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                <title>Aus stillen Gassen : ELTeC Ausgabe</title>
                <author ref="viaf:15530008 wikidata:Q1656505">Frohnmeyer, Ida (1882-1968)</author>
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                    <resp>ELTeC conversion</resp>
                    <name>Priska Rüegg</name>
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                <p><date>2020-05-18</date></p>
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                <bibl type="firstEdition">
                    <title>Aus stillen Gassen</title>
                    <author>Frohnmeyer, Ida</author>
                    <publisher>Friedrich Reinhardt</publisher>
                    <pubPlace>Basel</pubPlace>
                    <date>1921</date>
                </bibl>
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            <p>The date and source of the transcription and the image are unknown.</p>
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        <pb n="7"/>
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            <div type="chapter">
                <head>Fräulein Salome Hunzikers Teekanne.</head>
                <p>Wenn ein junger Mann in die Stadt zu wohnen kam, und ein günstiges Geschick
                    lenkte seine Schritte ins Haus „Zum roten Schneck“, so konnten Mutter und
                    Schwestern frohen Herzens an ihn denken, und keiner der Vorfahren brauchte sich
                    seinetwegen im Grabe umzudrehen. Der junge Mann war geborgen. Er war sozusagen
                    im Paradies.</p>
                <p>Das Haus „Zum roten Schneck“ liegt am Fluß. Nur durch eine schmale, mit Bäumen
                    bestandene Straße ist es von dem breiten Wasser getrennt, das seine gewaltigen
                    Wogen schiebt und drängt durch sonnenfrohe und regenschwere Tage, durch
                    mondlichttrunkene und finsterbrütende Nächte – unermüdlich, unermüdlich.</p>
                <p>Jenseits baut sich hoch und frohgemut die größere und ansehnlichere Stadthälfte
                    auf, mit breiten Patrizierhäussern, deren Gärten in Terrassen niedersteigen, mit
                    schlanken und mit wuchtigen Kirchtürmen, mit einer Reihe alter, schmaler Häuser,
                    deren Dächer keine gerade Linie, sondern ein munteres Durcheinander von Auf und
                    Ab bilden.</p>
                <pb n="8"/>
                <p>Das Haus „Zum roten Schneck“ ist wie diese hoch und nur stubenbreit gebaut. Drei
                    Stockwerke türmen sich übereinander; mit seinem obersten Fenster kann es über
                    die grünen Baumwipfel hinwegschauen. Der Nachbar zur Linken ist von derselben
                    Größe, aber nur ein unanssehnlicher Bau von schwärzlicher Farbe, ohne Namen und
                    Zierat.</p>
                <p>Wie ganz anders schaut dagegen der Nachbar zur Rechten drein, der sein Dach noch
                    ein gut Stück über das des roten Schnecks emporhebt. Seine freie Seitenwand, der
                    entlang das Reverenzgäßlein läuft, ist mit einem alten Bild des genannten
                    Gäßleins geschmückt und tut in schnörkeligen Buchstaben kund, daß dieses in
                    vergangenen Jahrhunderten des öftern seinen Namen gewechselt. Aus einem
                    Hagengeßlin war es zum Schüßgeßlin, später zum Goldgeßlin geworden.</p>
                <p>Die dem Strom zugekehrte Seite des Hauses trägt über dem Fenster des
                    Erdgeschosses die Aufschrift „Zum kleinen Sündenfall“. Dicht darunter stecét ein
                    verwittertes, kleines Relief, auf dem die Gesstalt Evas und ein Baumgerippe
                    unschwer zu erkennen sind, Adam dagegen und einige Tier- und Pflanzengruppen
                    lassen sich nur noch ahnen.</p>
                <p>Das Haus des kleinen Sündenfalls ist von schöner, blaßgrüner Farbe, das Haus des
                    roten <pb n="9"/>Schnecks nur von graulichem Weiß; doch hebt sich davon gar
                    prächtig die riesige rote Schnecke ab, die sachte zwischen den Fenstern des
                    ersten und zweiten Stockwerks durchschleicht.</p>
                <p>Wer statt des Weges am Fluß die hinter der Häuserreihe liegende alte Gasse wählt,
                    kommt ebenfalls am roten Schneck und kleinen Sündenfall vorbei. Freilich, die
                    Fenster, die nach der Gasse schauen, spiegeln keine Lindenblätter und blaue
                    Wasserflut wieder. Sie schauen nicht ins Sonnengold, bis sie selbst anfangen zu
                    leuchten, daß die Häuser jenseits des Stromes kaum wagen herüberzuschauen. Aber
                    sie hat auch ihr Gutes, die alte Gasse.</p>
                <p>Sie weiß Geschichten, geheimnisdunkle, oft schwer von Blut und Tränen, denn durch
                    diese Gasse, vom Rathaus her, kamen sie einst geschritten, die man vor die Stadt
                    hinausführte, um sie aus dem Leben, das vor den Mauern in tausend Farben lockte
                    und jauchzte, in das ungewisse Dunkel zu stoßen.</p>
                <p>Es mochte einem wohl ein Grausen das Herz erfüllen, wenn die Gasse diese alten
                    Geschichten murmelte. Denn es waren nicht nur rohe und hartgesottene Sünder, die
                    den Weg zur Richtstätte gingen, es schritt ihn manch kecer und feiner Knab’, den
                    das rasche Blut in schlimme Händel verstrickt, es schritt ihn manch todblasses
                    schönes Mägdlein, das verstört in die <pb n="10"/>gaffenden Gesichter blickte,
                    die nur Abscheu vor der verdammten Hexe ausdrüctkten.</p>
                <p>Aber die alte Gasse weiß auch Schönes. Sie weiß, daß sie in einer stillen
                    Nachtstunde von hasstigen und gedämpften Schritten widerklang. O die braven, die
                    prächtig furchtlosen Herzen, die es wagten, das feine Hexlein aus dem Kerker zu
                    befreien und auf bereitgehaltenem Nacken in Sicherheit zu bringen! „Der Teufel
                    hat sie geholt!“ hieß es am andern Morgen, und diese Kunde ward am eifrigsten
                    und nachdrücklichsten von etlichen Jungmännerstimmen wiederholt.</p>
                <p>Und die Gasse weiß auch, daß einmal das Wunderbare geschehen, daß sich ein
                    vornehm Töchterlein, dem die rotbraunen Zöpfe lang aufs dunkelblaue Samtkleid
                    fielen, durch die Menge drängte, die den kleinen Trupp Verurteilter an sich
                    vorüberziehen ließ, mit gleichgültigen und mürrischen, mit selbstgerechten und
                    abweisenden Gesichtern. Es blitzte ein Etwas in ihrer Hand — zerschnitten die
                    Stricke, die die Hände des zulett Schreitenden zusammengehalten. Und ihre feine
                    Hand ergreift die seine, und mit heller Stimme spricht sie es aus vor allem
                    Volt, daß sie den Armen und Geächteten wähle zu ihrem ehelichen Gemahl und ihn
                    damit nach uraltem Recht der Schande und dem Tod entreiße . . .</p>
                <pb n="11"/>
                <p>Frau Birmann, die Besitzerin des kleinen Sündenfalls, sprach es wieder und wieder
                    aus, daß es sich durchaus nicht lohne, alten Geschichten nachzudenken. „Es ist
                    gerade schwer genug, mit dem jetzigen verrückten Leben zurechtzukommen, man muß
                    nicht auch noch das tote aufwecken wollen. Und überhaupt, bewahr’ mich der
                    Himmel vor einer Erscheinung aus der andern Wett! Ich weiß ja zwar bestimmt, daß
                    es keine Geister gibt. Aber wenn einmal einer zu mir kommt ich glaube, der
                    Schlag rührt mich! Und das tät’ mich nun wirklich ärgern, so vor der Zeit
                    wegzussterben.“</p>
                <p>Frau Birmann kniff die Lippen ein, denn sie war bei ihrem Strickmuster an eine
                    schwierige Stelle gekommen, und so entging es ihr, daß ihre Freundin und
                    Nachbarin, das zarte, schlankgebaute Fräulein Hunziker, sie mit einem
                    mutwilligen kleinen Lächeln betrachtete. Frau Birmann sah drein, als habe sie
                    das „verrückte Leben“ nicht allzu sehr mitgenommen. Das runde Gesicht erinnerte
                    in seinen kräftigen Farben und in seiner glatten Wohlgepflegtheit an einen Apfel
                    jener herbsüßen Sorte, die sich bis tief in den Winter hinein frisch zu erhalten
                    pflegt. Niemand, der sie da am Fensterplatz thronen sah, hätte der stattlichen
                    Erscheinung mit der tiefsschwarzen Haarkrone angesehen, daß sie die Mitte der
                    fünfzig schon überschritten habe, oder <pb n="12"/>hätte gedacht, daß die
                    Freundin ein ganzes Jahrzehnt jünger sei. Fräulein Hunzikers Gesicht war blaß
                    und hatte einen sanften kleinen Sorgenzug; aber wenn ihr etwas das Herz
                    erwärmte, ging in den grauen Augen ein helles Leuchten auf. Doch am schönsten
                    war ihr Lachen.... In dieses Lachen hatte sich ihre Jugend gerettet.</p>
                <p>Frau Birmanns zusammengekniffene Lippen taten sich auseinander, die Strickerei
                    erforderte keine allzu große Aufmerksamkeit mehr. ,Hast du dich nun wirklich
                    entschlossen, diesen Herrn aufzunehmen, Salome?“ fragte sie in strengem Ton.</p>
                <p>Fräulein Hunziker errötete, als sie zaghaft erwiderte: „Ich konnte nicht anders,
                    Pauline. Platz ist ja da, und wenn es schon einmal drei sind, macht ein vierter
                    nicht viel mehr Mühe. Das Anneli ist es auch ganz zufrieden. Ich will ihm dann
                    ein wenig aufbesssern.“</p>
                <p>„Ein Wunder, daß du nicht ein zweites Mädchen einstellst und auch noch die
                    Wohnzimmer in Herrenzimmer verwandelst! Laß dir's sagen, Salome, du ruinierst
                    dich finanziell und richtest deine Gesundheit zugrunde. Und was hast du
                    eigentlich davon? Von deiner ganzen Gutmütigkeit? — Wie schön und ruhig könntest
                    du's haben! Gerade wie ich. Statt dessen lädst du dir diese Last und Sorge
                    auf.“</p>
                <p>Fräulein Salome erwiderte nichts. Es war <pb n="13"/>diese Sache ein oft
                    erörtertes Thema zwischen den Freundinnen, und sie hatte es allmählich
                    aufgegeben, Frau Pauline die Gründe für ihr Handeln klar zu machen. So beugte
                    sie sich nur tiefer über ihre Näharbeit, um den forschenden Blicken Frau
                    Birmanns zu entgehen. Auch diese schwieg, aber um so erregter arbeiteten ihre
                    Gedanken. O diese Salome! Wie war es nur möglich, sich für fremde junge Männer
                    verantwortlich zu fühlen, sie vor schlechten Wegen bewahren zu wollen! . . . Das
                    wäre eine schöne Geschichte, wenn man sich auch noch für Hie Sünden der andern
                    schuldig fühlen müßte. Sehe jeder, wie er's treibe! Und + einmal würde sich
                    diese bodenlose Gutmütigkeit schon rächen. Zwar bis jetzt war die gute Salome
                    mit ihren Logisherren ~ eigentlich wurde einem schon übel beim bloßen Klang des
                    Wortes, und die Salome sagte drum auch immer „meine Buben“ — Â ja, eigentlich
                    war sie bis jetzt immer gut gefahren. Vor vier Jahren hatte ssie die verrückte
                    Idee gefaßt, weil so eine ängstliche Frau Mama sie gefragt, ob sie ein
                    passsendes Logis für ihren Sohn wüßte. Da war in Salomes Kopf, oder besser
                    Herzen, der Gedanke aufgetaucht, daß der rote Schneck wohl das passendste Lcgis
                    für den jungen Herrn sei. Und mit unglaublicher Hartnäckigkeit hatte sie den
                    Gedanken in die Tat umgesetzt, und bald hatte man <pb n="14"/>im Haus zum roten
                    Schneck neben Fräulein Salomes leichten Schritten und Annelis überstürztem
                    Laufen einen festen männlichen Schritt gehört, dazu Pfeifen und Geigenspiel und
                    gelegentlich ein bärenmäßiges Lachen . . . Und zum ersten hatte sich ein zweiter
                    gesellt und ein dritter . . . Und nun Follte gar noch ein vierter kommen, ein
                    Ausländer, bei dem die Anfrage, was für eine Geborene die Mutter sei, nicht eine
                    gemeinsame Base im vierten Glied oder eine einstige Pensionsfreundin zutage
                    fördern würde. Die andern alle, die zurzeit im Hause waren, der Theologe Braun,
                    der Buchhändler Klaiber und der Bankangesstellte Dreher, sie waren wackre
                    Schweizerbürger, sie sandten ihre Wäsche nach Hause, und es kam etwa ein
                    Familienglied nach ihnen sehen. Dieser Neue aber –~ was wußte man von ihm?
                    Nichts, rein nichts. – Die Salome, das gute Huhn, hatte sich da sicher eine
                    schöne Suppe eingebroct . . . Nur gut, daß sie, Pauline Birmann, noch da ist zum
                    Mitauslöffeln. Denn im Stich läßt sie die Salome ja nicht. Ach, und irotz ihrer
                    verrückten Ideen ist sie ihr eben von Herzen lieb . . . Hat sie nicht vorher ein
                    wenig hart mit ihr gesprochen? „Wann kommt er denn, Meeli?“ fragte Frau Birmann
                    mit so zarter Stimme, daß Fräulein Salome freudig erstaunt aufschaute.</p>
                <p>„Uebermorgen, Pauline. Er kriegt das untere <pb n="15"/>Zimmer, das hinten hinaus
                    liegt. Es ist ja ein wenig dunkel, aber er sagt, das sei ihm einerlei. Die Ruhe
                    sei ihm das Wichtigste, und daher sei ihm dies Zimmer lieber als eines der
                    andern.“</p>
                <p>„Da wird er aber aufhorchen, wenn ein Wagen mit Fässern übers Pflaster rumpeltl!“
                    frohlocte Frau Birmann. „Uebrigens, daß er nicht an die Helle will, Salome, das
                    scheint mir kein gutes Zeichen. Im Dunkeln ist gut munkeln, denk’ an mich.“</p>
                <p>„Aber Pauline, wer wird denn auch gleich an etwas Böses denken! Ich muß froh
                    sein, daß der gute Bursche so genügsam ist. Ich könnte mir ja allerdings meinen
                    vergnügten Frieder nicht gut da hinten denken. Der gehört in das Sonnenstüblein
                    . . . Aber für einen Muiiker paßt doch das heimelige Zimmerchen ganz vorzüglich.
                    Wenn man in dem großen Lehnstuhl sittt und das Bild von der Ursula anguckt, da
                    müssen einem ja die schönsten Melodien einfallen. Und, Pauline, ich bin sicher,
                    daß er ein guter Mensch ist. Er hat sso klare Augen.“</p>
                <p>Fräulein Salomes Gesicht leuchtete. Sie hatte die Näharbeit sinken lassen und die
                    Hände ums Knie geschlungen.</p>
                <p>Frau Birmann schaute sie an. „Du bist unbezahlbar, Meeli! Ich sehe, der Musiker
                    sitzt dir schon tief im Herzen. Aber eines rate ich <pb n="16"/>dir: das
                    kostbare Bild ließe ich nicht im Zimmer.“</p>
                <p>„Pauline!“ sagte Fräulein Salome. Ihre sanften Augen sahen wahrhaft entrüstet
                    drein.</p>
                <p>„Sei nicht böse, Meeli, ich mein’s ja nur gut mit dir. Und wenn es dir weh tut,
                    will ich auch kein Wort mehr gegen den Monsieur sagen. Wie heißt er
                    eigentlich?“</p>
                <p>Es war nicht schwer, Fräulein Salome zu versöhnen. Mit Eifer und nicht ohne Stolz
                    entgegnete sie: „Einen schönen Namen hat er, Pauline, einen nordischen. Er heißt
                    Olaf Larsen.“</p>
                <p>„Hm, so, schön“, brummte Frau Birmann. „Sonderbar, Olaf! Will mir gar nicht
                    passen.“</p>
                <p>„Der arme Larsen,“ lachte Fräulein Salome, „ich glaube, er paßt dir halt
                    überhaupt nicht. Aber sieh ihn nur einmal erst. Wir machen übermorgen abend eine
                    kleine Begrüßungsfeier. Wir haben kein Kolleg, wir haben alle frei —- ich meine,
                    die Buben haben alle frei.“</p>
                <p>„Wer gemeint ist, weiß ich schon, Salome. Aber es wäre doch gut, wenn du dir das
                    „Wir“- Sagen der zärtlichen Mutter abgewöhnen könntest. Wir gehen ins Kolleg, w
                    i r haben heute Versandtag, wi r müssen Zinseintragungen machen, das lasse ich
                    mir noch einigermaßen gefallen. Aber wenn man sagt: wir lassen uns einen Bart
                    wachsen –</p>
                <pb n="17"/>
                <p>„Aber Pauline, das habe ich nie –</p>
                <p>„Jawohl hast du's gesagt! Heute früh, als der Braun auf der Treppe an uns
                    vorbeiging, sagte ich: wie sieht denn der Mensch drein, so verwahrlost und
                    verkommen! Da sagtest du mit deiner allermitfühlendsten Stimme: das geht bald
                    vorüber. Wir lassen uns eben einen Bart wachsen . . . So, nun mußt du dich
                    selbst auslachen, Meeli. Und das tut einem immer gut.“</p>
                <p>Frau Birmann legte den Arm um die verlegen dreinschauende Fräulein Salome. „Gib
                    dem Brummbär einen Kuß! Und übermorgen abend komme ich natürlich. Du wolltest
                    mich doch vorhin einladen?“</p>
                <p>„Ja, freilich, das wollte ich. Um sieben, Pauline! Aber wir sehen uns ja noch
                    vorher.“</p>
                <p>„Gewiß! Und wenn ich etwas helfen kann, oder wenn du die Sara brauchst, so sag's
                    nur. Die weiß ja ohnedies nicht, was mit ihrer Zeit anfangen, und erstickt
                    demnächst im Speck. Sie soll dir kochen, dann hast du das Anneli frei fürs
                    Servieren und mußt nicht selber Fuchs und Has sein.“</p>
                <p>„Dank für alles, Pauline, du bist so eine Gute“, sagte Fräulein Salome. Sie stand
                    oben an der Treppe, das Lämpchen in der Hand, und wartete, bis sich die Haustüre
                    hinter der Freundin geschlossen hatte.</p>
                <pb n="18"/>
                <p>Um halb sechs Uhr machte sich Fräulein Salome daran, mit Annelis Hilfe die Tafel
                    zu rüsten. Das feine, von der Großmutter geerbte Service, das weniger abgenutzte
                    Silber und die chinesischen Tassen, die so durchsichtig zart waren wie köstliche
                    Wunderblumen, wurden hervorgeholt, auch die silberne Teekanne, Salome Hunzikers
                    größter Schatz. Es knüpfte sich eine kleine Liebesgeschichte an diese Teekanne,
                    die Fräulein Salome dem andächtig lauschenden Anneli bei jedem Hervorholen zu
                    erzählen pflegte. Nicht eine von Fräulein Salomes eigenen Liebesgeschichten.
                    Bewahre, diese zu besprechen, wäre ihr nicht taktvoll erschienen. Nein, es ging
                    ihre Urgroßmutter an, die schöne Ursula. Diese hatte einsc in ihrer Jugend an
                    einem Badeort die Bekanntschaft eines englischen Lords gemacht. Die beiden
                    fröhlichen jungen Menschen fanden Gefallen aneinander, trotz des Entsetzens der
                    beidersseitigen Elternpaare. Da machte der alte Lord der Liebesherrlichkeit ein
                    rasches Ende. Er schicte den Jungen auf eine seiner indischen Kaffeeplantagen,
                    drohte ihm mit Enterbung, falls er einen Briefwechsel unterhalte, und so mußte
                    die schöne Ursula ihr gebrochenes Herzchen so gut es ging zusammenflicken, was
                    ihr auch ganz prächtig gelang. Sie ward eine glückliche Frau und zog fünf
                    stramme Buben und eine Tochter groß. Am Tage, da <pb n="19"/>sie eben dem
                    Jüngsten die blaßblauen Schleifen ins Taufkleid knüpfte, wurde ihr eine kleine,
                    an ihre Adresse gerichtete Kiste ins Zimmer gebracht. Die Handschrift war ihr
                    unbekannt, und wer sollte ihr etwas aus England schicken? Da kam ihr plöglich
                    eine Erinnerung. Sollte? . . . Ach nein, das war unmöglich, völlig
                    ausgeschlossen!</p>
                <p>Aber als die Urgroßmutter am Abend vorher hatte sie keine Zeit gefunden ~ die
                    Kiste öffnete, da war das Unmögliche doch wahr. Der einstmals Geliebte war in
                    der Stadt gewesen, hatte Frau Ursula gesehen und erkannt, hatte von ihrem
                    Familienglück erfahren und bat sie nun „kor old sake’s sake“ den beiliegenden
                    bescheidenen Gruß aus Indien mit Wohlwollen aufzunehmen. Es scälte sich dann aus
                    vielen weichen Hüllen eine silberne Teekanne, die auf den ersten Blick das Land
                    ihres Ursprungs verriet. Ein kunstvoll gearbeiteter Elefantenkopf mit gebogenem
                    Rüssel bildete den Griff, ein zweiter mit hochaufgerichtetem diente zum Ausguß.
                    Auf dem flachen Detkel saß ein kleiner Götze, und rings um die Kanne lief ein
                    breites Relief: zwischen Palmen und niederem Gesträuch schlich ein Leopard,
                    trabte ein Elefant, duckte sich ein Tiger zum Sprung, auch das possierliche
                    Stachelschwein und der Tapir fehlten nicht.</p>
                <pb n="20"/>
                <p>Wieder und wieder drehte Frau Ursula das Kunstwerk in ihren Händen. Ihre Wangen
                    brannten, halb in der Erinnerung an alte Zeiten, halb um der Nectkereien ihres
                    Mannes willen. Dann schrieb sie einen anmutig-höflichen Dankesbrief und legte
                    die Silhouette ihrer Tochter bei, da diese in dem Schreiben des Lords
                    ausdrücklich erwähnt worden. In ihren Händen wünsche er später einmal die
                    Teekanne zu wissen, und wenn der Himmel es füge, daß sie Mutter einer Tochter
                    werde, möge diese die nächste Empfängerin sein. „Und so ist denn die Teekanne
                    endlich auf mich gekommen, Anneli“, schloß Fräulein Salome. „Aber jetzt,“ sie
                    seufzte ein wenig, fuhr dann aber gleich mit heiterer Stimme weiter, „jetzt
                    kriegt sie eben einmal das Esthi. Es wird sich auch freuen und Sorge tragen zu
                    dem alten Stück . . . Du kannst noch das Brot aufschneiden, Anneli.“</p>
                <p>Fräulein Salome überschaute die Tafel mit zufrieden prüfendem Blick. Sie sah
                    wirklich festlich drein mit den tiefroten und weißen Astern und den zarten
                    grünen Ranken. Die Hängelampe übergoß alles mit ihrem durch den rotseidenen
                    Umhang weichgedämpften Licht.</p>
                <p>Fräulein Salome setzte sich auf ihren Lieblingsplatz, auf eine zwischen den
                    Fenstern stehende Truhe. Pauline Birmann hatte sie schon oft um dieser Neigung
                    willen ausgelacht. „Du <pb n="21"/>bist unbezahlbar, Meeli! Jeder, der
                    hereinkommt, ist hingerissen von dem Blick aus dem Fenster. Du drehst dem allem
                    den Rücken und schaust deine alte Stube an.“</p>
                <p>Aber Fräulein Salome liebte eben die alte Stube. Ihr war immer, als hätten all
                    die Menschen, die hier aus und ein gegangen, einen Hauch ihres Lebens
                    zurückgelasssen, etwas von dem, was ihr eigenstes Wesen ausgemacht. Nie war
                    diese Stube kalt und leer und fremd, nie überkam Fräulein Salome ein Gefühl des
                    Alleinseins, wenn sie auf ihrer Truhe saß und die Augen auf den Möbeln und
                    Bildern ruhen ließ. Ueber dem Kanapee hingen zwei alte Porträts, die aus dem
                    Anfang des achtzehnten Jahrhunderts stammten. Das eine war die „Wiegenbraut“,
                    wie man sie genannt haite, im sechsten Lebensjahre, das andere ihr Gemaÿl, dem
                    sie in ihrem vierzehnten Jahr angetraut worden. Er war einer der Gäste an ihrem
                    Tauffest gewesen, denn ihr Vater hatte ein Wohlgefallen gefunden an dem
                    tüchtigen und strebsamen jungen Mann und hatte ihn in sein Haus gezogen. Und
                    schon damals, am Tauffest, versprach er ihm die kleinwinzige Hand seiner Tochter
                    Salome. Daher der Name „Wiegenbraut“.</p>
                <p>Die kleine Salome wuchs auf wie andere Kinder, spielend und lachend, aber sie
                    wußte immer, daß der hochgewachsene Mann, der von Zeit <pb n="22"/>zu Zeit im
                    Hause erschien, einmal ihr Gatte sein würde. Wenn er sich dem Hause näherte, und
                    die alte Vrene erspähte ihn durchs Fenster, so rief sie dem Kinde zu: „Meeli,
                    leg' die Puppe weg, der Herr Hochzeiter kommt.“</p>
                <p>So kam es, daß die kleine Salome nie das Träumen lernte. Andere hatten ihr
                    Schicksal gezimmert und vor sie hingelegt: da nimm. Wonach hätte sie sich
                    sehnen, wovon träumen sollen? Nur das Unbekannte, das Ferne, weckt die Träume.
