>
            <p>Sie nickte ihm zu und sprang die Treppe hinauf. Er ist doch ein guter Mensch. Und
               Schriftstellerin zu werden, wie herrlich!</p>
            <p>Und wenn sie am Ende wirkliches Talent hätte?<pb/> Wenn sie berühmt würde? Freilich
               unangenehm wars, daß sie ihm und seiner Anregung das alles danken sollte. Aber was
               thats? Schließlich mußte sie sich wirklich ihre allzuschwere Auffassung vom Leben ab
               gewöhnen. Dieser Tage z.B., den sie so baar aller guten Eigenschaften geglaubt hatte,
               war im Grunde kein schlechter Mensch. Er besaß vielleicht mehr Charakter als der, der
               so bittere Worte über ihn gefällt hatte. Wer weiß, wer weiß? Ihre Augen blickten
               wieder munterer. Eine Hoffnung war über sie gekommen. Die weiße Winterlandschaft, die
               sie von ihrem Fenster aus sah, erschien ihr nicht mehr so entsetzlich. Sie suchte die
               ganze Nacht nach einem Stoff, den sie zu einer Skizze verarbeiten wollte.</p>
            <p>Am nächsten Tag ließ sie sich krank melden, blieb zu Hause, bekritzelte etliche
               Bogen, zerriß sie wieder und schrieb endlich in einem Zuge etwas nieder, von dem sie
               nicht wußte, ob es brauchbar war oder nicht.</p>
            <pb/>
         </div>
         <div type="chapter">
            <head>10</head>
            <p>Etliche Tage später erhielt Hans Tage einen auf allen vier Seiten engbeschriebenen
               Bogen. Dabei lag ein Zettel. »Ich weiß nicht, ob Sie das brauchen können.
               Johanne«.</p>
            <p>Donnerwetter! die geht ins Zeug, lachte er, entfaltete den Bogen und las:</p>

            <!--milestone hi_start-->
            <p> Gebet.</p>
            <!--milestone hi_end-->

            <p>Das Fieber steigt und steigt. Und der Arzt ist weggegangen. Freilich, was sollte er
               hier noch weiter? Die Krankenwärterin ist aufs Genaueste unterrichtet. Sie weilt im
               Nebengemach. Elise wird doch ihr einziges Kind nicht von fremder Hand pflegen lassen.
               Eher zusammenbrechen vor Erschöpfung. Aber man bricht nicht zusammen, wenn man sich
               aus Liebe opfert, nein. Es liegt eine stählende, feiende Kraft in solchem
               Sichaufgeben.</p>
            <p>Die junge Mutter beugt sich mit fieberndem Lächeln über das Kind. Blickt ihr nicht
               aus dessen gespannten, ernsten Zügen der Tod entgegen? Wer hätte in diesem Gesicht
               die kleine Emmy wiedererkannt, das holde, herzige Geschöpfchen, das man so leicht
               erfreuen, so leicht glücklich <pb/> machen konnte? Ein zum Kreisen gebrachter
               Fingerhut, und sie jauchzte, ein rotbäckiger Apfel, den man ihr schenkt, und ihr Auge
               leuchtet vor Dankbarkeit. So harmlos und ursprünglich war sie, so voll goldener
               Freude an jedem Lächeln des Lebens, ein Vöglein, das in den rosenroten Morgen
               hineinjubiliert und nicht weiß, daß es eine Nacht giebt. Und jetzt, gerade jetzt, wo
               sie anfing zu erwachen, wo sie aus sich selbst das Gute zu lieben begann, jetzt, mit
               sieben Jahren, sollte sie sterben müssen?</p>
            <p>Elise strich zitternd über das blonde Haar der Kleinen, das sonst mutwillig in hellen
               Goldfarben das Köpfchen umlockte. Heute lag es fahl, wie zusammengekittet, in
               kleinen, steifen Strähnen um die brennende Stirne.</p>
            <p>Nein, Gott konnte das nicht thun. Es war ja ihr Liebstes. Ihr Mann, Schiffskapitän,
               trieb in fernen Gewässern umher. Er wußte von nichts, er erfuhr es erst, wenn alles
               vorüber war. Aber es durfte nicht, nein, nein ... Elise wirft sich auf die Kniee und
               breitet die Arme nach oben. Lieber Gott, hast du nicht so viel reifwelke, müde Blumen
               in deinem Schöpfungsgarten? So viel Unkraut, das keiner Biene, nicht dem Wind Freude
               giebt, wenn er duftdurstig über die Felder streicht? Lieber Gott, nimm doch von
               diesem und nicht mein armes, junges Blümlein hier, das eben erst die Augen zu deinem
               Himmel aufzuschlagen begann? Hörst du, hörst du, lieber Gott? Du mußt mich ja hören,
               denn du bist <pb/> allgegenwärtig. Siehe, ich will nie wieder Zerstreuungen ersehnen,
               Putz, Schmuck, Anerkennung, ich will nichts weiter als dieses kleine Seelchen da,
               will ihm dienen, es hegen und pflegen, bis es eine große, schöne, starke Seele
               geworden ist, die dir Wohlgefallen bereitet. Hörst du mich auch, mein Gott, hörst du
               mich auch? Der Arzt meint, wenn sie erwachte, mit klarem Bewußtsein nach Nahrung
               verlangte, mich erkennte, dann wäre sie gerettet. Sie muß also erwachen, sie muß
               erwachen ... Die Hände der jungen Frau ringen sich schmerzhaft. Ich gebe mein halbes
               Leben für sie, du mein Gott, mein Augenlicht, o ich will gern blind werden, um ihre
               Gesundheit zu retten, ich ... ich ... nur noch ein paar, zwei, ein einzig Jahr laß
               sie mir, du mein lieber, guter, lieber Gott, bitte, bitte, bitte! Du mußt, hörst du,
               du mußt! In ausbrechender Verzweiflung stürzt sie ans Fenster und streckt die Arme
               zum Himmel.</p>
            <p>Da schrillt ein Klang herüber. Drüben, jenseits des Platzes, liegt das hohe, düstere
               Gefängnisgebäude, in dessen Hof die schwersten Verbrecher gerichtet werden. Die
               Betende kennt das Glöcklein. Es läutet nur, wenn Einer zum Sterben geführt wird. Ihre
               entsetzten Augen glauben den armen Sünder in den Hof hinausschwanken zu sehen.</p>
            <p>Es ist eine Frau.</p>
            <p>Elise schauert zusammen. Hat die auch eine Mutter <pb/> gehabt, die zum Himmel für
               sie flehte? Die um ihr Leben zu Gott schrie? Allmächtiger! ... vielleicht hat ihr
               stammelndes Gebet, das Leben ihres Kindes erhalten, erhalten, damit dieses aus ihm
               wurde?</p>
            <p>Allmächtiger!</p>
            <p>Sollte man – vielleicht nicht so heiß beten und bitten, den Herrn zwingen wollen,
               etwas zu thun, was – vielleicht – besser ungethan bliebe? Sollte man unterlassen,
               etwas erkämpfen zu wollen, was dann ... das Rot des glutvollen Wunsches an sich
               trägt, aber – als Blutflecken ... vielleicht. – –</p>
            <p>Die gefalteten Hände der jungen Frau lösen sich, und sinken steif, starr herab.</p>
            <p>Ists vielleicht besser, nicht allzuheiß zu beten? gar nicht um etwas zu bitten,
               sondern in Gelassenheit, in erstrittener Stille, in lächelnder Opferbereitheit, im
               Wissen, daß das Beste geschieht, das Kommende zu erwarten?</p>
            <p>O Gott! ich will nicht bitten! .....</p>
            <p>Das Weib bricht in die Kniee und neigt seine Stirn.</p>
            <p>Da regt sichs im Bettchen der Kleinen und ein Stimmchen flüstert:</p>
            <p>»Mama, Mama, ich bin so hungrig«......</p>
            <p>Er ging etliche Male in der Stube auf und nieder, schüttelte dann und wann den Kopf,
               trat wieder zu dem Bogen, las ihn, faltete ihn zusammen, steckte ihn ein, und ging
               fort.</p>
            <pb/>
         </div>
         <div type="chapter">
            <head>11</head>
            <p>»Ich war einmal in der Lage Ihnen einen Gefallen erweisen zu können, üben Sie jetzt
               Vergeltung«.</p>
            <p>Der große schwarzlockige Mann, der sich träg in einem Sessel schaukelte, lachte.</p>
            <p>»Aber gewiß, Tage. Sagen Sie nur Ihren Wunsch. Wenn ich kann, erfülle ich ihn
               gern«.</p>
            <p>Tage sah sich einen Augenblick in dem luxuriösen Herrenzimmer um, dann sagte er
               nachlässig. »Sie geben nächste Woche ein Fest. Laden Sie eine junge, hübsche, begabte
               Schriftstellerin, die mich interessiert, mit ein. Ich möchte das Mädchen gern unter
               die Menschen bringen«.</p>
            <p>»Sie Tausendsassa! Und wenn die Baronin kommt?«</p>
            <p>»Die kommt nicht, lieber Klingenberg. Seien Sie außer Sorge«.</p>
            <p>Der Mann mit den dunklen Locken nickte.</p>
            <p>
               <pb/> »Va bene; aber mit wem soll die Dame kommen? Sie wissen, ich stehe über all
               diesen Formalitäten, aber meine Frau ist darin etwas peinlich«.</p>
            <p>»Dürfte Frau Wewerka sie herbringen?«</p>
            <p>Klingenberg sprang auf. »Um Gotteswillen! Er hat sich durch seine letzten
               Schwindeleien ganz unmöglich gemacht; sie, na, da brauchen wir keine Worte zu
               verlieren«.</p>
            <p>Tage zuckte die Schultern. »Nun, dann kommt Fräulein Grün allein. Sie als fremde,
               hier zugereiste Dame darfs ja«.</p>
            <p>Klingenberg nickte. »Gewiß; übrigens, es werden ja mehr Leute da sein; sie wird nicht
               sitzen bleiben; überdies, Sie kommen ja auch«.</p>
            <p>»Natürlich« sagte der Poet. Er stand auf und reichte dem Andern die Hand. »Also
               abgemacht und Dank«.</p>
            <p>»Soll ich sie persönlich einladen?«</p>
            <p>»Nicht nötig« meinte Tage, »ich bringe sie einfach Sonnabend her«.</p>
            <p>»Gut«.</p>

            <p>Alfred Klingenbergs Salon war eine bekannte Versammlungsstätte aller Künstler. Hier
               gingen Maler, Bildhauer, Dichter und Kritiker aus und ein.</p>
            <p>Viele kamen nur des guten Essens wegen, Andere der Bekanntschaften wegen, die man da
               machte, wieder <pb/> Andere, um Käufer oder Interessenten für ihre Kunstschöpfungen
               zu finden. Alfred Klingenberg und Frau, die beide selbst auf allen Kunstgebieten
               herumtasteten, wollten durch die Künstler, die sie um sich versammelten, wenigstens
               indirekt mit Frau Kunst verkehren. Er besorgte selbst die Delikatessen, die er seinen
               allezeit hungrigen und durstigen Gästen vorsetzte. Es war dem Ehepaar lange ein
               großer Schmerz gewesen, daß Professor Kneilenbregg, der »große Mann«, wie ihn
               Lohringer nannte, nicht zu der Schaar seiner Stammgäste zählte. Eines Tages, als
               wieder die Rede darauf kam, warf sich Tage, der als Liebling Kneilenbreggs galt und
               viele Vorteile von Klingenbergs zog, stolz in die Brust und versprach, mit ihm zu
               reden. Und in der nächsten Sonnabendgesellschaft brachte er den Gefeierten,
               Langersehnten mit. Das wars, worauf Tage vorhin anspielte.</p>

            <p>Mit einem Siegerlächeln um den wenig anmutigen Mund ging er von Klingenberg nach der
               Redaktion eines lyrischen Käseblattes, wo die Dichter ihre Photographien in Geldnoten
               eingewickelt hinsandten, um sich an der Spitze des Blattes klischiert zu sehen, warf
               Johannes Bogen auf den Tisch und sagte zu dem überaus zuvorkommenden Redakteur:</p>
            <p>»Du, Flick, hör mal. Laß das Zeug da abschreiben und brings, wenn möglich, in der
               übernächsten Nummer. <pb/> Ich hab der Dichterin die Arbeit schwer bezahlt, will aber
               nichts von Dir dafür. Man muß auch ideal sein können. Apropos, den Reklameartikel
               über Eure Zeitung habe ich schon fast fertig. In einigen Tagen geht er ab. Adieu,
               also!«</p>
            <p>»Sei unbesorgt«.</p>
            <p>Die beiden schüttelten einander die Hände.</p>
            <pb/>
         </div>
         <div type="chapter">
            <head>12</head>
            <p>Nachmittags erwartete Tage Johanne. »Ich war zweimal vergebens hier« bemerkte er;
               »ich habe Ihnen viel zu sagen«.</p>
            <p>»Ich habe zwei Tage langgeschwänzt«. Sie sah ihn übermütig an. »Es ist so merkwürdig,
               etwas zu thun, was man nicht soll«.</p>
            <p>Er überhörte ihre Bemerkung, nahm den Hut ab und verbeugte sich vor ihr.</p>
            <p>»Ich habe die Ehre, in Ihnen eine junge, hoffnungsvolle Schriftstellerin zu
               begrüßen«.</p>
            <p>»Wieso, wirklich? ... nein« ... stammelte sie und wurde dunkelrot im Gesichte.</p>
            <p>Er erzählte ihr allerlei Wahres und Erlogenes über ihr »Manuskript«. Sie schritt
               glückselig neben ihm hin. Nein, daß sie dazu Talent hätte, nie hätte sie das gedacht.
               Aber eine gewisse Wonne habe es ihr in der That bereitet, die kleine Skizze zu
               schreiben. Vielleicht sei das ein Zeichen des Talentes.</p>
            <p>
               <pb/> »Naturallement« sagte er; dann erzählte er ihr von Herrn und Frau Klingenberg.
               »Sie kennen sie doch selbstverständlich dem Namen nach; jeder Künstler macht dort der
               Kunst seine ›Antrittsvisite‹.« Er flocht ein, daß dieses großartige Ehepaar darauf
               brenne, die Dichterin der entzückenden kleinen Geschichte bei sich zu sehen.
               »Nächsten Sonnabend hol ich Sie ab. Sie gehn doch natürlich hin«.</p>
            <p>Sie sträubte sich anfänglich ein bischen, dann versprach sie mitzukommen.</p>
            <p>Sie hatte sich so lange unglücklich und verlassen gefühlt, so daß die Entdeckung sie
               ganz berauschte, ein wirkliches Talent in sich zu haben, welches ihr Zerstreuung und
               Anregung bot, sie von der öden Zukunft eines Kindermädchens bewahrte und ihr am Ende
               gar noch Ruhm und Geld eintrug. Die Freude verklärte ihr schönes Gesicht und machte
               es noch anziehender. Mit feuchtem Glanz in den Augen dankte sie Tage. Ihm wurde bei
               dem heißen dankbaren Blick dieser dunklen Augen ganz seltsam zu Mut. Er hätte sie am
               liebsten an sich gerissen und blutig geküßt. Er wußte jetzt, wodurch man diese Seele
               eroberte. Nicht durch Leidenschaftlichkeit, durch Schmeichelei, nicht indem man den
               »berühmten Mann« hervorkehrte, sondern indem man sie zur Dankbarkeit zwang. Es giebt
               vornehme Naturen, denen das Bewußtsein, eine Verbindlichkeit gegen jemand zu haben,
               zur Eisenkugel wird, die sie nie mehr abstreifen können. <pb/> Darauf hatte er hier
               gerechnet. Er war noch nie einem so schönen, reinen Mädchen begegnet.</p>
            <p>Seine Häßlichkeit und innere Hohlheit ließ ihn nach Vollendetem die Arme ausbreiten,
               nach Jemand, der eigene Art besaß und von dem Troß der Nachbeter abwich. Er mußte um
               seines Vorteils willen den Verehrer einer alten welken Frau spielen und entschädigte
               sich dafür bei kleinen Grisetten. Aber dies kostete erstens Geld, zweitens war es mit
               so viel unbehaglichen Nebendingen verbunden. Wenn er Johanne zur Geliebten gewann –
               die Baronin würde er ja nie lassen, natürlich nicht – dann fielen diese peinlichen
               Nebenumstände weg. Sie besaß etwas Vermögen, um vor der Hand leben zu können; sie war
               klug, um auch etwas Anderes, als bloße Liebesunterhaltung zu bieten, und ehrlich
               schien sie auch; wenn sie sich einmal gab, konnte man ihrer sicher sein.</p>
            <p>Tage verabschiedete sich verliebter denn je von ihr. Sie setzte sich gleich wieder
               hin, um zu »dichten«. Aber es ging nicht; sie war in diesen Tagen zu aufgeregt.</p>
            <p>Eines Nachmittags erhielt sie ein Blatt zugeschickt. Es war eine Zeitschrift, und ihr
               Name prangte auf der ersten Seite. Wir bringen hier, hieß es, eine kleine Novellette
               von Johanne Grün, einem neuen glänzenden Stern am Litteraturhimmel. Mit schweren
               Opfern ist es uns gelungen, diese Arbeit zu gewinnen, die, wie die meisten Dichtungen
               der jugendlichen Autorin, eben an eine <pb/> große Zeitschrift im Auslande abgehen
               sollte. Darauf folgte Johannes Skizze. Zuerst machte sie ein ganz verdutztes Gesicht,
               dann aber weinte sie vor Freude. Am andern Morgen kam eine gedruckte Einladungskarte
               von Klingenbergs. – Am Nachmittag drückte sie wiederholt Tages Hände.</p>
            <p>»Das Honorar erhalten Sie später« sagte er leichthin. Auch das noch! Ob sie gleich
               ihre Lernzeit am Fröbelhaus abbrechen sollte? Natürlich – riet er. Lust hätte sie ja
               doch keine dazu. Sie solle sich sofort wieder an eine kleine schriftstellerische
               Arbeit machen.</p>
            <p>In ihrer Hoffnungsduselei, in ihrem Rausch beging sie in der That den Schritt, mitten
               im zweiten Semester aus dem Erziehungskurs fortzubleiben. Sie war wie umgewechselt.
               Sie jubelte auf wie ein in die Falle gegegangenes und wieder befreites Vöglein.</p>
            <p>Am Ende der Theresienstraße, in der sie wohnte, lagen große noch unbenützte
               Bauplätze. Früher waren es Aecker und Gärten gewesen und einzelne Bäume standen noch
               hie und da herum. Obgleich es Winter war, war es doch schön und frei dort.</p>
            <p>Die glitzernde Schneefläche, durch die sich ein schmaler Pfad schlang, lud zu
               einsamen Spaziergängen ein. Von jenem etwas erhöhten Terrain aus konnte man das
               Weichbild der Riesenstadt überschauen. Dort machte Johanne mit Tage öfter
               Spaziergänge.</p>
            <p>
               <pb/> Er schwärmte, und sie begann, ihm langsam zu glauben. Sie erzählte ihm
               mancherlei aus ihrer Kinderzeit, ihre Zunge löste sich nach und nach, endlich gab sie
               sich als das, was sie wirklich war: als ein leben- und liebedürstendes Geschöpf. Er
               hütete sich, ihr ironisch wie Lohringer zu begegnen; er merkte, daß sie das
               haßte.</p>
            <p>Am Sonnabend holte er sie ab. Sie hatte ihr weißes Kleidchen angezogen, dasselbe, das
               sie in ihrer ersten Gesellschaft bei Wewerkas trug. Tage bat sie, ihr Haar loser und
               tiefer zu stecken. Sie gehorchte ihm und sah mit dem etwas unbändigen, leicht
               gefesselten dunklen Haar im Nacken entzückend aus.</p>
            <p>»Ich habe riesiges Herzklopfen« sagte sie auf Klingenbergs Treppe. Er beschwichtigte
               sie. Einen Augenblick tanzte ihr alles vor den Augen, als sie die vielen Lichter und
               Menschen sah; dann fühlte sie ihre Hand geschüttelt, und ein großer eleganter Herr
               mit schwarzen Locken stand vor ihr.</p>
            <p>»Fräulein Grün, meine Frau!«</p>
            <p>Die kleine dicke Frau mit den kostbaren Brillanten in den Ohren nickte ihr zerstreut
               zu. »Recht erfreut, daß Sie uns beehren. Na Tage, Ihre letzte Photographie ist ja
               trefflich geworden. Sie steht in allen Schaufenstern der Buchhandlungen«.</p>
            <p>»Mir sehr peinlich« sagte er mit gerunzelten Brauen. Er verschwieg, daß er selbst
               allen bedeutenderen<pb/> Buchhandlungen angeboten hatte, sein Bild in ihrem
               Schaufenster auszustellen. Johanne wurde von der Hausfrau einer Menge Menschen
               vorgestellt. Sie knixte bescheiden und sah die wenigsten derselben an. Tage hatte sie
               böswillig verlassen. Sie blickte sich, als die Vorstellung endlich beendet war,
               verlegen nach einem bekannten Gesicht um. Da trat eine hübsche große Frau zu ihr.</p>
            <p>»Fräulein Grün, Sie wohnen bei Wewerkas, nichtwahr? Wie gehts Ihnen? haben Sie sich
               schon bei uns eingewöhnt?«</p>
            <p>Die Frau war sehr geschminkt und geschnürt und trug ein prachtvolles grünsamtnes
               Kleid mit reichem Zobelbesatz. Johanne blickte sie bewundernd an und stammelte einige
               verlegene Worte. Die Dame lächelte über die naive Kleine, plauderte noch etliches und
               trat dann zu einer anderen Gruppe. Johanne stand tief verlegen da und wußte nicht,
               was sie beginnen sollte. Da hörte sie eine bekannte Stimme neben sich.</p>
            <p>»Eher hätt' ich geglaubt, den Kaiser von China hier zu finden als Sie«.</p>
            <p>»Herr Lohringer!«</p>
            <p>Seine dunklen Augen sahen sie entzückt, traurig, vorwurfsvoll an.</p>
            <p>»Was treiben Sie alles? Weshalb kommen Sie nicht mehr zu Frau Schüler?«</p>
            <p>
               <pb/> »Ach« sie senkte den Kopf, »hörten Sie denn nicht von dem Neuen in meinem
               Leben?«</p>
            <p>»Sie haben eine kleine Skizze geschrieben«.</p>
            <p>»Ich bin Schriftstellerin geworden«.</p>
            <p>»Sapristi. Aber hoffentlich nur zum Sonntagsvergnügen«.</p>
            <p>»Nein, ich – ich habe meinen Kursus unterbrochen; ich will mich ganz der
               Schriftstellerei widmen«.</p>
            <p>»Aber mein Gott –« er sah sie kopfschüttelnd an, »das ist doch ein leichtsinniger
               Streich. Hat wohl Tage auf dem Gewissen, wie?«</p>
            <p>»Ja ich bin ihm furchtbar dankbar«.</p>
            <p>»So, so« meinte Lohringer, indem er sie anblickte, »nun, ich sagte Ihnen ja einmal,
               Sie müßten sehr viel durchmachen, bevor Sie den richtigen Weg zu sich entdecken«.</p>
            <p>»Sie reden wie ein Prediger«. Sie sah ihm mit aufsteigendem Zorn und voll Weh in die
               Augen. »Und wer handelt weniger –«</p>
            <p>»gut, korrekt, edelmütiger als ich. Hm? Wollten Sie das sagen?«</p>
            <p>»Ja« versetzte sie ehrlich.</p>
            <p>»Na, lassen wir das« sagte er heiter, »Sie sind noch zu jung, um einen reifen
               Menschen zu verstehen; hier ist auch gar nicht der Ort, um ein ernsthaftes Gespräch
               zu führen. Ich freue mich, Sie getroffen zu haben und – glauben Sie nur nicht, daß
               ich ein Zerstörer bin. <pb/> Ich habe die tiefste Achtung vor allem Ganzen« er neigte
               sich näher zu ihr, »verstehen Sie, wo ich aber Scherben finde, da zögere ich nicht,
               meinen Fuß darauf zu setzen, auch auf die Gefahr hin, sie noch mehr zu
               zerbrechen.</p>
            <p>Haben Sie den Mann dort mit dem hageren Gesicht und dem weiten Mund schon
               beobachtet?«</p>
            <p>Johanne wandte mechanisch den Kopf zur Seite, wo jener Herr stand.</p>
            <p>»Das, was Sie mir eben sagten, interessiert mich viel mehr als –«</p>
            <p>»Es ist der berühmte Weiden« fuhr Lohringer fort, »ein Schriftsteller, dessen
               Spezialität darin besteht, die Werke bekannter Dichtergrößen noch einmal
               herauszugeben. Da er selbst nichts in sich hat, sucht er wenigstens seinen Namen mit
               dem von Leuten zusammenzubringen, die etwas sind. Man schreibt große Artikel über ihn
               und sein merkwürdiges Genie«.</p>
            <p>»Sagen Sie nur« fragte Johanne, die der Doppelgänger der Genies wenig interessierte,
               »wer ist jene Frau in dem herrlichen Sammetkleid? sie sprach vorhin so vertraut zu
               mit«.</p>
            <p>»Ach die!« Lohringer fixierte die Dame. »Das ist Frau Borstig. Freut mich, daß es ihr
               wieder gut geht. Sie besitzt nämlich nur das eine Gesellschaftskleid, das ihr ein
               reicher Verehrer widmete. Da es ihr und ihrem Gatten – er ist Zeichner bei einem
               Witzblatt – sehr elend <pb/> geht, befindet sich das kostbare Kleid meist auf dem
               Leihhaus. In dieser Zeit schlägt sie ›Unwohlseins wegen‹ alle Einladungen aus«.</p>
            <p>Johanne kicherte.</p>
            <p>»Ach, und die Dame dort. Glauben Sie, daß die Brillanten an ihrem Halse echt
               sind?«</p>
            <p>»Pst« machte Lohringer, »und ob. Der Schmerbauch neben ihr, ihr Mann, ist der
               gefürchtete Kritiker an der ›Großen Presse‹. Früher war sie Modell. Heute nimmt sie
               teil an der Herrschaft ihres gestrengen Kritikergatten und vernichtet arme Teufel,
               die sie nicht anbeten, in der Lauge ihrer Kritik«.</p>
            <p>Plötzlich rief Johanne so laut, daß ein paar Damen sich malitiös nach ihr umwandten:
               »Mink, Mink, nein wie hübsch. Ich habe ihn schon eine Ewigkeit nicht mehr
               gesehen«.</p>
            <p>Lohringer lachte. »Sind Sie verliebt in ihn? Soll ich ihn holen gehen? Sie wissen
               doch schon?«</p>
            <p>»Was denn?«</p>
            <p>»Daß er sich von Babinsky getrennt hat?«</p>
            <p>»Was, von seinem Busenfreund?«</p>
            <p>»Ja der Busenfreund, den der edle Mink bis auf den letzten Heller ausgesogen hatte,
               besaß eines Tages nichts mehr. Da wurde Mink grob, ließ seinen Koffer in die Wohnung
               eines anderen Bekannten tragen und machte Babinsky öffentlich herunter. Mink hat
               eine<pb/> weitherzige Natur. Er quartiert sich einmal bei diesem, dann bei jenem
               Freunde ein. Da lebt er ein paar Jahre, läßt sich erhalten, kleiden, macht alle Arten
               Vergnügungen mit, natürlich auf des Andern Kosten, und ist eines Tages der Gastgeber
               ausgebeutet, geht der edle Dichter schimpfend von ihm und sagt ihm die schändlichsten
               Dinge nach. So knappert er sich durch die Brotkörbe seiner Freunde hindurch«.</p>
            <p>In diesem Augenblick entstand eine Bewegung in der Gesellschaft.</p>
            <p>»Ei sieh, Lohringer!« Tage schüttelte ihm die Hand. »Darf ich um die Ehre bitten, Sie
               zu Tisch führen zu dürfen, gnädiges Fräulein?«</p>
            <p>Johanne legte lachend ihren Arm in den seinen. Lohringer sagte: »Auf Wiedersehen
               später« und ging, seine Tischdame zu suchen. Die Flügelthüren des Speisesaals wurden
               geöffnet, und in langer, glänzender Reihe verfügte sich die Gesellschaft an die
               festlich mit frischen Blumen und altem Silber geschmückte Tafel.</p>
            <p>Klingenberg kehrte den besorgten Hausherrn heraus und ließ seine Augen bald hier,
               bald dorthin spazieren. Das Diner begann mit gebackenen Austern; die Diener reichten
               auserlesene Weine herum, wobei sie den Namen der Sorte diskret flüsterten. Tage trank
               Johanne mit glänzenden Augen zu. Dann sagte er leise: »Was wollte Lohringer? Er
               schlug ja förmlich Wurzeln bei Ihnen«.</p>
            <p>
               <pb/> »Ich war ihm sehr dankbar. Ohne ihn hätte ich wahrscheinlich einsam in einer
               Ecke gestanden«.</p>
            <p>»Was Ihnen einfällt. Ich konnte mich Ihnen nicht gleich widmen. Es waren allerlei
               Bekannte da, die mit mir ein Wort sprechen wollten. Aber ich wäre längst gekommen,
               wenn ich ihn nicht wie angenagelt neben Ihnen erblickt hätte. Prosit Doktor!«</p>
            <p>Ein Herr mit einer Glatze erhob sein Glas gegen Tage. Der Dichter trank ihm
               Bescheid.</p>
            <p>»Ein Freund von Ihnen?«</p>
            <p>»Ein famoser Kerl. Denken Sie, er ist Unterlehrer gewesen. Eines Tages fällt ihm ein,
               eine Zeitung herauszugeben. Er pumpt sich einige tausend Mark, verschickt Prospekte,
               mietet ein Bureau und zwei kleine Buben, die für die Ehre, sich Redakteure nennen zu
               dürfen, ihm halb umsonst arbeiten. Aber keine Katze abonniert auf das Blatt. Das
               erste Vierteljahr vergeht. Dahlke gerät in Verzweiflung. Was thut er? Er stellt jeden
               Tag ein ›Eingesandt‹, das er natürlich selbst schreibt, an den Kopf seines Blattes.