                    Sie aber war die Wiegenbraut und kannte ihren Hochzeiter, seit sie Vater und
                    Mutter kannte. Daher ist auch das Bild der kleinen Salome kein Kinderbild. Diese
                    schlanke junge Dame mit dem hochgetürmten Lockenhaar eine Sechsjährige? Sie
                    trägt ein ausgeschnittenes Kleid aus rosa Seide und breite Spizen um Hals und
                    Arme. Sie hat eine hohe Stirne und gerade Nase, einen energischen kleinen Mund
                    und schmale, klugblickende Augen. Nur die Rundung der Wangen und die Hände,
                    kurzfingrig und breit, verraten das Kind. Auf den ersten Blick wirkt das Bild
                    fremd und kühl. Aber beim näheren und innigeren Beschauen ist es, als erwache
                    auf dem Antlitz der jungen Salome ein feiner und seltsamer Zauber. Ist es nicht,
                    als füllten sich die dunkeln Augen mit Leben, als husche um den frühreifen Mund
                    ein fröhlich Kinderlachen? .. . Hast du ihn wohl lieb gehabt, <pb n="23"/>kleine
                    Salome, den würdevollen Herrn an deiner Seite, mit dem schönen dicken
                    Tellerkragen und der weißbepuderten Perücke? Er ist eine Respekisperson, und er
                    weiß es auch. Das sagen die kühlen, gescheiten Augen, und noch deutlicher der
                    selbstbewußte Mund, der gar geistvolle, aber auch spitze Dinge zu sagen weiß . .
                    . Du scheinst ihn gut gepflegt zu haben, deinen Eheherrn, kleine Salome. Das
                    Kinn mit dem Grübchen drin hat sich verdonpelt, und die Gessichtsfarbe ist
                    bräunlich und schön, wie es von König David heißt . . . Und du scheinst das
                    Leben lieb gehabt zu haben, du junge Salome, denn du wurdest ja so alt, daß du
                    sagen konntest: „Tochter, sag’ deiner Tochter, ihrer Tochter Kind schreie!“ . .
                    . Ja, und nun sitzt die Urenkelin jenes Kindes in deiner Stube, wieder eine
                    Salome. – ~</p>
                <p>Im Hausflur ertönte Frau Birmanns Stimme, und Fräulein Hunziker schrak zusammen
                    und stand eilig und mit schuldbewußtem Gesicht von ihrer Truhe auf. Gut, daß
                    Pauline keine Gedanken lesen konnte! Sonst hätte sie wohl wieder gesagt: „Bei
                    welcher Ahnfrau bist du zu Gaste gewesen, Meeli? Ich wette, bei der
                    allerältesten, die die verrückte Heirat gemacht, denn du siehst drein, als
                    kämesst du aus der tiefsten Tiefe gestiegen.“</p>
                <p>Noch ehe Fräulein Salome die Türe öffnen konnte, ward sie von außen aufgestoßen
                    mit <pb n="24"/>einem dienstfertigen „Sie gestatten“. Frau Pauline segelte ins
                    Zimmer mit einem unaussprechlichen Ausdruck im geröteten Antlitz, hinter ihr
                    erschien eine mittelgroße Jünglingsgestalt. Das weißblonde Haar, die zarte
                    Gessichtsfarbe und die seltsam leuchtenden Augen vom hellsten Blau taten so
                    deutlich seine Abstammung kund, daß Frau Birmann gar keine Vorsstellung
                    abwartete, sondern gleich knapp und kühl hervorstieß: „Wie gefällt es Ihnen bei
                    uns, Herr Larsen? Für Sie sind wir wohl der reinste Süden?“</p>
                <p>Herr Larsen lächelte mit so wunderschönen, gesunden Zähnen, daß ihm Frau Birmann
                    wider Willen auf den Mund sehen mußte. „Das doch nicht, gnädige Frau! Ich –“</p>
                <p>„Birmann ist mein Name ~ Frau Pauline Birmann.“</p>
                <p>Herr Larsen verbeugte sich, während Fräulein Salome ein Lächeln zu verbergen
                    suchte. In diesem Augenblick klopfte es, und auf ihr Herein kamen all die Buben,
                    frisch und wohlgebürstet, und mit Gesichtern, die es deutlich aussprachen: wir
                    wissen, daß wir einen schönen Abend vor uns haben.</p>
                <p>Fräulein Salomes Augen strahlten. Es klang ihr feines Lachen, und mit einem Mal
                    schien sie diesen Jungen verwandt und schwesterlich nah.</p>
                <p>Herr Larsen ward vorgestellt und begrüßt, dann nahm man unter lauten
                    Bewunderungsrufen <pb n="25"/>die angewiesenen Plätze ein. „Gnädiges Fräulein
                    Haben das wunderschön gemacht!“ lächelte Herr Larsen und neigte sich zu seiner
                    Nachbarin. Fräulein Salome hatte ihn vorssorglich in ihre Nähe genommen,
                    möglichst entfernt von der ihr am andern Ende gegenüberssitenden Freundin. Aber
                    Pauline Birmann hatte gute Ohren. „Fräulein Hunziker! Fräulein Salome Hunziker!“
                    rief sie streng über den Tisch herüber, und Herr Larsen verneigte sich abermals
                    in ihrer Richtung mit höflich zustimmender Miene. „Hampelmann, mir imponierst du
                    nicht mit deiner Gnädigen und mit deinen Bücklingen! Im Gegenteil!“ dachte Frau
                    Birmann. Ihre schwarzen Augen schossen grimmige Blitze, aber sie prallten alle
                    ab an dem Schild höflicher Gleichmütigkeit, den ihr Herr Larsen entgegenhielt.
                    So wandte sich Frau Pauline ihrem Nachbar, dem Theologen Braun, zu, für den
                    nicht nur Fräulein Salome, sondern auch sie selbst eine kleine Schwäche hatte.
                    Freilich, zugegeben hätte sie das nie, so wenig als sie sich je zu einem
                    zärtlichen Ausdruck, wie sie Fräulein Salome so gerne entschlüpften, hinreißen
                    ließ. „Darf ich Ihnen den Salat geben, Frau Birmann?“ fragte Frieder Braun
                    diensteifrig. „Jawohl dürfen Sie das. Und nun erzählen Sie mir einmal, wie es
                    Ihnen im Examen ergangen ist,“</p>
                <pb n="26"/>
                <p>Während Frieder Braun mit sichtlichem Vergnügen das Betragen seiner Examinatoren
                    und ihrer Opfer schilderte und mit hellem Auflachen die Zwischenbemerkungen
                    seiner Nachbarin quittierte, entspann sich am andern Ende des Tisches ein
                    lebhaftes Gespräch zwischen Herrn Larsen und seinem Gegenüber, dem Buchhändler
                    Klaiber. Fräulein Salomes Anteilnahme galt weniger dem Thema, das die beiden
                    bearbeiteten, als den Sprechenden sselbst. Ob Brahms, ob Schubert oder Schumann
                    oder gar einer der ganz Neuen der König aller Liederkomponisten sei, focht sie
                    im Grunde wenig an. Sie war ihnen allen gleichermaßen dankbar, daß sie gelebt
                    und ihre schönen Weisen geschrieben Hatten. Aber das eifernde Hervorheben des
                    einen zu Ungunsten des andern war ihr fremd und berührte sie meist peinlich.
                    Hier nun nicht. Im Gegenteil. Es freute sie, daß der etwas blassierte und über
                    alles den Stab brechende Klaiber so warm und lebendig für seinen Liebling Brahms
                    eintrat. „Er hat doch Herz, der Bub,“ dachte Fräulein Salome zufriedenen Sinnes,
                    als Klaiber auf die Zigeunerlieder zu sprechen kam. Enthielten sie nicht alles,
                    einfach alles, was ein Menschenherz bedrängt und beseligt? Leichtsinn und
                    Schwermut, Sehnsucht und jubelnden Besitz, und vor allem eine ganz klare, eine
                    ganz innige Liebe, deren leise Stimme wie durch Tränen spricht.</p>
                <pb n="27"/>
                <p>Fräulein Salomes Augen fingen an zu leuchten. Wie mußte diese Begeisterung Herrn
                    Larsens Herz erwärmen! Aber seine Augen, die an glänzende Bachkiesel gemahnten,
                    zeigten nichts von Wärme und Ergriffenheit. Sie blickten nur höfliche
                    Zustimmung, und dann fügte die wollklingende Stimme in ihrem fremdartig-hübschen
                    Deutsch ein paar Sätze hinzu, die Fräulein Salome erstaunt aufhorchen ließen.
                    Trug er sie nicht vor wie etwas Auswendiggelerntes, wie etwas, das ihn im Grunde
                    nichts anging? Und in demselben gleichmütigen Ton glitt er auf Schumann über und
                    begann von seinen Liebesliedern zu reden. Und wieder war es Fräulein Salome, als
                    hätte sie diese Sätze schon einmal gelesen oder vortragen gehört . . . schöne
                    Sätze, fein charakterisierende Sätße. Und doch, und doch — die oft unvollendeten
                    oder ineinandergeschachtelten des jungen Klaiber hatten ihr tausendmal schöner
                    geklungen, denn sie waren lebendig, sie waren —~ aufrichtig gewesen. Das war es.
                    Aus diesem Wort wuchs der feine Nebel auf, der sich zwischen sie und den neuen
                    Hausgenossen drängen und ihr das helle Gesicht verdunkeln wollte.</p>
                <p>Aber Fräulein Salome wehrte sich. Sie hatte dem jungen Menschen ihr Haus und Herz
                    aufgetan. Sollte ein ungewisses Etwas, ein Nichts, dem sie gar keine Worte hätte
                    geben können, <pb n="28"/>ihn daraus vertreiben? Nein, nein, das Unbehagen, das
                    sie jezt empfand, würde sich bei näherem Kennenlernen verlieren, und der
                    Fremdling würde ihr ebenso nahe kommen wie ihre Schweizerbuben.</p>
                <p>Das Anneli trat jetzt an Fräulein Salome heran und tat flüsternde Fragen. Sie gab
                    ihm ebenso leise Beschein. Als sie sich wieder zu ihren Gästen kehrte, merkte
                    sie, daß das Gespräch in ein ganz anderes Fahrwassser geraten war. Herr Larsen
                    hatte sich an seinen Nachbar, den bis dahin beinahe stummen Bankangestellten
                    Dreher, gewandt: sie sprachen von alten und merkwürdigen Bauten der Stadt. Herr
                    Larsen äußerte sich anerkennend über die Pflege, die anscheinend den Häusern
                    vergangener Jahrhunderte zuteil werde. Immerhin gebe es Ausnahmen – er lächelte
                    ein wenig boshaft ~ wie z. B. das Nachbarhaus, dessen Bildnis kauri mehr zu
                    erkennen sei.</p>
                <p>Frau Pauline Birmann besaß die wunderbare Fähigkeit, zwei Gesprächen folgen und
                    dabei noch eigene Beobachtungen machen zu können. „Was fehlt Ihnen denn an dem
                    Bild?“ fragte sie plötzlich und schaute Herrn Larsen an wie eine richtende
                    Königin.</p>
                <p>„Nun, Adams Gestalt vor allem. Eva ist ja einigermaßen erkenntlich, auch der Baum
                    und die Schlange, aber –“</p>
                <pb n="29"/>
                <p>Dann haben Sie ja alles, was in der Geschichte eine Rolle spielt. Mehr braucht's
                    nicht. Denn Sie werden doch nicht behaupten wollen, der Adam habe eine Rolle
                    gespielt. Das heißt, er spielt eine, aber was für eine traurige! Tut keinen
                    Mucks, außer wie's ans Ausreden geht: da läuft plötzlich das Mundwerk und
                    beschuldigt gar noch den Herrgott. Aber vorher ~ steht wie ein Oelgöte und beißt
                    in den Apfel, den ihm die Eva hinsstreckt. Uebrigens eine feine Geschichte, Herr
                    Larsen, die sich durch all die tausend Iahre immer wieder erzählt hat. Ich will
                    ja nun gewiß nicht behaupten, die Eva spiele eine rühmliche Rolle darin. Aber
                    lieber als die des Adam ist sie mir schon. Wenn ich dran denk’, wie er nichts
                    tut, nichts spricht, sondern nur dasieht und in den Apfel beißt!“</p>
                <p>„Nun, das war dann doch eine Handlung!“ lachte Frieder Brauns fröhliche Stimme.
                    Herr Larsen aber sagte: „Ich sehe mit Vergnügen, daß – gnädige – ah pardon! Frau
                    Birmann! ~ daß Sie eine so freie Stellung zur Bibel einnehmen. Ich muß gestehen,
                    daß ich so viel Aufklärung nicht erwartet hätte.“</p>
                <p>„Aufklärung!“ sagte Frau Birmann und lehnte sich in ihren Stuhl zurück.
                    „Aufklärung!“ wiederholte sie langsam, und nun waren aller Augen auf ihr
                    strenges, stolzes Gesicht gerichtet. „Ich will Sie gern einmal aufklären, mein
                        <pb n="30"/>Herr. Weil ich mir die Freiheit nehme, über eine alte Geschichte
                    in der Bibel meine eigenen Gedanken zu haben, meinen Sie, ich hätte sie
                    überhaupt als etwas Ausgebrauchtes und Ueberlebtes abgetan. Ich will Ihnen etwas
                    sagen, Herr Larsen: können Sie mir ein Buch bringen, das Klareres und Tieferes
                    über des Menschen Natur sagt als die Bibel? Oder ein Buch, das einen bessern Weg
                    weiß für eben dieses Menschen strauchelnde Füße? Wissen Sie mir einen Führer,
                    der höher steht als der, von dem die alten Evangelisten erzäßlen? – Solange ich
                    nichts Besseres habe, halte ich mich an dieses Bibelbuch.“</p>
                <p>Zum erstenmal war der gewandte Herr Larsen unsicher. Er beugte sich stumm über
                    seinen Teller. Fräulein Salome aber lächelte die Freundin zustimmend an, und
                    Frieder Braun sagte: „Frau Birmann, Sie müssen mir einmal in meinem Amt
                    beistehen|“</p>
                <p>Frau Pauline legte ihre Hand auf seinen Arm. Schelmisch blitzten ihre schwarzen
                    Augen: „Herr Braun, es heißt, das Weib schweige in der Gemeinde.“</p>
                <p>Ein paar Wochen später saßen die Freundinnen wieder zusammen in Fräulein
                    Hunzikers Stube. Man schrieb den ersten Dezember, und <pb n="31"/>beide Frauen
                    waren mit Weihnachtsarbeiten beschäftigt. Fräulein Salome häkelte eine
                    dunkelrote Krawatte. Frau Pauline strickte an einem mächtigen wollenen
                    Schal.</p>
                <p>„Ich sag’ dir, Salome, das Ding ruiniert mich nochh Mein halbes Vermögen muß ich
                    hineinstricken. Aber bis es um die Postur der Sara reicht! Für wen machst du die
                    Krawatte?“</p>
                <p>„Für Larsen.“</p>
                <p>„Hm. Da hätte eine grellrote bessser gepaßt! Denn, Salome, der Kerl ist sicher
                    ein verkappter Sozi. Ach, Meeli, ich wollt’ ja nichts mehr gegen den Monsieur
                    sagen, weil ich's dir versprochen hab’. Aber nun kann ich's nicht mehr aushalten
                    ~ ich trau’ dem Kerl halt nicht! Der geht irgendwie auf krummen Wegen.“</p>
                <p>Frau Pauline hatte Abwehr und entrüsteten Widerspruch erwartet. Aber Fräulein
                    Salome ließ die Arbeit sinken und sagte mit bekümmerter Miene: „Pauline, mir
                    geht's ganz gleich.“</p>
                <p>„Dir! Na, da muß er's schön getrieben haben! Aber erzähl’, Meeli, erzähl’! Ist er
                    frech gewesen, oder hat er mit dem Anneli schön getan, oder was sonst ?“</p>
                <p>Fräulein Salome seufzte. „Nein, nein, frech ist er nicht. Im Gegenteil, er ist ja
                    so höflich, daß es mir beinahe zu viel wird. Und gegen das Anneli beträgt er
                    sich durchaus korrekt. Aber, Pauline! — er arbeitet nicht, wenigstens <pb n="32"/>nicht das, was er sollte. Er hatte mir doch gesagt, er werde im Konservatorium
                    Klavier- und Orgelstunden nehmen, mit all dem Drum und Dran von Theorie und
                    dergleichen. Und nun habe ich erfahren, daß er keine einzige Stunde hat, und das
                    Klavier, das ich ihm extra ins Zimmer stellen ließ, rührt er kaum an. Und dabei
                    erzählt er mir von seinen Lehrern und Mitschülern, von seinen Studien und
                    Fortschritten ~ — ich weiß nicht, wo hinschauen, so muß ich mich schämen.“</p>
                <p>„Na, und hast du's ihm denn nicht ins Gesicht gesagt, er sei ein Lügner, ein
                    Halunke ?“</p>
                <p>„Aber, ich bitt’ dich, Pauline! Das kann ich doch nicht. Wenn ich das sage, muß
                    ich ihn auch wegschicken. Und – und –</p>
                <p>„Selbstverständlich mußt du ihn wegschicken! Schon um der andern willen, Salome.
                    Wie kannst du dich nur besinnen!“</p>
                <p>„Ich dachte,“ sagte Fräulein Salome leise, und eine feine Röte stieg in ihr
                    blasses Gesicht, „ich dachte, es tue ihm vielleicht gut, wenn er hier ist und
                    sieht, wie die andern Buben so fleißig und brav und vergnügt sind und auf
                    ordentlichen Wegen gehen. Vielleicht käme er zur Einsicht, und dann käme die
                    Sache doch noch zu einem guten Ende.“</p>
                <p>Beinahe freudig klangen die letzten Worte. Aber Frau Pauline ließ sich nicht
                    beeinflussen. <pb n="33"/>„Ach, Meeli, der hat schon viele arbeitsfrohe und
                    ordentliche Menschen gesehen, die ihm hätten ein Beispiel sein können. Ich sag’
                    dir: schick den Kerl weg, je eher, desto besser. Hat er dir schon einmal Miete
                    bezahlt?“</p>
                <p>„Nein,“ gestand Fräulein Hunziker beschämt. „Er bat um Entschuldigung, die
                    Geldsendung von zuhause sei unerklärlicherweise ausgeblieben.“</p>
                <p>„Wer's glaubt!“ Höhnte Frau Birmann und rollte ihren Riesenschal zusammen. „Also
                    morgen wird Fräulein Hunziker dem Monsieur Olaf Larsen kündigen. Verssprich
                    mir's, Meeli! Ich werde sonst ernstlich böse. Du kannst es ja schriftlich tun,
                    wenn es dir so schwer fällt.“</p>
                <p>Am nächsten Abend legte Fräulein Salome auf Olaf Larsens Tisch ein längliches
                    weißes Kuvert. Darin stectte ein Brief, der in den denkbar zartesten Worten
                    Herrn Larsen bat, das Haus zum roten Schneck zu verlassen.</p>
                <p>Fräulein Salomes Hand zitterte, als sie den Brief auf den Tisch legte. „Ich hätte
                    es doch nicht tun sollen, vielleicht wäre ihm zu helfen gewesen“, murmelte sie
                    leise. Lange saß sie auf ihrem Truhenplatz und sann über das Wie ihrer Hilfe
                    nach. Aber sie mußte sich beschämt gestehen, daß sie ja nie das Wort gefunden,
                    das diesen aalglatten Nordländer gefaßt und festgehalten hätte.</p>
                <p>Herr Olaf Larsen bekam Fräulein Hunzikers <pb n="34"/>Brief nicht zu Gesicht. Er
                    kehrte an jenem Abend nicht nach Hause zurück. Statt seiner erschien am andern
                    Morgen ein freundlicher Herr, der sich mit einem Notizbuch neben Fräulein Salome
                    setzte und sie angelegentlich über ihren interessanten Pflegling ausfragte. „Hat
                    er bei Ihnen nichts gestohlen?“ fragte der freundliche Herr zum Schluß.</p>
                <p>„Nein, nein“, wehrte Fräulein Salome ab. „Im Gegenteil, er hat ja alle seine
                    Toilettensachen, auch Schuhe und Kleider, dagelassen.“</p>
                <p>„Na, es hat eben mit der Abreise geeilt,“ meinte der freundliche Herr, „und was
                    er mitgenommen hat, wiegt die paar Habhseligkeiten auf. Ein durchtriebener Kerl
                    das!“</p>
                <p>Als der freundliche Herr das Haus verlassen, schlich sich Fräulein Hunziker mit
                    zitternden Knien ins Haus zum kleinen Sündenfall. Frau Birmann empfing sie mit
                    erwartungsvollem Gesicht, aber was sie nun zu hören bekam, übertraf denn doch
                    alle ihre Erwartungen.</p>
                <p>„Ein Detektiv, Meelil Ein Detektiv! Das hätte sich der rote Schneck auch nicht
                    träumen lassen, daß einmal ein Detektiv über seine Schwelle treten würde. Wenn
                    das die alte Salome oder ihr würdevoller Ratsherr wüßte! Aber hab' ich dir ~</p>
                <p>Der Redestrom stockte plötzlich, denn Fräulein Salome fing an hHerzbrechend zu
                    weinen, und <pb n="35"/>Frau Pauline mußte ihr geheimstes Herzenstürlein auftun,
                    um Worte des Trostes und der Liebe hervorzuholen.</p>
                <p>Fräulein Salome beruhigte sich nach und nach. Sie kehrte in den roten Schneck
                    zurück, paciîte eigenhändig Olaf Larsens Sachen und adressierte sie an die
                    Polizei. Sie drohte dem froh-entsezten Anneli mit Kündigung, falls es nicht zu
                    schweigen verstehe. Sie brachte es über sich, den gewohnten Mittwochabendssitz
                    mit den Buben abzuhalten.</p>
                <p>Die dreie bemühten sich redlich, Fräulein Salomes traurigen Sinn aufzuheitern.
                    Frieder Brauns gutes Bubengesicht strahlte eitel Liebe und Besorgnis. Klaiber
                    holte seine Gitarre und sang alle die Lieder, von denen er wußte, daß sie
                    Fräulein Salome wohlgefielen. Dreher, der große Schweiger, erzählte eine
                    Anekdote um die andere. Manchmal konnte man die Pointe nicht herausfinden, aber
                    es schadete nichts. Fräulein Salome verstand ihn, das genügte. ~</p>
                <p>Am andern Morgen ersah Fräulein Hunziker aus ihrem Kalender, daß der
                    allmonatliche Silberputtag herangekommen. „Anneli, bring’ das runde Brett
                    herein, ich will dir das Silber herausgeben“, rief Fräulein Salome durch die
                    Küchentüre. Hierauf ging sie in die Stube, und kurze Zeit darauf trat auch das
                    Anneli hinein. <pb n="36"/>Es fiel ihm auf, daß Fräulein Hunzikers Hände
                    zitterten, als sie die silbernen Gabeln und Löffel herauslegte, und daß sie sie
                    leise zählte. Das war doch sonst nicht geschehen. Das Anneli staunte mit offenem
                    Mund. Fräulein Salome stellte die Zuckerbüchse heraus, dann die zwei
                    Fruchtschalen, die Butterdose – und nun schloß sie die Schranktüre. „Soll ich
                    die Teekanne nicht putzen?“ fragte das Anneli. „Nein, sie hat's nicht nötig“,
                    erwiderte Fräulein Salome kurz.</p>
                <p>Als sich die Türe hinter dem Anneli geschlossen, sank sie auf ihre Truhe und
                    schaute sich ganz verstört um. War dies wirklich ihre Stube, ihre trauliche,
                    liebe, stille Stube? Und in diese Stube hatte sich einer geschlichen und die
                    Schranktüre geöffnet und hatte die Teekanne, die schöne, ängstlich gehütete
                    Teekanne gestohlen? Daß er es gewagt hatte, unter der jungen Salome ernsthaften
                    Kinderaugen die Hand auszustrecken! Ach, vielleicht war er ja in Not gewesen,
                    dieser Olaf Larsen! Warum Hatte er sich nicht vertrauensvoll an sie gewandt? Sie
                    hätte ihm ja gewiß geholfen. Und Pauline hätte es nicht zu wissen brauchen.
                    Himmel . . . was würde Pauline sagen!</p>
                <p>Sie konnte zuerst überhaupt nichts sagen. Sie öffnete und schloß ein paar Mal den
                    Mund, als müsse sie die unerhörte Nachricht löffelweisse in sich aufnehmen. Aber
                    dann brach ein Redestrom <pb n="37"/>los, den alle Einwürfe Fräulein Salomes und
                    selbst ihre Tränen nicht zum Stocken bringen konnten. Frau Birmann hörte erst
                    auf, als die Stimme ihren Dienst versagte. Mit einem lezten, halb stöhnenden
                    „Halunke, elender!“ lehnte sie sich endlich in ihren Stuhl zurück, die Hände
                    über der zornigwogenden Brust gefaltet. Dann richtete sie sich plötzlich wieder
                    auf: „Hast du der Polizei Meldung gemacht, Salome?“</p>
                <p>„Nein, und ich werd's auch nicht tun.</p>
                <p>„Du wirst es nicht tun?“</p>
                <p>„Nein. Und es nügtt nichts, wenn du mich überreden willst. Ich werde es nicht
                    tun.“</p>
                <p>Das zarte, schlanke Fräulein Hunziker richtete sich bei diesen Worten
                    kerzengerade auf. So entschlossen sah sie drein, daß Frau Pauline nur durch ein
                    Brummen ihre Mißbilligung zu äußern wagte.</p>
                <p>Die beiden sprachen dann von gleichgültigen Dingen, und nach einer Weile empfahl
                    sich Frau Nauline. Unter der Türe aber wandte sie sich beinahe triumphierend um.
                    „So, Salome, eines wirst du mir nun zugeben müssen: di e Sache hat nun keine
                    gute Seite, wie du sonst von allem Ungemach zu behaupten pflegst. Du magst sie
                    drehen und wenden und von allen Seiten begucken, Gutes wirst du nirgends finden.