               Einmal heißt es: Wir entgegnen dem Herrn Einsender von gestern, daß unser Blatt
               Katholiken sowohl wie Protestanten freien Spielraum läßt sich auszusprechen. Dann:
               Herr Dr. H. meint, wir verträten weniger das Interesse unserer jüdischen Mitbürger:
               das ist ein Irrtum. Uns sind alle Menschen gleich, ob Heiden, ob Christen. Dahlke
               verschickte ein <pb/> Jahr lang gratis das Blatt. Schließlich geriet er noch auf
               andere Kniffe. Er setzte auf Rätsel und Charaden, die jedes Schulkind lösen konnte,
               namhafte Preise. Er schimpft und poltert in dem ›Eingesandt‹ gegen sein Blatt, dieses
               Blatt mit der humanen Tendenz. Schmeichelt allen Konfessionen, – natürlich
               figurierten alle möglichen Namen unter jenem ›Eingesandt‹ –, und gewinnt schließlich
               Abonnenten. Heute zählt seine Zeitung ihrer dreißigtausend. Aber was ich sagen will,
               trauen Sie nicht dem Lohringer. Er ist falsch, neidisch«.</p>
            <p>»Das glaub ich nicht« versetzte Johanne und sprach etliche warme Worte zu Lohringers
               Gunsten. Tage zuckte etwas ärgerlich die Schultern und kam auf anderes. Man saß
               beinahe zwei Stunden bei Tisch. Dann verteilten sich die Gäste in Gruppen. Die Herren
               gingen ins Rauchzimmer. Tage wich den Rest des Abends nicht mehr von Johannes Seite.
               Einige Male tauchte Lohringer neben ihnen auf, lächelte heimlich und verschwand
               wieder. Um Mitternacht wurde das junge Mädchen müde und bat Tage, sie nach Hause zu
               bringen. Er nahm eine Droschke. Unterwegs sagte sie: »Es war sehr schön. Aber
               eigentlich nichts anderes, als eine Table d'hôte, wo man nichts zu bezahlen braucht.
               Ich aß einmal mit Herrn und Frau Wewerka im ›Königshof‹ an einer solchen. Aber da
               durfte man dem Kellner klingeln .....«</p>
            <pb/>
         </div>
         <div type="chapter">
            <head>13</head>
            <p>An einem sonnigen Winternachmittag trat Johanne bei Alice ein. Sie fand die junge
               Frau seltsam verändert. Eine nervöse Unruhe sprach aus ihrem länger und schmäler
               gewordenen Gesichtchen.</p>
            <p>»Ein Wunder, daß du dich meiner noch erinnerst. Bitte nimm Platz. Was thust du immer?
               Man sagt, du schriftstellerst. Hast du wirklich allein das ›Gebet‹ geschrieben, oder
               nicht dein – Freund?«</p>
            <p>Die kleine Zofe, kokett gekleidet wie ihre Herrin, kam herein und brachte den
               Theetisch in Ordnung. Als sie wieder hinausgegangen war, trat Johanne zu Alice und
               nahm ihren Kopf zwischen die Hände.</p>
            <p>»Was hast du denn? Du bist ganz verändert. Wo ist Mathilde?«</p>
            <p>»Im Spital. Sie fährt wohl nun bald ab. Er besucht sie alle Augenblicke«.</p>
            <p>»Aber Alice, jetzt, da sie geht, sei doch nicht so böse auf sie, vergieb ihr«.</p>
            <p>
               <pb/> »Hahaha, vergeben! Na! Es giebt Dinge im Leben, die man nie vergiebt,
               wenigstens eine Frau nicht. Reden wir von anderm«.</p>
            <p>»Alice!«</p>
            <p>Die junge Frau holte trällernd eine Schmuckkassette herbei.</p>
            <p>»Sieh mal, wie nett. Dieses Collier hat er mir neulich geschenkt«.</p>
            <p>»Wer?«</p>
            <p>»Na, wer wird mir denn ein Collier schenken? Herr Schüler natürlich. Mit dem – Andern
               ist ja nichts anzufangen«. Sie unterdrückte einen Seufzer.</p>
            <p>»Meinst Du Lohringer?« fragte Johanne schüchtern. Sie wußte nicht warum, aber bei der
               Bemerkung der Freundin jauchzte innerlich etwas in ihr auf.</p>
            <p>»Ja, ich meine ihn«.</p>
            <p>»Aber er kommt doch oft zu dir, nicht?«</p>
            <p>»Gewiß. Was habe ich aber schließlich von seinem Kommen, wenn er mich ewig als
               Spielsache, als unmündiges Kind behandelt? Meinst du, er führte jemals ein
               ernsthaftes Gespräch mit mir?«</p>
            <p>»Das thut er nicht, ich weiß wohl, aber innerlich ist er doch ein ganz ernsthafter
               Mensch«.</p>
            <p>»Ach was, innerlich. Das geht mich nichts an. Wenn er nur äußerlich thäte, was ich
               will«.</p>
            <p>»Was willst du denn?«</p>
            <p>
               <pb/> »Mein Gott: was willst du? Frag doch nicht so albern«.</p>
            <p>Johanne errötete. »Aber du bist doch eine verheiratete Frau«.</p>
            <p>»Kommst du mir mit dem?« rief Alice heftig. »Wer hat mir denn beigebracht, daß das
               Band der Ehe nur zum Zerreißen da ist. Wer hat mich denn, mich, die Unerfahrene,
               eingeweiht in den ganzen Schmutz, die Niederträchtigkeit ›vorurteilsloser‹
               Anschauungen? Wer denn? Wenn ich ihm eine gelehrige Schülerin bin, ist das kein
               Unrecht, nichts Wundernswertes«.</p>
            <p>»Ich weiß nicht, eine Frau ist doch aber kein Mann« meinte Johanne. »Ein Mann kann
               sich besudeln, die Flecken lassen sich ausmerzen; an einer Frau bleiben sie
               haften«.</p>
            <p>»Ach Gott, thu nicht so fromm, du hast doch auch Einen. Und überdies Flecken, was
               sind Flecken? Wenn ich das so nehmen wollte. Die ersten, die nie wieder sich
               ausmerzen lassen, hat mir mein eigener Mann beigebracht. Was ich jetzt thue, ist
               nicht mehr, als daß ich einen schönen Schleier voll gestickter Blumen über sie lege.
               Laß mich gehen ...«</p>
            <p>Johanne zitterte vom Kopf bis zu den Füßen vor Scham, Aerger und Mitgefühl. Aber das
               Wort: »Du hast doch auch Einen« brannte auf ihr. Alice machte sich bei ihrem
               Theekessel zu thun; dann trat sie vor den Spiegel <pb/> und ordnete die kleinen,
               reizenden Löckchen. Johanne saß ein Weilchen still im Sessel, dann erhob sie
               sich.</p>
            <p>»Adieu, Alice«.</p>
            <p>»Wartest du den Thee nicht ab?« fragte jene, ohne sich umzuwenden.</p>
            <p>»Nein«.</p>
            <p>»Na, dann geh und verachte mich«. Sie kehrte sich schnell mit tragischer Geberde um
               und lachte höhnisch.</p>
            <p>»Ich dich verachten! Keine Rede«.</p>
            <p>Johanne blickte sie mit ihren blauen treuherzigen Kinderaugen an.</p>
            <p>»Leid thust du mir«.</p>
            <p>»Wirklich?« Die junge Frau näherte sich ihr einen Schritt.</p>
            <p>»Gewiß, Alice. Du verkennst mich. Ich bin nicht mehr so, wie ich war«. Ihre Stimme
               schwankte ein wenig. »Aber das mit dem ›Einen‹ ist unrichtig. Tage ist nur mein
               Freund, nicht mehr. Ich –«</p>
            <p>»Du Liebe!« Alice warf sich ihr an die Brust.</p>
            <p>»Ich denke nicht mehr so streng, das heißt über – die Anderen. Es muß wohl so sein
               müssen, daß keiner ganz und rein bleiben kann, weil Alle nur halb und – nicht lauter
               sind. Weißt du, ich komme eben vom Lande; bei uns sind sie anders. Wenn sie fallen,
               geschieht es so plump und ehrlich, das jeder mit dem Finger auf sie zeigen, sie
               verachten, meiden kann, je nachdem er will. <pb/> Hier vollzieht sich alles unter dem
               Schleier des Scheins. Der blendet einem die Augen, man weiß schließlich nicht mehr,
               was echt, was unecht, was häßlich, was schön ist. Leb wohl, Alice«.</p>
            <p>»Komm doch bald wieder, hörst du?«</p>
            <p>»Ich wills«.</p>
            <p>Auf dem Nachhausewege dachte Johanne über sich und die Freundin nach. Hatte Alice im
               Grunde genommen so unrecht? Ihr Mann hatte sie betrogen; sie suchte bei einem Andern
               Trost für das ihr zugefügte Leid. Dieser Andere war ebenfalls kein Schurke; er nahm
               vom Leben, was es ihm bot.</p>
            <p>Er wie Tage, beide verlachten ihre strengen bäuerlichen Grundsätze. Und die Andern,
               Mink, Wewerka, Babinsky, alle, deren Gestalten in deutlichen Umrissen in ihrem
               Gedächtnis hafteten, diese ganze Gesellschaft war einer Ansicht. Sie stand allein mit
               ihrem Protest gegen die herrschende Sitte. War es eigentlich nicht lächerlich? Wenn
               sie eine große Schriftstellerin werden wolle, müsse sie den Mut haben, dem Leben, wie
               es war, ruhig ins Auge zu sehen, sagte ihr Tage beständig vor. Sie wollte es auch
               thun. Es gehörte eben dazu. Schließlich, wenn man sie, das kleine Landmädchen, auf
               die eine, und die ganze Gesellschaft auf die andere Seite stellte, mußte doch die
               Mehrzahl recht behalten gegen sie. Lag nicht vielleicht viel Selbstüberhebung in
               ihr?</p>
            <p>
               <pb/> Sie ging nach Hause und begann eine kleine Geschichte zu schreiben. Sie
               schickte sie Tage. Er erwartete sie draußen auf den Baugründen und sagte ihr, diese
               Geschichte sei nicht so gut wie die erste, aber er wolle sich doch bemühen, sie
               unterzubringen. Er hätte zwar rasend viel zu thun, aber ihr zu liebe ... Draußen war
               es einsam, fast niemand ging hier. Er bot ihr den Arm. Sie hing sich an ihn. Sie
               plauderten von Litteratur. Manchmal sprach sie so kluge, schöne Worte aus, daß er
               innerlich staunte. Sie hatte unleugbar viel Begabung. Nur ihre dumme Unerfahrenheit
               und die bornierten Ansichten hinderten sie. Es sprach so viel Schulmädchenhaftes aus
               ihr. Ihre orthographischen Fehler waren etwas Natürliches und ließen sich verbessern.
               Aber das andere zu ändern war ein schweres Stück Arbeit. Nun, mit etwas Geduld würde
               es schon gelingen.</p>
            <p>»Ich habe eine Bitte an Sie, Johanne« sagte er, ihren Arm inniger an sich drückend,
               »wollen Sie ja dazu sagen?«</p>
            <p>Sie nickte.</p>
            <p>»Sagen Sie mir: Du. Ja? Es ist so lieb, brüderlich. Wenn ich einem Menschen Sie sage,
               kann ich nie warm neben ihm werden, auch nie ganz herzlich zu ihm sprechen. Also,
               ja?«</p>
            <p>»Aber es schickt sich doch gar nicht. Sie sind ein berühmter Mann und ich – mein
               Gott!«</p>
            <p>
               <pb/> »Du bist ein Närrchen; du wirst mich bald weit überflügelt haben«.</p>
            <p>»Nein ...« Sie lachte kindisch.</p>
            <p>»Nun, Johanne?«</p>
            <p>War es nicht unhöflich gegen ihn, der so gut mit ihr war, wenn sie seine Bitte
               abschlug?</p>
            <p>»Meinetwegen« sagte sie leise.</p>
            <p>Sie schüttelten einander die Hände. Hinter ihnen lag die große Stadt mit ihrem
               Trubel, ihrer Gemeinheit, ihrem Strebertum, ihrem Elend. Vor ihnen weiße, unbetretene
               Schneeflächen, von denen dann und wann ein einzelner Rabe aufflog.</p>
            <p>»Warum plötzlich so einsilbig?« fragte er nach einer Pause.</p>
            <p>»Das thut so wohl« sie deutete auf die freien Felder. »Das erinnert mich an
               Sienenthal, an die liebe Stille dort, an die alten verkrüppelten Weiden«.</p>
            <p>»Liebst du Sienenthal sehr?«</p>
            <p>»Ich würde es noch mehr lieben, wenn ich Jemand dort besäße. Aber ich habe niemand
               da, der mir nahesteht. Trotzdem ist mir der Ort das liebste auf Erden«.</p>
            <p>»Aber hier hast du jemand, der dir nahesteht, Johanne«. Er zog ihre Hand an seine
               Lippen. »Glaubst du, daß ich dich von Herzen liebhabe, Johanne?«</p>
            <p>»Ja, Sie sind sehr gut gegen mich«.</p>
            <p>
               <pb/> »Ich bin weder der Herr Sie, noch ein guter Kerl. Lieb haben sollst du mich.
               Das ist unabhängig vom Gutsein«.</p>
            <p>Sie erschauerte leicht unter seinen Worten und hing sich fester an ihn.</p>
            <p>Als sie zurückkehrten, war es Dämmerung. Vor ihrem Hause nahm er Abschied. Sein
               Gesicht neigte sich nah zu dem ihren. Sie erschrak. Er lachte und sagte ihr: gute
               Nacht.</p>
            <pb/>
         </div>
         <div type="chapter">
            <head>14</head>
            <p>Jetzt, da die ganzen Tage ihr gehörten und sie thun konnte, was sie wollte, da ihr
               Ehrgeiz geweckt war und sie von Erfolgen träumte, warf sie sich mit aller
               ungebrochenen sanguinischen Hoffnung auf das Schreiben. Sie schrieb eine Reihe
               Novelletten und brachte sie Tage mit.</p>
            <p>Es war ausgemachte Sache zwischen ihnen, daß er sie jeden Tag zum Spazierengehen
               abholte. Frau Wewerka lächelte diskret. Sie war gewiß die Letzte, die Steine auf
               andere warf, wenn es auch unleugbar war, daß die Kleine dumm war, riesig dumm. – Die
               Spekulation, die Schüler mit ihr zu machen gedachte, war mißlungen oder hatte
               vielmehr andere Wege genommen, als er beabsichtigte. Nicht Johanne, seine eigne Frau
               war die Veranlasserin, daß seine Wünsche bezüglich einer Gehaltsaufbesserung erfüllt
               wurden. Davon ahnte er freilich nichts. Er ließ es sich nie träumen, in Lohringer
               einen Nebenbuhler zu erblicken. <pb/> Er dankte ihm herzlich für seine Fürsprache und
               begegnete ihm freundschaftlich. Daß er mit Johanne nicht in nähere Beziehungen
               getreten war, sah er wohl, aber daß dies nicht an Schüler lag, mußte Lohringer
               zugeben. Jener hatte kaum sein Interesse für das junge Mädchen wahrgenommen, als er
               ihm auch, so weit dies anging, die Gelegenheit bot, sich ihr zu nähern. Was zwischen
               den Beiden sich weiter abspielte, war nicht weiter seine Sache. Lohringer, der
               Schülers Absicht durchschaut hatte, mochte sich innerlich über die Verschiebung der
               Dinge belustigen. Wewerkas hatten ebenfalls Schülers Pläne gekannt, aber sie
               schwiegen natürlich.</p>
            <p>Eines Tages sagte Hans Tage zu Johanne, als sie wieder auf ihrem Lieblingsweg
               promenierten: »Hör Schatz, du mußt jetzt eine zeiltang pausieren. Ich habe nun schon
               sieben Novellen von dir. Zwei davon habe ich untergebracht, aber die übrigen –«</p>
            <p>»Und das Honorar?« fragte sie plötzlich zu seiner Ueberraschung.</p>
            <p>Es war ihm recht unbehaglich, daß er auch hier wieder in seine Börse greifen mußte.
               Aber da er anfänglich so protzig gethan hatte, durfte er jetzt nicht zurück. Na, auf
               ein paar Goldfüchse sollts ihm nicht ankommen.</p>
            <p>»Erhältst Du in diesen Tagen« sagte er. »Es ist<pb/> aber sehr klein, Liebchen. Weißt
               du, größere Honorare kommen erst später. Die ersten Jahre gehts immer nur
               tropfenweise«.</p>
            <p>»Aber später glaubst du doch, daß ich viel verdiene; denn wovon sollte ich sonst
               leben? Dann müßte ichs ja am Ende bereuen, nicht doch die Kindergärtnerei weiter
               –«</p>
            <p>»Aber Kleine« sagte er ärgerlich, »laß doch das: später. Für jetzt bist du zufrieden,
               nicht?« Er preßte ihren Arm leidenschaftlich an sich.</p>
            <p>Diese bäuerliche Vorbedachtsamkeit verstimmte ihn, brachte ihn in Verlegenheit.</p>
            <p>Was kümmerte ihn ihr: später?</p>
            <p>Vielleicht brachte sies in der That zu etwas auf litterarischem Gebiete. Vielleicht
               nicht. Ihm galt hauptsächlich die Gegenwart. Ach, daß diese kleinen Mädchen so viel
               Mätzchen machten, bevor sie sich ergaben! Sie erhielt wirklich eine kleine Summe. Auf
               der Postanweisung stand: »Für die Novellen ›Gebet‹ und ›Ein armes Mädchen‹«.</p>
            <p>»Warum war die Redaktion nicht genannt, nur dein Name?« fragte sie später Tage.</p>
            <p>»Weil ich es von der Redaktion abholte, um es sofort an dich zu senden« log er.</p>
            <p>Dann quälte sie ihn, er solle sich doch mit den anderen Sachen beeilen. Er wurde
               ungeduldig.</p>
            <p>
               <pb/> Einmal bat er sie, zu Klingenbergs zu gehen. Es sei Brauch, Leuten, bei denen
               man eingeladen war, einen Besuch zu machen.</p>
            <p>»Ach die sind mir zu langweilig« meinte sie.</p>
            <p>»Du mußt aber« beharrte er.</p>
            <p>Sie ging nicht. »Was hatte ich davon, als ich dort war? Wenn du und Lohringer nicht
               gewesen wärt –«</p>
            <p>»Ja, Lohringer« sagte er bissig.</p>
            <p>»Laß ihn; du weißt, ich mag ihn gut leiden«.</p>
            <p>»Gott ja, schwärme für ihn. Seine Glatze ist ja auch wirklich anschwärmenswert«.</p>
            <p>»Du bist roh« rief sie.</p>
            <p>Sie gingen kühl auseinander und sprachen sich etliche Tage nicht. Sie langweilte sich
               fürchterlich. Seine Werke, drei Bände Gedichte, die er ihr gebracht hatte, kannte sie
               schon auswendig. Sie besaß auch keine rechte Lust zu lesen. Die Frage: was wird nun
               aus mir? bring ichs auch wirklich zu etwas? lag schwer auf ihr. Sie schrieb allerlei
               kleine Sächelchen, tastete unsicher in sich herum und wußte nicht recht, welchen
               Stoff sie wählen sollte.</p>
            <p>Grade als sie recht unglücklich den Kopf in die Hände gestützt dasaß, kam Tage. Sie
               gingen spazieren. Als sie die Stadt hinter sich hatten, sagte sie: »Weißt du, ich
               glaube doch, daß es eine Dummheit von mir <pb/> war, was ich gethan habe. Vielleicht
               wärs das Beste, ich ging wieder ins Fröbelhaus zurück«.</p>
            <p>»Thus« sagte er achselzuckend.</p>
            <p>»Nun bist du auch noch so gegen mich« rief sie weinerlich.</p>
            <p>»Was willst du denn eigentlich?«</p>
            <p>Er blieb stehen und sah sie an.</p>
            <p>»Mein Gott, etwas Sicheres vor mir erblicken, eine Thätigkeit haben. Ich sitze den
               ganzen Tag in den Ecken herum«.</p>
            <p>»Du schriftstellerst ja« bemerkte er ungeduldig.</p>
            <p>»Aber ich glaube, es kommt nichts dabei heraus«.</p>
            <p>»Warum glaubst du das?«</p>
            <p>»Weil ich denke, ein Mensch, der wirkliches Talent in sich hat, weiß doch, was er
               schreiben soll. Ich aber weiß nie, wozu ich die Feder ansetzen soll. Es ist manches
               in mir, aber verworren, so ... ich weiß nicht wie«.</p>
            <p>Er nickte. »Aber ich weiß es. Ich will dir etwas sagen. Ein Mädchen so ganz ohne jede
               innere Erfahrung, ohne jede Erschütterung der Seele – ich will ehrlich zu dir reden –
               kann unmöglich etwas leisten. Du müßtest einmal –«</p>
            <p>»Was denn?«</p>
            <p>»im Arm eines Mannes gelegen haben«, er sah von ihr fort, »gebebt, gejauchzt, geweint
               haben, eine Erfahrung gemacht haben, dann wäre die Künstlerin in dir <pb/> reif und
               du brächtest schöne Bücher zu stande. Was du jetzt schreibst, ist lauter
               Kinderstammeln, die Redaktionen wollen es nicht. Die ersten zwei Stücke gefielen,
               aber immer das gleiche Gesänglein anzuhören, ermüdet«.</p>
            <p>»Also?« fragte sie leise.</p>
            <p>»Also, du wirst es wissen«.</p>
            <p>Sie sahen beide zu Boden.</p>
            <p>Sie zog ihr Taschentüchlein heraus und drückte es leicht an die Augen. Das war
               unverblümt. Und trotz dem, genau hatte sie ihn doch nicht verstanden.</p>
            <p>»Also wird nichts aus mir« sagte sie nach einer Weile tonlos.</p>
            <p>»Wenn du dir selbst hindernd im Weg stehst«. Er zuckte die Schultern.</p>
            <p>»Was soll ich denn thun?« rief sie leidenschaftlich. »Jeder behandelt mich als
               kindisches Ding, belächelt, bemitleidet mich; was soll ich denn thun?«</p>
            <p>Tage blieb stehen und sah ihr in die Augen. »Dem Mann, zu dem du dich am meisten
               hingezogen fühlst, angehören«.</p>
            <p>Sie spürte heiße Schauer über sich gehen.</p>
            <p>»Du ahnst nicht, welche Veränderung mit dem Weibe nach einem mutigen Schritt vorgeht.