                    Kein Mietzins, vermehrte Arbeit, der Detektiv und jetzt noch ~“</p>
                <pb n="38"/>
                <p>Fräulein Salome stieß einen kleinen Schrei aus und legte die Hand auf Frau
                    Birmanns Mund. ,Sei doch still, Pauline. Du hast ja ganz recht, aber ich will
                    nicht, daß das Anneli etwas von der Teekanne erfährt“, flüsterte sie
                    angstvoll.</p>
                <p>„So, du gibst zu, daß ich recht habe? 's freut mich, Meeli, 's freut mich.“</p>
                <p>Vor ihren drei Buben konnte Fräulein Salome das Geheimnis der Teekanne nicht
                    bewahren. Und zum ersten Male geschah es, daß sie dem traurigen Bericht nicht
                    die Worte hinzufügte, die sonst jede mißliche Erzählung begütigend abschlossen.
                    „Die Sache hat aber doch eine gute Seite“, pflegte Fräulein Salome zu sagen und
                    je nachdem eine längere oder kürzere Erläuterung dieser Worte hinzuzufügen. Die
                    Geschichte Olaf Larsen mit dem Schlußkapitel Teekanne hatte wirklich keine gute
                    Seite, Fräulein Salome mochte ihre sanften Augen noch so sehr zum Klarssehen
                    zwingen.</p>
                <p>Und daß sie diese Entdeckung nicht machen konnte, daß wirklich etwas in ihr Leben
                    getreten, dem nichts Gutes abzugewinnen war, bekümmerte Fräulein Salome mehr als
                    der Verlust der Teekanne und das Schicksal Olaf Larsens an sich.</p>
                <pb n="39"/>
                <p>Sie sprach mit niemand darüber, aber Frau Pauline sowohl als die Jungen fühlten
                    den leisen Schatten, der über ihrem Wesen lag. Und jedes sann im stillen nach,
                    wie er zu heben sei.</p>
                <p>Am Abend des 23. Dezember hielt Fräulein Salome die Christtagsbescherung mit
                    ihren Buben ab. Auch Frau Birmann war dazu geladen. Punkt 7 Uhr trat sie mit
                    ungewöhnlicher Feierlichkeit ins Zimmer und schritt auf Fräulein Salome zu, die
                    eben die letzten Kerzchen am Baum entzündete.</p>
                <p>„Frohe Weihnacht, Meeli!“ sagte Frau Pauline. „Sieh, hier hab’ ich dir ein
                    Geschenk, das du gewiß nicht von mir erwartet hast.“ Sie streckte der Freundin
                    die Photographie eines jungen Mannes entgegen, und als Fräulein Salome
                    verständnislos darauf hinstarrte, fügte Sie hinzu: „So, den hab’ ich für dich
                    aufgegabelt, Meeli, damit du wieder ins untere Hinterzimmer gehen kannst. Ich
                    weiß, daß du seit jenem Tag nicht mehr drin warsst, und die schöne Ursula hat
                    gewiß Heimweh nach dir.“</p>
                <p>„Pauline!“ stieß Fräulein Salome hervor, „Daß du das getan hast, gerade du! Das
                    vergesse ich dir in meinem ganzen Leben nicht!“</p>
                <p>„Na, 's ist schon recht. Ich weiß wenigstens diesmal, daß keine Teekanne
                    gestohlen und die Miete pünktlich bezahlt wird. Es ist der jüngste Bub vom
                    Vetter vom Schwager von der Frau <pb n="40"/>Stauber selig . . . Himmel, was
                    geht denn da los!“</p>
                <p>Vor der Stubentüre tönten Schritte und Stimmengemurmel, dann vorsichtiges
                    Räuspern, und nun setzten drei frische Stimmen an und ssangen das alte
                    Weihnachtslied „Es ist ein Rof’ entsprungen“ so zart und andächtig, daß nicht
                    nur Fräulein Salomes sanfte Augen voller Tränen standen, auch an Frau Paulinens
                    stolzem Nasenrücken liefen ein paar Tränlein hinunter, die sie hastig und mit
                    verstohlenem Seitenblick auf die Freundin abwischte.</p>
                <p>Vor der Türe war es still geworden. Dann plötzlich ward sie aufgestoßen, und
                    herein traten mit feierlichen Schritten Fräulein Salomes Buben. Frieder Braun,
                    der in der Mitte ging, trug in den erhobenen Händen eine – Fräulein Salome
                    verschlug es beinahe den Atem ~ funkelnde Teekanne. Keine indische, aber schön
                    war sie doch.</p>
                <p>„Hier ein kleiner Ersatz für die Verlorene von uns dreien!“ sagte Frieder Braun
                    strahlend und sette die Teekanne unter den Christbaum ins grüne Moos. Ja, da saß
                    sie nun, leuchtete mit den Lichtern um die Wette und gab das Spiegelbild der
                    bunten Kugeln und der grünen Zweige in wunderlichen Verzerrungen wieder.</p>
                <p>Das wurde ein frohes Beisammensein. Fräulein Salome hatte ihr verlorenes Lachen
                    wieder <pb n="41"/>gefunden. Wie eine köstliche Melodie durchklang es den ganzen
                    Abend. Nur eine kleine Weile saß sie still und verssonnen, so daß Frau Pauline
                    schon anfing, sie unruhig zu betrachten. Aber mit einem Mal ward ihr Gesicht so
                    hell und freudig, daß die Freundin erlöst aufatmete.</p>
                <p>Als sich die Jungen verabschiedet hatten, standen die beiden Frauen und schauten
                    sich in die Augen. „Bist wieder vergnügt, Meeli ?“ fragte Frau Birmann und
                    zwinkerte lustig nach der Teekanne.</p>
                <p>„Dankbar bin ich, Pauline, o so dankbar! Denk’ doch, zw e i gute Seiten hat die
                    Sache jetzt: du hast dich zu meinen Buben bekehrt, und der Dreher, um den ich
                    mich immer sorgte, weil er ein wenig geizig ist – denk’ dir, der Dreher war’s,
                    der den Plan mit der Teekanne hatte.“</p>
                <p>„Meeli,“ sagte Frau Birmann, „du bist unbezahlbar!“</p>
                <p>Und dann gab sie ihr einen Kuß.</p>
            </div>
            <pb n="42"/>
            <div type="chapter">
                <head>Das Rathaus.</head>
                <p>In früheren Jahren hatte sich Jakob Flury gewundert, daß ihn Gott nicht auf einen
                    Acker oder in einen Garten gestellt, denn er liebte mit heißer und inbrünstiger
                    Andacht die Erde und alles, was aus ihrem Schoß emporsteigt. Es dünkte ihn das
                    Köstlichste, helfend und fördernd teilzuhaben am Wunder des Werdens und Wachsens
                    und allzeit der Gefährte zu sein von Gottes vollkommensten Gesschöpfen, den
                    Blumen und Bäumen.</p>
                <p>Aber als Jakob Flury älter wurde, merkte er, warum ihn Gott in die Stadt
                    gestellt.</p>
                <p>Mit einem Male war die Erkenntnis über ihn gekommen, an einem Frühlingstag, dem
                    ersten nach langen Winterwochen, als er von der Schreibstube nach Hause
                    gegangen. Da hatte es ihn getrieben, ein Stück Wegs den Fluß entlang zu wandern,
                    und da war das Wunder geschehen.</p>
                <p>Er kam an einem Gärtlein vorbei, drin ein Zierstrauch stand, mit golden
                    leuchtenden Blüten bedeckt. Er blieb stehen, und seine Seele trank die
                    Lieblichkeit des goldenen Busches . . . da zwang ihn plötzlich etwas, in die
                    Höhe zu schauen.</p>
                <pb n="43"/>
                <p>Hinter dem Gärtlein stand ein Haus, ein altes, blaßgraues. Aber oben unter dem
                    Dach zog sich eine halb verwitterte bunte Malerei, eine Girlande von Aepfeln und
                    Birnen wollte es Jakob Flury scheinen.</p>
                <p>Er betrachtete das Haus immer aufmerksamer. Auch um die niedern, breiten Fenster
                    zog sich die bunte Girlande; an der einen Seite sprang ein Erker vor, von
                    starkem Efeu umklammert, daneben war eine breite Türe aus tiefbraunem, mit
                    Schnitzereien bedecktem Holz.</p>
                <p>Das alles hatte Jakob Flury schon oft gesehen. Unzählige Male war er an diesem
                    und an ähnlichen Häusern vorbeigegangen ~ blind, seiner Sehnsucht ferne Bilder
                    weisend.</p>
                <p>Aber nun waren seine Augen aufgetan, und er sah das alte Haus, sah es und liebte
                    es von Stund an, wie er zuvor Baum und Wiese, Kornfelder und Rebhänge geliebt.
                    Doch lag in dieser neuen Liebe etwas, das die alte nicht gehabt: eine halb
                    mitleidige, Halb bewundernde Zärtlichkeit, wie man sie Menschen gegenüber
                    empfindet, denen eine köstliche Gabe verliehen ist, die sie unter verschlossenem
                    und abweisendem Wesen verbergen.</p>
                <p>Das Lachende und Strahlende in der Welt, dachte Jakob Flury, wird von allen
                    geliebt. Wer aber liebt die alten Häuser mit ihren finstern, steilen Treppen,
                    der niedern Zimmerdecke, den <pb n="44"/>unsymmetrischen Fensterreihen? Wer
                    liebt es, am Abend die alte Petroleumlampe anzuzünden, die die Ecken des Zimmers
                    im Dunkel läßt und nur ein klein golden Netz der Behaglichkeit um sich
                    spinnt?</p>
                <p>Er, Jakob Flury, liebte die alten Häuser, und als er diese Liebe erkannt, wußte
                    er, warum ihn Gott in die Stadt gestellt.</p>
                <p>Des Abends, nachdem die Schreibstube geschlossen war, ging Jakob Flury regelmäßig
                    spazieren. Zu Hause wertete niemand auf sein Kommen, denn Jakob Flury war
                    Junggeselle und kannte in der ganzen Stadt keine Seele, die ihm nahe gestanden
                    hätte. Vor Jahren + aber das lag so weit zurück, daß er sich kaum daran
                    erinnerte — hatte seine Schwester in der Stadt gelebt. Damals hatte er manche
                    Abendstunde bei ihr verbracht. Sie verstanden sich ohne viel Worte, die beiden
                    schwer, ja widerwillig von den Lippen kamen. Aber die Schwester kränkelte viel.
                    Es kam eine Seuche in die Stadt, der vor allem die Zarten und Müden zum Opfer
                    fielen. Leicht und beinahe schmerzlos war der Schwester Sterben gewesen. Nur im
                    letzten Augenblick war ein Schatten über ihr Gesicht geglitten, und sie hatte
                    leise und Heiser geflüstert: „So allein bist, Jakob!“ — „Sorg dich nicht, ich
                    kann's erleiden“, hatte er geantwortet. Und das Wort war aufrichtig gedacht und
                    gesprochen: Jakob Flury <pb n="45"/>trug seine Einsamkeit mit zufriedener
                    Gelassenheit. Hatte er nicht seine Bücher, seine Welt der Gedanken? Dabei hätten
                    ihn die Menschen, die schnabelbereiten, nur gestört. Hatte er nicht seine
                    Freunde, die alten Häuser, die keine Worte machten und doch zu ihm redeten? . .
                    .</p>
                <p>Er liebte sie aber nicht alle in gleicher Weise. Es gab da eines, das ihm
                    besonders nahe stand. Vor Jahrhunderten, als die durch den Strom getrennten
                    Stadthälften ungeeint hüben und drüben trotzten, hatte die „mindere Stadt“ ein
                    eigen Rathaus besessen. Stolz und traulich zugleich stand das mächtige Eckhaus
                    an der auf die Brücke führenden Freihofgasse. An der dem Fluß zugekehrten Seite
                    prangte das lebensgroße Bildnis eines ehemaligen Schultheißen in blauem Samtrock
                    und braunem Ueberwurf, das Haupt mit einer seltsamen Pelzmügtze bedeckt. Er
                    schien ein kriegerischer und vornehmer Herr gewesen zu sein.</p>
                <p>Das Rathaus, darin er geamtet, war später in eine Apotheke verwandelt worden. So
                    war es sich in gewissem Sinne treu geblieben: nach wie vor mühte es sich, zur
                    Heilung der Volksschäden beizutragen.</p>
                <p>Jakob Flury stand oft und viel vor dem Hause. Aber noch nie hatte er einen Fuß
                    hineingeseßzt. Was ihn fessselte, ließ sich sehr wohl von außen betrachten.</p>
                <pb n="46"/>
                <p>Durch zwei Fenster schaute man in die Apotheke, die mit ihren Flaschen und
                    Büchsen und endlosen Schubfächern dreinsah wie irgend eine andere Apotheke auch.
                    Durchs dritte Fenster aber blickte man in eine wundersame, längst versunkene
                    Welt. Das heißt, wenn man sehende Augen hatte. Es ging wohl mancher vorbei, der
                    sich verwunderte, daß der Apotheker die kleine Stube nur zur Aufbewahrung alten,
                    unnützen Trödels verwende.</p>
                <p>Jakob Flury dankte es ihm aus tiefster Seele. Zärtlich und ehrfuchtsvoll stahlen
                    sich seine Blicke durchs Fenster und wanderten in der altertümlichen kleinen
                    Apotheke von einem Gegenstand zum andern. Himmel, was war das für eine Zeit
                    gewesen! Die Porzellantöpfe standen nicht wie die heutigen als Anstaltskinder in
                    schwarzweißer Uniform auf ihren Brettern. Nein, ein jedes trug ein eigen
                    fröhlich Kleid: um die kühn geschnörkelten Buchslaben der Aufschrift zog sich
                    ein Rosenkränzchen oder ein zartes Gewinde aus Vergißmeinnicht und Maßlieb. Auch
                    die übrigen Geräte, Büchsen, Messsinggeschirr und Flaschen aller Art — ein jedes
                    trug die Spuren einer lächelnden und zärtlichen Kunst. Wahrlich, wer einst in
                    diese Apotheke getreten, den mußte ein tröstliches Gefühl durchrieselt haben,
                    denn all die schönen, heitern Dinge waren dazu angetan, wie eine frohe
                    Verheißung zu wirken. Aber auch ein <pb n="47"/>grusliches Gefühl mochte ihn
                    beschlichen haben, denn von der Decke hing seltsames Getier herab: ein
                    ausgestopftes kleines Krokodil, ein dickbäuchiger Fisch, ein riesengroßer
                    Seestern.</p>
                <p>Jakob Flury dachte sich den einstigen Besitzer dieser Herrlichkeiten als kleines,
                    graues Männchen, ähnlich demjenigen, das schon seit Jahrzehnten als Gehilfe in
                    der Apotheke nebenan waltete und mit seinem erloschenen Gesicht und seiner
                    vertrockneten Gestalt an die grauen Feigen gemahnte, die, an Schnüre gereiht, im
                    niedern Fenster baumelten. Nur eine Aehnlichkeit fehlte: er war nicht so süß wie
                    jene. Wenigstens glaubte Jakob Flury diesen Schluß ziehen zu dürfen, nachdem ihm
                    der Graue mehrfach seine stille Andacht vor dem Fenster mit brummigen und
                    anzüglichen Worten gestört. Er ahnte nicht, daß eine Art Tifersucht das
                    vertrocknete Männchen zu seinen Ausfällen trieb. Was brauchte ein Fremder mit
                    seinen Blicken Besitz zu nehmen von dem Heiligtum, in das er selbst durch ein
                    Schiebfenster im Innern stundenlang hineinstaunte . . .</p>
                <p>Eines Tages machte Jakob Flury eine furchtbare Entdeckung.</p>
                <p>Das alte Rathaus und seine nächsten Nachbarn, zehn an der Zahl, standen der
                    gegenüberliegenden Häuserreihe so nahe, daß sich der Menschenstrom zu gewissen
                    Tageszeiten an dieser Stelle staute und sich die Straßenbahn nur langsam <pb n="48"/>und unter fortwährendem Geklingel ihren Weg bahnen konnte. Dem mußte
                    abgeholfen werden. Allzu lang hatte man die alten Häuser pietätvoll geschont.
                    Sie waren immerhin nicht so viel wert wie ein Menschenleben, denn sicher würde
                    sich eines Tages an diesem engen Durchlaß ein Unglück ereignen. Natürlich war es
                    bedauerlich, daß die alten Häuser, vor allem das Rathaus, weichen mußten, aber
                    so war nun einmal der Lauf der Welt.</p>
                <p>Der Beschluß wurde in der Stadt lebhaft erörtert, aber Jakob Flury hörte nichts
                    davon. So traf es ihn wie ein Schlag ins Gesicht, als er eines Abends beim
                    Schlendern in der Freihofgasse das halbabgerissene Haus ,„Zem Dolder“ entdecte.
                    Auch auf das danebenstehende hatte die Zerstörung schon übergegriffen: die
                    Bewohner waren geflüchtet, und leer und tot schauten die Fenster auf die
                    Straße.</p>
                <p>Jakob Flury wollte seinen Augen nicht glauben, und noch weniger seinen Gedanken,
                    die eilig die Häuserreihe entlang liefen, um schreckerstarrt am alten Rathaus
                    Halt zu machen. Er, der Wortscheue, hielt die Vorübergehenden an und besprach
                    sich immer wieder, in ängstlicher Erregtheit, über das Ungeheuerliche. Er merkte
                    nicht, daß ihn spöttische und mitleidige Blicke streiften. Erst als die Worte an
                    sein Ohr schlugen: „Der hat wohl bis jetzt auf dem Mond gelebt!“ kam <pb n="49"/>er zur Besinnung und ließ von seinem Fragen ab. Nein, auf dem Mond hatte er
                    nicht gelebt, aber vielleicht in einer Welt, die so ferne und silbern war wie
                    jene . . .</p>
                <p>Die Zerstörung schritt weiter und fraß ein Haus nach dem andern. Noch stand das
                    hohe, nur stubenbreite, und das behäbige mit den vielen Fenstern —~ nachher
                    würde das Rathaus an die Reihe kommen . .</p>
                <p>Es war um die Abendstunde, da sich Fabriken und Arbeitsstuben leeren. Durch die
                    Freihofgasse schoben sich die Menschen, eilig und heiter, schwerfällig und müde.
                    Jakob Flury ließ sie fluten und drängen. Wie ein fernes, undeutliches Brausen
                    nur hörte er ihre Schritte, ihr Schwatzen und Lachen. Er starrte in die kleine
                    Schatzkammer und nahm Abschied von all den geliebten Dingen, die ihm ein Gruß
                    gewesen aus einer stillen und friedlichen Welt, die auch um ihre Alltagsgeräte
                    ein Kränzlein von Rosen gewunden.</p>
                <p>Jakob Flury trat von dem Fenster zurück. Er hob seine Augen zum Bilde des
                    Schultheißen, zu den Malereien des überhängenden Daches. Langsam ging er
                    rückwärts, Schritt für Schritt, um mit einem letzten, abschiednehmenden Blick
                    das Haus zu umfassen.</p>
                <p>Da –~ ~ = wütendes Klingeln entsetztes Aufschreien und Fluchen – – dann ein <pb n="50"/>Rennen vieler Füße . . . Starke Arme griffen zu und zogen Jakob
                    Flury unter den Rädern des Straßenbahnwagens hervor.</p>
                <p>Sie trugen ihn in das nächststehende Haus, das glücklicherweise eine Apotheke
                    war. So, nun war es ja eingetroffen, das längst erwartete Unglück. Höchste Zeit,
                    daß der alte Kasten wegkam.</p>
                <p>Eine Weile noch staute sich die Menge vor der Apotheke. Als die Männer, die Jakob
                    Flury hineingetragen, wieder auf die Straße traten und achselzuckend Auskunft
                    gaben, verlief sie sich rasch.</p>
                <p>Drinnen, auf dem Ledersofa, lag Jakob Flury mit geschlossenen Augen. Der
                    Apotheker stand am Telephon und rief den nächsten Arzt an. Der graue Gehilfe
                    lehnte an der Wand und betrachtete Jakob Flurys Gesicht. Er hatte ihn gleich
                    erkannt, und er konnte sich auch den ganzen Vorfall zusammenreimen.</p>
                <p>Da faßte ihn mit einem Mal eine Art Neid auf den stumm Daliegenden. „Nun braucht
                    er's nicht zu erleben“, murmelte er halblaut.</p>
                <p>Jakob Flury öffnete langsam die Augen. Sein Blick glitt über die Wände und blieb
                    endlich fragend auf dem grauen Männchen haften. Dieses trat näher. „Sie sind im
                    alten Rathaus. Man hat Sie hereingetragen, als Sie – –~ = Haben Sie Schmerzen?
                    Der Doktor wird gleich kommen.“</p>
                <pb n="51"/>
                <p>Jakob Flury antwortete nichts. Er öffnete nur die Augen weit . . . Das graue
                    Männchen mußte plötzlich an ein Kind denken, das einer großen Freude
                    entgegenssieht. Dann sah er, wie die Augen suchend zur Seite irrten.</p>
                <p>Er verstand. Dort drüben war das Heiligtum. Er brauchte nur das grüne Vorhängchen
                    wegzuschieben, so lag es frei da.</p>
                <p>Noch zögerte er einen Augenblick; aber dann schritt er entschlosssen hinüber.
                    Einem Sterbenden die lezte Bitte verweigern –~ ~ bewahr’ uns Gott, der Herr!</p>
                <p>Er schob den Vorhang zur Seite. Dann wandte er sich, Jakob Flurys Freude zu
                    schauen . .</p>
                <p>Aber siehe, dieser war schon eingetreten in eine Welt, friedlicher noch und
                    stiller als die von ihnen beiden geliebte.</p>
            </div>
            <pb n="52"/>
            <div type="chapter">
                <head>Die alte Madame.</head>
                <p>Die alte Madame, wie ihre Dienstboten sie zu nennen pflegten, war äußerst
                    schlechter Laune.</p>
                <p>Begreiflicherweise. In der Frühe, als sie den prächtigen weißen Elfenbeinkamm in
                    ihr immer noch wunderschönes rotes Hacr stecken wollte, war er ihren Händen
                    entglitten und so unglücklich auf der Marmorplatte des Toilettetisches
                    aufgeschlagen, daß er in zwei Stücke zersprang.</p>
                <p>Aber es kam noch besser. Regula, die doch sonst nicht zu den Ungeschickten
                    gehörte, mußte ausgerechnet zwei Stunden später, als sie der alten Madame das
                    Frühstüc ins Boudoir brachte, über eine Falte des Teppichs stolpern und – – ach,
                    es war am besten, gar nicht weiter darüber nachzudenken. Aber ein Elend war es
                    schon mit den Diensstboten! Jetzt hatte die Person demnächst dreißig Jahre
                    Zimmerdienst bei ihr getan und stolperte noch über den Teppich! So etwas wäre in
                    Rußland nicht vorgekommen. Wenn sie an Nadjeschda dachte, die mit unhörbaren,
                    schwebenden Bewegungen durchs Zimmer glitt, und von deren Lippen die Worte ihrer
                    melodischen Sprache niederriesselten <pb n="53"/>wie das süße Geklingel des
                    Glockenspiels auf St. Georgij! Freilich, das mußte sie gerechterweise auch
                    bedenken: das geschmeidige Schlänglein Nadjeschda hatte sich einst auch mit
                    derselben unhörbaren Grazie an einen Ort geringelt, wo sie durchaus nichts zu
                    suchen gehabt, und alle ihre süßen Jammertöne hatten sie nicht davor retten
                    können, mit Schimpf und Schande davongejagt zu werden. Regula aber war
                    grundehrlich, ja, das war sie. Und sie hatte ein gutes Herz, das fühlte man aus
                    jedem Wort ihrer rauhen Sprache.</p>
                <p>Die alte Madame drückte auf die Klingel. Aber nach einer Weile erschien nicht
                    Regula, sondern das kleine Küchenmädchen, das mit sichtlichem Entseßzen an der
                    Türe stehen blieb und auf die Frage der Herrin, wo Regula bleibe, stotternd
                    hervorstieß: „Sie sitzt in der Küche und heult.“</p>
                <p>„Heult? Sag’ ihr, sie solle es jetzt aufstecken. Mit Tränen flict man
                    zerbrochenes Geschirr nicht mehr zusammen, und auch der Teppich wird wohl besser
                    mit Fleckenseife behandelt. Sag’ ihr, sie soll hereinkommen und mir erzählen,
                    was sie letzte Nacht geträumt hat.“</p>
                <p>Die Kleine sperrte vor Erstaunen die Augen auf, daß sie ihr fast aus dem Kopfe
                    sprangen. Aber sie brachte doch ein „jawohl, Madamel!“ heraus, ehe sie eilig das
                    Zimmer verließ.</p>
                <pb n="54"/>
                <p>Draußen tat sie einen Luftsprung, denn sie war erst siebzehn Jahre alt und hatte
                    die Gewohnheit, ihren Lustgefühlen in dieser und ähnlicher Weise Luft zu machen,
                    noch nicht ganz abgelegt.</p>
                <p>„Nun, hat sie dich gebissen?“ fragte die Köchin lachend, als die Kleine wie ein
                    Wirbelwind in die Küche hereinfuhr.</p>
                <p>„Nein! Gott sei Dank, ich bin noch am Leben! Aber — Regula, Sie sollen
                    hineingehen und ihr erzählen, was Sie letzte Nacht geträumt haben.“</p>
                <p>Zur großen Verwunderung der Kleinen hörte Regula fast augenblicklich mit Weinen
                    auf. Sie kühlte die Augen am rinnenden Wasser, strich ihre Schürze glatt, und
                    als sie sich noch einmal energisch geschneuzt und statt des naßgeweinten ein
                    trocsenes Taschentuch zu sich gestect, trug ihr Gesicht einen geradezu
                    fröhlichen Ausdruck.</p>
                <p>Die Kleine schaute ihr mit offenem Munde nach. Da sollte einer klug draus werden!
                    Jetzt hatte sie geglaubt, die alte Madame mache sich über Regula lustig, und
                    diese werde wohl noch unglücklicher werden als zuvor. Und statt desssen sah sie
                    wahrhaft verklärt drein.</p>
                <p>„Tummel dich, tummel dich!“ mahnie die Köchin, „dort, die Salatköpfe nimm einmal
                    zuerst vor.“</p>
                <pb n="55"/>
                <p>Regula war mittlerweile bei ihrer Herrin eingetreten und saß mit steifem Rücken
                    auf der äußersten Kante des angewiesenen Stuhles. Die Madame hatte sich aus dem
                    mißhandelten Boudoir ins Wohnzimmer geflüchtet, dessen breite Fenster nach dem
                    Garten schauten. Ueber diesen und sein schönes eisernes Tor hinweg sah man ein
                    kleines Stück der buckligen Vorstadt. Die alte Madame pflegte häufig an einem
                    der Fenster zu sitzen und unbeweglich hinauszustarren. Regula suchte dann
                    manchmal verstohlen in ihrem Gesicht zu lesen, ob es wirklich der Garten oder
                    die paar Vorübergehenden seien, die ihre Herrin so gefangen hielten. Aber schon
                    nach wenigen Augenblicken fühlte diese die forschenden Blicke und Gedanken und
                    richtete ihre großen schwarzen Augen so verweisend und königlich stolz auf die
                    Dienerin, daß es Regula fast in die Knie zwang.</p>
                <p>An diesem Vormittag nun, als sie der alten Madame gegenübersaß, wandten sich ihr
                    die schwarzen Augen mit einem leisen Lächeln zu.</p>
                <p>„Wie gut sie mit einem Male dreinsieht!“ dachte Regula, ,schade, daß es so selten
                    ist.“ Sie besann sich, ob sie die alte Madame eigentlich jemals habe lachen
                    hören, seit Alexandra –</p>
                <p>„Nun, Regula, was haben Sie denn letzte Nacht geträumt?“</p>
                <p>Die Stimme der alten Madame riß Regula <pb n="56"/>aus ihren Gedanken. Aber sie
                    war gleich bei der Sache, denn das Gebiet der Träume, insonderheit der eigenen,
                    ward von ihr mit leidenschaftlichem und tiefernstem Interesse umfaßt.
                    Allmorgendlich pflegte sie der Köchin Bericht zu erstatten von den
                    Wunderlichkeiten ihrer nächtlichen Hirngespinste. Erschien ihr der Fall ganz
                    besonders eigenartig, dann wagte sie es auch, ihn ihrer Herrin zu unterbreiten,
                    nicht ohne Furcht vor deren spöttischen Auslegungen; aber wenn diese vollends
                    von sich aus eine Frage tat, ging Regulas Herz auf wie eine Blüte, und mit der
                    Freudigkeit und Begeisterung eines alten Barden hub sie an, die nächtlichen
                    Abenteuer ihres Geistes zu schildern.</p>
                <p>Daß die alte Madame nun just an diesem Morgen die erwünschte Frage stellte, war
                    ein Glücksfall sondergleichen, denn gerade diese Nacht . ..</p>
                <p>Regula tat einen tiefen Atemzug, setzte sich eiwas bequemer und begann: ,„Ja,
                    diese Nacht habe ich etwas ganz Unglaubliches geträumt. Ich sagte gleich heute
                    morgen zur Josephin: wenn das nur nichts Schlimmes bedeutet. Und nun ist's
                    richtig so gewesen. Ach Gott, ach Gott, der gute Teppich, und wo die Eier jetzt
                    so teuer sind!‘</p>
                <p>„Ich dachte, Sie wollten mir Ihren Traum erzählen, Regula!“ mahnte die alte
                    Madame.</p>
                <pb n="57"/>
                <p>„Ja freilich, ja! Also, ich träumte, ich wolle auf die Straße hinaus Einkäufe
                    machen. Ich nehme den Marktkorb + der große, runde war's ~ und gehe zum Tor
                    hinaus. Da auf einmal packt mich die Lust zu fliegen! Ich weiß wahrhaftig nicht,
                    wie ich auf den verrückten Gedanken gekommen bin, wo ich doch immer sage, das
                    Fliegen sei Gott versucht. Also ich strecke die Arme aus wie zwei Flügel und
                    fliege die Straße hinunter, aber nur zwei Schuh hoch über dem Boden, daß ich
                    immer Angst gehabt, ich schlage mir noch die Nase an. Erst wie ich an der Ecke
                    bin, geht es besser, und mit einem Male fliege ich über die Laternen weg, immer
                    den Marktkorb am ausgestrectten Arm. Und alles ist stehen geblieben und hat mir
                    nachgegafft. Ich hab' mich fast zu Tod gesschämt und wäre gerne
                    heruntergeflogen. Aber ich konnte einfach nicht! . . . Durch die ganze Vorstadt
                    mußt’ ich fliegen und ums Tor herum, dann endlich ging's wieder nach Hause und
                    just in mein Kammerfenster hinein. Du lieber Gott, war ich froh! Ich konnt’ die
                    Arme wieder hängen lassen wie ein vernünftiger Christenmensch, und nun lief ich
                    schnell in die Küche hinunter. Der Marktkorb war ganz von selbst voll geworden,
                    ich wollt’ ihn der Jossephin bringen. Aber — ich denk’, es trifft mich der
                    Schlag! — wie ich die Küchentür aufmach’, steht am Herd ein Eisbär und schlägt
                        <pb n="58"/>Eier in die Pfann’! So gewiß ich dasitz), Madame, ein Eisbär
                    war's und dazu ein ganz erschrecklich großer und zottiger Kerl. Es fährt mir
                    durch den Kopf: ob er die Josephin schon gefressen hat? Mit dem kommt der Kerl
                    auf mich zu. Das Eigelb tropft ihm von den Krallen herunter, und gebrummt hat er
                    ganz fürchterlich. Ich aber, ich hab’ den Korb gepackt und hab’ ihn dem Kerl mit
                    aller Kraft an den Kopf geworfen. Da hat er noch viel ärger gebrummt und = ja,
                    und dann bin ich aufgewacht, aber gebrummt hat er immer noch, das heißt nein,
                    nicht der Eisbär hat gebrummt, aber die Josephin hat geschnarcht, ich hab's
                    durch die Wand hindurch gehört . .. War das nicht ein merkwürdiger Traum?</p>
                <p>„Gewiß, Höchst interessant“, sagte die alte Madame, und wieder sah Regula mit
                    Befriedigung ein Lächeln über ihr Gesicht gleiten. Und dann stellte sie sogar
                    noch eine Frage: „Sind Sie wirklich um das ganze Tor herumgeflogen, Regula
                    ?“</p>
                <p>„Jawohl, Madame,“ versicherte Regula strahlend, dann fügte sie nachdenklich
                    hinzu: „Am meisten hat's mich eigentlich gewundert, daß ich sso glatt zum
                    Fenster hineingekommen und just auf mein Bett gefallen bin.“</p>
                <p>Kopfschüttelnd machte sie sich an ihre Arbeit. Die alte Madame aber, die eine
                    gute Vorstellungskraft <pb n="59"/>besaß, hatte ob der fliegenden Regula ihren
                    Aerger vergessen.</p>
                <p>Am folgenden Nachmittag übergab die alte Madame Regula ein Kuvert und sagte: „Zu
                    Pfarrer Metzger. Für seine Armen. Aber wenn er mir etwas berichten will, soll er
                    es schriftlich tun. Sagen Sie ihm, daß ich niemand empfange.“</p>
                <p>„Außer den Herrn Dr. Römer“, widersprach Regula leise.</p>
                <p>„Gut. Wenn Sie Ihr Gewissen zwickt, können Sie das ja hinzusetzen. Und – sagen
                    Sie auch noch, daß ich es mit seinem Vorgänger genau so gehalten habe. Alle
                    Vierteljahre werde ich ihm diese selbe Summe zustellen. Was er damit macht, ist
                    mir vollständig gleichgültig. Ich verlange keine Rechenschaft und auch keinen
                    Dank.“</p>
                <p>Als Regula die breite, mit einem weichen, tiefroten Teppich belegte Treppe
                    hinunterschritt, brummte sie halblaut vor sich hin: „Ob die wohl je anders wird!
                    Jetzt lauf’ ich doch gewiß schon zum fünfzigstenmal mit dem Brief zum Pfarrer. .
                    . . Oder gar zum hundertstenmal! Sie hat ja die Sache angefangen, kaum daß sie
                    von Rußland zurück war. Wie oft die Alexandra auch gebeten hat, selbst zu den
                    Armen gehen zu dürfen, <pb n="60"/>sie hat es ihr nie erlaubt. Ach, die
                    Alexandra, die ist ein armer Tropf!“</p>
                <p>„Hat sie Ihnen wieder geschrieben?“ fragte plötzlich eine Stimme.</p>
                <p>Regula blieb auf der untersten Treppenstufe stehen und starrte ganz entgeistert
                    in den dämmerigen Vorraum, daraus die Stimme geklungen. Da trat ein zierliches
                    ältliches Männchen auf sie zu, verbeugte sich und sagte lächelnd: „Die Jungfrau
                    Regula braucht nicht so fürchterlich zu erschre>éen. Es ist nicht der
                    leibhaftige Gottseibeiuns, sondern nur einer seiner geringsten Diener.“</p>
                <p>„Aber, Herr Doktor!“ schalt Regula. „Wie können Sie nur so lästerlich reden! Und
                    dabei weiß ich doch ganz genau, daß Sie ein frommer und christlicher Herr
                    sind.“</p>
                <p>„So, da wissen Sie ja mehr als ich selbst. Ich bin mir über diesen Punkt noch
                    nicht ganz klar. Aber Regula: Sie haben mir meine Frage noch nicht beantwortet.
                    Hat Ihnen Alexandra wieder geschrieben?“</p>
                <p>„Nein, Herr Doktor. Seit dem letzten Brief, den ich Ihnen ja zeigte, ist nichts
                    mehr gekommen.“</p>
                <p>„Hm. Wie lange ist das nun?“</p>
                <p>„Warten Sie einmal . . . Drei Monate werden’s schon sein. Ja, 's war im Juli,
                    denn sie schrieb, der Bub sei dreiviertel Jahr alt, und <pb n="61"/>der ist im
                    Oktober geboren. Herrjeh, da hat er ja bald Geburtstag, da sollt’ ich doch
                    gratulieren.“</p>
                <p>„Tun Sie das, Regula, tun Sie es gewiß. Und ~“ sein Gesicht ward plötzlich rot,
                    und die gescheiten Aeuglein zwinkerten verlegen in der alten Dienerin Gesicht,
                    als er leise weitersprach: „Könnte man nicht bei dieser Gelegenheit ein wenig
                    den guten Onkel spielen? Oder ist sie dafür auch zu stolz?“</p>
                <p>„Sagt’ ich's nicht, daß Sie ein christlicher Herr sind!“ triumphierte Regula.
                    „Das lohn’ Ihnen Gott, der Herr! Ach, ich glaub’, die arme junge Frau ist nicht
                    mehr so stolz wie früher. Wissen Sie, seit sie das Kind hat, ist manches anders
                    geworden. Es ist schwer, ein Kleines Mangel leiden zu sehen.“</p>
                <p>„Mangel! Alexandras Kind leidet Mangel! Und das sagen Sie mir erst jezt? Da soll
                    doch gleich – –! Können die Weibsleut’ nie den Mund zur rechten Zeit
                    auftun!“</p>
                <p>Mit kurzen, zornigen Schritten lief der kleine Herr hin und her, dann blieb er
                    wieder vor Regula stehen.</p>
                <p>Sie sah ihm mit einem strengen und traurigen Blick ins Gesicht.</p>
                <p>„Ich weiß nicht, ob es ausgerechnet die Weibsleut’ sind, die keinen Mut haben,
                    ein offenes Wort zu sprechen“, sagte sie langsam.</p>
                <p>Dr. Römer schaute plötzlich beschämt drein. <pb n="62"/>Er nickte ein-, zweimal,
                    dann streckte er die frauenhaft zarte und schmale Hand aus und sagte, während
                    Regula ihre harten Finger in die seinen legte: „Sie haben recht, Regula. Ich
                    darf Ihnen wahrhaftig keinen Vorwurf machen, verzeihen Sie. Aber es hat mich
                    ganz übernommen, der Gedanke, daß Alexandras Kind Mangel leiden könnte.“</p>
                <p>„Ich weiß ja nichts Gewissses“, suchte ihn Regula zu beschwichtigen. „Ich hab’
                    nur so meine Befürchtungen, und aufgefallen ist mir, daß sie meine letzten
                    Sendungen so dankbar angenommen hat.“ Ein triumphierender Ausdruck trat
                    plötzlich auf ihr Gesicht. „Wenn das die alte Madame wüßte, was ich mit der
                    Wäsche gemacht, die ich dem Pfarrer für seine Armen hätte bringen sollen! Was
                    Arme! habe ich bei mir gedacht. Da gibt's Leute, die dir näherstehen...Es war so
                    schöne, weiche Leinwand, Herr Doktor. Wie gemacht für zarte Gliedlein. Und die
                    junge Frau hat glückselig geschrieben, wie sie die Hemdlein gekriegt hat. Und
                    wissen Sie, was ich später gemacht habe? Finde ich da eines Tages in einer
                    Bodenkammer einen Koffer mit Kindszeug. Das habe ich alles so nach und nach der
                    jungen Frau geschickt!“</p>
                <p>„Ei, ei, die Jungfrau Regula gehört zur Langfingerzunft!“ scherzte der kleine
                    Herr.</p>
                <p>„Das wäre noch schöner!“ entrüstete sich <pb n="63"/>Regula. „Lieber tät’ ich mir
                    die Hand abhacken als etwas nehmen, das nicht mir gehört. Aber das Kindszeug –
                    Sie wissen wohl, Herr Doktor: die junge Frau hat ein Recht darauf, und nicht nur
                    auf das Kindszeug ~ daß Gott erbarm!“</p>
                <p>„Gewiß, gewiß!“ nickte Dr. Römer. „Ist sie übrigens immer gleich? Sagt sie nie
                    ein Wort von der Tochter ?“</p>
                <p>„Ietzt sprechen Sie wohl von der alten Madame? Ja, die ist immer die gleiche . .
                    . Ich glaube, Sie sind volle vier Wochen nicht dagewesen, Herr Doktor?“</p>
                <p>„Stimmt, stimmt. Ich war verreist.“</p>
                <p>„Na also, in diesen vier Wochen hat sie in der ersten Zeit vernünftig geschlafen
                    und gewacht wie unsereins auch. Nachher hat sie zehn Tage lang umgekehrt gelebt.
                    So gegen sieben Uhr abends ist sie aufgestanden, und wenn's Tag geworden, ist
                    sie zu Bett gegangen. Ich sage Ihnen, ich war halb tot nachher. Zum Glück sind
                    die letzten acht Tage wieder gut gewesen.“</p>
                <p>„Ich, müßt ihr denn alle diesen Lebenswandel mitmachen? Das kann sie doch nicht
                    verlangen.“</p>
                <p>„Nein, nicht alle. Die Kleine kommt gar nicht in Frage. Aber jemand muß doch zur
                    Stelle sein, wenn sie etwas braucht. Da bleibe ich eben auf und wecke die Köchin
                    nur, wenn sie etwas will, das ich nicht kochen kann,“</p>
                <p>Dr. Römer brummte etwas, das wie ,verrückte <pb n="64"/>Geschichte“ klang. Regula
                    aber sagte in plötzlichem Erschreden: „Nun muß ich mich aber sputen. Sonst bin
                    ich ja nicht zurück für den Tee. Nein, wie man sich nur so festschwatzen
                    kann!“</p>
                <p>„Lassen Sie sich's nicht gereuen, Regula. Es hat uns beiden gut getan. Aber –“ er
                    hob warnend den Finger, „keine Selbstgespräche mehr! Es könnte sie auch ein
                    anderer als ein guter Freund aufschnappen.“–</p>
                <p>Dr. Römer schritt sehr nachdenklich die Treppe hinauf.</p>
                <p>Beinahe auf jeder Stufe blieb er stehen, legte den Finger an die Nase, sann eine
                    Weile und ging dann kopfschüttelnd wieder weiter. Als er endlich vor der
                    Salontüre angelangt war, darin ihn die alte Madame zu empfangen pflegte, lag auf
                    seinem Gesicht ein entschlossener, fast ein grimmiger Zug und, entgegen der
                    Warnung, die er Regula erteilt, sagte er leise: „So, heute muß endlich
                    gesprochen werden.“</p>
                <p>Als auf sein zweimaliges Klopfen keine Antwort ertönte, trat er ins Zimmer. Die
                    alte Madame haite ihn schon vor Jahren gebeten, oder besser: ihm befohlen, von
                    diesem Freundesrecht Gebrauch zu machen. Er schloß die Türe abhsichtlich laut,
                    rückte noch einige Stühle hin und her, um seine Anwesenheit kund zu tun, denn er
                    wußte, daß sich die alte Madame in dem anstoßenden Zimmer befinde.</p>
                <pb n="65"/>
                <p>In der gemütlichen Ecke beim Kamin, zwischen einem zierlichen Kanapee und einem
                    hochlehnigen Polsterstuhl, stand ein Tischchen, in dessen Platte ein Schachbrett
                    eingelassen war. Die Figuren waren schon aufgestellt, eine jede von ihnen ein
                    kleines Kunstwerk aus blassem oder aus rotbemaltem Elfenbein geschnitt. Auf den
                    ersten Blick erkannte man, daß sie aus dem Lande hervorgegangen, dessen bezopfte
                    Bewohner dieses tiefste aller Spiele mit wahrer Leidenschaft lieben.</p>
                <p>Dr. Römer ergriff den Chinesenkönig mit spitzen Fingern und betrachtete mit
                    geradezu verliebten Blicken sein von wundervollen Ornamenten bedecktes Oberkleid
                    und den langen, fast an die Knie reichenden Zopf. Aber dann verfinsterte sich
                    sein Gesicht wieder. Er stellte den kleinen König auf sein Feld zurück und
                    begann in dem großen, fast saalartigen Zimmer hastig auf und ab zu gehen.</p>
                <p>Hin und wieder blieb er vor einem der alten, prächtigen Möbelstücke stehen, um
                    ihm einen bewundernden Blick zu schenken, aber fast ärgerlich riß er sich
                    alsbald los, irgendein unwirsches Wort zwischen den Zähnen.</p>
                <p>Auf einem Seitentisch stand eine Blattpflanze, herrlich gewachsen, mit breiten,
                    in Gelb und Rot gemusterten Blättern. Dr. Römer betrachtete sie freudig.
                    Vorsichtig nahm er eines <pb n="66"/>der schönen Blätter zwischen die Finger,
                    aber im nächsten Augenblick fuhr er zurück, als hätte er in eine Flamme
                    gegriffen. „Pfui Teufel!“ sagte er laut und heftig. Er hatte ja ganz vergessen
                    gehabt, daß diese herrliche Pflanze ein verlogenes Leben zur Schau trage. Die
                    samtne Pracht ihrer Blätter war nicht ein Wunderwerk der Natur, sondern
                    raffinierteste Kunst von Menschenhand. Auch der Strauß Astern auf dem Kaminsims
                    drüben, die Vase mit den Vogelbeeren, das zarte Blättergewirr in jener Schale –
                    alles war unecht. Die alte Madame duldete keine lebenden Blumen um sich. Ging
                    nicht ihre Lieblichkeit in wenig Tagen, ja oft Stunden verloren? Sie alterten,
                    welkten und starben ~ ein häßlicher und beklemmender Anblick. Die alte Madame
                    aber liebte es nicht, an Vergänglichkeit und Tod erinnert zu werden. Ihr eigener
                    Körper tat es nicht. Sie war von eiserner Gesundheit, und ihre sechzig Jahre
                    hatten ihr kaum die Frische und keinesfalls die Anmut der jüngern Jahre geraubt
                    . . .</p>
                <p>Dr. Römer blieb vor einem Bilde stehen, das sich merkwürdig genug von all den
                    andern abhob. Seine Rückseite war dem Zimmer zugekehrt: eine tote, graue Fläche,
                    etwa zwei Spannen hoch und breit, von einer schmalen Holzleiste einfasst und
                    plötzlich hob Dr. Römer die Hände, nahm <pb n="67"/>das Bild von der Wand,
                    drehte es um und hing es wieder an den alten Platz.</p>
                <p>Es war der Kopf eines kleinen, vielleicht fünfjährigen Mädchens: traurige
                    schwarze Augen in einem blassen, von dunkelm, widerspenstigem Haar umkrausten
                    Gesicht.</p>
                <p>Ein weicher Ausdruck kam in die Augen, die sich in das Bild versenkten. „Kleine
                    Alexandra,“ sagte Dr. Römer leise, „du siehst drein, als hättest du dein
                    Schicksal vorausgeschaut.“</p>
                <p>Er schritt von dem Bilde weg, denn er hatte im Nebenzimmer eine Bewegung gehört.
                    Im nächsten Augenblick trat die alte Madame ins Zimmer und grüßte ihn mit der
                    feinen und edlen Gebärde, die sein Herz immer aufs neue entzückte. Einmal war
                    eine Zeit gewesen –+ wie weit lag sie doch zurück! — da sein ganzes Wesen
                    erfüllt gewesen von ihr, da er nur ein Ziel kannte: sie zu erringen, nur von ein
                    er Furcht wußte: sie zu verlieren. Noch jetzt durchlief ihn ein Schauder, wenn
                    er der Nähe gedachte, die er durchlebt, als er ihre Verlobung erfahren. Ein
                    Glück, daß ihre Heirat mit dem reichen Kaufmann sie nach Rußland verpflanzte, so
                    daß seine Liebe sich nicht immer aufs neue an ihrem Anblick entzünden mußte . .
                    .</p>
                <p>Die alte Madame hatte sich auf das kleine Kanapee gesetzt, Dr. Römer in den
                    hochlehnigen Armstuhl. Während er den Blick auf ihrem <pb n="68"/>stolzen
                    Antlitz ruhen ließ und dabei jede ihrer Bewegungen wie eine süße und
                    einschmeichelnde Musik in sich sog, verspottete er sich in unhörbarem
                    Selbstgespräch. „Unverbesserlicher alter Narr! Kaum zwei Minuten genügen, um
                    dich wieder unter ihren Zauber zu bringen! Hättest du das Bild nicht umgewendet,
                    du schwiegest wahrhaftig auch heute.“</p>
                <p>„Wollen wir beginnen?“ fragte die alte Madame und hob die Hand, um eine Figur zu
                    ergreifen. Aber die Hand fiel plötzlich schwer zurück, und die stolzen Augen
                    starrten nach der Wand, daran das umgewendete Bild hing, dann wandten sie sich
                    zu dem Freunde. „Ein übler Scherz, Rudolf, der bessser unterblieben wäre“, sagte
                    sie mit harter Stimme.</p>
                <p>Dr. Römer betrachtete seine Fingernägel, als er mit erheuchelter Ruhe entgegnete:
                    „Kein Scherz . . . . Als ich das Bild umwandte, tat ich es, weil ich hoffte, es
                    rufe Ihnen die Tage zurück, da die kleine Alexandra Ihr einziges Glück und Ihre
                    einzige Sorge war. Ich hoffte, diese Erinnerung werde Sie weicher stimmen gegen
                    die Alexandra von heute.“</p>
                <p>„Mein einziges Glück!“ widerholte die alte Madame. „Dies Kind war nie mein Glück,
                    nie. Ich weiß kaum, ob ich es je geliebt habe.“</p>
                <p>„Das habe ich nicht gewußt. Arme kleine Alexandra“, sagte Dr. Römer leise. Und
                    während <pb n="69"/>er diese Worte sprach, merkte er zu seinem Erstaunen, daß
                    die Verzauberung, die ihn immer in der Nähe dieser Frau ergriffen, langsam von
                    ihm zu weichen begann. Ihm war, ihre warme, lebendige Anmut falle von ihr ab wie
                    elender Plunder, und das, was ihm nun entgegentrat als ihre nate Seele, war ein
                    erbärmliches und häßliches Gebilde.</p>
                <p>„Wollen wir spielen?“ fragte die alte Madame zum zweiten Mal. Aber Dr. Römer
                    sprang plötzlich empor, so heftig, daß die zierlichen Figürchen in leises
                    Schüttern gerieten.</p>
                <p>„Nein!“ rief er und tat einen tiefen Atemzug, „Dies Spiel ist ausgespielt.“</p>
                <p>Dann beugte er sich zu der alten Freundin nieder. „Yvonne,“ bat er mit weicher
                    Stimme, „wissen Sie, daß Alexandras kleiner Sohn Mangel leidet? Können Sie den
                    Gedanken daran ertragen, inmitten all Ihres Reichtums? Können Sie ihr nun, um
                    des unschuldigen Kindes willen, nicht vergeben?“</p>
                <p>Einen Augenblick schien es ihm, als hätten seine Worte eine Saite ihres Innern
                    berührt ... eine Saite, die noch nicht verrostet und tonlos war. O, wie er
                    hoffte, es klinge ein holder Ton zurück!</p>
                <p>Aber er hatte sich getäuscht. „Was geht mich das Kind an'“ sagte die alte Madame
                    mit eisiger Stimme. „Hier in dieser Stube ist's gewesen, <pb n="70"/>daß ich zu
                    ihr gesagt habe: verläßt du mein Haus, so verläßt du auch mein Leben. Du wirst
                    mir sein, als wärest du tot . . . Und sie ist dennoch gegangen. Ihrer Kunst
                    zuliebe. Bah, diese Kunst! Sie war ihr mehr wert als ihre Mutter.“</p>
                <p>„Als ihre Mutter,“ wiederholte Dr. Römer, „haben Sie mir nicht eben selbst
                    gesagt, daß Sie Alexandra nicht geliebt haben? Wie konnten Sie eine Liebesernte
                    erwarten, wo Sie keine Saat ausgestreut? . . . Wir ernten immer, was wir gesät,
                    Yvonne. Auch die Saat dieser Stunde wird aufgehen.“</p>
                <p>Die alte Madame antwortete nichts. Fast schien es, als hätten die Worte des
                    Freundes eine kleine Besorgnis in ihr wachgerufen. Aber dann blitzte in den
                    Augen der alte unbändige Trotz auf. Sie erhob sich, schritt zu dem Bild hinüber
                    . . . und aufs neue starrte statt des traurigen Kleinmädchengesichts die tote
                    graue Fläche ins Zimmer.</p>
                <p>Als die alte Madame sich umwandte, zog Dr. Römer eben die Türe hinter sich ins
                    Schloß. Sie erblaßte. Dann drückte sie auf die Klingel.</p>
                <p>„Dr. Römer konnte nicht länger bleiben, ich bin allein beim Tee“, sagte sie zu
                    der eintretenden Regula. „Und dann = ich möchte heute erst um elf Uhr zu Nacht
                    essen. Ich werde aufbleiben.“</p>
                <pb n="71"/>
                <p>Regula konnte kaum einen Seufzer zurückhalten. „Lieber Himmel!“ dachte sie
                    kummervoll, „wie lange wird die Sache wohl diesmal währen ?“</p>
                <p>In den Nächten, die die alte Madame zu durchwachen pflegte, mußten alle Türen des
                    Hauses offensstehen, denn sie wanderte alsdann stundenlang durch die Räume und
                    liebte es nicht, dabei auf das Hindernis einer geschlossenen Türe zu stoßen.