               Die Welt erscheint ihm in ganz anderen Farben, eine ungeahnte Lebenskraftund Lust
               rauscht durch seine Adern; Schönheit, Gesundheit, Geist übergießen es mit ihren
               beglückenden Gaben. <pb/> Ein Mädchen ist immer eine vor den Thoren des Lebens
               Harrende; erst das Weib dringt hinter das Geheimnis des Daseins«.</p>
            <p>»Ach, vielleicht hast du recht, aber –« sie seufzte.</p>
            <p>Er warf die Arme um sie und preßte einen heißen Kuß auf ihre frischen Lippen.</p>
            <p>»Johanne!«</p>
            <p>Sie sagte garnichts. Mit gesenktem Haupte schritt sie neben ihm nach Hause.</p>
            <p>Und nun begann ein stillschweigendes, erbittertes Kämpfen zwischen ihnen.</p>
            <p>Einen Tag war er stürmisch, zärtlich, kühn gegen sie. Wenn sie ihn erzürnt in seine
               Schranken zurückwies, blieb er am nächsten Tag aus und vernachlässigte sie. Für sie,
               die keine rechte Beschäftigung hatte, waren solche Tage voll Verzweiflung. Sie
               schrieb verwirrtes Zeug, zerriß es wieder, rannte hundertmal ans Fenster, irrte
               planlos durch die Straßen und rief ihn endlich. Und wenn er dann kam und sie auf den
               Wegen draußen mit seinen wilden, glühenden Küssen überfiel und Dinge von ihr
               forderte, die ihr das Rot in die Wangen trieben und sie empört auffuhr, begann er
               zornig, höhnisch, bitter zu werden und blieb wieder weg. Einmal schickte sie ihm
               einen Pack Manuskripte.</p>
            <p>»Lauter dummes Zeug, mein Kind« sagte er, als er sie nach einer Szene wiedersah. »Laß
               das Schreiben<pb/> für jetzt. Du bringst nichts zustande, du bist zu unruhig«.</p>
            <p>»O Gott« sagte sie traurig, »aber es ist ja gar nicht wahr! warum sollte ich unruhig
               sein?«</p>
            <p>»Weil das Blut in deinen Adern nach Erfüllung schreit; stell dich doch nicht gar so
               dumm. Man sieht es dir ja im Gesicht an«.</p>
            <p>Er redete ihr so lang von dem Aufruhr in ihr vor, bis sie schließlich daran zu
               glauben begann. Sie weinte über sich selbst. Aber sie widerstand.</p>
            <p>Zu Hause saß sie am Fenster gekauert und wußte nicht, sollte sie beten oder
               verzweifeln.</p>
            <p>Wenn sie noch einen Menschen besessen hätte, dem sie sich anvertrauen konnte. Aber
               sie besaß niemand. Frau Wewerka mit ihrem stillen, vielsagenden Lächeln war ihr
               unausstehlich. Alice würde sie ausgelacht haben. Sie hörte fast ihr: thue doch, was
               dich freut, Närrchen. Lohringer war sogar der Meinung, der Mensch müsse Erfahrungen
               machen, um »sich selbst« zu finden. Also alle und alles drängte sie zu dem Einen. Sie
               weinte fortwährend, nahm kaum Nahrung zu sich und fühlte sich todunglücklich.</p>
            <p>Währenddessen begann Tages Geduld zu erlahmen. So lange Zeit, so viele hundert Wege,
               Bitten, Szenen hatte ihn kein Weib gekostet. Freilich, sie alle, die er besessen
               hatte, waren nicht mehr rein gewesen. Aber<pb/> trotzdem. Er verwünschte diese dumme,
               spröde Mädchenhaftigkeit, die sich sträubte und von einem Tag auf den andern um
               Aufschub bettelte. Er sah schon, hier konnte keine Beredsamkeit, keine Schmeichelei
               wirken, hier mußte er zu einer brutalen That seine Zuflucht nehmen. – Sein Begehren
               nach ihr war durch die halben Vertraulichkeiten, die sie von seiner wilden Art
               bedrängt ihm gewährte, aufs Aeußerste entfacht.</p>
            <p>Einmal nur diese spröde Teufelinne ganz in den Armen halten, dann mochte sie
               seinetwegen laufen, wohin sie wollte.</p>
            <p>›Ich kann morgen erst gegen Abend kommen, schrieb er ihr eines Tages, erwarte mich
               nicht vor der Dämmerstunde‹. – Er kam um die angegebene Zeit etwas erhitzt.</p>
            <p>»Ich hatte sehr viel Laufereien heute«.</p>
            <p>»Dann magst du wohl jetzt nicht mehr ausgehen« meinte sie.</p>
            <p>»Natürlich, natürlich mag ich ausgehen« sagte er nervös. »Komm nur; es ist sehr schön
               draußen. Wir können uns ja auch einen Wagen nehmen. Auf die Felder zu gehen ist heute
               zu spät« setzte er hinzu, als sie ihren gewohnten Weg einschlagen wollte, »gehen wir
               ein wenig in die Stadt«.</p>
            <p>Sie gingen Arm in Arm eine Weile. Plötzlich schlug er sich vor die Stirne. »Herrgott,
               daß ich das <pb/> vergessen konnte. Ein wichtiger Brief, der heute noch abgehen muß.
               Nichtwahr, du erlaubst doch, daß ich einen Augenblick in meine Wohnung hinaufspringe,
               ihn zu holen. Er liegt auf dem Schreibtisch. Wir sind ja grade hier an meiner
               Straße«.</p>
            <p>»Ich habe noch nie dein Haus gesehen« sagte sie harmlos, »wohnst du hübsch?«</p>
            <p>»Ha, eine Idee, Schatz. Willst du mit hinaufkommen? Es sieht dich niemand. Ja, willst
               du?«</p>
            <p>Sie zögerte und blickte ihn ungewiß an.</p>
            <p>»Na, wie du willst. Dann wart also hier unterm Thor, bis ich wieder herabkomme« sagte
               er barsch.</p>
            <p>»Sei doch nicht gleich so –«</p>
            <p>»Weil du einem auch die kleinste Bitte abschlägst. Ich wäre ja gar nicht darauf
               gekommen. Deine Frage brachte mich dazu. Na. Also wart«. Sein gekränkter ehrlicher
               Ton rührte sie.</p>
            <p>»Gut also, ich will zu dir hineingucken; aber –«</p>
            <p>Er faßte sie stürmisch um die Mitte und trug sie halb die Treppe empor. Sie kicherte
               und wollte sich losmachen, aber er ließ sie nicht aus den Armen. Oben schloß er auf
               und stieß sie scherzhaft in ein Zimmer, das er durch einen Druck auf den elektrischen
               Knopf erleuchtete.</p>
            <p>Es war ein großer, durch Teppiche, Felle und etliche Divans sehr wohnlich
               hergestellter Raum. Auf mehreren <pb/> Tischen lagen Bücher, Bildwerke, Manuskripte
               umher. In einer Ecke stand ein zierlicher Theekessel. Hinter einem hohen, eleganten
               Wandschirm befand sich das Bett. Die Wände bedeckten zahlreiche gute Radierungen,
               Stiche und mehrere Oelgemälde.</p>
            <p>»Sehr hübsch« rief Johanne, sich auf dem Absatz umdrehend. Er sprang zu einem
               Eckschränkchen und nahm eine Flasche und zwei Gläser heraus.</p>
            <p>»Seinen Gästen muß man mit etwas aufwarten«. Er goß sich und ihr ein Glas dunklen
               Weines ein. »Auf dein Wohl, Johanne. Nun?«</p>
            <p>Zögernd stieß sie an.</p>
            <p>»Trink doch, Mädel«. Er zog sie neben sich aufs Sopha. Dann kramte er einige
               Zeitungen fort, die eine Schale schöner Südfrüchte verdeckt hatten. »Knabbere auch
               ein bischen dazu. Magst du eine Tasse Thee? er ist im Moment fertig. Hier ist
               Konfekt«. Er schob ein Tellerchen mit Zuckerwerk heran.</p>
            <p>»Aber nein« sagte sie überrascht, »das sieht ja aus als ob du Gäste erwartest. Kommt
               jemand zu dir?«</p>
            <p>»Außer der, die gekommen ist, niemand«.</p>
            <p>»Aber du wußtest doch garnicht, daß ich käme, wie konntest du das alles für mich
               herstellen?«</p>
            <p>Er lachte. »Ich dachte schon lange, daß du mich vielleicht einmal besuchen würdest –
               aber – sappristi, frag nicht so viel«.</p>
            <p>
               <pb/> Er riß sie an sich. Sie zog die Brauen schmerzlich zusammen. »Laß mich doch;
               das mag ich nicht«.</p>
            <p>»Was? Wie? Magst du nicht? Wart, kleiner Unhold, heute will ich mich rächen für all
               die Teufeleien, womit du mich seit Monden quälst«. Er wollte sie auf seinen Schooß
               ziehen. Sie stieß ihn von sich und erhob sich.</p>
            <p>Er knirschte die Zähne zusammen, bemühte sich aber, ruhig zu bleiben.</p>
            <p>»So, so, du entfliehst mir? na meinetwegen; aber den Wein trink doch gefälligst aus;
               er ist nicht vergiftet, wenn er auch von mir ist«.</p>
            <p>»Ich mag keinen Wein« sagte sie und näherte sich der Thür.</p>
            <p>Er sprang auf.</p>
            <p>»Johanne! Bleibe doch noch einen Augenblick. Schau, es ist so hübsch, daß du da bist.
               Wer weiß, wenn wieder – ich will ganz brav sein. Komm, noch ein bischen«.</p>
            <p>Seine Hand ergriff die ihre, während er mit der andern das Weinglas an ihren Mund
               hob.</p>
            <p>»Mir zu liebe, aber ex«.</p>
            <p>Sie that einen Schluck.</p>
            <p>»Ex« kommandierte er.</p>
            <p>Sie trank das Glas leer.</p>
            <p>»Und jetzt noch ein Augenblickchen, ja?« Er zog sie neben sich. Sie sah umher.</p>
            <p>»Wo ist denn der Brief? Du sagtest doch, er eilte«.</p>
            <p>
               <pb/> »Ach was, meinetwegen. Ich bin augenblicklich so glücklich, daß mir alles
               andere gleichgültig ist«.</p>
            <p>Er nahm eine Feige von dem Tellerchen und wollte sie zwischen ihre Lippen
               stecken.</p>
            <p>Sie lachte und bog sich zurück.</p>
            <p>»Magst du nichts Süßes?«</p>
            <p>»O doch«.</p>
            <p>»Na, dann also ...« Plötzlich hatte er seine Arme um sie geworfen.</p>
            <p>»Du, ich bin ganz rasend. Quäl mich doch nicht so, Mädel. Gieb mir einen Kuß«.</p>
            <p>Sie wollte etwas entgegnen; er preßte sein Gesicht auf das ihre.</p>
            <p>»Du erdrückst mich ja ...«</p>
            <p>»Ach was ...«</p>
            <p>»Hörst du?«</p>
            <p>Ihre Hand faßte krampfhaft sein Haar.</p>
            <p>»Laß mich«.</p>
            <p>»Fällt mir nicht ein. Die Komödie muß ein Ende haben. Dummes Ding, gieb doch nach;
               hörst du?«</p>
            <p>Mit einer zornigen Bewegung suchte sie ihn abzuschütteln. Dabei glitt die Tischdecke
               herab und der Inhalt der Weinkaraffe ergoß sich in roten Strömen über beide.</p>
            <p>Er sprang in die Höhe. »Auch das noch«.</p>
            <p>Sie hörte ihn ein heftiges Schimpfwort murmeln und stürzte hinaus.</p>
            <p>
               <pb/> Ihr Hut, ihre Jacke, ihre Handschuhe waren oben liegen geblieben. Barhäuptig in
               ihrem dünnen Kleidchen, mit losgegangenen Flechten, rannte sie durch die Gassen.</p>
            <p>Die Leute blieben stehen und sahen ihr nach. In ihrem Zimmer angelangt, fiel sie halb
               bewußtlos aufs Bett ...</p>
            <p>Zwei Tage lang lag sie wie im Fieber. Frau Wewerka sah ab und zu nach ihr. Am dritten
               Tag, als sie sich wohler fühlte und aufstehen wollte, sagte die Hausfrau: »Mein armes
               Kind, teilen Sie mir doch mit, was Ihnen widerfahren ist; man braucht sich nicht
               alles gefallen zu lassen. Vielleicht kann ich Ihnen irgend einen guten Rat
               geben«.</p>
            <p>Das junge Mädchen schüttelte den Kopf.</p>
            <p>»Lassen Sie mich nur; mir ist ganz gut. Ich habe mich neulich erkältet; das ist
               alles«.</p>
            <p>»Nun, wie Sie wollen. Ein Dienstmann hat übrigens ein Packet für Sie gebracht. Es war
               so unordentlich verschlossen, daß alles beim Empfang herausfiel. Hut, Handschuhe und
               Jacke habe ich in Ihren Schrank gehängt«.</p>
            <p>Frau Wewerka lächelte ein wenig.</p>
            <p>Johanne kehrte sich gegen die Wand und flüsterte: »danke«.</p>
            <p>Nachmittags stand sie auf. Sie ging aus einer Ecke<pb/> in die andere, sah zum
               Fenster hinaus und kehrte wieder ins Bett zurück.</p>
            <p>Sie fühlte sich wie zerbrochen. Ihre Hände und Füße zitterten. Die Arme unter dem
               Kopf verschränkt lag sie da. Was nun? Was sollte sie nun beginnen? Ins Fröbelhaus
               zurückgehen? den ironischen Gesichtern der Lehrerinnen begegnen? Dann mußte sie
               jedenfalls auch den abgebrochenen Kurs wieder von vorn beginnen, was so viel hieß,
               als den Aufenthalt hier um ein Jahr verlängern.</p>
            <p>Nur das nicht. Lieber – Sollte sie geradewegs nach Sienenthal zurück?</p>
            <p>Aber was würde ihr Vormund, der Pastor, und jeder, der sie kannte, von ihr denken?
               Und was sollte sie in Sienenthal? Kartoffel schälen in der Küche der alten
               Schlächterin? Mein Gott! War jung sein wirklich ein Glück? Was sollte sie nur mit
               sich anfangen? Jetzt, da sie die ganze Schurkerei Tages kennen gelernt hatte, glaubte
               sie auch nicht mehr an ihr Talent. Er hatte ihr wohl nur eingeredet, daß sie
               dichterische Begabung besaß, um Macht über sie zu gewinnen</p>
            <p>Sie begann ihn zu durchschauen. Und das war der Mann, dessen Biographie in allen
               frommen Familienblättern stand, dessen Gedichte junge Mädchen auswendig lernten,
               dessen Name als einer der besten galt. Freilich, sie wußten nichts von seiner
               Gemeinheit. Er sprach ja <pb/> immer so edle Gedanken in seinen Gedichten aus. Ihm
               galt in seinen Versen die Reinheit als das höchste Gut, die Güte gegen Mensch und
               Tier (besonders gegen hübsche junge Mädchen) als erstes Gebot Christi. Man bekam
               ordentlich feuchte Augen, wenn man diese lieben, kleinen, feinen Lieder las.
               Umsomehr, als sie so angenehm abstachen gegen die heißen, ungesunden Gefühlsergüsse
               manch anderer Dichter. Allerdings, die waren deshalb nicht schlechter, nur –
               ehrlicher. Sie gaben sich, wie sie waren. In einem glichen sich alle, die zur Fahne
               der Kunst schworen, besonders der Dichtkunst: abgesehen von dem Haß und Neid, womit
               sie einander befehdeten, – es galt ihnen kein Mittel als zu gering, auch kein
               täglicher Meinungswechsel, um zu Geld und Ansehen zu kommen.</p>
            <p>Es war sehr traurig, das alles in der Nähe ansehen zu müssen und lächerlich zu
               denken, daß diese »Künstler« Einfluß auf ihre Zeit und auf alle naiven, unverdorbenen
               Gemüter hatten. Fort von hier, rief es in Johanne. Und doch wieder – fort? ohne
               etwas, auch nur das Geringste, erreicht zu haben?</p>
            <p>War das nicht allzu kläglich? Gott, Gott! Sie sprang aus dem Bette und warf sich auf
               die Kniee. Sie wollte beten, aber es ging nicht. Kein Tropfen Trostes kam in ihre
               Seele. Mit trockenen Lippen wühlte sie sich wieder in ihre Kissen. Ob es nicht das
               Beste wäre, zu <pb/> sterben? Sie ließ alle Todesarten an ihrem Geiste vorüberziehen.
               Sie malte sich ihre einzelnen Schrecken aus. Und doch was waren sie im Vergleich zu
               diesem entsetzlichen, trostlosen Jammerleben? In einer Verzweiflung, die an Irrsinn
               grenzte, verbrachte sie die halbe Nacht. Erst gegen Morgen sank sie in unruhigen
               Schlaf.</p>
            <p>Als sie die Augen aufschlug, war es Mittag. Das Mädchen brachte ihr das Frühstück ans
               Bett. »Nein, wie Sie aussehen, zehn Jahre älter« sagte sie erschreckt.</p>
            <p>Johanne erhob sich, kleidete sich langsam an und setzte sich an den Tisch. Was thun?
               was beginnen?</p>
            <p>Frau Wewerka kam herein.</p>
            <p>»Gehen Sie doch ein wenig ins Freie. Die Luft wird Ihnen gut thun. Wir ordnen
               indessen Ihr Zimmer«.</p>
            <p>Johanne kämpfte eine Stunde lang. Dann setzte sie den Hut auf, zog ihr Jäckchen an
               und ging hinab. Als sie über die Treppe schritt, fragte es in ihr: Wirst du auch
               wieder herauf kommen? Wer weiß? Wenn aber nicht, wo wirst du morgen früh erwachen?
               Sie fuhr sich über die feuchte Stirn und ging. Sie wußte nicht, wohin. Ihre Füße
               trugen sie mechanisch vorwärts. Von Zeit zu Zeit hob sie den Kopf und sah sich um.
               Wenn sie doch an einer Kirche vorbeikäme. Vielleicht gings heute mit dem Beten. Sie
               irrte durch dunkle Straßen in entfernten Vorstädten, kam an mehreren Gotteshäusern
               vorüber, die ihr geistesabwesender Blick <pb/> übersah, und rannte weiter, weiter.
               Sie hörte Uhren schlagen, sah die Menge der drängenden Leute sich lichten, Millionen
               angezündeter Gasflammen die Stadt wie in Funken hüllen, Omnibusse und Wagen zu den
               Nachtzügen nach den Bahnhöfen rasseln, sie sah wie Voraneilende sich nach ihr
               umsahen; endlich konnte sie nicht weiter. Vor einem großen Hause mit drei Thoren
               taumelte sie an die Wand und sank nieder.</p>
            <pb/>
         </div>
         <div type="chapter">
            <head>15</head>
            <p>»Ist dir schlecht?« Eine Hand legte sich sanft auf ihre Schulter. Sie sah auf. War
               sie gestorben und im Himmel erwacht? Wirklichkeit konnte dies nicht sein. Ein Mann in
               einem falben Wollkleide, das um die Mitte durch einen Strick zusammengerafft war,
               stand vor ihr. Seine Füße waren nackt. Und wie sich, müd vor Schwäche, ihr Blick nach
               seinem Haupt erhob, lächelte sie.</p>
            <p>Das war ja Christus, und sie war wohl tot.</p>
            <p>»Warum lächelst du?«</p>
            <p>Sein mildes Gesicht mit dem in der Mitte glatt gescheitelten, über die Schulter
               wallenden Haar, neigte sich zu ihr.</p>
            <p>»Fühlst du dich wohler?«</p>
            <p>»Christus« stammelte sie, und schloß die Augen.</p>
            <p>Er hob sie in seinen Armen empor. »Ich bin nicht Christus. Ich bin ein armer Mensch,
               der in des Herrn Fußtapfen geht, nichts weiter. Aber – kann ich <pb/> dir wirklich
               nicht irgendwie helfen? Willst du nicht mit hereinkommen? wir haben hier im Hause
               einen Saal, da kannst du dich ein wenig erholen, komm!«</p>
            <p>Sie folgte ihm, ohne ein Wort zu erwidern, die Augen auf ihn wie auf ein Wunder
               gebannt. An seiner Hand betrat sie den Saal. Etliche vereinzelte Gasflammen brannten
               noch. Es standen viele Stühle umher. Vorn auf einem Podium befand sich ein Tisch. An
               diesem Tisch saß ein Mensch tief über ein Blatt Papier gebückt und schrieb.</p>
            <p>»Angelus, hier ist ein Kind, das ich halb bewußtlos vorm Thore fand; bring ihm ein
               Glas frisches Wasser; willst du?«</p>
            <p>Der Schreibende sah auf die Beiden und erhob sich rasch. »Ja Meister Johannes«. Er
               sprang elastisch vom Podium herab und eilte hinaus.</p>
            <p>Er war genau gekleidet wie der, den er: Meister Johannes genannt hatte. Johanne
               erholte sich allmählich von ihrer Ohnmacht und sah sich mit wachsendem Staunen
               um.</p>
            <p>»Mein Gott, wo bin ich denn? Das ist ja wie im Traum«.</p>
            <p>»Du bist im Saale der Gesellschaft der Wahrheitssucher. Du kennst doch aus Zeitungen
               und vielleicht vom Hörensagen unsern Verband. Sieh dich nicht so erschreckt um«.</p>
            <p>
               <pb/> »Willst du trinken« fragte der wiedergekehrte junge Mensch, indem er ein Glas
               Wasser an ihre Lippen hob.</p>
            <p>»Danke, nein«. – Sie bog den Kopf zurück.</p>
            <p>»Dann setz dich wenigstens und ruhe ein bischen aus«. Meister Johannes zog sie auf
               einen der hölzernen Sessel nieder.</p>
            <p>Angelus stellte sich vor sie und sah mit zwei großen leuchtenden Augen in ihr
               Gesicht. Er glich einem zehnjährigen Kinde an Wuchs, und die langen blonden Haare
               gaben ihm ein mädchenhaftes Aussehen. »Sie weiß nicht, was ihr geschehen ist« sagte
               er lächelnd zu dem Aelteren, dessen Augen wohlgefällig an dem blassen Antlitz des
               Mädchens hingen. »Wir erscheinen dir wohl sonderbar« setzte er freundlich hinzu.