                    Auch alle Lichter mußten angedreht sein, denn der Gedanke, daß ihr Haus nun als
                    einziges wie ein strahlender Demant in der Dunkelheit stehe, gab ihr ein
                    seltsames Gefühl der Befriedigung. Sie stellte sich vor, daß der eine oder
                    andere nächtliche Wanderer oder auch ein aus dem Schlafe Aufgewachter, dessen
                    Fenster nach ihrem Hause schauten, sich mit ihr, als einem wunderlichen
                    Geheimnis, beschäftigen werde. Und auch dieser Gedanke kitzelte sie
                    angenehm.</p>
                <p>Die alte Madame befand sich bei ihrem Nachtleben meist äußerst wohl und in
                    gehobener Stimmung. Hätte sie nicht einen unangenehmen Einfluß auf ihre
                    Gesundheit befürchtet, sie hätte diese Art zu leben noch häufiger geübt.</p>
                <p>Manchmal trug sie bei ihren Wanderungen ein Bildchen in der Hand, in dessen
                    Anblick sie sich wieder und wieder vertiefte. Dabei ging in ihrem strengen
                    Antlitz eine wunderbare Wandlung <pb n="72"/>vor sich. Regula hätte wohl kaum
                    ihren Augen getraut: so weich der Mund, so samten und tief die Augen, so
                    zärtlich und bewegt die leise Stimme. Denn die alte Madame pflegte bei ihren
                    Wanderungen lange Gespräche zu führen. Ihre Erinnerungen waren bei ihr zu Gast
                    und geleiteten sie durch die Räume.</p>
                <p>Es kamen die leuchtenden Gestalten der russischen Zeit, darin die schöne und
                    stolze Yvonne gleich einer Königin stand, deren Gnade die Herzen beseligt und
                    deren Ungnade sie in Verzweiflung stürzt.</p>
                <p>Es kamen Erinnerungen mit heißem Atem und fast unheimlichem Funkeln. Und es kamen
                    solche, die weiche Arme um ihren Hals legten und leise flüsterten: Matuschkae.
                    Und dann sah ssie nur das eine: das Antlitz ihres geliebten Kindes . . . Manja.
                    Eine Blüte war ihr Gesichtchen gewesen, das leuchtende Gelock gleich den
                    spielenden Sonnenstrahlen; die Augen aber waren wie aus einem Stückchen
                    Himmelsblau geschnitten, und die Geschmeidigkeit ihrer Glieder glich dem weichen
                    Spiel der Wellen.</p>
                <p>Wie hatte sie dieses Kind geliebt! . . . Sie entsann sich, daß sie manchmal,
                    während die Kleine in ihrer Nähe spielte, immer nur ihren Namen wiederholt
                    hatte, heiß und inbrünstig wie ein Gebet . . . Manja, Manja.</p>
                <p>Jede andere Liebe war vor dieser verblaßt. <pb n="73"/>Als man ihr drei Jahre
                    nach der Geburt Manjas die kleine Alexandra in die Arme legte, betrachtete sie
                    das gelbliche Gesichtchen fast teilnahmslos. Und als sie später entdeckte, daß
                    das Kind ihre dunklen Augen und dazu des Vaters schwarzes Haar geerbt, durchfuhr
                    es sie wie ein Triumph: sie würde keine zweite Manja werden, diese Kleine!
                    Mochte sie schön werden, einerlei! Es würde die Schönheit der Nacht sein, nicht
                    die des strahlenden Tages.</p>
                <p>O, wie die Erinnerungen plaudern können, und wie sie mit flinken Fingern Bild um
                    Bild entwerfen! Zwei kleine Mädchen jagen sich auf den weiten Rasenplätzen,
                    schaukeln jauchzend in der flirrenden Sonnenluft, pflücken Blumen, beide kleine
                    Arme voll, und stürzen damit auf die Mutter zu, die in der offenen Veranda
                    sitzt. Und das eine, das blonde Kind, das wie ein Sonnenstrahl lacht und
                    funkelt, wird heiß umschlungen und mit Liebesworten überschüttet, das andere
                    aber, das blasse mit den großen schwarzen Augen, geht leer aus. Dann ist es gut,
                    wenn neben der Mutter auch noch der Vater da ist. Der nimmt die Kleine auf die
                    Knie und drückt sie wortlos an sich. Und sie lehnt sich an ihn, reglos fast, und
                    so sehen sie beide dem Liebesspiel der zwei andern zu. Einmal hat sich auch der
                    ernste, schweigsame Mann zu der schönen Frau Yvonne hinübergeneigt und gesagt:
                    „Hast <pb n="74"/>du so wenig zu geben, daß wir beide immer zu kurz kommen?“
                    Aber die schöne Frau Yvonne hat ihn nur mit einem seltsamen, schillernden Blick
                    gestreift, daß er die kleine Alexandra hastig auf die Erde setzte und davonging.
                    – –~</p>
                <p>Es kommen auch Erinnerungen, die sind gleich den unheimlichen, plöglich
                    aufzutkenden Schlangen, deren tückischer Blick ihr Opfer gebannt hält, daß es
                    kein Glied rühren und nicht mehr entfliehen kann.</p>
                <p>. . . Es war einmal ein Tag, der begann mit Sannenschein und Lachen und mit der
                    Ausfahrt zweier froher kleiner Mädchen an der Seite ihres Vaters, und dieser Tag
                    endete in einer schwarzen Verzweiflung, die wie eine gefräßige Springflut über
                    den Garten ihres Lebens hereinbrach.</p>
                <p>Manja tot . . . Auch den Gatten brachten sie tot, und die kleine Alexandra war so
                    schwer verletzt, daß man zuerst an ihrem Aufkommen zweifelte. All das berührte
                    sie nicht. Sie wußte nur eines: Manja tot. Und nicht gestorben in ihren Armen,
                    sondern am Wegrand, wohin sie durch die scheugewordenen Pferde geschleudert
                    worden. Sie haßte den Diener, der kaum eine Verletzung davongetragen. O, warum
                    stand er hier vor ihr und erzählte, daß die Kleine wohl sogleich tot gewesen . .
                    . Daß er doch tot und steif gebettet läge und Manja hier neben ihr stünde in
                    ihrer lebendigen Lieblichkeit . . .</p>
                <pb n="75"/>
                <p>In jener Nacht, als die schöne Frau Yvonne an der Seite ihrer Toten wachte,
                    erstarb die heiße Glut ihres Herzens, daß es war, sie trage fortan einen
                    schweren eisernen Klumpen in der Brust. Ihre Umgebung hoffte, es werde den
                    kleinen Händen Alexandras gelingen, das harte Herz wieder zu erwärmen und zu
                    erweichen, aber sie täuschten sich. Die Mutter haßte den Anblick ihres Kindes.
                    Warum, ach warum hatten sich statt der sonnigen Augen nicht diese düstern
                    geschlossen? Sie vergaß, daß sie es war, die die Düsterheit darin verschuldet.
                    Diese Augen konnten wohl lachen, daß es war, goldene Funken sprühten darin auf,
                    aber unter den harten und feindseligen Blicken der Mutter wagte sich die Freude
                    nicht hervor. Und je älter Alexandra wurde, desto deutlicher fühlte und wußte
                    sie, daß ihre Mutter sie nicht liebe und ihre Gegenwart im besten Fall dulde. In
                    schlimmen Zeiten war es ihr eine Lust, das Kind zu quälen.</p>
                <p>Es sind böse Nächte, wenn diese Erinnerungen zu Gaste kommen. Woßhl geht in ihrem
                    Gefolge nicht die Reue. Was hat ein eisernes Herz mit Reue zu tun? Aber doch
                    liebt auch ein solches die heitern Erinnerungen mehr als die dunkeln, liebt vor
                    allem sie, die ihm die Zeiten bringen, da die Sonne Tag und Nacht am Himmel
                    stand ~ die Sonne, die Manja hieß . . .</p>
                <pb n="76"/>
                <p>Als es Mitternacht schlug, erhob sich die alte Madame mit den Worten: „Wenn Sie
                    abgeräumt haben, Regula, können Sie zu Bett gehen. Ich brauche nichts mehr. Um
                    sieben Uhr will ich frühstücken.“</p>
                <p>Regula betrachtete ihre Herrin mit forschenden Blicken. Das frühe Weggehen Dr.
                    Römers hatte ihr zu denken gegeben. Auch fühlte sie, daß die alte Madame nicht
                    ganz dieselbe sei wie sonst. Hatte Dr. Römer endlich, endlich gesprochen? Ach,
                    sie wagte es kaum zu hoffen. Und wenn er es getan, was hatten seine Worte wohl
                    bewirkt?</p>
                <p>Während sie ab und zu ging, das Geschirr in die Küche trug und im Eßzimmer
                    Ordnung schaffte, war ihr, sie höre neben sich ein leichtes Schreiten wie von
                    Kinderfüßen . . . So war es in früheren Jahren gewesen, als die kleine Alexandra
                    sie auf Schritt und Tritt begleitet hatte. Sie war ja so viel lieber bei ihr
                    gewesen als bei der kalten Mutter. Sieben Jahre hatte die Kleine gezählt, als
                    sie von Rußland gekommen, und ein halbes Jahr später war Regula bei ihrer Mutter
                    in Dienst getreten. Wie gut sie sich noch ihrer ersten Begegnung mit der Kleinen
                    erinnert! Die alte Madame hatte ihr mit einer Handbewegung die Türe des
                    Kinderzimmers bezeichnet, aber sie war nicht mitgekommen, ihr die Kleine zu
                    zeigen. So <pb n="77"/>schritt sie denn ein wenig zaghaft auf die Türe zu und
                    klopfte an. „Herein!“ rief eine zarte und klingende Kinderstimme, und Regula
                    horchte erstaunt auf. Das bekannte Wort hatte seltsam fremd geklungen. So
                    deutlich sprach hierzulande niemand das R aus, und auch in der Endsilbe hatte
                    ein fremder Klang mitgesschwungen.</p>
                <p>Sie trat ins Zimmer und betrachtete das „Russenkind“, wie sie es in Gedanken
                    genannt. Sie hatte sich fast ein wenig vor ihm gefürchtet und geglaubt, die
                    stolze Mama werde wohl ein noch stolzeres Töchterlein haben. Aber die kleine
                    Alexandra, die, von ihrem Spieltischchen aufstehend, mit artig ausgestrecktem
                    Händchen auf sie zukam, sah so gar nicht stolz drein. Im Gegenteil! Sie glich –
                    sie glich ja dem Zigeunerkind, das einmal bettelnd, in zerfeztem Röckchen, an
                    ihrer Türe gestanden! Genau mit denselben hungrigen Augen schaute das Kind zu
                    ihr auf, das in einem kostbaren schwarzen Samtkittelchen vor ihr stand. Und
                    Regula dachte nicht mehr an das vornehme Russenkind, vor dessen Stolz sie sich
                    gefürchtet. Eine starke Liebe zu dem traurigen kleinen Mädchen stieg in ihrem
                    Herzen auf und brach warm aus ihrer Stimme, als sie sagte: „Und du bist die
                    kleine Alexandra? Gott grüß dich, Kind.“</p>
                <p>Einen Augenblick schaute das Kind in Regulas Gesicht, dann hob es sich auf die
                    Zehen <pb n="78"/>und streckte die Arme nach ihr aus. Ein wunderfeines Lächeln
                    ging dabei in seinen Augen auf und lief als rosiger Schimmer über das
                    Gesichtchen.</p>
                <p>Regula erschrak fast ob der Gebärde des Kindes. Sie beugte sich nieder, und
                    während sie die Kleine hochhob und ihre umschlingenden Arme und die weiche Wange
                    fühlte, hatte sie die Empfindung, einen großen und heiligen Augenblick zu
                    erleben.</p>
                <p>Abends, als sie Alexandra zu Bette brachte, erzählte diese ihr, daß es nichts
                    Schöneres auf der Welt gebe als Zeichnen und Malen. „Wissen Sie, Regula,“ sagte
                    sie in ihrem fremden, klingenden Deutsch, das Regula lieblich tönte wie Musik,
                    „ich kann es jetzt noch gar nicht gut. Aber Pascha sagt – Pascha ist mein großer
                    Freund in Rußland ~ wenn ich groß sei, werde ich gewiß schöne Bilder malen
                    können .. . . Regula!“</p>
                <p>„Ja, mein Kleines, was möchtest du wissen?“</p>
                <p>„Regula, glauben Sie, daß meine Mutter mich dann lieben wird, wenn ich schöne
                    Bilder malen kann?“</p>
                <p>O wie gut erinnert sich Regula ihres Erschreckens bei dieser Frage!</p>
                <p>Sie hatte, während sie die Kleine zudeckte, etwas davon gemurmelt, daß ihre
                    Mutter sie gewiß jetzt schon liebe, daß alle Mütter ihre <pb n="79"/>Kinder lieb
                    hätten. Aber die Kleine schaute sie mit ihren schwarzen Augen ernsthaft an und
                    sagte: „O nein, Regula. Es ist ganz anders. Meine Mutter liebt mich nicht . . .
                    Vielleicht, wenn ich wie Manja wäre! Manja hatte goldenes Haar, Regula, und
                    blaue Augen wie der Himmel. Schwarze Augen und Haare sind häßlich.“</p>
                <p>„Ach Unsinn!“ sagte Regula ärgerlich, „mir gefällst du gerade wie du bist. Und
                    überhaupt hat das Aussehen nichts mit der Liebe zu tun.“</p>
                <p>Und wieder sschlang das Kind seine Arme um Regulas Hals und lachte glückselig. –
                    –</p>
                <p>Ach, das Schönste im Leben: das Zeichnen und Malen hatte der kleinen Alexandra
                    nicht nur Freude gebracht. Als sie älter geworden und das ihr anvertraute Pfund
                    gewissenhaft verwalten, es in strenger Arbeit pflegen und mehren wollte, da
                    hatte die Mutter all ihren Wünschen und Plänen ein hartes Nein
                    entgegengesegt.</p>
                <p>Sie tat es nicht, weil sie an Alexandras Begabung zweifelte, sie tat es, weil sie
                    ihr den innern Reichtum nicht gönnte und auch nicht die äußere Freiheit, um die
                    die Tochter sie wieder und wieder bat.</p>
                <p>Das waren harte Jahre gewesen. Regula wagte kaum, ihrer zu gedenken. Aber dann
                    sie war eben 25 Jahre alt geworden – machte Alexandra eine kleine Erbschaft, und
                    bald nachher verließ sie die Heimat. Sie war nicht feige <pb n="80"/>geflohen;
                    sie hatte der Mutter ihren Entschluß ehrlich kundgetan, ein leztes Mal um
                    Verständnis und Teilnahme werbend. Aber ihre Worte hatten kein Echo geweckt. Als
                    Alexandra ging, wußte sie, daß ihr die Heimat fortan verloren sei.</p>
                <p>Und doch blühte sie auf, befreit von den hemmenden und erdrückenden Fesseln, in
                    die bis dahin ihr Leben geschlagen gewesen. Ihr eigenes Wesen erstand langsam,
                    und die Gabe, die Gott in ihre Augen und Hände gelegt, entfaltete sich mehr und
                    mehr unter der Leitung kundiger Lehrer. In dieser Zeit hatte Regula frohe Augen,
                    wenn sie wieder einen Brief Alexandras in Händen hielt.</p>
                <p>Nach zwei Jahren wagte Alexandra es, ihrer Mutter ein Bild zu schicken.</p>
                <p>Es war aus ihrer Sehnsucht geboren, denn sie liebte ihre Heimat und trug ihr Bild
                    tief eingebrannt im Herzen: das schöne alte Haus, stolz und ruhig inmitten des
                    alten Gartens. Glyzinien greifen mit zärtlichen Ranken an seinen Mauern empor,
                    bis zu den Fenstern des ersten Stockwerks, daß der Duft der süßen blauen Trauben
                    alle Zimmer erfüllt . . . Im Garten steht eine Trauerweide, unter deren Zweigen
                    ein Brünnlein plaudert. Man kann es erst erblicken, wenn man die langen, bis zur
                    Erde reichenden Zweige zur Seite schiebt, aber den Klang des rieselnden Wassers
                    hört man fast <pb n="81"/>überall im Garten – ach, Alexandra glaubte ihn zu
                    hören, so oft sie an einem fremden Garten vorbeiging und in seine Tiefe
                    starrte.</p>
                <p>Das Rauschen des Brünnleins im Ohr, hatte sie ihr Bild gemalt. Und war dabei
                    immer hoffnungsvoller geworden. Ihr Lehrer hatte die Arbeit gelobt; sie durfte
                    es wagen, das Bild, rein als Kunstwerk gemessen, ihrer Mutter zu senden. Aber
                    sie hoffte nicht nur, ihrer Mutter kritischer Forderung gerecht zu werden, ihr
                    zu beweisen: sieh, ich hatte ein Recht, diesen Weg zu gehen. Sie hoffte auch:
                    die Stimme der Sehnsucht töne so laut aus diesem Bilde der Heimat, daß es einen
                    Widerhall wecke im Herzen der Mutter.</p>
                <p>Zwei Wochen später hielt sie ihr Bild wieder in Händen: im Hintergrund das schöne
                    alte Haus, davor der herrliche Garten in den sprühenden Farben des Sommers. Aber
                    was war das? Im Vordergrund erhob sich – nicht von ihrer Hand gemalt – ein hohes
                    Eisengitter, das sich mit festen, schwarzen Strichen zwischen den Garten und den
                    Beschauer drängte, daß er sich nicht mehr inmitten der Herrlichkeit, sondern von
                    ihr ausgeschlossen fand.</p>
                <p>Das war die Antwort. – –</p>
                <p>Die alte Madame hatte das Bild vor und nach seiner Uebermalung Regula gezeigt.
                    Aber sie hätte es wohl gerne ungeschehen gemacht, <pb n="82"/>denn sie mußte es
                    erleben, klein und gedemütigt vor ihrer Dienerin zu stehen.</p>
                <p>Hochaufgerichtet stand Regula, als sie die Worte hervorstieß: „Gott wird Sie
                    strafen, Madame. -... .-</p>
                <p>Wenn Regula an diesen Augenblick zurückdachte, erfüllte sie noch immer ein süßes
                    Gefühl der Genugtuung. Nicht, weil sie die alte Madame geschlagen, daß sie kein
                    Wort der Erwiderung wußte, nein, weil es ihr vergönnt gewesen, einmal
                    einzutreten für den Liebling ihres Herzens. Ihre drohenden Worte waren für sie
                    gewesen wie ein Triumphgesang ihrer Liebe, die endlich aus dem Dunkel, wo sie
                    tausend Qualen gelitten, hervorgebrochen gleich einer jauchzenden Flamme . .
                    .</p>
                <p>Freilich, was hatte es genützt! Ihre Worte verklangen wirkungslos. Die alte
                    Madame ging ihren einsamen und abgekehrten Weg weiter wie alle Tage zuvor, saß
                    Stunden um Stunden am Flügel oder über ihren Büchern. Von Alexandra sprach sie
                    nicht.</p>
                <p>Vor drei Jahren hatte es Regula wieder gewagt, den Namen Alexandra auszusprechen.
                    Sie teilte der alten Madame mit, daß ihre Tochter sich verheiratet habe mit
                    einem Maler, der ihr jahrelang als Freund zur Seite gestanden. Und ssie legte
                    bei ihren Worten ein kleines Briefchen <pb n="83"/> auf das Buch, das
                    aufgeschlagen vor ihrer Herrin lag. Alexandra hatte sie darum gebeten.</p>
                <p>Aber Regula fand das Briefchen später im Papierkorb, in viele schmale Streifen
                    zerschnitten. Es war deutlich erkennbar, daß der Brief nicht aus dem Umschlag
                    herausgenommen worden.</p>
                <p>Seither hatte Regula Alexandras Namen nicht mehr genannt. Sie sprach der alten
                    Madame auch nicht von der Geburt des Kindes. „Die junge Frau hat mich zwar darum
                    gebeten,“ sagte sie zu Dr. Römer, „aber ich tu's nicht. Ich kann es nicht tun.
                    Denn wenn ich mir vorstell’, daß sie auch darauf kein gutes Wort sagt, dann ist
                    mir, ich müßt’ ihr ins Gesicht schlagen, in das schöne, stolze . . . Gott
                    verzeih mir die Sünd’, wenn's eine ist.“</p>
                <p>Dr. Römer hatte zu ihren Worten geschwiegen . . . Hatte er der alten Madame wohl
                    Heute von dem kleinen Enkel gesprochen? Und was war ihre Antwort gewesen? Dachte
                    sie wohl, während sie unten herumwanderte, darüber nach, ob Alexandras schmale
                    Zinsen und der zufällige Verkauf eines Bildes genügen, um –</p>
                <p>Regula schrak plötzlich zusammen. Sie war nach Beendigung ihrer Arbeit nicht in
                    ihr Zimmer und zu Bett gegangen, sondern hatte sich, wie schon oft, auf die
                    oberste Treppe gesetzt. Es ließ sich hier so gut und ungestört nachdenken.</p>
                <pb n="84"/>
                <p>Aber nun war ihre Ruhe jäh gestört worden. Regula beugte sich über das Geländer.
                    Da sah sie ihre Herrin, die bei ihren nächtlichen Wanderungen sonst nie die
                    lange Flucht ihrer Zimmer verließ, die Treppe zum untern Stock hinuntersteigen.
                    Regula verschlug es fast den Atem. Was wollte sie dort unten?</p>
                <p>Aber schon nach wenigen Augenblicken kam die alte Madame wieder die Stufen
                    herauf. Regula sah das wundervolle Haar unter der Ampel aufleuchten wie rotes
                    Gold, sie hörte das Rauschen des schweren Seidenkleides, und sie hörte noch
                    etwas tiefe, fast schmerzliche Atemzüge, und jetzt – großer Gott! einen Ton . ..
                    war es ein Seufzen, ein Schluchzen gewesen?</p>
                <p>Noch lange, nachdem die alte Madame in ihre Zimmer gegangen, saß Regula auf der
                    Treppe, den Kopf ans Geländer gelehnt. Ihre gefalteten Hände lagen müde und
                    bewegungslos im Schoß, aber ihre Gedanken waren wach und lebendig und bestürmten
                    in heißen Worten sie, deren Schritte wieder und wieder durch die Stille
                    heraufklangen.</p>
                <p>Am folgenden Morgen erwartete Regula fiebernden Sinnes der Herrin Klingeln. Was
                    würde sie sagen, was würde sie tun?</p>
                <p>Aber die alte Madame sagte in ihrer gewohnten <pb n="85"/>kühlen Ruhe: „Ich werde
                    nach dem Frühstück zu Bett gehen. Sorgen Sie dafür, daß möglichst wenig gelärmt
                    wird.“</p>
                <p>Regula sank vor der Türe auf den nächsten Stuhl. Sie empfand die Enttäuschung wie
                    einen grausam bohrenden Schmerz. War denn das nächtliche Erleben ein Traum
                    gewesen? Aber nein, nein. In ihrem Ohr klang noch der schmerzliche Seufzer, der
                    in ihrem Herzen so frohe Hoffnungen wachgerufen.</p>
                <p>Hätte doch Regula in ihrer Herrin Inneres schauen können, sie hätte nicht so
                    trostlos geweint . . .</p>
                <p>Ein Tag nach dem andern verstrich. Noch drei Nächte durchwanderte die alte Madame
                    ihr stilles Haus. Dann kehrte sie zur großen Erleichterung ihrer Dienstboten zum
                    vernünftigen Tageslauf zurück.</p>
                <p>Als der Freitagnachmittag wiederkehrte, den Dr. Römer regelmäßig bei seiner alten
                    Freundin zu verbringen pflegte, erschien statt seiner die Haushälterin mit einer
                    höflichen Entschuldigung: er habe ganz plötzlich eine kleine Reise antreten
                    müsssen.</p>
                <p>Wie Regula ihrer Herrin die Nachricht übermittelte, überzog eine leise Wehmut ihr
                    Gesicht, die sie keineswegs zu verbergen suchte. Ja, unter Regulas beobachtenden
                    Blicken schien sich der schmerzliche Zug noch zu vertiefen, und die <pb n="86"/>Augen schauten nicht stolz und verweisend, sondern traurig und hilflos. Da
                    überflutete Regulas Herz plötzlich eine Welle des Mitleids. Wieder ging sie
                    unter Tränen an ihre Arbeit zurück, aber sie weinte nicht im Jammer um die junge
                    Frau, sie weinte um ihre alte Madame, die ihr mit einem Male weitaus die
                    unglücklichere und bemitleidenswertere der beiden zu sein schien. – –</p>
                <p>Die Montagspost brachte ein eingeschriebenes Paket. Es hatte etwa den Umfang
                    einer Schiefertafel, und es wog leicht, als es Regula in Empfang nahm, um es der
                    alten Madame hinaufzubringen. Aber unterwegs studierte sie den Namen des
                    Ahsenders, und da wurde das Paket plötzlich so schwer, daß es beinahe ihren
                    Händen entglitt: es war der Name der jungen Frau, wohl von der Hand ihres Mannes
                    geschrieben.</p>
                <p>Vor Regulas Augen tanzten schwarze Punkte. Was ssstak in dem Paket? Woßhl wieder
                    ein Bild? Und wenn ihm das gleiche Schicksal widerführe wie dem letzten, dem
                    wunderschönen Bild der Heimat? Aber nein, dieses würde nicht zurückgehen, dieses
                    nicht . . . Regula wußte selbst nicht, woher ihr die plötzliche starke
                    Zuversicht kam.</p>
                <p>Die alte Madame saß am Flügel. Aber sie spielte keine der heißen und wilden
                    Melodien, <pb n="87"/>vor denen sich Regula fast fürchtete. Sie spielte eine
                    leise und rührend schlichte Weise.</p>
                <p>Regula hatte bisher noch nie gewagt, das Zimmer zu betreten, wenn die alte Madame
                    musizierte. Aber die zarte Melodie erschien ihr wie ein Zuruf: es ist ein guter
                    Augenblick, zögere nicht.</p>
                <p>Auf den Zehenspitzen schlich sie ins Zimmer und legte das Paket auf den Flügel,
                    dann trat sie ebenso leise den Rückweg an.</p>
                <p>Eine Weile blieb sie lauschend an der Türe stehen. Die alte Madame spielte
                    weiter, immer dieselben zarten, wiegenden Töne, als könne sie sich nicht an
                    ihnen ersättigen. Dann brach sie ab, und Regula hörte sie ins Nebenzimmer gehen.