               »Bist du uns noch nie auf der Straße begegnet?«</p>
            <p>»Nein, ich habe noch keinen von Ihnen jemals gesehen«.</p>
            <p>»Du, die Wahrheitssucher kennen das ›Sie‹ nicht. Zu uns mußt du schon ›Du‹
               sagen«.</p>
            <p>»Ich habe nie von Ihnen gehört« flüsterte Johanne scheu und ließ ihre Blicke von
               einem zum andern gleiten.</p>
            <p>»Wir haben die Unglücklichen sehr lieb« sagte der Aeltere mit einer wunderbar
               wohllautenden Stimme, »und bemühen uns, ihnen Glück zu geben, wo wir können. Als ich
               dich vorhin draußen zusammengesunken fand, dachte ich, es sei dir ein Unglück
               geschehen, <pb/> aber es scheint, du warst nur müde und hast dich wieder erholt.
               Wohnst du weit?«</p>
            <p>»In der Theresienstraße«.</p>
            <p>»Kannst du allein zu deinen Eltern kehren, oder sollen wir sie benachrichtigen
               lassen?«</p>
            <p>»Meine Eltern?« Johanne, durch alle Aufregungen der jüngsten Zeit schwach geworden,
               fühlte Thränen in ihre Augen steigen. »Ich hab keine Eltern, ich besuche hier blos
               eine Schule und bin fremd in der Stadt«.</p>
            <p>Die beiden Männer warfen einander einen Blick zu.</p>
            <p>»Aber doch Verwandte« meinte Johannes.</p>
            <p>»Nein, Niemand. Ich will auch wieder fort«. Ihre Stimme brach. Sie lehnte sich in den
               Stuhl zurück und versuchte ihr Schluchzen zu unterdrücken.</p>
            <p>»Wein Dich aus« sagte der junge Angelus und nahm ihre Hand in die seine. »Hier darfst
               Dus. Du bist unter Brüdern. Hat Dir jemand ein Leid zugefügt?«</p>
            <p>Sie konnte nicht sprechen.</p>
            <p>»Du hast wohl eine große Enttäuschung erlitten« meinte Johannes mild.</p>
            <p>»Mehr« stotterte sie, »Ruchlosigkeit, Gemeinheit, Niedertracht allenthalben«.</p>
            <p>Seine Mienen wurden ernst. »Wie, so jung, sprichst du schon so. Das muß eine harte
               Schule gewesen sein, durch die du deinen Weg nahmst«.</p>
            <p>Sie entgegnete nichts; ihr Kopf sank auf die Brust.<pb/> Eine Weile herrschte
               Schweigen; dann fragte Johannes: »Bist du fromm?«</p>
            <p>Sie schüttelte den Kopf. »Ich möchts aber sein; o wie sehr möcht ichs sein. Ich habe
               ja niemand –«</p>
            <p>»Aber dich selbst doch«.</p>
            <p>»Auch nicht. Ich weiß nicht, was ich mit mir anfangen soll. Ich – es ist das Beste,
               zu sterben«. Ihre Verzweiflung erwachte aufs neue. Sie erhob sich und wollte fort.
               Johannes hielt sie zurück.</p>
            <p>»Du kleines, thörichtes Kind. Jetzt, wo dir Gott Menschen zeigt, die die Macht haben,
               dir dein Leid zu nehmen, willst du sterben. Weißt du was? Wir bringen dich nach
               Hause, du schläfst dich aus und morgen kommst du auf mein Bureau. Da wollen wir
               beraten, was mit dir angefangen werden soll. Lösch hier aus, Angelus und schließe gut
               ab. In einer Stunde bin ich zu Hause«.</p>
            <p>Der junge Mensch verneigte sich schweigend. Dann bot er Johanne die Hand.</p>
            <p>»Guten Muts, Schwester«.</p>
            <p>»Hast du Lust zu gehen?« wandte sich Meister Johannes an Johanne. Sie nickte.</p>
            <p>»Dann komm«. Sie traten hinaus.</p>
            <p>Unterwegs fragte er sie allerlei aus. Ob sie schnell und fix im Schreiben sei, ob sie
               vorlesen könne. Sie erzählte aus ihrem Leben. Mit jeder Minute gewann sie mehr Ruhe
               in sich. Mehreremale blieb sie unterwegs <pb/> stehen. War es denn wirklich kein
               Traum? Aus der hellsten Verzweiflung heraus dieses Gefühl der Sicherheit, des
               Geborgenseins plötzlich.</p>
            <p>Sie hatten einen überaus langen Weg zurückzulegen, und jetzt erst erkannte sie, wie
               weit sie vorhin in ihrer halben Bewußtlosigkeit gelaufen war. Sie sagte noch immer
               »Sie« zu ihm, bis er seine Hand energisch auf ihren Kopf legte, ihr fest in die Augen
               sah und bemerkte: »nun wirst du aber: Du sagen«.</p>
            <p>Da wurde es ihr wundersam zu Mut und sie sagte: Du. Als sie bei ihrem Hause angelangt
               waren, kannte er bereits einen Teil ihres Kummers. Er sah sie gütig an, nannte ihr
               die Straße, in der er wohnte, und verabschiedete sich. Und sie schritt wieder die
               Treppe empor, die sie vorher nicht mehr zu betreten geglaubt hatte, und fühlte
               stillen Frieden in sich.</p>
            <p>Am andern Tag um die angegebene Stunde fand sie sich bei ihm ein.</p>
            <p>An seiner Thür stand auf einer Tafel: »Johannes, Vorstand des Vereins:
               Wahrheitssucher, Redakteur der Zeitschrift ›An der Schwelle des Jenseits‹, Mitglied
               des spiritistischen Vereins: ›Seele‹, Schriftsteller.« Er empfing sie in einem
               einfach aber behaglich eingerichteten Gemache, hinter einem mächtigen Schreibtisch
               sitzend. Angelus stand vor einem Schränkchen, mit Zählen von Geld beschäftigt. Er
               nickte ihr liebevoll zu.</p>
            <p>
               <pb/> »Da bist du ja; setz dich, Johanne« sagte der Meister und wies auf einen
               Stuhl.</p>
            <p>Sie errötete unter seinen forschenden Blicken, die ihr bis an die Seele gingen.</p>
            <p>»Du bist sehr schön« sagte er. »Das sah ich gestern nicht. Mir dünkte, du wärest
               häßlich«.</p>
            <p>Und da sie protestieren wollte, schüttelte er den Kopf. »Du mußt dir angewöhnen, die
               Wahrheit, ob süß, ob bitter, ruhig anzuhören; es ist kleinlich und unehrlich gegen
               sich selbst, wenn man aus falscher Scham gegen Thatsachen opponiert. Also, sag mir
               eins. Aber vorher: Du glaubst nun wohl nicht mehr zu träumen, oder mit Geistern zu
               thun zu haben. Wir sind höchst einfache, übrigens viel bekannte Menschenkinder, die
               sich ganz in der Wirklichkeit bewegen. Unser Ziel ist: die Schäden der Zeit zu
               verbessern. Wir wollen den Materialismus nicht bekriegen, sondern leidenschaftslos
               untersuchen und beweisen, daß er durchaus kein Gegner, sondern nur der ungeschickte
               Ausdruck für unsere eigene Weltanschauung ist«. Und da sie ihn etwas verständnislos
               ansah, fuhr er fort: »Um dir meine Worte durch ein Beispiel zu veranschaulichen: Wir
               geben den Menschen nicht unrecht, die da behaupten, mit dem Tode wäre alles aus. Das
               wäre es auch, wenn es einen Tod gäbe. Nun liegts auf unserem Wege, zu zeigen, daß es
               eben keinen giebt, sondern nur eine Formverschiebung. Ich habe absichtlich mir ein so
               <pb/> einfaches Beispiel gewählt, um dich heute nicht zu sehr anzustrengen. Du
               erhieltest mithin eine Ahnung unserer Bestrebungen. In diesem Sinne leiten wir eine
               Zeitschrift, haben Vereine gegründet und bemühen uns, Menschen für unsere Ziele zu
               gewinnen. Vor allem ziehen wir jeder Heuchelei, jeder falschen Scham, jeder
               Gewinnsucht zu Leibe. Wir wollen wie Christus einfach und schlicht unter unseres
               Gleichen verkehren, in denen wir nicht Fremde, sondern Brüder erblicken. Wir haben
               uns schon zahllose Freunde in allen Städten Europas erworben, geschweige in anderen
               Erdteilen, wo unsere Lehre seit Jahrtausenden Anhänger besitzt. Du siehst also, daß
               du es mit ganz realen Menschen zu thun hast. Andere unserer Eigenschaften wirst du
               später begreifen lernen. – Obwohl wir nun keinen Mangel an Händen haben, die jede
               Minute bereit sind, für uns thätig zu sein, so sind wir doch jeder Zeit willig, neue
               Kräfte für uns zu gewinnen. Wenn du also Lust hast, in unsere geistige Genossenschaft
               zu treten, wollen wir nicht scheuen, Opfer für dich zu bringen, die unsere geringe
               Macht nicht übersteigen«.</p>
            <p>Er befragte sie über ihre Vermögensverhältnisse und ob ihr Vormund einverstanden
               wäre, wenn sie ein neues Leben begänne. »Wir wollen dich hier als unsere Sekretärin
               anstellen; du wirst tagsüber bei uns sein, mit uns essen und alle kleinen Sorgen und
               Freuden mit uns teilen. <pb/> Abends bist du frei und kannst nach Hause gehen. Miete
               dir hier in der Nähe ein Zimmerchen. Die Miete mußt du aus deinen eigenen Mitteln
               bezahlen. Geld kann ich dir nicht geben; auch Kleider mußt du dir selbst beschaffen.
               Uebrigens, wirst du auch vegetarische Kost vertragen können? Unser Essen schließt
               Fleisch und alkoholhaltige Getränke aus«.</p>
            <p>»O, ich esse, was es giebt« sagte Johanne, »darauf hab ich nie geachtet«.</p>
            <p>In diesem Augenblick kam der Postbote und brachte ein Packet Briefe. Meister Johannes
               hielt den Stoß lächelnd Johanne hin. »Siehe, sie zu öffnen, mir in Kurzem den Inhalt
               mitzuteilen und nach meinem Diktat zu beantworten, wird von nun an deine
               Beschäftigung sein«.</p>
            <p>»Wenn ich es nur auch richtig mache«.</p>
            <p>»Das wird dein guter Wille dich lehren. Auch wird dir Angelus in den ersten Tagen an
               die Hand gehen«.</p>
            <p>»Gewiß« sagte vom Schrank her der junge Mensch.</p>
            <p>»Also willst du?« Johannes hielt ihr die Rechte hin. Sie legte die ihre hinein.</p>
            <p>Ein wunderbares Gefühl des Friedens überkam sie, als seine Finger die ihren
               einschlossen. Sie senkte die Augen vor seinem durchdringenden Blick.</p>
            <p>»Jetzt gehst du wohl nach Hause, dich mit deiner Wirtin zu verständigen«.</p>
            <p>Es war zwei Tage vor Mitte Februar.</p>
            <p>
               <pb/> »Ich habe nie etwas über Kündigung mit ihr ausgemacht. Aber ich glaube, sie
               läßt mich ziehen«.</p>
            <p>»Solltest du dich mit ihr nicht verständigen können, so komme ich selbst hin« meinte
               er ruhig. »Von morgen ab kannst du bei uns sein«.</p>
            <p>Ein dankbarer Blick aus ihren Augen traf ihn. Er neigte leicht den Kopf und wandte
               sich seinen Briefen zu. Sie wartete noch eine Sekunde, dann fühlte sie, daß sie
               entlassen war.</p>
            <p>Mit beflügelten Schritten eilte sie nach Hause. Es war ein weiter Weg, denn Meister
               Johannes' Wohnung, sowie der Saal, in den er sie gestern geführt hatte, lagen im
               Arbeiterviertel der Stadt. Hier, mitten unter den Leuten des vierten Standes, den
               »Kleinen«, hatte er sich niedergelassen.</p>
            <p>Johanne war ganz überwältigt von dem Neuen, das ihr entgegentrat. Religion, Tugend,
               Weisheit schienen sich zu diesen Menschen geflüchtet zu haben. Die ganze Bibel schien
               neu aufzuleben in den reinen, schlichten Gestalten des Meisters und seines Jüngers.
               Wie alt wohl Johannes sein mochte? dreizig, vierzig, mehr? Johanne konnte sich nicht
               erinnern, in ihrem Leben einen so edlen Kopf gesehen zu haben. Auch Angelus gefiel
               ihr; doch sah er zu mädchenhaft aus, während der Aeltere den Stempel gereifter
               Männlichkeit in seinen bewußten Zügen trug.</p>
            <p>
               <pb/> Sie erklärte Frau Wewerka in kühlen Worten, als Sekretärin des Vereins der
               »Wahrheitssucher« angestellt zu sein und fortziehen zu wollen. »Mit meinem Vormund
               habe ich mich schon auseinandergesetzt« fügte sie hinzu. Sie hatte ihm ein Kärtchen
               ziemlich dunklen Inhalts gesendet.</p>
            <p>»Ich will meinen Mann holen« sagte Frau Wewerka. Johanne zuckte die Schultern.</p>
            <p>»Wie Sie wollen; aber die Stellung habe ich angenommen, also da ist nichts zu ändern.
               Sie können sich ja dort erkundigen. Meister Johannes wird Ihnen gerne Auskunft
               geben«.</p>
            <p>»O, ich kenne den Verein, die Zeitschrift und ihren Redakteur. Wer kennt ihn nicht?
               Er bemüht sich ja angelegentlich, aufzufallen. Er hat unter der Aristokratie viele
               Anhänger, namentlich Damen. Na, wenns Ihnen Spatz macht, versuchen Sies. Ich will Sie
               nicht zurückhalten«.</p>
            <p>Trotzdem erschien Herr Wewerka. Er machte ein sehr verdutztes Gesicht zu Johannes
               Eröffnung.</p>
            <p>»Hüten Sie sich vor diesen Wölfen im Schafspelz –« Er wollte eine Rede beginnen.
               Johanne unterbrach ihn ungeduldig. Er solle doch schweigen von den Wölfen im
               Schafspelz. Mehr Niedrigkeit und Gemeinheit, als sie von anderer Seite in diesen
               dreiviertel Jahren kennen gelernt habe, gäbe es sicher nicht auf der Welt. Deshalb
               <pb/> ginge sie ja auch. Sie ertrüge es nicht länger in dieser Atmosphäre. Wewerka
               lächelte ironisch zu seiner Frau hinüber. »Der Meister mit den langen Haaren und den
               hübschen nackten Füßen hats ihr angethan. Da nützt kein Abreden. Gehen Sie zu,
               Fräulein Johanne, treiben Sie ein wenig Spiritismus, lassen Sie sich die Geister
               interessanter Toter zitieren und fühlen Sie sich als Uebermensch. Schad nix und ist
               lehrreich. Vielleicht kommen Sie wieder einmal zu uns zurück«.</p>
            <p>Sie lächelte herb und empfahl sich. Bis Ende März war ihre Pension vorausbezahlt;
               also konnte sie gehen, wohin ihr beliebte.</p>
            <p>Sie suchte in der Nähe der Kasernenstraße, in der Johannes wohnte, ein Stübchen, fand
               ein ihr passendes im vierten Stock bei einer alten Blumenmacherin, und ließ sofort
               ihre Habseligkeiten hinüberschaffen.</p>
            <p>Als in der neuen, winzigen Wohnung ihre Sachen ausgepackt waren, fiel sie auf die
               Kniee und dankte Gott, daß er sie aus dieser Atmosphäre der Gemeinheit geführt hatte.
               Wewerkas Urteil über Johannes fiel ihr ein. Aber das war ja natürlich. Die
               Schmutzigen hassen die Reinen. Und er war rein, das stand in den edlen Zügen seines
               Gesichtes geschrieben. Sie erzählte ihm am nächsten Tag alles, was ihre früheren
               Hauswirte über ihn gesagt hatten. Er nickte.</p>
            <p>»Das weiß ich ja längst. Ein Teil der Menschen<pb/> sieht in mir einen Betrüger, weil
               sie es nicht fassen, daß man für andere Zwecke, als sein eigenes Wohlergehen,
               arbeiten kann. Andere vergöttern mich wieder und nennen mich einen Auserlesenen, was
               mich fast noch mehr ärgert. Ich will nicht überschätzt werden. Ich liebe die
               Menschen, deshalb möchte ich ihnen Gutes thun, sie so glücklich wie möglich wissen.
               Glücklich wird man nur, wenn man sich selbst kennt. Ich lehre sie das, und auch lehre
               ich sie, ihre Grenzen zu erweitern. Wir sind viel mächtiger, als die meisten von uns
               glauben«.</p>
            <p>Sie legte Hut und Jäckchen ab und ließ sich am Schreibtisch nieder. Er diktierte ihr
               einige Briefe, die sie zu seiner Zufriedenheit nachschrieb. Um die Mittagsstunde
               erschien eine ältere Frau und meldete, daß das Essen angerichtet sei.</p>
            <p>»Hast du auch für Paulus gedeckt?« fragte Johannes. Er kommt geradeswegs vom Bahnhof
               hierher«.</p>
            <p>»Glaubst du, schon mittags?«</p>
            <p>»Er schriebs«.</p>
            <p>»Dann will ich noch ein Couvert für ihn auflegen. Angelus wartet schon, er ist eben
               aus der Stadt gekommen«.</p>
            <p>Johannes führte seine neue Sekretärin in ein geräumiges, höchst einfach möbliertes
               Gemach nebenan. Auf einem mit weißer Wachsleinwand bezogenen Tische standen etliche
               Schüsseln. Eine enthielt gekochtes Gemüse, <pb/> eine andere eine Mehlspeise, die
               Johanne unbekannt war. Angelus erhob sich und verneigte sich schweigend vor den
               Beiden. Johannes legte dem jungen Mädchen, das sich schüchtern benahm, eine tüchtige
               Portion Gemüse und Mehlspeise auf ihren Teller.</p>
            <p>»Du mußt zugreifen, mein Kind; es giebt nur noch Obst«.</p>
            <p>»Die Gräfin grüßt dich, Meister, sie wird dir ihre Tochter mit den gewünschten
               Abzügen schicken« sagte Angelus, während er tüchtig einhieb.</p>
            <p>Plötzlich hörte man draußen sprechen, die Thür öffnete sich und ein neuer Ankömmling
               trat herein.</p>
            <p>»Paulus!« rief Angelus.</p>
            <p>Der Eingetretene verneigte sich vor Johannes, schüttelte Angelus die Hand und sah auf
               Johanne.</p>
            <p>»Unsere neue Sekretärin« bemerkte der Meister. Paulus reichte ihr die Hand über den
               Tisch. »Sei gegrüßt«. Dann ließ er sich nieder und nahm Speise auf seinen Teller.</p>
            <p>»Alles gut abgelaufen?«</p>
            <p>»Jawohl Meister. Zwanzig neue Vereinsmitglieder hab ich dir geworben, darunter zwei
               von bekanntem Namen. Auch unserer Zeitschrift gewann ich etliche Freunde. Ich will
               dir später mehr erzählen«.</p>
            <p>»Und wie stehts mit den Schulden, die du einkassieren solltest?«</p>
            <p>
               <pb/> »Ich bringe nur ein Drittel des erhofften Betrages«.</p>
            <p>»Die Menschen haben nie Geld zu Dingen übrig, deren Ernte in der Zukunft liegt«
               versetzte der Meister.</p>
            <p>»Sie müßten noch mehr gepackt werden« sagte Paulus.</p>
            <p>»Oder ganz fallengelassen werden« ergänzte Angelus, »was dasselbe ist, denn dann
               müssen sie sich mit erneuter Kraft aufraffen«.</p>
            <p>Sie sprachen über einige Personen, die Johanne unbekannt waren. Währenddessen fand
               sie Muße, Paulus zu betrachten.</p>
            <p>Er trug dieselbe Tracht wie seine Genossen. Auch sein Haar floß lang über die
               Schultern. Aber seinem Gesicht fehlte der Ausdruck der Milde, der den Mienen der
               beiden Andern eigen war. Vielleicht lag es auch daran, daß Augen und Haar tiefschwarz
               waren. Das hervorspringende hagere Kinn, die Nase mit ihrem Höcker deutete auf viel
               Willenskraft und Selbstbewußtsein. An ihm war nichts Demütiges, Christushaftes, außer
               seiner Tracht. Aber trotzdem fühlte sich Johanne, sofort als er eintrat, unter seinem
               Banne.</p>
            <p>Die Wirtschafterin brachte warmes gekochtes Obst herbei. Sie aßen davon, dann lehnte
               sich Johannes einen Augenblick zurück.</p>
            <p>»Wißt ihr das Neueste? Die Polizei hat mir untersagt, meinen Vortrag am Sonnabend zu
               halten. Es wäre Anarchismus, was ich predigte«.</p>
            <p>
               <pb/> »Du!« Paulus schüttelte den Kopf, »du Anarchismus? Du predigst doch nur
               Gehorsam gegen das Gesetz«.</p>
            <p>»Was eigentlich so viel wie Krieg dem Gesetz bedeutet« meinte Angelus. »Denn wenn
               Einer dieses wörtlich erfüllte –«</p>
            <p>»Du fassest das zu kirchlich auf« bemerkte der Meister. »Wenn ich sage: bezahlt eure
               Steuer, weil es die Satzung eures Staates gebietet, will ich doch nicht Aufruhr
               stiften«.</p>
            <p>»Wenn du sagst: ihr müßt sie bezahlen, und es mangeln ihnen hierfür die Mittel, so
               treibst du sie dazu, sich diese auf vielleicht unerlaubte Weise anzueignen«.</p>
            <p>»Ich werde von einer Persönlichkeit zur andern gehen, ich weiß ja ungefähr, wer alles
               in meinen Vortrag gekommen wäre, und ihnen mündlich mitteilen, was ich auf dem Herzen
               habe«.</p>
            <p>Die beiden jungen Leute warfen sich einen bedeutsamen Blick zu.</p>
            <p>»Soll ich vielleicht die Fürstin Leiningen aufsuchen? Sie möge sich für dich
               einsetzen, daß man dich hinfür frei schalten und walten läßt. Sie verkehrt bei
               Hofe«.</p>
            <p>»Was fällt dir ein, Paulus?« Der Meister lächelte, »jemehr Hetze gegen mich, umso
               besser. Unsere Brüder Buddha, Christus und Mohammed wurden alle verfolgt, mit Steinen
               beworfen, lächerlich gemacht. Was wäre <pb/> ein Reformator ohne Verfolgung, Haß,
               Mißgunst seiner Zeitgenossen? Man darf sich nie gegen drohende Mißgeschicke auflehnen
               und sie abzulenken trachten, das weißt du doch«.</p>
            <p>Paulus errötete leicht. »Ich betrachte, was dir droht, nicht als große Prüfung,
               sondern nur als kleines Hindernis, das du kräftig überwinden wirst«.</p>
            <p>»Was dasselbe bedeutet« rief Angelus. »Die kleinen Nadelstiche des Lebens sind für
               den Helden unerträglicher als Schwertstreiche«.</p>
            <p>Johannes erhob sich, mit ihm die Andern.</p>
            <p>»Ich ziehe mich für eine Stunde zurück, Johanne« sagte er zu dem jungen Mädchen.
               »Angelus soll dir Bücher im Bureau zeigen, in denen du indessen lesen kannst«.</p>
            <p>Johanne ging mit den beiden jungen Leuten ins Arbeitszimmer. Angelus stieg auf einen
               Tritt und suchte unter den Büchern des Regals.</p>
            <p>»Wann kamst du hierher?« fragte Paulus, sich an den Tisch lehnend und Johanne
               fixierend. Sie erzählte ihm, wie der Meister sie fand.</p>
            <p>»Und gefällt es dir bei uns?« fragte er.</p>
            <p>»Unendlich«. Sie senkte die Blicke. »Es ist eine ungeahnte Welt für mich«.</p>
            <p>»Bloß mußt du dir abgewöhnen, zu erröten und die Blicke niederzuschlagen. Wir sind
               hier reine, freie<pb/> Menschen, die nichts vor einander zu verbergen haben. Wer hier
               die Thür hinter sich geschlossen hat, hört auf, Mann oder Weib zu sein, er ist bloß
               Mensch«.</p>
            <p>»Mir ist das neu« meinte sie.</p>
            <p>»Hier hast du ein Buch« sagte Angelus niedersteigend und reichte ihr einen Band.</p>
            <p>»Glaubst du auch, daß ich das verstehe?« fragte sie schüchtern.</p>
            <p>»Du kannst uns ja fragen, wenn dir etwas unklar ist«.</p>
            <p>»Wie alt bist du?« fragte Paulus, der älter als Angelus aussah.</p>
            <p>»Beinahe zwanzig«.</p>
            <p>»Hm« machte er, sah sie von oben bis unten an und verließ das Zimmer.</p>
            <p>»Du liest ja nicht« bemerkte Angelus nach einer Weile. Er saß auf einem Hocker und
               schnitt ein dickes Buch auf. Johanne lehnte am Schreibtisch und sah sinnend vor sich
               hin.</p>
            <p>»Nein, ich kann nicht. Ich muß immerfort an das Neue denken, das ich seit vorgestern
               kennen gelernt habe. Ich begreifs ja eigentlich noch immer nicht ... Was will Meister
               Johannes?«</p>
            <p>»Die Welt verbessern« erwiderte Angelus lakonisch.</p>
            <p>»Aber wie denn?«</p>
            <p>»Indem er allen Menschen lehrt, sich wie Brüder<pb/> untereinander zu begegnen, Leid
               und Sorge, Freude und Reichtum unter einander zu teilen«.</p>
            <p>»Göttlich« rief das junge Mädchen begeistert. »Aber wie kam er nur darauf?«</p>
            <p>»Das liegt in der Zeit, liebe Schwester. An allen Ecken kannst du Religionsumformer,
               Weltverbesserer und Propheten der neuen Epoche aufstehen sehen. Bloß: die einen sind
               die falschen Führer, unserer ist der echte«.</p>
            <p>»Wann kam es über ihn?« fragte sie leise.</p>
            <p>»Wann? Er war einmal sehr krank und lag monatelang im Spital. Er war früher Musiker
               und verdiente durch Unterricht seinen Lebensunterhalt. Ein Gelenkrheumatismus lähmte
               seine Hände. Als er aus dem Spital kam, hatte er keinen Heller, keinen Bissen Brot.