                    Hatte sie das Paket mitgenommen?</p>
                <p>Während die alte Madame am Abendessen saß, spähte Regula in den Salon. Das Paket
                    lag noch, ungeöffnet, auf dem Flügel, aber an einer andern Stelle. Sie mußte es
                    also in die Hand genommen und den Absender gelesen haben. Was würde nun weiter
                    geschehen?</p>
                <p>Regula mußte zu Bette gehen, ohne eine Antwort auf ihre Frage erhalten zu haben.
                    Sie fühlte, wie sich die graue Hoffnungslosigkeit aufs neue in ihr Herz drängen
                    wollte. Und sie wehrte ihr nicht. Sie war allzu müde.</p>
                <p>Schwer sank sie in ihre Kissen und verfiel alsbald in einen Schlaf, der also
                    lastend auf ihr <pb n="88"/>lag, daß sie, die sonst so Wachsame, nicht hörte,
                    wie ein leiser Schritt an ihrer Kammer vorüberglitt. –</p>
                <p>Als Regula die alte Madame verlassen, hatte sie gesehen, wie sie die Augen
                    schloß, als wäre sie müde und schlafberein. Aber kaum war Regula aus dem Zimmer
                    gegangen, so taten sich die schwarzen Augen wieder auf und blickten scharf und
                    glänzend um sich.</p>
                <p>Ein, zwei Stunden lag die alte Madame fast regungslos in ihren Kissen, nur ihre
                    Augen wanderten ruhelos. Dann, als der Zeiger nahe an Mitternacht stand, erhob
                    sie sich, kleidete sich an und ging mit sachten Schritten durch ihr Boudoir in
                    den Salon.</p>
                <p>Hier drehte sie die Lichter des Kronleuchters an, holte das Paket vom Flügel und
                    setzte sich in einen niedern und tiefen Sessel.</p>
                <p>Sie löste Knoten um Knoten. Anfänglich zitterten ihre Finger, aber ihr harter und
                    geübter Wille überwand nach und nach die Aufregung. Sie wickelte die Schnur mit
                    gleichmäßigen Bewegungen auf, strich das äußere dicke Packpapier glatt und legte
                    die beiden schützenden Pappdeckel ebenso ruhig beiseite. Sie löste das lezte
                    verhüllende Papier, warf einen Blick auf das Bild, und — einen Augenblick war
                    ihr, ihr Herz höre auf zu schlagen. Die Hände fielen kraftlos hinab, der Kopf
                    sank vornüber. Aber <pb n="89"/>nur einen Augenblick. Dann kehrte das Leben
                    wieder, feuriger, leidenschaftlicher als je.</p>
                <p>Ein fast jauchzender Laut kam über ihre Lippen, als sie das Bild in die Höhe hob.
                    O dies Gesichtchen, das einer Blüte gleicht! Das flaumige Goldhaar, die Augen so
                    tief, so geheimnisvoll in ihrem dunkeln Blau . . . Kennt sie nicht jeden Zug
                    dieses Gesichtchens? Hat sie nicht einst seine leiseste Regung in sich
                    aufgenommen und gekostet wie ein Wunder?</p>
                <p>Heiß und jubelnd brach es von ihren Lippen: „Manja, Manja . . “</p>
                <p>Aber ihre Stimme gzerriß plötzlich den Freudenschleier, der sie wie in eine
                    Verzauberung versstrickk. Manja? ... Dies ist nicht Manja. Das zarte Bildchen in
                    ihrem Schoß trägt ein Datum nur wenige Tage alt. Und Manja ist schon so lange
                    tot. Wessen Bild hält sie in Händen?</p>
                <p>Ach, sie weiß es, sie hat es immer gewußt. Ihr Enkel ist es, der hier vor ihr
                    liegt. Ihr Enkel, der ihr Manjas holde Lieblichkeit wiederbringt. Ihr Enkel – ~
                    wie hat sie doch zu Dr. Römer gesagt? . . . Was geht er mich an!</p>
                <p>Sie stand auf, hastig und erregt. Da flatterte ein Blatt, das sie bisher nicht
                    beachtet, zu Boden, und als sie es aufhob, las sie die Worte: Arved, unser Kind.
                    Elf Monate alt.</p>
                <p>Die alte Madame wiederholte die Worte in ihren Gedanken wieder und wieder,
                    während sie <pb n="90"/>in ihrem Salon auf und ab schritt. Zuerst blieb sie nur
                    am ersten Worte hängen: Arved. Der Name war ihr fremd, aber er hatte einen
                    hellen und tapfern Klang, der ihr wohlgefiel. Der kleine Enkel erstand ihr aus
                    dem Wort, daß sie ihn leibhaftig vor sich zu sehen glaubte: geschmeidig und
                    schlank, mit wohlgeformten Gliedern, von Luft und Sonne gebräunt.</p>
                <p>Aber neben das Wort Arved drängten sich die nächsten: unser Kind. Wie schön und
                    gut klang dies „unser“. Sie hatte einst gesagt: mein Kind. Aber Alexandra
                    schrieb: unser Kind . . . So war ihre Ehe wohl glücklich. Sie liebte nicht nur
                    das Kind, sie liebte auch seinen Vater . . .</p>
                <p>Und plötzlich stürzten sich die Geister der Vergangenheit auf die einsame Frau,
                    daß sie sich ihrer nicht mehr zu erwehren vermochte. Eine Anklage um die andere
                    schleuderten sie ihr entgegen: du hast deinen Mann nicht geliebt, obwohl er nach
                    dir hungerte und wie ein Bettler nach den Almosen haschte, die du ihm zuwarfst.
                    Und hast das Kind nicht geliebt, das seine Züge trug . . . Du gingst und
                    wärmtest dich an fremden Feuern, und dein eigenes Haus blieb in Kälte und
                    Dunkel. Aber Gott wird dich strafen, Gott wird dich strafen! Wir ernten immer,
                    was wir gesät haben . . .</p>
                <p>Hätte Regula ihre alte Herrin jetzt gesehen, sie hätte wohl alle Scheu vergesssen
                    und wäre zu <pb n="91"/>ihr getreten, um sie tröstlich zu umfangen. Aber Regula
                    schlief, und die alte Madame mußte die Bitternis dieser Stunde allein
                    durchkosten.</p>
                <p>Und der Sturm der Anklagen in ihrem Innern ward immer wilder und betäubender.
                    Alexandra . . . der Name war wie eine Geißel, unter deren Schlägen sie sich
                    wand. Und dann schrie eine Stimme: das Kind, ihr Kind leidet Mangel!</p>
                <p>Aber bei diesen Worten streckte die gequälte Frau die Hand aus, flehend, als
                    spreche sie zu einem sichtbaren Feind. „Ich will gutmachen,“ murmelte sie, „ich
                    will gutmachen, hier kann ich's noch.“</p>
                <p>Da war ihr, sie höre ein Lachen, also höhnisch und teuflisch triumphierend, daß
                    ihr der Herzschlag stockte.</p>
                <p>Hilflos, mit hängenden Armen, blieb sie inmitten des Zimmers stehen. Und
                    plötzlich blitzte ein Gedanke in ihr auf. Ja, das wollte sie tun! ~ Oben in
                    einer der Kammern mußte der Koffer stehen mit all der Kinderwäsche, den Jäckchen
                    und Kleidchen. Dies alles wollte sie Alexandra schicken für den kleinen
                    Arved.</p>
                <p>Die alte Madame entzündete eine Kerze und stieg zum Oberstock hinauf. Mit
                    angehaltenem Atem schlich sie an den Mägdekammern vorbei, Sie fand bald die
                    Kammer, darin der Koffer stand, in dem sie vor, ach, wie langen Jahren die
                    Kindersächelchen untergebracht.</p>
                <pb n="92"/>
                <p>In fast freudiger Erwartung bückte sie sich, schlug den Deckel zurück – der
                    Koffer war leer, ganz leer. Nur ein blaßblaues Seidenband lag darin, ja, und in
                    der Mitte ein weißes Papier, darauf etwas geschrieben zu sein schien. Die alte
                    Madame trat mit dem Blatt in der Hand neben die Kerze und las in ihrem zuckenden
                    Licht: Ich habe alle Sachen in diesem Koffer an die junge Frau Alexandra Bergen
                    geschickt, weil sie es nötig hatte und weil es ihr zukommt. Ich schreibe dies
                    auf den Zettel hier, damit man weiß, wie es zugegangen ist und nicht auf jemand
                    Verdacht hat. Ich habe es aber mit gutem Gewisssen getan. Im Oktober schickte
                    ich den ersten Pack, im Juni den letzten. Regula Hartmann.</p>
                <p>Die alte Madame schaute um sich. Hatte nicht wieder das gräßliche Lachen
                    geklungen? Sie strich sich müde über die Stirne. Dann starrte sie wieder auf den
                    Zettel in ihrer Hand. Regula Hartmann . . . wie oft hat s ie sich über die
                    ungelenke Regula geärgert, wie oft über ihren seltsamen Traumglauben spöttisch
                    gelächelt, wie hat sie so wenig Freundlichkeit und Teilnahme für sie gehabt, und
                    nun – ~– Nun steht sie vor ihr in tiefster Scham, bettelarm neben ihr, der
                    Reichen.</p>
                <pb n="93"/>
                <p>Am andern Morgen ertönte der alten Madame Klingel so spät, daß Regula ganz erlöst
                    aufatmete. „Ich habe wahrhaft gedacht, es sei ihr etwas zugestoßen“, sagte sie
                    zur Köchin. Aber die Josephin verzog den Mund zu einem spöttischen Lächeln und
                    meinte wegwerfend: „Was wird der zustoßgen! Du wirst sehen, sie wird hundert
                    Jahre alt. Je unnützer ein Mensch ist, desto länger lebt er.“</p>
                <p>Regula schüttelte verweisend den Kopf, aber sie wußte keine Entgegnung, denn ein
                    nützlicher Mensch, nein, das war die alte Madame wirklich nicht. Es sei denn
                    –~</p>
                <p>Regula konnte ihren Gedanken nicht zu Ende denken, denn ihre Herrin trat ihr,
                    schon vollständig angekleidet, entgegen und sagte: „Regula, ich möchte Sie
                    bitten, das Telegramm sofort aufzugeben.“</p>
                <p>„Ja, Madame“, stammelte Regula.</p>
                <p>Großer Gott, was war mit der alten Madame geschehen? Kann e i n e Nacht einen
                    Menschen so verändern? Das Haar, das glühende Haar . . . es hatte allen Glanz
                    verloren. Das Rot der Wangen war weggewischt, und die Augen lagen tief und
                    brannten wie im Fieber.</p>
                <p>Regula stand unbeweglich und starrte in ihrer Herrin Gesicht. Da wandte sich
                    diese ab und sagte leise: „Lesen Sie, bitte, das Telegramm.“</p>
                <p>Und Regula las: Frau Alexandra Bergen.</p>
                <pb n="94"/>
                <p>München. Hiltenbergstraße. Komme heim mit Kind zu Mutter. – –~</p>
                <p>Regula wußte später nie, wie sie aus dem Zimmer gekommen. Mit einem Male fand sie
                    sich auf der Straße, fast laufend, die Tränen rannen ihr über die Backen.</p>
                <p>Sie ärgerte sich über den Postangestellten, der so gleichmütig die Worte abzählte
                    und dann noch den Namen der alten Madame verlangte. Der dumme Mensch! Er konnte
                    kein Gefühl haben. Sonst hätte er diesen Worten ein wenig ihre Bedeutung
                    angesehen. Aber er glaubte wohl, es handle sich um eine ganz gewöhnliche
                    Ferieneinladung.</p>
                <p>Auf dem Nachhauseweg hätte Regula am liebsten alle Leute angeredet. Sie beneidete
                    den kleinen Schuljungen, der, die Hände in den Hosentaschen, johlend einherzog.
                    Sie hätte ihre Freude auch am liebsten hinausgesungen: nun wird es gut, nun wird
                    es schön bei uns!</p>
                <p>Sie rechnete aus, bis wann die beiden wohl eintreffen könnten, und dann ging sie
                    in Alexandras Mädchenzimmer und stieß die Laden auf, daß sie klatschend an die
                    Hausmauer schlugen. Hei, wie sie sich freute, Hier wieder Luft und Licht
                    hereinzulassen, wieder Ordnung schaffen zu dürfen! Und dann galt es ja noch, das
                    Kinderbett herunterzuholen und hundert liebe Vorbereitungen zu treffen.</p>
                <pb n="95"/>
                <p>Regula sang, und Regula sprang die Treppen auf und ab, flinker als die Kleine.
                    Sie vergaß ihre Träume: die Wirklichkeit war ja so schön und wunderbarer als
                    irgendein Traum. Sie schlich sich wieder und wieder an den Schreibtisch der
                    Herrin, darauf das Bild des kleinen Arved stand, und lachte in glückseligem
                    Stolz: gibt es ein zweites Kind wie dieses! O wie wird das Haus jung und froh
                    werden, wenn sein Stimmlein durch die Räume klingt! – –</p>
                <p>Der alten Madame wich Regula in diesen Tagen aus, wo sie nur konnte. Denn
                    merkwürdig, so oft sie ihre Herrin erblickte, war ihr, ein kalter Wind drohe ihr
                    Freudenlicht auszulöschen.</p>
                <p>Zuerst empfand sie dieses Gefühl nur dumpf und konnte es leicht überwinden. Aber
                    am dritten Tag ward es stärker und stärker, und als am vierten Tag immer noch
                    keine Nachricht aus München eingetroffen, da wußte Regula, warum sie den Anblick
                    der alten Madame fürchte.</p>
                <p>Sie rang mit dieser Furcht, Heiß und verzweifelt, aber sie ließ sich nicht mehr
                    überwinden.</p>
                <p>Das Freudenlicht ward kleiner und kleiner und erlosch endlich ganz. Nein, es
                    würde nicht gut, nicht schön bei ihnen werden . . . Hatte sie es nicht all diese
                    Jahre oft genug empfunden und es sogar einmal in zornigem Entsetzen
                    ausgesprochen, daß Gottes Strafe die Herrin treffen <pb n="96"/>werde? Es konnte
                    ja nicht anders sein. Alle diese Jahre des Hasses . . .</p>
                <p>Aber sie tat ihr leid, die alte Madame. Regula sah so deutlich, wie die Qual des
                    Wartens sie verzehrte. Sie hörte sie ruhelos wandern von Zimmer zu Zimmer,
                    stundenlang. Wohl nahm sie manchmal ein Buch zur Hand, aber Regula sah, daß sie
                    kein Blatt umwendete, sondern mit allen Sinnen in die Ferne lauschte, lauschte .
                    . .</p>
                <p>Am Abend des sechsten Tages, als Regula ihre Herrin stumm bediente, ertönte die
                    Hausglocke laut und heftig. Die beiden Frauen sahen sich an, und jede las die
                    Gedanken der andern.</p>
                <p>„Endlich“, flüsterte Regula.</p>
                <p>„Ja, das Ende“, erwiderte ihre Herrin.</p>
                <p>Die Kleine klopfte und übergab Regula ein Telegramm.</p>
                <p>Die alte Madame setzte sich kerzengerade. Sie sah aus wie eine Tote, nur ihre
                    Augen lebten.</p>
                <p>„Lesen Sie, Regula“, befahl sie. „Lesen Sie es laut und deutlich.“</p>
                <p>Und Regula las: „Arved Heute früh gestorben. Alexandra kann nicht kommen. Brief
                    folgt. Dieter Bergen.“</p>
            </div>
            <pb n="97"/>
            <div type="chapter">
                <head>Die Geschwister.</head>
                <p>„Was wohl das Bethli dazu sagen wird?</p>
                <p>Willst du's ihr noch heute berichten, Lukas?“</p>
                <p>Frau Hermine schaute ihrem Mann erwartungsvoll und ein klein wenig schadenfroh
                    ins Gesicht.</p>
                <p>Dieser antwortete nicht. Er stand am Fenster, und sein Blick ging über die
                    blühenden Geranien weg nach dem Münster, von dem man just die Pforte erblickte,
                    darüber ein steinerner heiliger Martin seinen Mantel zerteilt, irgend einem
                    unsichtbaren Beitler zulieb. Daß man diesen nicht sichtbarlich angebracht, war
                    Frau Hermine ein stetes Aergernis. Am andern Turm, wo der heilige Georg mit
                    fürchterlich langer Lanze dem Drachen zu Leibe rückt, hat man diesem doch auch
                    ein artiges Höckerlein gebaut, darauf er mit aufgesperrtem Rachen kauert und
                    sich durch und durch erstechen läßt. Und der arme heilige Martin muß von seinem
                    Roß aus ins Leere hinunter den Mantel zerteilen! . . . Zwar hatte das Bethli
                    einmal gemeint, es gingen genug Bettler unter ihm durch, aber sie, die Frau des
                    Sigrist am Münster, gehört wahrlich nicht zu diesen. Und überhaupt, das Bethli
                    mit seinen wunderlichen Gedanken . . , „Lukas!“</p>
                <pb n="98"/>
                <p>Frau Herminens Stimme klang diesmal Jo energisch, daß der Angerufene sich zu ihr
                    wandte. „Ia, was ist's?“ sagte er versonnen, als kehrten seine Gedanken aus
                    irgend einer Ferne zurück.</p>
                <p>„Ich frage mich, was das Bethli zu deinem Entschluß sagen wird. Du kannst mir's
                    glauben: die nimmt die Sache nicht auf wie ich. Ueberhaupt, sei du nur froh, daß
                    ich so zufrieden bin damit. Manche Frau täte jezt jammern um den Verdienst und
                    würde behaupten, sie komme mit der Pension nicht aus. Aber so bin ich nicht. Es
                    ist mir ganz recht, daß du jetzt weggeht. Wir sind beide noch nicht so alt, daß
                    wir nicht das Leben noch ein bißchen genießen könnten. Und ich hätte schon lange
                    gerne vor der Stadt gewohnt, so recht im Grünen, weißt du, wie Schindlers. Ich
                    muß doch einmal fragen, ob da draußen nicht eine Wohnung leer steht. Ach, Lukas,
                    du kannst dir gar nicht denken, wie gerne ich aus dem dunkeln Kasten
                    herausgehe!“</p>
                <p>„Ist es denn hier dunkel?“ fragte Lukas Matzinger mit staunenden Augen. „Das habe
                    ich noch nie bemerkt . . . Mir tut's bitter weh, weg zu müssen aus dem lieben
                    alten Haus. Es ist nicht wie andere Häuser, Hermine . . . Ich meine immer, wenn
                    Häuser reden könnten, dann wüßte dieses viel zu erzählen.“</p>
                <p>„So, davon verstehe ich nichts. Aber daß es anders ist als andere Häuser, das
                    weiß ich allerdings. <pb n="99"/>Ich glaube, in unserm ganzen Bekanntenkreis ist
                    niemand, der sich noch mit dem elenden Petroleum behelfen muß, außer uns. Wenn
                    ich dran denke, wie bei den andern die Stuben so hell und freundlich dreinsehen
                    in dem schönen Gaslicht! Aber natürlich ihr zwei, das Bethli und du – – = halt,
                    wohin willst du?“</p>
                <p>„Eben zum Bethli. Ich muß die Sache mit ihr bereden; ich will nicht, daß sie ihr
                    von anderer Seite zu Ohren kommt und ihr unnötig weh tut.“</p>
                <p>Frau Hermine hatte ein spöttisches Funkeln in den Augen, als sie gereizt
                    entgegnete: „Du tust gerade, als wäre deine Schwesster etwas ganz Apartiges, das
                    man nur mit Samthandschuhen anfassen dürfe. Ich kann so ein Getue nicht
                    ausstehen, und du mußt nur nicht meinen, daß du mich je dazu bringen wirst,
                    mitzumachen.“</p>
                <p>„Warum sprichst du nur so unfreundlich? .. . Das Bethli hat dir doch nie etwas
                    zuleid getan, sollt’ ich meinen. Eher “</p>
                <p>„Was eher ?“</p>
                <p>„Ich wollt’ sagen: eher viel zulieb. Wenn ich denke, wie sie immer beim Puten
                    hilft, und wie gut sie zu unserem Margritli ist.“</p>
                <p>Frau Matingers Gesicht ward flammendrot. „Ich will dir etwas sagen, Lukas: mir
                    zulieb hilft das Bethli nicht beim Putzen. Das tut sie aus Liebe zum alten
                    Münster. Meinst, ich <pb n="100"/>wäre so blind, daß ich nicht gesehen hätte,
                    wie sie rein vernarrt ist in die Bänke und Fenster und in die uralte Kaiserin,
                    und ich glaube wahrhaftig noch in den Heiligen, der so grausam hat leiden
                    müssen. Und wenn all die vielen Lichtlein brennen, dann macht sie akkurat ein
                    Gesicht wie –“</p>
                <p>Lukas Matinger hob abwehrend die Hand. „Sei still, Hermine, du mußt das Bethli
                    nicht verspotten. Daß sie anders ist als du und deine Familie J soll das ein
                    Fehler sein? Laß du mir das Bethli wie sie ist. Ich möcht' sie um kein Haar
                    anders, und ich wollte nur, es hätte jedes von uns ein wenig von ihrer stillen
                    und gütigen Art.“</p>
                <p>Lukas Matzinger hatte bei den lezten Worten die Türklinke ergriffen. Mit kurzem
                    Gruß verließ er das Zimmer und ging nun langsam und mit tastenden Händen durch
                    den dunkeln Hausflur der Treppe zu. Aber ehe er diese erreicht hatte, ward die
                    Stubentüre hastig aufgerissen, und eine junge Helle Stimme rief: „Vater, Vater,
                    bleib doch da! Die Mutter sagt, sie Habe den Kaffee schon fertig, und sie hat
                    mir Geld gegeben, um frische Wecken zu holen. Gelt, du bleibst da? Ich begleite
                    dich nachher zur Tante Bethli.“</p>
                <p>Lukas Matingers Herz tat ein paar rasche, frohe Schläge. Um die dünnen,
                    glattrasierten Lippen spielte ein schalkhaftes Lächeln, denn er <pb n="101"/>wußte: drinnen in der Stube stand eine, der es leid tat, daß sie ihrer Zunge
                    einmal wieder allzu freien Lauf gelassen. I h r e Abbitte war es, die ihm aus
                    der Stimme seiner jungen Tochter entgegenklang. Lukas Matzinger aber gehörte
                    nicht zu den Menschen, die in gekränkter Abwehr verharren, wenn ihnen ihr
                    Widersacher nicht genau in der Weise entgegenkommt, wie sie es gerne gesehen. Er
                    kehrte ohne Zögern um und nickte der Frau, die geschäftig den Kaffeetisch
                    deckte, freundlich zu. Sie hatte noch immer hochrote Wangen und funkelnde Augen,
                    aber der Spott darin war einem warmen, fast zärtlichen Ausdruck gewichen.</p>
                <p>Das Margritli kam mit den frischen Wecken. Sie setzte sich an den Tisch, warf die
                    langen lichtblonden Zöpfe rechts und links über die Schultern zurück und atmete
                    etliche Male so recht aus Herzensgrund. Dann fing sie an zu berichten, was sie
                    im Bäckerladen Lustiges erfahren, aber mit einem Mal brach sie ab und sagte
                    vorwurfsvoll: „Ach was, ich erzähl’ nicht weiter, der Vater hört ja gar nicht
                    zu.“</p>
                <p>Lukas Maztinger schaute ein wenig schuldbewußt drein. Er griff über den Tisch
                    nach des Margritlis Hand und strich begütigend und immer noch verträumt über die
                    schmalen Finger. Dann sagte er plöglich: „Du Hast genau ihre Hände. Nicht in der
                    Farbe, die ihren sind <pb n="102"/>weißer, aber sie sind auch sso weich und
                    kühl. Die Mutter sagte immer: das Bethli hat so gute Hände.“</p>
                <p>„Ach, von der Tante Bethli sprichst du! Ich wußte zuerst gar nicht, an wen du
                    denkst.“</p>
                <p>Frau Hermine dachte: ich habe es gleich gewußt, er scheint ja heute gar nicht von
                    ihr loszukommen. Aber sie unterdrückte tapfer die eifersüchtige Regung und fagte
                    spassend: „Weißt, Margritli, der Vater kennt halt die Tante Bethli viel länger
                    als uns zwei. Dent doch, dich erst sechzehn und mich etwa zwanzig Jahre! Drum
                    ist er, glaub’ ich, in Gedanken ebenso oft am Elftausendjungfernberg als bei uns
                    zwei.“</p>
                <p>Das Margritli lachte, dann sagte sie plötzlich in zärtlich bittendem Ton: „Vater,
                    erzähl’ uns doch einmal von der Tante Bethli, wie sie noch klein war. Du hast
                    mir's schon oft versprochen, und nun sitzen wir eben so gemütlich beisammen, da
                    könntest du gerade anfangen.“</p>
                <p>Sie bettelte nicht nur mit der Stimme, sondern noch viel beredter mit den Augen,
                    die groß und tiefblau aus dem sonnverbrannten Gesichtlein schauten. Auch Frau
                    Hermine begann zu bitten, denn es drängte sie, in ihres Mannes Erinnerung die
                    unguten Worte, die ssie über seine Schwester geäußert, auszulöschen.</p>
                <p>Lukas Magtinger schob die Kaffeetasse zur Seite und legte beide Arme auf den
                    Tisch. <pb n="103"/>Dann fing er an, seinen Ehering zu drehen und betrachtete
                    mit scheinbar tiefem Interesse die Linien der rechten Handfläche. Das Margritli
                    wagte kaum zu atmen. So war es gut. Die äußern Zeichen bewiesen, daß der Vater
                    in richtiger Erzählstimmung war. Und nun legte er die Fingerspizen aneinander
                    und begann mit einem nach innen gekehrten Blick: „Das Bethli war immer ein
                    Besonderes, sogar als es noch im Korbwagen lag. Wir vier Buben, die vor ihm
                    darin gelegen, seien böse Schreier gewesen, hat die Mutter oft erzählt. Aber das
                    Bethli schrie fast nie, sondern lag und schaute mit seinen großen, freundlichen
                    Blauaugen ganz gelassen um sich. Manchmal war ein tiefes und holdes Fragen und
                    Staunen in den Augen, daß mir großem Buben — ich war damals schon zehn Jahre alt
                    – ein seltsam Gefühl übers Herz ging.</p>
                <p>Als dann das Bethli gehen konnte und uns Buben auf die Gasse nachtrottete,
                    schaute es nicht mehr so gelassen um sich wie in seinem Korbwagen. Es war gar
                    ängstlichen Gemüts und fürchtete sich vor großen Buben, vor Hunden, vor Gänsen,
                    vor Männern mit tiefen und rauhen Stimmen. Wir Brüder aber konnten uns über die
                    Aengstlichkeit des kleinen Dings halbtot lachen, zumal die zwei jüngern. Der
                    Matthis hielt sich mehr abseits; in mir aber regte sich hin und wieder ein
                    Unbehagen und ein kleines <pb n="104"/>Reuegefühl, wenn ich die verstörten Augen
                    der Kleinen sah oder ihr klägliches Weinen hörte. Und einmal bin ich denn
                    gründlich aus meiner gedankenlosen Grausamkeit aufgesschrect worden und war von
                    Stund an der Verteidiger und sorgliche Hüter des kleinen Bethli.</p>
                <p>Die Mutter hatte uns, wie schon oft, auf den Gottesacker geschickt, um die Blumen
                    auf Großvaters Grab zu begießen. Wir nahmen das damals vierjährige Bethli mit,
                    samt seiner geliebten Puppe, die wir Buben ihrer Häßlichkeit wegen nicht
                    ausstehen konnten. Zudem war sie so groß, daß ihre Füße immer im Straßenstaub
                    schleisten und das Kind öfters über ihnen zu Fall kam.</p>
                <p>An jenem Abend nun hatte das Bethli die Puppe auf Großvaters Grabhügel gesetzt,
                    um besser zwischen den Gräberreihen auf und ab gehen zu können.</p>
                <p>Ich betrachtete sie eine ganze Weile. Leise singend schritt sie, zierlich und
                    leicht wie eine Bachstelze, durch die schmalen Weglein, irgend einem sie
                    vergnügenden, eigensinnig festgehaltenen Plane folgend, von dem sie kein
                    Dazwischentreten der andern abbringen konnte.</p>
                <p>Und plötzlich packte mich ein dumpfer Aerger und zugleich ein quälendes
                    Verlangen, des kleinen Bethli Freude zu zerstören. Nun hätte ich zwar, um dies
                    zu erreichen, nur die Puppe <pb n="105"/>ergreifen und anscheinend mit ihr
                    entfliehen müsssen; mit Weh- und Angstgeheul wäre mir das Bethli nachgestürzt.