               Es blieb ihm nichts übrig, als an die Thüren seiner Freunde und Bekannten, später
               auch Fremder zu pochen. Da lernte er tief in die Menschenherzen blicken. Er sah die
               Härte, die Selbstliebe, die Vergötterung des Mammons, die da wohnten. Alle die
               häßlichen Eigenschaften der Menschen enthüllten sich ihm nackt, denn wer verstellt
               sich vor einem Bettler? Sein edles Herz litt sehr unter diesen Erfahrungen. Mehr über
               die Andern, als über seine eigene Not grämte er sich.</p>
            <p>Wie diesen Menschen helfen, emporhelfen, ging ihm im Kopfe herum. Er sprach an allen
               Pforten, an die er bittend klopfte, ein paar tiefe, aus der Seele kommende <pb/>
               Mahnworte. Manche Leute hörten auf ihn, manche ließen ihn stehen und schlugen ihm die
               Thür vor der Nase zu, manche verlachten, ja mißhandelten ihn. Aber einige lauschten
               ihm, luden ihn ein, näherzutreten und gaben ihm willig Gehör. Er erwarb sich Freunde,
               Gönner, Anhänger. Man gab ihm so viel, daß er viele seiner herrlichen Ansichten in
               kurzen Schriften niederlegen, drucken und veröffentlichen lassen konnte. Er redete
               auch dann und wann in besonders dazu gemieteten Lokalen, die von Zuhörern dicht
               besetzt waren. Eine edle Frau, die sich sehr für seine Ansichten begeisterte, gab ihm
               die Mittel, eine Zeitschrift zu gründen. Man abonnierte darauf, viele, weil er und
               seine Lehre plötzlich Mode geworden war, andere, weil sie die tiefen Wahrheiten
               derselben ergriffen. Eines Tages schossen die Begüterten seiner Anhänger eine Summe
               zusammen, die es ihm ermöglichte, diese Wohnung hier zu mieten und sich ganz seinen
               reformatorischen Bestrebungen hinzugeben. Ich stand eben vor dem Abiturientenexamen,
               es ist zwei Jahre her, als ich seine Lehre verkünden hörte und von ihr so gepackt
               wurde, daß ich sofort hierherkam und mich ihm mit Leib und Seele hingab. Auch Paulus,
               der Sohn reicher Eltern, verzichtete auf alle Vorteile und die Liebe seiner Familie,
               und folgte ihm. Er hat in allen Kreisen warme Anhänger; man nennt ihn einen neuen
               Messias, er aber will nur Johannes sein. Er lehrt die Liebe, <pb/> die Lauterkeit,
               die Gemeinsamkeit in allem. Er ist überaus gütig, und behält nichts von den Geldern,
               die für ihn fortwährend einlaufen, für sich. Alles verwendet er zu wohlthätigen
               Zwecken, so z.B. erhält er uns beide, mich und Paulus«.</p>
            <p>In diesem Augenblick trat der, von dem sie sprachen, herein. Johanne, noch
               überwältigt von dem eben Vernommenen, ergriff seine Hand und zog sie an ihre Lippen.
               Er fuhr liebkosend über ihre Wange.</p>
            <p>»Willst du nun arbeiten, Kind?«</p>
            <p>Sie setzte sich an den Schreibtisch und er, die Hände auf dem Rücken verschränkt,
               schritt auf und nieder. Er diktierte ihr etliche Briefe. Er nannte alle Leute: du.
               Einige der Antworten waren an hochgestellte Persönlichkeiten gerichtet. Eine
               Prinzessin hatte angefragt, ob es etwas Uebles zu bedeuten habe, daß ihr Theeglas
               zersprungen sei. Ein junger Kaufmann glaubte den Geist seines Vaters gesehen zu haben
               und erlaubte sich an den Meister die Frage, wie er sich in Zukunft bei ähnlichen
               Erscheinungen zu verhalten habe. Zwei Schulmädchen beschworen Johannes, sie als
               Jüngerinnen anzunehmen. Ein Herr bat um die Adresse des Tuchlagers, von dem der
               Meister den Stoff zu seiner Kutte bezöge. Mehreremale kräuselten sich Johannens
               Lippen zu einem Lächeln während der Diktate. Johannes zürnte ihr nicht darob.</p>
            <p>»Es giebt seltsame Gesellen, aber die ewige Liebe<pb/> nimmt alle auf. Ihr gilt der
               Kern, nicht die Form. Dieses alles ist gutes Material, verwendbar für mich«.</p>
            <p>Er spricht wie ein Gott, der Schöpfungen in der Hand hält, dachte das junge Mädchen.
               Und er ist auch eine Art Gott. – Später kam Paulus herein. Er setzte sich neben
               Angelus, der über ein Bündel Rechnungen vertieft war.</p>
            <p>»Soll ich dir helfen?«</p>
            <p>»Nein, ich danke dir«.</p>
            <p>Paulus langte einen Stoß Zeitschriften herab. Er blätterte sie flüchtig durch und
               machte hie und da eine Bemerkung mit dem Blaustift in sein Notizbuch. So arbeiteten
               sie einträchtig neben einander. Plötzlich klopfte es, und eine junge, elegante Dame
               trat ein.</p>
            <p>»Ich grüße euch«. Ihre Hände drückten die der Freunde.</p>
            <p>»Meine neue Sekretärin« stellte der Meister Johanne vor.</p>
            <p>»Ich hoffe, du wirst dich hier sehr glücklich fühlen« sagte die Dame zu dem jungen
               Mädchen. Dann ließ sie sich nieder und zog ein Päckchen Blätter heraus.</p>
            <p>»Gefallen sie dir?« Es waren Lichtdrucke nach einer Photographie des Meisters, die
               sie selbst ausgeführt hatte. Johannes betrachtete sie interessiert.</p>
            <p>»Ich finde sie sehr ähnlich, nur hast du mir eine gar zu pathetische Pose
               gegeben«.</p>
            <p>
               <pb/> »Du darfst eine annehmen« entgegnete das Fräulein kurz«.</p>
            <p>»Zeig« bat Paulus, und zog Johannes eins der Blätter aus der Hand.</p>
            <p>Angelus sah ihm mit glänzenden Augen über die Schulter und reichte das Blatt dann
               Johanne hinüber. Es stellte Johannes in seiner gewöhnlichen Kleidung dar, die eine
               Hand wie segnend erhoben, die andere auf die Brust gelegt.</p>
            <p>»Gefällt es dir?« fragte die junge Dame, den Kopf nach Johanne wendend.</p>
            <p>»Sehr«.</p>
            <p>»Dann behalte es«. In ihrer Stimme lag ein herrischer Tonfall.</p>
            <p>»Ich habe vorläufig dreitausend Stück bestellt. Man wird sie, da du selbst Sonnabend
               nicht reden darfst und Professor Preuer statt deiner den Vortrag hält, an der Thür
               des Saales verteilen. Das wird mehr wirken, als wenn du persönlich erschienst, denn
               Jeder wird fragen: warum spricht er heute nicht? Und die Antwort darauf wird der
               Richter derer sein, die es dir untersagten«.</p>
            <p>»Seid gegrüßt«.</p>
            <p>Ein junger Mann von kolossalen Körperformen trat herein.</p>
            <p>»Comtesse, auch hier?«</p>
            <p>
               <pb/> Er schüttelte Allen die Hände und warf einen fragenden Blick auf Johanne, die
               ihm als Mitglied des Hauses vorgestellt wurde.</p>
            <p>»Ach, endlich die Bilder«. Er machte der Gräfin einige schmeichelhafte
               Bemerkungen.</p>
            <p>»Warum kamst du so lange nicht?« fragte sie ihn vorwurfsvoll.</p>
            <p>»Ich konnte nicht«. Ein Schatten verdüsterte sein Gesicht. »Luise weicht nicht von
               meiner Schwelle«.</p>
            <p>»Schwacher« rief Paulus mit seiner tiefen Stimme.</p>
            <p>»Starker« sagte Angelus, »was ja dasselbe bedeutet, denn ein Schwacher ist immer
               stark in seiner Schwäche«.</p>
            <p>Johannes schüttelte mißbilligend den Kopf. »Hast du ihr denn einmal eindringlich ins
               Gewissen geredet?«</p>
            <p>»Ach, Meister«, der junge Mann machte eine vielsagende Handbewegung, »ich bat, ich
               drohte, ich –«</p>
            <p>»So versuchs doch auf übersinnlichem Wege« rief Paulus finster.</p>
            <p>»Noch nicht« meinte Johannes, »das ist das Letzte, zu dem man greifen soll. Wo ist
               sie jetzt?«</p>
            <p>»Bei mir natürlich«.</p>
            <p>»Geh doch hinauf, Meister« bemerkte die Comtesse, »fasse du sie. Dir kann nichts
               mißlingen«.</p>
            <p>Johannes sann etliche Sekunden nach, dann sagte er: »Wenn ihr es wünscht, will ichs
               thun«.</p>
            <p>»Du bist gnädig« rief der junge Mann dankbar. <pb/> »Es ist wahrhaftig die höchste
               Zeit. Seit fast einem Monat komme ich zu keiner Selbstbesinnung mehr, nicht zum Lesen
               eines innerlichen Buches. Sie liegt mir immerfort in den Ohren, wie sie zur
               Vollendung gelange und ihren begehrlichen, unruhigen Leib zum Schweigen bringe. Sie
               behauptet, alle innerlichen Uebungen machen sie noch aufgeregter –«</p>
            <p>»Weil sie sie falsch anwendet« versetzte Johannes.</p>
            <p>»Warum jagtest du sie nicht gleich das erste Mal fort?« fragte Paulus streng.</p>
            <p>»Darf das ein Bruder Christi?«</p>
            <p>»Das darf er, Jakob, wenn er erkennt, daß es keine Prüfung, sondern eine Versuchung
               ist«.</p>
            <p>»Was dasselbe bedeutet« ließ sich des kleinen Angelus Stimme vernehmen. »Prüfungen
               bestehen nicht immer in Leiden, Versuchungen nicht immer in Peris, die einen
               verleiten wollen«.</p>
            <p>»Nein, eine Peri ist Luise nicht«.</p>
            <p>Die Comtesse errötete leicht unter dem zurechtweisenden Blick von Johannes.</p>
            <p>»Wißt ihr, wenn es euch angenehm ist, nehmen wir jetzt unser kleines Abendmahl und
               ich gehe dann mit dir, Jakob, nach deiner Wohnung. – Du, Johanne«, wandte sich der
               Meister an das junge Mädchen, »bist nach dem Essen für heute entlassen«.</p>
            <p>
               <pb/> Sie verneigte sich, wie sie es von den Andern gesehen hatte.</p>
            <p>Auf ein Klingelzeichen von Johannes erschien die Wirtschafterin.</p>
            <p>»Ich bitte, Laura, bereite sofort unsere Mahlzeit, wir wollen hernach noch thätig
               sein«.</p>
            <p>Die Wirtschafterin verschwand hurtig.</p>
            <p>Johanne wunderte sich insgeheim, daß die beiden Neuangekommenen weltliche Gewänder
               trugen und nicht gekleidet waren wie ihr Meister. Bald bat die Haushälterin zu
               Tische.</p>
            <p>Man begab sich ins Speisezimmer. Johanne kam neben Paulus zu sitzen. Sie bebte, so
               oft er sie ansah und ihr eine Schüssel reichte. Sein kurzangebundenes Wesen, seine
               dunklen Augen machten ihr bange vor ihm.</p>
            <p>»Du ißt ja nichts« sagte er zu ihr, »dir mundet wohl unsere vegetarische Kost nicht,
               wie?«</p>
            <p>»O sehr gut, ich habe nur noch keinen großen Appetit, ich war in letzter Zeit nicht
               ganz wohl«. Sie wußte kaum, was sie stotterte.</p>
            <p>»Und jetzt bist du zufrieden?«</p>
            <p>»Ich hoffe es zu werden«.</p>
            <p>»Das ist gut gesprochen, blicke nur nie in die Vergangenheit, immer vorwärts«.</p>
            <p>»Paulus« rief die Comtesse herüber, »sage doch Landgreen, er soll nicht so dumme
               Artikel schreiben.</p>
            <p>
               <pb/> Er schlägt in der ›Innern Stimme‹ vor, alle Anhänger von Johannes sollten sich
               gleich kleiden, damit man sie an ihrem Aeußern erkenne, wie die Soldaten an den
               Aufschlägen ihres Regiments. Es ist doch ein Unterschied, ob man Apostel oder nur
               Jünger ist. Ihr müßt gekleidet gehen wie euer Meister, wir, die Jünger, ziehen uns je
               nach unserm Geschmack an, nicht?«</p>
            <p>Ihr Nachbar, der Dicke, nickte zustimmend.</p>
            <p>»Schlägt er irgend eine bestimmte Farbe vor?« fragte Paulus.</p>
            <p>»Schwarz schlägt er vor, wenn es noch wenigstens weiß wäre«.</p>
            <p>»Was ganz dasselbe wie schwarz bedeutet, weil beide eigentlich keine Farben sind«
               rief Angelus. »Ich bin ganz mit Landgreens Vorschlag einverstanden. Unsere Freunde
               sollen auch äußerlich erkennbar sein. Man kann sich nicht genug deutlich
               betonen«.</p>
            <p>Eine kleine Pause trat ein.</p>
            <p>Dann sagte Johannes, indem er die zurückgeschobenen Teller der Gäste bemerkte: »Nun,
               meine Lieben, wie wärs, wenn wir uns erheben? Ihr seid ja alle fertig«.</p>
            <p>Man stand auf. Johanne verneigte sich vor dem Meister.</p>
            <p>»Ich kann also gehen?«</p>
            <p>»Bis morgen« sagte er, ihr gütig die Hand reichend. Die Andern nickten ihr freundlich
               zu.</p>
            <p>
               <pb/> »Wir gehen ja alle, lauf uns nicht davon« scherzte Angelus und trat neben ihr
               aus der Thür.</p>
            <p>Sie ging nach Hause, zündete ihr Lämpchen an – in diesem Stadtteil gabs keine
               elektrische Beleuchtung – und versank in Gedanken. Dieser Johannes! Christus in
               eigener Person. Welche Liebe und Güte, welche Milde in jedem seiner Worte, in jeder
               seiner Bewegungen. Er hatte sie nur aus Barmherzigkeit zu seiner Sekretärin gemacht,
               denn heute am ersten Tag war es ihr schon klargeworden, daß er, was er mühsam ihr
               diktierte, viel besser und schneller hätte selbst schreiben können. Es geschah nur
               aus Barmherzigkeit. Er teilte sein Brot mit ihr; mehr konnte er nicht teilen, denn er
               besaß ja nichts. Wie Christus. O daß es also doch solche Menschen auf Erden gab! Nun
               würde sie das Leben wieder zu freuen, zu interessieren beginnen. Die trüben
               Erfahrungen, die sie gemacht hatte, das zweifeln am Dasein alles Guten, ertrank in
               diesem rauschenden Glücksgefühl. Ein Weib muß an etwas glauben. Ist es nicht Gott, so
               ist es ein Mann, den es liebt. Johanne besaß wenig Talent zur Religion; die Liebe war
               ihr fremd, sie war bisher fast verschmachtet vor innerer Einsamkeit. Früher hatte
               sie, wie alle jungen Mädchen, Idealvorstellungen in der Seele getragen. Sie betete
               die Dichter an, die ihr als Priester des Guten und Schönen erschienen, sie liebte
               eine Stadt, die ihr als der Nährboden hoher, herrlicher Ideen <pb/> geschildert war.
               Das waren Träume eines jungen Mädchens, das noch nie über seine Scholle gekommen
               war.</p>
            <p>Die Wirklichkeit zeigte ihr in den angebeteten Künstlern eine Menschensorte, die,
               falschen Juwelen gleich, nur durch die Spiegelscheiben der Entfernung wirkte; die
               Wirklichkeit zeigte ihr die Stadt ihrer Träume als eine Brutstätte widrigsten
               Strebertums, einen Zusammenfluß aller dunklen, zweifelhaften Existenzen des Reiches.
               Sie war in sich fassungslos zusammengebrochen, denn was giebts Bittereres für einen
               jungen Menschen, als Verehrtes verachten zu müssen, zu erkennen, daß es nichts der
               Anbetung Wertes giebt?</p>
            <p>Nun jubelte es in ihr auf. Sie hatte geirrt. Ja, es gab noch gute, reine Menschen,
               Wahrheitssucher, Christus Aehnliche. O, man durfte wieder lieben, verehren, sich ohne
               Argwohn hingeben. Man konnte tiefe Atemzüge thun, ohne fürchten zu müssen, giftige
               Miasmen in sich zu trinken. Dies junge Mädchen, fast ungebildet, voll irriger
               Begriffe, ohne Lebensform, besaß brennenden Abscheu vor allem Niedrigen, Entsetzen
               vor jeder Gemeinheit, leidenschaftliche Liebe zu allem Hohen, Reinen, Guten.
               Vielleicht hatte das viele Lesen in früherer Zeit manchen guten, schönen Keim in ihr
               erweckt, vielleicht die Einsamkeit ihre Seele so staubfrei und nach Reinheit lüstern
               gemacht. Ungesund veranlagten Naturen bekommt beides, das Lesen und die Einsamkeit
               schlecht. Ihr wurde <pb/> es zum Heile. Das bischen Liebe zur Romantik schadete
               nicht. Es kleidet junge Leute besser, als die verabscheuungswürdige Blasiertheit, das
               feiste Sattthun Eines, dessen Magen noch garnicht für starke Kost aufnahmefähig
               ist.</p>
            <p>Die nächste Zeit, die Johanne in der Mitte dieser seltsamen Gesellschaft verlebte,
               glich mehr oder minder dem ersten Tag. Johannes diktierte ihr, Paulus warf bei Tisch
               dann und wann Bemerkungen hin, die Angelus in seiner gewohnten Weise parierte. Fremde
               erschienen und erwiesen dem Meister Ehren. Eines Tages erhielt sie auch von ihrem
               Vormund einige Zeilen. Sie möge zusehen, wie sie vorwärtskäme, nur solle sie Gottes
               und der Ehrlichkeit nie vergessen. Nach ihren früheren Bekannten verspürte sie nicht
               die geringste Sehnsucht. Im Gegenteil. Sie verließ nie ihren Stadtteil, um nur keinem
               von ihnen zu begegnen.</p>
            <p>Paulus sollte in der nächsten Zeit wieder für einige Zeit verreisen. Er mußte dann
               und wann fort, um seinem Meister Anhänger zu gewinnen und die Gewonnenen zur Treue zu
               ermahnen. Am Nachmittag vor seiner Abreise hatte Johannes einige wichtige Gänge. Die
               Polizei verfolgte ihn in der jüngsten Zeit fortwährend und überwachte jeden seiner
               Schritte. So sehr fördernd und dienend dies auch in mancher Beziehung für ihn war, in
               anderer belästigte es ihn doch.</p>
            <p>So zum Beispiel weigerte man sich, Paulus, der<pb/> nach Rußland reisen sollte, einen
               Paß auszustellen, bevor er den Zweck seiner Reise angab. »Thät ichs, ihr würdet mich
               ja doch nicht verstehen« sagte er stolz, und entfernte sich aus dem Bureau. Der
               Meister begab sich nun selbst dahin.</p>
            <p>Johanne war mit dem Abschreiben eines Manuskriptes für ihn beschäftigt. Plötzlich
               fühlte sie eine brennende Glut ihren Nacken heraufziehen. Sie wandte sich um und
               begegnete Paulus' Blicken, die fest auf ihr ruhten.</p>
            <p>»Wie hast du mich erschreckt« stammelte sie.</p>
            <p>»Sonst nichts, nur erschreckt?«</p>
            <p>Er trat ganz nahe zu ihr, ohne die Augen von ihr zu lassen.</p>
            <p>»Aber, mein Gott« rief sie angstvoll und wollte aufspringen.</p>
            <p>»Bleib sitzen, ich thue dir nichts« sagte er befehlend, »ich will nur ein Experiment
               mit dir machen«.</p>
            <p>»Ach«.</p>
            <p>»Es thut dir nicht weh, sei nur ruhig«. Seine Hände begannen Striche auf ihrer Stirn
               zu ziehen. »Nein, nicht die Augen schließen; sieh mich an. Denk an etwas recht
               Liebes, zum Beispiel an einen Tag deiner Kindheit. Hörst du? Aber setz dich bequemer;
               so«. Er drückte sie leicht in den Stuhl zurück und fuhr fort, seine Striche zu
               ziehn.</p>
            <pb/>
            <p>»Nun?« fragte er nach einer Weile.</p>
            <p>Sie schwieg. Er wiederholte mit einiger Ungeduld die Frage. Sie flüsterte etwas.</p>
            <p>»Ich habe dich nicht verstanden« sagte er kurz. In ihrem Gesichte merkte man die
               Anspannung ihres Willens.</p>
            <p>»Ich denke daran« hauchte sie.</p>
            <p>»Nun was war da?« Seine Hände bewegten sich gleichmäßig über ihrer Stirne.</p>
            <p>»Ich war in Kerners Obstgarten«.</p>
            <p>»In Kerners Obstgarten, so, und was thatest du da?«</p>
            <p>»Ich aß Aepfel«.</p>
            <p>»Aepfel aßest du? viele?«</p>
            <p>»O – die so unter den Bäumen herumlagen«.</p>
            <p>»So, so. Rote, weiße?«</p>
            <p>»Ich glaube« ... sie stotterte »es waren rote«.</p>
            <p>»Aha. Und was thatest du dann?«</p>
            <p>»Dann? Wir erhielten Butterbrod und sauere Milch«.</p>
            <p>»Das war gut, wie?«</p>
            <p>»O ja –«</p>
            <p>»Besonders das Butterbrod, nicht? Aber zu dünn geschnitten, du hättest ein dickeres
               Stück vorgezogen«.</p>
            <p>»M – ja, es war auch Salz darauf«.</p>
            <p>»Aha«.</p>
            <pb/>
            <p>Die Lider waren ihr zugesunken, ihr Atem ging gleichmäßig. Paulus neigte sich tiefer
               über sie. In seinen Blicken lag beobachtendes Abwarten. »Und du magst das Salz nicht
               sehr, nichtwahr?«</p>
            <p>»Nein, besonders das grobkörnige nicht«.</p>
            <p>»Aber das ist seltsam, da sitzt ja ein Hahn auf dem Baum, wie kommt denn der herauf?
               Sieh nur«.</p>
            <p>»Ein – Hahn?« sie stockte, dann leiser: »ich sehe keinen«.</p>
            <p>»Da da, sieh nur genau. Er hat rotgelbe Federn; jetzt schlägt er mit den Flügeln, er
               will noch höher flattern, nein, sieh nur«.</p>
            <p>»Ich ... sehe nicht«.</p>
            <p>»Aber freilich siehst du, da, schau nur gut hin; du mußt ja sehen, du bist doch nicht
               blind ... nun?« Seine Stimme klang ungeduldig.</p>
            <p>»Ach, ... ja, jetzt ... jetzt sehe ich ...« kam es stotternd von ihren Lippen.</p>
            <p>»Glaubst du, daß er höher flattert?«</p>
            <p>»Nein, ich ... glaubs nicht«.</p>
            <p>»Es könnte aber doch sein. O, da regt er schon die Flügel, eins, zwei, drei, nun ist
               er auf dem obern Ast«.</p>
            <p>»Und er will noch höher«.</p>
            <p>»Siehst du, er guckt hinauf; ja wenn er aber oben ist, muß er doch wieder herunter,
               der dumme Hahn; da <pb/> schau, wie er sich ratlos umsieht; ah jetzt ist er
               erschrocken, da unten steht die Katze, siehst du sie?«</p>
            <p>»Nein –«</p>
            <p>»Wie? Natürlich siehst du sie, schau nur hin«.</p>
            <p>»Ja, ja, ich seh sie schon«.</p>
            <p>»Sie ist grau mit einem weißen Fleck hinterm linken Ohr; glaubst du, daß sie ihm ein
               Leid anthut?«</p>
            <p>»Nein, das ... nicht, er fliegt ja gut, aber sie klettert doch den Baum hinauf«.</p>
            <p>»Oh, nun ist sie ihm nahe; schwups, er ist fort; wo denn?«</p>
            <p>»Da am Rasen sitzt er«.</p>
            <p>»Was ist das? Johanne im Schlaf?« Angelus war hereingetreten. Paulus flüsterte ihm
               etwas zu und strich Johannes Stirn weiter.</p>
            <p>»Du, sie ist ja errötet, sie schläft nicht«.</p>
            <p>»Das kann auch in der Hypnose vorkommen. Sie hat etwas gesehen, das sie
               erschreckt«.</p>
            <p>»Johanne, schläfst du?« fragte Angelus.</p>
            <p>Da zuckten ihre Mienen, sie seufzte tief und setzte sich, mühsam die Augen öffnend,
               auf.</p>
            <p>»Ach ich bin so müde«.</p>
            <p>»Siehst du, sie hat doch geschlafen« sagte Paulus. Angelus holte ihr ein Glas Wasser.
               Sie nahm ein Schlückchen, verzog aber den Mund.</p>
            <p>»Weißt du, wo du warst?«</p>
            <p>
               <pb/> »Nein«.</p>
            <p>»Du hast uns von einem Obstgarten erzählt, in dem ein brauner Hahn auf einem Baum
               saß«.</p>
            <p>»So?« sagte sie schüchtern und schlug die Augen nieder, »ich weiß nicht«.</p>
            <p>»Nun, aufs nächste Mal. Sie ist ein gutes Medium, für uns wertvoll«. Er blickte
               Angelus an. »Nur muß sie eben noch tüchtig geübt werden. Nach einigen Versuchen wirds
               besser gehen, als das erste Mal«.</p>
            <p>Bald darauf kam Johannes zurück.</p>
            <p>Das junge Mädchen schrieb wieder weiter, während er mit Paulus im Eßzimmer
               weilte.</p>
            <p>»Du solltest doch etwas Geistiges zu dir nehmen« hörte sie Paulus' Stimme sagen, »du
               siehst sehr angegriffen aus. Ein Glas Wein –«</p>
            <p>»Lieber zusammenbrechen, als Wein oder Fleisch genießen. O Paulus, daß du mir noch
               immer ähnliches zumuten kannst«. Des Meisters Stimme klang vorwurfsvoll. Johanne
               fühlte ihr Herz hochschlagen vor Bewunderung für ihn. Noch matt von der Sitzung legte
               sie die Feder aus der Hand und lauschte seiner Stimme.</p>
            <p>»Glaub mir, Paulus« entgegnete er auf einige Worte seines Schülers, »es ist nicht
               alles eins. Fleisch erweckt den Teufel in uns, Fleisch macht uns blutgierig, erregt
               unsere Sinne«. – »Einmal – keinmal« hörte sie sagen.</p>
            <p>
               <pb/> »Sohn, kein einziges Mal; gerade dieses eine Mal könnte der Satan benützen
               –«</p>
            <p>Angelus rückte geräuschvoll den Stuhl zurück und ging zu den Beiden.</p>
            <p>Johanne wunderte sich insgeheim, daß der Meister so große Wichtigkeit auf etwas so
               Geringfügiges wie das Essen legte. –</p>
            <pb/>
         </div>
         <div type="chapter">
            <head>16</head>
            <p>Allmählich wuchs Johanne in ihre neue Stellung hinein.</p>
            <p>Sie lernte manches Nützliche und hörte von Vielem, das sie verblüffte, das sie aber
               nicht enträtseln konnte. Sie hörte von Spiritismus, Magnetismus, Okkultismus, Magie
               sprechen, ohne auch nur den geringsten Begriff von all diesen Dingen zu haben. Mit
               der Zeit nahm sie sich ein Herz und fragte Johannes nach diesem und jenem. Er
               erklärte ihr vieles. Er sagte ihr, daß all diese Dinge Mittel wären, den Menschen die
               Blindheit zu nehmen und sie sehend zu machen. Er sagte ihr, daß die Zeit vorüber sei,
               wo ein alter weißbärtiger Gott im Himmel saß und Regen und Sonnenschein machte, daß
               man sich unter Gott mehr als Menschenform denken müsse, Geist, Willensäußerung,
               Kraft, die nicht über den Sternen, sondern in den Sternen regiere. Daß man Gott umso
               <pb/> näher trete, je mehr man sich diese Kraft zu eigen mache und den eigenen Willen
               sowie den der Anderen beherrsche. Zu diesem Zweck seien all diese übersinnlichen
               Manipulationen, die ihr so unbegreiflich erschienen, nötig. Später würde sie übrigens
               selbst alles verstehen, selbst mitwirken in diesen Vorgängen, die sie auf eine höhere
               Stufe der Vollendung brächten. Schließlich sagte er ihr noch, daß die Welt ein
               kaltes, graues Loch sei, und nur unser Geist, unsere Vorstellung Leben und Gestalten
               in sie hineinzaubere – unser Geist, der allmächtige Gott. Sie, mit ihrer Phantasie
               und Liebe zu allem Ungewöhnlichen, war bald ganz für seine Anschauung gewonnen. Sie
               war ihm grenzenlos dankbar, daß er sich ihr, dem armen, unbedeutenden Mädchen so
               offenbarte und sie in seine schöne Welt hinaufzog. Sie durchschaute nicht die große
               Klugheit dieser Art Menschen, die wissen, daß die kleinen Kinder am meisten Geschrei
               machen, und sich deshalb zuerst an diese mit ihren Lehren wenden. Hier, im Viertel
               der »Geringen«, die mit der Welt und ihren Gesetzen unzufrieden waren, wo die Jugend
               mit unterdrückten Wünschen und unmöglichen Zukunftsplänen umherging, fielen alle,
               selbst die tollsten Verkündigungen auf fruchtbaren Boden.</p>
            <p>Der Meister scheute es nicht, sich manchmal zu bücken, um eine oder die andere
               unbedeutende Menschenpflanze aufzuheben und sie in seinen Garten zu setzen, <pb/> wo
               sie unter seiner Pflege zum mächtigen Baum emporwuchs. Und Johanne dachte an Angelus,
               dies blonde, rührende Kind, der mit seinen nackten Füßen und seinen ehrlichen Augen
               mehr Reklame für Johannes machte, als es der gefeiertste Name hätte thun können.</p>
            <p>Paulus wirkte nicht wie der sanfte Bruder. Bei ihm wars der wilde, unbändige,
               herrische Mut, der bezwang, jedem Widersacher seiner Ideen zu Leibe rückte und ihn
               sich eroberte.</p>
            <p>Man konnte diesen Menschen, der in so rauher Unmittelbarkeit sich gab, nicht für
               unehrlich halten. Der Meister war klug gewesen in der Wahl der Beiden. Es erschienen
               übrigens die mannigfaltigsten Leute bei ihm: Junge Mädchen, die kaum der Schule
               entwachsen waren und den Drang zu Märtyrerinnen in sich zu spüren meinten, junge
               Leute, die vom Genuß blasiert waren und nach neuen Erregungen dürsteten, alte Frauen
               und Männer, denen vor dem Tode graute und die eine Lebensversicherungspolice für
               ihren Astralleib vom Meister begehrten. Er hatte für alle eine gütige Verheißung, ein
               aufmunterndes Wort, einen Blick, einen Händedruck, der sie beruhigte, froh
               machte.</p>
            <p>Einigen ganz herabgekommenen Leuten half er aus dem Geldschatz, der manchmal reicher,
               manchmal spärlicher für ihn einlief. Diese Menschen, die er von physischem Untergang
               errettete, waren des Lobes für<pb/> ihn voll und riefen ihn als den edelmütigsten
               Helfer und Menschenfreund aus.</p>
            <p>Und Johannes ließ sie schreien und seine Verherrlichung in die Welt tragen.</p>
            <p>Er sah keinen Gott in Christus, aber das Ideal des besten Menschen, dem er ähnlich
               werden wollte. Des halb machte er auch keinen Unterschied im Verkehr mit den Leuten
               und scheute sich nicht, tauben Gräfinnen Privatvorträge über Okkultismus und
               ähnliches zu halten, junge Mädchen in magnetischen Schlaf zu versetzen, um sie
               wenigstens vorübergehend hellsehend zu machen, Eines oder des Andern Gebreste zu
               heilen, geliebte Verstorbene herbeizucitieren. (Das war eigentlich Paulus' Stärke).
               Johanne sah mit wachsender Ehrfurcht, wie dieser Mann alles konnte und alles voll
               immergleicher Würde und Sanftmut that. Und wenn sie überlegte, was schließlich sein
               Gewinn war? Er lebte wie ein Eremit, aß Früchte und Gemüse, trank Wasser und ging in
               einem elenden Wollkleid mit nackten Füßen herum. Er schlief ohne Matratze. Er hatte
               kein anderes Bestreben, als seinen Mitmenschen nützlich zu sein. Johanne betete ihn
               an. In jedem Augenblick hätte er ihr Leben fordern können, sie würde es ihm
               einwandlos hingegeben haben. Er hatte ihre Seele, die krank geworden war im Schmutz
               der Welt, wieder aufgerichtet, ihr den Glauben an die Menschen und ihren eigenen Wert
               zurückgegeben.</p>
            <p>
               <pb/> Ohne Schmerz hatte sie dem alten Christengott im weißen Bart gekündigt und war
               in das mystische Reich der indischen Philosophie hinübergezogen. Es war kalt dort; es
               gab keine Musik, keine Engel, keine Festmähler, woran weißgekleidete Märtyrer
               teilnahmen; aber man brauchte auch keinem »Herrn« Reverenzen zu machen, denn im
               Reiche des »Nichts« war jeder Mensch sein eigener Gott und trug seine eigene Krone.
               Freilich, bis man so weit war und sich durch hunderttausend Verkörperungen
               durchgearbeitet hatte! Aber immerhin, das Ziel war des Ringens wert.</p>
            <p>Mit ganzer Inbrunst gab sich Johanne der Lehre ihres Meisters hin. Hier brauchte sie
               keinen Argwohn zu haben, keine Enttäuschung zu befürchten. Der Mann trog nicht. Man
               brauchte nur einen Blick in das ehrliche, junge Gesicht des kleinen Angelus zu
               thun.</p>
            <pb/>
         </div>
         <div type="chapter">
            <head>17</head>
            <p>Paulus war triumphierend von Moskau zurückgekehrt. Er brachte eine lange Namenliste
               von Personen mit, die der Genossenschaft beigetreten waren und »Wahrheitssucher und
               -Finder« werden wollten. Auch Geld und schmeichelhafte Briefe an den Meister brachte
               er mit.</p>
            <p>Eines Tages traf es sich, daß er mit Johanne allein war. Angelus und Johannes waren
               nach außen, einige Stationen weit, zu einem Freunde des Meisters gefahren. Johanne
               schrieb, während Paulus im Zimmer auf-und niederschritt und scheinbar über ein tiefes
               Problem brütete. Plötzlich flog die Thür auf und eine große, schwarzgekleidete Frau
               trat herein. Johanne stieß einen Schrei aus, ließ die Feder fallen und flüchtete in
               Paulus' Nähe.</p>
            <p>»Was willst du?« herrschte er die Dame an. Sie richtete ihre dunklen, unheimlich
               glühenden Augen auf ihn.</p>
            <p>»Nicht dich. Johannes und Jakob. Wo ist Jakob? Ihr habt mir ihn gestohlen. Gebt mir
               ihn wieder«.</p>
            <p>
               <pb/> Paulus trat zu ihr, sah ihr in die Augen und legte seine Hand auf ihre
               Schulter. Die schwarze Ledertasche, die sie trug, glitt ihr aus den Fingern. Er hob
               sie auf, streifte den Ring über ihr Handgelenk und sagte: »Geh augenblicklich«.</p>
            <p>»Nein«. Sie stampfte mit den Füßen auf. Plötzlich lehnte sie sich an die Wand und
               erbleichte. Paulus faßte sie, führte sie hinaus und schloß die Thür ab.</p>
            <p>»Entsetzlich« stammelte Johanne.</p>
            <p>»Was denn?«</p>
            <p>»Die Frau«.</p>
            <p>»Sie ist halb irrsinnig; ich wollte wetten, sie verbarg in der Tasche irgend eine
               Waffe, sich oder einen Andern zu töten«.</p>
            <p>»Womit hast du sie plötzlich so ruhig gemacht?«</p>
            <p>»Durch meinen Blick«.</p>
            <p>»Kannst du das wirklich?«</p>
            <p>»Wenn der Andere sich nicht sträubt, ja«.</p>
            <p>»Dann ists ja keine Kunst« wagte Johanne einzuwerfen; »wenn er sich aber
               sträubt.«</p>
            <p>»In den meisten Fällen auch dann, du weißts ja von dir selbst«.</p>
            <p>»Ach ja, damals ...« sie senkte die Augen und fuhr verwirrt fort: »Wer war die
               Unglückliche?«</p>
            <p>»Eine Frau, die sich von ihrem Mann scheiden ließ, um Jakob zu heiraten. Sie gingen
               eine zeitlang zusammen,<pb/> – er war damals noch keiner der Unseren – da erkannte
               er, daß sie nicht zu ihm tauge. Ein echter Wahrheitssucher läßt sich nicht durch
               Fesseln erniedrigen. Was braucht er die Ehe; jedes Weib ist sein, das er sich
               wünscht; ›im Geiste natürlich‹«, setzte er trocken hinzu. »Wir halfen ihm, sich von
               ihr loszulösen. Seither haßt sie uns«.</p>
            <p>Johanne schlich nach der Thür, schloß sie auf und sah vorsichtig hinaus. Die Frau war
               verschwunden.</p>
            <p>»Die Arme« hauchte das junge Mädchen. Paulus fixierte sie.</p>
            <p>»Du redest recht thöricht. Es giebt Menschen, die zur Finsternis bestimmt sind, wie
               andere zum Licht. Man soll kein Mitleid mit solchen haben«.</p>
            <p>»Du bist hart«.</p>
            <p>Johanne setzte sich in den Armsessel am Schreibtisch. Ihre Lippen zitterten.</p>
            <p>»Warum bist du so aufgeregt?« fragte er. »Deine Pupillen sind ganz groß und starr. –«
               Er näherte sich ihr. »Ich glaube, augenblicklich wärst du – willst du eine Sekunde
               dich zurücklehnen und dich bemühen, an nichts zu denken?«</p>
            <p>Er brachte seine Hände an ihre Stirn und sah sie an. Sie spürte die Säume seiner
               weiten Aermel auf ihren Schläfen. Sie brannten sie förmlich; sie fühlte, wie ihr
               alles Blut nach dem Herzen schoß; dann schloß sie<pb/> die Augen. Mein Gott, wenn nur
               Jemand käme, war ihr letzter Gedanke; dann schwand ihr für einen Augenblick das
               Bewußtsein.</p>
            <p>Paulus neigte sich über sie und preßte einen wahnsinnigen Kuß auf ihre Lippen. Sie
               hatte die Empfindung der Menschen, denen ein Amputeur den nackten Knochen berührt.
               Sie wagte nicht, sich zu bewegen. Was er wohl weiter thun mochte? Er war einige
               Minuten ganz still, dann sagte er, und sie fühlte, wie er seine Hände von ihrer
               Stirne zurückzog:</p>
            <p>»Johanne, ich befehle dir, erwache«.</p>
            <p>Sie schlug die Wimpern auf.</p>
            <p>»Hast du geträumt?« fragte er und blickte ihr in die Augen.</p>
            <p>Sie sah ihn entsetzt an. Seine Brauen wulsteten sich. »Warum willst du es leugnen? Du
               bist unwahr, du schrakst auf. Was sahst du? Gestehe«.</p>
            <p>»Mir war, als hättest du mich –« sie stockte.</p>
            <p>»Was?« herrschte er sie an.</p>
            <p>»Geküßt«.</p>
            <p>Er lachte. Zum ersten Mal sah sie ihn lachen.</p>
            <p>»Du Närrin, nein, du bist wirklich zu kindisch; man kann in der That mit dir noch
               nichts anfangen. Ich befahl dir doch, du solltest an nichts denken, und nun dachtest
               du während des Einschlafens das Dümmste. Nun«.</p>
            <p>
               <pb/> Er verließ sie achselzuckend.</p>
            <p>Sie legte den Kopf in die Hände.</p>
            <p>Mein Gott, das war kein Traum, keine Einbildung. Sie fühlte noch das Mark in sich
               schauern bei der Berührung seiner Lippen. So lebendig kann kein Traum wirken. Wenn es
               aber kein Traum war, dann, dann war er ein Betrüger, ein Lügner: Er, der Schüler des
               Meisters. Konnte dieser eine solche Brut großgezogen haben, er der Ehrliche,
               Kindliche? Oder wäre – nein, nein, er war ehrlich, rein, groß. Was konnte er dafür,
               wenn sich unter seinen Jüngern ein Judas befand?</p>
            <p>Mein Gott, er mußte ja ehrlich sein. Ihre Seele war verloren, wenn auch dieser Glaube
               sich als falsch erwies. Wenn sie auch diesen Halt verlor! Nein, nein! ... Sie faltete
               zitternd die Hände; dann wandte sie sich wieder ihrer Schreiberei zu. Er würde ja
               noch vor Abend zurücksein. Dann wollte sie ihm alles mitteilen, alles ... Später
               kamen mehrere Personen, die Johannes suchten. Zur Essenszeit war er da. Er machte ein
               sehr heiteres, vergnügtes Gesicht und war während der Mahlzeit redseliger als sonst.
               Nach Tisch zog er sich, wie immer, für eine Stunde auf sein Zimmer zurück. Johanne
               war des Glaubens, er schliefe ein wenig. Sie kannte seine Milde. Er würde ihr sicher
               vergeben, wenn sie einmal seinen Schlummer störte. Sie wartete ein <pb/> Weilchen –
               Paulus und Angelus waren in freundschaftlichen Streit über irgend etwas entbrannt –
               entfernte sich leise, pochte schüchtern an Johannes' Thür und trat ein. Der Meister
               saß vor einem gebratenen Hühnchen und zerlegte sich eben den einen Flügel. Vor ihm
               auf dem Tische stand eine Flasche Wein und ein Glas.</p>
            <p>»Johanne« fuhr er bei ihrem Eintritt bestürzt auf; dann lächelte er gleich. »Siehe,
               wozu mich heute der Gehorsam verdammt. Mein Arzt befahl mir, dies Gericht
               einzunehmen, das ich so sehr verabscheue«.</p>
            <p>Was ging sie an, was er aß?</p>
            <p>»Ach, Meister!« rief sie, vor ihm auf die Kniee sinkend, »was kümmert mich deine
               Nahrung? Sag mir lieber, was ich in meiner Verzweiflung denken soll«.</p>
            <p>Er schob den Teller zurück und legte die Hand auf ihr Haupt.</p>
            <p>»Was hast du denn, Kind?«</p>
            <p>»Erstens hab ich mich der Lüge vor dir anzuklagen. Paulus wollte mich vor einiger
               Zeit in magnetischen Schlaf versetzen. Er wurde zornig, als ich ihm einige Male bei
               seinen Voraussetzungen nicht recht gab, zuletzt log ich, um seine Zufriedenheit zu
               erhalten. Ich behauptete, Dinge zu sehen, von denen ich keine Spur sah«.</p>
            <p>»Ist das alles?« fragte Johannes.</p>
            <p>»Dann glaube ich nicht im mindesten, daß ein Mensch einen andern bewußtlos machen
               könne und –«</p>
            <p>
               <pb/> »Das ist dumm von dir« unterbrach sie Johannes. »Zufällig trifft sichs, daß
               heute Abend im Verein ›Seele‹ Sitzung ist. – Wir wollen alle hingehen. Ich will auch
               dich mitnehmen. Du wirst dich überzeugen, daß jemand in Trance zu bringen, etwas
               durchaus gewöhnliches ist, was alle Tage vorkommt und von dem kühlsten Skeptiker
               nicht mehr angezweifelt wird«.</p>
            <p>»Ich bitte dich, nimm mich nur gewiß mit« bat sie mit glänzenden Augen.</p>
            <p>»Was hast du sonst noch?« fragte er.</p>
            <p>»Paulus – ach –«</p>
            <p>»Nur weiter, weiter« drängte er mit leiser Ungeduld.</p>
            <p>»Paulus hat mich vorhin, als du fortwarst, einschläfern wollen. Aber es gelang ihm
               nicht. Er –«</p>
            <p>»Nun?«</p>
            <p>»Er aber glaubte, es sei ihm gelungen, und –«</p>
            <p>»Und?«</p>
            <p>»Küßte mich«.</p>
            <p>Einen Augenblick schwieg Johannes, ohne eine Miene seines Gesichtes zu verziehen,
               dann sagte er ruhig: »Du hast geträumt, Kind, sicher. Ich kenne Paulus zu gut. Ihm
               ist jedes Mädchen gleichgültig, er hat keinen andern Gedanken, als unserer Sache zu
               dienen. Glaub es mir. Du warst aufgeregt und hast geträumt«.</p>
            <p>Er sah sie überzeugt an, daß ihr gesunder Verstand<pb/> zu wanken anfing und sie
               langsam an die Möglichkeit eines Irrtums von ihrer Seite zu glauben begann.</p>
            <p>Still schritt sie ins Arbeitszimmer zurück.</p>
            <p>»Warst du bei Johannes« fragte Angelus erregt.</p>
            <p>Sie bejahte.</p>
            <p>»Das darfst du nie wieder« sagte er eifrig. »Der Meister schläft um diese Zeit, und
               verbot uns, ihn da zu stören«.</p>
            <p>»Ich wills nicht wieder thun« sagte sie kurz, »aber geschlafen hat er nicht«.</p>
            <p>Sie wußte nicht warum, sie spürte einen galligen Geschmack auf der Zunge und kalte
               Schauer gingen ihren Rücken hinab. Später kam Johannes und arbeitete mit ihr. Angelus
               rechnete wie gewöhnlich und Paulus ging ab und zu.</p>
            <p>Einmal entfernte er sich, von Johannes gefolgt. Nach einer Weile kehrten beide mit
               ruhigen Gesichtern wieder zurück. Aber auf Paulus' braunen Wangen dünkte Johanne
               einen Schimmer von Röte zu entdecken.</p>
            <p>Nach dem Abendessen ging sie mit Johannes nach der in ihrer Nähe gelegenen Straße, in
               der der Verein »Seele« sein Lokal hatte.</p>
            <p>Paulus und Angelus waren vorausgegangen.</p>
            <p>»Wir vermeiden es« bemerkte Johannes, »öffentlich miteinander auszugehen; mehrere von
               uns erregen Aufsehen, einer verliert sich leichter im Straßengedränge«. Trotzdem
               <pb/> zog er die Blicke der Leute mächtig an und fast jeder Vorübergehende blieb
               stehen und sah dem seltsam gekleideten Manne nach. Sie hatten bald das Haus
               erreicht.</p>
            <p>»Nun paß auf, habe keine widerstrebenden Gedanken und warte bis die Sitzung beendet
               ist, ich will dich wieder hinausbringen« sagte er und öffnete Johanne die Thür des
               Saales. »Geh auf die andere Seite« fügte er hinzu, nach den Stuhlreihen rechts
               deutend, während er selbst zu seinen beiden Schülern schritt.</p>
            <p>Es dauerte lange, bevor die Sitzung begann. Johanne sah sich indessen etwas im Saale
               um.</p>
            <p>Es waren etwa zwei- bis dreihundert Menschen anwesend, meist jüngere Leute, dunkel
               gekleidet. Man sah, keiner wollte die Aufmerksamkeit auf sich lenken, jeder wünschte
               den Vorgängen auf dem Podium möglichst zu folgen. Johanne bemerkte, daß alle diese
               Menschen eine grünlich fahle Gesichtsfarbe hatten, daß alle, wie sie sich in ihrer
               Naivität zurechtlegte, »unausgeschlafen« aussahen. Das mochte wohl von der Wucht der
               Ideen herrühren bei diesen Auserwählten, die die Thore anderer Welten sich zu öffnen
               bemühten. Und das junge Mädchen spähte in diesen Gesichtern nach den Charakteren,
               deren Larven sie waren. Aber jemehr sie Umschau hielt, umso krampfhafter zog sich ihr
               Herz zusammen. Diese <pb/> ausgehöhlten Wangen, diese eingesunkenen, glanzlosen,
               trüben Augen, diese Münder mit ihren schlaffen Winkeln, ihrer blassen Farbe, von
               erhebenden Erfahrungen redeten die nicht. Schöne reine Visionen mußten doch hell und
               stolz auf die Mienen wirken. Diese Menschen da sahen aus, als wühlten sie in
               Verwesung, als verzerre ein Krampf ihre Muskeln. Sie hatten alle etwas Nächtliches an
               sich, etwas Scheues, Geducktes, Unehrliches. Und Johanne schien plötzlich, als ginge
               ein Modergeruch von ihnen aus; eine faulige Süße schwamm in der Luft, ein krankes,
               heißes, fieberndes Begehren nach einer Erfüllung, die sie in der realen Welt des
               Genusses nicht mehr fanden. Der Atem wurde ihr schwer; es schien ihr, als stünden
               lauter glotzende Ungeheuer um sie herum und erwarteten ein unerhörtes Etwas, von dem
               sie sich keine Vorstellung machen konnte.</p>
            <p>In diesem Augenblick trat ein Mann auf das Podium und verkündete, daß Miß Lanster,
               das Medium, keine Sitzung halten könne, sie fühle sich noch von der letzten her zu
               angegriffen. Er würde statt dessen einen Vortrag halten, mit dem die geehrte
               Gesellschaft heute fürlieb nehmen müsse. Er würde über das Geschlechtsleben der
               Geister reden.</p>
            <p>Der Mann besaß eine zurückweichende Stirn, harte, an den Schläfen hinaufgezogene
               Brauen und eine heisere Flüsterstimme. Die Anwesenden, um ihre Erwartungen <pb/> für
               den heutigen Abend gebracht, murmelten einen Augenblick unter sich, dann spannten
               sich ihre Mienen; sie setzten sich auf ihren Stühlen zurecht und beugten sich nach
               vorn, um dem Redner zu lauschen.</p>
            <p>»Das Geschlechtsleben, liebe Damen und Herren« begann der Vortragende, da erhob sich
               Johanne, und ohne nach rechts oder links zu blicken, verließ sie den Saal. Draußen
               schöpfte sie tief Atem. Und die – diese kranken, blassen, verkommenen Gestalten
               sollten mit den Geistern Anderer verkehren können? diesen Ohren sollten sich die
               Chöre himmlischer Sphären mitteilen? diesen neugierigen, hungrigen, trüben Augen die
               heiligen Bürger des Totenreiches sich enthüllen? Das glaub ich einfach nicht, sagte
               sich Johanne. Warum sah sie nicht einen Gesunden unter ihnen? Warum nicht Männer und
               Frauen mit freien Stirnen und klugen, ehrlichen Augen? Warum diese Spitalgestalten
               mit ihren fahlen, ungesunden Farben? Wenn das gesund wäre, was sie hier erlebten,
               könnten sie dann davon erkranken? Nein, gesunde Menschen konnten diese Erfahrungen
               nicht machen. Man muß krank dazu sein, unwahr.</p>
            <p>Sie lief in die kühle Märznacht hinaus. Und plötzlich überkam sies: wie, wenn auch er
               ein Unehrlicher wäre? Wenn seine Lehren andern Absichten dienten, als er vorgab?</p>
            <p>Mit müdem Gesicht erschien sie am nächsten Tag<pb/> im Bureau. Auf Johannes' Frage,
               warum sie gestern so plötzlich verschwunden sei, gab sie an, sich unwohl gefühlt zu
               haben. Er betrachtete sie mit prüfenden Augen.</p>
            <p>»In der That, du siehst elend aus. Vielleicht strengt dich das Schreiben zu sehr an,
               die ungewohnte Kost –«</p>
            <p>»Ach Meister« lächelte sie schwach, »das alles macht mich nicht krank. Laß nur«.</p>
            <p>»Ich will dir etwas sagen« meinte er freundlich, »gehe du jeden Tag nach Tisch eine
               Stunde spazieren. Hier in der Nähe liegt der botanische Garten, laufe ein bischen
               drinnen herum; ich wünsche, daß du es thust«.</p>
            <p>Sie fühlte sich gerührt über seine Güte. »Ja denn, wenn dus wünschest, will ichs
               thun« sagte sie. Dann sprachen sie nicht weiter darüber. Sie schrieb einen Aufsatz
               für ihn ins Reine, er sah sie dann und wann von der Seite an. Es wäre ihm peinlich
               gewesen, dieses junge, brave, ehrliche Mädchen, das ihn wie einen Gott verehrte, so
               genügsam, so fleißig, so anspruchslos war, zu verlieren.</p>
            <p>Nach einer Weile sagte er:</p>
            <p>»Uebermorgen Abend halte ich in den Sälen von Sommers Brauerei einen Vortrag über die
               Rückkehr zur Natur. Es wird mich freuen, dich in der ersten Reihe zu erblicken«.</p>
            <p>Sie dankte ihm für seine Einladung. Endlich <pb/> würde sie ihn vor versammeltem
               Volke reden hören, endlich den Mut bewundern dürfen, mit dem er seine Anschauungen
               vor der Welt vertrat. Sie brannte vor Ungeduld. Sie bat ihm im Stillen ab, daß sie
               einen Augenblick den Schatten eines Zweifels an der Lauterkeit seiner Bestrebungen in
               sich hatte auftauchen lassen; er war doch der gütigste, reinste, herrlichste Mensch
               von allen. Sie gehorchte seiner Weisung schon heute und trieb sich ein halbes
               Stündchen draußen umher.</p>
            <p>»Siehst du« sagte er als sie widerkam, »deine Wangen haben schon Farbe erhalten«. Sie
               lächelte. Vom Spazierengehen sicher nicht. Aber durfte sie ihm sagen wovon? Am
               liebsten hätte sie ihr Haupt auf seine Füße gedrückt und gestanden: weil ich meinen
               Zweifel gegen dich überwunden habe, mein Herr und Meister.</p>
            <p>Am übernächsten Abend ging sie hochklopfenden Herzens nach den Sälen der Brauerei.