                    Aber ich verlangte nach etwas Außerordentlichem, das Kind zu ängstigen.</p>
                <p>Noch stand ich unschlüssig und schaute über das weitgedehnte Feld der Gräber hin.
                    Da sah ich in der Ferne zwischen dunklen Büschen eiwas Weißes schimmern, und mit
                    einem Male sprang, wie eine böse, stechende Flamme, ein Gedanke in mir auf. Ich
                    befahl dem Bethli, seine Puppe zu holen, rief den Brüdern und weihte sie
                    flüsternd in meinen Plan ein. Sie nickten Zustimmung und grinssten vor Freude
                    über den herrlichen Spaß, und keinem einzigen von uns kam ein Gedanke des
                    Mitleids mit dem ahnungslosen kleinen Ding, das seine Puppe hinter uns her
                    schleifte.</p>
                <p>Wir näherten uns allmählich dem dunklen Gebüsch, darin der weiße Grabstein stand,
                    den ich aus der Ferne erspähßht. Nun fing ich an, in geflüsterten Worten dem
                    Bethli zu erzählen, daß sich da hinter den Büschen etwas Unheimliches, etwas
                    ganz Fürchterliches befinde, dem es sich überhaupt nur unter unserm Schutz
                    nähern könne. Das Bethli drängte sich an mich; ich sah, daß sein Gesichtchen
                    ganz blaß war vor Furcht. Nun bogen wir um den letzten verhüllenden Busch, und
                    -- vor uns stand das seltsame Grabmal. Mit grimmiger Freude wartete ich auf <pb n="106"/>des Bethli Angstgeheul. Aber das Kind bereitete uns eine schwere
                    Enttäuschung. Es schrie nicht, es lief nicht weg; es beschaute sich den
                    steinernen Sarkophag, unter dessen wie lose geschlossenem Deckel das Leichentuch
                    hervorhing, mit harmlosem Erstaunen.</p>
                <p>Ich war wütend. Noch einmal versuchte ich es, dem Bethli das Gruseln
                    beizubringen. „Denk’ einmal, wie es wäre, wenn sich ganz, ganz langsam der
                    Deckel heben würde und ein Toter herausgestiegen käme“, sagte ich mit dumpfer
                    Stimme. Aber das Bethli lachte nur und meinte: „Nun wollen wir noch das
                    Franzosengrab anschauen!“</p>
                <p>Sie lief davon; wir andern gingen langsam hinter ihr drein.</p>
                <p>Die Brüder verlachten mich ob des mißglückten Planes. Ich aber war voll eines
                    finstern Trotzes, das böse Spiel dennoch zu gewinnen. Wieder gab ich flüsternde
                    Befehle, und wieder fand ich selbstverständliche Zustimmung. Eine Weile standen
                    wir neben der das Franzosengrab bewundernden Kleinen. Wir alle wußten, daß sie,
                    wenn irgendeine Sache sie stark fesselte, ihre ganze Umgebung vergessen konnte.
                    Darauf hatte ich meinen Plan gebaut . . .</p>
                <p>Und lautlos entfernte sich einer nach dem andern, ich war der letzte. Als ich
                    noch einmal zurückäugte, sah ich die Kleine unbeweglich nach <pb n="107"/>der
                    Spitze des roten Sandsteinungetüms starren sie hatte unser Davonschleichen nicht
                    bemerkt.</p>
                <p>Unter den Büschen neben dem weißen Sarkophag erwarteten mich die Brüder. Ich war
                    voller Triumph. So weit war die Sache gelungen. Nun hieß es, sich flugs
                    verstecken, denn selbstverständlich würde sich das Bethli, aus seiner
                    Versunkenheit aufgewacht, hieher wenden, uns zu suchen, zumal der Heimweg in
                    dieser Richtung ging.</p>
                <p>Wir hatten eine ganze Weile zusammengekauert am Boden gesessen; der Matthis fing
                    schon an ungeduldig zu werden, da hörten wir des Bethli Stimmlein und bald
                    darauf auch seine Schritte. Es schien zu laufen. Sonst hätten wir den Kies nicht
                    so deutlich knirschen hören. Und nun klang die Stimme schon ganz in der Nähe.
                    „Lukas!“ rief das Bethli. „Lukas!“ ... Warum rief sie keinem der andern, warum
                    nur mir?</p>
                <p>Ebenso rasch, wie zuvor die böse Flamme, stieg nun ein Ekel an mir und meinem Tun
                    in mir hoch.</p>
                <p>„Lukas!“ sang das Stimmlein, und die hurtigen Füße sprangen dicht an meinem
                    Versteck vorbei. Aber, obwohl mir war, als trete jeder Schritt auf mein Herz,
                    rührte ich mich nicht, denn – was würden die Brüder denken, wenn ich, der den
                    ganzen Plan angezettelt, ihn im <pb n="108"/>letzten Augenblick umsstoßen würde?
                    Zudem – es war ja alles gar nicht so schlimm. Das Bethli würde im nächsten
                    Augenblick anfangen zu schreien, dann konnte ich ja gleich hervorkommen.</p>
                <p>Ich wartete. Aber das Bethli schrie nicht. Wo war es denn überhaupt nur
                    hingekommen? Das Laufen hatte doch aufgehört. Es mußte in unsrer nächsten Nähe
                    am Grabmal stehen. Und wir hörten nichts, nichts, keine Bewegung, keinen
                    Atemzug. Aber mit einem Male merkten wir, daß das Tageslicht der Dämmerung
                    gewichen, und daß in den Bäumen über uns ein drohendes Rauschen anhob.</p>
                <p>Da überkam uns selbst das Gruseln. Ich erhob mich sachte aus meiner gebückten
                    Stellung, bedeutete den Brüdern ein gleiches zu tun und hielt Ausschau nach dem
                    Bethli.</p>
                <p>Und mir war, eine eisige Hand greife nach meinem Herzen und pressse es langsam,
                    langsam zusammen. Zwei Schritte von dem Sarkophag entfernt, stand das Kind mit
                    eng an die Brust gepreßten Händen. Unbeweglich, als wäre sie sselbst ein kleines
                    Steinbild, stand sie und starrte mit verzerrtem Gesicht auf den Deckel des
                    Sarges. Und als ich der Richtung ihres Blickes folgte, sah ich auch, was das
                    arme, kleine Hirn wohl zu sehen glaubte: der Deckel hob sich langsam, langsam,
                    das weiße Tuch geriet in Bewegung . . . Ich weiß nicht, wer von uns den
                    gräßlichen <pb n="109"/>Schrei ausstieß, ich weiß nur, daß sich das Kind, als
                    ich vorsprang, gegen mich wandte und in meine ausgestreckten Arme fiel.</p>
                <p>Dann hörte ich des Matthis' bedächtige Stimme: „Es wird wohl tot sein. Aber daran
                    bist du allein schuld, Lukas. Du hast es alles angestiftet!“</p>
                <p>„Ja, ja, du bist schuld“, heulten die zwei Kleinen.. „Wir sagen's der
                    Mutter.“</p>
                <p>Ich konnte nicht reden, ich konnte nur lauschen. Denn alles in mir und um mich,
                    das Herz und das wildklopfende Blut in den Adern, der Wind in den Zweigen und
                    das Wasser des Brunnens – alles sang: du allein, du allein ...</p>
                <p>Aber wie ich das Bethli in den Armen hochhob, hörte ich durch sein leichtes
                    Kleidchen das Herz pochen. Leise und mühsam zwar, aber es pochte doch, es
                    pochte. Das war mir für den Augenblick genug.</p>
                <p>Als wir das ohnmächtige Kind nach Hause gebracht, schickte die Mutter den Matthis
                    zum Arzt und ließ sich von den zwei Kleinen das ganze Erlebnis erzählen.</p>
                <p>Ich stand daneben, und ich weiß, daß ich unverwandt in ihr Gesicht starrte und
                    seine wechselnden Stimmungen las. Aber zuletzt konnte ich den Jammer darin nicht
                    ertragen und kehrte mich stumm zur Wand. Was sie mir nun tun <pb n="110"/>wird?
                    dachte ich, und ich malte mir die unsinnigsten Strafen aus: vielleicht wirst du
                    in den Keller gesperrt, ein ganzes Jahr lang. Oder vielleicht tut man dich in
                    eine Bessserungsanstalt, und du mußt mit einem grauen Sträflingsanzug
                    herumlaufen. Oder ~</p>
                <p>Mitten in meine Qual hinein fühlte ich eine Berührung, von der Tröstung und
                    Heilung ausging, daß ich an den lieben Herrn Jesus denken mußte. Meine Mutter
                    hatte mir übers Haar gestrichen, ganz sachte und weich, und als ich aufblickte,
                    sah ich ihre Augen innig nah und traurig auf mir ruhen.</p>
                <p>Das Beihli erwachte aus seiner Ohnmacht, als es gegen Mitternacht ging, und
                    verfiel danach in einen guten, stärkenden Schlaf, aus dem es mit denselben
                    klaren Augen und demselben zwitschernden Stimmlein aufwachte, wie alle Tage
                    zuvor. Ich war in den frühen Morgenstunden, auf dem Stuhl sitzend,
                    eingeschlummert. Aber beim ersten Ton der Kleinen fuhr ich empor, und als mir
                    aus den Worten der Mutter klar geworden, daß die gräßlich drohende Gefahr
                    vorüber sei, fing ich an zu weinen wie nie in meinem Leben zuvor oder nachher.
                    Und es war mir dabei, als reiße der Tränenstrom, der mir nicht aus den Augen,
                    sondern zutiefst aus dem Herzen zu brechen schien, viel Schweres und Lastendes
                    mit, daß zuletzt nichts in mir blieb als <pb n="111"/>ein allmächtig großes
                    Verlangen, gut zu machen und gut zu sein gegen Vater und Mutter, gegen die Armen
                    und Verfolgten, gegen die Lehrer und meine Brüder, aber vor allem gegen das arme
                    kleine Bethli. Ich fürchte aber, daß der Strom von guten Vorsätzen ein sehr
                    schmales, bescheidenes Bächlein geworden ist. Einzig meinem Gelöbnis, des
                    Schwessterleins Beschützer zu werden, bin ich treu geblieben.“</p>
                <p>„Ja, weiß Gott!“ stimmte Frau Hermine bei. Das Margritli aber sagte streng: „Das
                    war auch nötig, nachdem du so böse mit ihm gewesen. Ich hätte gar nicht gedacht
                    –“</p>
                <p>Sie brach ab, lachte erst etwas verlegen, dann mit einer plötzlich aufflackernden
                    Freudigkeit, und sagte mit einem schönen und warmen Blick in des Vaters Gesicht:
                    „Nein, eigentlich freut es mich, daß du auch einmal so böse warst. Denn nun
                    denke ich, daß aus mir auch noch etwas Gutes und Rechtes werden kann . .. Aber
                    nun mußt du uns noch etwas anderes erzählen, etwas Liebes und Feines.“</p>
                <p>„Etwas Liebes und Feines“, wiederholte Lukas Matinger sinnend. „Ja, davon sollte
                    ich eigentlich viel zu erzählen wissen. Aber ich brina’ es nicht gut über die
                    Lippen. Siehst du, Kind, das Liebe und Feine muß ich im Herzen bewahren. Will
                    ich es in Worte fassen, so finde ich entweder nicht die rechten dafür, oder aber
                        <pb n="112"/>geht beim Besprechen das Zarte in die Brüche, daß ich mir
                    nachher arm und beraubt vorkomme . . . Aber du Jsollst doch etwas Liebes und
                    Feines zu hören bekommen, das das kleine Bethli angeht.</p>
                <p>In einer stockdunklen Nacht ist's gewesen. Da ging ich mit ihr durch die
                    Mönchsgasse. Weit und breit brannte keine Laterne, und der Himmel war dermaßen
                    mit dicken Regenwolken verhangen, daß sie fast auf den Dächern zu lasten
                    schienen. Plötzlich tauchte in der Finsternis vor uns ein Lichtlein auf, ein
                    kleinwinziges, rotglühendes. Ich merkte bald, daß sich da ein Mann nähere, die
                    brennende Zigarre im Mund. Das Bethli aber konnte sich das schwebende Lichtlein
                    nicht erklären. Als der Mann an uns vorbeigegangen, blieb sie stehen und sagte
                    mit einem nachdenklichen Stimmlein: „Du, Lukas, was trägt denn der Mann für ein
                    Tröpflein Hell?“</p>
                <p>Bei diesen lieblichen Worten hat mich etwas angerührt, das schmerzlich und schön
                    zugleich war. Stärker als je zuvor fühlte ich, daß die Kinder über Brücken
                    gehen, die also zart und luftig beschaffen sind, daß nur ihre leichten Füße sie
                    betreten können. Wir mit unserm schweren Schreiten . . .“</p>
                <p>Lukas Matzinger lehnte sich in seinen Stuhl zurück und schloß die Augen. Das
                    Margritli saß mit aufgestützten Armen und hatte ein sinnendes <pb n="113"/>Gesichtlein. Frau Hermine aber ward unruhig. Sie liebte derartig
                    geheimnisvolle Stimmungen, die sie nur unklar als etwas Außerihrliegendes
                    empfand, keineswegs. Es drängte sie mit einer raschen Frage, das
                    Gedankengespinst der beiden andern zu zerreißen. „Hat das Bethli eigentlich nie
                    eine Liebe gehabt, daß sie nicht geheiratet hat? Ich kann mir doch kaum denken,
                    daß sie keiner gewollt hätte.“</p>
                <p>Das Margritli betrachtete die Mutter mit unwilligem Erstaunen. Lukas Magtinger
                    aber erwiderte langsam und lachte dazu sein schalkhaftes Lachen: „Daß du erst
                    heute davon anfängst, Hermine! Auf deinen ersten Satz kann ich nur antworten:
                    das ist des Bethli Sache. Auf den zweiten kann ich sagen, daß allerdings mehr
                    als einer um sie geworben hat. Aber warum sie ihnen allen einen Korb gegeben,
                    ist hinwicderum des Bethli Sache und geht keinen dritten etwas an . . . Es wird
                    schon so recht sein, wie sie gehandelt hat.“</p>
                <p>„Natürlich“, meinte Frau Hermine mit leisem Spott. „Hätte nun das Bethli einen
                    Witwer mit zwölf Kindern geheiratet, so wäre dies das Rechte gewesen.“</p>
                <p>„Gewiß“, entgegnete Lukas Matzinger unerschüttert. „Hätte sie den Witwer
                    genommen, so hätte ich gewußt, daß sie eben so und nicht anders habe handeln
                    müssen.“</p>
                <pb n="114"/>
                <p>Er stand auf. Aber als das Margritli eilig nach ihrem Hut laufen wollte,
                    vertröstete er sie hen andermal. Er müsse allein sein bei diesem Gang.</p>
                <p>Während Lukas Matinger die Treppe hinunterstieg, mußte er die Worte seiner Frau
                    noch einmal bedenken. Er lächelte. Sie hatte ahnungslos sehr nahe an die
                    Wahrheit gestreift. Allerdings waren es acht und nicht zwölf Kinder gewesen . .
                    . Ach, noch heute ist er froh und dankbar, daß das Bethli nicht den Mut
                    gefunden, diese Aufgabe zu übernehmen. Was wäre aus ihr, dem zarten und weichen
                    Menschenkind, an der Seite des finster- und hartblickenden Schuhmachermeisters
                    geworden? Und für den Bruder wäre sie dann sicherlich verloren gewesen, denn
                    ihre hoch und Hell gelegene eigene Wohnung hätte sie ja verlasssen müssen, um in
                    die dunkle Schusterwohnung zu ziehen. Und hier hätte sich wohl kein stilles
                    Eckchen und keine ruhsame Plauderstunde für den Bruder gefunden . . . Nein,
                    nein, es ist gut so, wie alles gekommen. Die Zinsen des kleinen Vermögens und
                    das, was das Bethli mit ihren geschickten Fingern verdient, verschaffen ihr
                    nicht nur ein Stück trocken Brot, sondern auch etwas Butter dazu, die freilich
                    häufig genug nicht aufgestrichen wird, sondern <pb n="115"/>irgendeiner Armut
                    dienen muß . . . Ein freundliches kleines Heim hat das Bethli, drin gute alte
                    Möbel stehen. Und die Fenster sind voller Blumen, und das winzige Dachgärtlein
                    grüßt zum Strom nieder mit wehenden Ranken und glühenden Nelken und Geranien.
                    Und ob sie nun hier steht und sich an der weich und schön geschwungenen
                    Bergeslinie freut, die hinter den Häusern ferne und Sehnsucht weckend
                    emporwächst . . . ob sie drinnen im Wohnsstübchen, von köstlichen Stoffen
                    umgeben, sitzt und sstickt oder in der winzigen Küche mit Rüben und Kohlköpfen
                    hantiert, immer geht etwas unendlich Wohltuendes, geht Wärme und Klarheit von
                    ihr aus. Muß nicht der verschrobenste und unaufrichtigste Mensch in ihrer Nähe
                    aufrecht und wahren Sinnes werden?</p>
                <p>Lukas Matzinger war, während all diese Gedanken durch seine Seele zogen, über den
                    weiten Münsterplatz geschritten und in die Karthäuserstraße eingebogen. Aber als
                    er den Elftausendjungfernberg hinuntersteigen wollte, packte ihn plötzlich eine
                    Erinnerung, daß er wie in jähem Erschrecken stehen bleiben mußte. Er tat ein
                    paar Schritte nach der Mauerbrüstung, die den Wandernden vor einem Sturz in die
                    Tiefe schützt, und stand dort unbeweglich, die Augen in die blaue Ferne
                    gerichtete. Ein Vorübergehender mochte glauben, daß ihn der weite <pb n="116"/>Blick über Strom und Hügel feßle, aber Lukas Magtinger sah ganz andere
                    Dinge.</p>
                <p>Eigentlich war das Museum schuld am Aufwachen seiner Erinnerung. Er hatte ein
                    paar Leute hineingehen sehen, war ihnen in Gedanken gemächlich nachgefolgt und
                    mit einem Male vor ein Bild gelangt, das da oben in einem der Korridore hing:
                    ein feines, bartloses Iungmännergessicht unter breitkrempigem Hut. Und mit einem
                    Schlag war die Gegenwart versunken gewesen. Jung und froh sah er sich an der
                    Seite des eben erwachsenen Bethli unter dem Bilde stehen und Hörte sich sagen:
                    „Diese Aehnlichkeit ist ja unglaublich) Man könnte meinen, der junge Bischoff
                    habe dem Holbein Modell gestanden. Nun, er stammt ja allerdings aus einem
                    uralten Geschlecht. Vielleicht ist's tatsächlich sein Ahnherr, der da hängt und
                    in diesem Enkel auferstanden ist. Was meinst du, Bethli?“</p>
                <p>Lachend hatte er sich zur Schwester gewandt. Aber schon nach wenigen Augenblicken
                    war sein Auge betroffen und erschreckt zur Seite gewichen. Denn er, der gewohnt
                    war, in des Bethli Zügen zu lesen wie in einem lieben und vertrauten Buch, er
                    las aus ihrem emporgewandten Gesicht so deutlich, als hätten ihre warmen Lippen
                    das Wort geformt: Liebster du . . .</p>
                <p>Sachte schob er sie weiter, als könne er mit dem Bild an der Wand auch das Bild
                    aus ihrem <pb n="117"/>Herzen verschwinden machen. Und während sie nun von Saal
                    zu Saal gingen, ward sein Sinn schwerer und schwerer . . . Warum nur lag ihr
                    Haus so nahe bei dem alten Herrenhof? Warum nur war die Gartenmauer so niedrig,
                    daß des Bethli schlankes Hälslein sich nicht einmal zu recken brauchte, um
                    hinüberzusehen? Und warum mußte just in diesem Sommer, da das Bethli ein
                    Jungfräulein geworden und die lichten Zöpfe aufgesteckt hatte, der junge Alfred
                    Bischoff seine Tante besuchen kommen? Und warum mußte er seine Abendzigarre
                    immer in den Wegen rauchen, die am Gemüsegarten, den das Betihli betreute,
                    entlangliefen?</p>
                <p>Auf dem Nachhauseweg machte der junge Lukas seiner Schwester den Vorschlag, die
                    Tante im Schwarzwald für etliche Wochen zu besuchen. Das Bethli hörte ihn still
                    und mit gesenktem Kopf an. Aber als der Bruder ausgeredet hatte und auf eine
                    Antwort wartend, am Törlein des Vorgärtchens stehen blieb, schaute sie ihm mit
                    einem schönen und festen Blick ins Gesicht: „Wie du es erraten hast, Lukas, weiß
                    ich nicht. Vielleicht hätte ich es dir bald einmal gesagt, denn ich habe ja nie
                    ein Geheimnis vor dir gehobt. Und dies ist über mich gekommen wie ach, ich weiß
                    nicht wie. Und Lukas — du mußt nicht darob zürnen, daß wir uns lieben.“</p>
                <p>„Hat er dir von Liebe gesprochen? Wie durfte <pb n="118"/>er es wagen, mit dir
                    ein Spiel zu treiben?“ Flammendrot und schweratmend stieß der junge Lukas die
                    Worte hervor. Aber das Bethli legte eine beschwichtigende Hand auf seinen
                    Arm.</p>
                <p>„Du darfst nicht von Spiel reden . . . Ich wußte nicht, daß die Liebe also
                    schwere Worte Hat. Meinst du, wir wüßten nicht beide, daß wir nie ein Paar
                    werden können, daß zwischen unserer Liebe immer die Mauer steht? Ach, und sie
                    wird höher und höher wachsen, daß wir uns nicht einmal sehen und sprechen
                    können!“ Des Bethli Stimme schwankte. Aber nur einen Augenblick, dann sprach sie
                    weiter: „Und dieses sollst du wissen, Lukas: meine traurige Liebe ist doch das
                    Schönste, das ich je erlebt, und ich wollte sie um keine andere tauschen.“</p>
                <p>„Kind, Kind,“ sagte der junge Lukas, „du weißt nicht, was du redest. Wenn du
                    einmal ein frohes Liebesglück erfährst, wirst du anders denken.“</p>
                <p>„Ich werde nie anders denken“, sagte das Bethli . ..</p>
                <p>Lukas Maztinger schüttelte die alten Erinnerungen gewaltsam von sich ab. Er
                    setzte seinen Weg fort und überlegte dabei die Worte, die dem Bethli die bösse
                    Nachricht möglichst schonend beibringen sollten. Er wußte, daß sie seinen Beruf
                    liebe, und daß der Anteil, den sie selbst daran <pb n="119"/>hatte, ihr keine
                    Plage und kein Opfer, sondern eitel Freude bedeute.</p>
                <p>Er traf die Schwester in ihrem Wohnstübchen, wie sie eben eine kunstvoll
                    verschlungene Zeichnung auf eine Tischdecke übertrug. Sie nickte dem Bruder
                    geschäftig zu und sagte: „Ich kann dir keine Hand geben, Lukas, sonst verschiebt
                    sich das Papier. Aber in fünf Minuten bin ich fertig, und es freut mich, daß ich
                    dir die Sache gleich zeigen kann. Es ist wieder ein Motiv, das ich unserm lieben
                    Münster verdanke. Du siehst also: ich hole mir schon selbst meinen Dank für das
                    bißchen Staubwischen.“</p>
                <p>Lukas Maztyinger räusperte sich und setzte sich steif und unsicher auf einen
                    Stuhl, der Schwester gegenüber. „Bethli,“ begann er, „könntest du diese Muster
                    nicht auch während der Predigt aufzeichnen? Ich meine –</p>
                <p>„Lukas!“ Fast hätte das Bethli vor Entsetzen die Zeichnung noch an der letzten
                    Ecke verschoben. „Was denkst du nur? Das wäre ja ein Skandal, wenn ich während
                    der Predigt mit Bleistift und Papier hantieren würde. Und wo bliebe dabei das
                    Zuhören? Und überhaupt — es geht doch vor oder nach dem Nuten viel besser, wenn
                    mir das Münster ganz allein gehört. Nein, wie du nur auf die sonderbare Idee
                    kommst!“</p>
                <p>Lukas Magyinger hustete. Es klang etwas gekünstelt, so daß sich das Beth!i aus
                    ihrer <pb n="120"/>gebückten Stellung aufrichtete und ihn forschend betrachtete.