               Er, Angelus und Paulus waren schon eine Stunde vorher hingegangen.</p>
            <p>Als sie eintrat, sah sie an der Thür Angelus vor einem großen Tisch sitzen, der mit
               Stößen von Bildern des Meisters bedeckt war.</p>
            <p>»Was machst du da?« fragte sie überrascht.</p>
            <p>»Ich verkaufe sein Bild; das Stück für zehn Pfennig«. Seine Augen leuchteten
               glücklich.</p>
            <p>Johanne entgegnete nichts und ging nach vorn.</p>
            <p>
               <pb/> Sie fand kaum ein Plätzchen mehr in der fünften Bankreihe. Der große Saal war
               gedrängt voll Menschen. Und in jedem Augenblick kamen noch neue Gruppen gezogen.
               Endlich erschien Johannes.</p>
            <p>Seine Blicke glänzten; er schien schlanker, blasser, magerer als sonst. Sein
               schlichtes Christushaar fiel lang auf die Schultern herab. Er begann zu sprechen.
               Leise, fast zaghaft, voll demütiger Bescheidenheit. »Ich spreche zu den Armen,
               Unglücklichen, zu den Stiefkindern dessen, was die Welt Glück nennt. Je verachteter
               Einer unter euch hier ist, umso heißer umarmt ihn meine Seele als Bruder, umso mehr
               Anrecht besitzt er auf meinen Rat, auf meine Liebe«. Seine Augen überflogen das
               Publikum. Es waren meist Leute aus dem Arbeiterstande. Sehr viele Frauen. Auch
               Einige, die dichte Schleier verhüllten. Aber die Mehrzahl bildete das unruhige, nach
               Besserung seiner geistigen und physischen Lage hungernde Element des vierten Standes.
               Die Frauen waren andächtig wie in der Kirche. Manche hatten Thränen in den Augen. Der
               bloße Anblick dieses frierend aussehenden Christusmannes mit den nackten Füßen und
               dem edlen blassen Gesicht ergriff sie schon.</p>
            <p>Er wolle ihnen allen helfen, sagte er. Seine Rede war nicht geistreich, wirkte aber
               durch ihre Herzenswärme und die ungeheuer kluge Einfalt sehr packend.</p>
            <p>
               <pb/> Es war eine Rede, genau wie diese Leute sie brauchten. »Ich könnte es besser
               haben« sagte er unter anderm, »aber ich will nicht. Ihr darbt, warum soll ein Bruder
               von euch schwelgen? Freilich, es thun dies Hunderttausende, aber die – Herr verzeih
               ihnen, denn sie wissen nicht was sie thun – die kennen nicht euer Elend, euere
               Notlage. Sie würden sonst weinen und euch helfen, wo sie können, glaubt mir das. Ich
               aber will von Haus zu Haus gehen und an die Herzen der Mächtigen, an die Herzen derer
               pochen, die bei den Gesetzen mitzusprechen haben.</p>
            <p>Ich will meine Schüler in alle vier Winde aussenden, daß sie die Lehren von der Liebe
               aussäen«. In diesem Tone gings fort. »Ich selbst bin ja ein Armer, gleich euch. Ich
               habe nichts, was ich mein nenne. Ich wünsche auch nichts, als der guten Sache zu
               dienen, möge ich selbst im Dunkel vergehen«.</p>
            <p>Und warum läßt du hundertweise deine Bilder verkaufen? Wie darfst du das zulassen,
               wenn du so demütig, so bescheiden bist? riefs in Johanne. Sie horchte nur noch halb
               hin. Sie wäre ihm am liebsten mitten hineingefahren in seine Rede, um ihm dies und
               jenes vorzuhalten, was ihr mißfiel. Sie vernahm ein großes lindes Schmeicheln aus
               seinen Worten heraus, das sie verdroß. Er warb um den Beifall dieser Menschen. Und
               Christus hatte sie doch mit Stricken hinausgetrieben, <pb/> die ihm nicht gefielen.
               Sollten diese Leute hier, die er so demütig anredete, wirklich lauter Auserwählte
               sein?</p>
            <p>Johanne atmete erleichtert auf, als der Vortrag beendet war, der übrigens nicht das
               aufgestellte Programm einhielt. Ueber die Rückkehr zur Natur war kein Wort
               gefallen.</p>
            <p>Das laute Beifallsgeschrei am Schluß der Rede zeigte, daß er den Geschmack der Leute
               getroffen hatte.</p>
            <p>Als Johanne zum Ausgang gelangte, standen Dutzende von Menschen um den Tisch und
               kauften die Bilder des Meisters. Angelus strich das Geld lächelnd in die Lade.</p>
            <p>»Ist das ein süßer, kleiner Kerl« hörte sie eine ältere Frau zu einer anderen sagen.
               Sie wandte den Kopf weg und trat, so rasch sie konnte, hinaus.</p>
            <p>Vor der Thür draußen stand Paulus, eine Sammelbüchse in der Hand. ›Zur Erhaltung des
               Heims unseres Meisters‹ stand darauf.</p>
            <p>Paulus mit seiner finster abweisenden, herben Miene sah aus wie ein entthronter
               Herrscher. Die Weiblein starrten ihn an und ließen, je nach ihren
               Vermögensverhältnissen, einige Geldmünzen in die Blechbüchse in seiner Hand
               gleiten.</p>
            <p>Mit brennenden Wangen eilte Johanne nach Hause. Auf ihrem Bettrande saß sie lange
               Stunden und grübelte vor sich hin. Ihre Brauen waren schmerzhaft zusammengezogen. – –
               – –</p>
            <pb/>
         </div>
         <div type="chapter">
            <head>18</head>
            <p>»Wie gefiels dir gestern?« fragte Johannes sie am nächsten Tag in seiner gewohnten
               gütigen Weise.</p>
            <p>»Deine Rede war mir zu weich, aber am meisten verdroß mich der Bilderverkauf und die
               – Sammelbüchse. Du forderst ja die Wahrheit, Meister«. Sie sah ihn mit Augen an, in
               denen Thränen zitterten.</p>
            <p>Er lächelte gutmütig, scheinbar ohne sich im mindesten über ihre Offenheit zu
               ärgern.</p>
            <p>»Das alles verstehst du nicht, Kind. Aber ich danke dir für deine Offenheit«.</p>
            <p>Sie senkte den Kopf. Diese Demut seiner Worte ergriff sie wieder. War sie abermals
               gegen den Gerechten ungerecht gewesen? O, ihr Kopf schmerzte von all dem Denken und
               Grübeln. Ihr Herz zwang sie beständig vor ihn auf die Kniee, aber der Verstand, der
               kalte, unerbittliche Richter! .....</p>
            <p>Bei Tisch sagte Johannes:</p>
            <p>
               <pb/> »Warum sprichst du nicht mehr mit Johanne, Paulus? Habt ihr Streit mit einander
               gehabt? Kinder, Kinder!«</p>
            <p>Paulus schüttelte den Kopf.</p>
            <p>»Ich habe nichts gegen dich, Johanne«.</p>
            <p>Er sah sie kalt an, und doch fühlte sie ein unbestimmtes Lodern aus seinem Wesen.</p>
            <p>»Auch ich bin dir nicht böse« erwiderte sie ihm ruhig.</p>
            <p>Nach dem Essen ging sie ihren kleinen Spaziergang zu machen. Als sie wiederkam und
               eintrat, stockte ihr der Atem vor Bestürzung.</p>
            <p>Auf einem Stuhl, Johannes gegenüber, saß – Schüler. Paulus und Angelus, leicht
               aneinander gelehnt, standen neben ihrem Meister. Angelus' Augen hingen mit fast
               zärtlichem Blick an Schülers Lippen. Johanne war einen Augenblick wie gelähmt; dann
               grüßte sie leicht, und ließ sich, ohne Hut und Jäckchen abzulegen, am Schreibtisch
               nieder. Ihre Pulse hämmerten. Mechanisch schlug sie eine Schreibmappe auf und that,
               als suche sie etwas.</p>
            <p>»Wie gesagt« fuhr Johannes weiter fort, »wenn Sie das nicht anficht, ist nichts im
               Wege, daß Sie einer der Unseren werden«.</p>
            <p>»Wie sollte mich der Hohn der Plebs bekümmern, Meister? Verspottet sie nicht alles
               Hohe, Ernste, was<pb/> über ihren niedern Horizont hinausreicht?« Schüler sah leicht
               nach der zusammengekauerten Gestalt am Schreibtisch hinüber, und fügte hinzu: »Was
               meine Bekanntschaft in andern Städten betrifft, muß ich sagen, daß sie sich meist auf
               die oberen Zehntausend erstreckt. Aber das wird Sie nicht hindern, mich zu
               ermächtigen, für Ihre gute Sache Propaganda zu machen. Das Volk« er lachte, »das Volk
               steckt man ja leicht in die Tasche; zu fürchten sind nur die kritischen Kreise. Und
               wie gesagt, ich habe Freunde im Reichstag, tüchtige Redner; wenn so einer mal Ihre
               Ideen ernsthaft anpackte und unter die Leute brächte, wissen Sie, das zöge. So einer
               gilt als nichts weniger, dem als Schwärmer; den hält man nüchterner Beurteilung
               fähig«.</p>
            <p>»Das wäre allerdings sehr fördernd für uns« meinte Johannes, »nur – ich kann so wenig
               – Ihre Mühe vergüten, Herr Schüler –«</p>
            <p>»Aber, lieber Meister« Schüler machte eine abwehrende Handbewegung, »ich wiederhole
               Ihnen ja, der angebotene Gehalt genügt mir einstweilen. Und – was ich sagen will,
               wünschen Sie im Interesse Ihrer Sache, daß ich – eh –« er lächelte ein wenig –
               »gekleidet gehe wie Sie?«</p>
            <p>»Darüber will ich noch nachdenken« bemerkte Johannes.</p>
            <p>»Schön; dann erlaube ich mir also, in diesen Tagen <pb/> vorzusprechen, um dieselbe
               Stunde, nichtwahr?« Er erhob sich rasch, verbeugte sich tief vor Johannes und
               schüttelte Paulus und Angelus die Hand. Dann schritt er, ohne rechts oder links zu
               sehen, hinaus.</p>
            <p>Mit einer heftigen Bewegung war Johanne vom Schreibtisch aufgesprungen und ihm
               nachgeeilt. Auf der Treppe erreichte sie ihn.</p>
            <p>»Was soll das?« Ihre Lippen zitterten. »Sie lügen und beschwindeln diese Menschen.
               Das kann ich nicht zugeben. Ich stehe in den Diensten dieses Mannes. Seine Interessen
               sind auch die meinen«.</p>
            <p>»Aber zum Teufel – vor allem bleibe ich nicht hier auf der Treppe stehen –«</p>
            <p>»Nein, ich gehe mit Ihnen« sagte sie fest. Sie schritten zusammen hinab. Auf der
               Straße bohrte sie ihre Augen in die seinen. »Also stehen Sie mir Rede, weshalb wollen
               Sie diesen Mann, der Ihnen sicher nichts Böses zugefügt hat, betrügen? Sie bieten
               sich ihm als Träger seiner Ideen an, als seinen Herold, Sie!«</p>
            <p>Aus ihren Worten klang unsägliche Geringschätzung.</p>
            <p>Schüler drehte nervös die Enden seines Schnurrbarts zwischen den Fingern.</p>
            <p>»Vor allem, schreien Sie nicht so laut; die Leute bleiben stehen. Dann sagen Sie mir:
               sind Sie verrückt, oder mit welchem Recht mischen Sie sich eigentlich in meine
               Angelegenheiten?«</p>
            <p>
               <pb/> »Ich sagte Ihnen ja schon, daß ich in Diensten dieses Mannes stehe, daß ich ihn
               hochschätze, er mir heilig ist –«</p>
            <p>»Ja, ja, ja, das ist alles recht, das geht mich ja nicht im mindesten etwas an«.</p>
            <p>»Und daß ich es nicht dulden werde, daß Sie ihn irreführen«.</p>
            <p>»Wer will ihn denn irreführen, alle Wetter«. Schüler blieb stehen; seine Brauen
               furchten sich zornig. »Er ist ein bekannter Schwindler, der, zu faul zum Arbeiten,
               sich aufs Komödiespielen verlegt. Er weiß, daß die Welt heute nach Neuem hungrig und
               jeder Gaukler und Taschenspieler ihr willkommen ist. Er nützt das aus. Er hat ganz
               recht; ich würde es auch so machen wie er, wenn ich schon früher auf die gute Idee
               gekommen wäre, einen Heiligen zu spielen«.</p>
            <p>»Es ist nicht wahr, was Sie sagen« rief Johanne ungestüm, »der Mann glaubt, was er
               lehrt«.</p>
            <p>»Aber so lassen Sie sich doch nicht –« Der Redakteur lachte hell auf. »Er glaubt kein
               Wort von dem Schwefel, den er predigt. Für so dumm dürfen Sie ihn nicht halten; das
               hieße, ihn wirklich beleidigen. Uebrigens saß er bereits zweimal im Gefängnis wegen
               Erbschleicherei, – er versucht sich auf allen möglichen Gebieten, natürlich immer in
               der Maske des Christus, das versteht sich von selbst. Auch Paulus, der schöne, junge
               Ritter, saß etliche <pb/> male. Er hat mit verschiedenen Medien, die er
               hypnotisierte, unerlaubte Dinge getrieben. Na, Fräulein Johanne, Sie schütteln sich,
               ich kann Ihnen versichern, die Gesellschaft ist nicht sauberer als ich – vielleicht
               den kleinen Angelus ausgenommen, den er noch nicht ganz eingeweiht hat. Vor kurzer
               Zeit noch hätte ich mich für viel zu gut gehalten, mit diesen Leuten in Verbindung zu
               treten, aber augenblicklich stehe ich vor de rien. Meine Stellung an der Zeitung ist
               mir gekündigt worden, meine Möbel sind verkauft. Daß meine Frau mit Babinsky
               durchging, werden Sie wohl längst erfahren haben –«</p>
            <p>Johanne blieb stehen und schlug stumm die Hände zusammen.</p>
            <p>»Mir bleibt nichts übrig, als einen Verdienst zu suchen, wo ich ihn finde«.</p>
            <p>Er nahm den Hut von der feuchtgewordenen Stirn.</p>
            <p>»Aber trotzdem, weiß Johannes wer Sie sind?« hauchte Johanne totenbleich.</p>
            <p>»Natürlich, natürlich, weiß ers; er kennt mich ja schon längst. Glauben Sie mir, er
               weiß auch, daß ich ihn ganz kenne, deshalb stellt er sich so fügsam an. Er macht mir
               auch den Schwindel des Dusagens nicht vor, wie Sie bemerkt haben werden, er –«</p>
            <p>»Ich danke Ihnen« sagte das junge Mädchen plötzlich, wandte sich kurz um und ging in
               das Bureau zurück. Johannes schrieb; Angelus las. Paulus war abwesend.</p>
            <p>
               <pb/> »Meister« sagte Johanne mit einer ihr selbst fremden Stimme, »hüte dich vor dem
               Mann, der da eben von dir ging; er ist dir nicht gut«.</p>
            <p>»Wieso?« Johannes Augen blickten sie scharf an. »Woher weißt du das?«</p>
            <p>»Er sagte mir Dinge von dir, die nicht wahr sein können, nicht wahr sein dürfen«
               schrie das junge Mädchen auf, seine Hände wie im Fieber ergreifend. »Hörst du
               Johannes, jag ihn fort, wenn er wiederkommt«.</p>
            <p>»Ich verstehe dich nicht«. Er erhob sie würdevoll. »Was meinst du? Fasse dich vor
               allem«.</p>
            <p>Angelus trat erschrocken zu den Beiden.</p>
            <p>»Er sagt, du seist ein Gaukler, der nicht glaubt, was er lehrt«.</p>
            <p>»Bah« Johannes lächelte schwach. »Du weißt doch längst, daß ich Feinde habe«.</p>
            <p>»Gut, aber bediensten, bei dir bediensten wirst du doch einen solchen nicht«
               .....</p>
            <p>»Gerade« sagte er ruhig.</p>
            <p>»Nein, du wirsts nicht« rief sie in Thränen ausbrechend.</p>
            <p>»Das ist meine Sache, denk ich –«</p>
            <p>»Nein, das ist aller Sache, die sich für deine Ideen interessieren«.</p>
            <p>»Johanne, du wirst anmaßend«.</p>
            <p>»Fürchtest du ihn?« brach es verzweifelt aus ihr, »bangt dir vor ihm? Thust du
               deshalb wie er will«.</p>
            <p>
               <pb/> Da trafen sie zwei Blitze aus seinen Augen, und eine jähe, brennende Röte ergoß
               sich über sein Gesicht.</p>
            <p>»Gehe«.</p>
            <p>Er wandte sich ab.</p>
            <p>»Johannes, beim lebendigen Gott, du ahnst nicht, was du an einer Menschenseele
               verbrichst, wenn du mich im Glauben an die Wahrheit der Worte dieses Schurken
               läßt«.</p>
            <p>»Dieser Mann ist kein Schurke, er ist mein Freund; und übrigens« – er drehte sich
               blitzschnell nach ihr um, »entfernen Sie sich gefälligst sofort, aber sofort«. Seine
               Züge waren von wildem Zorn verzerrt. Angelus fiel vor ihm auf die Kniee und suchte
               seine Hände zu fassen.</p>
            <p>Johanne schritt hinaus.</p>
            <p>Sie spürte ein kaltes Gefühl im Rücken; sonst meinte sie sich ganz wohl zu fühlen.