                    Und nun entdeckte sie auch die seltsam feierliche und steife Haltung des
                    Bruders.</p>
                <p>Eine leise Unruhe kroch über ihr Herz. Sie zog die letzten Linien der Arbeit mit
                    ein wenig zittrigen Fingern. Dann setzte sie sich und schaute den Bruder mit
                    einem fragenden Lächeln an.</p>
                <p>Lukas Mazinger aber schwieg und tat mit seinem Schweigen just das Gegenteil von
                    dem, was er hatte tun wollen: er quälte die Schwester. Sie sah gleichham aus dem
                    Schweigen einen dunkeln Schatten steigen, sah ihn sich ballen und langsam
                    näherrücken .. . „So sprich doch, Lukas!“ bat das Bethli ganz verängstet. „Ist
                    zu Hause etwa ein Unglück geschehen? Das Kind wird doch um Gotteswillen nicht
                    –</p>
                <p>„Nein, nein, nichts ist geschehen,“ wehrte Lukas Matinger, ,es ist nur ~ ich will
                    mich auf den ersten Oktober pensionieren lassen.“</p>
                <p>Im ersien Augenblick empfand das Bethli fast eine Erleichterung, aber dann
                    begriff sie mit einem Male, was die Pensionierung des Bruders auch für sie
                    bedeute . . . das Münster, ihr Münster . . . In ihrem Kopf begann ein Dröhnen,
                    als sielen die großen Tore des Münsters mit einem einzigen ungeheuerlichen
                    Schlag vor ihr ins Schloß.</p>
                <p>„Du kannst ja noch alle Sonntage hinein“, sagte Lukas Matzinger. Das Bethli hörte
                    seine <pb n="121"/>Stimme wie aus einer weiten Ferne, und doch war er neben sie
                    getreten und strich ihr mit einer scheuen Gebärde über den Kopf. Sie fühlte das
                    Zittern seiner Hand, hörte die Trauer in seiner Stimme = wie bitter mußte es für
                    ihn sein, ihr diesen Kummer zu bereiten. Das Bethli griff nach der Hand des
                    Bruders und legte einen Augenblick ihre weiche Wange dagegen. Dann gelang ihr
                    sogar ein Lächeln, und sie sagte fast dieselben Worte, die der Bruder kurz zuvor
                    seiner Frau geantwortet.</p>
                <p>„Du wirst wissen, warum du den Schritt tun mußt, Lukas. So wird es denn auch das
                    Rechte sein.“</p>
                <p>Dieses Wort im Herzen, ging Lukas Matzinger nach Hause. Und wieder mußie er
                    denken, was er schon oft gedacht: das tiefste und reinste Glück seines Lebens
                    ging nicht von Frau Hermine aus, obwohl sie sich beide in Liebe zugetan waren,
                    und ging nicht von dem Kinde aus, obwohl es ihm einen köstlichen Reichtum
                    bedeutete ... über all diesem stand das unersschütterliche Vertrauen, das der
                    Schwesster Herz mit dem seinen verband.</p>
                <p>Das Bethli hatte nach des Bruders Weggang wie immer fleißig gearbeitet, hernach
                    zu Nacht gegessen und ihre Pflanzen begossen. Dann setzte <pb n="122"/>sie sich
                    müde und mit feiernden Händen in den behaglichen Korbstuhl, das Prunkstück der
                    Gartenmöbel.</p>
                <p>Der Tag war schwül gewesen, aber nun stieg vom Strome Kühlung und Labung auf.</p>
                <p>Das Bethli hatte ein Gefühl, als fließe das gleitende Wasser leise und tröstlich,
                    leise und tröstlich mitten durch ihren Körper, durch den hämmernden Kopf, durch
                    das schwere Herz, durch die müden Füße . . . Wie schön war dies kühle, weiche
                    Strömen, das alle Unrast löste und Empörung in Klarheit und Stille wandelte.</p>
                <p>Nein, sie wollte nicht hadern. Hatte sie nicht viele Jahre all das Herrliche
                    genießen können, ohne an die Stunde gebunden zu sein und ohne durch Flüstern
                    oder Herumgehen fremder Menschen gestört zu werden? Nun mußte sie eben lernen,
                    sich wie all die andern mit den kargen Sonntagsstunden zufrieden zu geben, mußte
                    lernen, die gewaltige Sprache der toten und doch so beseelten Steine zu hören,
                    auch ohne ganz allein mit ihnen zu sein.</p>
                <p>Aber war es wirklich nur dies, was sie im Münster gesucht und gefunden: Sättigung
                    ihrer starken Schönheitsfreude? Ach nein, noch ein anderes, ein viel tieferes
                    Gefühl hatte sie ans Münster gebunden. Diese Arbeit, die ihr jede Woche Stunden
                    raubte, und für die sie hartnäckig jegliche Vergütuna abschlug, sie war ihr <pb n="123"/>Dankopfer, war ihres Herzens geheimster und innerster Gottesdienst
                    gewesen. Ihr hatte das Staubwischen keine öde, gedankenlose Beschäftigung, es
                    hatte ihr eine ernsthafte, fast eine heilige Handlung bedeutet.</p>
                <p>Und immer wieder hatten ihre Augen dabei eine neue Schönheit entdeckt: einen
                    feingeschnitzten Mönchskopf, eine großblättrige Wunderblume, eine possierliche
                    Tierfraze. Aber das liebste waren ihr doch die Scheiben, die im durchflutenden
                    Sonnenschein so wundersam erblühten. Einmal hatte sie gehört, wie ein junger
                    Student einem Genossen in gelehrten und hochtrabenden Worten die Verächilichkeit
                    und Wertlosigkeit dieser allzu bunten Fenster kundgetan. Da hatte das LVethli
                    erst erschrocken, aber allmählich voller Mitleid zugehört. Und dann schaute sie
                    glücklich und dankbar zu den geschmähten Scheiben auf und freute sich, daß sie
                    nicht nur den äußern Schein gewahre, sondern auch fühle, mit welcher Liebe und
                    Inbrunst hier Farbe an Farbe gefügt worden, und wie der Künstler gleichsam
                    seiner Dankbarkeit und Verehrung den heiligen Gestalten gegenüber in der
                    brennenden Pracht ihrer Gewänder und ihrer Umrahmung Ausdruck gegeben . . . Wie
                    wird sie diese Stunden im Münster vermissen! Wohl kann sie, wie der Lukas
                    gesagt, auch in Zukunft noch Auge und Herz sättigen. Aber das andere, der stille
                    Dienst, davon <pb n="124"/>sie nicht einmal dem Bruder gesprochen . . . Ach, es
                    ist wohl eine kindische und törichte Vorstellung, aber sie kommt nicht von ihr
                    los: ihr ist, Gott selbst entlassse sie aus dem Dienst in seinem Hause. Tut er
                    es, weil er ssie nicht treu erfunden, oder — wie ein Blitz durchzuckte sie der
                    Gedanke ~ iut er es, weil er ihr eine andere Arbeit zuweisen will?</p>
                <p>Mitten in diese Antwort heischenden Gedanken tönte ein häßliches, beinahe
                    tierisches Schreien. Das Bethli schrak zusammen, und ein abwehrender Zug trat
                    auf ihr Gesicht. Ach, diese neuen Mietsleute, die seit vier Wochen neben ihr
                    hausten, waren keine angenehmen Nachbarn. Zwar die Frau schien ordentlich zu
                    sein, und ihre Arbeit wurde offenbar geschätzt. Beinahe den ganzen Tag rasselte
                    die Nähmaschine, und es war ein stetes Kommen und Gehen von Menschen, die Arbeit
                    brachten oder das Fertige wieder holten. Denn die Frau war ans Haus gebunden
                    durch ihr unglückliches Kind, die Dorothe. Sie war an den Beinen gelähmt und
                    dazu schwachen Geistes. Auch körperlich war sie verkürzt, denn obschon sie
                    sechzehn Jahre zählte, hatte sie kaum die Größe einer Zehnjährigen. Doch war ihr
                    Anblick nicht abstoßend: ein zartfarbiges und wohlgeformtes Gesicht, reiches
                    dunkles Haar und große braune Augen, die allerdings meist matt und teilnahmslos
                    ins Leere starrten und am deutlichsten verrieten, <pb n="125"/>daß der Dorothe
                    Geisteslämpchen nur einen dürftigen Schein verbreite.</p>
                <p>Die Muitter gab sich wenig mit dem Kinde ab. Es mangelte ihr an Zeit, vor allem
                    auch an Güte, denn sie liebte das Mädchen nicht, das ihr eine stete Erinnerung
                    und gleichsam eine Verkörperung ihrer kurzen, tiefunglücklichen Ehe war.
                    Immerhin wartete sie seiner in gewissenhafter Pflichterfüllung.</p>
                <p>Wenn das Bethli einmal zu den Nachbarsleuten ins Zimmer trat, leuchtete das matte
                    Gesicht der Dorothe plötzlich auf. Sie begann eifrig zu erzählen: von der Puppe,
                    die sie meist im Arm hielt, von den Spatzen, die zu ihr ans Fenster flögen, von
                    den Kayen, die über die gegenüberliegenden Dächer stiegen.</p>
                <p>Das Bethli hörte sie an mit ihrem gütigen Lächeln, warf ab und zu ein Wort
                    dazwischen, brachte auch hin und wieder einen Fetzen bunten Seidenstoffs für die
                    NVuppe; aber wenn sie das Zimmer verließ, atmete sie jedesmal auf, als habe sie
                    eine Last niedergesett, und wenn ihr je unter die Arbeit hinein das Bild der
                    dürftigen Kleinen aufsteigen wollte, wischte sie es schleunigst weg.</p>
                <p>Seit einigen Tagen aber ging dieses Wegwischen nicht mehr so leicht. Wieder und
                    wieder schauten plötzlich aus einer Ecke oder auch aus den Arabesken einer
                    Arbeit die dunklen Augen <pb n="126"/>der Dorothe hervor. Und jedesmal überkam
                    dabei das Bethli ein leises Schuldgefühl.</p>
                <p>Sie wollte es beschwichtigen mit häufigeren Besuchen; sie schenkte dem Kinde bald
                    ein Zopfband, bald ein Nastüchlein und nähte ihm gar ein lustiges
                    Spielschürzchen. Sie brachte der Dorothe auch einmal einen Strauß Kapuziner.
                    Aber als sie damit ins Zimmer trat und ihr das farbensprühende Blumenwunder
                    entgegenstreckte, tat sie nicht wie sonst bei einer Gabe: sie stieß keine
                    mißtönenden kleinen Freudenschreie aus. Hastig und tief ging ihr Atem, und dann
                    stürzten ihr plötzlich die Tränen aus den Augen, und ein Schluchzen erschütterte
                    das ganze schmächtige Körperchen.</p>
                <p>Die Muiter kam herbei. So legte das Bethli die Blumen wortlos auf den Tisch und
                    ging hinaus. Aber wie sie drüben in ihr Wohnzimmer trat, durch das die ganze
                    Lust des Dachgärtchens hereinleuchtete, mußte sie sich abwenden in tiefster
                    Herzensscham.</p>
                <p>Seither waren zwei Tage vergangen, Tage voll stürmischer, widerstreitender
                    Gedanken. Und nun war auch noch der Lukas gekommen mit seiner Hiobsbotschaft . .
                    .</p>
                <p>Das Bethli erhob sich fröstelnd aus seinem Korbstuhl. Dunkel und bedrängend stand
                    die Nacht über den Giebeln. Nun war der Strom nicht mehr Labung und Kühlung. Er
                    war Geheimnis, <pb n="127"/>war Unruhe, war ein quälendes Fragen: wohin,
                    wohin?</p>
                <p>Das Herz voll einer schmerzenden Traurigkeit, legte sich das Bethli zu Bett. Und
                    dann tat sie, wie sie alle Abende ihres stillen Lebens getan: sie legte die
                    Hände zusammen und legte sie gleichsjam mit dieser willig-ergebenen Gebärde in
                    starke und gütig lenkende Hände.</p>
                <p>Und als sie schlief, ging ihre Seele auf seltsamen Traumwegen:</p>
                <p>Das Bethli öffnete das Hauptportal des Münsters und schritt langsam durch den
                    Mittelgang.</p>
                <p>Dämmerung füllte den Raum und wob eine fast unheimliche Stimmung. Noch nie zuvor
                    hatte sich das Bethli im Münster gefürchtet – jetzt aber klangen ihr die eigenen
                    Schritte hohl und fremd, und all die vertrauten Gegenstände hatten ein kaltes
                    und feindseliges Gepräge.</p>
                <p>Sie ging mit immer zögernderen Schritten. Am liebsten wäre sie umgekehrt, aber
                    irgendeine Macht zwang sie weiter. Da sah sie plötzlich hinten im Chor eine
                    Frauengestalt emporwachsen . . . Sie kam die Stufen herab . . . und nun schritt
                    sie durch den Mittelgang auf das Bethli zu. Diese aber blieb stehen in einem
                    Entsetzen, das zugleich tiefstes Enizücken war, denn die hohe und strahlende
                    Frau, die sich ihr näherte, war keine andere als die Kaiserin Kunigunde.</p>
                <pb n="128"/>
                <p>So wie sie in den Scheiben über der Sankt Georgspforte abgebildet, kam sie
                    einhergeschritten in schweren und schleppenden Gewändern. Der goldene Kronreif
                    warf einen blitzenden Schein; weich und voll wellten die dunkelblonden Haare
                    unter dem weißseidenen Kopftuch hervor. Aber dann sah das Beihli nur noch die
                    Augen, die von himmlischer Bläue und Klarheit leuchteten und wie zwei Sterne im
                    blassen Antlitz standen.</p>
                <p>Und während sich die hohe Gestalt näherte, bemerkte das Bethli, daß sie auf dem
                    Arm ein Kind trug. Der Zipfel ihres Mantels war um den schmalen Körper
                    geschlungen, des Kindes Kopf lag an ihrer Schulter.</p>
                <p>Seltsam! dachte das Bethli, das stimmt nun nicht mit dem Bild. Da trägt sie kein
                    Kind, sondern mit dem Kaiser zusammen das Münster als kleinwinziges
                    Kirchlein.</p>
                <p>Zwei Schritte vor dem Bethli blieb die Kaiserin stehen und schlug den
                    verhüllenden Mantel zurück. Da sah das Beihli, daß ssie das dürftige
                    Nachbarskind, die Dorothe, in den Armen hielt.</p>
                <p>„Nimm sie!“ sagte die Kaiserin und streckte dem Bethli das Kind entgegen. Und der
                    Wohllaut ihrer Stimme wogte durch den Raum bis in die fernsten Winkel, daß das
                    Bethli hingerissen lIauschen mußte, bis auch der leiseste Hauch verklungen. <pb n="129"/>„Nimm sie!“ wiederholte die Kaiserin, und nun war etwas in ihrer
                    Stimme, daß das Bethli das Lauschen auf den herrlichen Nachklang vergaß und in
                    ihr Antlitz schauen mußte. Es wollte ihr scheinen, der himmlischen Klarheit der
                    Augen sei eine leise Trauer beigemischt.</p>
                <p>„Nimm sie“, sagte die Kaiserin zum drittenmal und trat einen Schritt näher. Aber
                    das Bethli fuhr zurück und streckte keine zugreifenden, ssondern abwehrende
                    Hände aus: „Nein, nein, ich kann nicht!“ Und auch ihre Worte klangen bis in die
                    fernsten Winkel, aber nicht in flutendem Wohlklang, sondern gleich einem
                    erbärmlichen Gewingel.</p>
                <p>Das Bethli entwich in einen Seitengang und bedeckte das Gessicht mit den Händen.
                    Ihr war, die Augen der Kaiserin, die bei den abwehrenden Worten wie blaue
                    Flammen aufgelodert, hätten sie geblendet. Nur zaghaft ließ sie endlich die
                    Hände sinken.</p>
                <p>Nein, ihre Augen waren nicht blind geworden. Das Bethli sah deutlich die Säulen,
                    die dunkle Masse der Bänke, sie sah auch, daß die Dämmerunz noch tiefer gesunken
                    war und das ganze Schiff der Kirche erfüllte. Nur im Chor schien ein seltsames
                    Leuchten zu weben.</p>
                <p>Die Kaiserin mitsamt dem Kinde war verschwunden. Aufatmend blickte das Bethli um
                    sich.</p>
                <pb n="130"/>
                <p>Aber als ihre Augen sich zum Chor wandten, griff die Furcht aufs neue an ihr
                    Herz. Ueber die Stufen herunter kamen Gestalten geschritten, langsam und
                    feierlich, eine nach der andern. Das Bethli kannte sie wohl. Hatte sie nicht oft
                    und oft zu ihnen aufgeschaut? Zuerst näherte sich ein Paar. Seite an Seite . . .
                    Mose in leuchtendrotem Gewand, wit wehendem Bart; über der mächtigen Stirn
                    schien das dichte Haupthaar wie in Flammen zu lodern. Das war er, der einst ins
                    Dunkel geschritten, da Gott innen war, der einst 1n der Felskluft gestanden,
                    verschatteten Auges, bis daß Gottes Herrlichkeit an ihm vorübergegangen und er
                    ihr hintennach blicken durfte. Denn Gottes Angesicht zu sehen, hätte selbst
                    seine Feuerseele nicht ertragen.</p>
                <p>War dieses Mannes Leben nicht ein Leben für die andern, für sein halsstarrig Volk
                    gewesen?</p>
                <p>Sein königlicher Begleiter ließ die bräunlichen Finger über die Saiten der Harfe
                    gleiten, und nun erklang seine Stimme: „Herr, ich habe lieb die Stätte deines
                    Hauses und den Ort, wo deine Ehre wohnet. Aber stehet dein Heiligtum nicht auch
                    in eines Menschen Brust, und ist es nicht Gottesdienst, Hilfe zu bringen dem
                    Dürftigen?“</p>
                <pb n="131"/>
                <p>Das rote Feuerkleid und das Grün und Violett der königlichen Gewänder ging unter
                    in dem Dunkel, das wie eine dicke Wolke vor der Eingangspforte lagerte.</p>
                <p>Und wieder wandelte ein Paar den Mittelgang herab . . . . Der eine trug im
                    emporgerafften Mantel einen mächtigen Schlüssel, dem andern hing ein Schwert an
                    der Seite. Sie schienen in eifrigem Gespräch begriffen, denn man hörte ihre
                    murmelnden Stimmen schon aus der Ferne. Und nun erklangen auch deutliche Worte.
                    Mit flammenden Augen rief Petrus: „Ach, daß meine Rede gleich einem Schlüssel
                    die harten Herzen öffnen könnte!‘ Und Vaulus nickte mit schwerem Ernst: „Sie
                    suchen nur das Ihre; darum hat sich ihr Herz verfinstert, daß es den köstlichen
                    Weg der Liebe nicht mehr erkennen kann.“</p>
                <p>Auf den Stufen zum Chor standen die vier Evangelisten. Ihre Blicke waren in
                    sehnsüchtiger Erwartung zur Höhe gerichtet . . . Und plötzlich erklangen helle
                    Posaunentöne; ein Jubel brach los wie von tausend Engelsstimmen; in die
                    Dämmerung der Kirche aber flutete ein Glanz wie ein starkes Meer, und auf seinen
                    Wogen kam Einer geschritten . . .</p>
                <p>Das Bethli erwachte mit einem Schrei . .. .</p>
                <p>Ihr Herz hämmerte in harten Schlägen, daß es das Rauschen des Stromes übertönte.
                    Mit <pb n="132"/>brennenden, entsetzten Augen starrte sie in die Finsternis.</p>
                <p>Da strich ein zarter Nachtwind durchs Fenster und kühlte ihr heißes Gesicht und
                    beruhigte das wilde Pochen ihres Herzens. Das eintönige Lied der Wellen aber
                    nahm sie gefangen und ließ sie in einen tiefen und traumlosen Schlaf
                    gleiten.</p>
                <p>Lukas Magtinger stieg über die dunkle Treppe, die den ganzen Tag durch ein
                    Lämpchen erleuchtet werden mußte, zur Wohnung seiner Schwester empor. Es war
                    gerade eine Woche verflossen sseit seinem letzten Besuch. In der Zwischenzeit
                    waren die beiden nie allein gewesen, nur ihre Gedanken hatten oft und oft
                    zueinander gestrebt. Dabei hatte es Lukas Magtinger bedünken wollen, das Bethli
                    trage nicht einen schweren Kummer, sondern irgendein fröhlich Geheimnis mit sich
                    herum. So klopfte er denn mit erwartungsvollem Gesicht an der Türe ihres
                    Zimmers.</p>
                <p>Während er mit vorgeneigtem Kopf auf das Herein wartete, hörte er das Bethli
                    sprechen und eine hohe, ein wenig krächzende Kinderstimme antworten.</p>
                <p>Lukas Magyinger schüttelte verwundert den Kopf. Er klopfte stärker, und dieses
                    Mal ward ihm Antwort.</p>
                <pb n="133"/>
                <p>„Wie schön, daß du kommst, Lukas!“ sagte das Bethli und streckte ihm beide Hände
                    entgegen. „Sieh nur, wen ich mir da zur Hilfe geholt habe.“ Sie stockte und
                    schien über die eigenen Worte nachzudenken. „Ja, zur Hilfe“, wiederholte sie
                    dann mit seltsamer Betonung.</p>
                <p>Lukas Matinger beugte sich zu der Dorothe nieder, die in einem niedern Sessel saß
                    und ein wenig scheu und blöde zu ihm aufschaute. Aber als sie einem guten und
                    warmen Blick begegnete, glitt ein Leuchten über das blasse Gesicht. „Sieh,“
                    sagte sie eifrig und deutete nach der offenen Türe zum Gärtchen, „dort sind
                    viele schöne Blumen, und ein großes Wasser kann man sehen, und Vögel.“</p>
                <p>Das Bethli griff nach einem der schmalen Kinderhändchen und streichelte es
                    liebevoll und nachdenklich. Lukas Maginger, der sich neben die Schwester
                    gesetzt, schaute ihr still und mit leiser Rührung ins Gesicht. Die Ahnung, die
                    beim Anblick des Kindes in ihm aufgeblitzt, ward mehr und mehr zur starken
                    Gewißheit. „Du gutes Bethli!“ sagte er leise und zärtlich.</p>
                <p>Das Bethli schaute ihn ganz erschrocken an. „Ach, Lukas, sag nur das nicht. Wenn
                    du wüßtest, wie schwer es mir gefallen! Ich muß dir alles erzählen, später dann
                    . . . Aber nun sieh dir doch die Fingerchen einmal an! Sind sie nicht wunderbar
                    fein und zierlich, wie kleine Heiligenhände? <pb n="134"/>Weißt du, was ich
                    denke? Diese gelenken Fingerlein sollten doch wohl lernen können, eine Nadel zu
                    führen. Und wer weiß: vielleicht kommt auch der arme kleine Geist dadurch in
                    Bewegung und ein wenig ins Wachstum hinein.“</p>
                <p>Lukas Matinger legte schweigend seine Hand über die schmalen Fingerchen und
                    zugleich über die Hand, die seine Mutter eine gute genannt.</p>
            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>