               Ich kann ja noch lesen, sagte sie sich auf der Straße, die Namen der Ladenschilder
               buchstabierend. Ich lebe noch. Das ist die Kasernengasse und dort biegt die Straße
               ein, in der ich wohne. Der Schlag hat mich also nicht getroffen, denn ich habe noch
               meine Sinne beisammen. Mit festen Schritten stieg sie ihre vier Treppen hinauf,
               öffnete ihr Stübchen und ließ sich an dem hölzernen Tisch nieder. Sie stützte den
               Kopf in die Hände.</p>
            <p>Ja, Johanne, Johanne Grün, aber mein Gott! Mit einemmale wurde ihr unheimlich zu Mut;
               sie sprang auf und eilte zu der alten Blumenmacherin hinüber.</p>
            <p>
               <pb/> »Herr je, haben Sie kalte Hände« sagte das Mädchen, das den feinen Draht
               weggelegt und Johannes Rechte ergriffen hatte.</p>
            <p>»Eine Wasserrosenguirlande« murmelte Johanne, die Blumen, an denen die Arbeiterin
               beschäftigt war, mechanisch betrachtend. »Wirklich hübsch, ich liebe sehr diese
               Blumen; bei uns zu Hause, auf dem kleinen See im Walde, gabs ihrer genug. Ach, die
               Welt ist doch toll, Marie, nicht? Aber wissen Sie, ich werde wieder gehen; ich geh zu
               Bett, es ist mir zu kalt. Wir haben ja auch erst März, da darfs einen schon frieren,
               ohne daß man sich dessen zu schämen braucht, nicht?« Mit gebeugtem Kopf schritt sie
               hinaus, gefolgt von den erstaunten Blicken der Anderen.</p>
            <p>In ihrem Stübchen begann sie sich auszukleiden; plötzlich fuhr sie sich an die
               Stirne, zog die abgestreiften Kleider wieder an und eilte fort. Auf der Straße sahen
               ihr die Leute nach. Sie lief lange, beinahe dreiviertel Stunden. Mit dem Instinkt der
               Trunkenen fand sie die Straße, die sie suchte, die Nummer, von der sie in früheren
               Zeiten viel hatte reden hören.</p>
            <p>Sie rannte die Treppe hinauf, klingelte an einer Thür, nannte der öffnenden Frau
               ihren Namen und trat ein.</p>
            <pb/>
         </div>
         <div type="chapter">
            <head>19</head>
            <p>»Johanne!« rief Lohringer, »ists möglich? Erlebe ich es, oder träumt mir?«</p>
            <p>»Sie erleben es« sagte sie und ließ sich in einen Sessel fallen.</p>
            <p>»Was ist Ihnen geschehen?« Er trat zu ihr und ergriff ihre beiden Hände.</p>
            <p>»Ninive hat mir eben den letzten Gnadenstoß gegeben«.</p>
            <p>Bis so weit reichte ihre erzwungene Fassung. Dann sank sie zurück. Er sprang nach
               Wasser, rieb ihr die Schläfen ein, und hauchte auf ihre eiskalten Hände.</p>
            <p>Endlich schlug sie die Augen auf. Und jetzt brach ein heißes Schluchzen aus ihr.</p>
            <p>Lohringer hatte viele Frauen weinen sehen, aber das hatte er noch nicht erlebt. Hier
               schien ein Herz in Thränen zu schmelzen.</p>
            <p>
               <pb/> Er schritt ganz blaß im Zimmer auf und nieder, während sie weinte, weinte,
               weinte.</p>
            <p>Endlich setzte er sich, mit dem Rücken gegen sie, in eine Zimmerecke und saß so, wie
               ihm schien, eine Stunde lang. Sie weinte noch immer. Da stand er auf, trat zu ihr und
               sagte: »Aber zum Donnerwetter, jetzt ists genug«. Er faßte ihren Kopf zwischen seine
               beiden Hände und sah ihr in die hochroten, verschwollenen Augen. »So groß ist das
               Unglück nicht, Johanne, glauben Sie doch. Mit zwanzig Jahren. Ich bitte Sie! Sie
               werden sich schon wiederfinden«.</p>
            <p>Sie fuhr auf. »Ich mich finden? Ich habe mich ja garnicht verloren, Lohringer«.</p>
            <p>»Na was zum Teufel flennen Sie denn?«</p>
            <p>Er ließ ihren Kopf los und begann wieder im Zimmer auf und nieder zu schreiten.</p>
            <p>»Was haben Sie denn, Johanne? Sie sind doch ein so vernünftiges Mädchen. Ein liebes
               Mädchen! Weiß Gott, Sie waren mir immer wert; ein paarmal war ich schon nahe daran,
               es Ihnen zu sagen. Aber Sie waren ja damals so riesig dumm. Glaubten immer, ich hätte
               einen Schwarm für Frau Schüler. Und mich dauerte das kleine Geschöpf nur, weil sie
               einen Schuft zum Mann hatte und weil – ich nicht erwidern konnte, was sie für mich
               fühlte. Mit der Zeit hat sies auch gemerkt, trotzdem ich für sie that, was ich
               konnte. Aus<pb/> Trotz ist sie mit Babinsky, der in der letzten Zeit viel bei ihnen
               verkehrte, durchgegangen. Und wo waren Sie, Johanne?« fragte er sich unterbrechend
               und blieb vor ihr stehen.</p>
            <p>Sie erwiderte eine Weile nichts, dann: »Kennen Sie Meister Johannes?«</p>
            <p>»Den großen Erzgauner, der sich für den Propheten Elias oder sonst wen ausgiebt? Na
               und ob. Wer kennt den nicht hier? Was ist mit ihm?«</p>
            <p>»Ich war bei ihm als Sekretärin angestellt«.</p>
            <p>»O, Sie Aermste«. Weiter sagte er nichts. Dann holte er eine Flasche und zwei Gläser
               und goß ihr Wein ein; sie trank, trocknete sich die Augen und seufzte.</p>
            <p>»Wie konnten Sie das thun? Ich erfuhr durch Bekannte, daß Sie irgend eine Stellung
               angenommen hatten, aber welche und wo, wußte ich nicht, sonst hätte ich Sie am Schopf
               von dort entführt«.</p>
            <p>»Wewerkas warnten mich ja, aber ich glaubte ihnen nicht. Sie wissen, ich – ach, ich
               war eine große Närrin«. Sie lachte, indes ihre Augen tropften.</p>
            <p>»Mir scheint wahrhaftig, jetzt haben Sie nicht unrecht«. Er faßte freundschaftlich
               ihre Hände. »Dachten Sie denn nicht gleich, daß ein Kerl, der aus dem Glauben
               harmloser Esel Münze schlägt, ein Bauernfänger sein muß? Ein anständiger Mensch läßt
               sich doch nicht von Andern erhalten, es sei denn, er wäre alt, schwach oder <pb/>
               krank. Der Meister zählt vierzig Jahre, ist nicht auf den Kopf gefallen, wie seine
               schlau angestellten Schwindeloperationen zeigen, hat also gar keine Entschuldigung
               für sein Faulenzerleben«.</p>
            <p>»Sie haben recht, aber Sie wissen ja –« das kleine Mädchen aus früheren Jahren brach
               wieder durch, »ich sehnte mich so sehr nach etwas Großem, Gewaltigem, dem ich mich
               ganz hingeben durfte. Die Künstler entpuppten sich als etwas ganz anderes, als ich in
               ihnen vermutete. Da dachte ich, vielleicht hält die Religion, was die Kunst
               versprach. Er nannte seine Lehre das neue Evangelium. Ich wollte dessen Priesterin
               werden«.</p>
            <p>»Sie waren eben ein Kind, Johanne, sonst hätten Sie nicht Menschen, die durch
               aufsehenerregende Kleidung, durch Kokettieren mit Verfolgungen, durch ein nach allen
               Seiten hin auffallendes, herausforderndes Benehmen die Aufmerksamkeit der Leute auf
               sich ziehen wollen, für wirklich fromme Männer gehalten. Es sind gemeine
               Reklamehelden, die so handeln, nichts anderes. Ebenso wenig wie ein großer, echter
               Künstler in die Posaune für sich stoßen läßt, ebenso wenig kehrt ein echter
               Gottesmann den Christustypus heraus und zieht mit wallendem Haupthaar und nackten
               Füßen durch die Welt«.</p>
            <p>Johanne stand auf, trat ans Fenster, sah einige Zeit hinaus und wandte sich dann
               wieder zu ihm.</p>
            <p>
               <pb/> »Das war die andere Seite, Lohringer, nun kenn ich die auch. Religion und Kunst
               werden gefälscht in Ninive. Schade um die vielen Gläubigen ...«</p>
            <p>»Ach Johanne« er machte eine geringschätzige Handbewegung, »sagen Sie nicht: schade.
               Was sich hier zusammenfindet, ist bereits angefault. Ninive ist der große Kanal, in
               dem alle Schmutzkloaken des Reiches zusammenfließen. Ninive ist der Schlupfwinkel
               aller dunklen Existenzen, die ungestört ihre Maulwurfsarbeit verrichten wollen,
               Ninive ist der Zufluchtsort der impotenten Halbkünstler. Hier suchen sie durch
               Extravaganzen, durch Geschrei und Verbrüderung mit Tagesgrößen ihre unbekannten Namen
               dem Volke ins Gedächtnis zu prägen. Oder glauben Sie wirklich, daß ein echter Dichter
               hierher käme, um zu arbeiten? Ich sage Ihnen, Johanne, der verbirgt sich in die
               tiefste Einsamkeit und baut schamhafte Entfernungen zwischen sich und die Menschen.
               Ein echter Dichter bedarf nicht der ›Anregung‹ auf den spektakelerfüllten Straßen;
               der hat Anregung in sich genug. Der braucht nicht mit Kollegen im Café zu sumpfen, um
               die Stoffe, die er ausarbeiten will, zu besprechen. Der hat in sich Rat und Wissen;
               der braucht nicht die kleinen Mädchen von der Straße auszuholen, dem weist der Genius
               die letzten dunkelsten Abgründe der Menschenbrust«.</p>
            <p>Johanne hörte ihm aufmerksam zu. »Sie haben<pb/> recht. Heute weiß ich es, weil ichs
               erfahren habe; früher dachte ich mir das ganz anders«. Sie ließ sich nieder. »Wissen
               Sie auch, weshalb ich zu Ihnen gekommen bin, Lohringer?«</p>
            <p>Er hielt in seinem Auf- und Niederschreiten inne, und senkte die Augen.</p>
            <p>»Nein, eigentlich nicht. Aber ich bin garnicht neugierig. Sie sind da, und das ist
               mir eine große, sonnige Freude«.</p>
            <p>»Als mich die tiefste Ratlosigkeit und Verzweiflung packte und ich nicht ein noch aus
               wußte, standen Sie plötzlich vor mir. Da lief ich schnell her. Ihre Adresse hatte ich
               noch behalten. Sie müssen mir raten, was ich thun soll. Auf was ich mich werfen soll,
               um nicht – gar zu traurig zu werden«.</p>
            <p>Er ließ sich neben ihr nieder und sah ihr fest in die Augen. »Vor allem: fort von
               hier«.</p>
            <p>»Wie?« Trotzdem sie diese Stadt verabscheuen gelernt hatte, erschien ihr der Gedanke,
               fort zu sollen, doch nicht einleuchtend. »Wie« sagte sie schüchtern, »glauben Sie
               wirklich, daß kein Platz für mich hier ist?«</p>
            <p>Er schüttelte energisch den Kopf.</p>
            <p>»Nein, nein, für Sie ist kein Platz da. Sie sind ein Kind. Was sollen Kinder in einer
               großen, fremden, verderbten Stadt? Sehen Sie, auch Dichter sind Kinder; deshalb
               meiden sie diese nüchternen, staubheißen Städte, <pb/> diese Millionenstädte, welche
               der geistige und physische Ruin der Nationen sind. Gehen Sie aufs Land, wo die
               Quellen rauschen und die Vögel singen. Gehen Sie in die schöne, schlichte Einsamkeit,
               wo die Luft rein ist und die Menschen harmlos und naiv sind. Gehen Sie nach
               Sienenthal zurück«.</p>
            <p>»Nach Sienenthal!« Ein warmer Ton klang durch ihre Stimme. »Aber – was soll ich dort
               thun?«</p>
            <p>»Haben Sie denn gar Niemand dort?«</p>
            <p>»Den alten Pastor, ein paar junge Mädchen, den Vormund und –«</p>
            <p>»Und?«</p>
            <p>»Ein altes Häuschen mit schiefem Dach, vor dem ein Garten liegt«.</p>
            <p>»Und da fragen Sie, was Sie thun sollen, und da sagen Sie, einsam wären Sie dort? Ein
               Häuschen mit schiefem Dach und einen Garten davor, und – zwanzig Jahre alt –«</p>
            <p>»Und traurig bis zum Sterben dabei« fügte sie leise hinzu, und ihre Augen begannen
               aufs neue zu tropfen.</p>
            <p>»Und wer pflegt die Blumen und streichelt mit liebevollen Blicken das alte, müde
               Häuschen, das gewiß Mutter und Großmutter schon bewohnten, und das jetzt einsam steht
               und friert, und –«</p>
            <p>»Ich werde mich fürchten. Es sind nur drei Stuben drin; aber die werden mir unendlich
               still vorkommen«.</p>
            <p>
               <pb/> »Nehmen Sie sich eine brave Magd, Johanne. Und wie lange denn, dann kommt Einer
               und begehrt Sie zum Weibe und führt Sie aus dem Häuschen weg«.</p>
            <p>Sie lächelte. »Damit schrecken Sie mich nicht«.</p>
            <p>»Sie haben ja nichts verloren, Johanne«, seine Augen blickten sie warm und so innig
               an, daß sie die ihren senkte – »manche Verwundung tragen Sie davon, aber ärmer kehren
               Sie nicht heim. Sie haben tapfer Ihren Schatz behütet, Kind; schütteln Sie leichten
               Herzens den Staub von den Füßen. Die Röte Ihrer Wangen wird wiederkehren und mit ihr
               wieder der Glaube an das Gute, den Sie heute verloren wähnen«.</p>
            <p>»So soll ich wirklich gehen? Sie werden mich daheim auslachen, daß ich so schnell
               zurückkehre«.</p>
            <p>»Ist dies nicht harmloser, als wenn ein oder der andere Schurke hier über Sie
               triumphiert hätte?«</p>
            <p>Sie nickte. »Das schon, aber –«</p>
            <p>»Apropos« sagte er plötzlich kühl, die Augen von ihr ablenkend, »haben Sie auch Geld
               zur Heimreise? Ihr Vormund kanns mir ja zurücksenden, wenn Sie dort sind; ich strecke
               Ihnen einstweilen vor.«</p>
            <p>Sie dankte. »Ich habe freilich noch Geld. Nicht viel, aber genügend, um nach Hause zu
               kommen. Ich brauchte ja nichts in letzter Zeit. Mein Zimmer ist für einen Monat
               vorausbezahlt«.</p>
            <p>Er spielte mit den Enden seines weichen Schnurrbarts.</p>
            <p>
               <pb/> »Wissen Sie es ist eigentlich furchtbar dumm von mir, daß ich Sie berede,
               fortzugehen. Gerade ich« er stockte, dann sah er ihr voll in die Augen, »aber ich mag
               Sie von Herzen gern leiden und möchte Ihr Bestes; selbst wenn dieses mit der
               Befürchtung verbunden wäre: Sie nie wiederzusehen«.</p>
            <p>»Warum das?« fragte sie leise. »Wenn ich ja hingehe, können Sie mich doch
               besuchen«.</p>
            <p>»Besuchen?« Er schüttelte den Kopf. »Und selbst wenn ichs thät, was gälte es Ihnen?
               Sie suchen Ganzes und verabscheuen die Halben, und ich gerade bin so ein Halber, ein
               Viertelsmensch. Wenn ich das nicht wäre, Johanne, und wenn ich zehn Jahr jünger wäre«
               – sie errötete brennend, »und es hier nicht gar so nüchtern aussähe« er fuhr sich
               über den kahlen Schädel, »dann würde ich jetzt wohl sagen: ›Johanne, nehmen Sie mich
               mit nach Sienenthal und‹ – na, fort damit«.</p>
            <p>Er erhob sich und schritt wieder auf und nieder.</p>
            <p>»Wenn Sie die Einsamkeit so lieben, warum bleiben Sie hier wohnen?« fragte sie.
               »Warum gehen Sie nicht hin, wo es still und ländlich ist?«</p>
            <p>»Ja, die Frage, die spricht ein Kindermund leicht aus, aber sie beantworten kann kein
               Weiser. Warum sieht man oft ein, daß man wie ein Lump handelt, und ändert sich doch
               nicht. Warum erkennt man, daß <pb/> dies oder jenes der Gesundheit Gift sei – man
               lebt höllisch gerne – und fährt doch ruhig fort, das Gift zu genießen. Warum? Wer
               weiß es? Wenn ich Ihnen gestehe, daß mir diese Caféhausabende mit ihrem ewig
               gleichen, nichtssagenden Geschwätz, ihrer ewig gleichen geistigen Langenweile
               unentbehrlich sind, daß mir diese staubigen, menschendurchwühlten Straßen mit ihrem
               ohrenzerreißenden Getöse täglich zu durchbummeln, unerläßliche Gewohnheit ist, würden
               Sie mich auslachen. Und doch ists so. Ich brauche diese dicke, von tausend Gerüchen,
               von Qualm und Staub und fremdem Odem geschwängerte Luft. Ich würde verzweifeln, wenn
               ich sie mißte. Für mich ists zu spät, auf einem andern Boden Wurzeln zu fassen. Ich
               geh schon als Halber hinüber. Ich seh wie ein Gelähmter die schöne grüne Welt um
               mich, aber ich kann nicht zu ihr«.</p>
            <p>Johanne senkte traurig den Kopf. Beide schwiegen eine Weile; dann erhob sie sich. Sie
               faßte seine Rechte: »Dank Lohringer, ich will – einpacken«.</p>
            <p>»Also wirklich!« Er sagte es halb schmerzhaft, halb freudig. »Nun Gott mit Ihnen,
               mein liebes, gutes Kind! Und eins müssen Sie mir versprechen: Kommt es einmal in
               Ihrem Leben, daß Sie der Hilfe oder des Rates eines treuen Menschen bedürfen, dann –
               erinnern Sie sich meiner«.</p>
            <p>
               <pb/> Er nahm eine Karte aus seinem Portefeuille, auf der sein Name und seine Adresse
               stand. »Hier. Adieu Johanne«.</p>
            <p>»Adieu« hauchte sie »und behalten Sie mich in gutem Andenken«.</p>
            <p>Er lächelte, wendete sich rasch um und ging zum Fenster.</p>
            <p>Sie eilte fort.</p>
            <pb/>
         </div>
         <div type="chapter">
            <head>20</head>
            <p>Die alte Blumenarbeiterin machte ein höchst verdutztes Gesicht bei Johannes
               Eröffnung. Aber Johanne sagte es ihr so lieb, daß sie selbst noch Hand mit beim
               Einpacken anlegte. Der alte, hölzerne Koffer war bald gefüllt. Dann schlief sie noch
               einmal in dem frostigen Stübchen, traumlos, totmüde, ohne jede Aufregung. Am nächsten
               Morgen fuhr sie nach dem Bahnhof, nahm sich ein Billet bis zur Station, von wo aus
               die Postkutsche sie weiterbringen mußte, gab ihren Koffer auf und sprang leichtfüßig
               ins Coupé.</p>
            <p>Ja, er hatte recht gehabt. Es war das Beste, zurückzukehren. Sie hatte kein Glück
               gefunden da drinnen in der großen Stadt. Sie war zu einfältig für alle diese
               gewichsten, aufgedrahteten Menschen in ihren geborgten Festkleidern.</p>
            <p>Sie hatte in ihrer Naivität gemeint, daß unter vornehmen Gewändern auch saubere
               Wäsche sein müsse, der Anblick des Schmutzes unter der glänzenden Außenseite machte
               sie krank.</p>
            <p>
               <pb/> Das Zeichen zur Abfahrt ertönte; der Zug begann aus der Halle zu rollen.</p>
            <p>Sie erhob sich und beugte sich zum Coupéfenster hinaus.</p>
            <p>»Adieu Ninive, wir haben einander nicht verstanden. Bald werde ich deinen Staub von
               meiner Seele geschüttelt haben«.</p>
            <p>Und ein frohes Gefühl starker, ungebrochner Kraft stieg in ihr auf.</p>
            <p>Lohringer war der Einzige, dessen Bild sie mit hinübernahm in ihre stille Heimat. Sie
               zog sein Kärtchen heraus und streichelte es. Wer weiß, vielleicht kam er doch noch,
               gings durch sie. Vor der Hand würde sie ja doch keine Zeit und Muße haben.</p>
            <p>Sie wollte, wie er ihr geraten hatte, ihr Häuschen übernehmen und sich eine handfeste
               Magd dingen. Sie wollte den Garten brav betreuen, ihren Menschen dort eine liebevolle
               Gefährtin sein.</p>
            <p>Mein Gott, am Ende wars gar nicht so traurig, was sie erwartete.</p>
            <p>Und verloren, verloren hatte sie ja in der That nichts. Viel, viel älter war sie
               geworden; aber das schadete nichts. Ihre Erfahrungen wollte sie tief in sich
               einsargen.</p>
            <p>Je näher sie der Heimat kam, umso freudiger pochte ihr Herz. Schon die Luft, diese
               erdreichduftige, breite, <pb/> weiche Luft da draußen auf den Feldern durch die der
               Zug eilte! Einmal kam noch eine häßliche Rückerinnerung über sie. Sie fuhr sich
               mehreremale mit dem Taschentuch über die Lippen, und drückte sich mit geschlossenen
               Augen in die Ecke. Sie war allein im Coupé. Zuletzt nickte sie ein. Als der Schaffner
               die Station ausrief, an der alle aussteigen mußten, sprang sie elastisch aus dem
               Wagen. Da stand auch schon der alte runzelige Postillon aus Sienenthal neben der
               alten Kutsche. Johanne schüttelte ihm die Hand. »Besorg mir den Koffer, Anton«. Er
               besorgte ihn. »Das is ja noch der alte« grinste er, »den kenn ich aber schon lange«.
               Sie lachte und schwang sich in den Wagen. Aber lange konnte sie es nicht so ruhig
               aushalten. Sie erhob sich während des Fahrens, und sich an den Schultern des alten
               Kutschers festhaltend, begann sie ihn auszufragen.</p>
            <p>Was alle machten, wie es allen ginge.</p>
            <p>»Der Pastor ist halt hinüber« sagte er lakonisch.</p>
            <p>»Wie« rief sie schmerzhaft »mein lieber, guter, alter Pastor?« Die Thränen flossen
               ihr aus den Augen, als Anton des Langen und Breiten berichtete, wie und woran er
               starb. »Er war halt schon an die achtzig« schloß er. Sie ließ sich zurück in den
               Wagen sinken und sann traurig nach. Den hätte sie gern getroffen. »Noch wer is todt«
               sagte der Postillon sich halb nach ihr umwendend, <pb/> »das Fräulein von der ›Blauen
               Kugel‹«. »Fräulein Wewerka?« »Ja, die«. »Auch die!«</p>
            <p>Während des weitern Weges sprach Johanne nichts mehr. Aber die reine, von
               Frühlingsahnungen erfüllte Luft scheuchte bald die Wolken von ihrer Stirn. Jauchzende
               Lerchen stiegen schaarenweis vom braunen, leicht begrünten Boden auf, die Sonne
               durchbrach die weißen Wolken, und als der alte, graue Kirchturm mit den
               davorstehenden zwei Pappeln sichtbar wurde, hatte es sich ganz aufgeklärt. An der
               Biegung der Marktstraße standen ein paar feiste, kleine blondhaarige Buben, denen ein
               Zipfel Hemds rückwärts herauslugte, und begrüßten jubelnd den Postillon.</p>
            <p>Johanne hieß ihn halten. »Fahr meinen Koffer zum Vormund, ja?« bat sie ihn, »ich
               komme gleich nach«.</p>
            <p>Ohne sich umzusehen, eilte sie durch die breite Straße, an ihrem hochgipfeligen
               Häuschen vorüber, nach dem Friedhof. Hier brauchte sie nicht lange zu suchen. Gleich
               am Eingang lag das Grab des alten Pastors. Sie kniete davor nieder. Ob sie betete, ob
               sie ihm etwas erzählte? Die Pappeln rauschten mit ihren ersten paar Blättchen dazu
               und die Sonne goß ihren Friedensschein auf ihr gesenktes Haupt.</p>
            <p>Ein Haufe rotwangiger, lärmender Schulkinder, die zum offenstehenden Friedhofsgitter
               hereinstürmten, weckte sie aus ihrer Andacht. Noch ein paar Minuten auf der <pb/>
               Eltern und der Großmutter Grab, dann verließ sie den Friedhof und schritt langsam die
               Straße hinab. Aber feste Schuhe muß ich mir machen lassen, dachte sie im Gehen, die
               hier sind zu unsolid für diesen derben, ehrlichen Boden. Vorm Häuschen des Vormunds
               machte sie Halt. Wo wohl der Geranienstock hingekommen war, der am Fenster neben der
               Hausthür stand? Sollte er im Winter erfroren sein? Noch einmal wandte sie sich zurück
               und sah in die lichtumflossene, weite Landschaft hinaus. Ein Fink begann von einem
               Baum des Vorgärtchens sein Frühlingslied zu schmettern. Hinten aus dem Stalle brüllte
               eine Kuh.</p>
            <p>Da gings wie ein Lachen über Johannes ganzes Gesicht; mit einer resoluten Geberde
               stieß sie die Thür des Häuschens auf. Das erste, was sie erblickte, war ihr alter
               Holzkoffer, der mitten in der Stube stand.</p>
            <p>»Da ist sie wirklich« sagte die alte Frau ihr entgegenkommend, und der Vormund legte
               die Pfeife aus dem Mund.</p>
            <p>Johanne schüttelte die Hände der alten Leute.</p>
            <p>»Ja, sie ist wirklich da, und nun sollt ihr aber Eure Freude an mir haben. Gearbeitet
               wird, daß Alle sich wundern werden; gebt mir nur den Schlüssel zu meinem Häuschen.
               Ich freue mich närrisch auf die alte braune Stube. Muhme, du bist ja ganz stumm und
               starrst mich an«.</p>
            <p>
               <pb/> Sie faßte die alte Frau und küßte sie herzhaft auf den Mund.</p>
            <p>»Ich bin sehr, sehr glücklich«.</p>
            <p>Da trat der Vormund sachte zu ihr, zog sein tabakduftendes blaues Taschentuch heraus
               und fuhr ihr damit über die Augen. – –</p>
            <p>»Das waren die letzten, Vormund« lachte sie ....</p>
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</TEI>